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Teuflische List

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere als Schauspielerin zunächst in der Mode- und Fernsehbranche tätig. Ihr erster Roman erschien 1986; seitdem hat sie fünfzehn weitere Bücher geschrieben, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Sie reist, wie sie selbst sagt, »so oft wie möglich«, um für ihre Romane zu recherchieren. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA lebt Hilary Norman heute wieder mit ihrem Mann in London.

Hilary Norman

TEUFLISCHE
LIST

THRILLER

Aus dem Englischen von
Rainer Schumacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Mein Dank gilt Sarah Abel, Howard Barmad, Peter Beal, Jennifer Bloch, Howard Green, Sara Fisher, Foote’s am Golden Square, John Gibson, Gillian Green, Ann Hogan, Peter Johnston, Jonathan Kern, Dr. Norman Litvin, Moorfields-Augenklinik, Joanne und Des Moran, Herta Norman, Judy Piatkus, David Risley und Folly Rescue, Helen Rose, Dr. Jonathan Tarlow, Sue Watkins.

Mein besonderer Dank geht an Mr. Rhodri D. Daniel, Rhiannon Jones sowie Josephine Knight, erste Cellistin im English Chamber Orchestra und Professorin an der Royal Academy of Music. Sie alle sind Experten auf ihren Gebieten, und sie alle waren so freundlich, mir ihre Zeit zu schenken und ein wenig von ihrem Wissen mit mir zu teilen.

Wie in allen meinen Romanen sind sämtliche Charaktere und Geschehnisse rein fiktiv.

Für David,
mit Liebe und Stolz

1.

»Verrate es mir«, sagte Silas Graves während ihres ersten gemeinsamen Dinners zu Abigail Allen. »Verrate mir dein tiefstes, dunkelstes Geheimnis.«

Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Silas hatte Abigail ins San Carlo in der Highgate High Street in Nord-London ausgeführt. Das San Carlo war eines seiner Lieblingsrestaurants, und er wollte, dass es ihr gefiel und dass sie sich entspannte.

»Wenn ich dir das erzähle«, erwiderte Abigail, »wirst du mich nie wieder sehen wollen.«

»Das bezweifle ich sehr«, sagte Silas.

»Das solltest du aber nicht.«

Silas zuckte die Schultern. »Verrate es mir trotzdem.«

Abigail legte die Gabel neben das Carpaccio auf ihrem Teller und seufzte leise.

»Bitte«, sagte Silas.

Ein sonnengebräunter junger Mann, zwei Tische entfernt, lachte ausgelassen.

Abigail schauderte. Dann sagte sie leise und hastig: »Als ich dreizehn war, habe ich meine Eltern und einen Jungen namens Eddie Gibson getötet.«

Sie sah nach links, nach rechts und zwang sich dann, den Blick wieder auf Silas zu richten.

Sie wartete darauf, dass er sie allein ließ.

Silas schaute sie begeistert an.

»Wie zum Teufel hast du das geschafft?«, fragte er.

2.

Als Silas fünf Jahre alt gewesen war, hatte er eine Schwester bekommen.

»Schau mal«, hatte sein Vater, Paul Graves, vor dem Kreißsaal zu ihm gesagt und ihn hochgehoben, damit er das Neugeborene auf der anderen Seite der Glasscheibe sehen konnte. »Das ist deine kleine Schwester. Ist sie nicht das schönste Baby, das du je gesehen hast?«

Silas hatte nach unten geschaut.

Hässlich, dachte er, und ihm zog sich der Magen zusammen.

Schrumpelig, fleckig und eklig, mit dunklen Haarbüscheln und bleicher Haut. Ganz anders als er.

Er schaute zu seinem Vater auf. »Mami hat gesagt, ich bin das schönste Baby gewesen.«

Paul Graves lächelte. »Das warst du auch«, sagte er, »und jetzt ist es dein Schwesterchen.«

Silas blickte wieder in die Krippe.

»Mir ist schlecht«, sagte er zu seinem Vater.

Ihm war wirklich übel.

»Du musst es uns sagen, Liebling«, hatte seine Mutter, Patricia Graves, am nächsten Tag zu ihm gesagt. Sie hielt das Neugeborene in den Armen. »Du musst uns sagen, wenn du etwas wissen willst oder nicht verstehst.«

Silas hatte in die sanften braunen Augen geblickt, in die er bis gestern vollkommenes Vertrauen gehabt hatte. Dann hatte er die Fragen gestellt, die ihm auf der Zunge brannten.

»Wen hast du mehr lieb, Mami? Mich oder sie?«

»Wir haben euch beide gleich lieb, Silas«, antwortete Patricia in ruhigem Tonfall. Den Aufruhr, der im Innern ihres Sohnes tobte, schien sie gar nicht wahrzunehmen.

Silas runzelte die Stirn. »Du hast immer gesagt, du hast mich lieber als alles auf der Welt.«

»So ist es auch«, sagte Patricia. »Ich habe dich und deinen Papa lieber gehabt als alles und jeden anderen.«

Silas hatte das Gefühl, als würde seine ganze Welt sich mit einem Schlag verändern. Seine Mutter hatte ihre Liebe zu ihm nie zuvor eingeschränkt, hatte nie auch nur angedeutet, dass ihre Liebe wie ein Kuchen war, von dem jeder ein Stück abbekam.

»Und jetzt«, fuhr Patricia fort, »liebe ich dich, Papa und Julia.«

Julia.

Die hässliche Julia.

Seine Mutter musste etwas in Silas’ Gesicht gelesen haben, denn die Ruhe in ihren Augen geriet ins Wanken.

»Das heißt aber nicht, dass ich dich deswegen weniger lieb habe, Silas, mein Schatz«, sagte sie.

Doch genau das hieß es. Silas wusste, dass es genau das bedeutete.

Jetzt waren es schon drei Kuchenstücke.

Er blickte in das Gesicht seiner schlafenden Schwester und wünschte sich nichts sehnlicher, als sie in Stücke zu reißen.

»Hast du verstanden, Silas, mein kleiner Schatz?«, fragte Patricia besorgt.

Silas blinzelte und richtete den Blick seiner meergrünen Augen wieder auf seine Mutter.

»Ja, Mami«, sagte er.

Er verstand nur allzu gut.

3.

Als Silas zehn Jahre alt war und Julia fünf, hatte Paul Graves ihr großes, altes rotes Ziegelhaus am Fuß des Muswell Hill eines schönen Novembermorgens verlassen – vorgeblich, um in sein Anwaltsbüro in High Holborn zu gehen – und war nicht mehr zurückgekehrt.

»Ist Papi tot?«, hatte Silas seine Mutter nach einigen Wochen gefragt.

»Aber nein, Liebling«, hatte Patricia geantwortet. »Papi ist nicht tot.«

Silas nahm an, dass dies die Wahrheit sei, da sie Papa weder beerdigt noch verbrannt hatten.

»Ist er im Gefängnis?«, fragte er.

»Wie kommst du denn darauf?« Seine Mutter riss die Augen auf.

»Der Vater von einem Jungen in der Schule ist in Scrubs«, antwortete Silas.

»Dein Vater aber nicht.« Patricia hielt kurz inne. »Und bitte sag so etwas nicht, wenn Julia dabei ist.«

»Nee, würde ich nicht. Bestimmt nicht.«

»Ja«, sagte seine Mutter. »Ich weiß.«

In den ersten vierzehn Tagen nach dem Verschwinden von Paul Graves hatte Patricia viel geweint; doch irgendwann hatte sie sich so weit wieder gefasst, dass sie nur noch nachts in ihrem Schlafzimmer Tränen vergoss.

Silas lag dann schlaflos in seinem Zimmer, hörte ihr Schluchzen, litt mit ihr und war zugleich wütend auf sie. Wütend, weil er wusste, dass er sie hätte trösten können, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte. Er wusste, dass er das Fehlen ihres Mannes mehr als nur hätte wettmachen können. Ein Mann, der – soviel Silas wusste – nie mehr für seine Frau getan hatte, als frühmorgens das Haus zu verlassen, zum Abendessen zurückzukommen und dann ins Bett zu gehen.

Er sehnte sich zu sagen: Lass mich rein, Mami, während er durch die Wand ihr leises Schluchzen hörte. Lass mich dir helfen. Doch er traute sich nicht, denn er hatte Angst, sie könne ihn auslachen und von sich stoßen …

… sie könne ihn abweisen.

Aber das tat sie nicht. Eines Nachts brachte Silas schließlich den Mut auf, zum Zimmer seiner Mutter zu gehen. Er drückte die Klinke hinunter und ging durch die Tür. Patricia lag im Dunkeln, ein Taschentuch auf den Mund gepresst. Sie drehte sich um und fragte mit halb erstickter Stimme, ob mit ihm oder Julia etwas nicht stimme.

»Mit uns ist alles in Ordnung«, sagte Silas, »es ist nur, ich kann’s nicht mehr aushalten.«

»Was kannst du nicht mehr aushalten, Liebling?«

»Wenn du hier weinst, so ganz allein, wo ich dir doch …«

»Was?«

Silas atmete tief durch.

»Wo ich dir doch helfen könnte«, sagte er.

Lass mich zu dir ins Bett.

Patricia schlug die Bettdecke zurück und ließ ihn zu sich ins Bett.

»Du bist ja ganz kalt, Liebling«, sagte sie.

Ihm war tatsächlich kalt, eiskalt sogar, und Mami erlaubte ihm, die Arme um sie zu legen und sich an sie zu schmiegen. Mami war warm und weich und roch nach Blumen, und Silas – der ungewöhnlich groß für sein Alter war – legte den Kopf auf ihre Schulter, atmete ihren Duft ein und spürte, wie ihr Körper sich ein klein wenig entspannte.

»Jetzt brauchst du ihn nicht mehr«, sagte er zu ihr.

Patricia seufzte.

»Du brauchst keinen mehr außer mir«, sagte Silas.

Als Silas seit ungefähr zwei Wochen in ihrem Bett schlief, wurde Patricia mitten in der Nacht von einem seltsamen Geräusch geweckt.

Einen Moment lang blieb sie starr liegen, bevor sie erkannte, dass der Laut von ihrem Sohn stammte.

Er summte leise vor sich hin.

Und er atmete seltsam.

In schnellem Rhythmus.

Patricia setzte sich unvermittelt auf.

»Silas, hör sofort damit auf!«

Sie griff nach dem Lichtschalter und warf die Bettdecke beiseite.

»Um Himmels willen!«, sagte sie scharf. »Das ist ja eklig!«

Silas lächelte zu ihr hinauf – ein träges, stolzes Lächeln.

»Hör sofort auf damit!«, wiederholte Patricia.

Das Lächeln verschwand. Silas’ Hand löste sich von seinem erigierten, aber noch nicht ganz ausgewachsenen Penis – ausgewachsen genug, dachte Patricia wider besseres Wissen –, und er schaute sie schmollend an.

»Zieh dich an«, befahl seine Mutter.

Rasch zog Silas seine Pyjamahose hoch und errötete.

Patricia lachte. »Ihr seid doch alle gleich.«

Silas hatte noch immer das Gesicht verzogen. »Wer ist alle gleich?«

»Männer«, antwortete Patricia abschätzig. »Wenn du wüsstest …«

»Wenn ich was wüsste?«, hakte Silas nach.

»Wie lächerlich du aussiehst.«

Silas kniff die grünen Augen zusammen, und seine Wangen glühten vor Demütigung und Wut. »Lach mich nicht aus, Mutter.«

So hatte er sie noch nie genannt.

Offenbar ist es der falsche Ansatz, über einen präpubertären Jungen zu lachen, sagte sich Patricia. Andererseits hatte sie von ihm erwartet, dass er schuldbewusst aufspringen und seine Blöße bedecken würde; stattdessen schien er recht zufrieden mit sich zu sein, was sie nun doch ein wenig entsetzte.

»Tut mir Leid, mein Liebling«, sagte sie. »Aber du musst verstehen, wenn du weiter so hässliche Dinge tust …«

»Ich hab gedacht, das machen alle Männer so«, sagte Silas.

Nun war es Patricia, die rot anlief. Sie fragte sich, ob sie aufstehen oder ihm sagen sollte, er solle in sein Zimmer gehen; zu ihrem Erstaunen hatte er sich nämlich noch nicht aus dem Bett bewegt.

»Zunächst einmal«, sagte sie, »bist du kein Mann.«

Der Blick ihres Sohnes wurde kalt.

»Und zweitens, widersprich mir nicht.«

»Entschuldigung«, sagte Silas.

»Wie ich gesagt habe …«

»Du willst nicht, dass ich so eklige Sachen tue.«

Patricia funkelte ihn an und versuchte herauszufinden, wie frech er wirklich war.

»Wenn du gar nicht anders kannst …« Es gelang ihr tatsächlich, cool zu bleiben. »Wenn es von Zeit zu Zeit gar nicht anders geht, dann sei bitte so nett und mach es allein, in deinem Zimmer.«

»Magst du es nicht, wenn ich bei dir schlafe, Mutter?«

Sie dachte kurz nach, war sich aber nicht ganz sicher, ob er sich nicht vielleicht verletzt fühlen würde.

»Es ist nett …«, antwortete sie vorsichtig. »Es ist nett, dich bei mir zu haben. Aber du bist jetzt kein kleiner Junge mehr, also, vielleicht …«

»Genau«, unterbrach er sie mit fester, klarer Stimme. »Ich bin kein kleiner Junge mehr.«

»Silas, ich versuche doch nur …«

»Schon in Ordnung«, sagte er. »Versteh schon.«

»Wirklich?«

Sein Gesicht war plötzlich voller Mitgefühl. »Du siehst sehr müde aus, Mami.«

»Das bin ich auch.«

»Warum legst du dich nicht wieder hin?«

Sie zögerte kurz; dann legte sie sich wieder auf die Kissen.

»Und jetzt mach die Augen zu«, forderte Silas sie auf.

»Silas, vielleicht solltest du …«

»Mach die Augen zu, Mami.« Er klang sanft, aber nachdrücklich. »Schließ die Augen, und lass mich dein Haar streicheln, so wie du’s magst, bis du wieder eingeschlafen bist.«

Patricia wusste, dass sie viel zu müde war, um ihm zu widerstehen. Die Versuchung war viel zu groß.

»Und dass du dich … anfasst, damit ist jetzt Schluss«, sagte sie.

»Na klar, Mami«, erwiderte er.

Es dauerte nur eine Minute, bis er spürte, wie sie sich wieder entspannte, wie sie sich tatsächlich fallen ließ und wieder einschlief. Er streichelte ihr Haar noch einen Augenblick lang und fühlte sich gut dabei. Er genoss die Macht seiner sanften Hände, seine Liebe für sie und ihre für ihn …

Dann aber kehrten ihre Worte in sein Gedächtnis zurück.

Lächerlich. Eklig.

Silas nahm seine Hand weg.

4.

Gemeinsam waren sie perfekt.

Das hatte Silas von Anfang an gewusst.

Es war an einem milden Aprilnachmittag gewesen, und er hatte mitten im dicksten Verkehr in einem Taxi gesessen, auf dem Weg zu Werbeaufnahmen, als sie seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Nicht wegen ihrer Kleidung – ein Designer-T-Shirt und teure Jeans waren das nicht –, ja, nicht einmal wegen ihres Äußeren, sondern wegen der Art und Weise, wie sie ihr Cello trug. So groß und unhandlich das Instrument in seinem uralt aussehenden Kasten auch war, die junge Frau trug es mit einer solchen Zärtlichkeit durch Wigmore Hall wie eine Mutter ein übergroßes, ungelenkes, aber heiß geliebtes Kind.

Silas saß im Fond seines geparkten Taxis und beobachtete, wie sie ihre Last auf dem Bürgersteig abstellte und sich das Haar aus dem Gesicht wischte. Ohne den Blick von ihr zu nehmen, tastete er auf dem Sitz nach seiner Kamera, zog den Objektivdeckel ab, hob die Kamera ans Auge und zoomte heran.

Langes, blondes, fast butterfarbenes Haar, nur einen Hauch dunkler als sein eigenes. Ein ovales, blasses Gesicht. Die Nase war nicht ganz gerade, was aber nur umso interessanter wirkte. Große graue Augen. Traurige, faszinierende Augen.

Silas liebte alles Faszinierende.

Er machte ein paar Fotos und schaute sich dann den Rest von ihr an. Schöne Brüste, gerade Schultern, schmale Taille und feste, aber feminine Arme. Ein bisschen dünn vielleicht. Nicht so dürr wie ein Model, aber ein wenig unterernährt.

Und sie sah müde aus.

»Drauf geschissen«, murmelte er und machte noch ein Foto.

Sie hob ihr Cello wieder hoch.

»Fahren Sie links ran«, wies Silas den Fahrer in scharfem Tonfall an. »Und halten Sie.«

Er öffnete die Tür.

»Das sieht sehr schwer aus!«, rief er.

Erstaunt hob sie den Blick, sah das Taxi und den jungen Mann, der ausstieg, und bemerkte, dass er mit ihr sprach. Sie stellte das Cello wieder ab.

»Es geht schon«, erwiderte sie misstrauisch.

Silas hielt Abstand zu ihr. »Ich dachte, vielleicht wollen Sie mein Taxi haben.« Er sah, wie sie die Stirn in Falten legte. »Keine Sorge«, fügte er rasch hinzu. »Ich erwarte nicht, dass Sie es mit mir teilen.«

»Ich kann Ihnen unmöglich das Taxi stehlen«, sagte sie.

Sie sprach mit deutlichem Akzent. Schottisch. Ihre Stimme war tief, rauchig, sexy.

»Aber ich biete es Ihnen an, deshalb wäre es kein Diebstahl, besonders nicht …« Plötzlich wünschte er sich verzweifelt, sie nicht wieder zu verlieren. »Erst recht nicht, wenn Sie mir auch einen Gefallen tun.« Er sah den Argwohn in ihrem Gesicht, zog eine Visitenkarte aus einer Tasche seines Jacketts und hielt sie ihr hin. »Falls Sie irgendwann mal anrufen wollen.«

Sie nahm ihr Cello auf. Ihre Blicke huschten zur Visitenkarte, dann wieder zu seinem Gesicht.

»Nehmen Sie die Karte«, drängte Silas. »Und das Taxi. Bitte.«

»Na gut.« Sie nahm die Karte und ließ sie rasch in ihrer Jeans verschwinden.

»Gut.« Er fühlte sich unsagbar erleichtert. »Danke.«

Sie lächelte und wuchtete das Cello ins Taxi. Silas hielt sich nur mit Mühe zurück, ihr zu helfen. Als sie schließlich auf der Rückbank saß, beugte er sich zum Fahrer vor.

»Ich würde gern bezahlen …«

»Nein«, sagte sie rasch von hinten. »Bitte nicht.«

Silas lächelte sie an. »Nur meine eigene Taxe«, sagte er. »Keine Sorge.«

Der Fahrer nahm sein Geld und wartete, dass man ihm sagte, wohin die Fahrt gehen solle.

»Chalk Farm, bitte«, sagte sie.

Silas schloss die Tür. Der Fahrer blickte noch einmal in den Innenspiegel.

Aus einem Impuls heraus kurbelte sie das Fenster herunter.

»Ich heiße Abigail Allen«, sagte sie zu Silas.

Drei arbeitsreiche Tage später war es Silas gerade erst gelungen, ihren Agenten ausfindig zu machen, einen Mann namens Charles Nagy, der sich zu Recht geweigert hatte, irgendwelche Informationen herauszugeben, der aber gesagt hatte, er würde gern eine Nachricht weiterleiten … dann rief sie ihn an.

»Ist da Silas Graves?«

»Aber ja doch.« Er wusste sofort, dass sie es war.

»Hier spricht Abigail Allen«, sagte sie. »Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr an mich.«

Er lächelte und schaute zu den Fotos hinauf, die er von ihr gemacht hatte und die nun in Postergröße jede Wand seines Studios in Crouch End zierten.

»Doch, ich erinnere mich«, erwiderte er.

Sie sprachen mehrere Minuten miteinander. Er fragte sie, was sie in Wigmore Hall gemacht hatte, und sie erzählte ihm, dass sie dort für einen anderen Cellisten eingesprungen war, der sich die Grippe eingefangen hatte. Silas sagte, dass er nur einmal dort gewesen sei und vor allem das Wandgemälde über der Bühne bewundert habe.

»Das hat etwas mit der Seele der Musik zu tun, nicht wahr?«, fragte er, obwohl er genau wusste, was das Werk symbolisierte; er hatte es noch am selben Morgen nachgeschlagen.

»Und Psyche«, sagte Abigail, »die die Musik niederschreibt.«

»Und die Liebe«, sagte Silas, »mit Rosen in den Händen.«

Alles, was noch folgte, war fast genauso süß.

5.

Jeden Tag, jede Woche übte Abigail in ihrem Zimmer in Chalk Farm auf dem Cello, es sei denn, sie musste auf eine Probe oder arbeitete in ihrem anderen Job.

Es war ein kleines, schmuckloses Zimmer, in dem man Platzangst bekommen konnte, und es befand sich im obersten Stock eines alten, schmuddeligen Hauses in Bahnhofsnähe. Jedes Mal, wenn ein Zug der Northern Line vorbeiraste, bebte das ganze Gebäude. Doch vor dem Fenster konnte man den wunderschönen Anblick einer alten Kastanie genießen, die im Zusammenwirken mit Abigails Musik zu jeder Jahreszeit die trostlose Umgebung vergessen ließ.

Auch andere Dinge konnte man auf diese Art vergessen.

Dinge.

Abigail kam mit ihrem Leben ganz gut zurecht. Sie kellnerte in einem kleinen Café in Finsbury Park, wenn sie nicht gerade zu einem Vorspielen, zu einer Probe oder einem Auftritt musste – alles, was Charlie Nagy ihr besorgen konnte (dessen kleine Künstleragentur zwar ein paar weitaus erfolgreichere Solisten betreute, aber trotzdem noch Zeit fand, Abigail kleinere Aufträge zu vermitteln). Sie hatte eine bunte Mischung von Engagements gehabt, seit sie von Glasgow nach London gekommen war. So hatte sie in den Monaten zuvor auf zwei Hochzeiten gespielt, einer Beerdigung, im Hintergrund für die Teegäste in einem Hotel am Fluss und einmal sogar im Schaufenster eines neu eröffneten Möbelhauses in South Kensington.

Für einen Außenstehenden hätte es aussehen können, als müsse eine junge Frau, die ein so hektisches Leben führte, viele Freunde haben, doch der Schein trog: Abigail lebte ihr Leben größtenteils allein.

Und die Einsamkeit, das wusste sie, hatte sie verdient …

… und die Musik so unendlich viel mehr …

Sie und ihr Cello waren wie zwei Liebende. Sie umschlang es, klemmte es zwischen die Knie, drückte den Rücken des Klangkörpers an ihre Brust, schlang die Finger der linken Hand um den Hals und führte den Bogen mit der rechten. Ihr Haar schwang bei jeder Bewegung über ihr Gesicht. Abgesehen von ihrer Schuld war das Cello – ihre Mutter hatte es vor mehr als fünfzig Jahren irgendwo in Bayern bauen lassen – das einzig Beständige in ihrem Leben. Allein mit dem Instrument, ließ Abigail ihren innersten Gefühlen freien Lauf, ließ sie in die Musik fließen, und auch körperlich … Sie liebte das glatte Fichten- und Ahornholz so sehr, dass sie an warmen Sommertagen manchmal nur mit einem Slip bekleidet spielte, oder ganz ohne.

Es gab niemanden, der sie dabei hätte sehen können. Seit vielen Jahren schon hatte niemand mehr Abigail nahe gestanden. Natürlich hatte sie Bekannte – Musiker und ihre Kollegen und die Stammkunden des Cafés. Und natürlich war da Charlie, der gern mehr als nur ihr Freund und Agent gewesen wäre; das hatte Abigail inzwischen bemerkt. Doch auf seine freundliche, lockere Art hatte Charlie rasch erkannt, dass Abigail nicht interessiert war.

Nicht an Charlie, und an keinem anderen.

Weil sie die Einsamkeit verdient hatte.

Von Zeit zu Zeit überlegte sie, dass sie sich schon vor Jahren hätte umbringen sollen. Sie hätte ein Bleichmittel trinken oder sich einen Sack mit Steinen um die Hüfte binden und sich in irgendeinem schmutzigen, kalten Kanal ersäufen sollen. Ein schmerzhaftes, hässliches Ende.

Ein Ende, wie sie es verdiente.

Sie hatte noch nicht einmal ein Recht auf ihre Musik, auf deren tröstliche Gesellschaft. Sie hatte kein Recht auf die vollen Klänge, die Harmonien und die Gefühle, die sie erweckten. Sie hatte kein Recht auf das Instrument, das es ihr ermöglichte, dies alles zu erleben.

Sie hatte kein Recht auf irgendetwas.

Alle hatten gesagt, es sei ein Unfall gewesen und sie ein Opfer.

Es sei nicht ihre Schuld gewesen.

Auch der Sheriff war zu diesem Schluss gelangt.

»Es ist alles meine Schuld«, hatte Abigail zu ihrer Mutter gesagt, die im Sterben lag.

»Das darfst du nicht sagen«, hatte Francesca Allen erwidert, leidenschaftlich bis zum Schluss. »Sag so etwas nicht … zu niemandem … schwöre es.«

Das waren die letzten Worte ihrer Mutter gewesen.

Damit hatte sie ihre Tochter in die Freiheit entlassen.

6.

Als Silas fünfzehn Jahre alt war, hatte Patricia Graves an einem Mittwochabend im Mai einen Fremden namens Graham Francis mit nach Hause gebracht, ein besonderes Dinner für ihren Gast und die beiden Kinder zubereitet (irgendetwas mit Fasan, Pilzen und Reis; Silas hatte es gehasst) und schließlich verkündet, dass sie wieder heiraten würde.

Silas und Julia – die inzwischen zehn Jahre alt war, groß, dünn und dunkel wie ihre Mutter und nicht einmal mehr hässlich (was sie nie gewesen war, wie Silas längst bemerkt hatte) – hatten einander hilflos angeschaut, während Patricia und Graham Francis Händchen gehalten hatten.

Mit zusammengebissenen Zähnen hatte Silas darauf gewartet, ob Francis gehen oder bleiben würde. Und dann, als der Fremde endlich gegangen war, nachdem er seiner Verlobten an der Tür einen keuschen Kuss auf die Wange gehaucht hatte, wartete Silas, bis Julia im Bett lag.

»Was ist mit unserem Vater?«, hatte er seine Mutter später gefragt, als sie den alten Geschirrspüler in der großen, komfortablen Küche füllte, die Silas so mochte.

»Euer Vater ist seit mehr als fünf Jahren fort, Liebling.«

»Aber er ist doch noch dein Mann, oder?«

»Nicht mehr, wenn die Scheidung erst durch ist.« Patricia schüttete Pulver ins Pulverfach und schaute ihren Sohn von der Seite an. »Wir haben doch darüber gesprochen, Silas.«

Er schwieg für einen Moment.

»Und was ist mit uns?«, fragte er dann angespannt. »Wenn du ihn heiratest, was wird dann aus dir und mir?«

»Zwischen uns wird sich gar nichts ändern, Liebling«, sagte Patricia.

Silas hatte mittlerweile genug Erfahrung, um zu wissen, dass das keine glatte Lüge war, sondern die Art seiner Mutter, sich nicht der Realität stellen zu müssen. Jede auch nur ansatzweise bedeutsame Veränderung führte zu Aufruhr und Durcheinander, manchmal nur kurzfristig, manchmal mit weiter reichenden Folgen … wie damals, als Silas seinen Platz an der Highgate School aufgeben musste, weil es seiner Mutter nach dem Verschwinden des Vaters finanziell viel schlechter ging. Wenn sie in dem Haus bleiben wollten, das sie alle liebten, hatte Patricia ihren Kindern damals erklärt, würden sie an anderer Stelle sparen müssen. Deshalb gingen Silas und »Jules«, wie Julia nun von den meisten Leuten genannt wurde, inzwischen auf öffentliche Schulen. Jules war glücklich dort; Silas war zwar nicht unglücklich, doch begeistert war er auch nicht gerade.

»Wird er nicht bei dir schlafen wollen?«, fragte er nun seine Mutter.

»Natürlich.« Sie schloss die Spülmaschine.

»Aber wir schlafen weiterhin zusammen«, sagte Silas.

Seine Mutter richtete sich auf, streckte die Hand aus und legte sie ihm auf den Arm. »Das wird sich nun wohl ändern müssen, Liebling«, sagte sie in freundlichem Tonfall. »Aber sonst bleibt alles beim Alten.«

»Und das«, sagte Silas, »ist das Einzige, was zählt.«

7.

Als Silas achtzehn war und Jules dreizehn, starben Patricia und Graham bei einem Skiurlaub in Andorra in einer Lawine, als sie die abgegrenzten Pisten verlassen hatten, um durch den hohen, jungfräulichen Schnee zu fahren.

»Das wär’s dann«, sagte Silas zu Jules. »Wir sind auf uns allein gestellt.«

Es gab niemand anders. Keine Onkel oder Tanten. Ihre einzige überlebende Großmutter – Paul Graves’ Mutter, die genau wie Patricia nie herausgefunden hatte, was mit ihrem Sohn nach dessen Verschwinden geschehen war – litt an Demenz und lebte in einem Pflegeheim, während Grahams Eltern längst gestorben waren.

Zum Glück, ging es Silas durch den Kopf.

Damit war nun er das Familienoberhaupt.

»Dir wird nichts geschehen«, tröstete er seine Schwester. »Ich kümmere mich um dich.«

»Ich weiß«, sagte Jules und weinte in seinen Armen.

Silas kümmerte sich um alles. Er ließ die Leichen nach Hause fliegen und wies den Bestatter an, seine Mutter ihren Wünschen gemäß beizusetzen, während sein Stiefvater – der keine diesbezüglichen Anweisungen hinterlassen hatte – kremiert werden solle. Falls jemand in Grahams Namen Einwände erheben wolle, stehe es dem Betreffenden frei, eigene Arrangements zu treffen.

»Sollten sie nicht nebeneinander bestattet werden?«, fragte die entsetzte Jules ihren Bruder.

»Nein«, erwiderte Silas mit kalter Stimme.

»Aber es kommt mir so … so …« Jules’ Stimme geriet ins Wanken, und der Schmerz war ihr deutlich anzusehen.

»Sag schon. Wie kommt es dir vor?«, hakte Silas nach.

»Unfreundlich«, sagte Jules. »Irgendwie nicht richtig.«

Silas weigerte sich mehr als eine Woche lang, mit Jules zu sprechen. Er verstand sich gut darauf, seine weichherzige Schwester leiden zu lassen. Er wusste, dass er sie bestrafen konnte, indem er ihr die kalte Schulter zeigte, und dass es nicht lange dauern würde, bis sie ihn anflehte, ihr zu verzeihen – was er natürlich tun würde, denn er liebte sie. Außerdem war sie jetzt alles, was er noch hatte.

In diesem Fall wurde das Pardon am darauf folgenden Sonntag gewährt, nachdem Jules ihm seinen heiß geliebten Schweinebraten in Apfelsoße zubereitet hatte. Auch wenn die Kruste nicht annähernd so kross und schmackhaft gewesen war wie bei Patricias Schweinebraten, war das Essen nicht übel, und Silas erkannte die Mühe durchaus an, die Jules sich gemacht hatte – besonders angesichts der Trauer, die sie litt.

»Du wirst mich nie wieder so enttäuschen, nicht wahr, Jules?«, fragte er nach dem Essen.

»Wieder?« Sie wirkte verzweifelt.

»Du hast meine Entscheidung in Bezug auf Graham infrage gestellt«, sagte Silas.

»Doch nur, weil ich gedacht habe, es hätte Mami nicht gefallen.«

»Mami ist aber nicht mehr hier«, sagte Silas mit deutlich sanfterer Stimme. »Es gibt nur noch dich und mich, Jules, und ich muss wissen, ob du auf meiner Seite stehst.«

»Immer!«, antwortete Jules leidenschaftlich.

Sie umarmte ihn und weinte vor Erleichterung, dass er ihr vergeben hatte. Einen Augenblick lang, als er ihre Umarmung erwiderte, glaubte Silas beinahe, er hätte ihre Mutter wieder. Ihre echte Mutter, die Prä-Graham-der-Fremde-Mutter.

»Würde es dir etwas ausmachen …«, seine Gefühle schnürten ihm die Kehle zu, »heute Nacht in einem Bett mit mir zu schlafen?«

Nur eine Woche nach ihrem Tod hatte er Patricias und Grahams Schlafzimmer für sich beansprucht, hatte die Habseligkeiten seines Stiefvaters zusammengepackt, in einem der beiden Gästezimmer verstaut und seine eigenen Sachen aus seinem alten Zimmer herübergeschafft. In seinen Augen war es vollkommen richtig, wieder in dem Bett zu liegen, in dem er und seine Mutter so wunderbar zufrieden gewesen waren, bevor Graham in ihr Leben getreten war, zumal er sich einsam gefühlt und keine Nacht gut geschlafen hatte.

»Natürlich macht es mir nichts aus«, sagte Jules nun, »wenn du dich dann besser fühlst.«

»Gut«, sagte Silas und löste sich aus ihrer Umarmung.

Jules sah Tränen in seinen Augen. Sie streckte die Hand aus und streichelte ihm zärtlich über die Wange.

»Armer Silas«, sagte sie.

Eines Nachts wachte er auf und lag im Bett seiner Mutter, nur wenige Zentimeter von seiner Schwester entfernt, und hatte eine Erektion.

Eklig.

Patricias Stimme hallte so klar und deutlich in seinem Kopf wider, dass sie genauso gut neben seinem Bett hätte stehen können.

Silas atmete tief durch, rutschte vorsichtig von dem Federbett herunter, schnappte sich seinen Bademantel und schaffte es ins Bad.

Er war noch immer hart.

Lächerlich.

Während Silas im Badezimmer hockte, unter einem Handtuch masturbierte und sich wünschte, er hätte daran gedacht, das Türschloss reparieren zu lassen, sagte er sich, dass seine Mutter nun fort war. Und selbst wenn nicht – er war jetzt ein Mann, ein Mann, verdammt noch mal, und alle Männer wichsten dann und wann; daran war nichts verkehrt. Doch er war immer noch wütend auf sich selbst, weil er sein Verlangen nicht hatte beherrschen können. Und er schämte sich und hatte Angst, dass Jules aufwachen und ihn hören könnte – oder schlimmer noch, dass sie hereinkommen, ihn sehen und genauso angewidert sein könnte wie ihre Mutter damals, und dass sie ihn vielleicht sogar auslachte.

Aber nicht einmal das war seine größte Furcht, erkannte Silas. Seine größte Furcht war, dass Jules vielleicht nicht mehr bei ihm schlafen wollte, wenn sie erfuhr, was er hier tat, und er wollte nicht mehr alleine schlafen.

Er spritzte ins Handtuch und schlug die freie Hand vor den Mund, um den unwillkürlichen Schrei zu ersticken.

Nie mehr, sagte er sich und hängte das Handtuch wieder über die Stange, wobei er darauf vertraute, dass Jules dieses Badezimmer nur selten benutzte. Deshalb konnte er das Handtuch morgen früh in die Waschmaschine werfen, ohne dass sie etwas davon bemerkte.

Es war ohnehin nicht richtig, in diesem Bett einen Steifen zu bekommen, und ganz bestimmt nicht unmittelbar neben der kleinen Schwester. Was immer Patricia und Graham in den drei Jahren in diesem Bett, diesem Schlafzimmer getrieben hatten, wenn sie zusammen gewesen waren – es war für die perfekte Liebe bestimmt. Jene Art von Liebe, die Silas mit seiner Mutter geteilt hatte, bevor er gekommen war. Jene Art von Liebe, die er nun mit Jules teilte.

Dabei ging es nicht um Sex. Nicht jetzt, jedenfalls. Vielleicht eines Tages, in den kommenden Jahren, mit der richtigen Frau, einer Ehefrau vielleicht, die ihn liebte, wirklich liebte.

Doch erst einmal herrschte kein Mangel an Freundinnen. Viele der Mädchen lernte Silas über John Bromley kennen, einen Typen von seiner Schule, der schon so etwas wie eine Legende war, was Frauen betraf. Wenngleich Silas sich sagte, dass er es nicht nötig habe, an Frauen zu nehmen, was John Bromley übrig ließ, nahm er sie doch, denn er war ein ziemlich fauler Hund, was das Anbaggern betraf. Manchmal glaubte Silas, er hätte sich die Mühe ganz gespart, wäre John Bromley nicht gewesen. Jedenfalls hatte er nur Interesse an den wirklich gut aussehenden Mädchen – oder an denen, die ihm interessant genug erschienen, dass er ein Foto von ihnen machen wollte.

Ein paar von ihnen gefiel es, fotografiert zu werden; andere fanden es ein wenig seltsam. Denn auch wenn keine glühende Leidenschaft in Silas brannte, die fantastische oder zumindest ungewöhnlich schöne Fotos hervorgebracht hätte, so war er bisweilen doch geradezu besessen, wenn es darum ging, das Bild so hinzubekommen, wie er es haben wollte. Deshalb spielte er mit dem Hintergrund oder ließ ihn gänzlich weg, sodass die Mädchen aussahen, als würden sie fliegen oder schweben – coole Bilder und eine gute Übung fürs College, wo er dann Fotografie ernsthaft studierte.

Was den Sex betraf, ging Silas davon aus, ihn mehr genießen zu können, wenn er sich besser darauf verstand. Doch war er sich seiner Begabung zum Beischlaf nicht sicher. Bromley behauptete (nicht dass Silas ihm wirklich geglaubt hätte), er könne es so lange hinauszögern, bis die Mädels vor Lust schrien. In Silas’ Fall ging das Ganze ein wenig schneller. Nicht dass er irgendwelche ernsthaften Beschwerden zu hören bekommen hätte … nur dieser Rotschopf, Sonia Irgendwas, die er eines Sonntags getroffen hatte, als er mit John ins Spaniard gegangen war … Ihm selbst hatte sie zwar nicht sonderlich gut gefallen, doch John hatte offensichtlich ein Auge auf sie geworfen, und Silas hatte Lust auf einen kleinen Wettbewerb.

Sonia-der-Rotschopf war gut fünf Jahre älter als er, besaß einen tollen Körper und hatte es faustdick hinter den Ohren. Als Silas mit in ihr Apartment am Parliament Hill gegangen war, wurde er plötzlich unglaublich geil, und als er sie beim Strippen fotografierte (was ihr nicht das Geringste ausmachte), wurde er so hart wie noch nie. Als sie es dann miteinander trieben, schaffte Silas es nicht, auf sie zu warten; ja, er bemühte sich nicht einmal darum.

»Du selbstsüchtiger Bastard«, hatte Sonia geschimpft, weil er vor ihr gekommen war. Silas hatte schon darüber nachgedacht, einfach zu gehen, hatte dann aber nachgegeben und es ihr stattdessen mit der Hand besorgt – vor allem deshalb, weil er sich denken konnte, dass Sonia ihn vor Bromley oder einer ihrer Freundinnen zum Gespött machen würde, wenn er es nicht tat.

Nicht dass es ihn sonderlich gekümmert hätte. Schon vor langer Zeit war er zu dem Schluss gekommen, dass Sex zwar einem ganz bestimmten Zweck diente, aber trotzdem etwas rein Körperliches war – außerdem ausgesprochen unsauber und im Gegensatz zu dem, was einem im Kino vorgegaukelt wurde, auch nicht gerade schön.

Beim Masturbieren hingegen, dachte er nun, als er aus dem Bad wieder zu Jules ging, die zum Glück noch immer schlief, brachte man es einfach hinter sich, und das war’s.

Eklig, sagte die Stimme seiner Mutter in seinem Kopf. Lächerlich.

Verpiss dich, Mutter, antwortete Silas der körperlosen Stimme.

8.

Als Patricias Anwalt, Stephen Wetherall, Silas und Jules in seinem Büro in Lincoln’s Inn das Testament ihrer Mutter verlas, stellte sich heraus, dass Silas ein Erbe von fünftausend und Jules eines von zehntausend Pfund bekam. Jules bekäme deshalb mehr Geld, hatte Patricia in einem beiliegenden Brief geschrieben, weil Silas so gut aussehend, klug und weltgewandt sei und noch dazu ein Mann; deshalb, da sei sie sicher, würde das Leben für ihn viel einfacher werden als für Jules. Das Haus mitsamt der Einrichtung hatte sie Graham vermacht, der sie so glücklich gemacht habe. Für den Fall, dass er sie nicht überlebte, bekam Jules das Haus und Silas den Rest.

Nach der Testamentseröffnung wartete Silas nicht auf den Austausch von Höflichkeiten, sondern schnappte sich seinen grauen Wintermantel, stapfte aus dem Büro, schwang sich in Patricias Ford Escort und rauschte davon. Als Jules schließlich mit dem Taxi eintraf, das der freundliche Anwalt ihr gerufen hatte, war ihr Bruder oben im großen Doppelschlafzimmer und packte seine Sachen.

»Was tust du da?« Jules war völlig verstört.

»Ist das nicht offensichtlich?« Silas nahm die Karaffe mit Maltwhiskey von seinem Nachttisch und hielt sie hoch. »Ich habe beschlossen, dass der Glenlivet ihm gehört hat; deshalb macht es dir wohl nichts aus, oder?« Er trank direkt aus der Karaffe.

»Silas, hör auf damit!« Jules, die schon auf dem Heimweg die meiste Zeit geweint hatte, brach erneut in Tränen aus. »Ich weiß, dass du wütend bist, aber …«

»›Wütend‹ ist ein wenig untertrieben, Schwesterherz.« Er stellte die Karaffe ab und warf zwei in Zellophan verpackte Hemden sowie ein schwarzes Sweatshirt in den offenen Koffer auf seinem Bett.

»Du verstehst nicht.« Jules sprang vor, riss das Sweatshirt aus dem Koffer und drückte es an ihre Brust. »Ich habe Stephen schon gebeten, das Testament zu ändern. Es war schrecklich von Mami, dir so etwas anzutun … und mich hat sie beleidigt, von wegen ich sei nur ein Mädchen und nicht sehr hübsch und ich würde zu viel lesen.«

»Sie hat nichts dergleichen gesagt«, sagte Silas.

»Aber du weißt, dass sie es gemeint hat«, erwiderte Jules, und das war die Wahrheit, denn Patricia hatte ihre Tochter stets gedrängt, mehr aus ihrem Aussehen zu machen und endlich die Nase aus den Büchern zu nehmen. »Aber ist ja egal. Was sie geschrieben hat, meinte sie nur in Bezug auf das Geld, nicht wahr? Wäre Graham nicht auch umgekommen, hätte ich das Haus nicht geerbt, und dir hat sie immerhin den ganzen Rest hinterlassen. Stephen sagt, das sei eine Menge.«

»Das Geld ist mir egal«, erklärte Silas, obwohl er nicht mit Sicherheit hätte sagen können, ob es wirklich so war. »Aber lass mich raten, was Stephen zu einer Testamentsänderung gesagt hat.« Er drehte sich zu einem offenen Kleiderschrank um. »Ein dickes, fettes Nein, stimmt’s?«

»Stimmt.« Jules klammerte sich noch immer an das Sweatshirt. »Aber ich könnte dir das halbe Haus überschreiben, wenn ich will.«

Silas drehte sich wieder um. »Darum würde ich dich niemals bitten«, sagte er. »Außerdem bist du bestimmt noch zu jung dazu, nicht wahr?«

»Silas, nicht!« Sie warf das Sweatshirt auf einen Stuhl. »Bitte, rede nicht so!«

Er zuckte mit den Schultern. »Tut mir Leid, aber das ist wohl kaum meine Schuld.«

»Und meine auch nicht.« Jules trat näher an ihn heran, streckte zögerlich die Hand aus und berührte seinen Arm. »Du kannst mich nicht verlassen, Silas. Du könntest es nicht ertragen.«

Silas trat von ihr weg und holte zwei Jeans aus dem Schrank.

»Und ich bin erst dreizehn …« Jules kämpfte verzweifelt weiter. »Wenn du gehst, müsste irgendjemand, ein Fremder, hierher kommen und mit mir hier leben, und das würde dir bestimmt nicht gefallen. Und egal, was in Mamis Testament steht, das ist noch immer unser Haus, nicht wahr? Deins und meins.«

Silas faltete die Jeans, legte sie auf die Hemden und nahm das Sweatshirt vom Stuhl.

»Ich könnte jetzt einen Brief schreiben«, sagte Jules, »und dir darin das Haus versprechen, wenn ich achtzehn bin, oder was auch immer.«

»Die Hälfte vom Haus, meinst du.« Silas klopfte eine Fluse vom Sweatshirt.

»Die Hälfte oder alles«, entgegnete Jules. »Das Haus ist mir egal. Ich will nur nicht, dass du mich verlässt, Silas, Liebling.«

Er schaute zu, wie sie sich die Tränen aus den Augen wischte.

»Was ist, wenn wir beide je eine Hälfte hätten«, fragte er, »und du wolltest deine verkaufen?«

»Das Gleiche könnte ich auch dich fragen«, erwiderte Jules.

»Nein«, sagte Silas. »Wenn es mein Haus wäre, würde ich es nie verkaufen.«

»Ich auch nicht«, erklärte seine Schwester.

»Du könntest es wollen, wenn du dich in einen Fremden verliebst und der es von dir verlangt.«

»Das würde ich niemals tun«, widersprach sie leidenschaftlich.

Silas setzte sich neben seinen Koffer aufs Bett. »Doch, das würdest du, Jules. Du bist nicht so tough wie ich. Du würdest dich überreden lassen.«

Jules schaute ihn einen Augenblick an; dann setzte sie sich neben ihn.

»Du hast Recht«, sagte sie. »Ich bin nicht so tough wie du.«

Silas kaute auf seiner Unterlippe; dann lächelte er. »Also schön, Schwesterlein, du hast gewonnen. Dann geht also alles auf mich über, damit es in der Familie bleibt.«

»Und dann hörst du auf zu packen?«

Er nickte, lächelte immer noch.

»Danke.« Jules war ganz Feuer und Flamme. »Hilf mir mit dem Brief.«

»Ich helfe dir beim Entwurf«, sagte Silas. »Aber du musst dafür sorgen, dass Wetherall glaubt, es wäre deine Idee. Er muss es dann auch in die richtigen Worte fassen.« Er hielt kurz inne. »Ich werde ebenfalls einen Brief schreiben.« Er war wieder voller Ruhe und Selbstbewusstsein. »Einen Brief, in dem ich verspreche, mich um dich zu kümmern.«

Jules rückte näher an ihn heran. »Du und ich werden immer füreinander da sein.«

Silas schaute sie an.

»Das sagst du jetzt«, erwiderte er.

Es war nicht nur verletzter Stolz oder auch nur das Bedürfnis, ein eigenes Haus zu besitzen, das Silas so mitnahm. Ihr Haus war ihm weitaus wichtiger, als es bei Jules der Fall war, die noch immer mehr Kind als sonst etwas war – um Himmels willen, sie war tief im Herzen Romantikerin, und irgendwann würde sie woandershin ziehen, davon war Silas überzeugt.

Silas würde das niemals tun. Dieses Haus war das Heim seiner Familie. Es war kein Gut, keine Villa, kein Palast, nur ein grundsolides, schönes Haus von einigem Wert. Ein Haus, das schon viele Jahre überdauert hatte und hier und da ein größeres oder kleineres Problem bekommen würde, doch einstürzen würde es nicht so leicht.

Ihr Haus. Das zählte für Silas. Es war das »Graves-Haus«, so wie das Haus nebenan das »Brook-Haus« war. Beständigkeit und Dauerhaftigkeit waren für Silas von großer Bedeutung. Das Haus hatte zunächst seinen Eltern gehört, dann seiner Mutter und nun ihm und Jules.

Das heißt – Jules allein, wenn Patricia ihren Willen durchgesetzt hätte. Doch Silas war nach dem Gespräch mit seiner Schwester sicher, dies würde sich zu gegebener Zeit ändern.

Eins aber würde sich für Silas nicht ändern, würde sich niemals ändern: dass er seine Mutter von nun an hassen würde, weil sie ihm das angetan hatte. Natürlich hatte er gewusst, dass sie seit dem Auftauchen dieses Fremden nicht mehr der Mensch gewesen war, auf den er sich stets verlassen hatte, aber ihr Testament …

Allein schon beim Gedanken daran fletschte Silas die Zähne.

Dank des Testaments war er ein für alle Mal mit Patricia fertig.

Nachdem Jules ihren Brief geschrieben hatte – nachdem das moralisch, wenn auch noch nicht juristisch erledigt war –, war Silas sicher, dass sie beide von nun an gut zurechtkommen würden. Seine Schwester war kein sonderlich verspieltes Kind und sehr sauber, Gott sei Dank, hatte aber keinen Putzfimmel und wollte auch nicht ständig grundlos etwas verändern. Alles in allem war Jules ein praktischer und vernünftiger Mensch.

Und Silas hatte das Gefühl, dass ihr Haus genau für solche Menschen gedacht war: praktische, vernünftige Leute, die sich um das Haus kümmerten, ohne unnötige Veränderungen vorzunehmen. Größe, Form und Raumaufteilung konnten bleiben, wie sie waren. Das Haus besaß kühle, schattige Zimmer für den Sommer und warme, gemütliche Plätzchen für den Winter. An manchen Stellen war es ein bisschen dunkel, doch das war nur ein geringer Preis dafür, durch einen wunderschönen alten Baumbestand von einer geschäftigen Straße abgeschirmt zu sein. Außerdem hatten die meisten großen, alten Häuser ihre dunklen Ecken, und ihr Haus verfügte außerdem über hübsche Erkerfenster im Wohn- und Hauptschlafzimmer sowie eine elegante Treppe.

Bevor seine Mutter ihm das Haus hatte wegnehmen wollen, war Silas sich nie darüber im Klaren gewesen, wie sehr er es liebte; er war sich bisher nie bewusst gewesen, dass es fast schon lebendig war, eine Art Organismus wie eine schützende äußere Haut.

Wie ein Mantel, hatte er sich selbst einzureden versucht, als er zu Stephen Wetheralls Büro ging. Ein Unterschlupf. Doch er hatte das nicht wirklich geglaubt. Es war weit mehr als das und würde es immer sein, solange es nur ihr Haus blieb. Das Haus der Familie Graves.

Sein Haus.

9.

Vor ihrem Treffen mit Silas hatte Abigail ihre schönste Zeit auf Allen’s Farm verbracht, dem Heim ihrer Eltern in den Pentland Hills, südlich von Edinburgh. Seit sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst geworden war, ungefähr mit zwölf, war sie dort fast rundum glücklich gewesen.

Schule im Dorf. Regelmäßige Fahrten mit Francesca – der in Glasgow geborenen Tochter einer leidenschaftlichen italienischen Musikerin und eines Schotten – nach West Linton, um dort Vorräte und Süßigkeiten einzukaufen. Das Lammen war für ihre Eltern und die Farmhelfer die härteste Zeit des Jahres, doch Abigail hatte diese Arbeit geliebt, weil sie dann Douglas, ihrem Vater, auf den Koppeln half, wann immer ihre Hausaufgaben und der Musikunterricht es erlaubten; manchmal hatte sie sogar die schwächsten Lämmer mit der Flasche füttern dürfen. Nachdem die Tiere entwöhnt waren, begleitete sie ihren Vater auf Transportfahrten nach Lanark – schreckliche Fahrten, denn trotz ihrer jungen Jahre wusste Abigail, was mit den Tieren geschehen würde. Dougie hatte Abigail erklärt, dass Markttage ein grundlegender Bestandteil des bäuerlichen Lebens seien; nur so komme Essen auf den Tisch, und da Abigail nie gesehen hatte, dass ihr Vater grausam zu den Tieren gewesen wäre, vertraute sie ihm und sah ein, dass es sein musste.

Zweimal im Jahr – einmal wegen des Festivals, das andere Mal wegen der Weihnachtsbeleuchtung – unternahmen die Allens Fahrten nach Edinburgh. Abigail gefielen die Lichter. Doch ein Schulkamerad, Jamie Cochrane, hatte sie einmal gewarnt, dass die Felsen unter der Burg brüchig wurden und es nur eine Frage der Zeit sei, bis das Ganze in die Princess Street stürzen würde.

»Genau auf deinen Kopf«, hatte er gesagt.

Abigails Eltern hatten gelacht, als sie ihnen davon erzählt hatte, und ihr gesagt, sie brauche sich nicht zu fürchten. Die Burg sei fest und unverrückbar und würde noch lange bleiben, wo sie war. Trotzdem musste Abigail stets an Jamie Cochranes Warnung denken und tat ihr Bestes, die Eltern davon zu überzeugen, auf der Ladenseite der Princess Street zu bleiben.

Am sichersten fühlte sie sich auf der Farm. Dort gab es die Landarbeiter und die Schafe und die wunderbaren Farben und Gerüche des Landes, des Grases, der Wildblumen und die herrliche Weite der zeitlosen Landschaft – und das alles nur für sie. Abigail wünschte sich nichts sehnlicher, als ewig hier bleiben zu können. Während einige Schulfreunde erklärten, sie würden viel lieber in einer der großen, aufregenden Städte wohnen wie Edinburgh, Glasgow oder gar London, konnte Abigail sich kein schöneres Leben vorstellen als auf dem Lande.

»Wenn ich groß bin«, sagte sie in der Schule zu Jeannie McEwan, »werde ich Farmerin, genau wie mein Daddy.«

»Aber deine Ma will, dass du Musik machst«, sagte Jeannie.

»Das ist bloß Spinnerei«, erklärte Abigail. »Wenn ich um die Welt fahre und auf ihrem Cello spiele, wer kümmert sich dann um die Farm?«

»Vielleicht bekommst du ja noch einen Bruder«, bemerkte Jeannie.

»Ma kann keine Babys mehr bekommen«, sagte Abigail rundheraus. Dad hatte es ihr schon vor einer ganzen Weile anvertraut. Es hatte irgendetwas mit der Gebärmutter ihrer Ma zu tun; sie seien glücklich, wenigstens Abigail zu haben, hatte Dad gesagt. Abigail fiel es nicht schwer, das zu begreifen, denn ihr Vater hatte erklärt, es sei so ähnlich wie das, was vergangenen Frühling mit einem der Mutterschafe geschehen war – nur dass das Mutterschaft anschließend zum Abdecker gekommen war, was das Unglück ihrer eigenen Mutter für Abigail vergleichsweise nicht ganz so schlimm erscheinen ließ.

»Es gibt viel mehr im Leben als Allen’s Farm.«

Ihre Mutter hatte das schon mindestens ein Dutzend Mal zu Abigail gesagt. Die Landwirtschaft sei zwar wichtig und notwendig, hatte Francesca Allen erklärt, doch die Arbeit sei oft nahezu unbezahlte Plackerei.

»Es gibt Wunder auf dieser Welt weit jenseits dieser Hügel, sogar weit weg von Schottland«, sagte sie zu ihrer Tochter. »Dinge, die du eines Tages selbst sehen, selbst leben kannst, wenn du auf mich hörst.«

»Aber ich liebe die Farm, Ma«, erwiderte Abigail jedes Mal. »Ich liebe sie mehr als alles andere.«

»Noch«, erwiderte Francesca. »Aber wenn du älter bist …«

»… werde ich immer noch die Gleiche sein«, beharrte Abigail.

Meist lächelte ihre Mutter dann müde und wissend und ließ das Thema erst einmal auf sich beruhen, was aber nichts mit Kapitulation zu tun hatte, denn Francesca besaß einen eisernen Willen. Sie mochte die Träume ihrer Mutter zunichte gemacht haben, als sie ihren Platz am Konservatorium in Glasgow für ihre Liebe zu Douglas Allen aufgegeben hatte, um Bäuerin statt Cellistin zu werden, doch Abigail zeigte mit acht Jahren bereits mehr musikalisches Potenzial (nach Francescas Meinung als Abigails Lehrerin, nicht als Mutter), als sie selbst je besessen hatte; deshalb wollte sie verdammt sein, wenn sie zuließ, dass ein solches Talent ungenutzt blieb.

Was Dougie betraf, äußerte er sich kaum dazu. So sehr die Liebe seiner Tochter zum Landleben ihn freute – ihn stimmte der Gedanke traurig, dass der Hof irgendwann in fremde Hände überging, sollte seine Frau ihren Willen bekommen. Aber er wusste auch, wie groß ihre Leidenschaft war, wie viel sie für ihn aufgegeben hatte und wie sehr sie an Abigails musikalische Begabung glaubte, und da er ein friedfertiger Mann war, empfand er es als sehr viel leichter, seiner Frau so wenig wie möglich zu widersprechen.

»Und wenn sie eines Tages keine Lust mehr hat und nicht weiter üben will?«, hatte er einmal gefragt.

»Das wird nicht geschehen«, hatte Francesca erwidert.

Und es geschah auch nicht, denn wie Dougie ging auch Abigail einem Streit möglichst aus dem Weg, und sie liebte ihre Mutter. Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt sie Cello (»Violoncello« nannte ihre Mutter es manchmal, wenn sie ernsterer Stimmung war); sie wusste noch, wie Francesca sie zum ersten Mal an das wunderschöne alte Instrument gesetzt und den Dorn verkürzt hatte, damit Abigail den Hals greifen konnte. Sie sollte ein Gefühl für das Instrument bekommen – das glatte Holz, die Saiten. Francesca hatte es genossen, ihrer Tochter dabei zuzusehen, wie sie dem Cello mit den Fingern die ersten Töne entlockt hatte. Dann reichte sie ihr den Bogen.

»Fass ihn mal an«, forderte Francesca sie auf. »Das ist Pferdehaar. Bögen für Streichinstrumente werden aus dem Schweifhaar von Hengsten gemacht.«

»Tut ihnen das weh?«, wollte Abigail sofort wissen.

»Nicht mehr, als es dir wehtut, wenn ich dir die Haare schneide«, antwortete ihre Mutter.

»Warum sind die Haare von Hengsten?«

Da ihre Tochter zu diesem Zeitpunkt schon oft beobachtet hatte, wie die Widder die Mutterschafe besprangen, hatte Francesca keine Probleme, Abigail zu erklären, dass die Schweifhaare von Stuten oft mit Urin durchtränkt waren, während dies bei Hengsten nicht der Fall war.

»Und jetzt«, fuhr Francesca fort, »setz dich richtig hin und versuch, das Cello zwischen den Knien festzuhalten.« Sie hielt kurz inne und schaute ihrer Tochter dabei zu. »Wenn wir mehr Geld hätten«, sagte sie, »könnten wir dir ein kleineres Instrument besorgen, aber …«

»Nein.« Abigail bemühte sich, eine Körperhaltung zu finden, in der sie den Klangkörper und den Hals des großen Instruments am besten greifen und halten konnte. »Ich mag das hier.«

Ihre Mutter hatte aus Freude über diesen kleinen Anfang zufrieden gelächelt.

»Wenn du so weit bist«, sagte sie, »nimm wieder den Bogen – mit der linken Hand, nicht mit der rechten –, und halte ihn genau da«, sie zeigte es ihr, »fast ganz am Ende, gleich unter dem Frosch, wie man ihn nennt …«

»Frosch?« Abigail riss staunend die grauen Augen auf.

»Ich habe keine Ahnung, warum er so heißt«, sagte Francesca, »aber es ist so.«

Sie zeigte Abigail, wie man den Bogen zum Spiel vorbereitete, wie man ihn spannte und richtig hielt. Sorgfältig legte sie jeden Finger ihrer Tochter an die richtige Stelle und wartete insgeheim darauf, dass das Kind gelangweilt reagierte und den Bogen wegwarf.

Es war der Erziehung und Begabung ihrer Mutter zu verdanken, erkannte Abigail später, dass sie nicht so reagiert hatte. Im Gegenteil – ihre Übungsstunden waren selten langweilig. Sie fand die Musik, die ihre Mutter spielte, sehr schön und hatte den ehrlichen Wunsch, ihr nachzueifern. Fast von Anfang an erregten sie die vollen Töne, die sie dem kostbaren Instrument zu entlocken vermochte. Auch wenn sie manchmal lieber draußen auf den Feldern bei ihrem Dad gewesen wäre, als mit dem Cello zu üben, um ihre Mutter bei Laune zu halten, gehorchte Abigail ihr gern.

Viel später, wenn sie auf den letzten Abschnitt ihrer frühen Kindheit zurückblickte, fiel es Abigail schwer, genau zu sagen, ab wann sie sich von dem zufriedenen, aufgeschlossenen Kind in die pampige, mürrische Kreatur verwandelt hatte, die schließlich alles zerstört hatte, was in ihrem Leben schön gewesen war. Vielleicht war es die Pubertät gewesen, die diese so genannte »erwachsene Reife« in ihrem Geist und ihrem Körper verbreitet hatte.

Aber das war keine Entschuldigung.

»Es war ein schrecklicher Unfall«, sagten alle.

Nein, es war ihre Schuld, da konnten sie reden, was sie wollten.

Aber alle hatten Abigail befohlen, das nie zu sagen, und so hatte sie es nie getan.

Abigail war zu ihrer Tante Betty gezogen, Dougies Schwester, die mit ihrem Mann Bill Innis in einem kleinen Reihenhaus in Ravenscraig lebte, mit einem winzigen Garten ohne Tiere, mit denen Abigail hätte spielen können (was sie auch nicht verdient gehabt hätte). Eine Zeit lang hatten Tante und Onkel sich redlich bemüht, ihre depressive und deprimierende Nichte zu lieben, doch Abigail hatte es nicht ertragen können, wenn man nett zu ihr war, und so hatten Betty und Bill sich irgendwann damit abgefunden, mit ihrer Nichte zurechtkommen zu müssen, bis sie alt genug war, sie wieder zu verlassen.

Es war Francescas Cello gewesen, das Abigail vor der völligen Selbstzerstörung bewahrt hatte. Es war der einzige Trost, den sie sich in den Monaten und Jahren nach der Tragödie zugestand, der einzige Gegenstand, den sie vom Hof hatte mitnehmen wollen. Denn das Cello zu behalten, sich darum zu kümmern und täglich darauf zu üben war alles, was sie jetzt noch für ihre Mutter tun konnte.

Allerdings durfte Abigail nicht im Haus spielen, wegen der Nachbarn – Tante Betty hatte die Musikliebe ihrer Schwägerin ohnehin nie verstanden, sondern sie für ein Symptom ihrer »Fremdartigkeit« gehalten. Also hatte Abigail Miss Howe, ihre neue Musiklehrerin, darum gebeten, das Instrument in der Schule verwahren und dort üben zu dürfen, und Gwen Howe, die das Cello sehr liebte, hatte es auf sich genommen, dort weiterzumachen, wo Francesca aufgehört hatte. Gleichermaßen bewegt von der Tragödie des Kindes wie von Abigails Hingabe an die Musik, hatte Gwen Howe sie kostenlos unterrichtet, und schlussendlich hatte sie Abigail dazu bewegen können, das Konservatorium in Glasgow zu besuchen …

… den Platz einzunehmen, der rechtens ihrer Mutter zugestanden hätte.

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