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Texas Queen

1. KAPITEL

Niki Keene zog Cowboys an wie Honig die Bienen. Darüber konnte Tilly Collins sich immer wieder nur wundern. Sie war die stolze Großmutter der Keene-Drillinge, und Niki war die jüngste der drei Schwestern, wenn auch nur zwanzig Minuten jünger als ihre älteste Schwester.

Tilly fand ihre Enkelinnen alle drei hübsch. Im Moment saß sie beim alljährlichen Picknick in Hard Knox an einem Holztisch und fächelte sich Luft zu, während sie zusah, wie Niki ihre Bewunderer geschickt auf Abstand hielt. Allerdings besaß Niki in diesem Punkt auch wirklich ausreichend Erfahrung.

Früher hatten sie in Elk Tooth, Montana, gelebt, und dort war Niki als “die Hübsche” bezeichnet worden, ihre Schwester Toni als “die Nette” und Dani als “die Kluge”. Tilly fand zwar, dass ihre drei siebenundzwanzigjährigen Enkelinnen alle drei hübsch, nett und klug waren, aber sie musste zugeben, dass die schöne Niki besonders anziehend aussah.

In erster Linie genoss Tilly an diesem Tag aber wie alle Einwohner von Hard Knox die Feier im Stadtpark. Die Keenes besaßen die Bar-K, eine Ferienranch, und waren heute zusammen mit ihren Gästen in den Park gekommen, um an dem Fest teilzunehmen.

Die Gäste der Bar-K und der anderen Ferienranches des Bezirks unterhielten sich gut gelaunt mit den Einheimischen, bis die Bürgermeisterin Rosie Mitchell ans Mikrofon trat und um Ruhe bat, um Preise und Ehrungen an die “Hard Knoxers”, wie die Einwohner der kleinen Stadt sich nannten, zu verteilen.

“Hallo, Grandma.” Dani Keene Burke setzte sich zu Tilly auf die Holzbank. “Heute ist es aber noch heißer als sonst.”

Tilly sah sich nach Danis elf Monate alten Tochter um. “Hoffentlich hast du wegen der Hitze nicht deine kleine Elsie irgendwo vergessen.”

Dani lachte, und ihre braunen Augen strahlten. Die Hochzeit mit Jack Burke von der Nachbarranch der Keenes hat ihr gutgetan, überlegte Tilly. Ich habe Dani noch nie glücklicher erlebt.

“Sie ist bei Jack”, sagte Dani. “Er holt den Kindern nur noch Limonade, dann kommt er auch her.”

Tilly nickte. Zur Familie gehörte noch der sechsjährige Pete, den Jack und Dani bei ihrer Hochzeit adoptiert hatten. “Sind Toni und Simon auch hier?”

Dani nickte. “Die beiden habe ich vor ein paar Minuten kommen sehen.” Sie sah sich suchend um. “Aber wo ist Niki?”

Tilly zeigte zu einer Gruppe von Cowboys, die sich um Niki geschart hatten. Niki lächelte unverbindlich. Sie sah wirklich umwerfend aus mit ihrem langen schwarzen Haar und den blauen Augen.

Aus der Ansprache der Bürgermeisterin hörte Tilly den Namen Niki heraus, und sie glaubte, sich verhört zu haben. Rasch blickte sie zu Dani.

Die Stimme der Bürgermeisterin wurde noch lauter. “Niki Keene, bitte, meine Liebe, komm doch zu mir aufs Podium.”

Niki sah zu ihrer Familie und hob fragend die dunklen Augenbrauen. Dani zuckte nur mit den Schultern, und Toni, die gerade ankam, winkte ihr zu.

“Was wollen sie denn von ihr?”, fragte sie. “Simon und ich sind gerade erst angekommen.”

“Komm bitte jetzt herauf”, bat die Bürgermeisterin noch einmal. “Sei doch nicht so schüchtern!”

Auf Rosies Drängen hin schoben Nikis Verehrer sie zum Podium in der Mitte des Parks, und die Menge applaudierte, obwohl niemand zu wissen schien, worum es ging.

Tilly wusste es auch nicht, aber es konnte ja nichts Schlimmes sein. Deshalb lächelte sie und klatschte wie die anderen Beifall.

Die Bürgermeisterin breitete die Arme aus, um sich Gehör zu verschaffen, und Niki stand leicht verunsichert neben ihr und sah Rosie zweifelnd an. Rosie und Cleavon Mitchell des Sorry Bastard Saloon, ein Lokal, in dem Niki als Kellnerin gearbeitet hatte, als sie vor ein paar Jahren mit ihren Schwestern nach Texas gekommen war. Noch heute jobbte sie hin und wieder dort. Nicht weil sie auf das Geld angewiesen war, sondern eher aus Spaß.

“Liebe Freunde, liebe Gäste”, verkündete Rosie mit ihrer tiefen Stimme. “Wir haben heute eine sehr schöne Überraschung. Es sieht so aus, als nehme unsere Niki Keene, das Prachtstück des Sorry Bastard Saloons, an der Endausscheidung für den Titel der Cowgirl-Queen teil. Dieser Titel wird von der Firma ‘Mother Hubbard’ vergeben, die, wie ihr alle wisst, Westernkleidung herstellt. Und ich halte hier den Brief in der Hand, in dem steht, dass Niki in die Endrunde gekommen ist.” Triumphierend schwenkte sie das Blatt Papier.

Stirnrunzelnd fragte Tilly leise: “Wer ist Mother Hubbard?”

Toni lachte. “Die Firma ist doch überall bekannt. Niki mag die Marke selbst sehr. Die Weste, die sie gerade trägt, ist auch von Mother Hubbard.” Sie sah zu Dani. “Kannst du dir vorstellen, dass Niki an so einem Wettbewerb teilnimmt und nicht einmal ihren eigenen Schwestern etwas davon verrät?”

“Nein, das kann ich mir absolut nicht vorstellen”, erwiderte Dani. “Das ist sehr seltsam. Für diesen Wettbewerb wurde landesweit in Zeitschriften und auch im Fernsehen geworben, und Niki würde niemals daran teilnehmen. Die Siegerin wird für ein Jahr die wichtigste Repräsentantin der Firma und muss ständig für Fotos Modell stehen. Niki würde lieber durchs Feuer laufen, als so etwas mitzumachen.”

Das stimmt leider, dachte Tilly und beobachtete, wie ihre Enkelin auf dem Podest energisch den Kopf schüttelte. Die schöne Niki stand nur ungern im Rampenlicht.

Niki beugte sich zum Mikrofon. “Ich fürchte, dass es da ein Missverständnis gegeben hat, Rosie”, sagte sie und berichtigte sich hastig: “liebe Bürgermeisterin.”

Lächelnd schüttelte Rosie den Kopf, doch sie wirkte nicht gerade glücklich. “Ganz bestimmt nicht, Niki. Hier steht dein Name, siehst du?”

“Trotzdem”, beharrte Niki sanft, aber entschieden. “Es handelt sich um einen Fehler. Vielen Dank, aber ich werde an dieser Wahl nicht teilnehmen.”

Mit einem Lächeln bat sie um Verständnis und wandte sich ab.

“Warte doch, Niki!” Jetzt wirkte die Bürgermeisterin regelrecht verzweifelt. “Es ist doch egal, ob du von deiner Teilnahme wusstest, meine Liebe. Du bist im Finale, und das ist wunderbar für deine neue Heimat. Willst du nicht wenigstens …”

“Ich wünschte, ich könnte es, aber es ist unmöglich. Vielen Dank, aber ich möchte nicht.” Niki winkte noch einmal der Menge zu, dann ging sie vom Podium.

Alle schwiegen gebannt, und schließlich seufzte Tilly. “Niki mag nicht einmal Pferde”, stellte sie laut fest. “Wenn diese Leute eine Cowgirl-Queen wählen wollen, dann sind sie bei Niki ganz falsch!”

Clay Russell stand ganz in der Nähe. Er war der World Champion im Rodeoreiten und arbeitete für Mother Hubbard als gut bezahlter Pressesprecher. Im Moment hörte er jedes Wort, das die alte Frau mit ihren Enkelinnen sprach. Weil er allerdings seinen Cowboyhut tief in die Stirn gezogen hatte und eine dunkle Sonnenbrille trug, war er bislang noch nicht erkannt worden. So sollte es seiner Meinung nach auch bleiben, und aus diesem Grund gesellte er sich auch nicht zu der alten Dame und ihren Enkelinnen.

Beim letzten Rodeo war er so schwer verletzt worden, dass er nicht wusste, ob er jemals wieder an einem Rodeo teilnehmen konnte. Deshalb reiste Clay jetzt von einer Stadt zur nächsten, weil Mother Hubbard es so wünschte. Hinter der Firma stand Eve Hubbard, die sich den phänomenalen Erfolg der Kleidermarke schwer erkämpft hatte, und sie hatte Clay den Auftrag gegeben, die zwölf Teilnehmerinnen der Endrunde unter die Lupe zu nehmen und ihr anschließend Bericht zu erstatten.

Hard Knox war die letzte Station, bevor Clay zurück nach Dallas musste. Eve wollte nicht nur wissen, wie die Teilnehmerinnen aussahen, sondern Clay sollte ihr auch berichten, wie die jungen Frauen die Nachricht aufgenommen hatten, dass sie an der Endausscheidung teilnehmen sollten.

Diesen Test hat Niki Keene nicht bestanden, dachte Clay, während er noch ihrer Familie zuhörte. Jetzt kamen zwei Männer hinzu, offenbar die Ehemänner der beiden anderen Schwestern. Die anderen elf Glücklichen hatten gejubelt und waren wildfremden Menschen vor Freude um den Hals gefallen. Die heutige Kandidatin hingegen hatte nur “Nein, danke” gesagt und war weggegangen.

Anscheinend war sie nicht für den Titel der Cowgirl-Queen geeignet. Andererseits war sie wirklich äußerst attraktiv. Obwohl Clay sie nur ein paar Minuten gesehen hatte, hatte sie ihn sofort beeindruckt. Das dichte schwarze Haar, das sie zu einem dicken Zopf geflochten hatte, reichte ihr bis über die Schultern, und ihr ovales Gesicht wurde von hohen Wangenknochen, vollen Lippen und ausdrucksvollen dunkelblauen Augen geprägt. Ihr Teint war makellos, und ihr Körper wirkte genauso perfekt wie ihr Gesicht.

Wenn Clay sich nicht sehr irrte, dann trug sie sogar Kleidung von Mother Hubbard: eine ausgebleichte enge Jeans und eine Jeansweste, die vorn mit Lederschnüren zusammengehalten wurde. Die Weste reichte nur knapp bis zur Jeans und gab hin und wieder den Blick auf ihre schlanke Taille frei. Und ihre vollen Brüste zeichneten sich unter der engen Weste vielversprechend ab. Clay vermutete, dass diese Frau jedes Versprechen hielt, das ihr Körper gab.

Gut sah sie also aus, aber das traf auch auf alle anderen Teilnehmerinnen am Finale zu. Und wenn die alte Dame recht mit dem hatte, was sie gerade über Pferde gesagt hatte, dann war Niki diesen Preis mit seinen zahllosen Vergünstigungen nicht wert. Wirklich schade, aber vielleicht war hier tatsächlich ein Fehler unterlaufen.

“Wie könnte das passiert sein?”, fragte gerade die Schwester, die ein Kleinkind auf dem Schoß hielt. “Niki wirkte sehr verblüfft.”

“Da kann ich auch nur raten, Dani.” Die andere Schwester zuckte mit den Schultern. “Aber wenn sich ihr schon die Möglichkeit bietet, dann sollte sie diesen Preis zu gewinnen versuchen. Die Siegerin bekommt viele Geschenke. Ich weiß, Niki will nicht gern von ihrer Schönheit profitieren, aber es wäre doch nicht das erste Mal. In Elk Tooth hat sie zahllose Male die Misswahl gewonnen, außerdem war sie Miss Texas Barmaid, die Miss Sunshine der Wetterforscher, die Miss Smile der Zahnarztvereinigung und Miss …”

“Oje!” Die Großmutter hob die Hände. “Das reicht, Dani. Schließlich ist sie zu jedem dieser Titel überredet worden.”

Na klar, dachte Clay. Vielleicht zu einem Titel, aber bekommt man so viele Titel, wenn man sich nicht selbst darum bemüht? Wohl kaum.

“Ich finde, sie sollte an dem Wettbewerb teilnehmen.”

“Weshalb sagst du das, Jack?”, fragte die Großmutter sanft.

Der Mann stand neben der Schwester mit dem Baby und sah wie ein Rancher aus, fand Clay. “Es wäre gut für die Stadt. Wir könnten es in unsere Touristenbroschüre aufnehmen und dadurch das Geschäft noch mehr ankurbeln.”

“Du tust so, als hätte sie schon gewonnen”, warf der andere Mann ein.

Überrascht sahen die beiden Schwestern sich an, und die mit dem Baby blickte zu dem Mann. “Ja und, Simon?”

Simon sah nicht wie ein Cowboy aus. Er beugte sich vor und küsste Toni auf die Stirn. “Nur weil Niki toll aussieht, heißt das doch nicht, dass sie diesen Wettbewerb gewinnt. Schließlich ist sie nicht die schönste Frau der Welt. Das ist Toni.”

“Simon!” Toni lächelte ihn zufrieden an. “In diesem Punkt bist du nicht objektiv.”

“Das braucht er auch gar nicht zu sein. Immerhin ist er frisch verheiratet”, wandte Grandma Tilly ein. “Dani, was meinst du? Würde Niki den Titel annehmen?”

“Nie im Leben.” Dani schüttelte entschieden den Kopf. “Nach dem Rummel bei ihrem letzten Sieg hat sie geschworen, dass die Zeit der Misswahlen für sie vorbei ist.”

“Was ist denn geschehen?”, wollte Simon wissen.

“Der Organisator des Wettbewerbs hat sich an sie herangemacht”, antwortete Dani bedrückt. “Außerdem hat man ihr unglaublich viele Termine aufgehalst und verlangt, dass sie sich überall blicken lässt. Nein, sie wird ihre Meinung nicht ändern, und das kann ich auch gut verstehen.”

Clay zog sich zurück. Er musste sich auf den Weg machen und in Dallas davon berichten, dass diese Teilnehmerin nicht geeignet war. Auch wenn ihre Familie diesbezüglich anderer Ansicht war, würde diese Frau es nicht schaffen, zur Cowgirl-Queen gekürt zu werden.

“Und dann …” Die Großmutter seufzte. “Dann ist da ja noch die Sache mit den Pferden.”

Clay musterte die Gesichter der übrigen, doch alle senkten nur betroffen den Blick. Was sollte das denn heißen? Was hatte es mit Niki Keene und den Pferden auf sich? Aber das spielte auch keine große Rolle mehr. Es gab viele Minuspunkte für Niki und nur einen Pluspunkt, und der war sehr offensichtlich.

Auf einmal richtete die Großmutter sich entschieden auf. “Die Entscheidung liegt ohnehin nicht bei uns, Dani. Ich fahre zurück zur Ranch. Wenn du noch gern mit Jack hierbleiben willst, um Toni und Simon bei der Betreuung der Gäste zu helfen, dann nehme ich die Kinder mit.”

“Jack?” Fragend wandte Dani sich an ihren Ehemann.

“Klingt doch gut. Vielleicht können wir noch zum Sorry Bastard fahren und unsere sture Schönheitskönigin zur Vernunft bringen.”

“Versuchen können wir es gern.” Sie wandte sich an das andere Pärchen. “Seid ihr beiden einverstanden?”

Während sie sich weiter besprachen, entfernte Clay sich. Er musste wirklich los. Es würde spät werden, bis er in Dallas ankam.

Andererseits …

Was tat Niki Keene in einer Bar? Der Sorry Bastard Saloon war ihm aufgefallen, als er in die Stadt gekommen war. Trank diese Frau heimlich, oder arbeitete sie dort? Er sah sie in Gedanken vor sich und verdrängte dieses Bild schnell wieder. Sie konnte nicht wirklich so attraktiv sein, wie er sie in Erinnerung hatte.

Trotzdem sollte er vielleicht zum Sorry Bastard Saloon fahren. Nur aus Neugier.

Als Niki ihre Schwestern die Bar betreten sah, war sie bereits gewappnet für die Auseinandersetzung. Sie konnte sich schon denken, was jetzt kam. Ihre Schwestern hatten sie schon damals in Montana überredet, den Titel der Miss Elk Tooth anzunehmen, und obwohl sie nicht einmal offiziell am Wettbewerb zur Miss Texas Barmaid teilgenommen hatte, war sie von ihren Schwestern zur Annahme des Titels überredet worden. Genau wie bei den anderen Titeln.

Aber jetzt? Die Königin der Cowgirls? Das ging wirklich zu weit. Auch wenn es sich nur um Werbung für eine Kleidermarke handelte, konnte man schließlich auch nicht schamlos lügen.

Niki unterdrückte ein Lächeln. Sie und ein Cowgirl! Das passte einfach nicht, auch wenn sie zusammen mit ihrer Familie eine Ferienranch besaß. Sollten die anderen doch ihre Pferde satteln und losreiten. Niki war damit zufrieden, die Hütten der Gäste aufzuräumen und Kartoffeln zu schälen.

“Zwei Bier, Ken”, bestellte sie beim Barkeeper. Während sie auf die Getränke wartete, sah sie sich im Raum um und betrachtete die zahlreichen Gäste. Viele von ihnen waren Fremde, die nur für einen oder zwei Tage wegen des Festes in der Stadt waren. Dann gab es natürlich die Feriengäste, die während der gesamten Saison so regelmäßig kamen wie …

Niki bemerkte einen breitschultrigen Mann, der vor dem Schaukasten stand und die ausgestellten Preise betrachtete. Rosie und Cleavon hatten Nikis gesammelte Trophäen dort hineingestopft. Es war Niki unglaublich peinlich, dass ihre Fotos an der Rückwand des Lokals hingen. Man sah sie als Schönheitskönigin mit einer Seidenschärpe und unsicher lächelnd. Angeblich war es ja gut fürs Geschäft, dennoch war es Niki unangenehm.

Aber wer war dieser Mann, der sich dort den Schaukasten ansah? Noch bevor Niki sein Gesicht gesehen hatte, wusste sie, dass er ein Fremder war. Kein Feriengast wirkte in Cowboykleidung so lässig wie dieser Mann.

Unwillkürlich registrierte sie seine schmalen Hüften, die breiten Schultern und die langen Beine … Sein dunkelblondes dichtes Haar glänzte und war leicht zerzaust.

“Die Biere sind fertig, Niki.”

Kens Stimme riss sie aus ihrer Betrachtung des Fremden, und sie wandte sich ihm fast dankbar zu. Es war nicht so, dass sie nichts mehr von Männern wissen wollte, aber sie war auch nicht gerade ein Fan von ihnen.

Sie brachte die Biere an den Tisch und fügte sich dann in das Unvermeidliche, indem sie an den Tisch ihrer Schwestern ging. Schon beim Anblick der beiden lächelnden Frauen wusste Niki, was ihr bevorstand.

“Wo ist denn die restliche Familie?”, wollte sie wissen.

“Grandma hat die Kinder mit nach Hause genommen, und die Männer kümmern sich um die Gäste”, antwortete Dani. “Toni und ich wollten nur noch einmal hier herein schauen und die zukünftige Cowgirl-Queen begrüßen.” Belustigt sah sie Niki an.

“Wie witzig!” Niki lächelte gequält. Dann kam ihr ein Gedanke. “Habt ihr beiden mich etwa für diesen Wettbewerb angemeldet? Wenn ihr das getan habt, dann schwöre ich euch, dass ich …”

“Ich war’s nicht.” Dani hob abwehrend die Hände und sah zu Toni.

“Ich auch nicht, aber irgendjemand muss es getan haben. Jetzt, da es passiert ist …” Sie blickte Niki forschend an. “Vielleicht war deine Entscheidung etwas übereilt. Das ist eine ganz große Sache.”

“Ach, wirklich?”

“Hör doch mal zu, dieser Wettbewerb läuft landesweit. Die Siegerin bekommt einen Model-Vertrag und tritt ein Jahr lang in der Öffentlichkeit für diese Modefirma auf. Wie heißt sie doch noch mal?”

“Mother Hubbard.” Niki blickte an sich herunter. “Und natürlich trage ich auch einiges von dieser Marke.”

“Schicksal”, stellte Toni fest. “Die Siegerin wird komplett von Mother Hubbard ausgestattet.”

Niki stöhnte nur. “Soll mich das freuen? Ich kann mir meine Sachen auch selbst kaufen. Passt auf, wir haben hier viel zu tun. Kann ich euch etwas bringen, oder seid ihr nur gekommen, um mich zu quälen?”

“Ich nehme ein Wasser”, sagte Dani.

“Ich auch”, stimmte Toni zu. “Aber mal im Ernst, Niki, du hättest über die Sache ernsthafter nachdenken sollen. Wenn du Cowgirl-Queen bist, wäre das für die ganze Stadt ein Erfolg, und der Ranch könnte es auch nicht schaden.”

Niki wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. “Antoinette Keene, halt den Mund. Ich bin kein Cowgirl und schon gar nicht die Königin der Cowgirls. Man könnte mich wegen arglistiger Täuschung verklagen.”

“Red keinen Unsinn.” Dani winkte ab. “Das ist doch bloß ein Titel. Den Leuten von der Firma ist es doch ganz egal, was du tust, solange du nur in den Sachen gut aussiehst. Und das tust du. Wo liegt dann das Problem?”

“Das Problem, liebe Schwester, liegt darin, dass ich mir wie eine Betrügerin vorkommen würde, auch wenn das niemand anderen stört. Ich will auch kein Model sein, und es reizt mich genauso wenig, ein ganzes Jahr lang fest verplant zu werden.”

“Aber denk doch an die Stadt! Und an die Ranch.”

“Unsere Ferienranch läuft doch bestens.” Niki blickte sich nervös um. “Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden und habe keine Lust auf irgendwelche Veränderungen.”

“Vielleicht gewinnst du ja gar nicht”, schlug Toni hoffnungsvoll vor. “Das klingt zwar unsinnig, aber immerhin gibt es noch elf andere Kandidatinnen. Die Siegerin wird in Dallas gewählt, wenn ich mich nicht irre. Nutz doch die kostenlose Werbung, die allein damit verbunden ist, dass du in der Endrunde bist. Nur der Stadt zuliebe, meine ich natürlich. Und dann hoffst du einfach darauf, dass du verlierst.”

Niki verzog das Gesicht. “Kannst du dir vorstellen, was ich durchmachen würde, wenn ich da mit elf anderen in einer Reihe stehe und taxiert werde wie ein Rind auf dem Viehmarkt? Im Grunde nimmst du mir die Entscheidung ab, Toni. Das Thema ist für mich erledigt.”

“Aber …”

“Hallo Niki!”

Niki drehte sich um. “Oje, die Reporterin von der Zeitung. Will die jetzt auch mit mir über diesen Cowgirl-Quatsch reden?”

Dani nickte. “Davon müssen wir wohl ausgehen.” Auch wenn du es nicht zugeben willst, diese Wahl ist eine große Chance.”

“Ich habe zu viel zu tun.” Niki winkte der Reporterin kurz zu und drehte sich zur Bar. “Ich bringe euch gleich euer Wasser.”

“Feigling!”, rief Toni ihrer Schwester nach.

Auf diese ungerechte Bemerkung ging Niki gar nicht ein.

Im Sorry Bastard Saloon war es so düster, dass Clay durch seine Sonnenbrille kaum etwas erkennen konnte. Er fand nur mit Mühe seinen Weg zu einem freien Tisch in der Nähe der Keene-Schwestern. Hoffentlich erreichte er den Tisch, bevor jemand anderes …

Gerade als er an dem Tisch ankam, stürzte auch ein Cowboy auf die freien Plätze zu und setzte sich.

“Tut mir leid”, sagte Clay, “aber ich war zuerst an diesem Tisch.”

Der Cowboy grinste Clay an.

“Macht ja nichts.” Der Cowboy streckte die Hand aus. “Ich bin Dylan Sawyer. Suchen Sie einen Platz?”

Nein, wollte Clay schon antworten. Ich laufe nur gern durch volle Bars. “Ja, und fast hätte ich ihn auch bekommen.” Er schüttelte die Hand des Mannes. “Nennen Sie mich Clay.”

Dylan nickte. “Prima. Ich erwarte ein paar Freunde, aber Sie können uns gern Gesellschaft leisten.” Er deutete auf einen freien Stuhl.

Clay ließ sich nicht zwei Mal bitten, setzte sich und legte seinen Hut auf den Tisch. “Arbeiten Sie hier in der Nähe?”

Wieder nickte Dylan. “Auf der Bar-K-Ranch.”

Clays Nackenhaare richteten sich auf. “Ich glaube, ich habe davon gehört.”

“Sie gehört den Keene-Drillingen. Kommen Sie von außerhalb?”

“Ich bin nur auf der Durchreise.”

“Vielleicht haben Sie heute Niki Keene gesehen, als man versucht hat, ihr diesen Cowgirl-Titel zu verleihen”, bemerkte Dylan.

“Ja, das habe ich mitbekommen. Aber ich dachte, sie sei nur in der Endrunde.”

Dylan lachte auf. “Das ist doch dasselbe. Den Titel hat sie schon so gut wie in der Tasche. Vorausgesetzt, jemand kann sie dazu bringen, weiterhin am Wettbewerb teilzunehmen.”

Clay vermutete, dass der junge Cowboy so zuversichtlich war, weil es hier um seine Chefin ging. Aus Neugier fragte er nach: “Glauben Sie, sie wird weitermachen?”

“Wer weiß.” Dylan zuckte mit den Schultern. “Aber wenn ja, dann wird sie gewinnen, darauf wette ich. Haben Sie je in Ihrem Leben eine Frau gesehen, die schöner ist als sie?” Er deutete mit dem Kopf zur Bar, wo Niki gerade ein Tablett mit Getränken abholte. “Und nett ist sie auch noch.”

“Sie sieht fantastisch aus, das stimmt.” Lächelnd setzte Clay die Sonnenbrille ab.

Und genau in diesem Moment blickte sie in seine Richtung und sah ihm direkt in die Augen.

Der Fremde schaute Niki so durchdringend an, dass es ihr vorkam, als würde sie ein Stromschlag durchzucken. Sie hielt den Atem an. Es war tatsächlich der Mann, der ihr schon vorhin aufgefallen war. Er hatte die Fotos von ihr betrachtet, und jetzt blickte er sie an, als wolle er ihr Blut zum Kochen bringen. Wer war das?

Wieso kam hier ein Cowboy herein, der bis eben noch eine dunkle Sonnenbrille getragen hatte? Und weshalb saß er bei Dylan Sawyer am Tisch, als seien sie beide schon seit Jahren befreundet?

“Niki, an Tisch neun warten die Leute auf die Getränke.”

“Entschuldige, Ken.” Hastig nahm sie das Tablett und achtete nicht weiter auf den Fremden. Es musste Einbildung sein, dass sie meinte, seinen Blick auf ihrem Rücken zu spüren. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf.

Und ich muss auch noch zu ihm gehen und ihn fragen, was er bestellen will, dachte sie. Sicher würde Tracy ihr das notfalls abnehmen, aber das wäre feige. Und Niki war kein Feigling.

Nachdem sie die Biere verteilt hatte, straffte sie die Schultern und setzte ein Lächeln auf. Einen Moment lang war sie versucht, lieber zu der Reporterin zu gehen und ein Interview über sich ergehen zu lassen, doch dadurch zögerte sie das Unvermeidliche nur weiter hinaus.

Mit hoch erhobenem Kopf ging sie zu den beiden Männern. Je näher sie kam, desto attraktiver fand sie den Fremden. Sein Kinn war sehr kantig im Vergleich zu den vollen Lippen, und als er lächelte, zeigte er strahlend weiße Zähne.

“Hallo, Dylan.” Sie nickte dem jungen Arbeiter von der Bar-K-Ranch kurz zu und sah dann wieder zu seinem Tischnachbarn. “Haben die Herren schon entschieden, was Sie möchten?”

“Ich nehme ein Bier”, sagte Dylan. “Und Sie, Clay?”

Einen Moment zögerte der Mann, dann stand er langsam auf, wobei er Niki nicht aus den Augen ließ. “Ich glaube, hier gibt es nichts, was mich interessiert”, erwiderte er höflich. Dann setzte er seinen Hut auf, nickte und ging hinaus.

Niki sah ihm völlig verblüfft nach. Was war da eigentlich gerade geschehen?

Der Mann hatte doch nicht von irgendwelchen Drinks gesprochen.

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