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Teufelseltern

Prolog

Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Die Hitze stieg ihr in die Wangen, das Herz schlug heftig. Die Tränen brannten in den Augen. Sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals runter zu schlucken.

Benjamin, oh mein lieber Benjamin.

Ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, das Atmen fiel ihr von Minute zu Minute schwerer. Sie glaubte zu zerbrechen. Mit zitternder Hand streichelte sie die blonden Locken.

Oh Gott, Benjamin. Oh Gott, oh Gott.

Sie konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Lautlos liefen sie über die Wangen. Die Traurigkeit übermannte sie mit voller Wucht und raubte ihr den Atem. Sie zwang sich, sich zu beruhigen, wollte ihm keine Angst machen.

Armer kleiner Benjamin.

Behutsam wog sie ihn gleichmäßig hin und her. Sie hielt ihn eng an sich gedrückt. Ihre Tränen trockneten und langsam beruhigte sich ihr wild tobendes Herz.

1

21. Oktober 2013

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. In ihrem stockfinsteren Zimmer saß sie auf einem abgenutzten Holzbett, rührte sich nicht von der Stelle. Starr vor Schock hielt Emilia Dearing die Luft an, lauschte den angsterfüllten Hilferufen ihrer Geschwister. Das Geschrei drang bis in ihr Kinderzimmer, obgleich es am Ende des Flures lag. Es hallte durch die Dunkelheit. Ihr Körper bebte vor Angst und Mitgefühl. Verzweiflung machte sich breit. Sie flehte zu Gott: „Hilfe! Lass es aufhören!“ Sie wusste, was die Rufe der Geschwister bedeuteten. Sie wusste, was im Anschluss passieren wird. Es war Montag, der Beginn einer grausamen Woche. Fünf furchtbar lange Tage werden sie die Brutalität ihrer Eltern ertragen müssen. Am Wochenende war ihr Vater nicht daheim gewesen. Von Samstag bis Montag hatte er seine Zeit in Kneipen verbracht, um sich sinnlos zu betrinken. In diesen Tagen hielten sich Emilia und ihre Geschwister in ihren Zimmern auf. Doch ihre Mutter zeigte sich dort nicht. Sie saß mit zahlreichen Flaschen Bier im Wohnzimmer und ertrank den Zorn auf ihren Mann in Alkohol. Sie hasste seine Sauftouren, reagierte aggressiv vor Eifersucht und warf ihm Untreue vor. Emilia hatte in dieser Zeit ihre beiden Geschwister versorgt. Das Essen klaute sie aus der Küche. Das Obergeschoss zu betreten, in dem sich das Wohnzimmer befand, war verboten. Doch wenn der Vater nicht daheim war, interessierte ihre Mutter nicht, was um sie herum geschah. Viel gab es nicht zu essen. Oftmals hatte es schimmeliges Brot mit Butter gegeben. Warme Mahlzeiten waren selten. Ihre Mutter kochte selten. Wenn sie Essen für ihren Mann zubereitet hatte, bekamen die Kinder bestenfalls die Reste, die bei Weitem nicht für alle drei ausreichten.

Emilia hatte nur eine Bezeichnung für ihren Vater: Monster! Wenn das Monster unter der Woche daheim war, traute sie sich nicht, in die Küche zu schleichen. Sie mussten warten, bis die Mutter etwas brachte. Das konnte Tage dauern. Das betrunkene Ungeheuer kam montags nach Hause, wenn die Dämmerung einsetzte. Es polterte schwankend in die Zimmer der Kinder und riss sie aus dem Schlaf. Er erwartete Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass er sich jeden Tag abrackerte, um Geld für die Familie zu verdienen. Er war in einer Reinigungsfirma tätig und säuberte Toiletten. Wenn er von der Arbeit heimgekommen war, hätte man meinen können, dass er IN die Toiletten gestiegen war, um sie zu reinigen. Dreckverschmiert und nach Fäkalien stinkend, war er auch diesmal heimgekommen. Emilia würgte, als sie an den Geruch dachte. Sie versteckte sich unter der Bettdecke, versuchte, die Schreie der Geschwister auszublenden. Es zerriss ihr das Herz. Sie mochte sich nicht vorstellen, welche Qualen sie durchmachten. Sie wusste, sobald er in dem Zimmer der beiden fertig wäre, wird er zu ihr kommen.

„Du kannst ein wenig zärtlich zu deinem Vater sein, Emilia! Du hast nur deswegen ein Dach über dem Kopf, weil ich Tag für Tag zehn Stunden schufte. Während ihr nur herumlungert und deine versoffene Mutter nichts zustande bekommt. Euch geht es zu gut.“

Es ist ein Albtraum, dachte Emilia. Jeden Tag sperrte man sie in ihren dunklen Zimmern ein. Jeden Tag spürten sie die Härte der Eltern auf ihren geschundenen Körpern. Die Mädchen gingen vormittags zur Schule und entkamen der Hölle für fünf Stunden. In dieser Zeit musste der Jüngste die Folter allein ertragen.

Gelähmt vor Panik lag sie mit aufgerissenen Augen im Bett und lauschte in die Nacht. Sie hörte die schmerzerfüllten Schreie der Geschwister. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen. Sie schloss die Augen, wünschte, ihnen helfen zu können. Doch ihr fiel nichts ein, was sie tun konnte. Machtlos ertrug sie gleichermaßen die Brutalität des Vaters. Sie vernahm, dass die Bestie etwas gegen die Wand warf. Es krachte. In der Stille der Nacht hallte es doppelt so laut. Sie hörte das Klirren des Kleiderschrank-spiegels, der in Einzelteilen zu Boden fiel.

„Ihr verdammten Gören, ich ertrage euch nicht mehr!“

Emilia strich über ihre Kehle. Sie bekam kaum Luft. Das Zittern brach nicht ab. Warum half niemand? Die Glieder waren starr, Angst stieg in ihr hoch. Angst davor, Geräusche zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Muskeln in den Armen zuckten, als sie ihre Hände an die Ohren presste. Ein verzweifelter Versuch, die Schreie nicht zu hören. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, sich in eine bessere Welt zu zaubern. Sie wünschte, die Qualen der beiden ausblenden zu können. Doch sie überhörte nichts. Nicht die Hilfeschreie. Nicht die wütenden Schimpfwörter des Vaters.

„Ihr drei seid die Brut des Teufels. Ich zeige euch, wie man sich mir gegenüber benimmt!“

Emilia war dreizehn. Seit sie denken konnte, erinnerte sie sich an die wiederkehrenden Ausbrüche des Erzeugers. Es begann mit Wutanfällen, bei denen er im harschen Tonfall herumbrüllte. Später folgten körperliche Strafen. Er schlug sie mit jedem Gegenstand, der griffbereit lag. Er achtete nicht darauf, wohin er prügelte. Es interessierte ihn nicht, ob er das Gesicht traf und ob jemand die Wunden hätte sehen können. In der Schule wurde sie zwar auf ihre Verletzungen angesprochen, doch jeder hatte sich damit zufriedengegeben, wenn sie zum wiederholten Male erzählte, wie tollpatschig sie sei. Ihre Eltern lehrten ihr Ausreden. Die Treppe runter gefallen. Mit dem Fahrrad gestürzt. Sie hoffte, dass ein Lehrer die Märchen, die sie auftischte, nicht glauben und Hilfe schicken wird. Sie wartete bis heute, vergebens.

Als ihre Schwester zur Welt kam, war sie fünf Jahre alt. Sie freute sich über das Geschwisterchen. Wünschte sich immer eines zum Spielen und Umsorgen.

Ihr Vater hatte alles andere als begeistert reagiert. „Wie viele Bälger willst du mir andrehen?“, schimpfte er mit seiner Frau. Weitere fünf Jahre später kam der Bruder zur Welt. Sie liebte ihn. Doch die Freude hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass er genauso Opfer der Gewalt ihrer Eltern sein wird. Als Babys verschonte der Vater sie noch. Sobald sie die ersten Schritte liefen, fing das Martyrium an. Ihre Mutter bekam alles mit, unternahm aber nichts, damit es aufhörte. Oft lachte sie darüber. „Du trägst die Schuld daran“, hatte sie gespottet, als Emilia mit aufgeplatzten, blutigen Lippen, unzähligen blauen Flecken und Bisswunden in ihrem Zimmer gehockt hatte und weinte. Vor Schmerz, vor Angst, vor Wut. Ihre Mutter verprügelte die drei, wenn sie wütend auf ihren Ehemann war, um ihren Frust abzulassen. Emilia verstand bis heute nicht, warum die Frau sie für die Qualen verantwortlich machte.

Mit zwölf Jahren hatte das Mädchen ihre Eltern bei einem Gespräch belauscht. Sie standen in der Küche, ihr Vater brüllte ihre Mutter lallend an, dass er mehr Anerkennung verdiene. Sie gab ihm zur Antwort, dass er sie anwidere. Und sie ihn und den ekelerregenden fetten Bauch nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würde. „Und wenn du der letzte Mann auf Erden wärst, würde ich dich nicht anrühren.“ Ihr Tonfall klang frostig und scharf. Sie grinste. In ihren Augen funkelte das Böse.

„Ich hole mir meine Befriedigung woanders, du alte Hexe.“ Mit ausgestreckter Brust stolzierte er aus der Küche und ließ sie mit aufgerissenem Mund stehen.

Emilia versteckte sich hinter der Tür, bis er das Haus verlassen hatte, und schlich zurück in ihr Zimmer. Wenn er sie erwischt hätte, hätte er sie totgeschlagen. Es interessierte sie inzwischen nicht mehr. Angst vor dem Tod quälte sie nicht. Mit ihren dreizehn Jahren hatte sie mit dem Leben abgeschlossen. Es würde der Tag kommen, an dem die Eltern sie totprügeln. Davon war sie überzeugt.

Die Kinderzimmer befanden sich in den Kellerräumen. Sie wirkten klein, sahen eher aus wie ein Verlies. In jedem Raum standen ein Bett und ein Kleiderschrank. Emilia bewohnte das kleinere Zimmer. Im vorderen Teil des Flures lag ein größeres, das sich ihre Geschwister teilten. Als Emilia nach dem belauschten Gespräch herunterkam, wurde ihr von einem modrigen Geruch übel. Sie schaute in das Zimmer ihrer Geschwister und vergewisserte sich, dass es den beiden gut ging. In ihrem Zimmer setzte sie sich auf ihr Bett und grübelte über die Worte des Vaters: „Dann hole ich mir meine Befriedigung woanders.“ In jener Nacht erfuhr sie, was sie bedeuteten. Es regnete den ganzen Tag, nachts tobte ein heftiger Sturm. Der Wind peitschte, heulte durch ihr undichtes Fenster. Durch den Luftzug knallte die Tür gegen den Türrahmen. Sie hörte die Äste an den Bäumen knacksen. Sie fürchtete sich und wünschte sich jemanden, der sie in die Arme schloss und ihr das Gefühl gab, sie zu beschützen. In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und ihr Vater trat ein. Für einen kurzen Moment wuchs ihre Hoffnung. Sie hoffte, dass er kam, um ihr die Angst zu nehmen. Die Realität sah anders aus. Er zerrte sich die Kleider vom Leib und legte sich zu ihr ins Bett. „Sei nett zu mir!“ Die Worte drangen nur gedämpft zu ihr durch. Sie zitterte, ihr Mund war trocken. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es stehen bleiben. Er begann, sie am Gesäß zu streicheln. Durch den Aufklärungsunterricht in der Schule wusste sie, was er tat. Hastig drehte sie sich auf den Bauch, damit er nicht an ihre Brüste kam. Energisch packte er sie, flüsterte, dass er sich holen wird, was er verdiene. Sie spürte den nach Alkohol stinkenden und heißen Atem in ihrem Nacken. Ihre Haare standen zu Berge. Ekel kroch in ihr hoch. Mit festem Griff wandte er Emilia zurück auf den Rücken. Mit der linken Hand hielt er ihren Hals und drang in sie ein. Die Schmerzen waren unerträglich. Übelkeit übermannte sie. Mit aller Kraft versuchte sie, sich aus dem Griff um ihre Kehle zu befreien. Keine Chance. Blanker Hass sprühte aus ihren Augen. Sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren, so raubte es ihr die Luft. Mit jeder Minute schnürte sich der Handgriff enger um ihre Kehle, als zöge sich eine Schlinge zu. Nachdem er von ihr abließ, zog er sich an und schlenderte wortlos aus dem Zimmer. Dabei grinste er teuflisch, sodass ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinunterlief. Stundenlang lag sie wie gelähmt auf dem Bett und weinte vor Schmerz, Ekel, Scham. Zwischen ihren Beinen brannte es. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich den Tod.

Seit diesem Tag passierte es regelmäßig. Nachdem er seine Wut an ihren Geschwistern ausgelassen hatte, kam er zu ihr, um seine Belohnung zu erhalten. Mit der Zeit stumpfte sie ab, ließ es über sich ergehen. Sie tauchte in eine bessere Welt ab. Trotzdem begleitete sie jeden Tag die Angst. Sie betete zu Gott, dass er es ihren Geschwistern nicht auch antat. Den Gedanken ertrug sie nicht. Hilflos lag sie in ihrem dunklen Zimmer, wartete darauf, dass er zu ihr kommen wird. Sie weinte.

2

28. Oktober 2016

Amanda Brown saß im Cheslock-Kinderkrankenhaus in Chicago neben dem Gitterbett des dreieinhalbjährigen Sohnes. Ihre Arme umschlungen ihren Körper. Sie presste eine Hand gegen die Stirn. Beim Anblick Calvins verkrampfte sich ihr Magen. Blass und apathisch lag er im Kinderbett. Gestern noch tollte der quirlige und lebhafte Lockenkopf, von einem Ohr zum anderen grinsend, herum. Heute las man in seinen Augen nur Schmerz.

Amanda schaute besorgt auf das geschwollene Gesicht des Kindes. Nervös kaute sie an den Fingernägeln. An seinen Lippen hingen trockene Hautfetzen, die Augen bewegten sich unter den Augenlidern schnell hin und her. Calvin fieberte hoch und hatte in der Nacht mehrmals erbrochen. Er entleerte wasserdünne Stühle, durch die das Gesäß gerötet und wund war. Seit Stunden behielt er keine Nahrung bei sich, verweigerte das Trinken und wirkte zunehmend kraftlos. Der Kinderarzt, Dr. Bennett, erklärte der Mutter den geschwächten Zustand. Dem Körper fehlte es an Flüssigkeit und lebensnotwendigen Nährstoffen. Die Ärzte vermuteten eine bakterielle Magen-Darm-Grippe. Calvin regte sich kaum, schlief die meiste Zeit.

Mrs. Brown arbeitete im Steuerbüro ihres Mannes Eliot. Dadurch konnte sie sich die Zeit frei einteilen, um am Krankenbett sitzen zu bleiben. Die Browns führten eine liebevolle Ehe. Calvin wuchs in einem behüteten Haus auf.

Mit der Infektion steckte er sich im Kindergarten an, den er seit dem zweiten Geburtstag besuchte. Er liebte es, in die Tagesstätte zu gehen, und begrüßte seine Eltern morgens mit einer stürmischen Umarmung. „Mama, wann fahren wir endlich los zum Kindergarten?“

Amanda hatte Mühe, ihn zum Anziehen und Frühstücken zu bewegen. Calvin war ein aufgeweckter Junge, der für sein Alter eine erstaunlich schnelle Auffassungsgabe hatte. Eliot behauptete grinsend, dass Calvin jeden heimlich aus den Augenwinkeln musterte und ihm nichts verborgen blieb. Alles, was um ihn herum geschah, schnappte er auf, um es nachzueifern. Durch ihn füllte sich das Haus mit Leben. Nur nach dem Einschlafen blieb das Plappermäulchen stumm. Ansonsten dröhnten die zum Teil noch unverständlichen Wörter durch die Wohnräume oder er sang einzelne Liedzeilen, die er sich einprägte, wenn er ein Lied nur einmal hörte. Bei den Browns lief ständig Musik. Sie liebten es, zu singen und zu den Rhythmen zu tanzen, auch wenn keiner ein musikalisches Talent besaß.

Momentan war ihr Sohn nicht mehr der muntere Junge. Die blonden Locken lagen platt an der nassen Stirn und sprangen nicht im Takt mit. Calvin lag im Bett und schlief. Der stets brabbelnde Mund schwieg. Der Körper klebte vom nasskalten Schweiß, er zitterte, obwohl die Haut vom Fieber glühte. Die Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen. Man sah nur dunkle Augenränder um die sonst so leuchtenden blauen Augen. Amanda presste ihre Lippen zusammen und rieb sich ihre brennenden Augen mit dem Handrücken. Trotz der bunten Comicfigur auf den farblosen Wänden, wirkte das Zimmer kühl und trostlos. Verzweiflung stieg in ihr auf. Offenbar lag es an der Tatsache, dass es ein Krankenhaus war, weshalb sie sich schlapp und müde fühlte. Wie soll ein Kind in so einer Umgebung gesund werden? Sie nahm einen tiefen Atemzug und wischte sich ihre feuchten Hände an der Jeans ab. Für ihren Sohn hielt sie es ewig in der Klinik aus. Die Hauptsache war, er würde schnell genesen. Ab und zu gab Calvin einen gequälten Laut von sich, der ihr verdeutlichte, wie kraftlos und unwohl er sich fühlte. „Bald wird es dir besser gehen, mein Schatz. Die Ärzte helfen dir.“ Sie strich ihm eine nasse Locke aus dem Gesicht.

Ihren Sohn in diesem Zustand daliegen zu sehen, brach ihr das Herz. Vor dreieinhalb Jahren wagte sie nicht zu träumen, solche gewaltigen Emotionen zu empfinden. Muttergefühle. Den Stolz, unbändige Liebe, aber auch Ängste und Sorgen. Jeden Tag genoss sie die Zeit mit ihm. Sie liebte es, ihn zu beobachten, wenn er im Garten versuchte, die Schmetterlinge zu fangen. Sie liebte es, ihn beim Entdecken neuer Dinge zu unterstützen. Es machte Spaß, ihm zuzuhören, wann immer er sich verschiedene Fantasiegeschichten ausdachte. Sie schmunzelte, als sie sich an die letzte Woche erinnerte.

Calvin hatte sich eine orangene Plastikgitarre geschnappt und aus vollster Überzeugung geträllert.

„A, a fallow, a fallow you“.

Das Lied „I FOLLOW RIVERS“ gefiel ihm. Er bot eine eigene Version des Songs dar. So, wie er die Worte verstand, sang er sie nach.

„Danke.“ Calvin verbeugte sich und zwinkerte schelmisch, als ihm Amanda und Eliot applaudierten. Lächelnd schauten sie ihm zu und Tränen der Rührung stiegen in ihnen auf. Calvin quietschte vergnügt. „Wollt ihr eine Zugabe?“

Als Schwester Olivia das Krankenzimmer betrat, holte sie Amanda aus den Erinnerungen zurück. Fürsorglich überwachte sie die Vitalzeichen des Jungen. Sie tastete nach dem Puls, um die Herzschläge zu zählen. Dann legte sie die flache Hand auf den Brustkorb und kontrollierte die Atemzüge. Calvin atmete angestrengt, stieß die Luft beim Ausatmen hörbar aus. Nachdem die Krankenschwester die Körpertemperatur prüfte, gab sie Calvin einen Saft, um das Fieber zu senken. Er zeigte kaum Reaktion, schluckte ihn im Schlaf und drehte sich weg, als Olivia ihm einen Schluck Tee zum Nachtrinken anbot. „Es ist wichtig, dass du anfängst, zu essen und zu trinken“, versuchte sie ihn in einem sanften, aber bestimmten Ton zu überreden.

Calvin wiegte kraftlos den Kopf hin und her und protestierte unter Tränen. „Mein Bauch tut weh.“ Er suchte nach der Hand seiner Mutter.

Amanda gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich streichle dir dein Aua weg, einverstanden?“

Calvin nickte vorsichtig und schlief wieder ein.

Olivia Collister arbeitete seit zehn Jahren auf der Kinderstation. Sie war eine der Krankenschwestern, die man sich für ein Kind nur wünschen konnte. Man merkte, dass ihr der Beruf Spaß machte. Sie umsorgte die Patienten liebevoll, hatte ein Talent dafür, die Aufmerksamkeit eines Kindes auf sich zu ziehen, und die Begabung, sie von der Angst vor Untersuchungen zu befreien. Ihr Verständnis gegenüber den Eltern und deren Sorgen machte sie sympathisch. Man hatte das Gefühl, sie erkannte die Bedürfnisse der Angehörigen im richtigen Augenblick. In Amandas Fall war es ein dringender Kaffee, etwas Essbares und eine warme Dusche, um ihre müden Knochen und ihren Geist zu beleben. Seit Stunden saß sie auf dem Stuhl neben Calvins Krankenbett. Immer wieder streckte sie sich, um die Anspannungen zu lösen.

„Sie sollten zur Ablenkung einen Kaffee in der Caféteria trinken gehen, Mrs. Brown. Ich schaue derweil nach Ihrem Sohn. Er schläft noch eine Weile. Der Körper ist geschwächt und braucht die Erholung. Ihnen tut ein bisschen frische Luft sicher gut.“

Argwöhnisch musterte Amanda die Krankenschwester. Es kam für sie nicht infrage, ihren Sohn zurückzulassen. Was ist, wenn er aufwacht und ich bin nicht da? Er liegt dann allein in einem fremden Zimmer und wird in Panik geraten. Sie verwarf kurzfristig den Wunsch nach einer Mahlzeit, auch wenn ihr Magen mittlerweile bis zu den Kniekehlen hing. In dem Augenblick erhielt sie eine SMS. Eliot erkundigte sich nach Calvin, fragte, ob sie sich mit ihm zum Mittagessen treffen wollte. Sie brauchte eine Pause. Sie rieb ihren steifen Nacken und hielt einen Moment inne. Der Gedanke, ein Essen mit ihrem geliebten Ehemann einzunehmen, stimmte sie positiv. Erneut meldete sich ihr knurrender Magen. Sie würde nur essen und duschen gehen. Spätestens in einer Stunde käme sie zurück. Amanda vertraute Schwester Olivia ihren Sohn an, wusste, dass er in guten Händen war und küsste ihn auf die heiße Stirn. „Ich bin gleich wieder bei dir.“

Calvin nahm den Aufbruch seiner Mutter nicht wahr. Er drehte sich zur Seite und schlief seelenruhig weiter. Nach einem letzten unsicheren Blick auf ihn lief Amanda zu ihrem Minivan. Über die Interstate-290-E käme sie in fünfundzwanzig Minuten in der Randolph-Street an. Zu dieser Zeit fuhr der Verkehr noch flüssig. Sie könnte es schaffen, in einer Stunde zurück zu sein.

Sie traf Eliot im BELLA. Es war seit Jahren ihr gemeinsames Lieblingsrestaurant. Sie sehnte sich so sehr nach einer Umarmung. Alle sahen in ihr eine zähe Frau an der Seite eines angesehenen Steuerberaters, die nichts erschüttern konnte. Plötzlich fehlte ihr die Stärke. Sie wirkte schwach, zerbrechlich, suchte Trost in den Armen Eliots. Gegenwärtig konnte sie nur abwarten und musste die Gesundheit des Jungen in die Hände der Ärzte legen.

3

Olivia Collister begann ihren Dienst um sechs Uhr morgens auf der allgemeinen Kinderstation im Cheslock. Wenn sie Frühdienst hatte, klingelte ihr Wecker um fünf Uhr. Sie hatte keine Probleme, früh aufzustehen. Im Gegenteil, sie bevorzugte diese Schicht, da sie den Nachmittag für ihre Hobbys frei hatte.

Olivia hatte Glück. Vor zehn Jahren, nachdem sie auf der Krankenstation angefangen hatte, fand sie eine Zweiraumwohnung in der North-Hudson-Avenue. Vier Kilometer lagen zwischen der Wohnung und der Klinik in der East-Chicago-Avenue. Sie benötigte nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad und sparte sich die Kosten für öffentliche Verkehrsmittel. Das Cheslock kannte sie aus ihrer Kindheit. Damals hatte sie mit ihren Eltern im Hyde Park, südlich des Michigan Sees, gelebt. Im Alter von sieben Jahren war Olivia an einer akuten Leukämie erkrankt. Ihre weißen Blutkörperchen entarteten und vermehrten sich unkontrolliert in ihrem Körper. Sie erinnerte sich, wie sie von Tag zu Tag ihre Energie verlor. Sie hatte gerade das zweite Schuljahr erreicht, als ihre Leistungen und ihre Konzentration nachließen. Ständig fielen ihr die Augen zu. Das Aufstehen artete in Quälerei aus, sie hatte das Gefühl, an ihren Beinen hinge Blei. Jede Bewegung bereitete ihr enorme Schwierigkeiten. Irgendwann war sie derart kraftlos, dass sie nicht mehr auf die Füße kam.

Ihre Mutter hatte Hämatome am Körper ihrer Tochter entdeckt. „Ich mache mir Sorgen, Eduard. Sie schläft nur noch und ist so blass. Ich bringe sie zu einem Arzt.“

Bei der Erinnerung an diese Zeit, hämmerte Blut durch ihre Adern. Von dem Tag, an dem sie ihre Diagnose erfahren hatte, bis zur Heilung waren Monate vergangen. Sie hatte Wochen im Kinderkrankenhaus verbracht. Chemotherapie, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Schmerzen waren tägliche Routine geworden. Es waren die härtesten Monate ihrer Kindheit gewesen. Wie kann Gott nur so gemein zu mir sein?, hatte sich Olivia immer wieder gefragt. Einige Zeit hatte sie geglaubt, Gott wollte sie bestrafen, weil sie ihre Eltern oft angelogen hatte. Sie hatten in einem Appartement mit einer großen Dachterrasse gewohnt. Ihre Mutter erlaubte ihr nicht, dort hinaufzugehen. Sie sorgte sich, dass Olivia etwas zustoßen könnte. Wenn die Eltern aus dem Haus gegangen waren, stieg sie die verbotene Treppe nach oben, breitete eine Decke auf den dunkelbraunen Terrassendielen aus und legte sich darauf. Stundenlang schaute sie den Wolken zu, die unablässig ihre Formen veränderten. In der Dunkelheit liebte sie es, die Sterne zu beobachten. Besonders an den kälteren Abenden, wenn der kühle Wind über ihren Körper wehte. Die frische Prise bereitete ihr eine Gänsehaut. Auf dem Dach fühlte sie sich frei. Ihre Eltern erwischten sie nie. War die Krankheit ihre gerechte Strafe?

Nach drei Jahren nicht enden-wollender Krankenhausaufenthalte galt sie als geheilt. Wut und Ängste hatten an den Nerven der Familie gezerrt. Dennoch lohnte sich der Kampf und die Ausdauer, die Leukämie kehrte nie zurück.

Olivia hatte zügig gelernt, mit der Situation umzugehen. Sie tröstete andere Kinder und schaffte es, sie trotz der schweren Zeit zum Lachen zu bringen. Eine ihrer gewonnenen Freundinnen hatte kein Glück. Olivia wich Melina nicht von der Seite ihres Sterbebetts. Ihren kahlen Kopf hatte Olivia unter einem rosafarbenen Kopftuch versteckt. Sie hielt ihre Hand und erzählte von einem leuchtenden Regenbogen, über den sie nun hinüberlaufen durfte. „Am Ende des Regenbogens wartet der Sternenhimmel auf dich. Du wirst den Sternen nah sein, sie berühren und sie leuchten dir den Weg. Viele gute Menschen begrüßen dich im Himmel.“ Olivia wippte leicht vor und zurück und flüsterte ihrer Freundin ins Ohr: „Und eines Tages empfängst du mich dort in deinen Armen.“

Genau so stellte sie sich den Ort vor, an den sie gehen wird, wenn sie stirbt. Es schmerzte, zuzuschauen, wie ihre Freundin sich vom Leben verabschiedete. Ihre Augen glänzten vor zurückgehaltenen Tränen, doch sie wollte nicht weinen, um Melina nicht zu verschrecken. Sie schlief friedlich ein. Olivia legte ihren Kopf auf die Brust der Krankenschwester, weinte über den schweren Verlust. Stundenlang. Ein Gefühl, das sie bisher nicht kannte. Ein Schmerz, der ihr Herz in tausend Stücke zu zerbrechen drohte. Es hinterließ tiefe Narben in ihrer Seele. Die Krankenschwester hielt sie, bis die Schultern kraftlos nach unten sanken und Olivia einschlief.

An Melinas Sterbebett hatte sie die Entscheidung getroffen, welchen Beruf sie erlernen wollte. Vierzehn Jahre später hatte sie ihren ersten Dienst als Kinderkrankenschwester im Cheslock angetreten. Diese Entscheidung bereute sie bis heute nicht. Sie liebte Kinder. Bei dem Anblick eines Kindes verzog sich ihr Mund zu einem breiten Lächeln. Jeden einzelnen ihrer Schützlinge behandelte sie mit Wärme und Fürsorge, damit sie und ihre Eltern sich den Umständen entsprechend wohlfühlten und Vertrauen aufbauten. Einzig bei Misshandlungsfällen stieg blanker Hass in ihr auf. Bei solchen Fällen stieß sie an ihre Grenzen. Besonders dramatisch war es, wenn die Verletzungen so schwerwiegend waren, dass das Leben des Patienten nicht mehr gerettet werden konnte.

Heute arbeitete Olivia allein mit einer sechzehnjährigen Praktikantin. Ihre Kolleginnen bauten Überstunden ab. Das Mädchen begleitete die Krankenschwestern seit vier Wochen. Sie half fleißig und war freundlich zu den Kindern und Angehörigen. Für diesen Beruf verhielt sie sich jedoch zu schüchtern. Eine eher unscheinbare, junge Frau, die durch nichts die Aufmerksamkeit auf sich zog, die sofort rot anlief, sobald man sie ansprach. Olivia musterte sie von Kopf bis Fuß und war überzeugt, dass sich das ändern wird, sobald sie den Beruf länger ausübte. Für kleine Aufgaben war sie eine große Hilfe. Olivia schüttelte ihre Gedanken ab.

Momentan sorgte sie sich um Calvin. Er wirkte erschöpft, sein Herz schlug unregelmäßig und er aß und trank weiterhin nicht. Das Fieber ließ sich nur schwer senken und stieg rasch wieder an. Sie wechselte die leere Infusionsflasche und überprüfte den venösen Zugang.

„Wo ist meine Mama?“ Er schluchzte.

„Oh, du bist wach. Deine Mutter ist gleich wieder bei dir. Sie ist nur etwas essen gegangen. Ich passe so lange auf dich auf, einverstanden?“ Olivia setzte sich auf den Stuhl neben dem Gitterbett. „Soll ich dir eine Geschichte vorlesen?“

Seine Augen waren rot und geschwollen. Er schüttelte den Kopf, krümmte sich, zog die Beine an und umklammerte sie mit beiden Armen. Er stieß einen verzweifelten Laut aus und übergab sich.

Olivia reagierte nicht schnell genug, um ihm eine Schale unter den Mund zu halten, sodass das Erbrochene im Bett landete. Sie rief nach der Praktikantin, bat sie, frische Wäsche zu holen. Dann gab sie ihr Calvin auf den Schoß. Olivia wechselte gerade die Bettwäsche, als Calvin erneut würgte. Rechtzeitig hielt sie ihm die Nierenschale hin und verhinderte ein weiteres Malheur. „Pass auf ihn auf!“, wies sie die Praktikantin an. „Ich bitte Dr. Bennett, sich Calvin noch einmal anzuschauen.“

4

Nach einer Viertelstunde kehrte Olivia auf die Station zurück. Ihre Halsschlagader pochte vor Wut auf Dr. Bennett. Der Oberarzt leitete die allgemeine Kinderabteilung. Ein beliebter Arzt bei den Familien. Er behandelte die Kinder behutsam. Fachlich war er eine Koryphäe. Doch Olivia fand ihn nicht sympathisch. Und sie stand mit dieser Meinung nicht alleine da. Gegenüber den Mitarbeitern war er eine Katastrophe. Er begegnete den Kollegen launisch und reagierte cholerisch, wenn eine Sache nicht lief, wie er es erwartete. Bei den Patienten und Eltern hingegen zeigte er sich herzensgut. Olivia beschrieb ihn als einen Menschen mit mehreren Gesichtern. Wenn er keine miese Laune hatte, wirkte er gehetzt und abwesend. Bei Unterhaltungen trat er ständig von einem Fuß auf den anderen und strich ununterbrochen durch sein Haar. Seit Wochen wanderte sein Blick nervös umher. Er verhielt sich auffällig, als flöhe er vor jedem, der ihm über den Weg lief. Ein rätselhafter Mann. Die Krankenschwester wunderte sich nicht, dass seine Ehefrau ihn verlassen hatte. Zumindest erzählte man das in der Klinik hinter vorgehaltener Hand. Dr. Bennett hatte sich nicht immer so aufgeführt. Er engagierte sich im Cheslock-Kinderkrankenhaus. Besuchte regelmäßig Fortbildungen, um über den aktuellsten Stand der Medizin informiert zu sein. Er war für jeden Spaß bereit. Betätigte sich im Komitee des Personals, das sich Opfern von Misshandlungen annahm und dafür sorgte, dass die Qualen der Kinder aufhören mögen. In dieses Projekt steckte er sein ganzes Herzblut. Olivia hatte vorübergehend in dem Arbeitskreis mitgewirkt, aber sie hasste es. Sie ertrug die Konfrontation mit dem Tod der Kinder, die traurigen Gesichter und gequälten Seelen nicht. Sie verstand nicht, wie Eltern in der Lage waren, ihre Kinder zu quälen, bis sie an den Verletzungen starben.

Wenn sie an ihre liebevolle Kindheit zurückdachte, empfand sie ein Riesenglück. Sie liebte ihre Eltern und ihre Eltern liebten sie. Kaum vorstellbar, dass manche zu solch einer Tat, gegen ihr eigen Fleisch und Blut, fähig waren. Sie überkam eine Gänsehaut, eine Woge der Übelkeit überrollte sie. Sie rief sich einen Todesfall in ihr Gedächtnis. Ein Geschwisterpaar, das vor drei Jahren in die Klinik eingeliefert wurde. Bei den Untersuchungen hatte man sowohl alte als auch neue Wunden festgestellt, die eindeutig auf körperliche Gewalt hinwiesen. Auf ihren Körpern hatte man die Misshandlungen wie aus einem Buch lesen können. An jeder Verletzung erkannte man, wie grausam mit ihnen umgegangen worden war. Dr. Bennett, ein Gerichtsmediziner und ein Assistenzarzt konfrontierten die Eltern mit dem Verdacht.

Der Vater schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Ich höre mir solche haltlosen Unterstellungen nicht an!“

Nie mehr würde Olivia den aufflammenden Zorn in den Augen des Vaters vergessen. Die Blessuren waren das eine, aber die seelischen Narben der beiden konnte man kaum erahnen.

In Olivia hatte sich alles zusammengezogen, als sie nach zwei freien Tagen zurückgekehrt war. Nichtsahnend erkundigte sie sich nach den Geschwistern. In ihren Ohren rauschte das Blut, als sie von ihrem Tod erfuhr. Wie angewurzelt stand sie im Stationszimmer, starrte an die Wand und wisperte immer und immer wieder die Frage vor sich hin, wie das passieren konnte. „Schwere innerliche Verletzungen“, hatte Dr. Bennett als Todesursache angegeben.

Olivia legte die Hand auf ihren Mund, um die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Das Schicksal der Kinder belastete sie noch immer.

Vor etwa zwei Jahren veränderte der Kinderarzt plötzlich sein Verhalten. Anfangs wirkte er häufiger miserabel gelaunt, machte keine Späße mehr, man sah ihn nicht mehr lächeln. Nur wenn er mit den Patienten und Angehörigen sprach, setzte er eine höfliche Miene auf. Die Maske fiel, sobald er den Rücken zudrehte. Ab diesem Zeitpunkt sah man ihn nie wieder gemeinsam mit seiner Ehefrau. Vor dieser Zeit kam sie oft, um mit ihm in der Cafeteria den hundsmiserablen Kaffee zu trinken. Nicht weil er ihr schmeckte. Sie kam nur, um ihn zu sehen. Als Oberarzt hatte er Verpflichtungen und verbrachte wenig Zeit zu Hause. Er schlug sich eine Vielzahl von Nächten im Cheslock um die Ohren. Vielleicht hatte seine Frau die Nase voll davon. Wissen konnte es keiner, was vor zwei Jahren passiert war.

Er war durchaus nicht der Typ, der irgendetwas von sich preisgab. Vor Kurzem begann er, der nervöse Typ zu werden. Er geisterte durch die Klinik, rieb sich unablässig die Hände, die Augenlider zuckten permanent. So wirkte er auch an diesem Tag. Gehetzt, neben der Spur.

Olivia klopfte mehrmals an die Bürotür, erhielt aber keine Aufforderung zum Eintreten. Vorsichtig öffnete sie die Tür, steckte ihren Kopf hinein und warf einen verstohlenen Blick in das Zimmer. Sie kam sich vor, als erwische man sie gleich bei etwas Verbotenem. „Entschuldigen Sie, Dr. Bennett?“ Sie sprach mit gedämpfter Stimme, um ihn nicht zu erschrecken.

Keine Reaktion. Dr. Bennett stand am Fenster, schaute ins Leere.

„Dr. Bennett?“

Nichts. Lauter und gereizter rief sie erneut nach ihm.

Als er sich umdrehte, schaute er sie erschrocken an. Das leicht graumelierte, schwarze Haar stand wirr in alle Richtungen. Die Krawatte hatte er gelockert. Unter den Achseln bildeten sich Schweißflecken. Die Augenränder verrieten, dass er seit geraumer Zeit nicht mehr geschlafen hatte. „Schwester Olivia, entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Was kann ich für Sie tun?“ Sein Blick wanderte durch sie hindurch.

„Der Zustand von Calvin Brown verschlechtert sich zunehmend. Weiterhin fiebert und erbricht er. Dabei krümmt er sich vor Bauchschmerzen. Ich bitte Sie, noch einmal ein Auge auf ihn zu werfen.“

Keine Reaktion.

Wütend funkelte sie ihn an, wartete auf eine Antwort. Sie stellte sich vor, wie sie ihn schüttelte oder ihm eine Ohrfeige gab, um ihm zu vermitteln, dass er ihr antworten solle.

Man sah förmlich, wie es in seinem Kopf ratterte. Nach gefühlter Unendlichkeit ein Nicken. „Bringen Sie ihn in den Untersuchungsraum II!“

„Aber, Dr. Bennett, ihm geht es wirklich schlecht und ich dachte, Sie kommen auf die Station, um …“

Er bremste sie mit einem barschen Ton. Dr. Bennett hob die Hand als Zeichen, dass sie nicht weiterreden brauche. Er verzog die Mundwinkel und gab ihr gereizt zu verstehen, dass er eine klare Anweisung gegeben und sie dieser Folge zu leisten hatte. Zornig drehte sie sich um, verließ ohne ein Wort das Zimmer und warf die Bürotür mit einem lauten Knall zu. Grollend lief sie den Flur zurück zur Station.

So ein verdammtes Arschloch. Soll er in der Hölle schmoren. Über ihre Gedanken erschrak sie, doch sie kochte vor Wut auf Dr. Bennett. Aufgebracht wischte sie die Tränen weg und atmete tief durch. Dann stampfte sie auf die Station zurück.

Sie begab sich direkt in das Zimmer von Calvin, legte ihn ins Bett und bereitete ihn für die Untersuchung vor. Als sie losgehen wollte, klingelte das Stationstelefon. Ein Anästhesist rief aus dem Aufwachraum an und teilte ihr mit, dass der achtjährige Julian aus dem OP abgeholt werden konnte. Der Anruf kam ihr sehr gelegen. Mit der Aufnahme und Überwachung eines frischoperierten Kindes brauchte sie Zeit. Sie legte keinen Wert darauf, noch einmal auf Dr. Bennett zu stoßen.

Olivia atmete erleichtert auf und unterwies die Praktikantin. „Bring den Patienten ins Untersuchungszimmer II! Danach kommst du umgehend zurück und hilfst mir bei der Versorgung von Julian. Richte dem gnädigen Herrn aus, er möge uns anrufen, wenn er mit den Untersuchungen fertig ist, dann holen wir Calvin wieder ab.“

Die Praktikantin überhörte den Groll in Olivias Stimme nicht.

Olivia half dem Mädchen, das Bett bis zum Flur rauszuschieben. Auch wenn Dr. Bennett sie enorm nervte, wusste sie, dass Calvin bei ihm in den besten Händen war.

Mit beiden Händen hielt die Praktikantin krampfhaft die Bettgitter am Kopfende fest, sodass die Fingerknöchel ganz weiß wurden. Sie wollte nicht irgendwo gegenfahren, um Calvin Brown nicht zu wecken. Ein freudiges Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sie den niedlichen Jungen betrachtete. Sie arbeitete seit vier Wochen auf der allgemeinen Kinderstation. Es machte ihr Spaß. Sie stellte sich vor, einmal im Cheslock anzufangen. Sie mochte Kinder. Sie hatte oft auf ihre Geschwister aufgepasst. Ein leises Glucksen unterbrach ihre Gedanken. Es ging Calvin zusehends schlechter.

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