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Terminal 3 - Folge 6

Über das Buch

Lennard Fanlay ist Sicherheitschef des Flughafen San Francisco. In jeder Folge von TERMINAL 3 löst er einen Fall. Die Geschichten werden aus seiner Sicht und der Perspektive weiterer Beteiligter geschildert.

Vollsperrung des Flughafens von San Francisco. Zwei Explosionen stoppen die Metro zum Terminal 3. Die Fahrgäste sind den beiden Geiselnehmern hilflos ausgeliefert.

Jerry Bruford glaubt im Namen einen guten Sache zu handeln und will keine Gewalt. Sein Komplize Phil Steinberg fordert endlich Gerechtigkeit für sich und geht dafür über Leichen. Und Lennard Fanlay ahnt, dass es hier um viel mehr als eine Geiselnahme geht. Die Frist läuft ab …

Drei Menschen. Drei Schicksale. Eine Geschichte.

Erscheint in monatlichen Folgen.

Über die Autoren

Ivar Leon Menger studierte Kommunikations-Design und arbeitet heute als Werber, Regisseur und Hörspielautor für internationale Werbeagenturen, den Axel Springer Verlag, RTL Television und Sony/BMG Music Entertainment. Seine Kurzfilme, Werbespots und Hörspiele erhielten zahlreiche Preise. Er zeichnet als Autor und Herausgeber für das Konzept TERMINAL 3 verantwortlich.

Raimon Weber lebt als Autor, Produzent und Medientrainer in Kamen und gilt als »Stephen King des Ruhrgebiets«. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt als Mitautor der Hörspielreihe Gabriel Burns.

Phil Steinberg

Der Wolkenbruch klingt wie eine Schlacht. Ein Blitz, hell wie eine Blendgranate, schlägt in unmittelbarer Nähe ein. Mein Nebenmann zuckt zusammen und klammert sich am Lenkrad des parkenden Wagens fest. Er heißt Tom Jones. Aber eine Verwechslung mit dem stattlichen Sänger aus Wales ist völlig ausgeschlossen. Dieser Tom Jones hier ist ein kleines Männchen mit fliehendem Kinn, winzigen nervösen Augen und so fettigem Haar, als hätte er versucht, es mit einem halben Liter Altöl in Form zu bringen.

Ich gebe ihm den Umschlag mit der ersten Hälfte der vereinbarten Summe.

Jones öffnet ihn und beim Zählen des Geldes ragt seine Zungenspitze zwischen den Lippen hervor.

»Sie können mir vertrauen«, sage ich, während der Regen auf das Autodach prasselt.

»Nehmen Sie es nicht persönlich«, erwidert Tom Jones und lässt den Umschlag in seiner Jackentasche verschwinden. »Den Rest gibt es dann sofort nach Beendigung der Sache?«

Ich seufze laut. »Wollen Sie mich etwa beleidigen? Ich stehe zu meinem Wort.«

Er hebt begütigend die rechte Hand und grinst blöd.

»Die Informationen!«, dränge ich.

Er deutet auf das Handschuhfach vor mir. Ich öffne es und entdecke zwischen einer angebissenen Tafel Schokolade, gebrauchten Papiertaschentüchern und einem Deoroller mehrere zusammengefaltete Zettel. Im schwachen Schein der Handschuhfachbeleuchtung überfliege ich kurz die Notizen.

»Macht einen guten Eindruck«, stelle ich fest und greife nach dem Türöffner. »Sie fahren erst fünf Minuten nach mir von hier fort. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.«

»Schon klar«, erwidert Jones. Ich verlasse seinen Wagen und beeile mich, zu meinem Cadillac zu kommen. Der kurze Sprint durch den Regen reicht aus, um mich bis auf die Haut zu durchnässen.

Fünfzig Meter rechts von mir tobt der Pazifik und bricht sich schäumend an der Uferbefestigung. Der Treffpunkt ist optimal gewählt. Außer dem verrosteten Toyota von Jones und meinem Cadillac steht kein weiteres Fahrzeug auf dem Parkplatz. Niemand verspürt bei diesem Unwetter Lust auf einen Spaziergang.

Ich starte den Motor und als die Scheibenwischer über die Frontscheibe rasen, sehe ich undeutlich die Gestalt, die sich dem Wagen von Tom Jones nähert.

Das ist Albert. Zuverlässig wie immer. Zweifellos mein bester Mann. Er war früher bei der Navy und ist flink wie eine Katze.

Albert reißt die Fahrertür des Toyotas auf, dann blitzt Mündungsfeuer. Drei Schüsse. Direkt in den Kopf des Informanten. Ich kann sie nicht hören. Gewitter und Meer machen ein Getöse, als würden sie miteinander im Clinch liegen.

Um Tom Jones ist es nicht schade. Geldgierig und gewissenlos! Kein Verlust! Albert wird ihn und seinen Wagen rückstandslos verschwinden lassen.

Jones hat noch drei Tage Urlaub. Niemand wird ihn daher am Flughafen vermissen. Und ich benötige keine drei Tage, um den Coup meines Lebens zu landen. Es wird auf allen Seiten Opfer geben, aber sie sterben schließlich für die Gerechtigkeit.

Heute Nacht hatte ich nach langer Zeit wieder diesen widerwärtigen Traum vom Rasenmähen. Wenn ich abergläubisch wäre, könnte ich das für ein schlechtes Omen halten. Ich bin aber Realist. Durch und durch.

Lennard Fanlay

Jetzt regnet es bereits seit zwei Tagen. Ununterbrochen hängen graue Wolkengebirge über San Francisco. Ein Anblick, der nicht dazu angetan ist, die Laune zu heben. Für mich gibt es aber einen Stimmungsaufheller. Es ist das tägliche Glas Orangensaft in Bookbinders Bar in meinem Terminal. Gekühlt, aber nicht eiskalt und immer frisch gepresst.

Es ist früher Vormittag und Bookbinder und Barrett, sein wichtigster Mann, haben schon alle Hände voll zu tun. Die Kaffeemaschine zischt pausenlos und auch der Alkohol fließt bereits in Strömen. Drei junge Kanadier an einem Ecktisch haben schon mehrere Runden Longdrinks intus. Sie tragen T-Shirts mit dem Logo einer Eishockeymannschaft, den Vancouver Canucks.

Aus den Lautsprechern dringt in dezenter Lautstärke ein Song der Temptations. Barrett liebt deren Musik. Er war vor Jahrzehnten selbst Mitglied einer halbwegs erfolgreichen Soulband. Manchmal gibt er hinter der Bar noch ein Ständchen zum Besten.

Die Kanadier grölen und gaffen den Frauen hinterher. Bookbinder mag ein solches Verhalten überhaupt nicht. Er signalisiert Barrett, dass die Burschen von nun an keinen Drink mehr bekommen.

Erwartungsgemäß protestieren die Kanadier lautstark, als ihnen Barrett die nächste Runde verweigert. Einer von ihnen, ein schlaksiger Rotschopf, versetzt Bookbinders Angestellten einen Stoß vor die Brust. Barrett taumelt gegen den Nachbartisch. Eine Blumenvase zerschellt auf dem Fußboden.

Ich sehe, wie Bookbinder mit geballten Fäusten hinter dem Tresen hervorkommt.

»Lass mich das machen«, sage ich zu ihm.

Ich stelle mich an den Tisch der Kanadier. »Wohin fliegen Sie?«

Sie blicken mich verblüfft an, dann meint Rotschopf: »Geht dich gar nichts an!«

Ich öffne mein Jackett, sodass er die Dienstmarke sehen kann, die ich an der Innentasche befestigt habe. Gleichzeitig erhascht er so natürlich auch einen Blick auf mein Pistolenholster.

»Vancouver«, antwortet er jetzt ganz brav und stiert auf die Tischplatte.

»Wenn ihr so weitermacht, kotzt ihr das Flugzeug bereits auf der Höhe von Sacramento voll. Ihr geht jetzt also besser.«

Einer seiner Kumpel will aufbegehren, aber Rotschopf hält ihn zurück und raunt: »Das ist ein Cop.«

Barrett nennt ihnen den Rechnungsbetrag und sie zücken die Geldbörsen. Als er ihnen das Wechselgeld herausgeben will, ertönt in der Ferne ein dumpfes Grollen. Zuerst vermute ich ein neues Gewitter, doch als der Boden in der Bar erzittert und die Gläser in den Regalen klirren, ahne ich, dass etwas ganz anderes dahintersteckt.

Zuerst schrillt am Ende des Terminals eine Sirene, dann knackt es in meinem Funkgerät. »Es hat in der Metro eine Explosion gegeben«, teilt mir Rachel aus dem Überwachungsraum mit. »Und was für eine!«

Die Kanadier packen hektisch ihre Sachen zusammen.

»Bloß weg hier! Die USA waren eine echt beschissene Idee«, sagt einer von ihnen. »Hier musst du immer mit durchgeknallten Terroristen rechnen.«

Jerry Bruford

Shit! Ich dachte, ich hätte die Angst besser im Griff. Sie packt mich ganz plötzlich. Beißt sich wie ein Köter an mir fest und lässt mich für einen Moment die Übersicht verlieren. Ich stehe nur so da und sehe, wie immer mehr Leute in die Metro einsteigen. Es sind nicht so viele wie zu den Stoßzeiten, aber noch genug, dass sich mir die Frage aufdrängt, wie wir die alle unter Kontrolle halten sollen.

»Du zitterst, Kleiner«, zischt Chuck Pickett in mein linkes Ohr. »Piss dich hier bloß nicht ein. Die Sache läuft schon rund. Für uns ist nur der letzte Wagen wichtig. Und der ist bisher noch fast leer.«

Ich nicke und versuche, mich zusammenzureißen. Zähle langsam bis fünf und atme dabei in die hohle Hand. So, wie es mir der psychologische Berater während der Zeit auf dem College beigebracht hat.

Heute erzielt es aber nicht den gewünschten Effekt. Die Angst bleibt. Mir wird nur etwas schwindlig.

Chuck schiebt mich vorwärts. Wir steigen als Letzte in die Metro ein. Dieser Wagen ist tatsächlich nicht so voll wie die anderen. Wir haben aber allerdings noch zwei Stationen vor uns, also können dort jede Menge Leute zusteigen.

Wir entscheiden uns für die Sitzreihe unmittelbar neben der hinteren Tür. Von hier aus haben wir den gesamten Innenraum im Blick. Die Bahn besteht aus drei Wagen, die voneinander getrennt sind. Ein Wechsel von einem zum anderen ist also während der Fahrt nicht möglich. Diese neu erbaute Strecke ist erst seit zwei Monaten in Betrieb und endet am Flughafen. Im Terminal 3.

Chuck studiert die Leute im Wagen so eindringlich, dass es ihnen eigentlich auffallen müsste. Aber sie sind alle miteinander im Gespräch vertieft, verbergen sich hinter Zeitungen oder fummeln an ihren Handys herum. Nur ein kleiner blonder Junge schaut in unsere Richtung. Er ist höchstens fünf Jahre alt und knabbert an einer ziemlich gesund aussehenden Gebäckstange, die ihm seine Mutter in die Hand gedrückt hat. Der Kleine macht einen aufgeweckten Eindruck. Ich winke ihm zu, doch er wendet brüsk den Kopf zur Seite. Wahrscheinlich hat ihm seine Mutter beigebracht, sich nicht auf Fremde einzulassen. Das ist sehr vernünftig. Unser Land wird von Tag zu Tag gefährlicher. Weil man es vor die Hunde gehen lässt.

Dann fällt mir auf, dass sich noch ein weiterer Fahrgast für uns interessiert. Das heißt, eigentlich mustert er jeden der Anwesenden kurz. Vielleicht täusche ich mich, aber uns schenkt er ein, zwei Sekunden mehr als den anderen. Alles an ihm ist sehr korrekt. Die Frisur, der gut geschnittene Anzug und die polierten Schuhe. Nur seine Krawatte hebt sich von den gedeckten Farben seiner sonstigen Kleidung ab. Sie glitzert metallisch grün. Wie der Lack eines Sportwagens.

Ich will Chuck gerade auf den Kerl aufmerksam machen, als der ein Taschenbuch aus der Seitentasche seines Jacketts zieht und darin zu lesen beginnt. Dabei überzieht ein breites Schmunzeln sein Gesicht.

An der nächsten Station steigt nur eine junge Schwarze mit einem Baby auf dem Arm ein. Ihrer Kleidung zufolge gehört sie dem gehobenen Mittelstand an.

Zuerst der kleine Junge und jetzt noch ein Baby. Ich habe mir zuvor gar keine Gedanken darüber gemacht, dass wir hier auch Kinder antreffen würden.

Die Frau will zuerst einen Platz in unserer Nähe ansteuern, doch dann entschließt sie sich für die andere Richtung. Chuck muss ihr Angst gemacht haben. Manchmal frage ich mich, ob er wirklich hundertprozentig hinter unserer Sache steht. Aber das muss er wohl, denn die Führung würde doch keinen gewöhnlichen Kriminellen in unseren Reihen dulden. Das wäre ein Verstoß gegen alle Regeln.

Jedenfalls kann ich nachvollziehen, dass er mit seinem raspelkurzen Irokesenschnitt, dem schmalen Oberlippenbart und der Schlangentätowierung am Hals für manche ein wenig furchteinflößend wirken kann.

Ich sollte mir nun ebenfalls die einzelnen Fahrgäste genauer ansehen, damit ich weiß, auf wen ich besonders achten muss. Es könnte schließlich sein, dass ich einige Zeit mit ihnen verbringen muss. Im schlimmsten Fall zehn Stunden. Aber davon ist wohl eher nicht auszugehen. Das hoffe ich zumindest.

Zwei Mütter mit Kindern. Die eine weiß, die andere von schwarzer Hautfarbe. Solange ihre Kinder nicht direkt angegangen werden, sind sie als harmlos einzustufen.

Schräg gegenüber sitzt ein Pärchen in modisch legerer Kleidung. Die hübsche Frau mit den schwarzen Locken redet in irgendeiner südländisch klingenden Sprache auf den Mann ein. Es hört sich an, als würde sie streiten, aber dann lacht sie laut und drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Er tätschelt ihr daraufhin den Bauch.

Dann folgt ein grauhaariger Kerl, Typ Börsianer oder Banker, mit Aktenköfferchen. Garantiert studiert er gerade die Aktienkurse in seiner Zeitung. Ihre Welt besteht nur aus Gewinnmaximierung um jeden Preis. Die Mitmenschen sind ihnen dabei völlig gleichgültig. Gelten bestenfalls als sogenanntes Humankapital.

Der große Ben Witherspoon bezeichnet Leute wie diesen hier allerdings als Handlanger, für die noch Hoffnung bestände. Vorausgesetzt man öffnet ihnen die Augen für die Missstände, die sie mitzuverantworten haben.

Ein junger Bursche in Jeansjacke und Piercings in beiden Augenbrauen und Oberlippe hat nur Augen für seinen iPod.

Neben ihm sitzt ein altes Rentnerehepaar, das glatt aus einer kitschigen Fernsehserie wie »Ein Engel auf Erden« oder so stammen könnte. Er hat die Hände vor dem Bäuchlein gefaltet und sie hält ihre Handtasche fest. Beide lächeln milde und sehen dabei ziemlich zufrieden aus. Vielleicht wollen sie sich Europa ansehen. Rom, London, Paris und diese ganzen uralten Städte. Hoffentlich regt sie das Kommende nicht zu sehr auf.

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