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Thriller Action Trio November 2018 – 3 Romane in einem Band!

Thriller Action Trio November 2018 – 3 Romane in einem Band!

Alfred Bekker and Freder van Holk

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Thriller Action Trio November 2018 – 3 Romane in einem Band!

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Der Sniper von Berlin

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Die unschuldige Meute: N.Y.D. – New York Detectives

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1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Die tödlichen Träume

About the Author

About the Publisher

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Thriller Action Trio November 2018 – 3 Romane in einem Band!

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Dieses Buch enthält folgende Thriller:

––––––––

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Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

Freder van Holk: Die unschuldige Meute

Freder van Holk: Die tödlichen Träume

Der Privatdetektiv Bount Reiniger erhält Besuch von einem besorgten Vater, dessen Sohn mit einem Freund eine Reise in den Mittelwesten unternommen hat. Doch der Freund wird hunderte Meilen entfernt tot aufgefunden, während weiterhin Postkarten aus den angeblichen Reisezielen zuhause eintreffen. Der Professor, der beiden Freunde, wird ebenfalls tot aufgefunden. Aber was steckt dahinter? Reiniger gerät mit einigen Kerlen aneinander und bald steht fest: Es geht um viel Geld.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Sniper von Berlin

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Thriller von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 223 Taschenbuchseiten.

Ein Krimi mit Harry Kubinke, dem Ermittler aus Berlin.

Ein Scharfschütze macht in Berlin Jagd auf Angehörige des organisierten Verbrechens. Reihenweise schickt der Killer die Drogenbosse ins Jenseits. Ist das der Beginn einer großen Auseinandersetzung zwischen kriminellen libanesischen Groß-Clans und den Banden der sogenannten Balkan-Connection? Der Berliner Ermittler Harry Kubinke und sein Team versuchen, dem Morden Einhalt zu gebieten. Und Kubinke ahnt bald, dass der Killer vielleicht ein ganz anderes Motiv verfolgt, als man ursprünglich vermutete...

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'Fun Park' - Ein Vergnügungspark im Berliner Umland...

„Hey, sollen wir noch in die Geisterbahn gehen - oder ist das für den großen Big Jimmy Talabani unter seiner Würde?“

Talabani - ein kleiner, drahtiger Mann um die vierzig mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar und hervorspringendem Kinn grinste schief. „Willst du mich auf den Arm nehmen oder was soll das jetzt?“

Die großbusige Blondine an Talabanis Seite überragte „Big Jimmy“ um einen halben Kopf.

„Jim“ oder wahlweise auch „Big Jim“ oder „Big Jimmy“ - so ließ sich Talabani gerne nennen.

„Jimmy“ lautete sein bürgerlicher Name. Sein Vater war Deutsch-Libanese, seine Mutter eine Deutsche. Und obwohl sie sich sich früh vom Acker gemacht hatte, um mit einem russischen Zuhälter nach Marbella durchzubrennen und Jimmy sie nie wiedersah, hatte sie ihm doch etwas Wichtiges hinterlassen: Seinen Vornamen. Einen Kleinkindervornamen, wie Jimmy Talabani immer fand. Ein Name, der zu lustigen Quietschenten oder sehr kleinen Jungs passte. Aber nicht zu einem Kerl, vor dem man Angst haben sollte. Also bevorzugte er es, wenn man ihn Jim nannte und nicht Jimmy. Oder Big Jim. Notfalls auch Big Jimmy. Nur nicht Jimmy – allein und ohne klarstellenden Zusatz. Er hatte immer das Gefühl, dass Jimmy – so wie er nunmal war – einfach etwas zu harmlos wirkte.

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Fünf breitschultrige Männer in dunklen Anzügen sicherten Big Jimmy Talabani von allen Seiten ab.

Unter den Jacketts der Bodyguards drückten sich ihre Waffen ab.

„Hey, was ist, Jim?“, fragte die Blonde jetzt und stemmte die Arme in die provozierend geschwungenen Hüften. „Ich habe das ernst gemeint mit der Geisterbahn!“

Sie streckte den Arm aus und deutete auf eine aufblinkende Neonschrift. „Very Loud Screams From Hell“ stand dort. Aus der Außenwand ragten in unregelmäßigen Abständen Knochenhände, die nach den Passanten zu greifen schienen und gerade eine Gruppe von Teenagern zum Kreischen brachte. Jimmy Talabani verzog genervt das Gesicht und verdrehte die Augen.

„Jacqueline, das ist doch Kinderkram“, beschwerte er sich.

„Ach, Jimmy!“

„Ja, stimmt doch!“

Insgeheim wusste Talabani bereits, dass er verloren hatte. Er konnte Jacqueline einfach nichts abschlagen - selbst wenn das bedeutete, dass sein Image als knochenharter „Captain“ im Syndikat der Berliner Al-Khalili-Familie etwas litt, wenn sich herumsprach, dass er sich in einer Geisterbahn vergnügte.

Jacqueline lachte ihn herausfordernd an. Ihre Stimme klang dunkel und verführerisch. „Hör mal Jimmy, wir sind hier nicht in Neukölln – hier kennt dich keine Sau!“

Jimmy Talabanis Blick wurde durch ihr tiefes Dekolleté abgelenkt und er dachte unwillkürlich: Sie hat eben andere Vorzüge als eine kultivierte Ausdrucksweise. Damit gehörte sie zwar nicht gerade zu der Art von Frau, mit der er vor seinem Onkel Abdullah Al-Khalili, dem gegenwärtigen Chef der Familiengeschäfte, hätte Eindruck machen können, aber solange sich Jimmy Talabani nur mit Jacqueline vergnügte und weder beabsichtigte, sie zu offiziellen Familienfeierlichkeiten mitzubringen, noch sie zu heiraten, war das selbst für den Clan-Patriarchen in Ordnung.

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In ihren Augen blitzte es.

„Wenn du mich allein in die Geisterbahn steigen lässt, erzähle ich allen, dass Big Jimmy Talabani Angst vor Gespenstern hat.“

Talabani verzog das Gesicht.

„Mach mich nicht wütend, Schlampe!“, knurrte er. Aber schon die Art und Weise, in der er das sagte, verriet, dass er es wohl kaum noch schaffen würde, richtig wütend zu werden. „Du weißt, wie zornig ich werden kann!“, meinte er und gab sich Mühe, die Mundwinkel weit genug unten zu halten.

„Du weißt, dass ich es mag, wenn du wütend wirst, Jimmy!“, gab Jacqueline lachend zurück. Ihre makellosen Zähne blitzten dabei auf. Das Haar fiel ihr weit über die Schultern. Mit einer unnachahmliche Geste strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Schon allein für die Art, wie sie das tat, mochte Jimmy Talabani sie.

„Du hast das noch nie erlebt, Schätzchen...“

„Ach nein?“

„Nein!“

Jimmy Talabanis Gesichtsausdruck veränderte sich in diesem Augenblick schlagartig.

Seine Züge erstarrten.

Die Augen wurde unnatürlich groß und traten aus ihren Höhlen hervor. Eine Maske des gefrorenen Entsetzens entstand innerhalb eines Sekundenbruchteils. Er hob die Hand, wie in einer instinktiven Abwehrbewegung.

Mitten auf seiner Stirn bildete sich ein kleiner roter Punkt, der rasch größer wurde. Jacqueline ließ seinen Arm los und stieß einen Entsetzensschrei aus.

Jimmy Talabani schwankte noch einen Moment, eher er der Länge nach wie gefällter Baum zu Boden fiel und regungslos liegen blieb. Mit einem dumpfen Laut prallte sein lebloser Körper auf den Asphalt und blieb in unnatürlich verrenkter Haltung liegen.

Die Leibwächter bemerkten erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Sekunden, was geschehen war.

Sie rissen ihre Waffen heraus, duckten sich und stierten suchend in der Gegend herum. Zwei von ihnen beugten sich schützend über ihren am Boden liegenden Boss.

„Scheiße, Mann!“, rief der Größere von ihnen, der in geduckter Haltung neben dem reglos daliegenden Mann kauerte.

Er konnte gerade noch Talabanis Tod feststellen, bevor es ihn selbst erwischte.

Ein Treffer in den Oberkörper ließ ihn über seinem Boss in sich zusammensacken. Die Kugel ging durch seinen Körper hindurch und riss ein blutiges Loch an der Stelle, an der sie austrat. Der Kleinere der beiden Leibwächter bekam einen Kopftreffer, der ihn augenblicklich tötete. 

Ein Angriff aus dem Nichts – ohne auch nur den Hauch einer Abwehrchance.

Jacqueline stand für ein paar Sekunden wie angewurzelt und mit offenem Mund da. Sie wirkte völlig erstarrt und wagte es kaum zu atmen. Der Schock stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

Innerhalb weniger Augenblicke sanken auch die anderen Leibwächter getroffen nieder. Noch ehe sie so richtig begriffen hatten, aus welcher Richtung eigentlich auf sie gefeuert wurde, ging ein Ruck durch ihre Körper – wie bei Marionetten die an ihren Fäden aus dem Spiel genommen wurden. Ihre Körper klatschten anschließend leblos auf den Boden. Aus keiner ihrer Waffen war auch nur ein einziger Schuss abgegeben worden, um diesen Angriff abzuwehren.

Eine vollkommen lautlose Attacke.

Kein Schussgeräusch war zu hören. Passanten blieben stehen, realisierten erst mit einer Verzögerung von mehreren Augenblicken, was geschehen war und stoben dann in Panik auseinander.

Schreie gellten mit einer Verzögerung von weiteren Sekunden und pflanzten sich in der Menge fort, wie in einem Dominoeffekt.

Nur Augenblicke später schwoll dieses Schreien zu einem so ohrenbetäubenden Lärm an, dass selbst die stampfende Musik aus den Lautsprechern der Fahrgeschäfte darin unterging.

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Da ist es!“, sagte Rudi und streckte die Hand aus.

Wir hatten uns sehr beeilt.

Es war später Nachmittag, als Rudi und ich den Fun Park westlich von Berlin erreichten. Er lag auf dem Gelände eines ehemaligen Einkaufzentrums, das sich gegen die harte Konkurrenz nicht hatte durchsetzen können. Ob dies bei den Fahrgeschäften, die jetzt auf dem Gelände um Kunden warben, anders sein würde, war höchst zweifelhaft. Als Disneyland für Arme hatten die lokalen Medien den Park schon verspottet.

Dass sich jemand von außerhalb hier her verirrte, war kaum anzunehmen. Dazu waren die Riesenräder und Achterbahnen, mit denen man sich hier vergnügen konnte, einfach technisch gesehen nicht innovativ genug.

Mein Kollege Rudi Meier und ich mussten den Dienstwagen, den uns die Fahrbereitschaft des BKA zur Verfügung stellte, in einer Seitenstraße abstellen und die letzten fünf Minuten zum Tatort zu Fuß gehen. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Sämtliche Zuwege des Parkgeländes waren hoffnungslos verstopft.

„Die letzten Meter sind mal wieder die Schlimmsten“, meinte ich.

„Da heißt es, sich durchkämpfen, Harry!“, gab mein Kollege Rudi Meier zurück.

Kollegen des Schutzpolizei versuchten, das Durcheinander aus in Panik geratenen Passanten, die das Gelände so schnell wie möglich verlassen wollten und den Einsatzfahrzeugen der Polizei und des Rettungsdienstes so gut es ging zu koordinieren.

Worum es im Groben ging, darüber hatte man uns bereits informiert.

Jimmy Talabani, ein Unterboss des Al-Khalili-Syndikats, war mit fast einem halben Dutzend Leibwächtern ermordet worden und wir hatten Grund zu der Annahme, dass dies Teil einer größeren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens war. Geldwäsche, Drogen und Waffen – das waren Gebiete auf denen sich die Al-Khalili-Familie unseren Erkenntnissen nach geschäftlich betätigte. Und das mit großem Erfolg, denn Al-Khalili hatte sich in der Hierarchie der Berliner Unterwelt schnell nach oben geboxt.

Aber die Konkurrenz schlief nicht.

Insgesamt drei weitere Unterbosse des Al-Khalili-Syndikats waren innerhalb der letzten Monate umgebracht worden. Da konnte wirklich niemand mehr an einen Zufall glauben, zumal in allen drei Fällen dieselbe Waffe benutzt worden war.

Es sah ganz so aus, als wäre Jimmy Talabani die Nummer vier auf der Liste dieses unbekannten Killers, der in der Berliner Szene aufräumte.

Fragte sich nur, für wen er das tat. Das Ganze war vermutlich als Teil einer sehr viel umfassenderen Auseinandersetzung verschiedener krimineller Banden aufzufassen, die sich kompromisslos und bis aufs Blut bekämpften, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Die Kollegen der Schutzpolizei hatten den eigentlichen Tatort weiträumig abgesperrt. Rudi und ich wurden gestoppt.

Ich zog meine Marke und hielt sie dem Kollegen entgegen.

„Kommissar Harry Kubinke, BKA“, stellte ich mich vor. „Dies ist mein Kollege Rudi Meier. Man hat uns angefordert.“

„Schön, dass Sie da sind. Sie werden schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Beamte.

„Wir haben es leider nicht früher geschafft!“

„Kann ich mir denken. Um diese Zeit ist auf den Straßen Berlins der Teufel los.“

„Das kann man wohl laut sagen!“

Der Beamte deutete mit dem Arm und sagte: „Gehen Sie an dem Hot Dog Stand links bis zur Geisterbahn. Da ist es passiert.“

Ich nickte. „Danke.“

Wenig später hatten wir den eigentlichen Tatort erreicht. Außer den uniformierten Kollegen waren dort noch die Ermittler des Erkennungsdienstes anwesend.

Zwei Vans der Gerichtsmedizin hatten es irgendwie geschafft, bis hier zu gelangen. Wahrscheinlich würde noch ein dritter Wagen gerufen werden müssen, um alle Leichen abtransportieren zu können.

Uns bot sich ein Bild des Grauens.

Die Toten waren zwar bereits in Leichensäcke eingepackt und zum Transport in die Gerichtsmedizin fertig gemacht worden, aber überall auf dem Asphalt ließen Spuren getrockneten Blutes erkennen, dass hier etwas Furchtbares geschehen war. Kreidemarkierungen zeigten uns, wo sie gelegen hatten.

Polizeiobermeister Hoffmann war ein rothaariger, etwas korpulenter Mann. Ich kannte ihn flüchtig.

Das letzte Mal war jetzt ungefähr ein Dreivierteljahr her.

„Hallo Harry!“, sagte er und begrüßte auch Rudi. „Nachdem wir die Identität eines der Opfers anhand seiner Papiere festgestellt hatten, war uns gleich klar, dass das ein Fall für euch ist.“

„So?“

„Schließlich gehört Talabani doch zum Al-Khalili-Syndikat und da liegt ein Zusammenhang dieses Mordfalls mit dem organisierten Verbrechen mehr als nahe.“

Ich nickte. „Jemand scheint systematisch Abdullah Al-Khalilis Unterbosse einen nach dem anderen ausschalten zu wollen“, stellte ich fest.

Er nickte. „Krieg im Kiez. Davon reden alle zurzeit.“

„Ja – und wahrscheinlich sogar erst der Anfang“, mischte sich Rudi ein.

„Die Umstände der Tat sprechen für einen Profi-Killer“, meinte Hoffmann. „Er muss von irgendeinem erhöhten Ort aus in rascher Schussfolge punktgenau getroffen haben. Keiner der Leibwächter konnte sich noch in Sicherheit bringen. Bis wir das Kaliber herausgefunden haben, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden.“

„Ich wette, das Ergebnis deckt sich mit den Fakten, die wir aus den anderen Fällen dieser Serie kennen“, glaubte Rudi.

Hoffmann kratzte sich an den kurz geschorenen roten Haaren seines Hinterkopfs. „Ich nehme an, ihr habt da so etwas wie die Ouvertüre zu einem ausgewachsenen Blutbad am laufen.“

„Das einzige was mich dabei wundert, ist, dass Al-Khalilis Reaktion bislang sehr ruhig ausgefallen ist“, gab mein Freund und Kollege Rudi Meier zurück. „Jedenfalls ist uns von einer vergleichbaren Todesrate unter den Mitgliedern der Konkurrenz-Syndikate nichts bekannt.“

Hoffmann grinste schief.

„Al-Khalili mag darauf aus sein, sein Image als sauberer Geschäftsmann zu pflegen und nicht mit diesem blutigen Sumpf in Verbindung gebracht zu werden – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem er zurückschlagen muss, wenn er die Autorität in den eigenen Reihen behalten will.“

„Von wo aus wurde geschossen?“, fragte ich. Einen Moment lang wunderte ich mich darüber, wie gut Hoffmann über Al-Khalili Bescheid wusste. Das meiste von dem, was bisher über Al-Khalilis Organisation bekannt war, konnte über das Datenverbundsystem von alle Polizeirevieren abgerufen werden. Schließlich nützte eine noch so gute Bekämpfung des organisierten Verbrechens nichts, wenn diejenigen, die als erste am Tatort waren, den Zusammenhang nicht erkannten, den ein Tötungsdelikt zu bestimmten Bereichen der organisierten Kriminalität hatte. Wiederholt hatten wir vom BKA wertvolle Zeit verloren, weil die Brisanz einer Tat vor Ort nicht schnell genug erkannt worden war.

Hoffmann konnte man in dieser Hinsicht nun wirklich nicht das Geringste vorwerfen.

Er war mehr als wachsam gewesen und hatte sich erstaunlich gut über die Hintergründe informiert.

Hoffmann streckte den Arm aus und deutete zu einem zwanzigstöckigen Gebäude hinüber, von dem der Rohbau fertig gestellt war und unmittelbar an das Gelände des Fun Parks angrenzte. „Wir nehmen an, dass aus diesem Gebäude da vorne geschossen wurde. Jedenfalls muss es diese Richtung sein.“

Ich warf einen Blick hinüber und kniff die Augen zusammen.

„Muss aber ein guter Schütze gewesen sein – aus der Entfernung!“, stellte ich fest.

„Das sind schätzungsweise vierhundert Meter – falls von einem der höheren Etagen aus gefeuert worden ist - sogar noch mehr“, gab Rudi zu bedenken.

„Falls der Kerl ein Scharfschützengewehr verwendet hat, ist das eine ganz normale Distanz“, meinte Hoffmann. „Und der Killer muss ein Scharfschütze gewesen sein. Die Schüsse folgten sehr schnell aufeinander, das er nur sehr wenig Zeit hatte, um zu zielen. Der Täter brauchte jeweils nur einen Schuss, um Talabani und seine Männer zu töten.“

„Das passt ins Muster“, stellte ich fest und wechselte dabei einen Blick mit Rudi.

Bei den vorangegangenen Morden an Mitgliedern des Al-Khalili-Syndikats war immer dieselbe Waffe verwendet worden. Ein Spezialgewehr vom Typ MK 32, das nur in relativ kleiner Stückzahl hergestellt worden war. Die SEK-Kommandos setzten diese Waffe zum Teil ein. Außerdem hatte man kurzzeitig erwogen, die MK-23 für Scharfschützen in Spezialeinheiten der Bundeswehr anzuschaffen. Böse Zungen behaupteten, dass dies an den besseren Beziehungen der Konkurrenz zum Verteidigungsministerium gescheitert war.

Jedenfalls ging ich jede Wette ein, dass auch dieser Mord mit derselben MK-23 verübt wurde, mit der auch die vorherigen Morde an Unterführern des Al-Khalili-Syndikats begangen worden war.

Eine Bestätigung konnten wir dafür natürlich erst nach Abschluss der ballistischen Untersuchungen erwarten.

„Jimmy Talabani befand sich übrigens in Begleitung einer jungen Frau, wie mehrere Zeugen übereinstimmend ausgesagt haben“, berichtete Hoffmann. „Blond und großbusig. Eine Art fleischgewordener Männertraum. Wir haben ein Phantombild angefertigt.“ Hoffmann seufzte hörbar, bevor er fort fuhr. „Sie ist verschwunden.“

„Mal sehen, wie schnell wir sie finden, wenn wir sie in die Fahndung geben“, meinte ich.

Hoffmanns Handy klingelte in diesem Augenblick. Er sagte mehrfach „ja“ und beendete das Gespräch schließlich wieder. Anschließend wandte er sich Rudi und mir zu.

„Das war Polizeimeister Großmann. Er glaubt, den Standort des Schützen gefunden zu haben.“

„Dann sehen wir uns das doch mal an“, schlug ich vor.

Hoffmann wies einen seiner Beamten an, ihn kurzzeitig zu vertreten. Dann folgten wir ihm quer durch den Fun Park und erreichten schließlich das angrenzende Gelände, auf den der Rohbau des zwanzigstöckigen Gebäudes stand. Das Gelände war mit einem mannshohen Bretterverschlag abgegrenzt, der mit Plakaten überklebt war. Darunter auch ein Hinweis, dass hier ein Bürohaus errichtet wurde, dessen Mieten im Vergleich zu den Preisen in Berlin Mitte geradezu lächerlich waren.

Die Kollegen der City Police hatten den vernagelten Zugang zum Gelände aufgebrochen. Offenbar wurde hier schon seit einiger Zeit nicht mehr gearbeitet.

„Wusstet ihr, dass Jimmy Talabani sowohl am Fun Park als auch an diesem Büroturm finanziell beteiligt war?“, fragte Hoffmann fast beiläufig.

„Man könnte meinen, du wärst diesem Talabani seit Jahren auf der Spur“, meinte ich mit einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung. „Du fährst nicht zufälligerweise Doppelschichten und arbeitest nebenbei noch für das LKA oder das BKA?“

Hoffmann grinste schief. „Dies ist mein Bezirk, Harry, vergiss das nicht.“

„Verstehe.“

„Und in meinem Revier weiß ich einfach gerne Bescheid. Das ist nun mal so!“

„Ich wusste nicht, dass Talabani so viel Kleingeld übrig hatte, um sich Projekte dieser Größenordnung leisten zu können“, gestand ich zu.

„Er wird als Strohmann für Al-Khalili tätig gewesen sein“, glaubte Hoffmann. „Zumindest dieser Fun Park kann unmöglich Gewinne abwerfen, das sieht ein Blinder, Harry. Die Riesenräder und Autoscooter, die man hier sehen kann, gehören doch ins Museum.“

Etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht.

„Also ein Geldwäsche-Projekt!“, schloss ich.

„Worauf du Gift nehmen kannst!“ Er seufzte hörbar und fuhr dann fort: „Ich habe es nicht gern gesehen, dass dieser Talabani sich hier breit gemacht hat und ich hatte gleich das Gefühl, dass es Ärger geben würde...“

„Na, zumindest Talabani selbst ist dazu jetzt nicht mehr in der Lage“, warf Rudi ein.

„Warten wir es ab“, knurrte Hoffmann. „Vielleicht ist ein toter Talabani sogar noch schlimmer als ein lebender.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand!“, meinte Rudi.

Ich konnte mir denken, worauf Hoffmann hinaus wollte.

Schließlich war anzunehmen, dass Talabanis Ermordung nur Teil einer viel größeren Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gangstergruppen war, die wohl ihre jeweiligen Einflusssphären und Märkte neu unter sich aufteilten und dabei offenbar ihre Meinungsverschiedenheiten hatten.

Hoffmann führte uns in den siebten Stock des Rohbaus. Ein paar in weiße Schutzoveralls gekleidete Kollegen des Erkennungsdienstes begegneten uns. Zementgeruch hing in der Luft. Frischer Staub bedeckte den Boden.

Einer der Erkennungsdienst-Kollegen kam auf uns zu.

Er hatte lockiges, dunkles Haar. Hoffmann schien ihn zu kennen und redete ihn mit „Willy“ an.

„Wir haben einen sehr deutlichen Fußabdruck der Größe 43“, berichtete Willy. „Das Profil der sehr auffälligen Sohle war sehr gut im Zementstaub erhalten. Allerdings können wir nicht ganz ausschließen, dass es sich nicht um Spuren des Killers, sondern eines Bauarbeiters handelt.“

„Tragen die nicht eigentlich Sicherheitsschuhe?“, wandte ich ein.

Willy nickte. „Die Betonung liegt auf dem Wort eigentlich. Aber viel zu viele halten sich nicht daran – vor allem Aushilfskräfte.“

„Hier wird seit Wochen nicht mehr gearbeitet“, wandte Hoffmann ein.

„Je nachdem, ob vielleicht gerader ein heftiger Wind durch den Rohbau pfeift, können sich solche Staubspuren durchaus über mehrere Wochen hinweg erhalten“, erwiderte Willy. „Aber es gibt noch eine wichtigere Spur, die sie sich am besten selbst ansehen.“

Willy führte uns über einen Korridor in einen großen, kahlen Raum.

Eine etwa einen Meter breite Bahn aus Folie führte zur Fensterfront, von der aus man den Fun Park überblicken konnte.

„Bleiben Sie bitte auf der Folie“, wies uns Willy an. „Wir haben zwar den gesamten Boden fotografiert und gründlich abgesucht, aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir im nachhinein doch noch etwas finden, was von Interesse ist.“

Ich war der Erste, der den Folienpfad beschritt. Etwa einen halben Meter von der Fensterfront entfernt war ein Kreuz auf dem Boden zu sehen.

Es bestand aus sechs Patronenhülsen.

„Ich glaube, da will uns jemand etwas klar machen, Harry“, raunte mir Rudi von der Seite her zu.

Es fragte sich nur, ob wir schon in der Lage waren, diese Botschaft richtig zu deuten.

„Entweder der Kerl ist gläubig oder sehr zynisch“, murmelte Hoffmann.

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Zwei Stunden später waren wir zu Jimmy Talabanis letzter Adresse in Berlin unterwegs. Ich steuerte den Dienstwagen.

Jimmy Talabani hatte ein Penthouse in guter Lager bewohnt.

Das Haus, in dem die Wohnung lag, verfügte über eine eigene Tiefgarage, sodass uns die in Berlin ansonsten meistens ziemlich aufreibende Parkplatzsuche erspart blieb.

Mit dem Aufzug fuhren wir hinauf, nachdem wir uns zunächst mit dem privaten Security Service in Verbindung gesetzt hatten, der im Haus für Sicherheit zu sorgen hatte.

In dem Korridor, der zu Talabanis Wohnung führte, erwarteten uns zwei schwarz gekleidete Security Guards.

Wir zeigten unsere Ausweise.

Die beiden Guards trugen Namensschilder, wonach sie Gonzalez und Dachner hießen. An der Seite trugen sie Revolver vom Typ Schmitt & Wesson Kaliber .38 Special.

Altertümlich.

Aber im Sicherheitsgewerbe ist nicht nur die Bezahlung miserabel.

Die Ausrüstung mitunter auch.

Das haben die privaten Kollegen inzwischen mit den verbeamteten Kräften des mittleren Dienstes gemeinsam.

„Wir haben leider keine Möglichkeit, das elektronische Schloss zu decodieren“, erklärte Dachner, der größere der beiden Security Guards.

„Ich dachte, das ist aus Feuerschutzgründen Vorschrift!“, meinte Rudi.

Dachner zuckte die Schultern.

„Dies ist eine ziemlich exquisite Adresse und da rangieren Mieterwünsche vor irgendwelchen Vorschriften. Tut mir leid, wir werden die Tür aufbrechen müssen, was angesichts der ziemlich aufwendigen Sicherheitstechnik, die hier installiert wurde, nicht so ganz einfach werden dürfte.“

„Immerhin wissen wir, was installiert wurde!“, ergänzte sein Partner Gonzales.

Glücklicherweise hatten wir die Magnetkarte des Opfers bei uns. Die Kollegen der Spurensicherung hatten sie aus Jimmy Talabanis Jackettinnentasche geborgen und gründlich nach Fingerabdrücken untersucht.

Ich nahm die Karte hervor und steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz.

Die Tür öffnete sich.

Wir traten ein.

Schritten durch einen Korridor in das weiträumige Wohnzimmer, dessen Fensterfronten einem einen phantastischen Panoramablick über Berlin Mitte lieferten.

Ein Geräusch ließ uns zusammenzucken und zur Waffe greifen. Innerhalb eines Augenaufschlags hatte ich die SIG in der Faust.

Die Tür zum Nebenraum – wahrscheinlich dem Schlafzimmer – stand halb offen.

Kein Laut war jetzt zu hören.

Ich bedeutete den Security Guards, die ebenso wie wir ihre Waffe gezogen hatten, ein Stück zurück zu bleiben.

Rudi und ich pirschten uns an die halboffene Tür heran.

Wir wechselten einen kurzen Blick. In solchen Situationen verstehen wir uns ohne Worte. Dann weiß jeder, was der andere denkt. Eine besondere Art von Telepathie, wie sie wohl nur bei langjährigen Partnern im Dienst vorkommt.

Rudi nickte mir zu.

Ich trat die Tür zur Seite und stürmte mit der Pistole in der Hand in Raum. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sondierte ich die Lage. Ein großes Wasserbett, ein ultramoderner Kleiderschrank in Metalloptik, ein Airbrush-Gemälde, das eine nackte Frau zeigte, die auf einem Drachen ritt und das in leicht abgewandelter Form auf den Tanks von ungezählten Harley-Bikern zu finden war.

Auf dem Wasserbett befand sich eine Reisetasche.

Eine weitere Tür führte zum Bad.

Ich schnellte vor, hatte die Badezimmertür im nächsten Moment erreicht und traf dort eine junge Frau mit langen blonden Haaren an.

Ich senkte die Waffe und zog stattdessen meine ID-Card.

„Kommissar Harry Kubinke, BKA!“, stellte ich mich vor. „Wer sind Sie?“

Sie schluckte und brauchte wohl erst ein paar Sekunden, um sich vor dem Schrecken zu erholen. Der Beschreibung nach war sie jene Frau, die sich in Talabanis Begleitung befunden hatte, als auf den Captain in der Organisation von Abdullah Al-Khalili geschossen worden war. Sie trug Jeans, T-Shirt und darüber einen Blouson, der eindeutig für den Outdoor-Bereich gedacht war. Zusammen mit der Reisetasche auf dem Bett legte das den Schluss nahe, dass sie ihre Sachen gepackt hatte und nun gehen wollte. Latexhandschuhe, wie sie in Erste-Hilfe-Sets üblich waren, bedeckten ihre feingliedrigen Hände.

Ich bemerkte einen Eimer mit schaumigem Wasser, auf dessen Oberkante hing ein Lappen.

Offenbar hatte die junge Frau noch einmal alles gründlich saubermachen wollen, bevor sie dieses Penthouse auf Nimmerwiedersehen verließ.

„Mein Name ist Jacqueline Berentzen“, sagte sie. „Und was tun Sie hier?“, fragte sie. Ihre Haltung entspannte sich etwas. Sie stemmte eine ihrer Hände in die Hüften.

„Jimmy Talabani, der Eigentümer dieser Wohnung ist vor wenigen Stunden erschossen worden“ erklärte ich. „Aber ich glaube, das wissen Sie schon.“

„Jimmy?“, fragte sie. „Er ist tot?“ Ihre Stimme klang belegt. Sie schluckte. Aber ich hatte allenfalls das Gefühl, es mit einer drittklassigen Schauspielerin zu tun zu haben. Gesamturteil: Nicht gefühlsecht. Sie machte denselben Fehler wie viele Anfänger. Sie trug einfach viel zu dick auf, als das man ihr hätte glauben können.

Ich sah ihr ins Gesicht.

Sie wich meinem Blick aus.

„Sie waren am Tatort, als es geschah, dafür gibt es mehrere Zeugen“, erklärte ich sachlich und kühl. „Also können Sie mir vermutlich mehr über den Tatverlauf sagen als ich Ihnen.“

Sie erwiderte jetzt meine Blick für einen kurzen Moment und schluckte.

Tränen glitzerten in ihren Augen.

Sie begann zu schluchzen.

Ich forderte sie auf, das Bad zu verlassen, was sie auch tat.

Dann sank sie auf das Bett und saß dort wie zur Salzsäule erstarrt. Ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Sie wirkte apathisch.

Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.

Rudi bedachte mich mit einem tadelnden Blick. „Fass sie nicht so hart an“, schien dieser Blick zu sagen.

Für mich war die Situation im ersten Moment ziemlich eindeutig gewesen. Die junge Frau hatte das Chaos nach Jimmy Talabanis Ermordung genutzt, um sich möglichst schnell davon zu machen und sämtliche Spuren zu tilgen, die hätten beweisen können, dass sie jemals mit Talabani in Beziehung gestanden, geschweige denn, seine Wohnung betreten hatte.

Sie hatte etwas zu verbergen.

Etwas, das sie davon abhielt, sich bei der Polizei oder dem BKA zu melden und von sich aus auszusagen, was sie gesehen hatte.

Möglicherweise war sie eine Prostituierte und ihr Gewerbe wurde zwar als das Älteste der Welt bezeichnet und war in Deutschland legal, aber es war illegal, seine Steuern nicht zu zahlen und viele Call-Girls hatten dazu wenig Lust. Kann ich verstehen. Aber als abhängig Beschäftigter hat man ja ohnehin keine Chance, dem wachsamen Auge des Finanzamtes zu entkommen. Und alle anderen bekamen die auch irgendwann in die Fänge. Es konnte also sein, dass die Frau vielleicht ein paar Schwierigkeiten befürchtete.

Ich holte tief Luft. Rudi bedeutete mir mit einem Handzeichen zu schweigen. Er wollte diese Vernehmung ganz offensichtlich in die Hand nehmen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Vielleicht erwies sich mein Kollege ja als sensiblerer Vernehmungsspezialist.

„Hören Sie, wir sind vom BKA und nicht vom Finanzamt - wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ein Ruck ging durch ihren sehr weiblichen und nahezu formvollendeten Körper.

Sie hob trotzig den Kopf.

„Natürlich weiß ich, was sie damit sagen wollen“, gab sie spitz zurück. „Gnädigerweise würden Sie von einer Überprüfung oder dergleichen absehen, wenn ich zu ihrer Zufriedenheit mit Ihnen kooperiere. Das ist es doch, worauf dieses miese Spiel hinausläuft, oder?“

„Nein, ich wollte Ihnen damit eigentlich nur deutlich machen, dass wir an Informationen über Jimmy Talabani interessiert sind – und an sonst gar nichts“, erklärte Rudi leicht gereizt.

„Ich bin – ich war – Jimmys Lebensgefährtin“, erklärte Jacqueline. „Keine Bordsteinschwalbe oder Eros-Center-Tussi. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann sehen Sie sich das hier an!“ Sie griff in ihre Jackentasche und holte eine Magnetkarte für das Türschloss hervor. Ich nahm sie an mich. „Jimmy hätte mir wohl kaum eine Karte für sein Penthouse gegeben, wenn er mich nur für ein paar Euro von der Straße aufgelesen hätte!“

„Sie waren dabei, als Talabani starb“, sagte ich, diesmal etwas ruhiger. Es war eine Feststellung – keine Frage. „Oder müssen wir Sie erst mitnehmen und eine Gegenüberstellung mit dem Betreiber einer Geisterbahn organisieren?“

Sie atmete tief durch. Ihre vollen Brüste hoben und senkten sich dabei.

„Sie haben Recht, Kommissar...“, flüsterte sie schließlich.

„...Kubinke.“

„Ich bin mit Jimmy durch die Gegend gekreuzt und dann kam er irgendwie auf die Idee, zum neuen Fun Park zu fahren.“

„Sie fuhren einfach nur durch die Gegend?“, fragte ich verwundert.

„Ja.“

„Ohne Ziel?“

„Mit Jimmys gelben Ferrari macht das einfach Spaß.“

„Dieser Ferrari wurde am Tatort nicht gefunden.“

„Ich bin damit zurück nach Berlin Mitte gefahren, nachdem...“ Sie zögerte, ehe sie weiter sprach. „...es passiert ist. Ich war völlig fertig und stand unter Schock. In gewisser Weise trifft das immer noch zu. Ich kann das einfach noch nicht wirklich glauben. Plötzlich gehen Jimmy und seine Leibwächter einer nach dem anderen zu Boden. Es ging so verdammt schnell! Selbst seine Männer konnten überhaupt nichts tun, obwohl er immer nur Spitzen-Bodyguards engagiert hat.“ Sie atmete schwer und musste ein erneutes Aufschluchzen unterdrücken. Ihre Lippen zitterten dabei. Sie presste sie aufeinander und fasste sich nach einigen Augenblicken wieder.

Entweder sie hatte das Zeug zum Hollywood-Star, oder ich tat ihr mit meiner Einschätzung ein ziemlich großes Unrecht an und sie war von Jimmy Talabanis Tod tatsächlich so mitgenommen, wie es den Anschein hatte.

Inzwischen war ich mir da nicht mehr sicher.

„Sie hatten keine Angst, selbst getroffen zu werden?“, hakte ich nach.

„Natürlich hatte ich das! Ich war einen Moment wie erstarrt. Dann ging ich hinter der Geisterbahn in Deckung.“

„Warum sind Sie nicht dort geblieben, bis die Polizei eintraf?“

„Weil...“ Sie brach ab, biss sich auf Lippe.

„Weil Sie schnell genug hier her kommen wollten, um in Jimmy Talabanis Appartement jegliche Spuren Ihrer Existenz zu vernichten“, vermutete ich. „Darum tragen Sie die Latexhandschuhe. Oder können Sie mir einen anderen, halbwegs plausiblen Grund dafür nennen, dass Sie – kurz nachdem Ihr Lebensgefährte ermordet worden ist! – Ihre Sachen packen und anfingen, das Bad zu reinigen!“

„Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal so unter Schock standen, dass Sie glaubten, Ihr Kopf explodiert. Wahrscheinlich sind Sie durch Ihren Job so abgebrüht, dass es Ihnen nichts mehr ausmacht, wenn sechs Menschen vor Ihren Augen sterben.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich in all meinen Dienstjahren nie an derartige Dinge gewöhnen konnte“, erklärte ich ihr mit großem Ernst. „Ganz gleichgültig, wer auch das Opfer sein mag, ob Männer, Frauen, Kinder, ob Unschuldige oder Schuldige, ob Gangster oder Kollegen – ein Mord bleibt immer ein Mord und der jeweilige Täter muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden.“

Sie lachte heiser.

„Es hört sich eigenartig an, wenn Sie das sagen, Kommissar Kubinke, dann klingt das fast schon überzeugend. Aber die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Ich glaube nicht, dass das BKA wirklich betrübt über den Tod von Jimmy ist! Sie haben ihn mit allen möglichen Verdächtigungen überzogen, ihm aber bis heute nichts nachweisen können, was vor Gericht Bestand gehabt hätte! Wer weiß, es würde mich nicht einmal wundern, wenn es einer Ihrer Leute gewesen wäre, der ihn auf dem Gewissen hat.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Sie müssen so reden, Kommissar Kubinke. Aber noch kann ich sagen, was ich denke.“

„Wir können uns gerne noch einmal darüber unterhalten, wenn wir den Mörder von Jimmy Talabani hinter Schloss und Riegel gebracht haben.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Rudi wandte sich inzwischen an Dachner und Gonzales und sagte ihnen, dass sie gehen und uns sämtliche noch vorhandene Aufzeichnungen der Videoüberwachung heraussuchen sollten, die in diesem Haus auf sämtlichen Korridoren sowie in den Aufzügen und im Eingangsbereich angebracht waren.

„Wir werden sehen, was wir für Sie tun können“, versprach Dachner. „Allerdings werden die Aufnahmen in regelmäßigen Abständen gelöscht.“

„Das macht nichts“, erwiderte Rudi. „Wenn wir erfahren würden, wer Jimmy Talabani in den letzten Tagen besucht hat, wäre das auch schon eine große Hilfe.“

„Wie Sie meinen.“

Die beiden Wachmänner verließen den Raum.

Ich nahm mir inzwischen die Sporttasche vor, die Jacqueline gepackt hatte. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mir die mal ansehe?“

„Ich wette, es hätte ohnehin keinen Sinn, wenn ich mich dagegen sträuben würde, Kommissar Kubinke.“

„Da haben Sie Recht.“

„Warum fragen Sie dann?“

Ich durchsuchte den Inhalt der Tasche schnell. Es waren ausschließlich persönliche Sachen. Kleidung vor allem. Ein paar Zeitschriften, Socken, Wäsche, ein paar T-Shirts und ein zusammengepferchtes Kleid aus einem Stoff, der das nicht ertrug. Sie hatte zweifellos in sehr großer Eile gepackt. Das war mehr als offenkundig.

Und für diese Eile musste es Gründe geben.

Die junge Frau hob jetzt das Kinn und sah mir geradewegs in die Augen. „Sie wollen also wissen, warum ich mich aus dem Staub machen wollte!“, sagte sie.

„Wenigstens versuchen Sie mir jetzt nicht mehr etwas anderes einzureden.“

„Hören Sie, Kommissar Kubinke. Ich habe Jimmy geliebt – aber er hatte Geschäftspartner, die ein äußerst unangenehme Auftreten hatten, wenn Sie verstehen was ich meine. Ich wollte keinem von denen begegnen.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wollten Sie nicht vielmehr uns aus dem Weg gehen?“

Diesmal begegnete sie meinem Blick.

„Und wenn schon! Bringt es mir Jimmy zurück, wenn ich Ihre Fragen beantworte?“ Ihr Tonfall bekam jetzt eine ungewohnte Schärfe. „Aber wenn irgendjemand von Jimmys Partnern herausbekommt, dass ich mit dem BKA geredet habe, dann fragen die sich gleich, ob ich Ihnen nicht irgendetwas verraten habe, was...“ Sie verschluckte den Rest.

„Was wissen Sie über Talabanis Geschäfte?“, fragte jetzt Rudi.

Jacqueline wandte den Kopf in seine Richtung.

„Das ist es ja. Ich könnte Ihnen noch nicht einmal etwas darüber sagen, weil ich nie etwas davon mitbekommen habe“, behauptete sie. „Das bedeutet allerdings nicht, dass ein paar andere Leute davon überzeugt sein könnten, dass ich sehr wohl etwas darüber weiß und an die Polizei verraten könnte.“

Rudi hob die Augenbrauen. Er gab sich keine Mühe, seine Zweifel zu verbergen. „Und das sollen wir Ihnen wirklich glauben?“, fragte mein Kollege.

„Warum denn nicht? Jimmy hat mir nichts gesagt und ich habe auch nicht gefragt. Es reichte mir völlig, zu wissen, dass Jimmy jemand war, der die Taschen immer voller Geld hatte.“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und ließen ihr Make-up schon wenig später wie ein Aquarell aussehen.

„Haben Sie eine Ahnung, wer ein Motiv gehabt haben könnte, Herrn Talabani umzubringen?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

„Da kann ich Ihnen wirklich nicht weiterhelfen“, behauptete sie.

Wahrscheinlich wollte sie uns auch gar nicht weiter helfen. Es fragte sich nur, ob das daran lag, dass sie selbst etwas mit dem Mord zu tun hatte oder ob sie wirklich Angst vor Talabanis Familie hatte.

Ich schloss ihre Tasche und gab sie ihr. „Sie können gehen, aber wir brauchen Ihre Aussage noch schriftlich. Melden Sie sich in den nächsten Tagen im BKA. Wissen Sie, wo das ist?“

„Um ehrlich zu sein, war ich noch nie dort, aber ich werde es schon finden.“

„Wo können wir Sie erreichen?“

„Bei meiner Schwester. Ich gebe Ihnen die Adresse!“

„In Ordnung.“

Rudi holte einen Notizblock hervor und reichte ihn ihr.

Sie war zunächst etwas unschlüssig und streifte dann die Latexhandschuhe ab und warf sie in einen Papierkorb. „Ich bin gegen die Putzmittel allergisch“, meinte sie, so als glaubte sie, unbedingt noch erklären zu müssen, weshalb sie diese Handschuhe benutzt hatte.

Anschließend nahm sie den Block und schrieb darauf mit zierlicher Handschrift die Adresse und Telefonnummer ihrer Schwester auf.

Ich überprüfte die Telefonnummer.

Eine gewisse Tyra Berentzen bestätigte mir, eine Schwester namens Jacqueline zu haben. Ich gab das Handy an Jacqueline weiter.

Diese kündigte an, gleich bei ihr einzutreffen und für ein paar Tage zu bleiben. Was ihre Schwester sagte, konnte ich natürlich nicht verstehen. Aber Jacqueline sagte zweimal: „Später... Nein, später...“ Ich konnte mir schon denken, was da los war. Solange ich zuhörte, wollte sie auf die bohrenden Fragen ihrer Schwester offenbar nicht antworten und ich hatte mehr als nur ein unbestimmtes Gefühl, dass es sich mit Jimmy Talabanis schöner Freundin so verhielt wie mit der berühmten Spitze eines Eisberges, von dem neun Zehntel unter der Wasseroberfläche verborgen blieben.

„Tja, das wär's dann“, meinte Jacqueline anschließend.

„Wir werden uns sicher noch wiedersehen.“

„Soll das ein Versprechen oder eine Drohung sein?“

„Das hängt wohl ausschließlich von Ihnen ab.“

„Wie auch immer...“

Anschließend hatte es Jacqueline ziemlich eilig, zu verschwinden.

Rudi machte keine Hehl daraus, dass er unzufrieden mit mir war. „Warum hast du sie so hart angefasst, Harry?“, fragte mein Kollege, nachdem Jacqueline Berentzen das Penthouse verlassen hatte.

„Das fragst du im Ernst?“

„Ja!“

„Weil sie uns von vorne bis hinten angelogen hat, Rudi. Das sieht doch ein Blinder! Leider haben wir nichts in der Hand, um sie festzuhalten. Einen Putztick zu bekommen, nachdem der Lebensgefährte erschossen wurde, ist leider kein Straftatbestand!“

Rudi atmete tief durch. „Harry, vielleicht stand sie nicht ganz so sehr unter Schock, wie sie versuchte uns vorzumachen...“

„Sie sollte es als Nebendarstellerin bei einer Soap versuchen!“, unterbrach ich meinen Kollegen.

„...und sehr wahrscheinlich hat sie alles so schön geputzt, um unseren Befragungen zu entgehen und sich Ärger zu ersparen. Aber wenn sie tatsächlich nicht Jimmys Lebensgefährtin ist, wie sie behauptet, sondern nur eine Edel-Nutte, so wie ich vermute, dann hat sie allen Grund dazu.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, da muss mehr dahinter stecken.“

„Und was schwebt dir da bitte schön so vor?“, fragte Rudi.

„Überleg doch mal! Jemand muss gewusst haben, dass Jimmy Talabani im Fun Park auftauchen würde. Schließlich hat der Killer im siebten Stock des Büroturms nur darauf gewartet, dass Talabani auftauchte.“

„Du denkst, dass diese Jacqueline ihn dort hingelockt hat.“

„Natürlich, Rudi!“

„Sie selbst hat es genau umgekehrt dargestellt!“, gab Rudi zu bedenken.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das würde ich an ihrer Stelle auch so machen“, erwiderte ich. „Tatsache ist jedenfalls, dass der Besuch des Fun Parks kein spontaner Plan gewesen sein kann. Zumindest der Killer hat jedenfalls vorher davon gewusst, dass sich für ihn eine Gelegenheit ergeben würde, Jimmy Talabani umzubringen. Das dürfte anhand des Tatablaufs wohl feststehen.“

„Angesichts der Größe des Geländes kann man sich sogar fragen, ob der Killer nicht sogar genau wusste, dass Big Jimmy eine ganz gestimmte Geisterbahn aufsuchen würde“, ergänzte Rudi. „Aber wir können Jacqueline Berentzen bis auf weiteres einfach nicht beweisen, dass sie es war, die Talabani dorthin gelockt hat, damit irgendein Profikiller ihn und seine Leute über den Haufen schießen kann. Zumal es auch noch andere Gründe für ihn gegeben haben könnte, im Fun Park vorbeizuschauen.“

„Du meinst, er wollte sehen, was seine Geldwaschanlage so macht?“

„Wäre doch auch möglich, oder?“

„Ich weiß nicht.“

„Alte Ermittlerweisheit: Keine Ermittlungsrichtung vorschnell ausschließen.“

„Ich kenne da eine noch Ältere!“

„Ach, ja?“

„Alles ausschließen, was unwahrscheinlich ist, und das was übrig ist muss die Wahrheit sein. Und ich glaube, die Möglichkeit, die du gerade genannt hast, klingt einfach nicht besonders einleuchtend.“

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Wir durchsuchten die Wohnung und forderten außerdem noch Unterstützung der Spurensicherung an.

Da die Kollegen des Erkennungsdienstes der Kripo im Moment mehr als überlastet war und sich die Untersuchungen rund um den Fun Park mit Sicherheit noch den Rest des Tages hinziehen würden, kamen in diesem Fall unsere BKA-eigenen Erkennungsdienstler zum Einsatz. Es handelte sich zum einen um Kommissar Sami Oldenburger.

Er wurde begleitet von Kommissar Mike Roth, einem Computerspezialisten, dessen Aufgabe es war, den Rechner genauer unter die Lupe zu nehmen, den wir in Talabanis Penthouse gefunden hatten.

Insgesamt fand sich so gut wie nichts in der Wohnung, was uns irgendwie weitergebracht hätte. Die Wohnung wirkte so steril, als wäre sie in letzter Zeit unbewohnt gewesen. Jacqueline hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.

Kommissar Roth fand heraus, dass Jimmy Talabani offenbar seinen Rechner hauptsächlich zur Teilnahme an Online-Rollenspielen benutzt hatte.

Auffällig war, dass offenbar eine Email gelöscht worden war, wie Roth herausfand.

„Und zwar zu einer Zeit, als Jimmy Talabani schon tot und Jacqueline Berentzen höchstwahrscheinlich allein in dieser Wohnung war!“, berichtete unser Computerspezialist. „Festplatten sind wie Elefanten, sie vergessen so gut wie nichts.“

„Einen Grund, um sie noch mal zu befragen, hätten wir also schon“, meinte Rudi.

Eine halbe Stunde später stießen wir auf einen Safe, der in die Wand eingelassen war und die Geschäftsbücher einer Im- und Exportfirma in der Nähe enthielt, an der Talabani beteiligt war. Ich blätterte die Abrechnungen kurz durch. Darum würde sich Kommissar Tim Kleinert, unser Fachmann für Betriebswirtschaft kümmern müssen. Aber schon bei der oberflächlichen Durchsicht fielen mir die Abrechnungen über eine ganze Schiffsladung von Kinderkarussells, Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften aus. Es musste sich um eine gewaltige Ladung handeln, von der jetzt der größte Teil wohl auf dem Fun Park in Aktion zu bewundern war.

Zwei Dinge waren merkwürdig.

Einerseits erschien mir der Preis sehr gering - aber da ich von diesem Markt nicht den Hauch einer Ahnung hatte, musste ich da erst einmal selbst schlau machen.

Die zweite Merkwürdigkeit war die Herkunft der Ware.

„Rudi, hast du schon mal gehört, dass Spielgeräte für einen Vergnügungspark aus Usbekistan importiert werden?“

„Ich wusste gar nicht, dass man da so etwas überhaupt herstellt“, gab Rudi zurück.

„Genau das meine ich. Und ausrangierte Geräte, die man nochmal flott machen kann, gibt es doch sicher auch bei uns im Land viel leichter zu besorgen, als ausgerechnet in der Steppe Zentralasiens!“

„Nur keine Vorurteile“, erwiderte Rudi. „Kasachstan zum Beispiel soll sich erst vor ein paar Jahren eine ultramoderne neue Glitzer-Hauptstadt mitten in der Wildnis geleistet haben, wie ich in der Berliner Zeitung gelesen habe. Ein Ort, der sicher auch einen Vergnügungspark bekommen hat.“

Irgendwie passten in diesem Fall ein paar Dinge einfach nicht so zusammen, wie es hätte sein sollen. Der Grund dafür war eigentlich immer derselbe: Wir wussten noch nicht alles. Wesentliche Informationen fehlten und dann ist es unausweichlich, dass man zu falschen Schlüssen kommt.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Krabben, die vor Labrador gefangen und auf dem Fischmarkt von Hamburg verkauft werden, schickt man vorher nach Marokko, um die Schalen entfernen zu lassen“, meinte ich. „Warum sollten also die Geräte eines Vergnügungsparks bei Berlin nicht aus Zentralasien kommen?“

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Abdullah Al-Khalilis Gesicht verzog sich zur Grimasse, als er die Gestalten hinter dem Mauervorsprung auftauchen sah. Sie versuchten davonzurennen. Aber Abdullah Al-Khalili dachte nicht daran, ihnen auch nur den Hauch einer Chance zu lassen.

„Keine Überlebenden!“, brüllte er mit heiserer Stimme. „Kein Pardon!“

Er fasste die Maschinenpistole vom Typ MP 7 der Firma Heckler & Koch mit beiden Händen und drückte ab.

Die Waffe knatterte los.

„Ihr Bastarde!“, schrie Al-Khalili, wobei sein heiserer Ruf durch das Geknatter der Maschinenpistole akustisch regelrecht zerhackt wurde.

Das Mündungsfeuer blitzte auf, als die Körper der Flüchtenden wie Marionetten unter Dutzenden von Treffern zuckten und zu Boden gingen.

Manche dieser Männer schafften es noch, ihre eigenen Waffen empor zu reißen. Hier und da blitzte Mündungsfeuer von schlecht gezielten Schüssen auf.

Abdullah Al-Khalili nahm darauf keine Rücksicht.

Ob er selbst Treffer erhielt, war ihm gleichgültig, für ihn zählte in diesem Augenblick nur eins.

Die Vernichtung seiner Gegner.

Jeden einzelnen von ihnen wollte er unter dem Beschuss von Dauerfeuer seiner MP 7 zucken und sich winden sehen.

Einer nach dem anderen sank in den Staub.

Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn, als der letzte von ihnen mit einem halben Dutzend, fast gleichmäßig über den gesamten Torso verteilten Treffern förmlich an die Hauswand genagelt wurde, die sich hinter ihm befand. Er rutschte zu Boden und zog eine Blutspur hinter sich her.

Abdullah Al-Khalili feuerte noch auf seinen Gegner, als er längst regungslos und wie ein Fötus zusammengekrümmt am Boden lag.

Dann war es vorbei.

Al-Khalili atmete tief durch und senkte endlich die Waffe. In seinen Augen stand noch immer ein seltsames Leuchten, das jeden, der ihn nicht kannte, zutiefst befremden musste.

Von seinen Leuten ließ er sich gerne ‚Duce’ nennen - so wie Benito Mussolini, den er als den größten Staatsmann der vergangenen drei Jahrhunderte verehrte. Mehr als Hitler. Der war ihm dann doch eine Spur zu irre. Und Stalin hatte was gegen privates Kapital und freies Unternehmertum gehabt.

Al-Khalili interessierte sich sehr für Geschichte.

Das einzige Fach, dass ihn in der Hauptschule wirklich interessiert hatte.

Mit dem italienischen Diktator aus der Zeit des Faschismus hatte Al-Khalili immerhin den fast haarlosen Kopf gemein.

Al-Khalili war ein sehr großer, massiver Mann. Fast zwei Meter lang und mit einer Figur, die an einen etwas aus der Form geratenen ehemaligen Boxer erinnerte.

Die Splitterweste spannte in der Bauchgegend.

Al-Khalili schleuderte die MP 7 von sich und riss sich die Weste vom Leib. Die Klettverschlüsse verursachten dabei charakteristische, ratschende Geräusche.

Auch die Weste warf er einfach zu Boden.

Ein letztes Mal würdigte er die Leichen eines kurzen Blickes. Ein erstarrtes Stillleben des Schreckens. In der Mitte erschien eine Schriftanzeige.

„Simulation beendet. Sie wurden von vier Projektilen getroffen. Achten Sie mehr auf die Eigensicherung. Wünschen Sie eine Detailübersicht? Ja - nein. Ins Menue gehen? Ja - nein.“

„Mustafa!“, brüllte Al-Khalili. Jetzt erst zog er sich Stöpsel aus den Ohren und warf sie einfach weg. Schließlich hatte er genug gut bezahltes Personal, das für Ordnung sorgte.

„Ja, Chef?“, kam eine Stimme aus dem Off.

„Schalten Sie die verdammte Projektion ab!“

„Sofort, Chef.“

„Aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!“

„Ja, sofort.“

„Anscheinend bin ich nur von Idioten umgeben! Unfähigen Stümpern! Nichtsnutzigen Weichlingen! Schwulen Ärschen! Und mit solchen Leuten soll man eine Organisation am laufen halten! Pah! Man sollte euch alle rausschmeißen!“

Während die Szene hinter ihm verblasste, drehte sich Al-Khalili um und verließ den Simulationsraum. Er fühlte sich jetzt besser.

Mustafa Caprese, ein drahtiger Kerl mit Bodybuilderfigur trat auf ihn zu. Er war der beste Mann unter der Kompanie von hoch spezialisierten Bodyguards, für die Al-Khalili ein kleines Vermögen ausgab. Aber Mustafa war jeden Cent davon wert. Er war lange Jahre Scharfschütze in der Fremdenlegion und später Ausbilder gewesen, hatte sich danach mit einem Trainingscamp zur Ausbildung von Bodyguards selbstständig gemacht, aber dabei in geschäftlichen Dingen keine glückliche Hand gehabt. Vor fünf Jahren hatte Al-Khalili ihn angeheuert. Seitdem hatte er wieder einen ruhigen Schlaf, denn ganz gleich, welche Waffe Mustafa auch gerade in den Händen hielt - seine Trefferquote war außergewöhnlich hoch. Darüber hinaus hatte er auch noch eine solide Ausbildung in Karate.

„Wollen Sie noch ein anderes Programm versuchen?“, fragte Mustafa.

Al-Khalili machte eine wegwerfende Handbewegung und knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. „Das reicht für heute“, meinte er dann.

„Wie Sie wollen.“

„Sehen Sie zu, dass Sie in nächster Zeit mal etwas Abwechslung in diesen Schießstand bringen“, meinte Al-Khalili. „Auf die Dauer macht es keinen Spaß, immer dieselben Typen abzuknallen.“

„Ich verstehe, was Sie meinen, Chef.“

„Will ich hoffen.“

Ein Summton ertönte.

Al-Khalili ging zu dem Schalter der hausinternen Sprechanlage.

„Was gibt es?“, fragte er unwirsch, nachdem er den Schalter betätigt hatte.

„Walid Tawil wartet im blauen Salon“, meldete sich eine männliche Stimme.

„Er muss sich noch ein bisschen gedulden. Ich werde erst einmal duschen...“

„Er sagt, es wäre sehr wichtig!“

„Bestellen Sie ihm, er soll sich nicht in die Hose machen, dieses Sensibelchen!“ 

Al-Khalili unterbrach die Verbindung. Er fluchte leise vor sich hin. Dieser Feigling!, dachte er. Walid Tawil war sein Großneffe und außerdem einer seiner Unterbosse. Al-Khalili hatte ihm den Rang eines Captain in seiner Organisation nur deswegen eingeräumt, weil er Walids Vater einen Gefallen schuldig gewesen war.

„Er soll warten“, bestimmte Al-Khalili. „Ich gehe erst einmal unter die Dusche.“

„Ja, Chef.“

„Dieser Idiot kann ich mal. Und ich hab nichts dagegen, wenn ihm das auch ausgerichtet wird! Wenn bei uns alle so eine lasche Einstellung wie Walid hätten, dann würde der Laden längst nicht mehr laufen!“

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Walid Tawil trat öffentlich nur als Walter Tawil auf, um deutscher zu wirken. Einen deutschen Pass hatte schon sein Vater gehabt, aber offenbar versprach er sich Vorteile davon, auch seinen Vornamen einzudeutschen. Darum hatte er sogar mehrere Prozesse geführt. Für den Clan-Patriarchen blieb er jedoch Walid. Nach Ansicht von Abdullah Al-Khalili verleugnete er damit seine libanesische Herkunft und die Tradition seiner Familie, was in den Augen des Clan-Patriarchen nur ein weiteres Indiz dafür war, dass Walid keinen Charakter hatte. Tawil hatte mit Ach und Krach ein Jurastudium hinter sich gebracht und besaß sogar eine offizielle Zulassung als Anwalt. Immerhin.

Trotzdem...

Jemandem, der seine Familie verleugnete, nur um den Vorurteilen vieler Kartoffel-Deutscher Seinesgleichen aus dem Weg zu gehen, war alles zuzutrauen, so fand Al-Khalili.

Inklusive Verrat.

Der blaue Salon befand sich im Obergeschoss von Al-Khalilis Villa. Von hier aus hatte man einen hervorragenden Ausblick.

Als Al-Khalili den Salon betrat, stand an der Fensterfront ein Mann, den er hier jetzt nicht erwartet hatte. Der Mann war grauhaarig, vielleicht Mitte siebzig, mit wettergegerbter, von einem Faltenrelief durchzogener Haut. Die Nase sprang hervor und entsprach einem klassischen Profil.

Das war Raimund Scirea. Der alte italo-deutsche Geschäftsmann hatte in der Al-Khalili-Familie schon Abdullah Al-Khalilis Vater beraten und ihm viele Wege geöffnet. Abdullahs Vater war ein Fan der 'Pate'-Filme gewesen. Darum hatte er in seiner Organisation den Rang eines Conciliere eingeführt, wie er in der italienischen Mafia üblich war.

Conciliere – der Berater des Vertrauens.

Genau das war Raimund Scirea bis heute.

Und mit seinen guten Verbindungen in die Berliner Geschäftswelt hatte er dem Al-Khlalili-Clan schon des Öfteren sehr geholfen.

Er hatte außerdem maßgeblich daran mitgewirkt, dass Abdullah seine jetzige Position innerhalb des Geschäfts hatte erreichen und über Jahre hinweg halten können.

Wenn Raimund Scirea hier auftauchte, musste irgendetwas Wichtiges anliegen, war Al-Khalili sofort klar.

Raimund Scireas Blick war gedankenverloren in die Ferne gerichtet.

Mit einem Ruck drehte er sich herum.

Seine leuchtend blauen Augen musterten Abdullah.

Neben ihm verblasste die eher schmächtige Erscheinung von Walid 'Walter' Tawil sichtlich.

„Onkel Abdullah, wie lange willst du noch warten?“, fragte Walid Tawil ziemlich ungehalten – und für Abdullah Al-Khalilis Geschmack entschieden zu respektlos. „Jimmy ist umgebracht worden – ironischerweise auch noch auf dem Gelände dieses Fun Park, den er mit deinem Geld betreibt!“

„Du solltest deine Tonfall mäßigen!“, schnitt Abdullah Al-Khalili ihm das Wort ab.

Aber dieser Auftritt war durchaus typisch für Walid 'Walter' Tawil. Große Ansprüche stellen und wenig dafür leisten. Das konnte Abdullah Al-Khalili nicht ausstehen.

„Wie lange willst du noch warten?“, fragte Walid Tawil, ohne dass dabei sein Tonfall auch nur eine Nuance an Schärfe verlor. „Bis wir alle umgebracht worden sind? Da rasiert ein Wahnsinniger die halbe Führungsriege unserer Organisation einfach weg und der große Patron tut gar nichts! Onkel Abdullah, was glaubst du, was da draußen auf den Straßen geredet wird? Was hast du überhaupt für eine Vorstellung davon, was derzeit im Kiez los ist, wo unsere Leute ihr Geld im täglichen Konkurrenzkampf mit den Drogendealern der Balkan-Connection, mit den Russen, den schwarzen Dealern oder Straßengangs, die es auf eigene Faust versuchen, verdienen müssen? Da braut sich etwas zusammen, und du willst das einfach nicht sehen!“

Walid 'Walter' Tawil machte eine wegwerfende Handbewegung und fuhr sich anschließend durch das Haar und strich es mit einer fahrigen Geste nach hinten.

„Hat dir deine Frau eingeredet, dass du hier auftauchen sollst?“, fragte Al-Khalili. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass sie eine Hysterikerin ist und du früher oder später unter ihrem Pantoffel stehen wirst. Man sollte sich von Frauen nicht in die Geschäfte reinreden lassen, das ist mein fester Standpunkt. Und jetzt beruhige dich etwas.“

Walid Tawil verengte etwas die Augen. „Du hast gut reden, Onkel Abdullah! Schließlich hast du dich ja weit genug abgesetzt, hier her, in deine Villa, von der du auf die City hinabblicken kannst und gar nicht mehr mitbekommst, was da eigentlich abgeht. Du hast den Instinkt der Straße verloren, Onkel Abdullah! Jeder weiß, dass die Balkan-Connection hinter den Morden an unseren Leuten steht. Man erzählt es sich überall und fragt sich, wie lange der Mann, der sich gerne als Duce von Kreuzberg bezeichnen ließ, eigentlich noch warten möchte, bevor er so etwas wie eine Reaktion zu zeigen bereit ist!“

Abdullah Al-Khalili holte rief Luft, um zu einer Erwiderung anzusetzen. Aber überraschenderweise kam Raimund Scirea ihm zuvor.

„Abdullah, vielleicht hat der junge Kerl hier nicht ganz den Ton getroffen, der angemessen gewesen wäre...“, sagte Scirea und war sichtlich bemüht, die Situation zu entschärfen.

Al-Khalilis Mund wurde ein dünner Strich. „Wenn ich nicht in der Schuld deines Vaters stünde, würde ich ihn auf der Stelle umbringen!“, knurrte er dann einen Augenblick später. Sein Teint war dunkelrot geworden vor Zorn.

„...aber ich muss ihm in der Sache recht geben“, vollendete Raimund Scirea seinen Satz. „Wir müssen zurückschlagen und zeigen, dass wir Zähne haben, sonst denken zu viele, dass da vielleicht nur noch der blanke Gaumen eines alten Mannes ist.“

Ein Muskel zuckte knapp unterhalb von Abdullah Al-Khalilis linkem Auge. „Du kennst Darko Grusic viel länger als ich...“

„Das ist richtig.“

„Du warst es, der mich einst mit dem Kontaktmann der Balkan-Connection hier in Berlin bekannt gemacht hat!“

„Wir haben über Jahre hinweg gute Geschäfte gemacht!“

„Ich habe mich mit ihm getroffen und er hat mir sein Wort gegeben, dass er nichts mit dem Tod meiner Leute zu tun hat! Vielmehr hätte er selbst in letzter Zeit auch zwei seiner Unterbosse unter mysteriösen Umständen verloren.“

Raimund Scirea trat näher an Abdullah heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben gute Jahre hinter uns, Abdullah. Sehr gute Jahre...“

Der große Boss hob die Augenbrauen.

Dieser sanfte Tonfall machte ihn nur um so misstrauischer.

„Wir wollen nicht übertreiben“, murmelte Abdullah Al-Khalili. „Aber ich beklage mich ja auch nicht.“

„Immerhin konnten die hässliche Seite des Geschäfts den Bluthunden auf der Straße überlassen und können es uns leisten, die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen und uns in Paläste wie diese Villa hier zurückzuziehen. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei.“

Al-Khalili runzelte die Stirn und sah Raimund Scirea verwundert an. Die verbindlichen Worte des Conciliere waren also nichts anderes als eine Ouvertüre gewesen, und jetzt kam das, was er eigentlich zu sagen hatte.

Die bittere Pille, die er von Anfang an hatte verabreichen wollen. Bisher hatte er sich das allerdings wohl nicht getraut.

Der große Boss sah seinen Conciliere mit vor unterdrücktem Zorn funkelnden Augen an.

„Was redest du da?“, fauchte Al-Khalili. Er verzog den Mund und öffnete ihn auf eine Weise, die dem Zähne zeigen von Raubtieren mehr ähnelte als einem gepflegten Lächeln.

Raimund trat einen Schritt näher.

Er hielt dem Blick von Abdullah Al-Khalili stand.

Eisern.

„Wir sind zu weich geworden, Abdullah.“ Ein Satz für ein Todesurteil. Raimund Scirea sprach sehr ruhig und leise. „Die Balkan-Connection hat ihre Politik geändert. Dafür sprechen verschiedene Tatsachen, auf die ich dich in der letzten Zeit immer wieder hingewiesen habe – und ich war nicht der einzige. Darko Grusic mag ein Ehrenmann sein oder nicht – ich glaube, dass er entweder lügt oder gar nicht in das eingeweiht ist, was ein paar große Bosse beschlossen haben.“

„Jedenfalls ist die Zeit, in der wir annehmen konnten, dass die Balkan-Connection nur eine friedliche Koexistenz mit uns anstrebt, wohl vorbei!“, ergänzte Walid Tawil.

Aber Abdullah Al-Khalili beachtete Walid nicht weiter.

Stattdessen wandte er sich an den Conciliere.

„Raimund, du weißt, was das bedeuten würde, wenn wir gegen Grusics Leute losschlagen würden!“, meinte Al-Khalili und machte dabei eine weit ausholende Geste.

Raimund nickte. „Es wird Krieg geben“

„Allerdings!“

„Und zwar in einem Ausmaß, wie Berlin ihn lange nicht gesehen hat.“

Abdullah Al-Khalili schluckte. „Genau das möchte ich vermeiden. Ein Krieg nützt niemandem, das wissen wir alle. Friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit ist doch am Ende für alle ertragreicher!“

Raimund Scirea zuckte ungerührt mit den Schultern.

In seinem undurchdringlichen, wie aus Stein gemeißelt wirkenden Gesicht war keinerlei Regung erkennbar.

„Sag das den Ballkan-Leuten, Abdullah“, schlug der Conciliere dann mit leisem Spott in der Stimme vor. „Die haben den Krieg längst erklärt.“

„Ach, ja?“

„Du merkst es nicht einmal.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen. Abdullah Al-Khalili trat an die Fensterfront heran.

„Ich war keineswegs untätig“, erklärte er schließlich, wandte dabei den Kopf und fixierte Walid 'Walter' Tawil dabei auf eine Weise, die diesem äußerst unangenehm war. „Ich habe ein paar Leute losgeschickt, die der Sache auf den Grund gehen sollen. Die haben schon einiges herausbekommen, was ich eigentlich gar nicht wissen wollte, Walid.“ Abdullah Al-Khalili lächelte kalt. „Aber du hast natürlich keinerlei Vorstellung davon, was ich da meinen könnte, oder Walid?“

Walid 'Walter' Tawil schluckte.

„Nein. Natürlich nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Keine Ahnung, was du meinst, Großonkel.“

„Geh jetzt, Walid. Ich möchte noch etwas mit meinem Conciliere unter vier Augen besprechen!“

Das war wie eine Ohrfeige für Walid Tawil.

Und genauso hatte Abdullah Al-Khalili es auch gemeint.

Die Blicke beider Männer begegneten sich noch für einen kurzen Moment.

Walid sagte kein einziges Wort mehr und verließ den Raum. Es war ihm anzusehen, dass er kurz vor der Explosion stand.

„Was haben deine Leute über ihn herausgefunden, Abdullah?“, fragte Raimund.

„Zum Beispiel, dass er mich betrügt“, erklärte Abdullah.

„Walid? Dein eigener Großneffe?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Ich sollte vielleicht mit dem Gegenschlag in den eigenen Reihen beginnen!“

Beide Männer schwiegen einen Augenblicke. Schließlich ergriff Raimund Scirea noch einmal das Wort und sagte: „Du musst Zähne zeigen, Abdullah. Etwas anderes bleibt dir gar nichts übrig.“

„Davon bin ich langsam auch überzeugt, Raimund.“

„Je schneller du etwas unternimmst, desto besser ist die Chance, dass du das Ganze noch zu einem positiven Ende führen kannst!“, glaubte der Conciliere.

Eine deutlich sichtbare Falte erschien auf der Stirn von Abdullah Al-Khalili. „Und was schlägst du da vor?“

„Engagiere ein paar diskrete Hit-men und lass sie ein paar von den Balkan-Leuten umlegen. Es muss ja nicht gerade Darko Grusic persönlich sein, mit dem sind wir schließlich immer ganz gut ausgekommen.“

„Wir wissen nicht, ob die Balkan-Leute wirklich unsere Feinde sind.“

„Spielt das eine Rolle, Abdullah? Hauptsache, deine eigenen Leute glauben wieder, dass du sie beschützt. Denn genau das erwarten sie von dir.“

„Ich werde tun, was nötig ist“, versprach er.

Sein Tonfall war eisig, aber Raimund Scirea schien das nicht zu bemerken.

„Da ist noch etwas, worüber wir reden müssen“, erklärte Raimund dann.

Abdullah hob erstaunt die Augenbrauen.

„So?“

„Es geht um diese Frau, mit der Jimmy seit kurzem zusammenlebte.“

„Irgend so ein deutsches Flittchen wahrscheinlich. Große Dinger, nichts in der Birne.“

„Wir sollten trotzdem dafür sorgen, dass sie sich ruhig verhält. Schließlich wissen wir nicht, was Big Jimmy ihr möglicherweise so alles über seine Geschäfte erzählt hat oder was die Frau davon mitbekam. Aber ich denke, ein großzügiger Scheck könnte die Sache regeln.“

„Meinst du?“

„Meine ich.“

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Wir saßen morgens im Besprechungszimmer unseres Chefs. Kriminaldirektor Jonathan D. Bock, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein Gesichtsausdruck wirkte besorgt. „Ein Killer, der so viele Personen auf eine Entfernung von über 400 Meter mit dieser Präzision zu töten vermag, muss ein wirklich exzellenter Schütze sein.“

„Wir vermuten, dass er eine Scharfschützenausbildung in der Bundeswehr, Fremdenlegion, U.S. Army oder in irgendeiner Spezialeinheit der Polizei genossen hat“, erklärte Kommissar Max Herter, ein Innendienstmitarbeiter aus unserer Fahndungsabteilung. „Andererseits könnte dieser Hit-man auch aus dem Ausland eingeflogen worden sein.“

„Lässt sich möglicherweise anhand der Waffe der Täterkreis einschränken?“, erkundigte sich Jürgen Caravaggio. Der flachsblonde Italodeutsche war der Stellvertreter unseres Chefs. „Schließlich handelt es sich um eine Spezialwaffe, die nicht in allzu großer Stückzahl hergestellt worden ist!“

Kriminaldirektor Bocks Blick wandte sich unserem ebenfalls anwesenden Chefballistiker Ludwig Valkensee zu.

„Vielleicht können Sie uns zu diesem Themenkomplex etwas sagen, Ludwig.“

„Gerne“, antwortete Valkensee. „Zunächst einmal konnten wir feststellen, dass sich die Vermutung bestätigt hat, wonach Jimmy Talabani mit derselben Waffe und vermutlich daher auch vom selben Täter erschossen wurde, wie die anderen Unterbosse aus dem Al-Khalili-Syndikat. Das heute Morgen eingetroffene ballistische Gutachten unserer Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst lässt daran nicht den Hauch eines Zweifels. Der Typ des benutzten Spezialgewehrs stand ja bereits vorher auf Grund der aufgefundenen Patronenhülsen fest. Ich hatte deswegen schon vor Eintreffen des Gutachtens des Balllistikers der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst mal anhand der verschiedenen Datenbänke, zu denen wir Zugang haben, recherchiert, wie viele Morde überhaupt mit einer MK-32 begangen wurden.“

„Sie nehmen an, dass der Täter auch früher schon eine Vorliebe für dieses Gewehr gehabt haben könnte“, meinte Kriminaldirektor Bock.

Ludwig nickte entschieden.

„Ja, genau.“

„Und?“

„Es gab vor drei Jahren eine Mordserie in Hamburg. Insgesamt zwölf hochrangige Gangster aus den Führungsetagen des organisierten Verbrechens sind seinerzeit mit einer MK-32 ermordet worden. Der sogenannte St. Pauli-Krieg. Man fand das Gewehr schließlich im Kofferraum eines als gestohlen gemeldeten Fahrzeugs.“

„Dann hatte der Kerl ja auch einen triftigen Grund, die Waffe zu wechseln“, mischte sich unser ebenfalls anwesender Kollege Olli Medina in das Gespräch ein.

„Gab es denn außer der Verwendung derselben Waffe noch weitere Parallelen?“, wandte ich mich an Ludwig.

Er schüttelte den Kopf.

„Leider nein.“

„Ich dachte da zum Beispiel an die seltsame Anordnung der Patronenhülsen.“

„Dies ist der erste von sämtlichen in Betracht kommenden Mordfällen, in denen der Täter die von der Waffe geworfenen Patronenhülsen auf diese Weise angeordnet hat. Das unterscheidet den Mordfall Jimmy Talabani von den anderen dieser Serie - falls es sich um eine solche handeln sollte.“

„Was geschah in den anderen Fällen mit den Patronen?“ fragte ich.

„Bei den Morden in Hamburg sind niemals Patronenhülsen gefunden worden“, berichtete Ludwig. „Wir müssen daher annehmen, dass er die aufgesammelt oder sich eine Vorrichtung konstruiert hat, die die Hülsen auffängt. Die MK-32 ist eine Waffe für den Einsatz beim Militär und anderen Sicherheitskräften, die haben normalerweise kein Interesse daran, Spuren ihrer Anwesenheit zu verwischen.“ Ludwig machte eine kurze Pause, die er dazu nutzte, einen Schluck des köstlichen und im gesamten Präsidiums gerühmten Kaffees zu sich zu nehmen, den Kriminaldirektor Bocks Sekretärin Mandy gebraut hatte.

Schließlich fuhr er fort: „Bei sämtlichen Morden in und um Berlin, bei denen bislang ausnahmslos Unterbosse des Al-Khalili-Clans ums Leben kamen, wurden die Hülsen einfach dort liegen gelassen, wo sie von der Waffe ausgeworfen wurden.“

Rudi hob die Augenbrauen.

„Unser Super-Profi scheint nachlässig geworden zu sein“, meinte er.

„Oder er fühlt sich so sicher, dass er sich gar nicht mehr vorzustellen vermag, dass ihm eine Horde Ermittler auf den Fersen sein könnte“, vermutete Jürgen.

Kriminaldirektor Bock zuckte die Schultern und nahm die Hände aus den Hosentaschen.

„Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um denselben Killer, was wir noch nicht mit letzter Sicherheit wissen“, gab er zu bedenken. Er wandte sich Max Herter. „Ich möchte, dass Sie herauszufinden versuchen, ob es irgendwelche aktuellen Verbindungen des Al-Khalili-Syndikats nach Hamburg gibt.“

„Sollten wir uns nicht erst einmal verstärkt darum kümmern, herauszufinden, wer diesen Killer von der Leine gelassen hat?“, fragte Jürgen. „In den Straßen pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Balkan-Connection dahinter steckt.“

Die Balkan-Connection war uns bekannt. Seit Jahren operierte dieses von Serben und Bulgaren dominierte Syndikat auch in Berlin.

Allerdings war die Balkan-Connection dabei unseren Erkenntnissen nach bislang eher auf Kooperation mit den alteingesessenen Banden aus gewesen, als auf Verdrängung. Vielleicht hatten die Balkan-Leute ihre Strategie inzwischen ja geändert, was immerhin eine plausible Erklärung für das geboten hätte, was sich derzeit in der Berliner Unterwelt tat.

„Morgen trifft eine Kollegin ein, die seit langem gegen diese Organisation ermittelt. Ich hoffe, dass sie uns Näheres darüber sagen kann, was diese Bande für unsere Gegend für Pläne hat. Ihr Name ist Branka Suvic. Sie ist Hauptkommissarin beim LKA Hamburg und wird uns beratend zur Seite stehen. Jürgen, ich möchte, dass Sie alles an Informanten aktivieren, was uns derzeit im Kiez an Informanten zur Verfügung steht.“

Jürgen Caravaggio nippte kurz an seinem Kaffeebecher.

„In Ordnung, Chef“, sagte Jürgen dann.

„Ich würde gerne dieser Jacqueline noch einmal auf den Zahn fühlen“, meldete ich mich zu Wort.

Kriminaldirektor Bock wandte sich in meine Richtung.

„Sie sprechen von der Frau, die Jimmy Talabani auf den Fun Park begleitet....“

„...und anschließend fast nichts von dem Attentat mitgekriegt hat“, vollendete ich Kriminaldirektor Bocks Satz. „Ich glaube, sie weiß viel mehr als sie uns bislang gesagt hat. Und dass sie sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, ist ebenfalls ziemlich eigenartig.“

Kriminaldirektor Bock nickte leicht.

„Versuchen Sie Ihr Glück, Harry“, signalisierte er sein Einverständnis.

Jemand wie Kriminaldirektor Bock gab so etwas nicht gerne zu, aber im Moment hatte ich das Gefühl, dass wir in diesem Fall ziemlich im Nebel herumstocherten.

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Im weiteren Verlauf des Tages verbrachten Rudi und ich ein paar Stunden zusammen mit Kommissar Herter in unserem Dienstzimmer. Wir saßen am Computer und führten einen Datenabgleich durch, in dem wir bei unseren Suchanfragen über das Verbundsystem ein bestimmtes Raster anlegten. Gesucht wurde ein Profi-Killer mit Verbindung zum organisierten Verbrechen, der eine Vergangenheit im Militär, der Fremdenlegion, als Söldner oder einer Sondereinheit der Polizei hatte.

Die Trefferquote war gering. Etwa zwanzig Namen tauchten auf. Ein paar von ihnen waren tot, der weitaus größte Teil saß im Gefängnis und nur eine Handvoll war auf freiem Fuß.

Einer war über siebzig und hatte sich wahrscheinlich irgendwo, an einem sonnigen Plätzchen in Südamerika oder Asien zur Ruhe gesetzt, wo ihn bis zu seinem Lebensabend wohl niemand behelligen würde. Auch andere waren schon seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten.

Zumindest hatte man nicht davon Notiz genommen.

Vielleicht hatte der Täter nur seine Methode dahingehend geändert, dass man ihn einfach nicht mehr zu identifizieren und mit seinen früheren Taten in Verbindung bringen konnte.

Aber schließlich hatten wir unter den letzten drei Namen einen Volltreffer. Alle drei wurden wegen mehrfacher Auftragsmorde gesucht und waren seit bis zu vier Jahren untergetaucht.

Einer von ihnen hatte ursprünglich als Türsteher der Nobeldisco STARFIRE in der Tauentzien-Straße angefangen. Das STARFIRE wiederum gehörte mehrheitlich einem Mann namens Darko Grusic, der seinen rasanten Aufstieg unter den Drogenbossen des Berlins der Tatsache verdankte, dass er so etwas wie der Statthalter der Balkan-Connection in der deutschen Haupstadt war.

Der Geburtsname dieses Killers lautete Michael Rejnders.

„Bingo!“, meinte Rudi. „Dieser Rejnders könnte unser Mann sein!“

„Leider wird er sich uns wohl kaum stellen, damit wir ihn in der Sache befragen können“, sagte Max. „Es gibt übrigens sogar eine Verbindung nach Hamburg. Rejnders ist in Hamburg geboren.“

„Eine etwas schwache Verbindung“, erwiderte ich.

Max war anderer Ansicht. „Er könnte sich zwischenzeitlich wieder in Hamburg niedergelassen und dort auch geschäftliche Verbindungen geknüpft haben. Das wäre durchaus ein Ansatzpunkt.“

In diesem Augenblick schneite Jürgen in unser Dienstzimmer.

„Trinkt euren Kaffee aus!“, forderte er uns auf. „Einer unserer Informanten hat sich gemeldet und möchte sich mit uns treffen. Ich brauche ein paar Leute zur Absicherung.“

Ich erhob mich, verzichtete darauf, den inzwischen kalt gewordenen Kaffee auszutrinken, den ich neben dem Computer abgestellt hatte und überprüfte kurz die Ladung meiner Waffe. Rudi tat dasselbe.

„Ich werde hier noch ein bisschen für euch weiter machen“, meinte Max. „Wolltet ihr beiden nicht noch bei Jacqueline Berentzen vorbeisehen?“

„Das werden wir wohl erst einmal verschieben müssen“, erwiderte ich.

Mit zwei verschiedenen Fahrzeugen machten wir uns wenig später auf in Richtung Mitte.

Treffpunkt mit unserem Informanten war ein Billard-Lokal namens PINK BALLS, das als Szenetipp unter Homosexuellen galt. Wir waren alle mit Kragenmikros und Ohrhörern ausgestattet, sodass wir ständig untereinander in Verbindung waren.

Ich stellte den Dienstwagen in einer Seitenstraße ab. Rudi und ich stiegen aus. Kaum eine Minute später trafen unsere Kollegen Jürgen und Olli mit einem metallicgrauen Wagen ein, den sie gleich hinter uns abstellten.

Jürgen und Olli stiegen aus und überprüften den Sitz ihrer Waffen.

„Unser Mann heißt Yussuf Azizi“, sagte Jürgen. „Und dieses Lokal hat er deswegen als Treffpunkt vorgeschlagen, weil er glaubt, dass ihm hierher niemand von seinen Leuten folgen würde!“

Für viele Arabischstämmige war es schlicht unvorstellbar, ein Schwulenlokal zu betreten und sich damit dem Verdacht auszusetzen, eventuell selbst homosexuell zu sein. Daher galten Lokale wie das PINK BALLS als relativ sicherer Treffpunkt für Libanon-Mafia-Informanten.

Trotzdem mussten wir die Augen offen halten.

Ein extern angeheuerter Profikiller hatte vielleicht weniger Skrupel als die eigene Verwandtschaft, was einen Besuch im PINK BALLS anbetraf.

„Azizi, ist das nicht auch einer der Unterbosse des Al-Khalili-Syndikats?“, fragte Rudi.

Jürgen nickte. „Richtig. Und normalerweise steht der Kerl nun wirklich nicht auf unserer Informantenliste. Ich werde mit Olli hineingehen und mit ihm reden. Harry und Rudi, ihr bewacht den Hintereingang, Tommy und Leonhard sind vorne auf der Lauer. Wir bleiben die ganze Zeit über Interlink miteinander in Kontakt. Wenn irgendetwas Ungewöhnliches geschieht, will ich das sofort wissen. Insbesondere meine ich damit Gäste, die für Unfrieden sorgen könnten.“

„Ich nehme an, Azizi ist so gut wie tot, wenn seine Leute herausfinden, dass er mit uns geredet hat“, vermutete ich.

„Ja“, nickte Jürgen. „Und wir können nur hoffen, dass ihm nicht schon jemand auf den Fersen ist. Allerdings halte ich es genauso für möglich, dass er von Al-Khalili geschickt wurde, um irgendwelche Informationen zu lancieren, die die Feinde der Al-Khalili-Familie belasten. Wir werden sehen.“

Unser Kollege Kommissar Tommy Kronburg meldete sich über Funk von seiner Position in der Nähe des Eingangs.

„Azizi ist gerade eingetroffen“, sagte Tommy. „Er hat sich mit einem Taxi bringen lassen.“

„In Begleitung?“, fragte Jürgen.

„Nein, er ist allein. Offenbar traut er nicht einmal seinen Bodyguards.“

Olli blickte auf die Uhr an seine Handgelenk. „Pünktlich wie die Maurer.“ Er griff in die Innentasche und reichte mir ein Foto, das einen Mann mit Halbglatze zeigte. Name: Azizi, Vorname: Yussuf, stand dazu in fetten Lettern. Darunter waren sämtliche Angaben zur Person aufgelistet, die über das Datenverbundsystem abrufbar waren. „Damit ihr wisst, wie Azizi aussieht!“

„Ich liebe gut vorbereitete Einsätze!“, flachste Rudi.

„Azizi hat den Termin sehr kurzfristig gesetzt“, sagte Jürgen. „Entschuldigung, aber darum ging es vorhin so hopplahopp. Haltet die Augen auf!“

„Keine Ursachen“, meinte ich. „Wenn was dabei herauskommt.“

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Wir stiegen in den Dienstwagen und fuhren in eine Nebenstraße. Dorthin war der Hinterausgang des PINK BALLS ausgerichtet. Es gab eine Laderampe, um die Anlieferung von Getränken zu erleichtern.

Wir parkten auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einer Reihe mehrstöckiger Häuser. Ein paar schräge Szene-Lokale gab es hier allerdings auch und in diese Rubrik gehörte das PINK BALLS wohl ebenfalls.

Wir warteten ab.

Die Geräusche aus dem PINK BALLS klingelten uns in den Ohren. Disco-Musik aus den Siebzigern, Stimmengewirr, klirrende Gläser.

Schließlich begann das Gespräch zwischen unseren Kollegen und Yussuf Azizi.

„Guten Tag, Herr Azizi“, sagte Jürgen. „Ich bin Hauptkommissar Jürgen Caravaggio vom BKA und dies ist mein Kollege Kommissar Olli Medina. Hier sind unsere ID-Cards. Sie wollten uns sprechen.“

Yussuf Azizi antwortete erst nach einer kurzen Pause. Offenbar sah er sich die ID-Cards genau an, obwohl ich bezweifelte, dass er überhaupt dazu in der Lage gewesen wäre, eine Fälschung zu erkennen.

„Ich riskiere gerade mein Leben“, sagte er.

Ich überflog derweil den Datenbank-Ausdruck, den Olli uns gegeben hatte. Dutzendfach war Azizi wegen Drogendelikten, Körperverletzung, Verabredung zu Mord und Geldwäsche angeklagt worden, aber er musste gute Anwälte haben. Anderthalb Jahre Berlin Moabit wegen Steuerhinterziehung und Betrug, das war alles, was ihm die Justiz bisher rechtskräftig hatte nachweisen können.

Da hatten sich wohl ganze Generationen von Staatsanwälten bis auf die Knochen blamiert.

Azizi gehörte zu der Sorte Gangster, die einfach zu clever war, um sich erwischen zu lassen. Cleverness, die sich vor allem dadurch zeigte, dass man die Drecksarbeit möglichst anderen überließ und selbst eine einigermaßen weiße Weste behielt.

„Was wollen Sie?“, fragte Jürgen.

„Ich brauche Ihre Hilfe“, erklärte Azizi.

„Mir kommen die Tränen“, sagte Jürgen kühl. „Am besten, Sie sagen uns klipp und klar, was Sie wollen und wir werden dann sehen, was wir für Sie tun können.“

Azizi sprach in gedämpftem Tonfall. Seine Stimme ging fast im Gewummere des 70er-Jahre-Sounds unter. „Hören Sie zu: Es wird ja wohl nichts Neues für Sie sein, dass im Moment jemand eine blutrote Spur durch Berlin zieht... Und ich habe Grund zu der Annahme, dass ich auch auf der Todesliste stehe!“

„Warum?“

„Dazu will ich nichts sagen.“

„Hängt es damit zusammen, dass die Toten dieser besonderen Serie allesamt hochrangige Mitglieder des Al-Khalili-Syndikats waren und Sie ebenfalls dazu gehören und deshalb befürchten, als einer der nächsten an der Reihe zu sein?“, fragte Jürgen. „In dem Fall müssten Sie allerdings etwas zugeben, was wir schon lange wissen, nur nicht beweisen können: dass Sie nämlich als Captain in der Organisation Abdullah Al-Khalili fungieren.“

„Niemand kann mich zwingen, etwas zu sagen, womit ich mich selbst belaste, oder?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Na also!“

„Vielleicht hätten Sie einen Anwalt mitbringen sollen, Herr Azizi.“

„Es ist mir wirklich verdammt ernst. Ich würde nicht zu Ihnen kommen, wenn mir das Wasser nicht bis zum Hals stünde und...“

Er brach ab.

„Und was?“, hakte Jürgen nach.

„Ich will aussteigen. Ich habe vor drei Jahren geheiratet, meine Frau erwartet ihr zweites Kind und mir ist klar, dass es so nicht weiter geht.“

Jürgen verzog das Gesicht. Er beugte sich etwas vor und sprach in gedämpftem Tonfall weiter. „Aber Ihr Vermögen, dass Sie im Drogenhandel und mit Geldwäsche erwirtschaftet haben, dass wollen Sie behalten, sehe ich das richtig?“

Yussuf Azizi nickte.

„Ich will Sicherheit für mich und meine Familie. Eine neue Identität und so weiter. Und wie Sie schon sagten: Beweisen können Sie MIR gar nichts.“

„Das wird nur was, wenn wir dafür etwas geliefert bekommen.“

„Schon klar.“

„Und was könnte das in Ihrem Fall sein?“, fragte Jürgen. „Sie werden uns schon einiges bieten müssen, sonst wird das wohl nichts.“

Yussuf Azizi zögerte, ehe er nach kurzer Pause schließlich weitersprach. „Sie sind doch an dem Fall Jimmy Talabani dran, oder?“

„Ja.“

„Ich kann Ihnen einiges zu Jimmys Geschäften sagen.“

„Talabani ist tot“, unterbrach Jürgen ihn. „Wir sind an den aktiven Bandenbossen interessiert. Sie wollen wir hinter Gitter bringen. Talabani steht schon vor seinem Richter, aber an Leute wie Abdullah Al-Khalili kommt niemand heran.“

„Ich will Ihnen ja helfen, Kommissar Caravaggio.“

„Da bin ich aber gespannt. Bis jetzt habe ich nämlich den Eindruck, dass da nicht viel mehr als heiße Luft kommt!“

„Da irren Sie sich!“

„Beweisen Sie es.“

Eine weitere Pause entstand.

Yussuf Azizi atmete so heftig, dass man es über die Kragenmikros von Jürgen und Olli sogar in unseren Ohrhörern vernehmen konnte.

„Talabani betrieb als Strohmann eine Import-Export-Firma, die dazu diente, Drogen aus Mittelasien zu importieren. Vor allem Heroin aus Afghanistan, Kirgisien, Usbekistan. Zum Beispiel hat er eine Schiffsladung mit Karussells und Riesenrädern eingeführt.“

„Das Zeug, das man jetzt im Fun Park sehen kann!“

„Ja. Das hohle Gestänge war mit Heroin vollgestopft. Mehrere Tonnen sind mit dieser Ladung importiert worden. Beim Zoll hatte Jimmy seine Leute, die er schmieren konnte.“

„So ähnlich haben wir uns das schon gedacht, nur konnten wir das Jimmy Talabani zu Lebzeiten nie beweisen.“

„Ich soll jetzt Jimmys Geschäfte übernehmen“, erklärte Azizi in einem Tonfall, der eine gewisse Selbstverständlichkeit signalisierte.

„Glückwunsch für Sie. Abdullah Al-Khalili scheint Ihnen zu vertrauen.“

„Abdullah Al-Khalili steht mit dem Rücken zur Wand, weil die Balkan-Leute zum Angriff blasen und uns vom Markt fegen wollen. Da ihr Stoff zu teuer war, haben sie es mit marktwirtschaftlichen Mitteln nicht geschafft, jetzt schicken sie ihre Killer aus. Kein Mensch versteht, weshalb Al-Khalili nicht schon längst massiv zurückgeschlagen hat. Aber der Mann, der sich selbst gerne als den Duce von Kreuzberg sieht, ist alt geworden. Vielleicht zu alt.“

„Handelt es sich bei dieser Firma um die KLM GmbH?“, fragte Jürgen.

Azizi schien erstaunt zu sein. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass darüber bei uns schon etwas bekannt war. Sein Atem klang schwer.

„Alle Achtung“, stieß er hervor.

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