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Terminal 3 - Folge 8

Über das Buch

Lennard Fanlay ist Sicherheitschef des Flughafen San Francisco. In jeder Folge von TERMINAL 3 löst er einen Fall. Die Geschichten werden aus seiner Sicht und der Perspektive weiterer Beteiligter geschildert.

Der Mann, der sich »Drachentöter« nennt, ist ein Meister des Schmerzes, und er verteilt ihn akribisch und wohl dosiert. Han Kiwon, ein Koreaner, will in San Francisco ein neues Leben beginnen, wünscht sich aber nach vierundzwanzig Stunden nur noch einen schnellen Tod. Und Lennard Fanlay muss feststellen, dass auf Hoffnung Verderben folgt …

Drei Menschen. Drei Schicksale. Eine Geschichte.

Erscheint in monatlichen Folgen.

Über die Autoren

Ivar Leon Menger studierte Kommunikations-Design und arbeitet heute als Werber, Regisseur und Hörspielautor für internationale Werbeagenturen, den Axel Springer Verlag, RTL Television und Sony/BMG Music Entertainment. Seine Kurzfilme, Werbespots und Hörspiele erhielten zahlreiche Preise. Er zeichnet als Autor und Herausgeber für das Konzept TERMINAL 3 verantwortlich.

Raimon Weber lebt als Autor, Produzent und Medientrainer in Kamen und gilt als »Stephen King des Ruhrgebiets«. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt als Mitautor der Hörspielreihe Gabriel Burns.

Drachentöter

Der Mann ist dick. Das ist es nicht, was mich an ihm erstaunt. Leibesfülle muss nicht unbedingt mit einem schlechten Gesundheitszustand einhergehen, aber genau das ist hier der Fall. Obwohl ich zwanzig Meter von ihm entfernt bin, höre ich deutlich sein Schnaufen. Er ist zwar erst Ende vierzig, aber es würde an ein Wunder grenzen, wenn er die nächsten zehn Jahre ohne erhebliche Probleme überstünde. Zu viel Fett, Zucker und Alkohol.

Es setzt mich zugegebenermaßen in Erstaunen, dass sich eine junge und recht hübsche Frau in solch einen Infarkt-Kandidaten verlieben kann.

Wenn ich bewaffnet wäre, könnte ich den Kerl jetzt ermorden. Aber ich trage weder eine Pistole noch ein Messer bei mir. Das wäre viel zu einfach und vor allem viel zu schnell vorbei.

Ich beobachte ihn von meinem Leihwagen aus, der unmittelbar vor seinem Haus steht. Er wohnt durchaus geschmackvoll. Ein zweistöckiges Gebäude mit einer Fassade aus Natursteinen. Die Auswahl der Pflanzen im Vorgarten, Rosen und Wildblumen, zeugen von einer Liebe zur Natur. Die Blüten strahlen im künstlichen Licht der Bogenlampe über dem Hauseingang, die sich bei seinem Kommen automatisch eingeschaltet hat. Der Mann zückt keinen Schlüssel, sondern drückt auf die Türklingel. Es dauert eine ganze Weile, bis jemand öffnet. Der Mann zeigt nicht die geringsten Anzeichen von Ungeduld. Das passt nicht zu dem, was ich über ihn in Erfahrung brachte.

Ein Kind, ein etwa zwölf bis fünfzehnjähriges Mädchen, begrüßt ihn. Es lächelt zu ihm empor. Nicht nur, weil er sehr groß ist, sondern weil die Kleine im Rollstuhl sitzt. Ihr Vater geht in die Hocke, umfasst ihre beiden Hände, sagt etwas und küsst sie dann auf die Stirn. Aus dem Flur tritt jetzt eine Frau in den Hauseingang. Sie ist im Gegensatz zu ihrem Gatten ziemlich hager. Ihre Frisur ist etwas in Unordnung geraten. Er nimmt sie in den Arm, hebt sie mit Leichtigkeit kurz in die Höhe und schiebt anschließend den Rollstuhl seiner Tochter mit Schwung in den Hausflur. Ich höre sie alle drei lachen, ehe sich die Tür schließt.

Der dicke Mann scheint ein liebevoller Familienvater zu sein. Dennoch werde ich ihm Leid zufügen müssen.

Duane Parker, Chef der Transportation Security Adminstration auf dem Flughafen von San Francisco, ist allerdings nur Mittel zum Zweck.

Ich habe zu lange warten müssen, zu lange mit der Wut und Trauer leben müssen, um angesichts seiner kranken Tochter Mitleid zu empfinden. Ihr Zustand ändert gar nichts.

Han Kiwon

Nachdem ich die langwierigen und anstrengenden Einreiseformalitäten hinter mich gebracht habe, kann ich die Leichtigkeit spüren. Sie ist fast mit Händen zu greifen, zeigt sich in den Gesichtern der Menschen und ihrer Gestik. Hier macht alles einen eher entspannten Eindruck. Ich bin angekommen. Im Sonnenstaat Kalifornien. In San Francisco. Wenn alles gut geht, wird mein Leben von nun an in gänzlich anderen Bahnen verlaufen.

In Süd-Korea, in der Stadt Gwangju, arbeitete ich zuletzt in der Wäscherei eines Hotels. Ein Job, bei dem ich fast im Minutentakt auf die Uhr blickte, um dann festzustellen, dass ich immer noch unendliche Stunden zu schuften hatte. Eigentlich wollte ich Arzt werden, aber ich unterbrach das Studium, weil ich glaubte, zuvor noch etwas ganz Besonderes leisten zu müssen. Meinen persönlichen Beitrag zur Rettung der Welt. Ich schloss mich voller Enthusiasmus einer Ärzte-Organisation an, die versuchte in den Krisenregionen der Welt die schlimmste Not zu lindern. Drei Jahre verbrachte ich so in Ländern wie Mali, Niger oder dem Sudan. Irgendwann fragte niemand mehr vor Ort, ob ich ein ausgebildeter Mediziner sei. Es ging nur noch darum, Mangelkrankheiten und Infektionen zu lindern oder Kugeln und Granatensplitter aus halb toten Leibern zu holen. Nach den drei Jahren war ich wie ausgebrannt, fühlte mich um Jahrzehnte gealtert und besaß einfach nicht mehr die Kraft, mein Studium wieder aufzunehmen.

Vor einer Woche sollte ich mich beim Manager des Hotels melden. Ich rechnete mit einer Entlassung, obwohl die üblicherweise nicht direkt von höchster Stelle ausgesprochen wurde. Der Chef, der meine Existenz bisher ignoriert hatte, teilte mir mit, dass ein mit ihm befreundeter Hotelbesitzer in San Francisco einen jungen Mann für eine leitende Stelle suche. Mein Chef war zu meiner Verwunderung der Meinung, dass ich der Richtige für diesen Job sei. Er habe meine Arbeit seit geraumer Zeit beobachtet und sei überaus zufrieden. Mit einem gewinnenden Lächeln ließ er mir von seiner Sekretärin Tee servieren und fügte hinzu, dass er mich nur ungern ziehen lasse. Aber er fühle sich seinem Freund in den USA sehr verbunden. Er hatte auch gleich einen Prospekt des Hotels in San Francisco zur Hand. Es war bei weitem nicht so imposant wie mein Arbeitsplatz in Gwangju, aber das spielte für mich keine Rolle. Hier bot sich für mich die Chance, der anstrengenden und monotonen Arbeit in der Wäscherei zu entgehen. Die goldenen Wasserhähne in den Luxus-Suiten habe ich ohnehin nie zu Gesicht bekommen.

Der Hotelchef klopfte mit der flachen Hand auf meine Personalakte auf der Tischplatte vor ihm und sagte: »Han Kiwon, Sie sind zu Höherem berufen und ich freue mich, Ihnen und gleichzeitig meinem guten Freund behilflich sein zu können.«

Ich zögerte keine Sekunde. In meiner Heimat hielt mich nur wenig, und mein Englisch war, auch durch meine Zeit bei der medizinischen Hilfsorganisation, nahezu perfekt.

Nun bin ich hier. Mit der festen Zusage auf einen Arbeitsvertrag. Es ist wie ein Wunder. Nur ein einziges Mal habe ich mit dem hiesigen Hotelbesitzer von Korea aus ein kurzes Gespräch geführt. Er erwartet mich im Verlauf des Nachmittags. Also habe ich noch ein wenig Zeit, mich in meiner neuen Heimat umzusehen.

Ich spüre, dass ich sehr nervös bin. Eine Tasse Tee würde mir sicher gut tun. Auf der Mall des Terminals reiht sich Geschäft an Geschäft. Hauptsächlich bieten sie Fastfood wie Donuts und Burger an, aber ich entdecke auch ein paar Läden mit ausgefallener Mode und Kunstgegenständen. Ich verweile kurz vor einem Schaufenster mit Herrenschuhen. Ein übergroßes Poster des Kolosseums in Rom und die Trikolore in Grün, Weiß und Rot zeigen mir deutlich, dass es sich ausschließlich um Modelle aus Italien handelt. Sie sind sehr elegant, und zu meiner Freude entdecke ich, dass es sie auch in kleinen Größen gibt. Ich nehme mir fest vor, von meinem ersten Lohn ein Paar zu kaufen. In Korea wäre ich nie auf einen solchen Gedanken gekommen. Der Verkäufer, ein schlanker junger Mann mit sehr viel Haargel in der Frisur, steht im Eingang und sieht ein wenig gelangweilt aus. So richtig gut scheinen die Geschäfte nicht zu laufen.

Ein paar Schritte weiter entdecke ich eine Bar. Ich hoffe, dass man dort einen guten Tee serviert. Nach meinem Wissen genießt dieses wunderbare Getränk hier nicht annähernd einen so hohen Stellenwert wie in Korea.

Bookbinder’s Bar leuchtet eine Neonschrift über dem Eingang.

Der Laden ist gut besucht. Ich versuche nicht schüchtern oder gar ängstlich aufzutreten und wähle daher einen Platz direkt am Tresen.

Der Barmann trägt einen großen weißen Cowboy-Hut.

Ich frage höflich, ob ich einen Tee bekommen könnte.

»Welcher soll es denn sein?«, fragt er zurück. »Wir haben vierunddreißig Sorten. Aber ich habe bisher nicht einen einzigen davon probiert.«

Er mustert mit einem feinen Lächeln auf den Lippen mein erstauntes Gesicht und sagt: »Ich schätze, Sie sind zum ersten Mal in der Stadt.«

Ich nicke nur und frage mich, ob man mir das tatsächlich ansieht.

»Unsere Spezialität ist frisch gepresster Orangensaft. Gibt keinen besseren.«

»Einverstanden«, erwidere ich. Man muss sich den hiesigen Gepflogenheiten anpassen.

Der Barmann hat nicht zu viel versprochen. Der Saft ist grandios. Ich stoße unwillkürlich einen zufriedenen Seufzer aus.

»Willkommen in San Francisco!«, sagt der Barmann und tippt sich mit zwei Fingern an die Hutkrempe. Ich hätte den Gruß beinahe erwidert. Aber ich trage ja gar keinen Hut. Möchte auch gar keinen besitzen. Viel lieber wären mir die italienischen Schuhe.

Ich kichere leise in meinen Orangensaft. Kaum angekommen, bin ich schon sehr auf Konsum eingestellt.

Lennard Fanlay

»Da sind die Mistkerle wieder«, höre ich Rachels wütende Stimme aus dem Funkgerät. »Hocken auf den Bänken in der Nische gleich hinter dem ABC-Donut-Shop.«

Ich beschleunige meine Schritte und biege von einem Seitengang auf die Mall. »Bin in zwei Minuten da«, sage ich.

»Sachte, Boss«, erwidert Rachel. »Die sind zu dritt. Marc und Kim können in wenigen Minuten vor Ort sein.«

»Alles klar.« Ich denke nicht daran, langsamer zu gehen. Sonst sind die Verdächtigen vielleicht schon wieder verschwunden. Sie sind uns heute schon einmal durch die Lappen gegangen.

Jetzt kann ich sie sehen. Halb verdeckt durch die Menschenmassen, die sich um diese Uhrzeit durchs Terminal schieben. Drei junge Männer. Weiß, höchstens zwanzig. Eher jünger. Sie haben es sich auf einer Bank bequem gemacht, die sich direkt unter einer Palme befindet. Beiläufig stelle ich fest, dass die Palme mittlerweile ziemlich mitgenommen aussieht. Ihre Fächer sind zur Hälfte braun und wirken vertrocknet. Die Kübel mit diesen Pflanzen hier im Flughafen aufzustellen, war eine glatte Fehlplanung. Die Dinger gehen langsam ein. Seltsam, dass ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken darüber mache.

Ich bleibe zwei Meter vor den Burschen stehen. »Flughafensicherheit! Keiner von Ihnen macht auch nur die geringste Bewegung. Ich will alle Hände sehen.«

»Faschist!«, schleudert mir der Mittlere von ihnen entgegen. Er trägt einen markanten Spitzbart unter dem Kinn.

Ich ignoriere die Bemerkung und versuche sie alle gleichzeitig im Auge zu behalten. »Ich werde Ihre Personalien überprüfen und danach ….«

Ich bringe den Satz nicht zu Ende, denn der sommersprossige Rotschopf neben Spitzbart katapultiert sich von der Bank auf mich zu, als hätte er eine überdimensionale Sprungfeder in seinem Hintern stecken. Ehe ich reagieren kann, rammt er mir seinen Schädel in den Bauch. Ich stolpere rückwärts, während Spitzbart nun ebenfalls aufspringt und mit der Faust ausholt, um einen Treffer zu landen. Ich fange den Hieb ab, umklammere seine Faust und dränge ihn zurück auf die Bank. Ich verfüge über deutlich mehr Körperkraft. Zum Glück. Das bisschen Training zahlt sich doch aus.

Ein Schmerz im linken Unterschenkel lässt mich aufschreien. Rotschopf hat mir doch tatsächlich ins Bein gebissen und hängt dort wie eine übergroße Ratte.

Ein Handkantenschlag trifft ihn ins Genick. Er lässt augenblicklich los und sackt mit einem Ächzer auf die Fliesen. Marc Irving, mein jüngster Mitarbeiter, hat ihn niedergestreckt. In Sachen Kampfsport hat er einiges drauf.

Ich kann mich wieder ganz dem Spitzbart widmen. Der hat sich für die Defensive entschlossen. Hebt die Arme zur Abwehr und wimmert übertrieben laut. »Aua, aua! Nicht schlagen! Ich habe gar nichts getan.«

Leute bleiben stehen und sehen zu, wie Marc den Beißer ziemlich unsanft wieder auf die Beine stellt und ihm Handschellen anlegt.

»Bitte weitergehen!«, sagt er dabei zu den Gaffern. »Dies ist eine Aktion der zivilen Flughafensicherheit gegen mutmaßliche kriminelle Elemente.«

Da hat er sich einen tollen Satz ausgedacht.

»Einer konnte abhauen«, stelle ich fest.

»Den haben wir auch.« Marc deutet mit einem Kopfnicken nach rechts. Von dort nähert sich Kim Welch. Die Koreanerin schiebt den dritten Mann vor sich her. Er überragt meine Mitarbeiterin um mehr als zwanzig Zentimeter. Als er einen Versuch startet, sich aus ihrem Griff zu winden, sagt sie etwas, was ihn zusammenzucken lässt. Danach trottet er lammfromm vor ihr her. Ich muss Kim später unbedingt fragen, womit sie ihn so eingeschüchtert hat.

Wir platzieren die drei Burschen mit angelegten Handschellen auf der Bank.

»Was wollen Sie eigentlich von uns?«, meldet sich Spitzbart wieder zu Wort. »Wir chillen hier bloß ein wenig. Das ist doch wohl kein Verbrechen. Oder sind die Gesetze doch schon dahingehend geändert worden?«

»Wo sind die Drogen?«, frage ich. Ein erstes Abtasten ihrer Kleidung brachte sie nicht zum Vorschein. Aber der menschliche Körper hat da noch einige Verstecke parat. Darum würde ich mich aber eher ungern in der Mall kümmern.

»Drogen?« Der Kerl tut so, als würde er den Begriff zum ersten Mal in seinem Leben hören.

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