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Thor

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1. KAPITEL
  6. 2. KAPITEL
  7. 3. KAPITEL
  8. 4. KAPITEL
  9. 5. KAPITEL
  10. 6. KAPITEL
  11. 7. KAPITEL
  12. 8. KAPITEL
  13. 9. KAPITEL
  14. 10. KAPITEL
  15. 11. KAPITEL
  16. 12. KAPITEL
  17. 13. KAPITEL
  18. 14. KAPITEL
  19. 15. KAPITEL
  20. 16. KAPITEL
  21. 17. KAPITEL
  22. 18. KAPITEL
  23. 19. KAPITEL
  24. 20. KAPITEL
  25. 21. KAPITEL
  26. 22. KAPITEL
  27. 23. KAPITEL
  28. 24. KAPITEL
  29. 25. KAPITEL
  30. 26. KAPITEL
  31. 27. KAPITEL
  32. 28. KAPITEL
  33. 29. KAPITEL
  34. DANKSAGUNG

Über den Autor

Wolfgang Hohlbein, am 15. August 1953 in Weimar geboren, lebt mit seiner Frau Heike und seinen Kindern, umgeben von einer Schar Katzen, Hunde und anderer Haustiere, in der Nähe von Neuss. Die Gesamtauflage von Wolfgang Hohlbeins Romanen liegt inzwischen bei ca. 36 Millionen Exemplaren weltweit. Er ist damit der erfolgreichste deutsche Autor der Gegenwart. Seine Romane wurden in 34 Sprachen übersetzt.

1. KAPITEL

Wenn er jemals einen Namen gehabt hatte, so hatte er ihn vergessen.

Wenn er jemals Eltern gehabt hatte, so erinnerte er sich nicht an sie.

Wenn er jemals geboren worden war, so wusste er nicht mehr, wann.

Weiß.

Seine Welt war weiß und kalt, von einem grausamen, alles verzehrenden Weiß, das seine Augen blendete und alles auslöschte, was seine Hände nicht ergreifen konnten, und einer noch grausameren Kälte, die wie mit gläsernen Fängen in seine Glieder biss, jeden Schritt zu einer Qual machte und seine Lungen mit Messerklingen füllte.

Da waren Sturm und Lärm und eine vage, tanzende Bewegung überall und das vollkommen sichere Wissen, dass er sterben würde, wenn er seinen geschundenen Körper auch nur noch zu einigen wenigen weiteren Schritten zwang. Aber auch das noch viel sicherere Wissen, zu sterben, wenn er stehen blieb. Er wollte weder das eine noch das andere, aber vor allem wollte er eines: leben.

Der Wind drehte sich, und die Bö, gegen die er sich gerade noch mit aller Kraft gestemmt hatte, traf ihn nun von der Seite, und das mit solcher Wucht, dass er noch einen ungeschickten Schritt weiterstolperte und dann schwer in den Schnee hinabfiel. Seine Gelenke knackten wie dünne Äste, die unter dem Fuß eines Riesen zerbrachen, und ein dumpfes Stöhnen kam über seine Lippen. Kaltes Feuer wühlte in seinen Händen, aber er zog auch auf seltsame Weise Kraft aus diesem Schmerz.

Er stand auf, hob die Hand ans Gesicht und fühlte langes, zu eisigen Strähnen erstarrtes Haar und glatte Wangen, auf denen noch nie ein Bart gesprossen war. War er noch ein Junge?

Er lauschte in sich hinein, suchte nach einer Antwort auf diese Frage und sah schließlich an sich hinab, als er sie nicht fand.

Was er erblickte, schien eher auf das Gegenteil hinzudeuten. Er spürte nach wie vor, wie jung er noch war, erblickte jedoch den Körper eines Mannes, groß, schlank und dennoch von kräftigem Wuchs. Er trug derbe, aber zweckmäßige Kleider: schwere wollene Hosen, gefütterte Stiefel aus feinem Leder, das weich und anschmiegsam aussah, in der Kälte aber zur Härte von Metall erstarrt war, und ein ebenfalls gefüttertes Wams, das von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Eine lederne Scheide war daran befestigt, in die vielleicht ein kleines Schwert gehörte, vielleicht auch ein sehr großer Dolch. Er trug keinen Mantel, und seine tastenden Finger fanden auch keine Kopfbedeckung. Der Sturm musste ihn in dieser unpassenden Kleidung überrascht haben; oder etwas anderes - Schlimmeres - war geschehen.

Angestrengt grub er in seiner Erinnerung, fand aber nichts als Leere und ein Gefühl vager Enttäuschung, das vielleicht zu einem Schmerz geworden wäre, hätte er ihm die Zeit dazu gegeben.

Aber jetzt war nicht der Moment, über seine Vergangenheit nachzudenken. Wenn er das zu Unzeiten tat, dann hatte er vielleicht keine Zukunft mehr. Irgendwo vor ihm lauerte eine Gefahr, unsichtbar und verborgen im Sturm, aber so dräuend, dass er beinahe meinte, sie mit Händen greifen zu können.

War er es gewohnt, zu kämpfen? Er wusste es nicht. Seine rechte Hand war zu der leeren Scheide an seinem Gürtel gekrochen, ohne dass er sich der Bewegung auch nur bewusst gewesen wäre, was möglicherweise darauf hinwies. Aber auch für solcherlei Überlegungen war jetzt keine Zeit.

Er war noch immer fast blind, auf jeden Fall aber orientierungslos, bekam aber dennoch allmählich ein Gefühl für seine Umgebung. Er war in den Bergen. Obwohl die brüllenden Schleier rings um ihn herum nicht aufrissen, spürte er das gewaltige Massiv in seinem Rücken. Manchmal tauchten verschwommene Umrisse aus dem weißen Toben vor ihm auf, Felsen mit harten Flächen, die sich unter schimmernden Eispanzern verbargen und mit Graten scharf wie Axtklingen, aber auch Bäume mit blattlosen dürren Ästen, die sich erfrorenen Fingern gleich in den Sturm zu krallen schienen.

Er wich beidem aus, mochten sie doch wilden Tieren oder auch Feinden als Hinterhalt dienen; ein Gedanke, der ihm inmitten dieses tobenden Höllensturmes fast lächerlich vorkam, den er aber trotzdem sorgsam registrierte, um ihn später in aller Ruhe abzuklopfen, weil er vielleicht einen weiteren Hinweis auf seine Identität enthielt.

Er stolperte weiter, prallte schließlich doch gegen einen Felsen und wäre um ein Haar gestürzt, und als er sein Gleichgewicht wiederfand, sah er die Fährte.

Es war nur ein Stück einer Spur, ein einzelner, aber klar erkennbarer Abdruck in einem schmalen Winkel, den der Sturm nicht erreichte. Nicht die Spur eines Menschen, sondern die eines Tieres. Obwohl er sich nicht daran erinnerte, so etwas jemals gesehen zu haben, wusste er doch, dass sie von einem Wolf stammte. Nur die Größe stimmte nicht: Sie war so groß wie eine Männerhand mit gespreizten Fingern. Wenn es tatsächlich ein Wolf gewesen war, dann musste dieses Tier so groß sein wie ein kleines Pferd; und die Spur war auch viel zu tief, denn der Schnee war verharscht und fast so hart wie Eis.

Zum zweiten Mal glitt seine Hand zum Gürtel und suchte nach einer Waffe, die nicht da war.

Da es nichts gab, was er tun konnte, bewegte er sich weiter und spürte, dass die Neigung des Bodens allmählich abnahm. Unter dem Schnee war jetzt loses Geröll, kein scharfkantiger Fels mehr, und auch die Anzahl hundertfingriger Schatten, denen er nach wie vor auswich, nahm allmählich zu. Es war noch kein Wald, durch den er ging, aber auch keine von allem Leben gemiedene Steinwüste mehr.

Dann hörte er den Schrei.

Der Sturm hielt nicht inne, und auch sein Heulen nahm nicht ab, aber er drehte sich, und für einen kurzen Moment trug er den Schrei eines Menschen mit sich; ein Laut, der von Schmerzen und unvorstellbarer Furcht kündete und noch etwas, das schlimmer war, für das er aber keine Worte fand, obwohl er tief in sich spürte, dass er es kannte.

Er blieb stehen, lauschte mit geschlossenen Augen und versuchte die Richtung herauszufinden, aus der der Schrei gekommen war, konnte es aber nicht, denn der Wind hatte abermals gedreht, und der Sturm schien nun aus allen Richtungen zugleich auf ihn einzuprügeln. Schließlich ging er weiter.

Zeit verstrich, sehr viel Zeit, obwohl es ihm schwerfiel, ihre genaue Spanne einzuschätzen; fast als wäre sie bisher bedeutungslos für ihn gewesen. Eine weitere Information, die vielleicht später wichtig war. Jetzt zählte nur eines: das Jetzt. Er musste am Leben bleiben.

Und denjenigen finden, der geschrien hatte. Hätte das Unwetter weiter mit derselben Wut getobt, mit der es ihn ausgespien hatte, so hätte er den Ursprung des Schreis nie gefunden. Doch die Kraft des Sturms ließ nach, und nach einem letzten, kreischenden Aufbäumen erlosch er so plötzlich, dass die nachfolgende Stille fast in den Ohren dröhnte. Für einen Moment hing der Schnee noch wie schwerelos in der Luft, als wäre er überrascht vom plötzlichen Erlöschen des Windes und bräuchte eine Weile, um sich darauf zu besinnen, was als Nächstes zu tun war.

Anstelle von tobenden Sturmböen zog sich nun ringsum ein Vorhang aus glitzerndem weißen Staub entlang, der sich schließlich zu senken begann und einen Blick auf ein wahrhaft grandioses Panorama eröffnete: In seinem Rücken und über ihm erhoben sich die Berge, ganz wie er es erwartet hatte, aber zehnmal höher, eine zerklüftete schwarze und weiße und silberfarbene Wand, die sich bis zum Himmel und noch darüber hinaus reckte. Vor und unter ihm lag eine nicht minder gewaltige Ebene, nur unterbrochen von wenigen Tupfern gefrorener Unregelmäßigkeit, die verschneite Wälder sein mochten, zugefrorene Flüsse oder Seen oder im Griff eines ewigen Winters erstarrte menschliche Ansiedlungen, vielleicht auch nur vom Zufall gebildete Formen ohne irgendwelche Bedeutung.

Vielleicht war da etwas am Horizont, ein dünner, wie mit einem scharfen Messer gezogener Strich, der Himmel und Erde voneinander trennte. Ein Meer?

Obwohl seine Augen jung und sehr scharf waren, konnte er diese Frage nicht wirklich beantworten, und im Grunde spielte es auch keine Rolle. Dieses Bild war falsch.

Dieses Land dürfte es gar nicht geben. Vielleicht war er tot, und dies hier war Utgard, die Welt des Feuers und der Riesen, in die diejenigen verbannt wurden, die sich nicht als würdig erwiesen hatten, einen Platz an den Tafeln von Walhall zu finden.

Aber wenn er tot war, wieso fror er dann so, und woher kam dann dieses Gefühl des Verlustes?

Dann wiederholte sich der Schrei, heiser diesmal, aber auch ungleich verzweifelter.

Mit einem Geschick, das ihn selbst überraschte, stürmte er weiter, erspähte einen direkteren Weg in die Tiefe und schlug ihn ohne zu zögern ein. Rasch kletterte er über messerscharfe Grate und vereiste Klippen und überwand die letzten zwei oder auch drei Mannslängen mit einem gewagten Sprung.

Er fiel, kam mit einer fließenden Rolle und ohne sich zu verletzen wieder auf die Beine und verspürte trotzdem eine leise Empörung über seine eigene Ungeschicklichkeit. Ein Sprung wie dieser hätte ihm keine Schwierigkeiten bereiten dürfen. Wahrscheinlich lag es an seiner Erschöpfung und der Kälte, die seinen Muskeln den Großteil ihrer Geschmeidigkeit genommen hatte.

All das hinderte ihn nicht daran, seinen Weg mit schnellen Schritten fortzusetzen.

Wieder hörte er etwas, keinen Schrei diesmal, sondern einen anderen, viel unangenehmeren Laut. Als er den Waldrand auf der anderen Seite erreichte, wurde es schlimmer. Der Eindruck, den er von der Höhe der Felsen aus gehabt hatte, war richtig gewesen: So dürr und blattlos dieser Wald auch war, hatte er dem Sturm doch genug Widerstand entgegengesetzt, um den Schnee zu einer mehr als mannshohen Düne aufzutürmen, die zu überwinden sich als unerwartet schwierig erwies. Der Schnee war viel kälter als vermutet und so locker, dass er bis über die Hüften darin verschwand. Und als es ihm endlich gelang, das Hindernis doch noch zu übersteigen, stolperte er über eine Leiche und fiel der Länge nach in die alles verschlingende weiße Masse.

Wütend auf sich selbst, richtete er sich auf, spuckte einen Mundvoll Pulverschnee aus und sah sich nach dem um, was ihn zu Fall gebracht hatte. Es war der Körper einer Frau von vielleicht vierzig Jahren. In zerfetzte und mit gefrorenem Blut besudelte Kleidung gehüllt, war sie ausgemergelt, hatte langes, ungepflegtes Haar und vernarbte Hände, die von vielen Jahren harter Arbeit kündeten, und war über und über mit schrecklichen Wunden bedeckt, von denen er nicht genau sagen konnte, was sie verursacht hatte. Manche sahen aus wie tiefe Messerstiche, an anderen Stellen wiederum schienen faustgroße Fleischstücke einfach aus ihrem Körper herausgerissen worden zu sein.

Sie war noch nicht lange tot. Ihre Haut dampfte noch in der Kälte, und die tiefsten ihrer grässlichen Wunden bluteten noch, auch wenn das blasse Rot in der grausamen Kälte fast augenblicklich zu Eis erstarrte. Er fragte sich, welche Kreatur wohl in der Lage sein mochte, einen Menschen so zuzurichten.

Mühsam stemmte er sich hoch, entfernte sich um einen einzigen stolpernden Schritt von dem zerfetzten Leichnam und machte dann noch einmal kehrt, um sich zu der Toten hinabzubeugen und ihr das Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Eine erbärmliche Waffe, nicht einmal so lang wie seine Hand, aber besser als gar nichts. Erst danach setzte er seinen Weg fort.

Er musste nur noch wenige Schritte tun, bis er endlich die Quelle des Geschreis entdeckte, auch wenn dieses mittlerweile endgültig verstummt war. Nur einen Steinwurf entfernt lag ein auf die Seite gestürzter Wagen im pulvrigen Weiß. Bis zu diesem Punkt, an dem sich das Schicksal seiner Insassen erfüllt hatte, war er von zwei kräftigen Ochsen gezogen worden, von denen einer noch mit gebrochenem Genick an der verdrehten Deichsel hing. Rings um den Kadaver hatte sich der Schnee rot gefärbt. Von dem zweiten Tier fehlte jede Spur.

Der Wagen selbst war vollkommen zerstört, so sehr, dass es ihm schwerfiel, zu glauben, dass diese Verwüstung allein auf den Sturm zurückzuführen war, obgleich er dessen Gewalt ja gerade am eigenen Leib gespürt hatte. Beide Räder auf der nach oben liegenden Seite waren zersplittert, die ehemals stabile Plane hoffnungslos zerfetzt. Was immer der Wagen einst transportiert hatte, war im weiten Umkreis im Schnee verstreut; Werkzeuge, Kleidung, Dinge des täglichen Bedarfs und sogar kleinere Möbelstücke. Beiläufig registrierte er, dass der Besitzer dieses Wagens sein ganzes Hab und Gut mitgenommen hatte. Er entdeckte zahlreiche Werkzeuge, die im Schnee lagen: Zangen, Hämmer und Eisenstangen mit sonderbar gebogenen Enden, und unmittelbar hinter dem zertrümmerten Wagen lag sogar ein kleiner Amboss, der einen gewaltigen Krater in den Schnee gestanzt hatte.

Erst nach und nach ging ihm die wahre Bedeutung dieser Beobachtung auf. Weder der Amboss noch der Großteil des Werkzeugs waren von Schnee bedeckt, was nichts anderes bedeutete, als dass der Wagen umgestürzt war, nachdem der Sturm bereits zu Ende gewesen war. Es war also mehr als unwahrscheinlich, dass eine Sturmbö den Wagen umgeworfen hatte.

Warum überraschte ihn das eigentlich? Auch die Tote, die er gefunden hatte, war kein Opfer des Unwetters geworden, sondern -

Ein plötzliches Gefühl von Gefahr ließ ihn herumfahren und sich in derselben Bewegung zur Seite werfen und das Messer in die Höhe reißen.

Eines davon rettete ihm vielleicht das Leben, und es war vermutlich nicht das winzige Messerchen, dessen Klinge kaum scharf genug war, das struppige Fell des riesigen Wolfs zu durchdringen, der ihn ansprang.

Immerhin schien das Tier die Gefahr zu spüren, die von der schartigen Waffe ausging, denn es warf sich mitten im Sprung herum. Seine zuschnappenden Kiefer verfehlten die Hand, die das Messer führte, und die gewaltigen Tatzen, die ihr Opfer umwerfen und niederdrücken sollten, fuhren harmlos durch die Luft. Aber die kräftigen Hinterläufe und der peitschende Schwanz trafen ihn mitten im Sprung und machten aus seinem verzweifelten Satz einen haltlosen Sturz. Schwer fiel er in den Schnee, rollte zwei- oder dreimal herum und stieß schmerzhaft gegen etwas sehr Schweres und Hartes, das sich darunter verbarg.

Etwas Seltsames geschah, auch wenn es ihm in diesem Moment nicht einmal selbst bewusst war: Seit seinem Erwachen in dieser ebenso seltsamen wie bedrohlichen Welt waren die Furcht und das Gefühl einer ständigen Bedrohung seine allgegenwärtigen Begleiter gewesen. Jetzt war beides verschwunden. Er wurde angegriffen und musste um sein Leben kämpfen; das war alles, was zählte.

Blitzschnell war er wieder auf den Füßen, spuckte Schnee und Blut aus - er musste sich auf die Zunge gebissen haben - und versuchte einen sicheren Stand einzunehmen. Auf dem rutschigen Grund wollte es ihm nicht recht gelingen, doch zu seinem Glück hatte der Wolf mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. Seine Pfoten schienen keinen Halt unter dem Schnee zu finden, und als er zu einem zweiten Sprung auf sein vermeintlich wehrloses Opfer ansetzte, rutschten seine Hinterläufe weg, und er fiel in den Schnee.

Er widerstand der Versuchung, die vermeintliche Schwäche des Tieres für einen eigenen Angriff auszunutzen, sondern nutzte die winzige Verschnaufpause, um in eine günstige Position zu gelangen … oder es wenigstens zu versuchen.

Wie es aussah, hatte er sich selbst in eine Falle manövriert. Hinter und neben ihm ragten die Überreste des zerstörten Wagens auf, und auf der anderen Seite erhob sich eine fast brusthohe Verwehung aus pulverfeinem Schnee, die ihn auf jeden Fall so sehr verlangsamen würde, dass sein Angreifer Gelegenheit zu einem zweiten Sprung bekäme. Vor ihm war der Wolf, der sich irgendwie sonderbar benahm, ohne dass er genau sagen konnte, was an ihm sonderbar war.

Es war ein außergewöhnlich großes Tier - nicht der Riese, dessen Spur er weiter oben gefunden hatte, aber immer noch ein wahres Ungeheuer - mit tückisch funkelnden Augen, in denen eine Intelligenz zu lesen war, die weder diesem noch irgendeinem anderen Tier zustehen sollte. Speichel tropfte in zähen Fäden von seinen Lefzen, hinter denen fast fingerlange, nadelspitze Zähne bleckten. Ein tiefes Grollen drang aus der Brust des Tieres, und er konnte sehen, wie seine Pfoten unter dem Schnee nach festem Halt für einen weiteren Sprung suchten. Einem Angriff, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, wie ihm schmerzlich klar war. Der Wolf musste nahezu so schwer sein wie er selbst und verfügte über ein ganzes Arsenal natürlicher Waffen, gegen die sein albernes Messerchen nicht mehr als ein Witz war.

Konsequenterweise ließ er es fallen und wich ins Innere des umgestürzten Wagens zurück, um wenigstens den Rücken frei zu haben. Der Wolf, der diese Bewegung als Flucht missdeutete, stieß sich vollkommen ansatzlos mit den Hinterläufen ab und sprang.

Er ließ sich zur Seite fallen, wusste, dass der Wolf schlau genug war, kein zweites Mal auf dieselbe Finte hereinzufallen, und warf sich mitten in der Bewegung herum und in die entgegengesetzte Richtung. Raues Fell strich so hart und schmerzhaft wie Draht über seinen gekrümmten Rücken und riss die Haut in seinem ungeschützten Nacken auf, sodass sich ihm unwillkürlich ein Schmerzenslaut entrang. Dennoch richtete er sich mit einem Ruck auf, in den er seine gesamte Kraft legte, und der Wolf wurde in hohem Bogen nicht nur über seinen Rücken, sondern auch über die Seitenwand des Wagens geschleudert, wo er mit einem eher überraschten als schmerzerfüllten Heulen im Schnee landete. Er war nicht verletzt, sondern jetzt erst richtig wütend …

Aber mehr brauchte er vielleicht auch nicht.

Noch bevor der sonderbar weiche Laut verklungen war, mit dem das Tier in den Schnee stürzte, sprintete er los und schlug den Weg zum nahen Waldrand ein. Wölfe waren Furcht einflößende Gegner, gegen die selbst ein gut ausgebildeter Mann mit einer Waffe kaum eine Chance hatte, aber erbärmliche Kletterer. Wenn er es zu einem der Bäume und hinauf schaffte, dann war er gerettet. Es waren nur wenige Schritte.

Schon nach dem allerersten brach er durch irgendetwas, das unter dem Schnee verborgen war und unter seinem Gewicht nachgab. Fluchend glitt er tiefer, trat auf etwas Weiches und glaubte einen gedämpften Schrei zu hören, war sich aber weder sicher, noch verschwendete er auch nur einen Gedanken darauf, sondern befreite sich mit einer wütenden Bewegung aus seiner misslichen Lage und stürmte weiter.

Dieses Mal kam er immerhin zwei oder drei Schritte weit, bevor der Wolf wieder vor ihm auftauchte.

Natürlich war es nicht derselbe Wolf. Dieses Tier war kleiner und hagerer - kaum größer als ein Hund -, und sein räudiges Fell war von schwärenden Wunden übersät. Eine Bestie zwar, aber eine, die er vermutlich mit bloßen Händen bezwingen könnte. Wäre sie allein gewesen.

Unglückseligerweise war sie es nicht. Rechts und links und ein Stück hinter dem Wolf waren zwei weitere, deutlich größere Tiere aufgetaucht, und er hätte weder das Tappen schwerer Pfoten noch das Hecheln hören müssen, um zu wissen, dass auch der erste Wolf wieder auf die Beine gekommen und hinter ihm erschienen war.

Er versuchte abzuschätzen, welche der Bestien als Erstes oder ob sie vielleicht alle gleichzeitig angreifen würden, wusste aber auch, dass er so oder so verloren war. Er würde sterben, ein Gedanke, der ihn mit Furcht, aber auch mit einer vagen Trauer erfüllte. Sein neues Leben währte gerade einmal wenige Augenblicke, und er hatte das Gefühl, dass es vielleicht noch mehr für ihn bereit gehabt hätte als Schmerzen und Kälte und Angst.

Trotzig verzog er die Lippen. Wahrscheinlich würde er sterben, aber mindestens eine dieser Bestien würde er noch mitnehmen. Dieses Versprechen gab er sich selbst.

In diesem Moment wichen die Wölfe vor ihm zurück, und auch das schleichende Tappen hinter ihm hielt inne.

Dann tauchte ein fünfter Wolf aus dem Wald auf.

Er wusste sofort, dass es der Anführer des Rudels war. Es musste das Tier sein, dessen Spuren er oben im Gebirge gesehen hatte, ein wahrer Gigant, beinahe doppelt so groß wie ein normaler Wolf und von strahlend weißer Farbe. Aber es war nicht allein seine Größe, die ihn als Anführer der Meute kenntlich machte. Da war etwas in seinen Augen, ein Blick, der weit über den eines Tieres hinausging und der etwas tief in ihm zum Schwingen brachte: den Nachhall einer Erinnerung, die sich regen wollte, ohne dass es ihr gelang …

Hastig sah er sich nach einer Waffe um, aber alles, was sich in seiner Reichweite befand, war der halb im Schnee vergrabene Amboss. Ohne auch nur darüber nachzudenken, was er tat, hob er ihn auf und schleuderte ihn in Richtung des weißen Riesen.

Er war stark, sehr stark sogar, aber der Amboss war schwer genug, dass ein normaler Mann ihn nur mit Mühe hätte anheben können, und so beschrieb das Wurfgeschoss nur einen kurzen Bogen und schlug weit vor dem ersten Tier in das pulvrige Weiß.

Trotzdem wichen die Wölfe weiter vor ihm zurück. Ihre Haltung blieb angespannt und drohend, ihre Ohren waren zurückgelegt, die Lefzen weit nach oben gezogen, sodass die Ehrfurcht gebietenden Fänge sichtbar wurden … aber irgendetwas sagte ihm, dass sie ihn nicht angreifen würden.

Der weiße Riesenwolf stieß ein sonderbares tiefes Knurren aus, das mehr war als ein einfacher Drohlaut; so unendlich viel mehr.

Die anderen Tiere wichen weiter vor ihm zurück, noch immer drohend, das aber auf eine Art, als gelte diese Drohung nicht wirklich ihm, sondern etwas anderem - oder jemandem.

»Fenrir?«, murmelte er.

Es war das erste Wort, das über seine Lippen kam, und er war fast erstaunt über den Klang seiner eigenen Stimme. Er war auch erstaunt über dieses Wort, spürte zugleich aber schon wieder etwas wie eine verschüttete Erinnerung in sich aufsteigen; aber auch jetzt wieder, ohne endgültig zu erwachen.

»Fenrir«, sagte er noch einmal. Diesmal war das Echo in ihm stärker, wenn auch immer noch nicht stark genug, um die Erinnerung ganz zu wecken. Aber auch die Reaktion des weißen Riesenwolfes war stärker. Aus seinem Knurren wurde etwas anderes, das er nicht deuten konnte, und die Stelle von Furcht und trotziger Kampfbereitschaft in seinem Inneren nahm nun … etwas Vertrautes ein.

Angesichts seiner Lage erschien ihm der Gedanke selbst absurd, aber er spürte nicht einmal die Spur von Angst. Er kannte dieses Tier, und er wusste auch, dass es eben kein Tier war.

Da war plötzlich ein Gefühl von großer Stärke und noch größerer Klugheit, die zwar nicht unbedingt auf seiner Seite standen, die er aber zugleich auch nicht zu fürchten brauchte.

Das war absurd.

Aber es war so.

Der weiße Wolf - Fenrir - knurrte ein letztes Mal, und die drei anderen Tiere wandten sich um und zogen sich zurück.

Eine einzelne Windbö kam auf, wider jegliche Ordnung der Natur und so eisig, dass ihm sein eigener Atem auf den Lippen gefror. Als sich der hochgewirbelte Schnee wieder senkte, waren nicht nur die Wölfe verschwunden, sondern auch ihre Spuren, so als hätte es sie nie wirklich gegeben.

Dennoch war er nicht allein.

Eine schmale, schrecklich bleiche Hand war über dem Schnee erschienen, genau an der Stelle, an der er gerade in das trügerische Weiß eingebrochen war. Rasch ging er hin, umschloss sie mit einem kräftigen Griff und zog den dazugehörigen Körper mit solchem Schwung aus dem Schnee, dass ein erstaunter Ausruf erklang - vielleicht auch ein kleiner Schrei, dem die letzte Kraft fehlte, um wirklich zu einem solchen zu werden - und sie beide nach hinten fielen.

Erst als er rücklings im Schnee landete und der überraschend leichte Körper auf ihn fiel, erkannte er ihn als den einer jungen Frau - vielleicht auch noch eines Mädchens - und fühlte das Blut, das aus einer tiefen Wunde in ihrem Gesicht auf seine Wange tropfte; warm, aber nicht so heiß und lebendig, wie es sein sollte. Fingernägel schrammten auf der Suche nach seinen Augen über seine Stirn und hinterließen dünne brennende Spuren, dann schlugen Fäuste, die kaum größer waren als die eines Kindes und noch schwächer, auf seine Brust ein. Scharfe Zähne schnappten nach seiner Kehle.

Er stieß das Mädchen weg, bevor es ihn wirklich verletzen konnte - und sei es nur durch einen dummen Zufall. Dann packte er es mit beiden Händen und schüttelte es so kräftig durch, dass seine Zähne hörbar aufeinanderschlugen.

Es hörte tatsächlich für einen Moment auf, abwechselnd nach ihm zu schlagen, zu beißen und zu kratzen - allerdings nur gerade lange genug, bis er seinen Griff um eine Winzigkeit lockerte und es eine Hand losreißen konnte, die ziemlich unsanft in seinem Gesicht landete.

Diesmal schüttelte er die Kleine so heftig, dass ihre Zähne mit einem Knall aufeinanderschlugen. Es musste ziemlich wehtun.

Prompt meldete sich sein schlechtes Gewissen, denn er sah erst jetzt, wie tief die Wunde in ihrem Gesicht war; eindeutig ein Biss. Unter ihrem linken Jochbein reichte sie bis auf den Knochen, der weiß durch das nasse Rot ihres zerfetzten Fleisches schimmerte.

Er hörte auf, sie zu schütteln, lockerte seinen Griff aber nur gerade weit genug, um ihr nicht mehr als unbedingt nötig wehzutun.

»Ich kann damit so lange weitermachen, bis du in Ohnmacht fällst«, sagte er, »aber eigentlich will ich das nicht. Es ist ziemlich anstrengend, weißt du? Also hör auf, dich wie wild zu gebärden, und ich höre auf, dir wehzutun, einverstanden?«

Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet und bekam auch keine, aber immerhin erlahmte ihr Widerstand. Wahrscheinlich war es ohnehin nicht mehr als ein letztes Aufbäumen gewesen, denn er konnte spüren, wie jetzt alle Kraft aus ihrem Körper wich. Statt weiter auf ihn einzuschlagen, brach sie in seinen Armen zusammen, sodass er sie abermals festhalten musste, wenn auch jetzt aus einem anderen Grund.

So behutsam, wie es seine steif gefrorenen Finger zuließen, ließ er sie in den weichen Schnee sinken, nahm eine Handvoll davon und legte sie vorsichtig auf ihr Gesicht, um ihren Schmerz zu lindern; eine erbärmliche Hilfe, wie ihm sehr wohl bewusst war. Für einen kleinen Moment war ihr Schmerz wie sein eigener, und für einen noch kleineren Moment empfand er nichts als Zorn auf sich selbst, nicht mehr für sie tun zu können. Er fühlte sich schuldig an dem, was ihr zugestoßen war, und obwohl er wusste, wie unsinnig dieser Gedanke war, war er zugleich doch intensiv genug, um ihm schier die Kehle zuzuschnüren.

»Schon gut«, flüsterte er. »Hab keine Angst. Dir wird nichts geschehen. Wie ist dein Name?«

»Elenia. Ihr Name ist Elenia. Und wenn du sie anrührst, dann töte ich dich.«

Es war nicht das Mädchen, das das sagte, doch als er sich umdrehte, glaubte er sich zuerst ihrer nur wenig älteren Zwillingsschwester gegenüber.

Die Frau war etwas größer als das Mädchen, vom gleichen schlanken - wenn auch viel fraulicherem - Wuchs und hatte dasselbe lange blonde Haar, das zu zwei dicken Zöpfen geflochten weit über ihre Brust hinabfiel, und er musste nicht fragen, um zu wissen, dass das verwundete Mädchen in seinen Armen ihre Tochter war.

Er musste auch nicht fragen, um zu wissen, wie bitter ernst sie ihre Worte meinte. Sie stand kaum einen Schritt hinter ihm, offensichtlich aus demselben Schneeloch gekrochen, aus dem er das Mädchen gezogen hatte, und ihre schmalen Hände hielten den Stiel eines schweren Schmiedehammers umklammert. Offensichtlich war sie kräftiger, als ihre Gestalt vermuten ließ, und er konnte in ihrem Gesicht erkennen, dass sie das, was ihr an Stärke mangeln mochte, durch den Mut der Verzweiflung mehr als wettmachte. Der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen war undeutbar - Überraschung, Entsetzen oder so etwas wie … Erkennen?

»Ich habe nicht vor, deiner Tochter etwas anzutun«, sagte er.

Die Augen der Frau wurden schmal. »Meiner Tochter? Woher weißt du, dass sie … meine Tochter ist?«

»Weil ich nicht blind bin. Was ist geschehen? Seid ihr angegriffen worden?«

»Ja«, sie schüttelte den Kopf und verbesserte sich: »Nein«, nur um sich gleich noch einmal zu korrigieren: »Ja.«

Ihr Blick löste sich von seinem Gesicht, tastete unstet über die schneebedeckte Lichtung hinter ihm und kehrte dann zurück. »Sind sie … fort?«

»Wer?«

»Die Wölfe. Wir haben versucht, ihnen zu entkommen, aber der Wagen ist umgestürzt. Sie haben unsere Magd getötet und deren Kind. Wo sind sie?«

Er musste an die schrecklich zugerichtete Tote denken, die er im Schnee gefunden hatte, aber er sagte nichts davon. »Ich habe keine Wölfe gesehen«, antwortete er stattdessen. Zugleich fragte er sich, ob das wirklich eine Lüge war; zumindest was die Wölfe anging. Je länger er über seine gespenstische Begegnung mit dem weißen Riesen nachdachte, desto weniger sicher war er, es wirklich erlebt zu haben.

»Wenn es hier Wölfe gäbe, dann wäre ich wohl kaum hier. Und das da«, fügte er mit einer Kopfbewegung auf den Hammer in ihren Händen hinzu, »brauchst du wirklich nicht. Ich bin nicht euer Feind.«

Die Frau zögerte noch einen winzigen Moment - gerade lange genug, damit er sie nicht als zu leichtgläubig einschätzte -, dann jedoch deutete sie ein Kopfnicken an, legte den schweren Hammer aus der Hand und sank neben dem Mädchen auf die Knie. Der besorgte Ausdruck blieb auf ihrem Gesicht, aber nun gesellte sich noch etwas anderes hinzu, ein Ausdruck von Zärtlichkeit, wie sie nur eine Mutter für ihr Kind empfinden konnte, aber auch der unbedingte Wille, dieses Kind zu beschützen, und sei es gegen die Götter selbst. Während sie sich vorbeugte und mit den Fingerspitzen behutsam über die Ränder der schrecklichen Wunde tastete, begann ihre andere Hand unter ihrem Mantel zu suchen, und sein Blick glitt noch einmal über den Schmiedehammer, den sie fallen gelassen hatte. Es war keine Waffe, sondern ein Werkzeug, und obwohl er ihr ansah, dass sich unter ihrer glatten Haut starke Muskeln verbargen, musste es sie fast ihre ganze Kraft gekostet haben, den Hammer auch nur zu heben. Wieso hatte sie sich keine handlichere Waffe genommen?

»Was ist geschehen?«, fragte er noch einmal.

Die Frau zog einen schmalen Lederbeutel unter dem Mantel hervor. Er enthielt ein feinkörniges graues Pulver, von dem sie eine kleine Menge in ihre geöffnete Linke schüttete. Während sie mit der anderen eine Handvoll Schnee aufhob und das Pulver damit zu vermischen begann, machte sie eine vage Kopfbewegung hinter sich.

»Der Sturm hat uns auf der Ebene überrascht. Es war zu spät, um umzukehren, also haben wir uns in den Wald gerettet. Als das Schlimmste vorbei war, wollten wir weiterfahren, aber dann sind die Wölfe gekommen. Sie haben einen der Ochsen gerissen, und der Wagen ist umgestürzt. Das ist alles.«

Es waren die letzten drei Worte, die ihm klarmachten, dass das ganz und gar nicht alles war. Diese Frau und ihre Tochter hatten Schlimmes hinter sich, aber sie wollte nicht darüber sprechen … und wieso auch? Schließlich war er ein vollkommen Fremder für sie. Sie wäre dumm, ihm zu vertrauen.

»Sind dort unten noch mehr?«, fragte er mit einer Geste auf die Vertiefung im Schnee.

»Mein Mann und mein Sohn.« Sie beugte sich über das Mädchen, das mittlerweile das Bewusstsein verloren zu haben schien, und begann die Salbe, die sie aus dem Inhalt ihres Säckchens und etwas schmutzigem Schnee hergestellt hatte, auf der zerfetzten Hälfte seines Gesichts zu verteilen.

Er empfand ein vages Bedauern beim Anblick der verheerten Züge. Trotz all des Schmutzes und Blutes konnte er erkennen, dass es ein sehr schönes Gesicht war, und ein einziger Blick in das der Mutter zeigte ihm, dass es in nicht allzu ferner Zukunft noch sehr viel schöner geworden wäre, hätte ein grausames Schicksal nicht anders entschieden.

Er war nicht sicher, dass es diese schlimme Verletzung überleben würde, und setzte dazu an, eine entsprechende Frage zu stellen, begriff dann aber im letzten Augenblick, wie grausam das gewesen wäre, und stand stattdessen auf, um die zwei Schritte zu dem Loch im Schnee zu tun.

Darunter lag kein hart gefrorener Boden, sondern zersplittertes Holz, unter dem sich Schatten bewegten. Behutsam ließ er sich in die Tiefe gleiten und fand sich in einer flachen Mulde wieder, deren Decke von der zerborstenen Seitenwand des umgestürzten Wagens gebildet wurde. Seine Augen, die sich erstaunlich schnell an das schwache Licht gewöhnten, zeigten ihm einen vielleicht dreizehn- oder vierzehnjährigen Jungen, der ihn aus angstvoll aufgerissenen Augen anstarrte und so weit von ihm weggekrochen war, wie es in der winzigen Höhle überhaupt ging, und einen bärtigen Mann in derber Kleidung. Er lag verkrümmt auf der Seite und hatte die Augen geschlossen. Seine Hand umklammerte ein kurzes Schwert, und die Mischung aus Morast und halb geschmolzenem Schnee unter ihm hatte sich rosa gefärbt. Elenia und ihre Familie mussten sich unter den umgestürzten Wagen verkrochen haben, um Schutz vor den Wölfen zu finden. Eine ziemlich dumme Idee, wenn man wusste, über welch scharfe Sinne die grauen Jäger verfügten. Aber auch eine, die zeigte, wie groß ihre Verzweiflung gewesen war.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, wandte er sich an den Jungen. »Ich tue dir nichts.«

»Bist du … bist du einer von ihnen?«, stieß der Junge mit einer Stimme hervor, die beinahe vor Angst brach.

»Nein«, antwortete er, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er überhaupt sprach. Er versuchte zu lächeln. »Ich bin hier, um euch zu helfen.«

Behutsam streckte er die Hand nach dem Jungen aus, führte die Bewegung aber nicht zu Ende, als dieser noch erschrockener zurückwich. »Ich will euch helfen«, sagte er noch einmal. »Deine Mutter und deine Schwester sind oben. Du musst keine Angst haben. Die Wölfe sind fort.«

Der Junge zögerte. »Mein Vater -«

»Er ist verletzt, ich weiß.« Und das ziemlich schlimm. »Wir müssen ihn nach oben bringen, aber das schaffe ich nicht allein. Hilfst du mir?«

Ein weiterer, quälend langer Moment verging, in dem der Junge ihn nur weiter anstarrte, dann aber begann er an den Schultern seines Vaters zu zerren. Das einzige Ergebnis war ein halblautes Stöhnen, das über die Lippen des Bewusstlosen drang.

»Warte«, sagte er rasch. »Das hat keinen Sinn. Kriech nach oben und pass auf deine Mutter auf. Jemand muss sie beschützen, falls die Wölfe wiederkommen.«

Den Bewusstlosen aus seinem Versteck herauszubekommen erwies sich als ebenso unerwartet einfach wie überraschend schwer. Einfach, weil er so leicht wie ein Kind zu sein schien, und schwer, weil ihm schon die geringste Berührung große Schmerzen bereitete, vor denen ihn nicht einmal die Bewusstlosigkeit schützte. Am Ende musste er doch die Hilfe des Jungen in Anspruch nehmen, um seinen Vater nach oben zu ziehen und behutsam in den Schnee zu legen.

»Wird er sterben?«, fragte der Junge.

Die Frage erschreckte ihn, doch bevor er antworten konnte, mischte sich die Mutter des Knaben ein und fuhr ihn an: »Red nicht so einen Unsinn, Lif! Dein Vater ist ein starker Mann! Er braucht nur ein wenig Ruhe und etwas von meiner Medizin, und dann wird er sich wieder erholen!«

Nach dem, was er gerade gesehen und im Inneren des Bärtigen gespürt hatte, bezweifelte er das, behielt diese Meinung aber für sich. Diese Menschen waren vollkommen fremd für ihn, weder seine Feinde noch seine Freunde, und er hatte nicht das Recht, ihnen unnötig wehzutun.

Statt irgendetwas zu sagen, stand er auf und suchte aus eng zusammengekniffenen Augen den Himmel ab. Er wusste nicht, warum er das tat, aber er spürte, dass es wichtig war.

Das Firmament war klar und völlig wolkenlos, als hätte es den Sturm niemals gegeben, und wie oft nach einem schweren Unwetter hatte sich eine tiefe Stille über das Land gelegt, in der alle Laute sonderbar gedämpft klangen. Die Sonne stand schon tief und würde bald untergehen, und dann würde es hier grausam kalt werden. Im Moment erschien ihr Atem noch als grauer Dampf vor ihren Gesichtern, wenn sie sprachen, doch wenn die Sonne untergegangen war, würde er in ihren Kehlen zu Eis erstarren. Er konnte nicht sagen, woher dieses Wissen kam, aber es war zu sicher, um es auch nur in Zweifel zu ziehen.

Er deutete auf das Mädchen. »Wie geht es ihr?«

»Sie wird es überleben.« Die Worte kamen hart, viel zu laut und hatten etwas von einem Vorwurf. Er verstand, warum sie das so sagte. Sie wird es überleben. Aber sie wird nie wieder ganz dieselbe sein. Das Mädchen tat ihm leid.

»Du hast uns geholfen«, sagte die Frau, während sie neben ihrem Mann niederkniete und die Hände nach ihm ausstreckte, ohne ihn indes zu berühren. »Dafür … danke ich dir.«

Ihm entging nicht, wie schwer es ihr fiel, die Worte auszusprechen; als hätte sie schon vor sehr langer Zeit verlernt, irgendeinem Menschen zu vertrauen, der nicht von ihrem Fleisch war.

»Ich habe doch gar nichts getan.«

Die blonde Frau maß ihn mit einem sonderbaren Blick, und gerade, als er zu der Überzeugung gelangt war, dass das die einzige Antwort war, die er bekommen würde, sagte sie mit noch seltsamerer Betonung: »Und das ist schon mehr, als so mancher an deiner Stelle getan hätte.«

Es dauerte eine Weile, bis er überhaupt begriff, was sie mit diesen Worten meinte, und dann fiel ihm keine Erwiderung ein. Verlegenheit machte sich in ihm breit.

»Mein Name ist Urd«, fuhr sie fort. »Das da sind Lasse, mein Mann, und Lif, mein Sohn. Wie ist dein Name?«

»Urd?«, erwiderte er. »Das ist … ein sehr schöner Name. Ein wenig ungewöhnlich.« Da er so gut wie nichts wusste, wusste er auch nicht, was gewöhnlich oder ungewöhnlich war, aber es kam ihm so vor.

»Mein Vater war ein sehr gläubiger Mann, aber es ist ihm anscheinend nie in den Sinn gekommen, dass die Götter es vielleicht nicht schätzen, wenn man sich mit ihren Namen schmückt.« Sie lächelte, kurz und bitter. »Aber vielleicht sollte ich ja dankbar sein, dass er mich nicht Skuld genannt hat.«

Während sie daran ging, Mantel und Wams ihres Mannes aufzuknöpfen und ihn zu untersuchen, begann sich unbehagliches Schweigen zwischen ihnen breitzumachen. Urd stellte sich so geschickt wie eine Heilerin dabei an, wirkte zugleich aber auch auf sonderbare Weise hilflos. Angesichts der schrecklichen Verletzungen, die zum Vorschein kamen, als sie sein grobes Wollhemd hochschob, verstand er das nur zu gut. Mindestens eine seiner Rippen war gebrochen und ragte wie eine zersplitterte weiße Dolchklinge aus seiner Brust, nur ein kleines Stück unterhalb seines Herzens.

Sein ganzer Brustkorb war ein einziger blauer Fleck, was bedeutete, dass das meiste Blut nach innen floss, und bei jedem einzelnen rasselnden Atemzug erschienen rosafarbene schaumige Bläschen auf seinen Lippen.

Er stirbt, dachte er. Eigentlich grenzte es schon an ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch lebte.

»Vater?«, flüsterte Lif.

Urd hob gebieterisch die Hand, und der Blick, mit dem sie den Jungen maß, brachte ihn dazu, die Tränen niederzukämpfen.

»Geh und such nach unseren Sachen, Lif«, befahl sie. »Wir brauchen Kleidung und Essen. Wenn es wieder zu schneien beginnt, finden wir nichts davon wieder.«

Der Junge sah seine Mutter noch einen Moment lang verstockt an, stand aber dann gehorsam auf und begann die überall im Schnee verteilte Ladung des Wagens zusammenzusuchen.

Er verspürte einen neuen, dünnen Stich in der Brust. Lasse, der Vater des Jungen, starb, und Lif wusste das. Er war weder dumm noch blind. Warum gestattete sie ihm nicht, um seinen Vater zu weinen? War sie eine so harte Frau, oder stammte sie aus einem so harten Volk?

»Ich kann nichts mehr für ihn tun«, bekannte sie, »außer seine Schmerzen zu lindern.«

Und erst jetzt begriff er, warum sie ihren Sohn weggeschickt hatte. Ihre Hand glitt unter den Mantel und kam mit einem schmalen Dolch wieder zum Vorschein.

»Warte«, sagte er.

Urd hielt zwar in der Bewegung inne und sah ihn an, aber nun kehrte das Misstrauen endgültig in ihre Augen zurück, und obwohl sie keinen Finger rührte, schien sie das Messer plötzlich nicht mehr nur zu halten, um ihrem Mann einen letzten Liebesdienst zu erweisen.

Er schüttelte den Gedanken ab, beugte sich zu dem Sterbenden und lauschte in ihn hinein. Da war ein dumpfer Schmerz, weit weniger schlimm, als er erwartet hatte, und darunter, rasch stärker werdend, etwas Anderes, Dunkles und Verzehrendes.

»Was tust du da?«, fragte Urd.

Er wusste es nicht, doch er wusste, dass es das Richtige war. Nahezu ohne einen bewussten Willensakt griff er nach dieser Dunkelheit, drängte sie zurück und begann Worte zu flüstern, die er nicht verstand, und das in einer Sprache, die er niemals zuvor gehört hatte.

Etwas … geschah. Er konnte nicht sagen, was, aber es war aufregend und Furcht einflößend zugleich, neu und uralt wie das Ringen unsichtbarer Schatten in der Dunkelheit, vertraut und zugleich so fremd, dass der menschlichen Sprache die Worte fehlten, es zu beschreiben.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte, doch als es vorbei war, war er in Schweiß gebadet, der eisig auf seiner Haut trocknete, und fror erbärmlich, und er fühlte sich so ausgelaugt, als hätte er mit Riesen gerungen.

Urd starrte ihn an. Ihre Augen waren groß, und ihre Hand hielt das Messer jetzt so fest umklammert, dass das Blut aus ihr wich und die Haut fast durchsichtig wirkte.

»Was … hast du getan?«

»Das Richtige.« Er stand auf, machte einen Schritt zur Seite und taumelte, als ihn die Kräfte zu verlassen drohten. Er hatte mit Riesen gerungen, und er war ganz und gar nicht sicher, wer diesen Kampf gewonnen hatte.

»Wir müssen hier weg«, sagte er schwach. »Bevor die Sonne untergeht. Wenn uns die Nacht im Freien überrascht, dann sterbt ihr.« Ihr. Er hatte dieses Wort nicht von ungefähr gewählt, und auch das entging Urd keineswegs. Sie starrte ihn weiter aus großen Augen an, in denen etwas geschrieben stand, das schlimmer war als bloße Furcht.

»Müssen wir Angst vor dir haben?«, fragte sie.

»Nein.«

Er wusste nicht, ob diese Antwort der Wahrheit entsprach, aber es war die einzige, die er hatte. Urd starrte ihn noch einen endlosen Atemzug lang an, bevor sie das Messer sinken ließ und mit einer müden Bewegung aufstand.

»Wir sind an einem Hof vorbeigekommen, kurz bevor der Sturm losgebrochen ist.« Ihre Stimme klang matt und hölzern, als müsse sie nicht nur die Erinnerung herbeizwingen, sondern gleichsam jedes einzelne Wort. »Aber wir sind schnell gefahren, und ich bin nicht einmal ganz sicher, ob ich den Weg zurück finde.«

»Dann müssen wir in die Berge«, entschied er. »Vielleicht finden wir eine Höhle oder einen Felsspalt, der uns Schutz bietet. Morgen früh versuchen wir dann, diesen Hof zu finden.« Das klang wenig überzeugend, selbst in seinen eigenen Ohren. Urd blickte auch entsprechend zweifelnd, erst in sein Gesicht, dann auf ihren bewusstlosen Mann hinab. Sie wirkte verwirrt, als begriffe sie nicht ganz, wovon er überhaupt sprach.

»Ich werde ihn tragen«, sagte er. »Aber du und Lif müsst euch um das Mädchen kümmern.«

Der Junge kam zurück, mit allerlei Krimskrams beladen, den er im Schnee gefunden hatte und von dem sie das allermeiste nicht gebrauchen konnten, aber auch einen Sack voller Lebensmittel hinter sich herschleifend. »Rauch«, sagte er mit einer Kopfbewegung hinter sich. »Im Süden.«

»Rauch?«, wiederholte Urd.

»Ich habe Rauch gesehen«, bestätigte Lif. »Nur ganz kurz, aber ich habe ihn gesehen. Vielleicht sind dort Menschen.«

Für einen Moment sahen sie alle konzentriert in die bezeichnete Richtung. Der Himmel über dem verschneiten Wald war immer noch von einem geradezu unnatürlich strahlenden Blau und vollkommen leergefegt. Nicht die geringste Spur einer Rauchfahne war zu sehen.

»Und du bist ganz sicher?«

»Ja«, antwortete Lif. »Es war Rauch. Vielleicht ein Feuer. Vielleicht gibt es ja dort ein Haus.«

Er glaubte dem Jungen - und selbst wenn er es nicht getan hätte: Welche Chancen hatten sie in den Bergen? Selbst ihn hatte es all seine Kraft und enormes Geschick gekostet, seinen Weg über den vereisten Fels zu finden, und da war er allein gewesen und hatte sich nicht um einen bewusstlosen Mann, eine Frau und zwei Kinder kümmern müssen.

»Versuchen wir es«, sagte er. »Aber wir sollten keine Zeit mehr verlieren.«

»Und wenn dort keine Menschen sind?«, wandte Urd ein.

»Dann sterben wir«, antwortete er.

»Und die Höhle in den Bergen?«

»Ich habe nicht gesagt, dass es eine gibt. Nur, dass wir vielleicht eine finden.« Er hob die Hand, als sie antworten wollte. »Du solltest mich nicht für einen Gott oder Zauberer halten, nur weil ich deinem Mann geholfen habe.«

»Und wie nennt man dann jemanden, der einen Mann von den Toten zurückholt?«, fragte sie.

Erst, als er erschrocken den Blick wandte und den Ausdruck von Verständnislosigkeit auf Lifs Gesicht sah, wurde ihm bewusst, dass Urd in einer anderen Sprache geredet hatte, die der Junge offensichtlich nicht verstand.

Er antwortete in derselben Zunge, obwohl er sich nicht erinnerte, sie jemals gelernt zu haben.

»Weder das eine noch das andere. Vielleicht wissen wir da, wo ich herkomme, nur ein bisschen besser, was Menschen auszuhalten imstande sind. Du hast es selbst gesagt: Dein Mann ist stark. Wenn er die Nacht übersteht, hat er eine gute Chance zu leben. Aber nur«, fügte er nach einer winzigen Pause hinzu, »wenn wir nicht noch mehr Zeit verlieren. Die Sonne geht bald unter.«

Urd blinzelte. »Das ist das zweite Mal, dass du das sagst. Warum?«

»Warum? Weil es die Wahrheit ist.«

»Die Sonne geht nicht unter«, gab ihm Urd zu verstehen. »Es dauert noch einen ganzen Monat, bis es dunkel wird. Und danach bleibt es für viele Wochen dunkel. Du musst von sehr weit her kommen, wenn du das nicht weißt.«

Aber er hatte es gewusst. Die Erinnerung war genau in dem Moment in seinem Bewusstsein aufgetaucht, in dem er die Worte hörte. Und es machte ihm Angst.

»Nun, dann haben wir ja wohl doch noch ein bisschen Zeit«, sagte er.

Urd sah ihn nur noch durchdringender an und schwieg, schließlich aber ließ ihr Blick von seinem Gesicht ab und wanderte über den umgestürzten Wagen und die Gegenstände, die in weitem Umkreis im Schnee verstreut waren.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie vielleicht dasselbe sahen, es aber von vollkommen unterschiedlicher Bedeutung für sie war. Was er sah, waren Kleider, Lebensmittel, Töpfe und Schalen, zerbrochene Kisten und aufgerissene Körbe und hundert andere Dinge, die für ihn keinerlei Bedeutung hatten.

Für sie war es ein ganzes Leben.

Urd seufzte noch einmal tief und gab sich dann einen Ruck. »Du hast recht. Wir können nicht hierbleiben. Es gibt hier nichts mehr, wofür es sich zu bleiben lohnt. Lif, hilf mir, das zu suchen, was von unseren Kleidern noch da ist.«

2. KAPITEL

Nahezu schweigend - und, wie ihm nicht entgangen war, vor allem ohne ein einziges Wort der Trauer - hatte Urd ihm geholfen, den Leichnam der Magd zu begraben, so gut es in dem gefrorenen Boden überhaupt möglich war. Von dem Kind, von dem sie gesprochen hatte, hatten sie keine Spur mehr gefunden, und auch darüber hatte Urd kein Wort verloren.

Danach waren sie aufgebrochen.

Der Tag nahm kein Ende, und das nicht nur scheinbar. Die Sonne stand eine gute Handbreit über dem Horizont, und so oft er auch hinsah, schien sie sich nie auch nur um eine Winzigkeit von der Stelle gerührt zu haben - als wäre sie durch einen Zauber an diesen Ort gebannt und dazu verflucht, für alle Zeiten dort zu verharren. Vielleicht war es auch genau andersherum, und es war die Zeit, die nicht mehr existierte. Vielleicht war er auch tot und in diesem einzigen, niemals endenden Augenblick des Schreckens gefangen.

Oder vielleicht war er auch einfach nur erschöpft.

Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der er alles hatte tun können, und ein bisschen auch Urds Worte hatten ihn mit der Illusion erfüllt, seine Kräfte könnten tatsächlich unerschöpflich sein, aber das stimmte ganz und gar nicht. Aus dem gleichen hochmütigen Gefühl heraus hatte er sich nicht nur den bewusstlosen Mann auf die Arme geladen, sondern neben Lasses Schwert auch noch den schweren Schmiedehammer mitgenommen; ein Entschluss, den er selbst mit jedem Schritt, den das schwere Werkzeug an seinem Gürtel zerrte, mehr bedauerte und weniger verstand.

Dennoch kam er nicht ein Mal auf den Gedanken, sich von der zusätzlichen Last zu befreien. Er spürte einfach, dass es richtig war, den Hammer mitzunehmen. Es gab keinen Grund für diese Überzeugung, aber auch keinen Zweifel daran. Gefühl war vielleicht das Einzige, was ihn noch mit dem Leben verband, das er geführt haben musste, bevor ihn der Sturm in diese ebenso verwirrende wie feindselige Welt hineingespien hatte. Und wenn es falsch war, woran konnte er sich dann noch halten?

Stunde um Stunde schleppten sie sich durch den Schnee, einem Horizont entgegen, der sich immer eine Winzigkeit schneller von ihnen zu entfernen schien, als sie sich auf ihn zubewegten. Seine Kräfte, die ihm anfangs so unerschöpflich erschienen waren, ließen irgendwann nach, und spätestens in dem Moment, in dem das Mädchen Elenia aus seiner Ohnmacht erwachte und nicht mehr von seiner Mutter und seinem Bruder getragen werden musste, war er es, der Mühe hatte, mit den anderen Schritt zu halten, und nicht mehr umgekehrt.

Doch schließlich zeigte sich, dass der Junge sich doch nicht geirrt hatte. Sie fanden kein Feuer, wohl aber die Stelle, an der es gewütet hatte - oder, um genauer zu sein: das, was noch davon übrig war.

Der Rauch, der sie letzten Endes hergeführt hatte, stammte nicht von einer Kochstelle oder einem Kaminfeuer. Trotz der vielen Stunden, die seither vergangen waren, strahlten die geschwärzten Wände der Ruine noch eine fühlbare Wärme aus, und der Geruch nach verkohltem Holz, heißem Stein und verbranntem Fleisch schlug ihnen schon aus weiter Entfernung entgegen, obwohl sie sich dem niedergebrannten Hof gegen den Wind näherten.

»Was, bei Hel, ist hier passiert?«, flüsterte Urd. Ihre Stimme war flach und verriet mehr von ihrer Erschöpfung als der Anblick ihres bleichen Gesichts.

Statt zu antworten - und wie hätte er das auch gekonnt -, ließ er sich auf ein Knie herabsinken, legte Urds bewusstlosen Mann in den Schnee und bedeutete Lif mit einem entsprechenden Blick, sich um seinen Vater zu kümmern. Dann ging er mit schnellen Schritten den sanften Hang hinab, an deren Fuß die Ruine stand. Seine Hand glitt zum Gürtel, während sein Blick aufmerksam und auf eine vollkommen neue Art umhertastete.

Das Gehöft war äußerst klug im Schutze einer Hügelkette angelegt. Hätte er an dieser Stelle eine Festung erbaut, so hätte er ihre Mauern oben auf dem Hügel errichtet, dem kleinen Hof hingegen boten die Anhöhen in drei Richtungen Schutz vor den ärgsten Unbilden des Wetters. In der vierten Richtung - nach Süden - erstreckte sich eine sanft abfallende Ebene bis zu der fernen glitzernden Linie eines zugefrorenen Flusses. Schräg stehende Pfosten, die in unregelmäßigen Abständen aus dem Schnee ragten, markierten die Grenze einer Fläche, auf der im Sommer vermutlich Vieh graste. Was immerhin die Frage beantwortete, wovon die Menschen hier lebten: Die zum Teil verkohlten Kadaver eines Dutzends Kühe lagen in derselben panischen Unordnung da, in der der Tod sie ereilt hatte. Sie waren auch die Quelle des Geruchs nach verbranntem Fleisch. Zu seiner Erleichterung sah er zumindest auf den ersten Blick keinen menschlichen Leichnam, aber noch hatte er das ausgebrannte Haus nicht betreten.

Bevor er es tat, blieb er noch einmal stehen und sah zu den anderen zurück. Urd blickte konzentriert in seine Richtung, und er konnte ihre Anspannung fast körperlich spüren. Elenia starrte weiter ins Leere, während ihr Bruder so tat, als konzentriere er sich ganz auf seinen bewusstlosen Vater, aber er war ein schlechter Schauspieler. Der Junge konnte sich kaum noch beherrschen, ihm nicht nachzulaufen.

Statt sein Schwert zu ziehen, wonach ihm zumute war, bedeutete er ihnen mit einer vollkommen überflüssigen Geste noch einmal, zurückzubleiben, trat geduckt unter dem niedrigen Türsturz hindurch und zog erst dann die Klinge blank.

Mit dem winzigen Schwert in der Hand fühlte er sich fast noch wehrloser als zuvor. Allein das Gewicht der Klinge war vollkommen falsch; als wäre er eine deutlich schwerere Waffe gewohnt, vielleicht auch eine andere Art. Er war sich jetzt beinahe sicher, dass er in dem Leben, das er vergessen hatte, ein Krieger gewesen war.

Das Innere des Hauses bestand aus einem einzigen großen Raum, in dem das Feuer mit verheerender Kraft gewütet hatte. Der Dachstuhl war zusammengestürzt und hatte alles unter sich begraben, und wenn es einmal ein nennenswertes Mobiliar gegeben hatte, so war es längst zu weißer Asche zerfallen. Das Einzige, was dem Feuer entgangen war, war der mächtige Kamin an der verkohlten Außenmauer. Selbst das säuberlich aufgestapelte Feuerholz darin war unversehrt.

Auch hier waren keine Leichen zu finden, es sei denn, sie lägen unter den Trümmern des Dachstuhls. Was war hier geschehen?

Zögernd schob er das Schwert wieder in den Gürtel, trat aus dem Haus und winkte Urd und ihrem Sohn zu, bevor er ihnen mit langen Schritten entgegeneilte. Urd empfing ihn mit einem Blick, in dem weit mehr Sorge als Neugier zu lesen war, schwieg aber. Vermutlich wollte sie ihre Kinder nicht noch mehr beunruhigen, als es sowieso schon der Fall war. Er beantwortete ihren Blick mit einem knappen Kopfschütteln und einem übertrieben beruhigenden Lächeln, lud sich ohne ein Wort der Erklärung Lasse auf die Arme und bedeutete ihr ebenso wortlos, sich um ihre Tochter zu kümmern. Elenia saß mit hängenden Schultern und nach vorn gesunkenem Kopf im Schnee und schien zu schlafen, erhob sich aber gehorsam, als Urd sie nur flüchtig berührte. Als sie aufstand, versuchte er einen Blick in ihr Gesicht zu erhaschen, aber viel war davon nicht zu sehen. Urd hatte den Saum ihres Mantels abgerissen und einen Verband daraus improvisiert, der zwar seinen Zweck erfüllte, von ihrem Gesicht aber kaum mehr als den Mund und einen schmalen Streifen über den Augen frei ließ.

Erneut fiel ihm auf, wie schön diese Augen waren, und er spürte einen neuerlichen tiefen Stich. Schönheit war in dieser erbarmungslosen Welt oft das Einzige, was das Leben einer Frau mit auf den Weg geben konnte, und wenn er ihre Mutter als Vorbild nahm, dann hatte sie davon schon fast überreichlich bekommen. Aber das Schicksal war launisch und grausam, und es hatte ihr dieses Geschenk wieder genommen, noch bevor sie Nutzen daraus ziehen konnte.

Im Haus angekommen, musste er sich nur einen kurzen Moment gedulden, bis Urd und der Junge den Boden vor dem Kamin frei geräumt hatten, sodass er den Verwundeten ablegen konnte. Elenia suchte sich einen Platz irgendwo zwischen den Trümmern und sank in einen Dämmerzustand zwischen Ohnmacht und Fieber, während Urd sich neben ihrem Mann auf die Knie sinken ließ und seine heiße Stirn betastete.

»Wie geht es ihm?« Vermutlich hätte er diese Frage besser beantworten können als sie, aber er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, einfach nur irgendetwas zu sagen. Auch wenn es dumm klang.

»Was immer du getan hast, du hast sein Leben gerettet«, antwortete Urd sanft. »Aber ich weiß nicht, wie lange diese Hilfe noch anhält.« Sie sah ihn auf eine Art an, die eine unausgesprochene Frage enthielt, doch er schüttelte nur ebenso wortlos den Kopf. »Ich muss die gebrochene Rippe richten, bevor er innerlich verblutet. Hilfst du mir?«

»Du kannst so etwas?«, fragte er erstaunt.

»Nein«, antwortete Urd. »Wahrscheinlich bringe ich ihn damit um. Aber wenn ich es nicht tue, dann stirbt er ganz sicher.«

Er nickte, zweifelnd, aber auch von Bewunderung für den Mut dieser Frau erfüllt.

»Dann brauche ich heißes Wasser«, sagte sie. »Lif, mach ein großes Feuer im Kamin. Und schau, ob du in dem Gerümpel hier einen Topf oder irgendetwas anderes findest, worin wir Schnee schmelzen können.«

Lif machte sich gehorsam auf die Suche, und Urd stand auf. »Wir brauchen sauberen Schnee, am besten vom Hügel oben. Hilfst du mir, ihn zu holen?«

Lif überraschte sie. Auch wenn es ihm länger vorgekommen war, so waren sie doch nur für kurze Zeit wirklich draußen gewesen, um Schnee zu holen. Dennoch hatte diese Zeit dem Jungen nicht nur gereicht, ein Feuer im Kamin zu entfachen, sondern auch einen halbwegs bequemen Platz für seine Schwester zu finden und aus ihren Mänteln und allerlei anderen Dingen, die er in den Trümmern gefunden hatte, eine Lagerstatt für seinen Vater herzurichten. Über den Flammen im Kamin hing ein verbeulter Kupferkessel, bei dessen Anblick er sich unwillkürlich fragte, wie es dem Knaben gelungen war, ihn dorthin zu bringen. Sein verrußter Boden glühte im flackernden Schein der Flammen, die ihn umzüngelten, und die ersten zwei oder drei Hand voll Schnee, die sie hineinwarfen, verwandelten sich augenblicklich in zischenden Dampf.

»Das reicht nicht«, sagte Urd, noch bevor sie die Hälfte des mitgebrachten Schnees aufgebraucht hatten. »Lif, geh und hol noch mehr Schnee. Und nimm deine Schwester mit. Sie kann dir helfen.«

Nicht nur Lif sah sie verstört an. Elenia sah nicht so aus, als könne sie auch nur sich selbst helfen, geschweige denn ihrem Bruder, aber dann schien er doch zu verstehen. Wortlos, wenn auch mit zornig funkelnden Augen, ging er zu seiner Schwester hin, ergriff sie am Arm und führte sie hinaus.

»Du hast einen sehr tapferen Sohn.«

Urd nickte knapp, zog ihr Messer aus dem Gürtel und hielt die schmale Klinge in die Flamme, bis sie zu glühen begann. Wortlos schlug sie den Mantel ihres Mannes auseinander und rollte sein Wams und das Hemd hoch.

»Ich muss seine Brust aufschneiden«, sagte sie. »Wenn du mir nicht hilfst, dann töte ich ihn.«

Er wusste, was sie damit meinte, wich ihrem Blick aber aus und nickte nur. »Ich helfe dir«, sagte er einfach. Er war nicht sicher, ob er dieses Versprechen auch halten konnte.

Was folgte, war vielleicht das Schlimmste, was er jemals erlebt hatte, auch wenn ihm eine lautlose Stimme in seinen Gedanken zuflüsterte, dass er weitaus größere und sinnlosere Grausamkeiten mit angesehen - und begangen? - hatte, auf jeden Fall aber das Schlimmste, woran er sich erinnerte.

Urd nutzte die glühende Klinge, um das Fleisch ihres Mannes aufzuschneiden und gleichzeitig die ärgste Blutung zu stillen. Vielleicht zerstörte sie seinen Körper dabei mehr, als sie ihn heilte, doch immerhin zog sie den gezackten beinernen Splitter aus seinem Fleisch, der bisher darin gewühlt und ihm bei jeder Bewegung weitere und schlimmere Wunden zugefügt hatte.

Sie tat, was sie konnte, und auch er hielt sein Versprechen und half ihr, soweit es in seiner Macht stand. Aus der Dunkelheit in Lasse wurde Schwärze, dann ein lautlos brüllender Sog, der sich schneller und schneller drehte und seine Gedanken in den Schlund des endgültigen Vergessens ziehen wollte, aber er stemmte sich dagegen, drängte die Dunkelheit mit einer Kraft zurück, die vielleicht größer, auf jeden Fall aber entschlossener war als die des Todes.

Und am Ende gewann er diesen Kampf. Die Dunkelheit zog sich aus dem Mann zurück und wich einer tiefen Bewusstlosigkeit, und Urd sank mit einem Seufzen tiefster Erschöpfung nach vorne und wäre gestürzt, hätte er nicht rasch die Hand ausgestreckt und sie festgehalten.

Allerdings nur ganz kurz, denn sie schrak unter seiner Berührung heftig zusammen, prallte zurück und sprang dann auf, um mit schnellen Schritten aus dem Haus zu eilen. Noch in seiner Sichtweite blieb sie stehen und ging wieder in die Hocke, um zuerst ihre blutigen Hände und dann die Messerklinge im Schnee zu säubern. Was natürlich nicht der wahre Grund für ihre überstürzte Flucht aus dem Haus war.

Sie hatte Angst vor ihm, und sein Gefühl sagte ihm, dass sie nicht der erste Mensch war, der sich vor ihm gefürchtet hatte. Er schüttelte den Gedanken ab, bevor er womöglich noch andere, schlimmere Erinnerungen weckte, und sah auf den Bewusstlosen hinab.

Lasse fieberte, und obwohl es hier am Kamin schon beinahe zu warm war, zitterte er am ganzen Leib. Aber er würde leben, nach dem, was er getan hatte. Auch wenn er selbst nicht genau sagen konnte, was es gewesen war.

Er versuchte sich damit abzulenken, dass er den Mann, den er stundenlang getragen hatte, zum ersten Mal genauer ansah. Lasse hatte seine besten Jahre offensichtlich schon eine ganze Weile hinter sich und war nicht besonders groß, mindestens eine Handspanne kleiner als Urd. Früher einmal musste er ein kräftiger Mann gewesen sein, jetzt war er nur noch hager und sehnig. Seine Hände waren mit zahllosen Narben übersät, und auch auf seiner Brust, den Armen und den Schultern hatte er die Spuren alter Verbrennungen gesehen, bevor Urd einen weiteren Teil ihres Mantels geopfert und einen Verband daraus improvisiert hatte.

Angesichts des Werkzeugs und des schweren Hammers, dessen Gewicht noch immer an seinem Gürtel zerrte, lag die Vermutung nahe, dass der Mann Schmied war; ein Gedanke, der ihm aus irgendeinem Grund gefiel. Aber die im Schnee verstreuten Habseligkeiten, die er gesehen hatte, bewiesen ihm, dass er kein reicher Mann gewesen war. Er fragte sich, wie ein Mann wie er zu einer Frau wie Urd gekommen war.

Urd kam zurück, das Gesicht rot vom eisigen Schnee, mit dem sie sich gereinigt hatte. Sie wirkte jetzt wieder halbwegs gefasst, aber auch sehr müde.

»Danke«, sagte sie einfach, sank auf einen verkohlten Balken und schlug die Hände vors Gesicht. »Ohne deine Hilfe wäre er gestorben.« Ihre Stimme drang nur dumpf hinter ihren Händen hervor.

»Lasse ist ein starker Mann«, antwortete er unbeholfen. »Wahrscheinlich hätte er es auch so geschafft.«

Sie nahm die Hände herunter und schenkte ihm ein mattes, aber sehr dankbares Lächeln. »Ohne deine Hilfe wären wir jetzt alle tot«, beharrte sie. »Die Wölfe hätten uns getötet, hätten die Götter dich nicht gerade noch zur rechten Zeit geschickt …«

Sie ließ den Satz unbeendet zwischen ihnen hängen und sah ihn auffordernd an, aber nach einem weiteren Moment seufzte sie nur tief. »Du willst nicht darüber reden.«

Er antwortete auch darauf nicht.

»Verrätst du mir jetzt deinen Namen?«, fragte sie. »Es macht es leichter, miteinander zu sprechen, wenn man den Namen des anderen kennt.«

»Ich weiß ihn nicht.«

»Du erinnerst dich nicht an deinen eigenen Namen?«, fragte Urd zweifelnd.

»Ich erinnere mich an gar nichts«, gestand er. »Ich bin in den Bergen aufgewacht, mitten im Sturm. Dann habe ich Schreie gehört, bin ihnen gefolgt und habe euch gefunden, und das ist alles.«

Er konnte ihr ansehen, wie skeptisch sie war, doch sie beließ es auch bei diesem stummen Blick. Kurz fragte er sich, wie er wohl reagiert hätte, an ihrer Stelle, und kam zu einem Ergebnis, das ihm nicht gefiel.

»Bist du hungrig?«, fragte sie nach einer Weile und stand auf, ohne seine Antwort abzuwarten. »Ich werde uns etwas zu essen machen. Eine warme Mahlzeit ist das Mindeste, was ich dir zum Dank anbieten kann. Und ganz nebenbei …«, sie lächelte schmerzlich, »auch das Einzige.«

Er sah sie an und stellte erneut fest, wie schön sie war, auch - oder vielleicht gerade - in dem blassen Licht, das durch das zerstörte Dach hereinfiel; eine Frau in der Blüte ihrer Jahre, die sich trotz allem etwas Mädchenhaftes bewahrt hatte. Sein Körper reagierte auf diesen Anblick, was ihm peinlich war, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht bemerkte.

Aber vielleicht las sie ja etwas in seinen Augen, denn etwas in ihrem Blick änderte sich.

»Und das ist auch mehr als genug«, sagte er rasch. »Warte. Ich helfe dir.«

Während er den Beutel mit Lebensmitteln holte, die nahezu alles waren, was von ihrem Besitz noch übrig geblieben war, legte sie Holz im Kamin nach und ging nach draußen, um noch mehr Schnee zu holen, den sie schmelzen konnten.

Lif und seine Schwester kamen zurück. Elenia blickte weiter aus trüben Augen ins Leere. Als sie an ihm vorüberging, fing er einen schwachen, unangenehmen Geruch auf, der ihm verriet, dass sie Fieber hatte, während der Junge zu seinem Vater ging und sich neben ihn kniete.

Urd bereitete aus dem Inhalt ihres Beutels eine einfache, aber wohlschmeckende Suppe, während er selbst hinausging und mit Lasses Schwert unbeholfen ein großes Stück Fleisch aus einer der toten Kühe herausschnitt. Niemand erhob Einwände gegen dieses ungewöhnliche Mahl, und nachdem sie das Fleisch über dem Feuer gebraten hatten, aßen sie alle mit großem Appetit; selbst Elenia, nachdem ihre Mutter ihr eine Weile zugeredet hatte.

Mit Lifs Hilfe räumte er ein kleines Stück Boden frei, auf dem sie ein Bett für seine Schwester und ihn improvisieren konnten. Während sich die beiden zum Schlafen ausstreckten, flößte Urd ihrem Mann ein paar Schlucke Wasser ein, von denen er allerdings das meiste gleich wieder erbrach. Er wollte ihr dabei helfen, Gesicht und Bart des Mannes zu säubern, doch Urd scheuchte ihn fast zornig weg und umsorgte ihren Mann mit einem Geschick und einer Hingabe, die ihn einen Stich absurder Eifersucht verspüren ließ. Auch wenn er sich dieses Gedankens schämte, war da doch plötzlich eine leise Stimme in ihm, die ihn fragte, ob es richtig gewesen war, Lasses Leben zu retten.

Nach einer Weile verkündeten Elenias gleichmäßige Atemzüge, dass sie eingeschlafen war. Lif machte es ihnen noch einfacher: Er begann lautstark zu schnarchen.

Urd bemerkte seinen Blick. »Das hat er von seinem Vater«, erklärte sie lächelnd und mit einer so zärtlichen Betonung, dass er unwillkürlich einen Blick auf den Bewusstlosen warf.

»Nein.« Urd schüttelte rasch den Kopf. »Lasse ist nicht ihr Vater.«

»Wer -?«

Urd sah ihn an und wandte den Blick ab. »Ich möchte nicht darüber reden.«

Das respektierte er, schon weil er sie verstand. »Du solltest auch ein bisschen schlafen. Du musst müde sein. Morgen früh …« Er verbesserte sich. »Wenn ihr ausgeruht habt, versuche ich irgendwo hier Werkzeug zu finden. Vielleicht können wir euren Wagen reparieren.«

»Du willst wieder zurückgehen?«

»Hierzubleiben hätte wenig Sinn«, antwortete er. »Der Hof ist zerstört. Selbst wenn wir ihn wieder aufbauen könnten, gehört er uns nicht. Jemand könnte herkommen und Fragen stellen, wo seine rechtmäßigen Besitzer geblieben sind … und du und deine Familie sind ja auch bestimmt nicht hergekommen, um sich hier niederzulassen und Bauern zu werden.«

Urd wirkte schon wieder misstrauisch, was er ihr nicht einmal verübeln konnte. Doch dann hob sie die Schultern, ließ sich auf denselben verkohlten Balken sinken, auf dem sie schon einmal gesessen hatte, und stützte das Kinn auf die verschränkten Hände. »Ich weiß nicht, wohin wir wollten.«

»Du weißt nicht, wohin ihr unterwegs wart?« Er runzelte die Stirn. »Das sagst du mir jetzt nur, um es mir heimzuzahlen, weil du mir nicht glaubst, dass ich mich an nichts erinnere.«

»Lasse wusste, wohin wir fahren«, fuhr sie fort. »Jedenfalls hat er das behauptet. Aber ich glaube, er hat gelogen, um uns nicht zu beunruhigen.«

»Ihr wart auf der Flucht?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. »Vor wem?«

»Vielleicht vor einem Leben, das es nicht mehr wert war, gelebt zu werden«, antwortete sie. »Die letzten beiden Winter waren hart und lang und die Sommer zu kurz, um die Ernte einzubringen. Die Menschen haben gehungert. Auch wir.«

Das war nicht der einzige Grund, das spürte er, aber er hatte auch nicht das Recht, sie zu bedrängen. Trotzdem sagte er: »Dein Mann war Schmied.«

»Und ein guter dazu«, bestätigte Urd. »Aber wenn es nichts zu ernten gibt, brauchen die Bauern auch kein Gerät. Und er hat auch nichts zum Tauschen. Schwerter und Äxte lassen sich nicht essen.«

»Und da wolltet ihr irgendwohin, wo es den Menschen besser geht«, vermutete er.

Urd seufzte. »Ich war dagegen, aber Lasse hatte Angst, dass wir im nächsten Winter verhungern. Er sagte, er hätte von einem Land hinter den Bergen gehört, in dem der Sommer niemals endet.« Sie lachte leise und bitter. »Angeblich hat ihm sein Gott dieses Wissen im Traum offenbart. Unglücklicherweise hat er vergessen, ihm den genauen Weg dorthin zu beschreiben.«

»Ihr wolltet mit dem Wagen über die Berge?« Was für eine verrückte Idee!

»Wir waren seit zehn Tagen unterwegs«, bestätigte Urd. »Vor drei Tagen haben wir einen Mann getroffen, der von einem Pass über die Berge berichtet hat. Wäre der Sturm nicht gewesen, dann hätten wir ihn vielleicht gefunden.«

»Aber der Sturm ist gekommen.«

»Es war der seltsamste Sturm, den ich je erlebt habe«, sagte Urd. »Er kam aus dem Nichts, von einem Atemzug auf den anderen. Gerade war der Himmel noch blau und wolkenlos, und im nächsten Moment war die Sonne einfach verschwunden, und der Wind heulte laut genug, um einen taub zu machen. Es war unheimlich.« Sie versuchte ein Gähnen zu unterdrücken, das so gar nicht zu diesen Worten passen wollte, war aber nicht sehr erfolgreich damit. »Und als er vorüber war, kamen die Wölfe. Wir hatten große Angst. Auch Lasse - obwohl er es nie zugegeben hätte.« Ganz kurz nur streifte ihr Blick das Gesicht ihres bewusstlosen Mannes, doch für einen winzigen Moment erschien ein Ausdruck darin, der das Gefühl von absurder Eifersucht in ihm noch einmal schürte.

»Leg dich hin und schlaf ein wenig«, sagte er unbehaglich. »Wenn ihr ausgeruht seid, beraten wir, wie es weitergeht.«

»Und du?«

»Ich bin nicht müde«, behauptete er. »Und außerdem muss jemand Wache halten … falls deine Krieger zurückkehren.«

»Du glaubst mir nicht«, stellte sie fest.

»Ich glaube nicht, dass sie wiederkommen. Hier gibt es nichts mehr zu holen. Aber es ist besser, vorbereitet zu sein.« Und er war tatsächlich nicht müde. Erschöpft, ja - schließlich hatte er Urds Mann Stunde um Stunde getragen -, aber er verspürte nicht das Bedürfnis zu schlafen.

Urd offensichtlich schon. Sie setzte zwar dazu an, noch etwas zu sagen, beließ es dann aber bei einem Achselzucken und ging zu Lif und seiner Schwester hinüber. Sie schlief ein, kaum dass sie sich neben Elenia ausgestreckt und an sie gekuschelt hatte.

Wie sich zeigte, brauchte er tatsächlich wenig Schlaf. Obwohl vermeintlich zu Tode erschöpft, sank er lediglich in einen unruhigen Schlummer, aus dem er schon nach kurzer Zeit und mit der bruchstückhaften Erinnerung an einen schlimmen Traum wieder hochschrak, noch immer müde, aber auch von dem sicheren Wissen erfüllt, so oder so keinen Schlaf mehr zu finden.

Also stand er auf und versuchte, irgendwie die Zeit zu überbrücken, bis auch Urd und die anderen wieder erwachten.

In den ersten zwei oder drei Stunden ging er ein paarmal hinaus auf den Hügel, um den Horizont mit Blicken abzusuchen; ohne irgendetwas anderes zu sehen als weiße Leere.

Die folgenden Stunden verbrachte er damit, das Feuer in Gang zu halten und die verkohlten Ruinen gründlich zu durchsuchen. Seine Suche blieb jedoch ohne Ergebnis. Die Männer, die den Hof überfallen hatten, hatten alles mitgenommen, was auch nur irgendwie von Wert war, und was dafür zu schwer oder zu sperrig gewesen war, hatten sie zerstört. Schließlich entschied er, Urd und ihrer Familie noch eine Stunde Schlaf zu gönnen und sie dann zu wecken.

Er verließ noch einmal das Haus, um mehr Fleisch aus dem Kadaver der Kuh zu schneiden. Das bisschen Brot und Gemüse, das noch in Urds Beutel war, würde längstens noch zwei Tage reichen, und die Landschaft, durch die sie auf dem Weg hierhergekommen waren, erweckte nicht den Eindruck, als ob sich irgendwo die Möglichkeit böte, ihre Lebensmittelvorräte wieder aufzufüllen. Selbst wenn es den Sturm und die Wölfe nicht gegeben hätte, wäre die kleine Flüchtlingsfamilie wohl bald in Schwierigkeiten geraten.

Ein Pass über die Berge? Selbst wenn er existierte, so war es mehr als unwahrscheinlich, dass es auf der anderen Seite tatsächlich das gelobte Land gab, von dem Lasse seiner Familie erzählt hatte. Es waren immer dieselben Geschichten, an die sich verzweifelte Menschen klammerten, um noch irgendwoher die Kraft zu nehmen, ein Leben zu ertragen, das eigentlich nicht mehr zu ertragen war. Vielleicht waren der Sturm und die Wölfe das Beste gewesen, was Urd und ihren Kindern hatte passieren können; denn er war sicher, dass ihr Mann sie in einen elenden Tod geführt hätte.

Zurück im Haus, erlebte er eine Überraschung, von der er nicht sicher war, ob sie angenehm war: Lasse war wach. Er hatte sich auf die Seite gedreht und versuchte gerade, sich auf den Ellbogen hochzustemmen. Sein Gesicht war grau vor Schmerz, aber sein Blick war klar.

»Beweg dich nicht«, sagte er. »Wenn deine Wunde aufbricht, dann stirbst du.«

Lasse murmelte eine Antwort, die aus kaum mehr als einem unartikulierten Stöhnen bestand, stemmte sich noch ein Stück weiter in die Höhe und wandte mühsam den Kopf. Dann erstarrte er, und seine Augen wurden groß.

»Du?«, flüsterte er.

Das Wort traf ihn wie ein Schlag. Für einen unendlichen Moment blieb er einfach wie gelähmt stehen und starrte Lasse an, dann ließ er das mitgebrachte Fleisch fallen und war mit einem einzigen Satz neben ihm.

»Was hast du gesagt?«, keuchte er.

Lasses Augen wurden noch größer, und ein Ausdruck von purem Entsetzen erschien darin. »Nicht!«, stammelte er. »Komm mir nicht nahe! Nein!«

»Was hast du gesagt?«

Lasses Augen wurden noch einmal größer. Er versuchte in schierer Panik ein Stück von ihm wegzukriechen, und hinter ihnen sog jemand scharf die Luft ein.

Er fuhr herum, senkte instinktiv die Hand zum Gürtel und entspannte sich sofort wieder, als er Urd erkannte. Dass sie nicht mehr neben ihrer Tochter lag und schlief, war ihm beim Eintreten gar nicht aufgefallen.

»Was ist hier los?«, fragte sie scharf.

»Er ist wach«, antwortete er. »Und ich glaube, dass er -«

»Jemand kommt«, unterbrach ihn Urd. Mit einem einzigen Schritt war sie neben ihm, stieß ihn beinahe zur Seite, um neben ihrem Mann niederzuknien, und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Lasse ächzte, verdrehte die Augen und verlor wieder das Bewusstsein. Urd fing ihn auf und ließ ihn behutsam wieder in dieselbe Haltung sinken, in der er vorher dagelegen hatte.

»Was hat er gesagt?«, wollte sie wissen.

»Nichts«, log er. »Jedenfalls habe ich es nicht verstanden. Jemand kommt, sagst du?«

»Von Norden«, antwortete sie, noch immer um ihren bewusstlosen Mann bemüht und ohne ihn anzusehen. »Sie sind noch weit entfernt, aber es sind mehrere. Vielleicht die, die den Hof niedergebrannt haben.«

Ohne ein weiteres Wort verließ er das Haus und lief den Hang hinauf, wobei er die letzten Schritte geduckt und das allerletzte Stück auf Händen und Knien kriechend zurücklegte, um von der anderen Seite nicht frühzeitig gesehen zu werden. Auch das tat er ganz instinktiv und ohne darüber nachzudenken.

Urd hatte sich nicht getäuscht. Mehrere Männer näherten sich, fünf oder sechs Reiter, und sie mussten sich entweder sehr schnell bewegen, oder seine Augen waren weitaus schärfer als die Urds, denn er konnte sie ganz deutlich erkennen: ein halbes Dutzend gepanzerter Gestalten in Rüstung und Helm, die gewaltige, ausnahmslos weiße und ebenfalls gerüstete Schlachtrösser ritten. Es waren die Männer, die hier gewesen waren, und sie kamen weder zufällig zurück noch in friedlicher Absicht.

Er verschwendete noch einige kostbare Augenblicke, indem er einfach weiter reglos dalag und die Reiter anstarrte. Er konnte jetzt erkennen, dass es sogar sieben waren, angeführt von einem Mann, den man mit Fug und Recht als Riesen bezeichnen konnte. Dann kroch er ein kleines Stück auf dem Bauch durch den Schnee, bevor er sich aufrichtete und ins Haus zurückeilte.

»Du hattest recht«, bekannte er. »Sie sind es. Wir müssen weg, schnell!«

Urd starrte ihn einen Atemzug lang an, aber dann bewies sie, dass sie tatsächlich so klug und beherrscht war, wie er angenommen hatte. Sie stand auf, eilte zu Lif und seiner Schwester und weckte sie, während er selbst sich Lasse auf die Arme lud. »Wo sollen wir hin?«

Er trat aus dem Haus und sah sich rasch um, statt zu antworten. Der Schnee, der ihre Spuren bisher so zuverlässig verdeckt hatte, war nun zu ihrem Feind geworden. Die weiße Decke vor der Tür und auch die Anhöhe waren hoffnungslos zertrampelt, und ganz egal, wo sie sich auch zu verstecken versuchten, sie würden Spuren hinterlassen, die die Reiter gar nicht übersehen konnten.

»Wohin?«, fragte Urd noch einmal.

»In den Stall«, antwortete er. »Ihr versteckt euch dort.«

»Und du?«

Er eilte schon los, bevor er antwortete, trotz des Gewichts des bewusstlosen Mannes auf seinen Armen so schnell, dass Urd und die beiden Kinder Mühe hatten, mit ihm Schritt zu halten. »Ich lenke sie ab. Mit ein wenig Glück verfolgen sie nur mich und suchen erst gar nicht nach euch.«

Der Stall war niedergebrannt und ebenso verwüstet wie das kleine Wohngebäude. Auch hier war das Dach eingestürzt, und unmittelbar hinter dem Tor lag ein verendeter Bulle.

»Versteckt euch unter den Trümmern«, sagte er, während er Lasses reglosen Körper in Urds Arme gleiten ließ. »Und bleibt hier, ganz egal was passiert.«

Rückwärts gehend und sorgsam darauf bedacht, in seine eigenen Fußstapfen zu treten, ging er fast bis zum Haus zurück, machte dann kehrt und rannte mit weit ausgreifenden Schritten über die verschneite Weide. Diesmal gab er sich keine Mühe mehr, keine Spuren zu hinterlassen; ganz im Gegenteil.

So schnell er konnte, rannte er auf den zugefrorenen Fluss zu, stufte ihn in Gedanken eher zu einem breiten Bach herab und erblickte eine Ansammlung halbhoher verschneiter Umrisse an seinem anderen Ufer: ein paar erbärmliche Bäume, die kaum die Bezeichnung Wald verdienten, aber das einzige Versteck, das es weit und breit gab.

Die Reiter erschienen auf der Hügelkuppe, gerade als er das Ufer erreicht hatte. Es waren nur sechs. Der siebte war nirgends zu sehen, doch dieses halbe Dutzend erschien so präzise aufgereiht nebeneinander wie Perlen auf einer Kette und sprengte dann vollkommen synchron los. Er erschrak bis ins Mark, als er sah, wie unglaublich schnell sie waren.

Er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance, ihnen zu entkommen.

Natürlich versuchte er es trotzdem. So schnell, dass er auf dem Eis auszugleiten drohte, überquerte er den Fluss, kroch mehr auf Händen und Knien die Böschung auf der anderen Seite hinauf und riskierte auf halber Höhe einen raschen Blick über die Schulter - nur um ihn augenblicklich zu bedauern.

Die Reiter hatten sich geteilt. Jeweils zwei von ihnen strebten das Ufer rechts und links von ihm an, wohl um ihm den Weg abzuschneiden, sollte er den beiden entkommen, die direkt auf ihn zu hielten. Was ihm allerdings wenig wahrscheinlich erschien. Die beiden gewaltigen Schlachtrösser hatten ihn schon fast erreicht. Sie jagten mit einer Leichtigkeit heran, die ihrer monströsen Größe spottete. Unter den wirbelnden Hufen stoben Schnee und blitzende Eissplitter hoch, sodass es aussah, als schlügen sie weiße Blitze aus dem Boden. Noch bevor er die Böschung ganz erstiegen hatte, erreichten sie das Ufer. Ihre dröhnenden Hufschläge ließen das Eis zersplittern wie Glas, aber sie waren zu schnell auf der anderen Seite, um durch die zerberstenden Schollen zu brechen. Zu grauem Dampf gewordener Atem quoll aus ihren Nüstern, und auch hinter den heruntergeklappten Visieren ihrer Reiter, die dämonischen Tierfratzen nachempfunden waren, stieg grauer Dunst auf. Sie glichen eher mythischen Ungeheuern als Menschen und waren es vielleicht auch; ein Anblick, der so bizarr und unwirklich war, dass er unwillkürlich mitten in der Bewegung erstarrte.

Beinahe hätte es ihn das Leben gekostet. Der erste Reiter war heran und senkte den Arm. Im letzten Moment ließ er sich zur Seite fallen, spürte irgendetwas an sich vorüberzischen und rollte durch den Schnee. Der Reiter preschte an ihm vorbei und brach durch Unterholz und dürres Gestrüpp, das wie Glas zersplitterte, doch da war bereits der zweite da. Mit hartem Eisen beschlagene Hufe hämmerten nur einen Fingerbreit vor seinem Gesicht in den Schnee, und etwas Langes und Schlankes mit einer tödlichen Spitze aus Metall stieß nach ihm. Er schrie vor Qual, als ein grausamer Schmerz seinen Oberarm durchbohrte, griff aber trotzdem mit der anderen Hand zu, umklammerte den Speer und riss mit solcher Gewalt daran, dass dessen Besitzer überrascht aufschrie, im Sattel wankte und zu spät auf die Idee kam, seine Waffe loszulassen. Hilflos stürzte er in den Schnee, rollte herum und riss schützend die Arme über den Kopf, als er unter die Hufe seines eigenen Pferdes zu geraten drohte.

Aufzuspringen und den Speer aus seinem Arm zu ziehen war eins, und obwohl der Schmerz dadurch noch einmal schlimmer wurde, hätte er den Gepanzerten in diesem Moment wahrscheinlich töten können, denn der Speer wirbelte wie von selbst in seiner Hand herum und zielte auf den schmalen Spalt zwischen Helm und Harnisch des Kriegers.

Doch im gleichen Augenblick war auch der zweite Krieger wieder heran.

Er gewahrte einen Schatten aus den Augenwinkeln und warf sich instinktiv zur Seite. Das weiße Schlachtross streifte ihn nur, doch schon diese flüchtige Berührung reichte, um ihn nicht nur von den Beinen zu reißen, sondern haltlos die Böschung wieder hinunterrollen zu lassen. Dabei verlor er den Speer aus den Händen. Dann schlug er mit solcher Gewalt auf dem Eis des zugefrorenen Baches auf, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Zwei oder drei mühsame Atemzüge lang blieb er einfach liegen. Das Eis war unter seinem Aufprall zerbrochen, und sein linker Arm und die Schulter lagen im Wasser, das eisig genug war, um wehzutun. Die Kälte war zwar entsetzlich, betäubte aber auch den Schmerz in seinem Arm.

Schritte knirschten auf dem hart gefrorenen Schnee, und als er die Augen aufschlug, blickte er auf ein Paar mit Eisen verstärkter Stiefel, die unmittelbar vor ihm aufragten. Eine Schwertklinge schimmerte in einem Licht, das plötzlich sonderbar matt und tiefenlos wirkte.

Jetzt war es genau umgekehrt: Der andere hätte ihn töten können, hilflos wie er auf dem geborstenen Eis lag, zögerte aber aus irgendeinem Grund, es zu tun. Er trat sogar ganz im Gegenteil einen Schritt zurück und legte den Kopf schräg, um ihn durch die schmalen Sehschlitze seines Visiers anzustarren. Irgendetwas an den Augen dahinter war … seltsam.

Vielleicht lag es auch nicht an den Augen, sondern am Licht. Der gerade noch strahlend blaue Himmel hatte sich mit grauen Wolken bezogen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren. Eisiger Wind zerrte an seinem Haar, und ein Heulen wie von tausend hungrigen Wölfen erklang.

Mühsam stemmte er sich hoch und griff mit klammen Fingern nach dem Schwert in seinem Gürtel. Der unheimliche Krieger wartete, bis er seine Waffe gezogen hatte, und machte dann eine fast spielerische Bewegung, die ihm Lasses Klinge nicht nur aus der Hand prellte, sondern sie auch im Flug zersplittern ließ.

Erschrocken stolperte er zurück, spürte eine Bewegung hinter sich und begriff, dass auch der zweite Reiter abgesessen und unbemerkt in seinen Rücken gelangt war.

»Du kannst mit uns kommen oder sterben.«

Die Stimme des Kriegers drang verzerrt unter seinem Visier hervor.

»Diese eine Wahl, keine zweite.«

Irgendwo hinter dem Horizont erklang ein dumpfes Grollen, und erst einen Moment später, wie in einer völligen Umkehrung aller Regeln der Natur, tanzte der flackernde Widerschein eines Blitzes über den schwarz gewordenen Himmel. Und als wäre das die Antwort gewesen, die er selbst nicht gegeben hatte, hob der Krieger sein Schwert und schwang es zu einem beidhändig geführten Hieb, der gewaltig genug sein musste, um ihn auf der Stelle zu enthaupten. Zugleich spürte er, wie auch die Waffe des Mannes hinter ihm hochschwang, ließ sich auf die Knie und nach hinten fallen, und der Schwerthieb verfehlte ihn so knapp, dass er fast meinte, den Geruch des geölten Stahls wahrzunehmen.

Und dann hatte er plötzlich Lasses Schmiedehammer in den Händen, ohne sagen zu können, wie das gewaltige Werkzeug den Weg aus seinem Gürtel gefunden hatte. Er bewegte sich wie von selbst und beschrieb einen unterbrochenen Bogen, an dessen Ende er mit solcher Gewalt gegen das gepanzerte Knie des Kriegers schlug, dass er das Zerbersten der Kniescheibe hören konnte.

Der Mann kippte mit einem Schrei nach hinten, und der Hammer kam in einer ganz und gar unmöglichen Bewegung und noch viel unmöglicheren Schnelligkeit zurück und nach oben, wurde zu einer Barriere, an der der Schwerthieb des anderen Kriegers abprallte, und das mit solcher Gewalt, dass ihm die Waffe fast aus den Händen gerissen wurde.

Zugleich bewies er aber auch, dass er die prachtvolle Kriegsrüstung nicht nur zur Zierde trug, denn er strauchelte zwar, von der Wucht seines eigenen Hiebes aus dem Gleichgewicht gebracht, trat aber auch aus der gleichen Bewegung nach ihm, mit der er seine Balance wiederfand. Und er traf.

Ein dumpfer Schmerz explodierte in seinem Gesicht, und er schmeckte sein eigenes Blut, ignorierte aber beides und sprang auf die Füße.

Etwas stieß nach seinen Beinen. Instinktiv wich er dem Aufblitzen von Metall aus und begriff, dass er seine Gegner trotz allem unterschätzt hatte. Der Mann, dessen Kniescheibe er zertrümmert hatte, krümmte sich zwar vor Schmerz und lag in einer rasch größer werdenden Lache aus mit dampfendem Blut vermischtem Schlamm, war aber keineswegs ausgeschaltet. Sein Schwert züngelte zum zweiten Mal nach seinem Knöchel, und der Hammer schwang gerade rechtzeitig wieder hoch, um einen wuchtigen Schwertstoß des anderen zu parieren. Hastig wich er einen Schritt vor dem verletzten Krieger zurück und nahm dabei in Kauf, knöcheltief in das eisige Wasser zu waten, das augenblicklich alle Kraft aus seinem Körper zu saugen begann.

Ihm war klar, dass er so gut wie keine Chance hatte. Sein eigenes Geschick im Kampf überraschte ihn zwar, aber Hammer gegen Schwert war kein wirklich faires Duell. Das gewaltige Werkzeug konnte furchtbare Schäden anrichten, wie er gerade selbst gesehen hatte, aber ein Schwert war einfach schneller, vor allem in den Händen eines geübten Kämpfers wie dem, dem er gegenüberstand.

Irgendwie gelang es ihm, auch noch den nächsten beiden Hieben auszuweichen, wenn auch um den Preis, noch tiefer in das eisige Wasser waten zu müssen. Zudem machte sich sein verletzter Arm jetzt immer deutlicher bemerkbar. Noch behinderte ihn die Wunde nicht wirklich, aber das würde sich ändern. Bald.

Der nächste Hieb, den er mit mehr Glück als Können mit dem Hammerstiel auffing, vibrierte als dumpfer Schmerz durch seinen gesamten Oberkörper und ließ die Wunde in seinem Arm noch weiter aufbrechen.

Erneut rollte ein Donnerschlag über das Land, auch jetzt wieder gefolgt vom grellen Wetterleuchten eines Blitzes. Eine plötzliche Windbö peitschte Wasser und Schnee rings um ihn auf, schien den Krieger aber sonderbarerweise sehr viel härter zu treffen als ihn, denn er strauchelte und musste zwei hastige Schritte zurückmachen, um nicht zu stürzen.

Wenn er überhaupt eine Chance hatte, dann jetzt. Ohne auf den brennenden Schmerz in der Schulter und die betäubende Kälte in den Beinen zu achten, nahm er dieses unerwartete Geschenk des Schicksals an, stürmte vor, und nun war es der andere, der alle Mühe hatte, sich seiner immer wilderen Hiebe zu erwehren. Der Sturm heulte immer lauter, und sein Hammer fuhr härter und härter auf den gepanzerten Krieger hinab. War es Zufall, dass er glaubte, seine Hammerschläge erfolgten im Takt des immer schneller krachenden Donners? Und dass es ihm war, als zöge er Kraft aus dem dumpfen Grollen hinter dem Horizont?

Er verschwendete keinen weiteren Gedanken auf diese unsinnige Frage, sondern verdoppelte seine Anstrengungen, und sein nächster, gewaltiger Hieb durchbrach die Deckung des Gegners. Der zehn Pfund schwere Hammer prallte mit furchtbarer Gewalt gegen den reich ziselierten Harnisch und spaltete ihn. Rotes Fleisch und Ströme von dampfendem Blut wurden dahinter sichtbar. Der Krieger machte einen schwerfällig taumelnden Schritt zurück, ließ sein Schwert fallen und brach dann so langsam in die Knie, als würde er von unsichtbaren Fäden gehalten, bevor er endgültig zur Seite kippte.

Die Kraft reichte nicht mehr, den Hammer zu halten, und für einen Moment war er der Ohnmacht so nahe, dass er ihre verlockende Umarmung schon zu spüren glaubte. Der Sturm heulte immer lauter, und der Donner rollte jetzt ohne Pause, obwohl das blaue Zucken der Blitze nicht schneller geworden war. Alles drehte sich um ihn, und sein verletzter Arm schmerzte schier unerträglich. Aber er musste aufstehen. Der Mann vor ihm war tot und der andere so schwer verletzt, dass er keine Gefahr mehr darstellte, doch da waren immer noch vier andere - womöglich fünf -, und er glaubte nicht, dass er es auch nur noch mit einem einzigen weiteren aufnehmen konnte. Diese beiden hatte er besiegen können, weil sie ihn unterschätzt hatten, aber noch einmal würde ihm das kaum gelingen.

Irgendwoher nahm er die Kraft, sich nicht nur noch einmal in die Höhe zu quälen, sondern auch den schweren Hammer aufzuheben. Sein Stiel wies zwar eine Anzahl tiefer Kerben auf, wo ihn die Schwertklinge getroffen hatte, hatte den furchtbaren Hieben aber wie durch ein Wunder standgehalten.

Eine weitere, noch heftigere Sturmbö traf ihn, schob ihn gleichsam die Böschung hinauf und wirbelte zugleich einen Vorhang aus staubfeinem Schnee hoch, der ihn vor allen neugierigen Blicken verbarg, als hätten sich Sturm und Gewitter mit einem Mal entschlossen, zu seinen Verbündeten zu werden.

Schatten bewegten sich rings um ihn, die meisten nichts als tanzende Gespenster, die der Sturm oder seine eigene Furcht erschaffen hatten, aber einige wenige vielleicht auch real. Etwas wie ein Heulen erklang, gefolgt von dumpfem Hufschlag, und Sturm und Schnee spien ein vierbeiniges weißes Ungeheuer aus, auf dessen Rücken ein noch viel albtraumhafterer Dämon hockte, gehörnt und in schimmerndes Metall gehüllt und ein gewaltiges Schwert in seine Richtung schwingend.

Er riss den Hammer hoch, um den Hieb abzufangen, und Schwert und Hammer prallten Funken sprühend aufeinander und wurden beide ihren Besitzern aus den Händen gerissen. Halb betäubt von dem neuerlichen Schmerz, der durch seinen Arm pulsierte, torkelte er zurück. Auch das Pferd strauchelte, fand seinen Schritt aber sofort wieder, und in der Hand seines Reiters erschien plötzlich eine gewaltige zweischneidige Axt.

In dem Augenblick, als er sie hob und sein Pferd mit einer kraftvollen Bewegung herumriss, spie der Sturm einen zweiten Schatten aus, der den Reiter ansprang und ihn aus dem Sattel riss. Ein Paar mit fürchterlichen Zähnen besetzter Kiefer schloss sich um seinen Helm, noch bevor er in den Schnee fiel. Das Pferd bäumte sich mit einem panischen Kreischen auf, schlug wild mit den Vorderhufen und stürzte dann ebenfalls, als ein zweiter Wolf aus dem tobenden Chaos auftauchte und seine Kehle zerfetzte.

Er war zu müde und hatte zu große Angst, um auch nur über dieses neuerliche Wunder nachzudenken, sondern beließ es dabei, auf Händen und Knien durch den Schnee zu kriechen und nach seinem Hammer zu suchen. Er fand ihn nur ein kleines Stück neben dem Schwert des gestürzten Kriegers, erwog einen ganz kurzen Moment, die Klinge an sich zu nehmen, statt des Hammers, und entschied sich dann instinktiv dagegen.

Woher er die Kraft nahm, das schwere Werkzeug aufzuheben und sich noch einmal hochzustemmen, konnte er nicht sagen. Vielleicht tatsächlich aus dem Sturm oder den krachenden Donnerschlägen, die jetzt fast ununterbrochen über den Himmel rollten. Weitere Schatten tauchten aus dem weißen Brüllen auf und vergingen wieder, bevor sein Blick sie wirklich erfassen konnte, und da war ein Jaulen und das von unsagbarer Qual erfüllte Schreien eines Pferdes, Waffengeklirr und erschrockene Rufe, aber auch andere, schlimmere Laute: ein furchtbares Reißen und Knurren, das Geräusch von Fleisch, das von schrecklichen Fängen in Stücke gerissen wurde und schweren Körpern, die in den Schnee fielen. Und immer wieder Donnerschläge, ein ungeheuerliches, nicht enden wollendes Rollen und Krachen, als prallten die Götter selbst in ihrer letzten Schlacht aufeinander.

Längst hatte er jegliche Orientierung verloren. Gebeugt unter dem Gewicht des schweren Hammers und sich zugleich mit aller Kraft an ihn klammernd, als wäre er das Einzige, was ihn noch in dieser Welt hielt, taumelte er weiter, stolperte nach ein paar Schritten über etwas Weiches und Großes und stellte entsetzt fest, dass es ein toter Wolf war. Der Krieger, der ihn erschlagen hatte, lag nur zwei Schritte daneben. Er lebte noch, würde aber binnen weniger Augenblicke verbluten, denn sein rechter Arm war direkt an der Schulter abgerissen.

Noch zwei, dachte er mit einer Kälte, die ihn selbst erschreckte. Da waren noch zwei dieser furchtbaren Krieger, die ihn töten wollten, ohne dass er auch nur wusste warum oder wer sie waren. Aber er würde sein Leben so teuer verkaufen, wie er nur konnte.

Von diesem Gedanken mit neuer, trotziger Kraft erfüllt, stapfte er weiter. Nach wenigen Schritten stieß er auf einen weiteren, noch übler zugerichteten Toten, und nahezu gleichzeitig sah er den letzten Krieger, der noch im Sattel saß und sich des Angriffs gleich dreier riesiger Wölfe erwehrte. Eines der Tiere blutete aus einer tiefen Stichwunde, die beiden anderen sprangen geifernd und knurrend um das Pferd herum und suchten nach einer Stelle, an der sie zubeißen konnten. Noch hielten sie die wirbelnden Hufe des Tieres auf Abstand, aber das würde nicht mehr lange so bleiben.

Er schleuderte seinen Hammer.

Das schwere Werkzeug traf den Krieger in den Rücken und riss ihn nach vorn und über den Hals des Pferdes. Noch bevor er in den Schnee stürzte, waren die beiden Wölfe über ihm und begannen ihn zu zerreißen, begleitet von einem besonders heftigen Donnerschlag, der die Erde zum Erzittern brachte. Der dritte, verletzte Wolf stürzte geifernd vor, um das Pferd zu reißen, prallte dann aber zurück, als ein weiterer, riesiger Wolf aus der heulenden Sturmfront auftauchte. Es war der weiße Riese, dem er am Fuße der Berge begegnet war.

Einen kurzen Moment, kaum den Bruchteil eines Lidschlages nur und doch zugleich eine schiere Ewigkeit lang, stand er einfach nur da und starrte den Wolf an, und das gewaltige Tier erwiderte seinen Blick aus seinen großen, so beunruhigend klugen Augen.

Aber da war auch noch etwas in seinem Blick, das er … vielleicht zu spät begriff.

Mit einer einzigen Bewegung fuhr er herum, hob den Hammer auf und sprang auf den Rücken des Pferdes.

Das Tier scheute und versuchte ihn abzuwerfen, als es den fremden Reiter auf seinem Rücken spürte, doch er griff mit beiden Händen nach den Zügeln, brach seinen Willen mit purer Gewalt und sprengte los, ohne zu wissen, in welche Richtung es ging. Er ließ sich einfach nur von seiner Furcht und einer dumpfen Ahnung leiten, raste durch tobenden Schnee und heulende Sturmböen und hatte plötzlich die Böschung vor sich, die er ebenso ungebremst hinunterjagte, wie er den zugefrorenen Bach überquerte und auf die verschneite Weide hinausritt.

Als er sie zur Hälfte hinter sich gebracht hatte, riss der Sturm den weißen Schleier auf, und er wusste, dass er zu spät kam. Hinter dem Tor des niedergebrannten Stalls flackerte das rote Licht einer Fackel, und als wäre das noch nicht eindeutig genug, drehte sich der Wind und trug einen dünnen Schrei an sein Ohr.

Verzweifelt spornte er das Pferd zu noch größerer Schnelligkeit an, duckte sich tief über seinen Hals und galoppierte fast ungebremst durch das offen stehende Tor.

Er war zu spät gekommen.

Der siebte, riesenhafte Krieger - er musste ihn um mindestens zwei Haupteslängen überragen und hatte geradezu grotesk breite Schultern - stand breitbeinig über Lasse gebeugt da und zog genau in diesem Moment eine blutige Schwertklinge aus seiner Brust. Im flackernden Licht der Fackel, die er in der anderen Hand hielt, konnte er Urd erkennen, die bewusstlos oder tot neben ihrem Mann lag. Weder von Elenia noch von ihrem Bruder war etwas zu sehen.

Der donnernde Hufschlag ließ den Riesen herumfahren und von seinem Opfer ablassen, doch seine Reaktion war nicht schnell genug. Das Schlachtross versuchte im letzten Moment doch noch seinen Instinkten zu folgen und dem lebenden Hindernis auszuweichen. Aber es war einfach zu schnell, und es gab hier drinnen viel zu wenig Platz. Mensch und Tier prallten mit ungeheurer Wucht zusammen. Der Krieger wurde in hohem Bogen durch die Luft geschleudert, aber auch das Pferd stürzte, und es tat es mit dem grässlichen Geräusch brechender Knochen und einem gequälten Aufschrei.

Auch sein Reiter flog im hohen Bogen durch die Luft, schaffte es aber irgendwie, einigermaßen unbeschadet aufzukommen und den Schwung seines eigenen Sturzes auszunutzen, um sofort wieder aufzuspringen. Sofort hielt er den Hammer kampfbereit in beiden Händen, doch sein Gegner lag noch benommen zwischen den Trümmern. Er war nicht schwer verwundet, das spürte er, zumindest für den Moment aber voll und ganz damit beschäftigt, bei Bewusstsein zu bleiben. Bevor er zu ihm ging, eilte er zu Urd und ihrem Mann und ließ sich neben ihnen auf ein Knie sinken.

Lasse war tot, aber Urd lebte noch. Sie war nicht einmal bewusstlos, wie er halbwegs erwartet hatte, sondern starrte aus großen, sonderbar blicklosen Augen zu ihm hoch.

Was von ihrem Mantel noch übrig war, war ebenso zerrissen wie ihr Kleid und das dünne Hemd, das sie darunter trug. Ihre Hände glänzten rot und nass, aber es war ihr eigenes Blut. Bei ihren Versuchen, sich ihres gepanzerten Angreifers zu erwehren, hatte sie sich die Fingernägel abgebrochen.

Der Anblick erfüllte ihn mit einer kalten Wut. Von einer grimmigen Entschlossenheit erfüllt, die ihn selbst entsetzt hätte, wäre er in der Verfassung gewesen, sich selbst zu beobachten, wandte er sich dem Krieger zu und ergriff den Hammerstiel fester mit beiden Händen. Der Angreifer stemmte sich gerade in diesem Moment unsicher in die Höhe. Seine Hand tastete benommen nach dem blutigen Schwert, das neben ihm lag.

Sein Verstand sagte ihm, dass dies vielleicht die einzige Chance war, die er hatte. Dieser Riese musste mindestens doppelt so schwer sein wie er und vermutlich fünfmal so stark. Sich auf einen fairen Kampf mit ihm einzulassen wäre kein Kampf, sondern Selbstmord. Die einzige Chance, die er hatte, war, den Krieger anzugreifen, solange dieser noch nicht wieder ganz Herr seiner Sinne war.

Es war, als gäbe es ihn plötzlich zweimal.

Ein Teil von ihm hatte furchtbare Angst vor diesem Giganten. Aber da war plötzlich auch noch ein anderer Teil, der nur Zorn und den bedingungslosen Willen verspürte, diesen Mann zu töten, und der jenseits allen Zweifels einfach wusste, dass dieser ihm keinen Schaden zufügen konnte.

Als wäre das allein noch nicht seltsam genug, schloss der Krieger nun die Hand um den Schwertgriff, zögerte aber, sich unverzüglich auf ihn zu stürzen. Reglos und leicht nach vorne gebeugt blieb er stehen und sah ihn misstrauisch durch die schräg stehenden Sehschlitze seines Helms an. Selbst in dieser gebückten Haltung überragte er ihn noch um ein gutes Stück, und seine gewaltigen Muskeln schienen die schwere Rüstung schier sprengen zu vollen.

Und dennoch hatte er einen hämmernden Herzschlag lang das Gefühl, nichts anderes als blanke Furcht in den dunklen Augen seines Gegenübers zu lesen. Natürlich war das Unsinn.

»Nimm deine Waffe«, sagte er. »Ich will, dass du dich wehrst.«

Das war noch größerer Unsinn.

Aber die Augen unter dem monströs gehörnten Helm lachten nicht, und der Mann bewegte sich auch nicht. Nur sein Blick ließ den seinen einen Augenblick lang los und irrte zum offen stehenden Tor.

»Falls du auf deine Männer wartest«, fuhr er fort, »die werden nicht mehr kommen.«

Langsam richtete sich der Riese zu seiner ganzen beeindruckenden Größe auf, ergriff das Schwert fest mit der rechten Hand und griff mit der anderen hinter sich, um den gewaltigen Rundschild von seinem Rücken zu lösen. Der Durchmesser des Schildes allein entsprach fast der Größe eines normal gewachsenen Mannes, und er musste auch beinahe so viel wie ein solcher wiegen.

»Ich lasse dich leben, wenn du mir sagst, wer ihr seid und was ihr von mir wollt«, sagte er.

Das war von allem, was er bisher gesagt hatte, vielleicht das Unsinnigste überhaupt, und er hatte auch nicht vor, dieses Versprechen zu halten. Sein Gegenüber ging auch nicht mit einem Wort darauf ein, sondern nahm nur mit leicht gespreizten Beinen und festem Stand Aufstellung. Selbst das kam ihm beinahe grotesk vor. Der Krieger überragte ihn wie ein Erwachsener ein Kind, das mit einem Spielzeug aus seiner Hütte herausgekommen war, um ihn zu einer freundschaftlichen Balgerei herauszufordern. Aber er hatte immer noch keine Angst. In diesem Kampf würde es nur einen Überlebenden geben, und etwas sagte ihm mit vollkommener Gewissheit, dass er das sein würde.

Ohne Vorwarnung griff der gehörnte Krieger an, und als hätte er die Bewegung vorausgeahnt, wich er dem heranstürmenden Koloss im letzten Moment aus und beging auch nicht den Fehler, seinen Schwerthieb etwa abfangen zu wollen, sondern duckte sich unter einer Klinge hindurch, die fast so lang war wie er selbst, vollführte eine halbe Drehung und ließ den Hammer dann mit aller Gewalt auf den Schild des Riesen krachen.

Er konnte nicht sagen, ob es die Wucht seines Hiebes oder der Schwung seines eigenen, ins Leere gehenden Ansturms war, die den Krieger taumeln ließen - aber er strauchelte, prallte ungeschickt gegen die Wand neben der Tür und warf sich blindlings zur Seite, als der Hammer ihm beinahe wie von selbst folgte. Staub und zerborstener Stein explodierten in einer stiebenden Wolke, und dort, wo der Krieger gerade noch gestanden hatte, gähnte plötzlich ein Loch in der Wand. Von draußen drang das Grollen eines gewaltigen Donnerschlags herein, und das Heulen des Sturms hörte sich fast enttäuscht an.

Aber es blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Der Krieger war herumgewirbelt, täuschte einen weiteren Hieb an und stieß stattdessen mit seinem gewaltigen Schild zu.

Irgendwie hatte er auch das vorausgeahnt und wich dem heimtückischen Angriff aus, hatte aber die enorme Reichweite seines Gegners unterschätzt. Der Schild traf ihn nur mit einem Bruchteil der Kraft, die hinter dem Stoß lag, doch schon diese Berührung reichte aus, um ihn haltlos gegen einen verkohlten Balken taumeln zu lassen. Sofort setzte der Riese nach. Das Schwert züngelte nach seinem Hals und verfehlte ihn, weil er sich blitzschnell zur Seite fallen ließ, kappte den Balken wie welkes Stroh und löste einen Hagel aus verkohltem Holz und Trümmern aus, der auf sie beide niederging.

Er versuchte mit dem Hammer nach seinem Knie zu schlagen, doch der Riese blockte den Hieb mit seinem Schild ab, trat nach ihm und holte zugleich zu einem zweiten und wahrscheinlich besser gezielten Stich aus.

Diesmal traf er.

Die Klinge durchbohrte seinen Arm nahezu an derselben Stelle, an der ihn der Speer getroffen hatte.

Der Schmerz war ganz und gar unbeschreiblich. Er konnte nicht sagen, ob der gellende Schrei in seinen Ohren aus seiner eigenen Kehle stammte oder das zornige Heulen des Sturmes draußen war. Aber der Hammer bewegte sich zugleich auch nach oben, schleuderte Schild und Arm des Riesen zur Seite und prallte mit ungeheurer Wucht gegen den gehörnten Helm.

Ein schreckliches Knirschen erklang. Der Helm zerbarst nicht, wie er gehofft hatte, wirkte aber auf seltsame Art schief, und ein Schwall aus hellrotem Blut schoss unter seinem Rand heraus. Der Riese taumelte zurück, ließ zuerst seinen Schild und dann das Schwert fallen und griff mit beiden Händen an den Helm, wie um ihn herunterzureißen. Dennoch stürzte er nicht. Er torkelte weiter, prallte gegen einen Balken und begann in die Knie zu brechen. Noch mehr Blut quoll unter dem zerschlagenen Helm hervor und färbte den goldenen Brustharnisch rot.

Aber er fiel immer noch nicht, sondern stemmte sich im Gegenteil mit einer ganz und gar unmöglich erscheinenden Bewegung wieder hoch, stieß eine sonderbare Mischung aus Stöhnen und Grunzen aus und fuhr plötzlich herum, um mit weit ausgreifenden Schritten aus der Tür zu stürmen. Nur einen Augenblick später hatte ihn der Sturm verschluckt.

Unverzüglich stemmte auch er sich hoch, ergriff den Hammer fest mit beiden Händen und rannte hinter ihm her, und immerhin reichte seine Kraft noch, um zwei ganze und einen dritten, stolpernden halben Schritt zu tun, bevor er auf die Knie sank und ihm schwarz vor Augen wurde.

3. KAPITEL

Weder war er lange ohne Bewusstsein noch konnte seine Ohnmacht besonders tief gewesen sein, denn er erinnerte sich vage an Stimmen und Geräusche, auch wenn es ihm nicht gelingen wollte, diese Eindrücke in die richtige Abfolge zu sortieren. Immerhin lebte er noch, und bevor er die Augen aufschlug, spürte er, dass Urd neben ihm saß und dass es ihre Hand war, deren Wärme er spürte.

»Nicht bewegen«, befahl sie, als er die Augen aufschlug. »Du hast eine Menge Blut verloren. Halt still, bis ich deinen Arm versorgt habe. Es sei denn, du willst ihn verlieren.«

Er hatte nicht einmal daran gedacht, sich zu bewegen, aber allein die Erkenntnis, dass sie sich um ihn sorgte, erfüllte ihn mit einem Gefühl warmer Zuneigung, das er viel zu lange vermisst hatte.

Er hob den gesunden Arm, um nach ihr zu greifen, doch sie schlug seine Hand fast grob zur Seite und fuhr fort, sich an seinem Bizeps zu schaffen zu machen. Er wusste nicht, was sie machte, aber es tat ziemlich weh.

»Wo sind die Kinder?«

Urd musterte ihn mit einem merkwürdigen Blick. »Elenia schläft. Ich glaube, sie hat von allem gar nichts mitbekommen … jedenfalls hoffe ich es. Lif ist hinausgelaufen. Ich wollte ihn aufhalten, aber er war zu schnell. Ich weiß nicht, wo er ist.«

»Ihm wird nichts passieren«, antwortete er impulsiv und eindeutig, weil er wollte, dass es so war, nicht aus Überzeugung. Erst dann fiel ihm auf, dass es wieder hell war. Es gab keine Donnerschläge mehr, keinen Sturm und keine zuckenden Blitze. Sonnenlicht durchdrang den Stall, und der Himmel, in den er blickte, war von einem geradezu unschuldigen Blau angesichts der Bluttaten, die hier stattgefunden hatten.

»Und Lasse?«

»Er ist tot«, antwortete Urd ausdruckslos und so flach, dass es ihren Schmerz nur deutlicher machte.

Sie trauerte tatsächlich um ihren Mann, dachte er erstaunt. Aber warum? Was um alles in der Welt hatte eine Frau wie sie an diesem schwachen alten Mann gefunden? Noch bevor er den Gedanken ganz zu Ende denken konnte, schämte er sich dafür.

»Es tut mir leid«, sagte er.

»Vielleicht war es das Beste für ihn«, murmelte Urd. Ihre Hände fuhren fort, ihm Schmerz zuzufügen, und in ihrem Gesicht zeigte sich auch jetzt nicht die mindeste Regung. »Er hätte gelebt. Aber wie?«

Er hätte mir gesagt, wer ich bin, dachte er, antwortete jedoch: »Die Götter haben entschieden.«

Urd starrte ihn mit steinernem Gesicht an, und plötzlich schämte er sich auch dieser Worte.

»Ich hätte ihn retten müssen.«

»Wofür hältst du dich?«, fragte sie. »Für Odin selbst oder Thor?« Sie lachte. »Du hast getan, was du konntest. Nimm dich nicht wichtiger, als du bist.«

»Und du?«, fragte er.

Sie versuchte, Verständnislosigkeit zu heucheln, aber natürlich vergeblich.

»Was ist dir passiert?« Er beschloss, dass jetzt nicht mehr der Moment für Takt war, zumindest nicht, solange Lif noch nicht zurück war und seine Schwester schlief, und machte eine Kopfbewegung auf ihr zerrissenes Kleid. »Haben sie dir … etwas angetan?«

»Nein«, antwortete sie, hielt für einen Moment in ihrem Tun inne und raffte den zerrissenen Stoff vor ihrer Brust mit der Hand zusammen.

Sie fuhr fort, sich an seinem Arm zu schaffen zu machen, doch anders als zuvor fügte sie ihm nun keine unnötigen Schmerzen mehr zu. Ganz im Gegenteil erlosch das Pochen in seinem zweifach durchstochenen Bizeps nun rasch und machte einem Gefühl wohltuender Kälte Platz. Prüfend spannte er den Muskel an und stellte fest, dass es ging; auch wenn die Schmerzen prompt zurückkamen.

»Wenn dir daran gelegen ist, dass deine Wunde möglichst langsam heilt, dann mach ruhig weiter so«, sagte Urd. »Ansonsten halt den Arm still.«

»Entschuldige.«

»Es ist dein Arm, nicht meiner. Also entschuldige dich nicht bei mir.« Sie hatte sein Hemd nicht zerschnitten, sondern den Ärmel nur weit genug nach oben gerollt, um einen sauberen Verband um seinen Oberarm legen zu können, und sie schien darüber hinaus auch noch etwas getan zu haben, denn solange er den Arm nicht zu heftig bewegte, tat die Wunde kaum noch weh.

»Das hast du gut gemacht«, lobte er. »Du kennst dich mit so etwas aus?«

»Mein Mann ist Schmied.« Sie verbesserte sich. »Er war Schmied. Er hat sich oft verletzt. Wenn auch nicht so.«

Er wusste nicht wirklich, was er darauf antworten sollte. Über Lasse zu sprechen erschien ihm seltsam unangemessen, fast als wäre er dem Mann irgendetwas schuldig. Vorsichtig und nur den unversehrten Arm belastend setzte er sich auf und sah zu dem Toten hin.

Urd hatte ihn so ordentlich hingelegt, als wäre er nur eingeschlafen. Die Wunde hatte sie mit seinem Mantel abgedeckt und seine Augen geschlossen. Auf seinem Gesicht lag ein sonderbar entspannter, fast schon friedlicher Ausdruck. Er sah … erleichtert aus, dachte er verblüfft.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte er. »Ich wollte wirklich, ich wäre früher gekommen.«

»Er war schon lange krank«, sagte Urd, leise und fast wie an sich selbst gewandt. Das hatte er mit seinen Worten nicht gemeint, aber er klärte sie nicht über ihren Irrtum auf, und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Schon seit Jahren. Es ist ihm immer schwerer gefallen, den Hammer zu führen. Er hat versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich bin nicht blind.« Sie lächelte müde. »Ich glaube, er wollte durchhalten, bis Lif alt genug ist, um seine Nachfolge anzutreten. Aber bis dahin wären noch viele Jahre gewesen. Zu viele Jahre.«

Lif? Er wusste nicht genau, wie alt der Junge war - dreizehn, vielleicht vierzehn -, aber er war kein besonders kräftiger Bursche. Drahtig und zäh, ja, aber er würde nie die Statur und Muskeln eines Schmieds haben. »Deshalb seid ihr weggegangen, habe ich recht?«

Urd schwieg, aber das war auch Antwort genug. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht und verschwand wieder, bevor die Trauer Besitz von ihren Augen ergreifen konnte.

»Wir müssen deinen Mann begraben. Glaubst du, dass Lif mir dabei helfen kann? Der Boden ist hart gefroren.«

»Er ist kräftiger, als er aussieht«, antwortete Urd.

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Ich weiß.« Urd schüttelte den Kopf. »Ich werde dir helfen. Wir begraben unsere Toten nicht, sondern verbrennen sie, damit ihre Seelen wiederauferstehen und in Walhall an der Seite der Götter sitzen können.«

Er stand auf, ging die wenigen Schritte zur Tür und bückte sich nach dem Schmiedehammer. Als er ihn aufhob, brach der Stiel in der Mitte durch. Der letzte Schwerthieb, den er damit aufgefangen hatte, war selbst für das eisenharte Holz zu viel gewesen. Vielleicht auch der Hieb, mit dem er den Helm des Riesen zerbeult hatte.

»Wer waren diese Männer?«

Er hatte nicht gemerkt, dass Urd ihm gefolgt war, doch nun konnte er ihre Nähe fast körperlich spüren.

»Das weiß ich nicht«, antwortete er, ohne sich umzudrehen. »Ich habe sie nie zuvor gesehen. Vielleicht Räuber.«

»Der, den du besiegt hast, war ein Krieger«, sagte Urd ernst. »Genau wie du.«

»Ein Krieger?« Er drehte sich nun doch um, hatte aber nicht die Kraft, ihrem Blick standzuhalten. »Ich bin kein Krieger.«

»Und woher willst du das wissen, wenn du dich doch an nichts erinnern kannst, nicht einmal an deinen Namen?« Sie schnitt ihm mit einer Bewegung das Wort ab, die irgendwie zugleich etwas von einer Einladung zu haben schien. »Du bist ein Krieger. Du weißt es vielleicht nicht mehr, aber du bist einer. Er hatte Angst vor dir.«

»Und du?« Jetzt gelang es ihm, ihrem Blick standzuhalten.

»Sollte ich?« Da war etwas in ihren Augen, was ihre eigene Frage beantwortete und mehr. Eine Dunkelheit, die etwas in ihm berührte und wachrief, etwas, das nicht sein durfte und wogegen er sich trotzdem weder wehren konnte noch wollte.

Vielleicht nur, um sich abzulenken und diese falschen Gefühle im Zaum zu halten, streckte er den Arm aus und griff nach ihren Handgelenken. Sie versuchte sich zu widersetzen, aber er hatte das sichere Gefühl, dass es nur ein reiner Reflex war, nicht das, was sie wollte, und ignorierte es.

Jetzt, wo er genauer hinsah, erkannte er, dass nicht alles Blut auf ihren Händen von ihrem Mann und ihm stammte. Sie hatte sich die Fingernägel abgebrochen, als sie sich gegen den gerüsteten Riesen gewehrt hatte, und zwei ihrer Finger sahen wirklich übel aus. Die Wunden mussten entsetzlich schmerzen, aber sie zuckte nicht mit einer Wimper.

Behutsam nahm er ihre beiden Hände in die Rechte, legte die andere darüber und tat etwas, von dem er nicht einmal wusste, was es war. Nur, dass es richtig war. Urd fuhr spürbar zusammen. Im ersten Moment dachte er, er hätte ihr wehgetan, aber dann erkannte er den Ausdruck in ihren Augen eher als Erstaunen.

Als er die Hand wieder zurückzog, schien sich nichts geändert zu haben - aber plötzlich spürte er, wie verlockend ihr Haar roch und wie verwundbar und sanft sie unter dem zur Schau getragenen Harnisch aus Unnahbarkeit und Härte war. Gänzlich ohne sein Zutun legte er die freie Hand auf ihre Hüfte und zog sie noch ein Stück weiter an sich heran, bis er ihren Atem auf der Wange spüren konnte.

Ihre Lippen näherten und berührten sich. Im allerersten Moment waren Urds Lippen noch spröde und abweisend, aber nicht, weil sie ihn nicht wollte oder gar Angst vor ihm gehabt hätte, sondern weil es zu früh und das Blut ihres Mannes an ihren Händen noch nicht einmal ganz getrocknet war. Dann aber wurden ihre Lippen zuerst weich und sanft, schließlich fordernd, und mit einem Male waren es ihre Hände, die ihn umschlangen und näher an sich heranzogen - und ihn im nächsten Moment so heftig von sich stießen, dass er gegen die Wand stolperte.

»Was -?«

»Sie sind tot! Mutter! Sie sind alle tot!«

Schnelle, leichte Schritte näherten sich, und Lif stürmte mit wehendem Haar und Mantel herein. Sein Gesicht dampfte in der Kälte, so schnell war er gerannt. »Sie … sind alle … tot!«, stieß er noch einmal atemlos hervor.

Urd hatte sich gut genug in der Gewalt, um sich nun zu ihrem Sohn herumzudrehen und ihm beide Hände auf die Schultern zu legen, damit er sich beruhigte. »Wer ist tot?«

»Alle!«, sprudelte Lif hervor. »Er hat sie alle erschlagen! Alle!«

Urd warf ihm einen sonderbaren Blick zu, ließ sich vor Lif in die Hocke sinken, bis sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden. »Wer ist tot? Wer hat wen erschlagen? Wovon redest du?«

»Die Krieger!«, keuchte Lif, immer noch völlig außer Atem und beinahe noch aufgeregter. »Die … die Fremden! Die Räuber! Sie sind alle tot! Jemand hat sie erschlagen, und … und …« Er verhaspelte sich, setzte neu an und riss dann stattdessen die Augen auf, als sein Blick auf den blutigen Hammer fiel, den er noch immer in der Hand hielt.

»Du!«, flüsterte er. »Du hast … hast sie erschlagen? Du ganz allein hast sie alle getötet?«

»Unsinn!«, sagte Urd streng. »Wie sollte das möglich sein? Sie waren zu zweit, und -«

»Es sind sechs«, unterbrach sie Lif. »Zwei liegen unten am Fluss, und die vier anderen sind nicht weit entfernt. Sie sind alle tot!« Seine Augen waren noch größer geworden. Er blinzelte nicht einmal mehr, sondern starrte ihn nur unverwandt an, und in seinem Blick war ein Ausdruck, von dem er nicht sagen konnte, ob es Angst war oder vielleicht etwas, vor dem er besser Angst haben sollte.

»Du hast sie erschlagen!«

Urd drehte sich um, und in ihrem Blick war Angst zu erkennen. »Ist das wahr?«, fragte sie.

Er schwieg.

»Er hat sie … er hat sie ganz allein erschlagen«, flüsterte Lif. »Sechs Krieger! Und den Riesen! Du … du musst ein Gott sein! Thor! Du musst Thor sein, der Gott des Donners!«

»Unsinn«, antwortete er lahm. »Ich hatte Glück, das ist alles!«

Urd machte sich nicht einmal die Mühe, irgendetwas darauf zu sagen. In ihren Augen stand nur noch Angst geschrieben.

Obwohl der Hof zur Gänze niedergebrannt und noch gründlicher geplündert worden war, war es kein Problem, noch genug brennbares Material zu finden, um Lasse nach den Sitten seines Volkes zu bestatten. Ihm war nicht wohl dabei, ein Feuer zu entzünden, dessen Rauch über große Entfernung sichtbar sein musste, aber er erhob keine Einwände, sondern half Urd im Gegenteil dabei, einen Scheiterhaufen zu errichten und ihren Mann darauf zu betten. Sie wechselte in all der Zeit kein einziges Wort mit ihm und wich sogar seinem Blick aus, nahm seine Hilfe aber dennoch an.

Nachdem sie den Scheiterhaufen ohne ein Wort der Zeremonie entzündet hatte, wartete sie reglos wie zu einer Statue erstarrt, bis das Feuer heruntergebrannt und der Leichnam ihres Mannes zu Asche geworden war, die der nächste Windhauch über das Land verteilen würde.

Nach allem Unglück, das die fremden Krieger über sie gebracht hatten, hatten sie ihnen zumindest noch ein unfreiwilliges Geschenk dagelassen: Zwei der sechs Pferde lebten noch, und obwohl sie gut genug trainiert waren, keinen fremden Reiter auf ihrem Rücken zu dulden, gelang es ihm doch, sie einzufangen und eines der Tiere mit ihrem schon leichter gewordenen Gepäck zu beladen. Das andere ließ es - nachdem er ihm eine Weile geduldig zugeredet hatte - immerhin zu, vor das einfache Tragegestell gespannt zu werden, das er für Elenia und ihr spärliches Gepäck zusammengebaut hatte.

Sie verließen den Hof binnen einer Stunde und machten sich auf den Weg zurück in die Richtung, aus der sie vor Tagesfrist erst gekommen waren. Er war nicht einmal sicher, ob es wirklich gut war, Urd und ihre Kinder weiter zu begleiten. Seit sie zusammengetroffen waren, hatte er ihr und ihrer Familie nichts als Unglück gebracht, und dass sein Verstand ihm sagte, dass nichts von alledem seine Schuld war und er Urd und ihren Kindern ganz im Gegenteil das Leben gerettet hatte, änderte gar nichts daran, dass er sich so fühlte, als wäre es seine Schuld.

Elenia hatte wieder Fieber bekommen und war in einen Dämmerzustand zwischen Schlaf und Bewusstlosigkeit gefallen, in dem sie die meiste Zeit still dalag, dann und wann aber fantasierte oder um sich schlug, sodass ihre Mutter sie schließlich auf der Trage festband, damit sie nicht herunterfiel oder sich selbst verletzte.

Sie sprach auch während des gesamten restlichen Tages kein einziges Wort mit ihm, aber er meinte zumindest zu spüren, dass ihre ablehnende Haltung im Laufe des Marsches ein wenig aufweichte. Sie war erschrocken und zutiefst verunsichert, aber was hatte er erwartet?

Lif hingegen …

Er wusste nicht, was er von dem Jungen halten sollte. Aus der Mischung aus Bewunderung und Furcht, die er anfangs in seinem Blick gelesen hatte, war rasch etwas anderes geworden. Während sie marschierten, hielt er sich unentwegt an der Seite seiner Mutter, aber er starrte ihn auch genauso unentwegt an; vor allem dann, wenn er glaubte, er sähe es nicht. Er nahm sich vor, den Jungen im Auge zu behalten. Und ihm besser nicht den Rücken zuzuwenden.

Das Wunder, auf das keiner von ihnen zu hoffen gewagt hatte geschah: Die Sonne stand weiter wie von einem unheimlichen Zauber gebannt am Himmel, doch nach ihrem persönlichen Zeitempfinden war es später Abend, als sie das kleine Wäldchen und den zerstörten Wagen wieder erreichten. Nicht nur ihm, sondern auch Urd musste klar sein, wie groß dieser Zufall war, denn es hatte nicht die mindeste Spur gegeben, der sie folgen konnten, aber der Wagen lag vor ihnen und damit nicht nur alles, was von Urds früherem Leben noch übrig geblieben war, sondern vielleicht auch ein winziges bisschen Hoffnung.

Sie und die beiden Kinder sanken fast sofort in den tiefen Schlaf der Erschöpfung, in dem sie sich im Windschatten des umgestürzten Wagens eng aneinanderkuschelten, und auch er selbst streckte sich auf seinem Mantel aus, schloss die Augen und versuchte den Schlaf herbeizuzwingen. Es gelang ihm, aber dieser Schlaf brachte so wenig Erquickung wie in der Nacht zuvor. Als er nach viel zu kurzer Zeit wieder erwachte, war er erschöpfter als vorher, und in seinem Kopf waren auch jetzt wieder die Erinnerungen an einen verworrenen Traum, vor dem er regelrecht zurück ins Wachsein geflohen war.

Nachdem er eine weitere Stunde ruhelos auf und ab gewandert war und sich gefragt hatte, wie viel Zeit er Urd und ihren Kindern wohl mindestens geben musste, damit sie wieder zu Kräften kamen, kam ihm eine Idee. Sie erschien ihm zwar selbst beinahe haarsträubend, aber was hatte er zu verlieren außer ein paar Stunden, mit denen er ohnehin nichts anzufangen wusste?

Er arbeitete die ganze Nacht, die sich weder von den vorangegangenen noch dem nachfolgenden Tag unterschied, und als Urd sich irgendwann aufsetzte und sich den Schlaf aus den Augen rieb, überraschte er sie mit dem Anblick eines zweirädrigen Karrens, den er aus den Überresten ihres Wagens zusammengebaut hatte. Er sah weder besonders vertrauenerweckend aus noch war er auch nur annähernd groß genug, um Urds Habseligkeiten und dazu auch noch die beiden Kinder aufzunehmen. Aber er würde seinen Dienst tun.

»Du erstaunst mich immer wieder«, sagte Urd. »Ich wusste nicht, dass du auch noch Wagner bist.«

»Hast du schon vergessen, dass dein Sohn mein Geheimnis durchschaut hat?«, gab er zurück. »Ich bin ein Gott. Ich kann alles.«

»Außer dich erinnern.« Sie beugte sich zuerst über ihre schlafende Tochter, dann über Lif, und ein flüchtiger Ausdruck von Zärtlichkeit erschien auf ihrem Gesicht. Er erwartete halbwegs, dass sie ihn wecken würde, doch sie streckte nur die Hand nach Elenia aus und ließ sie ein kleines Stück über ihrem Gesicht schweben, ohne sie zu berühren. Die Geste hatte etwas ungemein Beschützendes.

Beiläufig registrierte er, wie sauber ihre Hände waren … und wie unversehrt. Ihre Fingernägel waren nach wie vor gesplittert, aber ihre Fingerspitzen waren unberührt.

»Warum haben die Götter ihr das angetan?«, murmelte sie. In ihrer Stimme war kein Schmerz; allenfalls so etwas wie eine vage Bitterkeit, die kein rechtes Ziel zu finden schien.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Ich bin kein Gott, auch wenn dein Sohn mich dafür hält.«

Urd blickte auf ihre auf so sonderbare Weise geheilten Fingerspitzen hinab, sagte aber dann trotzdem: »Ich weiß.«

»Woher?«

»Weil es keine Götter gibt«, antwortete Urd. »Und wenn doch, dann sind nicht sie es, die verantwortlich dafür sind … weil wir Menschen ihnen vollkommen gleichgültig sind.«

»Und trotzdem hast du deinen Mann nach den Regeln deiner Götter bestattet?« Ihm wurde unbehaglich. Er wollte dieses Gespräch nicht führen.

»Es wäre sein Wunsch gewesen. Das war ich ihm schuldig.« Aber mehr auch nicht. Und eigentlich nicht einmal das. Urd stand auf, warf ihm noch einen undeutbaren Blick zu und verschwand dann mit schnellen Schritten hinter den Büschen am Waldrand. Er sah ihr nach, bis ihm klar wurde, dass ihr diese Blicke möglicherweise peinlich waren, und wandte sich dann mit einem Ruck ab.

Er widmete sich wieder seiner Arbeit, mit der er ohnehin fast fertig war. Jetzt, wo er keine Rücksicht mehr darauf nehmen musste, keinen Lärm zu machen, ging sie ihm noch schneller von der Hand. Er war so gut wie fertig, gerade als Urd ein kleines Feuer entfacht und nahezu ihre gesamten restlichen Lebensmittel aufbrauchte, um ein bescheidenes Frühstück zu bereiten.

Das größte Problem war, die beiden Pferde vor den Karren zu spannen. An die Nähe von Menschen gewöhnt, hatte er die Tiere nicht einmal festbinden müssen, damit sie über Nacht nicht wegliefen, aber sie waren es ganz und gar nicht gewohnt, vor einen Wagen gespannt zu werden. Dieses Mal reichte gutes Zureden allein nicht mehr aus, und er musste sie schließlich mit Gewalt zur Räson bringen.

Lif erwies sich zwar als ebenso schweigsam und abweisend wie seine Mutter, half ihm aber dennoch, ihre überall verstreuten Habseligkeiten einzusammeln. Schließlich richteten sie für Elenia, die immer noch fieberte, ein Lager aus allerlei Kleidungsstücken und Decken auf dem Wagen und brachen auf.

Sie waren seit einer guten Stunde unterwegs, als Urd Lif unter einem Vorwand außer Hörweite schickte und schließlich das Schweigen brach, das sich wieder zwischen ihnen ausgebreitet hatte. »Wohin bringst du uns?«

»Bringen?« Die Frage überraschte ihn.

Urd machte eine Kopfbewegung in die Richtung, in der sie neben dem Wagen her marschierten; dieselbe, in die Lasse sie gebracht hatte. »Du weißt, wohin dieser Weg führt?«

Er konnte weit und breit keinen Weg erkennen und schüttelte den Kopf. »Ich meine: Ich kann euch allein lassen und meiner Wege gehen, wenn dir das lieber ist.«

Urd sah ihn durchdringend an, und er hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie diesen Vorschlag tatsächlich in Erwägung zog.

»Ich denke, wir ziehen einfach dorthin.« Er deutete nach vorne. »Wenn du das möchtest.«

»Warum, wenn du doch gar nicht weißt, was dort ist?«

»Lasse wusste es.«

»Lasse wusste gar nichts«, erwiderte Urd. »Es war dumm von mir, auf ihn zu hören.«

»Aber du hast es getan.«

Urd überging die Worte. »Vielleicht ist dort ja nichts. Aber da, wo wir herkommen, ist auch nichts. Jedenfalls nichts, was des Bleibens wert gewesen wäre.« Plötzlich lachte sie. »Wer weiß, vielleicht haben uns die Götter ja doch zusammengebracht?«

»Du meinst dieselben Götter, an die du nicht glaubst?«

»Wir beide können nicht zurück dahin, wo wir hergekommen sind, und wir wissen beide nicht, was vor uns liegt«, antwortete Urd, indem sie seine Frage geflissentlich überhörte. »Wenn du willst, kannst du eine Weile bei uns bleiben. Wenigstens bis wir wissen, wohin wir gehen.«

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihn dieser großzügige Vorschlag empören sollte, beließ es dann aber bei einem stummen Nicken. Nach allem, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte, war dieses Zugeständnis im Grunde schon mehr, als er erwarten konnte.

Sie legten eine kurze Rast ein, gerade lange genug, um den Pferden eine Verschnaufpause zu gönnen und eine kärgliche Mahlzeit einzunehmen, setzten ihren Weg dann fort, und vielleicht eine Stunde später blieb er so abrupt stehen, dass das Pferd scheute, das er am Zaumzeug führte.

»Was hast du?«, fragte Urd erschrocken.

Statt zu antworten, deutete er mit der freien Hand nach vorne. Stiebender weißer Schnee bildete eine langsam näher kommende Wolke, und nun zeigten ihm seine scharfen Augen auch eine Anzahl winziger Punkte an ihrem Fuß. Fünf, sieben, zehn … schließlich ein Dutzend, dann zwei.

»Jemand kommt«, sagte er überflüssigerweise.

Urd reagierte mit einem kaum angedeuteten Nicken und machte einen raschen Schritt, mit dem sie zwischen Lif und die Schneewolke am Horizont trat. Ihre Augen wurden schmal, aber er suchte vergeblich nach Furcht darin. Ihre Hand glitt unter den Mantel und schloss sich um den schmalen Dolch in ihrem Gürtel.

»Bleib ruhig«, sagte er rasch. »Ich glaube nicht, dass sie zu den Männern von gestern gehören.« Was ihn nicht daran hinderte, den schweren Hammer aus dem Gürtel zu ziehen. Der Stiel war jetzt weniger als halb so lang, lag dadurch aber nur umso besser in der Hand. Außerdem sah er sich rasch in alle Richtungen um, gewahrte eine Ansammlung erfrorener Bäume linker Hand und setzte sich wortlos darauf zu in Bewegung. Er wusste, dass sie zu weit entfernt waren, um sie rechtzeitig zu erreichen, aber alles in ihm sträubte sich einfach dagegen, nur dazustehen und abzuwarten.

»Und wenn doch, dann erschlägst du sie mit deinem Hammer, habe ich recht?«, knüpfte Lif nach einer Weile an seine Worte an.

Er war nicht sicher, ob der Junge sich über ihn lustig machte oder das ernst meinte, aber so oder so machten ihn die Worte zornig.

»Schweig!«, sagte er scharf.

»Aber du -«

»Lif!« Urd sprach nicht einmal laut, doch in ihrer Stimme war etwas, das den Jungen augenblicklich zum Verstummen brachte. »Steig auf den Wagen, und gib auf deine Schwester acht, sofort!«

Lif fuhr auf dem Absatz herum und war verschwunden wie weggezaubert. Inzwischen konnten sie beide erkennen, dass es mehr als zwei Dutzend Reiter waren, die sich ihnen in scharfem Tempo näherten, und kurz darauf auch, dass sie eindeutig nicht zu den Männern gehörten, die sie auf dem Hof angegriffen hatten. Aber die Erleichterung, die er bei dieser Erkenntnis verspüren sollte, kam nicht.

Und wenn, dann hätte sie allerhöchstens bis zu dem Moment angehalten, in dem die Reiter nahe genug heran waren, um ihre Gesichter zu erkennen.

Auch sie waren bewaffnet, doch sie trugen keine schimmernden Rüstungen und hörnergeschmückte Helme, sondern ein Sammelsurium zum Teil abenteuerlicher Waffen, Helme und Kettenhemden, und der Ausdruck auf ihren Gesichtern verhieß nichts Gutes. Einen halben Steinwurf entfernt teilte sich die Gruppe, und die Reiter bildeten einen Kreis, der sich langsam um sie herum zusammenzog.

Einer der Männer - er war weder der größte noch der am wildesten aussehende, trotz seines struppigen Barts, aber er trug ein beeindruckendes Schwert, das in den Händen eines geübten Kriegers zu einer gefährlichen Waffe werden konnte - stieg aus dem Sattel und kam mit energischen Schritten näher, blieb aber in gebührendem Abstand stehen und maß zuerst ihn und dann Urd mit Blicken, aus denen sich ablesen ließ, dass sie beide ihm aus ganz unterschiedlichen Gründen missfielen.

»Wer seid ihr?«, fragte der Mann schließlich, ohne sich mit etwas so Überflüssigem wie einer Begrüßung aufgehalten zu haben.

»Mein Name ist Urd«, sagte Urd, bevor er antworten konnte. »Und das ist meine Familie. Wir sind friedliche Reisende.«

»Und ihr gehört zu einem Volk, in dem die Weiber das Sagen haben und die Männer zu schweigen?«, vermutete der Bärtige.

»Steig wieder auf, Bjorn«, sagte einer der anderen Reiter, der eine schartige Axt quer vor sich im Sattel liegen hatte. »Das sind nicht die, die wir suchen. Wir vergeuden nur Zeit.«

Bjorn brachte ihn mit einer ärgerlichen Geste zum Schweigen. Sein Blick - der Blick ebenso kluger wie wacher Augen, denen nicht die winzigste Kleinigkeit entging - wirkte leicht verstimmt.

»Und du?«, fragte er mit einem leicht verächtlichen Heben des Kinns. »Hast du deine Zunge verschluckt, ein Schweigegelöbnis abgelegt, oder wartest du auf die Erlaubnis deines Weibes, sprechen zu dürfen?«

»Sie ist nicht mein Weib«, sagte er.

»Sieh an, du kannst also doch sprechen«, sagte Bjorn. »Verrätst du mir auch, wer du bist?«

»Er ist unser Freund«, erklärte Lif von der Höhe des Wagens herab. »Und du solltest ihn besser nicht reizen, wenn dir dein Leben lieb ist.«

»Weil er mich sonst mit dem Hammer da erschlägt?«, vermutete Bjorn. Er verzog amüsiert die Lippen und zwang sich sogar zu einem Lachen, aber der Blick, mit dem er ihn - und vor allem den Hammer - maß, wurde nur noch misstrauischer.

»Ganz genau das wird er tun«, antwortete Lif. »Und -«

»Sei still!«, unterbrach ihn Urd. An Bjorn gewandt fuhr sie fort: »Bitte verzeih meinem Sohn. Er ist ein vorlautes Kind.«

»Sind sie das nicht alle?«, fragte Bjorn, diesmal eher amüsiert als zornig. »Ihr seid also Reisende. Woher kommt ihr?« Wieder glitt sein Blick zum Hammer.

»Dorther.« Er deutete mit der freien Hand über die Schulter zurück. Der Schmerz in seinem Arm ließ ihn zusammenzucken, aber er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen.

Bjorn nickte gewichtig, als hätte er gerade etwas ungemein Interessantes erfahren. »Dorther«, wiederholte er. »Und ich nehme an, wenn ich dich jetzt frage, wohin ihr unterwegs seid, dann wirst du in die andere Richtung deuten und sagen: Dahin?« Er lächelte. Ihre Blicke lieferten sich ein stummes Duell, bei dem es keinen Sieger gab.

»Bjorn!«, sagte der Kerl mit der Axt noch einmal und noch ungeduldiger. Diesmal erntete er zum Dank einen zornigen Blick des Bärtigen.

»Ich fürchte allerdings, mein ungeduldiger Freund hat recht«, sagte er dann, nun wieder direkt an Urd gewandt. »Wir sind ein wenig in Eile. Wenn ihr aus dem Süden kommt, dann habt ihr vielleicht diejenigen gesehen, nach denen wir suchen. Es sind sechs oder sieben, und sie sind gekleidet wie Krieger.« Er wies mit einer ebenso beiläufigen wie schlecht gespielten Handbewegung auf die beiden Pferde. »Und sie sollen Tiere wie diese reiten.«

»Dann haben sie einen guten Geschmack.«

»Genau wie du«, erwiderte Bjorn. Er tat so, als fielen ihm die beiden riesigen weißen Schlachtrösser und ihr prachtvolles Zaum- und Sattelzeug erst jetzt richtig auf »Aber sehr viel scheinst du mir nicht von Pferden zu verstehen, mein schweigsamer Freund.«

»Wieso?«

»Niemand, der auch nur einen Deut davon versteht, käme auf die Idee, zwei so prachtvolle Kriegspferde vor einen Karren zu spannen.«

Plötzlich wurde es sehr still. Selbst das halblaute Schnauben und Hufescharren der Pferde schien für einen Moment innezuhalten. Der Bursche mit der Axt schwang sich aus dem Sattel, dann stiegen nach und nach auch die meisten anderen von ihren Pferden, und ausnahmslos alle legten die Hände auf ihre Waffen oder zogen sie sogar.

Urd trat unauffällig dichter an ihn heran. »Der Bursche da hinten«, flüsterte sie, fast ohne dass ihre Lippen sich bewegten. »Der mit dem zerrissenen Mantel. Siehst du ihn?«

Er deutete ein Nicken an.

»Das ist der, mit dem Lasse gesprochen hat«, flüsterte Urd. »Der uns von dem angeblichen Pass erzählt hat.«

»Woher habt ihr diese Tiere?«, fragte Bjorn.

»Und warum willst du das wissen?«

Bevor er antwortete, hob Bjorn die Hand und gab einem der wenigen im Sattel gebliebenen Männer einen Wink, der daraufhin sein Pferd wendete und in scharfem Tempo davongaloppierte. Allerdings nicht sehr weit.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass eine zweite, kleinere Gruppe von Reitern in einiger Entfernung zurückgeblieben war. Die Situation gefiel ihm immer weniger.

»Sagen wir, diese Tiere erinnern mich an etwas«, antwortete Bjorn. Jetzt klang seine Stimme eindeutig lauernd. »Ihr habt nicht zufällig ein halbes Dutzend Männer gesehen, die auf ganz ähnlichen Tieren geritten sind?«

»Auf Zugpferden?«, erwiderte er kühl. Bjorns Ton gefiel ihm nicht. Die ganze Situation gefiel ihm nicht, und sie tat es mit jedem Moment weniger.

Vorsichtig ergriff er den Hammer fester und verlagerte sein Gewicht, um einen besseren Stand zu haben. Nur einen halben Atemzug später wurde ihm klar, dass er Bjorn unterschätzt hatte. Ihm war weder das eine noch das andere entgangen.

Dennoch zwang sich der bärtige Krieger zu einem Lächeln, das seine Augen allerdings ausließ. »Es gibt keinen Grund, uns zu streiten, mein Freund. Wir haben jemanden bei uns, der dieses kleine Missverständnis sicher rasch aufklären wird.«

Der Reiter kam zurück, begleitet von einer dunkelhaarigen, verhärmten Frau, die sich nur mit sichtlicher Mühe im Sattel eines struppigen Ponys hielt. Ihr Blick war beinahe leer, allerdings nur so lange, bis sie die beiden Pferde sah.

»Das sind sie!«, zischte sie hasserfüllt. Noch mehr Waffen wurden gezogen, und die Stimmung begann fühlbar und auf bedrohliche Weise umzuschlagen.

Wieder war es Bjorn, der mit einer Handbewegung für Ruhe sorgte. »Diese drei?«, fragte er, indem er nacheinander auf ihn, Urd und Lif wies.

Die Frau riss ihren Blick mit sichtbarer Mühe von den Pferden los und sah ihn an. Ihre Augen waren jetzt nicht mehr leer, sondern von blankem Hass erfüllt. Sie sah ihn gar nicht wirklich, begriff er. Sie suchte jemanden, dem sie die Schuld an etwas geben konnte, das ihr angetan worden war.

Dann jedoch schüttelte sie abgehackt den Kopf.

»Die habe ich nie gesehen«, sagte sie. »Aber die Pferde gehören denen, die uns überfallen haben.«

»Dann haben wir ein Problem«, sagte Bjorn. »Seht ihr, diese gute Frau hat bisher ein friedliches und den Göttern gefälliges Leben geführt. Sie und ihre Familie haben Vieh gezüchtet und ihre Felder bestellt.«

»Auf einem Hof, eine Tagesreise von hier«, vermutete er.

Bjorns Augen wurden noch schmaler. »Woher weißt du das?«

»Weil wir da waren«, antwortete Urd an seiner Stelle. »Er wurde niedergebrannt.«

»Und ihr Mann und ihre Kinder wurden überwältigt und verschleppt«, bestätigte Bjorn. Seine Hand spielte mit dem Schwertgriff, aber noch zog er die Waffe nicht. »Nur sie konnte entkommen und sich zu uns retten. Sie sagt, es wären sieben Männer gewesen. Bewaffnete Riesen, die Pferde wie die da geritten haben.«

»Nicht Pferde wie diese da«, sagte die alte Frau. »Es waren genau diese. Ich erkenne sie wieder.«

»Das ist wahr«, sagte er.

»Ihr kennt diese Mörder?«, fragte Bjorn.

»Sie sind uns begegnet«, antwortete er vorsichtig, und vom Wagen aus fügte Lif hinzu: »Sie sind tot. Er hat sie erschlagen.«

Es wurde noch stiller.

»Ist das wahr?«, fragte Bjorn schließlich.

Er schwieg, aber Lif ließ es sich nicht nehmen, noch lauter zu sagen: »Er hat sie erschlagen, ganz allein.«

Ein paar Männer lachten, allerdings nicht sehr lange, und Bjorn zog nur fragend die linke Augenbraue hoch. »Stimmt das?«

»Dass sie tot sind? Ja. Aber ich habe sie nicht getötet. Wenigstens nicht alle. Und nicht allein.«

»Das ist nicht wahr!«, beharrte Lif. »Er hat sie ganz allein erschlagen. Reitet doch hin und seht nach. Ihr werdet die Toten finden!«

»Das werden wir, mein Junge«, antwortete Bjorn. »Ganz bestimmt sogar.« Sein Blick tastete nachdenklich über den Hammer an seinem Gürtel, dann noch nachdenklicher über sein Gesicht. »Was stimmt denn nun?«

»Ich habe … zwei von ihnen erschlagen«, räumte er ein. »Den anderen … ist etwas anderes zugestoßen.«

»Zwei ausgebildete Krieger, in Rüstung und mit Schwert und Schild?«, fragte Bjorn. Er deutete auf den Hammer. »Damit?«

»Ich hatte Glück«, antwortete er. »Sie haben mich wohl unterschätzt … und um ehrlich zu sein, war ich wohl auch ein wenig unfair.«

»Unfair?« Bjorn wiegte den Kopf. »Sechs gegen einen ist auch nicht besonders fair, scheint mir.« Er deutete abermals auf den Hammer. »Du scheinst mir wirklich gut mit diesem Ding umgehen zu können. Bist du Schmied oder Krieger?«

»Er ist ein Krieger«, sagte Lif stolz. »Der größte Krieger, den es auf der ganzen Welt gibt! Erkennst du ihn denn nicht? Das ist Thor!«

»Ja, selbstverständlich«, sagte Bjorn spöttisch. »Ich muss mich entschuldigen, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. Und deine Begleiterin da ist dann sicher Freya, nicht wahr?«

Einige seiner Männer lachten, wenn auch jetzt wieder nicht sehr laut oder lange, bevor er mit einer abermaligen, herrischen Geste für Ruhe sorgte. »Aber wer weiß, vielleicht bist du ja tatsächlich der Gott des Donners, der aus Walhall gekommen ist, um sich unerkannt unter uns Menschen zu mischen. Angeblich sollen die Götter ja so etwas tun, dann und wann.«

»Du willst uns allen Ernstes weismachen, du hättest zwei berittene Krieger in Rüstung und Waffen besiegt - damit?«, fragte der Krieger mit der Axt. Er deutete auf den abgebrochenen Schmiedehammer und machte ein abfälliges Geräusch.

Statt zu antworten, zog er den Hammer aus dem Gürtel. »Du willst wissen, ob ich damit umgehen kann?«

Gelassen drehte er sich um, deutete auf einen vielleicht dreißig Schritte entfernt dastehenden Baum, und die Hand des anderen schloss sich fester um den Stiel seiner Doppelaxt, um bereit zu sein, sollte er irgendetwas versuchen. Auch ein paar der anderen Krieger spannten sich. Anscheinend war hier nicht jeder mit Bjorns Entscheidung einverstanden.

Fast ansatzlos und ohne darüber nachzudenken, was genau er tat, schleuderte er den Hammer.

Das schwere Werkzeug flog nicht nur so schnell und scheinbar mühelos wie ein geworfener Kieselstein davon, traf einen nahezu armdicken Ast auf halber Höhe des Baumes und kappte ihn, sondern setzte seinen Weg auch sich ununterbrochen überschlagend fort, beschrieb einen sanften Bogen und kehrte an dessen Ende zu seinem Besitzer zurück. Das helle Klatschen, mit dem der Hammerstiel in seiner ausgestreckten Hand landete, ging im ungläubigen Keuchen eines Dutzends Männer unter. Um ehrlich zu sein, er war selbst ein wenig erstaunt. Er konnte auch nicht wirklich sagen, wie er dieses Kunststück zustande gebracht hatte.

»Unglaublich«, murmelte Bjorn. »Das ist …« Einen Moment lang suchte er sichtbar nach den richtigen Worten, rettete sich schließlich in ein hilfloses Achselzucken und fragte dann: »Kannst du das noch mal?«

Diesmal kappte der Hammer einen noch dickeren, dreifach verzweigten Ast, bevor er am Ende eines langgestreckten Bogens gehorsam wieder in seine Hand zurückkehrte.

Bjorn starrte ihn an. »Das … das ist unglaublich«, murmelte er, kopfschüttelnd und sichtbar erschüttert.

Keiner der anderen Männer - nicht einmal der Bursche mit der Axt - ließ auch nur den geringsten Laut hören, aber er konnte die allgemeine Fassungslosigkeit beinahe mit Händen greifen. Selbst Urd starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an.

»Ich kann es gerne noch einmal tun«, erbot er sich an, das beharrliche Flüstern seiner inneren Stimme ignorierend, die darauf bestand, dass dies nicht der richtige Moment für Scherze war oder gar Provokationen, und seien sie noch so klein.

»Nein.« Bjorns Blick irrte unstet zwischen dem schweren Hammer in seiner Hand und seinem Gesicht hin und her. »Ich wollte nur sichergehen, dass ich das auch wirklich gesehen habe.«

»Das ist ein fauler Trick«, beharrte der Kerl mit der Axt.

»Sverig, sei still!«, sagte Bjorn.

»Aber es ist ein Trick!«

»Selbstverständlich ist es ein Trick«, antwortete er ruhig. »Ich habe sehr lange gebraucht, um ihn zu lernen, das kann ich dir versichern.«

»Ich bestehe darauf, dass -«, begehrte Sverig auf, und Bjorn brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen.

»Das ist wirklich beeindruckend, mein Freund«, sagte er. Er klang immer noch ein bisschen erschüttert, fand seine Fassung dann aber wieder. Allerdings hörte er nicht auf, unentwegt den Kopf zu schütteln und abwechselnd ihn und seinen Hammer anzustarren.

»Jedenfalls ist mir jetzt klar, warum der Junge darauf beharrt, dass du niemand anderer als Thor bist«, stellte Bjorn fest. »Bist du es?« Die Frage klang, als wäre sie vollkommen ernst gemeint.

»Du weißt, wie Kinder sind«, erwiderte er ausweichend.

Bjorn nickte, maß ihn mit einem neuerlichen, womöglich noch unsichereren Blick und zwang sich schließlich zu etwas, das wohl nur er selbst für ein Lächeln hielt. »Ja, und oft genug sagen sie die Wahrheit.«

»Du traust diesem Kerl doch nicht etwa, Bjorn?«, begehrte Sverig auf. »Das … das ist Zauberei! Schwarze Magie!«

»Wer weiß?«, erwiderte Bjorn und zuckte scheinbar gleichmütig mit den Schultern. »Sagt er die Wahrheit, mein Freund? Bist du wirklich ein Zauberer?«

»Wenn ich das wäre, dann könnte ich deine Gedanken lesen und wüsste, welche Antwort du hören willst«, erwiderte er - was ihm einen noch zornigeren Blick Sverigs und ein breites Grinsen von Bjorn einbrachte.

»Vielleicht bist du ja wirklich ein Gott«, sagte Bjorn schließlich, schüttelte dann den Kopf und sah seinen verbundenen Arm an. »Andererseits habe ich noch nie gehört, dass ein Gott blutet. Aber das kannst du mir alles später und in Ruhe erklären, mein Freund.«

»Später?«

»Ich reite mit ein paar Männern zu dem Hof und sehe mir diese toten Krieger an, von denen der Junge gesprochen hat«, antwortete Bjorn. »Wenn wir uns beeilen und das Wetter nicht umschlägt, dann sind wir in spätestens zwei Tagen zurück, vielleicht früher. Und bis dahin sind du und deine Begleiterin und ihre Kinder selbstverständlich unsere Gäste … Thor.«

»Das ist sehr großzügig von dir, Bjorn, aber -«

»Ich bestehe darauf«, unterbrach ihn Bjorn. »Gastfreundschaft ist uns heilig, Thor. Es wäre eine schwere Beleidigung, sie auszuschlagen. Und du willst uns doch gewiss nicht beleidigen, oder?«

Er schwieg. Ganz ernsthaft wog er seine Chancen ab, es mit diesen zwei Dutzend Männern auf einmal aufzunehmen, und tat den Gedanken dann als lächerlich ab. Selbst der wirkliche Thor würde es sich zweimal überlegen, es mit einer solchen Übermacht aufzunehmen. Und selbst wenn er all diese Krieger tatsächlich besiegen könnte: Urd und ihre Kinder würden den Kampf gewiss nicht überleben.

»Nein, natürlich wollen wir dich nicht beleidigen«, sagte er. »Im Gegenteil, wir sind schon lange unterwegs, und es war eine anstrengende Reise. Wir nehmen deine Einladung gerne an.« Thor …?

Nun ja. Andererseits: Warum eigentlich nicht?

4. KAPITEL

Als sie nach vielen Stunden ihr Ziel erreichten, waren sie mit ihren Kräften am Ende - Urd, die Kinder und selbst er.

Bjorn hatte seine kleine Armee aufgeteilt und war zusammen mit dem Großteil der Männer und der alten Frau aufgebrochen, um zu ihrem Hof zurückzureiten, während der kleinere Teil unter Sverigs Führung mit ihnen ritt.

Selbst ihm wäre der schmale Spalt im Fels vielleicht nicht einmal aufgefallen, wären die Reiter nicht plötzlich langsamer geworden und hätten ihre Richtung geändert, um nunmehr direkt auf die Berge zuzuhalten. Erst, als er genauer hinsah, gewahrte er eine Verwerfung im Gestein, kaum mehr als einen Riss oder vielleicht sogar nur einen Schatten, an dem der Blick keinen Halt fand.

Als sie noch näher kamen, wurde aus dem Schatten ein Durchlass, kaum breit genug, um dem Wagen Platz zu bieten. Auf dem Schnee davor war nicht die mindeste Spur zu sehen, obwohl den ganzen Tag über kein Wind geweht hatte.

»Wo sind wir hier?«, fragte er, als Sverig schließlich absaß und auch seinen Begleitern und Urd ein Zeichen gab, von ihren Pferden zu steigen.

»Das ist der Eingang zu unserem Tal«, antwortete Sverig. »Er ist gut verborgen, und er wird gut bewacht, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht.«

Thor hatte längst gemerkt, dass sie nicht mehr allein waren. Auch wenn weder etwas zu sehen noch zu hören war, spürte er den Blick unsichtbarer Augen, der jeder ihrer Bewegungen misstrauisch folgte, und er verstand auch Sverigs Warnung.

Er musste das Zaumzeug loslassen und genau wie Urd vor dem Wagen hergehen, denn der Felsspalt war tatsächlich so schmal, dass neben dem Karren kein Platz mehr gewesen wäre. Sehr weit vor ihnen markierte ein schmaler senkrechter Streifen von mattem Tageslicht nicht nur das Ende des Spaltes, sondern zeigte auch, dass dieser vollkommen gerade durch den Fels führte. Nur hier und da entdeckte er Spuren von Werkzeugen, wo die Felswand oder der Boden im Nachhinein geglättet worden waren, zum allergrößten Teil schien dieser Durchlass jedoch natürlichen Ursprungs zu sein; ein von der Natur geschaffener Engpass, den ein einziger entschlossener Mann gegen eine ganze Armee verteidigen konnte.

Da waren sie schon wieder, die Gedanken eines Kriegers, der nur in Kategorien von Verteidigung und Strategie dachte. Er war jetzt fast sicher, ein Krieger zu sein, und wenn nicht das, so doch jemand, der so lange mit und unter ihnen gelebt hatte, dass es kaum noch einen Unterschied machte.

Sverig maß ihn mit einem Blick, als hätte er seine Gedanken gelesen, und schwang seine zweischneidige Axt in einer wie zufällig wirkenden Bewegung von der rechten auf die linke Schulter.

»Was ist hinter diesem Spalt?«, fragte er.

»Warum wartest du es nicht einfach ab, Thor?«, gab der Krieger unfreundlich zurück. »Vielleicht erlebst du ja eine Überraschung.«

Er verzichtete darauf, etwas zu sagen; zum einen, weil Sverig vollkommen recht hatte, zum anderen, weil er spürte, dass er ihn zu einer Unbedachtsamkeit provozieren wollte. Ganz offensichtlich war er mit Bjorns Entschluss, sie hierherzubringen, nicht einverstanden. Vielleicht war er auch einfach nur ein streitsüchtiger Mann.

Allerdings sollte er recht behalten: Er erlebte eine Überraschung, als sie das Ende des Spalts erreichten und die Wände vor ihnen zur Seite wichen. Vor ihnen lag ein ovaler, sanft abfallender Talkessel, der groß genug war, um nicht nur einem ganzen Dorf Platz zu bieten, sondern auch mehreren Gehöften samt umliegender, verschneiter Flächen, die im Sommer als Weiden oder auch Felder dienen mochten, einem kleinen Wäldchen, dessen Wipfel sogar noch schneefrei waren und sich ihren Blicken in unpassendem Grün präsentierten, sowie einem in zahllosen Kehren und Windungen mäandernden Fluss, der nur zum Teil zugefroren war. Ganz am anderen Ende des Tals, beinahe schon im Dunst der Entfernung verschwunden, erhob sich etwas, das vielleicht eine Festung war, auf jeden Fall aber ein sehr großes Gebäude.

»Erstaunlich«, sagte Urd. Sie hatten angehalten, um den fantastischen Anblick auf sich wirken zu lassen, und ihre Begleiter schienen nichts dagegen zu haben.

Im nächsten Augenblick wurde ihm auch schon klar, warum das so war, denn von rechts und links näherten sich ihnen weitere Bewaffnete.

»Das muss Asgard sein!« Lif kletterte aufgeregt hinter ihnen vom Wagen. Seine Augen leuchteten. »Wir haben es geschafft! Vater hatte recht!«

»Sei still, Lif!«, sagte seine Mutter streng. »Wolltest du dich nicht um deine Schwester kümmern?«

»Sie schläft«, antwortete Lif verstockt, strahlte aber gleich darauf schon wieder übers ganze Gesicht und fuhr in noch aufgeregterem Ton fort: »Das ist Asgard! Ganz bestimmt! So wie es Vater erzählt hat!«

»Was hat dein Vater denn erzählt, mein Junge?«, fragte Sverig.

»Dass wir den Weg über die Berge finden werden«, antwortete Lif aufgeregt. »Nach Asgard, ins Land der Götter!«

Asgard? Das Wort berührte etwas in ihm, aber nicht auf die Art, die er sich gewünscht hätte. Da war ein vager Schmerz und das Wissen, dass der Junge ganz bestimmt nicht dorthin wollte.

»Asgard?« Sverig nickte. »Beinahe, mein Junge. Das ist Midgard, unsere Heimat. Es ist vielleicht nicht das Land der Götter, aber hier lebt es sich ganz gut.«

Die Worte galten Lif, aber er sah dabei unverwandt Thor an, so als erwarte er eine ganz bestimmte Reaktion. Seine Begleiter und auch das halbe Dutzend neu hinzu gekommener Männer hatten sich mittlerweile zu einem lockeren Halbkreis hinter ihm formiert. Die meisten hatten ihre Waffen gezogen.

»Gib mir dein Schwert«, verlangte Sverig plötzlich. »Und den Hammer … Thor.«

»Das ist …« Nicht mein Name, hätte er beinahe geantwortet. Aber er erinnerte sich nicht an seinen Namen, und letzten Endes war ein Name so gut wie jeder andere.

»Nicht nötig?«, fragte Sverig lauernd. »Ich glaube doch.« Er streckte fordernd die Hand aus.

Nicht ohne Schadenfreude registrierte Thor, dass das schwere Werkzeug dem Burschen beinahe entglitt, als er versuchte, lässig mit nur einer Hand danach zu greifen. Er gab sich auch keine Mühe, das spöttische Funkeln aus seinen Augen zu verbannen.

»Du bekommst ihn wieder, sobald Bjorn zurück ist und wir wissen, dass du die Wahrheit gesagt hast«, sagte Sverig.

»Er war mir ohnehin zu leicht.«

Lif kicherte, aber Urd verdrehte mit einem lautlosen Seufzen die Augen, als wollte sie sagen: Männer!

»Weiter!«, befahl Sverig, nachdem Urd ihm auch ihren kleinen Dolch ausgeliefert hatte. »Und gebt mir keinen Grund, etwas zu tun, wofür ich mich vor Bjorn verantworten müsste.«

Es gab nur eine Richtung, in die sie gehen konnten. Der Weg schlängelte sich zwischen mächtigen Felsen und Findlingen hindurch, die ebenso wie seine zahlreichen Kehren und Windungen zu regelmäßig waren, um nicht mit großem Bedacht arrangiert worden zu sein. Jemand hatte nachgeholfen, um diesen Weg einerseits leichter passierbar zu machen und gleichzeitig leichter verteidigen zu können. Dieses Tal war eine Festung, und sie war äußerst klug angelegt.

Auf dem ersten Stück begegnete ihnen niemand; doch der allererste Eindruck bestätigte sich nur noch: Das Tal, von den richtigen Männern bewacht, war so gut wie uneinnehmbar, zugleich aber war es auch ein paradiesischer Ort, der Hunderten von Menschen nicht nur eine sichere Zuflucht, sondern auch Nahrung und Unterkunft bot.

»Und du hast noch niemals von diesem Ort gehört?«, wandte er sich an Urd.

»Natürlich habe ich von Midgard gehört«, antwortete sie, während sie ihn mit einem sehr seltsamen Blick maß. »Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich es …« Sie sprach nicht weiter, sondern machte nur eine ihm unverständliche Handbewegung und lächelte plötzlich, wenn auch auf eine sehr seltsame Weise. »Aber wenn es Menschen gibt, die ihren Kindern die Namen von Göttern geben, warum dann nicht auch eine Stadt namens Midgard?«

Jetzt verstand er gar nichts mehr, und sein Blick machte das auch sehr deutlich.

»Weißt du denn überhaupt nichts?«, fragte sie.

»Nein.«

»Midgard ist -«, begann sie, schüttelte dann heftig den Kopf und setzte neu an: »Eigentlich ist Midgard der Name für die Welt der Menschen. Umgeben von einem hohen Zaun aus den Zähnen Ymirs, des Urriesen, und umringt von Jörmungand, der großen Schlange. So heißt es in den alten Sagen. Aber dieser Ort hier ist -«

»Anders?«, vermutete er.

Das ignorierte Urd vollkommen. »Es gibt da eine Legende. Lasse hat -«

»Seid still!«, befahl Sverig. »Wenn ihr Fragen habt, dann fragt. Ansonsten seid still, bis ihr angesprochen werdet!«

Den restlichen Weg zum Dorf legten sie schweigend zurück, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Urd wirkte tatsächlich ein wenig eingeschüchtert, während er selbst versuchte, sich möglichst viele Einzelheiten ihrer Umgebung einzuprägen; nur für den Fall, dass ihre neuen Freunde doch nicht so freundlich sein sollten und sie schnell wieder von hier wegmussten.

Der Ort, dessen kleine, aber ordentliche Hütten sich in die jenseitige Flanke des Tals schmiegten, bestand aus gut drei oder vier Dutzend Gebäuden, von denen einige wenige aus Holz, die allermeisten aber aus Stein erbaut worden waren - anscheinend stellte Holz in diesem Teil des Landes einen sehr viel wertvolleren Rohstoff dar als Stein -, und war von einer zusätzlichen mannshohen Mauer umgeben. Aus den meisten Schornsteinen stieg Rauch in die nahezu unbewegte Luft, und zwischen den Häusern bewegten sich Menschen, viel zu weit entfernt, um ihre Gesichter zu erkennen.

Immerhin sah er, dass es eine erstaunlich große Anzahl von Kindern gab; ein weiterer Hinweis darauf, dass es den Menschen hier gut ging.

Kinder waren es auch, die ihnen als Erste entgegenkamen; eine ganze Schar sogar, die eine Weile grölend und lachend neben ihnen hertollte oder ihnen vielleicht auch Schmähworte zurief - er verstand kaum etwas -, bis einer ihrer Begleiter mit Steinen nach ihnen zu werfen begann. Er tat es nicht mit der Absicht zu treffen und traf auch nicht, verscheuchte die johlende Eskorte damit aber.

Ihr Ziel war nicht das Dorf, sondern der finstere Steinbau am Ende des Tals. Es war eine Festung, wie er angenommen hatte, nicht besonders groß, aber wie alles hier nach taktischen Gesichtspunkten äußerst klug angelegt. Ein einzelner Turm bot einen guten Überblick über das gesamte Tal, und das schmale Tor in der zinnengekrönten Mauer machte einen durchaus stabilen Eindruck. Wenn das Bjorns Hauptquartier war, dann war er ein Mann, der wusste, was er tat.

»Ihr wartet hier«, beschied ihnen Sverig. Was meinte er denn, wohin sie gehen würden? »Was ist mit dem Mädchen auf dem Wagen? Ist es krank?«

»Sie hat sich verletzt«, antwortete Thor. »Es ist nicht lebensgefährlich, aber sie braucht noch Ruhe, um zu Kräften zu kommen.«

»Es ist doch nicht etwa ansteckend?«

Eine Verletzung? Thor machte sich nicht einmal die Mühe, zu antworten, aber Urd wiederholte seufzend: »Sie braucht nur Ruhe, das ist alles.«

»Die wird sie bekommen«, sagte Sverig, und es war seltsam - auch dabei hatte er ein sehr ungutes Gefühl.

Und auch damit sollte er recht behalten.

»Wie es aussieht, hast du die Wahrheit gesagt, Thor«, sagte Bjorn, als er ihn fünf Tage später in einen stilvoll, aber nicht übertrieben luxuriös ausgestatteten Raum bringen ließ, der ebenso zu seiner Persönlichkeit passte wie das halb besorgt, halb amüsiert wirkende Funkeln in seinen Augen. »Ich muss mich bei dir entschuldigen, mein Freund. Ich war länger fort, als ich dir versprochen hatte.«

»Länger?« Thor richtete sich mühsam auf dem Stuhl auf, den ihm Bjorn zugewiesen hatte. Seine Lippen und Gaumen waren so trocken, dass er schon Mühe hatte, dieses eine Wort hervorzubringen. Sverig hatte ihn in jeder Beziehung kurzgehalten. Mit knurrendem Magen und ausgedörrter Kehle hatte Thor in einer kargen Zelle auf Bjorns Rückkehr warten müssen - unruhig und gereizt auch deshalb, weil er Urd schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Bjorn runzelte die Stirn, stand dann mit einem Ruck auf und kam mit einem Krug und zwei reich verzierten Bechern aus Silber zurück. Er goss beide randvoll, trank aber selbst nicht, sondern sah nur zu, wie Thor seinen Becher mit einem gierigen Zug leerte. Fragend hob er den Krug und schenkte ihm nach und dann auch noch ein drittes Mal. Der Krug enthielt weder Wasser noch süßen Met, sondern Wein, und er konnte sich gut vorstellen, dass Bjorn nichts dagegen hätte, ihn betrunken zu machen. Aber etwas sagte ihm auch, dass das zwar möglich, aber sehr, sehr schwer war und mit einem einzigen Krug Wein schon gar nicht.

»Ich hoffe doch, man hat dich gut behandelt.« Bjorn nahm wieder Platz, nippte nun doch an seinem Wein und schob ihm den Krug über den Tisch hinweg zu. »Ich habe Sverig eingeschärft, dich wie einen Gast zu behandeln, aber ich fürchte, manchmal ist er etwas übereifrig.«

Wie einen Gast? Thor sah ihn nur mit hochgezogenen Brauen an und nahm einen weiteren, jetzt aber vorsichtigeren Schluck Wein.

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