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Teufelsherz

Inhalt

  1. Über die Autorin
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1. Das Ziel vor Augen
  6. 2. Gänseblümchen
  7. 3. Zwischen Traum und Wirklichkeit
  8. 4. Der Beginn des Weges
  9. 5. Ein Hauch von Frühling
  10. 6. Willkommen im Leben
  11. 7. Steine auf dem Weg
  12. 8. Wo die Liebe blüht
  13. 9. Im Himmel
  14. 10. Vor dem Fall
  15. 11. Der Weg ist das Ziel
  16. 12. Nebel
  17. 13. In die Dunkelheit
  18. 14. Die richtige Zeit
  19. Danksagung

Über die Autorin

Sabrina Qunaj, geb. 1986, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Steiermark/Österreich. Von ihr wurde bereits das Buch Elfenmagie veröffentlicht. Teufelsherz ist der erste Roman der Autorin, der bei Baumhaus erscheint.

Das Ziel vor Augen

Gott ist in einer Besprechung.« Die unscheinbare Empfangsdame mit dem Dutt am Hinterkopf wandte sich wieder ab. Hinter dem überladenen Schreibtisch, der mit grellen Textmarkern und schwindelerregend hohen Papierstapeln übersät war, drohte sie fast zu verschwinden. Übertrieben beschäftigt blätterte sie in einem Buch mit weißem Einband und sah wieder zu ihm hoch, als sie die gesuchte Seite gefunden hatte. »Nehmen Sie bitte Platz«, fuhr sie etwas ungehalten fort und deutete zu den Stühlen an der gegenüberliegenden Seite der lichtdurchfluteten Halle, wo sich bereits mehrere Engel eingefunden hatten, die ihn alle scheinbar unauffällig musterten.

Damian lächelte. Nein, es war nicht nur ein Lächeln. Es war eine Offenbarung – bei unzähligen Gelegenheiten getestet und für gut befunden worden. Er legte seine Hände – ein weiterer unwiderstehlicher Bestandteil seines Körpers – auf die einzig freie Fläche der Tischplatte und beugte sich etwas vor. »Hören Sie«, begann er mit verführerisch rauer Stimme. »Ich habe einen weiten Weg hinter mir, und ich muss in einer sehr dringenden Angelegenheit mit Jahwe sprechen.«

»Gott ist in einer Besprechung.«

»Das sagten Sie bereits.« Er strich sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken. »Ich bin mir sicher«, raunte er, während er ihr so tief in die Augen sah, dass ihr der Mund offen stehen blieb, »ein solch tüchtiger Engel, wie Sie es sind, findet eine Möglichkeit, mich etwas früher einzulassen.«

Die Frau lächelte auf eine leicht verwirrte Weise, die bewies, dass sie bereits unter seinem Anblick dahinschmolz. Doch dann zog sie plötzlich die Hand weg, zückte einen Stift und schaute ihn fragend an. »Name, Herkunft und Anliegen.«

Damian richtete sich auf. Diese Engel im Himmel waren zäher, als er gedacht hatte. Er blickte zu der Gruppe Engel hinüber, die das Geschehen beobachtete, und ließ seine grünen Augen zornig aufleuchten, woraufhin diese schnell wegsahen und sich hochinteressanten Lektüren widmeten, welche sich auf niedrigen Tischchen stapelten.

Seufzend wandte er sich wieder der Frau zu und warf einen Blick auf das Buch, in dem unzählige Anmeldungen standen, die alle noch vor ihm an die Reihe kommen sollten.

»Name, Herkunft und Anliegen«, wiederholte die Empfangsdame, als hätte er sie beim ersten Mal nicht verstanden, und legte unauffällig die Hände über die Anmeldeliste, damit er nichts lesen konnte.

Damian vergrub die Finger in seinem dunklen Haar, verharrte einige Herzschläge lang mit geschlossenen Augen und atmete tief ein. »Damian«, sagte er schließlich leicht genervt und stützte seine Hände wieder auf den Tisch. »Herkunft Hölle, und ich möchte ein Schutzengel werden.«

Die Frau, die seine Worte gerade sorgfältig notieren wollte, hielt inne und sah langsam zu ihm hoch. »Ich brauche Ihren Passierschein«, sagte sie mit nicht ganz so bestimmter Stimme, wie sie es sich vielleicht erhofft hatte.

Damian seufzte. Die Bürokratie der Engel war ihm schon immer zuwider gewesen, da hatte die Unterwelt doch etwas Gutes an sich. »Ich bin ohne Passierschein gekommen«, gestand er und wusste, noch bevor die Empfangsdame die Augen aufriss, wie sie reagieren würde.

»Aber wie …« Sie starrte ihn an. »Es ist nicht möglich, die Unterwelt ohne Passierschein zu verlassen.« Sie wurde immer nervöser und blickte Hilfe suchend zu den Engeln hinter ihm. »Wie haben Sie die Barrieren übertreten?«

»Ich bin etwas Besonderes«, antwortete er und lehnte sich noch weiter zu ihr vor. »Etwas ganz Besonderes.« Die Empfangsdame wurde stocksteif, als sein Atem über ihre Wange strich, und starrte einfach nur geradeaus. »Eure Barrieren können mir nichts anhaben«, flüsterte er ihr ins Ohr und lächelte, als ein Schauer durch ihren Körper fuhr. »Ich kann gehen, wohin ich will.« Er richtete sich abrupt auf. »Aber jetzt muss ich wirklich dringend mit Jahwe sprechen.«

Die Frau zuckte zusammen, als wäre sie aus einem Traum erwacht, und schüttelte sich ein wenig.

»Nehmen Sie Platz. Sie werden aufgerufen.«

»Ich muss zu Jahwe.«

»Nehmen Sie Platz.«

Damians Kiefer spannte sich, und seine Augen funkelten die Frau an, die in ihrem Stuhl so weit zurückwich, dass dieser ein gutes Stück vom Tisch wegrollte. »Ich muss jetzt zu Jahwe«, sagte er langsam und bemüht, freundlich zu klingen. »Sagen Sie ihm, dass sein Neffe hier ist, und er wird mich empfangen.«

»Sein …« Ihre Augen wurden noch größer, was nichts Gutes bedeuten konnte. Wie in Zeitlupe streckte sie ihre Hand aus und ließ sie, ohne ihn eine Sekunde aus den Augen zu lassen, unter den Tisch sinken.

»Tun Sie das nicht!« Damian sah ihr eindringlich in die Augen, doch im nächsten Moment heulte bereits ein ohrenbetäubender Alarm auf, und das vergoldete Tor der Eingangshalle flog auf. Gut zwanzig bewaffnete Engel stürmten herein und richteten ihre Blender auf ihn. »Das war nicht sehr nett«, sagte er an die Frau gewandt, die von ihrem Stuhl aufsprang und sich an die Wand presste. Offensichtlich beabsichtigte sie die größtmögliche Entfernung zwischen sich und Luzifers Sohn zu bringen, während Damian auch schon an den Oberarmen gepackt wurde.

»Versuch erst gar nicht dich zu wehren, Junge.« Ein blonder Engel, einen guten Kopf größer als er selbst, baute sich vor ihm auf und richtete drohend seinen Blender auf ihn. »Du wirst jetzt mit uns kommen«, sagte er, »und zwar ohne einen Aufstand zu veranstalten.«

Damian sah zu dem Blender, einem weiß leuchtenden Stab von der Länge eines Arms, der sich nur knapp vor seiner Brust befand, und blickte wieder in das entschlossene Gesicht des Engels. »Nehmen Sie das Ding da weg«, sagte er ruhig, »und ich werde euch folgen.«

Der Engel sah ihn einen Moment lang prüfend an, ließ den Blender dann jedoch sinken und trat zur Seite, sodass die anderen ihn fortzerren konnten. Damian schaute noch einmal zurück und warf der verängstigten Empfangsdame einen wütenden Blick zu. Diese starrte ihn an, als hätte er vor, ihre Seele mit in die Unterwelt zu nehmen. Dann wurde er auch schon aus der Halle geführt.

Die Engel zogen ihn immer weiter einen Gang entlang, dessen Wände hauptsächlich aus Glas bestanden und so den Blick in den Himmel freigaben. Einzig ein paar weiße Schäfchenwolken und Schlieren befleckten das tiefe Blau. Am anderen Ende stießen sie ihn durch eine Seitentür in einen dunklen Raum, der anders als alles, was er bisher von diesem Ort kannte, kein einziges Fenster hatte und zu dessen Ausstattung lediglich ein Tisch und ein paar Stühle zählten. Damian wurde auf einen Stuhl niedergedrückt, und zwei Engel stellten sich neben ihm auf, während sich der Mann mit dem schwingenden Blender vor ihm aufbaute.

»Aus der Unterwelt kommst du also«, stellte der Engel fest und sah mit vor der Brust verschränkten Armen zu ihm hinab. »Wie, bei der Gnade unseres Herrn, hast du es in den Himmel geschafft?«

»Vielleicht bin ich geflogen?«

Die Miene des Engels wurde bei Damians Worten noch finsterer, und auch seine blonden Locken trugen nicht dazu bei, ihn friedfertiger aussehen zu lassen. Mit diesem bösen Blick hätte er in der Unterwelt gute Chancen, bis ganz nach oben aufzusteigen.

»Seelen der Unterwelt ist es nicht gestattet, den Himmel zu betreten«, erklärte der Engel. »Ohne Passierschein gibt es kein Durchkommen.«

Damian seufzte. »Hören Sie. Ich habe es der Frau am Empfang schon versucht zu erklären. Eure lustigen Barrieren …«

»WO IST ER?« Die Tür flog auf, und sämtliche Engel fuhren zu der donnernden Stimme herum, die zu einem hochgewachsenen Mann in weißem Anzug gehörte. Ehrfürchtig senkten sie ihre Köpfe und traten etwas zur Seite, sodass der Raum vom Licht des Ganges erleuchtet wurde und die Gestalt in der Tür unnatürlich hell strahlte.

Damian verdrehte die Augen und lehnte sich in dem Stuhl zurück. »Deine Gastfreundschaft war auch schon einmal besser, Onkel.« Er rieb sich mit der Hand über den Oberarm und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. »Du solltest ein ernstes Wort mit deinen Engeln sprechen. Vater fehlt ohnehin Personal.«

»Was willst du hier?« Jahwe trat aus dem Zwielicht, was den schönen Effekt des Leuchtens zunichtemachte, und sah zu seinem Neffen herunter. Das kastanienbraune Haar hatte er im Nacken zusammengebunden und den Kragen des weißen Sakkos aufgestellt, wodurch sein schmales Gesicht noch länger wirkte und die braunen Augen ungewöhnlich groß aussahen.

»Freust du dich denn nicht, mich zu sehen?« Enttäuscht schüttelte Damian den Kopf. »Ich gehöre immerhin zur Familie.«

»Ich habe dir eine Frage gestellt.«

»Jetzt wissen Sie, wie ich hierhergekommen bin«, sagte Damian an den großen, blonden Engel gewandt und die Worte seines Onkels ignorierend. »Ich bin ein Halbgott.« Er lachte und deutete auf Jahwe. »Und meine Mutter war einer seiner Engel.«

»Ein Halbgott, der nicht weiß, wo sein Platz ist«, fuhr Jahwe dazwischen. »Die Regeln gelten auch für dich, Damian – sie gelten insbesondere für dich.«

»Ich gehöre genauso hierher wie in die Unterwelt.« Allmählich wurde er wirklich wütend. Die unfreundliche Behandlung durch die Empfangsdame hatte er noch nicht vergessen, und das würde er auch nicht. Er richtete sich in dem Stuhl auf und sah seinem Onkel in die Augen. »Du hast nichts getan, um mich zurückzuholen.«

Jahwe öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Eine senkrechte Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen, als er zu ihm herabsah. »Du bist nicht mein Sohn«, sagte er schließlich ruhig. »Dein Platz ist bei deinem Vater.«

Damian lachte bitter. »Der allmächtige Jahwe in seinem Streben nach Gerechtigkeit, der Beschützer aller Sterblichen. Sind das denn deine Kinder? Hat dich die Gerechtigkeit gekümmert, als einer deiner Engel ermordet wurde? Was hast du da unternommen?«

»Ich habe keine Macht über die Unterwelt. Das weißt du, Damian. Deine Mutter ist freiwillig zu ihm gegangen.« Er wirkte plötzlich unsagbar müde, als er fortfuhr: »Und ich habe keine Macht über meinen Bruder Luzifer. Auch das weißt du.«

Damian sah ihn einige Augenblicke schweigend an. »Aber hier bist du mächtig«, sagte er schließlich in die Stille hinein.

Jahwe nickte. »Und das ist der Grund für dein Erscheinen? Meine Macht im Himmel?« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Sag mir, was du willst, Damian, und dann geh zurück zu deinem Vater.«

»Also gut.« Damian fand zu seinem Lächeln zurück. »Ich will ein Schutzengel werden.«

Das Geräusch gleichzeitigen Luftholens aller anwesenden Engel war zu hören, gefolgt von einem leisen, aber doch aufgeregten Flüstern.

Jahwes Gesicht hingegen blieb völlig regungslos. »Ich habe viel zu tun«, sagte er kühl, »und keine Zeit für deine Scherze.«

»So wie ich.« Damian zog ein kleines, abgegriffenes Buch mit zerfledderten Seiten aus seiner Hosentasche hervor und schlug die gewünschte Seite auf. »Ich zitiere.« Er blickte kurz in die fassungslosen Gesichter der umstehenden Engel und widmete sich dann lächelnd dem Geschriebenen. »Die Aufgabe eines Schutzengels ist die Aufsicht über einen ihm zugeordneten Sterblichen, um die physische und psychische Sicherheit des Sterblichen zu gewährleisten, um seine unsterbliche Seele auf dem geheiligten Pfad zu Gott, dem Allmächtigen, dem Wächter über Himmel und Erde, dem … bla, bla, bla.« Er blätterte weiter. »Ah hier! Ein Engel wird durch Gott und einzig durch Gott, den Allmächtigen, den … Was dagegen, wenn ich das überspringe?«

»Was willst du, Damian?«

»Sofort, sofort, ich hab’s gleich.« Er fuhr mit dem Finger über die Zeilen, die er für unwichtig hielt. »Hier! … dazu auserkoren, im Dienste der Gerechtigkeit Gottes allumfassende Liebe den Sterblichen zuteilwerden zu lassen und die Botschaft des Herrn zu übermitteln. Gott und allein Gott ist befugt, einen Engel in den Stand eines Schutzengels zu erheben

»Ich kenne die Schriften.«

»Und?« Damian schlug das Buch zu. »Wirst du mich zu einem Schutzengel erheben?«

»Nein.« Zustimmendes Gemurmel folgte, verstummte jedoch sofort, als Damian die Engel wütend ansah.

»Wieso nicht?«

»Deswegen.« Jahwe hob eine Hand und deutete mit dem Finger auf Damians Augen, ehe er eine weit ausholende Geste beschrieb, die alle Anwesenden umfasste.

Damian schnaubte verächtlich. »Wegen meiner Augen?«, fragte er ungläubig, auch wenn ihm durchaus bewusst war, dass diese Jahwes Engel soeben äußerst böse angefunkelt hatten. »Das war keine Absicht«, versicherte er und hob entwaffnend die Hände.

»Du bist Luzifers Sohn.« Jahwes Ausdruck blieb weiterhin eiskalt. »Was sagt dein Vater zu deinem Wunsch?«

»Was soll er schon sagen? Er ist natürlich begeistert.«

»Genauso wie ich.«

»Das ist gut, denn du musst mich aufnehmen.«

Jahwe zog seine Augenbrauen zusammen und lachte plötzlich laut los. Es war ein kehliges, donnerndes Lachen, das so gar nicht zu seiner Erscheinung passen wollte. »Ich muss?«, fragte er, als er sich wieder etwas beruhigt hatte.

»Richtig.« Damian öffnete erneut das kleine Buch und schlug die markierte Seite auf. »Die Probezeit eines Schutzengels unter Beistand eines Erzengels wird durch jenen diesen Erzengel beendet und von Gott dem Allmächtigen, bla, bla … bestätigt, der die Aufnahme zum Schutzengel erklärt. Ansuchen zur Aufnahme als Schutzengel gehen an Gott und nur an Gott, den Allmächtigen, den Herrscher …« Er seufzte. »… der die Engel auf ihre Tauglichkeit prüft

»Du erfüllst diese Tauglichkeit nicht.«

Damian hob mahnend einen Finger und fuhr fort. »Ausnahmen«, betonte er, »gelten für die Nachkommen von Schutzengeln, denen das besondere Recht der Aufnahme als Schutzengel zur Fortführung der Aufgabe eines oder beider Elternteile, sollten diese nicht mehr in der Lage sein, diese jene Aufgabe zu erfüllen, zuteilwird.« Er holte tief Luft und sah in das angespannte Gesicht seines Onkels. »Es wird mir zuteil«, sagte er mit ausdrucksloser Miene und genoss das Ansteigen des Lärmpegels, verursacht durch jene Engel, die laut ihre Empörung kundtaten.

Jahwe wartete einige Augenblicke, bis sich die Anwesenden wieder etwas beruhigt hatten, und hob schließlich die Hand. »Für dich gelten besondere Regeln«, verkündete er, jedoch etwas zaghafter.

Damian lehnte sich zurück. »Meine Mutter war ein Schutzengel«, stellte er zufrieden fest. »Sie ist tot und kann ihre Aufgabe demnach nicht mehr ausführen. Ich bin ihr Sohn.«

»Du bist vor allem Luzifers Sohn«, erwiderte Jahwe.

»Das bin ich. Und ich bin ihn leid. In der Unterwelt ist es nämlich nicht so witzig, wie er immer behauptet.«

»Und du glaubst, hier könntest du deiner Langeweile entgehen?« Jahwe schüttelte den Kopf. »Das hier ist kein Kinderspielplatz, Damian. Die Aufgabe eines Schutzengels ist schwerer, als du es dir auch nur vorstellen kannst.«

»Ich weiß.« Er klopfte auf das Buch, das Handbuch für Schutzengel. »Ich kenne die Aufgaben und ebenso die Regeln. Ich werde schon niemanden sterben lassen.«

»Nein, du treibst sie nur in den Wahnsinn oder direkt in die Hölle.« Er ließ sich auf einen der Stühle sinken und rückte ihn so zurecht, dass er Damian gegenübersaß. »Die Aufgaben eines Schutzengels bringen große Verantwortung mit sich«, erklärte er mit ernster Stimme. »Es ist eine sehr heikle, wenn nicht die heikelste Aufgabe aller Engel. Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine einzige Seele zu verlieren.«

»An meinen Vater? Aber seine Todesengel sind bei Weitem nicht so zahlreich und …«

»… und doch beeinflussen sie die Taten der Sterblichen in einem Ausmaß, das längst alle Schranken gebrochen hat.«

»Dann ist es ja gut, dass du mit mir jemanden hast, der sie in ihre Schranken zurückweist.«

Jahwe sah ihn lange an. Es war unmöglich zu erkennen, was er dachte. Die Kämpfe zwischen ihm und seinem Bruder waren schon so alt, und doch wurde es keiner der beiden müde. Seit die alten Götter an Macht verloren und Jahwe und Luzifer die Herrschaft über die Dimensionen erlangt hatten, welche denen der Sterblichen am nächsten lagen, war es mit der Bruderliebe zu Ende gewesen. Zugegeben, es war Luzifer gewesen, der nach alleiniger Macht gestrebt hatte und in einem Krieg schließlich in die Unterwelt verbannt worden war. Doch Jahwe sähe seinen Bruder noch lieber viel weiter, in die entfernteste Dimension, verbannt. Einen Ort, von dem es keine Rückkehr gab. Die Dimension all jener Götter, die durch den schwindenden Glauben der Sterblichen ihre Macht verloren hatten und damit verschwunden waren – mehr oder weniger freiwillig. Es gab in der Tat noch andere Götter in der Nähe, doch genügte der Glaube der Sterblichen an diese nicht, um ihnen den vordersten Platz zu sichern. Einen Platz im Himmel oder der Hölle – und damit eine direkte Verbindung zu den unsterblichen Seelen.

Im Grunde war es doch nichts anderes als ein Kampf um solche Seelen, der von Jahwes Schutzengeln und Luzifers Todesengeln ausgetragen wurde. Die Engel bewegten sich im Zwielicht, einer Brücke zwischen den Dimensionen, um ihren Einfluss geltend zu machen. Und während die Todesengel in den Schatten lauerten und jede Gelegenheit nutzten, um Zorn und Zwietracht zwischen den Menschen zu säen, bemühten sich die Schutzengel, Licht in ihre Seelen zu bringen. Gleichzeitig bewahrten sie die Sterblichen natürlich vor Gefahren, besonders wenn sie zu sterben drohten, bevor sie das Licht erreicht hatten und sie auf dem besten Weg in die Hölle waren. Letzten Endes entschieden jedoch die Sterblichen selbst, welchen Weg sie nahmen. Ein Engel konnte einzig Gefühle verstärken, sie jedoch nicht hervorrufen. Ein Sterblicher wählte selbst, welchen Pfad seine Seele nach dem Tod einschlug, die Engel versuchten lediglich, sie in eine gewisse Richtung zu lenken. Denn jede Seele bedeutete Macht. Derzeit war der Anteil jener Seelen, die zu Jahwe in den Himmel gingen, weitaus größer, und Luzifer wollte dies natürlich ändern, um selbst mehr Macht zu erlangen. Deswegen lockte er die Sterblichen zu sich in die Unterwelt – mit immer größer werdendem Erfolg.

»Wieso?«, fragte Jahwe unvermittelt. »Wieso willst du plötzlich ein Schutzengel werden?«

»Nicht plötzlich.« Damian rieb sich mit der Hand über die Augen, das Licht des Korridors blendete ihn. »Ich habe immer gewusst, dass ich nicht in der Unterwelt bleiben werde. Das Leben dort ist echt die Hölle.« Er lachte über seinen Witz, auch wenn er damit allein blieb. »Ein Schutzengel zu sein«, fuhr er schließlich mangels Reaktionen fort, »scheint mir eine sinnvolle Aufgabe, um meine Zeit hier zu verbringen. Außerdem …« – er bemühte sich um einen ernsten, vertrauenerweckenden Ausdruck – »möchte ich Gutes tun.«

Jahwes Mundwinkel zuckten. »Dies ist kein Ort für dich, Damian, und Luzifer wird dein Verhalten nicht einfach so hinnehmen. Du bist sein einziger Sohn.«

»Was interessiert mich das?« Seine Hand ballte sich zur Faust, und die grünen Augen leuchteten erneut auf, was Jahwe schweigend zur Kenntnis nahm. »Ich gehe nicht zurück.«

»Mein Bruder wird alles tun, um dich zurückzuholen.«

»Keiner seiner Todesengel kann in den Himmel gelangen. Hier bin ich sicher, und im Zwielicht können sie nicht aus den Schatten treten. Ich werde mich als Schutzengel im Licht aufhalten.«

Jahwe lehnte sich seufzend zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Geh zurück zu deinem Vater«, sagte er ruhig. »Dein Platz ist an seiner Seite, der Himmel ist kein Ort für dich.«

»Ich gehe nicht zurück.« Damians Worte klangen wie ein Knurren. »Niemals!«

»Und genau dieses Verhalten ist der Grund, weshalb ich dich zurücksende.« Jahwe sah ihm mit finsterer Miene in die Augen. »Es ist der Hass, der dich hierherführt. Du warst schon immer zornig, und Zorn ist keine gute Voraussetzung für einen Schutzengel. Du würdest die Gefühle der Sterblichen in die verkehrte Richtung lenken.«

»Ist das dein letztes Wort?« Er musste sich an der Armlehne des Stuhles festhalten, um nicht sofort aufzuspringen und auf ihn loszugehen. Auf den Mann, der nichts unternommen hatte, als Luzifer einen seiner Engel ermordet hatte, seine Mutter. »Ich bekomme noch nicht einmal eine Chance?«

»Ich tue dir damit einen Gefallen.« Er strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sah einen Moment lang tatsächlich bedauernd aus. »Das Leben als Schutzengel ist schwerer, als du denkst.«

»Und das Gesetz?«, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und hob das Buch.

Jahwe spannte sich einen flüchtigen Moment an, kehrte jedoch sofort wieder in seine normale Haltung zurück. »Du bist ein Halbgott, Damian. Und das ist nicht zu übersehen. Du bist meinem Bruder zu ähnlich.«

Damian riss entrüstet die Augen auf. »Ich habe nichts mit ihm gemein.«

»Dann solltest du mal einen Blick in den Spiegel werfen.« Mit diesen Worten erhob sich Jahwe und wandte ihm den Rücken zu.

»Nein!« Ohne nachzudenken, sprang er auf und eilte seinem Onkel hinterher. Doch er kam nicht besonders weit. Kaum hatte er seine Hand ausgestreckt, um Gott aufzuhalten, spürte er einen stumpfen Gegenstand in seinem Rücken. Im nächsten Moment erstarrte sein Körper, gleißendes Licht blendete ihn, und er spürte nur noch, wie er steif wie ein Brett nach vorn kippte, an einem Stuhl vorbeischrammte und zu Boden fiel. Mit letzter Kraft versuchte er sich zu bewegen, doch es war ihm nicht einmal möglich, einen Finger anzuheben. Seine Sicht wurde durch einen weißen Vorhang verschleiert und ließ ihn weder Umrisse noch Farben erkennen. Einzig den dumpfen Druck des Blenders in seinem Rücken spürte er deutlich.

»Genug!«, hörte er Jahwes Stimme rufen, und im nächsten Moment verschwand auch schon der Druck. Es dauerte einige Augenblicke, bis das Gefühl in Damians Körper zurückkehrte und sich seine Sicht klärte.

»Das tat weh«, keuchte er und presste sich die Hand an die Schläfe, mit der er auf den Stuhl geknallt war.

Jahwe beugte sich über ihn und drehte ihn langsam zu sich herum, sodass er auf dem Rücken lag. »Du hast dich nicht unter Kontrolle«, stellte er nüchtern fest. »Du bist von Zorn erfüllt, und der Hass blendet dich. Sag mir eines, Damian. Gibt es irgendetwas, eine winzige Kleinigkeit, die für deine Aufnahme als Schutzengel steht?«

Damian verzog seine blutigen Lippen zu einem kalten Lächeln. »Nichts«, antwortete er und versuchte mit den Schultern zu zucken. »Und doch wirst du mich auserwählen.«

Ein wütendes Schnauben kam von den Engeln, doch Jahwe gab Damian mit einer Geste seiner Hand zu verstehen, dass er weitersprechen sollte.

»Du wirst mich auserwählen …« Er strich sich das Blut von der aufgeplatzten Lippe und betrachtete es einen Moment lang an den Fingern, ehe er sich wieder seinem Onkel zuwandte. »… weil du nicht Luzifer bist.« Jahwe kniff die Augen zusammen, doch Damian fuhr fort, ohne ihm die Möglichkeit zu einer Erwiderung zu geben. »Weil du nicht von Hass erfüllt bist und weil du mich liebst, so wie du alle deine Engel liebst. Weil du an das Gute glaubst und daran, dass Böses mit Gutem vergolten werden kann. Weil du glaubst, dass ich durch deine Liebe meinen Hass überwinden kann und du meine Seele ins Licht führen wirst. Du könntest nicht damit leben, mich zurück in die Unterwelt geschickt zu haben, denn du glaubst, dass jede Seele eine Möglichkeit bekommen sollte, ins Licht zu gelangen. Dass nur eine einzige Chance den Weg vom Bösen zum Guten ändern kann.«

Es war totenstill im Raum. Eine Ewigkeit verging. In Jahwes Gesicht war nichts abzulesen, und doch wusste Damian, dass er gewonnen hatte. Er wusste, dass er seinem Ziel nahe war und dass sein Vater in genau diesem Moment außer sich vor Zorn sein würde. Aber vor allem wusste er, dass er Jahwe soeben alles gesagt hatte, was dieser hören wollte. Denn Jahwe würde niemanden abweisen, der das Licht suchte, und Damian hatte ihn daran erinnert.

»Das sind deine Argumente?«, fragte Gott nach einer Weile des Schweigens.

Damian nickte und richtete sich, immer noch etwas benommen, auf. »Du bist mein Onkel und …« – er sah ihm tief in die Augen – »… ich bitte dich, meine Seele zu retten.«

Die Engel starrten ihn mit offenen Mündern an. Nur einer wagte es schließlich, das Wort zu ergreifen: Der große Blonde, der auch den Blender gegen ihn eingesetzt hatte. »Herr«, begann er mit fester Stimme. »Er ist Luzifers Sohn.«

»Ja, aber er ist auch der Sohn eines Schutzengels«, sinnierte Jahwe leise. »Er ist mein Neffe. Das Gesetz …«

»Herr.« Der blonde Riese schob sich zwischen seinen Gott und Damian. »Wäre er nur Luzifers Sohn mit dessen Blut in sich, sähe ich noch eine Möglichkeit, aber er ist unter Luzifers Einfluss aufgewachsen. Wir wissen nicht, ob wir ihm trauen können.«

Damian lachte leise auf und verdrehte die Augen, was Jahwe entweder nicht bemerkte oder absichtlich ignorierte. »Nein«, entgegnete Gott ruhig. »Er hasst seinen Vater und würde nicht für ihn arbeiten. In diesem Punkt glaube ich ihm.«

Der Blonde schob seine Schultern etwas zurück, um sich noch größer zu machen. »Der beste Ausbilder könnte ihm nichts von Verantwortung und Liebe beibringen. Diese Eigenschaften hat man, oder man hat sie nicht.«

Diesmal lächelte Jahwe. Er legte eine Hand auf die Schulter des Blonden und drückte sie sanft. »Nein«, sagte er zärtlich, »aber du kannst es, mein lieber Jophiel.«

Der Engel riss ungläubig die Augen auf, und Damian konnte nicht anders, als leise zu kichern. »Herr«, begann Jophiel, doch Jahwe hob die Hand und schnitt ihm das Wort ab.

»Ich vertraue auf dich. Wenn irgendjemand meinem Neffen beibringen kann, ein Schutzengel zu werden, dann du.« Er wandte sich an Damian, und sein Ausdruck wurde sofort wieder ernst. »Du bekommst diese eine Chance, Damian. Ich werde dich testen. Dies ist eine Probe, bei der du dich bewähren musst. Versagst du, werde ich dich niemals als Schutzengel aufnehmen, und du gehst zurück zu deinem Vater, hast du das verstanden?«

Das schadenfrohe Grinsen über Jophiels Ernennung als sein Aufpasser verwandelte sich in Triumph. »Ich habe verstanden«, sagte er mit einem Lächeln, das Jahwe einen Moment lang die Augen zusammenkneifen ließ. Ob er seine Entscheidung bereits bereute? Zumindest sagte er nichts dergleichen. Stattdessen verließ er in Gefolgschaft der anderen Engel den Raum.

Einzig Jophiel blieb zurück und starrte einige Augenblicke lang in das Licht des Korridors, als könnte es ihn aus dieser Situation befreien. In der Zwischenzeit hatte Damian sich erhoben und lehnte nun lässig gegen den Tisch. »Also«, sagte er so unvermittelt in die Stille, dass der Engel zusammenzuckte und zu ihm herumfuhr. Die Erkenntnis, dass seine Misere Wirklichkeit war und sich nicht alleine durch den Wunsch hatte vertreiben lassen, stand deutlich in dem entsetzten Gesicht. »Wer ist mein Schützling?«

»Bevor wir dazu kommen …« – Jophiel ließ den Blender wie ein Schwert in die Halterung am Gürtel gleiten – »… muss ich dich mit den Regeln vertraut machen.«

»Ach, ich bitte Sie. Ich kenne die Regeln. Zeigen Sie mir, wen ich beschützen soll, geben Sie mir das Amulett, und schon sind Sie mich los.«

Jophiel kniff seine Augen zusammen und sah ihn einige Herzschläge lang so bohrend an, als würde er in Damians grünen Augen lesen können. Das konnte nichts Gutes bedeuten. »Das Amulett«, erklärte er schließlich, als hätte er ihn tatsächlich durchschaut, »wird dir ausgehändigt, wenn ich dich für reif genug halte und Gott dich zum Schutzengel ernennt. Solange du dich noch bewähren musst …« Er schüttelte langsam den Kopf und genoss es sichtlich, Damians Plan zu durchkreuzen und ihn in seinen Hoffnungen zu enttäuschen.

Doch nicht Enttäuschung war der Grund, weshalb Damian seine Zähne dermaßen stark zusammenbiss. Es war Zorn, pure Wut. »Gilt das für alle Schutzengel, oder bekomme ich durch meine Abstammung eine Sonderbehandlung?«, fragte er so gleichgültig wie nur möglich, um dem Engel keinen weiteren Grund zu Zweifeln an seinen Absichten zu geben.

Jophiel lächelte. »Keine Sorge. Ich werde dich behandeln wie jeden anderen auch. Und das Amulett der Gerechtigkeit erhältst du mit der Ernennung, sofern es jemals so weit kommen sollte. Und jetzt folge mir.«

Damian wartete, bis der Engel durch die Tür verschwunden war, und atmete tief durch. Er strich sich mit beiden Händen durch das Haar und erinnerte sich, dass er es selbst so gewollt hatte. Er würde sein Ziel erreichen, auch wenn es etwas länger dauerte.

»Ich dachte, du hast es eilig, Junge«, hallte Jophiels Stimme vom Korridor herein. »Oder hast du es dir schon anders überlegt?«

Damian richtete sich auf. Diesem Engel würde seine herablassende Art schon noch vergehen, genauso wie der unkooperativen Empfangsdame.

Schweigend folgte er seinem Aufpasser durch die gläsernen Gänge und versuchte sich den Weg genau einzuprägen. Er achtete auf jede Abzweigung und auf jede Tür, die womöglich etwas Nützliches hinter sich verbarg. So drangen sie immer tiefer in den riesigen Palast und trafen nur selten andere Engel auf ihrem Weg. Diejenigen, die ihnen begegneten, warfen Jophiel und seinem fremden Begleiter skeptische Blicke zu. Zumeist genügte jedoch ein einziger Blick von Damian, um sie sofort erschrocken wegsehen zu lassen. Der Sohn des Teufels zu sein hatte durchaus seine Vorteile.

»Also, wieso willst du wirklich ein Schutzengel werden?«, fragte Jophiel nach einer Zeit des Schweigens, während sich vor ihnen eine weitere gläserne Tür automatisch öffnete. »Ist dir wirklich so langweilig?«

Damian zuckte nur mit den Schultern. »Ich möchte Gutes tun«, sagte er, wobei er etwas beleidigt klang. »Ich bin schließlich zur Hälfte ein Schutzengel, oder haben Sie das vergessen?«

Jophiel warf ihm von der Seite einen Blick zu. »Bei deinem Anblick ist es nur schwer vorstellbar, dass an deiner Zeugung noch jemand anderes als dein Vater beteiligt war.« Er öffnete eine Seitentür und führte ihn in einen weiteren dunklen Raum, der jedoch anders als der erste riesig war und durch mattes Licht beschienen wurde, das, wie Damian feststellte, von einer leuchtenden Karte an einer Längswand ausging. In der Mitte der Halle befand sich auf einem gläsernen Gestell eine Wasserschale. Ohne dieser Beachtung zu schenken, führte Jophiel ihn daran vorbei und ging zielstrebig auf die Karte zu.

»Werde ich darin meinen Schützling sehen?«, wollte Damian wissen, der nicht vorhatte, die glitzernde Schale einfach so zu ignorieren.

Jophiel nahm einen schmalen Stab in die Hand, der so lang war wie er selbst groß, und drehte sich zu ihm um. »Ja, später werde ich dir darin deine Schutzbefohlene zeigen.«

»Schutzbefohlene?« Er trat neben den Engel. »Also eine Sie

Statt ihm eine Antwort zu geben, wandte Jophiel sich wieder der Karte zu. Es war lediglich eine schwarze Wand, die durch Linien in den verschiedensten Gelb- und Orangetönen durchzogen wurde. Doch diese leuchteten so hell, dass sie den gesamten Raum in mattes Licht hüllten. Jophiel hob seinen Stab und legte die Spitze auf eine grellgelbe Linie. »Die Dimension der Sterblichen«, erklärte er und klopfte darauf. »Verboten.«

Damian verschränkte seine Arme vor der Brust. »Es ist ohnehin nur Göttern möglich, diese zu betreten. Nur Götter können sich frei in den Dimensionen bewegen.«

»Und du bist ein Halbgott.«

»Ja, richtig.« Er grinste und genoss den erschrockenen Ausdruck auf Jophiels Gesicht. Der Engel dachte wohl, er hätte ihn jetzt auf Ideen gebracht.

Damian hielt es nicht für nötig, die Befürchtungen zu zerstreuen, indem er versicherte, dass er diese Ebene nicht betreten konnte, nicht vollständig zumindest. Er hatte es versucht. Einzig durch das Ausleihen eines sterblichen Körpers könnte er in diese Dimension gelangen, und das war es ihm dann doch nicht wert.

»Das Zwielicht.« Jophiel verschob bereits den Stab ein wenig und zeigte auf eine blasse Schattierung, einen Ausläufer der gelben Linie der Sterblichen. »Hier wirst du dich aufhalten. Du bewegst dich nur im Licht, hast du verstanden? In den Schatten bewegen sich die Todesengel, und du willst ihnen doch nicht begegnen, oder?«

»Nur im Licht, verstanden.« Schutzengeln war es ohnehin nicht möglich, die Schatten zu betreten. Genauso wenig, wie die Todesengel in das Licht gehen konnten. Doch da Damian sowohl von einem Schutzengel als auch von einem Angehörigen der Hölle abstammte, konnte er sich frei bewegen, und dies war offensichtlich Jophiels größte Sorge. »Hören Sie«, sagte er, bevor der Engel seinen Stab weiterschob. »Ich kenne die Regeln für Schutzengel. Wir können uns das hier sparen. Zeigen Sie mir jetzt meinen Schützling.«

»Das Unterbewusstsein.« Jophiel knallte den Stab mit etwas zu viel Leidenschaft auf eine weitere Schattierung der Dimension der Sterblichen. »Verboten.« Der Stab flog weiter. »Die Unterwelt – auch Hölle genannt.« Ein dumpfer Schlag. »Verboten.« Ein Kratzen. »Die Vorhölle, jede Ebene, jede Abschwächung in der Unterwelt. Verboten!«

»Ich bin da gerade erst weg. Warum sollte ich da hinwollen?«

»Das Reich der Toten.« Ein erneuter Schlag. »Verboten. Egal ob Himmel oder Unterwelt. Diese Dimension ist nicht zugänglich.«

»Sie sagen es. Ich kann da sowieso nicht hin. Nur Götter …« Ein vernichtender Blick. »Ja, schon gut. Ich bin ein Halbgott, aber nicht einmal ich kann in das Reich der Toten.«

»Aber du hast es versucht.«

Damian zuckte mit den Schultern. »War’s das jetzt? Ich weiß, dass ich mich nur im Zwielicht – nicht in den Schatten – und im Himmel aufhalten darf. Ich habe es verstanden. Das ist nichts Neues gewesen.«

»Im Himmel auch nur in Jahwes Reich. Die Ebene der Toten darf nicht betreten werden.«

»Ich habe doch schon gesagt, dass ich das gar nicht könnte, auch wenn ich es wollte.«

Jophiel sah ihm einen Moment lang in die Augen und wandte sich schließlich, wenn auch nicht zufrieden, ab. »Als Schutzengel«, erklärte er zu Damians Leidwesen weiter, »bist du nicht nur für deine Schutzbefohlene verantwortlich. Du musst ihre gesamte Umgebung im Auge behalten. Der Fehler eines anderen könnte deine Schutzbefohlene das Leben kosten. Du musst schnell sein, du musst wirksam sein. Droht deine Schutzbefohlene von einem Auto überfahren zu werden, musst du nicht nur sie dazu bringen zurückzuweichen, du musst gleichzeitig den Autofahrer zum Umlenken antreiben. Jedoch so, dass er niemand anderen verletzt. Das heißt, wenn dort mehrere Autos sind, musst du den nächsten Autofahrer dazu bringen, ebenfalls in eine andere Richtung zu lenken. Hast du verstanden, wie das funktioniert? Dass jede Reaktion Folgen hat und du diese voraussehen musst und alle in der Nähe deiner Schutzbefohlenen wenn nötig umlenken musst? Es ist schwer, Damian, und dies war nur ein harmloses Beispiel. Aber du musst begreifen, dass es nicht ausreicht, einfach nur auf deine Schutzbefohlene zu achten. Du musst alles sehen, Gefahren spüren und sie erkennen, bevor etwas geschieht.«

Damian starrte den Engel an und schluckte. »Das ist doch kinderleicht«, sagte er und klang zu seinem Bedauern nicht ganz so unbeschwert, wie er es gerne gehabt hätte. Das Ganze hörte sich ziemlich kompliziert an. »Und wenn ein anderer Schutzengel mir in die Quere kommt?«, fragte er etwas verwirrt. »Wenn ein anderer seinen Schützling so lenkt, dass er für meinen zu einer Gefahr wird?«

»Darauf muss jeder Schutzengel achtgeben. Jede Entscheidung, die du oder ein anderer trifft, hat Auswirkungen auf andere, und du darfst damit niemanden in Gefahr bringen.«

»Das heißt, ich passe eigentlich auf alle auf.«

Jophiel seufzte. »Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Und du weißt, dass die Ebene des Unterbewusstseins verboten ist. Du darfst einzig und allein durch das Zwielicht handeln, indem du Gefühle verstärkst. Jedes andere Eingreifen ist …«

»Verboten?«

»Du sendest Freude, Liebe, aber auch Mut und Sicherheit. Deine Berührung wird diese Gefühle verstärken, und dein Flüstern im Zwielicht wird deiner Schutzbefohlenen die Sicherheit zur richtigen Entscheidung geben. Hast du gehört? Dein Flüstern aus dem Zwielicht. Alles andere kann …«

»… verheerende Auswirkungen haben. Verstanden.« Er deutete mit dem Kopf zur Wasserschale. »Was ist jetzt?«

»Im Paldriun«, Jophiel ging auf die Mitte des Raumes zu, »wirst du deine Schutzbefohlene zum ersten Mal sehen. Du wirst deine Hand nach ihr ausstrecken und auf diese Weise für ihren Schutz verantwortlich werden.«

»Muss ich sie dann ständig beobachten? Das scheint mir ziemlich anstrengend zu sein.«

Ein erneuter wütender Blick. »Dass es anstrengend wird, hat Gott versucht dir zu erklären. Aber nein, du musst sie nicht ständig beobachten. Von dem Moment dieser Berührung an wirst du spüren, wenn sie in Gefahr ist oder wenn sie dich braucht. Aber ich rate dir, dich anfangs nicht zu weit zu entfernen.«

»Damit sie nicht draufgeht, während ich mich mit Engeln vergnüge?«

Jophiel fuhr zu ihm herum. »Nimmst du das auch nur in geringster Weise ernst? Hast du auch nur ein Wort von dem, was ich dir gesagt habe, verstanden?«

Damian konnte in Anbetracht dieses Ausbruchs nicht anders, als zu lachen. »Beruhigen Sie sich. Sie sollten echt ein bisschen lockerer werden. Schon mal etwas von Humor gehört?«

»Für Humor haben Schutzengel keine Zeit. Wir sind damit beschäftigt, das Gleichgewicht der Dimensionen zu halten.«

»Und jetzt habt ihr Verstärkung bekommen.« Er klopfte dem Riesen auf die Schulter. »Durch mich. Ist das nicht schön?«

Jophiel schüttelte Damians Hand ab und wandte sich wieder der Wasserschale zu, die er »Paldriun« genannt hatte. »Ich vertraue auf Gott«, sagte er leise, »und darauf, dass er weiß, was er tut, indem er dir eine solche Aufgabe anvertraut.«

»Wieso nennen Sie ihn immer nur ›Gott‹? Sie tun ja so, als gäbe es keine anderen Götter.«

»Gibt es denn andere?«, fragte der Engel und blickte wieder zu ihm hoch, wobei das schwache Licht des Wassers unheimliche Schatten auf sein Gesicht warf. »Die alten Götter sind fort – viel zu weit weg, als dass wir uns noch Gedanken um sie machen müssten.«

»Meinen Vater.«

Jophiel schnaubte verächtlich. »Dein Vater, Junge, ist kein Gott. Zumindest nicht mehr.«

»Dann bin ich in Ihren Augen auch kein Halbgott?«, fragte er mit leicht bedrohlichem Unterton, den Jophiel jedoch ignorierte.

»Die Unterwelt hat Luzifer vergiftet. An ihm ist nichts Göttliches übrig. Er ist ein Dämon.«

»Also bin ich ein Halbdämon?«

Jophiel überging die Frage. »Du wolltest deine Schutzbefohlene sehen. Hier ist sie.«

Damian ließ seinen vernichtenden Blick noch einen Moment auf Jophiel ruhen, ehe er sich schließlich über das Paldriun beugte und in das klare Wasser blickte. »Ich sehe nichts«, sagte er, doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erschien ein unscharfes Bild an der Oberfläche. Es zitterte und verschwamm immer wieder, bis er schließlich eine junge Frau erkannte – eine kleine, zierliche Gestalt. »Das ist sie?«, fragte er und versuchte Genaueres zu erkennen.

»Ja, das ist sie. Emily Norvell. Du musst dich konzentrieren, dich öffnen, dann wirst du sie auch deutlicher sehen.«

Damian beugte sich noch etwas tiefer über die Schale und kniff seine Augen etwas zusammen. Ein leichtes Licht ging von dem Wasser aus, es war jedoch nicht so stark, als dass es ihn hätte blenden können. Das Mädchen saß in einem Raum, vermutlich ihrem Zimmer, auf einem Bett. Es war dunkel, lediglich eine kleine Nachttischlampe spendete ihr etwas Licht. Etwas Weißes lag auf ihren Knien, ein Schreibblock? Mit schnellen Handbewegungen kritzelte sie darüber, doch Damian konnte nicht erkennen, was es war. Das pechschwarze Haar hatte sie am Hinterkopf provisorisch hochgesteckt. Selbst in dem unscharfen Bild glänzte es wie schwarze Seide und bildete einen extremen Kontrast zu ihrer weißen Haut. Das Mädchen saß in kurzen Shorts und Tanktop auf ihrem Bett und beugte sich über den Block.

»Sie ist süß«, sagte er, um Jophiel zu ärgern, konnte seinen Blick jedoch tatsächlich nicht von ihr abwenden. Sie schien so vertieft in ihr Tun, als würde sie nicht einmal eine Explosion von ihrem Schaffen abhalten können. Das Spiel aus Licht und Schatten zeigte ein schmales Gesicht mit weichen Zügen. »Sehr süß sogar.«

»Sie ist eine Sterbliche«, vernahm er das Fauchen an seiner Seite. »Deine Schutzbefohlene.«

Damian richtete sich auf. »Keine Sorge. Ich habe kein Interesse an Sterblichen. Und diese hier« – er deutete mit dem Kopf zur Schale – »ist genau solch ein Exemplar, das beim ersten Windstoß umfällt. Habt ihr für den Anfang nichts Leichteres für mich?«

Jophiel schüttelte nur den Kopf, eine Geste, die nur allzu deutlich machte, was er von seiner neuen Aufgabe hielt. Doch tapfer versuchte er durchzuhalten. »Du wirst dich mit dieser hier zufriedengeben müssen«, sagte er betont ruhig. »Du kannst froh sein, dass du überhaupt jemanden bekommst.«

»Was ist mit ihrem alten Schutzengel?«

Jophiel wandte sich ab und blickte auf das Bild im Paldriun. »Er wurde jemand anderem zugeteilt.«

»Weshalb?«

»Er war für jemand anderen besser geeignet.«

»Weshalb?«

Der Engel sah wieder auf. »Es gab einen Unfall«, erklärte er. »Ein Erdrutsch bei einem Schulausflug. Dabei kam eine Schülerin ums Leben, Amanda Gordon. Ihr Bruder William Gordon rettete acht Schülern und einer Lehrerin das Leben, auch Emily Norvell. Sie hätte eigentlich sterben müssen. Sie war bereits zu weit abgerutscht, aber ihr Schutzengel bewies seine außerordentlichen Fähigkeiten. Er war für den Mut des Jungen verantwortlich, während dessen eigener Schutzengel überfordert war.«

»Und deshalb wurde er versetzt?«

Jophiel zuckte die Achseln. »Es kommt immer wieder vor, dass sich durch bestimmte Umstände besondere Schutzengel finden. Ihnen werden Sterbliche anvertraut, die für uns von besonderem Wert sind.«

»Was?« Damian sah zwischen dem Paldriun und dem Engel hin und her. »Ihr nehmt ihr den Schutzengel weg, weil er zu gut für sie ist? Um irgendeinen von euren Priestern zu beschützen? Ist es das, was Sie damit sagen wollen?«

»Nicht unbedingt einen Priester, aber ja. Sterbliche, die Gott in ihrem Leben besondere Dienste erweisen werden.«

Damian starrte auf das verschwommene Bild, betrachtete das zerbrechliche Wesen. Das Mädchen, das arglos auf seinem Bett saß und nichts von dem Betrug ahnte, dem sie zum Opfer gefallen war. »Ihr nehmt ihr also den Schutzengel weg«, wiederholte er langsam und musste sich beherrschen, nicht laut zu schreien. »Und ihr gebt ihr dafür mich

»So ist es.« Jophiel beugte sich nun ebenfalls über die Schale und sah hinein. »Du bist doch verantwortungsbewusst, oder etwa nicht? Du kennst deine Aufgabe, du wirst sie beschützen.«

Nur vor wem?

»Bist du bereit?«, fragte Jophiel und erinnerte ihn damit wieder an sein Ziel. »Dann strecke deine Hand nach ihr aus.«

Damian atmete tief durch. Er würde nicht versagen. Jetzt war er bereits so weit gekommen. Er hatte es geschafft, Jahwe zu überreden, und das war mit Sicherheit das schwerste Hindernis gewesen.

Vorsichtig tauchte er die Hand in das Wasser, welches zu seiner Überraschung warm war, und sah zu, wie das Bild des Mädchens in den Wellen verschwand, die von seiner Hand an den Rand der Schale gedrängt wurden.

Jetzt würde er ein Schutzengel werden, ein Diener des Guten. Beinahe hätte er laut aufgelacht.

Gänseblümchen

Das schrille Kreischen des Weckers ist für die meisten Menschen das Signal, aus dem Schlaf zu erwachen und sich für den kommenden Tag bereit zu machen. Für Emily hingegen bedeutete es, den Zeichenblock zur Seite zu legen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal bis zum Klingeln ihres knallroten, mit Glupschaugen und Knopfnase ausgestatteten Kinderweckers geschlafen hatte.

Doch. Sie wusste es. Es war vor fünf Monaten, zwei Wochen und vier Tagen gewesen. An einem nasskalten Morgen im Mai:

Die dunklen Wolken hingen an jenem Tag so niedrig am Himmel, dass sie das Gefühl hatte, sie würden jeden Moment zu Boden stürzen. Die noch schneebedeckten Zacken der Gipfel der Kronberge verschwanden vollkommen dahinter. An sonnigen Tagen glänzten die steilen Bergflanken in einem silbrig schimmernden Blau und spiegelten sich an der Oberfläche des eiskalten Mondsees. Doch an diesem unheilvollen Tag war die Welt in graues Licht gehüllt gewesen – die silberne Krone der Stadt lediglich ein dunkler Fleck, verschwommen im Regen.

Regen, der die elfte Klasse der St. Bernard Schule jedoch nicht an ihrem geplanten Ausflug zur Tropfsteinhöhle hatte hindern können. Schließlich waren sie diese Wetterverhältnisse nach dem verregneten April bereits gewohnt. Das Hochwasser des zu einem reißenden Strom gewordenen Tevern war zurückgegangen, und die Naturkundeklasse stapfte mit Regenjacken und Gummistiefeln ausgerüstet über den leicht ansteigenden Pfad durch den Wald, nachdem die asphaltierte Straße geendet und der Bus nicht hatte weiterfahren können. Das leise Prasseln des Regens, aber auch das Rauschen des Tevern unter ihnen wurde durch vielstimmiges Geschnatter übertönt. Bis dieses plötzlich in Schreie umgeschlagen war.

Emily presste die Augen zusammen, atmete tief durch und schwang die Beine aus dem Bett. Sie warf noch einen kurzen Blick auf die Bleistiftzeichnung, die man wohl eher als Gekritzel bezeichnen würde, und wandte sich schließlich vom Bild des Mondsees und den Bergen ab, die ihr immer wieder als Motiv dienten.

Nach der morgendlichen Dusche, unter der sie etwas zu viel Zeit verbracht hatte, fand sie sich wie jeden Tag vor dem Spiegel an der Schranktür wieder und betrachtete sich in den schlabbernden, schwarzen Hosen und dem silbergrauen Pullover, den sie auch schon einmal besser ausgefüllt hatte.

Sie besaß kaum Kleidung in anderen Farben, da ihr diese Kombination immer besonders gut gefallen hatte. Das Schwarz passte zu ihren Haaren, während das Silber perfekt mit ihren grauen Augen harmonierte. Doch inzwischen war es ihr ziemlich egal, was sie anzog, wobei sie an besseren Tagen auch schon überlegt hatte, sich vielleicht mal ein paar neue Teile zuzulegen. Kleidung, die nicht durch einen Gürtel gehalten werden musste. Doch dann hatte sie sich vorgenommen, wieder in ihre alten Sachen hineinzuwachsen, so wie es der Arzt und Psychologe empfohlen hatten.

Die vielen Gesichtscremes, die hauptsächlich durch ihre Mutter den Weg auf die Kommode gefunden hatten und ein frisches Aussehen versicherten, konnten dieses Versprechen – welch Wunder – nicht halten. Emily wirkte blass, ihre Haut war viel zu weiß. Das schwarze Haar, das sie wie immer zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, verstärkte diesen Eindruck noch und betonte ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen.

Mit etwas Wimperntusche und Lipgloss ließ sich da auch nicht viel machen, aber es war immerhin ein kleiner Erfolg.

Was soll’s, dachte sie und wandte sich von ihrem Spiegelbild ab, da es ohnehin nicht besser werden würde.

Als sie die Zimmertür öffnete, stieg ihr bereits der vertraute Duft nach Kaffee und frischen Muffins in die Nase. Sie hasste Kaffee und würde das Gebräu um nichts auf der Welt trinken, aber seltsamerweise liebte sie seinen Geruch am Morgen. Er war ihr so vertraut. Solange sie zurückdenken konnte, war es immer dieser Duft gewesen, der sie in der Frühe auf ihrem Weg in die Küche empfangen hatte. Daher gab er ihr stets ein Gefühl von Geborgenheit.

Schon von der Treppe aus sah sie ihre Mutter hinter dem Küchentresen stehen und Muffins in zwei Papiertüten einpacken. Sie stand immer früh auf, um die verschiedensten Leckereien zu backen und die Familie damit zu verwöhnen.

Marilyn – Mary – Norvell war eine Mutter und Ehefrau wie aus einem kitschigen Film entsprungen. Sie kümmerte sich aufopfernd um ihre Lieben, und das stets mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Sie war eine hübsche Frau mit ebenso pechschwarzen Haaren wie Emily und der schlanken Figur eines Teenagers. Eine Frau, die so viel Liebe zu geben und sich stets ein Haus voller Kinder gewünscht hatte. Doch dieser Wunsch war ihr verwehrt geblieben. Nach mehreren Fehlgeburten war Emily eine große Überraschung und Freude gewesen, doch sie war leider das einzige Kind geblieben.

James Norvell, Emilys Vater, war kaum zu Hause. Er war Fernfahrer und ständig irgendwo im ganzen Land unterwegs. Ein Umstand, welcher der Liebe zu seiner Frau keinen Abbruch tat. Emily hatte die beiden immer bewundert. Sie benahmen sich nicht wie verliebte Turteltauben, es waren eher der gegenseitige Respekt und diese scheinbar zufälligen, zärtlichen Blicke, die sie einander zuwarfen, die zeigten, dass sie einfach zusammengehörten.

Eine Familie wie aus dem Bilderbuch, dachte Emily, während sie auf den Frühstückstresen zuging und sich auf einen Hocker setzte.

»Will ist schon da«, bemerkte ihre Mutter und deutete zum Küchenfenster, das zur Straße hinauszeigte.

Emily folgte ihrem Blick und sah zur Auffahrt, an dessen Ende der schwarze Audi wartete. Wie jeden Morgen. »Wartet er schon lange?«, wollte sie wissen.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Ist gerade erst gekommen.« Sie hob ihr Kinn an und sah sie prüfend an. »Schlecht geschlafen?«, fragte sie und schob ihr die übliche Tasse Pfefferminztee im »Gute-Laune-Becher« hin, den sie zu ihrem zehnten Geburtstag bekommen hatte.

»Nein.« Sie seufzte, denn ihre Mutter sah sie mit dem nur allzu bekannten Blick an, der verriet, dass sie nichts vor ihr verbergen konnte. »Kurz«, gestand sie schließlich und nippte an dem heißen Getränk. »Aber größtenteils friedlich.«

Ihre Mutter nickte und ließ noch einen Stapel belegter Brote in der bereits bis zum Äußersten gefüllten Papiertüte verschwinden. Sie sprach ihre Tochter kaum noch auf die Albträume und Schlafstörungen an und vertraute darauf, dass sie selbst zu ihr kommen würde, wenn sie reden wollte. Emily war ihr sehr dankbar dafür, denn sie war es leid, ständig dasselbe Thema durchkauen zu müssen. Das Ganze war schließlich schon beinahe ein halbes Jahr her, und sie wusste, dass auch ihre Mutter fürchterlich unter Amandas Tod litt. Mandy und Will waren immer wie eigene Kinder für sie gewesen. Wo den beiden eine Familie gefehlt hatte und es ihrer Mutter in dem großen Haus immer zu still gewesen war.

Mit einer scheinbar unauffälligen Bewegung schob diese gerade den Teller mit den Muffins etwas näher zu ihr hin, was Emily das erste Mal an diesem Tag lächeln ließ. Und da sie heute das Gefühl hatte, einen guten Tag zu haben, und sie ihrer Mutter zeigen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen musste, nahm sie einen davon und biss hinein. »Willst du Will nicht hereinholen?«, fragte ihre Mutter und sah aus dem Fenster, womit sie gleichzeitig versuchte ihr erleichtertes Lächeln zu verbergen.

Emily pickte mit dem Finger Krümel vom Tresen auf. »Es regnet«, sagte sie, »und so gerne ich sonst jeden Tag hinauslaufe, um zu hören, dass er draußen warten will, habe ich heute echt keine Lust, zwei Mal nass zu werden.«

»Ich wünschte nur, er würde etwas besser auf sich achtgeben.«

»Das tut er ja.«

Ihre Mutter lehnte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett. »Frag ihn doch noch mal, ob er nicht hier einziehen will.«

»Er wird mir die gleiche Antwort geben wie immer.«

»Ich weiß.« Sie strich sich eine Strähne des kinnlangen Haares zurück hinters Ohr. »Ich habe einfach so ein ungutes Gefühl. Ich will nicht, dass er immer so allein ist. Ein Junge in seinem Alter sollte nicht alleine wohnen. Und dann auch noch mitten im Wald.«

»Er ist achtzehn, Mama. Er ist wirklich kein Junge mehr.«

»Er ist zu dünn.« Sie warf einen Blick auf die Muffins, und es war ihr deutlich anzusehen, dass sie überlegte, ob sie nicht noch ein paar mehr in die Tüte quetschen könnte.

»Er ist groß«, erwiderte Emily. »Das ist alles.« Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man bei solch einer Größe jemals dick werden könnte, ebenso wenig konnte sie sich daran erinnern, wann Will die Einmeter-Neunzig-Marke gesprengt hatte – sehr zur Freude seines Basketballtrainers.

Auch Mandy war sehr hochgewachsen gewesen und der Traum der männlichen Schüler, sowohl der Ober- als auch der Unterstufe. Mit ihren ewig langen Beinen und den blonden Haaren, die ihr bis zur Taille gereicht hatten, war sie in ihren Köpfen herumgespukt und hatte sie mit ihrer Fröhlichkeit allesamt verzaubert.

Emily atmete wieder einmal tief durch. Sie hatte gelernt, dass es manchmal half, den Schmerz einfach wegzuatmen. Sauerstoff als Heilmittel. Günstiger und mit Sicherheit effektiver als so manche Tabletten.

Sie rutschte vom Hocker und nahm die zwei Essenspakete, die eine ganze Armee satt machen könnten.

Die Kapuze der Regenjacke über den Kopf gezogen, den Rucksack über die Schulter gehängt und in beiden Händen den Proviant, lief sie die Auffahrt hinunter. Die Autotür schwang schon auf, bevor sie diese erreicht hatte, sodass sie sich nur noch auf den Sitz fallen lassen musste.

»Du bist zu dünn«, sagte sie zur Begrüßung und ließ die schwerere der beiden Tüten in Wills Schoß plumpsen. Sie zog die Autotür zu und versuchte sich in der Enge von ihrem Rucksack zu befreien, ehe sie ihn schließlich auf den Rücksitz warf.

Will war bereits dabei, die Brote zur Seite zu schieben und die frischen und duftenden Muffins aus der Tiefe zu graben. »Hab ich eigentlich schon einmal gesagt, dass ich deine Mutter liebe?«, fragte er, als er einen Muffin aus der Tüte befreit hatte.

»Heute noch nicht.« Sie zog an dem Sicherheitsgurt und schnallte sich an. »Aber du würdest ihr eine große Freude machen, wenn du bei uns einziehst.«

Will hörte einen Moment auf zu kauen und sah sie durch seine dunklen Brillengläser hindurch an. »Hast du ihr nicht erklärt, dass ich gerne für mich bin?«

»Sicher.«

»Es ist ja echt nett von ihr, aber mein Zuhause ist nun mal …

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