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Terminal 3 - Folge 7

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Folge 7 – Die Stimmen des Chaos

Über das Buch

Lennard Fanlay ist Sicherheitschef des Flughafen San Francisco. In jeder Folge von TERMINAL 3 löst er einen Fall. Die Geschichten werden aus seiner Sicht und der Perspektive weiterer Beteiligter geschildert.

Hitzewelle in San Francisco. Die kleine Julia droht zu verdursten. Warum hält sie der Unechte in einer dunklen Kammer gefangen? Florence Tilden bestraft sich für jeden Fehler, den sie begeht, bis aufs Blut. Sie sehnt sich nach der Vereinigung mit ihrem Geliebten und befindet sich dabei auf dem Weg in die Hölle. Und irgendwer versucht Lennard Fanlay mit perfiden Mitteln in den Wahnsinn zu treiben. Es beginnt mit einer Leber …

Drei Menschen. Drei Schicksale. Eine Geschichte.

Erscheint in monatlichen Folgen.

Über die Autoren

Ivar Leon Menger studierte Kommunikations-Design und arbeitet heute als Werber, Regisseur und Hörspielautor für internationale Werbeagenturen, den Axel Springer Verlag, RTL Television und Sony/BMG Music Entertainment. Seine Kurzfilme, Werbespots und Hörspiele erhielten zahlreiche Preise. Er zeichnet als Autor und Herausgeber für das Konzept TERMINAL 3 verantwortlich.

Raimon Weber lebt als Autor, Produzent und Medientrainer in Kamen und gilt als »Stephen King des Ruhrgebiets«. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt als Mitautor der Hörspielreihe Gabriel Burns.

Julia

Manchmal wäre es wohl besser, dumm zu sein.

Dumme Menschen haben vor vielen Dingen keine Angst, weil sie nicht wissen, was passieren kann.

Mein Vater sagte früher immer, ich sei eine Leseratte. Seit einiger Zeit schweigt er aber meistens oder ist gereizt. Er hat sich sehr verändert. Ich weiß genau, woran das liegt. Wenn ich ihn darauf anspreche, streitet er alles ab.

Aus den Büchern weiß ich sehr viel. Zum Beispiel glaube ich mich daran erinnern zu können, dass irgendwo geschrieben stand, ein Mensch käme maximal drei Tage ohne Wasser aus. Vorausgesetzt er müsse nicht hart arbeiten oder sei der Sonnenglut ausgesetzt. Dann geht es noch schneller mit ihm vorbei.

Ich weiß nicht genau, wie lange es her ist, dass mir der Unechte etwas zu trinken gebracht hat. War es vor einem Tag, oder ist es noch länger her? Mittlerweile kann ich nicht mehr sagen, ob es Tag oder Nacht ist.

Ich weiß auch nicht, wie der Unechte aussieht oder wie er in Wirklichkeit heißt. Ich nenne ihn den Unechten wegen seiner merkwürdigen und sehr bösen Stimme. Außerdem klingt sie eben … unecht. Weil er nicht wirklich spricht.

Sosehr ich ihn auch verabscheue, wünsche ich mir, dass er endlich zurückkehrt und mir Wasser bringt.

Ich bin so durstig. Eine Weile konnte ich mich ablenken, indem ich mich an die Geschichten in meinen Büchern erinnerte.

Die Bücher fehlen mir sehr. Aber hier könnte ich sie sowieso nicht lesen.

Lennard Fanlay

Als ich vor die Haustür trete, erscheint San Francisco im Licht der Morgensonne wie vergoldet. Ich atme tief ein. Noch ist die Luft angenehm. Ich schätze die Temperatur auf gut zwanzig Grad. Aber bis zur Mittagszeit werden wohl noch mindestens fünfzehn Grad hinzukommen. Wie gut, dass sich mein Arbeitsplatz im permanent kühl temperierten Terminal 3 des Flughafens befindet.

Ich steige in meinen alten Mercedes und starte den Motor. Das heißt, ich versuche es. Der Anlasser dreht sich munter, aber der Achtzylinder will einfach nicht anspringen. Ich probiere es erneut. Doch es ertönt wieder nur das Wimmern des Anlassers. Bisher hat mich der Wagen noch nie im Stich gelassen. Der Mechaniker aus der Werkstatt meines Vertrauens schwört trotz des Kilometerstands von über zweihunderttausend Meilen, dass ich mit dem Monstrum noch etliche Male den Globus umrunden könnte.

Heute scheine ich aber noch nicht einmal bis zum Flughafen zu kommen. Ich steige aus und betrachte besorgt mein Gefährt. Einen Blick unter die Motorhaube zu werfen, lohnt sich nicht. Mein technisches Know-how beschränkt sich auf das Überprüfen der Füllstände von Öl und Kühlwasser.

Ich will gerade nach dem Handy greifen, um mir ein Taxi zu rufen, als hinter mir die schrille Stimme meiner unvermeidlichen Nachbarin ertönt.

»Ist er endlich kaputt?«, ruft mir Mrs Cormac zu.

»Ich hoffe nicht.« Bevor ich mich zu ihr umwende, setze ich ein Routinelächeln auf. »Ich lasse ihn von der Werkstatt abholen und muss mir dann heute leider mal ein Taxi gönnen.«

Mrs Cormac trägt einen hellblauen Morgenmantel, der ihr einige Nummern zu klein ist. Sie stemmt die Arme in die rundlichen Hüften und betrachtet meinen Wagen mit unverhohlener Abscheu. »So ein Ding ist absolut nicht zeitgemäß und obendrein unpassend für Sie«, murrt sie, und ich erwarte einen längeren Vortrag über meinen mangelnden Patriotismus. Sie meint, ein Mann in meiner Position müsse schließlich ein Vorbild abgeben und ein amerikanisches Auto fahren.

Aber heute erspart sie mir solche Sprüche und sagt stattdessen: »Ich kann Ihnen doch meinen Wagen leihen. Ich brauche ihn nicht.«

Mrs Cormac bewegt sporadisch einen ziemlich neuen Chevrolet Impala. Nach meinem Geschmack ein völlig gesichtsloses Vehikel.

»Das kann ich nicht annehmen, Mrs Cormac.«

»Ich bestehe darauf, Mr Fanlay.« Meine Nachbarin tätschelt mir zutraulich den Arm. »Gute Nachbarn müssen sich doch untereinander helfen. Bestimmt werde ich auch mal Ihren Beistand benötigen.« Sie kommt mir dabei so nah, dass sich ihr Morgenmantel an meinem Jackett reibt.

Fünf Minuten später lenke ich ihren Chevy auf die Straße. Er ist beige lackiert, langweilig und im Innenraum riecht es irgendwie nach Zuckerwatte. Aber das Ding fährt immerhin.

Ich schalte den CD-Player ein und lasse vor Schreck beinahe das Lenkrad los. Hardrock dröhnt in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Lautsprechern. Es ist die Band Van Halen. Ich stelle den Ton leiser und bin überrascht über den Geschmack meiner Nachbarin. Immerhin bleibt sie auch bei der Auswahl ihrer Musik ganz Patriotin. Die Jungs von Van Halen sind so amerikanisch wie Coca-Cola und Micky Maus.

Ich frage mich, ob Mrs Cormac in ihrem Wohnzimmer manchmal Luftgitarre spielt.

In der Zentrale der zivilen Flughafensicherheit erwartet mich Rachel mit so finsterer Miene, dass ich sofort mit dem Schlimmsten rechne. Sie hockt vor den Überwachungsmonitoren, spuckt ein paar Tabakkrümel von ihrer filterlosen Zigarette aus und sagt: »Er hat es tatsächlich getan.«

Dem Tonfall ihrer Stimme zufolge, muss sie jemanden meinen, der mindestens alle Tiere eines Streichelzoos gemeuchelt hat.

»Wer hat was getan?«, frage ich vorsichtig.

»Brian Haynes!« Sie speit den Namen förmlich aus. »Er hat eben angerufen, dass er nicht mehr kommt. Seine Kündigung hat er gleich an das Flughafenmanagement geschickt. Dann hat er so schnell aufgelegt, dass ich ihn noch nicht einmal zur Sau machen konnte.«

Brian Haynes gehört seit knapp zwei Jahren zu unserem viel zu kleinen Team. Seit Monaten fällt er nur noch durch angeblich krankheitsbedingtes Fehlen oder notorisches Nichtstun auf. Eigentlich spiele ich schon lange mit dem Gedanken, ihn zu feuern. Nur leider ist es verdammt schwierig, geeigneten Ersatz zu finden. Schuld daran sind die Arbeitszeiten bis in den späten Abend hinein und die dürftige Bezahlung.

»Ich werde ihn nicht vermissen«, tut Rachel kund und zündet sich eine neue Zigarette an. Dem Aschenbecher zufolge hat sie in den zwei Stunden seit Schichtbeginn bereits den Inhalt einer ganzen Schachtel inhaliert.

Bleiben mir also nach Brians unschönem Abgang außer Rachel nur noch Paul Medeski, Steven Cale und der junge Marc Irving. Allesamt hervorragende Mitarbeiter. Aber es bleibt eine Tatsache, dass wir nun mehr als unterbesetzt sind.

»Rachel!«, dröhnt Paul Medeskis Stimme aus dem Funkgerät. »Ist der Boss schon da?«

»Und ob«, gibt Rachel zurück.

»Dann soll er sofort zu den Toilettenanlagen in Gang C kommen.«

Rachel schnauft verächtlich. Ihre Laune ist heute Morgen auf dem Tiefpunkt. »Für verstopfte Klos sind wir nicht zuständig.«

»Hier ist alles voller Blut!«, erwidert Paul hörbar gestresst. »Und dann liegen hier noch so Einzelteile herum.«

»Einzelteile?«, fragt Rachel.

Ich warte auf keine weiteren Details und renne los.

Paul Medeski steht mit ausgebreiteten Armen vor dem Zugang zur Herrentoilette und wimmelt alle ab, die ein dringendes Bedürfnis verspüren. Er ist ziemlich blass um die Nase herum.

»Ist da drin jemand verletzt worden?«, frage ich ihn leise, damit es die Umstehenden nicht mitbekommen.

»Eher umgebracht«, erwidert er. »Aber wenn, dann muss sich der Hauptteil der Leiche woanders befinden.«

Ich gehe an ihm vorbei in die Toilettenanlage. Der Vorraum mit den Waschbecken ist weiß gefliest. Hier sieht es aus, als hätte ein Aktionskünstler ein wildes Happening mit roter Farbe veranstaltet. Aber das ist keine Farbe. Ich kenne die Konsistenz und den Geruch von Blut nur zu genau. Es ist überall. Auf den Wänden und dem Fußboden und sogar an der Decke.

Ich versuche den Lachen auf dem Boden auszuweichen. In einem Waschbecken mache ich einen entsetzlichen Fund. Dort liegt ein glitschiges Etwas, das ich erst bei näherer Betrachtung als ein Organ identifizieren kann. Vermutlich handelt es sich um eine Leber.

Ich habe genug gesehen und greife nach meinem Funkgerät. Rachel soll umgehend die Polizei alarmieren.

Florence Tilden

Ich bin unzufrieden mit mir, denn ich habe meinen Geliebten enttäuscht. Er ist nicht laut geworden. Das wird er nie. Seine Stimme hat nur ganz wenig von ihrer Sanftmut verloren, als er mir sagte, ich solle diffiziler vorgehen. Ich wäre doch ein Spiegelbild seiner Seele und müsse daher genauso handeln, wie er es tun würde.

Er hat meine Trauer gespürt, obwohl ich mich bemüht habe, sie vor ihm zu verbergen. Seine Hand berührte meine Wange, und ich entschuldigte mich für mein eigenmächtiges Vorgehen.

Jetzt bin ich wieder in meinem Haus. Wir sind erst eine halbe Stunde getrennt, und doch kann ich es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.

Er gibt mir die Kraft für ein völlig neues Leben. Durch ihn hat sich alles zum Guten gewendet. Es gelingt mir immer besser, all die Unzulänglichkeiten meines Körpers zu akzeptieren. Da wäre meine Größe. Für ein Mannequin mag die von Vorteil sein, aber ich bin schon über vierzig und besaß auch früher nicht das Aussehen, um über einen Laufsteg zu stolzieren oder mich vor den Kameras der Modefotografen zu rekeln. Mein Erzeuger nannte mich immer Vogelscheuche oder Bohnenstange. Sogar vor fremden Leuten.

Meine Nase ragt wie ein Erker aus meinem schmalen Gesicht hervor. Niemand käme auf die Idee, den Zinken als eine liebenswerte Besonderheit anzusehen. Ich bin eben nicht Barbra Streisand. Ich bin nur Florence Bohnenstange, deren Haut obendrein so empfindlich ist, dass schon ein wenig Sonnenlicht gefährlich werden kann. Als Kind hatte ich mehrmals einen wirklich schlimmen Sonnenbrand. Mit Blasen auf dem ganzen Körper. Ich konnte mich nicht setzen, nicht aufs Bett legen. Am erträglichsten war es, wenn ich mich nackt in den Raum stellte. Die Schmerzen waren so fürchterlich, und als die Blasen platzten, sah die Haut darunter wie roher Schinken aus.

Auch jetzt habe ich alle Vorhänge vor die Fenster gezogen. Draußen ist es grell und heiß. Ein Wetter, das pures Gift für mich ist. Die alte Klimaanlage läuft auf Hochtouren und stößt dabei hin und wieder seltsam zischende Laute aus.

Eine Geräuschkulisse, die zum Glück nicht länger einhergeht mit dem dauerhaften Gekeife meines Erzeugers. Zu seiner Boshaftigkeit war auf seine alten Tage noch eine bizarre Religiosität hinzugekommen. Er, der früher meine Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit betrogen hat, führte plötzlich einen Kleinkrieg gegen alles, was ihm unkeusch erschien. Manchmal stand er im Vorgarten und beschimpfte lauthals Schulmädchen mit zu kurzen Röcken oder zu eng anliegenden T-Shirts. Er tippte auf seiner Schreibmaschine Pamphlete gegen die ausufernde Fleischeslust in den Medien und versandte sie an Fernsehsender und Verlage. Dabei schien er völlig verdrängt zu haben, dass er in einem alten Koffer unter seinem Bett, Pornohefte aus den Siebzigern aufbewahrte.

Früher konzentrierte sich seine Wut auf mich. Mein Erzeuger verachtete mich wegen meiner Faulheit. Dabei war ich gar nicht faul. Ich konnte nichts für meine schlechten schulischen Leistungen. Da war diese schreckliche Angst, etwas Falsches zu tun und dafür verspottet zu werden. Selbst wenn ich glaubte, die richtige Antwort zu wissen, schwieg ich lieber. Schließlich konnte ich mich letztendlich doch noch irren. Zumeist folgten darauf Anfälle von lähmender Lethargie. Sie kündigten sich durch ein Rauschen in den Ohren an. Die Umwelt schien sich von mir zu entfernen. Als würde ich sie durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch die Geräusche und Stimmen klangen fern und kraftlos. Ich konnte dann einfach nur so dasitzen und darauf warten, dass es vorbeigeht. Die Anfälle machten mir Angst. Was war, wenn ich für immer in diesem Zustand verharren musste? Isoliert von allem um mich herum? Ein einziges Mal habe ich mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie war eine gutmütige Frau, besaß allerdings nicht einmal im Ansatz die Fähigkeit abstrakten Denkens und verstand einfach nicht, was ich ihr mitteilen wollte. Sie meinte nur, das ginge vorüber, wenn ich erwachsen sein würde. Damals war ich sechzehn. Meine Mutter starb, ehe ich siebzehn werden sollte. Bis dahin hatte auch sie die Demütigungen meines Erzeugers klaglos ertragen und unentwegt Zierdeckchen gehäkelt, die sie an die Nachbarn verschenkte.

Doch mein Erzeuger demütigt oder beschimpft niemanden mehr. Weder mich noch irgendwelche Teenager auf der Straße. Mein Geliebter hat mich davon überzeugt, dass es richtig ist, ihn zum Schweigen zu bringen. Als er es aussprach, fragte ich mich, warum ich nicht schon eher auf die Idee gekommen bin.

Mein Geliebter lenkt mein Dasein in die richtigen Bahnen.

Und er findet mich schön. Das teilt mir in fast jedem Satz mit.

Ich werde immer für ihn da sein und genau das tun, was er verlangt. So ist gewährleistet, dass ich nichts falsch mache. Niemand über mich lacht.

Es war falsch von mir, heute Morgen eigenmächtig zu handeln. Ich werde mich nie mehr zu solcher Selbstüberschätzung hinreißen lassen.

Bald wird der Tag kommen, an dem wir für immer ...

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