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Terminal 3 - Folge 2

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Folge 2 – Die Sensen des Himmels

Über das Buch

Lennard Fanlay ist Sicherheitschef des Flughafen San Francisco. In jeder Folge von TERMINAL 3 löst er einen Fall. Die Geschichten werden aus seiner Sicht und der Perspektive weiterer Beteiligter geschildert.

Ein geheimes Killerkommando am Flughafen von San Francisco verbindet drei Menschen: Dr. Hazel Oldham wird getrieben von den brutalen Ereignissen in ihrer Vergangenheit. Vanessa Tyler hat eine klare Aufgabe. Wer sich ihr dabei in den Weg stellt, stirbt. Egal ob Mensch oder Dogge. Und Lennard Fanlay ist auf der Suche nach einem Phantom mit vielen Gesichtern ...

Drei Menschen. Drei Schicksale. Eine Geschichte.

Erscheint in monatlichen Folgen.

Über die Autoren

Ivar Leon Menger studierte Kommunikations-Design und arbeitet heute als Werber, Regisseur und Hörspielautor für internationale Werbeagenturen, den Axel Springer Verlag, RTL Television und Sony/BMG Music Entertainment. Seine Kurzfilme, Werbespots und Hörspiele erhielten zahlreiche Preise. Er zeichnet als Autor und Herausgeber für das Konzept TERMINAL 3 verantwortlich.

Raimon Weber lebt als Autor, Produzent und Medientrainer in Kamen und gilt als »Stephen King des Ruhrgebiets«. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt als Mitautor der Hörspielreihe Gabriel Burns.

Hazel Oldham

Ich erwache.

Ich schaue auf die Digitalanzeige des Radioweckers.

Zehn nach sechs.

Vom nahen Flughafen dröhnen die Triebwerke einer startenden Maschine. Das Hotel liegt keine drei Kilometer von den Landebahnen entfernt.

Flugzeuge stören mich nicht. Es sind die Hubschrauber, die mich zusammenzucken lassen. Das sonore Brummen ihrer Turbinen versprach den Tod.

Sensen des Himmels wurden sie genannt.

Sie fuhren wahrhaft reiche Ernte ein.

Und doch war es eine Gnade, durch sie zu sterben.

Man musste in kein von Hass und Wahn verzerrtes Gesicht sehen.

Ich setze mich auf den Boden. Der Teppich müsste dringend gereinigt werden. Er ist fleckig und fühlt sich irgendwie fettig an. Aber das ist egal. Ich stelle keine Ansprüche.

Das Flugzeug entfernt sich in östlicher Richtung. Ich habe gelernt, jederzeit die Himmelsrichtungen bestimmen zu können. Wenn ich an einem neuen Ort eintreffe, präge ich sie mir als Erstes ein. Ich kann diese ehemals lebenswichtige Angewohnheit einfach nicht ablegen.

Meine linke Seite schmerzt. Da, wo der Granatsplitter eindrang und noch immer steckt. Die Ärzte sagen, ihn zu entfernen, stelle ein beträchtliches Risiko dar. Bei der Operation könnte der Zentralkanal des Rückenmarks beschädigt werden.

Sie haben recht. Das weiß ich. Ich bin ... Ich war ja selbst Ärztin:

Dr. Hazel Oldham.

Lennard Fanlay

Ich blicke auf meine Armbanduhr.

Zehn Minuten nach sechs.

Ich sehe den Lichtern der startenden Boeing 737 nach. Fünfmal in der Woche fliegt sie die Strecke San Francisco – Washington. Zwischenstopp in Chicago. Kein Abflug ist pünktlicher.

Man kann die Uhr danach stellen.

Der Panoramaraum im Terminal drei ist menschenleer.

Auf den weißen Fliesen liegt ein schwarzes Pelztier. Es ist ein Gorilla. Natürlich kein echter.

Ich muss bei dem Gedanken unwillkürlich lächeln. Ein lebendiger Gorilla würde hier für einige Aufregung sorgen. Und doch wäre so ein Ereignis wesentlich angenehmer, als vieles, was ich als Sicherheitschef des Terminals bisher erleben musste.

Der Gorilla ist ungefähr dreißig Zentimeter groß und sehr flauschig. Nur seine Nase fühlt sich hart an. Sieht aus, als wäre sie aus echtem Leder.

Jemand hat ihn verloren. Vermutlich ist der Besitzer – vielleicht ein Vater, der das Mitbringsel für Sohn oder Tochter bereits vermisst – mit der 737 unterwegs in die Hauptstadt.

Routinemäßig taste ich das Plüschtier noch einmal ab.

Keine Bombe, kein geheimes Drogenversteck.

Misstrauen gehört nun mal zu meinem Job.

Ich beschließe, den Gorilla im Kinderhort abzuliefern. Der öffnet aber erst um sieben.

Ich gähne. Brian hat sich krankgemeldet. Sonst würde ich jetzt in meinem Bett liegen.

Brian glaubt, sich einen Virus eingefangen zu haben. Der Flughafen wäre ja voll davon, sagt er. Die Leute schleppen sie aus aller Herren Länder ein.

Ich halte das für einen Vorwand. Brian stinkt die Arbeit. Es würde mich nicht wundern, wenn er sich nach etwas anderem umsieht.

Wir sind völlig unterbesetzt, aber das ist ihm wohl egal.

Ich werde ihn mir mal zur Brust nehmen müssen.

Ich brauche jetzt dringend eine Tasse Kaffee.

Mein neuer Assistent Marc hat Dienst im Überwachungsraum. Ich werde ihm Gesellschaft leisten und den Affen dort zwischenlagern.

Wie sieht denn das aus, wenn der Sicherheitschef mit einem Plüschgorilla durch die Gegend rennt?

Ich werfe durch die riesige Fensterfront einen letzten Blick auf die Landebahn.

Vor dem Terminal steht eine mächtige Maschine – ein Airbus der Air France. Scheinwerfer tauchen das Flugzeug in grellweißes Licht. Zwei Männer in reflektierender Sicherheitskleidung hantieren an einem Tankwagen. Eigentlich ist es aber gar kein Tankwagen, sondern eine fahrbare Pumpstation, mit der man das Kerosin aus den unterirdischen Tanks des Rollfelds fördert.

Um Viertel nach acht startet Air France nach Paris. Zweimal in der Woche. Montags und mittwochs.

Ich seufze unwillkürlich. Beth wollte immer nach Paris. Ich hatte damals weder das notwendige Kleingeld, noch die Zeit dafür. Heute besitze ich noch nicht einmal ein Foto von Beth. Ich habe alle Erinnerungsstücke verbrannt. Aus gutem Grund, wie ich finde.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich halte auf der Empore inne und schaue auf die sogenannte Mall des Terminals hinab. Unsere schnurgerade Hauptstraße unter dem hohen Aluminiumdach. Gesäumt von Souvenirshops, Bars, Fast-Food-Restaurants und kleinen Geschäften, in denen der Reisende all das erstehen kann, was er in der Eile vergessen hat.

Die ersten Läden öffnen gerade.

Der Boden ist überall weiß gefliest.

Eine völlige Fehlplanung. Was wohl edel aussehen sollte, treibt unsere Reinigungsexperten tagtäglich in den Wahnsinn. Gummiabrieb von Schuhsohlen und Gepäcktrolleys und die allgegenwärtigen festgetretenen Kaugummis. Obwohl das Ausspucken von Kaugummi unter Strafe steht. Kostet zehn Dollar. Kümmert aber keinen.

Auch jetzt ist im Eingangsbereich eine Gestalt in der gelben Kluft unserer Putzkolonnen damit beschäftigt, die klebrigen Überreste zu entfernen. Es ist Kenny. Mit einem Spezialgerät sprüht er heißen Dampf auf die Fliesen.

Das Geräusch, ein hässliches, nervtötendes Zischen, ist selbst aus der Entfernung zu hören.

Zwei Männer mittleren Alters und eine junge Frau schlendern die Mall entlang. Die Herren in lässigen Anzügen, die Brünette in einem schicken dunkelblauen Kostüm.

Sie lacht. Es klingt angenehm und ungekünstelt. Eine schöne, helle Stimme. Sie sagt etwas zu den Männern. Auf Französisch.

Ah ja ... der Airbus der Air France. Die drei sind aber früh dran.

Sie nehmen die Treppe zur Empore. Vermutlich wollen sie in den Panoramaraum.

Ich gehe ihnen entgegen. Als wir uns auf gleicher Höhe begegnen, versuche ich ein »Bon jour!«.

Die Franzosen grüßen freundlich zurück, und ich rieche kurz das dezente Parfüm der Frau.

In der Mall tauchen jetzt immer mehr Leute auf. Gleich gehen Flüge nach Seattle und Phoenix.

Ein Mann fällt mir auf. Er hat kein Handgepäck. Als er mich sieht, mustert er mich kurz und wendet sich dann den Auslagen eines Geschäfts zu.

Im Schaufenster gibt es aber gar nichts zu sehen. Der kleine Laden ist pleite. Das Interesse an zeitgenössischer kalifornischer Malerei und Holzschnitzereien hielt sich in Grenzen.

Während ich an dem Mann vorbeischlendere, präge ich mir sein Äußeres ein.

Alter Ende vierzig, schulterlanges graues Haar, unrasiert. Jeans, schwarzes Hemd, schwarze Jacke. Hose und Hemd sind ein paar Nummern zu groß. Vielleicht hat er in der letzten Zeit aus irgendwelchen Gründen an Gewicht verloren.

Er stiert noch immer in das leere Schaufenster. Ich bin sicher, dass er mein Spiegelbild in der Glasscheibe wahrnimmt.

»Nächsten Monat eröffnet da ein Donut-Laden«, sage ich im Vorübergehen.

Der Grauhaarige dreht sich zu mir um.

»Ah so«, macht er und versucht ein Lächeln. Er schwitzt ein wenig.

»Nach Seattle?«, frage ich. Er scheint mir eher der Seattle-Typ zu sein. Die Stadt mit der enormen Selbstmordrate ... ständig mieses Wetter.

Er nickt. »Seattle, genau.«

Der Mann folgt einer Gruppe Reisender in Richtung Wartehalle. Der Schalter der Fluglinie ist  geöffnet.

Marc sitzt vor den Monitoren im Überwachungsraum. Vor ihm liegen ein Schreibblock und ein Kugelschreiber. Marc hat sich neuerdings angewöhnt, alles, was ihm auch nur im Geringsten ungewöhnlich erscheint, zu notieren. Er benutzt dafür gern Zahlencodes, die nur er entschlüsseln kann.

Die Seite des aufgeschlagenen Blocks ist leer.

»Alles in Ordnung, Mr Fanlay«, teilt er mir überflüssigerweise mit, ohne den Blick von den Monitoren zu nehmen. Marc hat noch immer Probleme damit, mir in die Augen zu sehen. Eigentlich hat er dieses Problem mit jedem.

Ich schütte mir Kaffee ein und platziere den Gorilla auf einen Monitor.

»Ein Affe!« Marc kichert unterdrückt. »Ich sah, wie Sie ihn gefunden haben. Wusste aber nicht genau, was es war. Dachte schon, es wäre eine tote Ratte.«

Ich überlege, ob ich mich bei meinem Rundgang am Hintern gekratzt habe oder den Finger in der Nase hatte. Dem Burschen scheint ja nichts zu entgehen.

»Gehen Sie auf Kamera fünf«, sage ich.

Marc verkneift sich ein »Warum?«, und ich betrachte auf einem Bildschirm den Schalter der Northern Standard Airline.

Ungefähr zwei Dutzend Leute befinden sich dort. Ich mache einen Kameraschwenk.

Auch auf den Wartebänken kann ich den Grauhaarigen nicht entdecken. Vielleicht ist er auf der Toilette oder hat bereits eingecheckt.

Marc kann seine Neugierde nicht länger unterdrücken: »Suchen Sie was Bestimmtes?«

»Nein«, brumme ich und lasse mich in einen Bürosessel fallen. »Ich schließe mal für fünf Minuten die Augen. Wecken Sie mich, falls wir angegriffen werden.«

»Öh ... wie?«, macht mein Assistent und kapiert dann, dass ich einen lauen Scherz gemacht habe.

Vanessa Tyler

Ich trinke einen Kräutertee.

Es heißt, das Zeug wäre gut für den Magen. Das ist mir scheißegal. Hauptsache, es wirkt sich nicht auf den Kreislauf aus. So was kann ich nicht gebrauchen. Kaffee ist Gift.

Nicht, dass ich ein Gesundheitsapostel wäre – ich halte nichts von biodynamischer Ernährungsweise oder morgendlichen Wechselbädern, aber ich lege Wert darauf, dass sich der Zustand meines Körpers permanent auf einem ausgeglichenen Level befindet. Der Ausstoß von Adrenalin geschieht bei mir ohnehin automatisch und stets im passenden Moment.

Ich habe das Café ausgewählt, weil es schon zu so früher Stunde gut besucht ist. Da fällt man nicht auf. Beim Personal bleibt keine Erinnerung zurück.

Der Tresen ist vollständig besetzt, und selbst an den kleinen Tischen ist kaum noch ein Platz frei. Dabei ist es gerade mal sieben Uhr.

Ich setze mich auf einen Barhocker und stelle den kleinen Reisekoffer neben mir ab.

Die Blondine hinter der Theke hat sich mir gleich mit Namen vorgestellt: Mary. Sie wollte wohl ein Schwätzchen mit mir halten.

Ich hasse diese aufgesetzte Vertraulichkeit, die typisch für die Westküste ist. Ich habe so getan, als würde ich mich intensiv der Lektüre des San Francisco Chronicle widmen.

Ich blättere die Zeitung kurz durch.

Keine Meldung über das Verschwinden des Sensenmannes.

Hätte mich auch gewundert. Außerhalb des Konzerns weiß nur eine Handvoll Leute, dass er sich in den Staaten aufhält.

Aber trotzdem ist er aufgeflogen.

Neben mir verlässt ein Mann seinen Platz. Sofort rückt ein neuer Gast nach.

Es ist Murphy.

Wir haben nur eine Sekunde lang Blickkontakt. Er legt den rechten Zeigefinger an sein Ohr.

Alles klar! bedeutet das.

Murphy schwitzt. Seine grauen Haare sind strähnig. Es kommt mir eine Spur zu ungepflegt vor. Er hätte sich rasieren und kämmen sollen.

Noch beunruhigender finde ich allerdings, dass die Speisekarte in seiner linken Hand zittert.

Nur ein wenig, aber doch genug, um zu zeigen, dass er sich nicht auf einem ausgeglichenen Level befindet.

Er wurde mir empfohlen. Hat schon früher für den Konzern gearbeitet. Zumeist Spitzeldienste. Welcher Politiker sich wann und wo mit Prostituierten trifft, kokst und sonst irgendetwas tut, das ihn erpressbar macht.

Murphy ist sich für keinen Dreck zu schade und stellt keine Fragen.

Ich kann nicht alles selbst erledigen.

Darf mich nicht überall blicken lassen.

Auch wenn ich äußerst wandelbar in meiner Erscheinung bin.

Murphy ist nicht mehr als ein Schnüffler und Handlanger.

Meine Aufgabe ist es, alles aus dem Weg zu räumen, was die positiven Bilanzen des Konzerns schmälern könnte.

Da gibt es keine Kompromisse.

»Alles läuft gut«, murmelt Murphy plötzlich in mein linkes Ohr.

Ich gehe sofort auf Distanz und werfe ihm einen eiskalten Blick zu.

Ist er jetzt völlig durchgedreht?

Keine verbale Kommunikation!

Er hat mir doch schon durch das vereinbarte Zeichen signalisiert, dass es keine Schwierigkeiten gibt.

Das ist leichtsinnig, stümperhaft ... unentschuldbar!

Mary stellt Murphy einen Kaffee hin. Ich beobachte, ohne den Kopf zu heben, wie er sehr viel Zucker und Milch in die Tasse schüttet und dann hastig trinkt.

Er wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und schließt kurz die Augen, als müsse er sich sammeln.

Das gefällt mir nicht.

Ist das Arschloch etwa krank? Gestern machte er noch einen ganz passablen Eindruck.

Reiß dich verdammt noch mal zusammen, Murphy!

Die letzten Stunden deines Lebens wirst du wohl noch hinkriegen.

Hazel Oldham

Ich bete nur einmal am Tag.

Denn meine Gebete sind lang. Es gibt viele Menschen, die ich darin einbeziehen muss.

Zuletzt nenne ich Glorias Namen.

Immer.

Zumeist hilft mir das Beten.

Auch, wenn ich mir nicht sicher bin, ob Gott mein Tun gutheißen wird.

Aber ich hoffe auf sein Verständnis.

Manchmal beschwört das Gebet die Vergangenheit.

So wie jetzt.

Ich sitze an dem kleinen Tisch in meinem Hotelzimmer.

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