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The Family

Ed Sanders

THE FAMILY

Die Geschichte von Charles Manson

und seiner Strand-Buggy-Bande

Deutsch von Edwin Ortmann,

Hella Knappertsbusch & Dirk Otten

 

Mit einem Nachwort von Frank Göhre

FUEGO

Über dieses Buch

Charles Manson und seine Family brachten es im Herbst 1969 fast über Nacht zu schrecklicher Berühmtheit. Mitglieder der Gruppe hatten die Schauspielerin Sharon Tate, hochschwangere Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski und weitere Freunde aus dem Hollywood-Jetset in der Polanski-Villa am Cielo Drive auf bestialische Weise ermordet. Nach Mansons Verhaftung ging das Foto des irren Mörders »mit dem glasigen Blick« um die ganze Welt.

Doch die Anfänge der Family liegen in der Hippie- und Flower-Power-Bewegung des Jahres 1967. In diesem Sommer bevölkerten Aberhunderte von Jugendlichen San Francisco, auf der Suche nach einem neuen, freieren Leben. Freie Liebe, freier Sex – das suchten auch die Mädchen, die sich um Manson scharten. Der eben aus dem Gefängnis Entlassene hatte bald einen ganzen Harem von Anhängerinnen, die ihn als Guru verehrten. Nach und nach mischten sich Elemente satanischer Kulte in die Liebesorgien, bis schließlich Mansons Jünger als scheinbar willenlose Werkzeuge die Apokalypse-Visionen ihres Meisters in einen Blutrausch verwandelten.

Der Autor Ed Sanders hat in akribischen Recherchen über Jahre alles verfügbare Material zusammengetragen, Verhörprotokolle und Prozessakten gewälzt, mit Zeugen und Family-Mitgliedern gesprochen und versucht, das Rätsel zu ergründen. In diesem Buch erzählt er die Geschichte der Family – von Charlie Mansons Jugend über die bunten Eskapaden bis hin zu den mörderischen Gewaltorgien. Für die vorliegende Neuausgabe hat Sanders die spannende »Nachgeschichte« des Falles aufgespürt: die Reaktion der Family auf die Verurteilung Mansons, seine ungebrochene Macht, die auch aus dem Gefängnis heraus noch wirksam ist, das versuchte Attentat auf Präsident Ford und viele andere irritierende Begebenheiten.

Schon bei seinem ersten Erscheinen Anfang der Siebziger wurde dieses Buch zu einem Klassiker. Auch heute, in der erweiterten Neuausgabe, hat es nichts von seiner Faszination eingebüßt.

 

 

Meinem Freund Paul Fitzgerald

und zum Gedächtnis

an Phil Ochs,

der diese Zeiten kannte,

sie zu gut kannte.

Einleitung zur überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe

Keine Akte ist jemals vollständig; kein Fall wird jemals wirklich abgeschlossen, auch nach hundert Jahren nicht, wenn alle Beteiligten tot sind.

Graham Greene, Der dritte Mann

 

Kurze Zeit nach der Erstveröffentlichung von The Family saß ich auf einen Drink im Lion's Head, einer von Schriftstellern und Journalisten gern besuchten Bar in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil The Village. Mein Freund, der Dichter Joel Oppenheimer machte mich mit einem Detective des NYPD bekannt, dem mein Buch gefallen hatte. »Da gibt’s ohne Frage eine Menge loser Enden,« sagte er, während wir uns zur Begrüßung die Hand reichten. Würde ich heute, zweiunddreißig Jahre später, mit demselben Mann sprechen, wäre dieser Satz immer noch zutreffend.

Noch Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe war ich – vor allem durch die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit dem Privatermittler Larry Larsen – stets in Fühlung mit verschiedenen Polizei- und Ermittlungsbehörden geblieben, die sich in jenen Jahren mit verschiedenen Sekten und mindestens einem satanistischen Kult und ihren Verbindungen zum Manson-Fall befassten.

Der Manson-Fall hatte alles: Er zerriss die Schleier Hollywoods gerade weit genug, um das Interesse der Nation und der ganzen Welt hervorzukitzeln. Er hatte Rock 'n' Roll, er hatte den Reiz des Wilden Westens, er beinhaltete die Kernthemen der Sechziger Jahre mit ihrer sexueller Befreiung, ihrer Liebe des naturhaften Lebens, ihrer Wildheit und ihrer psychedelischen Drogen. Er beinhaltete den Hunger nach Ruhm und Erneuerung; Religionen aller Art kamen vor, Kleinkriege und hausgemachte Gemetzel, alles zusammengekocht in einer großen Story voller Sex, Drogen und gewalttätiger Verfehlungen.

Je mehr ich mich in den Fall hineinarbeitete, desto mehr verunsicherte mich das, was diese Leute und die Gruppierungen in ihrem Umfeld getan hatten und weiterhin tun. Vieles, was ich bei der Recherche über dieses Buch erfuhr, erfüllte mich mit Abscheu. Mir war klar, dass ich mich in den Jahren, die ich in der Gegenkultur verbracht habe, oft unvollkommen verhalten habe und mich zum Teil sehr weit von der Jüdisch-Christlichen Tradition entfernt hatte, in der ich großgezogen worden war. Was ich aber hier kennenlernte, schien das Böse selbst zu sein und man muss kein perfekter Mensch sein, um Abscheu gegenüber jenen zu empfinden, die in voller Absicht Böses tun.

Die erste Ausgabe dieses Buchs erzählte die Geschichte der Family von ihren Anfängen 1967, nachdem Manson aus dem Bundesgefängnis entlassen worden war, und endete mit den Verhaftungen wegen der Tate-LaBianca-Morde im Dezember 1969. Die Neuausgabe von 1989 ist um einen ausführlichen Teil erweitert worden, der die Mordprozesse der Jahre 1970 und 1971 beschreibt und den Fall über zwei seltsame und turbulente Jahrzehnte weiterverfolgt. In diesen Zeitraum fällt auch Squeaky Frommes Attentatsversuch auf Präsident Ford.

Für die nun vorliegende Ausgabe konnte ich viele Details nachtragen, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben und erzählen, was in den vergangenen Jahrzehnten aus einigen Schlüsselfiguren dieses dramatischen Krimis geworden ist.

Obwohl sich mein Schreibstil geändert hat, habe ich mich entschieden, nur wenige Eingriffe in den nervösen, faktenüberladenen Ton der Ausgabe von 1972 vorzunehmen. Was mich bewogen hat, die Chronologie mit Informationen vollzupacken, war mein starkes Gefühl, die ganze Geschichte dieser Morde sei noch nicht ans Licht gekommen – noch andere Mörder würden frei herumlaufen, die der Gerechtigkeit bisher entgangen waren. Ich wollte bei den Ermittlungen helfen und hoffte, dass neue Informationen ans Licht kämen und das Geheimnis teilweise gelöst werden würde.

Und obwohl in dieser Ausgabe viele Enthüllungen vorgestellt werden, bleibt das Mysterium nach wie vor bestehen, hat das Bild immer noch weiße Flecken, wird man die Akten vielleicht niemals ganz schließen können. Ich bin nach Los Angeles zurückgekehrt und habe für diese Neuausgabe viele Leute befragt, die mit dem Fall direkt zu tun hatten, so auch die damaligen Ankläger Vince Bugliosi, Stephen Kay und Aaron Stovitz. Ich sprach mit Polizeibeamten und anderen, die mit den Untersuchungen zur Family befasst waren. Ich fuhr noch einmal nach Goler-Wash, dreihundert Meilen nordwestlich von Los Angeles, wo die meisten Mitglieder der Manson Family ein endgültiges Rendezvous mit Handschellen hatten. Ich habe die Verteidiger interviewt, mit Manson korrespondiert und einen Nachmittag mit Sharon Tates Mutter, Doris Tate, verbracht, die eine treibende Kraft der Opferrechtsbewegung geworden ist. Während der Überarbeitung bin ich erneut von meinem Freund, dem großartigen Privatdetektiv Larry Larsen, unterstützt worden, der mir schon bei der Erstausgabe geholfen hatte, Informationen zusammenzutragen.

Oft fragte ich mich, warum ich mich vor Jahrzehnten mit einem Fall beschäftigte, der mehr lose Fäden hatte als ein Fransenteppich. Ich denke, ich habe mich darauf eingelassen, weil ich davon überzeugt bin, dass diese Gruppe mitgeholfen hatte, den Traum der Sechziger Jahre zu zerstören. In dieser Zeit war ich viel unterwegs als Dichter, Musiker und politischer Aktivist. Meine Band, The Fugs, trat regelmäßig in Kalifornien auf. In jenem Frühling, als wir draußen im Golden Gate Park für die Blumenkinder spielten, schlich Manson in Haight-Ashbury herum. Überall in Amerika gingen wir zu Love-ins und Friedensdemonstrationen und waren damit beschäftigt, eine ganze Generation aufzurütteln. Wir wollten dauerhafte Veränderungen. In diesen Jahren fuhr ich in einer Reihe psychedelischer Busse durch die Gegend und hatte Freunde, die in Kommunen lebten. Niemand hatte je Charles Manson erwähnt.

Bevor sie wegen Mordes angeklagt wurde, hatte ich von Mansons Gruppe nur ein einziges Mal etwas gehört. Ein Freund gab ein Ökologie-Informationsblatt mit dem Titel Earth Read-Out heraus. Ende Oktober 1969 druckte er eine Geschichte aus dem San Francisco Chronicle vom 15. Oktober 1969:

»Die letzten Überlebenden einer Bande nackter; langhaariger Diebe, die in gestohlenen Strandbuggies das Death Valley durchstreiften, sind, wie das Büro des Sheriffs gestern bekanntgab, ausgehoben worden. Ein Sheriff-Aufgebot, das von einem Aufklärungsflugzeug aus gelenkt wurde, verhaftete bei zwei Wüstenrazzien 27 männliche und weibliche Mitglieder der Nomadengruppe. Die Beamten erklärten, auch acht Kinder, darunter zwei unterernährte Säuglinge, seien aufgegriffen worden. Einige der Frauen waren vollständig nackt und andere trugen Bikinihöschen, wie die Beamten berichteten. Die Erwachsenen wurde alle ins Bezirksgefängnis Inyo eingeliefert, wo sie zu den gegen sie erhobenen Beschuldigungen, darunter Autodiebstahl, Hehlerei und illegaler Waffenbesitz, vernommen werden sollten. Laut Aussage der Beamten wurden sechs gestohlene Strandbuggies sichergestellt.

Hilfssheriff Jerry Hildreth erklärte, die Bande habe von Diebstählen in der Umgebung gelebt. Er berichtete, die Mitglieder der Gruppe seien in den gestohlenen Strandbuggies mit Vierradantrieb herumgefahren und hätten in einer Reihe verlassener Bergwerkshütten campiert. Bisher hätten sie sich dadurch der Verhaftung entzogen, dass sie nur nachts unterwegs gewesen seien und mit Funkgeräten ausgerüstete Wachtposten auf den Bergen aufgestellt hätten. ›Es war erstaunlich, wie sie ihre Spuren verwischten und Scheinlager errichteten, um uns abzuschütteln‹, sagte Hildreth. ›Sie haben uns ganz schön in Trab gehalten ... Es dürfte eines der unzugänglichsten Gebiete von ganz Kalifornien sein.‹«

Sechs Wochen nachdem ich diese beiden Absätze im Earth Read-Out gelesen hatte, waren die Titelseiten der Zeitungen voll mit Bildern von Manson, dem angeklagten Mörder mit dem glasigen Blick. Er wurde in einem Zuge als Hippie, Satansverehrer, Autodieb, Sektenführer, Sexbesessener und Meuchelmörder beschrieben. Seine Anhänger – einige junge Männer und an die zwanzig Mädchen – bezeichnete man als »Satanssklaven«, die bereit gewesen seien, alles für ihn zu tun, wo und wann auch immer. Hinter all den Schlagzeilen und Geschichten schien kein verlässliches Gerüst zusammenhängender Fakten erkennbar, das einigermaßen verständlich gemacht hätte, wie aus einer Gruppe junger amerikanischer Bürger eine Kommune von Schlächtern hatte werden können.

Die Medien drehten durch. Kameras waren pausenlos im Einsatz und weltweit konnte man auf den Titelseiten Artikel lesen, die mit einer Mischung aus Faszination und Ekel berichteten. Es schien, als ob Mansons Family alle guten Eigenschaften einer Generation zugleich zerstörte – ihre Anteilnahme und ihr Selbstvertrauen, ihre Musik und ihre wilden Farben, ihre Liebe zur freien Natur und zu den landschaftlichen Schönheiten Amerikas, waches Gespür für die Notwendigkeit, die Umwelt zu schützen. War es möglich, dass diese eine Gruppe einen grotesken und abscheulichen Schlussstrich unter eine Dekade setzte, die so machtvoll und vielversprechend begonnen hatte?

Persönliche Neugierde trieb mich also dazu, seit 1969 Material über die Family zu sammeln. Zuerst dachte ich, man hätte ihnen die ganze Geschichte einfach angehängt. Dann beschloss ich, ein Buch über den Fall zu schreiben, und glaubte, etwa sechs Monate dafür zu brauchen. Ich hoffte, dass danach wieder die ruhigen Tage des Friedens und der Poesie einziehen würden. Aber schon mit meinem ersten Flug nach Los Angeles wurde ich in einen Strudel von hektischen, die Tage und Nächte erfüllenden Aktivitäten gerissen, deren Ergebnis dieses Buch ist.

Anderthalb Jahre schrieb ich buchstäblich alles nieder, was ich über die Manson Family hörte oder sah. Ich hatte ständig einen Kassettenrecorder bei mir und habe mindestens hundert Stunden Tonbandmaterial aufgenommen: Interviews, Gegenüberstellungen und Kommentare. Nichts war zu trivial, mein Notizstift hielt alles fest. Oft stellte sich eine winzige, scheinbar nichtssagende Information ein Jahr später als höchst bedeutungsvoll heraus. Innerhalb eines Jahres schrieb ich für die Los Angeles Free Press ungefähr fünfundzwanzig Artikel über den Manson-Prozess und das Weiterbestehen der Family seiner Anhänger. Ohne die freundschaftliche Hilfe der Redakteure der Free Press hätte dieses Buch nicht entstehen können. Die Redaktion war für mich eine Oase, eine Insel normaler Menschen, zu denen ich mich am Ende eines Tages flüchten konnte, erschöpft von der Jagd nach lauter wahnsinnigen Details über Leichen, Rituale und andere schauerliche Dinge.

Ein Teil dieses Buches wurde in der Hall of Justice in Los Angeles geschrieben, wo ich ungefähr vier Monate lang dem Prozess gegen Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Leslie Van Houten und Charles Manson beiwohnte. Auch den zweiten Prozess – das Verfahren gegen Robert Beausoleil wegen der Ermordung Gary Hinmans – besuchte ich regelmäßig. Außerdem war ich bei zahlreichen Gerichtsverhandlungen zugegen, in denen es um andere Morde ging, die der Family vorgeworfen wurden.

Es ist nicht leicht, die Angst und den blutgetönten Irrsinn wiederzugeben, die den Tate-LaBianca-Prozess umgaben, die Atmosphäre von surrealem Grauen und heruntergekommener Schäbigkeit. Die Morddrohungen von Mitgliedern der Family waren so zahlreich, dass ihnen schließlich niemand mehr besondere Beachtung schenkte.

Es gab aber auch heiklere Probleme, die meine Nachforschungen behinderten, insbesondere das Problem jener Leiche im Kofferraum. Mehrere Geschäftsfreunde von Jay Sebring wurden während des Prozesses ermordet. Ich versuchte gerade, einen von ihnen aufzuspüren, einen Mann namens Joel Rostau, von dem ich mir einige Informationen erhoffte, als im Herbst 1970 bekannt wurde, dass man seine Leiche in New York im Kofferraum eines Autos gefunden hatte. Ein anderer Bekannter wurde um Weihnachten in Florida ermordet aufgefunden. Diese Vorfälle veranlassten mich, meine Nachforschungen auf weniger gefährliche Gebiete zu verlegen. Kein Buch ist es wert, permanent so nah am Abgrund zu balancieren.

Auch nach all den Jahrzehnten hat der Fall also immer noch seine losen Fäden, große und kleine. Fest steht, dass diese Geschichte ein großes amerikanisches Drama ist, dessen Widerhall bis in die Gegenwart reicht.

I. DIE FAMILY


Von den Anfängen bis Mitte 1969

1. Freiheit auf Bewährung

Um den 22. Juli 1955 fuhr Charles Manson zusammen mit seiner siebzehnjährigen schwangeren Frau Rosalie in einem gestohlenen Mercury 1951 von Bridgeport, Ohio nach Los Angeles. Das war alles.

Im September wurde er verhaftet, und am 17. Oktober 1955 bekannte er sich schuldig. In dem nach seiner Verhaftung angefertigten psychiatrischen Gutachten wurde festgestellt, es sei »ein ziemliches Risiko, ihn auf Bewährung freizulassen«, doch meinte man andererseits, das, was allenthalben jugendliche Straffällige zur Ruhe brachte, nämlich das Eheleben und dazu die bevorstehende Vaterschaft, würde ihn vielleicht auf den geraden Pfad des American Way of Life bringen. So wurde Manson am 7. November 1955 zu fünf Jahren mit Bewährung verurteilt. Manson stand bereits seit dem 18. Mai 1954 unter Bewährungsaufsicht. Er war 21 Jahre alt. Seit er sechzehn war, hatte er im Gefängnis gesessen, und schon seit seinem dreizehnten Lebensjahr war er in verschiedenen Besserungsanstalten gewesen.

Nach seiner Verhaftung machte Manson den Fehler, bei einem Verhör durch Bundesbeamte zuzugeben, dass er 1954, also ein Jahr zuvor, mit einem geknackten Auto aus dem Bergbaugebiet in West Virginia nach Florida hinuntergefahren war. Folge dieser »Selbstverpfeifung« war, dass Manson am 11. Januar 1956 auf Grund einer in Miami erhobenen Anklage in Los Angeles vor dem Federal Commissioner erscheinen musste. Er verpflichtete sich, am 15. Februar wieder vor Gericht zu erscheinen, und wurde daraufhin freigelassen. Wenig später floh er aus Los Angeles, augenscheinlich in Begleitung seiner hochschwangeren Frau Rosalie, und fuhr mit ihr zurück in die Appalachen.

Am 29. Februar ersuchte der oberste Beamte für Bewährungsfälle in Los Angeles das Gericht, einen Haftbefehl zu erlassen, da Manson sich nicht bei seinem Bewährungshelfer gemeldet hatte. Am 14. März 1956 wurde Manson in Indianapolis verhaftet und zur Gerichtsverhandlung nach Los Angeles zurückgebracht.

Im März 1956 wurde sein Sohn Charles geboren.

Am 23. April 1956 widerrief Richter Harry C. Westover die Bewährung und verurteilte ihn zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe, die er im Gefängnis Terminal-Island in San Pedro, Kalifornien verbüßen sollte. Fast ein ganzes Jahr hielt seine aus West Virginia stammende Frau Rosalie zu ihm – sie lebte mittlerweile mit Charles, dem Sohn, und Mansons Mutter Kathleen in Los Angeles.

Anfang 1957 gab Rosalie ihre Besuche auf und lebte von nun an – laut einem Bericht der Behörde für Bewährungsfälle – mit einem anderen Mann zusammen, was Manson völlig aus der Fassung brachte. Am 24. April 1957 versuchte Manson aus dem Gefängnis auszubrechen und wurde nach Artikel 18, §751 des amerikanischen Strafgesetzbuches wegen Flucht nach Verurteilung aus einer Bundesstrafanstalt angeklagt. Er bekannte sich am 27. Mai 1957 schuldig, und am 10. Juni 1957 erließ Bundesrichter William Mathes eine Verwarnung mit Strafvorbehalt und setzte eine Bewährungsfrist von fünf Jahren fest.

Kurz darauf beantragte Mansons Frau die Scheidung. Das Scheidungsurteil wurde am 30. August 1957 rechtskräftig. Adios Ehefrau.

Manson saß vom 23. April 1956 bis zum 30. September 1958 in Haft: zwei Jahre, fünf Monate, fünf Tage sogenannter Rehabilitierung. Im Gefängnis spielte der 125 Pfund schwere junge Mann in verschiedenen Basketballmannschaften, und anscheinend boxte er auch ein wenig. Sein Sexualleben setzte er auf die im Gefängnis einzig mögliche Weise fort – mit Hilfe von Hand, Mund und Hintern.

Zweieinhalb Jahre lang war Manson den endlosen Diskussionen über geplante und begangene Verbrechen und den psychopathischen Reden älterer sogenannter Gewohnheitsverbrecher ausgesetzt. Außerdem hörte er viel, was man als »Zuhältergeschwätz« bezeichnen könnte – Tricks, wie man eine Horde Prostituierte beherrschte. Laut späteren Aussagen von Mithäftlingen hörte Charlie solchen Gesprächen begierig zu. Einer, der ihn damals näher kannte, schreibt: »Wir haben viel über Huren gequatscht, besonders wie man sie unter der Knute behält. Wir redeten über die ›Hauptnutten‹ – also das jeweilige Mädchen Nummer eins eines Zuhälters, das alle anderen unter der Knute hat, – über ›Ställe‹ – das sind mehrere Mädchen, die für einen arbeiten, – aber meistens redeten wir darüber, wie man Mädchen dazu kriegt, auf den Strich zu gehen.«

So verging für den jungen Charlie Manson die Zeit. »Proband wurde am 30. September1958 aus Terminal-Island entlassen«, vermerkte der zuständige Bewährungshelfer in seinen Aufzeichnungen.

Manson gab an, er würde zu seiner Mutter in die Harkins Avenue in Los Angeles ziehen. Das war die Erste von zwanzig Adressen, unter denen er in den folgenden zwanzig Monaten, die er in Freiheit verbrachte, leben sollte.

Das Amt für Bewährungshilfe gab ihm einige Tips für die Arbeitssuche. Die Liste seiner Jobs in den folgenden Monaten erinnert an die ersten Kämpfe eines Schriftstellers, aber bei Manson führten sie zu nichts. Er arbeitete als Aushilfskellner, als Barmixer, als Vertreter für Tiefkühlkost sowie für Tiefkühltruhen, als Tankwart, als Fernsehregieassistent und als Zuhälter.

Am 16. Januar 1959 beschwerte sich ein aufgebrachter Vater bei der Polizei in Los Angeles, dass Manson versuche, seine Tochter Judy auf den Strich zu schicken. Manson war auch mit Judys Zimmergenossin zu sehen, einer reichen Studentin von der UCLA (University of California Los Angeles) namens Fio, die aus Baker, Kalifornien kam und einen weißen Triumph fuhr.

Am 1. Mai 1959 wurde Manson dabei erwischt, wie er in Los Angeles fluchtartig einen Ralph's Market verlassen wollte, nachdem er versucht hatte, einen gestohlenen Scheck über 34,50 Dollar zu fälschen und einzulösen. Am gleichen Tag hatte er bereits einen anderen gestohlenen Scheck bei einer Richfield-Tankstelle eingelöst. Das sollte ihn teuer zu stehen kommen. Am Tatort wurde ein blaues 1953er Cadillac-Kabriolett, das offenbar Mansons Mutter gehörte, beschlagnahmt.

Nachdem die Polizei von Los Angeles Manson der Bundespolizei überstellt hatte, begingen die Feds (Bundesbeamte) den Fehler, dass sie, während sie Manson verhörten, den gefälschten Scheck in einem offenen Ordner liegen ließen. Als die Beamten Manson einen Augenblick den Rücken zukehrten, scheint er den Scheck genommen und heruntergeschluckt zu haben. Der Scheck war jedenfalls verschwunden, und wenig später bat Manson, auf die Toilette gehen zu dürfen, um seinen von dem heruntergeschluckten Scheck sich umdrehenden Magen zu erleichtern.

Am 19. Juni 1959 wurde Mansons Bewährungshelfer von einer – seiner Aussage zufolge – attraktiven blonden Neunzehnjährigen namens Candy Stevens aufgesucht, die erklärte, dass sie von Manson schwanger sei und dass sie und Manson heiraten würden, wenn die miesen Bundesbehörden ihn nicht wieder einpökeln würden. In Wirklichkeit war sie nicht schwanger; vielmehr war sie ein Flittchen, das für Manson arbeitete. Vielleicht war Manson sogar der Erste, der sie auf den Strich geschickt hatte.

Am 4. September 1959 wurde Manson von demselben Arzt, der ihn vier Jahre zuvor untersucht hatte, einer weiteren psychiatrischen Untersuchung unterzogen. Der Bericht schloss:

»Er macht nicht den Eindruck eines niederträchtigen Charakters. Allerdings ist er emotional sehr ungefestigt und sehr unsicher. Er erzählt über sein Leben in den Anstalten so, als wolle er andeuten, dass er die meisten seiner Befriedigungen in Anstalten gefunden hätte. Er sagte, er sei Kapitän verschiedener Sportmannschaften gewesen und habe sich große Mühe gegeben, anderen Anstaltsinsassen Unterhaltung zu verschaffen. Meiner Meinung nach ist er vermutlich eine soziopathische Persönlichkeit ohne Psychose. Unglücklicherweise entwickelt er sich rasch zu einer Anstaltsperson. Trotzdem kann ich ihn nicht zur Bewährung empfehlen.«

Charlie Manson war 24 Jahre alt.

Am 28. September 1959 wurde Manson in Anwesenheit der jungen Dame namens Candy vernommen, die sich beim Richter flehend und weinend für Manson einsetzte. Der Richter ließ sich erweichen, verwarnte Manson und behielt sich ein Strafurteil von zehn Jahren vor, bei einer Bewährungsfrist von fünf Jahren.

Im November 1959 lernte Manson ein achtzehnjähriges Mädchen aus Detroit namens Mary Jo kennen, die sich durch eine Zeitschriftenanzeige für eine Stewardessenschule nach Los Angeles hatte locken lassen. Als sie nach Los Angeles kam, erwies sich die Schule als Betrug, und es gelang ihr nicht, ihr Geld zurückzubekommen. Sie überredete ihre Eltern, ihr zu erlauben, in Los Angeles zu bleiben, und zog zusammen mit einer Freundin namens Rita in ein Apartment.

Ende 1959 tat sich Manson mit einem gewissen Tony Cassino zusammen und gründete mit ihm eine »3-Star-Enterprises« genannte Firma für Nachtclub-, Radio- und Fernsehwerbung, die ihren Geschäftssitz in der Suite 306, 6871 Franklin Avenue, Hollywood hatte. (Nur ein paar Türen weiter befand sich das Apartment, wo Manson zehn Jahre später den schwarzen Rauschgifthändler Bernard Crowe niederschießen sollte.) Manson war Direktor und Tony Vizedirektor. Angeblich bekam Manson für drei seiner sogenannten Werbesendungen etwas Geld von Mary Jo. In Wirklichkeit scheint Manson über die 3-Star-Enterprises vom Hotel Roosevelt in Hollywood aus weibliche Sexualobjekte vermittelt zu haben.

Im Oktober kehrte Charlies Mutter nach West Virginia zurück und erklärte, dass sie dort bleiben wolle.

Am 4. Dezember 1959 wurde Candy Stevens, das Mädchen, das vor Gericht geheult hatte, in Beverly Hills wegen Prostitution verhaftet. Manson verschaffte sich Geld und stellte die Kaution für sie, doch wurde Candy wenig später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In der Zwischenzeit wurde Mary Jo, das Mädchen aus Detroit, von Manson schwanger.

Am Weihnachtsabend 1959 wurde Manson verhaftet und angeklagt, er habe einen Mann namens Harold zusammen mit Candy und einem Mädchen namens Elizabeth, in einem gestohlenen Wagen nach Needles, Kalifornien geschickt, um die Mädchen dort anzupreisen. Doch mangels Beweisen wurde er bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Am Silvesterabend wurde Manson wieder verhaftet, weil man ihn verdächtigte, Kreditkarten gestohlen zu haben, doch am 4. Januar 1960 ließ man ihn wieder frei.

Am 5. Januar 1960 wurde Manson als Zeuge vor Gericht geladen; es ging um den Diebstahl von Kreditkarten der American Express und der Bank of America. Ein Gewitter braute sich über dem jungen Manson zusammen, »diesem charakterschwachen, gerissenen Burschen«, wie ihn sein Bewährungshelfer nannte. Auch das FBI stellte im Fall Manson bereits intensive Nachforschungen an. Am 15. Februar 1960 meldete sich Manson zum letzten Mal bei seinem Bewährungshelfer.

Am 20. Februar 1960 musste die schwangere Mary Jo wegen starker Blutungen – die von einer Extrauterinschwangerschaft herrührten – in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Manson telefonierte mit dem Vater des Mädchens, einem leitenden Versicherungsangestellten in Detroit. Der Vater nahm sofort eine Maschine nach Los Angeles, wo er am International Airport von Manson und Mary Jos Zimmergefährtin Rita erwartet wurde. Auf der Fahrt in die Stadt verkündete Manson, er habe keinen Führerschein und er stehe unter Bewährungsaufsicht. Mary Jos Vater war, wie es später in einem Bewährungsbericht hieß, schockiert, als ihm aufging, dass seine Tochter von einem Exhäftling angebumst worden war.

Mary Jo schleppte sich recht und schlecht durch ihre Krise, dann ging es ihr bald wieder besser. Ihr Vater brachte sie eiligst fort in ein privates Erholungsheim. Irgendwie fand Manson ihre Telefonnummer heraus und rief sie wiederholt an. Mary Jo erzählte ihrem Vater, dass sie sehr verliebt sei in Manson. Darauf schnüffelte der Vater in Hollywood herum und stieß auf einige Leute, die behaupteten, Manson hätte sich auch als Zuhälter betätigt. In dem Bericht des Bewährungshelfers über jene Zeit heißt es, dem Vater sei »elend gewesen bei dem Gedanken, dass dieser Kerl vorhatte, seine Tochter und Rita für sich arbeiten zu lassen«. Zu seinem Entsetzen erfuhr er, dass Manson, den seine Tochter liebte, in derselben Nacht, als er die in Lebensgefahr schwebende Mary Jo ins Krankenhaus brachte, ihre Zimmergefährtin Rita verführt hatte.

Am 29. Februar 1960 suchte der Vater Mansons Bewährungshelfer auf, um sich bei ihm zu beschweren. Der Vater, ein erfahrener Versicherungsdetektiv, hatte sich bereits die Füße wund gelaufen, um Angaben über Manson zu bekommen. Er war wütend darüber, dass Manson sich weigerte, Mary Jos Sachen herauszugeben. Er hatte sogar versucht, die Polizei von Pasadena dazu zu bewegen, Manson zu verhaften, allerdings ohne Erfolg.

Am gleichen Nachmittag, nachdem er bei dem Bewährungshelfer gewesen war, fuhr der zornige Vater zu Mansons Pension in Pasadena, wo er entdecken musste, dass Manson seine Bude aufgegeben, aber Mary Jos Gepäck mitgenommen hatte. Der Vater war entsetzt über die Fotos von halbnackten kleinen Mädchen, die Charlie zurückgelassen hatte. Ein Polizeibeamter, der in der gleichen Pension wohnte, charakterisierte Manson als einen »Sexomanen« und deutete an, dass Manson möglicherweise Pornofotos aufgenommen habe, um sie außerhalb Kaliforniens zu verkaufen.

Für Manson war alles aus. Die Justizmaschinerie begann sich in Bewegung zu setzen.

Im April 1960 sang Candy Stevens vor der Grand Jury eines Bundesgerichts, und am 27. April wurde gegen Manson wegen Verstoßes gegen §18, Absatz 2421 – »Beförderung von Frauen im zwischenstaatlichen Handel zum Zwecke der Prostitution« – Anklage erhoben. Anscheinend hatte er selbst die jungen Damen Candy und Elizabeth am 12. Dezember 1959 von Kalifornien in einem gestohlenen Triumph-Kabrio nach New Mexico gebracht.

Auf Antrag der Bundesbewährungsstelle hob Richter William Mathes die bedingte Strafaussetzung im Zusammenhang mit dem Scheckbetrugsverfahren auf. Am 25. Mai 1960 wurde die Kaution auf zehntausend Dollar festgesetzt. Am 1. Juni 1960, eine Woche nach Erlass des Haftbefehls, wurde Charlie im texanischen Laredo festgenommen, man beschuldigte ihn, gegen den sogenannten Mann Act verstoßen zu haben, indem er Frauen zum Zwecke der Prostitution über Staatsgrenzen transportiert habe. Einige Tage später, am 16. Juni, wurde Manson den Behörden in Los Angeles überstellt.

Am 23. Juni 1960 verurteilte Richter Mathes Manson zu zehn Jahren Freiheitsentzug, zu verbüßen im Bundesgefängnis McNeil-Island im Staate Washington. Am 10. Juli 1960 wurden die Anklagen wegen Kuppelei fallengelassen, doch war Manson bereits wegen Verstoßes gegen die Bewährungsbestimmungen verurteilt worden.

Manson war ein Jahr, acht Monate und zwei Tage frei gewesen. Er legte Berufung gegen das auf zehn Jahre lautende Urteil ein und blieb ungefähr ein Jahr lang im Bezirksgefängnis von Los Angeles, das sich in den oberen Stockwerken der Hall of Justice befindet, wo er zehn Jahre später wegen Mordes vor Gericht gestellt werden sollte.

Im Juni 1961 gab er, nachdem seine Berufung abgewiesen worden war, auf und ließ sich ins Gefängnis McNeil-Island überführen.

Im Dezember 1963 schrieb Mansons Mutter, die inzwischen offenbar wieder verheiratet war und jetzt in Spokane, Washington wohnte, einen Brief an Richter Mathes und bot ihr Haus als Sicherheit für Mansons Freilassung an. Der Richter ließ ihr zurückschreiben, nach neunzig Tagen habe er nicht mehr die rechtliche Möglichkeit, ein verhängtes Urteil abzuändern.

Den größten Teil der Sechziger Jahre saß Manson im Gefängnis, in der unruhigen Zeit der verschiedenen Befreiungsbewegungen innerhalb und außerhalb der USA, der Aufstände, der Attentate, des Beginns von Vietnam, der Friedensmärsche, der sexuellen Befreiung, des Rock 'n' Roll, der Beatles, der Beach Boys, des Napalms, des Hare Krishna und der wachsenden Auflehnung der Frauen gegen ihre Unterdrückung (eine Bewegung, von der Manson kaum eine Ahnung hatte). Während all dies geschah, saß Charlie seine Strafe ab und erfuhr von der Wirklichkeit nur durch Zeitschriften und Hörensagen.

Und während er seine Gefängnistage zählte, begann er sich intensiv mit Magie, Zauberei, Hypnotismus, Astralprojektion, Freimaurerei, Scientology, Ego-Spielen, unterschwelliger Beeinflussung, Musik und möglicherweise auch mit dem Rosenkreuzertum zu beschäftigen – vor allem aber mit Hypnotismus und unterschwelliger Beeinflussung. Er schien entschlossen, sich beider zur Beherrschung anderer zu bedienen.

Ein Zellengenosse Mansons erinnert sich lebhaft an den großen Charlie-Manson-Kopfhörer-Schwindel. Mit Hilfe des Gefängnisrundfunksenders manipulierte Manson alle Insassen des McNeil-Island-Gefängnisses durch »posthypnotische Suggestion«, wie es sein Zellengenosse nannte. Jeder Häftling konnte mit Kopfhörern, die an den Pritschen in den Zellen hingen, den Sender hören. Manson schmiedete einen »Geheimplan«, wonach der Sender um drei Uhr nachts über die Kopfhörer Botschaften ausstrahlen sollte. Die Botschaft oder Anweisung wurde ständig wiederholt. Die Gefangenen wurden aufgefordert, ihre Kopfhörer nachts so an ihr Bettgestell zu hängen, dass die Botschaften von den Schlafenden aufgenommen wurden, aber nicht die Aufmerksamkeit der Wachen erregten.

Die Geschichte geht noch weiter. Das Gefängnis hatte eine Basketballmannschaft, die nur selten ein Spiel gewann. Manson strahlte Botschaften an die schlafenden Insassen aus, in denen er sie drängte, dem nächsten Spiel beizuwohnen und die McNeil-Island-Mannschaft anzufeuern. Dann wettete Charlie mit den eifrigen neuen Fans darauf, dass die gegnerischen Mannschaften gewinnen würden, und hatte sich rasch zweihundert Packungen Zigaretten (in US-Gefängnissen die übliche Währung) erwettet.

Dann war da noch der Applaus-Schwindel: Über die Kopfhörer suggerierte Manson seinen Mithäftlingen, sie sollten ihm, wenn er bei einem Talentwettbewerb im Gefängnis als Sänger auftrat, lange applaudieren. Manson gewann den Wettbewerb mit seinem Kopfhörertrick, jedenfalls bekam er offenbar begeisterten Applaus von einiger Dauer.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass Manson im Gefängnis anscheinend zu einem Schützling des Prohibitions-Gangsters Alvin Karpis wurde, eines Mitglieds der berüchtigten Barker-Karpis-Gang, die vierzehn Todesopfer auf dem Gewissen hatte. Alvin »Old Creepy« Karpis brachte Manson bei, Steel-Gitarre zu spielen, und scheint dem jungen Mann auch sonst ein Ratgeber gewesen zu sein, obgleich er in einem Interview nach Mansons Verhaftung erklärte, von Manson hätte er zuallerletzt erwartet, dass er sich ins »Massenmordgeschäft einlassen würde«.

»Charlie hatte sich an diese neue Sache, die man ›Scientology‹ nennt, gehängt«, sagte Karpis. »Er meinte, damit könnte er alles erreichen oder alles werden. Vielleicht hatte er recht. Der Junge hat versucht, 'ne Menge andere Typen mit seiner Scientology zu lenken, aber landen konnte er bei keinem.«

Bei Scientology handelt es sich um eine an die Seelenwanderung glaubende Sekte. Ihre Anhänger behaupten, man könne Dinge über sein vergangenes Leben erfahren und lernen, den Körper zu verlassen – sich zu »veräußerlichen« – und große Macht und Unsterblichkeit zu erlangen. Manson hörte von Scientology durch einen gewissen Lanier Ramer, ferner durch einen Gene Deaton und durch Jerry Milman, der Mansons Zellengenosse im Gefängnis McNeil-Island war.

Laut Mansons Anhängern war Lanier Ramer ein eifriger Scientologe gewesen und sogar Doktor der Scientology geworden, eine frühe Würde, die von der Bewegung heute nicht mehr verliehen wird.

Ramer löste sich von Scientology und gründete eine eigene Gruppe. Er wurde wegen eines bewaffneten Raubüberfalls verhaftet und später nach McNeil-Island geschickt.

Manson erzählte einem Gefängnisbesucher, er hätte im Gefängnis hundertfünfzig »Schulungssitzungen« mitgemacht – offenbar unter Lanier Ramer. Er behauptete, er hätte sich die scientologische Methode sehr rasch angeeignet, weil sein »Geist nicht programmiert war«. Aber Manson war in keiner Weise ein »Produkt« von Scientology; er entlehnte von ihr lediglich einige Ideen. Die Scientologen nennen das Squirreling – das heißt, jemand übernimmt und modifiziert Praktiken oder Methoden der Scientology.

Manson eignete sich eine Menge scientologischer Phrasen, Neologismen und Praktiken an, die er für seine eigenen Zwecke nutzbar machte, als er später den Geist seiner Jünger neu zu gestalten begann. Ausdrücke wie »Hör auf zu sein« und »Komm ins Jetzt« und die Vorstellung vom »Bilder-Heraufbeschwören« scheinen ihren Ursprung in seinen Sitzungen mit Lanier Ramer zu haben.

Manson befasste sich außerdem mit Freimaurerei und erwarb einige Kenntnisse über freimaurerische Handzeichen (die er später bei Gerichtsverhandlungen den Richtern signalisieren sollte). Offenbar erfuhr er auch einiges über die Erkennungszeichen der Scientology. Später, in der Ära des Grusel-Grauens, sollte Manson unter seinen Anhängern ein eigenes komplexes System von Hand- und Körperzeichen, eine regelrechte Sprache aus Bewegungen und Zuckungen, entwickeln.

Für jemanden, der im Lesen und Schreiben so ungeübt war, zeigte Manson ein hohes Interesse an bestimmten Büchern über Hypnotismus und Psychiatrie. Einem Freund zufolge interessierte er sich ganz besonders für ein Buch mit dem Titel Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie von Dr. Eric Berne, dem Autor von Spiele der Erwachsenen. Charlie, der ewige Ereiferer, drängte seine Freunde, die von ihm entdeckten Bücher ebenfalls zu lesen. Vielleicht war es das Studium der Transaktionsanalye, das Manson auf seine perverse Doktrin vom Kind-Geist brachte. Sicher dürfte sein, dass er aus den ersten Werken der Gruppentherapie eine Menge Ideen entlehnt hat.

Er hatte einen Freund, einen gewissen Marvin White, der anscheinend aus dem Gefängnis McNeil-Island entlassen wurde und dann dafür sorgte, dass Manson Bücher über Schwarze Magie und verwandte Gebiete geschickt bekam.

Ein weiteres Buch, das Manson eine theoretische Basis für seine Family lieferte, war Robert Heinleins Stranger in a Strange Land_1, die Geschichte eines machthungrigen, telepathisch veranlagten Marsmenschen, der mit seinem Harem und einem unstillbaren Sexualhunger die Erde durchstreift und Anhänger für eine neue religiöse Bewegung wirbt. Am Anfang übernahm Manson viele Begriffe und Ideen aus diesem Buch – darunter hoffentlich nicht den darin beschriebenen rituellen Kannibalismus.

Mit dem Helden des Buches, einem gewissen Valentine Michael Smith, sollte sich Manson später identifizieren (sein erstes Kind von einer Anhängerin erhielt den Namen Valentine Michael Manson). Dieser Smith, der eine religiöse Bewegung gründete, tötet oder »entleibt« seine Feinde. Er wird schließlich von einer aufgebrachten Menge zu Tode geprügelt und fährt zum Himmel auf.

Bis zum heutigen Tag halten Mansons Anhänger Zeremonien der Wasser-Kommunion ab, bei denen ein Kreis sitzender Adepten auf ein Glas Wasser starrt, und an denen Manson im Gefängnis auf magische Weise aus der Ferne teilnimmt.

Am besten scheint er sich jedoch in der Bibel ausgekannt zu haben, aus der er lange Stellen zitieren konnte. Außerdem fing er an, seine Zeit auch mit Singen und dem Schreiben von Songs auszufüllen. Der Gedanke, Künstler zu werden, schien ihn zu verlocken. Um diese Zeit hat er offenbar die Erlaubnis bekommen, sich eine Gitarre schicken zu lassen. »Ein Mexikaner hat mir Gitarrespielen beigebracht«, schrieb er. Eine junge Dame, die in der Silverlake-Gegend von Los Angeles eine Boutique hatte, erinnerte sich an Charlie, wie er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit seiner Gitarre in ihrem Laden erschien und ihr »wunderschöne Liebeslieder auf spanisch« vorsang – Lieder, die er wahrscheinlich im Gefängnis gelernt hatte.

Die Beatles erregten schon sehr früh seine Aufmerksamkeit – schon während der Wanna-Hold-Your-Hand-Manie von 1963/64. Alvin Karpis von der Barker-Karpis-Bande erinnert sich daran: »Ständig redete er davon, dass er wie die Beatles rauskommen könnte, wenn er die Chance hätte. Immer wieder bat er mich, ihn mit großen Leuten wie Frankie Carbo und Dave Beck zusammenzubringen; mit irgendwem, der ihm zu einem großen Start verhelfen konnte, wenn er raus war.«

Nach fünf Jahren in McNeil-Island klügelten mehrere Freunde von Manson, sogenannte Gefängnisanwälte – Häftlinge mit Rechtskenntnissen –, ein juristisches Manöver aus, durch das Manson am 29. Juni 1966 von McNeil-Island, Washington nach Terminal-Island in San Pedro in die Nähe von Los Angeles verlegt wurde. Wahrscheinlich glaubte man, die Chancen, früher entlassen zu werden, stünden für ihn dort besser.

Auf Terminal-Island begann Manson wirklich, sich auf die Operation Superstar vorzubereiten. Er verbrachte knapp ein Jahr dort.

Freunde erinnern sich, wie er sich fanatisch der Musik und dem Singen widmete.

Ein gewisser Phil Kaufman, der wegen einer Marihuana-Sache im Gefängnis saß, war beeindruckt von Mansons musikalischen Fähigkeiten und machte ihm das Angebot, ihm mit gewissen Verbindungen, die er draußen hatte, weiterzuhelfen, sobald Manson entlassen werde. Anscheinend hat Kaufman ihm den Namen eines Bekannten bei den Universal Studios in Hollywood gegeben, wo Manson Ende 1967 seine Songs aufnehmen lassen sollte.

Manson schloss viele Freundschaften im Laufe dieser sieben Jahre im Gefängnis. Einige Zellengenossen sagen, er hätte die ganze Zeit geplant, eine Armee von Outcasts um sich zu scharen, mit denen er »unter dem Bewusstsein« der Mutterkultur operieren wollte. Andere sagen, er sei ein Widerling gewesen, aber viele erinnern sich seiner mit Zuneigung und sind anscheinend ganz verstört darüber, dass er später zum Anführer einer Killerhorde werden konnte.

Dennoch kann man bestimmt sagen, dass er nach seiner Entlassung durchaus eine Chance hatte. Eine verwickelte, langwierige Tragödie hatte Charles Manson sein ganzes Leben lang herumgeboxt. Doch nun, 1967, hatte die Liebe die Aufmerksamkeit des kriegstollen Amerika gefesselt, und die Straßen waren gepflastert mit Anerkennung für einen Troubadour und umherziehenden Sammler von wehmütigen, verwundeten Kindern des Krieges.

2. Aus dem Knast in den Sommer der Liebe

Mit 35 Dollar und einem Koffer voll »Kleidung« verließ Manson am 21. März 1967 das Gefängnis, nachdem er eine Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten abgesessen hatte. Er war 32 Jahre alt.

Der Legende nach soll Manson versucht haben, ins Gefängnis zurückzukehren, oder zumindest beim Verlassen des Gebäudes gezögert haben. Doch als er sich dann draußen auf der Straße befand, begann er eine zweieinhalb Jahre währende ruhelose Wanderschaft.

Zunächst streifte Charlie drei Tage lang zu Fuß und in Bussen durch Los Angeles. Dann ging er in Richtung Norden, nach Berkeley, um dort einige Freunde zu besuchen, die er im Gefängnis kennengelernt hatte.

Manson war darauf aus, als fahrender Musikant oder wandernder Straßensänger aufzutreten. Einige Zeit verbrachte er mit seiner Gitarre auf dem Campus der Berkeley University. Mit der Gitarre in der Hand begann er, in den Straßen von Berkeley zu schnorren. An einem Frühlingstag saß und sang er auf der Campus-Promenade neben dem Sather-Gate, als er die schlanke, rothaarige Mary Theresa Brunner aus Eau Claire, Wisconsin kennenlernte. Das Mädchen hatte kürzlich ihr Studium an der Universität von Wisconsin abgeschlossen und arbeitete nun in der Bibliothek der Universität von Kalifornien. Abigail Folger, die Erbin des Vermögens der Folger Coffee Company, arbeitete damals ebenfalls in Berkeley, und zwar am Kunstmuseum der Universität. Manson und Mary Brunner wurden sofort Freunde, und offenbar zog er zu ihr in die Wohnung.

Da er unter Bewährungsaufsicht stand, musste Manson in engem Kontakt mit seinem Bewährungshelfer bleiben, das heißt, er musste ihn über seinen Wohnsitz, seine Arbeit und seine sonstigen Aktivitäten auf dem laufenden halten. Manson war einem Bewährungshelfer namens Roger Smith zugeteilt worden, der sich mit ihm anfreundete. Charlie benutzte viele Ausdrücke und Redensarten aus dem Roman Stranger in a Strange Land, wie »Grok« und »Du bist Gott« und »Teile das Wasser«, und so tauften er und die Mädchen Roger Smith auf den Namen Jubal – nach dem väterlichen Beschützer Jubal Harshaw aus dem Heinlein-Roman.

Straffällige, die unter Bewährung stehen, sind gehalten, sich eine nützliche Arbeit zu suchen, und so suchte sich Manson einen Job als Alleinunterhalter beziehungsweise bekam ihn angeboten. Tatsächlich trat er in einem Nachtclub im Vergnügungsviertel von San Francisco auf. Außerdem hat er möglicherweise auch in einem Club in North Beach gespielt. Sein Bewährungshelfer sagt, Manson sei ein Job in Kanada angeboten worden, wo er singen sollte.

Es ist fast unmöglich, Mansons Wanderschaft Anfang 1967 nachzuzeichnen, zumal er sein Nomadenleben sofort aufnahm. Wer kann sich schon an einzelne Ereignisse in einer bestimmten Woche Anfang 1967 erinnern?

Manson unternahm mehrere ernsthafte Versuche, seine Mutter Kathleen ausfindig zu machen. Er ließ sich von seinem Bewährungshelfer verschiedene Male die Erlaubnis geben, aus dem Staat auszureisen. Einmal fuhr er nordwärts, nach Washington, um sie dort zu suchen. Ein anderes Mal reiste er nach Osten, nach West Virginia.

Eine junge Rothaarige namens Lynette Fromme gesellte sich zu Mary Brunner als Nummer zwei des »Inneren Kreises« von Mädchen. Charlie hatte sie in der Nähe des Strandes von Venice, Kalifornien aufgelesen; sie hatte heulend am Straßenrand gesessen, und er hatte sie überredet mitzukommen. Es heißt, sie sei kurz zuvor in Redondo-Beach nach einem Streit mit ihrem Vater aus dem Haus geworfen worden.

Sie wurde initiiert. »Ich bin der Gott des Ficks«, soll er zu ihr anschließend gesagt haben. Im Frühjahr und Sommer 1967 lebten Manson und die Mädchen vorübergehend in 636 Cole, zusammen mit einer hübschen ehemaligen Nonne namens Mary Ann. Manson verbrachte einige Zeit auf den Straßen von Haight-Ashbury, wo er zwischen den Blumenkindern ziellos umherstreifte. Ein sechzehnjähriges, von zu Hause ausgerissenes Blumenkind, vielleicht ein Junge, vielleicht ein Mädchen, das ist nicht so wichtig, allein und ohne Bleibe, bot Charlie seine oder ihre Freundschaft an. Den Mann, der seine Jugend im Gefängnis verbracht hatte, setzte es in Erstaunen, wie dieses junge Wesen da so einfach im Golden Gate Park im Freien übernachtete.

Es sind Hunderte von Anekdoten im Umlauf über den Manson von Haight-Ashbury – die meisten davon sind Glorifizierungen. Die Wirklichkeit war anders; er war ein kleiner, redegewandter, schmieriger Kerl, der sich mit seiner Gitarre an junge Mädchen heranmachte, die er mit Gurugeschwätz und Mystizismen zu beeindrucken versuchte – eine Taktik, die damals in Haight-Ashbury durchaus Erfolg versprechend war.

Laut eigenen Aussagen wurde Manson eine Art Quartiermacher für jugendliche Ausreißer. Ganz zu Anfang begegnete er einem von zu Hause weggelaufenen Mädchen, das er bei einem Freund unterbrachte, und als er die Wohnung seines Freundes verließ, stieß er auf ein weiteres junges Mädchen mit Blumen im Haar: Sie wurde sein Housekeeper.

Als Manson das erste Mal LSD nahm, änderte das sein Leben insofern, als er einen mühseligen Kreuzwegtrip machte, auf dem er die Kreuzigung Jesu Christi erfuhr – eine ziemlich weitverbreitete LSD-Erfahrung, die ihn jedoch wirklich prägte, weil sie dem Chaos in ihm Form und Gestalt gab. Charlie Man Son – der Menschensohn. Ganz klar.

Der Jesus-Tick der Family stützte sich vor allem auf ihre Überzeugung, dass Jesus und seine Jünger Manson und den Mädchen sehr ähnlich gewesen sein müssten. Sie meinten, neunzig Jahre nach Christus hätten duckmäuserische Priester die liebenden, sinnlich-sexuellen Christen abgetötet und so den ursprünglichen christlichen Impuls vernichtet. Das Vorbild aber hätten diese Priester durch ihren eigenen schwarz gewandeten, sexlosen Todeshauch ersetzt.

In Haight-Ashbury begegnete Manson wirklich allen Strömungen, die die Subkultur während des letzten Jahrzehnts in den Vereinigten Staaten hervorgebracht hatte. LSD-Musik. Drogen. Sexuelle Freiheit. Turn on, tune in, drop out. Freiheitsbewegungen. Friedensmärsche. Provos. Guerillatheater. Kommunen. Lange Haare. Die Vorstellung vom Underground-Superstar. Astrologie. Okkultismus. Underground-Zeitungen. Pennlager. Psychedelische Kunst. Bei einem Konzert der Grateful Dead im Avalon Ballroom legte sich Manson in Fetushaltung mitten auf die Tanzfläche und ließ sich vom Blitzen der Stroboskoplampen in Trance versetzen.

In Haight-Ashbury schien er eine vertraute, überall aufkreuzende Gestalt zu sein. Er behauptete, mit den Diggers zusammen gewesen zu sein, als sie damals ihre täglichen Freimahlzeiten im Panhandle Park austeilten. Vielleicht hat er sogar einige Zeit in einem Haus hinter dem Pennlager der Digger in der Waller Street gelebt. Dieses Haus in der Waller Street sollte später, in der Ära des psychedelischen Satanismus, in »The Devil House« umgetauft werden.

Charlie machte einen ungeheuer nachhaltigen Eindruck auf viele der Leute, die ihm begegneten. Er wirkte offen. Er besaß ein unglaubliches Talent, einen Teil seiner Persönlichkeit gegen einen anderen auszuspielen, Schwächen aufzudecken – um so Verwirrung zu stiften und sich anschließend als echter Führer ins Licht zu rücken. Auf alles hatte er eine rasche, gewandte, aber scheinbar komplizierte Antwort parat. Obgleich er allen sagte, sie sollten nur das tun, was sie von sich aus tun müssten, und sie sollten sie selbst sein, zog seine persönliche magnetische Kraft – in Verbindung mit einem ständigen Ausleseprozess – all jene an, die nach einem Führer dürsteten. Herrschaft war das, worauf es Charles bei allem anlegte, auch wenn er der Befreiung und Freiheit das Wort redete.

»Ich bin eine sehr positive Kraft. Ich bin ein sehr positives Feld. Ich sammle Negative«, sagte er später zu einem befreundeten Rechtsanwalt.

Gern erzählte Manson von seiner frühen Jugend, scheußliche Jahre, in denen er nur Zurückweisung, Gefängnis und Armut erlebt hatte. Einmal hätte seine Mutter ihn für ein Glas Bier verkauft, behauptete er. Nun konnte er über ein eigenes Universum verfügen. Dennoch war er schrecklich unsicher und das Lob seiner Anhänger war ihm kein Trost.

Mary Brunner behielt ihren Job in der Bibliothek, und ihre Adresse in Berkeley blieb dieselbe. Unter dieser Adresse war auch Manson bei seinem Bewährungshelfer gemeldet. Manson gefiel es, mit seiner Gitarre durch die Gegend zu ziehen. Per Autostop pendelte er zwischen Haight-Ashbury und Berkeley hin und her. Im Juli 1967 wurde er von einem Geistlichen namens Dean Morehouse aufgelesen, der ihn nach Hause mitnahm, nach San Jose, wo er dessen Frau und die vierzehnjährige Tochter Ruth Ann alias Ouisch kennenlernte. Später, während seines Mordprozesses, schilderte Manson einem Anwalt diese Begegnung so: Reverend Morehouse habe ihn in seinem kleinen Lieferwagen mitgenommen, und das sei der Beginn einer sehr dauerhaften Freundschaft gewesen – bis Morehouse ungefähr ein Jahr später ins Gefängnis geschickt wurde, weil er einer Dreizehnjährigen LSD angedreht hatte.

Manson bewunderte ein Klavier in der Wohnung des Reverends, und Morehouse schenkte es ihm. Doch Manson tauschte es gleich wieder ein gegen einen VW-Bus, den er in der Gegend gesehen hatte. Morehouse selbst brachte das Klavier mit seinem Lieferwagen dorthin, und Manson war nun im Besitz eines VW-Busses, Baujahr1961, mit dem Nummernschild CSY 087.

Ende Juli 1967 fuhr die Truppe an die Küste von Mendocino, nördlich von Frisco, wo Mary Brunner schwanger wurde. Mary Brunners Schwangerschaft scheint in der Geschichte der Family der einzige belegbare Fall einer von Manson verursachten Schwangerschaft zu sein. Was sehr merkwürdig ist. Denn wenn man nach den Aussagen von Mansons Vertrauten einen Durchschnitt von drei Orgasmen pro Tag annimmt, was, auf zweieinhalb Jahre umgerechnet, ungefähr dreitausendmal Geschlechtsverkehr ergibt, dann wäre schon eine größere Anzahl von Schwangerschaften zu erwarten gewesen.

Am 28. Juli wurde Manson in Mendocino-County verhaftet, weil er versucht hatte, einer von der Polizei aufgegriffenen jugendlichen Ausreißerin zu Hilfe zu kommen. Diese Ausreißerin war Ouisch, Tochter von Mr. und Mrs. Morehouse, die Manson auf seine Reise mitgenommen hatte. Die Eltern schickten ihm die Bullen hinterher, und er erhielt ein Urteil, das aber ausgesetzt wurde.

Man hätte in San Francisco leben müssen, um die Raserei zu begreifen, die im Frühjahr und Sommer 1967 über Haight-Ashbury brandete. In ganz Amerika verbreitete sich die Botschaft, um der Liebe und der Blumen willen nach San Francisco zu kommen. Kalifornien wurde überflutet von dem, was die New York Times als »Hippies« etikettierte.

Aber überall in den USA, in Hunderten von Städten, gab es in diesem Frühjahr und Sommer 1967 Love-ins, Be-ins, Share-ins und Blumen. Allerdings war auch diesmal – wie für die Beat-Generation der späten Fünfziger Jahre – San Francisco das Nervenzentrum. Potentiell war die Flower-Power-Bewegung eine der machtvollsten verändernden Kräfte, die es in der jüngsten Geschichte gegeben hat. Durch die Arbeit der San Francisco Diggers, der Free Clinic in San Francisco, durch die Musikszene von San Francisco, das San Francisco Oracle, durch San Franciscos Underground-Zeitungen aus jener Zeit – durch all diese und noch andere Unternehmungen rückten die Dinge in San Francisco in den Brennpunkt. Es war ein großartiges Experiment. Es war die Politik der Freiheit. Die Digger gaben jeden Tag im Panhandle Park freies Essen aus. Die Haight-Ashbury Medical Clinic gewährte freie ärztliche Behandlung. Im Park gab es ständig kostenlose Konzerte. Menschen lebten und liebten auf den Straßen und in den Parks. Das alles bedeutete Freiheit. Es gab keine Vorschriften. Aber da war eine Schwäche: Unter dem Gesichtspunkt der Verletzlichkeit betrachtet, glich die Flower-Power-Bewegung einem von Tausenden pummeliger weißer Kaninchen bevölkerten Tal, das von verwundeten Kojoten umzingelt war. Sicher, die »Anführer« waren zäh, manche von ihnen Genies und großartige Dichter. Aber die LSD-schluckenden Mittelklassekinder aus Des Moines waren Kaninchen.

Haight-Ashbury zog gemeine Verbrecher an, die sich langes Haar wachsen ließen. Motorradgangs versuchten, mit brutal-sadistischen Methoden den LSD-Markt zu übernehmen. Gepanschte Drogen wurden von pickeligen Amphetaminsüchtigen verkauft. Teufelsanbeter und satanisch-brutale Todes-Freaks überschwemmten die überfüllten Pennlager. Leute wurden in den Parks ausgeraubt. Rassenunruhen kamen auf. Kotze wurde als Heilsbotschaft verkauft. Die Szene ging kaputt.

Und Manson führte seine Kinder fort. Denn am Ende dieses Sommers der Blumen waren die Straßen von Haight-Ashbury verrottet und voller Unrat, und die Flower-Power-Krämerläden begannen den großen Ausverkauf an psychedelischem Plunder. Als Charlie die kalifornische Küste hinauf- und hinunterzog, warnte er alle Autostopper und Ausreißer davor, nach Haight-Ashbury zu gehen.

1967, in diesem Sommer der Liebe, lebten zwei Knastfreunde, die er auf Terminal-Island kennengelernt hatte, mit Charlie in Haight-Ashbury. Einer war der legendäre Danny M., ein geschickter Geldfälscher. Mitglieder der Family pflegten damit zu prahlen, dass Dannys Zwanzig-Dollar-Noten gewöhnlich zu 96 Prozent perfekt seien, die vom US-Schatzamt dagegen nur zu 94 Prozent.

Diese Burschen waren gemein, rücksichtslos und gerissen, doch als sie nun unter Charlies Einfluss gerieten, ließen sie sich die Haare lang wachsen und begannen an der Flower-Power-Bewegung Gefallen zu finden und mitzumachen – so wie der Wind bald von der einen, bald von der anderen Seite weht.

Eine Geschichte aus diesem Sommer der Liebe berichtet von dem Ritual des Waffenversenkens am Golden Gate. Es heißt, dass Charlie und seine Blumenmädchen gegen Ende des Sommers entschlossen gewesen seien, die Kurve zu kratzen. Seine beiden Freunde aus Terminal-Island wollten offenbar zurückbleiben. Charlie bat die Typen um die Waffen, die sie, wie er wusste, besaßen. Er bekam die Waffen, hüllte sie in Tücher, hielt eine Art Zeremonie über ihnen ab und brachte sie dann zur Golden Gate Bridge, wo er sie mehrere hundert Fuß tief in der Bucht von San Francisco versenkte.

Am Ende dieses Sommers der Liebe brach die Gruppe auf, um auf den Küstenstraßen umherzustreifen. Sie lebten von Gelegenheitsjobs, sie machten Tankstellen sauber, taten dies und jenes. Eine weitere Geschichte, die sich rasch verbreitete, war die von Manson dem Meisterschnorrer. Es fiel ihm leicht, Dinge zu bekommen. Er ging zu einem Haus, und jedes mal schienen ihm die Leute etwas zu geben – die Legende schreibt das den »Vibrationen Christi« zu, die von Manson ausgingen.

Irgendwann, möglicherweise im August 1967, bezogen Charlie, Lynette Fromme – genannt Squeaky – und Mary Brunner eine Wohnung in der Bath Street 705 im kalifornischen Santa Barbara, 330 Meilen südlich von San Francisco. Am oder um den 8. September 1967 herum besuchten die drei einen früheren Knastbruder Mansons namens Greene, der in Manhattan Beach, in der Nähe von Los Angeles, wohnte. Ebenfalls bei Greene zu Besuch war ein Mädchen namens Patricia Krenwinkel, ein einsames, suchendes Geschöpf mit einem endokrinen Problem – zu viel Körperhaar. Sie war der Typ Mädchen, der – wie ihre früheren Tagebucheintragungen belegen – bei Schultanzveranstaltungen als Mauerblümchen in der Ecke sitzen geblieben war.

Patricia kam aus dem kalifornischen Inglewood und war achtzehn Jahre alt. Sie hatte früher an einer Sonntagsschule unterrichtet und war von der Bibel besessen – später sollte sie noch weite Reisen ins LSD-Bibelland Mansons unternehmen und dabei im Übermaß aus der Heiligen Schrift zitieren. Zusammen mit ihrer Schwester Charlene lebte sie in einem Apartment in Manhattan Beach, und während die anderen Mädchen mit dem Kleinbus nach Norden fuhren, blieb Manson mit Miss Krenwinkel für vier Tage dort zurück.

Dann kamen Squeaky und Mary wieder. Patricia hatte bis dahin einen unbefriedigenden Job bei der Insurance Company of North America gehabt. In der Nacht zum 12. September 1967 ließ sie ihren Wagen an einer Tankstelle stehen und schloss sich der Manson-Bewegung an. Die meisten populären Berichte der Manson-Story berichten staunend, dass Miss Krenwinkel gar ihren Gehaltsscheck von der Versicherung uneingelöst zurückließ. Ja, welcher echte Amerikaner würde schon einen Gehaltsscheck liegen lassen?

Patricia Krenwinkel war in der Lage, der wachsenden Family – deren Mitglieder damals natürlich nur als »Charlies Mädchen« bekannt waren – neben ihrer Seele die Gabe aller Gaben darzubringen: eine gültige Chevron-Kreditkarte, für die ihr Vater bürgte, der seine Tochter genügend liebte, um weiterhin die Rechnungen zu bezahlen. Außerdem stellte sie auch eine Telefon-Kreditkarte zur Verfügung.

Solcherart finanziert fuhren sie nordwärts, durch Santa Barbara und nach San Francisco. Dann, am 15. September 1967, reisten sie weiter nach Oregon. Der VW-Bus fuhr zwei Wochen lang zwischen Washington und Oregon hin und her und hielt sich geraume Zeit in der Gegend von Seattle auf. Eines der Ziele dieser Reise nach Nordwesten war es wahrscheinlich, Charlies verlorengegangene Mutter ausfindig zu machen.

Auf dieser Reise in den Norden trafen Manson und Anhang einen 25jährigen Jungen aus Monroe, Louisiana, Bruce Davis, der bald einer der männlichen Hauptjünger Mansons werden sollte. Davis war der Herausgeber des High-School-Jahrbuches in Kingston, Tennessee gewesen, hatte danach drei Jahre lang die University of Tennessee besucht, dann eine Reihe Gelegenheitsjobs gehabt, bis er schließlich im November 1966 von der Bildfläche Amerikas verschwand und sich vorübergehend dem Underground anschloss.

Am 1. Oktober 1967 fuhr der Kleinbus auf dem Rückweg nach San Francisco durch Carson City, Nevada. Die Mitglieder der Gruppe verbrachten ungefähr zehn Tage im Gebiet von San Francisco/Berkeley, dann brachen sie nach Sacramento auf, wo sie ein paar Wochen blieben, möglicherweise in der dortigen Wohnung der hübschen Ex-Nonne Mary Ann, mit der sie den Sommer der Blumen verbracht hatten.

Am 6. Oktober 1967 hielten die Bewohner von Haight-Ashbury im Buena Vista Park in San Francisco eine Begräbnisfeier für einen »Hippie, Sohn der Medien« ab. Die Feier war mehr als ein Symbol, denn sie bezeichnete das Ende eines großartigen Experiments und den Beginn der Ära der »Pigs«. Einladungen mit folgendem Text wurden verschickt:

 

- BEGRÄBNISANZEIGE -

H I P P I E

Haight-Ashbury

Bezirk dieser Stadt,

Hippie, ergebener Sohn

der Massenmedien

Freunde sind eingeladen,

der Trauerfeier beizuwohnen.

Beginn bei Sonnenaufgang,

am 6. Oktober 1967

im Buena Vista Park

 

Mansons Gruppe wuchs. Es waren zu viele Mitglieder, als dass sie alle in dem VW-Bus hätten schlafen oder gar sich rühren können. Außerdem machte sich der Winter langsam bemerkbar. Da bot sich ihnen die Gelegenheit, für ihre weiteren Reisen einen Schulbus zu erwerben.

Es waren Ken Kesey und seine Gruppe der Merry Pranksters, darunter auch der großartige Neal Cassady, die in den Jahren 1964 und 1965 die Idee aufgebracht hatten, in angemalten und kunstvoll dekorierten Schulbussen als »sittsame« Fahrensleute umherzureisen.

Diese Leute waren es, die in Gruppen mit LSD-Trips und, wichtiger noch, mit mystischen Gruppenerfahrungen unter LSD-Einwirkung experimentierten. Auf ihren Fahrten drehten sie auch Filme. Keseys Gruppe jedoch war auf der »guten« Seite.

An diese Geschichte knüpfte Manson an: Aber sein schwarzer Bus, der von Bob Beausoleil mit einem Ziegenkopf bemalt worden war, verließ die Blumeninsel, um ein Land anzusteuern, wo Folter und Gemetzel zu Hause sind.

Sie gaben – vermutlich in Sacramento – den VW-Bus gegen einen alten gelben Schulbus in Zahlung, der groß genug war, um das wachsende Rudel von Jugendlichen aufzunehmen. Manson behauptet, das Geld dafür beim Zocken in Nevada gewonnen zu haben. Den Bus hätten sie einem Holländer abgekauft. Es gäbe da aber ein Problem, sagte der Holländer. Man habe den Bus aus einem Fluss herausgezogen, und tote Kinder seien drin gewesen. Er sei mit einem Fluch belegt. Uiii!

Am 16. Oktober 1967 statteten sie bei Stewart E. Millers Standard-Chevron-Tankstelle in Sacramento den Schulbus mit einer Batterie von 39 Dollar und zwei Sätzen 825-20-Reifen von insgesamt 216,20 Dollar aus.

Aus dem hinteren Teil des Busses entfernten sie die Sitze, um sich so einen Wohnraum zu schaffen. Auf das Dach montierten sie eine große Box. Im Laufe der Zeit brachten sie in dem Bus einen Eisschrank, eine Stereoanlage und einen an Drähten hängenden Tisch sowie eine Menge von Kissen unter. Die Innenwände bemalten sie nach und nach mit Farbstrudeln im Early-Acid-American-Dayglo-Stil. Gottesaugen, Pfauenfedern und Musikinstrumente vermittelten die drogenbewegte Stimmung. Zunächst behielt der Bus zwar sein Schulgelb, doch als die Polizei sie anzuhalten begann, weil sie gegen die Verordnungen zur Benutzung von Schulbussen verstießen, besorgten sie sich an irgendeinem Strand eine ganze Menge schwarzer Sprühfarbe, und einige Bikers sprühten den Bus einschließlich der Fenster schwarz an. Sie wollten den Bus mit weißen Lettern bemalen, eine Arbeit, die eine junge Französin übernahm, doch unter ihrer Hand wurden aus den geplanten »Hollywood Productions« die »Holywood Productions«. Die Idee war nämlich, sich als umherziehendes Filmteam auszugeben – dadurch wollte man den Problemen aus dem Weg gehen, die sich, besonders seitens der Polizei, für einen 33jährigen Mann mit einer Busladung voller Teenagern in Miniröcken aufwerfen konnten.

Im November wurde Mansons Bewährungsaufsicht von San Francisco nach Los Angeles übertragen, das heißt, Charlie wollte offenbar seine Operationsbasis nach Südkalifornien verlegen. Um den 7. oder 8. November herum fuhr Manson nach San Francisco, wo er ein hübsches junges Mädchen, Susan Denise Atkins, in einem Haus an der Oak, Ecke Lyon in Hashbury kennenlernte, wo sie mit einigen Dealern zusammenlebte. Die geniale Janis Joplin wohnte in der Nähe, und Susan saß gern auf der Veranda, um ihr beim Üben zuzuhören. Einige andere Mädchen aus dem Haus bestiegen gemeinsam mit Susan Atkins den Bus. Eins von ihnen war Ella, vermutlich identisch mit Yeller, die die Gruppe später bei Beach Boy Dennis Wilson in Los Angeles einführen sollte.

Susan war eine leicht zu beeindruckende Neunzehnjährige aus San Jose, Kalifornien, die in ihrer Kindheit nur Zank und Widerwärtigkeiten erlebt hatte. In ihrem Elternhaus war ständig gestritten und getrunken worden. Als Susan 13 war, starb ihre Mutter an Krebs, und sie selbst sang mit ihrem Kirchenchor eine religiöse Serenade draußen vor dem Schlafzimmerfenster ihrer sterbenden Mutter. Nach dem Tod der Mutter musste Mr. Atkins ihr Haus verkaufen, um die Rechnungen für die Krebsbehandlung bezahlen zu können.

Mit 15 ging Susan von der Schule ab, und dann, mit 16, ging sie nach San Francisco. Das war 1964. Dort richtete sie sich ein. Im Jahre 1966 arbeitete sie als Kellnerin und lebte mehr oder weniger allein in einem Hotel in San Francisco. Sie machte die Bekanntschaft einiger Männer, die von bewaffneten Raubüberfällen lebten.

Im August 1966 begegnete die inzwischen achtzehnjährige Sue in San Francisco einem Typen namens Al Sund. Al und ein anderer Typ, Clint Talioferro, nahmen Susan in einem gestohlenen Buick Riviera mit auf einen Trip nordwärts, nach Salem, Oregon. Als sie spitz bekamen, dass die Bullen hinter ihnen her waren, versteckten sie sich in den Wäldern, wo sie von anderen Campern Essen schnorrten – eben ganz gewöhnliche Outlaws in der Wildnis.

Am 12. September 1966 wurde Susan von der Oregon State Police verhaftet. Sie schmachtete drei Monate lang im Knast und im Dezember wurde ihre Strafe mit einer zweijährigen Bewährungsfrist ausgesetzt. Sie verkrümelte sich und kehrte nach San Francisco zurück, wo sie schon zuvor als Kellnerin, als Busenwacklerin in einer Oben-ohne-Bar und als Hausmädchen in Muir Beach gearbeitet hatte.

Sie setzte ihre Karriere als Oben-ohne-Tänzerin und Kellnerin in einer Bar fort. Sie schluckte LSD und experimentierte mit verschiedenen Lebensstilen. Sie hatte eine Reihe von Affären mit Männern, die sie ausnutzten. Dann begegnete sie Gott.

Am Tag, bevor sie Manson traf, erzählte sie einem Sozialarbeiter, sie wolle als Tänzerin Karriere machen. Als sie Charlie kennenlernte, sang er ihr Lieder vor und begleitete sie dann zu ihrer Wohnung. Während sie miteinander schliefen, bat er sie, sich vorzustellen, er wäre ihr Vater. Sie tat es. Später meinte sie, es sei die erhebendste Erfahrung gewesen, die sie mit ihren neunzehn Jahren bis dahin gemacht habe.

Nach dieser ersten Begegnung soll Manson nach Sacramento zurückgefahren sein und den neu geschmückten Bus nach San Francisco gebracht haben. Er hielt seine Dropouts dazu an, sich auf die Reise nach Süden vorzubereiten. Er fragte Susan, ob sie bereit sei, sich ihnen anzuschließen. Ja, sie war es. Später beglückte er sie mit einem neuen Namen, Sadie Mae Glutz. Um den 10. November 1967 herum meldete sich Susan Atkins bei ihrer Bewährungsstelle in San Francisco und erzählte aufgeregt von einem Wanderprediger namens Charlie. Seinen Nachnamen wusste sie nicht. Susan erzählte von sieben Mädchen, zwei von ihnen schwanger, die diesen Charlie auf einer Fahrt nach Los Angeles und weiter nach Florida begleiten wollten.

Der Bewährungshelfer war von diesem Abenteuer alles andere als begeistert. Auf der Stelle schrieb er an die Behörden in Oregon mit dem Ersuchen, Miss Atkins dem Gericht zu einer Verhandlung über den Widerruf der Bewährung vorzuführen. Doch Sadie/Susan saß bereits im Bus, der die 101 hinuntersauste.

Aus Kreditkartendaten lässt sich entnehmen, dass Manson am 10. November die Universal Studios in North Hollywood anrief. Offenbar wollte er einen Termin für Tonaufnahmen vereinbaren, um die »Operation Superstar« anlaufen zu lassen.

In den Universal Studios in Los Angeles war ein gewisser Gary Stromberg tätig, ein enger Freund von Mansons Gefängnisgefährten Phil Kaufman. Charlie setzte sich über Kaufman mit Stromberg in Verbindung und die beiden einigten sich darauf, dass er für Universal Records eine oder mehrere Aufnahmen machen sollte, wobei Universal offenbar die Kosten übernehmen wollte.

Der Bus fuhr nun die Küste hinunter, einer ruhmreichen Verabredung entgegen. Sie machten Station in San Jose, wo sie Reverend Dean Morehouse und seine Frau besuchten und deren vierzehnjähriger Tochter Ruth Ann erzählten, wo sie die Gruppe finden könnte. Ruth Ann kam auf der Stelle mit und begleitete sie auf einer Reise, die drei Jahre dauern sollte. Drei Tage nachdem Manson mit der eigenwilligen Ruth Ann auf und davon war, stöberte ihn Morehouse, begleitet von dem Mann, der Charlie damals den VW-Kleinbus gegeben hatte, in der Nähe von Los Angeles auf und wollte ihm einen Tritt in den Hintern geben.

»Ich mach' mit ihr nur das, was du gern mit ihr machen würdest«, soll Manson zu dem wutentbrannten Vater gesagt haben. Charlie verpasste Morehouse auch etwas LSD. Seine Frau, die sich später scheiden ließ, war verblüfft über die Wirkung, die Manson im Verlauf dieser Reise auf ihren Mann ausgeübt hatte: Ruth blieb bei Charlie, während Dean als veränderter Mensch nach San Jose zurückkehrte. Wutschnaubend war er ausgezogen, und halb bekehrt zum »Way of the Bus« kam er zurück.

Am 12. November 1967 wurde Manson 33 Jahre alt.

Seit seinem LSD-Trip auf dem Grateful Dead-Konzert hielt sich Manson für Jesus und begann geschickt, einen der größten Sektenschwindel überhaupt zu inszenieren, den »Ich-bin-Jesus«-Schwindel. Im Jahre 1967 musste man dabei vorsichtig vorgehen. Da er ohnehin abergläubische und spiritistisch-veranlagte Typen anzog, bestand eine seiner Methoden darin, sich in das Zentrum angeblicher »Wunder« zu stellen, die man unter Einfluss von Halluzinationen erlebte. Ein solches Ereignis hat sich anscheinend auf der ersten Fahrt mit dem schwarzen Bus nach L.A. abgespielt. Man könnte es die »Parabel vom strahlgerösteten Biker« nennen:

Im Bus befand sich der harte Kern der Family, darunter auch die eben erst angeworbene Susan Atkins sowie ein von Manson als Biker bezeichneter Mitfahrer. Manson erhob sich und befahl dem Biker, sich hinzulegen und zu sterben. Er brüllte mit erschreckender Lautstärke. Die umnebelten Gemüter nahmen wahr, dass der Biker anfing, zu würgen und zu stammeln, Manson kreischte weiter und, so will es die Legende, der Biker schrumpfte, das »Fleisch fiel ihm von den Knochen«, und grüner Rauch stieg auf.« – »Wow,« dachte Manson, bis ihm plötzlich das Gefängnis in den Sinn kam und er beschloss, besser aufzuhören. Er nahm die Beeinflussung zurück, kehrte sie in ihr Gegenteil, sprach eine Zauberformel und gab dem strahlgerösteten Biker Muskeln, Fleisch und Leben zurück. Diese Legende bekam man wieder und wieder zu hören.

Die Family hielt sich für ein paar Tage in Santa Barbara auf, dann fuhren sie für eine Aufnahme zu den Universal Studios in North Hollywood. Manson ließ lediglich eine Drei-Stunden-Session für Universal Records aufnehmen und brauste dann ab in die Mojave-Wüste, obgleich Stromberg mit diesem barfüßigen kleinen Prediger gerne weitere Aufnahmen gemacht hätte. Später sollte Charlie einer Gruppe von Drehbuchautoren dabei helfen, ein Filmskript für die Universal Studios vorzubereiten. Der zitatenbesessene Bibelfanatiker und wandernde Christus-Verkörperer wurde als »technischer Berater« angeheuert, um sich von den Autoren Ideen aus der Nase ziehen zu lassen. Das Skript sollte eine Was-wäre-wenn-Story werden: Was wäre, wenn Christus als Schwarzer in den Südstaaten wiederkehrte? Den weißen Südstaatlern war dabei natürlich Rolle der geifertriefenden Römer zugedacht. Für Manson, der wie tausend andere Acidheads selbst ein Jesus war, kam dies Konzept nicht in Frage, und damit war seine Rolle als Berater beendet.

Universal hat diesen »Jesus-als-Neger«-Film dann nie gemacht, weil die Studiobosse der Idee nichts abgewinnen konnten. Aber die Arbeit an diesem Jesus-Projekt mag in Manson einen starken Eindruck hinterlassen haben. In der Tat stoßen wir in seinen späteren »Vorlesungen« auf diese Idee von einer Wiederkunft Christi – den Geldschein-schwenkenden Christen von heute fiel dabei die Rolle der übersättigten Römer zu, die bald auf dem Müllberg der Geschichte landen würden.

Unterwerfung war stets ein Schlüsselelement in Mansons Meuchelhorde. Einmal, während der Sitzungen zur Ideensuche für besagten Film, zogen Charlie und die zwanzigjährige Squeaky alias Lynette Fromme – die mit dem schönen Popo – die Show einer wechselseitigen Fußlutsche ab: Beide knieten sich hin, und jeder küsste die Füße des anderen.

In den Jahren 1967 und 1968 waren Fußküssen, gegenseitige Unterwerfung und Liebe sehr en vogue bei der Manson-Brigade. Aber erst 1969 fing Charlie an, die Füße von Leuten zu küssen, nachdem er sie erschossen hatte.

Manson hat einige extravagante Behauptungen über seine Zeit bei den Universal Studios aufgestellt. So meinte er zum Beispiel, es mit mehreren Stars getrieben zu haben. »Ich könnte ein paar Erlebnisse mit Leuten aus Hollywood zu Protokoll geben«, schrieb er in seiner Autobiografie, »gegen die meine sonstigen Sexpraktiken rein und unschuldig wirken.«

Zu der Zeit, als Manson für die Universal Studios besagte »Satans«-Demoaufnahmen gemacht hatte, legte Roman Polanski letzte Hand an den Film Rosemary's Baby. Polanski lebte in Santa Monica an der Küste bei Los Angeles. Bald darauf sollte er zur Weltpremiere seines satanoiden Epos nach London zurückkehren und Sharon Tate heiraten.

Die Mitglieder der Family blieben ungefähr eine Woche in der Gegend von Los Angeles, dann fuhren sie weiter. Sie machten einen Abstecher in die Mojave-Wüste und am 26. November 1967 kehrten sie nach Los Angeles zurück. Tags darauf waren sie in Santa Barbara, dann fuhren sie nach San Francisco und zurück quer durch den ganzen Staat, quer durch die Mojave-Wüste, dann nach Las Vegas, Nevada, wo sie Anfang Dezember vier Tage verbrachten. Sie zogen durch Arizona und New Mexico und am 6. Dezember 1967 trafen sie in El Paso, Texas ein. Sie fuhren wieder den gleichen Weg zurück nach New Mexico, blieben dort eine Woche, dann ging es hinunter in den tiefen Süden, nach Mississippi und Alabama. Patricia Krenwinkel besuchte am 14. Dezember in Mobile, Alabama ihre Mutter. Anschließend fuhr der schwarze Blumen-Bus zurück nach Los Angeles, wo er um den 19. Dezember herum ankam. Vier Tage lang hielten sie sich im Topanga-Canyon auf, dann ging's nach Arizona.

Fort, Dämon, fort!

3. Topanga-Canyon und das Wendeltreppenhaus

Der Topanga-Canyon windet und schlängelt sich vom Topanga-Beach am Pazifik bis zu einem hoch gelegenen Punkt hinauf, von dem aus man das San-Fernando-Valley überblickt. Es gibt dort einen Creek, der über Felsgeröll und zwischen lieblichen, mit Blockhütten bestandenen Ufern den Topanga-Canyon hinunter in den Pazifik fließt. Parallel zum Creek verläuft die Topanga-Straße, die vom Ozean bis zum höchsten Punkt des Canyons hinaufführt und dann hinunter ins San-Francisco-Valley und weiter in gerader Richtung ein paar Meilen nordwärts zur Santa-Susanna-Passstraße, der Heimat von Helter-Skelter.

In dem Canyon lebte einst Woody Guthrie, und seine Blockhütte steht heute noch. Trotz der Nähe des sich ständig ausbreitenden Los Angeles hat der Canyon noch immer etwas von seiner ländlichen Schönheit, und seine Bewohner gehören zu den klügsten Menschen, denen man begegnen kann.

Hier, im Gebiet des Topanga-Canyon und des Malibu-Canyon, sollte die Family im Dezember 1967 zum ersten Mal Wurzeln schlagen. Wegen der Scharen neuer Anhänger war es nötig, dass man sich irgendwo in der Nähe freundlich gesinnter Leute ansiedelte.

Zeitgleich mit den ersten Versuchen, seine Songs in den Universal Studios aufzunehmen, schlug Manson sein Basislager in einem abgelegenen Haus an der Öffnung des Topanga-Canyons auf, nicht weit vom Pacific-Coast-Highway. Das Haus befand sich hinter dem Raft-Restaurant an der Topanga-Canyon-Lane. Wegen einer Wendeltreppe im Eingangsbereich wurde das Haus, das sich aus seinen Fundamenten gelöst hatte und schief stand, immer nur das »Wendeltreppenhaus« genannt. Entlang der Mauern im ersten Stock verlief ein Riss. Manson sollte später schildern, dass das Haus ziemlich groß gewesen war und an der Rückseite Fenster zum Hügel hin hatte und Türen, die sich kaum acht Meter oberhalb des Creeks befanden. Zu Mansons Zeiten ein Tempel für Drogen, Fickorgien und die Verehrung seltsamer Götter, ist das Haus zwischenzeitlich abgerissen worden.

Es war im Wendeltreppenhaus, wo Manson, wie er selbst berichtet, zum ersten Mal mit allen möglichen Teufelsanbetern und Satanisten zusammenkam. Die Besitzerin des Hauses hatte er in San Francisco kennengelernt. Er beschreibt sie als »heiße Braut, so Mitte Vierzig, die alles ausprobierte. Als ich sie traf, war sie ganz erfüllt von Teufelsverehrung und satanischen Aktivitäten.«

Wie er sagt, ließ sie ihm völlig freie Hand. Für mehrere Monate wurde das Haus zum Schnorrerstützpunkt der Family. Hier kamen und gingen sie, stellten ihren Bus ab und machten Bekanntschaft mit den unterschiedlichsten Typen von Bluttrinkern und Ritualisten. Aber auch viele andere Leute zog das Wendeltreppenhaus an, darunter gelegentlich ein Starlet, das einen Rolls-Royce fuhr.

Bei einer Lightshow-Party im Wendeltreppenhaus tauchte ein gewisser Robert K. Beausoleil auf, ein zwanzigjähriger Schauspieler und Musiker aus Santa Barbara, der einen Spitzbart hatte und eine handgeschnitzte Pfeife aus Schädelknochen rauchte. Er sah Charlie und die Mädchen zusammen singen, gesellte sich zu ihnen und spielte mit Charlie ein paar Songs gemeinsam. Ein paar Tage später besuchte Charlie, angetan mit einer alten Tweedjacke, Tweedmütze und einem Spazierstock, Beausoleil, der damals im Haus von Gary Hinman wohnte. Hinman war ein 30 Jahre alter Musiklehrer aus Colorado mit einem Master Degree der Soziologie.

Beausoleil besaß eine gewisse musikalische Begabung und war ein guter Songwriter. Außerdem hatte er ein mehr als nur flüchtiges Interesse an Teufelsverehrung und an Magie. 1967 war er in San Francisco ständig mit dem berühmten Autor und exzentrisch-wirren Filmemacher Kenneth Anger zusammen gewesen. Offenbar hatte Beausoleil mit Anger in einem alten Haus in San Francisco zusammengelebt, das die »russische Botschaft« genannt wurde; dort führte ihn Anger in die Welt der Magie und nicht zuletzt in das von Grausamkeit durchsetzte Universum Aleister Crowleys ein. Anger war mit den Dreharbeiten für den okkulten Film Lucifer Rising beschäftigt, in dem Beausoleil die Rolle des Luzifer spielte. Zu jener Zeit erklärte Beausoleil, er halte strikte Fleisch-Diät und er sei überzeugt, er sei der Teufel. Er spielte Leadgitarre und Sitar in der Magick Powerhouse of Oz, einer elfköpfigen Rockgruppe, die Kenneth Anger für die Musik zu Lucifer Rising zusammengestellt hatte.

Am 21. September 1967 spielten Magick Powerhouse of Oz bei einem Treffen im Straight Theater in der Haight Street, wo die sogenannten »Äquinoktien der Götter« gefeiert wurden. Der Film Lucifer Rising war fast fertig, und auch das war ein Anlass zum Feiern. Anger filmte das nächtliche Ereignis, doch Beausoleil erinnerte sich später daran, dass Anger im weiteren Verlauf des Festes ausflippte und einen kostbaren Spazierstock in Gestalt eines Hermesstabs zerbrach, der einst dem König der Sexmagie, Aleister Crowley, gehört hatte.

Bald darauf kriselte es zwischen Beausoleil und seinem Mentor Anger. Beausoleil scheint Angers Wagen geklaut zu haben, Teile seiner Kameraausrüstung und wichtiger noch, einige Streifen von Lucifer Rising. Dann machte er sich aus dem Staub. Beausoleil behauptet, er hätte nur mitgenommen, was ihm sowieso gehörte.

Der Diebstahl hat sich wahrscheinlich Ende Oktober 1967 ereignet, als Anger sich während des berühmten Exorzismus und des Marsches auf das Pentagon in Washington (D. C.) aufhielt und unter einem vor dem Pentagon geparkten Pritschenwagen ein bemerkenswertes magisches Ritual leitete. Während mehrere Diggers und Teufelsaustreiber auf dem Pritschenwagen standen und gellend »Fort, Dämonen, fort!« schrien, kauerte Anger mit entblößtem Oberkörper – die Brust mit einer Luzifergestalt tätowiert – unter dem Wagen im Kies und verbrannte in einem geweihten Pentagramm ein Bild des Teufels. Den ihn mit Fragen bedrängenden Reportern, die ihm ihre Mikrofone hinhielten, schrie er Flüche zu und zischte sie an, während er einen magischen Ring aufblitzen ließ.

Als er entdeckte, dass Beausoleil ihn gelinkt hatte, fertigte Anger ein Medaillon an, dessen Vorderseite Ähnlichkeit mit Bob Beausoleil hatte, während die Rückseite eine Kröte zierte und die Inschrift trug »Bob Beausoleil – der in eine Kröte verwandelt wurde von Kenneth Anger«.

Nach diesem Bruch mit Anger war Beausoleil im Herbst 1967 hinunter in den Topanga-Canyon gezogen und hatte sich mit Gary Hinman angefreundet. Als er Manson kennenlernte, lebte Beausoleil mit einer Freundin namens Laurie in Hinmans kleinem, an einem Hang gelegenen Haus Nr. 964 an der Old Topanga-Canyon Road. Hinman ließ hin und wieder Leute in seinem Haus pennen, und ab und zu waren auch Mitglieder der Family darunter.

Die Beziehung zwischen Beausoleil und Manson sollte sich schwierig gestalten, da beide ihre eigene Gruppe von Mädchen hatten. Es kam zu einigen Reibereien zwischen ihnen, bei denen es um Charlies Wiederkunftstick ging. Beausoleil neigte dazu, sich abseits zu halten, für Charlie eine Sünde. Es gab verblüffende Ähnlichkeiten zwischen den beiden. Doch allein Manson besaß die rommelsche Leidenschaft für die feinen Details des Herrschens.

4. Besuch auf der Hog-Farm

Die als Hog-Farm bekannte und in der Gegenkultur der Sechziger berühmte Kommune war auf einem Berggipfel im San-Fernando-Valley angesiedelt. Manson hatte Shirley Lake und ihren Ehepartner, die Eltern der späteren Manson-Anhängerin Diane Lake, in der Wüste kennengelernt und später besuchten er mit fünf Mädchen die Hog-Farm in dem schwarzen Bus der Holywood Productions. Als erstes schmiss Charlie den Anführer der Kommune, Wavy Gravy aus dem Bus und versuchte dessen Frau Bonnie Jean in einem Schuppen zu ficken. Das verhinderte Wavy zwar, aber Manson blieb auf der Farm, zog sich allerdings mit seinen jugendlichen Flammen in ihren Bus zurück.

Es war die Zeit, in der sich die Leute zusammentaten, um gemeinsam den heiligen Laut Om zu chanten, quasi als Samenkorn für Frieden und heilende Schwingungen. Der Dichter Allen Ginsberg sang es zum Beispiel Stund um Stunde während des Parteitags der Demokraten in Chicago im August 1968, um die Unruhen und die Polizeigewalt im Umfeld der Veranstaltung zu besänftigen.

Und so saßen auch Wavy und seine Freunde im Kreis, um das Om zu rezitieren. Plötzlich kam Manson aus dem Bus und würgte – oder gab vor zu würgen. Seine Frauen schrien, dass die Leute mit dem Chanten aufhören sollten oder es würde ihren Guru umbringen. Da erhob sich Wavy Gravy in aller Rechtschaffenheit und verwies Manson der Farm.

Durch seine Verbannung von der Hog-Farm verpasste Manson die Gelegenheit, sich etwas von der freundlicheren Seite der Kommunardenbewegung abzugucken. Das Einzige, was er von der Farm-Kommune übernommen haben mag, war die Praxis der Nahrungsbeschaffung, indem aus Müllcontainern der Supermärkte das hochwertige und nur leicht angestoßene Gemüse oder anderweitig verwertbare Reste der amerikanischen Überflussgesellschaft geangelt wurden. Unter den Supermärkten, die die Manson-Gruppe auf ihren Beutezügen besuchte, waren auch die Gateway-Märkte, die ihrem späteren Opfer Leno LaBianca gehörten.

5. Rückkehr in die Filmwelt

Diane Lake war ein rothaariges, vierzehnjähriges Mädchen mit Hip-Eltern, die auf der Hog-Farm lebten. Sie traf Charlie und seine Mädchen im Wendeltreppenhaus und war von der Family so beeindruckt, dass auch sie den Bus bestieg. Squeaky und Patricia Krenwinkel fragten sie, ob sie mit in die Wüste kommen wolle, und sofort war sie dabei. Als die Zeit gekommen war, wurde Miss Lake in Snake umgetauft, offenbar eine Huldigung an ihre schlangenartigen Bewegungen beim Geschlechtsverkehr.

Dianes Eltern legten großen Wert darauf, dass ihre Tochter die Freiheit hatte, sich unabhängig zu entwickeln. Sie erlaubten zunächst, dass sie mit der Family umherreiste, doch später sollte Mrs. Lake die Spahn-Ranch aufsuchen und ihre Tochter zurückfordern. Dabei holte sie sich allerdings laut Diane nur eine scharfe Abfuhr von Squeaky, einer der Hauptjüngerinnen Charlies. Es heißt, dass die Besitzerin des Wendeltreppenhauses sich bei Snakes Eltern entschuldigt habe, als diese mit dem Manson-Dope-Bus aufbrach. Schließlich war Snake 14 und Manson 33.

Aber die Busmannschaft wusste zu überzeugen. Übereinstimmend wird berichtet, dass die Family in jener frühen Zeit – vor den Schnupfmitteln – in physischer Hinsicht reinlich, ordentlich und äußerst sauber war. So kam es, dass Dianes Eltern, ebenso wie die von Ruth Ann Morehouse, ihrer Tochter ihren Willen ließen. Auch eine sehr bekannte Hollywood-Schauspielerin stellte ihrer äußerst jungen Tochter eine schriftliche Erlaubnis aus, mit Manson herumzuziehen.

Am 22. Dezember trat die Family mit der kaum geschlechtsreifen Snake/Lake eine Fahrt durch Arizona und die Wüsten von New Mexico an. Fünf Tage später, am 27. Dezember 1967, hatte der Bus in der Nähe von Winslow, Arizona eine Panne und musste zu einer Chevron-Tankstelle abgeschleppt werden. Verschiedene Mitglieder der Family fuhren per Autostop zum Topanga-Canyon zurück, und als der Bus repariert war, wurde er nach Los Angeles zurückgefahren, wo sich die Family ungefähr dreieinhalb Monate bis Anfang April 1968, aufhielt.

Die Insassen des schwarzen Busses hausten im Topanga-Canyon an verschiedenen Plätzen, eine Nacht hier, die andere dort – aber ihre Zahl nahm ständig zu. Sie unternahmen den Versuch, sich in verlassenen Häusern und Canyon-Camps niederzulassen, doch immer wieder mussten sie weiterziehen. Einige Wochen lang parkten sie den Bus am Wendeltreppenhaus.

Den Blumensüchtigen öffneten sich die seltsamsten Türen. Es ließ sich nicht vorhersagen, wo ein Mann mit einem schwarzen Bus voller Mädchen für die Nacht landen würde – in einer Höhle oder einem Schloss, an einer heißen Quelle in der Wildnis oder einem geheizten Swimmingpool in den Hügeln von Malibu. Im ganzen Gebiet von Los Angeles wurden Manson und seiner Family Türen geöffnet.

Auch die Polizei von Malibu wurde auf Charlie aufmerksam. Beamte sahen den Bus beim Wendeltreppenhaus an der Topanga Canyon-Lane und beobachteten, dass die Family-Mitglieder für verschiedene Bewohner in der Malibu-Topanga-Gegend Gelegenheitsjobs verrichteten.

Im Dezember 1967 brachten die Beatles ihr Album Magical Mystery Tour und den gleichnamigen Film heraus, der von einer psychedelische Busreise durch das englische Hinterland im Sommer der Liebe handelte. Hilfe von den Beatles. Anscheinend war dieses das erste Beatles-Album, dem Manson philosophischen Rat entnahm. Die Trips mit dem schwarzen Bus wurden zur »Magical Mystery Tour«. Die Mitglieder der Family machten einen so intensiven Trip mystischer Verwandlung durch, dass sie offenbar glaubten, in jedem Menschen gäbe es eine archetypische Kernpersönlichkeit, die erforscht werden könne durch LSD-Orgien, Denkschinderei, Rollenspiele, Gruppenfummeln, Magie, Vergangenheitsvernichtung und Kommunedenken. Das war die Magical Mystery Tour.

Die ersten Monate des Jahres 1968 verbrachte die Familie in der Gegend von Los Angeles. Man unternahm weiterhin kurze Trips hierhin und dorthin. Offenbar auf einem dieser Trips wurde Susan Denise Atkins alias Sadie Mae Glutz Anfang 1968 in New Mexico von einem Typen namens Bluestein geschwängert.

Im Februar 1968 lernte Manson über Jerry, einen Tankwart, eine Frau namens Melba Kronkite kennen, die in den Bergen in der Nähe der alten Sheriff-Außenstation von Malibu – zwischen dem Malibu-Canyon und dem Topanga-Canyon – eine Luxusranch besaß. Anscheinend war Melba einst sehr wohlhabend gewesen, nun aber in Geldsorgen. Die Brigade versetzte sie in Erstaunen, und sie freundete sich mit den Mitgliedern an. Dunkel und geheim waren die Treffen an ihrem beheizten Swimmingpool. Sie wurde eine so gute Freundin der Family, dass sie später von eingebuchteten Mitgliedern als Leumund angegeben wurde.

Die Family besuchte Melba in Malibu immer wieder. Man arbeitete für sie. Manson behauptete, er habe ihr Geld gegeben. Er schenkte ihr auch einen 67er Ford Mustang, den er von einem New Yorker namens Michael, der sich aller weltlichen Güter entledigen wollte, bekommen hatte.

Melba Kronkite besaß riesige Stallungen und eine Trainingsrennbahn. Einmal brachte die Family – so wie Herakles weiland den Augiasstall säuberte – eine ganze Woche damit zu, einen unglaublichen Berg Pferdemist aus mehreren hundert Stallboxen heraus zu schaffen.

Irgendwann im Februar 1968 waren Manson und seine Crew vorübergehend ohne Bleibe. Nachdem er bei Gary Hinman gewohnt hatte, war Robert Beausoleil in ein eigenes Haus gezogen, das an einem Steilhang oberhalb des Fernwood-Pacific-Drive in Topanga, 19844 Horseshoe-Lane, lag. Dieses Haus war eine Zitadelle der Pornografie – es bestand aus einem ausgebrannten tief liegenden Erdgeschoss; etwas unterhalb befand sich ein unfertiger Swimmingpool. Beausoleil sagte: »Klar, kommt rauf und bleibt hier.« So entstand am Berghang eine Zigeunerszenerie. Die Family füllte den Swimmingpool mit altem Plunder, den man später auf der Suche nach Büchern durchwühlte. Sie blieben in der Horseshoe-Lane ungefähr sechs Wochen lang, und in dieser Zeit scheinen sie die ersten Filme gemacht zu haben – oder, wie sie sagen, anderen Leuten erlaubt zu haben, ihr Tun und Treiben zu filmen.

Irgendwann in dieser Zeit stießen Brenda McCann aus Malibu und eine gewisse Little Patty alias Madeline Cottage alias Shirley Amanda McCoy alias Linda Baldwin zur Family. Beide Mädchen blieben bei der Party bis zum Schluss, anderthalb Jahre später. Ebenfalls hereingeweht in das LSD-Mosaik dieser Zeit kam ein wunderschönes Mädchen namens Ella Beth Sinder alias Ella Bailey alias Yeller, das ein Biker namens Danny De Carlo als einen schlanken, gut gewachsenen Greta-Garbo-Typ beschrieb.

Es lebten noch Andere mit der Family zusammen, die heute aber verschwunden und deren Namen vergessen sind. Ungefähr hundert, deren Namen bekannt sind, sind ebenfalls spurlos von der Bildfläche verschwunden. Dieser Bericht befasst sich mit jenen, die den Ausleseprozess bestanden und bei der Family blieben.

Manson schien die Bekanntschaft von Kindern oder Verwandten bekannter Persönlichkeiten der Unterhaltungsbranche zu suchen. In Los Angeles unterhielten die Söhne und Töchter von Berühmtheiten oft enge Beziehungen untereinander. Das kam Manson insofern gelegen, als er – gleich einem seiner geliebten Kojoten, die sich an einen Nestling heranpirschen – die berühmten Kinder anvisierte, um in den Genuss von gültigen Kreditkarten, Geld, Gastfreundschaft, eines Schattens von Ruhm, Beziehungen und – was das Wichtigste war – von Anerkennung und Schmeicheleien zu kommen.

Als die Family an der Horseshoe-Lane kampierte, gründeten Bob Beausoleil und Manson eine psychedelische sechsköpfige Rockgruppe mit dem Namen The Milky Way. Manson spielte Gitarre und Beausoleil Gitarre und Bassklarinette. Der Milky-Way-Band war ein kurzes Leben beschieden, doch brachte man es immerhin auf eine öffentliche Aufführung: Eines Tages, als die Milky-Way-Leute probten, kam ein Mann vom Topanga Corral, einem Country-&-Western-Nachtclub im Topanga-Canyon. Er hörte sich die Gruppe an, fand sie »flott« genug und engagierte sie für einen Wochenendjob. Doch noch am selben Wochenende wurde die Gruppe auch schon gefeuert. Als man ihn fragte, warum, erklärte Beausoleil, die Gruppe sei einfach zu progressiv gewesen, sodass zwar die Hascher, aber nicht genügend Biertrinker in den Club gekommen seien. Adios, Milky Way.

Ende März 1968 handelte die Family mit Häusern, zusammen mit einem Typen, der auf der anderen Seite des Topanga-Canyon, am höchsten Punkt des Summit-Trail und des High-Vale-Trail, lebte. Seine Behausung lag oberhalb eines Labyrinths von Waldwegen. Dort parkten sie den schwarzen Bus und schlugen ihr Lager auf.

Im März wurde Mansons Gefängnisfreund Phil Kaufman entlassen. Ein paar Wochen später fuhr er nach Topanga hinaus, um die Family ausfindig zu machen. Kaufman blieb eine Weile, doch fand er die Theokratie ein bisschen zu tyrannisch. Trotzdem blieb er ein »sympathisierender Cousin«.

Phil Kaufman hatte einen Freund, Harold True, der ihn im März 1968 in Topanga besuchte und auch mit Manson und der Family Bekanntschaft machte. True lebte in einem üppigen Haus am Waverly-Drive 3267, nicht weit von der Silver-Lake-Gegend in Los Angeles entfernt. Das Nachbarhaus, 3301 Waverly-Drive, gehörte Leno und Rosemary LaBianca. Bevor True im August dort auszog, hatte Manson ihn den Sommer über vier- oder fünfmal am Weaverly-Drive besucht und zweimal bei ihm übernachtet. Und True selbst war zuvor an die zehnmal nach Topanga hinausgefahren, weil er sich für das Drogen-Heckmeck dort draußen interessierte.

Auch Danny M., der große Geldfälscher aus dem Sommer der Liebe, tauchte auf und brachte ein paar Bogen frischer Zwanziger mit, die eben aus der Presse kamen. Charlie überredete ihn, einige Personalausweise und Führerscheine für die Family zu drucken. In Topanga erzählt man sich, dass Danny später in Woodland Hills ins Geschäft einstieg, dabei erwischt wurde und ins Gefängnis ging.

Am Vorabend des 1. April 1968 erklärte Präsident Lyndon B. Johnson, dass er auf eine weitere Amtszeit verzichte.

Am nächsten Tag brachte Mary Theresa Brunner am Waldrand von Topanga, in der Hütte am Summit-Trail, den kleinen Valentine Michael Manson zur Welt. Um während der Geburt zu entspannen, pumpte sie sich mit Haschisch voll. Ihre Freunde halfen ihr. In der gleichen Nacht flog Sandy Good – die 24 Jahre alte Tochter eines Börsenmaklers aus San Diego – in einem Privatflugzeug mit einem Freund von San Francisco herüber, mietete sich einen Wagen und reiste zur Family. Charlie zog sie beiseite, und sie bumsten in der Nähe des High-Yale-Bus-Camps. Danach soll sie Charlie zufolge dessen anhaltende »dauerharte« Kondition gepriesen haben – Junge, andere Mädchen hätten keine Ahnung, was sie da verpassten!

Sandy war eine kluge, belesene College-Absolventin, die sich aktiv für die Bürgerrechtsbewegung eingesetzt hatte und nun bereit war, sich zu unterwerfen. Unter ihren Freunden in San Francisco hieß es allgemein, dass sie sich »irgendjemandes Harem angeschlossen habe«. Sandy sollte es zu großer Geschicklichkeit im Anzapfen ihres reichen Vaters bringen, eine Gabe, die Manson jederzeit zu schätzen wusste.

Auch ein gewisser Paul Watkins, ein gedrungener Sechzehnjähriger mit Babygesicht, der als Dropout herumstreunerte, schloss sich dem Camp der Family am Summit-Trail an. Er war auf einer Wanderung durch die Berge gewesen, als er den schwarzen Bus und sechs nackte Mädchen entdeckte. Unnötig zu sagen, dass dies das Paradies war für den Jungen, der bald den – offenbar von den Mädchen geprägten – Spitznamen Little Paul erhielt.

An jenem Abend nahmen alle LSD, und es kam zu einem multilateralen Hoch- und Zapfenstreich. LSD war das heilige Manna jener Tage. Vermutlich ereignete sich so innerhalb der Family der erste Fall, wo ein Mensch, den man für Christus hielt, LSD als Sakrament austeilte – vor einem Gruppensex-Psychodrama und nach einem Mülltonnen-Beutezug.

Anfang April – wenige Tage, nachdem Mary Brunner entbunden hatte – beschloss die Magical-Mystery-Tour, den Topanga-Canyon zu verlassen. Sie waren ungefähr 20, auf vier Mädchen kam ein Junge, dieses Verhältnis blieb in der ganzen Geschichte der Family ziemlich konstant.

Bewohner der Gegend erinnern sich, dass die Polizei Anfang 1968 – ein Jahr großer Unruhen überall in den Vereinigten Staaten – auch im Gebiet des Topanga- und des Malibu-Canyon scharf durchgriff. Manson und seine Freunde bekamen ihr Teil ab. Verhaftungen, insbesondere wegen idiotischer Gesetze, die Marihuana betreffen, erzeugten Hass. Dies dürfte ein Faktor gewesen sein, dass die Family von Blumen auf Messer umschaltete. Hinzu kamen die unheilvollen Hassgefühle, die der Krieg auslöste.

Der Vietnamkrieg lag wie ein Fluch auf dem Amerika des Jahres '68. Millionen von Menschen hatten keine Ahnung, dass im März eine Soldatenhorde unter dem US-Offizier William Calley auf hinterhältig-heimtückische Weise ein Dorf namens My Lai verwüstet und einem auf Knien betenden, buddhistischen Mönch in weißem Gewand den Kopf weggeblasen hatte. Und das war der Fluch.

Am 4. April 1968 knallte ein irrlichternder rassistischer Lump, vermutlich ein gedungener Mörder, in Memphis, Tennessee Martin Luther King ab.

Die Black Panthers beschimpften die Polizei bereits seit einiger Zeit als Pigs (Schweine). Wavy Gravy, der freundliche Anführer und die treibende Kraft der Hog-Farm-Bewegung, machte den Vorschlag, ein Schwein als Kandidaten für die Präsidentschaft aufzustellen. Die Idee schlug ein. Die Hippies, die sich darauf vorbereiten, die Wundverbände vom verheimlichten Siechtum des Parteikonvents der Demokraten abzureißen, übernahmen den Piggie-for-President-Vorschlag. So wurde Pig geboren.

Irgendwo in England schrieb George Harrison von den Beatles den Song »Piggies« – wahrscheinlich im Sommer 1968. Keiner hatte das Lied bisher gehört, aber es existierte und sollte im Dezember herauskommen. Schweine tauchten in Werbesendungen für Umweltschutz im Fernsehen auf, Schweine, die am Strand gierig Abfälle fraßen. Ehrbare Bürger, die seit Langem daran gewöhnt waren, Polizisten Fuzz oder Cops zu nennen, gingen dazu über, sie Pigs zu nennen.

Manchmal glücklich, manchmal traurig, zog Sergeant Charlies Rauschtruppe die Küste hinauf.

Eine Zeitlang kampierten sie am Strand im Leo Carrillo State Park. Bruce Davis, den die Family einige Monate zuvor, möglicherweise im Staate Washington, kennengelernt hatte, kreuzte ungefähr um diese Zeit mit seinem Motorrad auf und wurde zu einem eifernden Anhänger. Er hörte sich aufmerksam Mansons Reden über Religion und Philosophie an, sodass er sie wortgetreu bis ins kleinste Detail wiederholen konnte und dabei sogar Mansons Stimme imitierte. Beobachtern im Canyon fiel allerdings auf, dass Davis, wenn Charlie in der Nähe war, mit starkem Tennessee-Dialekt redete.

Ungefähr in der zweiten Aprilwoche brachen sie ihr Lager am Leo-Carrillo-Strand ab und fuhren die Küste hinauf, in ein Waldgebiet in der Nähe von Oxnard, Kalifornien im Ventura-County. Das war der Schauplatz der schweren »Oxnard-Panne«, die sich am 21. April ereignete. Der schwarze Bus blieb stecken oder landete in einem Graben. Offenbar schlug die Family im nahen Wald ein Lager auf. Sheriffs aus Ventura erschienen auf der Bildfläche und waren schockiert, als sie eine Gruppe nackter Hippies im Wald umherspringen sahen.

Charlie, Sadie und ein paar andere wurden verhaftet, anscheinend weil sie im Besitz jener von dem Fälscher fabrizierten Führerscheine waren. Am nächsten Tag wurde jeder von ihnen mit einer Geldstrafe von zehn Dollar belegt. Auch Mary Brunner wurde verhaftet – wegen unzüchtigen Stillens ihres Kindes in einem Graben. Laut Family-Legende sollen Polizisten schockiert davon gewesen sein, dass sie Pooh Bear alias Valentine Michael Manson schamlos und beiläufig in aller Öffentlichkeit mit der Brust gestillt hatte.

Die Oxnard-Panne wurde in großer Aufmachung auf der zweiten Seite des Los Angeles Herald Examiner gebracht. »Nackte Hippies im Wald aufgespürt«, hieß es dort und selbstverständlich brachten die lokalen Rundfunkstationen die Sache in ihren Tagesnachrichten.

Nach den Festnahmen im Straßengraben bei Oxnard fuhr die Family zurück in das Lager am Summit-Trail im Topanga-Canyon. Dort blieben bis zum 2. Mai 1968, als die Polizei eine Razzia veranstaltete und einige von ihnen, darunter Manson, Sandy Good, Snake und Patricia Krenwinkel, wegen Besitzes von Marihuana verhaftete. Zwei Tage lang wurden sie im Gefängnis festgehalten, dann ließ man sie frei. Die Anklagen wurden schließlich fallen gelassen.

Anscheinend ist es der Musiker Gary Hinman gewesen, der Snake und Sandy gegen Kaution aus dem Knast geholt hatte; anschließend begleiteten sie ihn zu seinem Haus, wo sie sich einige Tage lang ausruhten und erholten. Hinmans Haus an der Old Topanga Canyon Road war zu der Zeit eine der wenigen Pennstellen für junge Leute auf der Durchfahrt. Hinman sollte seinen Verstand nie ganz abgeben und Vollmitglied der Family werden; jedoch war er einer ihrer »sympathisierenden Cousins«. Bis sie mit seinem Blut ein Poster anfertigten.

6. Erster Besuch auf der Spahn-Ranch [Frühjahr 1968]

Um den 6. Mai 1968 herum fuhr der schwarze Bus zum ersten Mal zu der verkommenen, baufälligen Spahn-Ranch im kalifornischen Chatsworth. Die Family wollte sich dort mit einem Freund von Sandy Good, einem gewissen John, beraten, der das sogenannte Back House bewohnte, einen morschen Holzbau, der sich am Ende eines holprigen und schmutzigen Weges ungefähr eine halbe Meile unterhalb des Hauptgeländes befand, auf dem früher Western-Filme gedreht worden waren.

Einige Tage später kehrte Manson zurück und überredete Spahn, ihn mit ein paar Freunden einziehen zu lassen. Sie würden helfen, die fünfzig oder sechzig Pferde zu versorgen, die die Ranch an Tagesausflügler vermietete. Seine Mädchen könnten kochen und sich um den alten, fast blinden Mr. Spahn kümmern. George Spahn sagte, sie könnten im hinteren Teil der Ranch, in den sogenannten Outlaw-Hütten, wohnen. In dem schwarzen Bus, der kurz darauf zu den Hütten rollte, befanden sich etwa zwanzig Personen, hauptsächlich junge Mädchen sowie Pooh Bear, der Sohn von Manson und Mary Brunner. Auf Mansons Anweisung hin hatten sich die meisten in die Sitze geduckt, um nicht gesehen zu werden.

John hatte sich mit dem damals 81jährigen George Spahn darauf geeinigt, dass er, anstatt Miete zu zahlen, die verschiedenen Autos und Lastwagen der Spahn-Ranch in Ordnung halten sollte.

Sie blieben ungefähr vier Tage, und John half ihnen, den schwarzen Bus zu reparieren. Manson trug die Spendierhosen. Er schickte zwei Mädchen mit einer Kreditkarte los um einen Satz runderneuerter Reifen für einen alten Chrysler zu kaufen, der einem gewissen Richard Kaplan gehörte. Von ihm sollte Manson später das hintere Ranchhaus der Spahn-Ranch bekommen.

Um diese Zeit spielte Bob Beausoleil in einem Softporno-Western mit, der in der Nähe des Happy-Trail im Topanga-Canyon abgedreht wurde und später unter dem Titel The Ramrodder herauskam. Beausoleil hatte vorher in einem mittlerweile abgebrannten Restaurant gearbeitet, der Topanga Kitchen, die sich im Topanga-Einkaufszentrum befand. Die Produzenten von Ramrodder offerierten ihm für einen Dollar pro Stunde einen Job als Helfer für den Aufbau der Filmkulissen. Beausoleil nahm an und lebte von da an mit seiner Freundin Gail in einem Wigwam auf dem Filmgelände.

Während der Dreharbeiten lernte er ein Mädchen namens Cathy Share alias Gypsy alias Manon Minette alias und so weiter kennen, die auch in dem Film mitspielte. Beausoleil selbst spielte dann die – künftiges Unheil vorwegnehmende – Rolle eines Indianers, der einen weißen Mann zu Tode foltert, weil dieser sich an einer jungen Indianerin vergangen hat.

Gypsy, Gail und Bob wurden unzertrennlich und lebten gemeinsam in dem Wigwam auf dem Filmgelände. Es wurde eine Zwei-Mädchen-ein-Junge-Dreiecksbeziehung, die der Family als Vorbild für weiteres nächtliches Treiben dienen sollte. Beausoleil trat im Canyon als wilder Mann auf, einen mit einer Kappe bedeckten Falken auf der Schulter und mit einem großen schwarzen Hund. Wie Manson verbreitete auch er jene dualistischen »Liebe-Hass-Schwingungen«. Als er dabei erwischt wurde, die Frau des Produzenten zu begrapschen, musste er sich aus dem Staub machen. Er baute sein Wigwam ab, nahm Gypsy mit in seine Gruppe und zog wieder für ein paar Tage in Hinmans Haus.

Nach einiger Zeit tauchte er auf der Spahn-Ranch auf, wo er für ein paar Tage Arbeit bekam; dann fuhren Beausoleil und seine Anhängerinnen nordwärts in die Gegend von San Francisco, und zwar in einem alten, auffrisierten Dodge, den George Spahn ihnen überlassen hatte.

Mittlerweile hatte auch die Manson-Gruppe die Spahn-Ranch wieder verlassen, fuhr in dem schwarzen Bus zunächst nordwärts nach San Francisco und Mendocino-County und kehrte dann nach Los Angeles zurück. Einige Tage scheinen Manson und seine Leute im Topanga-Canyon verbracht und den Bus beim Wendeltreppenhaus abgestellt zu haben.

7. Bekanntschaft mit Dennis Wilson

Etwa um diese Zeit entdeckte die Family den ganz großen Rock 'n' Roll. Ein Teil der Gruppe zog in ein luxuriöses Anwesen am Sunset-Boulevard, das dem Beach Boy Dennis Wilson gehörte. Die zu jener Zeit ungeheuer erfolgreiche Gesangsgruppe hatte weltweit bereits zehn Millionen Platten verkauft. Ihr wunderschöner Song »Good Vibrations« von 1967 hatte die Stimmung jener Zeit mitgeprägt.

Wilson, Schlagzeuger und Sänger der Beach Boys, lebte auf einem 12.000 Quadratmeter großen Anwesen unter der Anschrift 14400 Sunset-Boulevard. Der Swimmingpool inmitten der gepflegten Grünanlagen soll die Umrisse des Staates Kalifornien gehabt haben. Das holzgetäfelte Haus diente einst Will Rogers als Jagdhütte.

Wilson hatte zwei Manson-Jüngerinnen beim Trampen aufgelesen: Patricia Krenwinkel und Yeller alias Ella Bailey, jene Garbo-Schönheit, die im vergangenen Herbst zusammen mit Susan Atkins im schwarzen Bus San Francisco verlassen hatte. Für ein paar Stunden nahm er die beiden Mädchen mit in sein Haus und als er gegen drei Uhr morgens von einer Aufnahmesession heimkam, stellte er fest, dass draußen der schwarze Bus der Holywood Productions parkte. Drinnen, in seinem Wohnzimmer, fand er Manson und etwa zwanzig halbwüchsige, einander liebkosende Mädchen vor. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und Mansons Gruppe schnorrte sich über viele Monate auf Wilsons Kosten durch und machte ihn um etwa 100.000 Dollar ärmer.

Am Sunset-Boulevard knüpfte Manson Kontakte in der ruhelosen Welt erfolgreicher Rockmusiker und setzte seine Abenteuer in den eng verzahnten Kreisen heranwachsender Söhne und Töchter von Prominenten der Film- und Musikindustrie fort. Für Soziopathen war es das Paradies. Wie eine Wünschelrute steuerte der kleine Hypnose-Besessene zwei amerikanische Symbole an:

A) die Beach Boys – Amerikas perfekte Vokalgruppe mit ihren klaren, hervorragenden, hohen Harmonien und ihren ungeheuer populären Liedern über Wellenreiten, frisierte Autos, positive Vibrationen und Spaß – und

B) Terry Melcher – Sohn der ausgezeichneten Sängerin (»Que Sera Sera«) und begnadeten Schauspielerin Doris Day, die in der Öffentlichkeit das Bild der koketten Jungfrau verkörperte.

Terry Melcher wurde am 8. Februar 1942 als Terry Jordan geboren. Doris Day sang zu jener Zeit mit Les Brown und seiner Band Renown und war mit dem Musiker Al Jordan verheiratet. Nachdem sich Terrys Eltern hatten scheiden lassen, wurde Terry von seiner Großmutter mütterlicherseits in Cincinnati großgezogen.

Doris Days dritter Mann, Marty Melcher, adoptierte den Jungen. Terry besuchte die Beverly Hills School und ging dann für ein Jahr auf die Preparatory School in Clayton, Missouri. Er versuchte sich selbst als Sänger, doch gab er nach kurzer Zeit auf und wurde stattdessen Produzent für Columbia Records. Melcher produzierte die ersten zwei Alben der Byrds, auf denen sich klassische Songs der Sechziger wie Pete Seegers »Turn, Turn, Turn« und eine ausgezeichnete, klar fließende Version von Bob Dylans »Tambourine Man« finden. Später machte Melcher Aufnahmen mit dem hochgejubelten Paul Revere und den Raiders, einer Gruppe aus Washington, die gegen Ende des Jahrzents recht erfolgreich war.

Im Jahre 1966 mietete er ein abgelegenes Haus in Los Angeles, 10050 Cielo Drive, wo er mit der Schauspielerin Candice Bergen lebte, als er im Sommer 1968 Manson in Dennis Wilsons Haus kennenlernte. Melchers Stiefvater Martin war im April 1968 gestorben, und Terry war als Miterbe des Vermögens eingesetzt worden; er befand sich plötzlich im Besitz von Hotels, Erdölfirmen und Grundstücken, die auf dem Papier zwar eine Menge wert waren, sich geschäftlich aber in einem chaotischen Zustand befanden. Hinzu kamen die Einnahmen aus den damals anlaufenden Comedy-Serien seiner Mutter für CBS sowie aus mehreren Musikverlagen und TV-Unternehmungen. Während also Melcher monatelang den größten Teil seiner Zeit damit zubrachte, Ordnung in die geschäftlichen Angelegenheiten seines Stiefvaters zu bringen, bemühte sich zugleich Manson hartnäckig um seine Unterstützung bei dem Versuch, ein Star zu werden.

Manson lernte auch Gregg Jakobson kennen, einen bei Melcher angestellten Songschreiber und Talentsucher. Jakobson sollte sich mit der Family eng befreunden. Mehrere Male machte er Gesangsaufnahmen mit Manson, und er war über lange Zeit hin in alle Angelegenheiten der Family eingeweiht, zumindest in die nicht-mörderischen ...

Manson sang, als Melcher ihm und den Mädchen zum ersten Mal begegnete. Manson besuchte ihn mehrmals und gelegentlich borgte er sich auch seinen Jaguar. Bei einer Gelegenheit, als Melcher Dennis Wilson besuchte, fuhren Dennis und Gregg ihn heim zum Cielo Drive, und Manson saß hinten im Rolls-Royce und sang zur Gitarre.

Dean Morehouse traf in Los Angeles ein – offenbar war der weißhaarige Ex-Geistliche immer noch bemüht, seine vierzehnjährige Blumentochter Ruth Ann zurückzugewinnen. Er suchte Hilfe bei Leuten in Wilsons Residenz, doch ohne Erfolg. Irgendwie endete es damit, dass er schließlich mit der Family auf Wilsons Besitz zusammenlebte. Morehouse wohnte im Gästehaus und ließ sich offenbar von Manson und Dennis Wilson als Gärtner und als Hausmeister beschäftigen.

Der Rest der Morehouse-Story ist LSD: Dean wurde der Ergebenste von Charlies okkulten Wechselbälgern. Und dennoch wurde er für Manson zu kriecherischen Quelle der Peinlichkeit, denn unter LSD kam Morehouse selbst auf den Ich-bin-Jesus-Trip. Und wie viele Heilande kann ein Kult vertragen? Morehouse ging dazu über, täglich Stoff zu schlucken; er ließ sein schütteres weißes Haar lang wachsen und erklärte, Christus und der Teufel in einer Person zu sein, während er sich auf den Partys dieses Sommers, die bei Melcher und Wilson gefeiert wurde, zudröhnte.

Ein solcher Lysergsäure-Apostel war Dean, dass er einmal seiner Frau (es war in den Bergen, bevor er sich von ihr trennte) heimlich ein paar Tabletten in den Orangensaft tat und sie dann in der Wildnis ihrem Trip überließ. Danke schön, Dean!

Morehouse brachte einen jungen Mann aus Texas mit, Brooks Posten, einen Musiker, der später zur Family-Legende beitragen sollte, weil er sich auf Kommando in Trance versetzen konnte. Er verehrte Manson die Kreditkarte seiner Mutter, die auf den Reisen der Family im Jahre 1968 ausgiebig benutzt werden sollte.

Auch Posten verfiel ziemlich schnell dem Glauben, Manson sei Jesus. Er blieb den größten Teil des Sommers über in Wilsons Haus bei der Family und half Dean Morehouse beim »Gärtnern«.

Mansons größtes Wunderwerk war jedoch die Verwandlung des Charles Denton »Tex« Watson.

Als die Family Watson im Frühling 1968 in Dennis Wilsons Haus kennengelernt hatte, war er eine Art Playboy, der mit einer Stewardess aus Chicago zusammen war. Die Family war stolz darauf, dass sie Tex Watson, der bis heute in Texas einen Rekord im Hürdenlauf hält, verändern konnte: er kleidete sich scharf, er sah scharf aus, er hatte einen Perückenladen, er lebte im Jetzt. Bald schon sollte er Charlies »Jetzt« werden.

Tex Watson wurde am 2. Dezember 1946 im texanischen Copeville geboren. Er führte das normale Leben eines Jungen, der im Baumwollgebiet des tiefen Texas aufwuchs. Leute in Copeville erinnern sich daran, wie er auf seinem Fahrrad herumfuhr, wie er auf den Baumwollfeldern arbeitete, wie er seinem Vater in dem Geschäft der Familie, einer Lebensmittelhandlung und einer Tankstelle half. Sie konnten nicht glauben, dass aus ihm ein Mörder geworden war.

Auf der High-School in Farmersville, Texas, wo er ein Ass im Hürdenlauf und ein großartiger Läufer war, trug er die Haare glatt nach hinten zum Entenschwanz gekämmt.

Einige Jahre lang besuchte er das North Texas State College, wo er Betriebswirtschaft studierte und einer Studentenverbindung angehörte. Durch und durch ein Amerikaner.

Nach 1966 ließ Watson das College sausen und Anfang 1967 zog er nach Los Angeles, wo er zunächst für etwa ein Semester erneut aufs College ging. Dann flippte er ein zweites Mal aus. Er wohnte am Glendale-Boulevard, in der Wonderland Road, in Dracena und North Larrabee – eine Straße, berühmt für ihre Dealer.

Bevor er Manson begegnete, hatte er angefangen mit Perücken zu handeln und am Ende des Benedict-Canyon einen Laden eröffnet, den er Crown Wig Creations Ltd. nannte und gemeinsam mit einem Freund aus Denton, Texas betrieb. Der Laden lag in der Nähe von Beverly Hills, am Santa Monica-Boulevard Nr. 9499.

Als er Manson kennenlernte, lebte Watson offenbar in einem Strandhaus, 18162 Pacific Coast Highway. Er fuhr einen schicken 1935er Dodge-Pickup.

Unter drei Milliarden Möglichkeiten suchte sich Watson die aus, Charlie zu werden. »Ich bin Charlie und Charlie ist ich«, war eine seiner Losungen. Später sollte Watson aussagen, er habe tatsächlich geglaubt, Charlie zu sein. Er benutzte sogar Mansons Namen. Einmal unterschrieb er die Quittung einer Tankrechnung auf Terry Melchers Kreditkarte mit Charlies Namen.

Tests im Neuropsychiatrischen Institut der University of Southern California haben gezeigt, dass Watsons Intelligenzquotient während seines Trips in Mansons Leere um dreißig Punkte gesunken war – wahrscheinlich die Folge von Drogen wie Stechapfel und Tollkirsche. Wenn das Pentagon oder der Kreml Mansons Geheimnis je auf eine Formel zu bringen verstünde, wäre es um die Welt schlecht bestellt.

Für Manson war Wilsons Haus eine prima Adresse für den Bewährungshelfer. Noch lange, nachdem er dort ausgezogen war, gab Manson für seinen Ausweis die Adresse am Sunset-Boulevard an.

Manson aalte sich geradezu in seinem Jesus-Image – er küsste Füße und verhieß Unsterblichkeit wie noch nie. »Bist du bereit zu sterben?«, pflegte er zu fragen, und wenn die Antwort »Ja« lautete, sagte er: »Dann wirst du ewig leben.«

Immer spürte er irgendwelche Pennplätze auf. So schickte er zum Beispiel Squeaky mit einer Wagenladung müder Penner in den Topanga-Canyon oder zur Spahn-Ranch, damit sie dort übernachten konnten.

Wilson besaß die standesgemäße Ausstattung eines Rockstars: zwei Ferraris, einen Rolls-Royce, ein Haus im Benedict-Canyon, großartige Rockstar-Klamotten, ein mit Radar ausgerüstetes Boot. Er war reich, zumindest auf dem Papier, obwohl das Jahr 1968 beträchtliche Unruhen im vibrierenden Reich der Beach Boys mit sich brachte, die große Schwierigkeiten hatten, weitere Hits wie »Good Vibrations«, »Sloop John B« oder »California Girls« zustande zu bringen.

Die Mädchen machten sich im Rolls-Royce auf dieJagd nach Lebensmittelabfällen. Es muss reichlich schräg ausgesehen haben, wenn sie hinterm Supermarkt die weggeworfenen Lebensmittel aus den Mülltonnen holten und auf dem Rücksitz verstauten.

Aber Wilson ließ es geschehen. Einmal nahm er in jenem Sommer Snake, Lynette und Ouisch mit, als die Beach Boys bei einem Musikfestival in Colorado auftraten. Manson brachte eines Tages Robert Beausoleil zum Schwimmen in Wilsons fürstlichem Swimmingpool mit; sie waren sich im Topanga-Canyon zufällig begegnet.

Und es war in jenem Frühling und Sommer ein Herumgeficke in dem Hause Will Rogers, als ob das Ende der Welt bevorstehe (oder ihr Anfang). Dank Empfängnisverhütung und vorher nie gekannter Anwendung ihrer verfassungsgemäßen Bürgerrechte erkundeten die jungen Frauen der sechziger Jahre besonders in Kalifornien mit grimmiger Hingabe die sexversessene und psychedelische Rock 'n' Roll-Szene. Mit einer vergleichbaren Heftigkeit schmiss sich auch die Manson-Familie in die Orgien am Sunset-Boulevard. In seiner Autobiografie beschreibt Family-Mitglied Paul Watkins, wie Manson »Orgienkontingente« zu Dennis Wilsons Haus entsandte. Selbst an den Standards ihrer Zeit gemessen, ging dies perverse Rudel viel zu weit. Watkins schildert, wie er Manson auf dessen Befehl hin vor aller Augen einen blasen musste. Die Frauen der Family – so Watkins – trieben es miteinander und verschreckten Wilsons Gäste mit Bi-Schlabbereien und ungehemmten Liebesspielen. Eine von Mansons unmöglichen Vorgaben war es, dass jeder Teilnehmer einer Orgie zum Höhepunkt kommen müsse. Watkins erinnert sich auch an eine andere Praktik, bei der es die berühmten und weniger berühmten Gäste im Hause Wilson vor Widerwillen und Nicht-mitmachen-wollen geschüttelt haben dürfte. Teil der Prozedur war es, sich vorzubeugen und der Gruppe das eigene Arschloch darzubieten – eher unwahrscheinlich, dass dies großen Anklang unter den sauberen, schick frisierten und schnieke gekleideten Ruhmessüchtigen fand, die sich im Hause des Typen eingefunden hatten, der auf »Little Deuce Coupe« Schlagzeug spielte.

Es war eine regelrechte Heuschreckenszenerie, was Wilsons persönliche Habe betraf, denn die Family schaffte es, einen beträchtlichen Teil von Wilsons damaligem Reichtum innerhalb von zwei bis drei Monaten zu verpulvern. Aber es war das Jahr des Maharishi und der transzendentalen Meditation, und so strebte Wilson es offenbar an, Mansons endzeitlichem Gleichmut gegenüber allem Materiellen nachzufolgen, bis schließlich selbst vorübergehend ein Leben in »Armut« führen sollte, nämlich als er in jenem Herbst in ein armseliges Ein-Zimmer-Kellerapartment in Gregg Jakobsons Haus am North Beverly Glen-Drive zog.

Im Sommer 1968, auf Wilsons Besitz, wurde zum ersten Mal offenbar, dass Manson irgendwelche Schwierigkeiten mit der Prostata hatte. Teil der schon damals von der Family eifrig betriebenen Legendenbildung war die Behauptung, dass Charlie siebenmal am Tag Geschlechtsverkehr habe: einmal vor und nach jeder Mahlzeit und einmal während der Nacht, wenn die Lust ihn überkam und er davon aufwachte. Jedes neue Mädchen erlebte mit Manson eine intensive, mehrstündige Liebes-Session, zu der die Stell-dir-mich-als-deinen-Vater-vor-Masche und eine Menge Perversionen gehörten. Perversion war das, was die Musikszene in Los Angeles sich zum Frühstück servieren ließ. Die Sache muss sich herumgesprochen haben. Man könnte es als ein Erschöpfungsgefummel bezeichnen. Anscheinend hatte Charles das Gefühl, dass der Sex erst nach drei oder vier Stunden richtig gut wurde – wenn die Frau »aufgab«, völlig ihr Ego verlor, dann war es ein Akt der Seele. Und das stimmte. Unter den vielen Aussagen von Frauen im Gebiet Los Angeles gab es nur eine einzige, die behauptete, Manson habe mit der Zeit auf sexuellem Gebiet nachgelassen.

Die meisten Mädchen hielten Manson für sehr jung, vielleicht Anfang Zwanzig. Charlie war das gerade recht, denn im wesentlichen stand er auf präpubertäre Mädchen. Sie konnten gar nicht jung genug sein.

Aber nicht alle täuschte er. Wenn man sein Gesicht von Nahem betrachtete, ließ es den beginnenden Alterungsprozess erkennen. »Sein Gesicht wirkte sehr jung, aber aus der Nähe war es runzlig«, erinnert sich eine seiner Freundin von 1969.

8. Die Hexen von Mendocino [Juni – August 1968]

Manche erinnern sich, dass vor allem Sadie scharf darauf war, alle Leute, die sie kennenlernte, nach Los Angeles zu schicken und »Charlie kennenzulernen«. Die Zeit ging ins Land. Irgendwann, wahrscheinlich Ende Mai 1968, entschloss sich Charlie, mit dem schwarzen Bus einen Erkundungstrupp nordwärts ins Mendocino-County zu schicken, um dort einem geeigneten Lagerlatz für einen Daueraufenthalt zu finden. Susan Atkins alias Sadie Mae Glutz war die Anführerin dieses Trupps und fuhr den Bus. Charlie schickte regelmäßig kleine Gruppen seiner Anhänger hierhin und dorthin.

Charlie selbst blieb, umgeben von einem Kern auserwählter Jünger, um des Spaßes und des Spieles willen in Wilsons Haus zurück. Malibu Brenda, Sandy Good,

Ouisch, Squeaky Fromme und Snake/Lake waren die Mädchen, die Charlie auserwählt hatte, ihm in diesen leichtlebigen Monaten am Sunset-Boulevard zur Verfügung zu stehen.

Bevor es in den Norden nach Mendocino ging, hielt sich Susan Atkins Gruppe noch ein Weilchen bei einer Kommune in der Clayton Street Nr. 532 auf, ein paar Häuser hügelaufwärts oberhalb der Haight-Ashbury Free Medical Clinic. Mary Brunners sieben oder acht Wochen altes Baby, Pooh Bear, hatte eine Pilzinfektion und wurde in der Free Clinic behandelt.

Der Bus mit der Family – ohne Manson – erregte einiges Mitgefühl. Ständige wurden sie von der Polizei schikaniert, und dann waren da diese bescheuerten Festnahmen wegen Marihuana. Und die Mädchen waren, wie Beobachter berichteten, eifrige Werber neuer Anhänger. Sie waren begeistert, diese Mädchen, und während ihres Aufenthalts in Mendocino-County taufte man sie die »Hexen von Mendocino«. Die Mitarbeiter der Haight-Ashbury Clinic hatten wohl bereits von ihnen gehört, denn Mansons ehemaliger Bewährungshelfer, Roger Smith, hatte die Bewährungshilfe an den Nagel gehängt und im Januar 1968 in Zusammenarbeit mit der Haight-Ashbury Clinic ein Programm zur Beratung und Behandlung von Drogensüchtigen gegründet.

Die Klinik befand sich in einem mehrstöckigen Haus, gleich hinter dem Panhandle Park in der Clayton Street. Mehrere Mitarbeiter der Klinik begannen, sich mit der Gruppe zu befassen. Al Rose, der Verwaltungsdirektor der Klinik, sammelte Material über die Mädchen, als diese in einem Gefängnis in Mendocino-County saßen, und besuchte sie anschließend auf der Spahn-Ranch. Er und Dr. David Smith, der ärztliche Direktor der Klinik, verfassten später eine gemeinsame Arbeit über die Family von 1968, unter dem Titel »The Group Marriage Commune: A Case Study«. Diese in wissenschaftlicher Terminologie gehaltene und mit Fußnoten angereicherte Studie erschien 1970 in der Novemberausgabe des Journal of Psychedelic Drugs, einer gut gemachten und lesenswerten Publikation zur Analyse der sogenannten Drogenkultur.

Die Haight-Ashbury Free Clinic war Ende 1966, kurz vor Beginn der Flower-Power-Bewegung, eröffnet worden. 1967 hindurch behandelte man die zahllosen Blumenkinder und die Klinik kämpfte tapfer um ihr Weiterbestehen. Einmal musste sie in diesem Jahr vorübergehend schließen, weil es an Geldern fehlte, doch bald schon konnte sie ihre Tore wieder öffnen. Um zu überleben, war sie auf enge Kontakte zu Stiftungen angewiesen, denn nur so konnte sie die notwendigen Subventionen erhalten. Zusätzlich hatten in den vorherigen Jahren die Rockbands von San Francisco gelegentlich Benefizkonzerte zugunsten der Free Clinic veranstaltet.

Befassen wir uns kurz mit der Free Clinic – in der lokalen Presse hatte sich im Frühjahr 1968 ein gewisser Unwille breit gemacht, denn am Ostersonntag wollte die Free Clinic im ehrwürdigen Palace of Fine Arts ein Rock 'n' Roll-Wohltätigkeitskonzert veranstalten und erhoffte dadurch zu jenen 12.000 oder 13.000 Dollar zu kommen, die sie dringend brauchte.

Big Brother and the Holding Company mit Janis Joplin und Quicksilver Messenger Service sollten spielen. Doch gewisse Bürger von San Francisco protestierten: der vornehme Palace of Fine Arts dürfe nicht für ein Rock-Konzert missbraucht werden, um damit ausgerechnet den Tripper-verseuchten Hippie-Abschaum zu unterstützen. Damit setzen sie sich durch und das Konzert musste in letzter Minute in den Carousel Ballroom verlegt werden.

Irgendwann im Frühjahr oder Sommer 1968 begann Inez Folger, die Mutter von Abigail Folger, die Haight-Ashbury Free Medical Clinic zu unterstützen und als freiwillige Hilfskraft an dem von Roger Smith geleiteten Programm zur Behandlung Drogensüchtiger mitzuarbeiten. Einem leitenden Mitarbeiter der Klinik zufolge half Mrs. Folger dabei, dass die Free Clinic von der Bothin Foundation eine Subvention und vom Merrill Trust 25.000 Dollar erhielt. In dem Jahr ihrer Tätigkeit an der Klinik veranstaltete sie in ihrem Haus mehrere Wohltätigkeitspartys. An einer dieser Partys nahmen auch Abigail Folger sowie Colonel Paul Tate und seine Frau teil, und anscheinend waren auch Mitglieder der Manson Family, ja vielleicht sogar Manson selbst bei dieser Cocktailparty anwesend.

Roger Smith, der vormalige Bewährungshelfer von Charlie Manson, erinnert sich, wie schlecht ihm wurde, als er eines Tages Ende 1969 in der Haight-Ashbury Clinic die Schlagzeilen über die Verhaftung der Family wegen Mordes las und ihm die Benefizparty bei Inez Folger einfiel.

Irgendwann in der ersten Junihälfte also fuhren die Mädchen von San Francisco nordwärts nach Mendocino-County, um sich dort nach einer Bleibe für die Family umzusehen. Eine Zeitlang hielten sie sich bei einer Art Kommune auf, die ein Haus etwas abseits von der Route 128 bewohnte, in der Nähe von Philo, nordwestlich von Ukiah, im Dope-Land.

Am 21. Juni 1968 rief kurz nach Mitternacht eine gewisse Mrs. Rosenthal aus Booneville, Kalifornien beim diensthabenden Hilfssheriff von Mendocino-County an und bat, er möge einen Beamten zu ihr schicken, weil jemand ihrem siebzehnjährigen Sohn Rauschmittel gegeben habe. Als die Polizei eintraf, redete der junge Allen gerade von seinen Beinen, so als wären sie Schlangen, und hatte Farbhalluzinationen. Er erzählte der Polizei, die »Hexen von Mendocino« aus dem Hippiehaus bei Philo hätten ihm eine kleine blaue Tablette verpasst.

Noch in derselben Nacht veranstaltete die Polizei in besagtem Hippielager eine Razzia. Sie stieß dort auf fünf Mädchen (die Hexen von Mendocino), drei Männer und ein Kind, Pooh Bear. Die Polizisten durchsuchten das Haus und die Umgebung. In einem Holzschuppen neben dem Haus fanden sie eine Filmdose, die Marihuana und einen kleinen Plastikbeutel mit blauen LSD-Körnern enthielt. Sie hatten die Kommies mit Dope erwischt! Festgenommen wurden Ella Beth Sinder alias Yeller, Mary Brunner, Patricia Krenwinkel, Sadie Mae Glutz, ein Mädchen namens Mary Ann Scott, Robert Bomse, Peter Kornbuth und Eugene Nagle, dazu der elf Wochen alte Valentine Michael Manson alias Pooh Bear.

Nach der Verhaftung rief eines der Mädchen in Dennis Wilsons Haus in Los Angeles an, um Charlie zu informieren.

Am nächsten Tag, den 22. Juni 1968, wurden Sadie Mae Glutz und andere wegen erwiesenen Besitzes einer gefährlichen Droge (Verstoß gegen §11910 des kalifornischen Health & Safety), wegen vorsätzlicher Verabreichung einer Droge an einen Minderjährigen (Verstoß gegen §11913) und wegen Besitzes von Marihuana (Verstoß gegen § 11530) unter Anklage gestellt.

Patricia lief unter dem Namen Katherine Smith. Offenbar hatte Mary Brunner Angst, man werde sie für schuldig erklären; in der Annahme, Katie habe die besten Chancen davonzukommen, erzählten die Mädchen der Polizei, der kleine Sunstone Hawk alias Pooh Bear sei ihr Baby. Die Mädchen befürchteten, man könnte ihnen Pooh Bear wegnehmen, wenn herauskäme, dass Mary Brunner erst vor kurzem in Oxnard, Kalifornien wegen unzüchtigen Stillens ihres Kindes in der Öffentlichkeit verhaftet worden war.

Natürlich konnten die Mädchen keine Kaution stellen. Pooh Bear wurde seiner Mutter weggenommen und kam in ein Kinderheim. Als Pflegeeltern des Kindes wurden Roger Smith von der Free Clinic und seine Frau eingesetzt. Wie Roger Smith später erzählte, hatte er zeitweilig bei der Bewährungsabteilung im Mendocino-County gearbeitet und auf diese Weise kamen er und seine Frau wohl irgendwie als Pflegeeltern ins Spiel. Es stellte sich – Schrecken über Schrecken – heraus, dass das Baby nicht nur keine Geburtsurkunde hatte, sondern auch noch unbeschnitten war. Beides wurde schnellstens nachgeholt.

So schmachteten die Mädchen im Gefängnis. Zwar wurden einige der Anklagepunkte während einer Anhörung am 2. Juli fallengelassen, aber aufgrund einer sogenannten Ergänzungsklage wurden sie noch im Gerichtssaal wieder verhaftet und weiter im Gefängnis festgehalten.

 

Während die Hexen von Mendocino im Norden eingesperrt blieben, hielt sich Manson fast den ganzen Juni und Juli 1968 in Los Angeles auf: Der kleine Frauenhasser war vollauf damit beschäftigt, Frauen zu kontrollieren und neue Kontakte zu knüpfen.

Einer seiner größten Tricks bestand darin, seine Anhänger zu Bewunderern des »kindlichen Bewusstseins« zu machen. Das Kind war irgendwie das Ideal. Auf Kindern lag nicht der Fluch der Kultur, sie handelten spontan, aus der Seele heraus. Man darf hier nicht vergessen, dass die Family an die Reinkarnation glaubte und an die Möglichkeit der Wiederbegegnung mit vergangenem Leben. Das Kind war dabei der vorläufige Kulminationspunkt einer evolutionären Kette des Lebens und der Wiedergeburten.

Charlie plädierte für Fortpflanzung. Präservative, Pillen, intrauterine Verhütungsmittel oder – Gott behüte – Vasektomie waren untersagt. Frauen besaßen der Manson-Doktrin zufolge keine Seelen, sondern sie waren über-bewusste Sklavinnen, deren Pflicht es war, Kinder zu kriegen und den Männern zu dienen. Ironischerweise kam es in der Family zu sehr wenigen Schwangerschaften, eine Tatsache, die, so erzählte Sandy Good, bei Charlie großen Unmut auslöste.

Dort, wo zwanzig Frauen ein und denselben Mann lieben, wird es für den Mann zu einem Problem, jeder die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Manson hatte das schnell verstanden und unterhielt mit jeder seiner Anhängerinnen eine intime, entwaffnende Beziehung – und irgendwie befriedigte er sie alle.

Das Problem der Eifersucht löste Manson mit einem richtigen Coup – er drehte den Spieß einfach um. So redete er den Mädchen ein, dass, wenn sie ihn wirklich liebten, sie ihm Mädchen bringen müssten, die noch hübscher und jünger wären als sie – und er kam damit durch. Er schien regelrecht versessen auf kleine, magere, masochistische und abergläubische Rothaarige. Und er liebte es, Halbwüchsige von der Straße aufzulesen, die von ihren Eltern schlecht behandelt worden waren.

Sie kamen und gingen. »Wenn du dich einfügst, kannst du bleiben«, hieß es jedes Mal, und manche taten ihr Äußerstes, um sich »einzufügen«.

Zumindest war dies das Bild, das seine Anhänger der Welt präsentierten.

Aber Manson war nicht bloß darauf aus, sich einen Harem aufzubauen und Star-Ruhm zu erlangen.

Es gab noch einen anderen Manson, einen Manson mit jahrelangen Beziehungen zur Halbwelt von Los Angeles. Er scheint über Jahre hin mit Kriminellen in Kontakt gestanden zu haben. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass er bereits 1955 nach Los Angeles gekommen war und sich in den vierzehn Jahren seiner »kalifornischen Karriere« in Los Angeles zunächst als Häftling, Zuhälter, Barmixer, Fälscher und Räuber und erst später als Prediger und Guru betätigt hat.

Manson war von der Sorte, die behaupteten, Tausende von Freunden zu haben. Da gab es zum Beispiel einen gewissen Pete, der in Sacramento lebte und den die Family Ende 1967 auf einer ihrer Touren für mehrere Tage besuchte. Pete und er hatten offensichtlich 1958 in einer Bar in Malibu zusammengearbeitet. Charlie pflegte seine Freundschaften.

Oft trieb er sich unter dem Namen Chuck Summers am Sunset Strip herum, wo es eine Reihe zweifelhafter Bars und Cafés mit Namen wie Galaxy Club, Omnibus und The Melody Room gab, die von Motorradfahrern, Prostituierten, Kleinkriminellen und Pornodarstellern frequentiert wurden.

Der Galaxy Club war 1968 eine Lieblingsbar von Chuck Summers. Er pflegte – so erzählt es der Clubmanager von damals – morgens aufzutauchen. Der Manager war ein Bühnenhypnotiseur, der später ein Etablissement eröffnete, das Hollywood Hypnotism Center oder so ähnlich hieß. Manson aka Summers und er unterhielten sich häufig über Hypnotismus. Der Galaxy Club lag etwas oberhalb in der Straße vom Whiskey A Go-Go. Dort lernte Charlie wahrscheinlich auch die Leute von Motorradclub The Jokers Out of Hell kennen. Einige seiner weniger bekannten Freundinnen, mit Namen wie Mouse oder Venus, waren ebenfalls Stammgäste dieser Clubs.

Hier am Sunset Strip scheint Manson erste Kontakte zum satanischen Flügel der Biker-Kultur geknüpft zu haben, wie zum Beispiel The Satan Slaves, The Jokers Out of Hell, The Straight Satans, The Coffin Makers und andere Gruppen junger Leute auf dem Drogentrip. Es steht außer Zweifel, dass der zunehmende Kontakt zu einigen dieser Gruppen mit den höllischen Namen in Manson gewalttätige »Reflexionen« ausgelöst haben muss; zu manchen, wie den Straight Satans und vor allem den Satan Slaves, unterhielt er im folgenden Jahr der Gewalt enge Beziehungen.

9. Dubiose Einflüsse

Gerade mal ein Jahr der Blumen war vorübergeblüht, seit Manson aus Terminal Island entlassen worden war. Doch irgendwann zwischen Ende 1967 und dem Frühjahr oder Sommer des Jahres 1968 kam es in der Family zu einer Veränderung. Zu der Mixtur aus Blumen, Sex, Nomaden- und Kommuneleben gesellten sich Satan, Teufelsanbetung und Gewalt. Vielleicht war es der Wille zur Veränderung – die Notwendigkeit, jene magnetische Kraft zu erhalten – die Charlie auf den Gruseltrip gebracht hatte.

Irgendetwas muss da passiert sein – es kann nicht einfach nur Sex, Drogen und das Kommuneleben gewesen sein, das Patricia Krenwinkel, eben aus dem Schlaf geweckt, auf Kommando einfach so auf die Beine springen und zum Haus von Polanski fahren ließ, auch wenn sich das manche gerne einreden würden.

Manson hatte wiederholt darauf verwiesen, dass er lediglich eine Spiegelung derer sei, die ihn umgaben, dass er »tot im Kopf« sei und deshalb aus der Seele heraus handle. Zweifelsohne entnahm er seine Ideen vielen verschiedenen Quellen. Er war stets ein begieriger Zuhörer und brüstete sich mit seiner weitreichenden Kenntnis abseitiger Dinge.

Aber was hat nun wirklich zu Mansons Todestrip geführt? Die Faktoren, die zu jenem gewaltsamen Ausbruch aus der Wirklichkeit beigetragen haben, sollen hier als dubiose Einflüsse aufgezählt werden.

Wenn man sich in Los Angeles umsieht, stößt man auf so manche Todestrip-Gruppe, die auf Manson und seine Family einen starken Eindruck gemacht haben dürften. In dieser Gegend gibt es Gruppen, deren Spezialität es ist, ihre Anhänger in willenlose Zombies zu verwandeln. Sie haben Stufensysteme der Initiation und Jüngerschaft. Sie wenden indoktrinäre Methoden an, die zuweilen stark an Hypnose erinnern. Sie verstärken okkulte Paranoia im Geiste ihrer Adepten und greifen manchmal während des Indoktrinationsprozesses zu bestimmten Drogen, um so ein Netz absonderlicher Überzeugungen zu weben, in dem der Okkultismusgläubige sich verfangen soll.

Die Struktur dieser Gruppen ist faschistoid, die gesamte Macht konzentriert sich auf die Kultführer – gewöhnlich sind dies ein oder zwei autokratische und machthungrige Burschen, denen es nur auf Respekt und Gehorsam ankommt.

Von solch einer überspannt-okkulten Gruppe, die ganz gewiss einen fragwürdigen Einfluss auf die Family hatte und deren Anführer kalifornischen Polizeiakten zufolge Kontakt zu Mitgliedern der Manson-Family gehabt haben soll, von dieser Gruppe heißt es in einem von der Anglikanischen Kirche vorgelegten Bericht, sie präsentiere »der Welt zwei Gesichter: das Gesicht frommer Ehrbarkeit und das Gesicht hemmungsloser Verderbtheit«. Diese Gruppe verehrt die verschiedensten Götter, darunter Satan und Christus. Sie repräsentiert die Essenz des Uhh-iih-uhh. Manson und seine Anhänger trafen die Führer dieser satanischen Gemeinschaft Ende 1967 im Wendeltreppenhaus im Topanga-Canyon.

In einem Interview, das sie viele Jahre später im Gefängnis gab, identifizierte Patricia Krenwinkle besagte Gruppe als eine jener, die sie im Wendeltreppenhaus kennengelernt hatte. Ein anderer Informant berichtete uns, dass Manson diese aus England stammende Geheimgesellschaft bei einer Zusammenkunft im Haus des Eigentümers des Straight Theater in San Francisco getroffen habe. »Oh, der Teufel!«, platzte es spontan aus Manson heraus, als ein Verteidiger ihn erstmals fragte, ob die englische Satanistengruppe jemals getroffen habe.

Später schrieb Manson über die verschiedenen Gruppen, die er im Wendeltreppenhaus angetroffen hatte: »Jedes Mal, wenn ich dort war, hörte und sah ich mir alle Praktiken und Rituale der verschiedenen Gruppen an, die dort hinkamen. Ich stehe nicht drauf, Tiere zu opfern oder ihr Blut zu trinken, um mehr Spaß am Sex zu haben, und es bringt mich auch nicht – wie einige dieser Leute – auf Touren, jemanden in Ketten zu legen und auszupeitschen. ...

Als wir zum ersten Mal hinfuhren, waren wir wie unschuldige Kinder, verglichen mit den Leuten, die wir dort sahen. Wenn ich zurückblicke, kann ich wohl sagen, dass unsere Philosophie – Spaß und Spiele, Liebe und Sex, Freundschaft und Frieden für jedermann – in diesem Haus begann, sich in den Wahnsinn zu verwandeln, der uns schließlich verschlang.«

Es gab noch eine andere Gruppe von zweifelhaftem Einfluss auf die Family; ihr stand eine Frau vor, die von der Gruppe verehrt und für eine Reinkarnation der griechischen Göttin Circe gehalten wurde; jene Circe also, die – wie die Leser der Odyssee sich erinnern werden – mit der Schiffsbesatzung des Odysseus eine Metamorphose-Nummer abzog und sie mit Hilfe einer merkwürdigen Droge in Schweine verwandelte. Zu den Anhängern dieser Circe-Gruppe gehörten Mitglieder des Motorradclubs The Satan Slaves, der eine Zeitlang enge Kontakte zu Manson und seiner »Kirche« unterhielt. »Circe« soll eine rothaarige Engländerin gewesen sein.

Praktisch im Gefängnis aufgewachsen und fast ein Analphabet – er war ein extrem langsamer Leser –, ließ sich Manson im Sinne des Guru-Gedankens weiterbilden, das heißt, er bezog einen großen Teil seiner Kenntnisse aus mündlichen Vorträgen seiner Freunde.

Mansons Flower-Power-Guru zum Beispiel war eine von Los Angeles bis San Francisco gut bekannte Gestalt der örtlichen Underground-Gemeinde von 1967. Man konnte Manson in Gesellschaft dieses Mannes durch ganz Kalifornien reisen sehen. Wäre er den Anweisungen dieses Gurus gefolgt, hätten sich die Dinge in Kalifornien später nie so zugespitzt – doch es gab keine Erlösung für dieses Produkt schlechter Gefängnisse und sozialer Krankheit.

Man wird sich erinnern, dass die kaputten Konzepte der Schwarzen Magie in Manson schon Wurzeln geschlagen hatten, noch bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er selbst hat erklärt, er habe im Gefängnis sogenannte Teufelsanbeter kennengelernt, und man weiß, dass er von Freunden Bücher über die sogenannten Schwarzen Künste geschickt bekam.

Dean Morehouse behauptet, dass Manson und seine Crew bereits im Hochsommer 1967 im Norden von Mendocino-County, oberhalb von San Francisco, Kontakte zu einer Gruppe von »Teufelsjüngern« unterhielten. Diese Gruppe hat, wie ein enger Freund der Family zu berichten wusste, ihr Hauptquartier später in der Gegend von San Francisco aufgeschlagen.

Vielleicht gab diese enge Verbindung den Ausschlag dazu, dass sich Manson später der Teufelsszene anschloss.

Jemand, der behauptet hat, 1968 in San Francisco mit demselben Teufelskult wie Manson in Berührung gekommen zu sein, erklärte, dass Mansons Guru in dieser Sekte ein gewisser Father P gewesen sei. »Diesem Todeskult stand ein merkwürdiger, leidenschaftlicher Mann von etwa 45 Jahren vor«, schrieb das ehemalige Mitglied der Sekte. »Sie nannten ihn Father P … den 66ten. Dieser Father P behauptete, dass er unter anderem den Doktor der Medizin und den der Philosophie besitze und dass er ein Magier sei. Im Ashram des Kults erzählte man sich, Father P. sei aus North Carolina vertrieben worden, weil er dort eine Stadtkirche in Brand gesetzt habe, er sei aus dem Vor-Castro-Kuba ausgewiesen worden und erst kürzlich aus dem syrischen Damaskus zurückgekehrt.

Die Leute von Devil House sagten, es handle sich um einen religiösen Orden, und dieser Orden hatte viele alte Namen, ein Name sei The Companions of Life, ein anderer The Final Church of Judgement. The Final Church war auch der Name, den Manson für die Kirche wählte, die er eines Tages gründen wollte.« So weit das frühere Mitglied.

Von Mitte 1968 an behauptete Manson, er sei Christus und Satan bzw. Christus und der Teufel in einer Person. Es wurde bereits gesagt, dass seine Anhänger sich mit den Frühchristen verglichen – oder dem, was sie für die Frühchristen hielten: sexuelle Gemeinschaft und ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Dem fügten sie den Glauben an die Reinkarnation, Astralprojektion und verschiedene Blutrituale hinzu. Manson verkörperte in seiner Final-Church-von-was-auch-immer die Christus-Satan-Gestalt. Seine Vision war zum Schaudern. Er wollte mit seinen Anhängern ein Netz religiöser Zellen über mehrere Städte hinweg aufbauen. Und hat es wahrscheinlich auch getan.

Aber es war eine kranke Angelegenheit. In einem langen Interview mit dem Staatsanwalt von Los Angeles berichtete eine von Susan Atkins Zellengenossinnen am 5. Oktober 1970, was ihr Miss Atkins über das Blutschlürfen der Family anvertraut hatte: »Sie erzählte mir, dass sich Charlie bei mehreren Gelegenheiten an ein Kreuz heften ließ. Und dass ein Mädchen am Fuß des Kreuzes kniete und dass er stöhnte und schrie, als würde er wirklich gekreuzigt, und dass sie auch Tiere opferten und in einem Fruchtbarkeitsritus ihr Blut tranken.« Uhh-iih-uhh.

Ein Augenzeuge berichtete, dass die Family-Mitglieder bei manchen ihrer unheimlichen Riten schwarze Kapuzen trugen. Er berichtete von einem mehr oder weniger amüsanten Vorfall, wie nämlich er und sein Freund eines späten Abends schwarz gekleidet und mit schwarzen Kapuzen über dem Kopf zur Spahn-Ranch gegangen sei, um zu sehen, ob sie das Wachpostensystem der Family durchbrechen konnten.

Dean Morehouse zufolge hat Manson bereits Anfang Juni 1968 Pläne entwickelt, seine Anhänger auszusenden, damit sie neue »Kirchen« gründen sollten. In einem Interview sagte Morehouse: »Ich bekam den Eindruck, dass Charlie die Welt unter diese Leute aufteilen wollte, die hinausgehen und ihre Arbeit tun sollten, aber ich bin nie ganz dahinter gekommen ... Er hat mir nie Näheres anvertraut ... Eine Menge Dinge hat Charlie mir nie anvertraut.«

Manson hatte sogar einen Anhänger oder Verbündeten, der im Juni 1968 nach Australien fuhr, um dort eine Niederlassung der Final Church – oder wie immer sie auch hieß – zu errichten. Morehouse wurde gefragt, was der Mann in Australien eigentlich tun sollte. Morehouse erwiderte: »Er sollte genau das tun, was Charlie tat. Charlie hat mich immer ermuntert, hinauszugehen und was zu organisieren ... Ich sollte eine Kirche aufbauen ... Er hat das immer von mir gewollt ... Und ein Programm sollte ich für meine Arbeit entwerfen. So von wegen man schart ein paar Leute um sich, eine kleine Gruppe, geht mit ihnen ihre Blockaden durch und törnt sie an, und dann schickt man die Männer, immer zu zweit, einfach los, in VW-Bussen oder so. Man schickt sie hinaus und lässt sie andere Leute antörnen. Sie können dann ja die Highways rauf und runter fahren ... oder in eine andere Stadt gehen und dort ein Zentrum gründen. Und dann wieder welche weiterschicken zum nächsten Ort, damit sie dort das gleiche tun – und so immer weiter und weiter.«

Morehouse versuchte schließlich eine »Mansonland-Kirche« zu gründen, doch wurde dieses Unternehmen Ende 1968, Anfang 1969 durch eine längere Gefängnisstrafe unterbrochen.

Im Spätsommer 1968 nahm Manson Verbindung mit einem Biker-Club in San Jose, einige Kilometer südlich von San Francisco, auf, genannt die Gypsy Jokers. Der kalifornischen Polizei zufolge waren einige der Gypsy Jokers bereits 1967 von einer bekannten internationalen okkulten Gesellschaft angeworben worden. Von dieser Gesellschaft wurden die Biker-Rekruten laut Polizei als »Agenten Satans« bezeichnet. Die Gesellschaft hatte seit etwa 1966 in den USA Anhänger rekrutiert und Zellen errichtet und betätigte sich in den folgenden Jahren in Kalifornien.

Es handelte sich um eine Gruppe von Teufelsverehrern, die in abgelegenen Berggegenden Nord- und Südkaliforniens operierte und zu den Opferriten, die mutmaßlich zum okkulten Leben der Family gehörten. Abscheuliches beisteuerte.

Eine Person, die dabei erwischt wurde, wie sich das Herz eines Menschenopfers verzehrte und die unter Mordanklage gestellt wurde, hat von einer Satans-Teufels-Organisation berichtet, die in den Jahren 1967 bis 1970 in den Santa-Cruz-Bergen südlich von San Francisco und in den Santa-Ana-Bergen südlich von Los Angeles operierte. Hier wurden Hämatophagie, Kannibalismus und andere Ungeheuerlichkeiten praktiziert. Man könnte ganze Seiten damit besudeln, die abstoßenden Tätigkeiten dieser Sekte zu beschreiben, doch bleibe dies dem Leser erspart.

Die Gruppe bediente sich einer eigenen Terminologie und veranstaltete ihre Rituale nach Zeitplänen, die auf astrologischem Aberglauben beruhten. Ihr Oberhaupt trug den Titel Grand Chingon, Head Chingon oder Head Devil. Auch Manson wurde von mehreren seiner Anhänger in Anwesenheit des Autors als The Grand Chingon bezeichnet. Es hat sich allerdings gezeigt, dass es sich bei dem Santa-Cruz-Chingon nicht um Manson handelte (Manson saß bereits wegen Mordes im Gefängnis, als diese Sekte noch operierte), sondern um jemand anderes, um eine ältere Person mit einer Crew von »Sklaven«, die ihre krankhaften Gebote erfüllten.

Dem Informanten zufolge nannte sich die Sekte bisweilen Four P Movement und widmete sich der »totalen Verehrung des Bösen«. Ihre Anhänger hielten Zeremonien im Freien ab und benutzten dabei ein tragbares Krematorium, einen drachengeschmückten Holzaltar, einen tragbaren Sektionstisch, ein Opferwerkzeug mit sechs Messerklingen sowie andere Gerätschaften. Sie brachten Menschen um und verbrannten sie. Es war ein kranker Haufen.

Mittlerweile war es Juni 1968 geworden, und Manson holte sich die Elemente seiner eigenen Krankheit zusammen, er bereitete seine Teufelskirche vor.

Und während die Family auf dem Strip herumschnorrte und im Wilson-Haus am Sunset-Boulevard sang und Füße küsste, zogen – nur ein paar Meilen weiter im Nordosten – Sharon Tate und Roman Polanski in das Haus 1600 Summit Ridge-Drive im hügeligen Revier der Berühmtheiten oberhalb von Beverly Hills.

10. Sharon Tate und Roman Polanski [1967]

»Persönlichkeiten und äußerste Furcht sind die wichtigsten Dinge beim Film!«

Roman Polanski

Sharon Tate wurde am 24. Januar 1943 im texanischen Dallas geboren. Ihr Väter war Berufsoffizier, deshalb lebte die Familie nacheinander an verschiedenen Orten Europas und der Vereinigten Staaten. Schon als Kind ließen ihre Eltern sie an einem Schönheitswettbewerb für die Allerjüngsten teilnehmen, aus dem sie als Siegerin hervorging. Auch als Sharon heranwuchs, wechselten die Eltern noch ständig ihren Wohnsitz; sie wohnten mal in San Francisco, dann im Staate Washington, dann wieder in Washington D.C. und so weiter. In Richmond, Washington wurde Sharon zur Miss Autorama gewählt.

Die Familie zog wieder nach Europa, ins italienische Verona, wo Sharon die Vincenza American High School besuchte. Auf Abschlussbällen wurde sie zweimal zur Ballkönigin gekürt. Wie viele Tausende amerikanischer Mädchen, die Ballköniginnen wurden, mögen sich verzehrt haben, nach Hollywood zu kommen? Während der Zeit in Verona lernte sie Eli Wallach, Susan Strasberg und Richard Beymer kennen, die dort einen Film drehten.

Mr. Beymer ermunterte Miss Tate mit dem alten Spruch »Du solltest wirklich zum Film gehen«, und das hat sie anscheinend dazu bewogen, tatsächlich Schauspielerin zu werden.

Ihr Vater – von dem es heißt, er sei Offizier beim militärischen Geheimdienst gewesen, – wurde wieder in die Vereinigten Staaten versetzt, nach San Pedro in Kalifornien, nur ein paar Meilen von Hollywood entfernt. Von San Pedro aus setzte sie zum Sprung an. Sie fuhr per Anhalter zu den verschiedensten Filmstudios, bei denen die eifrige Miss Tate mit der sanften Stimme bald als »das Mädchen aus San Pedro« bekannt war.

Es gibt ein denkwürdiges Interview über ihren Start in Hollywood, das sie während der Dreharbeiten zu dem bekannten Film Tanz der Vampire gegeben hat. Darin sagt sie: »Ich fuhr damals per Anhalter zu allen Studios in Los Angeles, weil ich mir ein Taxi nicht leisten konnte. Die Männer waren immer so großzügig, vor allem die Lastwagenfahrer; sie haben mich alle mitgenommen. Meine ersten Erfahrungen habe ich bei Werbesendungen fürs Fernsehen gemacht. Ich konnte Daddy davon überzeugen, dass ich in Hollywood sicher aufgehoben war.«

Miss Tate nahm sich einen Agenten, Hai Gefsky, und bald wirkte sie in Reklamesendungen für Autos und Zigaretten mit. 1963, mit zwanzig Jahren, wurde sie von ihrem Agenten zum Vorsprechen nach New York geschickt. Es ging um eine winzige Rolle in Petticoat Junction, einer damals in Planung befindlichen CBS-Fernsehserie, die von einem gewissen Martin Ransohoff und der ihm gehörenden Fernsehgesellschaft, den Filmways, produziert wurde.

Ransohoff erschien im Studio, erblickte das hübsche junge Mädchen und rief es zu sich. Der Kolumnist Lloyd Shearer berichtete in einer Londoner Zeitung, Ransohoff habe zu Sharon Tate die klassischen Worte gesagt: »Sweetie, ich mache einen Star aus dir« – mit der Betonung auf »ich.«.

Mr. Ransohoff war auch Produzent der TV-Quatschserie The Beverly Hillbillies, die unter TV-Archäologen als Meilenstein der Trash-Kultur gelten dürfte. Ransohoff schloss mit Sharon Tate einen Siebenjahresvertrag. Zweieinhalb Jahre lang betrachtete er sie als sein persönliches Eigentum. Wie eine hübsche Dattelpalme wurde sie fleißig begossen und zum Star gemacht. Sie erhielt Gesangs-, Tanz- und Schauspielunterricht. Sie bekam zur Übung kleine Rollen, in denen sie Perücken trug, wie zum Beispiel in The Beverly Hillbillies, in The Petticoat Junction und in anderen von Ransohoff produzierten Filmen wie The Americanization of Emily und The Sandpiper.

Eine ganze Zeitlang lebte sie bei Big Sur in Kalifornien, einem herrlichen Küstengebiet, das sie sehr gerne mochte. Sie hielt sich dort mit Ransohoff auf, während dieser die Sandpipers mit Elizabeth Taylor drehte.

Irgendwann 1963 lernte Jay Sebring, Modefriseur für Filmschauspieler, Sharon Tate in einem Restaurant in Hollywood kennen. Sie freundeten sich rasch an, wurden ein Liebespaar und beschlossen zu heiraten. Jay Sebring war ein tatkräftiger, erfolgreicher Unternehmer, der sich in kürzester Zeit als König des Haarschnitts etablierte.

Als Schauspieler wendet man seinem Gesicht und seiner Frisur eine Menge Aufmerksamkeit zu – das ist normal, das tut jeder. In vielen Fällen sind Gesicht und Frisur ungefähr das einzige, was ein Schauspieler in seine Karriere einbringt. Sebring verstand es, sich in Hollywood die Achtung der Großen und der Reichen zu erarbeiten. Er war geradezu ein Zauberkünstler darin, eine Frisur davor zu bewahren, dass sie bei Regen im Rinnstein verschwand. Und er erschien genau rechtzeitig auf der Bildfläche, um beim Übergang vom Bürstenschnitt zum Pilzkopf mitzuwirken.

Ungefähr um die Zeit, als er Sharon Tate kennenlernte, erwarb Sebring ein beachtliches Haus im Benedict-Canyon, wo er bis zu seinem Tod lebte. Sebrings Haus Nr. 9860 am Easton-Drive erfreute sich eines schaurigen Ruhmes; es hatte einst der Schauspielerin Jean Harlow als Schlupfwinkel gedient, und hier hatte sich ihr Mann, Paul Bern, im Jahre 1932 eine Kugel durch den Kopf gejagt.

Nach zwei Vorbereitungsjahren war das Starlet fertig. Ende 1965 gab Ransohoff Sharon ihre erste Hauptrolle: Neben David Niven und Deborah Kerr spielte sie in dem Film Eye of the Devil (dt.: Die schwarze 13), die Geschichte einer religiösen Kapuzensekte, die den Teufel anbetet und Opfermorde begeht.

Der Film wurde in London gedreht. Jay Sebring kam ebenfalls nach London, und sie lebten zusammen in einem Apartment am Eaton Square, doch geschäftliche Probleme zwangen ihn, nach Los Angeles zurückzukehren.

Während Ransohoff in London Eye of the Devil drehte, stellte die Gesellschaft einen englischen Magier namens Alex Saunders, auch als »König der Hexen« bekannt, als technischen Berater ein. Alex Saunders – alias Hohepriester Verbius – behauptete, Aleister Crowley höchstselbst habe ihn als Geschenk zu seinem zehnten Geburtstag tätowiert und er habe auf den britischen Inseln Menschen in zweihundert Hexenzirkeln initiiert und ausgebildet. Er will sich auch während der Dreharbeiten für den Teufelsfilm mit Sharon Tate angefreundet und sie in die Hexenkunst eingeweiht haben. Er habe Fotos, in denen Miss Tate in einem geweihten magischen Kreis zu sehen sein soll.

Anfang 1966 verpflichtete Martin Ransohoff Roman Polanski als Regisseur für einen von Polanski selbst verfassten Film, dem man nacheinander die Titel The Fearless Vampire Killers, Dance of the Vampires (Tanz der Vampire) und Pardon Me, But Your Fangs Are in My Neck gab. Mr. Ransohoff wollte, dass Sharon Tate in diesem Streifen mitspielte, und so sorgte er dafür, dass sich die beiden kennenlernten.

Mehrere von Polanskis Filmen, insbesondere Das Messer im Wasser, Wenn Katelbach kommt und Ekel, waren bereits große Erfolge gewesen. Ekel genießt den düsteren Ruf, einer der erschreckendsten Filme zu sein, die je gedreht wurden.

Roman Polanski erblickte am 18. August 1933 als Raymond Polanski in Paris das Licht der Welt. Seine Eltern stammten ursprünglich aus Polen.

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