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Tee mit Ayman

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gefördert aus Ökumenemitteln der EKHN

ASTRID RUPPERT studierte Literaturwissenschaft und arbeitete danach mehrere Jahre als Producerin und Redakteurin für das Fernsehen, bevor sie anfing zu schreiben. Ihr erster Roman, die Weihnachtsgeschichte Obendrüber da schneit es, wurde 2010 erfolgreich für das Fernsehen verfilmt. Seitdem sind drei weitere Romane erschienen: Wenn nicht jetzt, wann dann?, Ziemlich beste Freundinnen und Wenn´s am schönsten ist. Sie schreibt Drehbücher, unter anderem Erfolge wie Frauenherzen, Zweibettzimmer und Apropos Glück. Seit 2015 engagiert sie sich ehrenamtlich für Geflüchtete, weil sie davon überzeugt ist, dass die Erde allen Menschen gleichermaßen gehört und man sich gemeinsam auf ihr arrangieren muss und kann.

Vorwort

Flüchtlinge! Das war 2015 plötzlich das große Thema in Deutschland. Als in meinem Nachbarort im Vogelsberg gerade eine leerstehende, alte Schule zu einer kleinen Gemeinschaftsunterkunft für zwanzig Flüchtlinge umgebaut wurde, und ich zudem hörte, dass es hier eine Fortbildung zum ehrenamtlichen Flüchtlingsbegleiter geben würde, beschloss ich, mich dort zu engagieren. Ich hatte – und habe immer noch – das Gefühl, im Leben viel Glück gehabt zu haben, und dass es an der Zeit war, etwas davon weiterzugeben an Menschen, die weniger davon abbekommen haben als ich.

Schon nach den ersten Begegnungen mit den Geflüchteten beschäftigten mich so viele neue Eindrücke und Gedanken, dass ich sie gerne mit anderen teilen wollte. In der Alsfelder Allgemeinen Zeitung wurde ab September 2015 ein Jahr lang eine wöchentliche Kolumne über meine Begegnungen und Erlebnisse mit Flüchtlingen veröffentlicht. Diese Texte und einige mehr habe ich in diesem Buch versammelt.

Die Namen der Geflüchteten, von denen ich erzähle, sind fiktiv, die Erlebnisse sind es nicht: Wer mit Geflüchteten zu tun hat, erkennt sicher vieles wieder. So erhebe ich keinen Anspruch auf besonders originelle oder außergewöhnliche Berichte über ganz unglaubliche Begegnungen. Vielmehr geht es um eine persönliche Reflexion des ganz normalen Alltags, um eine Beschreibung des Tagesgeschäfts der ehrenamtlichen Arbeit, die Kämpfe mit der Bürokratie, Begegnungen von Okzident und Orient, die manchmal zum Lachen und Weinen gleichzeitig sind.

Auch jetzt, im Frühjahr 2017, da die Kolumnen in Buchform erscheinen, hat sich noch nicht so viel verändert, dass der Lauf der Zeit sie überholt hätte. Vieles ist noch immer aktuell. Viele Probleme sind noch immer ähnlich, teilweise haben sie sich sogar verstärkt.

Die Verschärfung des Asylrechts hat manche Grundvoraussetzungen verändert: So erhalten Syrer inzwischen kein uneingeschränktes Asyl mehr, sondern lediglich subsidiären Schutz. Er gilt so lange, bis der Krieg in Syrien beendet sein wird, bedeutet jedoch zugleich, dass der Familiennachzug für zwei Jahre ausgesetzt ist: Es wird also spätestens jetzt unmöglich, Familien zusammenzuführen. Umzüge in andere Orte, zu Verwandten oder Freunden sind erschwert bis unmöglich. Gleichzeitig haben die Abschiebungen nach Afghanistan begonnen, was zu neuen, sehr bewegenden und auch teilweise tragischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Asyl führt. UNICEF beklagt, dass unbegleitete Minderjährige in Deutschland zu lange in Erstaufnahmelagern ohne kindgerechte Betreuung und Lebensmöglichkeiten verweilen müssen, die Lehrer an den Schulen sind überfordert, weil sie zu wenig zusätzliche Mittel zur Integration geflüchteter Kinder erhalten, die Jobcenter halten oft die Füße still, wenn es um die Vermittlung geflüchteter Arbeitsloser geht, die arbeiten dürften, die Formularflut hält an, die kein Geflüchteter alleine bewältigen kann. Ein Sozialarbeiter, der Flüchtlinge betreut, hat im Durchschnitt im Monat pro Flüchtling eine Stunde Zeit, Fahrtzeit und Bürozeit zur Bearbeitung des Besprochenen inklusive.

Das alles bedeutet, dass die Beratung, die durch die Kirchen durchgeführt wird, und die ehrenamtliche Arbeit noch immer – und teilweise sogar noch unverzichtbarer als vorher – wichtige Bestandteile des Integrationsprozesses sind.

Für den Ehrenamtler beginnt der Prozess da, wo so viele Prozesse beginnen: Am Küchentisch. Mit Tee. Mit viel Tee, mit viel Zucker, vielen Gesprächen und einem sich immer weiter entwickelnden Dialog. Wenn man sich denn darauf einlässt …

Mai 2017

August 2015

Die Angst vorm ersten Mal

Als ich mich letzte Woche auf den Weg machte, um im Nachbarort die neu ankommenden Flüchtlinge zu begrüßen, war ich aufgeregt. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich sogar ein bisschen Angst.

Flüchtlinge kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen und aus Zeitungsberichten. In meinem Kopf existieren die Bilder, die wir alle kennen, weil wir sie täglich sehen. Menschenströme, die sich durch Landschaften ziehen. Gedrängt volle Bahnsteige, überfüllte Züge. Erschöpfte Menschen, die am Straßenrand sitzen, dunkle Augen, die fragend in die Kameras schauen.

Aber wie ist es, wenn man plötzlich vor einem Menschen steht, der all das mitgemacht hat, was wir nur vom Bildschirm kennen? Wie begegnet man sich? Ich zerbreche mir den Kopf, was ich jemandem bloß sagen könnte, der mich aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht versteht? In meinen Büchern kann ich mit Worten umgehen. Aber hier? Ich übe „Willkommen“ auf Arabisch, und hoffe, dass ich es richtig ausspreche und nicht versehentlich etwas anderes, völlig Beklopptes sage.

Und was ziehe ich an? Ich weiß, dass überwiegend Männer kommen werden. Ich ziehe das T-Shirt wieder aus, das ich zuerst anhatte, vielleicht ist der Ausschnitt ja doch zu tief? Ich schlüpfe in eine Bluse und einen Rock. Hm. Vielleicht ist der Rock zu kurz? Sind nackte Beine überhaupt okay? Oder doch lieber eine Hose? Aber ich habe selten Hosen an. Muss ich mich jetzt anders anziehen, nur weil ich Flüchtlingen begegne? Ich bin doch ich und will ihnen auch genau so gegenübertreten. Letztlich ziehe ich ein Kleid an, das im Ausschnitt hochgeschlossen ist und wenigstens das Knie bedeckt. Damit fühle ich mich wohl. Das bin ich, so wie ich immer angezogen bin, mit kleiner Rücksichtnahme darauf, dass unsere im Gegensatz zu den arabischen Ländern freizügige Kultur eventuell ein Schock sein könnte. Gut, das Begrüßungswort und das Kleiderproblem sind gelöst, nur stellt sich die nächste Frage:

Was könnte ich mitbringen? Kekse? Oder Kuchen? Nüsse und Datteln? Oder doch lieber Schokolade? Die Flüchtlinge kommen aus den großen Auffanglagern, vielleicht freuen sie sich ja, wenn sie etwas aus ihrer Heimat wiedererkennen? Andererseits wollen wir sie hier mit etwas Deutschem begrüßen. Es kann ja auch eine Mischung aus allem sein? Ich beschließe, Datteln, Nüsse, Kekse und Schokolade mitzubringen. Aber wie? Ich überlege bestimmt eine Viertelstunde lang, ob ich alles dort in den Tüten einfach auf den Tisch lege? Ob es einen Teller geben wird, auf den ich alles kippen kann? Oder ob ich den lieber gleich selbst mitbringe? Und wenn ja, was für einen? Bis ich den Kopf über mich selbst schüttele … Da kommen Menschen aus dem Krieg, nach der Flucht und nach Wochen in überfüllten Camps, und ich mache mir Gedanken um eine Kekspräsentation!

Unbekannte Situationen machen uns Angst. Die Angst ist ein menschlicher Schutzinstinkt. Sie bewahrt uns davor, in Situationen zu geraten, die wir nicht einschätzen können. Gefahren ausgesetzt zu werden, die wir nicht kennen. Flüchtlingen zu begegnen ist – noch – eine unbekannte Situation für uns. Aber wie groß muss die Angst der Menschen gewesen sein, dass sie ihre Angst vor dem Unbekannten überwinden und einfach loslaufen, um dem Schrecken zu entkommen, der jetzt bei ihnen zuhause herrscht. Dass sie wochenlang unter freiem Himmel in Straßengräben schlafen, während ich ja schon Angst habe, im eigenen Garten im Freien zu übernachten, weil Waschbären kommen könnten. (Mein menschlicher Schutzinstinkt ist anscheinend gut ausgeprägt!)

Die tatsächliche Begegnung verläuft dann ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Mein arabisches Wort habe ich natürlich vergessen, als die sechs jungen Männer vor mir standen, aber für das deutsche „Willkommen“ haben sie sich auch bedankt. Und ich lerne, dass es tatsächlich möglich ist, sich zu unterhalten: 1. Die Sprache des Lächelns wird von allen verstanden. 2. Die Sprache von Keksen und Tee auch. 3. Und dann gibt es Gesten: Ayman, ein junger Mann aus Syrien, trägt für mich einen Stuhl aus einem der Zimmer in den Flur, weil er bemerkt hat, dass ich dort lange Zeit gestanden habe.

Da habe ich mir doch gerne Gedanken um die beste Kekspräsentation für den Nachmittag gemacht. Falls es jemanden interessiert: Ich habe einen großen Teller mitgebracht und die Süßigkeiten in bunten Serviettennestern angerichtet. Also, sah hübsch aus. Und ich glaube sogar, dass es von den Männern wahrgenommen wurde.

September 2015

Ein syrisches Gastmahl

Wir machen mit dem Frosch – so heißt mein grüner, alter Renault mit dem besonders großen Kofferraum – einen ausgiebigen Einkaufstrip zum einzigen türkischen Supermarkt der Gegend in der nächsten Stadt. Und während drei der neu angekommenen Syrer – Ayman, Djamil und Sîpan – einmal durchgehen, um alles anzuschauen und das Sortiment zu sondieren, spüre ich, wie sich immer mehr freudige Aufregung bei den drei jungen Männern aufbaut. Ich hatte ihnen versprochen, herauszufinden, wo es den nächsten türkischen Markt gibt, um mit ihnen dort einzukaufen, jetzt sind sie begeistert. Sie zeigen auf Lebensmittel, rufen sich Wörter zu, lachen, freuen sich über alles, was sie entdecken, und fangen an, ihren Einkaufswagen zu beladen. Zuerst Gemüse, Unmengen von Gemüse. Sîpan steht vor dem ganzen gebündelten Grünzeug, schnuppert an den Blättern, bricht sich kleine Stückchen ab, die er probiert, bis er den Geschmack findet, den er sucht. Dann legt er das grüne Bündel in den Wagen, der sich rapide gefüllt hat. Zur besonderen Freude der Männer gibt es jetzt: Fleisch! Als Moslems dürfen sie nur Fleisch von Tieren essen, die auf bestimmte Weise geschlachtet, also geschächtet wurden. In den Erstaufnahmelagern, in denen sie viele Wochen verbracht haben, haben sie sehr wenig Fleisch gegessen. Die Gesichter der Syrer strahlen. Essen ist Heimat!

Die Gerichte, die meine Mutter mir gekocht hat, wenn ich hungrig aus der Schule nach Hause kam, lösen heute noch sofort so etwas wie ein Heimatgefühl in mir aus. Und als ich eine Zeit lang in England gelebt habe, da haben mich die Päckchen von zuhause mit Roggenvollkornbrot und meiner Lieblingsschokolade wahrscheinlich ähnlich strahlen lassen. Ein in Berlin lebender Schulfreund aus Fulda kauft sich jedes Mal, wenn er in Fulda ist, ein Bauernbrot mit Kümmel, weil es das bei der ganzen Vielfalt der Berliner Bäckerzunft nicht gibt. Und weil es für ihn nach Heimat schmeckt.

Als wir die Sachen in den Kofferraum laden, der so voll ist, als würde ich in Urlaub fahren, werde ich für den Abend eingeladen zu einem syrischen Essen. Den Syrern ist es wichtig, ihre Dankbarkeit zu vermitteln. Sie wollen uns damit aber auch etwas von ihrer Heimat zeigen, etwas von ihrer Identität. Denn die ist, neben ihren Smartphones und den Kleidern, die sie auf dem Leib tragen, das einzige, was sie mitnehmen konnten auf dem langen Marsch quer durch Europa.

Genau in dem Moment, als wir dann abends in die Flüchtlingsunterkunft kommen, geht in der Küche der Rauchmelder los, weil das Frittieröl qualmt. Vor lauter Aufregung beim Kochen wurde der Wasserkocher auf eine heiße Herdplatte gestellt und das verschmorte Plastik sorgt für zusätzliche Rauchentwicklung. Hektisches Chaos begrüßt uns! Aber dann werden wir in eines der Zimmer geführt, wo eine fürstliche Tafel gedeckt wurde: Der Tisch biegt sich unter der duftenden Last der Speisen. Es gibt Fleisch in einer Joghurtsuppe, Fattousch, Salat mit gebratenem Brot, Reis, mit Hackfleisch und Tomaten gefüllte Auberginen und frittierte Kartoffelstücke, die an Pommes erinnern. Die Jungs müssen den halben Tag lang gekocht haben. Und das Essen war einfach großartig.

Die haben ja alle ein Smartphone!

Den Satz höre ich immer wieder und er überrascht mich. Wenn ich heute mein Zuhause verlassen müsste, weil es nicht mehr sicher ist, weil mein Dorf zerstört wurde und mein Leben in Gefahr ist, was nehme ich dann mit? Ich würde meine bequemsten und stabilsten Schuhe anziehen, funktionelle Kleidung, mein ganzes Geld zusammenkratzen für die Schlepper, die ich vielleicht bezahlen muss, meine Wasserflasche füllen und loslaufen. Mein Smartphone wäre natürlich dabei. Es wäre eines der wichtigsten Dinge, die ich mitnehme. Denn es funktioniert als Kompass und Landkarte, als Familienalbum mit den Fotos meiner Lieben, als Übersetzer, als Währungsrechner, es ist klein und passt in jede Jackentasche. Und das Wichtigste: Es funktioniert als Verbindung in die Heimat, um zu hören, ob die Zurückgelassenen noch leben. Um ihnen sagen zu können, dass ich noch lebe. Die Geflüchteten kommen oft mit nichts außer dem, was sie am Leibe tragen, und wir können nicht ahnen, welches Leben sie zurückgelassen haben. Bei den meisten hat das Smartphone so selbstverständlich zum Alltag gehört wie bei uns auch. Die Flüchtlinge, die die Gemeinschaftsunterkunft in Nieder-Ofleiden erreicht haben, sind keine unzivilisierten Buschbewohner, sondern hochqualifizierte junge Männer. Auf den Weg machen sich die, die physisch und psychisch stark genug sind, die Gefahren und Belastungen der Flucht auszuhalten. Warum also sollten ein Arzt, ein Taxifahrer, ein Ingenieur oder ein Anstreicher kein Smartphone besitzen? Das besitzen die Ärzte, Taxifahrer, Ingenieure und Anstreicher hier auch.

Ich hatte lange Zeit ein altes Handy, die Zahlen waren so abgegriffen, dass man sie kaum noch lesen konnte. Aber als meine Tochter ein Auslandsjahr in Kanada verbracht hat, habe ich mir mein erstes Smartphone zugelegt und das Ding – anders als vorher – immer bei mir gehabt. Nachts hat es neben mir auf dem Nachttisch geschlafen, war auf ganz laut gestellt, damit ich ja keinen Anruf verpasse, falls meine Tochter mich mal ganz schnell braucht. Das Smartphone war wie eine Nabelschnur. Man ist nicht mehr ganz so getrennt voneinander.

Ayman hat ein ziemlich großes, ziemlich verkratztes Smartphone, dessen Display zersprungen ist. Er sieht meinen Blick und hält es mir hin, damit ich es mir anschauen kann. Das würde er niemals hergeben, sagt er, selbst wenn es nicht mehr benutzbar ist. Als sein Entschluss zu fliehen feststand, haben seine Freunde für ihn gesammelt und ihm das Smartphone zum Abschied geschenkt, um immer mit ihm in Kontakt bleiben zu können. Mit extra großem Display, damit sie sich gut sehen, wenn sie die Chance haben, miteinander zu skypen. Die Geflüchteten, die ich bisher kennengelernt habe, hätten ihre Heimat niemals verlassen, wenn dort ihr Leben nicht bedroht wäre. Sie haben Heimweh, und ihr Smartphone ist ihre Verbindung nach Hause. Und ich wünsche jedem einzelnen von ihnen von Herzen, dass immer jemand abhebt, wenn sie damit zuhause anrufen.

Feste feiern, wie sie fallen

Der Vermieter des Hauses der Nieder-Ofleidener Flüchtlingsunterkunft ist türkischer Herkunft und wie alle Muslime feierte er letzte Woche das Opferfest. Und zwar zusammen mit den Flüchtlingen und den Deutschen, die sich mit viel Engagement um sie kümmern. Ich musste erst nachlesen, was es damit überhaupt auf sich hat, aber Wikipedia hilft in so einem Fall ja immer schnell weiter: Das Opferfest ist der höchste muslimische Feiertag, also vergleichbar mit unserem christlichen Osterfest. Man gedenkt dabei der Geschichte Ibrahims, der bereit war, seinen Sohn zu opfern. Das ist gar keine so fremde Geschichte: Christen kennen sie aus dem Alten Testament, wo Abraham seinen Sohn opfern will, um seine Gottesfurcht zu beweisen, von Gott aber – zum Glück! – zurückgehalten wird, er hat schnell noch einen Engel mit einem Lamm geschickt. Im Alten Testament geht es ja oft recht ruppig zu. Nach islamischer Tradition opfert jeder, der es sich leisten kann, zu diesem Fest ein Tier, teilt das Fleisch mit anderen, die nicht so viel haben, und feiert mit Familie und Freunden.

Genau das wurde hier in Nieder-Ofleiden gemacht. Es wurde gegrillt, Salatplatten wurden angerichtet und es gab mehr als genug für alle. Wir saßen zusammen an Biertischen hinter dem Dorfgemeinschaftshaus und als ich am Rande stand und den Blick über alles schweifen ließ, dachte ich, es ist eigentlich genau so wie bei unseren Dorffesten auch. Die Männer stehen am Grill und grillen das Fleisch, die Frauen machen in der Küche Salate, kochen den Kaffee und backen den Kuchen. Es wird geplaudert und gelacht, mit Händen und Füßen geredet, und hinterher sind alle zu satt, um noch Pieps zu sagen. Und auch wenn es ein religiöser Feiertag war, den Christen hier nicht begehen, war es schön, zusammen zu feiern, denn es hat keine Rolle gespielt, nach welchem Glauben jeder Einzelne lebt. Man kann zusammen am Tisch sitzen und essen und fröhlich sein, solange keiner versucht, den anderen davon zu überzeugen, dass irgendeine Religion besser oder richtiger ist, und jeder den anderen respektiert.

Vor über zweihundert Jahren hat der deutsche Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing das Theaterstück „Nathan der Weise“ geschrieben, das immer noch ganze Generationen von Schülern lesen müssen, ohne zu ahnen, warum sie sich eigentlich wochenlang gähnend durch jahrhundertealten Blankvers quälen müssen. Ja, ich habe auch dazugehört! Heute verstehe ich es, und mein früherer Deutschlehrer möge mir verzeihen, wenn ich es ganz einfach interpretiere: In „Nathan der Weise“ ist jede Religion gut, solange sie die andere respektiert, das Gute sucht, und Frieden schafft. Dann versuchen wir doch mal, das zu tun, was uns Herr Lessing schon vor über zweihundert Jahren vorgeschlagen hat. Beim Grillen am letzten Samstag hat das schon mal gut geklappt. Und gähnen musste dabei keiner.

Es zieht eine dunkle Wolk’ herein …

Als ich letztens bei den Flüchtlingen vorbeigeschaut habe, war die Stimmung gedrückt, es hing eine richtig düstere Wolke über dem Küchentisch. Zwei der oft sehr heiteren und freundlichen Bewohner aus Syrien, Ayman und Mohammad, wirkten niedergeschlagen und traurig. Und es dauerte eine Weile, bis sie damit herausrückten, was eigentlich los ist. Ayman hat schlechte Nachrichten aus der Heimat bekommen. Eine Bombe hat das Haus seiner Schwester von einer Minute auf die andere zerstört. Die Schwester ist zum Glück mit kleinen Verletzungen davongekommen, weil sie nicht direkt im Haus war. Aber sein Onkel, dessen Haus bei diesem Angriff ebenfalls bombardiert wurde, erlitt sehr schwere Verletzungen. Ayman schaute alle zwei Minuten auf sein Smartphone, um nachzugucken, ob er eine neue Nachricht von der Familie bekommen hat. „Das ist der Krieg“, sagt er. „Man kann nichts machen. Nichts.“ Hilflos stimme ich ihm zu, und spüre zum ersten Mal ganz unmittelbar neben mir diese bittere Unabänderlichkeit des Krieges. Man kann nichts machen. Nichts.

Verzweifelt ist auch Mohammad.

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