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Texas Cattleman’s Club: The Showdown - 6-teilige Serie

Maureen Child, Katherine Garbera, Barbara Dunlop, Robyn Grady, Brenda Jackson, Kathie Denosky

Texas Cattleman’s Club: The Showdown - 6-teilige Serie

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1. KAPITEL

Rick Pruitt, First Sergeant der Marines, blieben dreißig Tage, um über sein weiteres Leben zu entscheiden.

„Immer mit der Ruhe“, sagte er sich, während er schwungvoll die Main Street entlangging. Mit einer lässigen Handbewegung grüßte er Joe Davis, mit dem er seit Kindertagen befreundet war.

Joe fuhr langsamer und kurbelte die Seitenscheibe seines staubbedeckten roten Pick-ups herunter. „Hi! Wen hat denn da der Texaswind nach Hause geweht? Seit wann bist du wieder hier, Rick?“

„Seit gestern.“ Rick schob seinen Hut ein Stück in den Nacken und stützte die Unterarme auf Joes Beifahrertür. Das glühend heiße Metall ließ ihn zusammenzucken, aber als echter Texaner war er von klein auf an Hitze gewöhnt.

Auch an diesem Tag brannte die Julisonne gnadenlos vom wolkenlosen Himmel – ideales Wetter als Vorbereitung für einen Einsatz im Nahen Osten.

„Und, bleibst du?“

„Gute Frage“, sagte Rick. Er wusste selbst noch nicht, was er tun würde. Seit vielen Jahren war er bei den Marines und hatte sich in seinem Corps immer wohlgefühlt. Und er war stolz darauf, seinem Land zu dienen.

Aber ihm entging dadurch auch vieles. Beim Tod seiner Eltern war er nicht im Land gewesen, und er konnte sich nicht selbst um die Ranch kümmern. Die Verantwortung für den Familienbetrieb lag seit vielen Jahren in den Händen eines bewährten Vormanns. Wenn man bedachte, dass die Pruitt Ranch zu den größten in Texas gehörte, wurde klar, welche Last das bedeutete.

Eigentlich komisch, dass keiner in Ricks Corps von seinem Reichtum etwas wusste. Alle sahen in ihm nur den Kameraden – und genau das gefiel ihm.

Er war um die Welt gereist, hatte mehr gesehen und erlebt als die meisten Männer in ihrem ganzen Leben. Aber im Herzen war er immer hiergeblieben, in Royal.

Lächelnd zuckte er die Schultern. „Weiß ich selbst noch nicht. Erst mal habe ich dreißig Tage Urlaub, dann muss ich mich entscheiden.“

„Na gut“, sagte Joe. „Wenn du was brauchst, einen Rat oder was auch immer, ruf mich an.“

„Mach ich.“ Rick betrachtete den Freund. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten gemeinsam zum ersten Mal Bier getrunken und auch den Kater danach gemeinsam durchgemacht. Im Footballteam ihrer Schule hatten sie Seite an Seite gespielt.

Joe war in Royal geblieben und hatte Tina geheiratet, seine Freundin aus Schulzeiten. Jetzt hatte er schon zwei Kinder und führte die Autowerkstatt seiner Familie.

Rick dagegen war aufs College gegangen und danach zu den Marines. Der Liebe war er nur ein einziges Mal wirklich nahegekommen.

Einen Moment dachte er an die Frau, die ihm in der Jugend unerreichbar erschienen war. Die Erinnerung an sie hatte ihm über manch schweren Tag hinweggeholfen. Es gab eben Frauen, die einem Mann unter die Haut gehen. Und sie war eine davon.

„Gehen wir mal angeln?“, fragte Joe und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Gute Idee. Dann soll Tina uns ein paar von ihren leckeren Brathühnchen mitgeben, und wir machen uns am See auf der Ranch einen schönen Tag.“

„Hand drauf!“, sagte Joe lachend, und Rick schlug ein. „Ist echt gut, dass du wieder hier bist“, fügte Joe hinzu, „und wenn du mich fragst, solltest du auch hierbleiben.“

„Ich freu mich auch“, sagte Rick und lächelte.

Joe lächelte ebenfalls. „Jetzt muss ich wieder in die Werkstatt. Der alte Sedan von Mrs Donley tut’s nicht mehr, und sie lässt mir keine Ruhe damit.“

Mrs Marianne Donley war die gefürchtete Mathematiklehrerin, die bei Generationen von Schülern für ihre Strenge berüchtigt war. Noch bei der Erinnerung an ihren Unterricht schüttelte es Rick.

Joe sah es und lachte. „So geht’s mir auch. Also, ich ruf dich an wegen dem Angelausflug.“ Er fuhr los.

„Alles klar!“, rief Rick und sah dem Freund gedankenverloren nach. Ja, es war schön, wieder hier zu sein. Noch vor drei Tagen hatte er sich mit seinen Männern inmitten eines Feuergefechts befunden. Heute stand er in seiner friedlichen Heimatstadt und sah dem geschäftigen Treiben zu.

Aber wohin gehörte er wirklich?

Schon als Junge hatte er immer zu den Marines gewollt. Und seit seine Eltern tot waren, gab es nicht viel, was ihn hier in Royal hielt. Natürlich fühlte er sich der Pruitt-Dynastie verpflichtet. Schließlich gehörte die Ranch seit mehr als hundertfünfzig Jahren der Familie. Aber alles lief auch ganz gut ohne ihn. Der Vormann und seine Frau kamen allein klar, und die Stadt erst recht.

Er blinzelte gegen die Sonne und sah sich um. Er fand es beruhigend, dass sich in einer amerikanischen Kleinstadt wie Royal nur wenig änderte. Sogar nach längerer Abwesenheit fand man bei der Rückkehr alles wie gewohnt vor.

Und doch hatte sich etwas verändert: er selbst.

Er zog die Krempe seines Stetson-Hutes ins Gesicht, schüttelte den Kopf und ging in Richtung des Texas Cattleman’s Club. Wenn es doch mal Neuigkeiten gab, erfuhr man sie im TCC als Erstes. Außerdem freute er sich auf die Kühle und die Möglichkeit, in Ruhe nachzudenken. Ganz zu schweigen von einem guten Bier und einem Steaksandwich im Diningroom.

„Bradford Price, du lebst in der Steinzeit.“ Sadie Price starrte ihren großen Bruder an und wunderte sich kein bisschen, dass er sich gegen diesen Vorwurf nicht wehrte.

Ganz im Gegenteil, er schien sogar stolz darauf, denn er erwiderte: „Wie ich dich kenne, willst du mir damit sagen, dass ich traditionsbewusst und auch sonst ganz okay bin. Außerdem hoffe ich, dass meine kleine Schwester nicht extra hergekommen ist, um mir die Leviten zu lesen …“

Sadie zählte im Stillen bis zehn, um sich zu beruhigen, aber es nützte ebenso wenig wie der Gedanke an ihre süßen Zwillinge. Das für die Familie Price typische Temperament ließ sich eben nicht so leicht zügeln, und was zu weit ging, ging zu weit.

Zugegeben, der Texas Cattleman’s Club eignete sich nicht wirklich als Ort für diese Auseinandersetzung, aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern.

„Ich bin nicht aus Houston wieder hierher nach Royal gezogen, um nur zu Hause zu sitzen, Brad. Ich muss etwas tun“, eröffnete sie das Duell.

Sie wollte etwas bewegen, von sich reden machen. So gesehen war der TCC gar kein schlechter Ausgangspunkt. Die ganze Nacht hatte sie es sich überlegt, und ihr Bruder würde sie von ihrem Vorhaben nicht abbringen.

„Also gut“, sagte er und hob beschwichtigend beide Hände. „Tu von mir aus etwas. Was du willst. Aber nicht hier.“

„Heutzutage haben Frauen ihren festen Platz in Klubs“, beharrte sie mit einem Seitenblick auf zwei ältere Herren in großen braunen Ledersesseln, die sich schnell hinter ihren Zeitungen verschanzten.

„Daran brauchst du mich nicht zu erinnern“, sagte Brad. „Mich nervt schon Abigail Langley. Die Frau bringt mich noch um den Verstand. Und jetzt fängst du auch noch an.“

Sadie atmete tief ein. „Du bist der hartherzigste, störrischste …“

„Du solltest daran denken, kleine Schwester, dass ich hier Verantwortung trage.“

Das stimmte. Brad strebte sogar das Amt des Klubpräsidenten an. Wenn er tatsächlich die Wahl gewann, würden beim TCC so schnell keine moderneren Zeiten anbrechen.

Sadie biss sich auf die Lippen, um nicht im Zorn etwas zu sagen, was sie später bereuen würde. Dieser rückständige Klub existierte bereits seit mehr als hundert Jahren.

Schon die Einrichtung verriet, dass es sich um eine reine Männerwelt handelte. Das Interieur bestand aus holzvertäfelten Wänden, dunklen Ledersesseln, Bildern mit Jagdmotiven und einem großen Fernsehbildschirm für Sportsendungen.

Bis vor Kurzem hatten sich Frauen nur im Diningroom und auf dem Tennisplatz aufhalten dürfen. Aber seitdem Abby, die Witwe von Richard Langley, als Ehrenmitglied uneingeschränkte Klubprivilegien genoss, änderten sich die Dinge. Langsam und, wie die Frauen in Royal hofften, unaufhaltsam.

Aber das Verhalten ihres Bruders zeigte Sadie klar, als wie schwierig sich solche Veränderungen bisweilen erwiesen.

„Jetzt überleg doch mal“, sagte sie in möglichst sachlichem Ton. „Der Klub sucht einen neuen Standort, und ich bin Landschaftsgestalterin. Und ich kenne einen wirklich sehr guten Architekten. Ich habe schon die ersten Skizzen …“

„Sadie“, unterbrach Brad kopfschüttelnd. „Es ist noch nichts entschieden. Wir brauchen keinen Architekten oder Landschaftsplaner. Und auch keinen Einrichtungsberater.“

„Lass mich doch wenigstens ausreden.“

„Mir reicht es schon, dass ich mich mit Abby Langley herumärgern muss. Da brauche ich nicht noch Probleme mit meiner Schwester. Jetzt geh bitte heim, Sadie“, sagte Brad und ließ sie einfach stehen.

Sadie kochte vor Wut. Am liebsten wäre sie ihm nachgegangen, um ihm die Meinung zu sagen, aber das wäre nur Wasser auf die Mühlen von Männern wie Buck Johnson und Henry Tate gewesen.

Die beiden versteckten sich noch immer hinter ihren Zeitungen, hatten aber natürlich jedes Wort mitbekommen. Und sie würden es garantiert herumerzählen.

Sadie seufzte, klemmte sich ihre Mappe mit den Zeichnungen unter den Arm und ging zum Ausgang. Ihre High Heels klangen auf dem Holzfußboden wie ein schneller Herzschlag.

Sie kämpfte gegen die Enttäuschung an. Irgendwie hatte sie doch auf die Unterstützung ihres Bruders gehofft. Dabei hätte sie es besser wissen sollen. Brad dachte noch wie Männer früherer Generationen. Frauen betrachtete er ausschließlich als angenehme Begleiterinnen, und den Klub mochte er so, wie er war – als ein Bollwerk gegen die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

„Ein echter Steinzeitmensch“, flüsterte sie und trat hinaus ins gleißende Sonnenlicht.

Geblendet von der Sonne und immer noch mit ihrem Ärger beschäftigt, bemerkte sie den Mann erst, als sie mit ihm zusammenstieß.

Es war sein erster Tag wieder zu Hause, und schon hatte Rick eine Begegnung mit einem Tornado. Denn genauso energiegeladen und entfesselt erschien ihm diese Frau. Sie war groß und blond, mit schlanken Beinen, einer unvergleichlichen Figur und Augen so blau wie der Himmel über Texas.

Gerade hatte er an sie gedacht, und jetzt stand sie vor ihm. Wutentbrannt war sie aus dem Cattleman’s Club geradewegs in seine Arme gestürmt.

Um sie zu beruhigen, fasste er sie an den Schultern.

„Guten Morgen, Sadie“, sagte er sanft und betrachtete ihr ebenmäßiges Gesicht, an das er sich so gut erinnerte. „Über den Haufen rennen klappt bei mir nicht. Du müsstest es schon mit Überfahren probieren.“

„Rick!“, stieß sie verblüfft hervor.

Einen Moment lang schwiegen sie beide, und Rick spürte eindeutig, wie sich in ihrer Nähe sein Puls beschleunigte.

Sadie schien leicht zu schwanken.

„Alles klar?“, fragte er.

„Ja, danke“, sagte sie, obwohl sie ziemlich blass wirkte. „Ich bin nur überrascht, dass du wieder hier bist.“

„Seit gestern. Wundert mich ja, dass es sich noch nicht herumgesprochen hat.“

Irgendwie schien sie sich unbehaglich zu fühlen. Aber warum nur?

„Tut mir leid, dass ich dich fast umgerannt habe, aber erstens hat mich die Sonne geblendet, und zweitens habe ich eine solche Wut auf Brad …“

Aha, zum Glück nur auf ihren Bruder – und nicht auf ihn, wie er schon befürchtet hatte. Die eine gemeinsame Nacht mit ihr war ihm drei Jahre lang nicht aus dem Kopf gegangen. Nachts in der Wüste hatte er oft geglaubt, ihren Duft zu riechen und ihre Berührungen zu spüren.

Sie war eben eine Frau, die ein Mann niemals vergisst. Schon deshalb war er froh gewesen, gleich am nächsten Tag wieder Dienst tun zu müssen. Damals hatte er keine feste Beziehung gewollt, und Sadie Price gehörte nicht zu den Frauen, die sich mit einem One-Night-Stand begnügen.

Er atmete tief ein – und genoss ihren unverwechselbaren Duft nach Sommerblumen, den er nie vergessen hatte. Egal wo und in welcher Bedrängnis – es war dieser frische Geruch, der ihn stets begleitet hatte. Sobald er die Augen geschlossen hatte, war sie bei ihm gewesen.

Der Gedanke an sie hatte ihn durch viele schwierige Situationen begleitet. Als er jetzt in ihre blauen Augen sah, konnte er nur eines denken: Gut, wieder zu Hause zu sein.

„Und, was machst du so?“, fragte er. „Ich dachte, du lebst in Houston.“ In zwei oder drei Tagen hatte er sie dort besuchen wollen, aber natürlich war es viel praktischer, sie in Royal zu treffen.

„Ja, bisher hab ich auch dort gewohnt.“ Sie knabberte an ihrer Unterlippe. „Aber seit ein paar Wochen bin ich wieder hier.“

Sie erschien ihm unruhig, ja regelrecht erschüttert.

Dass sie so blass und zerbrechlich wirkte, weckte seinen Beschützerinstinkt. Und das lange unterdrückte Begehren nach ihr.

„Weißt du was? Gehen wir doch einfach in den Klub. Dort ist es kühl, da kannst du dich etwas ausruhen“, schlug er vor.

Aber Sadie schüttelte den Kopf. „Nein, danke, nicht nötig.“

„Ich weiß nicht recht … Du siehst aus, als würdest du jeden Moment ohnmächtig werden. Heute ist es aber auch besonders heiß. Jetzt komm.“ Er fasste sie am Arm.

„Nein, Rick, ich möchte einfach nur heim.“

„Ja, aber erst setzt du dich einen Moment.“ Er zog sie auf die Bank vor dem Gebäude, die genau unter der Tafel mit dem Wahlspruch des TCC stand: Verantwortung. Gerechtigkeit. Frieden.

Als sie neben ihm saß, bemerkte er, wie fest sie ihre Mappe umklammert hielt. Beim besten Willen konnte er sich nicht erklären, was Sadie so aufgebracht hatte. War ihr etwa ihre gemeinsame Nacht so peinlich?

„Was ist denn eigentlich los?“, wollte er wissen.

Sie lachte kurz auf, aber das Lachen wirkte eigentümlich bitter.

„Jetzt sag schon!“

Seit er denken konnte, hatte er von ihr geschwärmt. Schon immer war sie wunderschön und beliebt gewesen – und eine Nummer zu groß für ihn. Er und seine Freunde hatten nicht zum Kreis derer gehört, die zu ihren Countryklub-Partys eingeladen worden waren.

Für ihn war sie immer die Traumfrau gewesen, abgesehen davon, dass sie sich stets sehr unnahbar gezeigt hatte. Was hätte er darum gegeben, hinter die Fassade sehen zu dürfen.

Dann war er zu den Marines gegangen, und Sadie hatte einen Mann geheiratet, der sie betrogen und unglücklich gemacht hatte. Vor drei Jahren hatte sie sich scheiden lassen.

Kurz bevor Rick mit seinem Corps nach Afghanistan hatte aufbrechen müssen, waren sie einander zufällig in Claire’s Restaurant begegnet. Sie hatten etwas getrunken, gegessen und …

Bei der Erinnerung durchströmte ihn tiefe Sehnsucht, die er sonst nicht von sich kannte. Jetzt, da sie ihm endlich wieder nah war, würde ihn nichts und niemand davon abhalten, seine Chance zu nutzen.

„Du bist genauso schön wie in meiner Erinnerung“, sagte er und strich ihr über das seidenweiche blonde Haar. Als er dabei ihre Wange berührte, war es ein durch und durch elektrisierendes Gefühl.

Sadie atmete tief ein, und er wusste, dass sie ebenso empfand.

„Gehen wir doch zu Claire’s“, sagte er und rückte etwas näher. „Wir könnten etwas essen und uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen. Ich bin gespannt, was du die letzten Jahre gemacht hast.“

„Was ich gemacht habe“, wiederholte sie und sah ihn an. „Das ist nicht so schnell erzählt. Oh Gott, Rick, wir müssen unbedingt reden.“

„Sage ich doch.“ Er lächelte zufrieden.

„So meine ich das nicht. Es ist wirklich wichtig.“ Sie sah sich um, ob irgendjemand zuhörte. „Hier geht es nicht.“

Besorgt sah er sie an. Wieso war sie so … nervös? Aus der Begrüßung, wie er sie sich ausgemalt hatte, würde unter diesen Umständen wohl kaum etwas werden. „Jetzt sag doch endlich, was los ist.“

Sie stand auf, nahm ihre Mappe und sagte: „Rick, würdest du mich zum Haus meiner Eltern bringen? Dort erkläre ich dir alles.“

Er stand ebenfalls auf. Egal, was dies zu bedeuten hatte, er würde schon damit fertig werden. Wie immer. „Also gut. Fahren wir.“

2. KAPITEL

In Rick Pruitts schwarzem Pick-up stürmten die Erinnerungen auf Sadie ein.

Vor drei Jahren hatte sie mit ihm eine unvergessliche Nacht verbracht, die ihr Leben für immer verändert hatte. Am Morgen danach war er mit seiner Einheit in den Nahen Osten aufgebrochen.

Vielleicht hatte sie deshalb versucht, diese Nacht so gut es ging zu verdrängen. Zwar hatte sie von vornherein gewusst, dass er nicht bei ihr bleiben würde, aber sie hatte damals dringend jemanden gebraucht.

Vorher war sie nichts weiter als die Tochter eines reichen Mannes gewesen, die sich nie einen Ausrutscher erlaubt hatte. Eine junge Frau ohne eigenes Leben.

Bis zu jener Nacht. Sie hatten sich keine Versprechungen gemacht, nur den Zauber des Augenblicks genossen.

Dass diese Nacht für sie Folgen gehabt hatte, die sich bis zum heutigen Tag auswirkten, ahnte er bisher nicht.

Unauffällig betrachtete sie ihn aus den Augenwinkeln, und sofort spürte sie ein Kribbeln im Bauch. Mit seiner entschlossenen Kinnlinie, dem sinnlichen Mund und den dunkelbraunen Augen wirkte er auf sie begehrenswert wie kein anderer Mann.

Sie erinnerte sich an alles, was in jener Nacht geschehen war: an die sanften Berührungen, das sehnsüchtige Seufzen und leidenschaftliche Flüstern. Fast war ihr, als würde sie seine Hände spüren, seinen muskulösen Körper, sein leidenschaftliches Begehren …

„Also, wie ist es dir seit damals ergangen?“, fragte er freundschaftlich.

Sadie zwang sich zu einem Lächeln. Hier im Auto würde sie das dringend notwendige Gespräch sicher nicht führen. Daher versicherte sie: „Ganz gut. Kann nicht klagen. Und dir?“

„Weißt du ja“, sagte er schulterzuckend. „Auch ganz gut. Und jetzt freue ich mich, dass ich wieder mal für eine Weile hier bin.“

Für eine Weile?

„Wie lange bleibst du denn?“, fragte sie.

„Möchtest du mich denn schon wieder loswerden?“, scherzte er und sah sie kurz an. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Verkehr auf der Main Street zu.

„Nein, natürlich nicht“, log sie. „Ich frage aus reiner Neugier. Die letzten Jahre warst du selten hier.“

„Wie willst du das wissen? Du hast ja in Houston gelebt.“

„Houston ist nicht aus der Welt. Ich bin mit meinen Freunden und meinem Bruder in Kontakt geblieben. Sie haben mir immer erzählt, was in Royal so vor sich geht.“

„Mir auch“, sagte Rick. „Also, dein Bruder nicht. Er und ich waren nie wirklich befreundet.“

„Stimmt“, bestätigte sie und dachte, dass das jetzt sogar noch viel weniger der Fall war als früher – was Rick nur noch nicht wusste.

„Joe Davis hat mir damals gesagt, dass du wegziehst“, sagte Rick.

Sadie nickte lächelnd. Joe, der inzwischen die beste Autowerkstatt der Stadt leitete, und Rick hatten sich schon immer nahegestanden. Auch deshalb hatte sie sich beeilt, Royal zu verlassen. Joe hätte Rick sonst mit Sicherheit von ihrem Geheimnis erzählt – und der Himmel weiß, was dann passiert wäre.

„Das mit Michael hat er mir auch erzählt. Nachträglich mein Beileid …“

Sie spürte einen Stich in der Brust. Ihr Bruder hatte oft in Schwierigkeiten gesteckt, war irgendwie nie zur Ruhe gekommen und hatte schließlich Trost im Alkohol gesucht. Vor acht Monaten war er in Kalifornien mit seinem Wagen betrunken von der Straße abgekommen und über die Klippen gestürzt.

Sadie vermisste ihn schrecklich, und ihr einziger Trost war, dass er keine unschuldigen Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Und wer weiß, vielleicht hatte er jetzt endlich den ersehnten Frieden gefunden.

Sie hob das Kinn. „Danke. Es war schlimm, ihn auf diese Art zu verlieren.“

„Er war ein prima Kerl.“

„Und ein prima Bruder“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. Michael hatte viele gute Seiten gehabt und würde ihr immer in Erinnerung bleiben.

„Und jetzt kehrst du also Houston den Rücken“, sagte Rick und wechselte damit das Thema. „Lebst du wieder bei deinem Dad?“

„Nur vorübergehend, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Seit Moms Tod vor ein paar Jahren reist Dad zum Angeln um die Welt. Zurzeit ist er in der Karibik. Brad wohnt auch nicht mehr daheim …“

„Fühlst du dich allein in dem großen Haus nicht einsam?“

„Einsam?“ Fast hätte sie gelacht. „Ehrlich gesagt, schon lange nicht mehr.“

Rick runzelte die Stirn. „Wie heißt denn dein Freund?“

„Ich habe keinen. Dazu fehlt mir gerade wirklich die Zeit.“ Vorerst beließ sie es dabei, denn gleich würde er selbst sehen, warum.

Eine Weile hörte man nur den Motor und das leise Rauschen der Klimaanlage.

Sadie sah aus dem Fenster. Sogar die Bäume litten unter der enormen Hitze.

„Irgendwie habe ich dich besser gelaunt in Erinnerung“, sagte Rick.

Oh ja, daran erinnerte sie sich gut! So gut sogar, dass sie unwillkürlich auf dem Beifahrersitz herumrutschte. Von den Bildern, die unwillkürlich vor ihrem geistigen Auge auftauchten, wurde ihr siedend heiß. Rick und sie. Umarmungen … leidenschaftliche Küsse und nie gekannte Gefühle …

Trotz ihrer Aufregung würde sie schon bei der geringsten Berührung in Flammen stehen, das war ihr bewusst.

„Aber wenn du sagst, dass alles bestens ist …“, sagte er mit seiner dunklen Stimme, die ihre Haut zu streicheln schien.

Das konnte sie nun beileibe nicht behaupten. Trotzdem log sie: „Ja, wie gesagt, mir geht’s gut.“

Die vertraute Landschaft glitt vorüber, als sie auf dem Highway zum exklusiven Pine Valley fuhren. Dort lag das Haus der Familie Price, aus dem Sadie vor drei Jahren ausgezogen war, um in der Anonymität der Großstadt neu anzufangen.

Jetzt, da sie zurück war, holte die Vergangenheit sie ein.

Wieder betrachtete sie Rick mit seinen kurz geschnittenen braunen Haaren. Sie kannte ihn schon ihr ganzes Leben, aber nähergekommen waren sie sich nur dieses eine denkwürdige Mal. Er wirkte älter, ernster – und noch selbstbewusster als früher. Mit seinen kräftigen Händen steuerte er sicher den Wagen.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Er sah sie kurz an und dann sofort wieder auf die Straße.

Typisch Rick. Er nahm seine Verantwortung ernst und ließ sich nicht so leicht ablenken. Ordnung und feste Regeln waren ihm wichtig, und er gehört zu den Männern, die stets taten, was sie für richtig hielten.

Aber was ihr richtig erschienen war, würde er kaum gutheißen. Nein, dieser Tag würde nicht gut enden, so viel stand fest. Natürlich würden die Leute reden, und dass Rick bisher noch nichts wusste, lag nur daran, dass er erst am Vortag angekommen war.

Von Außenstehenden sollte er es auf keinen Fall erfahren. Sie würde es ihm selbst erzählen. Das war sie ihm schuldig.

„Ja klar. Absolut“, versicherte sie völlig wahrheitswidrig. Natürlich, früher oder später hatte dieser Tag kommen müssen. Sie hatte allerdings auf später gehofft. Auf viel später …

Eine lächerliche Hoffnung, schalt sie sich selbst. Sie lebte wieder in Royal, und dass Rick irgendwann hierher zurückkommen würde, war ihr von vornherein klar gewesen. Außerdem ließ sich in einer Kleinstadt wie dieser nichts geheim halten. Darum war sie ja weggezogen.

Sie betrachtete die vorüberziehende Landschaft und versuchte, nicht an das zu denken, was gleich passieren würde.

„Wenn du es sagst …“ Sehr überzeugt klang seine Stimme nicht. „Was hast du eigentlich im TCC gemacht? Deinen Bruder geärgert?“

„Genau andersherum. Brad ist, glaube ich, der größte Sturkopf in ganz Texas.“

„Ist das für dich etwas Neues?“ Er lächelte.

„Nein, eigentlich nicht. Nur hatte ich gehofft, dass er eines Tages im einundzwanzigsten Jahrhundert ankommen würde. Aber das wird wohl nie passieren. Na ja, wie auch immer, ich wollte ihm Entwürfe für das neue Klubhaus zeigen.“

„Ein neues Klubhaus?“, fragte Rick und stieß einen Pfiff aus. „Wer hätte das gedacht? Im Klub hat sich doch seit über hundert Jahren nichts geändert.“

Sadie verdrehte die Augen. „Und darum soll es immer so bleiben? Wozu Strom und Telefon? Wozu überhaupt Fortschritt?“

Rick lachte. „Tradition bedeutet dir wohl gar nichts?“

„Jetzt klingst du genau wie Brad. Sind denn nur Frauen bereit, nach vorn zu sehen?“

„Nein, sicher nicht. Aber bei allem Fortschritt sollte man auch die Vergangenheit nicht vergessen.“

„Wer redet denn von vergessen? Es geht doch nur um etwas zeitgemäßen Komfort, damit sich alle Mitglieder wohlfühlen.“

„Ah, daher weht der Wind“, sagte Rick und lächelte. „Abby Langley gehört ja jetzt auch dazu. Und deshalb wittern die Frauen in Royal ihre Chance …“

„Sind denn wirklich alle Männer so? Oder ist das nur typisch Texas?“, fragte Sadie mehr sich selbst als ihn.

„Wie?“

„Du hörst dich an wie alle hier.“

„Ich habe es nicht so gemeint. Ich will bestimmt keinen Streit“, versicherte er.

„Weiß ich doch“, lenkte sie ein. „Ich bin nur gerade etwas empfindlich. Sorry.“

„Halb so wild. Manchmal lässt man die Wut an jemandem aus, der nichts damit zu tun hat.“

Sie nickte. „Eigentlich ist es ja Brad, der mich ärgert.“

„Zum Ärgern sind Brüder in erster Linie da, glaube ich manchmal.“

„Ja, stimmt wahrscheinlich“, bestätigte sie lächelnd. „Außerdem ist es eine gewisse Genugtuung, dass Brad sich jetzt mit Abbys Ideen herumschlagen muss.“

„So grausam kannst du sein? Die Seite kenne ich ja gar nicht an dir“, scherzte er.

„Ich bin eine Price, vergiss das nicht.“

„Wie könnte ich!“ Er steuerte den Wagen in eine lang gezogene Linkskurve. „In den letzten Jahren habe ich viel nachgedacht, Sadie.“

„Wirklich?“ Wieso hatte gerade dieser Mann eine so starke Wirkung auf sie?

Er trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. „Ja. Der Gedanke an dich hat mich oft davor bewahrt, verrückt zu werden.“

„Rick …“

„Du brauchst jetzt nichts zu sagen. Aber du sollst wissen, dass ich unsere gemeinsame Nacht nie vergessen habe.“

„Ich auch nicht“, sagte Sadie, ohne ihn anzusehen.

Wie auch, wenn sich ihr Leben dadurch von Grund auf verändert hatte! Ihr schlechtes Gewissen, das sie so lange unterdrückt hatte, machte sich bemerkbar. Immer wieder hatte sie sich gesagt, dass sie Rick eines Tages alles erklären müsste.

Natürlich hätte sie ihm schreiben können. Aber aus Sorge um ihn hatte sie sich dagegen entschieden. Als Sergeant bei den Marines stand er Tag für Tag in der Schusslinie. Eine Ablenkung dieser Art war das Letzte, was er gebrauchen konnte.

Außerdem war ihr ein Brief zu feige erschienen. So etwas musste sie ihm von Angesicht zu Angesicht sagen, das war der einzig ehrenhafte Weg. Und als eine Price bedeutete Ehre für sie alles. In diesem Geist war sie großgezogen worden.

Das hieß nicht, dass in ihrem Leben Platz für einen Ehemann war. Sie hatte weiß Gott schon genug um die Ohren.

Aber die Wahrheit sollte er erfahren, auch wenn sie vor diesem Moment noch so viel Angst hatte.

Er sah sie kurz an und zog dabei einen Mundwinkel hoch – ein unwiderstehliches Lächeln. Sadie fühlte sich von flammender Hitze durchströmt, genau wie in jener Nacht.

„Und, was hast du in Houston so gemacht?“

„Ziemlich viel Wohltätigkeitsarbeit. Unsere Familienstiftung hat ihren Sitz in Houston. Und ich habe Vater in seinem Kunstmuseum geholfen.“

„Macht dir das Spaß?“

„Ja, aber …“

„Aber?“

„Eigentlich interessiere ich mich mehr für Landschaftsgestaltung.“ Sie sah ihn an. „Gärten und Parks, Straßenplanung …“

„Wenn dir das liegt, dann solltest du es auch machen. Das macht das Leben erst richtig lebenswert.“

„Bist du darum noch immer bei den Marines?“

Er lachte. „Einmal Marine, immer Marine, sagt man bei uns.“

„Ja schon, aber du tust nach wie vor aktiv Dienst. Du könntest ja auch heimkommen und dich um deine Ranch kümmern. Warum bleibst du bei deinem Corps?“

„Aus Pflichtgefühl. Ich weiß, das ist ein altmodisches Wort, aber mir bedeutet es viel. Mein Vater war auch ein Marine.“

„Ja, ich weiß.“ Sie nickte.

„Als ich klein war, sind wir um die ganze Welt gereist. Nach Ende seiner Dienstzeit haben wir uns hier niedergelassen, wo meine Mom ihre Wurzeln hat. Wenn man wie ich auf Stützpunkten aufgewachsen ist und die Einsatzbereitschaft der Menschen erlebt hat, empfindet man es als Ehre, ebenfalls etwas für sein Land zu tun.“

Sadie blinzelte. Da redete er von Pflicht und Ehre, und sie war seit Jahren unaufrichtig zu ihm!

In diesem Moment bogen sie in die Straße ein, in der ihr Haus lag.

„Rick, bevor wir gleich da sind, solltest du etwas wissen …“

„Wenn es mit diesen komischen Flamingos zu tun hat, solltest du deine Karriere als Landschaftsplanerin lieber überdenken.“

„Was?“

Rick lenkte den Pick-up in die Einfahrt, und da sah Sadie den Schwarm kitschiger Kunststoffflamingos auf dem Rasen. Gut, dass ihr Vater in der Karibik war und das nicht mitbekam! So etwas würde sich Robert Price nicht gefallen lassen.

Sobald der Wagen hielt, sprang sie heraus und sah sich die Tiere näher an. Dann lachte sie. Deplatzierter konnte kaum etwas wirken.

„Was soll das denn sein?“, fragte Rick, der hinter sie getreten war. „Ein neuer Trend?“

Seine Nähe empfand sie brennender als die Julisonne, die sich schon kaum aushalten ließ. Kein anderer Mann hatte je solche Gefühle in ihr ausgelöst. Nicht einmal ihr Exmann, dieser Lügner.

Sie atmete tief ein und wandte sich zu ihm um. Schwierig, ja unmöglich, nicht in den Bann seiner dunklen Augen gezogen zu werden. Er war ein großer, schlanker und kräftiger Mann, dem man auch in Jeans und T-Shirt anmerkte, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen.

Er verkörperte den Urtyp eines Texaners. Dass er außerdem zu den Marines gehörte, war eine unwiderstehliche Kombination. Sadies Herz schlug bis zum Hals.

„Die Flamingos sind ein Spendenaufruf des Frauenhauses von Royal“, erklärte sie. „Summer Franklin leitet es.“

„Die Frau von Darius?“

„Genau. Wer den Schwarm bekommt, muss etwas spenden, damit er wieder abgeholt und dem nächsten Kandidaten vors Haus gestellt wird. So geht das immer weiter.“

Rick lachte, hob einen der Flamingos hoch und sah ihn sich an. „Gute Idee. So kommt Geld für einen guten Zweck zusammen.“

„Ja, schon. Aber sie sehen so albern aus! Zum Glück ist Vater nicht da. Er würde sich aufregen, was die Nachbarn denken.“

Rick steckte die Metallfüße des Tieres wieder in die Erde. „Das klingt nach Sadie Price, wie sie leibt und lebt: immer um ihren untadeligen Ruf besorgt. Ich kenne aber auch noch eine andere.“

Ja, als Price-Erbin hatte sie auf ihren guten Ruf achten müssen. Aber das lag lange zurück. „Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Kommst du einen Moment mit rein? Ich will dir etwas zeigen.“

„Okay.“

Lang würde es nicht dauern. Sie ging zur Haustür, schloss auf und ging hinein. Dank der Klimaanlage umfing sie angenehme Kühle. Eine blonde Frau Mitte fünfzig mit ersten grauen Haaren begrüßte sie. „Hallo, Miss Sadie. Oben ist alles in Ordnung. Sie schlafen wie die Engelchen.“

„Danke, Hannah“, sagte Sadie und lächelte. Sie sah sich nicht nach Rick um. Jetzt war es so weit, es gab kein Zurück. „Ich schaue trotzdem mal nach.“

Einen langen Moment sah die Haushälterin Rick nachdenklich an. Dann lächelte sie und sagte zu Sadie: „Ich bin in der Küche, wenn Sie mich brauchen.“

Rick hatte den Hut abgenommen. Als Hannah gegangen war, fragte er: „Was meint sie?“

„Wirst du gleich sehen.“ Über den Marmorboden ging sie voraus zu der mächtigen geschwungenen Treppe. „Komm doch mit.“

Ohne ihn anzuschauen, legte sie die Hand auf das Geländer aus Walnussholz und ging nach oben. Ihr Herz pochte heftig.

„Was ist denn eigentlich los, Sadie? Erst sagst du, wir müssen uns unterhalten. Dann willst du mir plötzlich etwas zeigen.“ Er überholte sie, und im Flur des ersten Stocks blieb er vor ihr stehen. „Jetzt rede doch.“

„Gleich. Sobald du gesehen hast, was ich dir zeigen will.“

„Also gut. Aber du solltest wissen, dass ich Überraschungen nicht so mag.“

Der dicke gemusterte Teppich dämpfte ihre Schritte, als sie den langen Flur hinuntergingen. Vor der letzten Tür auf der linken Seite blieb Sadie stehen, atmete tief ein und betrat den lichtdurchfluteten Raum.

Darin standen zwei Betten, zwei Kommoden, zwei Spielzeugboxen. Auf dem Boden saßen die Zwillinge, die eindeutig nicht wie Engelchen schliefen.

Ihr Töchter.

Ricks Töchter.

Mit großen braunen Augen schauten sie ihre Mutter an und lachten.

Sadie kniete sich auf den Boden und zog die beiden an sich.

Während sie die Mädchen an sich gedrückt hielt, drehte sie sich zu Rick um. „Überraschung“, flüsterte sie.

3. KAPITEL

Rick fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.

Zwillinge.

Und sie hatten seine Augen!

Gut gelaunt plapperten sie drauflos, und ihre Mutter schien sie auch zu verstehen.

Sadie Price war die Mutter seiner Töchter!

Nach dem ersten Schock wurde er so wütend, wie er es nie für möglich gehalten hatte. Dabei konnte er seiner Verärgerung in Gegenwart der Kinder nicht Luft machen.

Die Kleinen trugen pinkfarbene Strampelanzüge und weiß-pink gemusterte T-Shirts. Die winzigen Füßchen steckten in weißen Söckchen.

Sie lachten und hüpften in Sadies Armen.

Als sie ihn ansah, bemerkte er ihr schlechtes Gewissen. Dazu hatte sie auch allen Grund. Ihretwegen hatten die Zwillinge ihn ihr ganzes Leben lang nicht gesehen!

Darüber würden sie noch reden müssen.

Aber im Augenblick forderten die Kleinen seine volle Aufmerksamkeit. Er kniete sich auf den Boden und sah sie an. Ihre braunen Haare lockten sich um die kleinen Gesichter, und die braunen Augen sprühten vor Leben. Vor Liebe.

Bei diesem Anblick brach Rick fast das Herz.

Eines der Mädchen sah ihn an und lächelte zaghaft.

„Es sind zwei Mädchen“, erklärte Sadie und lachte, als das Geplapper der Kinder nicht aufhörte.

„Logel, Mommy.“

„Ja, Vogel. Viele Vögel“, bestätigte Sadie und küsste die Kleine.

„Mann?“, fragte die Kleine.

Rick schluckte. Seine Töchter kannten ihn nicht. Für sie war er ein Fremder. Das tat weh. Sehr weh sogar.

„Das ist euer Daddy, meine beiden Engel“, sagte Sadie und schuf damit eine neue Wirklichkeit.

Rick setzte sich, zog ein Knie hoch und stützte den Unterarm darauf.

Nein, er würde sich den Mädchen nicht aufdrängen. Dabei wünschte er nichts sehnlicher, als sie in den Arm zu nehmen. „Ihr seid die hübschesten Mädchen, die ich je gesehen habe“, sagte er und lächelte ihnen zu.

Eine der Kleinen erwiderte schüchtern sein Lächeln. Unter dichten Wimpern sah sie ihn an. Sie würde später sicher eine Schönheit werden.

„Daddy?“, fragte sie und löste sich aus den Armen ihrer Mutter.

Während sie auf ihn zutapste, wagte Rick kaum zu atmen. Nur jetzt nichts Falsches tun! Nur nicht den Zauber des Augenblicks zerstören!

Die Kleine blieb vor ihm stehen und patschte mit ihrer winzigen Hand auf seine Wange.

„Daddy?“, wiederholte sie und umarmte ihn.

Rick hielt sie so vorsichtig wie eine Handgranate.

Das kleine Mädchen hatte ihn ohne Weiteres spontan als Vater akzeptiert! Welch unfassbares Glück!

„Daddy!“, rief nun auch das zweite Kind, lief auf ihn zu und kuschelte sich ebenfalls an ihn.

Rick schloss die Augen und spürte die Körperwärme der beiden. In diesem Moment änderte sich sein Leben für immer.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er, dass Sadie eine Träne über die Wange lief. Freute sie sich, dass Vater und Töchter nun endlich Kontakt hatten? Oder bereute sie es womöglich?

„Gefichte!“, verlangte eines der Mädchen und holte ein Bilderbuch. Das andere setzte sich auf seinen Schoß und spielte mit seinem Hut.

„Wie alt sind sie?“, flüsterte Rick.

„Das weißt du genau“, flüsterte Sadie zurück.

„Und wie heißen sie?“ Welche Frage, dachte er. Nicht einmal die Namen wusste er!

Sadie rückte näher zu ihm. „Das hier ist Wendy“, sagte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Nase.

„Wenny!“, rief die Kleine fröhlich und setzte sich den Hut auf, unter dem ihr Gesichtchen fast völlig verschwand. Sie gluckste vergnügt.

„Sie hat kleine Sommersprossen.“ Lächelnd zog Sadie die andere Tochter an sich, die gerade mit dem Buch zurückkam. Sie küsste sie auf die Stirn und sagte: „Und das ist Gail.“

Noch eine Überraschung, dachte Rick. Er spürte, wie ihm doch tatsächlich Tränen in die Augen stiegen! Er sah Sadie an. „Du hast sie nach meiner Mutter benannt.“

Sadie nickte, und Gail schlug das Buch auf und fing an, selbst „vorzulesen“.

Rick hörte nicht auf den Sinn der Worte, dazu war er viel zu sehr mit seinen Gefühlen beschäftigt. Verzweifelt rang er um die Selbstbeherrschung, die ihm sonst nie Probleme bereitete.

Allerdings – welchem Mann an seiner Stelle wäre es anders ergangen?

„Gail hat ein Grübchen auf der linken Wange. Und Wendy nicht.“ Sie strich den beiden über die weichen Haare. „Außerdem sind Gails Haare glatter als die von Wendy. Wenn du sie besser kennst, werden dir noch mehr Unterschiede auffallen. Und auch vom Wesen her sind sie sehr verschieden.“

„Sadie …“

„Wendy ist die Abenteurerin. Schon seit sie krabbeln kann, ist nichts vor ihr sicher“, fuhr sie fort. Sie sprach jetzt immer schneller, als fürchtete sie sich davor, ihn zu Wort kommen zu lassen. „Gail ist mehr der anhängliche Typ. Am liebsten sitzt sie mit einem Buch auf dem Schoß. Aber mutig ist sie auch, darin steht sie ihrer Schwester in nichts nach, und manchmal sind sie beide stur, das …“

„Sadie!“, wiederholte er, jetzt mit tieferer, fast befehlender Stimme.

Sie atmete tief aus und sah ihn an. „Ich weiß schon, was du jetzt sagen willst.“

„Oh, ich glaube, davon machst du dir keine Vorstellung“, widersprach er mit kaum verhohlenem Ärger.

„Lass es mich erklären, ja?“

„Ich kann es kaum erwarten“, sagte er, obwohl er schon im Voraus wusste, dass er ihr Verhalten unentschuldbar fand.

Sie hatte ihm die Kinder verschwiegen und ihm damit die Möglichkeit genommen, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Wendy riss sich den Hut vom Kopf und setzte sich zu ihrer Schwester auf den Schoß ihrer Mom. Sadie las die Geschichte vor.

Durch das Lachen der Mädchen wurde Rick warm ums Herz, woran sogar seine Wut nichts änderte.

Während er den dreien zusah, bekam er ein völlig neues Bild von Sadie. Zuerst war sie ihm unerreichbar erschienen – eine echte Südstaatenprinzessin eben. Bis zu jener Nacht hätte er darauf gewettet, dass sie nie im Leben etwas auch nur annähernd Ehrenrühriges tun würde.

Und jetzt saß sie hier auf dem Fußboden und beschäftigte sich mit den zwei Kindern, als ob sie die restliche Welt nicht interessierte.

„Daddy! Gefichte!“, rief Wendy und streckte ein Händchen nach ihm aus.

Rick nahm sich vor, Antworten auf seine Fragen zu verlangen, aber nicht jetzt. Im Augenblick erschien es ihm wichtiger, die verlorene Zeit wiedergutzumachen. Er wollte mit seinen Töchtern zusammen sein.

Und mit der Frau, die ihn von ihnen ferngehalten hatte.

Er rückte näher und nahm Wendy auf den Schoß.

Während Sadie die Geschichte vorlas, wurde aus ihnen eine Familie.

Eine Stunde später, als die Mädchen eingeschlafen waren, verließ Sadie mit Rick das Zimmer. Sie war so angespannt, dass ihr Nacken und Rücken wehtaten.

„Lässt du sie einfach so allein?“, fragte er, als sie leise die Tür schloss.

„Keine Sorge. Im Kinderzimmer ist ein Babyfon mit Empfängern im Erdgeschoss und in meinem Zimmer. So bekomme ich alles mit und kann sofort reagieren.“

Er nickte – und hielt die Krempe seines Hutes so fest, dass die Fingerknöchel sich weiß abzeichneten.

Sadie spürte förmlich, wie verärgert er war. Und das konnte sie ihm nicht verdenken. Was sollte man auch von einem Mann erwarten, der gerade erst erfahren hat, dass er seit mehr als zwei Jahren Vater ist?

„Es wird wirklich Zeit, dass wir reden“, sagte er und berührte ihren Ellbogen. Gemeinsam gingen sie den langen Flur entlang.

„Dann komm mit ins Wohnzimmer“, sagte sie und schüttelte seine Hand ab. Auch wenn er einen guten Grund für seine Wut hatte – sie würde sich nichts gefallen lassen. Nie wieder.

Hocherhobenen Hauptes ging sie voraus, die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer. „Setz dich. Ich sage Hannah Bescheid, dass sie Eistee bringt. Möchtest du auch etwas?“

„Ja. Antworten.“

„Bekommst du.“ Gefallen würden sie ihm nicht, dessen war sie sich sicher. Aber das ließ sich leider nicht ändern. Die Vergangenheit war unwiederbringlich vorbei. Nur die Zukunft ließ sich beeinflussen.

Sie ging in die gemütliche Küche, wo Hannah mit einer Tasse Tee und Keksen am Tisch saß. „Miss Sadie, brauchen Sie etwas?“

„Danke, dass Sie fragen, Hannah. Ja, ich möchte gern zwei Mal Tee. Und auch etwas von den Keksen, falls noch welche da sind.“

Hannah lachte. „Mit den beiden Engelchen im Haus habe ich immer Kekse da. Gehen Sie nur wieder ins Wohnzimmer. Ich bringe alles.“

„Danke.“ Während sie zurückging, dachte Sadie, dass der Eistee vielleicht helfen würde, Ricks Temperament ein wenig abzukühlen.

Er stand am großen Fenster und betrachtete die Flamingos auf dem Rasen.

Sie sahen aber auch wirklich zu albern aus! Wieder musste Sadie lachen.

Aber als sich Rick zu ihr umdrehte und sie mit einem vernichtenden Blick ansah, gefror ihr Lächeln.

„Jetzt rede endlich!“, forderte er sie auf und warf seinen Hut in einen Sessel.

„Es ist eine lange Geschichte.“

„Sag mir einfach, warum du es nicht für nötig befunden hast, mir von meinen Kindern zu erzählen.“

„Rick, so simpel ist das Ganze nicht.“

„Doch. Lügen an sich sind nicht kompliziert. Mit ihnen zu leben schon.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Obwohl du damit anscheinend keine Probleme hast!“

Im Sonnenlicht glänzte der Holzboden, auf dem bunte Teppiche ausgelegt waren. Große Sessel und Stühle ließen den Raum ausgesprochen heimelig wirken – trotz Ricks unterkühlter Ausstrahlung.

Dies hier war immer Sadies Lieblingszimmer gewesen. Würde sie es je wieder betreten können, ohne Ricks vorwurfsvolles Gesicht vor sich zu sehen?

Sie seufzte und schaltete das Babyfon ein, das auf einem Beistelltisch stand. Dann ging sie auf Rick zu. An einer sonnigen Stelle blieb sie stehen, als könnte das gegen das Gefühl der Kälte helfen, das sie verspürte.

Rick stand da, unüberwindbar wie ein Fels. So wütend hatte sie ihn noch nie gesehen. Er hatte die Brauen zusammengezogen, und auch den Schultern war seine Anspannung deutlich anzumerken.

„Du hättest es mir sagen müssen.“

„Wollte ich ja.“

„Das kannst du jetzt leicht behaupten.“

„Nichts an der ganzen Geschichte ist leicht, Rick.“ Sie atmete tief aus und verschränkte die Arme. „Du warst nicht da, weißt du noch? Du bist weggefahren, nachdem wir …“

„… Zwillinge gezeugt hatten?“

„Genau.“ Wie oft hatte sie sich auf diesen Moment vorbereitet, ja sogar durchgespielt hatte sie ihn! Und jetzt, wo es darauf ankam, fiel ihr nichts ein.

„Als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, warst du gerade in einem Krisengebiet.“

„Trotzdem hättest du mir schreiben können. Meine Mutter hatte ja meine Anschrift. Über sie hättest du zu mir in Kontakt treten können.“

„Das weiß ich.“ Sie rieb sich die Oberarme, als würde sie frieren. „Ich war ja auch bei ihr.“

„Was?“, fragte er verblüfft.

„Ja, ich bin zu ihr gefahren und habe mit ihr geredet.“

In diesem Augenblick kam Hannah mit einem Servierwagen herein. „So, bitte sehr.“ Sie lächelte und schob den Wagen mit Tee, Eiswürfeln und einem Teller mit Keksen vor eines der beiden Sofas. „Bedienen Sie sich. Ich hole den Wagen später wieder ab.“

„Danke, Hannah.“ Froh, etwas zu tun zu haben, goss Sadie Tee in die Gläser. „Möchtest du Tee?“, fragte sie.

„Nein, danke. Und hör endlich auf, so verdammt höflich zu sein!“ Er kam näher und wartete, bis sie einen Schluck getrunken hatte. Dann fragte er: „Warum hast du mit meiner Mutter geredet?“

Sadie stellte ihr Glas ab. Angesichts von Ricks Kälte wäre ein warmes Getränk wohl die bessere Wahl gewesen.

Sie setzte sich aufs Sofa und lehnte sich in die Kissen zurück. „Weil ich fand, sie sollte wissen, dass die Zwillinge unterwegs waren.“

„Sie wusste es?“, stieß Rick hervor. Verständnislos schüttelte er den Kopf.

Sadie begriff, dass er jetzt noch geschockter war als zuvor.

„Wie bitte? Meine Mutter wusste es und hat mir auch nichts davon gesagt?“

„Das hatten wir so besprochen“, erwiderte Sadie und wartete, bis er sich neben sie gesetzt hatte. „Wir wollten nicht, dass du dir Sorgen machst, während du dich in einem Kampfgebiet aufhältst. Und da haben wir beschlossen …“

Er lachte kurz und rau auf. „Ihr habt es beschlossen! Einfach so. Ich kann es nicht glauben!“

Sie legte ihm die Hand auf den Arm, zog sie aber schnell wieder zurück, als sie seinen Blick auffing.

„Verstehst du denn nicht?“, fragte sie. „Deine Mom wollte nicht, dass dir etwas passiert. Deinen Vater hatte sie ja schon verloren, da war das nur verständlich.“

Er biss die Zähne aufeinander, wie um einen Kommentar zu unterdrücken.

„Jedenfalls fanden wir, dass eine solche Ablenkung für dich zur Gefahr werden konnte. Du solltest dich weiterhin voll und ganz auf deine Aufgaben konzentrieren können.“

„Ich hatte ein Recht, es zu erfahren.“

„Wir wollten nur dein Bestes.“

Wieder lachte er. „Na großartig. Du und Mom, ihr habt mir verschwiegen, dass ich Kinder habe. Vielen Dank.“ Seine Augen funkelten vor unterdrückter Wut.

„Ich verstehe, dass du dich ärgerst.“

„Welche Untertreibung!“

„Trotzdem glaube ich nach wie vor, dass wir das Richtige getan haben“, sagte sie.

„Tatsächlich?“ Er wandte sich ihr zu. „Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Ihr hättet es mir unbedingt sagen sollen.“

„Das hatten wir ja auch vor. In deinem Urlaub. Aber dann …“

„… ist Mom mit dem Auto tödlich verunglückt. Und statt hierherzukommen, zu ihrer Beerdigung, habe ich meinen Urlaub auf Hawaii verbracht. Ich hätte es nicht ausgehalten, an ihrem Grab zu stehen.“

Sadie nickte.

Er rieb sich das Gesicht und den Nacken. „Was soll ich nur dazu sagen, Sadie?“ Fragend sah er sie an. „Aber eines möchte ich noch wissen.“

„Was denn?“

„Wenn wir uns heute Morgen nicht zufällig begegnet wären, hättest du mir dann überhaupt je von den Kindern erzählt?“

Nun war sie es, die wütend wurde. „Ja, natürlich! Wie du vielleicht bemerkt hast, hatten die Mädchen keinerlei Angst vor dir. Es war ja fast so, als würden sie dich schon kennen.“

Er runzelte die Stirn, nickte dann aber. „Ja, das stimmt.“

„Weil ich ihnen dein Bild gezeigt habe. Jeden Tag. Und ihnen erzählt habe, dass du ihr Daddy bist. Darum haben sie dich gleich erkannt.“

Nach einem tiefen Atemzug sagte er: „Ich weiß nicht, ob es das besser oder schlimmer macht.“

Er stand auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. „Du hast ihnen Bilder gezeigt, aber mich selbst haben sie nie gesehen. Haben sie nicht gefragt, warum? Glaubst du nicht, dass Kinder mehr mitbekommen, als wir ahnen?“

Auch Sadie stand auf. Geistesabwesend nahm sie das laute Ticken der altmodischen Standuhr wahr. Sie schlug zur Viertelstunde, und noch immer herrschte Schweigen.

Als sie es nicht mehr länger aushielt, sagte sie: „Du bist ja jetzt da. Jetzt könnt ihr euch kennenlernen. Ich will die Mädchen nicht von dir fernhalten, Rick. Ich wollte nur …“

„Deshalb bist du nach Houston gezogen, stimmt’s? Weil du schwanger warst.“

„Ja.“ Sie hob das Kinn und sah ihn an. Auf keinen Fall würde sie sich dafür rechtfertigen, wie sie mit der größten Herausforderung ihres Lebens umgegangen war. Sie hatte ihr Bestes gegeben und keinen Moment mit ihrem Schicksal gehadert. „Hier konnte ich nicht bleiben. Ich wollte nicht, dass die Kinder unter dem Kleinstadttratsch leiden müssen.“

Wieder runzelte er die Stirn.

„Ich wollte einen Neuanfang.“

„Aber jetzt bist du wieder hier. Weshalb denn?“

„Weil es an der Zeit war. Ich war … einsam. Mir haben mein Zuhause und meine Familie gefehlt. Ich wollte, dass die Mädchen ihren Großvater und ihren Onkel kennenlernen.“

„Und ihren Vater?“

„Ja, ihren Vater auch.“

„Und der Klatsch macht dir jetzt nichts mehr aus? Was hat sich denn seitdem verändert?“

„Ich. Ich habe mich geändert. Ich liebe meine Kinder, und was die Leute reden, interessiert mich nicht. Und wenn jemand die Kleinen schlecht behandeln sollte, bekommt er es mit mir zu tun.“

„Und mit mir“, versicherte Rick.

Sadie hatte volles Verständnis, dass er anfangs so ungehalten gewesen war. Aber es stimmte, dass sie vorgehabt hatte, ihm von den Zwillingen zu erzählen. „Ehrlich, Rick, ich wollte hier in Royal auf deine Rückkehr warten, um dir alles zu sagen. Ich will, dass die Kinder ihren Daddy kennen.“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, ging er auf sie zu. Dabei schüttelte er leicht den Kopf.

Für einen so großen Mann bewegte er sich sehr langsam.

Sadie spürte förmlich die Anspannung, unter der er stand.

Dann fasste er sie an den Oberarmen und zog sie an sich.

Als Sadie seine Körperwärme spürte, überlief es sie heiß. Unter seinen Händen prickelte ihre Haut. Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, er würde es hören.

Er streichelte ihr Gesicht mit seinem Blick.

Doch die widerstreitenden Gefühle waren ihm noch immer anzumerken.

„Ich möchte dir glauben, Sadie.“

Sie sah ihm in die Augen. „Glaub mir, du kannst mir vertrauen.“

„Das werden wir sehen. Aber eins nach dem anderen.“ Er ließ sie wieder los und stand jetzt breitbeinig und mit verschränkten Armen vor ihr. „Jetzt gibt es nur eine Lösung.“

Sadie schwante etwas. „Welche denn?“, fragte sie zaghaft.

„Wir werden heiraten.“

4. KAPITEL

„Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?“

Erschrocken trat Sadie einen Schritt zurück und vergaß dabei völlig, dass das Sofa hinter ihr stand. Sie stolperte und fiel nach hinten in die Polster, rappelte sich aber sofort wieder auf.

Ja, Rick musste verrückt geworden sein. Bis gerade eben hatte er bestimmt noch nie einen Gedanken ans Heiraten verschwendet. Natürlich war er nicht gegen die Ehe – soweit sie andere betraf. Aber er als Marine wollte doch sicher nicht monatelang Frau und Kinder allein lassen. Von den Risiken, die sein Beruf mit sich brachte, ganz zu schweigen.

Auch wenn es jede Menge verheiratete Soldaten gab, war die Belastung für eine solche Ehe enorm, und bestimmt hatte Rick viele Scheidungen oder sogar Todesfälle mitbekommen.

Und jetzt dieser Vorschlag!

„Es ist das einzig Ehrenhafte“, sagte er und sah ihr nach, wie sie ans Fenster trat.

„Ehrenhaft nennst du das? Wenn du eine Frau heiratest, ohne sie zu lieben?“ Sie lachte auf und schüttelte den Kopf. „So läuft das nicht, Rick Pruitt!“, sagte sie und wies mit Finger auf ihn, als er auf sie zukam. „Lass mich damit in Ruhe!“

„Keine Chance.“ Die Ereignisse dieses Nachmittags hatten ihm jede Menge Flexibilität abverlangt. Kein Wunder also, wenn er sich etwas verwirrt fühlte.

Er war Vater!

Der Vater von Zwillingen, die seine Augen und den Mund ihrer Mama hatten. Bis vor ein paar Stunden hatte er nicht einmal gewusst, dass es die beiden überhaupt gab. Wie konnte so etwas sein? Ein Mann sollte wissen, wenn er neues Leben gezeugt hatte. Wenn er eine Familie hatte.

Bis zu diesem Tag war er davon ausgegangen, allein auf der Welt zu sein. Spätestens seit seine Eltern nicht mehr lebten, hatte er sein Corps als seine Familie betrachtet. Eigentlich hatte er nicht einmal vorgehabt, seinen Urlaub in Royal zu verbringen. In dem leeren Ranchhaus war es immer so … einsam. Wie sollte er sich dort wohlfühlen? In der Stille, mit den vielen Erinnerungen?

Dennoch war er gekommen, pflichtbewusst, wie er war, um ein paar Dinge zu ordnen und nach dem Rechten zu sehen.

Stimmte es, dass Sadie ihm auf jeden Fall von den Kindern erzählt hätte? Konnte er ihr glauben? Was, wenn er keinen Heimaturlaub genommen hätte?

„Ich glaube, wir brauchen jetzt beide ein wenig Abstand, Rick“, sagte sie steif. „Besser, du gehst jetzt.“

Mit wenigen Schritten war er neben ihr und zog sie wieder an sich. Dieses Mal legte er die Arme um sie, damit sie ihm nicht mehr entwischen konnte.

„Du hast eine Bombe platzen lassen – und jetzt denkst du, ich lasse mich einfach so wegschicken? Wenn du das glaubst, musst du verrückt sein.“

„Ich will dich nicht wegschicken“, sagte sie und versuchte, sich aus seinen Armen zu befreien. „Ich finde nur, dass uns eine Pause guttut. Wenn wir unsere Gedanken geordnet haben und die Dinge wieder klarsehen, können wir weiterreden.“

„Ich brauche keine Pause. Ich sehe jetzt schon klar genug, um zu erkennen, dass du die Mädchen von mir fernhalten willst.“

Sadie blieb der Mund offen stehen. „Wie bitte? Ich habe dich doch hergebracht und euch miteinander bekannt gemacht. Ich möchte, dass du einen Platz in ihrem Leben einnimmst.“

„Aber zu deinen Bedingungen. Ich soll kommen und gehen, wenn es dir passt – zu vereinbarten Besuchsterminen. Sadie, ich bin ihr Vater! Ich möchte die Mädchen nicht nur an den Wochenenden sehen.“

„So muss das auch nicht laufen“, sagte sie sanft.

„Nein, muss es nicht.“ Der Gedanke, aus dem Leben seiner Kinder ausgeschlossen zu sein, tat weh. Er hatte schon so viel versäumt. Er hatte Sadie nicht schwanger gesehen, war nicht bei der Geburt an ihrer Seite gewesen, hatte nicht den ersten Schrei der Babys gehört und nicht ihr erstes Lächeln gesehen.

Gerade weil er keine Familie mehr hatte, bedeutete ihm Familienleben alles. Und hier bot sich ihm eine einmalige Chance, seine Chance, die er nicht ungenutzt lassen würde.

„Wir können zusammen sein.“ Er schöpfte tief Atem. „Wir sind ihre Eltern. Da ist es nur recht und billig, dass wir heiraten.“

„Wir leben nicht mehr im viktorianischen Zeitalter. Auch ohne Trauschein können wir gute Eltern sein.“

„Wie sich das schon anhört! Wie aus einem Erziehungsratgeber.“ Verächtlich verzog er den Mund.

„Finde ich nicht. Für mich klingt das sehr vernünftig“, widersprach sie.

„Für mich nicht. Ganz und gar nicht“, sagt er, ohne sie loszulassen.

Sadie versuchte loszukommen, nur rieb sie sich dabei so ungestüm an ihm, dass er hart wie Stein wurde und sie vor Verlangen schwer zu atmen begann.

Als ihr auffiel, dass er es bemerkt hatte, hielt sie still.

Rick lächelte. „Wusste ich doch, dass du spürst, wie heiß du mich machst.“

Sie vermied es, ihm in die Augen zu sehen.

„Und du willst mich genauso wie ich dich“, sagte er und strich ihr über den Rücken bis zum Po.

Sie seufzte, schloss die Augen und flüsterte: „Darauf kommt es doch gar nicht an.“

Er streichelte ihren Rücken und Po, bis sie Wachs in seinen Händen war. In jener Nacht hatte er hinter der Fassade der anständigen und stets distanzierten Sadie Price die sinnliche empfindsame Frau entdeckt. Drei Jahre lang hatte er nur an sie gedacht, und nun, da er sie endlich wieder in den Armen hielt, würde er sie nicht mehr gehen lassen.

Nie wieder.

Jetzt musste er sie nur noch überreden, ihn zu heiraten. Das konnte nicht so schwer sein.

„Baby, wir haben doch wirklich gut zusammengepasst. Nicht alle Paare können das von sich sagen“, sagte er.

Offenbar kam dieses Argument nicht gut an, denn Sadie riss entsetzt die Augen auf. Sie war immer wieder für eine neue Überraschung gut.

„Nenn mich nicht Baby! Außerdem ist es kein Heiratsgrund, wenn man im Bett gut zusammenpasst.“

„Wie du meinst. Dann heiratest du mich eben, weil wir zwei Kinder haben.“

„Und ich dachte immer, sturer als mein Bruder kann ein Mann nicht sein.“

Verständnislos schüttelte Rick den Kopf und versuchte, mit seiner Enttäuschung klarzukommen. Die meisten Frauen an ihrer Stelle hätten seinen Antrag nur zu gern angenommen. Natürlich war Sadie finanziell unabhängig, sein Reichtum spielte für sie deshalb keine Rolle. Ihr Bankkonto war ebenso dick wie seines.

Aber egal, wie sehr sich die Welt verändert haben mochte: Rick fand es noch immer schwieriger, Kinder allein großzuziehen als in einer richtigen Familie. Mit einem Partner ließ sich die Verantwortung teilen. Dachte Sadie etwa anders?

„Mit Sturheit hat das nichts zu tun“, sagte er. „Sondern damit, was das Beste für dich, mich und unsere Kinder ist.“

„Und du glaubst, es ist das Beste für die Kleinen, wenn sie bei Eltern leben, die einander nicht lieben?“

Sie stieß ihn von sich, und widerstrebend entließ er sie aus der Umarmung.

„Um Liebe geht es doch gar nicht. Ich finde, wir sind den beiden gegenüber dazu verpflichtet.“

„Pflichtgefühl ist erst recht kein Heiratsgrund. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“

„Okay.“ Rick schob die Hände in die Hosentaschen, um der Versuchung zu widerstehen, Sadie wieder an sich zu ziehen. „Lassen wir die Pflicht beiseite. Wir heiraten, und wir lieben die Kinder. Das reicht doch für ein glückliches Familienleben.“

„Nein.“ Sie lachte kurz auf. „Ganz sicher nicht. Ich heirate bestimmt keinen Mann, der mich nicht liebt. Nicht noch mal.“ Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass Rick sich fragte, wen sie überzeugen wollte: ihn oder sich selbst?

„Wenn du auf den Trottel anspielst, der ungefähr eine Viertelstunde lang dein Mann war …“

„Sieben Monate und zehn Tage, um genau zu sein.“ Ihre blauen Augen glänzten so intensiv, dass sie einen Mann um den Verstand bringen konnten. „Dann habe ich ihn in flagranti mit einer Anderen erwischt. Später habe ich von meinen ‚Freunden‘ erfahren, dass er mich von Anfang an betrogen hat.“

„Du vergleichst mich aber nicht mit diesem …“ Er brach ab. Dann ging er wieder auf sie zu, wie ein Raubtier auf seine Beute. „Ich betrüge nie jemanden. Und ich lüge nicht. Wenn ich einer Frau etwas verspreche, halte ich es auch.“

„Schön für dich!“, stieß sie hervor. „Trotzdem werde ich nicht deine Frau.“

Entnervt hob er die Hände und ließ sie wieder sinken. „Und warum nicht?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“ Sie senkte die Stimme, damit Hannah nicht unfreiwillig Zeugin dieses Gesprächs wurde. „Ich habe Taylor Hawthorne geheiratet, weil es von mir erwartet wurde. Von meiner Familie, weil es gut fürs Geschäft war“, sagte sie bitter. „Mein Vater wollte diese Ehe, also habe ich eingewilligt. Ich bin dazu erzogen worden, das Richtige zu tun und meine Pflicht zu erfüllen. Und genau das habe ich gemacht. Aber damit ist jetzt Schluss. Schließlich ist es mein Leben, und darüber bestimmt niemand außer mir.“

Sie zitterte am ganzen Körper, und ihre Augen schimmerten feucht.

Rick hatte Mitleid mit ihr. Er hat gewusst, dass in ihrer Familie viel zu viel Wert daraufgelegt wurde, stets einen guten Eindruck zu machen.

Trotzdem hatte er sich Sadies Hochzeit mit diesem Hawthorne bisher damit erklärt, dass sie vermutlich nur einen fürchterlichen Männergeschmack hatte. Und jetzt erfuhr er, welches Opfer diese Ehe für sie bedeutet hatte.

„Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst“, sagte er. „So etwas finde ich eine Zumutung. Aber es ändert nichts.“

Überrascht sah sie ihn an. „Worauf willst du hinaus?“

„Wir haben Kinder zusammen, Sadie. Darum sollten wir heiraten.“ Er trat näher zu ihr, dieses Mal mit vorsichtigen Schritten. Dann spielte er seinen Trumpf aus. Er brachte das eine Argument an, von dem er wusste, dass es Eindruck auf sie machen würde: „Ich will nicht, dass die Mädchen Bastarde genannt werden. Du etwa?“

„Natürlich nicht!“

Sie biss sich auf die Unterlippe, und Rick wusste, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Auch er selbst sah bei dieser Vorstellung rot. Genau wie Sadie wusste er, dass ein Leben in einer Kleinstadt wie Royal nicht nur schöne Seiten hatte. Natürlich würden die Leute tratschen, und die Kinder würden es den Erwachsenen nachplappern.

Auf keinen Fall sollten die Mädchen für seine Fehler büßen.

„Nur den Kindern zuliebe heirate ich nicht, Rick. Das wäre keine gute Ausgangsbasis.“

In ganz Texas konnte es keine sturköpfigere Frau geben! Wie um die Kluft zwischen ihnen zu überwinden, zog er sie an sich. Wenn er sie mit Worten nicht überzeugen konnte, musste er eben zu anderen Mitteln greifen.

Er umfasste sie und drückte sich so fest an sie, dass sie spüren musste, was er für sie empfand. Prompt atmete sie heftiger. Die Anziehungskraft zwischen ihnen ließ sie nicht kalt, darüber bestand kein Zweifel.

Sie schloss die Augen, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. „Nein.“

„Denk darüber nach, Sadie“, flüsterte er und küsste ihren Hals.

Sie erbebte – genau wie er selbst. Sie roch und schmeckte so gut, dass er nur noch an sie denken konnte. Plötzlich waren alle anderen Gedanken wie weggeblasen. Nichts wollte er mehr, als sie aufs Sofa zu werfen und leidenschaftlich zu lieben. Wie er es sich schon viel zu lange wünschte.

Seit er denken konnte, ließ ihm diese Frau keine Ruhe. Schon in der Kindheit war sie ihm aufgefallen. Und jetzt, als erwachsener Mann, musste er sich eingestehen, dass er mehr für sie empfand als für jede andere Frau – auch wenn er sie nicht liebte.

Für eine Ehe würde, musste das reichen.

Sie seufzte und drückte sich mit einer Sehnsucht an ihn, die sicher nicht kleiner war als seine eigene.

„Weißt du noch … unsere Nacht?“, flüsterte er ihr ins Ohr und zog eine Spur federleichter Küsse über ihren Hals und das Kinn. „Wie schön es war? Wie gut wir zusammengepasst haben? Das können wir jederzeit wieder haben, Sadie.“

Sie fasste ihm in die Haare und drückte seinen Kopf gegen sich. Dabei stöhnte sie lustvoll auf.

Er ließ die Zungenspitze leicht über ihren Hals gleiten. „Ich will dich so sehr, dass es wehtut“, gestand er. „Und du willst mich.“

„Das stimmt“, flüsterte sie.

Hoffnungsvoll schlug sein Herz schneller.

„Bitte, denk über meinen Vorschlag nach“, sagte er sanft.

Sie schwankte etwas und schlug die Augen auf. „Das ist unfair“, beschwerte sie sich.

„Wieso? Sadie, du hältst doch alle Trümpfe in der Hand. Ich versuche nur, einigermaßen mitzuhalten.“

„Komm mir jetzt bloß nicht auf die Mitleidstour!“ Sie stieß ihn von sich und sah ihn an. „Du weißt genau, was du tust. Du willst mich verführen, damit ich deine Frau werde, aber das klappt nicht.“

„Und wieso nicht?“, wollte er wissen.

Sie strich sich das Haar glatt und hob das Kinn. „Egal, wie gut der Sex ist, er ist keine Basis für eine Ehe.“

„Es war großartiger Sex“, stellte er klar.

„Ich heirate dich nicht.“

„Doch, das wirst du“, beharrte er.

„Du kannst mich nicht zwingen.“

Er biss die Zähne zusammen. Das stimmte leider. Aber sie konnte ihn nicht hindern, sein Möglichstes zu versuchen. „Vorhin hast du gesagt, du findest Brad stur. Aber von dir, Honey, kann er noch was lernen.“

„Du bist erst einen Tag wieder hier, Rick. Und du bleibst nur einen Monat, das hast du mir selbst gesagt.“

Ja, er hatte nur dreißig Tage Urlaub. Aber wenn er sich entschied, das Corps zu verlassen, konnte er in null Komma nichts wieder hier sein. Und zwar für immer.

„Ich nehme meinen Abschied“, sagte er so schnell, dass es ihn selbst überraschte.

„Rick, du liebst es, bei den Marines zu sein.“ Sie sah ihn an. „Was ist mit der Pflicht deinem Land gegenüber?“

„Meinen Kindern gegenüber bin ich auch verpflichtet“, beharrte er.

„Gott, was soll ich mit dir nur machen?“, fragte sie und seufzte.

„Ganz einfach: Heirate mich!“

„Das wird aber auch langsam Zeit“, ließ sich eine Stimme aus der Eingangshalle vernehmen.

Rick drehte sich um. In der Tür stand Brad Price und sah ihn grimmig an.

„Hallo Brad“, sagte Sadie. „Was machst du denn hier?“

Brad trat ein und ließ Rick nicht aus den Augen, während er mit seiner Schwester sprach. „Ich bin gekommen, weil ich mit dir reden will. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen unserem Streit im Klub.“

„Jetzt passt es mir gerade gar nicht.“

„Ja, das habe ich gemerkt.“ Brad ging auf Rick zu, ohne weiter auf Sadie zu achten. „Hast du die Mädchen gesehen?“

„Ja.“ Rick machte ein paar Schritte nach vorne und zog Sadie so an sich, dass sie vor Brad geschützt war.

Die Kinder und der Heiratsantrag gingen nur ihn und Sadie etwas an. Er würde nicht zulassen, dass Brad sich da einmischte.

„Ich war einverstanden, dass Sadie dir nichts von den Kindern sagt“, eröffnete ihm Brad.

„Sehr großzügig von dir.“

„Es war zu deinem Besten“, sagte Brad. „Du warst in einem Krisengebiet stationiert …“

„Schön, wie rücksichtsvoll ihr euch alle verhalten habt“, höhnte Rick. „Glaubt ihr wirklich, dass ihr mir damit einen Gefallen getan habt? Ihr habt mir meine Kinder vorenthalten!“

Auch Brad machte ein paar Schritte nach vorne. „Du undankbarer …“

Unerschrocken ging Rick auf Brad zu. „Dafür soll ich euch auch noch dankbar sein?“

„Hört auf!“, rief Sadie.

„Jedenfalls betrifft Sadies Entscheidung nur sie und mich“, stellte Rick klar. „Und du mischst dich besser nicht in diese Unterhaltung ein.“

„Immerhin bin ich ihr Bruder.“

„Nur darum bin ich so höflich zu dir.“

Brad sah ihn mit vor Zorn funkelnden Augen an, aber Rick ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte im Feindesland gekämpft und dem Tod ins Auge gesehen. So leicht beeindruckte ihn nichts und niemand mehr. Schon gar nicht Brad Price.

„Ich will aber wissen, welche Pläne du mit meiner Schwester und den Kindern hast.“

„Lass uns jetzt allein, Brad, sonst …“, setzte Sadie an.

„Ich gehe erst, wenn er verspricht, dich zu heiraten.“

„Auch wenn es dich nichts angeht“, sagte Rick, „ich habe sie bereits gefragt.“

„Gut.“ Zufrieden nickte Brad. „Wann ist die Hochzeit?“

„Das musst du deine Schwester fragen.“

Brad sah Sadie an. „Also, wann?“

Die Arme vor der Brust verschränkt, stand sie da und wippte nervös mit dem Fuß. „Es gibt keine Hochzeit“, sagte sie schließlich.

„Soll das ein Witz sein?“ Entgeistert sah Brad seine Schwester an. Offenbar konnte er nicht fassen, was er gerade gehört hatte.

Mit einer gewissen Befriedigung nahm Rick zur Kenntnis, dass er nicht als Einziger von Sadies Ablehnung überrascht war.

„Er ist wieder da“, sagte Brad, „und will das Richtige für dich und die Kinder tun – und du gibst ihm einen Korb? Was denkst du dir bloß dabei?“

Aus schmalen Augen sah sie ihren Bruder an. „Ich denke, Bradford Price, dass dies hier eine sehr private Angelegenheit ist, die dich überhaupt nichts angeht.“

„So, findest du?“, fragte er und erhob die Stimme. „Du bist nun mal meine Schwester, da geht mich das sehr wohl etwas an.“

„Schrei sie nicht an!“, schaltete Rick sich ein – und wurde ebenfalls lauter.

„Wer glaubst du eigentlich, dass du bist?“ Brad trat noch näher an Rick heran.

„Der Mann, der deine Schwester heiraten wird. Und der deshalb ab sofort aufpasst, wie du mit ihr redest.“

„Ach ja?“, fragte Brad.

„Darauf kannst du dich verlassen“, versicherte Rick und machte sich auf eine körperliche Auseinandersetzung gefasst. Er wollte zwar keinen Ärger anfangen, aber aus dem Weg gehen würde er ihm auch nicht.

„Du brauchst mich nicht zu verteidigen“, sagte Sadie und sah jetzt ihn so wütend an wie vorher ihren Bruder.

„Irgendjemand muss dich zur Vernunft bringen“, sagte Brad zu Sadie.

„Amen“, sagte Rick. „Sehr richtig.“ Schlimm genug, dass er mit Brad einer Meinung war.

Sadie fuhr sich entnervt durch die Haare und ließ dann hilflos die Hände sinken. Sie maß erst ihren Bruder, dann Rick mit einem vernichtenden Blick. „Mir reicht es. Ich habe genug von dieser ‚Unterhaltung‘. Geht jetzt! Alle beide!“

Rick blieb wie angewurzelt stehen. „Er kann gehen. Ich bleibe. Wir sind noch nicht fertig.“

„Doch“, widersprach Sadie.

„Warum sollte ich gehen?“, fragte Brad. „Immerhin ist das auch mein Haus.“

„Nicht mehr. Haut jetzt endlich ab!“, wiederholte Sadie.

„Jetzt sei doch vernünftig“, sagte Rick. „Wir haben noch nicht zu Ende geredet.“

„Wenigstens denkt einer von euch normal“, murmelte Brad.

„Tut mir leid, Brad“, sagte Rick. „Aber ich schließe mich Sadie an. Geh jetzt!“

„Ich habe gesagt, ihr sollt beide gehen!“, rief Sadie. „Hört ihr schlecht?“

„Die Frauen in dieser Stadt spielen verrückt.“ Brad schüttelte den Kopf. „Diese verfluchte Abby Langley macht mich noch wahnsinnig …“, er wandte sich seiner Schwester zu, „… und du treibst diesen armen Kerl hier in den Wahnsinn.“

Sadie bohrte den Zeigefinger in Brads Brust. „Du sollst nicht fluchen!“

Als Rick lachte, wandte sie sich wütend ihm zu. „Und von dir will ich kein Wort mehr hören. Verlasst jetzt mein Haus!“

In diesem Moment ertönte ein Geräusch aus dem Babyfon, und instinktiv wandte sich Sadie sofort in diese Richtung. Aus einem leisen Schniefen wurde ein Schrei, was bedeutete, dass zumindest eines der Mädchen aufgewacht war.

„Ich muss nach den Zwillingen sehen“, sagte Sadie und eilte zur Tür.

Rick folgte ihr, denn das Babygeschrei hatte etwas in ihm ausgelöst, was er bisher noch nicht kannte. „Geht es den beiden auch wirklich gut?“, fragte er.

Sadie blieb stehen, sah ihn an und drückte mit der flachen Hand gegen seine Brust, damit er nicht näher kam. „Sehr gut sogar. Wahrscheinlich haben sie nur ihren Daddy und ihren Onkel gehört, die sich wie Idioten aufgeführt haben.“

Sie verließ das Wohnzimmer und rief, ohne sich umzudrehen: „Ihr findet allein hinaus.“

„Na, das ist ja sauber gelaufen“, sagte Rick ironisch zu Brad. „Dank deiner Hilfe.“

„Selbst schuld, wenn du so blöd bist zu glauben, eine Frau zur Vernunft bringen zu können.“

Frustriert nahm Rick seinen Hut und setzte ihn auf. „Glaub mir, das zwischen mir und deiner Schwester ist noch nicht zu Ende.“

„Da wünsche ich dir viel Glück“, sagte Brad leise. „Aber du musst wissen, dass Sadie sich verändert hat, seit die Kleinen da sind. Irgendwie ist sie seitdem … unberechenbarer.“ Ratlos zuckte er die Schultern.

Diese Veränderung war Rick selbst schon aufgefallen. Früher hatte Sadie Price niemals die Fassung verloren – damals legte sie Wert auf damenhaftes Verhalten. Ihre kühle Zurückhaltung hatte ihn fasziniert. Ihr neues temperamentvolles Auftreten gefiel ihm sogar noch besser.

Kurz darauf saß Rick wieder in seinem Pick-up. Er betrachtete das Haus der Familie Price. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er geblieben. Alles in ihm drängte danach, das Gespräch mit Sadie weiterzuführen – bis er sie von seinen Argumenten überzeugt hatte.

Nachdenklich ließ er den Motor an. Auf jeden Fall war sie eine Frau, der sich ein Mann behutsam nähern musste. Leider hatte sie seinen Antrag bereits unmissverständlich abgelehnt, und es war im Augenblick nicht sehr wahrscheinlich, dass sie es sich anders überlegen würde.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zu verführen. Er musste seinen ganzen Charme einsetzen. Wenn sie erst im Bett lägen und sich leidenschaftlich liebten, würde sie nicht mehr klar denken können.

Dann würde sie Ja sagen, und er konnte sie heiraten.

5. KAPITEL

Die Feuerwerksbude machte ein Bombengeschäft.

Die Feierlichkeiten zum vierten Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, waren ein jährlicher Höhepunkt in Royal und mit nichts zu vergleichen.

Wie sehr hatte Sadie all das in Houston vermisst. Jetzt freute sie sich riesig, wieder mit dabei zu sein.

Darum stand sie jetzt hinter dem Verkaufstresen und erklärte geduldig die verschiedenen pfeifenden Raketen, Donnerschläge und bunten Fontänen. Immer wieder hielt sie in der Menge nach Hannah Ausschau, die auf die schlafenden Zwillinge aufpasste. Aber hier auf dem Stadtplatz waren einfach zu viele Leute. So wie es aussah, war an diesem Tag niemand zu Hause geblieben. Alle wollten mitfeiern.

Schon der Lärm machte einen fast taub. Eine Country-und-Western-Band sorgte für musikalischen Schwung, und in dem regen Treiben suchte man vergebens nach Ruhe und Frieden. Der vierte Juli war eben zum Feiern da.

Es war ein heißer Sommertag. Ein schwacher Wind brachte köstlichen Grillgeruch mit sich. Sadie genoss das Fest in vollen Zügen. Ja, es hätte ein herrlicher Tag sein können – ohne einen gewissen Rick Pruitt. Der Gedanke an ihn ließ ihr einfach keine Ruhe, auch wenn es ihr schwerfiel, das zuzugeben.

Wie er angekündigt hatte, war er dabei, seine Töchter kennenzulernen. In dieser Woche war er jeden Tag vorbeigekommen; er spielte mit ihnen, las ihnen etwas vor und half sogar beim Baden. Gail und Wendy waren begeistert von so viel Aufmerksamkeit. Jeden Morgen fragten sie als Erstes nach ihrem Daddy.

„Hallo Sadie, wie geht’s?“

„Was?“ Sie drehte sich um und lächelte Abby Langley zu. „Sorry, ich habe wohl vor mich hin geträumt.“

„Wahrscheinlich hast du eine Fata Morgana gesehen – wäre bei der Hitze kein Wunder.“

Sadie lachte. „Nein, das nicht.“

Abby lehnte sich an den Verkaufstresen.

Sie reichte Sadie eine Flasche Wasser und machte sich selbst auch eine auf. Nachdem sie einen großen Schluck genommen hatte, sagte sie: „Wow. Das tut gut. Also, von wem handeln deine Tagträume? Ich könnte wetten, von einem ganz bestimmten Marine.“

Sadie nahm ebenfalls einen großen Schluck und wartete, bis sich die Kälte in ihrem Körper angenehm ausbreitete. Denn selbst die Ventilatoren hinter ihnen schafften es kaum, für Abkühlung zu sorgen.

„Hallo Abby“, rief eine der anderen Helferinnen.

„Sadie und ich machen mal Pause“, antwortete Abby.

„Ja, gute Idee“, sagte Sadie. „Zu viel Hitze und zu viele Gedanken. Übrigens hast du mit deiner Vermutung völlig recht: Es geht um Rick.“

Abby gehörte zu den wenigen Menschen, die – abgesehen von Sadies nächsten Angehörigen – wussten, wer der Vater der Zwillinge war. Außerdem war sie eine von Sadies wenigen wirklich guten Freundinnen.

In Houston hatte sie sie sehr vermisst. Abby wusste, was es hieß, in Royal als Tochter reicher Eltern aufgewachsen zu sein, aber ebenso, auf eigenen Füßen zu stehen. Nachdem sie in Seattle ein Vermögen verdient hatte, war sie nach Royal zurückkommen und hatte ihren Freund aus Highschoolzeiten geheiratet. Alles hatte nach vollkommenem Glück ausgesehen.

Aber wie so oft war alles anders gekommen.

„Jetzt erzähl schon!“, drängte Abby.

Sadie seufzte. „Er kommt jeden Tag und verbringt Zeit mit den Mädchen.“

„Daran ist doch nichts Schlechtes.“

Eine der Helferinnen in der Bude beugte sich in Sadies Richtung und griff nach einem Päckchen roter Wunderkerzen.

Sadie zog Abby ein Stück zur Seite und senkte die Stimme. „Ich habe ja nichts dagegen, dass er seine Töchter kennenlernt. Sie sollen einen Vater haben, und sie mögen ihn jetzt schon so gerne …“

„Aber?“

„Aber was wird nach seinem Urlaub? Wenn er wieder zu seinem Corps muss? Er ist und bleibt ein Marine und wird Royal wieder verlassen. Wie sollen die Mädchen das verstehen? Er wird ihnen so fehlen!“

„Stimmt, das wird nicht einfach“, stimmte Abby zu, während sie beide sich bemühten, über die Besucherschlange hinwegzusehen, die sich vor der Bude bildete. „Aber ist es nicht trotzdem besser, dass sie ihn wenigstens kennen?“

„Ja, glaube ich schon, ich finde es nur so …“

„… verwirrend?“

„Ja, sehr.“ Sadie seufzte. „Weißt du, schon als ich klein war, hatte Rick Pruitt diese Wirkung auf mich.“

Abby lachte. „Sadie, als wir klein waren, haben alle Jungs uns verwirrt. Und viel hat sich daran bis heute nicht geändert.“

Sadie fiel in das Lachen ein, wenn auch etwas traurig. „Stimmt.“ Gedankenverloren strich sie über eine Packung großer Fontänen. „Nur hattest du das Glück, dass deine Eltern dich nicht von allem ferngehalten haben, obwohl sie genauso reich waren wie meine. Brad und ich sind ja in Privatschulen erzogen worden.“

Sie zuckte mit den Schultern, als würde ihr das längst nichts mehr ausmachen, aber die Erinnerung daran tat noch immer weh. Damals hatte sie sich sehnlichst einen Freundeskreis gewünscht. Wie gerne wäre sie mit gleichaltrigen Mädchen shoppen gegangen oder hätte mit Jungs geflirtet. Notgedrungen war sie eine Außenseiterin geblieben – daran hatte sich bis heute wenig geändert.

Abby nickte. „Viel haben wir von euch nicht mitbekommen. Und wenn du mal mit uns anderen herumhängen wolltest, hat dein Vater es dir verboten.“

Sadie lachte. „Die Kinder von Robert Price ‚hängen‘ nicht ‚herum‘.“ Sie trank noch einen Schluck Wasser und betrachtete einen Moment das lebhafte Treiben auf dem Stadtplatz. „Irgendwie waren wir gar nicht richtig Teil von Royal, oder? Klar, wir sind hier zur Welt gekommen und aufgewachsen, aber die anderen Kinder haben wir nur am Wochenende gesehen. Richtige Freundschaften konnten sich so nicht entwickeln. Aus irgendeinem Grund wollte Dad es anscheinend so.“

Sie lächelte und drückte Abbys Hand. „Ohne dich hätte ich mich ganz schön elend gefühlt. Es war schwer für mich, aber ich glaube, für Brad sogar noch mehr.“

„Inwiefern?“

Sadie strich sich eine blonde Strähne zurück und überlegte. „Ich weiß nicht. Er kannte schon Mädchen in der Stadt, aber …“

„Klar“, sagte Abby leise. „Er hatte schon immer eine starke Wirkung auf Frauen.“

Sadie lächelte. „Auch wenn er mein Bruder ist und mich ab und zu tierisch nervt, eines muss man ihm lassen: Er sieht blendend aus.“

„Da ist was dran“, gestand Abby leise ein.

Noch immer lächelnd fuhr Sadie fort: „Auch wenn die meisten Mädchen …“ Sie hielt inne und sah Abby an, „… ihn mochten, die Jungs waren weniger begeistert von dem reichen Kerl, der ihnen am Wochenende das Revier streitig machte.“

Abby nickte. „Ja, so war es. Irgendwie muss ich das verdrängt haben.“

Sadie atmete hörbar aus. „Oh Gott, klingt das weinerlich, was ich da erzähle. Die Geschichte von den armen reichen Kindern …“

„Nein, Sadie. Weinerlich warst du nie. Was ist denn jetzt mit Rick?“

Sadie seufzte. „Du weißt ja, dass er schon immer sehr beliebt war. Er war Kapitän des Footballteams.“ Vor ihrem inneren Auge entstand das Bild des jungen Rick Pruitt, und sofort spürte sie ein Kribbeln in der Magengegend. „Er trug T-Shirt, Jeans und Stiefel. Seine Haare waren etwas zu lang und die Augen etwas zu dunkel, als dass eine Frau ihn je wieder vergessen würde. Er war der Traum aller Mädchen.“

„Ja“, bestätigte Abby. „Ich erinnere mich gut. Er war damals schon richtig männlich.“

„Wenn er einen Raum betrat, richteten sich alle Augen auf ihn“, fuhr Sadie fort.

„Deine auch“, stellte Abby fest.

„Ja, meine auch“, gab Sadie zu und lachte. „Aber gut gekannt haben wir uns nicht. Immer wenn er mit mir reden wollte, habe ich angefangen zu stottern und wurde rot. Ich konnte nichts dagegen machen. Lächerlich, oder?“

„Nein, wir waren eben noch jung.“

„Stimmt, aber mir geht es heute noch so mit ihm. Schon in der Jugend war Rick unwiderstehlich, und durch seine letzten Einsätze hat er sich verändert. Ich möchte nicht sagen, dass er verschlossener ist, denn den Zwillingen gegenüber verhält er sich völlig natürlich und offen. Aber irgendwie wirkt er … zurückhaltender. Und das macht mich traurig, Abby.“ Sie atmete tief durch. „Keine Ahnung, wieso mir das so viel ausmacht, aber ändern kann ich es nicht. Sobald Rick in der Nähe ist, kann ich nicht mehr klar denken, und meine Gefühle gehen ab wie eine von unseren Raketen hier.“

„Also war die Woche ganz schön schwierig für dich.“

Sadie nickte. „Allerdings.“

„Wie sagt man so schön?“ Abby blickte scheinbar gedankenverloren in die Menge. „Nichts ist so einfach, wie es sein sollte.“

Sadie folgte ihrem Blick und stellte fest, dass er auf Brad gerichtet war, der sich einen Weg durch das Gedränge bahnte. „Wie es aussieht, hast du zurzeit auch so deine Probleme mit Männern, stimmt’s?“

„Sadie, du weißt, wie gern ich dich mag“, sagte Abby, ohne Brad aus den Augen zu lassen, der gerade einen Freund begrüßte, „aber dein Bruder macht mich wahnsinnig.“

„Nicht nur dich! Auch mich als seine Schwester. Er ist leider so.“

„Mag sein, aber damit kommt er bei mir nicht durch. Im TCC versucht er, mich zu ignorieren. Weil ich ‚nur‘ Ehrenmitglied bin, findet er, dass meine Meinung nicht zählt.“ Abby blinzelte Sadie zu. „Ich glaube, er ist der größte Sturkopf, dem ich je begegnet bin. Wenn man versucht, vernünftig mit ihm zu sprechen, könnte man genauso gut gegen die Wand reden. Aber so leicht gebe ich nicht auf. Er wird schon noch merken, mit wem er es zu tun hat.“

Sadie lächelte der Freundin kameradschaftlich zu und genoss es, nicht die einzige Frau zu sein, der ein Mann zu schaffen machte. „Klingt vielversprechend. Das möchte ich sehen!“

„Da ist etwas, was du unbedingt sehen solltest“, sagte Abby.

„Was denn?“

Abby schob Sadie nach vorne zum Verkaufstresen. „Ein Kunde hat eine Frage.“

Rick Pruitt stütze die Arme auf den sonnenbeschienenen Tresen und wollte wissen: „So, welche Arten von Feuerwerk gibt es denn hier?“

Er trug seine Uniform, und Sadie hielt den Atem an vor echter weiblicher Bewunderung. Er sah groß aus. Stark. Und stolz. An die linke Seite seiner Brust waren bunte Bänder geheftet und Orden, die in der Sonne glänzten.

Als hinter ihm zwei Frauen vorbeigingen, bemerkte Sadie, wie sie ihn hingerissen betrachteten. Trotz eines jähen Anflugs von Eifersucht konnte sie den beiden nicht böse sein.

Rick … Frauen wollten ihn haben, und Männer wollten so sein wie er.

Wenn er beim Lächeln einen Mundwinkel nach oben zog, so wie jetzt, wusste Sadie, dass sie machtlos war.

Wie sie gerade noch ihrer Freundin erklärt hatte, konnte sie in seiner Nähe nicht mehr klar denken. Ihre Gefühle spielten verrückt – genau wie ein Feuerwerk.

„Sadie?“, fragte er und sah sie an, als ob er spürte, was in ihr vorging. „Also noch mal: Was habt ihr hier an Raketen?“

Auch wenn es ihr schwerfiel, schaffte sie es, unbeeindruckt zu antworten. „Die bewährten Sorten. Ungefährlich und sehr schön.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Abby lächelnd davonging. Diese Verräterin! Ließ sie einfach mit dem Mann stehen, der ihr Hauptproblem darstellte.

Sie sah Rick an und nahm sich zusammen, so gut es ging. So sachlich wie möglich fragte sie: „Was darf’s sein? Alle Erlöse fließen dem örtlichen Frauenhaus zu.“

„Aha“, sagte er. „Ich weiß schon: die Flamingos.“

„Genau.“ Nach diesem Tag würde das Frauenhaus eine ordentliche Spende bekommen, so viel stand bereits fest. „Also: Was möchtest du?“

„Gute Frage, Sadie“, sagte er leise.

Seine Stimme klang so sanft und sexy, dass ihr heiße Schauer über den Rücken liefen. Trotz der vielen Menschen kam es ihr mit einem Mal so vor, als wäre sie mit ihm allein. Warum sprach dieser Mann sie so tief im Inneren an? Sie fieberte ihm regelrecht entgegen.

Noch nie hatte sie so empfunden!

Schon gar nicht für ihren Exmann, den sie aus den falschen Gründen geheiratet hatte.

Bis zu jener denkwürdigen Nacht mit Rick hatte sie fast schon geglaubt, sie wäre schlichtweg nicht für die Liebe geschaffen. Oft hatte sie sich gefragt, ob sie je die prickelnde Spannung erleben würde, die sie nur aus Liebesromanen kannte.

Die heiße Nacht mit Rick hatte ihr in dieser Hinsicht mehr geboten, als sie es sich je erträumt hatte.

Sie sah in seine braunen Augen und sehnte sich nach ihm.

Kein Zweifel, er wusste, was sie dachte, und fühlte, wie groß die Versuchung für sie war.

Täuschte sie sich – oder blinzelte er ihr tatsächlich zu?

Heftiges Begehren durchzuckte sie fast wie ein plötzlicher Schmerz.

Und doch gelang es ihr, Herrin über ihre Empfindungen zu werden. Der Gedanke an ihre Kinder half ihr dabei. Ihre Kinder, die Ricks Augen hatten. Die Rick und sie in einer Nacht voller Leidenschaft gezeugt hatten …

Jetzt war Sadie kein Single mehr, sondern alleinerziehende Mutter. Da kam es nicht infrage, einfach so mit einem Mann ins Bett zu gehen – egal, wie intensiv der Wunsch danach war. Schon gar nicht, wenn es sich bei diesem Mann um den Vater der Kinder handelte. Schließlich ging es ihm in erster Linie um den Kontakt zu den Kleinen.

Rick war charmant und attraktiv – und versprach atemberaubende Glücksmomente. Aber würde er sich auch so sehr um sie bemühen, wenn sie keine gemeinsamen Kinder hätten? Wohl kaum.

Sie richtete sich kerzengerade auf und lächelte. „Rick, was ist denn nun? Willst du Raketen kaufen oder nicht?“

Offenbar begriff er, dass weitere Flirtversuche keinen Erfolg versprachen, denn er nickte. „Ja klar.“ Er betrachte die bunten Kartons in den Regalen hinter ihr. „Welches Feuerwerk mögen unsere Mädels am liebsten?“

Sadie schmolz dahin. Er wollte den Mädchen eine Freude machen! Und der Weg zu ihrem Herzen führte nun mal über die beiden.

Vermutlich wusste Rick, das Sie beschloss, den Gedanken zu ignorieren, und sagte: „Sie sind ja noch klein. Es ist der erste Unabhängigkeitstag, den sie bewusst mitbekommen. Ich glaube, jedes Feuerwerk wird ihnen gefallen.“

„Ich freue mich, dass ich den Tag mit ihnen zusammen erlebe“, sagte Rick.

„Ja, mich freut es auch.“

„Wirklich?“, fragte er und legte die Hand auf ihre.

Wie elektrisiert zog sie die Hand zurück. Es gelang ihr ohnehin nur mühsam, ihre distanzierte Fassade aufrechtzuerhalten, und es brauchte nur wenig, um sie vollends aus dem Gleichgewicht zu bringen.

„Natürlich. Und den Kleinen wird es auch gefallen.“

„Das ist doch schon mal was.“

„Alles klar, Sadie?“, fragte Abby dazwischen, die in diesem Augenblick lächelnd wieder zurückkam.

„Ja. Alles okay. Abby, erinnerst du dich noch an Rick Pruitt?“

„Aber sicher. Freut mich, dich wiederzusehen, Rick. Ich mag Männer in Uniform.“

Rick grinste, und Sadies Herz machte einen Hüpfer.

„Darum tragen wir sie ja“, erklärte er. „Wir Marines wollen euch schließlich gefallen.“

„Uns Frauen?“, fragte Abby.

Rick sah Sadie an. „Einer ganz bestimmten Frau, soweit es mich betrifft.“

Dann, als hätte er mit seinen Worten nicht gerade ihr Herz zum Rasen gebracht, sagte er mit größter Selbstverständlichkeit: „Gib mir bitte ein paar von den roten, weißen und blauen Wunderkerzen und zehn Feuerfontänen.“

Geschäftig packte Sadie seine Bestellung in eine Tüte und kassierte.

„Behalt das Wechselgeld für das Frauenhaus.“

„Danke.“

„Keine Ursache“, sagte er und wandte den Blick nicht von ihr.

Sie seufzte. „Rick, was willst du wirklich?“

„Ich glaube, die Antwort kennst du, Sadie.“

Vergebens suchte sie nach Worten. Was sollte sie sagen? Hatten sie in dieser Woche nicht schon genug geredet? Geändert hatte sich dadurch nichts. Nach wie vor wollte er sie heiraten – der Kinder wegen. Und das wollte sie nicht. Denn noch eine reine Vernunftehe kam nicht infrage. Diesen Fehler würde sie mit Sicherheit kein zweites Mal begehen.

Er nahm seine Tüte und fragte: „Sehen wir uns später noch?“

„Vielleicht nachher beim Feuerwerk.“ Die Mädchen würden sich zweifellos freuen, ihren Dad zu sehen. Sie wies auf die große Eiche. „Hannah und die Mädchen sind dort drüben. Wenn du ihnen Hallo sagen willst …“

Er lächelte glücklich. „Ja, danke. Das mache ich.“ Zu Abby sagte er: „War nett, dich zu sehen.“

Als er wegging, sah Sadie ihm lange nach. Dann seufzte sie tief.

„Ein toller Mann“, sagte Abby.

„Findest du?“

„Ja, allerdings. Und er sieht dich an, als wärst du das saftigste Steak auf dem Grill.“

Sadie lachte. Das hatte sie selbst schon festgestellt. „Ich weiß.“

„Also, wo liegt das Problem?“, bohrte Abby.

„Er bleibt nicht hier“, sagte Sadie und lehnte sich an den Tresen.

„Woher willst du das wissen? Wie man sich so erzählt, denkt er ans Aufhören.“

„Möglich. Aber selbst wenn – ihm geht es nicht um mich. Sondern nur um die Kinder.“

Abby legte ihr den Arm um die Schulter. „So wirkt es auf mich ganz und gar nicht. Er will dich. Seine Augen verraten es.“

„Aber nur in rein körperlicher Hinsicht.“

„So etwas kann Spaß machen“, gab Abby zu bedenken.

Sadie lächelte zwar, schüttelte aber den Kopf. „Nach Spaß ist mir nicht. Ich bin Mutter. Ich muss daran denken, was für meine Kinder das Beste ist.“

„Und was genau ist das Beste?“

„Wenn ich das nur wüsste“, sagte sie leise, während Abby einen wartenden Käufer bediente.

Den restlichen Tag genossen Rick und Sadie die besondere Atmosphäre der jahrmarktähnlichen Veranstaltung. Überall herrschte buntes Treiben. Hobbykünstler boten ihre Artikel an. Die Zwillinge fuhren Karussell, und es gab sogar einen kleinen Streichelzoo. Überall duftete es nach frischem Apfelkuchen.

Sadie genoss das Fest – soweit sich bei ihrer inneren Zerrissenheit überhaupt von Genießen reden ließ. Rick war da. Den ganzen Tag. Er nahm die Mädchen auf den Arm, wenn sie müde waren, und er kaufte ihnen Eiscreme und jede Menge Süßigkeiten.

Sadie fürchtete schon, ihnen könnte schlecht werden. Besser, sie hätte von Anfang an klare Grenzen gesetzt, zumindest was den vielen Zucker anging. Aber Rick und die Kinder verstanden sich so gut, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihnen die Freude zu verderben.

Unter der großen Eiche breiteten sie die Decke für ein spätes Mittagessen aus. Da sich Hannah einer Gruppe von Freundinnen angeschlossen hatte, begannen sie zu viert mit dem Picknick. Während die Mädchen Bananen und Hamburger aßen, wickelte Sadie die Sandwiches aus und gab eines davon Rick.

Als er es nahm, berührten sich kurz ihre Hände. Kaum hörbar seufzte Sadie, aber Rick entging es nicht. „Danke“, sagte er lächelnd.

„Dank nicht mir. Hannah hat das Essen gemacht.“

„Ich rede nicht von den Sandwiches.“

„Wovon denn dann?“ Sie sah ihn fragend an und gab dann Gail einen Becher Milch.

Während er Abby über die braunen Locken strich, sagte er: „Ich will mich dafür bedanken, dass du es mir ermöglichst, diesen Tag mit den Mädchen zu verbringen.“

„Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken“, sagte sie sanft. Denn egal, wie verwirrend sie selbst die Situation fand – seine Liebe zu den Zwillingen berührte sie tief. „Sie sind auch deine Kinder. Ich will den Kontakt zwischen euch.“

Er sah erst die beiden an, dann Sadie. Das Laub des Baumes bewegte sich leicht im Wind und warf unregelmäßige Schattenmuster auf Ricks Gesicht.

„Ich weiß das zu schätzen, glaub mir.“ Er biss in sein Sandwich. „Aber ich möchte mehr als nur ab und zu einen Tag mit ihnen.“

„Ich weiß.“ Sie nahm Wendy ihren fast leeren Becher weg, bevor die Kleine ihn umwerfen konnte. „Aber …“

„Kein Aber, Sadie. Sie sind meine Familie. Mein Fleisch und Blut.“

„Und meins.“

„Richtig. Das ist der springende Punkt. Darum meine ich ja …“

Sie unterbrach ihn. Noch mal würde sie ihm nicht die Chance geben, vom Heiraten anzufangen. Die Zwillinge reichten als Grund einfach nicht. Einen solchen Schritt würde sie ohne Liebe nie wieder tun. „Rick, ich weiß, worauf du hinauswillst, aber ich habe meine Meinung nicht geändert.“

„Warum zum T…“, er sah die Zwillinge an, „… zum Donnerwetter nicht? Wir haben so gut zusammengepasst.“

„Ja, eine Nacht lang.“

„So schön könnte jede Nacht sein.“

„Ehen verbringt man nicht nur im Bett.“

„Trotzdem schadet es nichts.“

Sie seufzte. „Rick, darüber haben wir doch schon geredet.“

„Nicht zum letzten Mal. Schließlich haben wir Kinder.“

„Wie ich schon sagte: Wir können sie auch lieb haben, ohne miteinander verheiratet zu sein.“

„Wir sollten eine richtige Familie sein“, sagte er sanft.

Einen Moment lang hallte das Wort in ihr nach. Schon immer hatte sie sich nach einer eigenen Familie gesehnt. Darum hatte sie sich dem Wunsch ihres Vaters gefügt und Taylor geheiratet – in der Hoffnung, dass aus dieser Ehe etwas Gutes entstehen würde.

Doch sehr bald hatte sie einsehen müssen, dass eine Ehe ohne Liebe keine richtige Ehe war.

„Das ist keine gute Idee, Rick“, sagte sie und sah ihm dabei fest in die Augen.

„Das weißt du nicht.“

Sie lachte, und Gail sah sie an und lachte ebenfalls. „Oh doch. Das kannst du mir glauben.“

„Du kannst doch deine erste Ehe nicht mit dem vergleichen, was wir haben könnten.“

„Genau das tue ich aber“, sagte sie klar und deutlich. „Meine Ehe war eine Katastrophe, weil wir uns nicht geliebt haben. Ich habe aus den falschen Gründen geheiratet und musste dafür büßen.“ Sie atmete tief ein und betrachtete ihre Töchter, die lachten und vor sich hin plapperten. Plötzlich fühlte sie sich von Liebe für die beiden regelrecht durchdrungen. Sie schüttelte den Kopf und sah Rick an. „Und dieses Mal würde ich nicht nur mich unglücklich machen. Die Kinder wären die Leidtragenden.“

„Glaubst du, so weit würde ich es kommen lassen?“ Rick gab Wendy ein Stück Banane. „Ich will doch nur ihr Bestes.“

„Das glaube ich dir sogar. Nur sind wir uns nicht einig, was das Beste ist.“

Er lachte kurz auf. „Ich weiß nicht, wie du genau über mich denkst, Sadie. Aber vieles ist nicht mehr wie früher.“

„Ich bleibe bei meiner Meinung, so viel ist sicher.“

„Sag das nicht. Warte, bis ich dich von meiner Sicht der Dinge überzeugt habe.“

„Bist du immer so selbstbewusst?“, fragte sie.

„Vor allem wenn ich weiß, dass ich recht habe.“

In diesem Moment ertönte ein durchdringendes Pfeifen, das in den Ohren wehtat. Wendy rief nach ihrer Mom, und Gail krabbelte auf den Schoß von Daddy.

Auf einer Bühne am anderen Ende des Platzes stand der Bürgermeister und klopfte und blies auf sein Mikrofon. Die Geräusche wurden schrecklich laut übertragen. Nochmals erklang das gellende Pfeifen einer Rückkopplung, dann hörte man den Bürgermeister sagen: „Entschuldigen Sie unsere Technikprobleme. Jetzt müsste alles funktionieren.“

Die Menge kam zur Ruhe, alle warteten auf die unvermeidlichen Ansprachen.

Sadie betrachtete Rick. Er hatte einen Arm um Gail gelegt und wiegte sie instinktiv hin und her, um sie zu beruhigen.

Es wirkte so selbstverständlich, als hätte er nie etwas anderes getan. Sadie seufzte. Ohne Schwierigkeiten hatte er sich in die Vaterrolle gefügt, sodass man denken konnte, er wäre von Anfang an dabei gewesen.

„Ich weiß“, sagte der Bürgermeister, und seine Stimme drang seltsam verzerrt aus den Lautsprechern, „dass niemand hier Lust hat, lange Reden zu hören …“

„Was dich aber kaum bremsen wird, Jimmy“, rief jemand aus der Menge.

„Wenn ich ständig unterbrochen werde, dauert es natürlich länger, Ben“, versetzte der Bürgermeister lächelnd. „Ich will es so kurz wie möglich machen: Wir alle sind hier, um unseren Unabhängigkeitstag zu begehen. Und darum möchte ich einige verdienstvolle Söhne und Töchter unserer Stadt besonders ehren.“

Die Menschen applaudierten – etwas zögerlich. Noch wusste man nicht, worauf der Bürgermeister hinauswollte.

Dann sprach er weiter. „Rick Pruitt! Ich weiß, dass du da bist. Also komm bitte auf die Bühne.“

Stirnrunzelnd setzte Rick die kleine Gail auf die Decke. Widerstrebend, aber pflichtbewusst ging er an den Menschen auf ihren Picknickdecken vorbei zum Podium.

„Donna Billings, Frank Haley“, sprach der Bürgermeister weiter, „Dennis Flynn. Bitte auch zu mir kommen.“

Sadie betrachtete Rick, wie er in einer Reihe mit den anderen Aufgerufenen stand, alles Männer und Frauen in Uniform, und alle wirkten nicht besonders glücklich über so viel Aufmerksamkeit.

„Einen herzlichen Applaus für unsere Besten“, forderte der Bürgermeister auf. „Danken wir ihnen für das, was sie für uns und unser Land leisten.“

Als lebhaftes Klatschen und Begeisterungsrufe ertönten, spürte Sadie, wie sie vor Stolz rot wurde. Über den Platz hinweg sah Rick sie an. Da begriff sie, dass er recht hatte: Wenn sie nicht aufpasste, würde sie ihre Meinung womöglich doch noch ändern.

6. KAPITEL

In der folgenden Woche gewöhnte sich Rick an Sadie, die Frau, an die er drei Jahre lang gedacht hatte. Und daran, wieder zu Hause zu sein.

Die Pruitt Ranch gedieh unter der Leitung des Vormanns John Henry. Die Rinderherde war gesund und wuchs stetig, und der Getreideanbau, der nebenbei betrieben wurde, brachte mehr Ertrag als erwartet.

Rick war John sehr dankbar für seine hervorragende Arbeit. Nur das Bewusstsein, die Ranch in guten Händen zu wissen, hatte es ihm ermöglicht, seinen Traumberuf auszuüben.

Jetzt war er zurück und musste sich entscheiden. Hatten sich seine Vorstellungen verändert? Sich weiterentwickelt?

Bisher hatte er angenommen, dass es keinen härteren Job als den der Marines gab. Aber als Vater konnte er nur staunen, wie ausgefüllt seine Tage jetzt waren. Jede freie Minute, so viel Zeit, wie er nur aufbringen konnte, verbrachte er mit den Kindern und Sadie. Wenn die Mädchen ihn anstrahlten, wurde ihm unsagbar warm ums Herz. Er bemühte sich, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Er hatte nie daran gedacht, Vater zu werden. Und erst jetzt, da er es schon war, merkte er, wie viel Verantwortung damit verbunden war. Sein Herz an eine Familie zu hängen konnte sich ein guter Soldat nicht leisten. Das hatte er bei seinem letzten Einsatz schmerzlich erfahren müssen.

Seitdem machten ihm jede Minute seine Schuldgefühle zu schaffen. Und er sah die Dinge in einem etwas anderen Licht.

Hier lebten und atmeten zwei Menschenkinder, die ihre Existenz ihm und Sadie zu verdanken hatten. Die Zwillinge brauchten nun mal einen Vater. Sie brauchten ihn.

Sie sollten sich auf ihn verlassen können und wissen, dass er für sie da war. Aber wie sollte das gehen, wenn er Tausende von Meilen weit weg mit Rucksack und Gewehr in der Wüste unterwegs war?

Und was Sadie betraf … seine Gefühle für sie gingen tiefer, als er es sich eingestand – nur Liebe wollte er es nicht nennen. Dennoch gehörte sie jetzt zu seinem Leben, genau wie die Kinder. Was auch immer das bedeutete.

Er stand auf der großen Rasenfläche vor der Ranch und sah sich nicht ohne Rührung um. Hier war er aufgewachsen. Im Kern war das Haus über hundertfünfzig Jahre alt. Der erste Pruitt, der hierhergekommen war, hatte es errichtet – noch zu Lebzeiten von Sam Houston, dem ersten Präsidenten der damaligen Republik Texas.

Inzwischen war es in Holz- und Steinbauweise immer wieder vergrößert und modernisiert worden und erstreckte sich nun verwinkelt weit über das Gelände.

Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass es ihr beim ersten Besuch wie ein verwunschenes Cottage erschienen war. Dieser Eindruck wurde noch durch einen Turm verstärkt, den sein Vater ihr zu Ehren hatte anbauen lassen.

Unwillkürlich sah Rick zum Fenster ihres Lieblingszimmers, als erwartete er, sie jeden Moment dort auftauchen zu sehen. Dass das nie wieder geschehen würde, stimmte ihn unendlich traurig.

Bei ihrem Tod war er nicht hier gewesen. Er hatte sich nicht von ihr verabschieden können. Das würde ihm niemals Ruhe lassen.

Hatte er für den Dienst an seinem Land zu viel aufgegeben? Sollte er anderen die Pflichten überlassen, die er schon so lange gewissenhaft erfüllte?

Schwer zu sagen. Welcher Stimme seines Herzens sollte er den Vorrang geben?

Überhaupt bedeutete sein Heimaturlaub für ihn Segen und Fluch zugleich. Es machte ihn glücklich, hier auf der Ranch zu leben, aber der Gedanke, sie schon bald wieder verlassen zu müssen, war ein Wermutstropfen.

„So nachdenklich, Rick?“

Er drehte sich um und sah John Henry auf sich zukommen.

John, ein sonnengebräunter Mann über sechzig, war schlank und von aufrechter Haltung wie ein Zwanzigjähriger. Sein Haar war von silbernen Strähnen durchzogen, und ein dichter weißer Schnurrbart bedeckte die Oberlippe. Um die klaren blauen Augen hatten sich vom Blinzeln in den hellen texanischen Himmel tiefe Fältchen gebildet.

Seit Rick denken konnte, gehörte John zur Ranch. Sogar mehr als er selbst. Denn während er um die Welt gereist war und sich um die Belange anderer gekümmert hatte, war John die ganze Zeit über hiergeblieben, um die Geschäfte zu führen.

„Ja, es gibt einiges zu überlegen“, gestand Rick.

„Willst du darüber reden?“, bot John an.

Rick lächelte. John war fast wie ein Vater für ihn, und seine Anteilnahme freute ihn. Nur brachte Reden leider absolut nichts.

„Nein.“

„Du warst schon immer der ruhige Typ“, sagte John und betrachtete ebenfalls das Haus. „Das hier ist ein schönes Fleckchen Erde.“

„Ja. Ich weiß.“

„Nur müssen in einem solchen Haus auch Menschen leben, damit die Familiengeschichte weitergeht. Es ist nicht gut, wenn ein Gebäude so lange leer steht.“

„Danke für den Wink mit dem Zaunpfahl“, sagte Rick und lächelte wider Willen.

„Was soll ich um den heißen Brei herumreden? Das liegt mir nicht. Ich will dir etwas sagen.“

„Na dann raus damit“, sagte Rick und seufzte. Er kannte John und wusste, dass dieser sich vermutlich seit einer Woche auf dieses Gespräch vorbereitet hatte.

John rieb sich den Nacken, dann begann er: „Du weißt ja, als du zu den Marines gegangen bist, war ich genauso stolz auf dich wie deine Eltern.“

„Ja, das weiß ich.“

„Aber wie sagt man so schön? Alles hat seine Zeit, das Weggehen und das Zurückkehren.“

Rick runzelte die Stirn und sah wieder zum Fenster seiner Mutter. Wenn er beim letzten Mal hiergeblieben wäre, hätte Sadie nicht völlig allein von ihrer Schwangerschaft erfahren. Und seiner Mutter hätte er Beistand leisten können. Wer weiß, vielleicht wäre sie dann gar nicht gestorben …

Aber was nützte das Grübeln über die Vergangenheit, wenn sie sich ohnehin nicht ändern ließ.

„Ich meine nur“, fuhr John fort, „deine Mom war richtig begeistert, dass Sadie Price von dir schwanger war.“

Rick sah den Vormann stirnrunzelnd an. „Mom hat es dir erzählt?“

„Ja. Mir und Elena. Wem hätte sie es denn sonst erzählen sollen?“

„Mir!“ Rick spürte, wie er ärgerlich wurde. „Ich stehe hier und wünsche mir, ich wäre für Mom und Sadie da gewesen. Und jetzt erfahre ich einfach so, dass nicht nur meine Mutter von den Zwillingen wusste, sondern auch du und Elena. Findest du es richtig, dass mir niemand Bescheid gesagt hat?“

John ließ sich von Ricks Verärgerung nicht einschüchtern. Ruhig erwiderte er: „Nein, natürlich hättest du es erfahren sollen. Aber deine Mom wollte dich bei deinen Einsätzen nicht ablenken, damit du nicht verwundet wirst oder womöglich sogar fällst. Sie hat jeden Abend für dich gebetet. Damit du heil wieder zurückkommst.“

Betroffen schwieg Rick, und sein Ärger verflog. Nach einer Weile fragte er: „Aber warum hast du mir nicht geschrieben? Ich hätte doch heimkommen können.“

„Für wie lange? Für zwei Wochen? Und danach hättest du ins Krisengebiet zurückgemusst. Was wäre damit erreicht gewesen?“ John schüttelte den Kopf und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Nein, deine Mutter hatte völlig recht. Ich wollte nicht gegen ihren Willen handeln.“

„Na schön.“ Allmählich sah Rick ein, dass er sich geschlagen geben musste. Er hatte das Argument mit seinen Kampfeinsätzen schon zu oft gehört.

Vielleicht war tatsächlich etwas daran. Als er vom Tod seiner Mom erfahren hatte, hatte er sehr darunter gelitten. Möglich, dass ihm die Nachricht von seiner Vaterschaft sogar noch mehr zu schaffen gemacht hätte. „Wie auch immer. Das spielt keine Rolle mehr. Jedenfalls bin ich wieder da und weiß von den Zwillingen.“

„Ja. Die Frage ist nur: Was hast du jetzt vor?“

„Ich wollte, ich wüsste es.“

„Während du überlegst, könnten wir doch zusammen zur Herde hinausreiten. Wie wär’s?“ John schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Das lenkt dich etwas ab. Vielleicht kommst du leichter zu einer Entscheidung, wenn du nicht so angestrengt nachdenkst.“

Rick grinste. „Du suchst nur nach einem Grund, damit ich mich wieder auf ein Pferd setze.“

„Richtig. Mal sehen, ob du es noch kannst. Oder ob du das Reiten schon verlernt hast.“

Rick lachte. „Würde mich doch sehr wundern! Aber Sadie und die Kleinen kommen nachher zum Dinner, da bleibt mir nicht viel Zeit.“

„Na dann nichts wie los! Es sei denn, du fühlst dich eben doch nicht mehr wohl im Sattel.“

„Nicht wohl? Soll das ein Witz sein?“ Rick drängte John regelrecht zu den Ställen. „Wetten, dass ich zuerst auf der Nordweide bin?“

„Was krieg ich, wenn nicht?“, fragte John herausfordernd.

Wieder lachte Rick – und verdammt, es ging ihm gut an diesem Sommertag. Die Sonne schien, und bald würde Sadie mit den Kindern kommen.

Er war zu Hause. Auf dem Land, das unmittelbar seine Seele ansprach. Und zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er, dass hier zu Hause sein Platz war.

„Sloss!“

„Nein, das ist kein Schloss“, erklärte Sadie. Sie stellte die beiden Mädchen auf den Boden, nahm die Tasche mit den Windeln und betrachtete Ricks Ranchhaus.

„Sloss!“, beharrte Gail.

„Also gut.“ Seufzend gab Sadie nach. Klar, das große Haus mit dem steinernen Turm sah tatsächlich aus wie die Schlösser in den Märchenbüchern.

Begeistert klatschte Wendy und lief sofort darauf zu.

„Langsam“, mahnte Sadie – da fiel die Kleine auch schon hin.

Sie landete auf ihren Händen und Knien. Vor Schreck und Schmerz weinte und schrie sie.

„Was ist denn hier passiert!“, rief Rick, der aus dem Haus gelaufen und über den Rasen zu seiner Tochter gerannt war. Er erreichte sie, noch ehe Sadie und Gail sich überhaupt in Bewegung gesetzt hatten. Tröstend zog er Wendy an sich und wischte ihre Tränen ab.

„Alles okay, meine Süße?“, fragte er.

„Hingefallen“, erklärte Wendy und drückte ihren Kopf an seine Schulter.

„Ich weiß, meine Kleine, ich weiß“, beruhigte er sie. Während er ihr über den Kopf strich, fragte er: „Ist alles wieder okay?“

„Okay“, bestätigte Wendy und patschte auf seine Wange. Dann befahl sie: „Runter.“

Er setzte sie ab, und gleich darauf verlangte Gail: „Arm!“

Lachend kam er der Aufforderung nach. „Ihr könnt einen ja ganz schön auf Trab halten.“

Auch Sadie lachte. „Willkommen in meiner Welt.“

Wie konnte ein Mann mit einem Kind auf dem Arm nur so umwerfend sexy aussehen? Die Sehnsucht, mit der sie ständig klarzukommen versuchte, brach sich mit aller Macht Bahn. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, er würde es hören.

„Freut mich, sie mit dir zu teilen.“ Seine Stimme klang angenehm leise und dunkel und trug nicht gerade dazu bei, dass Sadies Aufregung sich legte.

Nachdem sie während der vergangenen Woche so viel Zeit mit ihm verbracht hatte, ging es ihr gar nicht gut. Natürlich würde sie nach wie vor keinen Mann heiraten, der sie nur wegen der gemeinsamen Kinder wollte. Aber inzwischen musste sie sich zwangsläufig eingestehen, dass sie ihn begehrte. Eine gefährliche Situation.

Er war ein Marine, der geübt darin war, die Schwächen seines Gegners zu erkennen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

Sie seufzte. Nach seinem Blick zu urteilen, machte er im Moment genau das mit ihr.

„Und ich freue mich, dass ihr gekommen seid“, sagte er nach langem Schweigen, währenddessen nur das Geplapper der Kinder zu hören war.

Fasziniert sah sie in seine dunklen Augen. Welche Geheimnisse und vergangene Schmerzen sie wohl verbargen?

Welche Frau konnte einer solch intensiven Ausstrahlung widerstehen? Sicher würde jede wie magisch angezogen werden, die Persönlichkeit dieses Mannes entdecken wollen – und das tun wollen, was sie selbst vor drei Jahren getan hatte …

Sie erinnerte sich so deutlich, als wäre es nur einen Tag her. Damals in Claire’s Restaurant hatte sie so getan, als würde ihr das Alleinsein nichts ausmachen.

Dann war Rick lässig hereingeschlendert und hatte sie gefragt, ob er ihr Gesellschaft leisten dürfe.

Sie hatte sich so einsam gefühlt, so verloren, dass sie Ja gesagt hatte. Ein Mal in ihrem Leben hatte sie auf all ihre Abwehrmechanismen verzichtet und sich so gegeben, wie sie wirklich war. In dieser Nacht hatte sie sich nicht zurückgehalten und wahre Leidenschaft erlebt, ein wildes Feuer der Gefühle.

Sie hatten zusammen gegessen, waren am See spazieren gegangen und schließlich zu einem Hotel in Midland gefahren, wo sie sich viele Stunden geliebt hatten.

Dabei hatte Rick ihr bewiesen, dass sie keineswegs eine frigide Eisprinzessin war, wie ihr Exmann behauptet hatte.

Heiß überfluteten sie die Erinnerungen an diese unglaubliche Nacht, und immer mehr prickelnde Einzelheiten fielen ihr ein.

Während sie vor Erregung kaum noch Luft bekam, zwang sie sich, Rick in die Augen zu sehen. Ein zweites Mal würde sie seinem Charme nicht erliegen. Sie würde sich als stärker erweisen als das stärkste Begehren!

„Die Kinder haben sich sehr darauf gefreut“, sagte sie und strich Wendy über das braun gelockte Haar.

Zum Glück hatte sie die Zwillinge dabei. Ihre Anwesenheit garantierte, dass kein atemberaubender, heißer, wunderbarer Sex stattfinden würde.

Schade, dachte sie. Sehr, sehr schade.

„Und du dich nicht?“, fragte er.

„Um mich geht es nicht“, sagte sie so gefasst, wie sie es unter diesen Umständen fertigbrachte. Natürlich hatte sie sich darauf gefreut, ihn zu sehen. In letzter Zeit konnte sie an überhaupt nichts anderes mehr denken. Tagsüber konnte sie sich auf nichts konzentrieren, und nachts verfolgte er sie bis in ihre Träume, sofern sie überhaupt schlafen konnte.

„Doch, Babe, nur um dich.“

„Ich hab dir doch gesagt, du sollst mich nicht …“

„… Baby nennen.“ Er grinste. „Darum habe ich ja Babe gesagt.“

„Das ist dasselbe.“ Wider Willen lächelte sie.

Noch nie hatte ein Mann ungezwungen mit ihr geflirtet. Normalerweise erstarrten alle in Ehrfurcht vor dem Namen Price. Niemand sah einfach nur Sadie in ihr.

„Wie wär’s dann mit Darling?“, fragte er und sprach das Wort dabei typisch texanisch aus: langsam und gedehnt – und unglaublich erotisch.

„Bleiben wir lieber bei Sadie.“

Er zuckte die Schultern und lächelte. „Geht zur Not. Zumindest im Moment.“

In der Hoffnung, sich dadurch zu beruhigen, atmete sie tief durch. Dabei stieg ihr ausgerechnet der ansprechende frische Duft seines Duschgels in die Nase und machte sie noch kribbeliger.

„Komm, gehen wir ins Haus“, sagte Rick lächelnd. „Ich zeige dir das Kinderzimmer.“

Mit Gail auf dem Arm und Wendy an der Hand ging er voran.

Ein paar Sekunden vergingen, bis Sadie begriff, was sie da eben gehört hatte.

„Das Kinderzimmer?

„Die beiden fühlen sich hier pudelwohl, oder?“, fragte Rick eine Viertelstunde später, während er die Mädchen lächelnd betrachtete.

„Kein Wunder“, antwortete Sadie und sah sich in der rosa-weißen Pracht um.

Zwei Kinderbetten mit stabilen Gittern waren mit spitzenumsäumten pastellfarbenen Quiltdecken zugedeckt. Darauf standen in geschwungenen Buchstaben die Namen „Wendy“ und „Gail“.

Zu jedem Bettchen gehörten eine weiße Kommode und ein Kinderschaukelstuhl mit vielen Stofftieren darauf. Die großen Fenster waren mit rosafarbenen Vorhängen dekoriert. Auf dem glänzenden Holzfußboden standen zwei große Spielzeugkisten, zwei Schaukelpferdchen und zwei zauberhaft eingerichtete Puppenhäuser. Dazu war eine Wand mit Frühlingsblumen bemalt, und in der Raummitte lag ein großer rosafarbener Kuschelteppich.

Als wollte auch der Himmel zeigen, wie sehr er sich freute, schien die Sonne mit ihrem goldenen Glanz ins Zimmer.

Obwohl Rick erst seit zwei Wochen überhaupt wusste, dass er Vater war, hatte er dieses wundervolle Kinderparadies eingerichtet. Sie wusste, sie hätte sich darüber freuen sollen, aber etwas machte ihr Sorgen: Das Zimmer war etwas Dauerhaftes und demonstrierte seinen Willen, ein fester Teil der kleinen Familie zu werden – und zu bleiben.

„Gefällt es dir?“ Seine Frage riss sie aus ihren Gedanken.

Sie sah ihn an. „Was sollte mir hier nicht gefallen?“ Sie ging durch den Raum und beobachtete dabei die Kleinen, die voller Freude ständig Neues entdeckten. „Wie hast du das nur so schnell hinbekommen?“

„Ein bisschen Geld in den richtigen Händen wirkt manchmal Wunder.“ Er lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Unter seinem aufmerksamen Blick wurde ihr heiß. „Aber warum hast du das gemacht? Bald fährst du wieder weg, und bei deiner Rückkehr sind die Mädchen für dieses Zimmer schon zu groß.“

Er runzelte die Stirn, und sein Blick verdunkelte sich. „Ich weiß noch nicht, was ich mache, aber die Mädchen gehören zu meinem Leben. Darum will ich, dass sie hier ein Zimmer haben. Sie sollen die Ranch als ihr Zuhause verstehen.“

„Ihr Zuhause ist bei mir“, sagte Sadie ruhig und sah zu, wie die Zwillinge mit den Stofftieren spielten.

„Es könnte bei uns beiden sein.“

„Fang nicht wieder damit an, Rick. Das Thema hatten wir schon – ein paar Mal zu oft sogar.“

„Aber wirklich geklärt haben wir es nie.“

„Dazu gibt es auch nichts weiter zu sagen.“

Als die Mädchen in einen Nebenraum verschwanden, kam Sadie die Unterbrechung sehr zupass. „Halt, wo wollt ihr hin?“, rief sie und wollte ihnen folgen.

„Keine Angst“, beruhigte Rick sie und hielt sie an der Hand fest.

Die bloße Berührung ließ sie zusammenzucken. Gleichzeitig spürte sie, dass er ebenso heftig darauf reagierte wie sie selbst. Egal, was sonst noch zwischen ihnen sein mochte – an der Anziehungskraft hatte sich nichts geändert. Sie brannte heiß wie Feuer.

Rick drückte ihre Hand und ließ sie widerstrebend wieder los. „Ihnen kann nichts passieren. Ich hatte Sicherheitsfachleute da, die das ganze Haus kindersicher ausgerüstet haben.“

Um ihn nicht nochmals zu berühren, ballte Sadie vorsichtshalber die Hand zur Faust.

Sie nickte. Das kindersichere Haus beruhigte sie.

Die Gitter an den Fenstern und die Steckdoseneinsätze waren ihr schon aufgefallen. Und auch wenn sie unterschwellig Angst hatte, dass Rick sich zwischen sie und die Zwillinge drängen wollte, rührte es sie doch, dass er sich solche Mühe gegeben hatte. Trotzdem … „Was ist in dem Zimmer?“

Er steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans und zuckte die Schultern. „Das ist kein Zimmer. Das ist ihr begehbarer Kleiderschrank.“

„Ihr … was?“ Sprachlos vor Erstaunen ging sie den Zwillingen nach und sah die Regalreihen voller Kleidchen, Jeans und T-Shirts. Alles war in Kinderhöhe angeordnet, sodass die Mädchen sich ohne Probleme ihre Kleidungsstücke selbst herausnehmen konnten.

Auf dem Boden standen Klarsichtboxen mit Schuhen, auf die sich die Kleinen voller Begeisterung stürzten. Wendy zog ein Paar winziger Cowboystiefel heraus, und Gail versuchte, ihre Turnschuhe abzustreifen, um Ballerinas anzuprobieren.

„Einen Moment, Süße“, sagte Sadie, kniete sich hin und wollte ihr die Ballerinas wegnehmen.

„Will aber“, beharrte Gail und schob schmollend die Unterlippe vor.

Jeden Moment würde sie einen Trotzanfall bekommen. Sadie machte sich bereits darauf gefasst. Wie würde Rick reagieren, wenn sich die Kinder einmal nicht von ihrer liebenswürdigsten Seite zeigten?

Doch Rick entschärfte die Situation, indem er sagte: „Was meint ihr, Mädels, ihr könnt hier spielen – oder wir gehen in den Stall, und ich zeige euch eure Ponys.“

„Pony!“, riefen die beiden wie aus einem Mund. Gleichzeitig sprangen sie auf und wollten von Rick getragen werden.

Sadie allerdings echote skeptisch: „Ponys?“

„Ja“, bestätigte Rick und nahm die Mädchen hoch. „Sei unbesorgt. Eine ganz kleine Sorte.“

„Die beiden brauchen keine Ponys“, stellte Sadie sachlich fest.

Rick grinste. „Wäre doch schade, wenn man immer nur das bekommt, was man unbedingt braucht.“

„Pony, Mom!“ Wendy klatschte in die Hände, und Gail legte den Kopf an Daddys Schulter.

Sadie sah die drei an und wusste, dass sie verloren hatte. Bei Rick wurden Kinderträume wahr. Angefangen vom Haus mit Turm, das wie ein Schloss aussah, über Prinzessinnenschuhe bis zu den Ponys. Was würde als Nächstes kommen? So ging das eindeutig nicht weiter! „Rick, das geht nicht. Du verwöhnst sie zu sehr.“

Überrascht sah er sie an. „Es ist kein Verwöhnen, wenn man seine Kinder liebt. Außerdem fehlen mir die ersten zwei Jahre. Sadie, bitte lass mich nachholen, was ich bisher versäumt habe. Glaub mir, es ist gut für mich und für die Mädchen.“

Wieder sah sie die drei an, und plötzlich wurde ihr warm ums Herz. Wie sollte sie da fest bleiben? Bei so viel Vaterliebe schmolz sie regelrecht dahin.

Sie schüttelte den Kopf. „Aber eines sage ich dir: Reiten dürfen sie nicht! Jedenfalls nicht vor ihrem dritten Geburtstag.“

„Sie allein reiten zu lassen kommt nicht infrage. Aber wir könnten sie im Sattel festhalten.“

„Du bist unmöglich!“

„Unwiderstehlich meinst du“, verbesserte er sie und zwinkerte ihr zu.

„Reiz mich nicht!“, warnte sie.

„Mich reizt du jedenfalls sehr“, sagte er sanft.

Johns Frau Elena hatte für das Dinner gesorgt. Es gab frische Bohnen, Reis und Enchiladas mit einer Füllung aus Fleisch und Gemüse.

Die Mädchen aßen oben in ihrem Zimmer. Elena hatte es sich nicht nehmen lassen, auf sie aufzupassen, damit Rick und Sadie sich ungestört unterhalten konnten.

Dafür war Rick ihr unendlich dankbar. Wie lange hatte er sich schon gewünscht, Sadie einmal für sich allein zu haben! Ja, weiß Gott, er liebte die Mädchen. Aber im Grunde ging es ihm um ihre Mom.

Nach dem Dinner, als der Abwasch erledigt war, konnte er endlich mit Sadie zusammen im Mondschein auf der Veranda hinter dem Haus sitzen.

Seit zwei Wochen verbrachte er jeden Tag mit ihr und den Kindern. Und sosehr er es genoss, die Kleinen immer besser kennenzulernen, wünschte er doch nichts sehnlicher, als mit Sadie wieder vertrauter zu werden. Er war regelrecht verrückt nach ihr.

Kerzen brannten in romantischen Windlichtern, und aus dem Haus drang leise Musik. Rick saß Sadie gegenüber und konnte sich beim allerbesten Willen nichts Schöneres vorstellen als diesen Moment allein mit ihr.

„Es war wunderbar“, sagte Sadie und trank einen Schluck Wein.

„Ich glaube, Elena ist die beste Köchin in ganz Texas.“

Der Mond stand hoch am Himmel, und ein sanfter Wind rauschte in den Blättern der alten Eichen. Rick betrachtete Sadies Gesicht im Kerzenschein.

„Ich habe viel an dich gedacht in den letzten Jahren“, sagte er ruhig.

Sie sah ihn unter gesenkten Lidern an. „Ich auch an dich.“

Er lachte. „Kann ich mir vorstellen. Du hast ja zwei Kinder von mir.“

„Es war nicht nur deshalb“, gestand sie ein.

Sein Herz schlug schneller. Dass Sadie das zugab, war immerhin ein erster Schritt. „Freut mich, das zu hören“, sagte er wahrheitsgemäß.

Nie würde er vergessen, wie gut sie zusammengepasst hatten in jener Nacht. Er musste sie unbedingt davon überzeugen, dass sie das wieder haben konnten.

Sie lächelte in sich hinein und blickte nach oben in den nächtlichen Himmel. „Aber es ändert nichts, Rick. Dass ich dich will, meine ich.“

„Aus meiner Sicht schon.“

„Entschuldigung, dass ich störe“, sagte Elena, die aus dem Haus trat. „Ich wollte nur sagen, dass die beiden jetzt schlafen.“

Sadie richtete sich kerzengerade auf. „Sie schlafen? Dann bringe ich sie wohl besser heim.“

„Ach, lass sie doch hier schlafen“, sagte Rick ruhig.

Elena sagte: „Miss Price, die beiden konnten sich nach all der Aufregung kaum noch auf den Beinen halten. Darum habe ich sie gebadet, ihnen Schlafanzüge angezogen und sie ins Bett gesteckt. Sie sind sofort eingeschlafen. Das Babyfon ist an. Einen der Empfänger habe ich hier.“ Mit diesen Worten stellte sie das kleine weiße Gerät auf den Tisch.

Rick konnte Sadie ansehen, dass sie überlegte, ob sie nicht doch mit den Kindern das Weite suchen sollte. Das würde er auf gar keinen Fall zulassen!

Alles lief sogar noch besser, als er gehofft hatte. Dass die Kleinen einschliefen, war nicht geplant gewesen. Aber nun, da dieser Glücksfall eingetreten war, würde er jede Minute der kostbaren Zeit mit Sadie ausnutzen.

„Dann noch einen schönen Abend“, sagte Elena. „Ich geh dann mal schlafen.“ Über die Veranda ging sie in Richtung des Vormannshauses, das neben den Ställen lag, und verschwand im Schatten der Bäume.

„Es war nicht geplant, dass die Mädchen über Nacht bei dir bleiben“, sagte Sadie und drehte die Lautstärke des Babyfons höher.

„Ihr könnt doch alle hierbleiben.“ Rick stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr.

„Oh, das ist keine gute Idee“, wehrte sie ab. Trotzdem ließ sie sich von ihrem Platz hochziehen.

„Doch, finde ich schon. Meine beste seit drei Jahren.“ Er strich ihr über das lange blonde Haar. Dann umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen.

Sie erbebte und seufzte. „Rick …“

„Denk nicht so viel, Sadie“, flüsterte er und gab ihr einen Kuss. „Mach dir heute Abend einfach mal keine Gedanken.“

„Etwa so wie damals?“, fragte sie – und legte gleichzeitig einen Arm um ihn.

Er spürte ihre Körperwärme und erkannte ihre tiefe Sehnsucht.

„Ja, genau so“, antwortete er. „Ich erinnere mich noch an jede Einzelheit. Wie du dich angefühlt hast, an deinen Geschmack …“ Wieder küsste er sie. Diesmal wurde es ein längerer, innigerer Kuss. Rick spürte, wie plötzliche Wärme seinen gesamten Körper durchströmte.

Welche Qual waren doch die letzten zwei Wochen gewesen! Sadie so nahe und doch unerreichbar zu wissen! „Weißt du, dass ich noch Monate später nur die Augen schließen musste, um deinen Duft zu riechen?“

„Oh, mein …“

Er beugte sich zu ihr und küsste ihren Hals und Nacken.

Einen Moment schien Sadie zu schwanken, dann schmiegte sie sich an ihn.

Rick atmete tief ein und flüsterte: „Da ist er wieder, dein Duft, den ich so liebe. Du riechst nach Sommer. Und nach Paradies.“

„Rick, das ist unfair.“

„Weiß ich.“ Er lächelte und hauchte noch mehr Küsse auf ihren Hals. „Aber fair sein will ich nicht. Ich will dich.“

Sie erbebte. „Wirklich unfair“, flüsterte sie und schlang die Arme um seine Schultern, um ihn an sich zu ziehen. „Aber du weißt schon, dass das keine Lösung ist.“

„Macht doch nichts.“

„Vielleicht wird dadurch vieles sogar härter“, gab sie zu bedenken.

„Ja“, gestand er lächelnd und sah an sich hinab. „Den Eindruck habe ich auch.“

Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Wie soll ich je gegen dich ankommen?“

„Brauchst du nicht. Das hier ist kein Kampf. Überhaupt will ich nicht mehr kämpfen. Und du auch nicht, Sadie.“ Er küsste sie, als sollte dieser Moment nie vergehen. Während ihres leidenschaftlichen Zungenspiels vergaß er alles andere. Kein Zweifel, sie fühlte wie er, begehrte ihn ebenso heftig wie er sie.

Widerstrebend beendete er den Kuss und sah ihr in die Augen, die tiefe Leidenschaft verrieten. Da wusste er, dass ihr Begehren über ihre Zurückhaltung siegen würde. So wie vor drei Jahren.

Er ließ die Hände unter ihre Bluse gleiten, und ihre Haut fühlte sich noch glatter und weicher an als der feine Seidenstoff.

Sie endlich, endlich wieder zu berühren ging noch tiefer, als er erwartet hatte. Er begehrte sie so sehr, dass es fast schmerzte und ihm das Atmen schwerfiel.

Sadie sah ihn an, und als er ihre Brüste umfasste, erkannte er in ihren blauen Augen die Antwort auf seine eigenen Gefühle. Durch das Spitzengewebe des BHs hindurch spürte er, wie sich ihre Brustspitzen unter seinen Liebkosungen aufrichteten.

Sie empfand wie er, ganz eindeutig.

„Stimmt. Ich will nicht mehr gegen dich ankämpfen. Und nicht mehr gegen die Anziehung zwischen uns.“ Sie bog sich ihm entgegen, wollte mehr. „Streichle mich. Überall. So wie damals.“

Rick hätte nicht geglaubt, dass sich seine Erregung noch steigern ließ. Und doch war es so. Sie bat ihn, forderte ihn auf! Dieses Eingeständnis ihrer Sehnsucht brachte ihn fast um den Verstand.

Er war verloren. Und gleichzeitig am Ziel seiner Wünsche.

7. KAPITEL

Während der Sommerwind sanft über ihre Haut strich, gab Sadie den Kampf auf und überließ sich Ricks starken Armen.

Sie genoss das Wunder, diesem Mann endlich wieder nahe zu sein.

Ihr Leben lang hatte sie sich bemüht, keinen Fehler zu machen. Nie hatte sie etwas Falsches getan oder gesagt, immer war sie die vollkommene Tochter gewesen. Zwar hatte sie sich scheiden lassen, aber so etwas konnte passieren und wurde inzwischen gesellschaftlich akzeptiert.

Nie hatte sie aufbegehrt – außer in dieser einen Nacht mit Rick, in der sie sich lebendiger gefühlt hatte als jemals zuvor.

Und genau das wollte sie wieder.

Seine Küsse hüllten sie ein und ließen alles andere in weite Ferne rücken.

Sie rang nach Atem – und zugleich kümmerte es sie nicht, ob sie Luft bekam oder nicht. Erregt streichelte sie seinen Rücken. Was konnte es Schöneres geben, als seinen warmen muskulösen Körper so nahe zu spüren?

Als er sie fester an sich zog, erkannte sie unzweifelhaft seine Begierde.

Sie hatte gewusst, dass nach wie vor eine mächtige Anziehungskraft zwischen ihnen bestand, aber die Heftigkeit ihres gegenseitigen Verlangens erschütterte sie zutiefst.

Noch nie hatte sie so für einen Mann empfunden. Wie sollte sie mit diesen überwältigenden Gefühlen nur umgehen?

Rick knöpfte ihr die Bluse auf und streifte sie ab. Das Kleidungsstück fiel zu ihren Füßen auf den Steinboden.

Sie schlang die Arme um ihn und kostete jede einzelne seiner Berührungen auf ihrer nackten Haut aus.

Als Nächstes fiel ihr BH zu Boden.

Rick schob sie ein wenig von sich weg und betrachtete sie bewundernd. Dabei spürte sie, wie die abendliche laue Brise ihr kühlend über die glühende Haut strich.

Als er sich nach vorne beugte, um hingebungsvoll ihre Brüste zu küssen, hielt Sadie gebannt den Atem an. Sie genoss, wie er zärtlich erst die eine, dann die andere Brustwarze in den Mund nahm, und jeder Rest Vernunft schwand, bis sie nur noch auf das achtete, was sie fühlte. Sie griff ihm ins kurz geschnittene Haar und drückte seinen Kopf begierig an sich. Ihr Sehnen verdichtete sich zu einem Prickeln, das ihren ganzen Körper erfasste.

Ihre Knie wurden weich, und sie taumelte einen Moment. „Rick, ich glaube, ich falle gleich hin, wenn du so weitermachst.“

„Und ich glaube, im Liegen können wir sowieso viel besser weitermachen.“

„Was?“, fragte sie ungläubig. „Hier draußen?“

„Wir sind allein, Honey“, versicherte er und küsste sie wieder. „Hier ist weit und breit keine Menschenseele.“

„Aber Elena und John …“

„Gehen um diese Zeit nie aus dem Haus. Sadie, Schluss jetzt mit dem Wenn und Aber!“ Er legte ihr den Finger auf den Mund. „Entspann dich einfach, und vertrau mir. Was meinst du, kannst du das?“

Sie sah ihn an und begriff in diesem Moment, dass sie sich längst entschieden hatte. Ja, sie wollte diese zweite Nacht mit ihm.

Durch ihn hatte sie erfahren, was Leidenschaft bedeutete. Wie sollte es da noch ein Zurück geben?

„Ja, ich denke schon“, antwortete sie.

„Genau das wollte ich hören.“ Rick lächelte zufrieden und zog sein Hemd aus.

Fasziniert betrachtete sie seinen gut gebauten Oberkörper. Sie konnte nicht anders, sie musste über die sonnengebräunte Haut streichen – und als sie einmal damit angefangen hatte, konnte sie nicht wieder damit aufhören.

Unter ihren Berührungen sog Rick scharf die Luft ein.

Sadie lächelte. Offenbar wirkte nicht nur er auf sie unwiderstehlich.

Mit neuem Selbstbewusstsein, wie es nur eine Frau haben konnte, in deren Armen ein Mann wie er schwach wurde, streichelte sie ihn weiter.

Er schloss halb die Augen und stöhnte. „Sadie, du machst mich verrückt.“

„Das ist das Netteste, was du mir je gesagt hast.“ Sie öffnete leicht die Lippen und küsste ihn.

Er lachte – ein tiefes warmes Lachen, das Sadie tief im Innersten bewegte.

„Das ist verrückt“, flüsterte sie. Das stimmte zwar, brachte sie aber nicht zum Aufhören. „Du bist verrückt“, fügte sie hinzu, und es klang mehr bewundernd als anklagend.

„Eine der Eigenschaften, die du an mir magst.“ Er führte sie zu der Doppelliege mit vielen Kissen, die noch warm von der Sommersonne waren.

Sadie konnte es kaum glauben, dass sie sich im Mondschein nackt auszog und darauflegte.

Der schwere Baumwollstoff fühlte sich rau an, aber Sadie achtete nicht darauf. Fasziniert sah sie zu, wie Rick sich auszog. Das Ausmaß seiner Erregung ließ sie überrascht die Luft anhalten.

Im nächsten Moment war er bei ihr, über ihr, und sie fühlte das süße Gewicht seines muskulösen warmen Körpers.

Sie seufzte, als er sich auf den Rücken drehte und sie auf sich zog. In seinen dunklen Augen stand Begierde. Er umfing ihre Brüste mit den Händen, und sie bog sich ihm verlangend entgegen.

Mit Daumen und Zeigefingern reizte er ihre Brustwarzen, bis sie es vor Erregung kaum noch aushielt.

Sie wollte berührt werden und ihn berühren. Entschlossen legte sie eine Hand um ihn und lächelte, als Rick scharf die Luft einsog.

Während sie die Hand gefühlvoll auf und ab bewegte und zärtlich mit dem Daumen über die samtige Spitze strich, stöhnte er lustvoll. „Du bringst mich um, Sadie.“

„Oh sorry, das wollte ich nicht. Ganz und gar nicht.“ Sie lachte befreit auf. Alle Zwänge fielen von ihr ab, und sie fühlte sich sexy und verführerisch – und mehr als bereit für ihn.

Sie richtete sich auf, und langsam, unendlich langsam nahm sie ihn in sich auf. Dabei genoss sie jede einzelne Sekunde, in der er tiefer in sie glitt und sie sich ihm anpasste.

Während sich ihre Vereinigung im Zeitlupentempo vollzog, schloss sie die Augen und stöhnte vor Vergnügen leise auf.

Welch herrlich süße Qual!

„Es reicht“, stieß Rick schließlich hervor und rollte sich wieder mit ihr herum. Jetzt lag er oben.

Sie lächelte. „Warum so ungeduldig?“

„Das fragst du noch? Auf diesen Moment haben wir drei Jahre lang gewartet. Jetzt wird es langsam Zeit.“

„Von Romantik hast du wohl noch nie etwas gehört, Rick Pruitt?“

„Ich bitte dich, Darling, du liegst hier nackt im Mondschein – romantischer geht’s doch gar nicht.“

„Du Süßholzraspler!“ Sie lachte und schlang die Arme um seine Schultern.

Als er tiefer in sie eindrang, stöhnte sie erneut auf und bog den Kopf zurück. Dabei blickte sie in den klaren texanischen Nachthimmel und fühlte sich zum ersten Mal seit drei Jahren richtig gut.

Rick fing an, sich in ihr zu bewegen, begierig passte sie sich dem Rhythmus an. Während seine Stöße immer fordernder wurden, wendete er den Blick nicht von ihr, als wollte er mit seinen unergründlichen dunklen Augen bis auf den Grund ihrer Seele sehen.

Ihr Atem ging schneller und heftiger, während sie sich unaufhaltsam dem Gipfel der Lust näherten.

Als Rick spürte, dass sie es nicht mehr lange aushielt, küsste er sie verlangend.

Sie schmeckte ihn, während die Wucht des Höhepunkts sie erfasste und sie erbeben ließ, und hielt ihn zitternd fest umschlungen. Noch während die letzten Wellen ihrer Ekstase verebbten, hörte sie Rick aufstöhnen und spürte, wie er ihr mit einem letzten tiefen Stoß auf den Gipfel folgte.

Zwei wundervoll sinnliche Stunden später lagen Rick und Sadie in seinem Bett im Schlafzimmer, das vom gleichen Flur abging wie das Kinderzimmer.

Auf der Kommode stand das Babyfon, die Kleider hatten sie achtlos auf den Boden geworfen.

Allmählich näherte sich Sadies Pulsfrequenz wieder dem Normalbereich.

An Rick geschmiegt lag sie da und atmete tief durch. So gut hatte sie sich seit Jahren nicht gefühlt. Nur würde sie einen hohen Preis dafür zahlen, das wusste sie.

Denn zweifelsohne würde er jetzt wieder das Thema Ehe ansprechen. Und es würde ihm gar nicht gefallen, ihr Nein zu hören, bei dem sie auf jeden Fall bleiben würde.

Auf den Ellbogen gestützt, sah er sie an und sagte sanft: „Es ist gut, dich hier in meinem Bett zu haben. Und zu wissen, dass am anderen Ende des Gangs die Mädchen schlafen.“

Sie seufzte. „Rick, was wir getan haben, ändert nichts.“

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und mit geschlossenen Augen genoss sie die sanfte Berührung.

„Doch“, widersprach er. „Ich finde, das ändert alles, Darling.“

„Nein.“ Sie schlug die Augen auf und zwang sich, klar zu denken. „Du willst doch gar nicht mich, Rick.“

Er stutzte. „Habe ich dir in den letzten Stunden nicht das Gegenteil bewiesen?“

Sie lächelte, denn sie spürte deutlich die Nachwirkungen ihres Liebesspiels. Noch immer schien ihr Körper vor süßer Erfüllung zu vibrieren. „Das meine ich nicht. Was du willst, ist eine Familie. Das verstehe ich ja. Aber um mich geht es dir nicht, so viel steht fest.“

Nach einem tiefen Atemzug sagte er ruhig: „Als du mir zum ersten Mal aufgefallen bist, warst du sieben.“

„Was?“

„Ich war mit meinen Eltern in Claire’s Restaurant und habe dich mit Brad und deinen Eltern am Nebentisch gesehen.“

Sie runzelte die Stirn und setzte sich im Bett auf. „Ich wüsste nicht, was das mit uns heute zu tun hat.“

„Ich weiß es noch so gut“, fuhr er unbeirrt fort, „weil ich damals zehn war und mir eigentlich nichts aus Mädchen machte. Aber bei dir war das anders. Deine langen blonden Haare waren mit einem rosa Band zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, und du hattest ein weißes Kleid mit Rüschen an. Deine Hände hattest du brav im Schoß zusammengelegt. Du hast ausgesehen wie eine Puppe.“

Wie eine Puppe, dachte sie. Komisch, dass er das sagte, denn genauso hatte sie sich immer gefühlt. Zwar hatten ihre Eltern sie geliebt, doch sie hatten sie nie wirklich Kind sein lassen.

Immer hatte sie Kleider anziehen und aufrecht sitzen müssen, um das Bild der perfekten Tochter abzugeben, die allen Erwartungen entsprach.

Schon darum besaßen ihre Töchter mehr Hosen als Kleider, zumindest bis zu Ricks Großeinkauf.

„Dann kam die Bedienung und hat dir aus Versehen Cola übers Kleid gekippt“, erzählte er weiter. „Ich werde nie vergessen, wie du darauf reagiert hast.“

„Oh Gott“, flüsterte sie. „Jetzt fällt es mir auch ein.“

Jahrelang hatte sie nicht mehr daran gedacht. Aber jetzt, da er davon sprach, erinnerte sie sich plötzlich wieder.

Rick setzte sich auf. Er schob ihr ein Kissen hinter den Rücken und nahm ihre Hand. „Du hast nicht getobt oder geschrien. Du hast einfach nur dagesessen, mit dem braunen Fleck auf dem Kleid, und hast geweint.“ Mit dem Daumen strich er ihr über den Handrücken. „Dicke Tränen liefen über dein Gesicht, während deine Mom versucht hat, das Kleid sauber zu machen. Die Bedienung hat sich ständig entschuldigt, nur von dir war kein Laut zu hören. Dein Dad hat dich nicht einmal angesehen, sondern ist mit Brad zusammen rausgegangen.“

„Solche Vorfälle hat er nie gemocht“, sagte Sadie leise.

Sonntags hatten sie öfter bei Claire’s gegessen, weil ihr Vater es gut fand, ortsansässige Unternehmen zu unterstützen. Seiner Meinung nach sollte die Familie Price anderen mit gutem Beispiel vorangehen. Und stets nur den besten Eindruck machen.

Als sie an diesem Abend nach Hause gekommen waren, hatte er sie gelobt, im Restaurant keinen Wutanfall bekommen zu haben. Es sei allein die Schuld der Kellnerin gewesen, und in der ganzen Stadt würde man sich erzählen, welch eine vollkommene Lady Sadie sei.

Eine Lady.

Mit sieben.

Wie eingeengt sie aufgewachsen war!

„Auch mit sechzehn warst du wunderschön“, fuhr Rick fort und küsste sie auf die Stirn.

Froh über den Themenwechsel, lachte sie. „Komm schon! Damals hast du mich nicht einmal bemerkt.“

„Das glaubst du?“ Er legte den Arm um sie und zog sie näher zu sich. „Ich weiß noch, wie ich einmal mit ein paar anderen Basketball im Park gespielt habe. Dann bist du mit Abby vorbeigegangen. Es waren auch noch andere Mädchen dabei, aber ich erinnere mich an keine von ihnen, weil ich nur Augen für dich hatte. Wieder hattest du einen Pferdeschwanz. Du hattest weiße Shorts an und ein rotes Top und hast über irgendetwas gelacht. Da habe ich mir gedacht, dass es auf der Welt bestimmt nichts Schöneres gibt als dich.“

„Das erfindest du jetzt!“

„Nein. Ich hab deinen Namen gerufen und dir den Ball zugeworfen. Du warst überrascht, hast ihn aber gefangen. Dann hast du überlegt, mich ratlos angesehen und ihn einfach ins Gras gelegt.“

Es freute sie, dass er sie damals doch bemerkt hatte. Was wohl passiert wäre, wenn sie statt wortlos weiterzugehen mit ihm geredet hätte?

„Ja“, sagte sie lachend, „jetzt erinnere ich mich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte dir den Ball zuwerfen, hatte aber Angst, etwas falsch zu machen. Auslachen lassen wollte ich mich nicht, also habe ich gar nichts gemacht. Typisch Price eben. Immer besorgt darum, was die Leute denken.“

„Darauf wollte ich nicht hinaus.“

„Worauf denn dann?“, wunderte sie sich. Natürlich fand sie es nett, dass sie ihm aufgefallen war, aber Gespräche über die Vergangenheit änderten nichts an der Zukunft.

„Du warst immer die schöne, unnahbare Sadie.“

„Stimmt“, bestätigte sie und schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerungen abzuschütteln. „Meine Eltern haben mich von allem abgeschottet, bis ich alt genug war, den ‚Richtigen‘ zu heiraten. Natürlich war es der Falsche.“

Rick überlegte. „Vielleicht solltest du jetzt einen ‚Falschen‘ heiraten, damit er sich als der Richtige herausstellt.“

Seufzend sah sie ihn an. „Du gibst wohl nie auf, was?“

„Ich bin ein Marine, Darling. Für uns gibt es kein Aufgeben.“

„Warum bist du nur so stur?“

„Wenn ich etwas will, bekomme ich es auch.“

„Aber warum mich?“

„Hast du noch nie in den Spiegel geschaut? Du bist wunderschön. Umwerfend sexy. Und klug außerdem. Ja – und die Mutter meiner Kinder.“

„Womit wir wieder beim Thema wären.“ Sie befreite sich aus seiner Umarmung, stand auf und trat ans Fenster, das nach vorne hinausging. Dann wandte sie sich brüsk zu ihm um. „Darum bist du nämlich in Wahrheit hinter mir her.“

„Was ist denn falsch daran?“

„Ich will nicht einfach nur ein Punkt auf deiner Aufgabenliste sein, den du abhaken kannst. Dein Pflichtgefühl in allen Ehren, aber ich möchte um meiner selbst willen … gewollt werden.“

Er stand ebenfalls auf und kam zu ihr. „Aber ich habe dir doch bewiesen, dass ich dich will.“

„Rick, unser Gespräch dreht sich im Kreis“, sagte sie und drückte mit beiden Händen gegen seine nackte Brust. „Wir sind uns nicht einig und werden es auch nicht. Warum lassen wir das Thema nicht einfach?“

Er seufzte und zog sie an sich. „Also gut. Du hast recht. Verschwenden wir nicht unsere kostbare gemeinsame Zeit mit nutzlosem Diskutieren.“

Sie schloss die Augen und legte den Kopf an seine Brust.

Sie kannte Rick gut genug, um zu wissen, dass das Thema für ihn damit keineswegs erledigt war. Er war nicht der Mann, der sich von dem abbringen ließ, was er für seine Pflicht hielt.

Aber zumindest im Moment herrschte Waffenstillstand.

Einige Tage später aß Sadie mit Abby im Diningroom des TCC zu Mittag. Die Zwillinge waren bei Hannah.

Rick hatte sie seit der wunderbaren Nacht auf seiner Ranch nicht mehr gesehen. Sie fühlte sich zwischen Erleichterung und Wut hin- und hergerissen. Einerseits sollte sie froh sein, dass er sie in Ruhe ließ. Andrerseits fand sie, dass er für einen Mann, der von sich behauptete, nicht aufzugeben, sehr schnell die Flinte ins Korn warf.

„Du siehst so ernst aus“, sagte Abby und trank einen Schluck von ihrem Eistee. „Oder ärgerst du dich?“

„Beides“, gab Sadie zu und sah sich unauffällig um.

Wie immer zur Mittagszeit war es ziemlich voll. An den elegant gedeckten Tischen saßen die Klubmitglieder und ihre Frauen. Gut geschultes Personal sorgte für die reibungslose Bedienung der Gäste. Immer wieder schwoll das Stimmengewirr an und ebbte wieder ab.

Vorsichtshalber senkte Sadie die Stimme, als sie weitersprach. „Es ist natürlich wegen Rick.“

„Natürlich. Wie läuft es eigentlich so mit ihm? Wir haben uns ja seit dem Unabhängigkeitstag nicht mehr unterhalten.“

Sadie spürte, wie sie rot wurde. Dank der gedämpften Beleuchtung bekam es zum Glück nicht jeder gleich mit. Abby allerdings schon.

„Ist ja interessant“, bemerkte sie und warf ihr langes kastanienbraunes Haar nach hinter. Aufmerksam richtete sie ihre blauen Augen auf Sadie und befahl: „Los, jetzt erzähl schon!“

Und Sadie erzählte. Nur die Einzelheiten der sinnlichen Nacht ließ sie aus und kam gleich zum Kern der Sache.

„Oh ja, es besteht schon eine heftige Anziehungskraft, kein Zweifel. Aber Abby, er will mich unbedingt heiraten, obwohl ich ihm bei jeder Gelegenheit eine Abfuhr erteile.“

„Und was war noch mal der Grund, warum du ihn nicht heiraten willst?“

Sadie sah die Freundin verblüfft an. „Na, weil es ihm nur um die Mädchen geht.“

Abby lächelte und nippte an ihrem Eistee. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. „Den Eindruck habe ich nicht. Mir scheint, er kann seine Hände nicht von dir lassen.“

Sadie wurde es plötzlich heiß. Aber sie würde sich auf keinen Fall von ihren Gefühlen leiten lassen. „Nein“, sagte sie. „Er will nur tun, was er für seine Pflicht hält. Nichts weiter.“

In diesem Moment brachte der Kellner zwei große Salate. Sadie nutzte die Unterbrechung, um das Thema zu wechseln. „Aber reden wir nicht immer von mir. Wie läuft es bei Brad und dir?“

Abby gab einen missbilligenden Laut von sich und spießte eine Scheibe hart gekochtes Ei auf die Gabel. „Es gibt kein ‚Brad und ich‘. Nur meinen Kampf gegen deinen Bruder, der so stur ist wie ein texanischer Ochse.“

„Na, da wünsch ich dir weiterhin viel Glück“, scherzte Sadie. „Und wie geht es jetzt mit dem Klub weiter?“

Jetzt sah Abby sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte. „Brad will nach wie vor Präsident werden, und so wie ich es einschätze, hat er gute Chancen.“

Sadie seufzte. „Oh je.“ Wenn das mal gut ging.

„Genau. Wenn er es schafft, wird er Mittel und Wege finden, nicht nur mich loszuwerden, sondern alle Frauen aus dem Klub zu verbannen.“

„Typisch Brad“, sagte Sadie und nickte.

„Du sagst es.“ Wütend legte Abby die Gabel weg. „Außerdem wird er dafür sorgen, dass der Klub auf ewige Zeiten in der Vergangenheit verhaftet bleibt. Es ist so ärgerlich! Brad macht mich so wütend! So wie er an Traditionen klebt, gehört er eigentlich ins neunzehnte Jahrhundert.“

„Ich kann mich nur wiederholen: typisch Brad.“

„Aber ich lasse mir nichts gefallen. Du weißt ja, alles begann mit dem Vorschlag, den Klub zu modernisieren – was ich immer noch für eine prima Idee halte.“

„Ich weiß schon, worum es Brad geht“, sagte Sadie und sah sich in dem vertrauten Raum um. Da ihr Vater ein Klubmitglied gewesen war, waren die Mitglieder ihrer Familie in dem öffentlichen Diningroom gern gesehene Gäste. Wie oft war sie zu besonderen Anlässen schon hierhergekommen! Bei der Vorstellung, dass sich hier etwas änderte, verspürte sie einen leichten Stich ins Herz. Doch sogleich verschwand dieses Gefühl wieder.

„Nicht dein Ernst, oder?“, fragte Abby verblüfft. „Ich finde, Tradition in allen Ehren, aber eine Zentralheizung ist auch nicht zu verachten.“

Sadie hob die Hand und machte eine beschwichtigende Geste. „Da bin ich ganz deiner Meinung, ehrlich. Ich stehe auf deiner Seite.“

„Da bin ich aber froh. Einen Moment lang hatte ich schon Angst, du wärst zur Gegenseite übergelaufen.“ Erleichtert lächelte sie. „Sorry. Ich rege mich so leicht auf, wenn ich nur an Brad denke.“

„Ist dir schon mal aufgefallen, dass der meiste Ärger, den Frauen haben, mit Männern zu tun hat?“ Sadie trank einen Schluck Tee und stocherte in ihrem Salat. Sie fühlte sich appetitlos und schob die Schuld daran auf Rick.

Warum meldete er sich nicht bei ihr?

Ging es ihm womöglich nur um Sex?

Hatte er das mit dem Heiraten vielleicht gar nicht ernst gemeint?

Und warum machte ihr das überhaupt etwas aus? Sie hatte doch ihre Ruhe gewollt, oder etwa nicht?

Sie seufzte, und Abby klopfte ihr tröstend auf die Schulter. „Klar gibt es mit Männern immer Ärger. Frauen haben Verständnis füreinander. Es muss das Y-Chromosom sein, das immer für Verwirrung sorgt.“

„Und, weißt du schon, wie du deine Verwirrung in den Griff bekommst?“, fragte Sadie.

„Noch nicht so richtig“, gab Abby zu. „Aber ein paar Ideen habe ich schon. Es wird Zeit, in diesem Klub ein paar ihrer antiquierten Grenzen zu überschreiten.“

Sadie lachte und fühlte sich gleich etwas besser. Klar, ihre und Ricks Situation hing völlig in der Luft, aber die Lage der Freundin war offenbar vergleichbar frustrierend.

Als sie sich wieder ihrem Salat widmen wollte, bemerkte sie eine Veränderung der Stimmung im Raum. Zwar verstummten die Gespräche nicht, aber sie wurden leiser. Als würde sich alle Aufmerksamkeit der Gäste auf einen bestimmten Punkt richten.

„Oh Schreck“, flüsterte Abby.

Sadie blickte auf, und sofort zog sich ihr Magen zusammen. In der Tür stand Rick. In Uniform. Und mit entschlossenem Gesicht.

Trotz der ungewöhnlichen Umstände tat ihr Herz einen Hüpfer.

Tagelang hatte sie ihn nicht gesehen, und jetzt stand er plötzlich vor ihr.

Verdammt, sie wollte nicht strahlen wie ein Honigkuchenpferd!

Rick sah sie an und bahnte sich einen Weg durch den vollen Raum zu ihr, wie ein Mann mit einem wichtigen Auftrag.

Sadie zwang sich, keine Regung zu zeigen, aber das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Jetzt verstummten die Gespräche um sie herum völlig, und alle Augen richteten sich auf Rick. Sogar die Bedienungen blieben wie angewurzelt stehen. Erwartungsvolle Stille erfüllte den Raum.

Vor ihrem Tisch blieb Rick stehen und begrüßte kurz Abby.

Dann wandte er sich Sadie zu und verkündete klar und deutlich, sodass alle es hören konnten: „Ich muss dich etwas fragen, Sadie.“

„Oh Gott“, flüsterte sie und versuchte, die gespannten Blicke zu ignorieren.

„Und es stört mich nicht, wenn die ganze Welt es hört“, fuhr er fort. „Ja, alle sollen es hören.“

„Nicht“, beschwor sie ihn mit leiser Stimme. „Tu’s nicht!“

„Doch“, sagte Rick.

Inzwischen war ihm klar geworden, dass es einen Erfolg versprechenden Weg gab, Sadie zum ersehnten Ja zu bewegen: Er musste sie in der Öffentlichkeit fragen. Denn bei ihrer Erziehung würde sie auf jeden Fall vermeiden wollen, sich oder ihn zu blamieren.

Nachdem er den perfekten Ring gefunden hatte, hatte er auf die passende Gelegenheit gewartet.

Dass Sadie hier im Klub mit Abby zu Mittag aß, war diese Gelegenheit. Er konnte loslegen.

Sie war verblüfft. Das sah er ihr an, auch wenn sie es zu verbergen versuchte. Wie damals bei Claire’s, als sie noch klein war, wollte sie sich nichts anmerken lassen. Niemand sollte wissen, was sie dachte oder fühlte.

Auch dieses Mal würde sie sich wie eine vollkommene Lady verhalten. Und damit blieb ihr kein Ausweg – sie musste Ja sagen.

Während er ihr in die Augen sah, ließ er sich auf ein Knie hinab. Dann öffnete er das dunkelblaue Samtetui und zeigte ihr den Ring mit dem großen Diamanten. Dabei achtete er darauf, dass auch die Zuschauer einen Blick darauf werfen konnten.

Die Menschen hielten hörbar den Atem an. Sadie blinzelte. Als wirklich alle zuhörten, fragte er feierlich: „Sadie Price, willst du meine Frau werden? Bitte lass mich unseren Kindern ein Vater sein.“

Dann wartete er auf ihr Ja.

8. KAPITEL

„Du un-ver-schäm-ter …“ Obwohl Sadie sich unterbrach, wusste jeder, dass das nicht gerade als Liebeserklärung gemeint war.

Rick erhob sich langsam und blickte in ein Paar zornig blitzender blauer Augen.

Okay. Möglich, dass er einen taktischen Fehler begangen hatte.

Abby lächelte verstohlen hinter der vorgehaltenen Hand. Im Raum begann ein Tuscheln und Wispern. Ein paar Gesprächsfetzen schnappte er auf.

„Was sie wohl sagen wird?“

„Das ist Sadie Price. Sie wird schon das Richtige tun.“

„An ihrer Stelle würde ich ihm eine reinhauen. Sie so in Verlegenheit zu bringen.“

„Also“, ließ sich eine Frauenstimme vernehmen, „wenn sie ihn nicht will, nehme ich ihn.“

Rick kümmerte sich nicht um das Gerede, ihn interessierte nur Sadies Meinung. Und leider sah es nicht so aus, als würde sie so antworten, wie er es sich vorgestellt hatte.

Sie erhob sich von der lederbezogenen Sitzbank, griff nach ihrer Tasche und sagte zu Abby: „War nett, mit dir zu essen, aber jetzt muss ich leider gehen.“

„Verstehe. Ich rufe dich an.“

Sadie nickte der Freundin zu, dann sagte sie scharf zu Rick: „Und du kommst mit raus. Ich will mit dir reden. Allein.“

Hoch aufgerichtet wie eine junge Königin schritt sie durch den Raum. Die Menschen schauten ihr nach, und ein paar der Männer sahen Rick teilnahmsvoll an.

Er achtete nicht darauf. Schnell klappte er das Ringetui zu, steckte es wieder ein und folgte ihr.

Kaum dass die Tür hinter ihnen zugefallen war, ging Sadie auch schon auf ihn los. „Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Die sommerliche Hitze traf sie wie ein Hammer. Es war so drückend, dass man kaum noch Luft bekam. Trotzdem schien Sadies Wut noch heißer zu brennen, das verriet ihr Gesicht ganz deutlich.

Rick biss die Zähne aufeinander und rieb sich den Nacken. „Gedacht? Na ja … seit zwei Wochen denke ich immer dasselbe: dass ich dich heiraten will.“

Sie hob die Hände und ließ sie resigniert wieder sinken. „Und dass ich dich mehr als ein Mal abgewiesen habe, will dir nicht in den Kopf?“

„Nein.“ Noch immer konnte er es nicht glauben, dass sein Plan so gründlich schiefgegangen war. Er hätte darauf gewettet, dass ihr Anstandsgefühl ihr keine andere Wahl ließ, als den Antrag anzunehmen. Felsenfest war er davon ausgegangen, dass sie förmlich in seine Arme springen würde.

Offenbar hatte er sich da gründlich getäuscht.

„Ich kann nicht glauben, dass du das vor all diesen Menschen gemacht hast.“

„Ich hab’s für eine gute Idee gehalten“, murmelte er und sah einen Passanten drohend an, der stehen geblieben war, um ihnen zuzuhören. Daraufhin ging der Mann hastig weiter.

Sadie kam näher. „Ich kann mir denken, warum.“ Sie tippte ihm mit dem Finger auf die Brust. „Jetzt spricht es sich in der ganzen Stadt herum, dass du der Vater der Mädchen bist. Und du hast geglaubt, wenn alle auf deiner Seite sind, muss ich einfach Ja sagen.“

Rick verkniff sich jeden Kommentar.

„Unglaublich, dass du mich so unter Druck setzen wolltest.“

„Darling, bei einem schwierigen Gegner ist mir jedes Mittel recht.“

„Ich bin kein ‚schwieriger Gegner‘, nur weil ich nicht dasselbe will wie du.“

„Doch. Weil du dich weigerst, Vernunft anzunehmen, nur um irgendetwas zu beweisen.“

Sie schluckte und starrte ihn an. „Hältst du mich für so engstirnig?“

In diesem Augenblick kam ein junges Paar vorbei, bekam vermutlich einen Teil des Streits mit und wechselte schleunigst die Richtung.

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber gemeint“, beharrte Sadie.

„Jetzt fang nicht an, mir Dinge zu unterstellen.“

„Warum nicht? Das machst du mit mir doch auch!“ Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Alles, was ich gemacht habe, war, dich etwas zu fragen.“

„In aller Öffentlichkeit! Na danke! Ist das deine Vorstellung von einem romantischen Heiratsantrag?“

„Ich habe es doch mit Romantik probiert.“ Er trat näher zu ihr. „Sadie, du warst nackt bei mir. Im Mondschein.“

„So etwas habe ich ja noch nie gehört“, rief eine ältere Dame entrüstet aus.

„Mrs Mulaney“, flüsterte Sadie, ohne Rick aus den Augen zu lassen.

„Du solltest dich schämen, Rick Pruitt!“, schimpfte Mrs Mulaney. „Sadie, mein Liebes, soll ich die Polizei rufen?“

„Nein danke, Ma’am.“

„Danke, wir kommen klar“, sagte Rick zu Mrs Mulaney, deren Haar bereits ergraut war. Sie war in der Bücherei angestellt und betrachtete es fast schon als ihre Pflicht, ihre Mitmenschen über die Ereignisse in der Stadt zu „informieren“.

„Mit dir habe ich nicht geredet, Rick Pruitt. Aber ich finde, ein Marine der Vereinigten Staaten sollte wissen, was sich gehört.“ Sie schüttelte den Kopf und ging weiter.

„Na klasse“, murmelte Sadie. „Jetzt weiß die Geschichte mit dem Mondschein bald die ganze Stadt.“

Er lächelte. Die Frage, was die Menschen dachten, war eindeutig ihr wunder Punkt. „Aber die öffentliche Meinung interessiert dich ja neuerdings nicht mehr.“

„Das stimmt nicht! Nur werde ich deswegen keinen Heiratsantrag annehmen, den du mir eigentlich gar nicht machen wolltest.“

„Du bist verrückt. Sadie. Ich war von Anfang an ehrlich zu dir. Ich habe dir gesagt, dass ich dich heiraten und unseren Töchtern ein guter Vater sein will. Aber du …“

Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Eigentlich sollte ich dir dankbar sein“, sagte sie nach einer Weile. „Noch vor ein paar Tagen hätte ich den Antrag wahrscheinlich angenommen, aus Angst vor einem Eklat im Diningroom. Aber dank dir habe ich zu mir selbst gefunden.“

„Wovon redest du?“ Rick beschlich das dumpfe Gefühl, dass er das, was sie ihm sagen wollte, nicht gern hören würde. Trotzdem musste er es wissen, um sich sein weiteres Vorgehen zu überlegen.

„Ich bin nach Houston gezogen, weil ich das Gerede der Leute nicht hören wollte. Und auch die Mädchen sollten es nicht mitbekommen.“

„Weiß ich.“

„Aber du weißt nicht, dass ich das jetzt anders sehe. Ich bin erwachsen geworden, und ich stehe zu mir. Die Zeit mit dir hat mir dabei sehr geholfen. Jetzt bin ich nicht mehr die vollkommene Lady Sadie Price. Es interessiert mich nicht, wie die Leute über dich und mich denken. Soll Mrs Mulaney ruhig weitererzählen, was sie mitbekommen hat. Damit kann ich leben. Ich stehe darüber. Und wenn später mal irgendwer den Mädchen dumm kommt, dann kann derjenige was erleben. Und übrigens werde ich Gail und Wendy schon beizeiten beibringen, sich nicht um Klatsch und Tratsch zu kümmern.“

Sie beugte sich vor und sah ihm fest in die Augen. „Ich werde ihnen so viel Liebe schenken und immer hinter ihnen stehen, dass es ihnen egal sein kann, was andere denken.“

Da war ihr Stolz wieder. Rick gefiel es, sie so selbstbewusst zu sehen. Nur leider schien sie völlig davon überzeugt, ihn nicht zu brauchen. Und das war gar nicht in seinem Sinn.

„Hört sich gut an“, bestärkte er sie und versuchte, den Arm um sie zu legen.

Doch sie wich ihm aus. „Nur so ganz glaubst du mir leider nicht. Du denkst nach wie vor, dass du mich zum Heiraten überreden kannst.“

Das stimmte. Rick bekam ein schlechtes Gewissen. Ja, er hatte versucht, sie zu überlisten. Aber doch nur aus Verzweiflung. Und nein, entschuldigen würde er sich nicht. Schließlich war sie doch die Unvernünftige!

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