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Teufelstod

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmungr
  7. 1. Träume
  8. 2. Realität
  9. 3. Eingeholt
  10. 4. Alte Bekannte
  11. 5. Märchen
  12. 6. Heimsuchungen
  13. 7. Grüße aus der Hölle
  14. 8. Glaubenssache
  15. 9. Wer ist der Böse?
  16. 10. Antworten
  17. 11. Überraschung
  18. 12. Drohungen
  19. 13. Theater
  20. 14. Von Mauerblümchen und Verrätern
  21. 15. Wo der Himmel ist
  22. 16. Teufelsengel
  23. 17. Auf der Suche
  24. Danksagung

Über die Autorin

Sabrina Qunaj, geb. 1986, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Steiermark/Österreich. Nach der Matura an der Handelsakademie arbeitete sie als Studentenbetreuerin in einem internationalen College für Tourismus, ehe sie eine Familie gründete und das Schreiben zum Beruf machte.

Träume

Das Blut tropfte von seinen Armen und fiel zischend hinab in die Flammen. Er saß auf einer Art Riesenrad, wie man es in Vergnügungsparks fand, nur dass es mit Spaß wenig zu tun hatte. Der untere Teil des Rads verschwand in einem Meer aus Feuer.

Der Sitz schaukelte quietschend in dem sengend heißen Sturm hin und her, als müsse auch noch das Gehör gefoltert werden, um ja keinen einzigen der fünf Sinne auszulassen. Beinahe hatte Damian den höchsten Punkt der Umdrehung erreicht, doch er fürchtete nicht die Gefahr hinabzustürzen. Seine Unterarme waren mit Eisenbolzen durchschlagen und fesselten ihn an die Lehnen, was jede Bewegung unmöglich machte. Um den Hals trug er einen stachelbesetzten Ring, der ihn in aufrechter Position hielt – die Stacheln führten nach innen und bohrten sich tief ins Fleisch, sodass jeder Atemzug eine Qual war. Erst wenn sich das Rad wieder herabsenkte, würde es aber wirklich unangenehm werden. Er wusste es. Er hatte es mehr als einmal erlebt. Alle Passagiere, die unterhalb von ihm saßen, machten diese Erfahrung in ebendiesem Moment, und ihre Schreie übertönten selbst das ohrenbetäubende Tosen und Krachen des Feuers.

Damian kannte den Schmerz, er wurde nicht zum ersten Mal durch die Flammenhölle geschickt, denn schließlich drehte sich das Rad unaufhörlich weiter, auf und ab, rundherum. Doch das Wissen, dass er nicht an den Schmerzen sterben würde, machte alles nur noch schlimmer. So würde er die Ewigkeit verbringen, und das war wohl noch gnädig. Auf diesem Spielplatz der Hölle gab es noch andere Dinge, die sich irgendein kranker Gott noch vor Luzifers Zeiten ausgedacht hatte und die von Damians Vater wohl nur generalüberholt worden waren. Sie alle waren mindestens genauso schlimm wie dieses Feuerrad. Schon als Kind war er hier gewesen – nach dem Tod seiner Mutter, damit ihr himmlischer Einfluss von ihm abgewaschen werde. Er hatte gewusst, was ihn hier erwartete. Die ganze Zeit während seines Falls in die Feuerhölle hatte er es gewusst. Er hatte Emily in die Augen geblickt, und die Angst war zu einer Nebensächlichkeit geworden. Wie sehr er sich getäuscht hatte.

»Hast du genug?«, fragte eine süß säuselnde Stimme neben ihm. »Du musst nur ein Wort sagen, und ich mache alldem ein Ende.«

Damian konnte den Kopf nicht drehen, doch er wusste auch ohne ihr Gesicht zu sehen, dass es seine Schwester war. Jene, die er einst selbst hierher, in den Tartaros, gesandt hatte, um sein Geheimnis vor Emily zu verbergen. Nur mit dem Unterschied, dass sie jetzt mit Emilys Stimme sprach. Eine zusätzliche Strafe. Vermutlich hatte sie auch ihr äußeres Erscheinungsbild verändert, und so hatten die Eisendornen in seinem Hals zumindest etwas Gutes. Da er sie nicht sehen konnte, musste er sich nicht auch noch mit dem Anblick des Menschen quälen, den er verloren hatte. Emily.

»Hau ab«, zischte er mühsam. Seine Kehle blutete, und er widerstand nur schwer dem Würgereiz. Das salzige Blut sammelte sich in seinem Mund, aber er wusste aus Erfahrung, welche Schmerzen es hervorrief, sich in diesem Zustand zu übergeben.

»Flehe um Vergebung«, fuhr seine Schwester mit ihrer Beschwörung fort. Das Rad hatte mittlerweile den höchsten Punkt erreicht. »Er wird dich zurückholen, genauso wie mich. Komm endlich zur Vernunft!«

Damian schwieg. Kein Wort war es wert, noch mehr zu leiden, denn er würde ohnehin nicht nachgeben. Was auch immer der Tartaros aus ihm machen würde, es war besser, als das Ebenbild seines Vaters zu werden. Niemals würde Luzifer erneut Gelegenheit bekommen, ihn auf irgendeine Weise zu formen oder zu beeinflussen. Damian war zwar Luzifers Sohn, doch in ihm floss auch das Blut eines Schutzengels. Die Abstammung des Himmels in ihm war nur schwach ausgeprägt und wurde vom wütenden Tosen der satanischen Herkunft unterdrückt – und trotzdem war sie da. Irgendwo.

»Der Dämon ist in dir, Damian. Kämpfe nicht dagegen an. Wir sind schließlich eine Familie.«

Zwei weitere Verdammte verschwanden im Feuer unter ihm. Es würde nicht mehr lange dauern, und egal wie sehr er nach außen hin seine tapfere Miene aufrechterhielt, in seinem Inneren weinte er bereits vor Angst. Es spielte keine Rolle, dass er göttliches Blut in sich hatte, die Schmerzen waren dieselben. Daran würde er sich nie gewöhnen, egal wie oft er noch mit dem Rad hinabfuhr.

»Wem willst du etwas beweisen, hm? Diesem Mädchen? Sie ist zurück in ihrer Welt und hat dich längst vergessen. Was soll das alles hier? Du könntest niemals in die Dimension der Sterblichen, und wenn du wirklich mit ihr zusammen sein willst, dann bitte Vater darum.«

Die nächste Gondel tauchte ein ins Feuer.

»Akzeptiere dein wahres Ich, und dann hol das Mädchen zu dir. Hier ist der einzige Ort, an dem du sie haben kannst. Ich verstehe zwar nicht, was du an ihr findest, aber wenn du sie unbedingt behalten willst, bitte. Du musst bloß aufhören, so stur zu sein.«

Die Hitze strich über seine Haut. Damian biss die Zähne zusammen und versuchte, die Worte seiner Schwester zu ignorieren. Mit jedem Mal wurden sie verlockender. Mit jeder Umdrehung des Rads klangen sie logischer. Mit jeder Umdrehung verfluchte er sein Herz aufs Neue, das ihm verbot, Emily einfach in die Hölle zu führen, um mit ihr die Ewigkeit an diesem Ort der Dunkelheit zu verbringen. Mit jeder Umdrehung verfluchte er Emily aufs Neue, da sie in ihm so etwas wie ein Gewissen geweckt hatte. Es könnte alles so einfach sein.

»Nun.« Seine Schwester richtete sich neben ihm auf. »Viel Spaß, Damian. Wir sehen uns auf dem Weg nach oben wieder.«

Das Schließen der Augen nützte nichts, das letzte Mal Luftholen ließ nur die Hitze in seine geschundene Kehle. Das Feuer umschloss ihn und schluckte seine Schreie ebenso wie seinen Körper.

***

»Damian!«

Die Flammen wollten nicht weichen, leckten immer noch über seinen Körper, drangen in ihn und verzehrten ihn. Die Grelle vor seinen geschlossenen Lidern stach in seine Augen, sein eigener Schrei drohte ihm den Kopf zerspringen zu lassen. Jemand berührte ihn, packte ihn an den Schultern, doch es fühlte sich an, als brächen seine Knochen unter dem Griff.

»Verdammt, Alter!«

Er kannte diese Stimme, konnte sie jedoch nicht zuordnen. Sie war neu, bedeutete Veränderung. Alles war anders. Sein Atmen, sein Herzschlag. Es tat weh, so weh.

»Hey, jetzt beruhig dich! Du hast geträumt! Schon wieder«, fügte die Stimme hörbar genervt hinzu, und endlich ließ der Schmerz wie eine zurückweichende Welle von ihm ab. Seine Lunge pumpte immer noch verzweifelt um jedes bisschen Sauerstoff und sein Herz raste. Dennoch schaffte er es endlich, die Lider zu öffnen.

Das Licht blendete, rührte aber nicht vom Feuer, sondern von einer Stehlampe neben der Couch. Am Boden lagen ein umgestoßener Holztisch und einige Gläser. Der Fernseher neben dem erkalteten Kamin flackerte grau vor sich hin. Das Gesicht eines jungen Mannes schob sich in sein Blickfeld. Verschlafene und rot geränderte Augen sahen ihn hinter den zerzausten Strähnen eines blonden Schopfes hervor an. Der Griff um seine Schultern löste sich, und allmählich kehrte seine Erinnerung zurück. Damian fiel wieder ein, wo er war und wer sich hier vor ihm befand.

»Will«, brachte er krächzend hervor, als müsse er sich selbst die Antwort geben und beweisen, dass er wirklich zurück war.

Sein Gegenüber atmete auf und strich sich das halblange Haar zurück. »So langsam fängt das an zu nerven«, meinte er und griff hinter sich, um den Couchtisch wieder aufzustellen. »Wieder ein Traum?«

Damian kniff die Augen zusammen und versuchte die Bilder und Gefühle von sich fernzuhalten, sie auszusperren, damit sie niemals wiederkämen. »Oder eine Botschaft«, sagte er mit heiserer Stimme und nahm dankbar das Glas Wasser entgegen, das Will ihm reichte. Er hatte gelernt, dass ihm die Kühle in der Kehle guttat und seinen Körper neu belebte. Seinen menschlichen Körper. »Vielleicht auch Erinnerungen.« Er atmete tief ein. »Ein Traum?«

Zu träumen war eine neue Erfahrung für ihn. Einen Teil seines Selbst in eine andere Ebene gleiten zu lassen, auch wenn das Unterbewusstsein direkt mit dieser Dimension verbunden war, machte ihm eine höllische Angst. Träume bedeuteten nichts Gutes, und er konnte nicht verstehen, wie die Menschen damit leben konnten. Er wusste, dass auch Emily von Träumen geplagt geworden war – von Erinnerungen an ihre verstorbene Freundin. Erst jetzt begriff er wirklich, was sie durchgemacht haben musste, bevor er damit begonnen hatte, sie zu treffen, wenn sie schlief. Diese Momente, in denen er sie zu sich geführt hatte, schienen ihm hunderte Leben entfernt; seine erwachenden Gefühle in einer Wiese aus Gänseblümchen, die all seine Pläne und Absichten über den Haufen geworfen hatten.

»Willst du darüber reden?« Will ließ sich neben ihn auf die Couch fallen und trank selbst etwas Wasser. »Das geht jede Nacht so. Ich finde das echt unheimlich.«

Damian ließ sich zurücksinken und sah sich im Wohnzimmer von Wills Haus um. Es gab keinen anderen Ort, an den er gehen konnte, und niemanden, den er in dieser Dimension kannte. Bis auf Will. Und Emily.

Sein Blick blieb an der gläsernen Außenwand hängen. Draußen war es noch stockdunkel, doch mitten im Winter sagte das nichts aus. Der Morgen mochte näher sein, als er ahnte. Ein paar Stunden musste er wohl noch ausharren, ehe endlich das tröstende Sonnenlicht den Schnee erleuchtete und er die Nacht endgültig überstanden hatte. Bis dahin konnte er sich jedoch Besseres vorstellen, als mit Will seine menschliche Psyche zu analysieren. Er fühlte sich in seiner Gegenwart ohnehin nicht wohl, da spielte es keine Rolle, dass Will ihn bei sich aufgenommen hatte. Zu viel stand zwischen ihnen. Es gab zu viel, das Damian wusste und zu viel, das Will niemals auch nur ahnen würde. Will war alles, was Damian niemals sein würde, und er war dem Himmel so viel näher, als Damian jemals kommen könnte. Natürlich hatte Damian eine Chance von seinem Onkel – dem Herrscher des Himmels – erhalten. Ein Leben, das er zu Gottes Zufriedenheit leben könnte, um selbst das Licht und die Seligkeit zu erlangen, doch Damian war keineswegs so naiv zu glauben, er könne diese Seite nach dem Tod erreichen. Er war jetzt zwar ein Mensch, der Hölle jedoch immer noch nahe, und das würde sich niemals ändern.

»Mir geht es gut«, antwortete er in der Hoffnung, die Fürsorge dieses Beinahe-Heiligen zufriedenzustellen, doch natürlich kam er damit nicht durch.

»Ich weiß, du willst nicht reden, aber meistens hilft es, das Geschehene zu verarbeiten.«

»Bei Menschen.«

»So einer bist du jetzt auch.«

Damian ging nicht darauf ein, denn er fühlte sich immer noch nicht wie ein Mensch. »Ich war in der Hölle.« Er sah Will in die Augen. »Was gibt es da zu sagen? Gott hat mich errettet, so wie er es nun einmal macht. Sonst wäre er wohl nicht unser Herr.«

»Du warst mehrere Tage in … der Hölle.«

Beinahe hätte Damian aufgelacht. Er wusste, hier in dieser irdischen Dimension war seit seinem Fall in den Tartaros kaum Zeit verstrichen, doch für ihn waren es Jahre gewesen. »Ja, ein paar Tage.«

»Hör mal.« Will richtete sich auf und stellte sein Glas ab. »Ich weiß wirklich zu schätzen, was du für Emily getan hast, und ich weiß auch, dass du … etwas für sie empfindest. Aber …«

»Aber?« Wenn er mit Will über etwas noch weniger sprechen wollte, als über die Hölle, dann war es Emily.

»Aber du solltest dein Leben auf die Reihe kriegen, Mann. Wenn du mit mir nicht reden willst, bitte, aber dann rede wenigstens mit ihr.«

Damians Kiefer spannte sich an. »Kein Wort zu ihr«, knurrte er und knallte sein Glas auf den Tisch, mit mehr Kraft, als vielleicht notwendig gewesen wäre. »Sie soll nichts davon wissen.« Er umfasste den Raum mit einer ausholenden Geste und sah Will wieder in die Augen. »Wir müssen sie nicht unnötig sorgen. Mein Körper ist jetzt menschlich, und meine Seele muss sich erst darin … einleben. Das alles geht wieder vorüber.«

»Wollen wir’s hoffen.«

»Kein Wort zu ihr«, wiederholte Damian, und als Will nickte, wusste er, er konnte sich darauf verlassen. Es hätte ihm noch gefehlt, dass Emily auch noch anfing, ihn über die Hölle auszufragen und von ihm wissen wollte, was mit ihm geschehen oder wie er gerettet worden war. Nächtliche vertrauliche Gespräche konnte er genauso wenig gebrauchen, und so erhob er sich und machte sich auf den Weg ins Badezimmer.

»Du musst dir Hilfe holen!«, hörte er Will noch aus dem Wohnzimmer rufen. »Irgendwann musst du anfangen zu leben und dir Gedanken über die Zukunft machen.«

Damian schloss die Badezimmertür hinter sich. Kraftlos, ohne durch ein Zuschlagen zu zeigen, dass er genug hatte. Stattdessen verhielt er sich vollkommen zivilisiert. Er musste sich schließlich daran gewöhnen. Er musste sich daran gewöhnen, an Orte zu gehen, an die er gelangen wollte, zu trinken, um seinen Durst zu stillen, zu essen, um nicht zu verhungern. Sein Wille allein hatte keine Macht mehr. Er selbst besaß keine Macht mehr – und er war hilflos wie ein Säugling. Wie konnten Menschen nur so leben?

Seufzend beugte er sich über das Waschbecken und drehte den Hahn auf. Das Rauschen erfüllte den Raum und toste durch seinen Kopf. Er wollte sich gerade hinunterbeugen, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen, da bemerkte er eine Veränderung des Spiegelbildes.

Sofort beschleunigte sich sein Herzschlag wieder, das menschliche Organ pochte schmerzhaft gegen seine Brust. Schweiß bedeckte seine Stirn, und seine Hände klammerten sich an den Waschbeckenrand.

Er sah sich selbst im Spiegel, seine Augen waren vollkommen schwarz. Seelenlose Höhlen in einem kränklich blassen Gesicht mit blutverschmierten, zu einem widerwärtig geformten Lächeln verzogenen Lippen. An seinem Hals zeugten die blutverkrusteten Löcher noch von den Eisendornen, und sein dunkles Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn.

»Wie lange glaubst du, dich verstecken zu können?«, fragte seine eigene, dämonisch entstellte Stimme im Spiegel. »Wie viele Jahre dauert ein menschliches Leben? Du wirst sterben und zur Hölle fahren. Du wirst zurückkommen.«

Damians Beine wurden schwächer, zitterten auf einmal, ein völlig unbekanntes Gefühl. Er kannte diese körperliche Schwäche nicht. Alles um ihn herum begann sich zu drehen. Zurück in die Hölle. Immer wieder hallten die Worte in seinem Kopf, und die Angst lähmte ihn, machte es ihm unmöglich, den Blick von seinem Spiegelbild abzuwenden. Er konnte nicht zurück in die Hölle, er würde es nicht durchstehen. Nicht noch einmal.

»Du kannst uns noch retten. Bitte Luzifer um Verzeihung.«

»Nein.«

»Dann gehst du wieder in den Tartaros. Und das wird dort aus uns werden.«

Sein Spiegelbild riss den Mund auf, Blut schoss daraus hervor, und Damian meinte zu spüren, wie es ihn besudelte. Die schwarzen Augen starrten ihn an, während ein bestialisches Knurren ertönte.

Damian presste seine Hände an die Ohren und schloss die Augen. Er sackte zu Boden und kauerte sich auf den Fliesen wie ein Kleinkind zusammen. Früher oder später würde er zurück in den Tartaros müssen. Dieses Leben dauerte nicht ewig. Und er würde zu einem wahrhaftigen Dämon werden, egal, ob durch Kapitulation vor seinem Vater oder durch die Qualen des Tartaros. Der Himmel war unerreichbar.

Nur am Rande hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und jemand eintrat.

»Verdammter Mist! Hört das denn nie auf?«

Genau das fragte Damian sich auch.

Realität

Weihnachten war die Zeit der Freude, des besinnlichen Zusammenseins und des Friedens. Zumindest sollte es so sein. Wofür sonst waren diese Phrasen auf all den Grußkarten zu lesen, die ohnehin nur den Mülleimer fütterten?

Etwas inneren Frieden könnte Emily im Moment durchaus gebrauchen. Die Stille um sie herum war dabei nicht besonders hilfreich. So unheimlich das Weihnachtsfest dieses Jahr auch gewesen war, es konnte nicht einmal annähernd mit den darauffolgenden Tagen mithalten: den allgemein gefürchteten Verwandtenbesuchen. Eine Großmutter, sechs Onkel und Tanten mit einem ganzen Haufen Cousins und Cousinen, die sie alle nur ein Mal im Jahr sah, und sie hatte sogar Wills Onkel an den Feiertagen ertragen müssen. Stress und Trubel, die sie die ganzen Tage über auf Trab gehalten hatten, und ihr noch nicht einmal nachts etwas Ruhe ließen. Denn in den ungewohnt stillen Momenten, in denen sie in den Schlaf zu sinken versuchte, schwirrten die wildesten Gedanken durch ihren Kopf. Jeden Abend fürchtete sie bereits den kommenden Morgen – den Moment, in dem sie mit der Hoffnung aufwachte, dass die letzten Tage nur ein verrückter Traum gewesen waren. Doch mit jedem Öffnen der Augen stellte sich heraus, dass sie tatsächlich in dieser verdrehten Wirklichkeit lebte, die sie immer noch nicht begreifen konnte – geschweige denn die Zeit hatte, sich richtig damit zu befassen. So wie jetzt, wo ihr der schlimmste Verwandtenbesuch bevorstand, den sie wohl kaum heil überstehen würde.

Ein Blick in die Runde bestätigte, dass sie mit dieser Meinung nicht alleine war. Ihr gegenüber saß ihre Mutter Mary am Esstisch und warf immer wieder einen bangen Blick zur Uhr, die mit dem bedrohlich fortführenden Takt die Stille durchbrach. Daneben knetete Emilys Vater die Tischdecke und strich sie wieder glatt. Dass er damit ohne eine Bemerkung von Seiten ihrer Mutter durchkam, war äußerst bedenklich. Genauso bedenklich wie das Verhalten ihrer besten – und einzigen – Freunde Will und Annie, die sich zu ihrer linken Seite auf ihren Tee konzentrierten, und Emily nur hin und wieder mit dem Klirren der Löffel in den Tassen aufschreckten.

Verursacher ihres nervösen Bauchflatterns, das selbst den angedrohten Besuch ihrer Großtante unwichtig erscheinen ließ, war jedoch die Person zu ihrer Rechten. Ihr Freund. Ihr offizieller, von ihren Eltern und Gott anerkannter und vor allem realer, in dieser Dimension existenter Freund.

Möglichst unauffällig drehte sie den Kopf zur Seite und wurde sogleich von grünen Augen getroffen, die sie unter hochgezogenen Augenbrauen hervor ansahen. Damian zog einen Mundwinkel hoch und schenkte ihr ein nicht besonders gelungenes Lächeln, das sie anscheinend aufmuntern sollte. Ob sie sich wohl jemals an diesen Anblick gewöhnen würde? Ihren Schutzengel, der mit ihr am Esstisch saß und Lebkuchen vertilgte?

Emily wandte sich wieder ab und begegnete dem prüfenden Blick ihrer Mutter, der viel zu tief in sie zu sehen vermochte. Mary hatte den düsteren Fremden, der so plötzlich in ihrem Leben erschienen war, auf ihre berühmt herzliche Art aufgenommen, ein Hauch von Misstrauen blieb dennoch. Völlig begründet natürlich.

Wie könnte ein acht Tage alter Mensch kein Misstrauen erregen? Ein Mensch, dessen Augen mit schaurig düsterer Dunkelheit eine Gänsehaut hervorrufen konnten und dessen schwarzes Haar – bei einem offiziellen Alter von einundzwanzig Jahren – von grauen Strähnen durchzogen war? Ein junger Mann, der direkt aus der Hölle kam und jetzt an seinem Tee nippte. Völlig normal.

Dies sollte auch ihr Lächeln ausdrücken, doch ihre Mutter kannte sie zu gut. Ihr Blick wanderte zu Damian und wieder zurück zu ihr, auf eine Weise, die nichts Gutes bedeuten konnte. Ein Blick, den Emily mit einer in siebzehn Jahren perfektionierten Unschuldsmiene erwiderte.

Ihre Mutter wäre von der Wahrheit wohl wenig begeistert gewesen, und so war Damian zum Studium-Hinschmeißer erklärt worden, an den Emily ihr Herz verloren hatte. Es könnte alles so einfach sein – die Geschichte hatte ihr Happy End gefunden, doch leider war dies noch nicht ganz zu Emily durchgedrungen.

Gedankenversunken rührte sie in ihrem Tee und durchbrach damit die Stille. Plötzlich klingelte es an der Tür, und die schweigsame Versammlung am Esstisch fuhr zusammen, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Die angespannten Mienen verwandelten sich in diesem Bruchteil der Sekunde in Grimassen der Angst, denn sie alle wussten, dass Großtante Sue mit ihren Enkelkindern vor der Tür stand und es kein Entkommen gab.

Ob es wohl Zufall war, dass ihre Mutter vor einer Stunde die Hintertür abgeschlossen und den Schlüssel hoch oben auf einem Küchenregal versteckt hatte? Wollte sie tatsächlich den Fluchtweg versperren? Wie kam sie auf solche Ideen? Wo Emily und ihr Vater bloß ein einziges Mal auf diesem Weg verschwunden waren, um ein Dessert zum nachmittäglichen Kaffee zu holen. Ein Ausflug, der allerdings ganze drei Stunden gedauert hatte. Die Suche nach einem Geschäft, das geöffnet hatte, war zu einer lustigen Autofahrt geworden – weshalb diesmal vermutlich auch die Schlüssel des Fluchtfahrzeugs konfisziert worden waren.

Schweigend erhoben sie sich nacheinander von ihren Stühlen und schlenderten in den Vorraum, der kaum groß genug war, um ihnen allen Platz zu bieten.

Ihre Mutter legte die Hand auf die Türklinke, und Emily meinte zu sehen, dass sie doch tatsächlich noch einmal kurz tief einatmete, ehe sie die sichere Barriere zum Unheil öffnete.

»Tante Susi!«, rief sie dann mit ungewohnt schriller Stimme aus. »Wie schön dich zu sehen! Bitte. Kommt herein. Hallo, Kinder.«

Umgeben von einer Wolke eisiger Kälte trat die vornehme Dame ein, die selbst Emilys Mutter gerade einmal bis zum Kinn reichte. Der Saum des beigefarbenen Mantels war dunkel vom Matsch der Einfahrt, und auf die Fellhaube hatten sich ein paar Schneeflöckchen verirrt. Über einen dunklen Fransenschal sahen sich die von Faltenkränzen umrandeten Augen um, wobei sich die Anwesenden bemühten, diesem Blick auszuweichen. Augenkontakt konnte bei dieser Frau schnell gefährlich werden. Niemand wollte ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Vorerst hatten sie jedoch alle die erste Runde überstanden, denn in diesem Augenblick stürmten die achtjährigen Drillinge herein und wurden sogleich ermahnt, keinen Radau zu veranstalten.

»Ach, es sind doch Kinder«, sagte Emilys Mutter, die der kleinen Agnes über den Kopf strich. »Kinder sind nie zu laut.« Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da stand ihr die Erkenntnis der eigenen Unachtsamkeit ins Gesicht geschrieben.

»Ja, ich weiß, liebste Marilyn«, kam auch sogleich Tante Sues Antwort. Nur sie vermochte es, mit Erwachsenen wie mit ungehörigen Bengeln zu sprechen. »Dein unerfüllter Wunsch nach einer Bande lärmender Bestien hat dein Herz verweichlicht. Aber Kinder brauchen eine strenge Hand, um …«

»… bei der Militärakademie einen guten Eindruck zu hinterlassen«, unterbrach sie eine tiefe Männerstimme. »Hallo, Sue.«

Emily sah zu ihrem Vater auf, der ihr auf einmal wie der strahlende Ritter eines Märchens erschien. Auch in Tante Sues Blick lag ein Blitzen, jedoch eines, mit dem man eine ganze Armee in die Flucht schlagen könnte.

»Hallo, James«, begrüßte ihn die Großtante kühl und ergriff die dargebotene Hand. »Dich hier anzutreffen gleicht einem Wunder.«

Emilys Vater zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Was soll ich sagen«, seufzte er. »An Weihnachten geschehen die eigenartigsten Dinge.«

»So scheint es wohl zu sein.« Sie sah am Ehemann ihrer Nichte vorbei und zog beim Anblick der ungewohnt großen Zahl aufgereihter Jugendlicher die Augenbrauen zusammen. »Emily«, sagte sie schließlich, und am liebsten hätte Emily sich hinter den Männern versteckt. Doch auf die war natürlich kein Verlass. Will versetzte ihr einen solch heftigen Stoß in den Rücken, dass sie aus der sicheren Schlachtreihe nach vorn stolperte und sich ihrer Großtante gegenüber wiederfand.

»Hallo, Tante Sue«, begrüßte sie die über siebzigjährige Dame. »Ich hoffe, du hattest einen angenehmen Flug.«

»Wie soll ein Flug angenehm sein, wenn man die Ausdünstungen hunderter Menschen einatmet? Von diesem fürchterlichen Fraß einmal abgesehen, den sie Snack nennen.«

Emily wusste darauf beim besten Willen nichts Höfliches zu erwidern und sah etwas hilflos ihre Mutter an, doch Will hatte wohl eingesehen, dass er sich nicht länger drücken konnte. Irgendwann wäre er ohnehin an die Reihe gekommen. Daher wich er geschickt den Drillingen aus, die an ihm vorbei ins Wohnzimmer stürmten, und legte Emily die Hand auf die Schulter.

»Gib es zu, Tante Susie«, sagte er mit seinem flegelhaften Grinsen. »Du hast den Flug doch genossen und die ganze Zeit über mit den Flugbegleitern geflirtet.«

»Als würde ich mich zu solchem Benehmen herablassen.«

»Natürlich nicht.« Will beugte sich herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Er war der Einzige, der einigermaßen mit ihr umgehen konnte, und wurde daher von allen gerne als Schutzschild benutzt – als Riese, der nur knapp unter einem Türrahmen durchpasste, war dies kein Wunder.

»Du siehst gut aus«, bemerkte Sue auch sogleich, während sie ihn anerkennend von oben bis unten musterte. »Die Augen heilen, wie ich sehe.«

»Ich hab das Gröbste wohl hinter mir.« Heute hatte er die Sonnenbrille abgenommen, die er seit dem Unfall im letzten Mai beinahe ständig trug. Die Narben unter seinen Augen und an den Lidern waren verblasst und kaum noch zu sehen. Hin und wieder waren sie gerötet und blutunterlaufen, doch an diesem Tag sah er beinahe wieder aus wie früher – wie der blonde Sunnyboy, der jedes Mädchenherz zum Schmelzen bringen konnte – und auch das von älteren Angehörigen des weiblichen Geschlechts.

»Nun ja«, murrte Sue nach kurzem Schweigen, währenddem sie sowohl Will als auch Emily mit ihrem prüfenden Blick gemustert hatte. »Zu essen scheint ihr wohl beide nichts zu bekommen. Und du meine Güte, wie blass du bist, Mädchen. Marilyn siehst du nicht, wie blass sie ist? Und so dünn!«

Oh nein, dachte Emily. Sie hatte es kommen sehen. Dabei hatte sie zu diesem freudigen Anlass extra etwas tiefer in die Trickkiste gegriffen und Make-Up aufgelegt. Sie war immer schon eine geisterhafte Erscheinung gewesen, was ihr schwarzes Haar noch unterstrich, doch mit Schminke sah sie wohl noch gruseliger aus. Aber was sollte sie machen? Sie war bestimmt keine Anhängerin des Gothic-Looks. Und sie konnte ja nichts dafür, dass sie so aussah wie sie aussah. »Das ist jetzt so in Mode«, antwortete sie daher etwas bissig und erntete dafür nur ein verächtliches Schnauben.

Sie dachte schon, sie hätte das Schlimmste überstanden, da sah die Tante an ihr vorbei, und Emily fiel der Grund ihrer Nervosität vor diesem Besuch wieder ein.

»Und du bist?«, fragte Sue so sanft wie Schleifpapier.

Emily wusste nicht, ob sie erleichtert oder noch angespannter sein sollte, als sie aus den Augenwinkeln Annie einen Schritt vortreten sah. Noch war es nicht überstanden.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Darnby«, sagte ihre Freundin freundlich lächelnd. »Mein Name ist Annie und …«

»Annie?« Tante Sue schritt an Emily und Will vorbei und ging geradewegs auf den zarten Rotschopf zu, der sie mit glühenden Wangen betrachtete. »Was soll das für ein Name sein? Wie heißt du richtig?«

Annie klappte der Mund auf, und sie brachte einige Augenblicke lang kein Wort heraus. Will stellte sich sofort neben sie und legte seinen Arm um sie. Mit dieser Stütze fand sie dann doch noch zu einer Antwort. »Mein Name ist Annabelle Morningstar, Ma’am«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Ich bin hier zu Besuch.«

»Sie ist meine Freundin«, erklärte Will, und einen Moment lang war es bis auf das Geschrei der Drillinge im Wohnzimmer beunruhigend still.

»Ach«, machte Sue schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit. »Du hast jetzt also eine Freundin, William? Wer hätte das gedacht.«

Erneut kehrte Schweigen ein, während sich Tante Sue zu Emily umdrehte, ihr einen wütenden Blick zuwarf und schließlich wieder Annie ansah. Und obwohl Emily das Gesicht ihrer Tante nicht sehen konnte, war die Feindseligkeit deutlich zu spüren.

Tante Sue hatte genauso wie ihre Eltern stets gehofft, Emily und Will würden eines Tages zusammenfinden, aber anders als ihre Eltern war Sue von diesem Gedanken geradezu besessen. Es hätte Emily nicht gewundert, wären die Hochzeitseinladungen mit ihren beiden Namen als Brautpaar bereits gedruckt.

»Es muss ja sehr ernst sein«, sagte Sue schließlich, als sie sich wieder an Will wandte. »Ich meine, wenn du sie sogar hierher mitbringst.«

»Wer würde bei Marys Lebkuchen und Keksen zu Hause bleiben?«

»Und Annie ist uns mehr als willkommen«, warf Emilys Mutter sogleich ein, um die Situation etwas zu entspannen. Sue warf ihr jedoch nur einen mitleidigen Blick zu.

»Natürlich«, stimmte sie mit all ihrer Herablassung zu. »Mich wundert nur, dass du hier kein Waisenhaus eröffnet hast.«

»Ich bin keineswegs eine Waise«, kam es in der naiven Unwissenheit von Annie, die Tante Sue zu wenig kannte, um die Folgen ihrer Worte vorherzusehen.

Erwartungsgemäß fuhr diese auch sogleich zu dieser Vertreterin der frechen Jugend herum, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne.

Emily verspürte den Drang wegzulaufen, als die Tante die dunkle Gestalt im Schatten neben der Garderobe bemerkte.

Jetzt war es also so weit. Die Fürstin der Finsternis hatte den Sohn des Teufels entdeckt. Wenn das nicht Spaß versprach.

»Wer ist das?«, ertönte auch schon die schrille Stimme, die einer Alarmglocke Konkurrenz gemacht hätte. »Nimmst du wirklich schon jeden Streuner von der Straße auf, Marilyn?«

»Ähm, also, das ist …« Emily trat zu Damian und sah sich Hilfe suchend in der Runde ihrer Freunde und Verwandten um. Es war ihre Aufgabe Damian vorzustellen, schließlich war er ja auch irgendwie ihr Freund, aber wie zur Hölle sollte sie das machen? Wo sie ja noch nicht einmal selbst genau wusste, was er eigentlich wirklich für sie war. »Also … ähm, Tante Sue …«

»Ich bin Damian.« Furchtlos trat er einen Schritt auf die Tante zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin bei Will zu Besuch.«

Emily atmete auf, doch die Erleichterung darüber, dass er die Initiative ergriffen hatte, dauerte nicht lange. Denn jetzt, wo er mitten im Licht stand und jede Sonderbarkeit seines Äußeren auch noch betont wurde, konnte Tante Sue ihn nur aus beinahe schon hervorquellenden Augen anstarren. Damian wartete noch ein paar Augenblicke lang, dann schloss er die Hand wieder zur Faust und ließ sie sinken.

»Netter Hut«, meinte er schulterzuckend, und auf seinem Gesicht lag ein äußerst ungezogenes Lächeln. Seine dunklen Augen schienen grüne Funken zu sprühen, und wieder einmal aufs Neue erkannte Emily, dass er mit dem Menschwerden seine dämonische Ausstrahlung keineswegs verloren hatte. Eine Ausstrahlung, die sie wohl vom ersten Moment an gefesselt hatte. Trotzdem war sie etwas beunruhigt, seit sie wusste, woher – oder besser gesagt: von wem – er diese hatte.

Tante Sue brachte immer noch kein Wort heraus, und so rettete Emilys Mutter vorübergehend die Situation, indem sie die Ansammlung Unglücklicher zum Esstisch lotste, wo sie sofort Tee und Plätzchen servierte. Ihrer Tante häufte sie einen besonders großen Turm auf den Teller, wohl in der Hoffnung, sie damit beschäftigt zu halten. Doch kaum hatten alle in dem lichtdurchfluteten Erker des Hauses Platz genommen, schien der Drache wieder zu sich zu kommen. Ein einziger Schluck Kamillentee hatte offenbar Wunder vollbracht, und die taxierenden Blicke in Richtung Teufelssohn wurden leider zu Worten.

»Also … Damian«, begann Sue und sah ihn über den Plätzchenturm hinweg an. »Wie weiter? Damian …« Sie machte eine auffordernde Handbewegung, Damian winkte jedoch mit einer Kokosmakrone in der Hand ab.

»Einfach nur Damian«, entgegnete er und biss ein Stück von seinem Keks ab, was Tante Sues Augen Blitze schleudern ließ. Es kam wohl nicht so häufig vor, dass jemand gegen ihre einschüchternde Erscheinung absolut immun war. Bedachte man hingegen Damians Kinderstube, war das nicht verwunderlich. Er hatte bestimmt schon mit Schlimmerem zu tun gehabt.

»Aha.« Sue rührte in ihrem Tee. »Und woher kommen Sie?«, fragte sie schließlich weiter, wobei Emily sich über die förmliche Anrede wunderte. Anscheinend wirkte Damian doch schon etwas älter. »Sie sind ja nicht aus dieser Gegend, oder?«

»Nein, von weiter weg.«

»Und woher

Damian sah auf und blickte ihr direkt in die Augen. »Aus der Hölle«, meinte er schließlich völlig gelassen, und Emily spuckte ihren Tee auf den Tisch.

»Himmel, Emily!«, kam es von ihrer Mutter, während Damian ihr beiläufig auf den Rücken klopfte. Sie bekam von irgendjemandem eine Serviette gereicht, Will und Annie versuchten sich in einem nicht sehr gelungenen Lachen, um die Worte als Scherz abzutun, und Tante Sue schien von alldem nichts mitzubekommen.

»Lass diese pseudomoderne Jugendsprache, Bursche, und rede anständig mit mir«, fuhr sie ihn nun gar nicht mehr so förmlich an, woraufhin Damian nur eine Augenbraue hochzog.

»Was soll das überhaupt da auf deinem Kopf sein?«, zischte sie auch schon weiter, womit sie offenbar sein graues Haar meinte, das einmal dunkler und fast schwarz und dazwischen wieder heller wie die Farbe von Asche war. Schnaubend wie ein Stier in der Arena wandte sie sich Goldhaar Will zu. »Na, was ist?«, fragte sie und verlangte offenbar von ihm eine Antwort, da Damian ja offiziell sein Besuch war. Zum Glück erwähnte niemand, dass Damian so etwas wie Emilys Freund und nur ihretwegen hier war. Sogar ihre Mutter verlor kein Wort darüber. Vermutlich wollte sie die Tante ebenso wenig über die Maßen reizen und war über diese harmlose Erklärung genauso froh wie alle anderen.

Will warf Damian einen flüchtigen Blick zu, biss in einen Zimtstern und zuckte mit den Schultern. »Die Farbe heißt ›Dreck‹, Tante Sue«, antwortete er und griff nach weiteren Keksen. »Ist grad der neueste Schrei. Da wo er herkommt«, fügte er dann noch so leise hinzu, dass es außer Emily und Annie, die neben ihm saßen, wohl niemand gehört hatte – zum Glück, sonst hätte die Debatte über die Herkunft wieder von vorne begonnen.

»Und wie alt sind Sie, wenn man fragen darf?«, führte Tante Sue das Verhör schließlich weiter, und diesmal blickten auch Emilys Eltern höchst interessiert von ihren Tassen auf.

In den letzten Tagen war Emily ihnen so gut wie möglich aus dem Weg gegangen. Sie hatte sich vor jeglichen Fragen zu Damian und ihrer Beziehung zu ihm gedrückt, mit der einfachen Ausrede: Ich will nicht darüber reden. Sie hatte sogar mit Türen geknallt und herumgeschrien, dass ihr Privatleben niemanden etwas anginge, nachdem die beiden natürlich nicht aufgehört hatten, sie mit Fragen über diesen plötzlich erschienenen und höchst mysteriösen Freund zu löchern. Ob sie für solch pubertierendes Verhalten nicht zu alt sei, hatten sie wissen wollen, doch Emily war die Meinung ihrer Eltern im Moment ziemlich egal. Was sollte man denn machen, wenn der Schutzengel aus seinen Träumen plötzlich vor einem stand? Sie hatte genug auf die Reihe zu bekommen und konnte sich nicht auch noch um Ausreden kümmern. Zum Glück hatte Will ihr gegen die Eltern beigestanden. So wusste keiner der beiden irgendetwas Genaueres, außer dass Damian Wills entfernter Cousin war, studiert hatte, jetzt aber eine Pause machte und bei Will vorübergehend unterkam. Fertig. Mehr brauchten sie Emilys Meinung nach auch nicht zu wissen. Nun drohte Tante Sue dieses Vorhaben allerdings zunichte zu machen.

»Sie gehen ja nicht mehr zur Schule, oder?«, fragte sie mit einem solch stechenden Blick, dass Damian sich mittlerweile wie ein Nadelkissen fühlen musste.

»Nein«, gab er völlig ungerührt zurück. »Ich habe studiert.«

»Was?«

Damian hielt einen Moment lang mit dem Löffel in der Hand inne, warf dann jedoch den Zucker in die Tasse und sah wieder lächelnd zu seinem Gesprächspartner auf. »Theologie«, antwortete er schließlich, was alle Anwesenden die Augen aufreißen ließ. Selbst Emily konnte ihre Verblüffung nicht verbergen und hüstelte die Krümel aus ihrer Kehle, die dort stecken geblieben waren.

»Theologie?«, wiederholte Tante Sue – eigentlich kreischte sie dieses Wort eher. »Sie wollen also Pfarrer werden?!«

»Man muss nicht unbedingt Pfarrer werden, wenn man Theologie studiert«, warf Will schnell ein, was ihm jedoch zu seinem Pech wieder die Aufmerksamkeit des Drachen sicherte.

»Und woher kennt ihr euch?«, fragte sie ihn sogleich. »Er ist älter als du und Theologiestudent.«

»Wir sind Cousins«, antwortete Will mit Unschuldsmiene, doch er hatte nicht mit Tante Sues Elefantengedächtnis gerechnet.

»Wie das?«, bellte sie über den Tisch. »Die Söhne deines Onkels Patrick heißen Nikolas und Dennis. Der Sohn deiner Tante heißt Martin, und die andere hat nur Töchter. Also?« Sie wandte sich wieder an Damian und sah ihn auffordernd an.

»Ich wuchs in Tadschikistan auf«, gab der dann auch schon zur allgemeinen Verblüffung zur Antwort, als wäre es das normalste der Welt. »Als Sohn eines Arbeiters auf einer Baumwollfarm, wo wir zwanzig Stunden lang täglich im Schweiße unseres Angesichts schufteten. Eines Tages, ich war gerade acht, entdeckte ich etwas Blinkendes auf meinem Weg vom Feld und erkannte darin einen Brillantohrring. Es stellte sich heraus, dass dieser der ersten Exfrau von besagtem Onkel Patrick gehörte, die damals an einem Entwicklungshilfeprogramm teilnahm und die Plantage besichtigt hatte. Ich gab ihr den Ohrring zurück, sie adoptierte mich und nahm mich mit zu sich nach Hause. Nach ihrem Tod nahm sich Onkel Patrick meiner an und ermöglichte mir eine Ausbildung. Deswegen sind Will und ich so etwas wie Cousins.«

Es herrschte Totenstille. Alle starrten Damian an, als wäre er soeben aus irgendeiner Anstalt geflohen – was von der Wahrheit gar nicht mal so weit entfernt war. Mit solch einer Geschichte hatte niemand gerechnet, und schon gar nicht mit solch einer nüchternen Vortragsweise.

Wills Räuspern war die erste Regung nach gefühlten Minuten. Er hüstelte, strich sich die blonden Strähnen aus der Stirn und zerkrümelte einen Keks in der Hand. »So ungefähr ist es abgelaufen«, bestätigte er mit trockener Kehle und trank seinen Tee auf Ex aus, als stelle er sich im Moment einen anderen Inhalt vor. »Die Verwandtschaft kann man sich eben nicht aussuchen.« Er warf Damian einen kurzen Blick von der Seite zu, doch der hielt immer noch Tante Sues stechendem Blick stand.

»Aha«, sagte diese dann auch schon äußerst unheilvoll. »Aus Tadschikistan also.« Sie nippte an ihrer Tasse und betrachtete ihr Gegenüber über den Rand hinweg. Dann ließ sie das Geschirr mit etwas zu viel Schwung zurück auf den Tisch gleiten und lehnte sich im Stuhl zurück. »Dann sprechen Sie doch mal … Tadschikisch«, schlug sie schließlich vor, und ein bösartiges Lächeln verzog die schmalen Lippen.

Damian sah sie einen Moment völlig ausdruckslos an, dann sprudelte es plötzlich in irgendeiner seltsam klingenden Sprache aus ihm heraus, als hätte er niemals anders gesprochen. Natürlich könnten seine Worte alles bedeuten und auch irgendeine andere Sprache sein, aber zumindest hatte er die Tante damit verblüfft und sie vorerst zum Schweigen gebracht. Auch Emilys Eltern wirkten nach dieser unvorhersehbaren Enthüllung, nun … verstört.

Umso erleichterter war Emily, als sie sich nach dem Tee in ihr Zimmer zurückziehen durften, und die Erwachsenen unter sich blieben. Einziger Nachteil daran: Sie mussten die Drillinge mitnehmen. War nur zu hoffen, dass diese sich an Emilys Staffelei nicht allzu schnell langweilten. Emily hatte extra ihre eigenen Zeichnungen überblättert und Stifte bereitgelegt, um die Biester etwas im Zaum zu halten, und anscheinend funktionierte diese Taktik auch. Vorerst.

»Und …« Annie ließ sich auf dem Hocker vor der Kommode nieder und warf einen bangen Blick zur Tür. »Wie lange wird deine Großtante jetzt hierbleiben?«

Emily und Will tauschten einen kurzen Blick. »Zu lange«, antworteten sie dann gleichzeitig und verfielen in ein keineswegs fröhliches Lachen. Doch sie kannten diese Besuche einfach zu gut, um sie nicht mit Galgenhumor zu nehmen.

»Bis zum Abendessen sind es noch drei Stunden«, sagte Will, »das heißt, wir haben sie noch gut vier, fünf Stunden am Hals.«

Emily ließ sich auf ihr Bett fallen und zog sich das Kissen über den Kopf. »Das halte ich nicht aus!«, schrie sie in die Daunen und krallte ihre Finger hinein.

»Wieso sind wir dann noch hier?«, fragte Damian, dessen Stimme ihr in der Wirklichkeit immer noch fremd erschien. Manchmal glaubte sie, es wäre alles nur Einbildung, und nur sie könne ihn in ihren Gedanken hören.

Langsam ließ sie das Kissen sinken und sah den einstigen Engel an. Sie wusste nicht, ob die Erinnerung an die Träume sie trogen und in dieser Märchenwelt der Gänseblümchen einfach alles heller und … schöner gewirkt hatte, doch es fiel ihr schwer, Damian in die Augen zu blicken. Etwas war anders an ihm, und das lag nicht an seinem Menschsein. Im Gegenteil. Mit jedem Tag, der verging, kam er ihr weniger menschlich vor.

»Wie kamst du eigentlich ausgerechnet auf Tadschikistan?«, wollte sie wissen und richtete sich im Bett auf. »Dachtest du, das würde dir irgendjemand glauben?«

»Die Wahrheit haben sie ja auch nicht geglaubt. Von daher …« Er hob die Hände und zuckte mit den Schultern.

»Na ja, aber irgendetwas Besseres müssen wir uns noch einfallen lassen«, übertönte Will das Gezeter der Drillinge, die um die Farben stritten. »Es wird noch mehr Leute geben, die wissen wollen, wo du herkommst, und wenn du wirklich hierbleibst …«

»Wenn?«, fragte Damian und stieß sich von der Tür ab, an der er die ganze Zeit lässig gelehnt hatte. »Ich bin jetzt ein …« – er warf den Drillingen einen kurzen Blick zu und fuhr mit gedämpfter Stimme fort – »… ich bin genauso wie ihr. Für mich gibt es nur einen Weg zurück, den … üblichen.«

Will schüttelte den Kopf und legte Annie, die sich auf ihrem Hocker hin- und herdrehte, die Hände auf die Schultern. »Du bist nicht wie wir, Damian«, sagte er schließlich ebenso leise. »Aber du wirst wie wir irgendetwas machen müssen. Eine Ausbildung, arbeiten.«

»Schmeißt du mich raus?«, fragte Damian, und aus irgendeinem absurden Grund wirkte es auf Emily so, als führten Damian und Will unter der Oberfläche noch ein anderes Gespräch. Und das nervte sie ganz gewaltig. Natürlich hatten die beiden seit Damians Auftauchen sehr viel Zeit miteinander verbracht, schließlich wohnten sie zusammen, doch auf Dauer konnte das wirklich keine Lösung sein. Noch dazu, da sich die beiden nicht wirklich leiden konnten, was deutlich spürbar war.

»Natürlich schmeiße ich dich nicht raus«, gab Will zurück, »aber ich frage mich schon, wie das Ganze laufen soll. Du wurdest zurückgesandt … und weiter? Du brauchst Papiere, Geld, … eben Menschendinge. Ist bei deinen Beziehungen vielleicht auch in diesem Punkt etwas Nützliches dabei?«

»Ja«, meinte Damian und überraschte sie alle mit dieser Antwort. »Lasst das nur meine Sorge sein. Ich kümmere mich darum.«

»So wie du dich um alles andere kümmerst?« Will lehnte sich an die Kommode und sah zum Fenster hinaus. »Lasst uns von hier verschwinden«, sagte er dann plötzlich und warf den Drillingen einen Blick zu. »Bis zu mir ist es nicht so weit, und vielleicht ist Mary gnädig und holt uns nicht zurück.«

»Du willst zu Fuß durch den Schnee?« Auch Annie sah zu den dahinschwebenden Flöckchen vor dem Fenster und dann zurück zu den nicht gerade winterfest aussehenden Schuhen an ihren Füßen. Zu solch einem Anlass zählte eher das Aussehen des Schuhwerks in Kombination zur Festtagskleidung als die Funktionalität. »Ich kann mir vorstellen, Emilys Eltern werden nicht begeistert sein, außerdem ist es unhöflich. Vielleicht sollten wir …«

»Die rechnen doch damit.« Will drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Mach dir keine Gedanken. Die werden nicht so schnell sauer.«

Alle sahen zu Emily, als läge die Entscheidung bei ihr, und da sie sich ebenfalls Besseres vorstellen konnte, als sich hier im Zimmer weiterhin zu verkriechen, nickte sie. »In Ordnung. Lasst uns von hier verschwinden.«

Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da fiel ihr auf, dass sie auch die Aufmerksamkeit der Drillinge ergattert hatte, die sie jetzt mit offenen Mündern anstarrten.

»Das dürft ihr nicht«, protestierte auch schon Klara mit erhobenem Zeigefinger. »Ihr müsst auf uns aufpassen!«

»Ihr seid schon groß«, meinte Will und zwinkerte den dreien zu. »Es ist ein Spiel. Alle sind schön leise, und niemand sagt den Erwachsenen, dass wir weg sind.«

Die drei starrten ihn noch einen Moment lang an, dann begannen sie zu brüllen. »Omaaaa!«, schrien sie im Chor und rissen die Tür auf. »Emily und ihre Freunde wollen weglaufen! Omaaaa!«

»Reizende Kinder«, meinte Damian und trat ans Fenster. Er betrachtete eingehend die Konstruktion, brauchte zwei Fehlversuche und öffnete es schließlich, was augenblicklich eisigen Wind und Schnee hereintrieb.

»Das ist nicht dein Ernst«, keuchte Annie, die sofort zurücktrat und fröstelnd die Arme um sich schlang. »Du willst aus dem Fenster klettern?«

»Hast du eine bessere Idee?«

Emily trat zwischen die beiden und blickte an Damian vorbei in die Tiefe. Die Schneeverwehungen waren hier am Rande der Einfahrt so hoch, dass sie bedenkenlos springen konnten. »Omaaaa! Tante Mary!« Die Stimmen der Kinder klangen dumpf vom Flur herein, und Trappeln auf der Treppe war zu hören. »Emily will aus dem Fenster klettern! Tante Maryyyy!«

»Wir sollten uns entscheiden«, sagte Damian mit einem skeptischen Blick zu Annie, doch da schob sich Will schon an ihnen vorbei, schwang die langen Beine über das Fenstersims und sprang in die Tiefe. Der Schnee war bereits gefroren, und daher brach er nicht ein – zumindest nicht besonders tief. Er schlitterte lediglich den Hang hinab und krachte mit einem Fluch auf den Lippen auf die freigeräumte Einfahrt.

»Unsere Schutzengel laufen wohl gerade im Kreis«, meinte Damian und reichte Annie die Hand, die sich nun doch ans Fenster getraut hatte.

Emily zog die Augenbrauen nach oben. »Habe ich jetzt einen neuen Schutzengel?«, fragte sie, ohne sich um die herannahenden Schritte zu kümmern. »Und du auch?«

»Wer weiß das schon?« Er winkte Will unten in der Einfahrt und half Annie beim Hinausklettern. »Denk dran«, sagte er dann noch an den Rotschopf gerichtet. »Wenn plötzlich alles schwarz wird – gehe ins Licht, nicht in die Dunkelheit.«

Annie zog eine Grimasse. »Ich werde deinen Ratschlag beherzigen«, erwiderte sie, atmete noch einmal tief durch und stieß sich schließlich mit einem schrillen Schrei ab. Ein Krachen war zu hören, als sie auf dem aufgetürmten Schnee aufkam und Will in die Arme rutschte, dann hörte man sie auch schon lachen und nach oben rufen.

»Du bist die Nächste.« Damian reichte ihr die Hand.

Emily sah ihm in die Augen und fühlte sich schmerzhaft an ihren Traum erinnert. Schon einmal hatten sie so an einem Abgrund gestanden, auch wenn ihr Kinderzimmerfenster wohl nicht so bedrohlich war wie die Klippe in der Vorhölle. Und doch befiel sie das warme Kribbeln eines Déjà-vus, vermischt mit dem schmerzhaften Ziehen des Verlusts. Egal wie sehr sie sich auch in seine Nähe wünschte, wie sehr sie sich über seine Anwesenheit freute – es war doch so völlig anders als damals, so fremd und beängstigend. Es war ihr, als wären sie nicht mehr dieselben wie im Traum. Und jetzt mussten sie erst einmal herausfinden, ob das, was sie damals gehabt hatten, immer noch in ihnen war.

»Diesmal soll ich mich wohl nicht ausziehen«, versuchte sie die unangenehme Situation mit einem Scherz zu entspannen und sich ihre widersprüchlichen Gefühle nicht anmerken zu lassen, doch Damians halbes Lächeln bewies, wie misslungen dieser Versuch war. Seit seinem Erscheinen vor ein paar Tagen waren sie sich kein einziges Mal nahe gewesen, hatten sich lediglich wie zwei fremde Tiere belauert und beobachtet, noch nicht einmal richtig miteinander gesprochen, und Emily fühlte sich stets etwas beklommen in seiner Gegenwart. Schon am zweiten Tag hatte sie ihm das halbe Schutzengelamulett zurückgegeben, das sie damals aus der Hölle zurückgebracht hatte. Tagelang hatte sie es angestarrt und überlegt, wie sie mithilfe dieses Amuletts Damian zurückholen könnte. Dann war er plötzlich da gewesen, und Emily fand, das Amulett gehörte ihm. Er hatte so viel dafür getan, um es zu bekommen, und daher hatte sie es ihm wiedergegeben.

»Geh über die Kante«, flüsterte er schließlich und zeigte damit, dass er sich ebenfalls noch an ihren Sprung ins Wasser erinnerte. Seine Augen blickten mit derselben Intensität wie damals bis in ihr Innerstes, und Emily wusste nicht, ob sie unter dem Blick vergehen oder lieber weglaufen sollte.

Und daher sprang sie. Noch ehe sie sich weitere Gedanken um Damian, sich selbst oder sie beide zusammen machen konnte, kletterte sie ohne seine Hand zu ergreifen aus dem Fenster und stürzte sich in den Schnee.

Am Rande hörte sie noch die Drillinge, die wohl gerade zurück ins Zimmer gestürmt waren, als sie jedoch auf der eisigen Oberfläche landete, hatte sie nichts anderes im Sinn, als am Leben zu bleiben.

Ihre Beine rutschten sofort unter ihr weg, und sie landete äußerst unsanft auf ihrem Allerwertesten. Mit weit aufgerissenen Augen rutschte sie die Schneewehe hinab und knallte gegen etwas Hartes, das sich als Will herausstellte.

»So elegant ist noch niemand auf seinen Hintern geknallt«, meinte er, als er ihr half aufzustehen, doch Emily konnte ihm, außer Atem wie sie war, lediglich gegen die Brust boxen.

Im nächsten Moment kam auch schon Damian neben ihr auf die Beine, und beinahe gleichzeitig erscholl der Ruf ihrer Mutter über ihnen vom Fenster, vermischt mit dem Geschrei der Drillinge.

»Kommt sofort zurück!«, hörte sie ihre Mutter rufen. »Seid ihr denn wahnsinnig?«

»Emily!« Ihr Vater erschien in der Eingangstür, was in ihnen allen gleichzeitig den Fluchtinstinkt weckte.

Wie auf ein unsichtbares Kommando hin, drehten sie sich um und stürmten die Auffahrt hinunter auf die gespenstisch verlassene Straße. Damian ergriff ihre Hand und zog sie weiter, während Will vor ihnen lief und Annie mit sich schleifte. Sie trugen keine Jacken oder Mützen, da diese natürlich in der Garderobe im Erdgeschoss hingen, doch auch so glühten Emilys Wangen bald von der Hitze dieses Sprints. In ihre Lunge wollte kein Sauerstoff gelangen, denn sie alle lachten sich das Herz aus der Brust, während die Rufe von Emilys Eltern allmählich verklangen.

Wie eine Horde Verrückter überquerten sie die Straße und bogen in den Waldpfad zum See ein. Der hier höher liegende Schnee verlangsamte ihre Schritte, und erst jetzt nahm Emily den Griff um ihre Hand deutlicher wahr – als etwas Reales, warm und fest. Sie sah zu Damian, der neben ihr herlief, sah die Schneeflocken, die sich in sein graues Haar mischten, und lachte immer weiter. All das war kein Traum. Sie waren wirklich hier, und es war so … normal. Freunde, die Zeit miteinander verbrachten, Spaß hatten, lachten. Zwei Pärchen, die sich mochten und gemeinsam etwas unternahmen, so wie Teenager es eben taten. Niemals hätte Emily gedacht, sich jemals in solch einer banalen Situation wiederzufinden und sich dabei so gut zu fühlen.

Damian wandte seinen Kopf und blickte sie an. Ein Junge, der ein Mädchen ansah. In diesem Moment hatte Emily das Gefühl, sie könnten die Distanz überbrücken, diese merkwürdige Mauer, die seit seinem Menschwerden zwischen ihnen stand, durchbrechen. Vielleicht würden sie mehrere Anläufe brauchen, aber irgendwann würden sie wieder richtig zusammenfinden – ohne durch Dimensionen oder Ebenen getrennt zu sein, ohne von irgendwelchen Dämonen oder Engeln bedroht zu werden. Sie würden einfach nur leben. In der Realität.

Eingeholt

Am See hielten sie das erste Mal auf ihrer Flucht inne, obwohl sie ohnehin niemand verfolgt hatte. Um Atem ringend und wie die Bullen weiße Wölkchen ausstoßend, standen sie im Schnee, und Emily musste sich an Damian festhalten, sonst wäre sie vor Erschöpfung wohl umgekippt.

»Schade, dass ich Tante Sues Gesicht nicht mehr gesehen habe«, keuchte sie und versuchte sich allmählich wieder aufzurichten, auch wenn diese Position in ihrem Brustkorb schmerzte. »Ich hoffe, euch ist klar, dass ich jetzt obdachlos bin. Nach Hause kann ich nicht mehr.«

»Immer nur herbei!«, rief Will und strich sich das schneenasse Haar aus den Augen. »Ich bin sowieso schon ein Asylantenheim. In der Badewanne ist noch Platz.«

»Ich teile auch gerne die Couch«, warf Damian ein und legte seine Hände auf ihre Schultern. Emily fuhr wie von der Tarantel gebissen herum. Und Will schien auf einmal seine gute Laune verloren zu haben.

»Im Haus hätte eine ganze Fußballmannschaft Platz«, meinte er dann zum Wetter passend kühl. »Es wird wohl nicht nötig sein zusammenzurücken. Außerdem hat sie ein Zuhause.«

Damian zuckte mit den Schultern und hauchte Emily einen Kuss auf den Scheitel. Eine völlig beiläufige und scheinbar belanglose Geste, aber Emily ging sie durch Mark und Bein. Sie hatte, was Jungs betraf, so gut wie keine Erfahrung, und die Momente mit Damian waren außerhalb ihres Körpers vonstattengegangen – in ihrem Unterbewusstsein. Sie hatte zwar immer angenommen, Träume wären viel intensiver, doch seine Berührung im wirklichen Leben auf ihrer Haut zu spüren, war mit nichts zu vergleichen. Die Empfindungen erschütterten sie bis tief ins Innerste, und Emily war nicht in der Lage zu sagen, ob das jetzt gut oder schlecht war. Allein sein Gerede machte ihr schon Angst. Himmel, sie hatte jetzt einen Freund! Der seine Couch mit ihr teilen wollte!

»Wir sollten uns also überlegen, wie wir Emilys Eltern wieder besänftigen«, schlug Damian schließlich vor und ging mit den anderen auf das Haus zu. »Damit sie in ihrem eigenen Bett schlafen kann.«

Will warf ihnen beiden einen Blick zu. »Es wäre wirklich besser, wenn du abends nach Hause gehst, Emily. Ich hab zwar das Gästezimmer …«

»Na, bitte!« Emily rieb ihre Hände aneinander. »Wenn Damian es schon verschmäht, dann lass wenigstens mich dort Zuflucht suchen. Zu meinen Eltern traue ich mich jetzt, sagen wir mal … drei Wochen nicht mehr.«

»Meinst du, die sind wirklich böse auf dich?«, fragte Annie, die in Wills Umarmung trotz knallgelbem Pullover beinahe völlig verschwand. »Ich glaube eher, du machst es nur schlimmer, wenn du nachher nicht heimgehst.«

»Ja, sie werden dich schon nicht fressen«, pflichtete Will seiner Freundin bei.

»Und außerdem sind sie sicher nicht begeistert davon, wenn du bei zwei Männern übernachtest«, stimmte nun auch noch Damian zu, was Emily irgendwie seltsam vorkam.

»Hey«, protestierte sie und sah zwischen ihren Freunden hin und her. »Was ist plötzlich mit dem Asylgerede? Ihr wollt mich echt in die Höhle des Löwen zurückschicken? So zart und zerbrechlich wie ich bin? Völlig schutzlos?«

»Du wirst es überleben, Bohnenstange«, sagte Will, während sie wieder in den Tiefschnee des Waldes gelangten. »Die Konsequenzen hättest du dir eben vorher überlegen müssen.«

»Na, vielen Dank auch, Daddy. Ihr habt ja leicht reden. Ihr lauft einfach weg, und ich kann die Konsequenzen ausbaden.«

»Bald fängt die Schule wieder an«, warf Damian völlig zusammenhanglos ein, was ihm von allen perplexe Blicke einbrachte. »Ich mein ja nur.«

»Soll das heißen, das Übernachtungsthema ist damit abgeschlossen?«, fragte Emily, der es wirklich ernst mit ihrem Plan gewesen war, an diesem Tag nicht nach Hause zu gehen. Doch anscheinend spielte sie auf verlorenem Posten.

»Ganz genau«, antwortete Will, und als Damian und er sich einen kurzen Blick zuwarfen, war Emilys Misstrauen endgültig geweckt.

»Was ist hier eigentlich los? Aus irgendeinem Grund wollt ihr mich nicht dahaben. Gibt es da etwas, wovon Annie und ich vielleicht wissen sollten, hm? Zwischen euch beiden? Was geht da ab?«

Will fuhr sich mit der Hand durch das Haar und schüttelte den Kopf. »Ich bin dafür, wir reden weiter über das Schulthema.«

Und das taten sie dann auch, den kompletten Weg durch den Wald, wo sie der Forststraße folgten, über der sich die schweren Äste wie ein Kuppeldach beugten und sie immer wieder mit kleinen Lawinen erfreuten.

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