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Teufelsberg

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich komme wieder,
ich erhole mich, ich weiß
nicht, wovon, vielleicht
war ich fremd, ich erkenne
wieder die weißen Blüten.

Godo Kumano

  

Der Tod, heißt es, mache die Menschen gleich. Das stimmt nicht. Er macht sie einzigartig. Der Lehm, aus dem Gott sie schuf, ist mehr als nur Schlamm. Manchmal verbergen sich Steine darin, Holzsplitter, Federn, die schillernden Hülsen toter Käfer. Sie verbergen sich in der Tiefe des Lehms, der nur an der Oberfläche glatt ist. Erst im Tod, wenn der Lehm zu rieseln beginnt, treten all diese Dinge hervor, und wir müssen erkennen, dass der Mensch, den wir zu Grabe tragen, ein Fremder war und sein Lehm nicht seine Wahrheit. Wir müssen erkennen, dass womöglich Gott selbst das Harte, Spitze und Zarte nicht spürte, als er damals seine Finger in den Klumpen drückte, dass sein Atem folglich auch das belebte, was er übersehen hatte. Ohne zu wissen, was er tat, beseelte Gott mit dem Lehm auch den Stein, ließ die Feder seufzen, den Käferflügel beben, den Splitter empfindsam werden. So schuf Gott einen Menschen, den keiner, den er selbst nicht kennt. In seiner Todesstunde rief Jesus den Vater an, warum er ihn verlassen habe, und wir können vermuten, dass Jesus nicht an der Folter, sondern an der Selbsterkenntnis starb, an jenem furchtbaren Moment, als er auf den Stein in seinem Lehm traf. Es heißt zwar, dass Selbstfindung uns erlöst – von den Schmerzen der Kindheit, der Schuld, dem Kummer. In Wirklichkeit hilft Selbsterfahrung nur denen, die den Sinn im Vorgeformten erfahren, im Lehm. Wer tiefer gräbt, begibt sich in Gefahr. Denn mörderisch ist nicht die Krankheit, sondern die Heilung. Mörderisch ist Gottes Ahnungslosigkeit, die uns allen in tiefster Seele steckt und auf die wir treffen, wenn wir uns finden.

Die Autobahnbraut

Am Montag, dem 17. Januar 2011, verlor Martins Frau den Verstand.

Er selbst erlebte das als Komödie, aus der die Komik entwichen war und nur eine entstellte Hülle zurückließ. Er wunderte sich, dass er in diesem Moment nichts für seine Frau empfand, aber am ganzen Körper zitterte.

Er stand in der Diele, die Zeitung in der Hand, und sah, wie sich Sylvia selbst schlug. Sie lag auf dem geölten Kirschparkett und schlug sich mit beiden Fäusten ins Gesicht. Aus dem Dachfenster fiel Licht auf die Szene. Er dachte an eine Zirkusnummer, in der ein Clown einem anderen eine Plastikfliege am Band ins Gesicht hielt, bis dieser sich Ohrfeigen gab, immer heftiger und schneller, und das Publikum immer lauter lachte. Auch Sylvia stieß Geräusche aus, die wie Lachen klangen, aber härter. Sie war Publikum und Clown zugleich, und es fehlte nur die Fliege, um das, was sie tat, zu erklären.

Martin ließ die Zeitung nicht fallen, er griff nicht nach Sylvias Händen und hielt sie nicht fest, er stand einfach da, in seinem Greatcoat. Er starrte in ihr entstelltes Gesicht mit den stumpfen, wirbelnden Haaren. Die Geräusche, die sie ausstieß, verwandelten sich in das Schreien einer gemarterten Katze. Zugleich klang das Schreien geil, aber nicht nach den Lauten, die Martin von seiner Frau oder überhaupt von einer Frau kannte.

Er schwitzte in seinem Mantel, die Achseln begannen zu jucken, und eine Sekunde lang überlegte er, zu gehen. Er sah auf den Türgriff, dann auf den Garderobenhaken. Ihm fiel auf, dass beide auf eine sterile Art glänzten. Er fragte sich, warum das Wesen auf dem Teppich, das sich hin- und herwälzte und dabei wie eine kubistisch verdrehte Figur Teile seiner Frau zur Schau stellte, ihn so entsetzte. Er erkannte die schwarze herabrutschende Hose und die Gesäßfalte, einen aufgerissenen Mund und rotbraune Haare, die sich in den Mundwinkeln verfangen hatten, als würde ein Bart aus dem Zahnfleisch wachsen, und er hasste sich für das, was er sah. Obwohl Martin Berger, der Patentanwalt, nicht zu philosophischen Ideen neigte, dachte er plötzlich in druckreifen Sätzen. Komik, Sex und Wahn, dachte er, sind einander so nah, weil sie alle drei zur Entmenschlichung führen. Die Komik macht den Menschen zur Maske, der Sex zum Tier, der Wahn zum Gespenst. Darum war seine wahnsinnige Frau komisch, darum klang ihr Wimmern so sexuell, darum fürchtete er sich.

Vor Martins innerem Auge stand ein Nebel aus Teer, schweres, schwarzes Geflimmer, das sinnlos in der Luft hing, bodenlos. Dort war seine Frau. Darüber schwebte eine glatte, dünne Scheibe, die eintönig glänzte, ähnlich wie der Türgriff und der Garderobenhaken. Dort war er.

Diese Scheibe, dachte er, ist alles, was uns Halt gibt. Wenn ich meiner Frau helfen möchte, darf ich mich nicht in die Tiefe begeben, ich muss an der Oberfläche bleiben.

Er räusperte sich, als wolle er an einem Rednerpult um Ruhe bitten. Dann sagte er zu seiner Frau: »Würdest du mir bitte aus der Zeitung vorlesen?«

Sylvia hatte ihm einmal erzählt, wie sie bei einem Konzert in der Philharmonie einen Klassenkameraden nach zwanzig Jahren wiedererkannt hatte – von hinten, an seinen Ohren. »Genauer gesagt, an der Sphäre seiner Ohren«, hatte sie hinzugefügt, und Martin hatte gelacht. Aber sie bestand darauf, an der Sphäre der Ohren nicht nur den Klassenkameraden erkannt zu haben, sondern auch seine Einsamkeit.

»Das funktionierte natürlich nur, weil ich in der Schule jahrelang hinter ihm gesessen hatte«, sagte sie. »Ich konnte an seinen Ohren sehen, ob er die Hausaufgaben vergessen hatte oder ob er sich langweilte. Einmal konnte ich erkennen, dass er unglücklich war.«

Martin lachte: »Solche Ohren gibt es nicht.« Er stellte sich pulsierende Knollen vor.

»Die Ohren waren nicht besonders«, sagte Sylvia. »Sie bewegten sich nicht und wurden nicht rot. Sie veränderten nur ihren Ausdruck.«

»Wie sollen Ohren etwas ausdrücken? Sie haben keine Mimik, da ist nur Knorpel mit Haut.«

»Sie kompensierten eben die fehlende Mimik durch ihren sphärischen Ausdruck.«

»Unsinn«, sagte Martin, »Ohren haben keine Sphäre, Gesichter haben Sphäre. Dein Gesicht hat eine Sphäre.«

»Gesichter haben nur eine Sphäre, wenn sie unbewegt sind. Wenn sie die Knorpelhaftigkeit der Ohren nachahmen.«

Sylvia zog eine fröhliche Grimasse. »Habe ich jetzt noch eine Sphäre? Wohl kaum, oder?«

»Und ob«, sagte er, obwohl er sich eingestand, dass ihre Grimasse die Sphäre tatsächlich zerstörte und dass dieser Moment ihn enttäuschte.

Als er sich den Satz mit der Zeitung sagen hörte, sah er an Sylvias Ohren, dass sie ihn verstand, und jetzt erst begriff er, was sie damals gemeint hatte. Die Ohren waren plötzlich eleganter als der Rest des Körpers. Sie erinnerten an restaurierte Teile einer verwitterten Skulptur, an die Sylvia, die er kannte und die ihm immer mehr weggebröckelt war. Noch immer lag sie am Boden und schlug sich, aber ihr Stöhnen war leiser geworden, und die Fäuste hatten sich leicht geöffnet.

Martin zog seinen Mantel aus und hängte ihn an den Haken.

»Ich kann die Sphäre deiner Ohren wahrnehmen«, flüsterte er. »Ich weiß, dass du wieder da bist.«

Sylvia wurde still.

»Komm, Sylvie«, sagte Martin. »Lies mir aus der Zeitung vor.«

Den Salon der Wohnung hatte Martin dunkelgrün streichen lassen, nach dem Vorbild des Queen’s College. Da der Salon nur ein schmales Fenster zum Hof hatte, wurde er auch am Tag nicht hell. Die Lampen bildeten Inseln aus Licht, an deren Strände die Dämmerung stieß.

Sylvia saß am großen Biedermeiertisch. Sie erinnerte Martin an ein Bild von Strozzi, ein Porträt der Heiligen Katharina kurz vor ihrer Hinrichtung. Die Verurteilte hatte den Kopf zur Seite sinken lassen und sah nach unten, die Augen waren gebrochen oder erfüllt, vielleicht beides.

Sylvia las vor, Martin hörte sie kaum.

»Etwas lauter bitte«, sagte er.

Sie brach in Schluchzen aus, fing sich wieder und las weiter, erst deutlich, dann wieder leise.

Martin hielt den Atem an, sein Herz klopfte.

»Lauter«, murmelte er flehentlich.

An Sylvias Nase, dort, wo der kleine Höcker war, hatte sich ein dunkelroter Fleck gebildet. Eine Weile erkannte Martin noch die Heilige Katharina mit jenem Blick aus sanftem Blei. Mit der Zeit wurden die Züge um Sylvias Augen gröber und fleischiger – eine Schwellung begann sich auszubreiten. Martin begriff nichts von dem, was Sylvia vorlas, nur manchmal nahm er einzelne Worte auf.

»Ich kann nicht mehr«, sagte Sylvia schließlich.

Sie stand auf und ging in die Küche, wohin er ihr nach einer Weile folgte. Sie warf eine Aspirin in ein Glas Wasser. Das Sprudeln der Tablette klang digital.

Martin schloss die Augen. Er war in einer Zwischenwelt gefangen, in der es keinen Ausdruck gab, nur Sachen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sylvia am Küchenfenster stehen, das geleerte Glas in der Hand. Das Tablettenpulver hatte eine stumpfe Schicht am Glasrand zurückgelassen.

»Ich bringe dich in die Cardea«, sagte er.

»Zu diesem Vosskamp?«, fragte sie.

»Ja. Er soll gut sein.«

Als alles erledigt war, begann es schon zu dämmern. Er fuhr den Berg hinunter, auf die Heerstraße. Die Laternen standen wie große Buchstaben an der Straße. Aus den drei Schornsteinen des Heizkraftwerkes in der Ferne kam pulsierender Rauch. Es hatte getaut, nur am Straßenrand lagen noch schwarze, poröse Schneeplatten. Martin dachte noch immer an den Moment, in dem er in druckreifen Sätzen gedacht hatte. Aber er konnte sich nicht mehr an den Inhalt erinnern, er war zu müde, um den losen Enden seiner Gedanken zu folgen, die irgendwo im Dunkeln hingen. Er öffnete das Fenster und ließ den kalten Fahrtwind herein.

Das Handy klingelte. Es war Sylvia.

»Geht es dir besser?«, fragte er und fuhr an den Rand.

»Wo bist du?«, wollte sie wissen.

»Alles in Ordnung, Sylvia?«

»Ja, ja, aber wo bist du?« Sie klang angespannt.

»Auf der Heerstraße. Ist das wichtig?«

»Warum bestimmst immer du, was wichtig ist?«, schrie Sylvia.

»Ich wollte dich doch nur beruhigen.«

Sie sagte nichts, er lauschte dem Rauschen im Äther, in dem irgendwo das Schweigen und die Wut seiner Frau verborgen und auf rätselhafte Art mit ihm verbunden waren.

»Sag doch was«, bat er.

»Das hat alles überhaupt keinen Zweck. Ich lege jetzt auf.«

»Nein, lege nicht auf. Nicht.«

Er hörte das Tuten im Hörer. Dann kam das Tuten von allen Seiten, und es dauerte einige Augenblicke, bis Martin merkte, dass er den Verkehr blockierte. Er fuhr los.

Tuten, hupen, dachte er. Tuten, hupen.

Die Straßen waren glatt, er rollte dahin und fand den Weg anhand des spezifischen Schwungs, den sein Auto nehmen musste. Als Kind hatte er Rennen veranstaltet, seine Murmeln waren Porsche. Zwischendurch kamen die Murmeln in Streichholzschachteln, die als Boxenstopps dienten. Martin reparierte die Autos, wechselte die Reifen, tankte, prüfte die Bremsen, sprach ein Wort mit dem Rennleiter. Als Martin älter wurde, fantasierte er nur noch das Tanken, nach einer Weile ließ er auch das weg. Seine Gedanken verwandelten sich, wurden undeutliche Gebilde, halb Wort, halb Gefühl. Sie ermüdeten ihn.

Der Himmel war schon den ganzen Tag bedeckt, nun setzte ein Graupelschauer ein. Winzige Eiskörner prasselten gegen die Windschutzscheibe. Martin bog in die Masurenallee, von dort auf den Messedamm. Das Kongresszentrum lag im Schatten des Funkturms, der grün in den Abendhimmel fluoreszierte. Die Farbe erinnerte Martin an den unglaublichen Hulk, jene Comicfigur, die sich nach einer Überdosis Gammastrahlen in ein muskelbepacktes Monster verwandelte. Am Messedamm musste Martin achtgeben, dass er nicht auf die Avus fuhr, sondern zur Halenseestraße. Er parkte vor dem Motel Avus. Er starrte auf die Leuchtschriften des Motelturms, dann schloss er einen Moment lang die Augen und senkte den Kopf aufs Lenkrad.

Als er ein Kind war, hatte der Vater ihn einmal mit nach Berlin genommen, auf einen Kongress. Sie übernachteten im Motel Avus, in einem der Turmzimmer. Früher war die Avus eine Rennstrecke, die hölzerne Zuschauertribüne gab es noch, aber sie war leer, an ihrer Rückwand prangten Graffitiwolken. Nachmittags wollte der Vater seinem Sohn Berlin zeigen, aber Martin wollte am Fenster stehen bleiben und auf die Avus und die Zuschauertribüne schauen, bis es dunkel wurde.

Er roch das warme Plastik des Lenkrads und spürte, wie es sich in seine Stirn drückte. Dann stieg er aus, richtete sich auf, und durch den kobaltblauen Vorbau betrat er das Motel.

Früher hatte Martin sich vorgestellt, dass der Übergang von der Treue zur Untreue ein dunkles Tor sei, das er durchschreiten und das ihn für immer zu einem anderen machen würde. Er glaubte immer noch, dass es diesen Übergang gab, aber er spürte ihn nicht mehr. Wie auf einem Rollband glitt er von der einen Welt in die andere hinüber und danach wieder zurück, zu Sylvia, in die große gemeinsame Wohnung.

In den letzten Jahren war die Wohnung immer stiller geworden. Wenn Martin nachts ins Bad ging, hallten seine Schritte im Dunkeln, und er konnte Sylvias Anwesenheit nicht spüren, obwohl er noch eben neben ihr gelegen hatte. Er dachte an Korsika, wie Sylvia nackt durchs Zimmer getanzt war; das war lange her. Ihr Körper leuchtete in der Frühe. Draußen fuhr der Wind durch die Pappeln, die harten Blätter klapperten. Aus den Wegen ragten graue Baumwurzeln. Die Zukunft war damals in die Gegenwart gerutscht, in einen einzigen Augenblick, der nach trockener Erde, Holz und Himmel duftete. Jetzt kam Martin die Zukunft vor wie eine schräge Auffahrt aus Beton. Irgendwo hörte sie auf, an einer harten Kante.

Sein Leben war inzwischen ein Gebäude mit Hallen, Gängen und Drehtüren, und seine Person war in Besucher zerteilt, die das Gebäude nutzten und durchquerten. Jeder Besucher hatte die gleichen Grundeigenschaften, er hieß Martin Berger und war ein Mann mit scheuen Augen, knöchriger Nase und dichten, graubraunen Haaren. In der einen Halle war der Besucher ein Ehemann, mochte England und alte Bücher. In einer weiteren Halle war er promovierter Patentanwalt. In der dritten Halle war er sportlich und spielte Tennis bei Rot-Weiß. Und so ging es immer weiter, bis Martin in eine Halle kam, in der er sich nicht mehr fand.

Dass er sich auch bei Jago nicht fand, war ihm egal. Sie trafen sich jede Woche. Er kannte ihren Nachnamen nicht, er wusste nicht, wo sie wohnte, und er war froh, dass sie ihn nicht fragte. Wenn er von ihr zurück nach Hause kam, war die Wohnung immer noch still, aber friedlich, als läge Schnee auf dem Parkett.

»Tataa!«, rief sie, schleuderte Jacke und Tasche neben das Bett und breitete die Arme aus. Sie trug ein gelbes Stretchkleid, das zu kurz war für die Jahreszeit. Jagoda war Anfang dreißig, halb Polin, halb Deutsche, mit einem geschiedenen Mann samt drei Kindern im Libanon, warum auch immer. Sie hatte ihre ohrlangen Haare orange-gelb gebleicht und ihre Wimpernspitzen rot geschminkt, sie hatte pralle Hüften, lange Beine und einen kleinen Hängebusen. Wenn sie lachte, zuckten die Brauen nach oben; am Anfang hatte Martin sich erschrocken, weil das Lachen wie tiefes Schluchzen klang.

Sie legte sich neben ihn und räkelte sich.

»Weißt du was?«, sagte er. »Wir tun es heute an einer Rennstrecke.«

»Echt?«

»Ja, hier führt die Avus vorbei. Die erste Rennstrecke Deutschlands. Drüben siehst du noch die Zuschauertribüne. Schau, da drüben.«

Er zeigte auf die Gardine, aber draußen war es fast dunkel geworden, und im Gegenlicht der Laternen sah man nur noch das Fensterkreuz.

»Geil«, sagte Jago. Sie zog das Kleid aus, fingerte zwischen ihren Beinen herum und brachte einen weißen Gummiring zum Vorschein. Sie reichte ihn Martin.

»Was ist das denn?«, fragte er.

»Ist mit Hormonen, bleibt in der Muschi, zur Verhütung. Ab heute.«

»Soll das heißen, du hast die ganze Zeit nicht verhütet?«

Jago kicherte.

»Meine Güte«, murmelte er.

Dann sagte er eine Weile lang nichts, auch Jago schwieg. Schließlich drückte er den Gummiring zusammen und fuhr mit dem Finger darauf entlang.

»Dein Hormonring ist auch so eine Art Avus. Hier liegen die Straßen nah beieinander, und hier oben, an der Nordkurve, wird der Ring wieder etwas breiter. Dann geht es schnurgerade bis Nikolassee.«

Er machte Motorengeräusche.

»Gib her«, sagte sie und öffnete die Beine.

Vorn auf ihrem Tanga erkannte Martin eine Mickymaus, einige schwarze Schamhaarstoppeln stießen von innen durch den Stoff. Jago schob den Tanga zur Seite und ließ den Ring zurückgleiten.

»Du hast jetzt die ganze Avus drin«, flüsterte Martin und rollte sich über sie.

Draußen vermischte sich das Rauschen des Graupelschauers mit dem Rauschen der Autos. Martin stellte sich vor, einen Torso zu bedienen, eine stimmbandlose Sklavin. Er dachte an Sylvia, und plötzlich hasste er seine Frau für ihre quietschenden Liebesgeräusche, für ihre ganze öde Meerschweinchenhaftigkeit und die Stofflampen, die sie ins Schlafzimmer stellte, er hasste ihren Vanillekörper und die wolligen rotbraunen Schamhaare, er hasste ihre Leidenschaft, weil sie nur als Wahnsinn ausgebrochen war. Er umkrallte Jagos Schultern und schnappte mit dem Mund nach ihren Brüsten, Hautfalten liefen strahlenförmig auf die Nippel zu, und Jagos Geruch, der Geruch nach Gummireifen, Limonade und nassen Katzen, war so fremd, dass sein Herz schmerzte. Auf einmal war Jago eine Straße, er raste auf ihr entlang, mit einer Geschwindigkeit, die ihn aufschreien ließ, er hatte kein Zentrum, keinen Kern, alles war eine gerade Strecke, und als er gegen etwas Weiches aufschlug, sah er den glatten, nassen Asphalt ihrer Augen.

Es waren Jagos Augen, die ihn an alles erinnerten und lähmten. Er hatte das Gefühl, dass Sylvias Krankheit nicht nur in ihr war, sondern auch um sie herum, ein Schwarm, der ihn verfolgte und von dem etwas auf ihn übersprang. Ihm fiel ein, wann alles begonnen hatte. Im Sommer, morgens.

Sylvia sagte: »Ich weiß, dass die Wände keine Kulissen sind, aber es fühlt sich so an. Und es ist seltsam, dass alle Augen haben.«

»Was?«

Martin sah von der Zeitung auf. Sylvia hatte ihren Teil, das Feuilleton, nicht angerührt. Wie so oft überkam ihn die Frage, ob Sylvia eine andere war, während er Zeitung las. Die Sylvia, die er kannte, sprach zu Fremden mit hoher Stimme und las seine englischen Lieblingsromane. Alle paar Monate legte sie sich ins Bett und guckte tagelang Serien auf DVD. In der verkrümmten Position, ein Kissenstapel im Rücken, verspannte sich ihr Rücken. Dann ließ sie sich Massagen verschreiben, schließlich ging sie wieder zur Arbeit. Sie arbeitete bei Street Spirit, einem Projekt der evangelischen Kirche. Diese Sylvia kannte Martin. Aber die andere Sylvia, die hinter seiner Zeitung, wurde immer stiller, je mehr er versuchte, etwas von ihr mit den Ohren einzufangen. Er hörte kein Rascheln, nicht mal ein Atmen. Dass sie ihn plötzlich ansprach, durch die graue Masse der Zeilen, überraschte ihn.

»Ich weiß natürlich, dass alle Säugetiere Augen haben«, sagte sie, »und Menschen auch. Sie zählen ja zu den Säugetieren. Also haben sie Augen, logisch. Aber es kommt mir so seltsam vor.«

»Was, Sylvie?« Martin ließ die Zeitung sinken.

»Die Tatsache, dass sie Augen haben. Und mit diesen Augen auf mich zugehen.«

Während Sylvia sprach, stand sie auf und räumte den Küchentisch ab, fegte die Krümel in die hohle Hand. Ihre Handgriffe waren flink wie immer. Martin glaubte zuerst, dass sie scherzte. Als sie aufsah, merkte er, dass ihr Kinn bebte und kleine knittrige Krater bekam.

»Auch auf den Werbeplakaten und in den Zeitschriften. Überall diese Augen. – Ich weiß natürlich, dass Augen etwas ganz Normales sind«, fügte sie rasch hinzu.

Sie warf die Krümel aus dem geöffneten Fenster. Sie tat das immer, für die Vögel.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte Martin. »Worauf willst du hinaus?«

»Es liegt weniger an den Augen selbst. Es ist eher der Ausdruck, der ist so fremd, so heuschreckenartig. Ich weiß natürlich, dass die Leute keine Heuschrecken sind. Aber sie sehen so aus.«

»Du siehst Heuschrecken? Was soll denn das heißen?«

»Nein«, rief Sylvia, »die Leute sehen nicht aus wie Heuschrecken. Sie sehen nur so aus, als wären sie welche.«

Martin musterte seine Frau. Sie hatte etwas von einem Rennpferd. Auch wenn ihr Körper träge war – in ihrem Gesicht war immer etwas am Tänzeln. Ihre rotbraunen Haare ließen ihn an freiliegende Nervenstränge denken.

»Und diese Augen starren mich immerzu an«, sagte sie, »die ganze Zeit, überall.«

Sie sank zurück auf den Stuhl und betrachtete ihre zitternden Hände. Martin griff danach. Er schwieg. Er dachte, dass er sich für immer an den Krümel zwischen Sylvias Fingern, der leicht in seine Handfläche drückte, erinnern würde.

»Bei uns im Büro hängen diese Plakate«, flüsterte sie. »Behinderte Menschen, alte Menschen, schwarze Menschen, Menschen mit Schläuchen in der Nase. Und alle starren mich an, von den Plakaten. Alle sind wirklicher als die Leute in der Wirklichkeit. Die Leute in der Wirklichkeit sind nur noch Heuschrecken.«

Martin blickte auf die Zeitung, auf die Worte. Einige Buchstaben verschwanden im winzigen Schatten einer Papierfalte.

»Sylvie, sei doch nicht verrückt.«

Sylvias Wange zuckte rhythmisch. »Okay«, schrie sie, »dann bin ich wohl verrückt!«

Martin senkte den Blick. Langsam begann er die Zeitung zu glätten, um die Buchstaben aus den Schatten zu befreien.

In den folgenden Monaten sprachen sie nicht mehr darüber, und er glaubte, dass alles wieder gut sei.

Draußen war es dunkel geworden. Jagos Augen glänzten, er lag auf ihr, er starrte in ihr Gesicht.

»Was hast du?«, fragte sie.

Sie zog ihn an sich und verschränkte die Beine über seinem Rücken, trommelte mit den Fersen sanft auf ihn ein. Währenddessen angelte sie mit der Hand nach ihrer Tasche neben dem Bett und kramte nach Zigaretten. Dabei sang sie irgendwas Arabisches, es klang wie »Yalla, Yalla!«. Sie zündete ihre Zigarette an.

»Früher hab ich mehr geraucht. Am liebsten Mentholzigaretten. Und dazu Gummibärchen gegessen. Als ich noch klein war.« Sie lachte ihr tiefes, schluchzendes Lachen. »Alles okay, Baby?«

»Ja, ja, klar«, murmelte Martin.

»He, guck mal!«, rief sie. Sie blies den Rauch aus und verschluckte sich, hustete.

»Früher konnte ich mal Ringe pusten«, sagte sie. »Rauchringe, weißt du.«

»Hm.« Martin machte sich los und rollte zur Seite.

»Ich will mir die Haare wieder schwarz färben«, sagte sie. »Pechschwarz, sieht edel aus, macht eine Lady aus mir. Letztes Mal war meine Stirn danach schwarz, und da war dieser Typ auf dem Amt, der sagte, Ihre Stirn ist schwarz, und ich hab gesagt, so schwarz wie meine Muschi, und der hat weiter in den Rechner getippt, und ich hab ihm gesagt, dass er cool ist. Ich muss den Leuten immer was Nettes sagen, weißt du.«

Sie saugte an ihrer Zigarette.

»Du bist auch cool«, fuhr sie fort, »und nett. Irgendwie fein, aber nicht so ein Poser, weißt du. Ein guter Typ. Ein Gentleman. Und trotzdem ein super Hengst. Einfach cool.«

Sie bewegte rhythmisch ihr Becken.

»Meine kleine Jagoda«, sagte Martin. Er lächelte. »Du hast das Talent, Komplimente zu machen.«

»Echt? Ich labere doch nur rum.«

»Dein Akzent klingt, als hättest du die Fähigkeit zu loben irgendwo in der Ferne erworben, dort, wo es keine Gebildeten gibt, sondern noch Gurus.« Er streichelte ihr Gesicht.

Jago nahm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie im Aschenbecher auf dem Nachttisch aus, ohne hinzusehen. Die hohen Brauen verliehen ihrem Gesicht etwas Ratloses.

»So was hat mir noch keiner gesagt.«

Sie kramte ihr Handy aus der Tasche. »Lach mal!«, rief sie, drückte auf den Fotoauslöser und zeigte Martin das Bild, ohne es selbst betrachtet zu haben. Es zeigte ihn mit rotem Gesicht und nacktem Oberkörper.

»Nicht sehr schmeichelhaft. Lösche das bitte.«

»Ich finde es schön«, sagte sie.

»Lösche es trotzdem.«

Sie kicherte, er griff in ihr kurzes Haar.

»Wie bist du eigentlich hergekommen?«

»Zu Fuß«, sagte sie.

»Bei dem Wetter? In dem Kleidchen?«

»Ja. Erst mit der S-Bahn, dann den Messedamm runter. War nicht weit.«

»Wir hätten uns doch woanders treffen können.«

Jago zuckte mit den Schultern. Martin streichelte ihre Brust, schüttelte sie sanft.

Jago hustete wieder und fragte: »Können wir noch ein bisschen fahren?«

Er drehte mit ihr eine Runde um die Stadt. Sie fuhren nach Kladow und näherten sich irgendwann wieder Berlin. Sie sprachen nicht, nur manchmal griff Jago nach Martins Hand.

Der Schneematsch zischte unter den Reifen der Autos. Unter dem Brummen des Motors und dem Klacken des Scheibenwischers lag Stille, ein Flussbett aus versandeten Worten.

Jago hatte die Beine angezogen und die Füße auf die Ablage gestellt. Ihre Augen verfolgten die Lichter des Gegenverkehrs.

»Du machst mich glücklich«, sagte sie.

»Aber ich bin doch verheiratet und außerdem viel zu alt für dich«, entgegnete Martin.

»Trotzdem machst du mich glücklich.«

»Ich fahre doch bloß auf der Autobahn.«

Zwischen ihnen war jetzt ein Haufen knotiger Luft.

»Ich will für dich da sein«, flüsterte Jago.

Martin sagte nichts und trat fester aufs Gas. Eine stumpfe Dunkelheit bedeckte die Landschaft, die zerfasert zwischen den Orten lag.

Du stinkst, Jagoda, dachte er, du bist billig.

Er schämte sich sofort für diesen Gedanken. Sie sah ihn mit hellen Augen an und strich leicht mit dem Finger über sein Handgelenk.

»Willst du noch mal?«, fragte sie.

Er fuhr mit seiner Hand zwischen ihre Beine, und am alten Kontrollpunkt Dreilinden bog er ab.

»Da vorne?«, fragte er.

Sie nickte.

Die Raststätte des ehemaligen Grenzübergangs rottete seit Jahren vor sich hin. Das rote, zylinderförmige Gebäude mit der Aufschrift »Dreilinden« und seinen verstaubten Fensterfronten war leer. Der Asphalt auf dem Parkplatz war geplatzt, über die fahl beleuchtete Fläche zog sich ein schwarzes Adernetz. Von hinten war der Wald ins Gelände gekrochen, zwischen den Säulen der Abfertigungshalle wucherten kleine Bäume und streckten ihre kahlen Äste aus.

Martin fuhr den Sitz zurück, Jago kletterte auf seinen Schoß und presste den Kopf an seine Schulter. Sie begann zu weinen.

»Was hast du denn?«, fragte er.

»Ich bin nicht so, wie du denkst.«

»Aber ich denke doch gar nicht schlecht von dir«, sagte Martin.

»Doch.«

Er sah aus dem Fenster.

»Ich blas dir einen«, flüsterte sie.

»Nein, lass nur, lass«, sagte er und schob sie sanft von sich runter.

Auf der Rückfahrt strahlten die Autobahnschilder viel zu blau in der Dunkelheit. Überall in Martins Gedanken zogen und ziepten kleine Haken. Das Licht der Laternen fiel auf Jagos Gesicht. Unter den Augen klebten Maskarakrümel. Auf der Stirn erkannte er die vernarbten Krater aufgekratzter Pickel. Dann war das Licht wieder weg.

»Weißt du, warum ich Autobahnen mag?«, fragte Jago.

»Nein.« Er war in Müdigkeit gewickelt wie in nasse Pappe.

»Auf der Autobahn kann mich das Böse nicht finden«, flüsterte sie. »Nur das Gute. Weil die Autos schneller sind als das Böse. Das Gute kommt schnell, das Böse kommt langsam.«

»Hm.«

»Ich will immer mit dir fahren«, sagte sie, »damit das Gute auch zu dir kommt.«

»Wo kann ich dich denn hinbringen?« Er musste gähnen und presste die Faust vor den Mund.

»Einfach zur nächsten S-Bahn.« Ihre Stimme war rau.

»Aber ich bringe dich, wohin du willst.«

»Zur S-Bahn.« Sie drehte den Kopf weg.

»Na gut.«

Sie sprachen nicht mehr, er nahm die nächste Abfahrt und setzte Jago am S-Bahnhof Witzleben ab, dort, wo die Neue Kantstraße über die Stadtautobahn und die Schienen führte. Der Zugang zur S-Bahn, ein Walmdachhäuschen mit drei hohen, grauen Türen, stieß an die Brücke. Es war spät, eine der letzten Bahnen näherte sich aus der Ferne. Jago brauchte Geld für die Fahrt. Martin gab ihr einen Fünfzig-Euro-Schein. Er passte auf, dass sie im Deckenlicht des Autos die glänzenden Eurostücke in seinem Portemonnaie nicht sah. Ihr Abschiedskuss war trocken, er spürte raue Hautfetzen, die sich von ihren Lippen schälten. Er blieb im Auto sitzen und sah zu, wie das dünne gelbe Kleid um Jagos schlanke Beine wehte, bevor sie im Bahnhof verschwand.

In den ersten drei Tagen durfte Sylvia keinen Besuch bekommen. Darum fuhr Martin erst am Freitag wieder zu ihr auf den Teufelsberg. Es waren eigentlich zwei Berge, aufgeschüttet aus den Trümmern des letzten Weltkrieges und dann begrünt und bewaldet. Inzwischen war der größere Berg wieder abrasiert worden, was ihn schmächtiger erscheinen ließ. Statt Wald erstreckte sich jetzt zur Stadt hin ein weit angelegter Park über die Hänge. Oben, auf der abgeflachten Kuppe, wo früher eine US-amerikanische Radarstation gestanden hatte, thronte nun die Cardea-Klinik. Die Cardea-Kette wurde vom Klinikkonzern Primal Prevention betrieben, einem deutschen Tochterunternehmen der US-amerikanischen Continental-Health-Company. Nach langen Verhandlungen hatte der Berliner Senat dem privat geführten Krankenhaus den Versorgungsauftrag für den Stadtbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf erteilt.

Das Gebäude hatte der vielfach preisgekrönte englische Architekt Sir Roger Rutherford-Hemmings entworfen, bekannt für schlichte Extravaganz. Meistens kombinierte er in seinen Gebäuden weißen Beton und grauen Stahl mit eigenwillig geformten Glaselementen. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um einen in der Verarbeitungsphase stark formbaren Kunststoff, der leicht und stabil, kratzfest und selbstreinigend war. Martins Kanzlei vertrat die in Berlin ansässige Firma Lightwatch, die dieses Produkt namens Glasolex entwickelt hatte und herstellte.

Die Cardea war ein fünfstöckiger, achteckiger Würfel, der zu schäumen schien – die Glasolexfenster waren groß und rund und wölbten sich als schimmernde Halbkugeln nach außen. Auch das gläserne Dach bestand aus Halbkugeln, zwischen denen zwei Kuppeltürme emporragten, eine Reminiszenz an die alten Radartürme der Spionagestation, die lange die Stadtsilhouette bestimmt hatten. Die Türme gaben dem Gebäude das Aussehen einer futuristischen Moschee. Der Berliner Architekturverein hatte Rutherford-Hemmings für diesen Entwurf den hoch dotierten Hauptstadtpreis verliehen, aber die Berliner, die aus dem Teufelsberg den »Monte Klamotte« gemacht hatten, aus der Siegessäule eine »Goldelse«, aus der Kongresshalle eine »schwangere Auster« und aus dem Kanzleramt eine »Waschmaschine«, machten sich nichts daraus und nannten die Cardea »Seifenblase«.

Das Nebengebäude, die psychiatrische Privatklinik, war noch nicht fertig, ein gelber Baukran ragte in den Himmel. Auch am Pförtnerhäuschen am Fuße des Berges wurde noch gebaut, der Pförtner saß in einem blauen Container, hinter einer Scheibe aus Plexiglas, in die Berliner Graffiti-Writer ihre Zeichen gekratzt hatten.

Per Knopfdruck öffnete der Pförtner das Tor zum Klinikpark, die Flügel glitten seitwärts ins Gebüsch, die blank geriebenen Spitzen einiger Äste klackten zwischen den Gitterstäben. Martin dankte mit einem Wink und bog von der Teufelsseechaussee in die Anton-Delbrück-Straße ein, die durch den Park bergauf führte. Unten der Grunewald war schneebefleckt, und der Park war von den Erdhaufen der Gartenbaufirma durchsetzt wie von riesigen Maulwurfshügeln.

Seit Montag war es etwas wärmer geworden. Der Himmel war voller Kumuluswolken, sie sogen das Abendlicht auf. Langsam schloss sich das Tor hinter Martin. Als er weiter bergauf fuhr, spuckten die Büsche vor ihm kleine, braune Vögel aus.

Martin hatte die Cardea vor einigen Monaten besichtigt, an einem Sonntag im August, kurz nach der Inbetriebnahme, als der Berliner Architekturverein eine Führung für die eigenen Mitglieder und für die Firma Lightwatch organisierte. Weil Lightwatch Martins wichtigster Klient war, musste er hin. Es war so heiß, dass er nach dem kurzen Weg von seinem Büro zum Auto verschwitzt war. Auf dem Parkplatz der Klinik wechselte er sein Hemd, aber als er die Cardea erreichte, klebte der Stoff wieder an der Haut. Im Grundriss des Gebäudes hatte man ein tortenförmiges Segment ausgelassen und überdacht. Diese Vorhalle führte als Trichter in das Gebäude hinein, in den achteckigen Innenhof. Dort traf sich die Gruppe. Ein Mann aus dem Vorstand des Berliner Architekturvereins hielt den Vortrag.

Obwohl das Gebäude klimatisiert war, hatten die Frauen rote Gesichter und fächelten sich mit den Werbebroschüren der Klinik Luft zu, sie rochen nach Deo und Selbstbräuner. Die Männer fuhren sich mit Taschentüchern durchs Gesicht. Sonst bewegte sich keiner. Nur eine junge Frau scherte aus und drehte sich um die transparenten Säulen in der Halle, dabei lachte sie Martin an. Sie hatte ihre gebleichten Haare verwuschelt wie Campino, sie trug ein kurzes rosafarbenes Empirekleid und Sneakers, sie war mädchenhaft und burschikos, keine klassische Schönheit wie Sylvia, aber mit katzenhaft breitem Gesicht. Als er sie sah, dachte Martin: Mein Leben muss sich ändern.

»Was ist das für eine?«, fragte er den Gruppenleiter.

Der grinste: »Die ist ganz locker. Das ist unsere Jago.«

Die Halle war fünf Etagen hoch. Die Säulen der Halle aus Glasolex verbreiterten sich oben zu Kegeln, die in aneinanderstoßende Halbkugeln mündeten und auf diese Weise das Dach bildeten.

»Eine Reminiszenz an Frank Lloyd Wright«, sagte der Gruppenleiter, »an das Johnson Wax Building.«

Die Gruppe sah nach oben. Aber Martin betrachtete Jagos Busen, der leicht über dem Brustband des Empirekleides hing. Jago trug keinen BH. Martin überlegte, ob sie eine Sekretärin beim Architekturverein oder eine Fabrikarbeiterin bei Lightwatch war, Letzteres erschien ihm wahrscheinlicher. Er war noch nie in einer Fabrik gewesen.

Der Gruppenleiter zeigte auf die kreisrunden Fenster der Behandlungs- und Patientenzimmer, die zum Innenhof wiesen.

»Die Anordnung der Stationsflure an den Seiten der Halle soll an den Kreuzgang eines Klosters erinnern und vermittelt die Stimmung von Einkehr und Erkenntnis in die Moderne. Der Grundriss von Vorhalle und Innenhof hat übrigens die Form eines Schlüssellochs.«

Als sie in den Fahrstuhl am Kopf der Halle stiegen, stellte sich Martin neben Jago, sie rückte nicht ab, ihre Hüfte war hoch und warm. Er spürte, wie der Stoff ihres Kleides ein Stück nach oben rutschte und an ihrer schweißnassen Haut hängen blieb, und er war weniger erregt als traurig, er wusste selbst nicht, worüber. Die Fahrstuhltür öffnete sich jeweils zum Aufenthaltsraum, der zwischen zwei Stationsfluren lag und einen spektakulären Blick in die Landschaft bot. Während sie mit der Gruppe durchs Gebäude wanderten, blieb Jago in Martins Nähe, als hätte die kurze Berührung im Fahrstuhl sie an ihn gebunden.

Ganz oben war der Aufenthaltsraum zwischen den Stationen kleiner als in den unteren Stockwerken, denn nach hinten hin waren ein Fitnessraum und ein Raucherzimmer abgeteilt. Deswegen hatte der Raum keine Fenster, aber dafür ein imposantes Dach aus Glasolexkuppeln, die von Neonröhren umrandet waren. Die Patienten hätten den Himmel sehen können, aber sie saßen in ihren bunten Kunststoffsesseln und starrten geradeaus auf die Fahrstuhltüren. Eine Alte mit Bartstoppeln machte Mümmelbewegungen mit dem Mund, eine Vietnamesin starrte mit leeren Augen vor sich hin, und ein junges Mädchen mit griechischer Nase sang unvermittelt los.

»Dies ist der Kapitelsaal«, sagte der Gruppenführer. »Nicht zufällig liegt die psychiatrische Abteilung im obersten Stockwerk – zum Zeichen dafür, wie nah sich das Seelische und das Spirituelle doch sind. Sie sehen, wie durch die Anordnung der Dachfenster und durch das Lichtdesign der Eindruck eines transparenten Gewölbes entsteht. Eine Synthese aus Expressionismus und Romanik, mit einem Schuss ›Odyssee 2001‹. Wohl selten war sich die Jury des Berliner Architekturvereins so einig über ihren Preisträger wie in diesem Jahr. Und damit sind wir am Ende unserer Führung.«

Die Gruppe klatschte. Einige warfen verlegene Blicke auf die verrückten Patienten in den Sesseln, die weiterhin auf die Fahrstuhltüren starrten. Martin wurde noch trauriger. Jago, das sah er, war erloschen, sie war ein brandgeschatzter Wald. Übrig geblieben war etwas Kindliches. Doch die Freiheit zuckte in ihrem Gesicht und rumpelte in ihrem Lachen, und Martin wollte sie haben, er wollte davon etwas haben.

Sie folgte ihm durchs Treppenhaus nach unten, ohne dass er sie aufgefordert hätte. Er nahm sie auf dem Parkplatz der Cardea, im Auto. Hinterher fühlte er sich getröstet, auch wenn er nicht wusste, wofür. Während sie rauchte, dachte er: Bin ich ein Brandstifter, wenn es den Wald, den ich anzünde, gar nicht mehr gibt?

Als Martin fünf Monate später wieder aus dem Fahrstuhl in den Aufenthaltsraum der fünften Etage trat, starrten ihn die Patienten in den bunten Kunststoffsesseln an wie damals. Einige glaubte er wiederzuerkennen. Inzwischen wusste er, dass die Station zweigeteilt war in die 5A für Privatpatienten und die geschlossene 5B für Kassen- und Akutpatienten. Auf der Station der Kassenpatienten hatten die Zimmer vier Betten, aber auf der Privatstation gab es großzügige Ein- und Zweibettzimmer mit Flachbildfernsehern, und die Patienten hatten Zugang zum Wintergarten im Nordturm. Den Kassenpatienten stand nur der fensterlose Raum vor den Fahrstühlen zur Verfügung. Durch die Glastür des Raucherzimmers drang senfgelbes Licht. Die Patienten rührten sich kaum, die Luft schien an ihnen hängen zu bleiben. Auch die Frau mit dem verrutschten Kopftuch hatte den Stillstand in ihrem Körper gespeichert, obwohl sie plötzlich auf Martin zustürmte.

»Vater!«, schrie sie und warf sich auf ihn. Sie roch nach Schweiß, vorn aus dem Kopftuch hingen strähnige Haare. »Vater! Vater!«

Sie packte Martins Hände und bedeckte sie mit Küssen. Dann sah sie auf. Ihr Gesicht zeigte keine Mimik, es war zu verquollen.

Am Tresen erhob sich ein hübsches Mädchen mit kurzen Haaren und eilte herbei, es war die Praktikantin, Jennifer, sie hatte fast immer Empfangsdienst. Sie trug geflochtene bunte Bändchen um die Handgelenke.

»Lassen Sie das, Frau Baran«, sagte sie und zog die jammernde Frau am Arm. »Oder wollen Sie wieder auf die Station?«

Sie wies auf die Panzerglastür der 5B. Dahinter erstreckte sich ein Flur in der Farbe gefrorener Magermilch. Wer reinwollte, musste klingeln, wer rauswollte, musste die Ärzte fragen. Dann drückte die Stationswache auf einen Knopf, und während es schrill zu piepen begann, öffnete sich die Tür. Jetzt blieb sie zu, von innen presste ein Mann seinen Körper gegen das Glas. Der Saum seiner Hose war ausgefranst, er trug keine Strümpfe in seinen braunen Lederschuhen.

»Tut mir leid, Herr Dr. Berger«, wandte sich die Praktikantin an Martin. »So macht das Frau Baran mit jedem älteren Herrn.«

»Schon vergessen«, sagte er.

Die Praktikantin führte Frau Baran an einen der Tische und drückte sie auf den Stuhl. Frau Barans Beine, umhüllt von einem auberginefarbenen Mantelkleid, quollen seitwärts über die Sitzfläche, und sie streckte die Hände nach Martin aus.

»Das Stationsessen hat schon angefangen«, sagte die Praktikantin zu ihm. »Sie kennen den Weg? Aber schließen Sie bitte die Tür, sonst folgt Ihnen wieder jemand. Die Kassen wollen ja dauernd in den Wintergarten.«

»Die Kassen?«, fragte Martin.

»Die Kassenpatienten.«

Der Flur der 5A war, wie auch der Aufenthaltsraum, von Glasolexkuppeln überwölbt, Martin sah über sich die ersten Sterne zwischen den Wolken. Der Fußboden war nicht weiß wie auf der 5B, sondern aus einem glänzenden, kadmiumgelben Epoxidharz, vor dem die glatt geschliffenen Betonwände weniger nackt als edel wirkten. Den Wintergarten im Nordturm erreichte Martin über eine kleine Treppe. Der Raum bestand fast nur aus runden Fenstern. Von hier aus konnten die Privatpatienten sowohl den Sonnenuntergang über der Havel betrachten als auch die Lichter der Stadt, dazwischen die bewaldete Nacht. Das entspiegelte Material dehnte den Raum ins Dunkle aus. Ein paar Fledermäuse flogen draußen vorbei wie verbrennende Zigarettenpapiere. Irgendwo ging der Dunst über der Stadt in ein Wolkengemenge über. Hin und wieder löste sich ein Wolkenfetzen, trieb nach oben und verschwand. Der Wintergarten lag in einem metallischen Licht. Auf die Palmen in ihren braunen Hydrokulturtöpfen richteten sich die Strahlen kleiner Halogenleuchter.

Von den Patienten blickte keiner nach draußen. Alle, drei Männer und vier Frauen, sahen nur auf ihre Teller und die Tassen, aus denen die Schilder von Teebeuteln hingen. In der Mitte des Tisches stand eine Schüssel mit rotem Heringssalat, eine Wurst- und eine Käseplatte und ein Teller mit heißen Würstchen. Dazwischen lagen zwei Packungen Tütenbrot und einige kleine grüne Äpfel, über allem hing der Geruch von Hagebuttentee, und irgendjemand stank nach Nikotin. Außer den leisen Kaugeräuschen und dem Gleiten der Buttermesser auf den Brotscheiben war nichts zu hören. Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren starrte Martin an, ihr Blick unter dem dicken Pony war zornig.

»Du Schwein«, sagte das Mädchen.

Keiner reagierte. Das Mädchen aß weiter, als hätte sie selbst nichts gehört. Ihre Arme waren voll halb verheilter Schnittwunden. Neben dem Mädchen saß Sylvia, auch sie ignorierte die Beschimpfung.

Draußen trieb der Mond mit seinem fleckigen Segel durch die Nacht.

»Sylvia?«, fragte Martin, und alle sahen gleichzeitig auf.

»Hallo Martin«, sagte Sylvia. »Willkommen in der ersten Klasse.«

Nach dem Essen, auf dem Weg in Sylvias Zimmer, lief ihnen ein kleiner alter Mann hinterher.

»Hallo?«, rief er, »hallo?«

Sie blieben stehen.

»Friedrich«, sagte Sylvia mit ihrer lieben, hohen Stimme, »soll ich dich auf dein Zimmer bringen?«

Der alte Mann entgegnete nichts, trat auf Martin zu, und plötzlich holte er aus und schlug zu. Es war kein fester Schlag, die zittrige Faust rutschte an Martins Nase ab und streifte die Wange, aber Martin schrie kurz auf.

»O Gott«, rief Sylvia, »tut es weh?«

»Gar nicht«, sagte Martin.

Die Schwester, die sofort angelaufen kam, schimpfte sanft mit dem Alten und streichelte ihn zugleich.

»Ich verstehe das nicht«, sagte sie zu Martin. »Das hat er noch nie gemacht. Das passt gar nicht zu ihm. Kommt aber manchmal vor bei Alzheimer. Bitte entschuldigen Sie.«

»Schon gut.«

Als sie in Sylvias Zimmer standen, zwischen schlanken Möbeln mit Furnieren aus dunkler Räuchereiche, sah das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren kurz herein.

»Schwein«, sagte sie noch einmal zu Martin. Dann schloss sie die Tür mit einem Knall.

»Meine neue Zimmergenossin«, sagte Sylvia.

»Reizend«, entgegnete Martin.

»Nimm es ihr nicht übel. Sie war gerade ein paar Tage auf der B. Du weißt schon, auf der Geschlossenen.«

Sylvia setzte sich aufs Bett, auf die gelbgestreifte Decke mit dem Logo der Cardea, ein Schlüsselloch, das ein Kranz umrankte. Martin ließ sich in den Ledersessel fallen.

»Wie soll das weitergehen?«, fragte er.

»Bis Vosskamp sagt, dass es besser wird.«

»Ihr beide führt lange Gespräche?«, fragte Martin.

»Nein, wieso?«

»Ich habe mir eine Zwischenrechnung schicken lassen. Da wird jeden Tag eine halbe Stunde Gespräch aufgeführt. Zum dreikommafünffachen Satz, wegen besonderer Schwere des Falls.«

»Quatsch, wir haben uns erst einmal gesehen«, sagte Sylvia. »In der Chefarztvisite, für drei, vier Minuten.«

»Da steht aber jeden Tag«, sagte Martin. »Jeden Tag eine halbe Stunde.«

»Die rechnen das eben so ab.«

»Das ist ja Betrug.«

»Gönne mir das doch«, sagte Sylvia.

»Ich soll dir was gönnen, was du gar nicht kriegst?«

»Ich kriege doch was, bloß anders, als es auf der Rechnung steht.«

»Dann müssen die das auch anders abrechnen«, sagte Martin. »Und warum zum dreikommafünffachen Satz? Was ist denn so schwer an deinem Fall? Normalerweise wird doch bei Privatpatienten nur zum zweikommadreifachen Satz abgerechnet.«

»Ist doch egal, solange er mir hilft.«

»Offenbar weiß dein Vosskamp, wie man an Geld kommt. Bis jetzt ist er ja nur Chefarzt der psychiatrischen Station der Cardea. Aber wie man hört, soll er Chef der Privatklinik werden. Da verdient er sich dumm und dämlich.«

»Warum bist du so gemein?«

»Ach, Sylvie.«

Er wollte ihre Hand nehmen, aber sie faltete die Finger ineinander und drückte sie, bis sie weiß wurden.

»Du musst mir das mit den Heuschrecken erklären«, sagte sie.

Ihre Wange begann zu zucken. Martin spürte sein Herz, wie es klopfte, und den Mund, aus dem irgendwas die Feuchtigkeit saugte.

»Ich tue alles für dich«, sagte er. »Aber ich fürchte, das kann ich nicht.«

»Die Heuschrecken haben was mit dir zu tun. Du musst mir endlich den richtigen Standpunkt erklären.«

»Welchen Standpunkt? Wovon redest du?«

»Okay, es gibt keinen Standpunkt«, schrie Sylvia und schlug sich mit beiden Fäusten ins Gesicht, auf die Stirn, die Augen, die Wangen. »Es gibt keinen Standpunkt, es gibt keinen Standpunkt!«

Martin drückte den Notrufknopf.

Später verließ er die Station über die Hintertreppe am Ende des Flures, er wollte Frau Baran nicht mehr begegnen. Bevor er das Treppenhaus betrat, streifte sein Blick das große Bild, das an langen Drahtseilen zwischen zwei Halogenleuchten hing. Das Bild stammte vom Ostberliner Maler Horst Vierer. Es war eine Mischung aus sozialistischem Realismus und Miró, es zeigte bunte Strichmännchen, die durch mehrere Ebenen nach oben kletterten. Die untere Ebene stellte ein Krankenzimmer dar, die obere eine Blumenwiese mit Wölkchenhimmel und Sonne. Offenbar, dachte Martin, glaubte der Maler an Trost.

Während er die Treppe hinunterstieg, wurde ihm schwindelig. Er schloss die Augen und hielt sich am Geländer fest, dann ließ er sich auf die Stufen sinken. Er spürte Schweiß auf der Stirn und am Hals. Erst nach einer Weile stand er wieder auf. Unten angekommen, durchquerte er im Laufschritt die Halle mit ihren bunten Sesseln für Wartende. Auf den Couchtischen standen Schalen mit weißen Steinen und Bambusrohren, der Springbrunnen in der Mitte plätscherte, das Geräusch klang sinnlos. Eine große automatische Drehtür führte nach draußen in den trichterförmigen Vorhof. Bevor Martin in ihren Kreis trat, wandte er sich noch einmal um.

»Herzlich willkommen in der Cardea-Klinik!« las er auf einem großen Schild. »Überschreiten Sie die Schwelle zur Gesundheit!«

Zu Hause ließ er sich in den Winchester-Sessel in seiner Bibliothek sinken, ohne Licht zu machen. Sein Körper war taub. Draußen waren keine Häuser mehr, nur die Fenster hingen in der Nacht.

Es geschah am Sonntag, dem 23. Januar. Alles begann damit, dass Martin den Vortrag verpasste, den Vortrag der Philosophischen Sonntagsrunde. Vosskamp hatte sie ins Leben gerufen und lud regelmäßig prominente Wissenschaftler in die Berliner Cardea ein. Heute dozierte er selbst, das erste Mal in diesem Rahmen. Der Vortrag mit dem Titel »Das Innerste. Zur konzentrischen Metapher der Selbstfindung« sollte seinen Einzug in den Vorstand der internationalen Freud-Tinbergen-Gesellschaft begründen und wurde allgemein mit Spannung erwartet.

Sylvia wollte Martin dabeihaben, aber der saß bis zum frühen Abend in seiner Kanzlei in der Leibnizstraße und arbeitete an einem Vertrag mit Lightwatch. Rutherford-Hemmings wollte das Stadtschloss wieder aufbauen, komplett aus Glasolex, ein Riesengeschäft für Lightwatch und für Martins Kanzlei, sofern Lightwatch nicht zu Rinneberg & Partner abwanderte.

Draußen wurde es dunkel, die Lichterketten in den Bäumen, Reste der Weihnachtsbeleuchtung, blinkten, die Schaukästen der Läden auf dem Ku’damm, den Martin von hier aus sehen konnte, wurden hell. Dazwischen stellten sich die ersten Huren auf, streckten ihre glänzenden Beine. Die Fassaden der alten Häuser ermatteten hinter den Leuchtschriften.

Als er auf die Uhr sah, war es halb sieben. Der Vortrag hatte schon um sechs begonnen, zumindest die Diskussion wollte Martin noch erleben. Er machte sich auf den Weg.

Es waren nur wenige Kilometer bis zum Teufelsberg, aber Martin kam im Abendverkehr kaum vorwärts. Er rief Sylvia auf dem Handy an, sie hatte es abgeschaltet. »Honey, I’m late«, simste er, »don’t worry.«

Der Wind trieb grauen Schneeregen durch die Straßen. Martin gähnte. Ein paar Baustellen in der Leibnizstraße ließen den Verkehr noch länger stocken, auf dem Kaiserdamm ging es nur zäh voran, auf der Heerstraße war wieder Stau. Er stellte die Sitzheizung auf niedrigere Stufe und machte das Radio an, Inforadio. Er hörte die letzten Worte von Vosskamps Vortrag, der Sender übertrug ihn live, aber der Empfang war schlecht, und Martin hörte nur Wortfetzen und Rauschen, das irgendwann in Applaus überging. Dann folgte ein Durcheinander aus Stimmen, tumultartig, es schien hoch herzugehen.

Von Weitem sah Martin die Cardea, die hell erleuchteten Kuppeln der beiden Türme. Er wusste, dass sich in einer der beiden Kuppeln der Saal befand, in dem Sylvia jetzt saß und der offenbar spannenden Diskussion folgte, aber er wusste nicht, in welcher der zwei Kuppeln das war. Neben den Türmen streckte sich der beleuchtete Baukran als Laufmasche in den Abendhimmel.

Die Ampel sprang gerade auf Grün, als die Laufmasche sich langsam zur Seite neigte, dann fiel sie und verschwand hinter den Bäumen. Zugleich erlosch das Licht im Südturm. Das alles geschah lautlos.

Martin starrte auf die Cardea. Die Kuppel des Nordturms leuchtete noch immer. Eine Weile rührte Martin sich nicht. Seine Gedanken bestanden aus Hüllen, die sich nur zögernd füllten. Erst als hinter ihm ein Hupkonzert losbrach, fuhr er weiter. Dann hörte er Sirenen. Auf der Teufelsbergchaussee überholten ihn mehrere Krankenwagen, gefolgt von Polizei- und Feuerwehrautos. Alle bogen in die Anton-Delbrück-Straße nach oben zur Cardea ein, die Sirenen warfen farbige Lichter in die dunklen Bäume, über die Straße jagten wirre Schatten.

Beim Näherkommen erkannte Martin, dass der Kran in den Südturm gestürzt war. Nackte Stahlträger bogen sich aus ihm heraus, und die Kuppel war zerborsten.

»O Gott«, stammelte Martin und trat härter aufs Gaspedal.

Als er sich dem provisorischen Pförtnercontainer näherte, schloss der Pförtner das Tor. Martin stieg aus dem Auto und hämmerte gegen die zerkratzte Plexiglasscheibe des Containers. Es gab ein dumpfes Geräusch.

»Machen Sie das Tor auf!«

»Darf ich nicht«, sagte der Pförtner durch ein kleines Mikrofon. Seine Stimme war klanglos.

»Was ist denn passiert?«

»Weiß ich nicht«, sagte der Pförtner.

»Meine Frau ist da oben, verfluchte Scheiße!«

»Sie dürfen die Rettungsaktion nicht blockieren.«

»Du Arschloch, mach auf!«, brüllte Martin.

Der Pförtner rieb sich den Nacken.

»Tut mir leid!«

Martin rannte los. Hinter sich, durch die offene Tür seines Autos, hörte er noch den Jingle von Inforadio. Er hetzte am Maschendraht entlang, suchte ein Loch, plötzlich musste er an einen Zeichentrickfilm aus einem von Sylvias Kindergottesdiensten denken, über den er sich lustig gemacht hatte, in der Wüste stand eine Mauer, die Tiere wollten zum Wasser und fanden den Durchgang nicht, bis aus dem Off eine Stimme sagte: »Es gibt eine Tür, und die Tür heißt Jesus.« Martin keuchte: »Die Tür heißt Jesus, die Tür heißt Jesus«, und dachte an Zeichentricktiere, die im kreisenden Licht der Sirenen lebten, aber er fand keine Tür, und schließlich krallte er die Finger in den Zaun und kletterte hinauf. Oben griff er in den Stacheldraht, zog sich hoch, wälzte sich rüber, hörte das Ratschen seines Mantels und stürzte in den Park der Cardea.

Über sich sah er die Muster der Äste, der Wind trug das Rauschen der Autos von der Avus herüber. Es dauerte einen Moment, bis Martin sich sammelte. Er setzte sich auf und bewegte die Arme, dann die Beine. Hinter den Baumwipfeln sah er den leuchtenden Nordturm und den zerstörten Südturm. Wie bei Schrödingers Katze, dachte er. Sie ist tot und gleichzeitig nicht tot. Meine Frau ist tot und gleichzeitig nicht tot, solange ich nicht weiß, in welchem Turm sie ist.

Er stand auf und humpelte durch den Schneematsch. Sein Kopf schmerzte, ihm war schwindelig. Er erreichte die Straße. Die Bäume verdeckten die Sicht, nach ein paar Schritten erkannte er wieder die zerborstene Turmkuppel. Auf einigen der emporstehenden Glasolexsplitter steckten irgendwelche Fetzen. Das Krangerüst war ins Gebäude gekracht und hatte nicht nur die Kuppel des Südturms, sondern auch den Rohbau der angrenzenden Privatklinik zerstört.

Vor dem Gebäude standen Rettungswagen, überall liefen Feuerwehrleute und Sanitäter herum, die Verletzte bargen, auch Spurensicherer in weißen Papieranzügen und gelben Gummihandschuhen waren da. Weiter unten am Berg fotografierten sie einen silbergrauen Pritschenwagen, den Martin jetzt erst bemerkte. Der Wagen war von der Straße abgekommen und seitwärts ins Gebüsch gerast. Auf der flachen Ladefläche lagen Gartenwerkzeuge und einige Säcke mit Torf, der Schneematsch auf der freien Fläche war zerwühlt und dunkel. Martin verstand nicht, was der Unfall des Pritschenwagens mit dem Kran zu tun hatte, der Wagen war etwa zweihundert Meter vom Kran entfernt.

»Was ist passiert?«, fragte er einen Feuerwehrmann.

»Am Kran hat es einen Erdrutsch gegeben. Deswegen ist er umgekippt.«

»Ob es Tote gibt, will ich wissen!«, rief Martin.

Doch der Feuerwehrmann eilte schon weiter.

Drüben, in der Vorhalle der Cardea, sprachen einige Reporter in Mikrofone und Kameras, sie waren gekommen, um über den Vortrag zu berichten, jetzt hatten sie ein größeres Thema. Die Patienten standen dicht gedrängt und guckten zu, viele in Bademänteln und Hausschuhen. Martin konnte Sylvia nicht unter ihnen ausmachen, und als er sie anrufen wollte, merkte er, dass er sein Handy verloren hatte. Fast fiel er über das Absperrband, das quer über die Straße gespannt war.

»Was machen Sie hier?«, fragte ein Polizist. »Sind Sie verletzt? Ihre Hände bluten. Waren Sie mit im Pritschenwagen?«

»Nein«, sagte Martin, »ich bin über den Zaun geklettert, ich will zu meiner Frau.«

»Halten Sie Abstand«, sagte der Polizist, wandte sich gleich wieder ab und sprach in sein Funkgerät, aus dem stoßartiges Rauschen drang, und Martin schlüpfte unter dem Absperrband hindurch und lief in den Vorhof der Cardea. Er fand keinen Weg durch die unruhige Menschenmenge und blieb an einem Fernsehübertragungswagen von Phoenix stehen. Durch die offene Tür des Wagens sah er auf den Monitor des Technikers. Offenbar hatte es der Kameramann geschafft, bis zum Unfallort vorzudringen, und filmte live, wie sich zwei Männer mit einer Trage dem Pritschenwagen näherten. Die Spurensicherer öffneten die Tür auf der Fahrerseite. Die Kamera zitterte, und es war nicht viel zu erkennen, weil jemand im Bild stand, Martin sah nur, dass ein sitzender Körper vorsichtig aus dem Auto gehoben wurde, erst seitwärts, dann wurde er auf den Rücken gedreht und auf die Trage geschoben, mit dem Oberkörper zuerst. Die Arme fielen herab, die Hände wippten in der Luft, die Kamera zoomte heran und wackelte. Martin sah zuerst den abgesplitterten Lack am Fensterrahmen des silbergrauen Pritschenwagens, die gelben Handschuhe der Spurensicherer, dann fand die Kamera den richtigen Bildausschnitt. Die Leiche hatte keinen Kopf. Der Hals glich einem zerrissenen Rhabarberstrunk, oben erkannte Martin den Querschnitt einer Luftröhre, deren Rand ein roter Schaum umgab.

Einen Moment lang glaubte er, auf einem Filmset zu sein. Es gab Gedränge, Polizisten schoben den Kameramann fort. Als Martin den Blick vom Monitor abwandte, kamen die Männer mit der Trage an der Absperrung vorbei, der schwarze Leichensack war geschlossen.

»Was war das?«, fragte er den Techniker im Ü-Wagen. »Ein Unfall?«

»Mehr als das«, antwortete der Techniker.

Der Beißer

Ohne Silbergeld im Portemonnaie war Beate nervös. Seit ihrer Jugend war sie dauernd zum Zigarettenautomaten gelaufen, auch nachts. Damals gab es noch Münzautomaten mit Eisenschubladen, die ratschten, wenn man sie aus dem Schacht zog. Beate riss das Cellophan von der Zigarettenschachtel, es hing an ihren Fingern, sie schüttelte es ab, es tanzte schimmernd in der Dunkelheit, während sie den ersten Zug nahm und ihrem Rauch hinterhersah. Sie sah einen Marmor aus Zukunft.

Manchmal blieb die Schublade stecken, weil die Zigarettenmarke alle war, dann gab der Automat das Geld nicht zurück. Darum hatte Beate Münzen für einen zweiten Versuch bei einer anderen Marke dabei und oft sogar Münzen für einen dritten Versuch. Trotzdem hatte sie jedes Mal Angst, wenn sie nach dem Schub griff. Sie träumte von einer Reihe aus Münzgruppen; die zweite Gruppe war Ersatz für die erste, die dritte für die zweite, die vierte für die dritte und immer so weiter, bis die Reihe endlos war wie das All. Die vielen Münzen passten aber nicht ins Portemonnaie, weswegen Beate sich mit den Münzen unendlich viele Portemonnaies vorstellte.

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