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Te quiero heißt, ich liebe Dich

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Strahlender Sonnenschein und das tiefblaue glitzernde Mittelmeer, das heute nur leichten Wellengang hatte, versetzten Jane in Hochstimmung, während sie auf dem schmalen Surfbrett immer mehr an Sicherheit gewann. Der Wind war gerade stark genug, um sie aus der kleinen Bucht hinaus aufs offene Meer zu treiben.

Sie hatte es geschafft! Vor einer Woche hatte sie sich zum ersten Mal aufs Surfbrett gewagt, und jetzt war sie endlich so weit, dass sie allein aufs Meer hinausfahren konnte. Nun brauchte sie Hans und seine Unterrichtsstunden nicht mehr! Sie konnte surfen, so, wie sie wollte, und musste sich nach niemandem mehr richten.

Jane wusste, dass sie einen hübschen Anblick auf dem Wasser bot. Sie hatte kurzes, dunkles Haar und eine sehr schlanke, makellose Figur. Obwohl sie auf den ersten Blick zerbrechlich wirkte, war Jane ziemlich kräftig und robust, was ihr die Männer jedoch nie so recht glaubten. Schon seit sie ein Teenager war, hatte sie ständig vom anderen Geschlecht zu hören bekommen, was sie angeblich alles nicht konnte.

“Du bist nicht stark genug, das Segel außerhalb der Bucht zu halten”, hatte Hans gesagt, und das hatte Jane auf die Palme gebracht.

“Françoise, diese Französin, ist gestern auch hinausgesurft, und bei ihr hast du kein Wort gesagt!”, hatte Jane protestiert. “Sie ist auch nicht größer als ich. Warum machst du dann bei mir so ein Theater?”

Hans hatte jedoch nur gelacht. “Françoise surft schon seit Jahren, und davor ist sie gesegelt. Im Gegensatz zu dir kennt sie sich mit Wind und Seegang aus …”

“Aber heute ist der Wind nicht stark! Wenn ich die Bucht nicht verlassen darf, lohnt sich der ganze Aufwand doch gar nicht!”

Hans hatte sie einen Augenblick lang nachdenklich angesehen und sich dabei über den dichten Schnurrbart gestrichen. “Wenn du unbedingt die Bucht verlassen willst, kann ich dich natürlich nicht davon abhalten. Aber warnen muss ist dich trotzdem. Du gehörst noch immer zu den Anfängern. Warum nimmst du fürs erste Mal nicht eins der kleineren Bretter?”

“Ach, du meinst, ich soll ein Kindersurfbrett nehmen?”, hatte Jane sich aufgeregt. Das unterdrückte Schmunzeln auf Hans’ Gesicht war ihr nicht entgangen.

“Ja, warum nicht?” Dass Hans sich köstlich über sie amüsierte, war Jane nicht entgangen. Dass sie das fast zur Weißglut brachte, wollte sie sich jedoch nicht anmerken lassen.

“Damit bräuchte ich ja ewig, um aus der Bucht hinauszukommen, weil der Wind nicht stark genug ist”, hatte sie eingewandt, doch Hans, der offenbar keine Lust mehr hatte, sich mit ihr zu streiten, hatte bereits dem nächsten potenziellen Kunden entgegengesehen.

Jane hatte so getan, als würde sie nachgeben. In Wahrheit aber hatte wilde Entschlossenheit sie gepackt. Sie nahm das Surfbrett, das sie die ganze letzte Woche gehabt hatte, und schob es ins Wasser. Hans würde sich noch wundern! Sie war zwar klein, aber keineswegs schwach und zerbrechlich. Das würde sie allen beweisen!

Jane war fast am Ende der Bucht angelangt, als ein Schnellboot dicht an ihr vorüberzog und dabei so starke Wellen schlug, dass es ihr das Segel aus der Hand riss. Sie versuchte krampfhaft, auf dem schaukelnden Brett stehen zu bleiben. Doch als das Boot zurückkam und eine enge Schleife um ihr Surfbrett drehte, verlor sie das Gleichgewicht und landete im Wasser. Wütend zog sie sich wieder hoch, strich das nasse Haar aus dem Gesicht und setzte sich auf. Was fiel diesem unverschämten Kerl ein? Wenn er wiederkam, würde sie ihm gehörig die Meinung sagen, ganz gleich, wer es war.

“Was für eine Überraschung! Ich dachte, du hättest es aufgegeben, auf Mallorca Urlaub zu machen.” Die warme, dunkle Stimme mit dem leichten spanischen Akzent war Jane nur allzu gut bekannt.

“Miguel!” Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Jane fühlte sich sofort zurückversetzt in die Zeit vor fünf Jahren, als sie noch ein Teenager gewesen war – gefangen im Netz des faszinierendsten Mannes, dem sie je begegnet war. Sofort begann ihr Herz höherzuschlagen, wie damals, wenn Miguel in ihrer Nähe war. Sei vernünftig, Jane, versuchte sie sich zu beruhigen. Du bist zweiundzwanzig und keine siebzehn mehr …

“Weißt du was, Jane? Ich hatte ganz den Eindruck, dass du uns absichtlich aus dem Weg gehst. Oder habe ich mich da getäuscht?” Miguel musterte sie so eindringlich von oben bis unten, dass ihr vor Verlegenheit das Blut in die Wangen schoss.

“Da hast du völlig recht!”, fuhr sie ihn an. “Ich bin nur auf dieser Insel”, sie betonte das Wort “nur” dabei, “weil ich hier einen Ferienjob gefunden habe.” Verglichen mit der kühlen blonden Schönheit an Miguels Seite, kam Jane sich vor wie ein Mauerblümchen. “Und wie ich sehe, bist du ja bereits in bester Gesellschaft. Wenn ihr mich nun entschuldigen möchtet, ich surfe nämlich weiter!”

“Du hast doch nicht etwa vor, die Bucht zu verlassen?”, rief Miguel ihr gegen den Wind zu.

“Und wenn schon, was geht dich das an?”, entgegnete sie schnippisch.

“Sei nicht kindisch, Jane! Der Wind da draußen ist zu stark. Du wirst das Segel nicht halten können. Du bist doch sicher vernünftig genug, einen gut gemeinten Ratschlag anzunehmen?”

Jane wäre Miguel vor Wut am liebsten an die Kehle gesprungen. Kaum war er da, musste er sich schon in ihre Angelegenheiten mischen! Warum ließ sie sich nur immer von ihm aus der Fassung bringen? Schließlich war sie kein Teenager mehr, sondern eine Frau von zweiundzwanzig, die ihre Gefühle besser im Griff haben sollte. Jane schluckte ihren Zorn hinunter und antwortete so ruhig wie möglich: “Also gut, ich bleibe in der Bucht. War nett, dich wiederzusehen, Miguel.”

Dann nahm sie das Segel auf, winkte kurz und ließ sich weitertreiben.

Jane blieb nichts anderes übrig, als so lange in der Bucht zu bleiben, bis Miguels Boot verschwunden war. Während sie sich langsam zurück in Richtung Festland treiben ließ, dachte sie darüber nach, wie er sie behandelt hatte, als sie noch ein Teenager gewesen war. Sie biss die Zähne zusammen. Miguel de Tarrago hatte sich nicht verändert. Sicher würde er bei der erstbesten Gelegenheit seiner Schwester erzählen, dass ihre kleine Schulfreundin auf der Insel war. Warum hatte er ausgerechnet jetzt hier auftauchen müssen? Was tat er überhaupt auf Mallorca?

Na ja, irgendwann muss selbst Miguel einmal Urlaub machen, überlegte Jane. Seine Familie besaß die schönste Villa in dieser Gegend. Und wenn Jane ehrlich war, musste sie zugeben, dass Miguel immer noch der attraktivste Mann war, den sie kannte. Obwohl sie während der letzten fünf Jahre alles versucht hatte, das Bild dieses Mannes aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen, war es ihr nicht gelungen.

Jane hörte, wie das Boot erneut von hinten auf sie zukam und wappnete sich für den nächsten Angriff. Miguel umkreiste sie ein letztes Mal und verschwand dann mit der schönen Blondine aufs offene Meer.

Während das Surfbrett im Kielwasser des Schnellbootes heftig schaukelte, stieß Jane die schlimmsten Verwünschungen aus. Sie würde es Miguel de Tarrago zeigen!

Nachdem Jane die schützende Bucht verlassen hatte, stellte sie überrascht fest, dass der Wind hier draußen tatsächlich sehr viel stärker blies. Es kostete sie ihre ganze Kraft, das Segel in der richtigen Position zu halten und dabei nicht vom Brett zu fallen.

Einerseits war es herrlich, so rasend schnell übers Wasser zu gleiten, doch andererseits wurde es Jane nun doch ein bisschen mulmig. Der Wind war hier mindestens zehnmal so stark wie in der Bucht. Hatte sie ihre Kräfte vielleicht doch überschätzt? Schon nach wenigen Minuten war sie viel weiter aufs offene Meer hinausgetrieben, als sie ursprünglich vorgehabt hatte. Die Wellen wurden immer höher und machten es zunehmend schwer, auf dem Brett zu bleiben.

Plötzlich drehte der Wind, Jane verlor das Gleichgewicht und fiel zum zweiten Mal ins Wasser. Wütend zog sie sich wieder hoch. Als sie auf dem Brett saß, wurde ihr erschreckend bewusst, dass sie es niemals schaffen würde, aus eigener Kraft zurück zum Festland zu kommen.

Trotzdem wollte sie nicht aufgeben. Sie stand wieder auf und versuchte erneut, gegen den harten Seegang anzukämpfen. Nach einer halben Stunde kräftezehrender Bemühungen ließ sie sich schließlich erschöpft aufs Brett sinken. Erst jetzt bemerkte sie, wie weit sie sich inzwischen von der schützenden Bucht entfernt hatte. Hans musste sie gesehen haben, als sie die Bucht verlassen hatte. Wahrscheinlich wollte er sie zur Strafe für ihre Dummheit zappeln lassen und schickte nur deshalb kein Boot hinaus.

Die Wellenberge wurden immer höher, sodass Jane das Festland kaum noch sehen konnte. Jetzt bekam sie wirklich Angst. Was sollte sie tun, und vor allem, was würde man sagen, wenn sie nicht rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz erschien? Sie war in einer der großen, exklusiven Villen, die die Bucht umgaben, für den ganzen Sommer als Köchin engagiert worden.

Heute Abend sollte Jane ein Dinner für zwölf Personen vorbereiten. Ihre Chefin, Mrs. Waters, war zwar nett und sah die Dinge ziemlich locker, aber das auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Sie wäre alles andere als begeistert, wenn die erste Dinnerparty dieses Sommers im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fiele. Glücklicherweise hatte Jane schon am Morgen den Hauptgang des Menüs vorbereitet. Trotzdem gab es noch viel zu tun, und Kate, die ihr am Abend helfen würde, würde unmöglich alles allein schaffen.

Jane seufzte auf. Wer wusste überhaupt, dass sie surfen gegangen war? Aus ihrer Villa jedenfalls niemand. Selbst wenn jemand sie an den Strand hatte gehen sehen, würde man sie hier draußen überhaupt finden? Man hatte ihr zwar stets gesagt, dass das Mittelmeer nicht ungefährlich sei, doch sie hatte alle Warnungen leichtfertig in den Wind geschlagen.

Jane ertappte sich dabei, wie sie insgeheim hoffte, Miguel würde ihr zu Hilfe kommen. Ihm müsste klar gewesen sein, dass sie genau das Gegenteil von dem tun würde, was er ihr geraten hatte. Warum kam er dann nicht her? Weil er sich wahrscheinlich gerade mit dieser Blondine vergnügt, beantwortete Jane sich selbst die Frage. Ich war ihm noch nie wichtig. Für ihn war und bin ich nur die kleine Freundin seiner Schwester, die man so schön necken und herumkommandieren kann.

Krampfhaft schluckte Jane die aufsteigenden Tränen hinunter und sagte sich immer wieder, dass sie nicht in Gefahr war. Mit ein bisschen Glück würde sie von ganz allein in die nächste Bucht treiben. Außerdem fuhren hier so viele Boote herum, dass sie früher oder später einfach entdeckt werden musste. Suchend schaute Jane sich um, konnte jedoch außer Wellenbergen nichts mehr sehen.

Als nach einer weiteren Viertelstunde immer noch kein Boot auftauchte, begann Jane, leise vor sich hinzuweinen. Ihrer bezaubernden schönen Umgebung konnte sie nun nichts mehr abgewinnen.

Plötzlich dröhnte in unmittelbarer Nähe ein Motor laut auf. Es hörte sich zwar nicht nach Miguels Boot an, doch das war Jane egal. Schnell stand sie auf und winkte mit beiden Händen, musste dann aber gleich wieder in die Knie gehen, um das Gleichgewicht auf dem stark schaukelnden Surfbrett nicht zu verlieren. Der kurze Blick hatte jedoch genügt, um sie in Panik zu versetzen. Sie trieb nicht zurück in die Bucht, sondern weiter aufs offene Meer hinaus – Richtung Menorca!

Dann aber hörte sie das Boot näher kommen und sandte ein Dankgebet zum Himmel. Der Fahrer hatte sie gesehen!

Der Mann steuerte sein Boot so nah wie möglich an Jane heran und warf ihr dann geschickt ein Seil zu. “Machen Sie es unten am Segel fest”, schrie er ihr vom Boot aus zu. “Können Sie über die Seite zu mir rübersteigen?”

Es war nicht sehr schwer, sich mit dem Surfbrett an das schmale Motorboot heranzuziehen, und als Jane das geschafft hatte, kletterte sie leichtfüßig an Bord.

“Hören Sie, wenn Sie wollen, dass ich Ihr Brett heil zurückbringe, müssen Sie sich ans Lenkrad stellen und die Nase des Bootes immer in Richtung Leuchtturm dort drüben halten, verstanden?” Der Mann wartete einen Moment, um zu sehen, ob Jane begriffen hatte, was er von ihr wollte. “Alles klar?”

So erschöpft, wie sie war, konnte sie nur wortlos nicken. Sie tat wie geheißen und konzentrierte sich darauf, genau die vorgeschriebene Richtung einzuhalten. Dabei wagte sie nicht, sich nach ihrem Surfbrett umzusehen. Wenn es ihrem Retter nicht gelang, es zürückzubringen, würde ihre Dummheit sie wahrscheinlich fast ihren gesamten Sommerlohn kosten.

Als der Mann nach vorne kam, ließ sie das Lenkrad wieder los und setzte sich erschöpft hinter ihm aufs Deck.

“Ich fürchte, wir schaffen es nicht bis zu unserer Bucht”, rief er ihr gegen den Wind zu, ohne sich dabei umzudrehen. “Wir werden in den Hafen einlaufen müssen. Der Seegang ist ziemlich stark, also bleiben Sie am besten, wo Sie sind, und halten das Surfbrett fest, damit wir es nicht verlieren, okay?”

Jane bemühte sich, seinen Anweisungen genau zu folgen. Die hohen Wellen spülten viel Wasser ins Boot, und sie musste höllisch aufpassen, dass das sperrige Surfbrett, das kaum in den engen Raum des Motorbootes passte, nicht seitlich ins Wasser abrutschte.

Trotzdem atmete sie auf. Dieser Fremde hatte sie gerettet. Der Himmel wusste, was geschehen wäre, wenn er sie nicht entdeckt hätte. Und er sprach auch noch Englisch! Janes Spanisch war zwar sehr gut, doch sie wusste nicht, ob sie in ihrer Aufregung imstande gewesen wäre, auch nur einen vernünftigen Satz herauszubringen.

Jetzt erst merkte Jane, wie sehr sie fror. Sie zitterte am ganzen Körper und versuchte, gegen die Schwäche in ihren Gliedern anzukämpfen.

“Hier!” Der Mann warf ihr ein Handtuch zu. “Tut mir leid, dass Sie dort unten sitzen müssen, aber hier draußen ist es ziemlich stürmisch. Deshalb konnte ich das Surfbrett auch nicht ins Schlepptau nehmen.”

Dankbar legte Jane sich das Handtuch um die Schultern und wischte sich die Tränen und das Salzwasser vom Gesicht. Der Mann hatte im Gegensatz zu ihr anscheinend keine Mühe, auf dem stark schaukelnden Boot ruhig stehen zu bleiben.

Er trug knielange Baumwollshorts und ein blaues, dünnes Baumwollhemd, das seinen schlanken, aber sehr sportlich gebauten Körper gut zur Geltung brachte.

Wow, dachte Jane. Wie muss der Typ erst von vorn aussehen! Er trug eine Sonnenbrille, und Jane hatte in ihrer Aufregung zunächst gar nicht auf sein Äußeres geachtet. Der Fremde war etwa Mitte zwanzig und verbrachte offensichtlich viel Zeit im Freien, da seine Haut von der Sonne tief gebräunt war.

Jane blieb folgsam auf ihrem unbequemen Platz sitzen, bis das Boot die schützende Bucht erreicht hatte. Sofort spürte sie, wie der Wind nachließ und die Wellen sanfter wurden.

Jetzt kann ich mich eigentlich nach vorne setzen, überlegte sie. Das Surfbrett fällt bestimmt nicht mehr herunter. Doch in dem Moment, als sie aufstand, gab der Fremde Gas, und Jane landete unsanft auf dem Hosenboden.

“Oh, Verzeihung, ich hatte nicht bemerkt, dass Sie aufgestanden waren.” Seine weißen Zähne blitzten auf, als er sie amüsiert betrachtete. “Ihretwegen komme ich noch zu spät zu meiner Verabredung.” Er streckte Jane die Hand entgegen und half ihr auf die Beine. “Und jetzt setzen Sie sich besser richtig hin.” Er wies auf einen der weichen Sitze neben ihm, und Jane folgte zögernd seiner Aufforderung.

Das Boot glitt schnell übers Wasser, wobei der Rumpf durch die Wellen heftig auf-und niederging. Jane hatte sich Motorbootfahren ganz anders vorgestellt. Hier vorne auf dem Sitz war es zwar bequemer, aber trotzdem wurde sie kräftig durchgeschüttelt, wenn das Boot von einer Welle auf die nächste sprang. Sie war nur froh, dass sie nicht mehr hinten auf dem harten Holz sitzen und das Surfbrett halten musste.

“Keine Angst, es fällt nicht runter”, sagte der Mann zuversichtlich. “Sie hatten verdammtes Glück, dass ich zufällig sah, wie Sie die Bucht verließen. Die meisten Leute hier halten nämlich nachmittags Siesta. Das mag Ihnen vielleicht ungewöhnlich erscheinen. Aber glauben Sie mir, es hat wirklich etwas Gutes, sich während der größten Hitze auszuruhen. Wenn Sie heute Morgen rausgefahren wären, hätten sie wahrscheinlich keine Probleme bekommen. Das Segel ist zu schwer für Sie. Ich verstehe nicht, warum Hans Sie nicht gewarnt hat.”

Jane konnte sich nicht helfen, aber irgendwie ärgerten sie seine Worte. Natürlich hatte ihr der Fremde durch seine Hilfe ein paar unangenehme Stunden auf dem Meer erspart. Aber in Todesgefahr war sie nicht gewesen, sodass er sich also nicht als Lebensretter aufzuspielen brauchte. Wahrscheinlich hielt er sie für eine einfache Touristin, die hier nur zwei Wochen Urlaub machen wollte.

“Ich bin erheblich stärker, als ich aussehe!”, erwiderte sie schließlich gereizt. “Und außerdem hat er mich gewarnt”, fügte sie hinzu, obwohl es ihr schwerfiel, zuzugeben, dass Hans recht gehabt hatte.

“Natürlich sind Sie das!” Der Fremde grinste schelmisch. “Aber man sollte seine Kräfte niemals überschätzen, besonders wenn man sich in die unberechenbare See hinausbegibt.”

Die Art, wie er mit ihr sprach, machte Jane wütend. Er behandelte sie wie einen dummen Teenager. Immerhin war sie normalerweise sehr gut in der Lage, selbst auf sich aufzupassen. “Danke für den Ratschlag. Nächstes Mal werde ich daran denken.”

“Sehr vernünftig.” Endlich nahm der Mann die Sonnenbrille ab und zeigte Jane seine dunklen braunen Augen mit den ungewöhnlich langen Wimpern. Sein Grinsen wurde dabei immer breiter.

Jane sah ihn entgeistert an. Sie war davon überzeugt gewesen, dass es sich um einen Engländer handelte. Seinem Aussehen nach zu schließen, war er jedoch zweifellos Spanier. Er war groß, wirkte elegant, ja sogar ein bisschen einschüchternd, und er strahlte eine besondere Art von Selbstbewusstsein aus. Entweder ist er sehr vornehm oder sehr reich, oder beides, fuhr es Jane durch den Sinn.

“Ich dachte, Sie seien Engländer!”, sprach sie spontan ihre Gedanken aus.

“Ja, aber nur zur Hälfte”, erwiderte der Mann immer noch lächelnd und setzte die Brille wieder auf.

“Wieso haben eigentlich ausgerechnet Sie mich gesehen, als ich die Bucht verließ? Ich dachte, Hans wäre für die Sicherheit der Surfer verantwortlich.”

“Sagen wir einfach, Sie hatten Glück, dass ich zufällig gerade nach jemand anderem Ausschau hielt, bis ich plötzlich Sie entdeckte.”

Jane wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie war fast sicher, dass er sie mit dem Fernglas beobachtet hatte. Am besten war es wohl, das Thema zu wechseln. “Väterlicher- oder mütterlicherseits?”, fragte sie deshalb zusammenhanglos.

Einen Moment lang blickte der Mann verwirrt drein, bis ihm dämmerte, wovon sie sprach. Er lachte. “Ach, Sie meinen, welcher von beiden Engländer war? Meine Mutter stammt aus London”, erklärte er, als Jane nickte. “Haben Sie noch nicht gemerkt, dass Hans sich mehr für blonde Fräuleins interessiert? Darüber hatte er Sie ganz vergessen, und als ihm wieder einfiel, dass man Sie zurückholen musste, war es schon zu spät, sein eigenes Boot zu holen. Als ich ihm dann meine Hilfe anbot, war er sichtlich erleichtert.”

Der Mann verlangsamte das Tempo, um in den kleinen Yachthafen einzulaufen, und steuerte dann auf einen Anlegeplatz zu, der offensichtlich ihm gehörte. Dort stand ein kleiner Junge, der allem Anschein nach bereits auf ihn gewartet hatte, und der Mann warf ihm das Tau zu, damit er das Boot damit sichern konnte. Danach sprang der Junge an Bord, und die beiden unterhielten sich so schnell auf Spanisch, dass Jane sich anstrengen musste, um überhaupt etwas zu verstehen.

Erst jetzt fiel ihr ein, wie schrecklich sie vermutlich aussah – mit nassem, völlig zerzaustem Haar, tränenverschmiertem Gesicht und mit nichts am Leib außer ihrem Badeanzug und dem Handtuch um die Schultern. Schließlich befand sie sich hier nicht in irgendeiner Einöde, sondern im Hafen einer kultivierten Stadt.

Kein Wunder, dass der Fremde sie behandelte wie ein Kind, denn so sah sie auch wirklich aus.

“Carlos, Liebling! Wo warst du denn bloß so lange?”

Jane zuckte entsetzt zusammen, als sie sah, wer an der Mole stand und sie erwartete: das unerträglichste Mädchen, das sie kannte. Welche Ironie des Schicksals! Ausgerechnet jetzt musste ihr Juanita über den Weg laufen. Jane wusste, dieses Mädchen würde sich mit Genuss über sie lustig machen.

Carlos sprang aus dem Boot und streckte Jane hilfreich die Hand entgegen, bevor er sich lächelnd an das andere Mädchen wandte. “Tut mir leid, dass ich zu spät komme, Juanita, aber diesmal hatte ich wirklich einen triftigen Grund. Ich musste mich um …, sorry, wie war doch Ihr Name?” Er grinste erneut und gab dann Juanita einen leichten Kuss auf die ausgestreckte Hand.

Juanita warf Jane einen giftigen Blick zu. Sie trug einen weißen Minirock und ein pfirsichfarbenes T-Shirt und sah wie immer blendend aus. “Hi, Jane. Was in aller Welt machst du denn hier, und noch dazu mit Carlos? Deine Mutter sagte mir, du würdest diesen Sommer arbeiten.”

“Stimmt”, erwiderte Jane gereizt. So, wie Juanita sich an Carlos hängte, war ihr klar, dass sie damit zeigen wollte, dass er zu ihr gehörte. Und wehe, es machte sich eine andere an ihn heran!

Juanita de Tarrago war wirklich die Letzte, der Jane in ihrem augenblicklichen Zustand hatte über den Weg laufen wollen. Als Kind war Juanita gehässig und gemein gewesen, und Jane konnte sich kaum vorstellen, dass sie sich geändert hatte. Dabei hatte sie ihre Eltern beschworen, nichts über ihren Aufenthalt auf Mallorca zu verraten, und ausgerechnet Juanita hatten sie es gesagt.

“Ihr beide kennt euch?” Carlos machte ein so verdutztes Gesicht, dass Jane sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen konnte. Also hatte sie recht gehabt. Er hatte sie für einen kleinen Niemand gehalten und nicht im Traum damit gerechnet, dass sie eines der reichsten Mädchen Spaniens kannte.

Juanita lachte geziert. “Wir sind zusammen zur Schule gegangen, das ist alles.”

“Warum erzählst du ihm nicht, dass wir Busenfreundinnen waren?”, forderte Jane sie spöttisch lächelnd heraus.

Juanita zuckte gleichmütig die Schultern. “Ich glaube kaum, dass ihn das interessiert, nicht wahr, Carlos? Nun, wie dem auch sei …”, sie wandte sie wieder an Jane, “auf jeden Fall sieht es so aus, als ob du wieder mal was angestellt hättest. Du konntest dich mit einem Nein noch nie abfinden, stimmt’s? Man hat dir doch bestimmt gesagt, dass du nicht außerhalb der Bucht surfen sollst. Aber die liebe Jane musste ja mal wieder ihren Kopf durchsetzen!” Sie lächelte triumphierend, als sie Jane ansah, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte. “Aber jetzt mal was anderes – warum arbeitest du überhaupt? Du weißt doch, dass du jeden Sommer bei mir wohnen …”

Jane konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Wie satt sie dieses ewige Spiel hatte. Sie schluckte die bissige Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, herunter und zwang sich zu einem honigsüßen Lächeln. “Du weißt doch, dass ich lieber unabhängig bin, Juanita.”

“Natürlich, aber geht deine Unabhängigkeit nicht ein bisschen zu weit, wenn nicht mal deine …, ähm …, beste Freundin wissen darf, wo du dich aufhältst?”

Jane zuckte nur die Schultern. So war Juanita schon immer gewesen. Für sie zählte nur ihre eigene Meinung, und dabei verstand sie es hervorragend, sie anderen Menschen aufzuzwingen.

Carlos holte eine Handvoll Münzen aus der Hosentasche und blickte dabei verständnislos von einem Mädchen zum anderen. Anscheinend konnte er nicht begreifen, dass es auch Menschen gab, die keinen Wert auf eine Freundschaft mit den Tarragos legten.

“Nehmen Sie bitte das Geld, Jane. Sie müssen leider mit dem Taxi nach Hause fahren. Ich muss nämlich dringend weg. Juanita und ich haben noch etwas Wichtiges zu erledigen. Das Surfbrett ist hier gut aufgehoben, und …”, er grinste erneut über beide Ohren, “Sie können sich morgen bei mir bedanken und mir das Geld zurückgeben, wenn Sie möchten, okay?”

Da Jane nichts anderes übrig blieb, als sein Angebot anzunehmen, streckte sie widerwillig die Hand aus, um das Geld entgegenzunehmen. Carlos hielt ihre Hand dabei viel länger als nötig fest und hauchte ihr, bevor Jane protestieren konnte, einen zarten Kuss darauf. Jane wollte sich keine Blöße geben, also ließ sie es geschehen. Wer will schon etwas mit einem Mann zu tun haben, der dumm genug ist, sich mit Juanita de Tarrago einzulassen, selbst wenn er so gut aussieht wie Carlos, sagte sie sich, während sie den beiden nachblickte, als sie die Mole verließen und in einen großen weißen Mercedes stiegen.

Obwohl Jane für den Rest des Tages viel zu tun hatte, drängte sich ihr ständig Miguels Bild auf. Gereizt schob sie die Gedanken an ihn beiseite. Carlos hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass er sie morgen sehen wollte, und das im Beisein von Juanita. Jane machte sich keine Illusionen über dieses Mädchen. In ihrem Bemühen, andere zu kränken, war sie schon immer gut gewesen.

Jane hatte Juanita bereits als kleines Mädchen kennengelernt. Sie hatten sich miteinander befreundet, weil Juanita darauf bestanden hatte, obwohl sie von Freundschaft ganz andere Vorstellungen zu haben schien als Jane. Juanita wurde von ihrer Familie wie eine kleine Prinzessin behandelt, und wenn diese es sich in den Kopf gesetzt hatte, dass das englische Mädchen ihre Freundin sein sollte, dann musste es auch so sein.

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