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Tiefe Schatten

Die einzige Art, das Dasein zu ertragen, besteht darin, sich an der Literatur wie in einer einzigen Orgie zu berauschen.

Gustave Flaubert

Horch! wie die Fledermaus rauschend zieht,
Summ, summ, summm,
Der Meineid geht um.

Clemens Brentano: Lureley

So reißt die Spur
der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

Kapitel 1

liebes schwesterherz,

kaum in der fremde, muss ich schon jemand vertrautem erzaehlen, was mit mir passiert. es ist unglaublich hier: jamaika! die baumfroesche knarzen, und diese hitze, wahnsinn.

das durchstroemt dich bis ganz tief rein. richtig erregend ist das, lach nicht. du gluehst und zerfliesst am strand, und der eigene schweiss duftet. abends auf der veranda schaeumt bougainvillea, und die poolbar – da sitzt du im tuerkisfarbenen wasser mit hibiscus im haar … er hatte kokosschaum auf den lippen, als er mich kuesste …

Kriminalkommissarin Jeannette Dürer warf einen Blick aus ihrem Bürofenster. Draußen hingen schwere Regenwolken über der Stadt, derselbe triste graue Horizont wie seit Wochen schon. Sommer verdiente dieses Szenario nicht genannt zu werden, dieser pervers verlängerte April, der einen abwechselnd in feuchter Hitze dampfen oder unter kalten Schauern fröstelnd sich wegducken ließ. Blauer Himmel und ein Vormittag ohne Kunstlicht im Büro wären auch mal wieder nett gewesen. Türkisfarbenes Wasser – wie schön, wenn andere es besser hatten, dachte sie gereizt und skrollte weiter durch den Text.

Es sah ihrer Schwester Tanja gar nicht ähnlich, ihr längere E-Mails aus dem Urlaub zu schicken. Das übliche war eine knappe Postkarte von der dänischen Ferieninsel, auf die sie und ihr Mann Nils immer fuhren, welche erläuterte, daß es zwar zu kalt zum Baden sei, die Kinder aber in diesem gottgeschenkten Klima wunderbar durchatmen könnten. Fein, dachte Jeannette ohne großes Interesse, daß sie sich nach fünfzehn Jahren mal für was anderes entschieden hatten. Auch wenn das bedeutete, daß Tanja auf einmal klang wie Joseph Conrad, der für »Heart of Darkness« übt. Das Klima dort mußte in der Tat bemerkenswert sein.

Trübe schaute Jeannette hinaus in den verregneten deutschen Sommerhimmel und dann wieder auf ihren Schreibtisch, der ungewohnt leer aussah. Tatsächlich lag nichts darauf als ein dickes Aktenbündel zwischen zwei Pappdeckeln und ihre Hände mit den überkurz geschnittenen Nägeln, die unruhig über die nackte Arbeitsplatte fuhren. Persönliche Gegenstände gab es hier nicht, keinen Nippes, keine Bilderrahmen, keine Topfpflanze. Allenfalls ein kleines Papierstreifchen auf ihrem Computer mochte als Ausdruck persönlichen Gestaltungswillens durchgehen. Darauf stand in Druckbuchstaben »Reiß dich zusammen«. Dieser Zettel begleitete die junge Kommissarin seit ihrer Studienzeit.

Tanjas enthusiastische Ballade von Sonne und Cocktailkirschen erinnerte Jeannette ungut daran, daß ihr eigener Urlaub heute begann, jetzt, in wenigen Minuten. Sie mußte nur noch die letzten Akten komplettieren, ihren elektronischen Postkasten ausmisten, ihre Unterlagen übergeben, sich vom Büro losreißen und entscheiden, was sie als nächstes tun wollte.

Zum vielleicht siebten Mal öffnete und schloß Jeannette nacheinander alle Schubladen. Es zog sie diesmal nicht besonders in die Freiheit. Sie wäre dann schutzlos und verfügbar, könnte sich nicht mehr hinter Überstunden zum Wohle der Allgemeinheit verstecken. Und sie kannte bereits mindestens zwei Personen, die sich sofort wie die Hyänen auf sie stürzen würden. Nein, korrigierte sie sich schuldbewußt, nicht wie Hyänen, das war nicht fair. Und ihre Mutter meinte es nur gut. Aber wie Blutegel.

Jeannette stöhnte, wenn sie an die nächsten zwei Wochen und die anstehende Entscheidung dachte. Italien oder nicht. Mitgehen oder nicht. Ja sagen oder … Was für ein Lichtblick war es doch, daß Regine, ihre alte Freundin, WG-Genossin und Studienkollegin, noch heute mit dem Flieger aus Hamburg kommen und übers Wochenende bleiben würde. Das war auch der Anlaß dafür, daß sie immer wieder nervös einen Blick auf die große Uhr an der Wand über den Fahndungsfotos warf. Seit Jahren hatte sie sich nicht mehr so auf ein klärendes Gespräch mit Regine gefreut wie jetzt.

»Oho!« Ihr Kollege Micha Braune trat hinter sie und spähte ihr über die Schulter auf den dort noch immer flimmernden Text von Tanjas Mail. »Der Mann von deiner Schwester scheint ja ein ganz heißer Typ zu sein.«

Indigniert drehte Jeannette sich zu ihm um. »Er ist Orthopäde«, verkündete sie im Ton absoluter Endgültigkeit. »Und das hier ist die Ermittlungsakte Becker.« Sie schlug klatschend mit der Hand auf das dicke Konvolut und schob es Micha vor den Bauch. »Und da Zametzer offenbar nicht auftaucht, damit ich sie ihm vorschriftsmäßig übergeben und ihn einweisen kann …«

Ihr Handy unterbrach sie mit energischem Piepen. Ein kurzer Blick auf die Mailbox zeigte, daß ihre Mutter angerufen hatte; es war das vierte Mal heute. Jeannette drückte einen Knopf und löschte die Bitte um Rückruf.

»Wenn du also so freundlich wärst, Zametzer zu vertreten, dann könnte ich meinen Urlaub antreten und …« Hier brach sie vorsorglich ab. Lieber nicht an das »und« rühren. Eventuell könnte sie ja die Jalousien runterlassen und vorgeben, sie sei verreist. Vielleicht sollte sie sich auch eine Geheimnummer anschaffen. Wie schnell die von der Post das wohl erledigten?

Die Tür ging auf. »Frau Dürer?« Das war die Sekretärin aus dem Vorzimmer. »Ihre Mutter ist am Apparat.« Jeannette fuchtelte abwehrend. »Sagen Sie ihr, ich bin in einem Fall unterwegs.« Der Kopf der Sekretärin verschwand wieder.

»Sind deine Fenster mal wieder schmutzig?« erkundigte sich Micha neckend. Seit Jeannettes langjähriger Partner und Freund Martin Knauer ins Erlanger Kommissariat gewechselt war und Michael Braune nun häufiger mit ihr zusammenarbeitete, war er mit seiner spröden Vorgesetzen etwas wärmer geworden. Das eine oder andere private Thema hatte man beim Smalltalk bereits berührt; er kannte vor allem die fatale Neigung von Jeannettes Mutter, sich in das Privatleben ihrer Tochter und insbesondere in Jeannettes Haushalt einzumischen, der ihrer Ansicht nach den Namen nicht verdiente.

Jeannette war in diesem Punkt durchaus einer Meinung mit Frau Dürer senior und stolz auf ihren völligen Mangel an bürgerlichen Sekundärtugenden. Er gab ihr den nötigen Halt in einer chaotischen Welt.

»Du halt dich zurück«, replizierte sie knapp. »Und das hier ist privat.« Damit klopfte sie Micha, der zur Maus gegriffen hatte und erneut in der Nachricht ihrer Schwester herumschmökerte, schmerzhaft auf die Finger und drückte sicherheitshalber die Löschen-Taste des Computers.

»He, das ist aber nicht nett«, protestierte er und rieb sich demonstrativ die Hand.

»Ich bin auch nicht nett.«

»Das träumst du«, lachte er und wurde prompt rot. So sehr ihn das verbesserte Verhältnis zu der unzugänglichen, bei einigen Kollegen als arrogant geltenden Jeannette freute, es war eben nicht einfach, so eng mit einer Frau zusammenzuarbeiten, die aussah wie, wie … so daß einem die Worte fehlten eben. Er hatte tatsächlich noch nie eine Frau gesehen, die attraktiver gewesen wäre. Da mochte manch einer in der Kantine tönen, er stünde nicht auf Blondinen. Jeannettes Schönheit war einfach jenseits zweifelhafter Geschmacksfragen. Was man auch behaupten mochte, man konnte sich ihrer Wirkung nicht entziehen.

Das offizielle Buhlen hatte Micha wohlweislich aufgegeben, es war zu offensichtlich gewesen, wie herb zum Beispiel Zametzer damit auf die Schnauze geflogen war. Aber es kostete schon Mühe, sie bei einem einfachen Gespräch nicht selbstvergessen anzustarren. Micha war sich oft unsicher, ob ihm das immer hundertprozentig gelang.

Sofort errötete er noch einige Nuancen tiefer. Wie der Martin Knauer das damals wohl angefangen hatte, daß er was mit ihr gehabt hatte? Ob Martin von den neuesten Entwicklungen wußte?

Jeannette warf ihm einen stummen Blick zu.

»Okay, okay!« Er hob ergeben die Hände. »Du bist nicht nett.«

Sie ignorierte sein Einverständnis heischendes Lächeln, nickte grimmig und drehte ihm nach einer flüchtigen Musterung den Rücken zu. Plötzlich leicht gereizt, versuchte Micha, unauffällig durchzuatmen und seine heißen Wangen zu kühlen, hoffend, daß sie nichts von seiner Verlegenheit mitbekommen hatte. Er kam sich vor wie ein kleiner Junge, nein, sie behandelte ihn wie einen, daran lag das.

»Und weißt du auch, seit wann?« Wäre Micha nicht so sehr damit beschäftigt gewesen, sich zu ärgern, zuerst über die eigene Verlegenheit, danach über Jeannette, die in seinen Augen schuld an allem war, dann hätte er vielleicht den mahnenden Blick von Jochen Böhm aufgefangen, dem Leiter der Spurensicherung, der ein paar Schreibtische weiter über sein Fingerabdruckprogramm gebeugt saß und bei den letzten Worten den Kopf gehoben hatte.

»Was exakt soll das heißen?« Jeannette hatte sich ihm wieder zugewendet. Ihr angespannt dienstlicher Ton verhieß dieselbe Warnung wie Jochen Böhms zunehmend besorgte Miene. Aber Micha übersah sie. Das konnte sie nicht mit ihm machen, erst herumschäkern und jetzt die Vorgesetzte markieren. Das war doch wieder typisch ungerecht. Er hatte doch nur … Und überhaupt! »Wir wissen doch alle, seit wann du diese extrem beschissene Laune hast«, verkündete er überlaut und verschränkte die Arme.

»Ich nehm’ das.« Böhm war aufgesprungen und streckte flehentlich die Hände in Richtung der Becker-Akte aus. »Gibt’s dazu noch irgendwelche Anweisungen?« erkundigte er sich hoffnungsvoll, aber die Streithähne ignorierten ihn.

»Ah, ja. Und möchtest du mir mitteilen, seit wann?« Jeannette war so heftig aufgestanden und auf ihn zugetreten, daß Micha seinerseits in seinen Sessel gestolpert war und sich abrupt hinsetzte.

»Ja, das will ich allerdings«, giftete er von unten herauf.

»Ja? Ja?«

»Ja, verdammt. Du gibst hier die Xantippse …«

»Xanthippe!« brüllte Jeannette, die in keinem Gemütszustand einen derartigen Bildungsfauxpas ertrug.

Micha dankte es ihr nicht. Um einige Töne höher fuhr er fort: »… seit du diesen Itaker kennengelernt …« Weiter kam er nicht.

»Heh verdammt!« Anklagend hob er die linke Hand, die nach einer raschen Bewegung Jeannettes an die Lehne seines Drehstuhls gefesselt war. Die Handschellen klirrten leise. Es war ein schwerer, dick gepolsterter Lederdrehstuhl, auf dem er nun hilflos herumruderte. »Jochen, Mensch, hast du das gesehen?«

Jochen Böhm seufzte, die Akte im Arm. Jeannette war bereits auf dem Weg zur Tür.

»Du bist verdammt noch mal kein bißchen nett, falls du Wert drauf legst«, brüllte Micha ihr aus Leibeskräften hinterher. »So eine Kollegenschweinerei.«

Jeannette zog die Schultern hoch und griff zur Türklinke. Ich bin im Urlaub, ermahnte sie sich. Ich bin fast schon zu Hause. Dort schließe ich die Rolläden, gehe nicht ans Telefon, und abends kommt Regine, und die Männer können mich! Innerlich vibrierte sie immer noch vor Wut.

»Frau Dürer.« Erneuter Auftritt der Sekretärin. Jeannette, die die Tür fast auf die Nase bekommen hätte, machte Anstalten, an ihr vorbeizustürmen. »Sagen Sie meiner Mutter, ich bin in einem Fall unterwegs, verdammt noch mal.«

»Sagen sie ihr das selber.« Vor Jeannette stand ihr Chef, Dienstellenleiter Paumgartner. Nur eine Wutblinde hatte seine Zweimeterzehn hinter der Sekretärin übersehen können.

Er drückte der schreckensstarren Jeannette einen Einsatzzettel in die Hand. »Da Zametzer nicht auftaucht, werden Sie da hinfahren.«

»Ich bin in Urlaub«, protestierte Jeannette schwach. »Seit fünf Minuten schon.« Vor der Größe ihres Chefs fiel ihr Adrenalinpegel rasch.

»Noch nicht. Und nehmen Sie Braune mit.« Sein Blick suchte den Angesprochenen und fiel dann auf das seltsame Arrangement aus Männern und Büromöbeln. Er blinzelte einen Moment, seine Hand tastete flüchtig zu der Lesebrille in seiner Brusttasche, wie immer, wenn er irritiert war.

»Wie gesagt.« Von seiner Pranke behutsam zugezogen, fiel die Tür unendlich leise klickend ins Schloß, und Paumgartner war verschwunden. Anmerkungen zur inneren Disziplin waren nicht sein Stil.

Jeannette atmete einmal ganz langsam durch. Und noch einmal. Dann nickte sie und klatschte den zusammengefalteten Einsatzbefehl gegen ihren lederhosenbewehrten Oberschenkel. »Du hast’s gehört, Micha«, kommandierte sie, ohne sich umzusehen. Hinter ihr knallte die Tür um einiges vernehmlicher zu.

Jochen Böhm seufzte erneut. »Komm«, meinte er zu seinem jungen Kollegen und packte aufmunternd die rechte Lehne. »Ich helf ’ dir mit dem Stuhl.«

Als sie eine halbe Stunde später – als freie Männer – mit Jeannettes Wagen am Tatort vorfuhren, polterte im Kofferraum ein tropfnasser schwarzer Lederdrehstuhl bei jeder Kurve unheilverkündend hin und her, den die beiden Männer durch zwei Stockwerke, eine Drehtür und über einen regenüberfegten Parkhof hatten wuchten müssen, ehe sie Jeannette und ihren Schlüsselbund eingeholt hatten. Die Luft im Inneren des Wagens war womöglich noch gewittriger als die draußen.

Eine Windböe, die den nächsten Regenguß ankündigte, fuhr ihnen in die Haare, als sie auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus ausstiegen. Gewitterwind fauchte weiter über den Wöhrder See mit seiner Skyline aus alten Bäumen und neuen Wolkenkratzerfassaden und drückte die Fontäne in der Wassermitte schräg, die gegen einen beinahe blauschwarzen Himmel anschwoll. Die Pappeln am nahen Ufer rauschten protestierend. Ein paar verirrte Schwäne schrien.

»Zurückbleiben! Zurückbleiben bitte!« Lakonisch bugsierte der Streifenpolizist die Schaulustigen samt der provisorischen Absperrungsschnur wieder hinaus auf die Parkplatzzufahrt. »Leud’, hier gibd’s doch nix zum sehn.«

Aber das wußte die Menge besser, die dichtgedrängt vor dem häßlichen Zwillingstunnel stand, der in die Tiefgarage unter dem Hochhaus führte. Umwölkt vom Dunst des nahe gelegenen Pizzastandes, redete und gestikulierte man aufgeregt durcheinander. Friseusen in rosa Kitteln waren ebenso aus der kleinen Ladenkette im Erdgeschoß herausgetreten wie Besucher des weiter hinten gelegenen Fitneßstudios in knallbunten Lycradress’. Alle standen dicht gedrängt, ließen sich den Müll der überquellenden Parkplatzpapierkörbe um die Füße wehen, ignorierten die verdreckten Betonpoller mit den Schatten des Erbrochenen vom letzten Wochenende und auch den vierspurig vorbeidonnernden Verkehrslärm. Hier sollte es nichts zu sehen geben?

Dabei war der herabsausende Blumentopf eben genau dort auf dem zerbeulten Autodach zerschellt, wo vor kurzem auch der junge Mann aufgeschlagen war. Tonscherben, Erde und Splitter regneten prasselnd über den ohnehin schon zerstörten Lack und in die blonden Locken des Toten und verklebten auf der zu einem Spinnennetz zersprungenen Frontscheibe mit Blut zu einem Brei, der in die feinen Risse sickerte.

Die Augen des Toten standen offen, sein Gesicht, auf der Seite liegend und dem Betrachter frontal zugekehrt, wirkte im ersten Moment fast unversehrt und unangemessen ausdruckslos, war aber auf den zweiten Blick merkwürdig flach und verschoben. Dennoch dauerte es eine Weile, bis der irritierte Betrachter begriff: Es fehlte die untere Schädelhälfte, die beim Aufprall auf das Fahrzeug zerdrückt worden war.

Das Scherbenprasseln kam zur Ruhe. Nachträglich kreischend, zog man die Hälse für einen kurzen Moment ein. Und die zur Ruhe gekommenen Begonien auf dem Dach des Opel Astra nickten leise, als hätten sie es immer schon gewußt, mit den grellroten Köpfen. Es donnerte irgendwo über der Innenstadt.

»Wow!«, rief jemand.

»Voll kraß.«

»… glaubst du, wie da vorhin erst die Knochen …«

»Von hier sieht er ja ganz heil aus, aber drunter … Die volle Matsche, sag ich dir!« Die gemurmelte Konversation setzte wieder ein.

Angeekelt drehte Jeannette der Meute den Rücken zu und begann ihrerseits, den Leichnam zu mustern, zunächst unwillkürlich zurückhaltend. Das erste, was ihr ins Auge fiel, war der linke Fuß des Toten, von dem sich beim Sturz der Schuh gelöst hatte. Regen ließ den billigen Tennissocken eng anliegen, und von der großen Zehe tropfte es in Abständen. Jeannette war, als hätte sie noch nie etwas Traurigeres gesehen. Ihr war schon viel versöhnlicher zumute; dieser Junge hatte ihre ganze Konzentration verdient.

Sie klatschte in die Hände. »Okay, dann wollen wir mal. Ohne vorgreifen zu wollen«, meinte sie dann zu Jochen Böhm, »ich tippe auf Selbstmord.« Sie wies auf die Füße. »Er hat vorher seine Schuhe angezogen.«

Böhm zuckte die Schultern. »Abwarten. Vielleicht stand er ja auf dem Balkon und rauchte eine, als er geschubst wurde. Wenn er geschubst wurde.« Er kramte in seinem Koffer und holte die Handschuhe heraus. »Darauf wetten würde ich allerdings nicht. Trotzdem.« Er angelte nach den Plastik-Klebestreifchen, mit deren Hilfe er Mikrospuren von den Fingern des Toten nehmen wollte. Falls er sich an jemandem festgehalten oder gegen jemanden gewehrt hatte, würden sich dort Hautpartikel oder Fasern finden.

Mit gezücktem Block wandte Jeannette sich derweil an einen der Männer von der Streife. »Haben Sie die Leute hier schon befragt? Sind Zeugen dabei?«

»Jawoll, es handelt sich bei dem Toten angeblich um den hier wohnhaften …«

Jeannette nickte, notierte sich Namen und Appartement-Nummer und wandte sich dann zu Micha Braune. »Du hast’s gehört, Stock dreiundzwanzig, Nummer neun. Dein Tatort, wenn du magst.« Es war ein Friedensangebot.

Zähneknirschend, die Fäuste in seine Jacke versenkt, machte Micha sich auf den Weg nach oben. So leicht war er nicht zu versöhnen. Sein Tatort. Unauffällig schlossen sich seine Finger in der Tasche um das kleine Büchlein »Tatort-Tipps«, das er sich jüngst auf ihre Anregung hin gekauft hatte. Aber den Teufel würde er tun, ihr das zu erzählen. Seine Schritte dröhnten auf den Betonstufen.

Jochen Böhm, die latexverpackten Hände erhoben wie ein Chirurg, trat näher an sie heran. »Er ist noch jung.«

Sie schaute nicht von ihren Notizen auf. »Das bin ich auch.«

»Nicht so.«

Ihr Kopf fuhr hoch. »So wie er? Also ich bin höchstens …«

»So jung, wie du dich benimmst, meine ich.«

»…«

Jochen Böhm klappte seinen Koffer auf und wühlte klirrend zwischen seinen Pinzetten herum, bis er das Stempelkissen gefunden hatte. Ohne weiter auf die Wirkung seiner Worte zu achten, trat er erneut an den Toten heran, nahm seine herabhängende Hand und meinte zu sich selbst: »Das sollte mal einen schönen Satz Abdrücke geben.«

Grauweißer Beton, stellte Jeannette fest, die begonnen hatte, angelegentlich die Fassade vor ihr zu mustern. Mit nachträglich eingebauten Panoramascheiben von variierender Scheußlichkeit grüßte Balkon um Balkon. War das die Art Haus, von der man heruntersprang, um zu sterben? Jeannette verzählte sich bei fünfzehn Stockwerken, fing anderswo an der langen Reihe wieder an und gab dann auf. Hier und da flatterte eine Markise im schreienden Orange der siebziger Jahre, unregelmäßig verteilt ragten Satellitenschüsseln. Fast alle Balkone waren besetzt mit runden kleinen Köpfen, die nach unten starrten, nur auf den untersten Etagen konnte sie Gesichter erkennen. Sie ließen sich nicht davon aus der Ruhe bringen, daß sie ihren dienstlichen Blick in aller Strenge dorthinauf wandern ließ. So war sie es, die die Augen zuerst abwandte.

»Jetzt stellt er glei so Schildla mit Nummern auf, wersd sehn«, wisperte ein Kenner in der Menge, die sich in beklommener Gier nicht von dem blutigen Anblick losreißen konnte. Dann sah Jeannette den Mann, der sich mit vorsichtigen Schritten wieder in den freien Raum zwischen dem abgesperrten Parkplatz vor dem Hochhaus und der Zuschauermenge hineintastete, den Blick hypnotisiert auf die Leiche gerichtet, langsam, unwillkürlich schleichend, als gäbe es irgendeine Deckung, die er nutzen könnte.

Mit ein paar raschen Schritten vertrat sie ihm den Weg und tippte ihn aufs Revers. »Na, auf der Pirsch?« fragte sie katzenfreundlich. Der Neugierige wich ein Stück zurück und lugte an ihr vorbei. »Schaffen Sie sofort den Mann vom Platz«, herrschte sie den nächsten Streifenbeamten an. Krawatten tragen und nach Rasierwasser duften, ein ganz normaler Geschäftsmann in der Mittagspause sein wollen, aber unbedingt Leichen angaffen. Hatten diese Leute denn gar kein Schamgefühl?

»Die hält sich wohl für Catwoman«, protestierte jemand.

»Na ja«, gab ein Unparteiischer zu bedenken. »Aussehen tut sie so.«

»Zicke!« beharrte dagegen ein anderer, leise genug, um nicht wegen Beamtenbeleidigung belangt zu werden. Das Murren blieb amorph, und Jeannette reckte das Kinn.

»Ja, Leud’«, hörte Jeannette den Beamten erneut zu seiner Predigt ansetzen, als sie sich abwandte.

»Möchte mal wissen«, knurrte sie, wieder zurück bei Böhm, »was die eigentlich täten, wenn wir sie machen ließen. Wenn wir sie einfach rankommen ließen. Was wollen die denn, gottverdammt? Ihre Hände in die Blutlache tauchen? Sich Souvenirs rausschneiden? Sekuritätsverdummtes Pack. Scheißwetter«, kommentierte sie gleich darauf die ersten schüchternen Wasserspritzer, die auf ihre schwarze Lederjacke fielen. Über das keilförmige Glasdach des HDI-Hochhauses und den See zogen graue Tropfenvorhänge heran, während die Sandsteinfassaden von Erlenstegen noch in einem giftigen Sonnenschein herüberleuchteten. »Besser, wir nehmen die Zeugenaussagen auf, bevor sich hier alles verläuft.«

Doch sie hatte noch nicht zum Stift gegriffen, als auch schon der schwarze BMW ihres Kollegen Zametzer auf den Vorplatz einbog. Die dezente Wolke aus Knoblauch und Ouzo, die seinem Jackett entstieg verriet ihr, wo er seit dem Mittag gesteckt haben mußte.

»Ihr Fall, Herr Kollege«, begrüßte sie ihn in der hallenden Einfahrt. »Ich habe schon seit zweieinhalb Stunden Urlaub. Nett, daß Sie Ihre Mittagspause endlich unterbrechen konnten.«

Böhm, der sich aus dem inzwischen heftigeren Regen zu ihnen in die Einfahrt zurückzog, wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht und vermied jeden weiteren Kommentar. Zametzer holte statt einer Antwort ein Erfrischungstüchlein aus der Tasche seines Mantels und rieb sich langsam und sorgfältig die Hände ab. »Schattiger Sommer«, meinte er nur.

»Verdammt schattig«, bestätigte Böhm.

Jeannette ignorierte den Austausch von Höflichkeiten. »Micha ist oben im«, sie blätterte nach, »dreiundzwanzigsten Stock, Appartement neun. Viel Spaß dann«.

Zametzer faltete sorgfältig sein gebrauchtes Erfrischungstüchlein zusammen und steckte es zurück in die aufgerissene Hülle. Feuchtigkeit kroch in die Tiefgarageneinfahrt. Was zum Teufel tat sie eigentlich noch hier? Jeannette sah auf ihre Uhr. Regines Flieger würde in zwei Stunden landen.

»Vielleicht kümmern Sie sich jetzt endlich selbst um Ihren Fall.«

»Fall«, Zametzer bearbeitete mit der Zunge irgend etwas zwischen seinen Zähnen, »na, ja. Die Sache sieht eigentlich doch ziemlich klar aus. Sogar seine Schuhe hat er angezogen.«

Jeannette verkniff sich eine Bemerkung. Ihre eigene Vermutung gefiel ihr aus Zametzers Mund schon ein ganzes Stück weniger.

»Was sagt denn der Braune?« erkundigte Zametzer sich weiter. »Hat er einen Abschiedsbrief gefunden?«

Statt einer Antwort hielt Böhm ihm das Handy hin. Zametzer kontaktierte den jungen Kollegen. »Aha«, meinte er knapp. »Aha. Das war’s dann wohl. Kommen Sie runter, Braune. Nein, kommen Sie runter. Und schön versiegeln.« Er drückte den Aus-Knopf mit endgültiger Geste. »Na bitte, kein Brief weit und breit. Aber es war abgesperrt. Und der Schlüsselbund lag innen neben dem Telefon. Da braucht’s keinen großen Ablebensbericht an den Staatsanwalt, das erledige ich so.« Und er begann, die Nummer der Staatsanwaltschaft zu tippen.

»Aber …«, wollte Jeannette heftig einwenden.

»Sie können auch zusammenpacken, Böhm. Wundert mich, daß man Sie überhaupt mitgeschleppt hat.« Er streifte Jeannette bei dieser Bemerkung mit keinem Blick »Udo, bist du’s?« wandte er sich dann seinem Anruf zu. »Hier ist Rolf. Wir haben da einen Springer.« Jovial setzte er seinem Tennisfreund auseinander, daß es im Fall Wöhrder See nichts für die Staatsanwaltschaft zu tun gab. »Obduktion? Kostet doch bloß. Nein, nein, von innen abgesperrt.«

Jeannette kochte vor Wut, aber sie hatte es selbst gesagt, es war sein Fall. Und vermutlich hatte er auch noch recht. Nur die Art, die Art und Weise.

»Siehst du genauso? Fein, Udo. Es bleibt bei Samstag früh auf dem Court?«

Als er das Gespräch beendet hatte, strich Zametzer sich zufrieden den Schnurrbart glatt und schaute hinter seiner Kollegin her, die ohne weiteren Gruß den Schauplatz verlassen hatte. Ihr Rücken zeugte von dem heftigen Kampf, den sie mit dem Reißverschluß ihrer Lederjacke führte. Sie stolperte an der Parkbuchtbegrenzung, fing sich dann aber wieder.

»Schönen Urlaub auch«, brüllte er ihr nach. »Entspannen Sie sich mal ’n bißchen.«

Dann warf er sein Handy hoch und fing es nach einem Doppeltouloup wieder auf. »Weiber.«

Sollte sie doch an die Universität zurückgehen, wenn ihr der Polizeialltag zu hart war. Er grinste bei der Vorstellung, ihr das ins Gesicht zu sagen und dann mitzuerleben, wie sie explodierte. Eine wie die gehörte doch einfach mal wieder kräftig …

Schuldbewußt unterbrach er seinen Gedankengang an dieser Stelle. Sein Kätzchen würde das gar nicht gerne hören. Und er hatte Kätzchen doch versprochen, sich künftig mit solchen Sprüchen zurückzuhalten. Gleich morgen abend konnte er ihr erzählen, wie brav er auf sie hörte, und sich dafür belohnen lassen. Innerlich schnurrend, hing Kriminalkommissar Zametzer seinen Gedanken nach.

Der Regen rauschte inzwischen herunter und rann in kleinen gelben Schmutzbächen über den Beton der Tiefgarageneinfahrt. Zametzer hob seine italienischen Lederschuhe aus der Pfütze.

»Im wievielten Stock, sagte sie, liegt die Wohnung des Toten?« erkundigte er sich schließlich bei dem zurückkehrenden Jochen Böhm.

»Im dreiundzwanzigsten. Ich nehme sicherheitshalber noch die Fingerabdrücke von der Tür und dem Balkon.«

Zametzer grunzte. »Quatsch. Keine Anzeichen für weitere beteiligte Personen, Sie haben’s doch gehört. Die Tür war abgesperrt, der Schlüssel lag innen neben dem Telefon.«

Das Aufjaulen eines gequälten Motors unterbrach die beiden Männer. Sie schauten auf und sahen Jeannette Dürers leicht verbeulten Fiat vorschießen und den nachtblauen Mercedes A-Klasse gegenüber rammen. Als sie mit wütenden Bewegungen ausstieg, steigerte sich die Regenflut zum Platzregen. Böhm und Zametzer zogen sich mit einigen bedächtigen Schritten vor dem Spritzwasser weiter in die Tiefgarageneinfahrt zurück und beobachteten durch den Regenvorhang, wie Jeannette, die sich in ihrem Sicherheitsgurt verfangen hatte, sich mühsam aus ihrem Auto quälte, zu dem beschädigten Wagen hinüberstakte, ihre Visitenkarte unter dessen Scheibenwischer klemmte und kurz darauf erneut lospreschte. Bremsen quietschten, als sie sich tollkühn in den Berufsverkehr auf der Ostendstraße drängelte.

»Was hat die denn?« fragte Zametzer seinen Kollegen, der mit Jeannette auf besserem Fuß zu stehen pflegte. Er versuchte, das »die« möglichst vielsagend und abfällig klingen zu lassen.

Böhm zuckte geplagt mit den Schultern.

»Einen Neuen«, seufzte er.

Kapitel 2

»Liegt noch irgend etwas an?« erkundigte sich Sabine Peters und steckte ihren Kopf ins Büro von Professor Bouvier, nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem berühmten Verleger, wie er gerne betonte, um zu unterstreichen, daß er derartige Verwandtschaften nicht nötig hatte angesichts eines Forscherruhms, der den anderen Namen weit in den Schatten stellte. Wer kannte schon einen Bonner Fachverlag?

Dieser Bouvier hier war der Nachkomme einer alten hugenottischen Familie, Erlanger Gründeradel, wie er ebenfalls gerne erwähnte, die im 18. Jahrhundert sogar einen der letzten französischsprachigen Bürgermeister der kleinen Residenzstadt gestellt hatte, ehe die sich endgültig von einer landesfürstlichen Gründung für Glaubensflüchtlinge des Nachbarstaates in eine fränkische Kleinstadt verwandelte.

Sabine pflegte mit anderen in der Mensa darüber zu witzeln, daß sie vermutlich auf einem Ochsenkarren hier angekommen waren, an dem das Schild »Mayflower« angenagelt war. Eine Kollegin hatte sogar eine recht hübsche Karikatur dazu angefertigt, die eine Weile am Schwarzen Brett neben dem Labor gehangen hatte, aber nicht lange. Lautstark hatte man im selben intimen Kreis beim Mittagessen das konservativ eingestellte nichtakademische Personal dafür verantwortlich gemacht. Aber Sabine glaubte nicht daran, daß der indische Putzmann für das Verschwinden des Kunstwerks verantwortlich war. Vermutlich hatte eines der Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe das brisante Bildchen selbst wieder abgenommen; sie waren alle einfach zu abhängig von der Hand, die sie fütterte, und diese studentenhafte Form der Opposition behagte ihnen im Grunde nur im Dunstkreis der Cafeterien.

Professor Bouvier selbst hatte sich seinen Namen an den Universitäten der amerikanischen Ostküste gemacht, als unbestrittener Fachmann für südamerikanische Fledermäuse. Sabine Peters hatte sich in den letzten Wochen des öfteren gefragt, warum er den Ruf nach Deutschland angenommen hatte. Sicher, man konnte es als eine Rückkehr zu den Wurzeln betrachten, schließlich war er hier promoviert worden. Und das amerikanische Universitätsleben war hart, nach allem, was man nur hörte, wenn man eine deutsche Provinzhochschulpflanze war wie sie, und eine Lebenszeit-Professur – internationaler Ruhm hin oder her – war nun mal eine Lebenszeit-Professur.

Die Assistentin seufzte. Warum allerdings sie selbst diese Stelle angenommen hatte, das verstand sie immer weniger. »Liegt noch etwas an?« Es war bereits nach einundzwanzig Uhr, als sie ihre Routine-Frage stellte, eigentlich nur um der Höflichkeit willen. Dennoch wagte sie es nicht, auch nur einen Hauch Ironie in ihre Stimme zu legen. Ihr Chef hätte dafür keinerlei Verständnis aufgebracht.

»Mit dieser Einstellung hätte ich in den Staaten kein Semester überlebt«, war einer seiner Standardsätze. O Gott, warum war sie nicht in München geblieben und hatte die nette kleine Studie im zoologischen Garten über Damhirsche angenommen! Und Robert meldete sich auch immer seltener, seit sie fort war.

»Von mir aus können Sie nach Hause gehen.« Professor Bouvier winkte sie mit großer Geste aus dem warmen Kreis seines Lampenlichts. Wie großzügig, dachte Sabine. Danke, du Chauvi-Arsch. Aber was fragte sie ihn auch. Ärgerlich über sich selbst und das höfliche Lächeln, das ihr unverrückt im Gesicht klebte, tastete sie sich rückwärts zur Tür.

Professor Bouvier sah von seinem Schreibtisch mit der grünbeschirmten Messinglampe auf. »Da fällt mir ein: Wenn Sie diese Thesenpapiere Frau Fuchs auf den Schreibtisch legen könnten. Je zwei Kopien morgen früh um neun in Hörsaal 0.19.« Er notierte sich etwas, ohne aufzusehen.

»Um neun?« Sabine Peters runzelte die Stirn. »Frau Fuchs ist selten vor viertel nach da.« Was, schalt sie sich dabei innerlich, ging sie das eigentlich an?

»So?« Professor Bouvier blickte nur kurz von seinen Berechnungen hoch. »Wenn Sie dann vielleicht so freundlich wären? Es handelt sich immerhin um die Vorlagen für die Hauptvorlesung.« Dann beugte er sich wieder über seine Notizen. »Und wenn Sie mir auf dem Rückweg ein paar Aspirin mitbringen könnten. Ich werde wohl noch länger zu tun haben.« Eine Hand, sacht an die Stirn gelegt, deutete den großen Druck an, unter dem ein hart arbeitendes Genie nun einmal stand.

Sabine Peters betrachtete Bouviers konzentriert gesenkten Scheitel, nahm dann schließlich den Stapel Papier und ging, ohne etwas zu erwidern. Kaum daß sie sich ein verärgertes Rascheln erlaubte. Selbst als sie wieder draußen auf dem menschenleeren Gang stand, schnaubte sie nur innerlich. Kopierdienste! Aspirin! Als wäre sie eine studentische Hilfskraft. Fehlte nur noch, daß er sie Kaffee holen schickte!

Der Kopierer in der Teeküche war bereits stumm und dunkel, und als sie ihn wieder anwarf, leuchtete zunächst nur das grüne Aufwärmschild auf. Das konnte gut und gerne eine Viertelstunde dauern, Mist. Dazu dann das Kopieren und Sortieren, bei dem kaputten Sorter veranschlagte sie dafür locker eine Stunde. Mindestens. Die Korrekturbögen ihres Aufsatzes für Scientific American, die zu Hause auf sie warteten, konnte sie für heute vergessen. Ganz zu schweigen von dem Gang durch das einsame mitternächtliche Parkhaus, der ihr nun bevorstand.

Mit Unbehagen marschierte sie durch den vertrauten Korridor, der nachts ungewohnt grell im Lampenlicht lag. Hallten ihre Schritte vormittags auch so auf dem genoppten Linoleumboden? Summte die Elektronik über ihrem Kopf tagsüber ebenso aufdringlich? Glotzten die ausgestopften Vögel in ihren Vitrinen beim Treppenhaus auf dieselbe dämliche Weise?

Der Tierraum stand offen, und sie sah die Küchenschaben in ihren Terrarien, wie sie es sich unterm Rotlicht wohlergehen ließen und über ihre nahrhaft mit feuchtem Hausmüll angereicherten Eierkartons fühlerten. Auch im Elektrozimmer war noch Licht; wie immer sah es aus wie ein frisch geplündertes Vorratslager für Kabel und Schrauben, aber von Max, dem Techniker, keine Spur. Aus dem Glasbullauge in der Tür des Genetikraumes drang blaues Licht. Dort drinnen brummten die Kühlschränke mit ihren Gewebeproben vor sich hin, und der Sequenzierer blinkte rot im Dämmerlicht. Sabine Peters sah ein paar Eppendorfbehälter und Schreibunterlagen herumliegen, aber sie konnte durch das kleine Fenster niemanden entdecken.

Unerwartet laut knirschte ihr Schlüssel im Schloß des Sekretariats.

Zwischen bunten Katzenaquarellen und angepinnten Bürosprüchen, einer Oase des Kitsches inmitten der sachlichen Glas-Metall-Plastikflächen-Atmosphäre des Biologikums, ragte Frau Fuchs’ unentbehrliches Krimskramsregal aus der glatten Büromöbel-Landschaft mit den gewissenhaft leergeräumten Tischflächen. Teebeutel, Kaffeefilter, Tassen, Taschentücher, Nähgarn, Pralinen, Taschenmesser, Magentabletten, Nagelscheren, Schokolade, Tarotkarten, Aspirin. Ihr zaghaftes Wühlen in diesem halbintimen Bereich stieß einen Stapel Prospekte herunter, der für die Adoption von Tierheimhunden warb. Überraschend heftig klatschte er auf den Boden. Im selben Moment klackte die Tür hinter ihr ins Schloß. Erschrocken fuhr sie herum, doch es blieb still. Mit zitternden Händen vergriff sie sich am Pralinenvorrat, ehe sie sich daranmachte, die Prospekte wieder einzusammeln. »Du spinnst!« ermahnte sie sich laut.

Frau Fuchs war aktives Mitglied des Tierschutzvereins und damit ein steter Dorn im Auge des Institutes. Schließlich trippelten in den Räumen der Labors die unzähligen Füße der hauseigenen Versuchsmäuse in ihren Käfigen herum. Manchmal glaubte Sabine sie zu hören, wenn sie nachts durch die hallenden Betongänge der Tiefgarage hastete, um zu ihrem Auto zu kommen. Und sie stellte sich dann unwillkürlich vor, daß irgendwo über ihr eine Nager-Kolonie entflohener mutierter, morddurstiger Überlebender in den Rohrsystemen nistete, um auf den Tag der Rache am Menschengeschlecht zu warten, um auf sie zu warten.

Kaffee jedenfalls, den Frau Fuchs in die Labors liefern sollte, kam aus unerfindlichen Gründen oft zu spät, gar nicht, kalt oder in untrinkbarer Konsistenz an, aber Frau Fuchs war in der Gewerkschaft und unkündbar, wie man in Assistentenkreisen bissig munkelte. Na ja, das war vielleicht nur der Neid. Unkündbar sein – und einen Professor Bouvier auf seinen Kopien sitzenlassen dürfen –, das war für sie und ihre Kollegen mit ihren Ein-Jahres-Stellen, Stipendien und ungewissen Zukunftsaussichten ein Traum, da halfen kein überlegener ...

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