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Tief in meinem Herzen

1. KAPITEL

Immer höher wand sich die schmale Straße den Berg hinauf. Der nasse Asphalt glänzte im Licht der Scheinwerfer vor ihnen. Je höher sie kamen, desto stärker schien der Regen zu werden. Vor einer guten Viertelstunde waren sie in Oliena losgefahren. Nach einer weiteren Kehre verschwanden die Lichter der Stadt endgültig aus Beths Blickfeld.

„Wie weit ist es noch?“, erkundigte sie sich ungeduldig beim Taxifahrer.

„Sie werden das Castello del Falco … oder das Schloss des Falken, wie Sie sagen würden, gleich sehen“, erklärte er mit starkem italienischem Akzent.

Beth runzelte die Stirn.

„Wohnt Mr Piras etwa tatsächlich in einem Schloss?“

Sie hatte angenommen, der Eigentümer der sardischen Piras-Cossu-Bank hätte sein Zuhause aus einer Laune heraus nach einem Schloss benannt.

Der Taxifahrer antwortete nicht. Nach einer weiteren Biegung bot sich Beth ein atemberaubender Ausblick auf die grünen Hügel des Gennargentu-Gebirges. Direkt vor ihnen erhob sich eine mächtige Festung. Beth sah nur ihre Umrisse, die sich vor dem dunklen Abendhimmel abhoben. Kurz darauf passierten sie das eiserne Eingangstor und fuhren langsam in den düsteren Innenhof des Schlosses ein. Die Außenwände des Gebäudes wurden indirekt beleuchtet, wodurch es noch gewaltiger wirkte. In der Mitte des Hofes befand sich ein prächtiger Springbrunnen mit grotesk anmutenden Wasserspeiern, die ihr Unheil verkündend entgegenzublicken schienen.

Während Beth sich verunsichert umsah, beschlich sie eine dunkle Vorahnung. Am liebsten hätte sie den Taxifahrer gebeten, sofort wieder umzukehren. Vielleicht steigerte sie sich bloß in etwas hinein, doch ihre Intuition sagte ihr, wenn sie jetzt ausstiege, würde ihr Leben sich für immer ändern.

Ein Blick auf das Baby in ihrem Arm erinnerte sie daran, dass es hier jedoch nicht um sie ging. Sie war wegen Sophie nach Sardinien gekommen. Und sie würde jetzt auf keinen Fall einen Rückzieher machen. Seufzend warf sie einen letzten Blick zurück zur Straße, zur vertrauten, sicheren Welt, bevor sie entschlossen die Tür des Taxis öffnete.

Die Party war in vollem Gange. Von der Galerie aus hatte Cesario Piras alles im Blick. Alle schienen sich gut zu amüsieren. Der Champagner floss in Strömen, und es wurde ausgelassen getanzt. Im Bankettsaal nebenan drängten sich die Gäste um das reichhaltige Buffet.

Erleichtert stellte er fest, dass der Abend ein voller Erfolg zu sein schien. Seine Angestellten arbeiteten sehr hart. Sie hatten es verdient, als Anerkennung für ihre Dienste im Namen der Piras-Cossu-Bank mit diesem extravaganten Empfang verwöhnt zu werden. Was seine Gäste jedoch nicht wussten, war, dass ihr Chef die Stunden zählte, bis er endlich wieder allein sein durfte. Er bereute es, seine Sekretärin nicht darum gebeten zu haben, die Party auf einen anderen Tag zu verlegen. Donata arbeitete erst seit einigen Monaten für ihn. Sie wusste nicht, dass der dritte März für Cesario ein Datum war, das sich für immer in seine Seele gebrannt hatte.

Unbewusst strich er mit dem Finger über die tiefe Narbe, die sich von seinem linken Auge über die Wange bis hin zum Mundwinkel zog. Heute waren es genau vier Jahre, seit sein Sohn gestorben war. Der unermessliche Schmerz, den er während der ersten Monate nach der schrecklichen Tragödie empfunden hatte, war nach und nach einer stumpfen Akzeptanz gewichen. An jedem Jahrestag jedoch holte ihn die Erinnerung an den schweren Schicksalsschlag wieder ein. Er hatte gehofft, dass die Party ihn dieses Jahr ein wenig ablenken würde. Doch den ganzen Abend geisterten Gedanken an Nicolo durch seinen Kopf. Es fühlte sich an, als sei es erst gestern passiert. Als bräche sein Herz erneut entzwei.

Als sich hinter ihm jemand leise räusperte, fuhr er erschrocken herum. Es war sein Butler. Cesarios Gesichtszüge entspannten sich.

„Was gibt’s, Teodoro?“

„Eine junge Frau ist soeben eingetroffen und hat nach Ihnen gefragt, Signor.“

Überrascht warf Cesario einen Blick auf seine Uhr.

„Warum kommt sie so spät?“

„Sie wollte nicht zur Party, möchte aber unbedingt mit Ihnen sprechen.“

Teodoro konnte seinen Widerwillen kaum verbergen, als er an die ärmlich wirkende junge Frau dachte. Nur zögernd hatte er sie hereingebeten. Der strömende Regen draußen hatte ihr Haar vollkommen durchnässt. Sicher tropfte das Wasser von ihrem schäbigen Wollmantel jetzt auf den seidenen Teppich im Salon, wo er sie aufgefordert hatte, zu warten.

Cesario fluchte leise. Ihm fiel nur eine einzige Person ein, die einfach ohne Anmeldung im Castello del Falco auftauchen würde – die Journalistin, die schon seit Wochen versuchte, ein Interview mit ihm über den Unfall zu führen, bei dem seine Frau und sein Sohn ums Leben gekommen waren. Es war kein Wunder, dass die Presse fasziniert war von dem zurückgezogen lebenden Milliardär und Besitzer der größten Bank von Italien. Cesario jedoch blieb hart. Er gab keinerlei Auskunft über sein Privatleben.

„Die Signorina hat sich als Beth Granger vorgestellt“, unterbrach Teodoro ihn in seinen Gedanken. Das war nicht der Name der Journalistin. Dennoch hatte er den Namen Beth Granger schon einmal gehört. Er erinnerte sich, dass eine Dame aus England letzte Woche in seinem Büro angerufen hatte. Angeblich musste sie etwas Wichtiges mit ihm besprechen.

Versuchte die Journalistin nun also unter falschem Namen mit ihm Kontakt aufzunehmen? Oder war Beth Granger eine weitere Pressefrau, die hoffte, dass er seine Vergangenheit vor ihr ausbreitete? Cesario verspürte keinerlei Lust, es herauszufinden.

„Sagen Sie Ms Granger, dass ich grundsätzlich keine unangemeldeten Besucher in meinem Schloss empfange. Bitten Sie sie, in der Piras-Cossu-Zentrale anzurufen und ihr Anliegen mit meiner Sekretärin zu besprechen“, wies er den Butler an. „Und dann begleiten Sie sie bitte hinaus.“

Der Butler zögerte einen Moment.

„Ms Grangers Taxi ist bereits zurück in die Stadt gefahren“, erklärte er. „Und draußen stürmt und regnet es.“

Cesario zuckte die Schultern. Er hatte kein Mitleid mit der Frau. Dafür kannte er die Tricks der Journalisten zu gut.

„Dann rufen Sie ein anderes Taxi. Ich möchte, dass sie auf der Stelle das Schloss verlässt.“

Teodoro nickte steif, bevor er die Wendeltreppe hinunterstieg.

Cesario ließ seinen Blick wieder über seine Gäste unten im Ballsaal schweifen. Er wünschte, der Abend wäre bereits vorbei. Doch er musste noch eine Rede halten und einem seiner leitenden Angestellten den Preis als Mitarbeiter des Jahres überreichen.

Die Arbeit hat oberste Priorität, erinnerte er sich. Das hatte ihn sein Vater schon früh gelehrt. Gefühle galt es zu unterdrücken. Diese Haltung lag seiner Familie seit Generationen im Blut. Die alte steinerne Festung war im dreizehnten Jahrhundert von Cesarios Vorfahren gebaut worden. Für ihn war sie mehr als nur ein Wohnsitz – sie war sein Zufluchtsort.

Doch nun rief ihn die Pflicht. Er verdrängte alle Gedanken an seinen Sohn und eilte die Treppe hinunter, um sich wieder um seine Gäste zu kümmern.

Beth war froh, endlich im Trockenen zu sein. Vom heftigen Platzregen, der sie überrascht hatte, kaum dass sie aus dem Taxi gestiegen war, war ihr Wollmantel bis auf das Futter durchnässt. Sie hätte ihn gern ausgezogen, doch damit würde sie womöglich Sophie wecken, die sie unter dem Mantel im Arm hielt.

Sicherlich würde Cesario Piras jeden Moment auftauchen. Ein Gefühl der Beklommenheit überkam sie bei dem Gedanken an die Begegnung mit ihm. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und betrachtete die wertvollen Brokatvorhänge vor den Fenstern, die verschnörkelten Kronleuchter und die exklusiven Wandteppiche neben dem Kamin. Abgesehen davon wirkte der Raum mit seinen kahlen Steinmauern jedoch ebenso kalt und feindselig wie das Schloss von außen.

Erneut verfluchte Beth ihre lebhafte Fantasie und versuchte, die negativen Gedanken zu verdrängen und betete darum, dass Cesario Piras ein klein wenig freundlicher sein würde, als sein Zuhause vermuten ließ.

Fast lautlos öffnete sich die Tür hinter ihr, und Beth fuhr herum. Ihr Herz raste. Doch es war nur der Butler, der zurückgekehrt war.

Überrascht fiel Teodoros Blick auf das Baby, das die Besucherin im Arm hielt. Er hatte das Kind nicht bemerkt, als er die Frau hineingebeten hatte. Offensichtlich hatte sie es unter dem Mantel getragen, als sie über den Schlosshof geeilt war, um es vor dem strömenden Regen zu schützen.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass der Schlossherr sehr beschäftigt ist, Signorina. Signor Piras bittet Sie darum, sein Büro in Rom anzurufen und mit seiner Sekretärin zu sprechen.“

„Ich habe bereits in seinem Büro angerufen. Und zwar mehrfach.“

Beth konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Nachdem Cesario Piras sich geweigert hatte, mit ihr am Telefon zu sprechen, war ihr im Grunde nichts anderes übrig geblieben, als ihn persönlich in Sardinien aufzusuchen. Offensichtlich hatte sie ihre Zeit verschwendet. Von dem Geld, das sie für den Flug von England hatte aufbringen müssen, ganz zu schweigen.

„Ich muss ihn in einer privaten Angelegenheit sprechen“, erklärte sie. „Bitte … könnten Sie Mr Piras ausrichten, dass ich wirklich dringend mit ihm reden muss?“

Der Butler sah sie unbewegt an.

„Es tut mir sehr leid, aber der Schlossherr lässt ausrichten, er habe keine Zeit für Sie.“

Als er den verzweifelten Ausdruck in ihrem Gesicht sah, tat ihm die junge Frau für einen Moment fast leid. Beth Granger war furchtbar blass und wirkte unglaublich angespannt. Doch er konnte ihr nicht helfen. Er würde Cesario nicht ein zweites Mal stören. Der Schlossherr des Castello del Falco verteidigte seine Privatsphäre äußerst verbissen. Und Teodoro hatte nicht vor, Cesarios Anweisungen zu missachten.

„Ich werde Ihnen jetzt ein Taxi rufen, das Sie zurück in die Stadt bringt“, erklärte er. „Bitte warten Sie hier im Salon, bis es da ist.“

„Moment …“

Hilflos sah Beth dem Butler hinterher. Sie hatte es nicht geschafft. Sie hatte Sophie für nichts und wieder nichts den ganzen langen Weg bis nach Sardinien mitgenommen. Das Baby müsste nun jede Minute aufwachen, um gefüttert zu werden. Doch die Fahrt zurück zu ihrem Hotel in Oliena würde mindestens eine halbe Stunde dauern.

Dann muss ich Sophie das Fläschchen Milch eben im Taxi geben, dachte Beth unwillig. Es sei denn, der Butler erlaubte ihr, sie hier im Salon zu füttern.

Entschlossen eilte Beth hinter ihm her, doch er war offensichtlich bereits hinter einer der unzähligen Türen, die von der Eingangshalle abzweigten, verschwunden. Während Beth noch überlegte, wie sie den Butler finden sollte, stieß ein Dienstmädchen mit einem Tablett voll Gläsern in den Händen am anderen Ende der Halle eine Doppeltür auf. Bevor Beth es ansprechen konnte, war es auch schon wieder durch eine andere Tür verschwunden.

Durch die offene Flügeltür jedoch erspähte Beth nun eine Gruppe von Leuten im angrenzenden Raum. Die Männer waren in elegante schwarze Anzüge gekleidet, während die Frauen Ballkleider aus Seide und Satin trugen, die in den schönsten Regenbogenfarben schillerten. Ober in weißen Jacketts schlängelten sich mit Champagnergläsern und Häppchen beladenen Tabletts gekonnt zwischen den Gästen hindurch. Musik und Stimmengewirr vermischten sich zu einem ohrenbetäubenden Rauschen.

Eine Party! Wütend kniff Beth die Augen zusammen. Cesario Piras war zu beschäftigt, um mit ihr zu sprechen, weil er gerade eine Party zu feiern hatte? Er hatte ihr nicht einmal die Gelegenheit gegeben, den Grund für ihren Besuch zu erklären. Beths Blick fiel auf das Baby in ihrem Arm, und ihr Herz zog sich zusammen beim Anblick von Sophies winzigem Gesicht, den langen dunklen Wimpern und den runden rosigen Wangen. Sie hatte Mel versprochen, dass sie Cesario Piras finden würde. Koste es, was es wolle. Und nun war sie hier in seinem Schloss. Sie würde nicht gehen, ohne wenigstens mit ihm gesprochen zu haben.

Ohne zu zögern, durchquerte Beth die Eingangshalle und schritt zielstrebig auf die Tür zu. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie ihren Blick durch den prachtvollen Saal gleiten ließ. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, das im Licht der riesigen Kronleuchter glänzte. Die gewölbte Decke war mit feinsten Malereien verziert.

Beths lebhafte Fantasie ließ sie unmittelbar an alte Ritterzeiten denken, an Männer in glänzenden Rüstungen, die sich hier einst durch das Schloss bewegt haben mussten.

Während sie sich langsam durch die Menge schob, entgingen ihr die neugierigen Blicke der Partygäste nicht. Die Gespräche versiegten, während die Leute ihr Platz machten. Dann setzte auch die Musik aus. Im nächsten Moment sah Beth am anderen Ende des Saales einen Mann auf die Bühne treten. Offensichtlich wollte er eine Ansprache halten. Als sein Blick auf Beth fiel, die sich mittlerweile bis zur Mitte des Saales vorgekämpft hatte, hielt er inne. Selbst aus der Entfernung sah Beth den überraschten Gesichtsausdruck des Mannes.

Die plötzliche Stille und die Blicke, die sie mit ihrem tropfnassen Mantel auf sich gelenkt hatte, sorgten bei Beth für leichte Schweißausbrüche. Doch jetzt würde sie nicht mehr umkehren. Der arrogante Blick des Mannes auf der Bühne und sein autoritäres Auftreten sagten ihr, dass er derjenige war, den sie suchte. Er war der Vater des Babys auf ihrem Arm.

Santa Madre! Ungläubig sah Cesario die Frau an, die sich quer durch den Saal auf ihn zubewegte. Es konnte sich nur um die Besucherin handeln, über die Teodoro ihn informiert hatte.

Was der Butler jedoch nicht erwähnt hatte, war, dass Beth Granger nicht allein gekommen war. Das Baby auf ihrem Arm konnte nicht älter als ein paar Monate sein, schätzte Cesario. Es war in ein Umhängetuch gewickelt, doch Cesario sah ein paar schwarze seidige Haarsträhnen hervorblitzen und sog scharf die Luft ein. Sofort kamen die Erinnerungen an seinen Sohn hoch. Nicolo hatte als Neugeborener genauso ausgesehen.

Er wusste nicht, wer diese Frau war, aber er wollte, dass sie auf der Stelle verschwand. An diesem Abend brauchte er wirklich keinen weiteren Ärger. Die Party war bereits anstrengend genug für ihn.

Völlig außer Atem kam Teodoro in den Ballsaal geeilt und lief auf die Bühne zu.

„Signor Piras entschuldigen Sie bitte! Ich hatte gerade das Taxi für die Signorina organisiert …“

„Ist schon gut, Teodoro“, beruhigte Cesario ihn. „Ich werde mich jetzt selbst um unseren ungebetenen Gast kümmern.“

Die Frau hatte einen Moment gezögert, als Teodoro aufgetaucht war. Doch nun beeilte sie sich, um zur Bühne zu gelangen. Im gleichen Moment sprang Cesario vom Podium und baute sich vor ihr auf.

„Ich hoffe, Sie können mir einen guten Grund dafür nennen, warum Sie mitten in meine Party hineinplatzen, Ms Granger“, erklärte er kühl. „Ich gebe Ihnen genau dreißig Sekunden für Ihre Erklärung. Dann werde ich meine Mitarbeiter bitten, Sie hinaus zu eskortieren.“

Beth öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es schien, als hätte ihr Gehirn plötzlich aufgehört zu arbeiten. Ihr fehlten die Worte. Sie hatte sich gerade noch bestätigt gefühlt, als der Butler den Mann auf der Bühne mit seinem Namen angesprochen hatte. Es handelte sich also tatsächlich um Cesario Piras höchstpersönlich. Ihre Reaktion auf ihn traf sie jedoch vollkommen unerwartet.

Er stand so dicht vor ihr, dass sie gezwungen war, den Kopf leicht in den Nacken zu legen, um ihn anzusehen. Sofort fiel ihr Blick auf die tiefe gezackte Narbe, die sich über seine linke Wange zog. Sie verlieh seinem ansonsten sehr hübschen Gesicht etwas Wildes. Sein Augenlid hing an einer Seite leicht herunter, und die glatte Oberfläche seiner olivfarbenen Haut wurde bis hinab zu seinem Mundwinkel durch die auffällige Narbe unterbrochen. Was seine Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft jedoch kaum beeinträchtigte. Vielmehr erinnerte er durch die unübersehbare Verunzierung an einen Piraten. Oder an einen Ritter aus längst vergangenen Zeiten.

So oder so, er entsprach in keiner Weise der Vorstellung, die Beth sich von einem erfolgreichen Banker gemacht hatte. Sein Haar war tiefschwarz und fiel lockig fast bis auf seine Schultern. Die dunklen Bartstoppeln an seinem Kinn ließen ihn sehr maskulin und gefährlich sexy aussehen. Die leicht gebogene Nase hingegen verlieh ihm etwas Aristokratisches. Es waren jedoch seine Augen, die Beth in ihren Bann zogen – stahlgrau und mit einem Ausdruck darin, der sie unwillkürlich zurückweichen ließ. Er sah sie so intensiv an, es war als könnte er in ihre Seele schauen.

Es schien, als würde nicht nur er, sondern auch alle anderen Leute im Saal auf ihre Antwort warten, so still war es mit einem Mal. Leicht benommen fuhr sie sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen.

„Es tut mir sehr leid, Ihre Party zu stören, Mr Piras … Aber ich muss wirklich sehr dringend mit Ihnen sprechen“, stieß sie hervor. Sich der neugierigen Blicke der Partygäste bewusst, fügte sie hinzu: „Allein.“

Er runzelte die Stirn. Sein Gesichtsausdruck wirkte so ablehnend, dass Beth unbewusst Sophie noch fester an sich presste.

„Wie können Sie es wagen, einfach ohne Termin hier aufzutauchen und in meine Privatsphäre einzudringen?“

Sein Englisch war perfekt, doch er sprach mit starkem Akzent. Seine Stimme war tief und rau und verursachte eine leichte Gänsehaut bei Beth.

Während sie noch immer um Fassung rang, studierte Cesario die junge Frau eingehend. Wäre sie allein hier, hätte er keine Skrupel gehabt, sie von seinen Mitarbeitern auf der Stelle hinauswerfen zu lassen. Wenn Beth Granger tatsächlich eine Journalistin war, dann hatte er auch jedes Recht dazu. Es irritierte ihn jedoch, dass sie ein Baby bei sich trug. Wer würde sich bei einem solchen Sturm weit nach Anbruch der Dunkelheit mit einem Baby hinauswagen?

Sein Herz schien sich zusammenzuziehen, als sein Blick auf das winzige Bündel in ihren Armen fiel. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er noch seinen Sohn in den Armen gehalten und sein perfektes kleines Gesicht bewundert. Er hatte ihn an sich gedrückt und ihm versprochen, ihn immer zu beschützen. Es würde ihn bis an sein Lebensende verfolgen, dass er dieses Versprechen gebrochen hatte.

Ein diskretes Hüsteln durchbrach seine düsteren Gedanken. Ein Blick durch den weitläufigen Ballsaal sagte ihm, dass alle Augen auf ihn und die junge Frau vor ihm gerichtet waren.

„Kommen Sie mit“, forderte er Beth abrupt auf. „Teodoro sagen Sie der Band, dass sie weiterspielen soll.“

Beth musste sich beeilen, um Cesario Piras nicht aus den Augen zu verlieren, als er schnellen Schrittes quer durch den Saal vorauslief und hinter einem Türbogen verschwand. Sie folgte ihm in einen kleinen Lagerraum, in dem Wein- und Champagnerflaschen in Holzregalen bis an die Decke aufbewahrt wurden. Das klickende Geräusch der sich schließenden Tür hinter ihnen ließ Beth zusammenzucken. Wachsam beobachtete sie jede der Bewegungen des Mannes.

„Bitte, Ms Granger, erklären Sie mir Ihr Anliegen“, bat er sie ungeduldig. „Was wollen Sie hier? Sind Sie von der Presse?“

Erschrocken über seinen harschen Tonfall schüttelte Beth den Kopf.

„Nein … nein, das bin ich nicht …“

Sie hatte diesen Moment unzählige Male in Gedanken durchgespielt. Doch jetzt, wo es soweit war, hatte sie Zweifel. Und Cesario Piras’ Furcht einflößende Erscheinung trug nicht gerade dazu bei, dass sie sich sicherer fühlte. Vielleicht sollte sie einfach nichts sagen und Sophie wieder mit zurück nach England nehmen! Andererseits hatte sie ihrer Freundin Mel ein Versprechen gegeben.

Als sie zu ihm aufsah und dem harten, kalten Blick aus seinen grauen Augen begegnete, spürte sie, wie ihr Herz raste. Ein mittelalterliches Schloss passt perfekt zu ihm, dachte sie verbittert. Die Stärke und Autorität, die er ausstrahlte, erinnerte sie an die kalten Granitwände seines Verlieses.

Dennoch hielt sein Blick sie vollkommen gefangen. Und in diesem Moment passierte etwas Unerwartetes. Sie fühlte einen scharfen Schmerz unter ihren Rippen, fast als hätte ein Pfeil ihr Herz durchbohrt. Jetzt mach dich nicht lächerlich, wies sie sich im Stillen zurecht. Wie sollte sie denn eine Verbindung zu einem Fremden spüren? Dazu noch einem Fremden mit auffälliger Narbe, der sie mit grimmiger Ungeduld ansah …

Verwirrt wandte sie den Blick ab, sah auf Sophie hinab und holte tief Luft.

„Ich bin hier, weil dieses Kind in meinen Armen Ihres ist, Mr Piras.“

2. KAPITEL

Soll das ein Witz sein? fragte Cesario sich aufgebracht. Was meinte diese fremde Frau, die ihr Gesicht immer noch unter der übergroßen Kapuze ihres Mantels verbarg?

„Was soll das heißen?“, fuhr er sie an. „Ich habe kein Kind.“

Es tat ihm weh, diese Worte auszusprechen.

„Sophie ist Ihr Kind. Sie wurde in dieser Nacht vor genau einem Jahr gezeugt.“

Fluchend riss Cesario mit einer schnellen Bewegung Beth die Kapuze vom Kopf. Ein abgerissener Knopf kullerte über den Boden, doch Cesario kümmerte sich nicht darum.

Er kannte die Frau nicht.

Seit er Witwer war, hatte er mit einigen Frauen geschlafen. Doch sie war keine von ihnen. Wut stieg in ihm auf. Natürlich wusste er, dass er aufgrund seines Reichtums allzu leicht skrupellosen Frauen zum Opfer fallen konnte, die hofften, durch ihn an schnelles Geld zu kommen, indem sie behaupteten, er sei der Vater ihres Kindes. Aber das hier war einfach lächerlich. Er hatte diese Beth Granger in seinem ganzen Leben noch nie gesehen, geschweige denn, mit ihr geschlafen. Hoffte sie etwa, den Richter davon zu überzeugen, dass es eine jungfräuliche Empfängnis war? Langsam ließ er seinen Blick über sie gleiten, von dem zerzausten mausbraunen Haar bis hin zu dem übergroßen Mantel, der aussah, als hätte sie ihn einem Penner abgeschwatzt.

„Das glaube ich kaum, Ms Granger“, murmelte er schließlich spöttisch. „Zweifellos würde ich mich daran erinnern, wenn ich jemals mit Ihnen das Bett geteilt hätte.“

Beth spürte, wie sie errötete. Es war nicht misszuverstehen, was Cesario Piras meinte. Sie war viel zu unattraktiv, als dass sie sein Interesse erregen könnte. Zweifellos war er ausschließlich an hinreißenden Frauen wie Mel interessiert – blond, mit üppigen Formen und wunderschön. Mel hatten die Männer bereits in der Highschool zu Füßen gelegen. Es war kein Wunder, dass sie das Interesse des Milliardärsbankers geweckt hatte.

Wenn sie mit ihrer besten Freundin unterwegs gewesen war, hatte Beth sich immer wie das hässliche Entlein gefühlt. In diesem Moment jedoch, durchnässt und erschöpft, wie sie war, mit einem Mantel aus dem Secondhandladen, fühlte sie sich unscheinbarer denn je. Die höhnischen Blicke, mit denen die Partygäste sie bedacht hatten, als sie in den Ballsaal marschiert war, hatten sie an ihren Schulball erinnert. Damals, als sie sechzehn Jahre alt gewesen war und ein Kleid getragen hatte, das die Leiterin des Kinderheims ihr geliehen hatte. Mrs Clarke hatte ihr versichert, sie sähe entzückend aus. Was natürlich nicht stimmte. Sie sah aus, wie ein Mädchen ohne Eltern in ...

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