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Teufelskrone

INHALT

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zur Aussprache der Namen
  8. Dramatis Personae
  9. Prolog
  10. Erster Teil Höllenpakt 1193 – 1194
    1. Waringham, Januar 1193
    2. Winchester, Januar 1193
    3. Waringham, Februar 1193
    4. Windsor, Februar 1193
    5. Windsor, April 1193
    6. Waringham, Juni 1193
    7. Nottingham, Juli 1193
    8. Waringham, Februar 1194
    9. Westminster, März 1194
    10. Bernay, April 1194
  11. Zweiter Teil Freveltat 1199 – 1204
    1. Nantes, März 1199
    2. Châlus-Chabrol, März 1199
    3. Chinon, April 1199
    4. Waringham, Mai 1199
    5. Westminster, Mai 1199
    6. Rouen, Juli 1199
    7. Chinon, September 1199
    8. Le Mans, September 1199
    9. Waringham, Oktober 1199
    10. Lusignan, Juli 1200
    11. Bordeaux, August 1200
    12. Waringham, Januar 1201
    13. Rouen, September 1201
    14. Waringham, September 1201
    15. Caen, Oktober 1201
    16. Maine, Juli 1202
    17. Rouen, April 1203
    18. Waringham, Dezember 1203
    19. Worcester, April 1204
  12. Dritter Teil Rebellion 1210 – 1216
    1. Winchester, November 1210
    2. Westminster, Februar 1211
    3. Corfe Castle, Februar 1211
    4. Windsor, März 1211
    5. Waringham, März 1211
    6. Waringham, September 1211
    7. Waringham, August 1212
    8. Nottingham, August 1212
    9. Waringham, Mai 1213
    10. Winchester, Juli 1213
    11. Waringham, Januar 1214
    12. Portsmouth, Februar 1214
    13. Angers, Juni 1214
    14. Valenciennes, Juli 1214
    15. La Rochelle, August 1214
    16. Waringham, November 1214
    17. London, Mai 1215
    18. Runnymede, Juni 1215
    19. Waringham, Januar 1216
    20. Waringham, Februar 1216
    21. Waringham, Oktober 1216
    22. Newark, Oktober 1216
    23. Gloucester, Oktober 1216
    24. Waringham, November 1216
  13. Nachbemerkung und Dank

ÜBER DAS BUCH

England 1193: Der Bruderkrieg zwischen König Richard Löwenherz und dem jüngeren Prinzen John spaltet das Land. Während Richard England nur als Geldquelle für seine ehrgeizigen Feldzüge in Frankreich und Palästina ansieht, versucht John, die Macht in seinem Vaterland an sich zu reißen.

An seiner Seite steht der junge Yvain of Waringham, der in den Dienst des berüchtigten Prinzen getreten ist, um der unglücklichen Liebe zur Verlobten seines Bruders zu entfliehen. Als John nach Richards Tod die Krone erbt, lädt er eine schwere Schuld auf sich – und macht Yvain zum Mitwisser einer Tat, die ihrer beider Leben verändern soll …

ÜBER DIE AUTORIN

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann am Niederrhein und auf Mallorca. Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Besonders die Romane um das Schicksal der Familie Waringham genießen bei Historienfans mittlerweile Kultstatus.

titelseite

 

Für
meinen Vater Wolfgang Krane
in liebevoller Erinnerung

Sterben, das heißt freilich die Zeit verlieren und aus ihr fahren, aber es heißt dafür Ewigkeit gewinnen und Allgegenwart, also erst recht das Leben.
Thomas Mann

ZUR AUSSPRACHE DER NAMEN

Bevor ich mit diesem Roman begann, las ich zur Einstimmung auf die Epoche wieder einmal Chrétien de Troyes’ wundervollen Versroman Yvain, der im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts entstand. Und irgendwie geschah es, dass mein Romanheld den Namen des »Löwenritters« bekam. Die englische Aussprache dieses Namens reimt sich auf »Elaine« oder »Domain«, mit der Betonung auf der zweiten Silbe. (Ein deutsches Reimwort konnte ich leider nicht finden.) Die französische Aussprache ist so ähnlich, aber mit der Betonung auf der ersten Silbe und einem Nasallaut am Ende, also ungefähr so, als hätten Sie einen Schnupfen.

Dieser Roman spielt während der linguistisch verwirrenden Epoche, als nur die bäuerliche Unterschicht in England Englisch sprach, die adlige Oberschicht jedoch Französisch. Deswegen müssten wir uns die Namen der Könige und ihrer Höflinge ­eigentlich in französischer Aussprache denken, aber als emanzipierte Leserinnen und Leser dürfen wir das halten, wie wir wollen. Das »Æ« in den angelsächsischen Namen entspricht dem deutschen »Ä«.

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind.

WARINGHAM

Yvain of Waringham

Jocelyn, Earl of Waringham, sein Vater

Maud de l’Aigle of Pevensey, seine Mutter

Guillaume of Waringham, sein Bruder

Cecily of Waringham, seine missratene Schwester

Adelisa of Waringham, seine ewig abwesende Schwester

Amabel of Hetfield, Lord Jocelyns Mündel

PLANTAGENET

Richard »Löwenherz«*, König von England

John »Ohneland«*, König von England

Aliénor von Aquitanien*, Königin von England und vieles mehr, ihre Mutter

Isabella d’Angoulême*, Johns Gemahlin

Henry*, Richard*, Joan*, Isabella* und Eleanor*, die Prinzen und Prinzessinnen

Joan*, Johns uneheliche Tochter

William »Longsword«*, Earl of Salisbury, ein unehelicher Bruder der beiden Könige

Arthur*, Herzog der Bretagne, ein Neffe der beiden Könige

Constance de Bretagne*, seine Mutter

Eleanor*, seine Schwester

HOF UND ADEL

Guillaume de Braose*, ein mächtiger Adliger und treuer Anhänger König Johns

Maud de Braose*, seine allseits gefürchtete Gemahlin

William de Braose*, ihr Sohn, Ritter in König Johns Haushalt, Yvains bester Freund

Justin de Béthune, Adam de la Pomeroy und Baldwin Beaumont, ebenfalls junge Ritter in Johns Gefolge, genau wie

Pentecôte FitzHugh, Yvains erbitterter Feind

Fulk de Cantilupe*, König Johns treuer Ritter

Hubert de Burgh*, König Johns Justiciar, Chamberlain und vertrauter Freund

William Marshal*, Earl of Pembroke, der mächtigste Adlige in England und eine Legende

Mercadier*, Söldner, König Richards Lieblingsschlächter

Brandin*, Söldner, König Johns Lieblingsschlächter

Roger Bigod*, Earl of Norfolk, Mitinitiator der Magna Charta

Hugh Bigod*, sein ältester Sohn, ebenfalls Mitinitiator der Magna Charta

Thomas Bigod*, noch ein Sohn, Yvains Knappe und Freund

Hugo de Lusignan*, ein mächtiger aquitanischer Adliger

Beatriz de Lagrave, Königin Isabellas Vertraute

Robert FitzWalter*, Verschwörer, Rebellenführer und Mitinitiator der Magna Charta

Terric »der Teutone«*, Königin Isabellas Leibwächter

KIRCHENMÄNNER

Geoffrey FitzStephen*, Meister der Templer in England

Hubert Walter*, Erzbischof von Canterbury

Stephen Langton*, Erzbischof von Canterbury, sein Nachfolger

John de Gray*, König Johns Vertrauter, Bischof von Norwich und beinah Erzbischof von Canterbury

Prolog

Erdberg, Dezember 1192

»Wir haben die Schlacht von Arsuf überlebt, wir werden auch dies hier überstehen«, sagte Richard grimmig. Todesmutig führte er den Rührlöffel an die Lippen und kostete den zähflüssigen Brei, dessen schlammige Farbe und Beschaffenheit nichts Gutes verhießen. Mit einem gedämpften Protestlaut ließ er den Rest vom Löffel zurück in den Kessel tropfen und rührte in der blubbernden Masse. »Allmächtiger … Das ist wirklich schauderhaft.«

Einer der beiden abgerissenen Pilger, die mit ihm am qualmenden Herdfeuer standen, verschränkte die Arme und seufzte. »Sagtest du nicht kürzlich, du wüsstest zu gerne einmal, was er nicht kann, Guillaume? Ich schätze, wir sind im Begriff, es he­raus­zufinden.«

Guillaume grinste abwesend und sah zum Dachstuhl hinauf, dessen geschwärzte Balken vernehmlich knarrten, weil der eisige Dezemberwind durch die Strohschindeln pfiff. »Wetter hin oder her, wir sollten aufbrechen«, riet er leise, aber eindringlich. »Wir sind schon zu lange hier.«

»Oh, jetzt mach dir nicht ins Hemd«, entgegnete sein Gefährte unbekümmert. »Morgen Abend sind wir in Mähren, und dann hat der ganze Spuk ein Ende.«

»Bis morgen Abend kann noch viel passieren, Maurice. Außerdem sind es mindestens fünfzig Meilen bis zur Grenze, und der Schnee liegt jetzt schon eine Elle hoch. Also …«

»Du hast ja recht«, unterbrach Richard ihn beschwichtigend. »Aber wenn wir jetzt aufbrechen, kommen wir nirgendwohin, Freunde, weil die Pferde erfrieren würden und wir vermutlich auch.« Er schob den Kessel beiseite, der an einem langen, schwenkbaren Eisenhaken über dem Feuer hing, und drehte ungeschickt den Spieß mit dem mageren Huhn gleich daneben, den Blick auf die schwärzlich verbrannte Haut gerichtet. Selbst im Schummerlicht dieses erbärmlichen Gasthauses schienen seine stahlblauen Augen zu leuchten. Vitalität, Klugheit, die unerbittliche Beharrlichkeit eines Visionärs – all das war in diesen Augen zu lesen, aber die Züge verrieten seine tiefe Erschöpfung. Sie waren alle müde nach den Wochen der Flucht, und keiner von ihnen konnte dem Ritt durch die Winternacht wirklich ins Auge sehen, auch Guillaume nicht.

»Soll ich vielleicht?«, fragte er und zeigte auf das Huhn.

»Kommt nicht infrage«, gab Richard kurz angebunden zurück. »Willst du etwa behaupten, ich sei nicht einmal in der Lage, ein Huhn zu braten?«

»Wie oft habt Ihr es denn schon gemacht?«, wollte Maurice wissen.

»Alles hat ein erstes Mal«, gab der Koch leichthin zurück, und seine Gefährten lachten.

Der fette Wirt, der mit einem Mönch und einem halben Dutzend Bauern aus der Gegend an einem der Tische saß, schaute verstohlen zu ihnen herüber, die Augen verengt, den Mund verkniffen. Die drei fremdländischen Pilger waren ihm nicht geheuer. Sie reisten in schäbigen Kleidern und ohne Dienerschaft, sodass sie sogar ihr eigenes Essen kochen mussten, aber sie waren mit den kostbarsten Pferden gekommen, die man in Erdberg seit Menschengedenken gesehen hatte. Auch die einheimischen Zecher betrachteten die sonderbaren Reisenden furchtsam. Erdberg lag kaum mehr als einen Bogenschuss von den Toren Wiens entfernt, aber dennoch waren Fremde hier weder häufig noch gern gesehen.

»Mehr Wein!«, orderte Richard, und während er mit der Rechten weiter den Spieß drehte, fischte er mit zwei Fingern der Linken eine Goldmünze aus der Börse am Gürtel und schnipste sie dem Wirt zu.

Sie beschrieb einen funkelnden Bogen durch den verqualmten Raum, wie ein Komet in einer sternlosen Nacht. Der Wirt hob im letztmöglichen Moment die Hand, fing die Münze auf und starrte einen Moment darauf hinab. »Das kann ich nicht wechseln«, nörgelte er.

Richard verstand die Worte nicht, wohl aber den Sinn, und winkte gleichgültig ab. »Schon gut. Aber mehr Wein, wenn du hast?« Er sprach überdeutlich und mit untypischer Nachsicht, als hätte er ein verängstigtes Kind vor sich.

Der Wirt erhob sich ächzend, ging in die finsteren Regionen am Ende des Schankraums, wo seine Fässer standen, und man hörte das dumpfe Scheppern eines Zinnkrugs.

Der Wind legte noch einmal zu und heulte mit Furienstimmen um das Gasthaus.

»Ich hoffe, diese jämmerliche Spelunke wird nicht einfach umgepustet«, murmelte Maurice. Es sollte verächtlich klingen, aber man hörte sein Unbehagen.

Plötzlich hob Guillaume den Kopf. »Reiter.«

»Oh, komm schon«, protestierte Maurice. »Erzähl mir nicht, du kannst bei dem Geheul Hufschlag im Schnee hören oder …«

»Schsch«, unterbrach Richard knapp. Er schenkte seine volle Aufmerksamkeit wieder dem Brathühnchen und machte scheinbar zufällig eine Vierteldrehung, sodass er den breiten Rücken der Tür zuwandte.

Der alte Wirt kam herübergeschlurft und stellte einen Krug auf das leere Fass, das ihnen als Tisch diente. »Wohl bekomm’s.«

Becher gab es nicht, also setzte Richard den Zinnkrug an die Lippen und trank. Er reichte den Krug an Guillaume weiter, als sich knarrend die Tür öffnete.

In einer gewaltigen Schneewolke drängelten sich vier gerüstete Männer über die Schwelle, zwei die gezückten Schwerter in der Hand, zwei mit Fackeln.

Die Bauern verstummten und starrten die Ankömmlinge an, reglos wie Kaninchen vor der Schlange. Der Wirt versuchte, seine Furcht zu verbergen, und fragte mit aufgesetzter Herzlichkeit: »Was kann ich für Euch tun, edle Herren?«

Sie würdigten ihn keiner Antwort, sondern traten langsam zu Richard und seinen Gefährten.

»Drei Pilger, sieh mal einer an«, sagte der Vordere, dessen schwarzer Bart und Augenbrauen schneeverkrustet waren. Er sprach wenigstens so etwas Ähnliches wie Französisch, sodass sie ihn verstehen konnten. Ein zerfranstes Kreuz zierte seinen Mantel. Wer lange genug im Heiligen Land gewesen war, lernte früher oder später zwangsläufig ein paar Brocken Französisch, denn es war die Sprache des christlichen Königreichs Jerusalem.

»Gott sei mit Euch, Freund«, grüßte Maurice und hielt ihm einladend den Weinkrug hin.

»Was verschlägt Euch in diese abgelegene Gegend so fernab aller Pilgerstraßen?«, beharrte der Bärtige, ohne den Krug anzunehmen.

»Unwägbarkeiten auf der Heimreise«, antwortete Richard.

»Wie bedauerlich. Habt Ihr etwa in Aquileja Schiffbruch erlitten?«

»Aquileja? Wie kommt Ihr denn darauf?«, verwunderte sich der ungeschickte Koch.

Maurice und Guillaume tauschten einen sehr verstohlenen, sehr beunruhigten Blick.

»Wir hörten so ein Gerücht«, erwiderte Schwarzbart leichthin. »Von einem Heimkehrer aus dem Heiligen Krieg, der vor Korfu sein Schiff im Sturm verlor, ein Piratenschiff kaperte, um die Reise fortzusetzen, nur um dann vor Istrien schon wieder Schiffbruch zu erleiden.«

»Das muss ja ein wilder Geselle sein«, spöttelte Guillaume.

Schwarzbart nickte. »Deswegen nennen sie ihn Löwenherz.«

»Nun, wir sind auf dem Landweg aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, denn wir sind arme Pilger, wie Ihr seht«, erklärte Maurice. »Wir haben kein Gold, um Schiffe zu bezahlen.«

»Wirklich?«, fragte Schwarzbart amüsiert und wies auf die Hand, mit der Richard den Spieß drehte. »Ich wette, mit dem Klunker hättet Ihr eine ganze Flotte bezahlen können.«

Betreten starrte Richard auf den kostbaren Smaragdring am rechten Zeigefinger, den abzunehmen er irgendwie vergessen hatte.

Der zweite Ankömmling, der die blanke Klinge in der Hand hielt, trat aus dem Halbdunkel nahe der Tür in den zuckenden Fackelschein und streifte mit der freien Hand seine Kapuze zurück. »Gott zum Gruße, edler König. Ihr ahnt nicht, welche Freude es ist, Euch wiederzusehen.«

Richard gab die Verstellung auf. »Herzog Leopold. Ich hoffe, Ihr vergebt, dass meine Freude sich in Grenzen hält.«

Der Herzog von Österreich lächelte, und der Hass, der in seinen dunklen Augen funkelte, konnte einem den Atem verschlagen. »Ich verhafte Euch im Namen des Kaisers.«

»Tatsächlich?« Scheinbar gedankenverloren nahm Richard den geschwärzten eisernen Spieß vom Feuer.

Sie hatten die Waffen abgelegt, um den Bauern die Furcht zu nehmen, und das rächte sich nun. Aber der Bratspieß war lang und spitz. Mit einem eleganten Aufwärtsschwung lehrte der König von England das halb verbrannte, halb rohe Brathühnchen das Fliegen, und es entschwand Richtung Dachgebälk. Gerade als Richard sich Leopold mit seiner sonderbaren Waffe zum Kampf stellen wollte, öffnete die Tür des Gasthauses sich erneut, und fünf weitere bewaffnete und gerüstete Männer stürmten herein.

Guillaume und Maurice hatten ihre Schwerter in den Binsen hinter der Sitzbank fast erreicht, als vier der Neuankömmlinge sich auf sie stürzten und sie an den Armen packten. Hände tasteten unter ihren Pilgermänteln, suchten und fanden die dort verborgenen Dolche und warfen sie auf den Boden.

Herzog Leopold machte noch einen Schritt auf Richard zu. »Ergebt Euch. Selbst Ihr müsst einsehen, dass Ihr keine Chance habt.«

Die unverkennbare Nervosität in seiner Stimme war immerhin ein Trost. Richard Löwenherz, so sagte die Legende, war der größte Feldherr seines Zeitalters, ein unbezwingbarer Schwertkämpfer obendrein, egal wie groß die feindliche Übermacht.

Doch die Legende übertrieb. Nicht einmal Richard Löwenherz konnte mit einem Bratspieß eine feindliche Übermacht von neun zu eins besiegen. Und er dachte nicht daran, sich bei dem Versuch zum Gespött zu machen.

Also warf er Leopold den Spieß vor die Füße. »Das Huhn schenke ich Euch dazu«, sagte er liebenswürdig.

»Das würde ich mir an Eurer Stelle noch einmal überlegen«, entgegnete der Herzog. »Es könnte für lange Zeit das letzte Brathühnchen sein, das Ihr seht.« Er gab seinen Männern ein Zeichen. »Na los, worauf wartet ihr?«

Sie zögerten nur für die Dauer eines Lidschlags. Dann setzte Schwarzbart dem König die Klinge an die Kehle, während zwei weitere auch ihn nach verborgenen Waffen abtasteten. Ein vierter trat hinzu, und ein dumpfes Klirren war zu vernehmen.

»Ich hoffe, Ihr seht mir nach, dass ich keine silbernen Ketten mitgebracht habe, wie Ihr sie für meinen Vetter Isaac von Zypern anfertigen ließet«, höhnte Leopold bitter. Die Schmach seines Cousins war nur ein Punkt auf der langen Rechnung, die er mit Richard von England offen hatte.

»Grämt Euch nicht«, entgegnete dieser tröstend. »Goldene Ketten wären ohnehin angemessener gewesen, meint Ihr nicht?«

Für einen Moment sah es so aus, als würde Leopold die Beherrschung verlieren und mit der Klinge oder den Fäusten auf ihn losgehen. Aber er nahm sich im letzten Moment zusammen. »Schafft ihn hinaus«, befahl er seinen Männern.

»Wo bringt Ihr ihn hin?«, fragte Guillaume. »Wisst Ihr eigentlich, was Ihr tut, Euer Gnaden? Welch furchtbare Sünde Ihr begeht, einen Heiligen Krieger auf der Heimreise zu überfallen?«

Leopold schnaubte belustigt. »Ich werde versuchen, es bei der nächsten Beichte nicht zu vergessen. Und jetzt gib Ruhe, Söhnchen. Wenn du schön artig bist, darfst du noch ein bisschen weiterleben.«

Guillaume sah ihm in die Augen. »Ich bin kein Söhnchen, Euer Gnaden. Mein Name ist Guillaume of Waringham, und ich gehe, wo immer König Richard hingeht.«

»Maurice de Clare«, meldete sein Freund sich zu Wort. »Und das gilt auch für mich.«

Leopold winkte desinteressiert ab. »Ihr täuscht euch beide. Da, wo er hingeht, braucht er keine Gesellschaft. Gerhard, Wilhelm, bindet sie und behaltet sie im Auge. Morgen früh lasst sie meinethalben laufen.«

Schwarzbart und einer seiner Kumpane traten mit erhobenen Waffen auf die beiden jungen Kreuzfahrer zu, die sich gleichzeitig mit einem plötzlichen Ruck aus den nachlässigen Griffen ihrer Wächter befreiten, nach links und rechts wegduckten und dann wieder aufrichteten, der eine mit einem Scheit aus dem Feuerkorb in der Hand, der andere mit einem Holzschemel.

»Halt«, befahl Richard. So viel Autorität lag in der Stimme, dass nicht nur seine beiden Ritter, sondern auch die des Herzogs von Österreich innehielten. »Habt Dank, Freunde.« Er trat unter leisem Kettenklirren zu seinen beiden Gefährten. »Wenn dies hier Gottes Wille ist, dann soll es eben geschehen. Doch ihr habt jetzt Wichtigeres zu tun, als sinnlos euer Leben wegzuwerfen, versteht ihr mich?«

Sie nickten stumm – sprachlos angesichts dieser tückischen Wendung, vor allem angesichts der rostigen Eisenschellen an den Händen und Fußknöcheln ihres Königs. Er sah erst dem einen, dann dem anderen in die Augen, seine Miene ernst, aber ein verräterisches Funkeln in den Augen. »Also geht mit Gott. Wenn ich es recht bedenke, möchte ich lieber nicht mit euch tauschen. Ich gehe lediglich in Festungshaft. Ihr hingegen müsst meiner Mutter erklären, wieso Ihr ohne mich heimkommt.«

Erster Teil
Höllenpakt
1193 – 1194

Waringham, Januar 1193

»Na los, komm schon, Yvain«, rief Jean FitzEdmond. »Du schläfst mir doch hoffentlich nicht ein?«

Yvain warf ihm einen blitzschnellen Blick zu, ehe er wieder auf Rogers tanzende Klinge schaute, den Schild anhob und zum Konter überging. Klirrend trafen die stumpfen Übungsschwerter aufeinander, zweimal, dreimal, in schneller Folge, und die beiden Kontrahenten entließen gewaltige weiße Atemwolken in die kalte Winterluft.

Yvain stellte ungläubig fest, dass er Roger jetzt ganz allmählich zurückzwang. Fast hatten sie schon die Mitte des Sandplatzes erreicht.

Jean FitzEdmond blieb auf einer Höhe mit ihnen, wenn auch gut fünf Schritte zur Seite, um ihnen nicht ins Gehege zu kommen. »Gut so! Vergiss deine Deckung nicht, Roger. Und du beweg die Füße, Yvain. Wer den anderen entwaffnet, darf morgen mit zur Falkenjagd.«

Die beiden Knappen tauschten einen Blick, und innerhalb ­eines Wimpernschlages wurde aus Übung bitterer Ernst. Sie beide wollten diese Jagd.

»Auf Leben und Tod, de Lacy«, knurrte Yvain.

»Auf Leben und Tod«, stimmte Roger grimmig zu und ließ ohne jede Vorwarnung das Schwert auf Yvains Schild nieder­sausen.

Yvain spürte die Erschütterung bis in die Fußspitzen und erkannte voller Schrecken, dass sich doch nichts geändert hatte: ­Roger war immer noch stärker als er, haushoch überlegen. Wie hatte er sich nur einbilden können, er habe aufgeholt?

Rogers Schwerthiebe fielen wie Hammerschläge auf seinen Schild, und nun war Yvain derjenige, der zurückgedrängt wurde.

Alles wie gehabt, dachte er wütend, biss die Zähne zusammen und stemmte sich dem Ansturm entgegen, lauschte auf den Rhythmus, wich mit einer eleganten Vierteldrehung nach links, sodass Rogers nächster Stoß ins Leere ging, und griff ihn von der Seite an.

Aber Roger de Lacy – dieser gottverfluchte Hurensohn – hatte auf alles eine Antwort. Er parierte Yvains Finte mit beleidigender Mühelosigkeit, rammte ihm den Schild gegen die Schulter, und als Yvain den Schildarm abwinkelte, um das Gleichgewicht zu halten, stürzte Roger sich auf die Lücke in seiner Deckung wie ein Habicht auf eine lahme Ente. Yvain spürte einen Schlag vor die Brust wie den Stoß eines Rammbocks. Er landete auf dem Rücken im schneeverkrusteten Sand, die Arme ausgebreitet wie ein Gekreuzigter und regungslos, weil der Aufprall alle Luft aus seinen Lungen gepresst hatte.

»Gut gemacht, Roger!«, rief ihr Lehrer aufgeräumt, kam mit langen Schritten herüber und drosch dem Sieger auf die Schulter. »Wie beglückend, dass wenigstens einer von euch sich gelegentlich merkt, was ich euch beizubringen versuche.«

Seite an Seite standen sie turmhoch über Yvain und schauten auf ihn hinab, Jean mit verschränkten Armen und einem mitleidigen Lächeln auf den Lippen, Roger außer Atem, den Schild immer noch in Position, als rechne er damit, dass sein gefällter Gegner plötzlich aufspringen und wieder angreifen werde.

Mit verblüffender Plötzlichkeit fühlte Yvain Luft zurückströmen und befand, dass er hier lange genug wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken gelegen hatte. Er richtete sich auf und schlug die behandschuhten Fäuste in den Sand. »Mist!«

Roger und Jean gaben keinen Kommentar ab. Sie warteten.

Der Unterlegene kam mit einer verstohlenen Grimasse auf die Füße und verneigte sich vor seinem Bezwinger. »Wie es aussieht, muss ich noch ein wenig härter trainieren. Die Jagd gehört dir.«

Roger erwiderte die Verbeugung, wandte sich an den Lehrer und bemerkte: »Der Wettkampf war unfair. Ich bin zwei Jahre älter als er.«

»Auf dem Schlachtfeld kümmert das niemanden«, gab Jean verächtlich zurück. »Wer nicht lernt, einen stärkeren Gegner mit überlegener Technik zu besiegen, stirbt als sehr junger Held, schreibt euch das endlich hinter die Ohren. Außerdem seid ihr gleich groß.«

»Aber …«

Yvain legte Roger kopfschüttelnd die Hand auf den Arm. »Halt die Klappe. Ich fühle mich noch besiegter, wenn du Ausflüchte für mich vorbringst.«

Jean FitzEdmond lachte in sich hinein und klopfte auch dem jüngeren seiner Schüler kurz die Schulter. »Deine Schwertkunst mag noch nicht sehr entwaffnend sein, aber deine Aufrichtigkeit ist es allemal.«

»Sie rettet einen auf dem Schlachtfeld aber auch nicht«, gab der Junge düster zurück, bückte sich nach seinem verlorenen Schwert und wischte mit dem Ärmel Sand und Schnee von der matten Klinge.

»Wohl wahr«, räumte Jean augenzwinkernd ein.

Er war einer der jüngeren Ritter im Haushalt des Earl of Waringham. Die meisten seiner Altersgenossen waren mit dem König ins Heilige Land gezogen, aber Jean hatte aus Gründen, die er nicht preisgeben wollte, verzichtet. Yvain hatte manches Mal darüber gerätselt, was einen Ritter veranlassen konnte, sich die Ehre, den Ruhm, die Vergebung seiner Sünden und nicht zuletzt die Stundung seiner Schulden entgehen zu lassen, die ein Kreuzzug mit sich brachte, aber er war alles in allem froh, dass Jean zu Hause geblieben war. Denn er war ein guter Fechtlehrer, der seine Zöglinge mit dem Beispiel seiner eigenen vortrefflichen Waffenkunst inspirierte.

Er entließ sie mit einem nachlässigen Wink. »Das war alles für heute. Bringt die Ausrüstung in die Waffenkammer, und dann rauf in die Halle mit euch ans Feuer, eh ihr mir zu Eiszapfen ­werdet.«

Seit Neujahr vor gut einer Woche war kein Schnee mehr gefallen, aber der weite Himmel über Kent zeigte eine unheilschwangere, bleigraue Farbe, die nichts Gutes verhieß.

Yvain ging den Burghügel hinab und sah einen Bussard vorüberziehen und im Wald verschwinden. Unwillkürlich dachte er an die Beizjagd am folgenden Tag, die er versäumen würde. Sein Vater würde nicht begeistert sein. Jocelyn of Waringham war kein reicher Mann. Selbst wenn er einen Grafentitel besaß, war die Baronie doch viel zu klein, um Wohlstand einzubringen. Im Gegenteil, manchmal war es schwierig genug, Pferde, Rüstung, Waffen und Unterhalt für den Earl selbst und sein Gefolge zu bestreiten. Trotzdem hatte Jocelyn das teure Jagdrecht für die Wälder rund um Waringham von der Krone erworben, und Yvain vermutete, er hatte sich diese untypische Extravaganz geleistet, um seinen Söhnen eine höfische Erziehung bieten zu können, zu der eben auch die Jagd gehörte. Also würde er heute vermutlich die Stirn über den jüngeren seiner Söhne runzeln. Aber das machte nichts. Yvain war daran gewöhnt.

Der überfrorene Schnee knirschte unter seinen guten, wenn auch abgetragenen Stiefeln, als er den Mönchskopf überquerte. Oben auf der kahlen Kalksteinkuppe, welcher der Hügel seinen Namen verdankte, wehte es eisig. Mit der freien Hand schlang Yvain ungeschickt den Mantel fester um sich. In diesem Mantel konnte einem nicht einmal der bitterste Wind etwas anhaben, denn die dicht gewalkte Wolle war mit Kaninchenfell gefüttert. Nur seine Finger nahmen allmählich einen bedenklichen Purpurton an, vor allem an der Linken, die den vollen Wassereimer trug, und von seinen Zehen spürte er auch nicht mehr sonderlich viel, als er sein Ziel erreichte. Rechterhand des Mönchskopfes und ungefähr gleich weit von Dorf und Burg entfernt lag Waringham Heath, eine unberührte Heide, die sich in sachten Wellen bis zum Waldrand erstreckte. Niemand wusste so recht, warum der Wald dieses Land nicht erobert hatte. Lord Waringham sprach gelegentlich davon, dass er es unter den Pflug bringen wolle, aber der Boden war karg, erinnerte seine Gemahlin ihn dann regelmäßig, das Heidekraut und der Ginster, die dort wuchsen, störrisch und wehrhaft, wenn man sie auszumachen versuchte.

Waringham Heath war ungezähmt und für Yvain der schönste Flecken Erde auf der großen weiten Welt, selbst wenn er zugeben musste, dass er noch nicht viel von der großen weiten Welt gesehen hatte. Ein einzelner Baum erhob sich inmitten der Heide, eine knorrige Erle, die nie besonders anmutig gewesen war. Sie hatte sich im Wachstum vom Wind weggeduckt und in sich selbst verdreht und verschlungen. Natürlich nannten die alten Weiber sie einen Feenbaum, und das ganze Dorf war erschüttert gewesen, als letzten Sommer der Blitz hineingefahren war und den Feenbaum in schwarz verkohltes Totholz verwandelt hatte. Ein schlechtes Zeichen, hatte die alte Wilona gemunkelt, ein schlechtes Zeichen für ganz Waringham, für Dorf und Burg, für Mann und Maus.

Also hatte Yvain beschlossen, den toten Baum wieder zum Leben zu erwecken, um das böse Omen zu bannen, und zur allgemeinen Belustigung kam er jeden Tag her und kippte einen Eimer Wasser an die Erle. Heute war nicht das erste Mal gewesen, dass er das Eis auf dem Brunnen der Burg hatte zertrümmern müssen, um sein Wasser zu schöpfen, und die Belehrung der Burgwache, dass man Pflanzen im Winter nicht gießen müsse – tote erst recht nicht –, hatte er auch schon ein paarmal gehört. Das war ihm gleich.

Er leerte seinen Eimer am geschwärzten Stamm und bekam wie meistens ein paar Spritzer auf die Stiefelspitzen. Mit der Rechten strich er über die verkohlte, raue Borke. »Trink«, murmelte er. »Ich weiß, es schlummert noch Leben in dir, also trink und wach auf. Sag deinen Feen, sie sollen sich mal ein bisschen anstrengen. Ein einziger kleiner Trieb im Frühling, wie wär’s?«

Helles, zweistimmiges Gelächter hinter ihm ließ ihn zusammenfahren, und er wirbelte so hastig herum, dass ihm der Eimer aus der Hand fiel.

»Immer mit der Ruhe, wir sind’s nur«, sagte seine Schwester mit nachsichtigem Spott.

»Hast du gedacht, die Feen kämen dich holen?«, fügte Amabel lächelnd hinzu.

Yvain las den Ledereimer auf. Das war ein guter Vorwand, den Kopf abzuwenden, damit er ihr Lächeln nicht länger sehen musste. »Vielleicht ist es ja so, und ihr seid Feen, die sich unter die Sterblichen gemischt haben, um Schabernack zu treiben oder Unheil zu stiften«, argwöhnte er. »Was sonst könnten zwei junge Ladys hier in der Heide zu suchen haben?«

Sie hakten sich links und rechts bei ihm ein, und Amabel nahm ihm den Eimer ab. »Wir waren im Dorf bei Vater Cyneheard«, klärte sie ihn auf. »Die Frauen haben heute den Weihnachtsschmuck in der Kirche abgenommen, und eure Mutter hat uns geschickt, ihnen ein paar Früchtebrote zu bringen und zu helfen.«

»Der Berg aus verwelkter Stechpalme und Rosmarin, den wir in der Kirche zusammengekehrt haben, war höher als der Mönchskopf, das kannst du mir glauben«, behauptete Cecily.

»Ich fürchte, das kann ich nicht glauben«, widersprach er trocken und drückte ihr einen schnellen Kuss auf den rotblonden Schopf. Cecily war elf – vier Jahre jünger als er – und seit jeher Yvains Objekt zur Erprobung seiner ritterlichen Beschützerqualitäten gewesen. »Was gibt es Neues im Dorf?«

»Matthew der Schmied hat sich die Hand gebrochen.«

»Wie kann man sich während der Feiertagsruhe die Hand brechen?«, fragte Yvain erstaunt.

»Mit ein wenig Hilfe aus der Nachbarschaft«, antwortete Amabel. »Von Elfhelm, zum Beispiel.«

»Haben sie sich schon wieder geprügelt?«

Matthew der Schmied und sein Vetter Elfhelm stritten um den Besitz eines Ochsen, der vor zwei Jahren bei einem bierseligen Würfelspiel gesetzt worden war, und aus der anfänglichen Meinungsverschiedenheit war im Laufe der Zeit eine bittere Feindschaft geworden.

Amabel nickte. »Vater Cyneheard sagt, seine Lordschaft müsse ihnen ins Gewissen reden, ehe einer den anderen umbringt.«

Yvain gab keinen Kommentar ab, aber er dachte, dass es vermutlich nicht viel nützen würde. Die Bauern und Handwerker von Waringham hatten Respekt vor ihrem Lord, weil dessen Mutter eine angelsächsische Lady gewesen war und weil er mehr von der Landwirtschaft verstand als die meisten anderen Männer seiner Klasse. Sie nahmen die Mützen vom Kopf und lauschten andächtig, wenn er ihnen etwas zu sagen hatte. Aber sobald er den Rücken kehrte, machten sie doch wieder nur das, was sie für richtig befanden.

Cecilys Gedanken schienen in die gleiche Richtung zu gehen. »Mutter sollte sie sich vornehmen. Wenn überhaupt, werden sie eher auf sie hören.«

»Du hast recht«, stimmte Amabel zu. »Sogar in Hetfield fressen ihr die Bauern aus der Hand, und jedes Kind weiß, wie stur die Leute dort sind.«

Amabel stammte aus Hetfield, einem ansehnlichen Landgut, das südwestlich an Waringham grenzte. Ihr Vater hatte mit eiser­ner Hand über Gut und Bauern und auch über seine Tochter geherrscht, bis er mit dem alten König in den Krieg gezogen und gefallen war. Seine Frau war schon zwei Jahre zuvor gestorben, und Amabel – sein einziges Kind und somit seine Erbin – hatte der König als Mündel in die Obhut des Earl of Waringham gegeben, auf dass der sie mit seinem Sohn vermählen und die Landsitze zusammenführen konnte. Ein übliches und vollkommen vernünftiges Arrangement, wusste Yvain. Nur leider war nicht er derjenige, der Amabel heiraten würde. Das Mädchen aus Schnee und Ebenholz, wie seine Mutter sie wegen der schwarzen Haare und der makellos weißen Damenhaut nannte, war die Braut seines Bruders. Und ganz gleich, wie viele Nächte Yvain wachliegen und sich sehnlich wünschen mochte, es wäre anders – er konnte sie niemals bekommen.

Die beiden Mädchen berichteten ihm abwechselnd, was sie sonst noch an Neuigkeiten im Dorf gehört hatten. Wie meistens war nichts übermäßig Aufregendes dabei, aber das machte nichts. Yvain war vollauf damit zufrieden, dem Klang ihrer hellen Stimmen in der kalten, klaren Winterluft zu lauschen und dabei verstohlen in Amabels Nähe zu schwelgen. Er spürte ihre Hand ganz deutlich in seiner Armbeuge, obwohl die Berührung federleicht war.

Cecily machte sich von ihm los. »Es fängt an zu schneien!« Sie breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und streckte die Zunge heraus, um eine Flocke zu erhaschen.

»Sehr damenhaft«, lobte der große Bruder.

Cecily zog die niedliche Stupsnase kraus. »Und wenn schon«, sagte sie, während sie wieder neben ihm einherstapfte. »Was soll ich im Kloster mit höfischen Manieren?«

»Äbtissin werden?«, schlug er vor.

»Oh ja. Das ist mir förmlich auf den Leib geschnitten«, gab sie lachend zurück.

Yvain sah seine kleine Schwester von der Seite an und versuchte zu ergründen, ob ihre Unbeschwertheit aufgesetzt war, aber er konnte keinerlei Anzeichen dafür entdecken. Am Tag ihrer Geburt hatte ihr Vater Cecily der Kirche versprochen – sie hatte also reichlich Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Bislang immer eine ferne Zukunftsaussicht, war ihr Eintritt ins Kloster indes mit einem unerwarteten Ruck nähergekommen, als ihr Vater ihnen an Weihnachten eröffnet hatte, dass er Cecily nach Wiltshire in die Abtei von Amesbury bringen werde, sobald der Schnee geschmolzen war.

Möge der Frühling dieses Jahr spät kommen, fuhr es Yvain durch den Kopf.

Die Halle von Waringham Castle war ein wundervoller Saal, der fast das gesamte erste Obergeschoss des mächtigen Bergfrieds einnahm. In den beiden mannshohen Kaminen in der Nord- und Südwand prasselten Feuer, aber nur wenig Rauch drang in den Raum – der Blick zur hohen Decke und der Galerie entlang der Ostseite, wo bei Festen die Spielleute musizierten, war ungetrübt.

Ein paar dienstfreie Wachen saßen am unteren Ende des linken Seitentischs über dampfende Bierbecher gebeugt, ein Stück weiter hockte die alte Edith mit ihrem unvermeidlichen Nähzeug und erzählte eine Geschichte. Ein halbes Dutzend Kinder saß links und rechts von ihr auf der Bank und lauschte gebannt, während drei andere Knaben lautstark mit zwei zotteligen Hunden im Bodenstroh balgten. Auf der gegenüberliegenden Seite saß Jean FitzEdmonds Frau, ein dickes Buch vor sich aufgeschlagen auf dem Tisch, und erteilte ihren beiden Töchtern und drei weiteren Kindern Leseunterricht, wobei sie in regelmäßigen Abständen finstere Blicke zu den lärmenden Bengeln mit den Hunden hinüberwarf. Zwei von Lord Waringhams Rittern brüteten über einem Schachbrett. Die hohe Tafel an der Stirnwand, die dem Earl und seiner Familie vorbehalten war, stand verwaist.

Dorthin führte Yvain seine beiden Begleiterinnen, und im Vorbeigehen rief er die Hunde mit einem Pfiff zur Ordnung. »Loki, Baldur, Schluss mit dem Getöse. Das gilt auch für euch Rabauken«, fügte er an die drei Knirpse hinzu. »Setzt euch zu Edith oder verschwindet nach draußen.«

Scheinbar geläutert trollten sie sich zur Tür, aber der Sohn des Stallknechts streckte hinter Yvains Rücken die Zunge heraus, ehe er auf der Treppe verschwand.

»Das hab ich gesehen, Tom«, rief Yvain ihm hinterher und folgte Amabel und seiner Schwester grinsend zur hohen Tafel. Kaum hatte er sich in seinen Sessel mit den verschlissenen Damastkissen gesetzt, kam Baldur zu ihm getrottet und legte die Schnauze auf seinen Oberschenkel.

»Wo stecken Vater und Mutter denn überhaupt?«, fragte Yvain.

Lady Waringham verbrachte einen Großteil ihrer Tage in der Halle, denn ihr oblag die Führung des Haushaltes, und hier kamen all jene zusammen, mit denen sie Dinge zu besprechen und zu regeln hatte. Der Earl war bei halbwegs erträglichem Wetter hingegen meist von früh bis spät auf seinen Besitzungen unterwegs, aber nicht an eisigen Wintertagen wie heute.

»Keine Ahnung«, gab Cecily zurück und sah sich um, als erwarte sie, dass ihre Eltern plötzlich hinter dem großen Wandteppich zwischen den Fenstern hervorkommen müssten. »Mutter ist wahrscheinlich in der Küche und macht Rowena die Hölle heiß, weil wir zu viel Räucherfisch verbrauchen.«

Yvain nickte und kraulte seinen Hund hinter den langen Schlappohren. Baldur kniff vor Wonne die Augen zu. »Eins ist sicher, wenn du nach Amesbury gehst, wirst du fürstlicher schmausen als hier und nicht den ganzen Winter geräucherten Hering vorgesetzt bekommen. Es heißt, es sei eins der reichsten Klöster in England.«

Cecily nickte und atmete tief durch. »Ich schätze, das ist ein Vorzug«, räumte sie ein. »Wie kommt es, dass die Abtei so reich ist?«

»Keine Ahnung«, musste ihr Bruder bekennen.

»Weil sie der königlichen Familie nahesteht«, erklärte Amabel. Sie ergriff einen runzeligen Apfel aus der Tonschale auf dem Tisch. »Das Kloster von Amesbury ist ein Ableger der Abtei von Fontevrault im Anjou, wo der alte König begraben liegt. Er hat die Niederlassung hier in England gegründet, darum hat die Abtei natürlich die besten Beziehungen und bekommt großzügige Erbschaften und so weiter.«

»Woher weißt du das?«, fragte Yvain verblüfft.

»Mein Vater brachte meine Mutter hin, ein paar Monate bevor sie starb«, erklärte Amabel. Sie legte den Apfel vor sich auf die Tischplatte und strich mit beiden Daumen über die raue Schale. »Die Äbtissin gilt als große Heilerin, die schon viele Schwindsüchtige kuriert hat. Aber Mutter nicht. Jedenfalls haben sie mir von Amesbury Abbey erzählt, als sie heimkamen. Es sei ein wundervolles Kloster, sagte Mutter.«

Amabel sprach nicht oft von ihren Eltern und ihrem Leben in Hetfield. Sie war zehn gewesen, als sie vor vier Jahren nach Waringham gekommen war, und sie hatte sich schnell eingelebt und war Teil der Familie geworden. Yvain hätte gerne gewusst, ob sie noch oft an ihre Eltern dachte. Ob sie sie vermisste. Aber irgendetwas warnte ihn, danach zu fragen.

»Vielleicht besuchst du mich dort einmal«, schlug Cecily vor.

»Das werde ich ganz bestimmt«, versprach Amabel. »Ich komme im Sommer, und dann können wir …« Sie brach ab, als der alte Hugh de Martigny an die hohe Tafel trat, der schon Yvains Großvater gedient hatte. »Dein Vater wünscht dich zu sehen, Junge«, richtete er aus.

Yvain blickte unwillkürlich zur Tür, aber keine Spur von Lord Waringham.

»Oben«, fügte der alte Ritter ominös hinzu.

Yvain tauschte einen Blick mit seiner Schwester.

»Hast du etwas ausgefressen?«, fragte Cecily.

»Bestimmt.« Er stand auf. »Ich weiß nur nicht, was.«

Das Gemach seiner Eltern war der schönste Raum der ganzen Burg. Auf der Südseite im Obergeschoss des Bergfrieds gelegen, bot es einen Blick auf den Garten, wo Lady Waringham die Heilkräuter für die Versorgung des Haushaltes züchtete. Im Frühjahr und im Sommer waren die Beete mit kleinen Blüten in allen nur erdenklichen Farben betupft, und der Wind trug manchmal die herrlichsten Kräuterdüfte herein.

Yvain klopfte an die massive Eichentür und trat ein. »Du hast nach mir geschickt, Vater?«

Zwischen dem Fenster und dem ausladenden Bett mit den geschlossenen Vorhängen stand ein klobiger Tisch, und dort saßen seine Eltern Seite an Seite. Das Bild erschien Yvain sonderbar. Sein Vater war ein rastloser, ungeduldiger Mann, für den Stillsitzen eine Strafe war. Seine Mutter war von früh bis spät auf den Beinen und meist in Eile, weil der Tag immer mehr Pflichten als Stunden für sie hatte. Yvain konnte sich nicht erinnern, seine Eltern an einem Werktag außerhalb der Mahlzeiten je so untätig gesehen zu haben. »Was ist das hier?«, fragte er argwöhnisch.

»Setz dich zu uns, mein Junge«, lud Lady Maud ihn ein, und die Geste, mit der sie ihm einen Schemel am Tisch anwies, wirkte seltsam abwesend. »Es ist gut, Anna, du kannst gehen«, sagte sie zu der Dienstmagd, die den Ipogras gebracht hatte. Der Krug stand unberührt auf dem Tisch und verströmte aromatischen Dampf.

Das Mädchen knickste und schlüpfte hinaus. Yvain hörte in seinem Rücken das verhaltene Poltern, mit dem die schwere Tür sich schloss. Er sah seinem Vater ins Gesicht. »Was ist passiert?« Er spürte sein Herz in der Kehle flattern, aber er achtete darauf, sich seine Furcht nicht anmerken zu lassen. »Ist es Guillaume?«

»Wie hast du das nur erraten, Bruder?«, kam eine vertraute Stimme hinter dem Bettvorhang hervor. Dann teilte sich der grüne Wollstoff, und zwei rissige Stiefel kamen zum Vorschein, ehe Guillaume vom hohen Bett ihrer Eltern stieg und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zutrat. »Da bin ich.«

Erleichterung und Freude durchzuckten Yvain, doch ein In­stinkt warnte ihn, seinen Jubellaut zu dämpfen. Er schloss die Lücke zwischen ihnen mit zwei Schritten und umarmte seinen lang entbehrten Bruder. »Oh, der Herr sei gepriesen! Du bist nach Hause gekommen …«

Guillaume legte ihm die Hände auf die Schultern. »Sieh dich nur an. Wie du gewachsen bist, Yvain! Du warst ein Knäblein, als ich fortging, und auf einmal bist du ein Kerl geworden.«

Yvain registrierte flüchtig, dass er tatsächlich nur noch einen halben Kopf kleiner war als sein Bruder, aber das war ihm im Moment völlig gleich. »Seit wann bist du zurück? Wie ist es dir ergangen? Wie geht es dem König? Wie war …«

»Ich fürchte, du wirst deine Neugier noch ein Weilchen zügeln müssen, Yvain«, unterbrach sein Vater. »Schenk uns ein. Und setzt euch hin, alle beide.«

Sie nahmen nebeneinander auf den beiden Schemeln ihren Eltern gegenüber Platz. Yvain füllte vier der Zinnbecher, die auf dem Tisch bereitstanden, aber er verschüttete ein paar Tropfen, weil er die Augen nicht von seinem Bruder nehmen konnte.

Guillaume war ein großgewachsener Mann von beinah sechs Fuß. Das gewellte, kinnlange Haar und der kurze Bart waren weizenblond, die bestürzend blauen Augen hatten ihr übermütiges Funkeln nicht verloren. Aber er wirkte hagerer, als Yvain ihn in Erinnerung hatte. Das Gesicht war gebräunt, und wenngleich Guillaume erst fünfundzwanzig war, hatte das gleißende Sonnenlicht im Heiligen Land sichtbare Krähenfüße in seine Augenwinkel gegraben. Das änderte indessen nichts daran, dass Guillaume ein auffallend gutaussehender Mann war. Der etwas zu breite Mund war von Natur aus zu einem Lächeln geformt und hatte schon so manche Frau schwach gemacht. Yvain vermutete, dass einige Väter und Ehemänner in Waringham erleichtert gewesen waren, als der junge Lord mit dem König ins Heilige Land zog.

Doch nun war er zurück.

»Guillaume ist letzte Nacht in aller Heimlichkeit nach Hause gekommen«, berichtete Jocelyn of Waringham seinem jüngeren Sohn, die sonst so volltönende Stimme gesenkt. »Über die Mauer, sodass nicht einmal die Nachtwache am Tor ihn gesehen hat.« Wie eh und je konnte er den Stolz auf die Tollkühnheit seines Ältesten nicht ganz verhehlen.

»Höchste Zeit, dass wir die Mauer erhöhen«, warf der ein.

Ihr Vater ließ sich nicht ablenken. »Er hat schlechte Neuigkeiten mitgebracht, Yvain: Der König ist auf der Heimreise einem seiner schlimmsten Feinde in die Hände gefallen, dem Herzog von Österreich.«

Yvain spürte einen heißen Stich in der Magengegend. Er stellte den unberührten, dampfenden Becher zurück und wandte sich an seinen Bruder. »Oh, Jesus. Wie konnte das passieren?«

»Alles ging schief«, antwortete Guillaume und zuckte die breiten Schultern. »Wir waren schon fast in Marseille, als ein entgegenkommendes Schiff uns warnte, Raymond de Toulouse liege auf der Lauer, um den König gefangenzunehmen und an Philippe von Frankreich auszuliefern. Also drehten wir nach Süden ab und versuchten, durch die Straße von Gibraltar zu segeln, aber der Wind blies uns die ganze Zeit ins Gesicht. Vermutlich eine göttliche Fügung, meinte Vater Jerome, denn es wäre gefährlich gewesen, an Philippes Küste entlangzusegeln und …«

»Augenblick«, unterbrach Yvain verständnislos. »Sind nicht König Richard und Philippe von Frankreich als die dicksten Freunde zusammen auf den Kreuzzug gegangen?«

Guillaume trank einen Schluck. Es war, als versuche er, Zeit zu gewinnen, um seine Worte mit Bedacht zu wählen – was ihm nicht ähnlich sah. »Die Freundschaft hielt bis Sizilien«, sagte er schließlich. »Dort verlobte Richard sich mit Berengaria von Navarra, statt sich für Philippes Schwester Alix aufzusparen, wie eigentlich versprochen. Als Philippe ihn an das Versprechen erinnerte, sagte Richard, Alix sei die Geliebte seines Vaters gewesen – was ja auch stimmt. Dafür gebe es Zeugen, sagte er, und wenn Philippe ihn nicht aus dem Versprechen entließe, werde er den Skandal öffentlich machen.«

»Er hat ihn erpresst und ohne Not gedemütigt«, warf ihr Vater stirnrunzelnd ein. »Wie er es ja so gerne tut.«

Guillaume strich sich ein wenig ratlos mit dem Handrücken über den Bart. »Vielleicht. Jedenfalls … war es von da an vorbei mit der innigen Freundschaft. Philippes Zorn ist unversöhnlich. Deshalb blieb uns der direkte Seeweg nach England versperrt. Also beschloss Richard, um Italien herumzusegeln und auf dem Landweg heimzukehren. Aber vor Aquileja soffen wir ab. Die meisten schafften es an Land, doch weil wir in feindlichem Gebiet gestrandet waren, beschloss Richard, als Pilger verkleidet mit nur zwei Gefährten weiterzureisen. Das waren Maurice de Clare und ich. In der Nähe von Wien erwischte uns Leopold von Österreich, legte den König in Ketten und ließ Maurice und mich laufen. Das war kurz vor Weihnachten. Wohin sie ihn gebracht haben, weiß ich nicht. Ich habe auch keine Ahnung, was Leopold mit ihm tun wird, aber auf Seidenkissen betten wird er ihn nicht, denn seit der Belagerung von Akkon hegt der Herzog einen bitteren Groll gegen ihn.«

»König Richard hat ein bemerkenswertes Talent, sich Feinde zu schaffen«, warf ihre Mutter ein.

»Wie jeder König, der sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt, oder?«, konterte Guillaume. »Jedenfalls steckt er jetzt so richtig in der Klemme: Leopold wird ihn an den Meistbietenden verhökern. Richards Feinde werden Schlange stehen, um ihn in die Finger zu bekommen. Und nach dem, was du mir berichtest, Vater, dürfen wir Prinz John wohl getrost zu Richards Feinden zählen«, schloss er und stieß hörbar die Luft durch die Nase aus.

»Und was jetzt?«, fragte Yvain in die kurze Stille hinein.

»Jetzt muss Guillaume so schnell wie möglich an den Hof, um der Königinmutter zu berichten, was passiert ist«, antwortete Jocelyn. »Und zwar inkognito. Niemand außer ihr darf ihn sehen oder von der Gefangennahme des Königs erfahren, vor allem Prinz John nicht.«

»Was ist mit diesem Maurice de Clare?«, wollte Yvain wissen. »Wird er dichthalten?«

Guillaume nickte. »Normalerweise würde ich nicht unbedingt mein letztes Hemd auf seine Diskretion verwetten, aber sein Gaul ist kurz vor Gent auf vereister Straße gestürzt, und beide haben sich ein Bein gebrochen. Ich musste ihn in einem Kloster zurücklassen. Er wird wieder, sagen die Mönche, aber es kann ein paar Wochen dauern.«

»Und das Pferd?«

Guillaume schüttelte den Kopf. Dann streckte er die Rechte aus und fuhr Yvain ruppig über den Schopf. »Immer noch der Pferdejunge, was?«

Yvain zog mit einem kleinen Ruck den Kopf weg. Er erinnerte sich plötzlich daran, dass Guillaumes Gönnerhaftigkeit ihm früher manchmal auf die Nerven gegangen war. Das hatte er in den zweieinhalb Jahren, die sein Bruder fortgewesen war, doch tatsächlich vollkommen vergessen. Und es beschämte ihn ein wenig, dass es keine Viertelstunde gedauert hatte, ehe sein Unwillen sich wieder eingestellt hatte, der vermutlich nur aus Neid geboren war. Denn Guillaume war ein Held. Ein Kreuzfahrer von solchem Ruhm, dass der König unter all seinem Gefolge ausgerechnet ihn ausgesucht hatte, um die gefährliche Heimreise mit ihm anzutreten. Yvain hätte nicht gewusst, was er anfangen sollte, wenn sein Begleiter bei Schnee und Eis mitten in der Fremde einen Reitunfall erlitt und sich das Bein brach. Er argwöhnte, dass er sich an den Wegesrand gesetzt hätte und beim Warten auf einen guten Samariter erfroren wäre …

»Wir haben einen Plan gefasst, bei dem wir deine Hilfe brauchen«, eröffnete Lady Maud ihm.

»Was für ein Plan?«

»Wir haben gute Neuigkeiten für dich, Yvain«, sagte Lord Waringham, aber er sah irgendwie nicht besonders glücklich aus. »Hast du je von der ›Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem‹ gehört?«

Yvain starrte seinen Vater ungläubig an. »Ich soll ein Templer werden?«

»Schsch, nicht so laut«, warnte Jocelyn. »Es ist der berühmteste Ritterorden der ganzen Christenheit, eine Aufnahme zu erlangen daher ein Privileg, das nur wenigen zuteil wird. Aber Robert de l’Aigle, der Bruder deiner Mutter, gehört dem Orden an und ist bereit, sich für dich zu verwenden. Was sagst du dazu?«

Yvain sagte erst einmal gar nichts. Ihm war plötzlich ziemlich warm geworden, wenngleich die kleine Kohlenpfanne unter dem Tisch der eisigen Kälte im Raum nicht viel entgegenzusetzen hatte. Er saß mit gesenktem Kopf auf seinem Schemel, die Hände lose auf den Knien, und dachte nach. Er hatte immer davon geträumt, eines Tages ein gefeierter Ritter wie Guillaume zu werden und an König Richards Seite in den heiligen oder irgendeinen anderen Krieg zu ziehen. Darum stellte er sich jeden Tag auf den Sandplatz unten im Hof, egal ob Schneesturm oder Sonnenschein, und trainierte immer mit den größeren und älteren Knappen im Haushalt seines Vaters: Weil er so schnell wie möglich so gut werden wollte, wie er konnte. Aber ein Ritterorden?

»Es ist eine große Ehre, die dir zuteilwird«, sagte sein Vater. Es klang barsch.

»Ich weiß. Aber hab ich sie auch verdient? Ich hatte nie das Gefühl, berufen zu sein.«

Jocelyn winkte ab. »Was spielt das für eine Rolle? Du weißt, ich kann dir kein Land vererben. Also wenn du nicht eines Tages als landloser Ritter von der Mildtätigkeit deines Bruders leben möchtest, solltest du nicht lange überlegen.«

»Doch«, kam Guillaume seinem Bruder zu Hilfe. »Er sollte überlegen. Lange und vor allem gründlich.« Sein Ausdruck war mit einem Mal untypisch grimmig. »So groß die Ehre auch sein mag, bedeutet es ein Gelübde, das man nicht leichtfertig ablegen sollte: Armut. Gehorsam. Und Keuschheit.« Er schnitt eine Grimasse, die so urkomisch war, dass Yvain lachen musste.

»Der Schutz der Pilger mag ein hehres Ziel sein«, fuhr Guillaume fort, »aber die Templer verlangen große Opfer von den Ihren. Und wenn ich euch die ungeschminkte Wahrheit sagen soll: Der ganze Kreuzzugsgedanke ist eitel. Schlimmer, er ist Wahnsinn.«

»Was König Richard bedauerlicherweise nicht davon abgehalten hat, England zu schröpfen, um dieses Abenteuer zu finanzieren, nur um dann auf dem Heimweg verloren zu gehen«, entgegnete Lord Waringham. »Im Übrigen wirst du ketzerische Reden in meinem Haus gütigst unterlassen.«

Guillaume schlug die Beine übereinander und nahm einen ordentlichen Zug aus seinem Becher, um zu bekunden, dass er nicht sonderlich beeindruckt war. »Ich will nicht respektlos sein, Mylord, aber ich war zwei Jahre im Heiligen Land und habe gesehen, wie Christen und Heiden sich gegenseitig abgeschlachtet haben, um einen verdorrten Sandhügel zu erobern oder zu verteidigen, und am Ende hatten wir außer einem Leichenberg nichts vorzuweisen. Der König ist anderer Meinung, und wenn er je wieder auf freien Fuß kommt, wird er ins Heilige Land zurückkehren, so schnell er nur kann. Aber mal ehrlich: Er hat jede Belagerung und jede Schlacht auf diesem Kreuzzug gewonnen und den verdammten Krieg trotzdem verloren. Wenn nicht einmal er Jerusalem zurückerobern konnte, wer soll es dann bewerkstelligen? Er hat einen Friedensvertrag mit Saladin geschlossen, der christlichen Pilgern freien Zugang zu den heiligen Stätten garantiert, und auch wenn sein Zorn über diesen schmählichen Frieden ihn fast umgebracht hat, war es doch eigentlich das, was wir alle wollten, oder?«

Lord Waringham bedachte ihn mit einem Stirnrunzeln väterlicher Missbilligung. Er war kein Mann, dem man sich leicht widersetzte: Ende vierzig, höchstens zwei Zoll kleiner als sein Erstgeborener, mit grauen Schläfen und Silberfäden im dunkelblonden Bart. Vom linken Augenwinkel verlief eine schmale Narbe abwärts über die Wange, bis sie sich im Bart verlor, und erinnerte an die Zeiten, da Jocelyn of Waringham zusammen mit dem berühmten William Marshal dem Jungen König gedient hatte, Richards älterem Bruder, der ihrem Vater auf den Thron gefolgt wäre, hätte ihn nicht die Ruhr geholt. Jocelyn of Waringham hatte in Schlachten und Turnieren gekämpft, solange er musste, aber keinen Tag länger. Yvain wusste nicht, warum genau sein Vater der Welt des Hofes und der Mächtigen den Rücken gekehrt hatte, doch bald nach dem Tod des Jungen Königs war er nach Hause gegangen, um sich seinen Besitzungen und seiner Familie zu widmen. Waringham, wusste Yvain, kam für seinen Vater immer an erster Stelle, und von seinen Kindern erwartete der Earl deshalb die Bereitschaft, ihre persönlichen Wünsche den Belangen ihres Hauses unterzuordnen.

Er tippte auf eine versiegelte Pergamentrolle, die vor ihm auf dem Tisch lag. »Hör zu, Yvain. Dies ist ein Empfehlungsschreiben deines Onkels Robert an Geoffroy FitzStephen, den Meister der englischen Templer. Wie der Zufall es will, ist FitzStephen gerade als Gast der Königinmutter bei Hofe. Du wirst mit Guillaume zusammen aufbrechen, sobald es völlig dunkel ist, damit niemand in Waringham deinen Bruder sieht. Du reitest nach Winchester, überbringst dem Meister der Templer das Schreiben und bittest höflich um Aufnahme. Guillaume wird dein unauffälliger Begleiter sein, dein Diener vielleicht, ungerüstet und in einfachen Kleidern. Es ist seine beste Chance, unerkannt zur Königinmutter zu gelangen, verstehst du?«

Yvain nickte. »Soll ich … Soll ich um sofortige Aufnahme ersuchen?«, fragte er, und er war einigermaßen zufrieden mit sich, weil es gelassen geklungen hatte. In Wirklichkeit jagte die Vorstellung ihm eine Heidenangst ein, dass dieser Tag das Ende all dessen sein könnte, was ihm lieb und vertraut war.

»Nein, nein«, beruhigte sein Vater ihn. »FitzStephen wird dich wissen lassen, wann du dich wo einzufinden hast. Bis es so weit ist, kommst du wieder nach Hause.«

Danke, Jesus, dachte Yvain und atmete verstohlen auf. Er wandte sich an seinen Bruder. »Lass uns bis zwei Stunden vor Mitternacht warten. Dann können wir sicher sein, dass ganz Waringham schläft – alle bis auf die Torwache zumindest –, und gehen über die Mauer, so wie du gekommen bist.«

Guillaumes Augen funkelten. »Das nenn ich einen Löwenritter!«, lobte er und drosch seinem Bruder auf die Schulter, dass Yvain beinah vom Schemel gekippt wäre.

Der Jüngere verdrehte die Augen. In den Geschichten um König Artus war Yvain der Ritter, der den Löwen vor der Schlange gerettet und anschließend gezähmt hatte. Selbst unter den ruhmreichen Männern der Tafelrunde war er ein gefeierter Held. Und solange Yvain of Waringham denken konnte, hatte man ihn mit diesem Namensvetter angespornt oder gemessen oder aufgezogen, je nachdem. Er fand, es reichte eigentlich, einen Bruder wie Guillaume zu haben, aus dessen Schatten zu treten er kaum je erhoffen konnte. Ein zweiter, obendrein arthurischer Schatten wäre wirklich nicht nötig gewesen …

»Es tut mir leid, dass wir dich so plötzlich damit überfallen, Yvain«, sagte Lady Maud. »Dein Vater und ich sind schon letztes Frühjahr nach Pevensey geritten, als mein Bruder gerade aus dem Heiligen Land zurück war, und haben ihn um seine Empfehlung für dich gebeten. Er hat sie bereitwillig gewährt, und wenn du ihm begegnest, wirst du feststellen, dass du einen klugen und wohlwollenden Mentor hast. Von humorvoll ganz zu schweigen.«

Ein Lächeln huschte bei der Erinnerung an diesen Bruder über ihr Gesicht und strahlte einen Moment in ihren Augen. Auch mit vierzig Jahren und nach sechs Schwangerschaften war seine Mutter immer noch eine schöne Frau, fand Yvain. Das Gebende unter dem hüftlangen Schleier, das ihr Kinn und den Ansatz der rotblonden Haare bedeckte, verlieh ihr einen Anstrich von Strenge, aber die freche Stupsnase mit der Prise unverwüstlicher Sommersprossen links und rechts war näher an der Wahrheit. War Lady Waringham auch eine stolze Dame aus altem normannischen Adel, hatte sie das nie davon abgehalten, mit ihren Kindern im Heu zu toben oder zum Fischen zu gehen. Sie konnte in Fragen von Ehre und Anstand ebenso unerbittlich sein wie Lord Waringham, aber für ihre Kinder ebenso wie für Gesinde und Hörige des Gutes war sie oft Vermittlerin und Fürsprecherin. Sie vergötterte ihren Gemahl – liebte ihn vermutlich mehr als jedes ihrer Kinder –, aber sie war wohl der einzige Mensch in Waringham, der keine Ehrfurcht vor ihm empfand.

»Wenn du zurück bist, werden wir dir in Ruhe erklären, warum wir glauben, dass dieser Weg der richtige für dich ist.«

»Schon gut«, versicherte Yvain verlegen.

Sein Vater hatte ihm die wahren Gründe ja bereits genannt. Für ihn gab es kein Land. Auf eine reiche Erbin konnte er auch nicht hoffen, denn ihr Geschlecht war zu unbedeutend, um einen Vater oder Vormund zu ködern. Seine Eltern hätten ebenso gut beschließen können, ihn ins Kloster zu stecken. Also dann doch lieber ein Ritterorden, befand Yvain.

Winchester, Januar 1193

»Mein Name ist Yvain of Waringham, ich bringe eine Nachricht für Geoffroy FitzStephen, den Meister der Templer.«

Eine der Wachen löste sich aus dem Windschatten am Tor, trat näher und warf einen Blick auf das Siegel, das Yvain ihm hinhielt.

Er winkte ihn durch. »Sein Quartier ist im Ostturm, aber wahrscheinlich findet Ihr ihn um diese Zeit in der Halle«, sagte er hilfsbereit. »Euer Bursche kann versuchen, im Stall dort drüben noch Platz für Eure Tiere zu finden. Es ist allerdings ziemlich voll hier im Moment, also wenn Ihr nicht lange bleibt, bindet sie gleich vor der Halle an. Aber dann lasst Euren Burschen Wache stehen – Ihr glaubt ja nicht, wie viele Gäule hier verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen.«

»Danke.« Yvain drückte Guillaumes herrlichem Fuchs, der ihn vortrefflich nach Winchester getragen hatte, sacht die Fersen in die Seiten und ritt durchs Tor.

Sein »Bursche« folgte auf einem Maultier. »Wurd auch Zeit«, knurrte er gedämpft. »Man kann seine Tarnung auch übertreiben, scheint mir. Ich dachte, ein Schiff sei die grauenvollste Art zu reisen, aber der Rücken eines Mulis steht dem in nichts nach.«

Yvain biss sich grinsend auf die Unterlippe. »Komm schon, du beleidigst die arme Pansy. Sie ist ein wackeres altes Mädchen. Und mutiger als jedes Pferd. Letzten Herbst hat sie Cecily gegen einen wilden Hund verteidigt, ob du’s glaubst oder nicht.«

»Da sie dir so teuer ist, hast du ja sicher keine Einwände, wenn wir für den Heimweg wieder tauschen«, konterte Guillaume gallig.

Ein Knecht kam aus dem gedrungenen Stallgebäude geschlurft, sodass Yvain eine Antwort erspart blieb.

Wegen der winterlichen Straßen hatten sie drei Tage für die Reise nach Hampshire gebraucht, aber das Wetter war ihnen ­einigermaßen hold gewesen. Bis auf ein paar Schauer hatte es nicht geschneit, nur der scharfe, eisige Wind hatte sie stetig begleitet. Die erste Nacht hatten sie in einer Scheune unweit von Tonbridge verbracht und jämmerlich gefroren, die zweite kom­forta­bler in einem Gasthaus in Guildford, und an den Abenden ebenso wie während der langen Stunden im Sattel hatten die Brüder Gelegenheit gefunden, zu reden und wieder vertraut miteinander zu werden.

Guillaume hatte alles wissen wollen, was während seiner Abwesenheit in Waringham passiert war, woran der alte Gaston de Falaise und die Müllerin gestorben waren, wie die Ernten verlaufen waren und natürlich alles über seine Verlobte. Yvain wusste, dass es kindisch war, aber er war seltsam unwillig gewesen, Guillaume von Amabel zu berichten.

Als weitaus unwilliger erwies sich indes Guillaume, wann immer Yvain ihn drängte, vom Kreuzzug zu erzählen. Als der jüngere Bruder das stichhaltige Argument vorbrachte, dass er doch nun selber ein Kreuzritter werden solle und nicht ahnungslos vor Geoffrey FitzStephen erscheinen wolle wie das Lamm an der Schlachtbank, gab Guillaume nach, aber er beschränkte sich auf die Heldentaten des Königs: seine fast beiläufigen Eroberungen von Sizilien und Zypern auf dem Weg nach Palästina. Die Belagerung von Akkon, die jahrelang auf der Stelle getreten hatte, aber kaum führte Richard sie an, fiel die mächtige Hafenstadt nach nur einem Monat. Dann die Schlacht von Arsuf – um die sich schon etliche Legenden rankten, wenngleich sie erst eineinhalb Jahre zurücklag –, bei der Richard seinem geliebten Feind Saladin eine erdrückende Niederlage beigebracht und die gesamte Küstenregion bis hinunter nach Jaffa gesichert hatte.

Yvain hatte der Aufzählung königlicher Ruhmestaten ein wenig ratlos gelauscht, denn so sehr er sich auch bemühte, stellten sich keine Bilder ein, kein Eindruck davon, wie es im Heiligen Land wirklich gewesen war. Dabei war Guillaume früher immer so ein großartiger Geschichtenerzähler gewesen, den ihre Mutter regelmäßig mit einem Räuspern zur Ordnung rufen musste, wenn er sich in Fahrt redete und die Tatsachen zu sehr mit den Gebilden seiner Phantasie ausschmückte. Doch das Heilige Land, so schien es, hatte den Quell dieser Phantasie ausgetrocknet.

Guillaume wies mit dem ausgestreckten Arm auf die andere Seite des großzügigen Innenhofs. »Dort drüben. Lass uns gehen, eh wir hier festfrieren.«

Er zog sich die Kapuze seines fadenscheinigen Mantels tief ins Gesicht und folgte Yvain zu der großen, aber altmodischen Fachwerkhalle auf der Westseite der Anlage. Im Hof regte sich so gut wie nichts, nur ein paar Mägde und Knechte begegneten ihnen, die Köpfe gegen den schneidenden Wind gesenkt.

Am Eingang der großen Halle wurde Yvain wieder anstandslos vorgelassen, sobald er das Siegel seines Onkels präsentierte. Im Innern des dämmrigen Saals standen fein gekleidete Höflinge und Geistliche in kleinen Gruppen um das muntere Feuer in der Mitte herum, während die Diener die Tafeln für das Nachtmahl aufbockten und lange weiße Tischtücher darauf ausbreiteten. Die wenigen Fenster waren mit Holzläden verschlossen. Hohe schmiedeeiserne Kerzenleuchter standen in kurzen Abständen entlang der Wände und ließen die Goldfäden in den kostbaren Tapisserien funkeln.

Yvain brauchte den gewisperten Hinweis seines Bruders nicht, um die Königinmutter zu erkennen. Aliénor von Aquitanien stand ein wenig abseits der Höflinge vor dem verwaisten Marmorthron am Ostende der Halle, die Hände auf einem Gehstock verschränkt, dessen Knauf ein goldener Löwenkopf war. Sie war eine uralte Dame von siebzig Jahren, hatte Yvain gehört, aber ihre Haltung war kerzengerade und königlich. Sie schien den Ausführungen eines Bischofs zu lauschen, der respektvoll, vielleicht sogar eine Spur nervös vor ihr stand, aber ihr Blick glitt dabei geruhsam durch den Saal. Als er auf Yvain verharrte, fühlte der Junge die Kraft ihrer Persönlichkeit, so wie man die Hitze eines Feuers spürt, dem man sich nähert. Nie zuvor war er ­einem Menschen mit solch einer Ausstrahlung begegnet, aber sie machte ihn mutig statt scheu.

Er trat unaufgefordert näher, sank vor der Königinmutter auf ein Knie und fiel dem Bischof rüde ins Wort: »Vergebt mir, meine Königin, aber meine Nachrichten dulden keinen Aufschub«, sagte er auf Französisch. »Mein Name ist Yvain of Waringham, und ich bringe Neuigkeiten aus Hodierna.«

Es funktionierte, genau wie Guillaume vorhergesagt hatte. Hodierna war nämlich keineswegs ein Ort, sondern der Name von König Richards Amme gewesen, und die alte Königin erkannte ihn sofort. Nichts rührte sich indes in ihrem runzligen Gesicht, in welchem die strahlend blauen Augen wirkten wie Seen in einer Felslandschaft. Tiefe Seen, womöglich gefüllt mit eisigem Wasser, still an der Oberfläche, unergründlich darunter.

»Ich fürchte, wir müssen unsere Unterhaltung später fortsetzen, mein lieber FitzStephen«, entschuldigte sie sich bei ihrem Gesprächspartner. »Aber dies hier ist wichtig.«

Yvain erkannte mit sinkendem Herzen, dass es keineswegs ein Bischof, sondern sein künftiger Dienstherr war, den er so unhöflich unterbrochen hatte. Der Meister der englischen Templer streifte den knienden Jüngling mit einem angemessen frostigen Blick, verneigte sich vor der Königinmutter und ging mit langen Schritten davon.

Fabelhaft, dachte Yvain und spürte einen feinen Schweißfilm auf der Stirn.

»Folgt mir, Waringham«, sagte Aliénor, und während sie sich abwandte, streifte sie Guillaume mit einem flüchtigen Blick. »Bringt Euren Diener mit.«

Sie nahm den Stock in die Rechte, während sie zu einer diskreten Seitentür ging, aber weder hinkte sie, noch konnte man ausmachen, dass sie einer Stütze bedurfte. Sie führte die Brüder einen zugigen Korridor entlang zu einer Treppe, die in die über der Halle gelegenen Privatgemächer führte. Der Wachsoldat vor der ersten Tür verneigte sich vor Aliénor und öffnete ihr. Sie gelangten in eine kleine, behagliche Halle, wo ein lustiges Feuer seine tröstende Wärme an leere Brokatsessel verschwendete, und weiter durch die nächste Tür in einen ebenso großen und kostbar eingerichteten Raum mit einem Bett, dessen geschlossene purpurne Vorhänge mit Greifen und Drachen und noch absonderlicheren Fabelwesen bestickt waren, deren Namen Yvain nicht kannte. Das ausladende Kohlebecken auf dem Fußboden verströmte nicht nur angenehme Wärme, sondern ebenso einen dezenten, betörenden Duft, weil irgendwelche Essenzen auf die Holzkohle geträufelt worden waren.

Die alte Königin setzte sich auf den mit kostbaren Pelzen gepolsterten Fenstersitz, verschränkte die Hände auf dem Goldknauf und sah unverwandt zu Guillaume. »Zeigt mir Euer Gesicht.«

Er hob beide Hände, langsam, als graue ihm vor diesem Moment der Wahrheit, und schob die Kapuze zurück.

»Guillaume of Waringham«, sagte sie. Es war eine nüchterne Feststellung, klang weder überrascht, erfreut noch besorgt.

»So ist es, Madame.« Er schluckte sichtlich. »Euer Sohn lebt und ist unversehrt. Aber in Gefangenschaft.«

Ihre Brauen verzogen sich für einen winzigen Moment nach oben. Das war alles. Was immer Königin Aliénor empfinden mochte, behielt sie für sich. »Wessen Gefangenschaft?«

»Des Herzogs von Österreich.«

Sie strich mit den Daumen über die Mähne des goldenen Löwen. »Erzählt der Reihe nach.«

Guillaume wiederholte, was er Yvain und seinen Eltern am Abend seiner Heimkehr berichtet hatte. »Sie hielten de Clare und mich eine Nacht in dem Gasthaus fest, damit wir ihnen nicht folgen konnten«, schloss er. »Darum weiß ich nicht, wohin der König gebracht wurde, Madame. Es tut mir leid.«

»Das müssen wir schleunigst herausfinden«, erwiderte Aliénor. »Und vor allem müssen wir verhindern, dass dieser Leo­pold von Österreich meinen Sohn an Philippe von Frankreich verkauft.«

Guillaume nickte beklommen. »Sagt mir, was ich tun kann, und es ist so gut wie geschehen.«

»Ihr könnt mir einen Becher Wein einschenken«, gab sie trocken zurück.

Auf Guillaumes diskreten auffordernden Wink hin sah Yvain sich um. An der Wand stand ein schmaler Tisch aus einem polierten, sehr dunklen Holz, darauf ein wundervoll ziselierter goldener Krug mit zwei passenden Bechern. Er füllte einen mit dem hellen Rotwein aus dem Krug, brachte ihn der Königin und reichte ihn ihr mit einer kleinen Verbeugung.

»Hab Dank, mein Junge. Yvain, richtig?«

Er musste sich räuspern, ehe er antworten konnte: »Ja, Madame.«

»Ich könnte mir vorstellen, er ist zuzeiten eine Bürde, dieser Name.« Sie sah ihm unverwandt in die Augen, und er schlug den Blick nieder. Weil es sich nicht gehörte, die Königin so lange anzustarren. Und weil er das gruselige Gefühl hatte, sie könne geradewegs bis in seine Seele schauen. »Aber von allen Rittern der Tafelrunde war er mir immer der Liebste«, fügte Aliénor unerwartet hinzu. »Geh hinunter in die Halle und iss, Yvain of Waringham. Dein Bruder und ich haben viel zu erörtern, warte dort auf ihn. Und ich muss wohl kaum erwähnen, dass du zu niemandem ein Wort über die Gefangennahme des Königs sagen darfst.«

»Natürlich nicht, Madame.«

»Lange werden wir es nicht geheim halten können«, fügte sie versonnen hinzu, mehr an sich selbst als an die Brüder gewandt. »Aber ich bestimme den Zeitpunkt, wann es publik wird, niemand sonst.«

Mittlerweile hatten sich viel mehr Menschen in der Halle eingefunden und an den fertig gedeckten Tischen Platz genommen. Eine ausgelassene Schar junger Damen saß an der rechten Seitentafel. Ein Page füllte die hübschen Bronzebecher, die sich je zwei von ihnen teilten, verschüttete einen ordentlichen Schwall auf das weiße Damasttischtuch, weil er mit den Damen tändelte, statt seiner Aufgabe die gebotene Sorgfalt zu widmen, und erntete eine schallende Ohrfeige vom Mundschenk, der unglück­licherweise in der Nähe stand. Die Damen protestierten lautstark.

Yvain machte einen Bogen um die Szene und ging zur anderen Seite des Hufeisens, welches die Tische bildeten, wo es nicht so voll war. Ganz am unteren Ende legte er den schweren Mantel, den er über dem Arm getragen hatte, auf die Bank, setzte sich darauf und hoffte, dass bald aufgetragen werde. Er war ausgehungert.

Rasch füllten sich die Bänke. Eine Gruppe aus englischen und normannischen Mönchen – Schreiber der königlichen Kanzlei, tippte Yvain – ließ sich ganz in seiner Nähe nieder und ignorierte den Jungen in ihrer Mitte vollkommen. Das war ihm gleich, und er lauschte ungeniert und mit zunehmender Faszination, während sie in einem urkomischen Kauderwelsch aus Englisch und Normannisch über die Darbietung eines provenzalischen Troubadours am Abend zuvor debattierten.

Ein kostbar gekleideter, kahlköpfiger Bischof und ein kleines Mädchen saßen an der hohen Tafel und fanden einander offenbar nichts zu sagen. Die restlichen Plätze dort oben waren immer noch leer. Die alte Königin würde das Essen heute vermutlich ausfallen lassen, nahm Yvain an. Mit einem unangenehmen Stich in der Magengegend fiel ihm ein, dass er hier ja noch etwas zu erledigen hatte, als er den Meister der englischen Templer die Halle betreten sah. Dieser hatte seinen dunklen Mantel inzwischen abgelegt, sodass ihn niemand mehr für einen Bischof hätte halten können, denn er trug die Tracht seines Ordens. Kurz ließ er den Blick durch die Halle schweifen und hielt dann entschlossenen Schrittes auf die Estrade an der Stirnseite zu.

Yvain stand auf, ehe seine Gelegenheit ungenutzt verstreichen konnte, und schnitt ihm den Weg ab. »Vergebt mir, Mon­seigneur …«

FitzStephen hielt inne und wandte den Kopf. »Sprichst du mit mir?«

Der Junge nickte und trat zu ihm. »Mein Name ist Yvain of Waringham, Monseigneur, und ich bin hier, um Euch meine Aufnahme in Eure heilige Bruderschaft anzutragen und ein Empfehlungsschreiben meines Onkels, Robert de l’Aigle, zu überbringen.«

»Tatsächlich?« Der Meister der englischen Templer stemmte die Hände in die Hüften und musterte den jungen Mann vor sich gemächlich von Kopf bis Fuß. »Und ich könnte schwören, du seist hier, um meine Audienz mit der Königinmutter zu unterbrechen, auf die ich seit zwei Tagen gewartet habe.«

Yvain spürte seine Wangen heiß werden. »Das war nicht meine Absicht. Ich bitte um Verzeihung.«

Geoffrey FitzStephen gab ein unbestimmtes Brummen von sich. »Was hattest du ihr denn so Wichtiges zu berichten?«

»Darüber darf ich nicht sprechen.«

»Ha. Das wird ja immer besser, Bübchen …« Aber er lachte in sich hinein. Das machte Yvain ein wenig Mut, und er hob den Blick wieder.

FitzStephen streckte die Linke aus. »Dann lass dein Empfehlungsschreiben einmal sehen.«

Er war ein schlanker Mann mit einem glattrasierten, kantigen Kinn und dunklen Augen. Das kurz geschnittene Haar, das seine Tonsur umkränzte, war grau und drahtig. Der wadenlange weiße Bliaut mit dem roten Tatzenkreuz darauf wirkte makellos sauber. Yvain betrachtete ihn ehrfürchtig. Reinheit und Tugend symbolisierte die weiße Tracht, das rote Kreuz ritterlichen Kampfesmut und die Bereitschaft, für die Ehre Gottes und den Schutz seiner Gläubigen das eigene Blut zu vergießen.

Yvain fischte den zusammengerollten Brief seines Onkels aus dem Beutel am Gürtel und legte ihn in die ausgestreckte Hand.

»Und sag mir, Yvain of Waringham, warum wünschst du, ein Templer zu werden?«

Es ist der Wunsch meines Vaters, wäre die ehrliche Antwort gewesen. Aber Yvain hatte die drei Tage im Sattel auch dazu genutzt, sich auf Fragen wie diese vorzubereiten. »Um die Pilger an den heiligsten Stätten der Christenheit zu beschützen, Monsei­gneur, und im Einklang mit dem Wort Gottes zu leben, wenn ich kann.«

»Wie alt bist du?«

»Fünfzehn.« Beinah jedenfalls …

»Wo hast du als Knappe gedient?«

»In Waringham.«

»Hm.« Es klang abschätzig. Yvain wusste sehr wohl, dass es keinen sonderlich guten Eindruck machte, wenn ein junger Mann von Stand zu Hause ausgebildet wurde, statt am Hof irgendeines großen Lords. Doch er war unwillig, diesem Fremden die Gründe darzulegen.

»Unser Leben ist hart und entbehrungsreich, mein Junge. Wir leben in Bescheidenheit und mönchischer Gemeinschaft. Die meisten Brüder sterben jung, sie fallen im Kampf gegen die Ungläubigen oder erliegen den Gefahren, die im Heiligen Land und auf dem Weg dorthin lauern. Wir erlangen weder persönlichen Ruhm noch Reichtümer, sondern verschreiben unser Leben Gott. Bist du sicher, dass du das kannst?«

»Nein, Monseigneur. Gibt es irgendwen, der sich dessen sicher ist, ehe er es versucht hat?«

Der Meister der englischen Templer legte den Kopf schräg und sah den Jungen weiterhin unverwandt an. »Ich bin mir nicht schlüssig, ob dies die beste oder die unverfrorenste Antwort ist, die ich je auf diese Frage bekommen habe.«

»Da seht Ihr’s mal wieder, FitzStephen, das Leben steckt voll unlösbarer Rätsel …«, mischte eine spöttische Stimme sich ein, und im nächsten Moment landete eine große Hand auf Yvains Schulter und wirbelte ihn herum. »Ich jedenfalls beglückwünsche dich zu deiner Antwort, mein junger Freund, wer immer du sein magst.«

»Yvain of Waringham, Mylord«, stellte Geoffrey FitzStephen vor. »Yvain, dies ist des Königs Bruder, Prinz John.«

Schon wieder fuhr Yvain der Schreck in die Glieder, und er fragte sich, ob es gesund für einen unbedarften Jungen vom Lande sein konnte, sich in eine Schlangengrube wie diese zu begeben, wo ein heißer Stich im Magen den nächsten jagte.

Er verneigte sich. »Mein Prinz.«

John war kein goldgelockter Hüne wie sein königlicher Bruder. Er war so groß wie Yvain, und das kinnlange Haar war dunkel, schimmerte aber rötlich im Schein der nahen Fackel, wie brüniertes Kupfer. Es umrahmte ein gutaussehendes, wenn auch scharf geschnittenes Gesicht mit einer Adlernase, die ihm ebenso Autorität verlieh wie der strenge, kurze Bart. Die mandelförmigen, meergrauen Augen waren fesselnd und unergründlich wie die seiner Mutter, und sie betrachteten den jungen Waringham mit unverhohlener Neugier.

»Ja, man sieht, dass du Guillaumes Bruder bist«, bemerkte der Prinz schließlich und verzog für einen Lidschlag die Mundwinkel nach oben. Es war eher eine höhnische Grimasse als ein Lächeln. »Habt ihr Nachricht von ihm? Lebt er noch?«

Yvain nickte. »Es ist gar nicht lange her, dass wir von ihm gehört haben, Mylord, und da war er wohlauf.«

»Das erleichtert mein Herz«, bekundete Prinz John.

Yvain hatte nicht gewusst, dass sein Bruder und der Prinz einander kannten, hatte Guillaume seine Knappenjahre doch in Richards Haushalt in Aquitanien verbracht.

»Während der letzten Verhandlungen zwischen meinem Vater, Philippe von Frankreich und meinem Bruder haben Guillaume und ich tagelang Rennen geritten und nächtelang Tables gespielt«, klärte der Prinz ihn auf, als hätte er Yvains Gedanken gelesen. »Wir hatten reichlich Zeit dafür«, fügte er trocken hinzu. »Denn die Verhandlungen waren zäh. Obendrein fruchtlos.«

»Wenn Ihr mich entschuldigt, mein Prinz«, sagte FitzStephen. Es klang verdrossen, so als missbillige er, dass John so offenkundig unbeschwert von jenen schicksalhaften Tagen sprach, die dem Tod des alten Königs vorausgegangen waren.

»Gewiss«, erwiderte John mit einer lässigen Geste. »Tut ein gutes Werk und erlöst meine Nichte aus de Coutances’ öder Gesellschaft.«

FitzStephen schaute kurz zur hohen Tafel hinüber, wo das kleine Mädchen immer noch allein mit dem kahlköpfigen Bischof saß und sichtlich gelangweilt und sehnsüchtig das lebhafte Treiben an den Seitentafeln verfolgte. Der Meister der Templer nickte knapp und tippte Yvain mit dem Empfehlungsschreiben seines Onkels vor die Brust. »Ich erwarte dich morgen nach der Frühmesse in der Kapelle. Dann reden wir weiter.«

Der Junge verneigte sich schon wieder. »Ich werde dort sein. Habt Dank, Monseigneur.«

Der Prinz wählte einen randvollen Weinpokal von einem Ta­blett, das ein Page ihm offerierte, und trank einen Schluck. »Greif zu, Yvain.«

Der nahm ebenfalls einen der schweren Bronzepokale, trank aber nicht. Irgendetwas Essbares wäre ihm lieber gewesen.

»Ein Templer, he?«, fragte John und betrachtete ihn. »Warum?«

Yvain zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Wir Nachgeborenen müssen mit dem vorliebnehmen, was für uns übrig bleibt, und versuchen, das Beste daraus zu machen, oder? Ich nehme an, ein Mann, den sein eigener Vater ›Ohneland‹ genannt hat, weiß das.«

Um ein Haar hätte der Prinz sich verschluckt und ließ den Becher sinken. »Ich glaube, außer meinen Brüdern hat noch nie jemand gewagt, mich damit aufzuziehen. Mir will scheinen, du hast eine wirklich lose Zunge, Yvain of Waringham.«

»Oh ja«, stimmte der mit Inbrunst zu. »Mein schlimmstes Laster, sagt mein alter Herr. Aber es lag mir fern, Euch aufzuziehen, Mylord. Außerdem seid Ihr das ja gar nicht mehr, oder? Ohne Land, meine ich. Hat nicht der König Euch vor seinem Aufbruch zum Grafen von Mortain erhoben und mit halb England belehnt?«

»Na ja, das ist übertrieben«, widersprach John. »Er hat mich reichlich mit Äckern und Wäldern beglückt und die verdammten Burgen behalten. Aber wie du schon so weise bemerkt hast: Wir Nachgeborenen müssen uns in Demut üben und dankbar für die Brosamen sein, die ältere Brüder und ruhmreiche Kreuzfahrer uns in ihrer grenzenlosen Güte hinwerfen.«

Yvain musste lachen. Natürlich kannte er all die schockierenden Geschichten über Prinz John und wusste, dass er einen gefährlichen Mann vor sich hatte. Und trotzdem. Die Respektlosigkeit des Prinzen gefiel ihm. Sie hatte etwas ungeheuer Befreiendes, wie eine frische Brise an einem drückenden Augusttag.

»Dein Vater hat dich also hergeschickt, damit du dem Meister der Templer deine Dienste anbietest?«, fragte John.

»So ist es.« Yvain hatte das Gefühl, auf einem sehr schmalen Grat zu balancieren. Er wollte den Prinzen nicht anlügen, aber er musste seine wahre Mission um jeden Preis vor ihm geheim halten. »Ich habe ein Empfehlungsschreiben von Robert de l’Aigle, dem Bruder meiner Mutter.«

»Ja, ich kenne ihn. Er macht den Templern Ehre.« Ausnahmsweise spottete der Prinz nicht. »Mit seiner Fürsprache wird FitzStephen dich ganz gewiss nehmen.«

Yvain nickte und unterdrückte ein Seufzen. »Ja, das habe ich mir gedacht. Das kleine Mädchen dort oben ist Eure Nichte?«

Der Prinz sah kurz zur hohen Tafel hinüber. »Eleanor. Die Tochter meines verblichenen Bruders Geoffrey von der Bretagne. Sie war ungefähr zwei, als der Ärmste sich bei einem Turnierunfall den Hals brach. Seither zieht meine Mutter sie groß.«

Als spüre sie, dass ihr Onkel von ihr sprach, schaute Eleanor in ihre Richtung und winkte ihm mit einem strahlenden Lächeln zu.

Der Onkel verneigte sich galant in ihre Richtung. »Sie ist hinreißend. Einer der wenigen hinreißenden Menschen in meiner Familie, wenn du’s genau wissen willst. Ein Wunder, bedenkt man, welch eine schleimige Kröte ihr Vater war. Der posthum noch ­einen Sohn bekam, sodass ich meine Hoffnungen auf die Bretagne begraben konnte. Ganz im Vertrauen, ich hätte lieber noch so eine niedliche Nichte bekommen.«

»Kaum anzunehmen, dass Euer Bruder einen männlichen Erben hinterlassen hat, um Euch eins auszuwischen«, entgegnete Yvain achselzuckend.

»Vielleicht nicht. Aber ich wette mit dir, er sitzt an einem warmen Plätzchen im finstersten Winkel der Hölle und lacht Tränen über das Schnippchen, das er mir noch geschlagen hat.« Er leerte den Becher und stellte ihn zwischen zwei der Kanzleischreiber auf dem Tisch ab, die beide verstummten und die Köpfe vor ihm senkten – ehrerbietig oder furchtsam, Yvain wusste es nicht.

»Was hältst du davon, wenn wir von hier verschwinden?«, schlug der Prinz plötzlich vor. »Ich höre deinen Magen bis hierher knurren, aber es kann noch ewig dauern, bis aufgetragen wird. Ich kenne eine wunderbar schummrige Taverne am Fluss. Dort könnten wir einen ehrlichen englischen Hammeleintopf essen, ein ehrliches englisches Bier trinken, und du könntest noch ein bisschen Spaß haben, ehe dein neues Leben der Askese beginnt, wie wär’s?«

Yvain wusste sofort, dass es eine miserable Idee war. Prinz John unterhielt einen ganzen Haushalt voll junger Ritter, Knappen und sonstiger wilder Gesellen – er war für einen Ausflug in das Nachtleben von Winchester nicht auf seine Gesellschaft angewiesen. Diese unverhoffte Einladung konnte nichts Gutes zu bedeuten haben. Andererseits: Es wäre eine unverzeihliche Beleidigung gewesen, sie abzulehnen. Außerdem hatte Besonnenheit noch nie zu Yvains Tugenden gezählt. Tollkühnheit schon eher. Er war nie zuvor in einer Taverne gewesen, und darum ergab er sich sehenden Auges dem Reiz des Ungewissen.

»Einverstanden.«

Inzwischen war es dunkel geworden. Der Prinz nahm eine Fackel aus einem schmiedeeisernen Wandhalter im Torhaus und schnipste der Wache einen Penny zu.

»Ihr habt uns nicht gesehen, klar?«

»Natürlich nicht, mein Prinz«, versicherte der ältere der beiden behelmten Wachsoldaten nachsichtig.

Die Nachtluft war schneidend kalt. Yvain zog den Mantel fester um sich und stellte verblüfft fest, dass der Prinz der Winternacht ohne Umhang trotzte.

Der Weg war indes nicht weit. Sie gingen durch nächtlich stille Gassen. Die gedrungenen Holzhäuser, die die vereiste Straße säumten, waren dunkel, die Fensterläden gegen die Winternacht verrammelt. Nach etwa einer halben Meile öffnete die Gasse sich zu einem großzügigen Platz, an dessen Nordseite die Kathedrale wie ein gewaltiger göttlicher Schatten aufragte. Der helle Sandstein des noch neuen Gotteshauses schimmerte unirdisch. Der Prinz führte Yvain auf die Ostseite, wo sich wieder eine dunkle Häuserreihe erstreckte. Yvain roch den Fluss, aber er hörte weder Plätschern noch Gurgeln. Vermutlich war der träge Itchen zugefroren.

Vielleicht zwei Dutzend Schritte zu ihrer Rechten schimmerte ein Licht. Als sie näher kamen, wurde die Tür aufgerissen, ein Zecher wurde mit Schwung – vermutlich mit einem Tritt – ins Freie befördert, fiel der Länge nach in den Straßendreck und erbrach sich geräuschvoll.

»Entzückend …«, murmelte John und machte einen großen Schritt über ihn hinweg.

Aus der geöffneten Tür fiel ein warmer Lichtschein und beleuchtete den Ale Stake – eine Holzstange mit einem Kranz aus Gerstenstroh am Ende, die waagerecht über dem Eingang auf die Straße hinausragte und Reisenden anzeigte, dass hier Ale ausgeschenkt wurde.

Der Prinz legte Yvain die Hand auf den Rücken und schob ihn über die Schwelle. »Nur Mut. Es ist nicht so wild, wie es aussieht.«

Stimmengewirr, Rauch und eine schwere Geruchsmischung aus Essensdünsten und nasser Wolle empfingen sie im Innern des großen Schankraums. Lange Tische standen vor der umlaufenden Bank an drei Seiten. Fast die gesamte Stirnwand wurde von einem gewaltigen Herd eingenommen, über dessen Feuer mehrere Kessel hingen. Eine junge Frau hütete zwei Bratspieße mit Kaninchen und Hühnern.

Die Bänke und Schemel waren bis auf den letzten Platz belegt. Handwerksgesellen, Tagelöhner und kleine Kaufleute aus dem Viertel tranken hier ein wohlverdientes Feierabendbier. Sie erstarrten nicht in Ehrfurcht, als sie die fein gekleideten Edelleute in ihrer Mitte entdeckten, denn sie lebten in unmittelbarer Nähe zum königlichen Palast und waren den Anblick gewöhnt. Doch als Prinz John einem halben Dutzend Fleischerlehrlingen mit ­einer knappen und ziemlich rüden Geste bedeutete, dass er ihren Tisch für sich beanspruchte, standen sie schleunigst auf, nahmen ihre Becher und verzogen sich mit einer hastigen Verbeugung ans andere Ende der Taverne.

»Nimm Platz, Yvain«, lud John ihn ein, und während der Junge auf die Bank glitt, rief er zum Herd hinüber: »Ein Krug Ale und zweimal vom Eintopf, Bran!«

Der kahlköpfige Wirt, der an einem Tisch links vom Herd stand und mit einer Kelle Krüge aus einem Bierfass füllte, erwiderte: »Kommt sofort, mein Prinz.«

Yvain war verwundert, wie bekannt Prinz John hier offenbar war, wie selbstverständlich und mühelos er sich unter den kleinen Leuten bewegte. Dabei schien er mit seinem strengen, noblen Antlitz so überhaupt nicht hierher zu passen. »Ihr sprecht Englisch?«, fragte er.

John hob die breiten Schultern. »Im Gegensatz zu meinen Brüdern habe ich den Großteil meines Lebens in England verbracht. Was ist mit dir?«

Yvain nickte. »Meine Großmutter war eine Ashford. Alter angelsächsischer Adel. Sie war stolz auf ihre Wurzeln und hat dafür gesorgt, dass wir sie nicht vergessen. Mir ist die eine Sprache so vertraut wie die andere.«

Das hübsche Mädchen, das die Bratenspieße gedreht hatte, kam mit einem schweren Holzbrett an ihren Tisch, setzte es ab, warf die lange flachsblonde Haarpracht zurück über die Schulter und stellte Eintopfschalen, Becher und Bierkrug vor sie, gefolgt von einem Laib Brot in einer irdenen Schale.

»Entweder ist das Mehl in Winchester neuerdings grün, oder dieses Brot ist schimmelig«, bemerkte der Prinz.

Es klang amüsiert, aber das Mädchen stellte die Schale blitzschnell zurück auf ihr Tablett. »Vergebt mir, Mylord. Ich bringe Euch frisches.«

»Kein Grund, so verschreckt dreinzublicken, Elvina.«

Sie wandte den Blick ab, während sie knickste, hob ihr Tablett auf und verschwand.

Yvain sah ihr einen Moment nach, aber John schien sie augenblicklich zu vergessen. »Iss, Yvain, eh du mir hungers stirbst.«

Das ließ der Junge sich nicht zweimal sagen. Er nahm den Holzlöffel aus der Schale und kostete den dampfenden Eintopf, dem ein verlockendes Aroma nach Zwiebeln und Hammel entstieg. Er schmeckte so gut, wie er duftete. »Hm! Wunderbar«, bekundete der Junge erleichtert.

Der Prinz kostete ebenfalls. »Ja, nicht übel«, befand auch er.

Der kahlköpfige Wirt brachte ihnen frisches Brot, und damit schmeckte es noch besser. Yvain schmauste mit Hingabe.

»Hast du noch weitere Geschwister außer Guillaume?«, fragte John zwischen zwei Löffeln. Er aß lustlos, beobachtete Yvain, hatte aber im Nu einen zweiten Becher Ale geleert.

»Zwei Schwestern«, antwortete der junge Waringham bereitwillig. »Cecily ist elf und tritt demnächst als Novizin ins Kloster von Amesbury ein. Und Adelisa. Sie ist ein paar Jahre älter als ich und mit William Marshals Neffen Anselm verheiratet.«

»Gute Partie«, sagte John beifällig.

»Oh ja. Die Mitgift, die Vater brauchte, um diesen Schwiegersohn zu kaufen, hat uns zwar fast ruiniert, aber er wollte diese Verbindung unbedingt

»Das scheint mir weise. In Abwesenheit des Königs ist William Marshal vermutlich der mächtigste Mann in England. Also praktisch immer, da mein Bruder seine königliche Nase ja nie hier zeigt.«

»Da habt Ihr recht«, räumte Yvain unwillig ein.

»Und doch höre ich eine gewisse Reserviertheit deinem Schwager gegenüber?«, bohrte John nach.

Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich kenne ihn überhaupt nicht. Aber der teuren Mitgift folgten zwei Missernten, Vater musste Schulden machen, und ich konnte nicht wie geplant als Knappe zu William Marshal gehen, weil wir kein Geld hatten, um mir ein Pferd zu kaufen. Nicht Adelisas Schuld, auch nicht die ihres Gemahls, aber irgendwie …« Er brach ratlos ab.

»Verstehe. Und schon wieder sind wir beim beklagenswerten Los der jüngeren Söhne angelangt, nicht wahr?« Der Prinz setzte eine kummervolle Miene auf, die Yvain zum Lachen brachte.

»Vergebt mir, Mylord. Ich wollte Euch nichts vorjammern.«

»Hast du ja auch nicht.«

Sie sprachen über Pferde und Waffen, über Normannen und Angelsachsen, das Ale und den Eintopf, die neue Kirche und die klapprige alte Königshalle von Winchester, und Yvain war verblüfft, wie leicht es ihm fiel, mit dem Prinzen zu plaudern, der doch so viel älter, weltgewandter und gebildeter war als er, von königlichem Geblüt obendrein. Trotz alledem saß er hier mit dem jungen Waringham in einer verräucherten Spelunke in Winchester auf der Bank und tauschte mit ihm die wildesten Gerüchte aus, die sie über Saladin, den Anführer der heidnischen Armeen im Heiligen Land, gehört hatten.

Als die Eintopfschalen ein zweites Mal geleert waren, schlug John schließlich die Beine übereinander, wandte sich dem Jungen halb zu, stützte einen Ellbogen auf den Tisch, die Wange auf die Faust und fragte: »Was ist deine früheste Erinnerung?«

Yvain verharrte mit dem Becher auf halbem Weg zum Mund. »Das ist die sonderbarste Frage, die ich je gehört habe.«

»Und gibt es eine Antwort?«

Was zum Henker willst du von mir?, dachte Yvain nicht zum ersten Mal.

»Bran, bring uns Wein!«, rief John zum Schanktisch hinüber, ehe er sich seinem Gast wieder zuwandte. »Also schön, da du zögerst, erzähle ich dir von meiner: Ich war vier Jahre alt und lebte in der Abtei von Fontevrault im Anjou, wohin meine Mutter mich kurz nach meiner Geburt geschickt hatte. Ich war dort zusammen mit meiner Schwester Joan, und wir spielten an einem sonnigen Wintertag draußen im Schnee, als die Mutter Oberin zu uns kam und uns schonend beibrachte, dass der Erzbischof von Canterbury ermordet worden sei.«

Er legte eine kleine Kunstpause ein.

»Thomas Becket«, sagte Yvain. Es war keine Frage. Jedes Kind in England kannte die Geschichte.

»Thomas Becket, ganz genau«, bestätigte der Prinz. »Erschlagen in seiner eigenen Kirche. Die Nachricht als solche berührte mich überhaupt nicht – ich war ja noch winzig und verstand kaum, was es bedeutete. Doch die ehrwürdige Mutter gab uns zu verstehen, dass unser königlicher Vater diese unaussprech­liche Freveltat befohlen habe. Da fing meine Schwester an zu heulen und schrie, unser Vater werde in die Hölle kommen. Und das zog mir sozusagen den Boden unter den Füßen weg. Ich kannte meinen Vater so wenig wie meine Mutter, aber er war der König, er war der mächtigste Mann der Welt, er war mein Vater. Die Mutter Oberin versuchte, meine Schwester zu beruhigen, aber Joan schrie immer weiter, und ich dachte, die Erde werde sich auftun und meinen Vater, wo immer er war, verschlingen und in die Hölle hinabschleudern.« Er verstummte, schenkte ihnen beiden aus dem Weinkrug ein, der inzwischen gekommen war, und nahm einen ordentlichen Zug.

»Ja, das muss grässlich gewesen sein.« Yvain schob die leere Eintopfschale beiseite, legte stattdessen die Hände um seinen Becher und blickte hinein. »Wie alt war Eure Schwester?«

»Fünf, glaube ich.«

»Was hat diese Äbtissin sich nur dabei gedacht, zwei kleine Kinder so zu erschrecken?«

»Das habe ich mich auch immer gefragt. Du bist an der Reihe.«

»Was? Oh. Der Tod meines kleinen Bruders. Robert. Ich muss ungefähr drei gewesen sein. Er war ein knappes Jahr alt, krabbelte schneller, als das Auge zu folgen vermochte, purzelte die Treppe hinunter und starb. Die Trauer meines Vaters hat mir eine Heidenangst gemacht …« Er unterbrach sich kurz. Er wusste genau, dass er oft dazu neigte, zu viel zu offenbaren, und das wollte er nicht. »Warum sind unsere frühesten Erinnerungen so abscheulich?«, fragte er stattdessen.

»Weil die menschliche Natur dazu neigt, Abscheuliches im Gedächtnis zu bewahren, die glücklichen Stunden aber zu vergessen?«

»Das wollen wir doch nicht hoffen …«, murmelte Yvain und trank einen Schluck. Verstohlen beobachtete er Elvina, die zwei Spielleuten am Nachbartisch Hühnchen und heißes Ale servierte.

»Ich habe irgendwo einmal etwas darüber gelesen«, bemerkte der Prinz. »Bei Augustinus? Vielleicht war’s auch Boethius, ich weiß nicht mehr. Bist du belesen, Yvain?«

»Nicht besonders«, musste der bekennen. »Meine Mutter hat uns Lesen und Schreiben gelehrt, aber in meinem Kopf war anscheinend nicht genug Platz für Latein.«

»Was setzt du uns hier vor, du kleine Schlampe?«, schimpfte einer der Männer am Nachbartisch, der eine verschrammte Fiedel auf dem Rücken trug. »Gebratene Holzkohle?« Er klang betrunken.

»Ja, die Küche hier lässt in letzter Zeit zu wünschen übrig«, murmelte der Prinz vor sich hin.

Das tranchierte Hühnchen sah in der Tat ein wenig verbrannt aus, erkannte Yvain, aber er war trotzdem schockiert, als der Gast den Zinnteller vom Tisch fegte. Yvain hatte noch nie erlebt, dass jemand genießbares Essen fortwarf. In Waringham gab es solche Verschwendung nicht.

»Bring mir etwas Anständiges!«

Elvina hockte sich in die Binsen, um den Teller und den verteilten Inhalt aufzuheben, und der missgelaunte Spielmann trat nach ihr. Er erwischte sie an der Schulter, sodass das Mädchen hart auf dem Rücken landete.

Aus dem Augenwinkel sah Yvain, dass Bran, unverkennbar Elvinas Vater, nicht mehr als einen müden Blick für die Szene übrig hatte.

»Wer war der Mann, der dich zur Königin begleitet hat?«, fragte John im Plauderton.

»Was?« Yvains Kopf fuhr so schnell herum, dass die Wirbel hörbar knackten. »Nur ein Bursche aus Waringham, Mylord.«

»Du hast eine bemerkenswerte Gabe, die Wahrheit zu umschiffen, ohne zu lügen, das ist mir vorhin schon aufgefallen.«

Elvina hatte das verstreute Essen inzwischen aufgesammelt und war auf die Füße gekommen. »Ich hole euch gern vom Eintopf, aber das Huhn müsst ihr bezahlen.«

Mit einem wütenden Zischlaut erhob sich der Fiedler von der Bank, und Yvain wollte ebenfalls aufstehen, um Gott weiß was zu tun, aber die Hand des Prinzen schloss sich wie eine Schraubzwinge um seinen Ellbogen. »Es war Guillaume, nicht wahr?«

Yvain sah kurz auf die große Hand hinab, dann schaute er Prinz John in die Augen. »Ich weiß nicht, wie Ihr darauf kommt.«

»Ich habe eure Ankunft vom Fenster aus beobachtet und ihn am Sitz erkannt. Selbst auf einem Muli macht er im Sattel noch eine bessere Figur als die meisten anderen Männer auf einem Schlachtross. Also?«

Yvain war so ratlos, dass ihm ausnahmsweise einmal nichts zu sagen einfiel. Er hatte ja gewusst, dass sich hinter der Einladung des Prinzen irgendeine Tücke verbarg, aber hiermit hatte er nicht gerechnet. In seiner Not wiederholte er das Einzige, was er gefahrlos sagen konnte: »Ich darf nicht darüber sprechen, Mylord.«

Am Nachbartisch fiel ein Schlag, und Elvina stieß ein angstvolles Wimmern aus.

Yvain wandte für einen Moment den Kopf. Das Mädchen lag auf allen vieren zu Füßen des ungehobelten Spielmannes, der die Linke in ihren flachsblonden Schopf krallte.

»Ein Wort von mir und Bran setzt den Rüpel vor die Tür«, eröffnete John ihm und packte noch ein bisschen fester zu.

»Worauf wartet Ihr dann?«, konterte Yvain und biss die Zähne zusammen, weil der Klammergriff sich anfühlte, als werde er ihm die Knochen zermalmen.

»Ich will eine einfache, ehrliche Antwort auf eine einfache, ehrliche Frage.«

Yvain konnte den Blick nicht vom Gesicht des Prinzen abwenden. Das unbekümmerte Spötterlächeln war einem grausamen Zug um den Mund gewichen, verschwunden das amüsierte Funkeln aus den Augen, die mit einem Mal so starr und kalt und ausdruckslos wirkten wie eine Eisschicht auf einem tiefen Brunnen.

»Ist der König tot?«

»Denkt Ihr nicht, davon hättet Ihr eher erfahren als ich?«

»Also nein.« Johns Gesicht erschien auf einmal fahl im Schummerlicht der Taverne.

Yvain spürte, dass der Griff sich lockerte, und befreite seinen Arm mit einem kleinen Ruck. Er stierte auf die klebrigen Ringe, die ungezählte Becher auf dem Tisch hinterlassen hatten. Er fühlte sich gefangen, hoffnungslos überfordert. Und er fürchtete sich.

»Zu schade.« Prinz John stützte beide Ellbogen auf den Tisch, ergriff den vollen Weinbecher mit beiden Händen und leerte ihn in einem einzigen langen Zug. Dann stellte er ihn langsam zurück, wandte den Kopf, und mit einem Mal war das Lächeln zurück. »Meine Brüder zu lieben fällt mir wesentlich leichter, wenn sie tot sind, habe ich festgestellt.«

Unvermittelt erhob er sich von der Bank und trat zu Elvinas Peiniger, der das bedauernswerte Schankmädchen immer noch an den Haaren gepackt hielt und zum Schlag ausholte. John ergriff die erhobene Faust, drehte dem Spielmann den Arm auf den Rücken, stieß ihm das Knie in die Nieren und rammte sein Gesicht mit solcher Macht gegen die Wand, dass der Mann aufschrie und dann unter dem misstönenden Bersten seiner Fiedel besinnungslos zu Boden ging. Seine Nase war ebenso zertrümmert wie sein Instrument. Blut strömte aus dem geöffneten Mund und bildete einen kleinen See, aus dem zwei ausgeschlagene Zähne wie winzige weiße Klippen ragten.

Ohne ihn auch nur noch einmal anzusehen, wandte John sich ab und half Elvina auf die Füße, seine Hände mit einem Mal sanft. Er raunte dem Mädchen etwas zu, das sie zum Lachen brachte, und schmuggelte etwas in ihre routiniert ausgestreckte Hand. Yvain erhaschte das Schimmern einer Silbermünze im Schein eines nahen Öllichts.

»Ich schlage vor, du liest deinen traurigen Kumpan aus den Binsen auf und verschwindest«, riet John dem Begleiter des Wüterichs. Es klang gefährlich.

Der Mann duckte sich furchtsam und beugte sich über die reg­lose Gestalt am Boden.

Der Prinz ging mit langen Schritten zur Tür und verließ die Taverne, ohne sich auch nur nach Yvain umzuschauen.

Der erhob sich und stand verlegen zwischen dem Blutbad zu seiner Linken und Elvina zu seiner Rechten, die sich schnell wieder gefasst hatte und den Zinnteller mit dem verkohlten, strohverzierten und mittlerweile vermutlich eiskalten Hühnchen kokett auf die Hüfte stützte.

»Er kann ordentlich zulangen, unser Prinz«, bemerkte sie mit unverhohlener Bewunderung und so etwas wie Besitzerstolz.

»Allerdings. Man könnte beinah Angst vor ihm bekommen.«

Sie zuckte die Schultern und lächelte ihn an. »Oh, er ist schon richtig. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Spaß wir hier schon mit ihm gehabt haben. Und er ist immer großzügig. Nur wenn er wirklich betrunken ist, wird er gefährlich.«

»Dann ist es zu dumm, dass er so einen Mordszug am Leib hat. Ich werd mich jetzt auch lieber auf den Rückweg machen und …«

»Oh, aber das dürft Ihr auf keinen Fall, Lord.« Ihre großen, wasserblauen Augen sahen ihn unverwandt an. »Ihr könnt nicht gehen, ehe Ihr euer Geschenk bekommen habt.«

»Geschenk?«, wiederholte er verwirrt. »Von wem?«

»Was glaubt Ihr wohl«, entgegnete sie schelmisch. »Vom Prinzen natürlich.« Sie stellte den Teller achtlos auf dem Tisch ab, nahm Yvains Linke und führte ihn zu einer Tür rechts vom Herd, die genauso verrußt war wie die Bretterwand, weswegen man sie erst sah, wenn man mit der Nase davorstand.

Yvain blickte besorgt zu ihrem Vater hinüber, aber Bran fuhr fort, in aller Seelenruhe seine Bierkrüge zu füllen.

Achselzuckend folgte der junge Waringham dem Schankmädchen in eine unerwartet saubere Kammer. Als sie das Binsenlicht auf einem Schemel abstellte, sah er ein schlichtes Strohbett an der Wand gegenüber der Tür. Das einzelne Laken, das es bedeckte, wirkte frisch; man konnte die Knicke noch sehen, wo es gefaltet gewesen war. Elvina setzte sich auf das Lager und streifte die Holzschuhe ab. Sie hatte hinreißende Füße, schmal und glatt, mit winzigen Zehen. Langsam ließ sie sich zurücksinken und raffte die Röcke, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

»Er sagt, Ihr hättet eine Belohnung verdient.« Ihr Haar lag auf dem Laken ausgebreitet wie gesponnenes Gold, und sie streckte ihm einladend die Hände entgegen. »Das bin ich.«

Das Geläut der Kathedrale weckte ihn, und als Yvain die Augen aufschlug, kam es ihm so vor, als hingen die großen, volltönenden Glocken mitten in seinem Kopf. Stöhnend kniff er die Lider wieder zu, richtete sich auf und hielt sich den dröhnenden Schädel.

Frühmesse, vermeldete sein Verstand, der ihm wie in Wollvliese eingewickelt vorkam. Er konnte jetzt unmöglich in die Kirche. Er war nicht einmal sicher, ob er aufstehen konnte. Womöglich würde sein Kopf in tausend Scherben zerspringen, wenn er es versuchte.

Frühmesse, wiederholte die dumpfe innere Stimme mit mehr Dringlichkeit, und auf einmal fiel ihm alles wieder ein. Mit einem Schreckenslaut riss der Junge die Augen auf und sprang auf die Füße. Eine graue Welle der Übelkeit rollte auf ihn zu, aber Yvain umklammerte die Tischkante mit der Rechten und stierte auf ein Astloch im geschlossenen Fensterladen, bis sie sich zurückzog.

Dann entdeckte er seine Stiefel neben dem Bett, setzte sich auf den einsamen Schemel, um sie anzuziehen, und machte derweil eine hastige Bestandsaufnahme: Er hatte den Abend mit Prinz John verbracht und vermutlich zu viel preisgegeben, und dafür würde Guillaume ihm den Kopf abreißen. Sein guter Mantel wies einen großen Fleck unbekannten Ursprungs auf, und dafür würde seine Mutter ihm den Kopf abreißen. Wenn er zu spät zu seiner Verabredung mit FitzStephen kam, würde sein Vater ihm den Kopf abreißen. Nun, sie alle waren herzlich eingeladen, sich seines Kopfes zu bemächtigen, denn der hämmerte und dröhnte zum Gotterbarmen. Viel wichtiger war, dass er endlich, endlich seine Unschuld verloren hatte, und die Nacht mit Elvina war so unglaublich gewesen, eine solche Erleichterung, so ein Reigen neuer, wundervoller Empfindungen, dass sie jeden Preis wert schien.

Natürlich wusste er, dass das Schankmädchen in Wahrheit eine Hure war, die ihr eigener Vater an jeden verkaufte, der willig war zu zahlen, und die Vorstellung war ebenso deprimierend wie abstoßend. Aber Elvina war leidenschaftlich gewesen, hatte ihn erst behutsam geführt und ihm dann das Gefühl gegeben, ein Mordskerl zu sein, und er war ihr dankbar. Für ihre Freundlichkeit, ihre Schamlosigkeit, in gewisser Weise sogar für ihre Käuflichkeit, die alles so herrlich unkompliziert machte, sodass er ohne Reue an diese Nacht würde zurückdenken können.

Dankbarkeit schuldete er indessen auch Prinz John, der ihm das Tor in diese neue, wundersame Welt geöffnet hatte, und der Gedanke war ein klein wenig beunruhigend, musste Yvain feststellen.

Der Herd im Schankraum war kalt, und weit und breit war niemand zu sehen. Ein Fensterladen war geöffnet, vermutlich um den dumpfigen Geruch nach Rauch, Ale und ungewaschenen Leibern hinauszulassen – bislang allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Im grauen Licht des Wintermorgens wirkte die verwaiste Taverne heruntergekommen und abweisend. Yvain sah zu, dass er auf die Straße hinauskam. Es war bitterkalt draußen, aber die klare, eisige Luft tat ihm wohl und linderte die elenden Kopfschmerzen. Er beeilte sich auf dem Rückweg zum Palast und erreichte die Kapelle gerade, als die rund zwei Dutzend Besucher der Frühmesse in den Innenhof traten, unter ihnen die Königinmutter, die ihre kleine Enkelin an der Hand führte.

Yvain wartete im Schatten neben dem Portal, bis der kurze Strom versiegte, dann schlüpfte er ins Innere. Im spärlichen Licht, welches durch die kleinen Fenster fiel, erahnte er prächtige Wandmalereien. Vorn auf dem Altar brannten sechs große Wachskerzen, und einen Schritt davor stand der Meister der englischen Templer und unterhielt sich mit Walter de Coutances, dem glatzköpfigen Bischof vom Abend zuvor, der in Abwesenheit des Königs England regierte, wie Yvain inzwischen gelernt hatte.

Der Junge trat näher und blieb ein paar Schritte von den beiden Männern entfernt stehen, um sie nicht zu unterbrechen, aber de Coutances entdeckte ihn und wies in seine Richtung. »Ich glaube, da kommt Euer verlorenes Lamm, FitzStephen.« Mit ­einem knappen Nicken wandte er sich ab und ging zu einer Seitentür, die vermutlich in die Sakristei führte.

Yvain trat vor den Templer und verneigte sich. »Vergebt mir, falls ich mich verspätet habe, Monseigneur.«

FitzStephen schüttelte den Kopf. »Du kommst genau im rechten Moment.« Er betrachtete ihn. »Doch es ist ohne Belang, Yvain of Waringham, denn unsere Unterredung hat sich erledigt.«

Yvain spürte ein unangenehmes Durchsacken in der Magengrube, als wäre er in ein Schlagloch auf der Straße getreten. »Ich fürchte, ich verstehe nicht …«

»Du verstehst mich ganz genau«, fiel der Templer ihm schneidend ins Wort. »Du denkst, du kannst mir das Empfehlungsschreiben deines Oheims in die Hand legen und dann die Nacht in Trunk und Lüsternheit verbringen, weil ich dich ja so oder so nehmen werde? Du hast dich getäuscht, mein Sohn. Aus dir wird niemals ein armer Ritter Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem, und ich erspare uns beiden viel Verdruss, indem ich dir das heute sage und nicht erst nächstes Jahr oder übernächstes.«

Yvain biss die Zähne zusammen und starrte einen Moment auf die großen steinernen Bodenfliesen. Eine hatte einen Riss, der unordentlich wie ein Bach quer über den grauen Stein verlief und unter Yvains linkem Schuh verschwand. Der Junge sah wieder auf. »Darf ich Euch eine Frage stellen?«

»Natürlich. Du willst wissen, wieso ich mir meines Urteils so sicher bin, dass ich es noch nicht einmal mit dir versuche? Weil dir der nötige fromme Ernst für das Leben fehlt, welches wir führen. Besäßest du, was ein Templer braucht, hättest du die vergangene Nacht hier verbracht, deine Knie würden schmerzen nach Stunden des Gebets, nicht dein Kopf von zu viel billigem Wein.«

»Verstehe. Doch was ich eigentlich fragen wollte, war: Woher wisst Ihr, wo und wie ich die Nacht verbracht habe?«

»Der Gefährte des Spielmanns, dem Prinz John die Zähne eingeschlagen hat, war mein Agent.«

Yvain war verblüfft. »Ein Agent? Ich hätte nicht gedacht, dass mein Ersuchen dafür wichtig genug sei.« Und er fand es abstoßend, dass FitzStephen ihn auf die Probe gestellt und ihm hatte nachspionieren lassen, statt ihm gleich bei ihrer ersten Begegnung gestern zu empfehlen, die Nacht in der Kapelle zu verbringen. Seltsam verschlagen für einen Mann Gottes.

Der schüttelte mit einem matten Lächeln den Kopf. »Es war der Prinz, den ich im Auge behalten wollte. So freundschaftlich und großzügig er dir auch begegnet sein mag, sein Tun ist nicht immer nur redlich und gottgefällig.«

Yvain wusste, das war die Wahrheit, aber die Bemerkung ärgerte ihn trotzdem. »Das war alles, Monseigneur?«

FitzStephen legte ihm die knochige Hand auf die Schulter. »Geh mit Gott, mein Sohn. Eines Tages wirst du mir dankbar sein.«

»Ein Teil von mir ist Euch heute schon dankbar«, bekannte Yvain, denn allein das Ausmaß seiner Erleichterung bewies, dass FitzStephen die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Doch sein freimütiges Eingeständnis befremdete den Meister der englischen Templer schon wieder aufs Neue. Er gab ein verhaltenes kleines Schnauben von sich und ließ die Hand von Yvains Schulter gleiten. »Bleibt die Frage, was dein Vater davon hält.«

Waringham, Februar 1193

Nicht besonders viel, lautete die Antwort.

Yvain war allein nach Hause geritten, weil Guillaume auf Befehl der Königinmutter in Winchester geblieben war, und hatte seinem Vater somit ohne brüderliche Rückendeckung unter die Augen treten müssen. Mit feuchten Händen hatte er vor Lord Waringham gestanden und eine umfassende Beichte abgelegt. Sein Herz pochte bis in die Kehle hinauf, so laut, dass er meinte, es müsse seine Stimme übertönen. Er war bis zu der Stelle gekommen, da Geoffrey FitzStephen gesagt hatte, dass er ihn nicht haben wolle, als eine mörderische Ohrfeige ihn unterbrach.

Yvain hatte sie gar nicht kommen sehen, aber sie traf ihn wie ein Hammerschlag, und er landete im Bodenstroh. Doch das war alles. Die Prügel, mit denen er gerechnet hatte, blieben aus. Stattdessen sagte Lord Waringham: »Du hast mir, deinem Haus und dir selbst Schande gemacht. Geh mir aus den Augen. Du stehst bis auf Weiteres unter Arrest und wirst deine Kammer nicht verlassen. Vielleicht lernst du Gehorsam und Verantwortung, wenn du Gelegenheit hast, einmal gründlich über dich nachzudenken. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll, um sie dich zu lehren.«

Und so kam es, dass Yvain die Hochzeit seines Bruders mit Amabel of Hetfield nur aus der Ferne beobachten konnte. Er hatte die Hände links und rechts des schmalen Fensters auf die eisige Mauer gelegt und blickte durch die weißen Dampfwolken seiner Atemzüge hinab zur Tür der Burgkapelle, wo Vater Pierre, Lord Waringhams Hauskaplan, das Brautpaar erwartete. Guillaume kam als Erster, mit dem so typischen, federnden Schritt. Er schien niemals zu zaudern, wusste immer ganz genau, welchem Ziel er zustrebte. Dann erschien Jocelyn of Waringham, der seinem Mündel galant den Arm gereicht hatte, führte Amabel ihrem Bräutigam zu und legte ihre Hand in Guillaumes. Ihre Mutter, Cecily, die Ritter mit ihren Familien, die Knappen und ein paar Dienstboten – bald war die Traube der Versammelten größer als der schmale Ausschnitt des Burghofs, den Yvain sehen konnte.

Vater Pierre sprach ein Gebet. Yvain hörte nur das ferne Murmeln seiner Stimme, das an- und abschwoll wie die kleinen Wellen am Ufer eines Teiches. Worte konnte er nicht ausmachen. Dann bekreuzigte sich der Kaplan, und die Gemeinde folgte seinem Beispiel. Schließlich wandte er sich an die Braut und sprach zu ihr. Amabel antwortete und nickte. Dann war Guillaume an der Reihe. Auch er bejahte die Frage des Geistlichen und steckte einen Ring an den Finger seiner Braut. Vater Pierre hob segnend die Hände, und wenig später löste sich die ehrfurchtsvolle Starre der Versammelten, die jubelten und klatschten und das glückliche Paar umringten.

Cecily, die ein wenig außerhalb der Gratulantenschar stand, wandte den Kopf und schaute kurz zu seinem Fenster hoch.

Yvain wollte die Hand von der Mauer lösen und ihr zuwinken, aber er war wie erstarrt.

Seine Schwester drehte sich wieder um, und er hatte seine Chance ungenutzt verstreichen lassen.

Als Vater Pierre die Hochzeitsgesellschaft zur Brautmesse in die Kapelle führte, wandte Yvain sich vom Fenster ab und ging zum Tisch hinüber, auf dem ein Buch mit englischen Predigten und einem Heiligenkalender lag – die einzige Zerstreuung, die sein Vater ihm zugestanden hatte. Vermutlich, damit die Standhaftigkeit und Tugendhaftigkeit der Märtyrer ihn inspirierten oder irgendetwas in der Art. Yvain konnte bislang nicht feststellen, dass dieser Plan Wirkung zeigte, aber trotzdem schlug er den alten Band mit dem brüchigen Lederbezug auf, um die Vita des Tagesheiligen zu lesen. Das machte er vornehmlich, um nicht jegliches Zeitgefühl zu verlieren und den Verstand womöglich gleich mit.

Wir begehen heute das Namensfest des heiligen Cuthman of Steyning, dessen Gedenktag auf den achten Tag des Februar fällt …

»Der achte Februar«, murmelte er vor sich hin. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Yvain, alter Junge.«

Er starrte auf den bunt gemusterten Wandteppich neben der Tür, der sacht in der Zugluft tanzte, und ihm kam die Frage in den Sinn, ob sein Vater Guillaumes und Amabels Hochzeit absichtlich auf den heutigen Tag gelegt hatte, um ihn zusätzlich zu bestrafen. Aber das war natürlich Unsinn. Sein Vater hatte nicht die leiseste Ahnung, dass Yvain rettungslos in die Braut seines Bruders verliebt war, seit sie in dieses Haus gekommen war. Seine Mutter vermutete es womöglich. Aber sein Vater war zu nüchtern für solchen Firlefanz wie Herzensangelegenheiten.

»Fünfzehn Jahre alt. Wärst du in Wales geboren, würdest du heute erwachsen und bräuchtest dir von niemandem mehr Vorschriften machen zu lassen …«

Jedenfalls hatte ihm das ein walisischer Bader erzählt, der im letzten Herbst durch Waringham gekommen war. Und die alten Angelsachsen waren sogar schon mit vierzehn als Männer in den Krieg gezogen. Yvain beneidete sie um ihre frühe Mündigkeit, selbst wenn er natürlich wusste, dass es auch für erwachsene Männer immer irgendwen gab, dem sie gehorchen mussten, denn so hatte Gott die Welt nun einmal geordnet, damit sie nicht auseinanderfiel.

Der achte Februar. Das bedeutete, er war seit drei Wochen hier eingesperrt. Das war nicht einmal zutreffend, denn die Tür zu seiner Kammer hatte keinen Riegel. Aber er hätte nicht gefangener sein können, hätte sein Vater befohlen, ihn in eins der finsteren, feuchten Verliese im Keller des Bergfrieds einzuquartieren, denn er wusste genau, wenn er gegen seine Arrestbestimmungen verstieß, hätte er den letzten Rest seiner Ehre verloren.

Und das wollte er auf keinen Fall.

Also harrte er aus. Er wartete, ohne zu wissen, worauf, und rang darum, seine missliche Lage wie ein Ritter zu tragen: mit Mut und Duldsamkeit und Gottvertrauen. Langeweile und Einsamkeit setzten ihm zu. Seine Kammer war zu klein, um sich viel Bewegung zu verschaffen, und darum fror er meistens, denn er bekam kein Kohlebecken. Einmal am Tag erschien eine Magd, brachte ihm Brot und verdünntes Ale und tauschte den abgedeckten Eimer aus, und das war alles. Es war neben der Heiligengeschichte der Höhepunkt seines Tages, auch wenn die Mägde nie ein Wort mit ihm sprachen. Ihr Schweigen und ihr verlegen gesenkter Blick erfüllten ihn mit Scham, aber das war nichts im Vergleich zu den Qualen, die er litt, wenn sein Hund winselnd vor der Tür lag und nicht hereingelassen wurde.

Yvain setzte sich an den Tisch und las die Geschichte des heiligen Cuthman, der einer der ersten Christen in Sussex gewesen war. Ein bitterarmer Schäfer, sah er sich schließlich gezwungen, mit seiner siechen Mutter in einer Schubkarre durchs Land zu ziehen und an jeder Tür um Brot zu betteln. Als die Schubkarre auseinanderfiel, wusste Cuthman, dass Gott ihm ein Zeichen gegeben hatte: Genau an dieser Stelle sollte er eine Kirche bauen. Nur hatte er keine Ahnung, wie man das anstellte, also betete er: »Allmächtiger Gott, alleine kann ich nichts vollbringen, aber da du mir den Wunsch eingegeben hast, eine Kirche zu bauen, hilf mir, ein Haus zu errichten, das deines Namens würdig ist.« Und siehe da: Die Menschen aus dem Dorf, die sich weigerten, beim Kirchenbau mitzuarbeiten, erlitten allerhand Schicksalsschläge, bis sie alle mürbe wurden, sich zum wahren Glauben bekannten und mit anpackten. Nur den Dachbalken konnten sie auch mit vereinten Kräften nicht setzen. Da kam ein Fremder des Weges und zeigte ihnen, wie sie es machen mussten. Als Cuthman ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er: »Ich bin der, in dessen Namen du diese Kirche errichtest.«

Seufzend klappte Yvain das Buch zu und trank den letzten Schluck Ale vom Vortag. Warum hörte es sich in den frommen Geschichten immer so einfach an? Woher hatten die Heiligen diese Gewissheit, dass sie das Richtige taten?

Er wusste es nicht. Heute war nicht das erste Mal, dass er über diese Frage nachdachte, aber er fand einfach keine Antwort.

Fernes Murmeln von Stimmen drang durch die Eichenbohlen seiner Tür. Die Hochzeitsgesellschaft versammelte sich zum Festmahl in der Halle. Yvain sah vor sich, wie Guillaume seine Braut an die Mitte der hohen Tafel führte, wo sie heute auf den Ehrenplätzen sitzen würden. Vielleicht betrachtete er Amabel wieder mit dieser Mischung aus Wohlgefallen und Nachsicht, die Yvain immer so wütend machte, weil sie ihm aufs Neue bewies, dass Guillaume Amabel überhaupt nicht zu schätzen wusste.

Und sie? Wie würde Amabel wohl ihren Bräutigam anlächeln? Mit Wärme und Dankbarkeit, weil sie so einen großartigen Mann bekam? Gut möglich, denn genau das war Guillaume, und sie war klug genug, um das zu wissen. Ein bisschen unsicher und nervös, weil sie ihn im Grunde gar nicht kannte? Ebenso denkbar. Schließlich war er ja kaum je hier gewesen.

Verliebt?

Yvain hatte keine Ahnung. Er hatte sich immer davor gescheut, herauszufinden, wie Amabel eigentlich zu ihrer bevorstehenden Vermählung und vor allem zu Guillaume stand, hatte nie versucht, Cecily auszuhorchen, die es wahrscheinlich wusste. Er hatte sich vor der Antwort gefürchtet, weil ihm klar war, dass er dem Vergleich mit Guillaume nicht standhalten konnte. Aber nun war er fünfzehn Jahre alt – zumindest in Wales ein erwachsener Mann –, und vielleicht wurde es allmählich Zeit, nicht alles, was in seinem Leben schieflief, mit dem übermächtigen Schatten seines Bruders zu entschuldigen.

Ungebeten kamen ihm Prinz Johns Worte in den Sinn: Meine Brüder zu lieben fällt mir wesentlich leichter, wenn sie tot sind. Und so ironisch der Tonfall auch gewesen sein mochte, er hatte gemeint, was er sagte. Wenigstens das traf auf ihn selbst nicht zu, erkannte Yvain erleichtert, denn so zornig er auch manchmal auf das unerreichbare Vorbild war, das jeder ihm vor die Nase hielt – sein Vater, seine Mutter, sein Fechtlehrer, einfach jeder –, er liebte seinen Bruder und wünschte ihm ein langes und glückliches Leben. Selbst wenn ihm bei der Vorstellung, was Guillaume nach Einbruch der Dämmerung im Brautgemach mit Amabel tun würde, die Galle überkochte …

Am übernächsten Tag war es Aldgyth, seine einstige Amme, die ihm das Tablett brachte, und er stellte verwundert fest, dass der Krug nur Wasser enthielt.

»Nanu?«, sagte er und ließ die klare Flüssigkeit in dem Gefäß kreisen, behutsam, damit nichts herausschwappte. »Haftverschärfung?«

Aldgyth sah an seiner linken Schulter vorbei und schüttelte den Kopf. Sie war noch keine dreißig, war blutjung gewesen, als sie sich von einem fahrenden Zimmermann einen kleinen Bastard hatte anhängen lassen, der gleich nach der Geburt starb. Lady Waringham hatte sich barmherzig gezeigt und das gefallene Mädchen auf die Burg geholt. Aldgyth war eine pflichterfüllte, aber reservierte Amme gewesen, und kaum war Yvain ihrer Fürsorge entwachsen, waren sie Fremde geworden. Heute arbeitete sie in der großen Burgküche.

»Aschermittwoch«, antwortete sie, so leise und hastig, dass er sie um ein Haar nicht verstanden hätte, und warf einen ängst­lichen Blick zur Tür.

Yvain nickte. »Verstehe.« Was er vor allem verstand, war die Hochzeit zwei Tage zuvor. Lord Waringham und Guillaume wohl erst recht hatten auf die Vermählung gedrungen, ehe Guillaume wieder für Gott weiß wie lange fort musste, aber während der Fastenzeit durfte man nicht heiraten. »Sei so gut und sag meinem Vater, dass ich ihn gern sprechen würde.«

Aldgyth schüttelte entschieden den Kopf und wandte sich ab, aber Yvain bekam ihren Arm zu fassen, ehe sie hinausflüchten konnte.

»Dann meiner Mutter. Richte ihr aus, dass ich ihm etwas zu sagen habe und auf irgendein Zeichen warte, das mir verrät, ob meine Bitte gewährt wird.«

Aldgyth verharrte einen Moment reglos, vielleicht dachte sie nach. Dann nickte sie, ohne ihn wieder anzuschauen.

Yvain ließ ihren Arm los. »Danke.«

Es war ein trüber Wintertag. Tauwetter hatte eingesetzt, die Eiszapfen an Yvains Fenstersturz bekamen Schnupfen, und ihr stetiges Tröpfeln vermischte sich bald mit dem lautlosen Regen, der am späten Vormittag zu fallen begann. Der Himmel war eine blei­graue, geschlossene Decke, die so niedrig zu hängen schien, dass man unwillkürlich den Kopf einzog, wenn man hinschaute.

Yvain las die Heiligengeschichte des Tages – St. Æthelstan – und wartete, dann sagte er in Gedanken die ersten Verse von Chrétien de Troyes’ Lancelot auf, bis er nach ungefähr einem Dutzend ins Stocken geriet, und wartete noch ein bisschen mehr. Er legte sich aufs Bett und versuchte die Fransen am Baldachin zu zählen und wartete, und als das melancholische Grau vor dem Fenster sich allmählich in melancholisches Dunkelgrau verwandelte, wurde mit einem verhaltenen Knarren die Tür aufgeschoben und tapsende Schritte kamen herein.

Yvain setzte sich ruckartig auf und schwang die Beine über die hohe Bettkante. »Baldur!«

Sein großer, zottiger Hund machte einen Satz auf ihn zu, jaulte einmal kurz, sprang aufs Bett und begab sich daran, ihm gründlich das Gesicht abzuschlecken.

Yvain schlang die Arme um seinen Hals, versuchte gleichzeitig, sich vor der langen, nassen Zunge zu retten, und lachte selig. Erst als er spürte, wie erleichtert er war, gestand er sich ein, wie groß seine Zweifel gewesen waren, dass sein Vater ihn anhören würde.

Er klopfte einladend auf die Matratze. »Bleib nur hier. Es könnte ein Weilchen dauern, bis ich zurückkomme, und ich habe nichts dagegen, wenn du bis dahin das Bett warmhältst.«

Er stand auf, sah prüfend an sich hinab und schnürte sein Hemd zu. Dann schlüpfte er in den wadenlangen Bliaut aus dunkelblauer Wolle. Schließlich griff er nach dem Hornkamm, der neben der Waschschüssel auf der Kommode lag, und zerrte ihn drei-, viermal durch seinen Schopf – wie üblich ohne besonderen Erfolg. Er hatte fürchterliche Locken, die sich wie Ackerwinde kringelten und die kein Kamm wirklich bändigen konnte. Aber er wollte in so ordentlichem Aufzug wie möglich vor seinen Vater treten.

Als er sich zur Tür wandte, sprang Baldur vom Bett und folgte ihm auf den Korridor hinaus – so dicht, dass die kalte, feuchte Hundenase Yvain in die Kniekehle stieß. Der Junge erhob keine Einwände. Er fasste hinter sich, ohne hinzuschauen, und bekam eines der pelzigen Schlappohren zu fassen. »Na schön, dann komm mit. Ich hab dich auch vermisst, Kumpel. Und da sich wohl niemand so vorbehaltlos wie du über meine Rückkehr in den trauten Kreis der Familie freut, kann ich dich vermutlich gut gebrauchen …«

Die Tür zum Gemach seiner Eltern stand halb offen, und warmer Lichtschein fiel heraus auf den dunklen Korridor. Yvain klopfte und schob die Tür ganz auf, ohne auf eine Aufforderung zu warten.

Jocelyn und sein Ältester standen am Tisch. Ein Pergamentbogen lag vor ihnen ausgebreitet, und Guillaume hatte ablehnend die Arme vor der Brust verschränkt.

Lord Waringham wandte sich zur Tür und musterte seinen jüngeren Sohn, ehe er sagte: »Ich höre.«

Yvain trat vor ihn. Er wusste nicht, wohin mit den Händen, darum tastete er mit den Fingern verstohlen nach den Seitennähten seines Bliauts und ließ sie dort, während er seinem Vater ins Gesicht schaute. »Ich erbitte deine Vergebung. Dafür, dass ich dich enttäuscht und den Namen unseres Hauses in den Augen des Templermeisters entehrt habe. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Es war einen Moment still.

Schließlich regte Jocelyn sich und fragte: »War das alles?« Seine Miene war immer noch versteinert, der Mund ein so schmaler Strich, dass er fast ganz im blonden Bart verschwand.

Yvain räusperte sich und hinderte sich im letzten Moment daran, einen Blick mit seinem Bruder zu tauschen. Dies hier musste er allein bestehen. »Noch nicht ganz. Ich bitte dich um eine zweite Chance. Ich konnte den Weg nicht beschreiten, den du für mich gewählt hattest, weil er mir nicht bestimmt war, glaube ich. Aber stell mir eine neue Aufgabe, und ich werde sie erfüllen, ganz gleich, wie schwer sie ist. Ich schwöre.«

Sein Vater hob ein wenig das Kinn. »Tatsächlich?« Es klang immer noch scharf, aber ebenso überrascht. »Und worauf willst du schwören?«

»Was immer dich gutdünkt. Mir ist es gleich, denn ich werde den Schwur nicht brechen.«

»Ohne Ansehung deiner Aufgabe?«

Yvain wurde ziemlich mulmig, aber er nickte. Er wusste, dass er Zuverlässigkeit lernen musste, wenn er ein Ritter werden wollte, und er wusste ebenso, dass er nicht in Waringham bleiben konnte, jetzt, da Amabel mit seinem Bruder verheiratet war. »Ja, Mylord.«

»Nein, Yvain, warte …«, sagte Guillaume und ließ die Arme sinken.

»Sei still«, fuhr ihr Vater ihm über den Mund.

Yvain blinzelte verdattert. So ruppig war Lord Waringham sonst nur zu ihm.

»Aber Vater …«, protestierte Guillaume und hob die Hand zu einer Geste, die fast etwas Flehendes hatte.

»Noch ein Wort und du verlässt den Raum«, drohte Jocelyn, ignorierte ihn dann und holte die verschrammte Scheide mit seinem Schwert, die auf dem Deckel der Truhe am Fuße des Bettes gelegen hatte, zog mit einer bedächtigen Bewegung die Klinge und setzte die Spitze auf die Tischkante, wo sie prompt einen Viertelzoll ins Holz eindrang.

»Leg die Hand auf die Klinge«, forderte er Yvain auf.

Der tat es vorsichtig, denn er wusste, wie scharf dieses Schwert war: eine unscheinbare Waffe, aber eine hervorragende Schmiedearbeit, die Gervais de Mélicourt, der erste Lord Waringham, aus der Normandie mitgebracht hatte, als er mit dem Eroberer nach England kam. Ehrfürchtig legte Yvain die flache Linke darauf, spürte den glatten, kalten Stahl und die Vertiefung der Hohlkehle. Dann hob er die Rechte und sah seinem Vater in die Augen. »Ich schwöre bei der Ehre unseres Hauses, jede Pflicht zu erfüllen, die du mir auferlegst, nach bestem Wissen und Gewissen. Und sollte ich diesen Eid brechen, möge Gott die Hand verdorren lassen, mit der ich ihn schwor.«

Er musste ein Schaudern unterdrücken, das weniger mit der Aussicht auf eine verdorrte Hand zu tun hatte als mit der Bedeutsamkeit des Augenblicks.

Er ließ die Hände sinken.

Lord Waringham steckte sein Schwert zurück in die Scheide, legte Yvain die Hände auf die Schultern und tat, was er seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gemacht hatte: Er küsste ihm die Stirn. »Gott segne dich, mein Junge.«

»Und?«, fragte Yvain, unfähig, ein verwegenes Grinsen ganz zu unterdrücken. »Was hab ich mir eingebrockt?«

Statt zu antworten, nahm Jocelyn den Pergamentbogen vom Tisch und reichte ihn ihm. »Dies hier.«

Yvain nahm das Schreiben und las murmelnd: »John of Oxford, Lord of Ireland und Graf von Mortain, an Jocelyn, Earl of Waringham, Grüße. Wie ich hörte, hat die Aufnahme Eures Jüngsten in die Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem sich zerschlagen. Der Verlust der Templer mag sich als mein Gewinn erweisen. Falls Ihr mir Euren Sohn anvertrauen wollt, soll er als Knappe in meinem Haushalt willkommen sein, obwohl er es versäumt hat, mir die erschütternden Neuigkeiten über den Verbleib meines königlichen Bruders kundzutun, als er die Gelegenheit hatte …«

Guillaume konnte nicht länger an sich halten. »Erschütternd? Mir wird ganz schlecht, wenn ich das höre. In Wahrheit ist er doch glücklich über Richards Gefangennahme!«

Jocelyn beachtete ihn überhaupt nicht. Auch das war neu. Stattdessen sah er Yvain unverwandt an. »Was sagst du?«

Yvain faltete den steifen Pergamentbogen versonnen an den vorhandenen Knicken zusammen und strich mit dem Daumen über das glänzende Siegel mit dem geharnischten Reiter. »Ich sage ja, Mylord. Wenn es dein Wunsch ist.«

»Das ist es.«

»Oh, um Himmels willen, Yvain«, ging sein Bruder wieder dazwischen, zu aufgebracht, um den finsteren Blick ihres Vaters zu beherzigen. »Du weißt ja noch nicht, was in den letzten Wochen alles passiert ist. Was er getan hat. Mylord, ich bitte dich inständig, liefere Yvain nicht diesem Ungeheuer aus.«

Lord Waringham schnaubte – halb verächtlich, halb belustigt. »Deine moralische Entrüstung in allen Ehren, aber sie ist hier fehl am Platz. Prinz John erweist deinem Bruder und damit uns allen große Ehre. Ehrenbeweise sind leider nur zu oft mit Widerhaken verbunden. Dieser ist keine Ausnahme.«

Er setzte sich auf einen der unbequemen Schemel und forderte seine Söhne mit einer knappen Geste auf, es ihm gleichzutun.

»Gibt es Neuigkeiten von König Richard?«, fragte Yvain.

»Er lebt«, antwortete Guillaume und verknotete nervös die Finger auf der Tischplatte. »Leopold von Österreich hält ihn in Dürnstein an der Donau gefangen. Es ist ein wirklich finsterer Kasten, aber der König ist bei guter Gesundheit, soweit wir wissen. Die Königinmutter und Walter de Coutances haben zwei heilkundige Äbte hingeschickt, um herauszufinden, wie es ihm wirklich geht.« Er brach ab und fuhr sich mit der Linken über den Hinterkopf. »Ich hoffe, sie werden zu ihm vorgelassen. Ich bin … ein wenig in Sorge, wenn ich ehrlich sein soll. Er hatte ein paar schlimme Fieberanfälle im Heiligen Land.«

»Es ist das Viertagefieber, besagt ein Gerücht«, warf Jocelyn ein.

Guillaume zuckte bockig die Achseln. »Dann weiß das Gerücht mehr als ich.« Er sah wieder zu seinem Bruder. »Derweil ist dein famoser Prinz John nach Frankreich gesegelt, hat sich König Philippe zu Füßen geworfen, hat ihm einen Lehnseid für die Normandie geleistet und versprochen, seine Schwester Alix zu heiraten, wenn Philippe ihm hilft, den englischen Thron zu gewinnen.«

»Was?«, fragte Yvain entsetzt. »Aber wie kann Prinz John König werden, solange König Richard … ich meine …« Er sah hilfesuchend zu seinem Vater.

»Er hofft, dass Richard in der Gefangenschaft verreckt. Oder dass Leopold ihn nie wieder freilässt«, grollte Guillaume.

»Möglich«, räumte Lord Waringham ein. Im Gegensatz zu Guillaume schien er wenig empört. »Er hat seine Gelegenheit erkannt und nutzt sie. So wie König Richard es auch täte, wäre die Situation umgekehrt«, fügte er mit Nachdruck in Guillaumes Richtung hinzu.

»Oh, komm, Vater«, protestierte der. »Richard würde niemals …«

»Schluss jetzt«, befahl Jocelyn ungeduldig. »Deine blinde Heldenverehrung ist ebenso kindisch wie gefährlich. Du nennst Prinz John ein Ungeheuer, weil er die missliche Lage des Königs nutzt, um seine Position zu stärken und sich mit Philippe von Frankreich zu verbünden? Nun, dann lass mich dich daran erinnern, dass Richard sich mit Philippe von Frankreich verbündet hat, um seinen eigenen Vater mit Krieg zu überziehen und zu stürzen und, wenn wir ehrlich sein wollen, zu Tode zu hetzen. Sag mir, Guillaume, welche Schandtat wiegt schwerer?«

Guillaume fiel auf die Schnelle nichts ein, was er zu Richards Verteidigung vorbringen konnte, denn ihr Vater hatte nur die Wahrheit ausgesprochen.

Der sah zu Yvain und fuhr fort: »Ich sage nicht, dass ich alles gutheiße, was Prinz John in den letzten Wochen getan hat. Einem Kreuzfahrer in Gefangenschaft in den Rücken zu fallen ist eine abscheuliche Sünde. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen: Es mag sehr wohl geschehen, dass König Richard niemals freikommt. Oder dass er am Viertagefieber stirbt. Er hat keinen Sohn, und es ist äußerst zweifelhaft, dass er je einen haben wird, selbst wenn er heimkehrt.«

»Er hat auf dem Weg ins Heilige Land Berengaria von Navarra geheiratet«, erinnerte Guillaume ihn.

»Und wie viele Nächte mit ihr verbracht?«, konterte Lord Waringham.

Guillaume verdrehte die Augen. »Ich hoffe doch, du zählst nicht zu jenen, die glauben, König Richard ziehe die nächtliche Gesellschaft von Männern vor? Falls doch, mache ich dich bei Gelegenheit gern mit seinem Sohn bekannt. Nur ein Bastard, gewiss, aber todsicher von einer Frau geboren, Mylord.«

Yvain hätte gedacht, dass solch lästerliche Reden selbst dem gefeierten Kreuzfahrer Guillaume of Waringham einen Satz heißer Ohren eintragen würden, aber zu seinem Erstaunen blieb ihr Vater völlig ungerührt.

»Mir ist gleich, mit wem Richard in die Kissen sinkt«, entgegnete er. »Tatsache bleibt: Er hat es bislang versäumt, einen Erben zu zeugen, und darum ist Prinz John der Thronfolger. Er mag sehr wohl der nächste König von England werden, womöglich bald. Darum können wir es uns überhaupt nicht erlauben, sein Angebot auszuschlagen. Denn er vergisst niemals eine Kränkung.«

»Das heißt, du gibst Yvain sehenden Auges in seine Hände, nur um dich nach allen Seiten hin abzusichern!«, warf Guillaume ihm voller Erbitterung vor.

»Nur?«, wiederholte Jocelyn. »Nur? Wann wirst du endlich erwachsen und begreifst, was es bedeutet, ein Kronvasall zu sein? Die Verantwortung für eine Baronie mit all ihren Menschen zu tragen? Soll ich riskieren, dass John eines Tages brennend und mordend in Waringham einfällt, weil ich ihn brüskiert habe?«

»Aber du musst doch erkennen …«

»Kann ich vielleicht auch mal etwas dazu sagen?«, fiel Yvain seinem Bruder ins Wort. »Schließlich bin ich ja derjenige, der angeblich für die Zukunft unseres Hauses geopfert werden soll, oder?«

Sein Vater und sein Bruder verstummten und sahen ihn abwartend an.

»Ich habe geschworen, es zu tun, also könnt ihr eigentlich aufhören, darüber zu streiten. Aber ich will es auch tun. Ich weiß, dass Prinz John kein Engel ist. Trotzdem hat er mir gefallen.«

Er habe eine Schwäche für schräge Vögel, behauptete seine Mutter, für ihren schottischen Falkner mit seinen sonderbaren Manieren und Ansichten, zum Beispiel, oder für Vater Cyneheard, den Dorfpfarrer, der seine Bibel immer von hinten nach vorne las. Vielleicht lag es daran. Jedenfalls hatte Yvain eine Verbindung zu Prinz John gespürt, die nicht allein daher rührte, dass sie das Schicksal nachgeborener Söhne teilten.

»Also werde ich sein Knappe und knüpfe ein Band, das die Zukunft unseres Hauses sicherer macht, wenn ich kann. Obendrein beschreite ich zur Abwechslung einmal einen Weg, ohne in deine Fußstapfen zu treten, Bruder. Der Gedanke ist nicht ohne Reiz, verstehst du?«

Guillaume atmete tief durch. »Ja. Das kann ich tatsächlich verstehen.«

»Wann soll ich aufbrechen? Und wohin?«, fragte Yvain ihren Vater.

»In zwei Tagen, wenn das Wetter es zulässt. Wo der Prinz sich derzeit aufhält, wusste sein Bote nicht, aber sein Haushalt befindet sich in Windsor. Dorthin reitest du. FitzEdmond bringt dich hin, wenn du willst.«

Yvain schüttelte den Kopf. »Danke, ich reite lieber allein. Aber worauf? Pansy, nehme ich an?« Die Vorstellung, die weite Reise bis nach Berkshire auf einem Muli zu bestehen, war nicht gerade erhebend, und jeder am Hof des Prinzen würde auf einen Blick sehen, was für ein armer Schlucker er war. Aber etwas anderes würde ihm kaum übrig bleiben, denn er hatte ja immer noch kein Pferd.

Sein Vater überraschte ihn mit einem untypisch schelmischen Lächeln. »Ob du’s glaubst oder nicht, der Bote des Prinzen hat dir ein Pferd mitgebracht.«

Yvain war sprachlos.

»Hast du John erzählt, dass deine Aufnahme in William Marshals Haushalt daran gescheitert ist?«, fragte sein Vater.

Der Junge nickte. »War das falsch?«

»Nein. Es ist nie falsch, die Wahrheit zu sagen. Aber es schadet auch nicht, zu überlegen, wie viel von seinen persönlichen Angelegenheiten man einem Fremden gegenüber preisgeben will, bevor man den Mund aufmacht.«

Yvain hörte gar nicht richtig hin. »Kann ich gehen und es anschauen?«

»Natürlich. Anschließend mach deine Mutter ausfindig und besprich mit ihr, was du an Ausrüstung und Proviant und so weiter mitnehmen sollst.«

Der Junge stand auf. »Danke, Mylord.«

Guillaume erhob sich ebenfalls. »Ich begleite dich.«

»Aber setz ihm nicht zu mit deinen düsteren Prophezeiungen, hörst du«, warnte Lord Waringham seinen Ältesten.

»Nein, nein«, versicherte der, doch Yvain hörte an seinem Tonfall, dass er genau das im Schilde führte.

Gefolgt von Baldur liefen sie hintereinander die schmale Wendeltreppe hinab und traten aus dem Tor des Bergfrieds in den grauen Wintertag hinaus. Es nieselte, und die grasbewachsene Erde war schlammig von der Schneeschmelze. Ein launischer Wind fegte über den Burghof und verfing sich heulend im Torhaus.

Yvain hielt auf den Pferdestall links davon zu. »Ist der Bote des Prinzen noch hier?«, fragte er.

Guillaume schüttelte den Kopf. »Er kam am Tag vor der Hochzeit, lieferte Brief und Pferd ab und preschte wieder davon, als hätte er noch ein Dutzend weiterer Botengänge zu erledigen. Vermutlich war’s so. John versucht wahrscheinlich, so viele Lords wie möglich auf seine Seite zu ziehen, ehe die Königinmutter ihnen so einheizt, dass sie es nicht mehr wagen, sich zu ihm zu bekennen.«

Yvain nickte unverbindlich. »Apropos. Meinen Glückwunsch zu eurer Vermählung.«

Guillaume lächelte. »Danke.«

Sie traten in den dämmrigen Schatten des gedrungenen Stallgebäudes, wo ein paar einfache Reitpferde und Maultiere ebenso standen wie Lord Waringhams mächtiger Grauschimmel und die Rösser seiner fünf Ritter. Es waren wertvolle Tiere, aber keines konnte sich mit Guillaumes Fuchs messen. Oder mit dem fremden Braunen, der gleich neben ihm stand.

Ungläubig trat Yvain in die Box und spürte ein kleines, seliges Flattern in der Magengrube. »Das soll mein Pferd sein?«, fragte er fassungslos.

Der Braune hatte vier gleichmäßige weiße Fesseln und ein Flämmchen auf der Stirn. Das Fell glänzte, die beinah schwarze Mähne war glatt und üppig. Als Yvain die Linke auf den kräftigen Hals legte, hörte das Pferd auf zu fressen, wandte den Kopf und sah ihn aus klaren Augen einen Moment an, ehe es sich wieder der Krippe widmete.

»Er ist wundervoll«, befand der Junge mit einem glücklichen Seufzer.

Guillaume lehnte mit verschränkten Armen an einem Stützpfeiler, den Blick auf das Pferd gerichtet, und nickte. »Das ist er«, stimmte er vorbehaltlos zu. »Wie wirst du ihn nennen?«

»Vellantif«, antwortete Yvain ohne das geringste Zögern.

Guillaume lachte leise. »Rolands Streitross aus dem Lied? Willst du ein Ritter wie Roland werden?«

»Gegen große Vorbilder ist nichts einzuwenden«, gab der Jüngere flapsig zurück und hob kurz die Schultern. »Oder denkst du, mir fehlt das Zeug?«

»Im Gegenteil«, erwiderte sein Bruder, mit einem Mal sehr ernst. »Du hast alles, was es dazu braucht. Immer vorausgesetzt, die Wahl, die du heute getroffen hast, bringt dich nicht zu Fall. Weder Vater noch du scheint euch darüber im Klaren zu sein, was Johns Bündnis mit Philippe von Frankreich bedeutet: Prinz John hat sich in offener Rebellion gegen den König erhoben und sich mit dessen erklärtem Todfeind verbrüdert. Einen Höllenpakt hat Bischof de Coutances ihr Bündnis genannt. Zu Recht.«

Yvain spürte einen eisigen Schauer seinen Rücken hinabrieseln. Höllenpakt. Was für ein furchtbares, unheilschwangeres Wort. Er strich mit der flachen Hand über Vellantifs Schulter und Vorderhand, ertastete die gut ausgebildeten Muskeln und schwieg.

»Wenn er Erfolg hat, wird er dennoch verdammt sein, sei versichert«, setzte Guillaume eindringlich nach.

»In dem Falle wäre König Richard ebenso verdammt, der sich mit Philippe verbündet hat, um seinen alten Herrn vom Thron zu stoßen.«

»Das war etwas völlig anderes.«

Yvain ließ die Hand auf dem warmen, glatten Fell seines neuen Pferdes ruhen, wandte den Kopf und sah seinen Bruder kopfschüttelnd an. »Wieso? Und was war nach der Belagerung von Akkon? Hat nicht dein angebeteter König Richard dreitausend Gefangene abschlachten lassen, nachdem er die Stadt eingenommen hatte?«

Guillaumes Körper wurde seltsam still. »Ich nehme an, das hat dir Prinz John erzählt?«

»Und ist es deswegen weniger wahr?«

»Nein. Es waren ungefähr zweitausendsiebenhundert, aber er hat es befohlen, das stimmt. Saladin trödelte mit dem Lösegeld, und wir konnten sie nicht füttern und …« Er brach ab.

»Und glaubst du, Gott wird ihm das vergeben?«

»Das kann ich nur hoffen, Bruder«, bekannte Guillaume.

Weil du selber mit Hand angelegt hast?, fragte sich Yvain beklommen. Aber was er sagte, war: »Weil du ebenso verdammt wärest wie er, wenn Gott ihm nicht vergibt? Heißt das nicht, du und ich sitzen im selben Boot? Riskieren wir unser Seelenheil, wenn wir unserem Dienstherrn auf einen unheilvollen Weg folgen? Oder sind wir fein raus, weil wir nur unseren Eid erfüllen, indem wir seine Befehle befolgen?«

Guillaume antwortete nicht sofort. Er starrte auf seine linke Stiefelspitze hinab, die Mulden ins Bodenstroh bohrte. »Das frage ich mich schon lange.« Er sah wieder auf und rang sich ein Lächeln ab. »Aber wenn du zwei verschiedene Priester danach fragst, bekommst du mindestens drei verschiedene Antworten.«

Mit einem Mal bedauerte Yvain seinen Bruder. Er hatte geglaubt, Guillaume sei sich seiner selbst immer völlig sicher, frei von Zweifeln an seinen Handlungen. Jetzt stellte er fest, dass er sich getäuscht hatte. Wie es sich wohl anfühlte, für seinen Herrn schreckliche Dinge tun zu müssen? Taten zu begehen, die einem Scham und Gewissensqualen einbrachten?

Nun, er nahm an, das würde er herausfinden.

Er strich Vellantif noch einmal bewundernd über die Kruppe. Dann trat er aus der Box. »Lass uns ebenfalls einen Pakt schließen, Bruder«, schlug er vor. »Was immer geschieht zwischen König Richard und Prinz John, soll keine Fehde zwischen dir und mir sein.«

»Das hört sich einfacher an, als es sein wird«, warnte Guil­laume.

»Das ist mir egal«, gab Yvain trotzig zurück und streckte die Rechte aus.

Nach einem winzigen Zögern schlug Guillaume ein, legte ihm die Linke auf die Schulter und zog ihn kurz an sich. »Bleib, wie du bist, Yvain. Lass nicht zu, dass er dich vergiftet.«

Und damit wandte er sich ab und ging eilig hinaus.

Am nächsten Morgen klarte es auf. Es war immer noch kalt und windig, aber trocken, und der weite Himmel über Kent probierte zum ersten Mal sein hellblaues Frühlingskleid an.

Yvain versäumte das Frühstück in der Halle, erbettelte stattdessen in der großen Küche unten ein Stück Brot und vertilgte es auf dem Weg zum Pferdestall, wo er Vellantif beim Fressen zusah und zum ersten Mal in Ruhe das nagelneue Zaumzeug und den Sattel mit der gelb-rot gestreiften Decke in Augenschein nahm, die der Prinz ihm ebenfalls geschickt hatte.

Dann machte er seine Mutter in der Leinenkammer im Obergeschoss des Bergfrieds ausfindig, wo sie mit Cecilys Hilfe zwei schwere Tuchballen auf den Tisch gelegt und von beiden eine gute Länge abgerollt hatte.

Als sie ihren Sohn an der Tür entdeckte, legte sie die Schneiderelle beiseite. »Du kommst wie gerufen, mein Junge. Da, hol mir das braune Streichgarn vom Bord, es liegt zu hoch für mich.«

Yvain trat an das deckenhohe Wandregal. Auch er musste sich recken, um den Ballen zu erreichen, bekam ihn mit den Fingerspitzen zu fassen, zog behutsam und ließ ihn sich in die Arme gleiten.

»Wohin?«

»Hier.« Cecily schob das ausgebreitete Tuch beiseite, um Platz zu schaffen.

Yvain legte den schweren Ballen ab. »Ziemlich kratzig«, bemerkte er.

»Dann sei froh, dass nicht deine neuen Gewänder daraus gemacht werden, sondern die der Dienerschaft«, bemerkte seine Mutter abwesend, während sie Ellen abmaß und leise mitzählte.

»Obwohl er dringend neue Gewänder bräuchte«, befand Cecily, die ihren Bruder einer kritischen Musterung unterzog. »Die Ärmel sind einen Spann zu kurz.«

»Das ist fortan zum Glück Prinz Johns Obliegenheit, der sehr bald feststellen wird, dass dein Bruder schnell genug wächst, um selbst den reichsten Mann an den Bettelstab zu bringen«, sagte ihre Mutter. Mit einer großen Schere schnitt sie das braune Wolltuch vom Ballen, das sie abgemessen hatte, und Yvain bewunderte, wie schnurgerade der Schnitt wurde.

Er nahm ihr das Tuch ab und faltete es säuberlich zusammen.

»Ich bin ja so stolz auf dich, mein Sohn.« Lady Maud legte ihm für einen Augenblick die Hand an die Wange. »Ich gebe zu, ich hätte es lieber gesehen, wenn du unter der Obhut meines Bruders bei den Templern eingetreten wärest. Aber du hast dir einen anderen Weg gesucht, und das respektiere ich. Dein Vater im Übrigen auch.«

Er nickte. »Im Gegensatz zu Guillaume.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte seine Mutter unbekümmert. »Hör nicht auf ihn. Prinz John tut, was er tun muss, genau wie König Richard. Sie sind Plantagenet und darum dazu verflucht, sich ewig an die Kehle zu gehen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Cecily, wickelte einen groben, ungefärbten Leinenstoff vom Ballen und holte sich Elle und Schere.

»Nun, wegen Herzog Guillaume und Dangereuse natürlich«, antwortete Maud, und als sie die verständnislosen Mienen ihrer Kinder sah, erklärte sie: »Der Großvater der Königinmutter war Herzog Guillaume von Aquitanien. Ein tapferer, mächtiger Mann, vor dem selbst der Papst sich fürchtete, und ein großer Troubadour. Er verliebte sich in Dangereuse, die Gemahlin seines Lehnsmannes Aimery de Châtellerault, und weil er gewohnt war, zu bekommen, was er wollte, entführte er sie kurzerhand, baute ihr in seiner Burg in Poitiers einen Turm und sperrte sie darin ein, bis sie ihn schließlich erhörte. Er verstieß seine Gemahlin und ignorierte die Proteste des armen Aimery, während er eine stürmische und leidenschaftliche Liaison mit seiner Dangereuse einging. Schließlich zwang er seinen Sohn, ihre Tochter zu heiraten. Das waren die Eltern der Königinmutter. Wie praktisch die ganze Welt nahm auch ein frommer Eremit in Poitiers Anstoß an der sündigen Affäre des Liebespaares, und er verfluchte sie: Weder Guillaume und Dangereuse noch je einer ihrer Nachkommen sollten Glück mit ihren Kindern haben. Viele Leute glauben, dieser Fluch sei der Grund, warum Königin Aliénors Söhne, seit sie alt genug waren, ein Schwert zu halten, eigentlich nie etwas anderes getan haben, als ihren Vater oder sich gegenseitig zu bekriegen.«

Yvain war fasziniert von dieser sonderbaren Geschichte aus dem sagenumwobenen Aquitanien. »Vermutlich ist es so«, sagte er nachdenklich. »Königin Aliénor haben ihre Söhne jedenfalls nie viel Glück gebracht.«

»Nein«, pflichtete seine Mutter ihm bei.

»Hätte sie sich indes nicht mit ihnen gegen den alten König verschworen, hätte der sie vielleicht auch nicht sechzehn Jahre lang eingesperrt«, wandte Cecily ein. »Ein Fluch kann gewiss eine schwere Last sein, aber ich frage mich, sind es nicht die Entscheidungen, die wir selber treffen, die die meisten Flüche erfüllen oder vereiteln?«

»Welch schockierend ketzerische Idee«, verwunderte sich ihre Mutter. »Aber möglicherweise hast du recht.«

»Was wurde aus Guillaume und Dangereuse?«, wollte Cecily wissen.

»Oh, sie verbrachten rund zwanzig Jahre miteinander, in denen es selten langweilig gewesen sein dürfte. Ich weiß nicht, wohin Dangereuse ging, als er schließlich starb. Die Chronisten berichten nichts weiter von ihr.«

»Hatten sie keine Bastarde?«

»Doch, mein Engel, aber darüber sollte eine angehende Nonne nicht nachdenken, geschweige denn sprechen.«

Cecily tauschte einen Blick mit ihrem Bruder und verdrehte die Augen.

Yvain musste lachen.

»Ich nehme an, du bist hier, um deine Reiseausrüstung zu erörtern?«, fragte Lady Maud ihren Sohn.

Er nickte.

»Einen guten, warmen Mantel hast du ja zum Glück. Kleider zum Wechseln hat Hilda dir in deiner Kammer zurechtgelegt.«

»Neu?«, fragte er hoffnungsvoll.

Sie schüttelte den Kopf. »Wo denkst du hin. Aber dein Vater hat sie vor dir getragen, nicht Guillaume, darum sind sie in ordentlichem Zustand. Und Hilda hat sie geändert, sodass sie nicht an dir schlottern. Deinen Proviant packt Aldgyth dir morgen früh zusammen, bevor du aufbrichst.«

»In Ordnung.«

»Geh nur, mein Junge. Ich schätze, du willst dich von deinen Freunden und deinem toten Baum verabschieden. Mach dich auf den Weg, eh es wieder anfängt zu regnen.«

Er befolgte ihren Rat, sattelte sich sein neues Ross und ritt über die Zugbrücke auf die windigen Hügel hinaus. Wie er schon geahnt hatte, war Vellantif ein herrliches, aber anspruchsvolles Pferd. Ein Hengst von fünf oder sechs Jahren, schätzte er, gut geschult, aber mit ein paar hochnäsigen, ungezogenen Eigenheiten. Yvain hätte gerne versucht, sie ihm abzugewöhnen, ehe er nach Windsor aufbrach, aber es würde auch so gehen. Vellantif hatte einen wunderbar ruhigen Gang und trug seinen neuen Reiter willig, nachdem er festgestellt hatte, dass der sich nicht an der Nase herumführen ließ. Sie hatten Freundschaft geschlossen, ehe sie Waringham Heath erreichten.

Yvain besuchte den Feenbaum und stellte fest, dass irgendwer ihn vor nicht allzu langer Zeit gegossen hatte – nahe dem Boden glänzte die geschwärzte Rinde von Nässe. Vom Sattel aus ergriff der Junge einen der kahlen Äste. Er spürte die raue Oberfläche an der Handfläche und meinte, immer noch einen Hauch von Brandgeruch zu erhaschen. Er verharrte einen Moment reglos. Dann fischte er ein ausgefranstes Stückchen blaues Tuch aus dem Beutel am Gürtel, das er aus der Leinenkammer hatte mitgehen lassen, und knotete es an den Ast, so wie die Bauern es taten, wenn sie den Feen einen Wunsch antrugen.

Er hatte viele Wünsche, Anliegen, sogar Befürchtungen, die er den Feen hätte vortragen können, aber er sagte lediglich: »Weckt euren Baum auf. Ein einziger Trieb im Frühling, vergesst es nicht.«

Dann wendete er Vellantif und ritt im Trab über den Mönchskopf Richtung Dorf, überquerte den angeschwollenen Tain auf dem schmalen Holzsteg und hielt bei Vater Cyneheard, um Lebwohl zu sagen. Die Hörigen, denen er auf der schlammigen Dorfstraße begegnete, verneigten sich oder knicksten vor ihm, und Yvain winkte zurück.

»Glückliche Reise, Lord Yvain!«, rief die kecke Martha, die mit ihrem Vater und einer unüberschaubaren Schar kleiner Geschwister in der Kate gleich gegenüber der Kirche lebte. »Möget ihr auf Eurem Weg Freunde finden und so weiter.«

»Danke.« Er hielt bei ihr an. »Woher habt ihr schon wieder unsere Neuigkeiten gehört? Wie macht ihr das nur immer?«

Martha lächelte geheimnisvoll und las ihren jüngsten Bruder auf, der zu ihren Füßen im kalten Schlamm spielte. »Der Bote des Prinzen kam durchs Dorf. Vater Cyneheard hat das Wappen erkannt. Die Leute reden seitdem von nichts anderem mehr.«

»Verstehe. Also dann, Martha. Leb wohl und gib auf dich acht.«

Sie knickste. »Das müsst Ihr vor allem tun, da draußen in der bösen Welt. Prinz John hat Dämonenblut in den Adern, hat die alte Wilona erzählt.«

Er nickte und ritt an. Über die Schulter sagte er: »Wenn es so ist, muss für König Richard das gleiche gelten, oder?«

Und er fragte sich, wie oft er seinen Prinzen demnächst gegen üble Nachreden würde verteidigen müssen. Und wie oft er lügen würde, um es zu tun.

Er schaute in der Mühle vorbei und besuchte den kranken Vater des Schmieds, er ritt durch den Wald bis zum Weißen Felsen, von wo aus man einen weiten Blick über die Felder und Weiden mit ihren Bruchsteinmauern hatte, aber erst als er auf die Burg zurückgekehrt war und in den Kräutergarten seiner Mutter auf der Südseite des Bergfrieds ging, fand er diejenige, die er die ganze Zeit gesucht hatte.

»Amabel.«

Sie saß in einen warmen Mantel gehüllt auf der wackligen kleinen Holzbank zwischen dem Rosmarin und dem Wacholder, hatte das Gesicht der fahlen Sonne zugewandt und die Lider geschlossen.

Als sie seine Stimme hörte, wandte sie den Kopf und schlug die Augen auf. »Yvain! Gott, ist es schön, dich zu sehen.« Sie lächelte. »Ich hatte fast vergessen, wie dein Gesicht aussieht.«

Wie so oft bei ihr war er zwischen widerstreitenden Empfindungen gefangen: gekränkt, dass sie seine Züge so schnell vergessen hatte, glückselig, dass ihr Wiedersehen sie freute.

Amabel rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen, und er setzte sich zu ihr.

Es war das erste Mal, dass er sie mit Gebende sah, denn nur verheiratete Frauen trugen das Haar bedeckt. Es stand ihr großartig, stellte er ohne Überraschung fest. Sie trug ein breites, stirnbandartiges Schapel aus rankenbesticktem Tuch dazu, und das schwarze Haar hing in einem geflochtenen Zopf ihren Rücken hinab. Für einen Herzschlag wusste er nicht, wie er sich hindern sollte, dieses seidige schwarze Gebilde mit der Hand zu umschließen, aber dann hatte er die Versuchung niedergerungen. Es war etwas, worin er viel Übung hatte.

»Meine Glückwünsche zur Vermählung«, sagte er förmlich.

»Danke. Es war so schade, dass du nicht dabei sein konntest. Wir haben dich beide schmerzlich vermisst.«

»Das hatte ich wieder einmal niemandem als nur mir selbst zu verdanken. Dabei hätte ich den großen Tag so gern mit euch begangen.«

Für einen klitzekleinen Moment legte sie die Hand auf seine und drückte sie. Eine schwesterliche Geste. Ihre Finger waren ­eisig kalt. »Dein Vater war viel zu hart zu dir. Du weißt, dass ich normalerweise nie ein Wort gegen ihn sagen würde, er ist ja auch immer so gut zu mir. Aber das hattest du nicht verdient. War es sehr schrecklich, so lange eingesperrt zu sein?«

Yvain schüttelte langsam den Kopf. »Es war langweilig und kalt und einsam, weiter nichts. Und es hat mich vor dem Schneeschippen, Waffenputzen und anderen unliebsamen Knappenaufgaben bewahrt«, schloss er lächelnd.

Sie nickte, und sie schwiegen einen Moment. Schließlich sagte sie: »Und nun gehst du also fort.«

»Ich hoffe inständig, dass du jetzt nicht alle Einwände wiederholst, mit denen Guillaume mich schon beglückt hat.«

»Wie käme ich dazu? Gott hat es so gefügt, dass du dem Prinzen in Winchester begegnet bist. Also bist du bei allem, was daraus folgt, in seiner Hand«, antwortete sie mit einem kleinen Schulterzucken.

»So habe ich es noch gar nicht betrachtet«, musste er bekennen. Der Gedanke hatte etwas Befreiendes.

»Aber du wirst mir trotzdem fehlen«, fügte sie hinzu, den Blick auf den Rosmarin zu ihrer Rechten gerichtet. »Und in ein paar Wochen bringt dein Vater Cecily nach Amesbury. Was werde ich nur anfangen ohne euch beide?«

»Oh, du wirst überhaupt nicht merken, dass wir fort sind«, mutmaßte er. »Dein Leben ist jetzt doch bestimmt ganz anders. Und wie ich Mutter kenne, betraut sie dich jeden Tag mit neuen Aufgaben. Du wirst viel zu beschäftigt sein, um uns zu vermissen, denkst du nicht?«

Bist du glücklich?, wollte er wissen. Stolz, endlich eine verheiratete Lady zu sein? Ist Guillaume gut zu dir? Liebst du ihn?

Aber natürlich war es undenkbar, solche Fragen zu stellen. Amabel war jetzt die Frau seines Bruders, vor Gott und dem Gesetz seine Schwester genau wie Cecily und Adelisa. Er hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. So wie er wusste, dass er höfliche Distanz wahren musste und die ungezwungene Vertrautheit ihrer Kindheit ein für alle Mal vorüber war. Auch deswegen war er froh, dass er Waringham verlassen würde.

»Ja, ich werde bestimmt viel Beschäftigung und Ablenkung haben, da hast du recht.« Vor allem, wenn ich schwanger werde, sagte sie nicht, aber er wusste, dass sie es dachte.

»Es zieht sich zu, lass uns lieber hineingehen. Nicht, dass du dich erkältest.« Yvain stand auf. »Oh, da fällt mir ein, hast du den Feenbaum gegossen?«

Sie nickte. »Und das werde ich auch in Zukunft tun, solange du fort bist.«

»Warum?«, fragte er. »Du glaubst doch gar nicht daran, dass er noch einmal zum Leben erwachen könnte.«

»Nein, aber du tust es«, gab sie zurück, und das Funkeln in ihren dunklen Augen verriet ihm, dass sie sich über ihn amüsierte. Dann steckte sie die Hand unter ihren Mantel und zog sie mit einem kleinen Gegenstand wieder hervor. »Hier. Das habe ich für dich gemacht. Zum Abschied.«

Es war ein rundes Amulett an einer Lederschnur, eine kleine Holzscheibe, straff mit grünem Tuch bespannt, in welches ein zierliches schwarzes Einhorn eingestickt war: das Wappen der Waringham.

»Oh, Amabel …«, murmelte Yvain, ebenso hingerissen wie verlegen.

»Es gefällt dir?«, vergewisserte sie sich.

»Es ist wunderschön.«

»Gut. Es soll dich an uns erinnern, falls du einmal Heimweh bekommst. Ich weiß, dass ein Knappe nur das Wappen seines Herrn führen darf, aber du kannst es ja unter der Kleidung tragen.«

Er streifte sich die Lederschnur über den Kopf, betrachtete noch einen Moment das graziöse Einhorn mit der fliegenden Mähne und ließ das Amulett dann unter sein Hemd gleiten, sodass er es auf der Haut spüren konnte. »Danke.«

Sie nickte und erhob sich ebenfalls.

Seite an Seite schlenderten sie über den grasbewachsenen Pfad zwischen schlammigen, winterlich leeren Beeten zum Bergfried zurück. Anders als früher hakte Amabel sich nicht bei ihm ein.

Windsor, Februar 1193

»Du meine Güte«, sagte der linke Torhüter zu seinem Kameraden. »Ein Schneemann hoch zu Ross.«

Sie kreuzten die Piken. Beide trugen Helme mit Nasenschutz, darum konnte man von den Gesichtern nicht viel erkennen, aber der Linke war vermutlich der Ältere, denn sein zotteliger Bart war grau.

»Mein Name ist Yvain of Waringham, und ich wurde angewiesen, mich hier zum Dienst zu melden.«

»Von wem?«, fragte der zweite Wächter herausfordernd.

Yvain hielt ihm das rote Wachssiegel hin, welches den Brief des Prinzen an seinen Vater verschlossen hatte.

Der Wächter nickte. »Guillaume de Braose ist der Offizier der Wache. Keine Ahnung, wo er steckt, hier herrscht ein fürchter­liches Durcheinander. Aber an ihn musst du dich wenden.«

Yvain steckte sein Siegel weg. »Danke.«

Sie richteten ihre langen Waffen auf, sodass er passieren konnte. Vellantifs Hufe echoten im Torhaus der gewaltigen Ringmauer, und einmal glitt er auf den spiegelglatten Pflastersteinen aus, fing sich aber sogleich wieder. Dann gelangten sie auf der anderen Seite in den weitläufigen Innenhof. Yvain hielt an und sah sich staunend um.

Er hatte gehört, dass Windsor riesig sei, aber das Wort hatte ihn nicht auf den Anblick vorbereitet, der sich ihm bot: Der Burg­hof war mindestens fünfmal so groß wie der von Waringham – der schon nicht zu den kleinsten zählte –, und die Ringmauer war so hoch und wuchtig, dass man meinen konnte, Riesen hätten sie erbaut. Wohin man blickte, wimmelte es von Menschen, deren Füße die grasbewachsene Erde in eine halb gefrorene, halb schlammige braune Wüstenei verwandelt hatten. Zimmerleute waren dabei, eine zusätzliche Treppe zum Wehrgang hinauf zu errichten. Ein Stück weiter rechts stellten Soldaten vor der hübschen steinernen Kirche Zelte in zwei ordentlichen Reihen auf. Ritter, Diener und Geistliche hasteten kreuz und quer über den Hof. Zwei Mägde kamen mit Milchkannen aus einem Viehstall zur Rechten, am Backhaus daneben stieg Rauch auf, und vor der Schmiede prügelten sich zwei Lehrlinge, bis ihr Meister brüllend herausgestapft kam, sie trennte und mit ein paar Ohrfeigen zurück an die Esse schickte.

Der Pferdestall lag gleich links vom Tor, und ein Bursche lehnte mit verschränkten Armen an der Bretterwand neben dem geöffneten Stalltor und schaute gähnend zur fahlen Sonne hinter den Schleierwolken empor. Er schien der einzige Ruhepunkt inmitten dieser ameisenhaften Betriebsamkeit, und Yvain saß bei ihm ab.

»Kann ich mein Pferd bei dir lassen?«, fragte er auf Englisch.

Der junge Mann richtete sich schleunigst auf. »Natürlich, Lord.« Er nahm Vellantif mit einem bewundernden Blick am Zügel. »Was für ein Prachtkerl.«

Yvain lächelte. »Weißt du zufällig, wo ich Guillaume de ­Braose finde? Ich soll mich bei ihm melden, aber ich bin neu hier, und in dem Gewimmel werde ich Tage brauchen, ihn aufzuspüren, fürchte ich.«

Die Miene des Stallknechts wurde verschlossen. Er ruckte das Kinn zu dem entstehenden Zeltdorf hinüber. »Eben war er dort drüben. Stämmiger Kerl mit roten Haaren und Stirnglatze«, sein Ton war unverändert höflich.

»Danke.« Yvain zögerte einen Moment. »Wie ist dein Name?«

»Wulfstan.«

»Ich würde dir gern einen Farthing für deine Sorge um mein Pferd geben, Wulfstan, aber ich hab kein Geld.« Sage und schreibe drei Pennys hatte sein Vater ihm für die Reise mitgegeben, und die hatte Yvain letzte Nacht für eine Schale abscheulicher Suppe, einen Becher Ale und einen halbwegs warmen Schlafplatz am ersterbenden Feuer eines Gasthauses in Richmond ausgegeben.

»Oh, keine Bange. Ich kümmere mich um Euren Gaul genauso sorgsam wie um alle anderen, damit Guillaume de Braose mir nicht das Fell abzieht. Wie heißt er denn?«

»Vellantif. Und ich bin Yvain of Waringham.«

Wulfstan runzelte verwundert die Stirn, weil er es vermutlich nicht gewöhnt war, dass normannische Lords sich ihm vorstellten. »Also dann, Vellantif. Komm mit, mein Junge. Lass uns sehen, ob wir ein bisschen schönen Hafer für die haben, was meinst du, hm?«

Im letzten Moment besann er sich und verneigte sich vor Yvain, den er schon fast vergessen hatte, während er im Handumdrehen mit seinem neuen Schützling Freundschaft schloss. Yvain schaute ihnen einen Moment hinterher und ertappte sich bei dem höchst befremdlichen Wunsch, er könne die Plätze mit Wulfstan, dem Stallknecht, tauschen.

Entschlossen wandte er sich ab und ging zu den Zelten hinüber. Es hatte wieder begonnen zu schneien. Dicke Flocken trudelten herab, blieben auf der kalten Erde liegen und benetzten die eisverkrusteten Schultern seines Mantels.

Er fand Guillaume de Braose nach Wulfstans Beschreibung mühelos: ein untersetzter Mann mit rotem Haar und Stirnglatze stand vor zwei kleinlauten Soldaten und kanzelte sie ab: »Sechs Fuß Abstand zwischen den Zelten, habe ich gesagt, ihr Trottel, hier ist doch wirklich Platz genug! Und außerdem … Was willst du?«, schnauzte er den Jungen an, der zwei Schritte zur Linken stehen geblieben war.

»Yvain of Waringham, Monseigneur. Ich soll meinen Dienst als Prinz Johns Knappe antreten, und die Wache hat mich zu Euch geschickt.«

Braose ließ den Blick geruhsam über ihn schweifen, so als wäre Yvain ein Ochse, den zu erwerben er in Erwägung zog. Dann brummte er missfällig: »Ja, das hab ich gehört. Geh in den oberen Burghof, dort findest du die übrigen Knappen mit ihrem Nutricius, Fulk de Cantilupe.«

Noch ein Burghof?, dachte Yvain ungläubig. »Danke, Mon­seigneur.« Mit einer höflichen Verbeugung wandte er sich ab.

Im Zentrum der Anlage genau vor sich sah er eine steile Motte mit einem dicken steinernen Bergfried darauf, umgeben von einer eigenen Ringmauer. Unsicher hielt er darauf zu, fand ein Tor in der Mauer und gelangte jenseits der Motte durch ein zweites Tor in einen kleineren Burghof, wo es wesentlich ruhiger zuging und hier und da Grasinseln aus der löchrigen Schnee­decke lugten. Zwei langgezogene Gebäude, die aus dem gleichen gelblich grauen Stein wie die Ringmauern und der Bergfried erbaut waren, standen im rechten Winkel zueinander, und auf der Freifläche davor stieß Yvain auf ein knappes Dutzend junger Edelleute, die sich paarweise mit stumpfen Übungsschwertern maßen. Genau wie daheim Jean FitzEdmond ging auch hier der Nutricius hinter den Trainingspaaren entlang und beobachtete sie mit Argusaugen.

»Nimm den Schild höher, Beaumont, oder möchtest du eine Klinge in die Kehle bekommen? Und du hältst das Schwert immer noch wie ein Mädchen, Braose! Also …« Er unterbrach sich, als er den Neuankömmling entdeckte, der unsicher am Rand des Sandplatzes stand. »Ja?«

Yvain trat vor ihn und verbeugte sich schon wieder. »Yvain of Waringham, Monseigneur.«

»Ah. Frischfleisch«, bemerkte der Nutricius mit einem mutwilligen Grinsen. Er war Mitte zwanzig, schätzte Yvain, so alt wie Prinz John, ein athletischer Mann mit braunem Haar und einem Feuermal in der Form eines ungleichmäßigen Sterns auf der linken Wange. »Und ich bin Fulk de Cantilupe. Willkommen auf Windsor Castle, Yvain of Waringham.«

»Danke.«

»Macht einen Moment Pause, Männer«, rief der Ausbilder. »Und begrüßt euren neuen Leidensgenossen.«

Die Jungen ließen die Übungsschwerter und -schilde sinken und traten näher, bis sie in einem unordentlichen Halbmond vor Yvain standen.

»Jungs, dies ist Yvain of Waringham. Waringham, hier haben wir Justin de Béthune, William de Braose, Baldwin Beaumont, Adam de la Pomeroy …« Die Knappen verneigten sich nach­einander vor Yvain, der es unmöglich fand, sich alle Namen zu merken. Nur Braose blieb haften, weil William offensichtlich der Sohn des Wachoffiziers war. Er teilte nicht nur dessen Namen, sondern ebenso das flammend rote Haar.

»Wie alt bist du, Yvain?«, fragte der Nutricius.

»Fünfzehn, Monseigneur.«

»Erst? Du meine Güte, du bist groß für dein Alter.«

Er nickte mit einem verlegenen Schulterzucken. Ihr müsstet meinen Bruder sehen, lag ihm auf der Zunge, aber er sprach es nicht aus. Er spürte die Anspannung der anderen Knappen, die Wachsamkeit, mit der sie Cantilupe im Blick behielten. Keiner hatte sich über Yvains Namen lustig gemacht, nicht einmal verstohlen die Augen verdreht. Sein Gefühl warnte ihn, dass der Nutricius kein so leutseliger Geselle war, wie man auf den ersten Blick meinte.

»Beaumont, gib ihm dein Schwert. Braose, du trittst gegen ihn an. Zeig uns ein paar Standards, Waringham, damit wir sehen, was du kannst.«

Yvain öffnete die Kordel am Hals und nahm den nassen Mantel ab, den er zusammen mit seinem mageren Bündel Baldwin Beaumont in die Hände drückte, während er mit einem gemurmelten Dank dessen Übungswaffen übernahm, die ein paar Klassen besser waren als jene, mit denen er zu Hause in Waringham trainiert hatte. Dann ließ er kurz die Schultern kreisen, die nach zwei Tagen im Sattel bei eisigen Temperaturen ein wenig steif waren, verneigte sich vor William de Braose und ging in Grundstellung.

Die übrigen Jungen bildeten einen Kreis um sie, ließen ihnen aber reichlich Platz.

William griff sofort an, ließ das Schwert auf Yvains Schild niedersausen und drosch noch zweimal nach, sodass Yvain zurückgedrängt wurde und der Haltegriff an der Innenseite des Schilds ihm um ein Haar aus den Fingern gerutscht wäre. Aber dann packte er fester zu und wartete den nächsten Hieb ab, um seinen Gegner auszuloten. Er drehte sich ein wenig ein, bot mehr Fläche seines Schilds zum Angriff, und als William seine Klinge das nächste Mal niederfahren ließ, eröffnete Yvain seinen Gegenangriff.

Gerade noch rechtzeitig brachte William seinen Schild in Position, aber dieses Mal war er derjenige, der einen Schritt zurückweichen musste. Über den waagerechten oberen Schildrand hinweg blickte Yvain ihm in die Augen, so wie Jean FitzEdmond es ihn gelehrt hatte, und er sah dort Konzentration und grimmige Entschlossenheit, aber ebenso Nervosität. Williams nächsten Hieb parierte er mit der Klinge, ging dann auf die obere Deckung seines Gegners und rammte ihm gleichzeitig den Schild gegen die Schulter des Schwertarms. William stieß zischend die Luft durch zusammengebissene Zähne aus und zahlte es ihm mit gleicher Münze heim.

Der Kampf wurde schneller, der dumpfe Laut von Klinge auf Holz wechselte sich mit dem helleren Klirren sich kreuzender Klingen ab, aber nach wenigen Minuten spürte Yvain, dass William de Braose’ Kräfte schwanden, denn dessen Hiebe verloren an Stoßkraft.

Er selbst verspürte ein warnendes Zittern im Schwertarm, aber er schenkte ihm keinerlei Beachtung, nahm den Schild ein wenig höher, holte aus und versuchte, den Schwung seines ganzen Körpers in die Hiebe zu legen. Schritt um Schritt drängte er William nun zurück, der seine Deckung bei jedem Treffer ein klein wenig weiter öffnete. Der Zuschauerring weitete sich, um ihnen mehr Raum zu geben, und Yvain spürte, dass er so gut wie gewonnen hatte, als sein Gegner plötzlich nach rechts sprang und den Schild viel zu weit nach oben riss. Yvain sah die Lücke in der Deckung und wollte sich darauf stürzen, aber im nächsten Moment rammte William ihm den Schild seitlich gegen den Kopf und streckte gleichzeitig das linke Bein vor, sodass Yvain darüber stolperte und der Länge nach hinschlug.

Die übrigen Knappen applaudierten höflich.

Yvain stemmte sich hoch und sprang auf die Füße. Sein Kopf dröhnte. Im Sturz hatte er den Schild losgelassen, aber er hatte es trotzdem irgendwie geschafft, sich das Handgelenk schmerzhaft umzuknicken. Unauffällig rieb er es an der Hüfte, während er sich vor William de Braose verneigte.

Der erwiderte die Höflichkeit, wenn auch ziemlich knapp und unwillig.

Fulk de Cantilupe trat zwischen sie. »Schöne Finte, Braose«, lobte er.

»Danke, Monseigneur.«

Der Nutricius wandte sich an den Neuzugang. »Er schnauft wie ein alter Klepper im Galopp, und du bist nicht einmal außer Atem, Waringham. Warum nicht?«

Yvain hob ratlos die Schultern. »Ich weiß nicht, Monsei­gneur.«

»Dann sag ich es dir«, knurrte Fulk de Cantilupe, die frohe Laune von einem Lidschlag zum nächsten verschwunden. »Du hast dich nicht genug angestrengt.«

Yvain bis sich kurz auf seine lose Zunge, um sie zu bändigen, und nickte reumütig. »Tut mir leid.«

Cantilupe schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht, und Yvain landete schon wieder im Schnee, der ein paar rote Tupfen von seiner blutigen Nase bekam. Der Nutricius trug Kettenhandschuhe, und Yvains rechte Gesichtshälfte fühlte sich an, als stünde sie in Flammen.

»Steh auf«, herrschte Cantilupe ihn an.

Der junge Waringham kam schleunigst auf die Füße – nicht ganz so geschmeidig wie beim ersten Mal –, senkte den Kopf und wartete auf den nächsten Schlag.

Doch keiner fiel. »Weil du neu bist, lass ich dich heute noch mal vom Haken. Aber komm mir nie wieder mit einem gelangweilten ›tut mir leid‹, klar?«

Yvain hinderte sich im letzten Moment daran, schon wieder tut mir leid zu sagen, denn das war es, was man normalerweise offerierte, wenn man etwas falsch gemacht hatte. Vor allem dann, wenn man nicht wusste, was eigentlich.

»Auf einmal so stumm?«, fragte Cantilupe gefährlich leise.

Yvain nahm sich zusammen und sah ihn an. »Ich weiß nicht, was Ihr hören wollt.«

»Die Wahrheit.«

»Ich habe mich angestrengt. So hart gekämpft, wie ich konnte.«

»Warum bist du dann unterlegen?«

Weil du »Standards« gesagt hast, und sein mieser Trick am Ende war alles andere, dachte Yvain wütend, aber er nahm an, es hätte sein Todesurteil bedeutet, sich hier gleich bei erster Gelegenheit über einen seiner neuen Kameraden bei ihrem Nutricius zu beschweren.

»Weil ich die Finte nicht habe kommen sehen«, sagte er stattdessen.

»Ganz genau.« Cantilupe tippte ihm mit dem geharnischten Zeigefinger vor die Brust. »Und nur für den Fall, dass du zweifeln solltest, ob sie den Regeln des ehrenvollen Kampfes entsprach: Das tat sie. Wir trainieren hier für den Krieg. Und wenn du im Krieg überleben willst, musst du deinen Schild genauso als Waffe einsetzen können wie dein Schwert. Ebenso deinen ganzen Körper. Es sieht vielleicht nicht so hübsch aus, aber der Krieg ist eben ein bisschen rauer als ein Versepos, mein junger Löwenritter

Die anderen Knappen lachten erwartungsgemäß, aber es klang eher pflichtschuldig als hämisch.

Yvain fuhr sich kurz mit dem Handgelenk über die blutige Nase. »Ja, Monseigneur.«

»Na schön«, brummte Cantilupe mit einem Seufzen, als habe er einen hoffnungslosen Schwachkopf vor sich. »Dann stell dich in die Reihe, schau zu und lerne. Warenne, Préaux, ihr seid die Nächsten.«

Bald hatte Yvain seinen schmerzenden Kopf ebenso vergessen wie die eingefrorenen Füße, denn Fulk de Cantilupe war ein hervorragender Lehrer, der ihm Geheimnisse über den ritterlichen Zweikampf offenbarte, von denen der junge Waringham bislang nichts geahnt hatte. Das änderte freilich nichts daran, dass der Nutricius ein gnadenloser Schinder war, der seine Zöglinge anbrüllte und erniedrigte und unbarmherzig schlug – vorzugsweise, wenn sie schon besiegt im Dreck lagen.

Als die Dämmerung hereinbrach, entließ der Waffenlehrer sie. »Nehmt Waringham mit, zeigt ihm alles und gebt ihm ein Bett. Benehmt euch ausnahmsweise wie Gentlemen und heißt euren neuen Kameraden willkommen, wie es sich gehört, verstanden?«

Die Knappen nickten, murmelten zustimmend und warteten, bis Cantilupe mit Siebenmeilenschritten in einem der langgezogenen Gebäude verschwunden war. Dann wandte sich Baldwin Beaumont an Yvain und streckte ihm die Hand entgegen. »Willkommen in der Hölle von Windsor, Waringham.«

Der erwiderte das matte Grinsen so verwegen, wie er konnte, und schlug ein. »Danke.«

Baldwin wies auf einen gedrungenen Turm in der Ringmauer. »Da hausen wir.«

Sie überquerten den menschenleeren Innenhof, betraten den Turm durch eine eisenbeschlagene Tür, und über eine schmale, von zu wenigen Fackeln beleuchtete Wendeltreppe gelangten sie in die obere Kammer. Strohbetten waren entlang der Wände aufgereiht. Auf jedem lag eine ordentlich gefaltete Decke aus ungefärbter Wolle. Ein Tisch mit zwei Bänken stand in der Mitte, und damit war der Raum gut gefüllt.

Baldwin wies auf das letzte Bett an der rechten Wand. »Da, das ist deins. Es gehörte Pierre Montgomery, aber der hat uns letzten Monat verlassen, Gott sei Dank.«

»Wieso Gott sei Dank?«, erkundigte sich Yvain, während er seinen feuchten Mantel an den Haken über seinem Bett hängte und sein Bündel achtlos auf die Strohmatratze fallen ließ.

»Weil er ein verdammter Musterknabe war«, knurrte William de Braose. »Genau wie du

Yvain wandte sich stirnrunzelnd zu ihm um. »Wer hat doch gleich wieder wen in den Dreck befördert?«

William schnaubte angewidert.

»Hör nicht hin«, riet Justin de Béthune. »Er kann es nicht leiden, wenn er vor Fulk dem Furchtbaren eine schlechte Figur macht. Und seine Finte war regelwidrig, das weiß er selbst am besten.«

»Das war sie überhaupt nicht!«, brauste William auf und machte einen drohenden Schritt auf Justin zu.

Der ließ ihn einfach stehen, setzte sich auf die Bank und lud Yvain mit einer Geste ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Pierre Montgomery ist in die Gruppe der älteren Knappen aufgestiegen.« Er wies zur Ostwand ihrer Kammer, die gerundet war, weil es die Außenmauer des Turms war. »Die haben ihr Quartier dort drüben in einem der neuen Gebäude. Mit einem Kohlebecken, ob du’s glaubst oder nicht, und richtigen Betten, die sie nur zu zweit teilen müssen.«

Jetzt verstand Yvain, warum keiner der Knappen hier älter schien als er, zwei oder drei eindeutig jünger.

»Und Prinz John?«, fragte er. »Ist er hier?«

Einen Moment war es sonderbar still in der eisigen Turmkammer. Dann setzte Baldwin Beaumont sich zu ihnen und antwortete kopfschüttelnd: »In London, heißt es. Aber er könnte jeden Tag herkommen, hat mein Vater gestern gesagt.«

»Ist dein Vater der Earl of Leicester?«, fragte Yvain neugierig.

»Nein, nein«, antwortete Baldwin lachend. »Der Earl of Leicester ist ein entfernter Cousin. Wir sind nur eine unbedeutende kleine Seitenlinie.«

Während er mit Justin de Béthune im Küchenhaus das Abendessen holen ging, erfuhr Yvain, dass es sich mit den meisten der Knappen ähnlich verhielt: Sie entstammten nicht den vornehmsten Adelsfamilien in England oder der Normandie, die ihre Söhne vermutlich im Haushalt des Königs untergebracht hatten, sondern eher der zweiten Garnitur, zu der ja auch die unbedeutende Baronie von Waringham zählte.

»Du führst keinen normannischen Namen?«, verwunderte sich Justin und hielt ihm die Eingangstür des Turms auf, denn Yvain trug das schwere Holzbrett mit der irdenen Eintopfschüssel, während Justin nur drei Brotlaibe unter den Arm geklemmt hielt.

Yvain schüttelte den Kopf. »Wir waren einmal de Mélicourt. Aber ein paar Jahre nach der Eroberung haben der englische und der normannische Familienzweig sich hoffnungslos zerstritten, und mein Großvater hat den Namen abgelegt.« Er schielte am Tablett vorbei auf die ungleichmäßigen Treppenstufen, damit er nicht stolperte und ihr Abendessen verschüttete – selbst wenn es inzwischen eiskalt sein musste.

»Eigentlich richtig so«, befand Justin. »Viel mehr Familien in England sollten es so machen, denn unsere Heimat ist doch seit mehr als hundert Jahren hier

»Aber insgeheim denken doch die meisten, dass es nur die zweite Wahl ist, oder?«, wandte Yvain ein. »England ist der Trostpreis für die jüngeren Söhne, aber die wirklichen Stammsitze liegen in der Normandie und sind viel kostbarer.«

»Ganz gewiss denkt König Richard so. Für ihn ist England nur eine Geldquelle und das Land, das ihm eine Krone beschert hat. Aber ansonsten interessiert es ihn einen Dreck.«

Yvain war ein wenig schockiert über diese offenen und wenig schmeichelhaften Worte. Doch er räumte ein: »Mein Vater denkt genauso.«

»Kein Grund, so verschreckt dreinzublicken, Waringham«, versicherte Justin mit einem Augenzwinkern. »Hier denken alle so. Auch deswegen halten wir es mit Prinz John. Denn er schätzt England.«

Trotz der kalten, öden Fastensuppe und des altbackenen Brotes war es eine fröhliche Mahlzeit gewesen. Alle außer William de Braose waren freundlich, hatten Yvain nach seinem Zuhause und seinem berühmten Bruder befragt und bereitwillig Auskunft über das Leben an Prinz Johns Hof und über Fulk den Furchtbaren gegeben.

Doch als die Schalen ausgekratzt und der Krug mit dem verwässerten Cider geleert waren, verteilten die Knappen sich bald auf ihre Strohmatratzen, wickelten sich in die unzureichenden Decken und breiteten ihre Mäntel darüber. Schnell kehrte Ruhe ein, und die gleichmäßigen Atemgeräusche um ihn herum verrieten Yvain, dass seine Kameraden eingeschlafen waren – rechtschaffen müde nach einem Tag des Reitens und Fechtens.

Auch er fühlte die Erschöpfung der zwei Reisetage und des ereignisreichen Nachmittags bis in die Knochen, aber er konnte trotzdem nicht einschlafen. Der Strohsack war dünn, die Füllung klumpig. Die Wolldecke kratzte wie ein härenes Büßergewand. Die fremde Umgebung tat ein Übriges, hielt ihn ebenso wach wie das jämmerliche Heimweh, das ihn mit einem Mal plagte, seit es so still um ihn herum geworden war. Er dachte an Cecily, die er vielleicht jahrelang nicht wiedersehen würde, denn wenn er das nächste Mal heimkam, war sie bestimmt längst in ihr Kloster gegangen. Und natürlich dachte er an Amabel. Nicht in den Armen seines Bruders – das war eine Szene, die er trotz seiner blühenden Phantasie bislang vor seinem geistigen Auge hatte verbergen können –, sondern er dachte daran, wie sie als zehnjähriges Waisenkind nach Waringham gekommen war und es von der ersten Stunde an verstanden hatte, dazuzugehören und sich Freunde zu machen. Er wollte sich ein Beispiel an ihr nehmen, beschloss er. Und er dachte an Waringham Heath und den Feenbaum.

Die vertrauten Bilder hatten ihn zu guter Letzt doch in den Schlaf finden lassen, und er erwachte mit einem plötzlichen Ruck, als ihm ein nasser Lappen auf den Mund gepresst wurde und ihm den Atem nahm. Yvain riss die Augen auf und wollte mit beiden Händen nach dem widerlichen Lumpen greifen, aber er konnte sich nicht rühren. In der Dunkelheit erahnte er zwei aufragende Gestalten links und rechts, und jede hatte einen seiner Arme unter einem Knie eingeklemmt.

»Schsch«, kam ein Wispern von links. Es war beinah tonlos, aber Yvain erkannte William de Braose. »Versuch erst gar nicht, dich zu wehren. Je artiger du bist, desto leichter wird es.«

Das hättest du wohl gern, dachte Yvain wütend, bäumte sich auf und wollte seinen rechten Arm losreißen. Aber der zweite Schatten erwachte plötzlich zum Leben, legte die Hand auf Yvains Schritt und packte zu, als wolle er ihm die Eier zu Mus zerquetschen.

Yvain stöhnte, obwohl er nicht wollte, und mit einem Mal war seine Brust schweißüberströmt. Während er voll und ganz von dem sengenden Schmerz in Anspruch genommen war, steckte William de Braose ihm ein dickes Stück Schnur zwischen die Zähne und zurrte den nassen Knebel fest. Vom Schmerz waren Yvain Tränen in die Augen geschossen, und weil ihm das die Nase verstopfte, bekam er keine Luft mehr. Helle Punkte pulsierten vor seinen zugekniffenen Lidern, und der Fußboden unter seinem Bett begann zu schwanken. Nicht in Panik geraten … Ein bisschen Luft reicht ja schon. Einfach atmen …

Dann endlich verschwand die Hand von seinen Hoden. Der Schmerz blieb, aber er verebbte ein wenig.

Für einen Augenblick konnte Yvain nur reglos auf dem Rücken liegen und war vollauf damit beschäftigt, seine Lungen mit ausreichend Luft zu füllen und dem pulsierenden Hämmern in seinen Ohren zu lauschen.

Seine Peiniger zogen ihn auf die Füße, fesselten ihm die Hände und zerrten ihn zur Tür der Kammer. Alles ging rasch und ohne ein Wort vonstatten, aber Yvain wusste dennoch, dass niemand in der Turmkammer mehr schlief. Was immer William de Braose mit ihm vorhatte, wurde von den übrigen Knappen gebilligt, zumindest stillschweigend geduldet. Yvain fühlte sich verraten und verkauft.

Einer ging vorweg, einer legte ihm die Hände von hinten auf die Schultern, und so ging es die enge Wendeltreppe hinab. Die Fackeln waren verschwunden, und Yvain konnte sich an diesem dunklen, fremden Ort überhaupt nicht orientieren, aber er merkte bald, dass sie weiter hinabstiegen als bis zur Eingangstür im Erdgeschoss, und er schauderte.

Der Abstieg endete in einem engen, halbrunden Raum tief unten in den Eingeweiden des Turms. Eine Fackel brannte neben der Einmündung der Treppe, und in ihrem gelblichen, flackernden Schein erkannte Yvain Wände aus großen Steinquadern, ­einen festgestampften Lehmboden und eine Falltür.

Es kostete ihn Mühe, den Kopf zu heben, und es schien eigentümlich lange zu dauern, aber dann sah er William de Braose ins Gesicht.

Der Rotschopf zeigte weder Triumph noch Häme. Seine Miene drückte nichts als Konzentration und Wachsamkeit aus, und er erwiderte Yvains Blick geruhsam.

»Mach die Tür auf, Hamelin«, befahl er, ohne Yvain aus den Augen zu lassen.

Hamelin de Warenne beugte sich über die Falltür, steckte zwei Finger in den Ring und öffnete die Klappe ohne Mühe. Die Öffnung darunter war ein ungleichmäßiges Rund von einem guten Schritt Durchmesser und führte in ein schwarzes Nichts.

William de Braose löste die Kordel und riss Yvain ohne viel Feingefühl den Knebel aus dem Mund.

Yvain hob die gefesselten Hände und rieb sich mit dem Hand­rücken über die Lippen.

»Du kannst mich anflehen, es nicht zu tun, Waringham«,

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