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The Stranger – Wer bist du wirklich?

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Eins
  8. Zwei
  9. Drei
  10. Vier
  11. Fünf
  12. Sechs
  13. Sieben
  14. Acht
  15. Neun
  16. Zehn
  17. Elf
  18. Zwölf
  19. Dreizehn
  20. Vierzehn
  21. Fünfzehn
  22. Sechzehn
  23. Siebzehn
  24. Achtzehn
  25. Neunzehn
  26. Zwanzig
  27. Einundzwanzig
  28. Zweiundzwanzig
  29. Dreiundzwanzig
  30. Vierundzwanzig
  31. Fünfundzwanzig
  32. Sechsundzwanzig
  33. Siebenundzwanzig
  34. Achtundzwanzig
  35. Neunundzwanzig
  36. Dreißig
  37. Einunddreißig
  38. Zweiunddreißig
  39. Dreiunddreißig
  40. Vierunddreißig
  41. Fünfunddreißig
  42. Sechsunddreißig
  43. Siebenunddreißig
  44. Achtunddreißig
  45. Neununddreißig
  46. Vierzig
  47. Einundvierzig
  48. Zweiundvierzig
  49. Dreiundvierzig
  50. Vierundvierzig
  51. Fünfundvierzig
  52. Sechsundvierzig
  53. Anmerkung der Autorin

Über dieses Buch

Seit ihr Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, stellen sich Eleanor unzählige Fragen: Wieso ist William zu schnell gefahren? Wieso war er so spät noch unterwegs, obwohl er eigentlich zu Hause bleiben wollte? Was verheimlicht er ihr?

Eleanor beginnt nachzuforschen, um die Hintergründe von Williams Tod herauszufinden – als dann auch noch ein Fremder vor ihrer Tür steht, beginnt ihr sicheres Leben in dem idyllischen englischen Dörfchen endgültig zu bröckeln …

Ein atmosphärisches Setting in einem kleinen englischen Dorf, in dem jeder seine Geheimnisse hat.

Über die Autorin

Saskia Sarginson schloss ihren Master in kreativem Schreiben am Royal Holloway College mit Auszeichnung ab. Bevor sie sich ausschließlich dem Schreiben von Romanen widmete, arbeitete sie als Redakteurin für Gesundheits- und Beautythemen bei verschiedenen Frauenzeitschriften, als Ghostwriter für die BBC und Harper Collins sowie als Werbetexterin und Lektorin. Sie veröffentlichte bereits mehrere Romane. Ihr Titel »Without You – Ohne jede Spur« erscheint ebenfalls bei »be«.

SASKIA SARGINSON

THE
STRANGER

WER BIST DU WIRKLICH?

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

Prolog

Du wurdest kurz vor Weihnachten geboren. Nach all dem Hass warst du da. Du warst du. Meldetest deine Ansprüche an. Ich dachte, ich würde ihn in dir sehen. Aber da war keine Spur seiner Züge in deinem kleinen Gesicht. Du warst mir fremd, ein angsteinflößendes Wunder. Wir haben die ganze Zeit geweint. Du hast richtig geschrien, und ich vergoss stumm Tränen, ohne zu begreifen, warum. Erst als du schliefst, wagte ich, dich zu bestaunen: deine spitzen, tränennassen Wimpern, die Art, wie sich deine Zehen in meiner Hand krümmten, und den Geruch deines schuppigen Kopfes unter dem überraschend dichten dunklen Haar. Als ich meine Lippen auf deinen Hals drückte, fühlte ich, wie sich mein Schoß zusammenkrampfte. Ein Schmerz, der uns verband; eine Erinnerung, dass du immer noch ein Teil von mir warst.

Meine Mutter kam ins Krankenhaus. Sie saß so weit weg von dir, wie sie konnte. Als wärst du eine Krankheit. Immer wieder sah sie sich um, zog sich die Mütze in die Stirn. Sie sagte, mein Vater habe es schlecht verkraftet. Dass es für alle das Beste sei, wenn ich woanders, weg von zu Hause, neu anfinge. Nach der Adoption werde mein Vater mir einen Scheck ausstellen.

Ich habe mal einen Film über ledige Mütter gesehen, denen strenge Nonnen ihre Babys wegnahmen. Wäre dies ein Film, würde die nächste Szene unserer Geschichte zeigen, wie ich flehte, dich behalten zu dürfen; wie ich mich weigerte, die Papiere zu unterschreiben, und auf die Knie sank, als sie dich aus meinen Armen rissen.

Aber nichts davon geschah. Du musst nämlich wissen, mein Liebling, dass ich Angst hatte. Nicht nur vor meinem Vater, sondern auch vor dir. Ich hatte meine Zukunft ruiniert, indem ich schwanger geworden war. Das sagte mein Vater. Doch ich konnte sie nicht aufgeben. Diese strahlende Zukunft. Ich war selbst kaum mehr als ein Kind, nicht bereit, Mutter zu sein. Sie erzählten mir, dass sie ein Paar gefunden hätten. Ein nettes Paar. Gute, anständige Leute. Ich wollte glauben, dass es das Beste war, für uns beide. Inzwischen weiß ich es besser.

Es tut mir leid.

Ich erlaubte ihnen, dich wegzubringen, ruhig und mit abgewandtem Blick. Leise Schritte auf dem Fußboden. Innerlich schrie ich, doch ich drehte mich weg, verbot mir, einen Laut von mir zu geben.

Dann betete ich, dass du den Abdruck meiner Lippen auf deiner Wange tragen würdest, den Klang meiner Stimme in deinem Ohr. Dass du wissen würdest, dass du geliebt wurdest.

Mein Kleines.

Du rochst nach mir, meinem Innern, meinem Blut.

Ich gab dir keinen Namen.

Kannst du mir verzeihen?

Eins

2014

Der kleine Lichtkegel meiner Fahrradlampe macht die Dunkelheit um mich herum noch tiefer. Ich halte auf der verlassenen Straße und beuge mich über das Vorderrad, um sie auszustellen. Wills Stimme spricht in meinem Kopf.

Ellie! Du weißt, wie gefährlich diese Straßen nachts sind!

Ach, reg dich nicht auf, sage ich zu ihm.

Ich bin dein Mann, erinnert er mich, resigniert und geduldig wie immer, selbstverständlich möchte ich, dass du sicher bist.

William sorgt sich andauernd. Er ist niemand, der sich auf die Brust trommelt. William ist der Typ Mann, der das Gesicht vor Schmerz verzieht, wenn er barfuß über einen Kiesstrand läuft, der beim Fahren immer unter dem Tempolimit bleibt und der nach Hause umkehrt, um sich zu vergewissern, dass er wirklich das Licht im Bad ausgeknipst hat. Ich verdrehe die Augen vor dem imaginierten Will, und er grinst auf seine immerzu freundliche Art und hebt die Hände in die Höhe, weil er mal wieder ertappt wurde. Insgeheim mag ich es, dass er solch ein Theater um alles macht. Es überlässt mir die Rolle der Mutigen, der Waghalsigen in unserer Beziehung.

Hier draußen gibt es nichts, vor dem man sich fürchten muss. Ich habe kein Auto mehr gesehen, seit ich das Dorf verlassen habe. Es ist eine klare Nacht, und mit dem ausgeschalteten Fahrradlicht enthüllt die Welt ihr Schatten-Ich. Erdbeerfelder erstrecken sich bis zum fernen Wald, und hier und da duckt sich ein Farmhaus vor dem Sternenhimmel.

Meinen Helm habe ich zu Hause gelassen. Es tut gut, keinen strammen Riemen unter meinem Kinn zu fühlen. Nun ragen hohe Buchenhecken zu beiden Seiten von mir auf, nehmen mir die Sicht und geben mir das Gefühl, durch einen Tunnel zu radeln. Es ist keine Menschenseele auf der Straße. Ich bin das einzige menschliche Wesen hier in der Dunkelheit. Ein angenehmes Kribbeln regt sich in meinem Nacken, und alle meine Sinne sind hellwach.

Nachdem ich The Old Dairy geschlossen, das Schild an der Tür umgedreht und Kate zum Abschied gewinkt hatte, hängte ich mir eine Schürze um und machte mich daran, den Abend in der Küche mit Backen zu verbringen – einen Schwung frischen Schokoladenkuchen und Müsliriegel für morgen.

Mir gefällt es, nach Ladenschluss alles für mich zu haben. Während ich wartete, dass die Kuchen aufgingen, machte ich mir einen Tee, schälte eine Orange und wechselte den Radiosender von Radio Four auf BBC Six Music. Irgendein mitreißender lateinamerikanischer Song wurde gespielt, und ich stand auf, um einige Tanzschritte auszuprobieren, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Dazu knabberte ich einen der frisch gebackenen Müsliriegel und überlegte, nächstes Mal mit dem Ahornsirup großzügiger zu sein und vielleicht etwas Fruchtiges wie Aprikosen hinzuzugeben.

Als meine Reifen über den Asphalt rollen, kann ich immer noch den Zimt und Zucker auf meinen Lippen schmecken, obwohl mir der Märzwind um die Ohren pfeift. Überall um mich herum raschelt, jagt und kriecht unsichtbares Leben. Eine Eule schreit. Ich lausche meinem Atem und den Geräuschen meines Fahrrads – dem metallischen Klappern und der Luft zwischen den Speichen. Ich frage mich, ob William schon aus seinem Arbeitszimmer gekommen ist. Hoffentlich ist er mit seiner Arbeit fertig, wartet im Bett auf mich, die Brille auf der Nase, und versucht, nicht beim Lesen einzuschlafen, die Katze seitlich an ihn geschmiegt. Ich werde zwischen die Decken schlüpfen, dicht zu ihm rücken und mit meinen kalten Füßen nach seinen warmen suchen, während ich meinen Kopf in seine vertraute Schulterbeuge schmiege.

Ich summe einen Bossa Nova, als ein mechanisches Röhren die Stille zerreißt. Das eindringliche Geräusch eines Automotors, erschreckend laut. Ich halte an und versuche, das Geräusch zu orten. Der Wagen kommt von hinten und ist zu schnell. Viel zu schnell.

Mein Instinkt übernimmt. Binnen Sekunden bin ich vom Rad und am Straßenrand, mir entsetzlich bewusst, wie wehrlos ich in der Dunkelheit direkt hinter einer Kurve bin. Das Auto rauscht mit quietschenden Reifen um die Biegung, und kleine Steine fliegen auf.

Ich werfe mich in die Hecke. Der Wagen beschleunigt und rast wie ein Blitz aus Metall an mir vorbei. Die Scheinwerfer blenden mich. Dann ist es vorüber, und ich bleibe im Dunkeln zurück, zitternd und gefangen zwischen Zweigen und Laub.

Der Fahrer muss betrunken gewesen sein. Ein lebensmüder Idiot. Ich runzle die Stirn, als ich zuhöre, wie sich der röhrende Motor entfernt. Doch das Geräusch wird zu einem scheußlichen Kreischen. Gummi schlittert über Asphalt. Mir dreht sich der Magen um, als eine Explosion die Luft zerreißt. Dann herrscht unheimliche Stille.

»Oh Gott!«

Ich lasse mein Fahrrad fallen und renne auf die leere, schaurige Stille zu. Als ich um die nächste Biegung komme, sehe ich den Wagen, der umgedreht halb um einen Baum gewickelt ist. Ein monströses Ding, das auf dem Rücken liegt. Der Mond spendet hinreichend Licht, um die tiefen Furchen zu beleuchten, die der Wagen in den Straßenrand gepflügt hat, und den zerstörten Zaun. Die frisch aufgewühlten Linien in der Erde führen zu zerquetschtem Blech und zersplittertem Holz. Ich muss mich zwingen, näher ranzugehen, und mein Herz hämmert gegen meine Rippen.

Mein Verstand bemüht sich, die Szene zu begreifen. Ich sinke auf die Knie, dränge mich durch herausgerissenes Unterholz und Erdhügel, um durch die kopfüber stehenden Fenster zu sehen. Die zusammengesunkene, halb hängende Gestalt darin hat das Gesicht von mir abgewandt.

Doch ich erkenne ihn, erkenne meinen Mann, verdreht und mit gebrochenen Knochen in dem dunklen Wangeninnern.

Der Benzingestank ist überwältigend. Heißes Metall. Versengtes Gummi. Da ist das stete Ticken und Fauchen von etwas Tropfendem. Ein kleiner, losgelöster Teil von mir nimmt das kalte, zerdrückte Gras unter meinen Knien und Schienbeinen wahr. Ein Erdwall ist aufgeworfen worden und drückt seitlich gegen den Wagen, sodass er die obere Türkante und das halbe Seitenfenster verdeckt. Ich beiße die Zähne zusammen, schlage mit den Fäusten gegen das Fenster. »Will!«

Schluchzer dringen aus meiner engen Kehle. Ich kann nicht zu ihm. Der vordere Wagenteil ist eingedrückt, zerknüllt wie Papier; und obwohl die Windschutzscheibe eingeschlagen ist, wird mir dort der Zugang von einem festen Knäuel aus Baum und verbeultem Metall versperrt.

Mir fällt mein Handy ein, und ich laufe stolpernd zurück zu meinem Fahrrad. Dort falle ich erneut auf die Knie, wühle in meiner Handtasche, schiebe Sachen beiseite, bis ich das kleine, harte Gerät fühle. Habe ich es aufgeladen? Ich halte es in die Höhe und bete, dass ich Empfang habe. Mit zitternden Fingern tippe ich die Notrufnummer.

»Hilfe … ich brauche Hilfe«, keuche ich. »Einen Krankenwagen. Mein Mann …«

Die Frau am anderen Ende ist ruhig. Sie stellt mir Fragen. Die Autorität, die in ihrer Stimme mitschwingt, zieht mich zurück in die Welt von Namen, Adressen, Wegbeschreibungen, Informationen.

Als ich wieder beim Wagen bin, finde ich einen Stein in der Erde.

»Hilfe kommt. Hörst du?« Ich hämmere mit dem Stein gegen das Fenster auf der Beifahrerseite und rufe Will zu: »Wag es ja nicht, mich zu verlassen. Alles wird gut.«

Ich schlage mit aller Kraft zu. Das Glas knackt und zerbricht in winzige Teile. Als ich meine Hand hineinstrecke, durchfährt mich für einen Moment Schmerz. Doch in bin drinnen, greife vorbei an dem verbogenen Lenkrad und hinabhängender Kleidung, um Haut zu ertasten. Ich muss seinen Atem fühlen. Einen Puls. Ich bewege meine Hände über Wills Gesicht, presse meine Finger auf seine Lippen. Da ist eine Öffnung, wo Zähne sein müssten, und ich berühre etwas Klebriges. Will rührt sich nicht.

Meine Verzweiflung macht mich vollkommen leer, saugt mir die Knochen und Muskeln aus dem Leib.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf der kalten Erde hocke, ehe sich mein Kummer erhebt und mit dem Sirenengeheul des Krankenwagens verschmilzt, dem ein Streifenwagen folgt. Die Albtraumkulisse um mich herum zerbricht in pulsierendem Blaulicht und tanzenden Taschenlampenkegeln zu lauter Bildfetzen mit grellen Einzelheiten, die ich nicht sehen will.

Ich lasse mich zu einem der wartenden Fahrzeuge führen. Jemand hängt mir eine Decke über die Schultern. Ich stehe da, während jemand anders das Blut von meinen Handgelenken tupft und Pflaster auf die Schnitte klebt.

William hätte zu Hause sein müssen. Er sagte, er müsse korrigieren, an seinem Buch arbeiten. Er sagte, dass er den ganzen Abend am Schreibtisch sein würde. Warum fuhr er dann wie ein Irrer durch die Nacht? Erschöpft lasse ich den Kopf hängen. Er wird es mir erklären können, natürlich wird er das. Mein Mann ist berechenbar und zuverlässig. Und er liebt mich.

Zwei

Ich bewege mich vom Bett zum Sofa und wieder zurück, schlurfe anstatt zu gehen, unsicher, als wäre ich gebrechlich. Stundenlang sitze ich in eine Wolldecke gehüllt da. Mir ist immerzu kalt. Meine Zähne klappern. Ich kann mich einfach nicht warmhalten. »Es ist der Schock«, sagt Mary Sanders, als sie mir einen Hähnchen-Pilz-Auflauf bringt, den ich mir zum Abendessen aufwärmen kann. Die Leute sind nett, und ich muss weinen ob ihrer Freundlichkeit. Ich kann ihnen nicht die Wahrheit sagen. Dann würde sich ihr Gesichtsausdruck verändern, ihre Gesten würden linkisch und steif werden; sie würden mich auf eine andere Art bemitleiden.

Ich muss die Tiere füttern, Eier einsammeln und die Hühner über Nacht in ihren Stall bringen. Sie sind der Grund, warum ich mich jeden Morgen aus dem Bett zwinge. Ohne sie hätte ich die Kraft nicht. The Old Dairy ist geschlossen. Kate sagte, dass sie es auch allein schafft, ihre Mutter als Hilfe hinzuholen kann. Aber es ist besser, wenn wir einfach das Schild an der Tür umdrehen.

Seit die Polizei bei mir war, spiele ich meine letzten Momente mit Will immer wieder in Gedanken durch, versuche mich an irgendwelche Hinweise zu erinnern, die ich an jenem Morgen übersehen habe.

Das Sonnenlicht färbte die Küche golden, blendete mich am Frühstückstisch, sodass ich mich blinzelnd wegdrehen musste. Wir saßen uns gegenüber, redeten nicht, weil er den Essay eines Studenten lesen wollte, der zu spät abgegeben worden war. Rote Tinte klebte an seinen Fingern. Als ich aufstand, um zu gehen, sah er mich nicht direkt an – sein Blick war statt in meine Augen über meine Schulter gerichtet. Mir fiel es nicht auf, weil ich in Eile war. Im Nachhinein wird mir klar, dass er mir auswich. Aber was seine Pläne betraf, war er sich sicher gewesen.

»Ich verbarrikadiere mich heute Abend im Arbeitszimmer«, sagte er. »Ich muss noch einen Artikel fertig schreiben. Und lästige Klausuren korrigieren. Tut mir leid, aber ich werde wohl keine Zeit für dich haben.«

»Kein Problem. Ich bleibe dann länger. Ich will noch backen.«

Er wusste, dass ich das sagen würde.

Wo warst du, William, als ich Haferflocken und Honig verknetete, geschmolzene Butter aus einem Topf in die Mixtur goss? Was hast du getan, während ich allein im Café einen lateinamerikanischen Song mitsang?

Ich stehe am Wohnzimmerfenster. Die Wolldecke rutscht mir von den Schultern, und ich blicke zu den Erdbeerfeldern, zu der Landstraße, auf der es passiert ist, wo tausende rubinroter Früchte an zarten grünen Stängeln hängen, geschützt von Glasdächern oder weißen Folientunneln. Eine vollkommene Erdbeere ist herzförmig, saftig, süß. Und sehr empfindlich. Berührt man sie auch bloß ein klein wenig zu fest, beschädigt man das feine, weiche Fruchtfleisch, und die Oberfläche wird dunkel und schimmlig. Ich frage mich, ob all diese Pflanzen, die in ihren Kompostbetten schliefen, die Wucht des Aufpralls gespürt haben.

Die letzten Trauergäste gehen. Mein Gesicht tut weh, so sehr habe ich es angespannt, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Vielleicht will ich nie wieder essen. Ich sehne mich danach, mich in der Dunkelheit hinzulegen und die Augen zu schließen. Für immer da zu bleiben. Stattdessen wandere ich von Zimmer zu Zimmer, als würde ich etwas suchen.

Als es an der Tür läutet, erschrecke ich. Zittrig mühe ich mich an dem Riegel ab, reiße ihn zur Seite. Ein Teil von mir erwartet immer noch, William zu sehen, schuldbewusst, zerzaust und nervös Erklärungen stammelnd.

Doch es ist David Mallory, der Besitzer der Erdbeerfelder. Er hat eine Flasche Brandy in einer Hand und einen großen Strauß weißer Blumen in der anderen – Rosen und Lilien.

»Manchmal ist es besser, nicht allein zu sein, auch wenn man nicht reden will.« Seine Stimme klingt zögerlich. »Sag mir, wenn ich verschwinden soll, falls du lieber allein sein willst.«

Ich streiche mir das Haar hinter die Ohren und bemühe mich, eine halbwegs menschliche oder zumindest höfliche Miene aufzusetzen. David war mit seinem erwachsenen Sohn Adam bei der Beerdigung gewesen. Er hatte mir die Hand geschüttelt und Henrietta entschuldigt. »Wieder mal ihre Migräne, leider«, murmelte er. Er hat seinen Teil getan und müsste nicht hier sein. Nicht in seinem eleganten Anzug und nicht mit diesem pietätvollen Ausdruck in seinem gut aussehenden Gesicht und dem opulenten Blumenstrauß. Wären wir im Mittelalter, käme David Mallory der Titel des Lehnsherrn zu. Und er spielt diese Rolle, zeigt sich fürsorglich gegenüber all seinen Leuten, den Dörflern, dem gemeinen Volk. Er nimmt seine Pflichten ernst. Und obwohl ich ihm einerseits die Störung ebenso übelnehme wie den Eindruck, dass er sich zu diesem Besuch verpflichtet fühlt, bin ich andererseits dankbar, von mir selbst abgelenkt zu werden.

Wir sitzen in der Küche, zwischen uns der Duft der Blumen.

»Die sind von Henrietta. Sie wollte, dass ich sie dir bringe. Sie hat deinen Mann sehr gemocht. Das haben wir alle.«

Ich sehe zu dem Glas in meiner Hand, zupfe an den Pflastern an meinem Handgelenk.

»Wie hältst du dich, Ellie?«

Es ist die unerwartete Sanftmut in seiner Stimme, die mich schafft. »Okay.« Dann entgleisen mir die Gesichtszüge, und ein lautes Schluchzen platzt aus meiner Kehle. »Entschuldige … es ist nur … Ich kann nicht glauben, dass er wirklich tot ist …« Ich verstumme und schlucke.

»Du sollst wissen, dass wir da sind – Hettie und ich. Du bist nicht allein.«

Ich schniefe, suche nach einem Taschentuch und schnäuze mir die Nase »Danke. Entschuldige. Ich bin nur …«

»Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie du dich fühlen musst«, sagt er leise. »Es war ein Schock, von dem Unfall zu hören. Auf den Straßen hier ist es nachts so ruhig. Ich habe mich gefragt, ob ihm ein Reifen geplatzt war oder …«

»Nein …«

David sagt nichts, doch ich spüre sein Mitgefühl; es gibt mir Raum für mein Geständnis.

»So war es ganz und gar nicht. Die Autopsie … hat ergeben, dass er Alkohol im Blut hatte. Sehr viel Alkohol.« Ich verschränke die Hände auf dem Schoß. »Er war betrunken. Deshalb ist es passiert. Und ich verstehe es nicht, denn er hat nicht getrunken. Manchmal ein Glas Wein. Ein Bier nach der Arbeit. Aber er war kein Trinker.«

Ich warte auf Entsetzen oder Widerspruch, eventuell sogar Ekel. Doch David nickt. »Ich erinnere mich. Er wollte nie ein zweites Glas.« Dann runzelt er die Stirn. »Hat ihn irgendwas erschüttert? Etwas, das ihn dazu gebracht haben könnte … Ich weiß nicht, seinen Kummer zu ertränken?«

»Nein«, erwidere ich sehr schnell und presse meine Hände fester zusammen. »Nicht, soweit ich weiß. Und ins Auto zu steigen, nachdem er zu viel getrunken hat?« Ich schüttle den Kopf. »Er war nicht mal angeschnallt. Das begreife ich nicht. Er hat sich immer, immer angeschnallt.«

Ich knabbere an meiner Nagelhaut herum, reiße einen Fetzen ab. Ein winziger Schmerz. Ich rede zu viel. Aber es ist solch eine Befreiung, es jemandem zu erzählen. Ich hatte bloß nicht erwartet, dass es David Mallory sein würde.

»Es tut mir so leid.«

Ich sehe zu ihm auf. Seine Augen sind blau und haben einen blassgelben Ring um die Iris. Sein Blick ist offen.

»William war der vorsichtigste Mensch, den ich kenne«, sage ich und blinzle die Tränen weg. »Das ergibt alles überhaupt keinen Sinn.«

»Ich wünschte, ich könnte helfen.«

Ich versuche zu lächeln und trinke einen Schluck von meinem Brandy. Er brennt in meiner Brust.

»William war ein guter Mann.« David beugt sich näher zu mir. »Ich bin sicher, er könnte all unsere Fragen sofort beantworten, wäre er hier.«

Meine Kehle wird eng. Ich nicke. Mehr schaffe ich nicht.

David dreht das Glas in seinen Händen. »Weißt du noch, wie ihr bei uns zum Essen wart, kurz nach eurem Einzug hier? Hettie sagte, ihr wärt so ein reizendes Paar. Wie erfrischend es war, neue Leute im Dorf zu haben. Kluge, witzige, interessante Leute.« Er fixiert mich mit seinem Blick. »Ihr wart lange verheiratet, nicht?«

»Zweiundzwanzig Jahre.«

»Fast so lange wie Hettie und ich.«

»David, du weißt, wie es hier ist … wie gerne die Leute reden …«

Er sieht mich an.

Ich schlucke. »Erzähl es keinem, ja? Dass er betrunken war.«

»Selbstverständlich nicht.« Er räuspert sich, blickt auf seine Uhr. »Ich kann nicht mehr lange bleiben. Henrietta ist noch im Bett«, erklärt er schmunzelnd. »Mit ihren nervlich bedingten Kopfschmerzen würde sie eine ideale Viktorianerin abgeben.« Dann ziehen sich seine Brauen zusammen. »Aber in letzter Zeit hat sie die sehr oft. Ich glaube, diesmal ist es mehr als nur ihre Nerven. Ich habe sie überredet, zu einem Spezialisten zu gehen.«

Henrietta und David waren die Ersten gewesen, die Will und mich eingeladen hatten, als wir ins Dorf gezogen waren. »Nur ein lockeres Abendessen«, hatte Henrietta gesagt, »bringen Sie nichts mit.« Wir waren um fünf vor acht bei Langshott Hall vorgefahren und hatten uns verwundert angesehen. »Hier wohnen die? Es sieht aus, als würde es dem National Trust gehören und unter Denkmalschutz stehen«, scherzte ich. Und William hatte den Kopf gesenkt, um durch mein Seitenfenster zu dem hellen Klinker und den blitzblanken Fenstern zu sehen, wobei er einen leisen Pfiff ausstieß.

Unser Dorf ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die nur zögerlich neu Zugezogene aufnimmt. Folglich war es gut gewesen, Henriettas und Davids Unterstützung zu haben. Seitdem gehörten wir immer zu ihren Partygästen, obwohl wir eigentlich nicht in ihren Kreisen verkehrten. Sie gehen zu Polospielen, reisen nach Venedig oder fahren zum Skiurlaub nach St. Moritz. Doch es gibt immer Gemeinsamkeiten, wenn man gründlich genug hinsieht, auch zwischen den unterschiedlichsten Leuten. Wie sich herausstellte, begeistert Henrietta sich für die Lokalgeschichte. Und William, als Historiker, bot ihr Hilfe an, als sie eine Broschüre über das Dorf verfasste. Sie spazierten gemeinsam um die Kirche herum, machten Notizen und verbrachten Stunden über alten Karten und Dokumenten. Henrietta versah die Broschüre mit ihren eigenen Fotos, was mich erstaunte. Sie schien mir nicht der kreative Typ zu sein. Doch William sagte, sie würde ein gutes Gespür für Bildkomposition besitzen.

Man schätzt Menschen leicht falsch ein. Und ich erinnere mich, wie Will und ich dachten, David gehöre zum Establishment. Eton-Schüler, vermuteten wir. Fraglos charmant, aber ein bisschen realitätsfern. Niemand, mit dem man richtig warm wurde.

David stellt sein leeres Glas hin. »Ich gehe lieber wieder.« Er greift nach seinem Jackett auf der Rückenlehne seines Stuhls. »Falls du irgendwas brauchst, Ellie, egal was, du weißt ja, wo du mich findest.«

Wir stehen gleichzeitig auf, und ich stolpere gegen meinen Stuhl, als ich vortrete, um ihm die Hand zu schütteln. Aber seine Arme legen sich um mich. Nach dem ersten Schrecken lehne ich das Kinn an seine Brust. Er riecht nach frisch gebügelter Baumwolle und einer zarten Note Eau de Cologne. Er ist größer und schlanker als William, sein Körper fremd, aber warm und lebendig. Meine einsame Zukunft bricht in einer kalten Welle über mich herein. David drückt mich und tritt zurück. Allein fühle ich mich wacklig, als drohte ich jeden Moment umzukippen.

Am nächsten Morgen fällt Tageslicht auf staubige Teppiche, schmutziges Geschirr und einen Stapel ungeöffneter Post auf dem Dielentisch. Ich darf mich nicht mehr in Lethargie vergraben, das Leben ignorieren. Das Café ist schon viel zu lange geschlossen. Ich muss weiterleben, so schwer es auch ist. Ich fange mit der Post an, denke ich. Nach einem starken Kaffee hole ich die Umschläge und nehme sie mit in die Küche, um sie am Tisch zu öffnen. Größtenteils sind es Rechnungen. Und noch mehr Kondolenzbriefe. Die Kontoauszüge hebe ich mir bis zum Schluss auf. William hat sich um unsere privaten Finanzen gekümmert, obgleich ich besser im Rechnen war. Aber ich hatte mit dem Old Dairy alle Hände voll zu tun.

Der Kontostand ist viel niedriger, als ich gedacht hatte. Da muss ein Fehler vorliegen. Prüfend fahre ich die Zahlenreihe mit dem Finger ab, die Ein- und Ausgänge. Da scheint nichts ungewöhnlich zu sein, außer dass der Anfangssaldo auch sehr niedrig ist. Oben in Williams Arbeitszimmer ziehe ich die Bankordner unter dem Schreibtisch hervor. Meine Antwort finde ich gleich auf dem ersten Auszug, den ich mir ansehe. Im letzten Monat gab es eine Abhebung von fünftausend Pfund. In bar.

Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück und reibe mir die Stirn. Das verstehe ich nicht. Ich wähle die Nummer der Bank und werde letztlich zu einem der Mitarbeiter durchgestellt, der mir versichert, nein, es läge kein Fehler vor. Das Geld wurde von William persönlich abgehoben.

Ich lege den Hörer auf und starre das Telefon an, als könnte das verstummte Mobilteil aufspringen und sprechen, mir Antworten geben. Dann schalte ich Wills Computer an und tippe sein Passwort ein. Es funktioniert. Er hat seit Jahren dasselbe Passwort. Ich gehe endlose Nachrichten durch. Es sind alles Uni-Sachen oder sonstiger Alltagskram. Nichts über Finanzen. Ich verstehe das nicht. Wofür hat er das Geld gebraucht? Und warum in bar?

Seine Brieftasche liegt auf der Kommode in unserem Schlafzimmer, vertrautes, abgewetztes Leder. Er hatte sie in der Nacht in der Tasche gehabt, als er starb. Ich öffne sie, rechne beinahe damit, dass mir dicke Packen Scheine entgegenfallen. Aber darin steckt nur ein abgegriffener Zehner. Ich leere die Brieftasche aus, sehe ein paar Bankkarten, einen Bibliotheksausweis, Münzen und einige zerknüllte Quittungen durch. Nur kleinere Einkäufe. Bücher. Kinokarten. Tankbelege.

Im Haus sind keine neuen technischen Geräte aufgetaucht. Es sind keine Flugtickets durch den Briefschlitz gefallen. Etwas regt sich in meinem Bauch. Ich drücke die Hände drauf, presse fest, als könnte ich so die Wut bremsen, die in mir anschwillt.

Was hast du im Schilde geführt, William? Was hast du dir dabei gedacht?

Ich suche nach seinem alten Handy und lade es auf. Es wurde mir blutverklebt zurückgegeben. Jetzt frage ich mich, ob ich darin Antworten finden werde. Als ein Batteriebalken leuchtet, scrolle ich die letzten Anrufe und Textnachrichten durch. Mir fällt nichts Ungewöhnliches auf. Nachrichten an mich – Komme jetzt nach Hause, W x. Oder die Frage: Irgendwas zu essen? Verhungere. Seine Kurzformeln schnüren mir die Kehle zu.

Frustriert lege ich das Handy wieder hin und krame in den Kommodenschubladen, reiße sie auf, schiebe Sachen beiseite, wühle sie vollständig durch, bis ganz nach hinten und in allen Ecken. Zusammengelegte Socken. Ein Tauknäuel. Eine Murmel. Ich öffne den Kleiderschrank, rieche den warmen Moschusduft meines Mannes, als ich mich zu seinen alten Tweedsakkos und Cordhosen beuge, meine Hand in Taschen tauche. Ich finde ein paar saubere Stofftaschentücher, einen Knopf, Bleistiftstummel, einen Stein mit einem Loch.

Was ich zu entdecken erwarte, weiß ich nicht. Einen Diamantring? Eine Bestellung für ein neues Dach?

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um die Stapel alter Schuhkartons aus dem Regal oben herunterzunehmen, reiße die Deckel herunter und schütte den Inhalt auf den Fußboden. Alte Fotos. Ungetragene, mit Papier ausgestopfte Schuhe. Briefe von seinen Eltern, die längst tot sind; die Umschläge sind verblichen. Fachzeitschriften. Klopfenden Herzens gehe ich alles durch. Nichts. Ich lege mich flach auf den Boden, um unter das Bett zu sehen, und niese, als Staub von einem alten Cricket-Schläger, einem kleinen Heizlüfter und einem Paar schmutzverkrusteter Wanderstiefel auffliegt.

Ich blicke mich um, bemerke einen Wasserfleck an der Decke, eine grüne Schimmellinie an der Fensterbank und ein Spinnennetz, in dessen Mitte eine Fliege gefangen ist. Um mich herum verfällt alles, löst sich auf. Ich balle die Fäuste. Warum ist er betrunken ins Auto gestiegen? Ein Problem bei der Arbeit? Ein alter Freund, der seine Hilfe brauchte? Oder steckte er in Schwierigkeiten und hat mir nichts davon erzählt?

Ich zerre die Schublade unten im Kleiderschrank auf, in der Wills Sportsachen sind, nehme alte Badehosen heraus und eine Schwimmbrille, die nie mit Chlor in Berührung gekommen ist. William hatte sich nie für Sport begeistert, obwohl seine Vorsätze fürs neue Jahr jedes Silvester gleich lauteten – mit Schwimmen, Laufen oder Tennis anfangen. Und manchmal hatte er es tatsächlich für ein oder zwei Tage geschafft, bevor er aufgab und die Sache nie wieder erwähnte. Die Schublade hätte es eigentlich nicht gebraucht. Hinter einer zerknitterten, sauberen Jogginghose finde ich eine Tasche, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Eine weiche, kleine Reisetasche.

Als ich den Reißverschluss öffne, quillt mir der Inhalt entgegen wie Gedärm. Frauenkleidung: cremefarbene Hosen und Slips purzeln aus der vollgestopften Tasche. Ich nehme einen Kaschmirpullover mit zwei Fingern auf und halte ihn weg von mir; ein Spitzennachthemd fällt mir auf die Knie, seidig und statisch aufgeladen. Panisch schiebe ich das Teil zur Seite. Da ist ein unbekanntes Parfüm – Rosen, Ambra – als würde sich eine andere Frau zu mir beugen, bis ihr Atem meine Wange streift. Ich zittere, als ich in einen gestreiften Kulturbeutel sehe, in dem sich Gesichtscremes und eine Zahnbürste befinden. Auch eine Haarbürste. Langes Haar hat sich in den Borsten verfangen. Es ist nicht von mir. Nichts hiervon ist von mir. Mit einem Aufschrei schleudere ich die Bürste weg, und sie landet klappernd in der Zimmerecke. Eine Hand vor meinem Mund springe ich auf. Mir wird übel.

Im Bad klammere ich mich an den Waschbeckenrand und starre in den kleinen dunklen Abfluss. Ich kann das Abwasser riechen, den fauligen Gestank in den Rohren. Meine Stirn ist klamm. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht William. Wie konnte er? Ich drehe das kalte Wasser auf und beuge mich zu dem Strahl vor, schütte mir das Wasser ins Gesicht und bücke mich tiefer, um aus den hohlen Händen zu trinken. Mir ist, als würde ich halluzinieren, als wäre alles, was ich jemals gekannt habe, aus Papier und würde vom Wind fortgeblasen.

Drei

Wann haben Will und ich das letzte Mal miteinander geschlafen? Hätte ich dabei etwas merken müssen, war etwas an seinen Berührungen anders gewesen, was mir hätte verraten müssen, dass er sich mit jemand anderem traf? Und dann begreife ich. Der Hinweis ist, dass ich mich nicht erinnere.

Wir hatten aufgehört, regelmäßig Sex zu haben. Wir hatten es nett, gemütlich. Wir haben gekuschelt. Wir haben das Licht ausgemacht und gegähnt. Er hatte unter der Decke meine Hand gedrückt und »Gute Nacht« gemurmelt, bevor er sich umdrehte und einschlief. Ich hatte mir deshalb keine Gedanken gemacht. Wir waren seit Jahren verheiratet gewesen. Wir waren zufrieden. Unsere Beziehung basierte nicht auf Leidenschaft, nicht einmal zu Anfang. Wir liebten uns. Wir waren Freunde.

Aber es war eine Lüge. Unsere Zufriedenheit. Unsere Freundschaft. William war von unserem Leben gelangweilt gewesen – von mir.

Das Aroma von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen erfüllt den Raum. Sonnenlicht fällt durch die großen Glasfenster herein und fängt den Dampf ein, der von Teetassen aufsteigt. Das Old Dairy riecht wie immer, sieht aus wie immer. Ein freundlicher, heiterer Ort, um zu entspannen und köstliche Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Ich stehe am Tresen und beobachte, wie meine Gäste trinken und plaudern, als hätte sich nichts verändert.

»Schön, dass wieder geöffnet ist«, ruft John Hadley mir zu, nimmt seine Mütze ab und zieht sich einen Stuhl unter einem Tisch am Fenster hervor.

Mary Sanders und Barbara Ackermann sitzen zusammen und unterhalten sich lebhaft. Die eine ist pummelig und gedrungen, mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, die andere winzig, schmal und nervös. Mary winkt in meine Richtung. »Bitte noch zwei Cappuccinos, Ellie.«

Ich gieße kalte Milch in eine Kanne und halte sie unter den Wasserdampfstrahl. Die Flüssigkeit gurgelt und schäumt. Für einen perfekten Cappuccino muss die Milch auf sechzig bis siebzig Grad erhitzt werden. Ich rühre die obere Schicht um und schlage seitlich an die Kanne, um mögliche Blasen zu beseitigen. Dann mache ich zwei Espressos, gieße die Milch hinein, gebe Kakaopulver darauf und verstreiche es zu zwei Herzen.

William ist tot.

Mein Mann hatte eine Affäre.

Diese Gedanken sind in meinem Kopf, scheppern wie Schlagzeugbecken. Irene Morris steht am Tresen, blickt skeptisch durch ihre Brillengläser und versucht sich zu entscheiden, ob sie einen Müsliriegel zum Mitnehmen kaufen soll. Ich beachte sie nicht weiter. Stattdessen sehe ich Kate zu, wie sie zu Marys und Barbaras Tisch geht und sich vorbeugt, um ihnen die Tassen hinzustellen. Ich beobachte, wie sie mit einer Hand hinter sich greift, um am Saum ihres sehr, sehr kurzen Rocks zu zupfen. Sie hat die schlanken, muskulösen Beine eines Mädchens, das früher mal Volleyball gespielt hat und heute die Donnerstagabende mit Jive-Tanzen verbringt.

Kate konnte es nicht sein, oder doch? Sie trägt lila Lidschatten und dicken schwarzen Eyeliner, der seitlich zu einem Kleopatra-Lidstrich verlängert ist. Ihr Kleidungsstil und ihr schrilles Make-up hätten William eher Angst gemacht und wären ihm fremd gewesen.

Kate dreht sich um und ertappt mich dabei, wie ich sie anstarre. Sie lächelt mir fröhlich zu. Ihr roter Lippenstift glänzt. Ich schäme mich. Natürlich war Kate nicht die andere. Das hätte sie mir niemals angetan. Außerdem waren unter den Sachen in der Tasche keine Glitzertops oder winzigen Röcke gewesen.

Ich hatte die Tasche mitsamt dem Inhalt weggeworfen, alles in einen Müllsack gestopft und ganz unten in die Tonne geschmissen. Mir war übel geworden, als die Sachen meine Haut berührten. Sie hatten sich in meinen Fingern verfangen, wo sie einen schwachen Geruch von Parfüm und Leder hinterließen. Die Kleider ekelten mich an, stießen mich ab. Als ich den Deckel zuknallte, war mir ein Gedanke gekommen, der mich für eine Sekunde lähmte: Hatten diese Sachen ihm gehört? War William ein Transvestit gewesen? Ich hatte laut gelacht. Ein zittriges Lachen. Die Vorstellung war sogar noch lächerlicher gewesen als die, dass mein Mann ein Verhältnis gehabt hatte. Keines der Kleidungsstücke hätte ihm gepasst. Sie waren alle in Größe sechsunddreißig.

Ich schließe die Augen. Wer sie auch sein mochte, es zu wissen, würde mir nicht helfen. Ich muss nach vorn blicken. Was für ein dummes Klischee. Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Warum war die Tasche bei uns zu Hause gewesen? Hatte er diese Frau dorthin mitgenommen, in unserem Bett mit ihr geschlafen? Das war unvorstellbar. Ich kann nicht mit all diesen offenen Fragen weiterleben. Allerdings werde ich ohne William auch nie die Antworten erfahren.

Die Türglocke bimmelt, und ich sehe auf, als Brigadier Bagley hereinkommt. Nur ist dies nicht der Ex-Militär, den ich kenne: der Mann mit der Times unter dem Arm, der selbstbewusst dahinschreitet, makellos in seinem Tweedanzug. Dieser neue Brigadier stolpert über die Schwelle und sinkt auf den nächsten Stuhl, wobei er um sich tastet, als wäre er erblindet. Sein Teint ist wächsern. Ich eile hin und hocke mich neben ihn. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

Er schließt die farblosen Augen und schüttelt den Kopf.

»Soll ich Dr. Waller rufen?« Kate beugt sich zu dem Brigadier. »Haben Sie Schmerzen in der Brust? Kribbeln Ihre Finger?«

Er blickt verständnislos auf.

»Was ist los?« Ich berühre seinen Arm.

»Ich komme gerade von den Mallorys.«

Ich bemerke, dass Mary und Barbara hinter mir verstummt sind und das Drama beobachten. Kate geht weg und kommt mit einem Glas Wasser zurück, das sie auf den Tisch stellt. Der Brigadier hebt es an seine Lippen und trinkt einige Schlucke.

Kate sieht mich über seinen Kopf hinweg besorgt an.

»Es ist Henrietta …« Er reibt sich die Schläfe. »Ich kann es nicht fassen. Ich kenne sie, seit sie ein Baby war. War bei ihrer Taufe dabei.«

»Ist etwas passiert?«, fragt Mary streng.

Sie und Barbara haben ihre Kaffees stehengelassen und sind zu uns gekommen.

»Krebs«, sagt er so leise, dass ich ihn kaum hören kann.

»Wie schrecklich.« Kate hält sich eine Hand vor den Mund.

»Das muss nicht das Ende der Welt sein. Ist sie im Krankenhaus?« Barbara hat selbst eine Krebserkrankung überlebt. »Können sie operieren … sie behandeln?«

Ich ziehe mich aus der Wirklichkeit zurück. Noch mehr Entsetzliches ertrage ich nicht. Brigadier Bagleys Kinn geht in Ziehharmonikafalten in seinen Hals über. Seine Finger auf dem Tisch zittern. »Sie haben es nicht rechtzeitig entdeckt. Sie wird zu Hause gepflegt. Man kann nichts mehr tun.«

Diese Kopfschmerzen. Ich erinnere mich, dass David mir erzählt hat, er bestünde darauf, dass sie zu einem Spezialisten ginge. Ungefähr eine Woche vor Williams Unfall hatte ich sie kurz gesehen; sie war am Ententeich auf dem Dorfplatz vorbeigefahren und hatte mir zugewunken. Da hatte sie eine große Sonnenbrille getragen, das Gesicht von perfekt in Form geföhntem Haar umrahmt, ähnlich Jackie Onassis in späteren Jahren.

Ich kann nicht glauben, dass dies hier geschieht. Henrietta schien so gesegnet, so geschützt in ihrer goldenen Welt. Für mich war sie jemand, dem die gewöhnlichen Tragödien, die hässlichen, grausamen Dinge des Lebens nichts anhaben konnten.

Ich backe einen Madeira-Kuchen und pflücke einen Blumenstrauß in meinem Garten. An der Einfahrt von Langshott Hall drücke ich den Türöffner. Hohe Metalltore schwingen auf, und der Kies knirscht, als ich mich die gewundene Zufahrt zu dem georgianischen Haus hinaufbegebe. Bisher war ich nur zu offiziellen Anlässen hier, wenn alles hell erleuchtet war, David an der Haustür stand, um seine Gäste zu begrüßen und das Klirren von Gläsern zwischen dem leisen Gemurmel höflicher Konversation in der Abendluft hing. Jetzt wirkt es seltsam verlassen. Ich stehe vor der massiven Haustür und betätige den Messingklopfer. Die Pfingstrosen, die ich heute Morgen geschnitten habe, hängen über meine Hände; die Berührung ihrer kühlen, seidigen Blütenblätter hat etwas Beruhigendes. Ich bemerke, dass ich nervös bin.

Ein dunkelhaariges Mädchen öffnet mir und nimmt meine Geschenke mit einem dankbaren Nicken entgegen. Sie stellt sich nicht vor. »Mr. Mallory, er ist nicht zu Hause.«

Ich empfinde eine verstörende Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, als ich auf der Türschwelle stehe. Innerhalb der hohen Räume ist es still. Neben dem Geruch von Bienenwachs und Hund nehme ich jene säuerlich beißende Note von Krankheit wahr, die Kombination von welken Blumen, Desinfektionsmittel und ungelüfteten Zimmern.

Auf dem Weg nach Hause erinnere ich mich, wie ich mehrere Handvoll Erde auf den Sarg meines Mannes geworfen habe, und ich fürchte, jetzt wird David bald dasselbe bei seiner Frau tun müssen. Dabei ist es gar nicht lange her, dass keiner von uns ahnte, welche Katastrophen im Verborgenen lauerten, darauf wartend, uns wie hungrige Wölfe anzuspringen.

Die Nachricht von Henriettas Tod kommt nur drei Wochen später. Das Dorf steht unter Schock. Tragische Ereignisse bewirken einen gierigen Appetit auf Trostessen, und das Old Dairy ist jeden Tag gerammelt voll. Ich komme kaum hinterher, so groß ist die Nachfrage nach Schokoladenkuchen und Vanilletörtchen.

Die Mallory-Familie hält eine kleine Trauerfeier im engsten Kreis ab. Henriettas Leiche wird verbrannt und ihre Asche auf dem Land verstreut, das sie geliebt hat. Doch als wenige Tage später der Trauergottesdienst stattfindet, sind Scharen von Trauergästen da. Alle aus dem Dorf sind gekommen, die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Wer nicht mehr hineinpasst, steht draußen auf dem Friedhof. Ich sehe viele vertraute Gesichter. Barbara sitzt neben mir und weint in ihr Taschentuch. »Sie war mir ein Vorbild«, sagt sie, packt meine Hand und drückt sie schmerzhaft. »Sie hat mich an Prinzessin Diana erinnert. Schöne Menschen scheinen immer jung zu sterben, nicht?«

Brigadier Bagley liest Psalm 23, wobei seine Exerzierplatz-geschulte Stimme dünn vor Trauer ist; er weidet mich auf einer grünen Aue. Barbara flüstert, dass der Brigadier eng mit Henriettas Eltern befreundet gewesen war und sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.

Als wir die Kirche verlassen, hält Barbara sich an meinem Ellbogen fest. »Wenigstens war sie glücklich – wurde geliebt. David hat sie immer sehr beschützt. Erinnerst du dich, wie sie sich das Handgelenk gebrochen hatte? Da hat er ein solches Theater um sie gemacht, dass man glauben wollte, sie wäre aus Porzellan.« Sie seufzt wehmütig. »Es muss schön sein, jemanden zu haben, der sich so um einen sorgt.« Dann schlägt sie eine Hand auf ihren Mund und verzieht entsetzt das Gesicht. »Oh nein! Hör mich einer an! Wo du gerade deinen Mann verloren hast.«

Ich tätschele ihren Arm. »Ist schon gut.«

David und Adam stehen zusammen, umgeben von Leuten, die respektvoll Abstand halten. Rachel, Davids Tochter, hat ein elegantes schwarzes Kostüm an und die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Sie stützt sich auf ihren Mann. Ich kann ihre kleine Tochter Pip nirgends sehen. Sie muss zu Hause geblieben sein. Adam steht mit hängenden Schultern da und sieht zu Boden. David hingegen stellt sich der Menge, das Gesicht angespannt und blass. Seine Züge sind verhärtet im Kampf gegen die Emotionen, die in ihm wüten müssen. David ist kein Mann, der in der Öffentlichkeit weint. Ich möchte ihn trösten, wie er mich getröstet hat, denn ich weiß, wie sehr er innerlich leidet.

In den Tagen nach der Beerdigung bin ich ein paarmal kurz davor anzurufen – lege jedoch in letzter Sekunde auf, weil ich mich nicht aufdrängen möchte. Im Gegensatz zu mir hat er Kinder, seine Familie, an die er sich wenden kann. Für ihn gibt es keinen Grund, mit mir reden zu wollen. Und ich war nicht direkt mit Henrietta befreundet. Wir waren immer nur Bekannte gewesen.

In den darauffolgenden Monaten bediene ich ihn im Old Dairy, und wir halten bedeutungslosen Smalltalk über den Tresen hinweg. Den Sommer über herrschte reger Betrieb, und ich bin froh über die Arbeit und meine Erschöpfung. Der Herbst kommt, färbt die Buchenhecken golden, macht meinen Garten feucht und neblig und lässt vergammelte Äpfel von den Bäumen im vernachlässigten Obstgarten fallen. Ich sehe David mal von Weitem im Dorf, wie er an mir vorbeifährt, ein- oder zweimal auch mit Pip, seiner Enkelin. Aber wir sind nie allein, und nach einer Weile wird es schwieriger, mich an jene Umarmung in meiner Küche zu erinnern und daran, wie nahe ich mich ihm gefühlt habe.

Ich verbringe mein erstes Weihnachten ohne William. Kate lädt mich zum Mittagessen mit ihrer Familie ein, aber ich weiß, dass ich mich nur noch einsamer fühlen würde, wenn ich nach einem Essen in dem kleinen Haus voller Verwandter wieder in mein einsames Cottage heimkäme. Ich frage mich, ob es für immer so sein wird, und versuche, nicht weinend in Selbstmitleid zu versinken. Inzwischen denke ich so gut wie gar nicht mehr an David. Er ist wieder zu David Mallory geworden, mit seiner Fassade von Vermögen und Charme, strahlend und undurchdringlich wie Glas.

Vier

Dann, als die Narzissen blühen und der Winter seine Kraft verloren hat, ruft er an.

»Ich habe an dich gedacht«, sagt er.

Vor Schreck lasse ich beinahe den Hörer fallen.

»Es ist eine schwierige Zeit gewesen. Ich habe mich gefragt … na ja, du bist immer so nett zu Pip, wenn ich mit ihr ins Old Dairy komme … Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht Lust hast, mit uns in den Zirkus zu gehen.«

»Den Zirkus?«

»Um ehrlich zu sein würdest du mir einen Gefallen tun«, erklärt er. »Es war immer Henrietta, die sich mit solchen Sachen auskannte. Und ich glaube …« Er stockt. »Es würde … normaler scheinen, wenn wir zu zweit mit Pip hingingen.«

Er klingt nervös. Ich hätte nicht gedacht, dass David Mallory unsicher sein könnte. Ich hasse den Zirkus und würde sogar bezahlen, um nicht hingehen zu müssen.

»Natürlich«, höre ich mich antworten. »Selbstverständlich komme ich gerne mit.«

Und so bin ich hier, stimme in die »Ohs« und »Ahs« des übrigen Publikums ein, während ich zusehe, wie ein Mann durch die Luft schwingt und seine Arme ausstreckt, um die Hände einer Frau zu greifen, die ihm entgegenfliegt. Mein Magen krampft sich zusammen, als die Frau in dem Glitzerkostüm loslässt und zum angehaltenen Atem der Zuschauer einen spektakulären Salto vollführt.

Ich sehe zu David. Er beobachtet mich mit ernster Miene. Auf einmal werde ich schüchtern und schlucke. Dann aber beugt er sich zu Pip und wuschelt ihr durchs Haar.

Der Lärm der Kinderstimmen in dem Zirkuszelt ähnelt einem Schwarm zankender Spatzen. Clowns tollen durch die Manege. Mit einem freudigen Seufzen schiebt Pip ihre kleine Hand in meine. Die Kinderfinger, klebrig von Zuckerwatte, spannen sich an, als ein Clown vor uns stehen bleibt und mit einem Wasserschlauch auf uns zielt. Unsere Plätze sind ganz vorn, und ich mache mich darauf gefasst, nass zu werden. Das aufgemalte Lächeln des Clowns wird breiter, und bunte Papierschlangen kommen aus dem Schlauch geschossen. Pip kreischt vor Vergnügen. David zwinkert mir über ihren Kopf hinweg zu.

Und das ist er. Der Moment, der mich hoffen lässt, ich könnte wieder ein Leben haben. Ich erwidere sein Lächeln. Dankbarkeit, vermengt mit etwas, das sich wie Freude anfühlt, breitet sich in meiner Brust aus.

Die Clowns posieren und albern am Rand der Manege herum, während im Hintergrund Männer in Overalls große, hohe Gitterwände aufbauen. Der letzte Clown verlässt die Manege, stolpert über seine großen Schlappfüße, und das Zelt verdunkelt sich, bevor ein Scheinwerfer in das Innere der vergitterten Manege strahlt. Ein Mann mit einem blonden Zopf tritt in die Mitte. Er hält eine Peitsche in der Hand. Hinter ihm tänzelt eine Frau hinein, die einen Arm zum Gruß erhebt. Beide stehen nebeneinander und verneigen sich kurz. Das Publikum hört auf zu klatschen, und das Lachen verklingt. Trommeln schlagen.

Pip schnappt nach Luft und wippt auf ihrem Sitz hin und her, als ein Löwe in die Manege schleicht. Es handelt sich um ein großes Männchen mit einer Zottelmähne, die ihm bis zur Mitte des Rückens reicht. Unter seinem staubigen Fell zeichnen sich die Rippen ab. Pip ist vollkommen gebannt und hat ihren Daumen in den Mund gesteckt.

»Ich hätte nicht gedacht, dass solche Dressurnummern heute noch erlaubt sind«, flüstere ich David zu.

»Dies ist eine der letzten Raubkatzenvorführungen«, antwortet er flüsternd. »Eine aussterbende Tradition.«

»Gut. Ich hasse es, Tiere in Käfigen zu sehen.«

»Ich auch.« David verzieht das Gesicht.

Der Löwendompteur lässt seine Peitsche knallen, und mit einem kurzen Knurren springt der Löwe träge auf einen der Hocker im Käfig. Vier weitere Löwen betreten die Manege.

Alle fünf sitzen auf ihren Hinterbeinen und bewegen die Pfoten durch die Luft, ähnlich riesigen Kätzchen, die mit baumelnden Fäden spielen. Das Publikum klatscht. Ich blicke zu Pip, die alles mit großen Augen beobachtet. Noch ein Peitschenknall, und der größte der Löwen steigt hinunter in die Sägespäne, um durch einen glitzernden Reifen zu springen. Der Löwe, der ihm am nächsten hockt, schlägt seinen Schwanz hin und her, die Ohren dicht an den Kopf gelegt. Bei einer Hauskatze wäre das ein Warnzeichen.

Obwohl ich hinsehe, nehme ich gar nicht richtig wahr, was geschieht. Die Szene verwandelt sich in Schattenrisse, in rasch aufeinanderfolgende Bildausschnitte von Pranken und Zähnen inmitten eines Staubschleiers. Der Löwe hat einen riesigen Satz zum oberen Käfigrand gemacht und ist auf dem Rücken der Dompteurin gelandet, drückt sie mit seinen gesamten vierhundert Pfund nach unten. Für eine Sekunde ist das ganze Zelt stumm. Und dann, wie ein gestürztes Kind, das nach dem ersten Schock zu Atem kommt, beginnt das Geschrei. Der Dompteur fährt herum, lässt seine Peitsche durch die Luft fliegen. Das Tier duckt sich tief über den Körper der Frau und reißt das Maul zu einem Brüllen auf. Der Klang ist tief und wild, mehr als eine Warnung; es ist ein Schrei voll von Schmerz und endloser Qual. Der Schrei von etwas, das zu lange gefangen gehalten wurde. Die Peitsche saust ihm über den Rücken, doch der Löwe zuckt nicht einmal. Die anderen Löwen wiegen sich unruhig auf ihren Hockern hin und her. Einer ist heruntergesprungen und schleicht hinter dem Dompteur vor und zurück. Außerhalb des Käfigs versammeln sich dunkle Gestalten um einen riesigen Schlauch; ein Wasserstrahl trifft einen der Löwen, erschrickt ihn, erwischt jedoch auch den Löwenbändiger, der ausrutscht und auf die Knie fällt.

Im Publikum sind die meisten Leute aufgesprungen; einige klettern über die Stuhlreihen, um weiter weg von der Manege zu gelangen. Eltern halten kleinere Kinder auf ihren Armen. Dennoch geht niemand. Keiner kann den Blick von dem abwenden, was sich vor uns abspielt. Die Frau bewegt sich nicht. Sie liegt da wie eine Stoffpuppe, das blonde Haar wirr um ihren Kopf, eine Hand erhoben, als wolle sie sich ergeben.

Ich erinnere mich nicht daran, einen anderen Mann in die Manege kommen gesehen zu haben, doch auf einmal ist er da. Groß, grau meliertes Haar, wettergegerbtes Gesicht. Er trägt kein Kostüm – keinen Zopf, keine Goldknöpfe, kein leuchtendes Cape. Der Mann bewegt sich geschmeidig durch die angespannte Atmosphäre. Er ignoriert den hysterischen Dompteur, das rauschende Wasser und die unruhigen Tiere. Stumm geht er auf die gestürzte Frau und den Löwen zu, der sie gefangen hält, halb seitlich, ohne Blickkontakt zu dem Tier herzustellen. Der Löwe brüllt wieder. Ich stelle mir die Hitze seines Atems vor, den Fleischgestank aus seiner Kehle. Der ruhige Mann dreht sich langsam zu dem Löwen und streckt ihm seine Hand hin, wie man es bei einem fremden Hund tut. Er scheint die Lage zu beruhigen, den Sturz in die blanke Katastrophe zu verhindern. Ich halte die Luft an. Der Löwe hat seine Zähne zu einem Fauchen gefletscht; er schleicht vor, stellt die Ohren auf, und ich warte, dass er springt.

Doch die Kreatur wirft sich seitlich auf den Boden. Ich blinzle, verstehe nicht, was geschieht. Zu Füßen des Mannes rollt sich der Löwe auf den Rücken, zeigt seinen weichen Bauch. Seine Augen starren wie blind nach oben, und seine Mähne verdunkelt sich von den Wasserpfützen um ihn herum. Die Frau und der Löwe liegen jetzt in einigem Abstand zueinander, beide vollkommen regungslos. Ich schnappe nach Luft, als ich die Krallenhiebe sehe: Scheußliches Rot sickert durch ihre Jacke, deren Stoff eingerissen und blutbefleckt ist. Der große Mann beugt sich zu dem liegenden Löwen hinunter und streichelt ihm bedauernd den hin und her rollenden Kopf, bevor er sich über die Frau kniet. Mir wird die Sicht versperrt, als sich andere um sie drängen, und ich bemerke, dass einer von ihnen ein Betäubungsgewehr an seine Schulter drückt.

»Verschwinden wir von hier.« David ist aufgestanden, hat Pip auf dem Arm, die ihre Arme um seinen Hals schlingt. Sie hat den Daumen aus dem Mund gezogen. Er krümmt sich pink und feucht vor ihren Lippen.

»Wollte der Löwe die Frau fressen?«

David berührt ihre Wange. »Natürlich nicht, Süße. Er hat ein Spiel mit ihr gespielt, sonst nichts.«

David drängt sich bereits mit Pip auf dem Arm durch die Menge. Ich blicke zurück zur Manege, zu den Leuten dort, kann den großen Mann aber nicht mehr entdecken. Was für ein Mensch traut sich, auf einen wütenden Löwen zuzugehen? Ich folge David, stolpere über eine leere Getränkedose und bin auf einmal sehr müde. Der Schock dessen, was gerade passiert ist, hat mir alle Energie geraubt. Und ich sehe, dass es den anderen um mich herum genauso geht.

David eilt voraus, Pip an seiner Schulter. Ich habe Mühe, mich durch die vielen Leute zu kämpfen, und treffe sie erst draußen wieder, wo sie auf mich warten. Ein Krankenwagen mit Blaulicht fährt vor.

»Stirbt die Frau jetzt?«, fragt Pip. »Ist der Löwe tot?« Sie presst ihre Hände an Davids Kopf, die Handflächen auf seinen Ohren.

»Nein«, beruhigt David sie. »Die Frau wird ins Krankenhaus gebracht, wo man sich gut um sie kümmert. Und der Löwe schläft nur.« Er sieht zu mir, damit ich es bestätige. »Alles wird gut, Liebes. Du musst keine Angst haben. Es war bloß ein alberner Löwe, der Quatsch machen wollte.«

Ich nicke.

»Alberner Löwe«, wiederholt Pip unsicher.

Nachdem er Pip hinten in den Kindersitz gesetzt und festgeschnallt hat, hält David mir die Beifahrertür auf. Ich sinke in das weiche Leder und greife nach meinem Gurt.

»Es tut mir leid.« Er zögert neben mir. »So war der Abend nicht geplant. Ich hoffe, die arme Frau wird wieder.«

Als er hinterm Steuer sitzt und den Wagen in den Stau zur Ausfahrt lenkt, blickt er nach vorn und sagt: »Ich würde dich gerne wiedersehen, Ellie.«

Ich bin nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe, und schlucke.

Er dreht den Kopf zu mir. »Falls du möchtest.«

»Das wäre …« Ich stammle, weil ich nicht weiß, wie ich es erklären soll. »Ja, danke. Nur … Ich bin nicht …«

»Du bist noch nicht so weit. Du willst nichts überstürzen.« Er nickt. »Ich weiß.« Er sieht mich immer noch direkt an. »Aber du bist eine wunderschöne Frau und solltest nicht allein zu Hause sitzen. Ich würde dich gern irgendwann zum Abendessen ausführen. Mehr muss es nicht sein.«

William und ich scherzten früher, dass wir bei David und Henrietta immer das Gefühl hatten, wir müssten einen Knicks oder einen Diener machen, wenn sie in ihrem Range Rover vorbeifuhren. Ich will dringend nach Hause und es Will erzählen. »Rate mal …?«

Tränen brennen in meinen Augen. Will ist nicht da. Und ich schäme mich, weil ich David inzwischen besser kenne. Ich traue mich nicht, irgendwas zu sagen. Deshalb nicke ich nur.

Es ist wie eine Art Heimweh, das mir auflauert und in dem Moment angeschlichen kommt, in dem ich den Schlüssel in der Tür umdrehe, sie von innen hinter mir schließe, mich dagegen lehne und in die Leere hineinhorche. Die Katze kommt die Treppe herunter, streicht mit ihrem Schwanz über jede Geländerstrebe, blinzelt aus dem Schatten. Ich bücke mich, um den warmen Körper in meine Arme zu heben und mein Gesicht in ihrem Fell zu vergraben. Sie windet sich gereizt, will nach unten und ihr Futter bekommen. Maunzend reißt sie ihr winziges rosa Mäulchen auf, in dem nadelspitze Zähne glänzen, und ich denke wieder an den dunklen Mann, der auf den Löwen zugeht, und die Frau, die wie eine Puppe auf dem Boden liegt.

David hat mich »wunderschön« genannt. Ich lege die Hände an die Wangen. Mein Gesicht ertappt mich im Schlafzimmerspiegel. Furchen haben sich in meine Stirn gegraben. Lange, geneigte Konturen, Sommersprossen, sonnenverbrannte Haut. Ich glaube nicht, dass ich Davids Typ bin. Ich bin nicht super gepflegt, nicht wie Henrietta. Ich vergesse dauernd, mir die Augenbrauen zu zupfen, und gehe so gut wie nie zum Friseur. Mein hellbraunes Haar hängt mir in krausen Locken über die Schultern. Vielleicht sollte ich praktischer denken und es mir zu einem Bob oder richtig kurz schneiden lassen. Ich habe keine Tochter, die mir solche Sachen sagt.

Hätten wir Kinder gehabt, wäre unser Leben vielleicht anders gewesen. Manchmal reicht eine andere Person nicht aus. Ich war nicht genug. Doch Will schien nie mehr zu wollen. Er genoss die Ruhe und den Frieden unseres Lebens; immer zog er eine Grimasse, wenn wir abends ausgingen. Festliche Abendessen kamen für ihn einer Tortur gleich. »Können wir nicht lieber zu Hause bleiben?«, fragte er jedes Mal.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir zu einer Party wollten und ich innehielt, um mir eine Kette umzulegen, die Kate mir gerade geschenkt hatte. »Gefällt sie dir?«

»Eine hübsche Bluse. Ist die neu?«, fragte er mit einem leicht panischen Gesichtsausdruck.

Die Kette sah er nicht. Und die Bluse hatte ich schon unzählige Male getragen. Mit Komplimenten tat er sich schwer. Ich hätte alte Säcke tragen können, und es wäre ihm nicht aufgefallen. Ihn interessierte der Mensch darunter. Das sagte er dauernd. Er schien wirklich gar kein Talent zum Flirten zu besitzen.

Ich habe nie herausgefunden, wer die andere Frau war. Es muss eine Kollegin gewesen sein, eventuell sogar eine seiner Studentinnen. Nächtelang habe ich wachgelegen, bis das erste Morgenlicht durch die Vorhänge kroch, und mich damit gequält, mir eine Frau vorzustellen, die hübscher, klüger, freundlicher war als ich. Schließlich zwang ich mich, damit aufzuhören. Ich nahm Tabletten.

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