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Tiefe Sehnsucht – stärker als alle Vernunft

Kathie Denosky

Tiefe Sehnsucht – stärker als alle Vernunft

1. KAPITEL

„Nein, nicht schwanger, bitte alles, nur das nicht!“, murmelte Melissa Jarrod vor sich hin und kniff die Augen fest zusammen. Es durfte einfach nicht sein, und wenn sie es sich stark genug wünschte, dann zeigte das Stäbchen in ihrer zitternden Hand vielleicht an, was sie wollte.

Nachdem sie schließlich ihren ganzen Mut zusammengenommen und die Augen geöffnet hatte, starrte sie wie hypnotisiert auf den Schwangerschaftstest. Das war doch unmöglich. Aber deutlicher konnte die Anzeige nicht sein. POSITIV! Sie war tatsächlich schwanger.

„Das gibt’s doch nicht.“ Ungläubig starrte sie ihr Spiegelbild an. „Wir haben immer aufgepasst.“ Doch während sie den Blick auf ihren flachen Bauch richtete, wurde ihr klar, dass es nicht nur möglich, sondern sogar ziemlich wahrscheinlich war. Seit zwei Monaten, nämlich praktisch von dem Augenblick an, als sie nach Aspen zurückgekehrt war, hatte sie eine heiße Liebesbeziehung mit Shane McDermott. Aber hatten sie nicht immer verhütet? Sie seufzte tief auf. Eigentlich schon, aber in der einen Nacht, kurz nachdem sie sich wiedergetroffen hatten, war alles so schnell gegangen, und die Leidenschaft hatte sie jede Vorsicht vergessen lassen.

Wie hoch war denn die Fehlerquote dieses Tests? Hoffnungsvoll griff sie nach der Schachtel und las die Gebrauchsanweisung noch einmal durch. Nein, sie hatte alles richtig gemacht. Und da der Test zu neunundneunzig Prozent zuverlässig sein sollte, war es sehr unwahrscheinlich, dass gerade in ihrem Fall ein Fehler aufgetreten war.

Langsam ging sie ins Schlafzimmer und ließ sich auf die Bettkante sinken. Was sollte sie bloß tun? Und wie, in aller Welt, sollte sie es Shane sagen? Von Anfang an hatte er sehr deutlich klargemacht, dass er an keiner ernsten Beziehung interessiert war. Und das war Melissa nur recht gewesen. Als sie nach dem Tod ihres Vaters nach langer Zeit wieder nach Aspen zurückgekommen war, weil sein Testament verlesen werden sollte, war sie sowieso nicht sicher gewesen, wie lange sie bleiben würde. Aber dann hatte sich herausgestellt, dass sie die große Ferienanlage Jarrod Ridge zusammen mit ihren Brüdern und der kurz zuvor aufgetauchten Halbschwester Erica weiterführen musste. Zumindest ein Jahr lang, andernfalls würden sie keinen Cent erben. Dennoch war Melissa ziemlich sicher, dass sie nach diesem Jahr wieder nach Kalifornien zurückkehren würde. Es wäre also unsinnig, irgendetwas Ernstes mit einem Mann anzufangen.

Aber jetzt, da sie schwanger war, sah alles ganz anders aus. Nicht nur der Spaß an unbeschwertem Sex verband sie und Shane. Sie würden ein Kind zusammen haben. Und das war nun wirklich eine ernste Angelegenheit. Zumindest Melissa empfand das so. Doch wie würde Shane reagieren, wenn er erfuhr, dass er in etwa sieben Monaten Vater wurde?

Melissa war so in Gedanken versunken, dass sie zusammenfuhr, als ihr Handy klingelte. Während sie es vom Nachttisch nahm, warf sie schnell einen Blick auf das Display. Es war Rita, die im Wellness-Center arbeitete. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, fragte Melissa leicht gereizt. Seit sie den Managerposten des Centers übernommen hatte, gab es fast jeden Tag eine Krisenmeldung von Rita, die als Assistentin eigentlich selbstständiger arbeiten sollte. Aber heute war Melissa fast froh, dass der Anruf sie aus ihren quälenden Gedanken riss.

„Entschuldigen Sie, Ms Jarrod, dass ich Sie störe, aber die Yogalehrerin hat heute Morgen angerufen und sich krankgemeldet. Leider habe ich bisher keinen Ersatz finden können, und nun sind die Gäste schon hier eingetroffen, und wir haben niemanden, der den Unterricht übernehmen kann. Was soll ich nur tun?“ Rita klang weinerlich. Offenbar war sie von der Situation vollkommen überfordert.

„Immer mit der Ruhe, Rita. Nun atmen Sie erst mal tief durch.“ Melissa zog eine der Kommodenschubladen auf und nahm einen Gymnastikanzug heraus. „Und dann führen Sie die Gäste an die Vitaminbar und geben einen Saft aus, auf Kosten des Hauses.“

„Und dann?“ Rita klang schon etwas gefasster.

Wie Rita es geschafft hatte, zu einem solch verantwortungsvollen Posten zu kommen, würde Melissa nie begreifen. Die Assistentin war zwar nett und freundlich, aber vollkommen unfähig, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen. „Ich übernehme den Unterricht“, Melissa blickte kurz auf die Uhr, „und bin in zehn Minuten da.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie hatte den Vormittag nutzen wollen, um sich eine Strategie zurechtzulegen, um Shane die große Neuigkeit beizubringen. Doch Melissa hatte keine Wahl. In dieser 5-Sterne-Anlage war der Gast König, und dementsprechend musste sie handeln. Die Wünsche der Gäste hatten absoluten Vorrang.

Schnell fasste sie das lange blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, stopfte ihre Sachen in die Sporttasche, griff nach den Autoschlüsseln, die auf dem Küchentisch lagen, und stürzte zur Tür hinaus. Seit ihrer Rückkehr nach Aspen wohnte sie in Willow Lodge, einem sehr gemütlichen Cottage auf dem väterlichen Besitz. Sie hätte auch eine Suite im Haupthaus beziehen können, aber das war für Melissa nie infrage gekommen. Zwar war sie in Jarrod Manor aufgewachsen, doch das Riesenhaus war für sie immer eher ein Gefängnis als ein Zuhause gewesen. Seit ihrem Wechsel aufs College war sie sehr selten hierher zurückgekehrt, und das war immerhin schon acht Jahre her. Auch nach dem Tod ihres Vaters fühlte sie sich im Haupthaus nicht besonders wohl.

Während sie den Wagen vor dem Eingang des Wellness-Centers parkte, musste sie an ihre eher traurige Kindheit denken, verdrängte die traurigen Erinnerungen dann jedoch und öffnete die Fahrertür. Den kurzen Weg von Willow Lodge hätte sie auch zu Fuß zurücklegen können. Allerdings wollte sie nach dem Unterricht gleich zu Shanes Ranch fahren, um ihn über die Neuigkeit zu informieren. Das hieß, wenn sie die Ranch fand. Bisher war Melissa nur einmal auf der Rainbow Bend Ranch gewesen, und das lag schon Jahre zurück. Wenn sie sich richtig erinnerte, befand sich die Ranch ein paar Meilen von der Hauptstraße entfernt in einem abgelegenen Tal.

Als sie ausstieg, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ein paar Meter weiter stand Shanes Wagen! Shane hatte Melissa den Rücken zugedreht und reichte seine Autoschlüssel gerade einem der jungen Männer, die die Autos für die Gäste parkten. Mann, sah er sexy aus! Groß und schlank, in seinen schwarzen Stiefeln und mit dem obligatorischen schwarzen Cowboyhut, entsprach er genau dem Typ Mann, für den Melissa schon immer geschwärmt hatte. Und wohl nicht nur sie – wenn sie die Mienen der weiblichen Gäste richtig interpretierte, die Shane McDermott unverblümt anstarrten.

Jetzt drehte er sich um, lächelte, als er Melissa erkannte, und kam auf sie zu. Ihr Herz schlug wie verrückt. „Guten Morgen, Ms Jarrod“, begrüßte er sie und nahm mit einer galanten Verneigung den Hut ab. Dabei fuhr ihm eine leichte Brise durchs Haar, das so zerzaust aussah wie nach einer stürmischen Liebesnacht …

Melissa holte tief Luft. „Guten Morgen, Mr McDermott“, brachte sie relativ gefasst heraus und reichte dem jungen Mann ihre Schlüssel.

„Ich dachte, Freitag ist Ihr freier Tag.“

„Das stimmt auch.“ Sie griff nach ihrer Tasche und ging schnell in Richtung Eingang. Doch er war sofort an ihrer Seite. „Die Yogalehrerin hat sich krankgemeldet“, fuhr sie hastig fort. „Da muss ich für sie einspringen.“

„Und was ist nach dem Unterricht, wenn all Ihre Gäste die quälenden Verrenkungen hinter sich haben? Haben Sie dann frei?“

„Ja.“ Was hatte er vor? Da sie Klatsch unter den Angestellten vermeiden wollten und einige der sehr konservativen Investoren des Resorts ihre Art der Beziehung sicher nicht gutheißen würden, hatten sie bisher sehr darauf geachtet, ihr Verhältnis geheim zu halten. Selbst ihre Familie hatte keine Ahnung. In der Öffentlichkeit zeigten sie sich sehr selten zusammen, sodass jeder vermuten konnte, sie wären nur Bekannte. Aus diesem Grund hatten sie auch noch nie eine ganze Nacht miteinander verbracht. Denn wenn jemand beobachtete, dass Shane morgens Willow Lodge verließ …

Was also dachte er sich dabei, jetzt neben ihr herzugehen und ihr Fragen zu stellen? Wenn er so weitermachte, würde schon am Abend die Gerüchteküche brodeln, und am nächsten Tag würde die ganze Stadt Bescheid wissen. Außerdem fiel es ihr schwer, sich zusammenzunehmen und ihm nicht gleich an den Kopf zu werfen, dass sie schwanger von ihm war! Aber mit eiserner Disziplin gelang es ihr – was sie sicher ihrem Vater zu verdanken hatte. Unverbindlich lächelte Melissa ihn an.

„Ich komme dann später zu dir“, sagte er und zwinkerte ihr zu. „Ich muss unbedingt mit dir sprechen, Lissa.“

„Könntest du vielleicht etwas leiser reden?“, zischte sie ihm zu und sah sich hastig um. Immer wenn er Lissa zu ihr sagte, durchfuhr es sie heiß, denn er war der Einzige, der diesen Kosenamen benutzte. „Ich muss auch etwas mit dir besprechen. Aber ich glaube nicht, dass jetzt …“ Sie schwieg, als sie sah, dass einer der beiden Hotelpagen sie länger als nötig ansah. Als er sich schließlich abwandte, fuhr sie fort: „Haben Sie nicht heute das Geschäftsessen mit den anderen Investoren, Mr McDermott?“

„Ja.“ Er lächelte sie fröhlich und unbeschwert an.

Nicht mehr lange. Warte, bis du gehört hast, was ich dir zu sagen habe. „Und was machen Sie dann hier?“ Sie klang unfreundlicher, als sie beabsichtigt hatte. Aber wenn sie jetzt nicht bald in ihre Yogaklasse kam, würde die arme Rita einen Nervenzusammenbruch erleiden. Sicher wurden die Gäste allmählich ungeduldig. Außerdem musste sie endlich von diesem Mann wegkommen, der ihr ohnehin schon angeknackstes seelisches Gleichgewicht arg beanspruchte. Wenn er nur nicht so sexy wäre!

„Ich wollte nur sehen, ob die Pferde, die ich euch verkauft habe, auch so sind, wie ihr sie wolltet.“ Fragend hob er eine Augenbraue. „Hast du was dagegen?“

„Nein, natürlich nicht. Entschuldige. Der Yogaunterricht hätte schon vor einer Viertelstunde anfangen sollen.“

„Dann will ich Sie nicht länger aufhalten, Ms Jarrod“, erwiderte er in normaler Lautstärke, weil sie inzwischen vor dem Eingang standen. Mit einer leichten Verbeugung drehte er sich um. „Es war nett, Sie getroffen zu haben. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“

Sie blickte ihm verstohlen hinterher und seufzte leise. Von hinten sah er beinahe genauso gut aus wie von vorn. Zu der eng sitzenden Jeans trug er ein dunkelbraunes Lederjackett, das seine breiten Schultern betonte. Leider wusste sie nur zu genau, wie er nackt aussah – er hatte die Figur einer antiken griechischen Statue –, und unwillkürlich musste sie daran denken, wie es sich anfühlte, wenn er sie in den Armen hielt, sie küsste und sie liebte. Sofort wurde ihr heiß, und sie senkte beschämt den Kopf, damit keiner ihr die Erregung ansah, stieß die Tür auf und versuchte, sich innerlich auf die Aufgabe vorzubereiten, die vor ihr lag.

Dass sie so scharf auf ihn war, war der Grund, warum sie sich jetzt in diesem Dilemma befand. Das durfte sie nie vergessen.

„Melissa, hörst du mich?“ Avery Lancaster, die Verlobte ihres Bruders Guy, sah sie fragend an.

„Äh … nein, entschuldige.“ Melissa trank einen Schluck Wasser. Sie musste sich wirklich zusammennehmen. Wenn es nur nicht so schwer wäre, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf das verfluchte Ergebnis des Schwangerschaftstests!

„Ich habe dich gefragt, ob du die Gurkensandwiches schon probiert hast, die Guy neu auf die Karte gesetzt hat.“ Avery zeigte auf die in Leder gebundene Speisekarte, die ihre zukünftige Schwägerin in der Hand hielt.

Schnell überflog Melissa die neue Rubrik „Gesunde Empfehlungen“, die Guy als Generalmanager der Restaurants und Bars neu in die Karte der Sky Lounge aufgenommen hatte. „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass er das Angebot erweitert hat.“

Avery warf ihr einen besorgten Blick zu. „Was ist nur los mit dir? Ist was passiert?“

„Nein, nichts Besonderes, nur das Übliche. Irgendwas macht beim Spa immer Schwierigkeiten.“ Sie legte die Speisekarte hin, sah die Freundin aber nicht an. Irgendwie hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie Avery nicht erzählte, was sie wirklich bedrückte. Aber zuerst musste sie mit Shane sprechen.

„Hast du immer noch Probleme mit deiner Assistentin, Schwesterchen?“ Guy war auf sie zugekommen, beugte sich vor und küsste seine Verlobte zärtlich auf die Wange, bevor er sich neben sie setzte.

„Hin und wieder, doch insgesamt hat sie sich schon sehr verbessert. Allerdings hat sie heute Morgen fast wieder die Nerven verloren … Inzwischen ist alles geregelt.“

„Mit anderen Worten, du hast dich darum gekümmert.“

„Na ja, irgendwie schon“, gab Melissa zu. „Aber um fair zu sein: Es gab wirklich niemanden, der den Yogaunterricht hätte übernehmen können.“

„Willst du immer noch das Wochenende freinehmen, wie du es vorhattest?“, fragte Avery.

„Blake meint, ich sollte es tun.“ Unentschlossen zuckte Melissa mit den Schultern. Guys Zwillingsbruder Blake, der neue Generaldirektor vom Jarrod Ridge Resort, hatte diesen Vorschlag gemacht, weil man endlich herausfinden müsse, ob Rita ihrer Aufgabe wirklich gewachsen war. „Sie kann mich ja jederzeit telefonisch erreichen, und so ist das vielleicht keine schlechte Idee.“

„Außerdem hast du bisher auch nur einen Tag Urlaub gemacht, seit du hier angefangen hast“, stellte Guy fest. „Besser wäre es allerdings, wenn du überhaupt nicht erreichbar wärst. Denn du weißt genau, dass Rita dich sonst wegen jeder Kleinigkeit anrufen wird.“

Melissa rieb sich die pochenden Schläfen. „Aber ich kann sie nicht einfach hängen lassen. Was soll sie tun, wenn so etwas wie heute Morgen passiert?“

Guy schüttelte nur den Kopf. „Wenn irgendetwas Dramatisches passiert, womit Rita nicht allein fertig wird, kann sie immer noch mich oder Blake anrufen. Ich bin fast das ganze Wochenende da. Und Blake auch, wie du weißt.“

„Aber sie hat Angst vor euch beiden!“ Melissa lachte leise. „Außerdem, was versteht ihr denn vom Managen eines Wellness-Centers oder vom Yogaunterricht?“

„Angst? Vor mir braucht doch keiner Angst zu haben!“, sagte Guy im Brustton der Überzeugung, musste jedoch selbst lachen. „Nur weil ich von meinen Leuten in jeder Beziehung Topqualität verlange, bin ich noch lange kein Tyrann.“ Liebevoll legte er Melissa die Hand auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen, ich schaff das schon mit dem Spa. Du solltest das Wochenende nutzen, dich zu entspannen und ein wenig zu amüsieren.“

In ihrer Kindheit und Jugend hatte Melissa kein besonders herzliches Verhältnis zu ihren vier Brüdern gehabt. Daran war sicher ihr Vater schuld gewesen, der seine Gefühle immer unterdrückt und auch die Kinder nicht ermutigt hatte, Vertrauen zueinander aufzubauen. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sich ihr Verhältnis jedoch erheblich verbessert, auch weil sie jetzt gemeinsam die Verantwortung für das Resort trugen. „Danke, Guy.“ Melissa lächelte ihren Bruder an. „Falls du mich brauchst …“

„Nein, keine Sorge.“ Er blickte auf die Uhr und stand dann auf. „So, die Pause ist vorbei. Muss wieder zurück in die Küche, um zu sehen, ob auch alles läuft.“ Er drückte Avery wieder einen Kuss auf die Wange. „Bis heute Abend dann, Liebste.“

Avery sah ihm lächelnd hinterher, als er zwischen den Tischen des gut besuchten Restaurants hindurch in Richtung Küche ging, und seufzte glücklich. „Ist er nicht der beste Mann, den man sich vorstellen kann? Und dazu sieht er noch so gut aus!“

„Du bist verliebt“, stellte Melissa nüchtern fest. Im Grunde war sie ein bisschen neidisch. Denn das, was Avery und Guy nach einem nicht ganz einfachen Start verband, war genau die zärtliche und gleichzeitig leidenschaftliche Beziehung, die Melissa sich immer gewünscht hatte. Leider war das für sie und Shane nicht drin. Sie hatten ein aufregendes sexuelles Verhältnis, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Doch auch das würde sich bestimmt merklich abkühlen, wenn er von der Schwangerschaft erfuhr.

Nach dem Lunch unterhielten sie sich noch über das Galadinner, das für die Geldgeber des Food and Wine Festivals gegeben werden sollte. Als sie sich nach einer Stunde trennten, kehrte Melissa sofort in ihr Cottage zurück. In wenigen Minuten würde Shane kommen. Zwar wusste sie immer noch nicht, wie sie ihm die Sache mit dem Baby beibringen sollte, aber eins war ihr klar: Sie mussten sich beide an den Gedanken gewöhnen, dass sie in etwa sieben Monaten Eltern sein würden.

Als Shane nach der Sitzung mit den Investoren in Richtung Hotellobby ging, hatte er nur einen Gedanken. Er musste Melissa unbedingt dazu überreden, das kommende lange Wochenende mit ihm auf seiner Ranch zu verbringen. Seit der Eröffnung der Food and Wine Gala hatten sie kaum Zeit füreinander gehabt. Und nun nach Ende des Festivals war er fest entschlossen, sich dafür entschädigen zu lassen. Zwar dachte er nicht an eine dauerhafte Beziehung, dennoch war er keineswegs bereit, das, was sie hatten, schon so bald aufzugeben. Die Zeit, die sie in den vergangenen zwei Monaten miteinander verbracht hatten, hatte er sehr genossen und wollte dies auch weiterhin tun.

„Shane, mein Junge! Wie schön, dich wiederzusehen!“, hörte er plötzlich jemanden hinter sich sagen.

Hastig drehte Shane sich um und lächelte dann einen der ältesten Freunde seines verstorbenen Vaters an. „Oh, hallo, Senator Kurk. Wie geht es Ihnen?“, fragte er und schüttelte dem alten Herrn die ausgestreckte Hand.

„Kann mich nicht beklagen.“ Groß, schlank und mit schneeweißem Haar, war der Senator immer noch eine beeindruckende Erscheinung. Solange Shane denken konnte, war Patrick Kurk Senatsmitglied gewesen. „Ich bin immer froh, wenn ich mal ein paar Tage aus Washington rauskomme. Es ist gut, zu Hause zu sein und Familie und Freunde wiederzusehen.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ich habe gehört, dass Sie bei ein paar wichtigen Entscheidungen mitzureden haben.“

„In Washington ist alles wichtig.“ Der Senator lachte. „Aber neben den üblichen Aufgaben hat man mir auch noch den Vorsitz eines Untersuchungsausschusses aufs Auge gedrückt.“ Er schien einen Moment nachzudenken. „Hast du nicht auch Architektur studiert?“

Shane nickte. „Ja, aber ich habe mich auf kommerzielle Bauten hier auf dem Land spezialisiert. Ställe, Scheunen und so weiter.“

„Hm … interessant. Doch während des Studiums hast du sicher auch andere Bereiche kennengelernt?“

„Ja, selbstverständlich.“ Als der Senator nichts weiter sagte, trat Shane einen Schritt zurück. „Ich bin sicher, Sie werden der Sache auf den Grund gehen, mit der sich Ihr Ausschuss beschäftigt, Senator“, sagte er abschließend und hoffte, dass Kurk ihm nun nicht in epischer Breite auseinandersetzte, worum es dabei ging. Zwar war ihm der Senator durchaus sympathisch, aber wie die meisten Politiker konnte auch Patrick Kurk kein Ende finden, wenn es um ein Thema ging, das ihn interessierte. Und Shane brannte darauf, zur Willow Lodge zu kommen. Schon die ganze letzte Woche hatte er sich auf dieses verlängerte Wochenende mit Melissa Jarrod gefreut, der aufregendsten Frau, die ihm je begegnet war.

Glücklicherweise kam in diesem Moment einer von Kurks Begleitern auf sie zu und erinnerte den Senator daran, dass in wenigen Minuten das Treffen des Rotary Klubs stattfinden würde und der Senator seine Rede gleich nach der Begrüßung halten sollte.

Erleichtert nickte Shane dem Mann aus Washington zu. „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Vielleicht können wir mal zusammen angeln gehen, wenn Sie das nächste Mal hier sind.“

„Sehr gern. Auf Wiedersehen, Shane.“

Sowie der Senator außer Sichtweite war, vergaß Shane alles, was mit Washington, dem Senat und Politik im Allgemeinen zu tun hatte, und dachte nur noch an Melissa. Hoffentlich gelang es ihm diesmal, sie zu überreden, die drei freien Tage mit ihm auf seiner Ranch zu verbringen. Das würde nicht ganz einfach werden, da sie extrem empfindlich war, was Klatsch anging. Aber er war fest entschlossen, sich diesmal nicht von seinem Vorhaben abbringen zu lassen. Hatte er bisher nicht immer getan, was sie wollte? Es wurde allmählich Zeit, dass er sich durchsetzte.

Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um, dann schlug er schnell den verborgenen Pfad ein, der ihn auf dem kürzesten Weg zu Melissas Haus führte. Doch statt den direkten Weg zu wählen, ging er auch jetzt zu den Ställen und erst von dort aus durch ein kleines Wäldchen in Richtung ihrer Lodge. Das war Melissas Idee gewesen, denn keiner, der ihn bei den Ställen sah, würde sich wundern. Schließlich hatte er dem Resort die Pferde verkauft. Es war nur normal, dass er hin und wieder nach ihnen sah. Shane selbst fand das alles viel zu umständlich, denn die Meinung der Leute war ihm vollkommen gleichgültig. Aber Melissa war sehr eigen, was ihr Privatleben betraf, und das musste er respektieren, auch wenn er es nicht ganz verstand.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, lief er die Verandatreppe hinauf. Doch bevor er an die Tür klopfen konnte, wurde sie bereits von innen geöffnet.

„Wieso kommst du erst jetzt?“ Melissa packte ihn bei der Hand und zog ihn hinein.

Schnell stieß Shane die Tür mit dem Fuß zu und zog Melissa dann sofort in die Arme. „Welcher Mann wird nicht gern mit einer solchen Frage empfangen“, erwiderte er lächelnd. „Hast du schon auf mich gewartet, mein Engel?“

Sie nickte, sah ihn allerdings an, als habe sie etwas auf dem Herzen. Doch dann schmiegte sie sich an ihn, und er neigte den Kopf, um sie zu küssen. Seit drei Tagen hatte er sie nicht mehr in den Armen gehalten und geküsst, da musste ihr Problem noch ein bisschen warten.

Bereitwillig kam sie ihm entgegen, legte ihm die Arme um die Taille und erwiderte seinen Kuss voller Verlangen. Wie immer hatte sie auch diesmal diese unglaubliche Wirkung auf ihn. Im Nu war er entflammt und presste sie fest an sich, während er sie leidenschaftlich küsste. Ihr süßer Duft, das weiche blonde Haar, ihr Körper … Seine Jeans schien beim Waschen eingelaufen zu sein, so sehr erregte Melissa ihn. „Danach habe ich mich schon gesehnt, seit ich dich heute Morgen beim Spa getroffen habe“, sagte er und schaute ihr in die leuchtend blauen Augen.

Auch sie begehrte ihn, das sah er ihr an. Ihre Wangen waren leicht gerötet, sie atmete schnell. Doch dann schüttelte sie den Kopf, als wolle sie sich sammeln, und sagte leise: „Shane, bevor wir weitermachen, müssen wir unbedingt miteinander reden.“

„Ja, das stimmt.“

„Ich muss dir etwas sagen.“

„Ich dir auch. Lass mich zuerst.“ Er nahm sie bei der Hand und führte Melissa zu dem großen Ledersessel, setzte sich und zog sie auf den Schoß, was sie nur widerstrebend zuließ.

„Aber es ist wirklich wichtig, Shane. Es ist etwas passiert, das …“

Zärtlich legte er ihr den Finger auf die Lippen. „Das muss warten.“

„Das kann es aber nicht.“

Um sie abzulenken, drückte er ihr schnell einen Kuss auf die Lippen. „An diesem Wochenende habe ich etwas ganz Besonderes mit dir vor.“

Der Kuss zeigte Wirkung. „Was denn?“

„Ich möchte, dass du die nächsten Tage mit mir auf meiner Ranch verbringst.“ Als sie ihn entsetzt ansah, fuhr er schnell fort: „Hör mir doch erst mal zu. Die meisten meiner Leute sind übers Wochenende sowieso nicht da. Und dem Rest ist vollkommen egal, wer bei mir ist. Mein Verwalter Kaktus, der mit im Haus wohnt, ist zu seiner Schwester nach Denver gefahren, und so haben wir das ganze Haus für uns. Wenn du es nicht verrätst, wird kein Mensch erfahren, dass du bei mir warst.“

Sie sah ihn eine Weile nachdenklich an, bevor sie langsam nickte. „Was ich mit dir besprechen will, braucht Zeit. Da ist es vielleicht ganz gut, wenn wir die nächsten Tage auf deiner Ranch sind. Die liegt wenigstens ziemlich einsam, und wir sind ungestört.“

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