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Tausendmal ist nichts passiert

1. KAPITEL

Alexander Wentworth der Dritte, kurz Lex genannt, konnte ein sehr geduldiger Mann sein, wenn er es wollte. Am Finanzmarkt zum Beispiel, an der Börse oder beim Wertpapierhandel. Wenn es darum ging, den richtigen Moment abzupassen, konnte Lex warten. Das war eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit.

Auch wenn ein leichter Wind aus Nord-Nord-Ost an der Küste Cornwalls blies und er nichts anderes zu tun hatte, als auf seiner Jacht eine langbeinige Schönheit aus ihrem diamantenbesetzten Bikini zu schälen, konnte Lex geduldig sein. Das Verführen von Frauen sollte man genießen, und genau das tat er auch. Sooft er dazu Gelegenheit bekam.

Beharrlichkeit und Geduld gehörten zweifellos zu seinen Tugenden.

Doch ausgerechnet jetzt ließen sie ihn im Stich. Und das lag nicht an den fünfzehn Stunden Flug, die er bereits hinter sich hatte. Auch nicht an den weiteren zehn Stunden Flug samt Zwischenlandung in Singapur, die auf dem Weg von London nach Sydney noch vor ihm lagen. Sondern einzig und allein an seiner neuen persönlichen Assistentin, die ihm wahnsinnig auf die Nerven ging.

Ihr Name war Sienna Raleigh. Sie arbeitete erst seit Kurzem für ihn und sollte seine „rechte Hand“ sein – eine Art Chefsekretärin sozusagen. Sienna besaß ein abgeschlossenes Studium der Kunstgeschichte, makellose Umgangsformen und ein Lächeln, das einem Mann den Boden unter den Füßen wegziehen konnte.

Bei ihrem ersten Treffen war Sienna fünf Jahre alt gewesen. Der damals elfjährige Lex hatte kaum glauben können, dass die freche Göre seine Überlegenheit auf allen Gebieten in keiner Weise anerkannte. Das hatte ihn verärgert und zugleich fasziniert. Und es hätte ihm eine Warnung sein sollen, Sienna niemals einzustellen – schon gar nicht als persönliche Assistentin. Gegen ihre rebellische Art hatte er schon damals nichts ausrichten können, und er bezweifelte, dass er es heute konnte.

„Gibt es noch Börsenberichte zu lesen?“, erkundigte er sich.

„Du meinst, außer den Dutzenden, die du bereits verschlungen hast?“, erwiderte Sienna, ohne den Blick von ihrer Lektüre abzuwenden. „Nein.“

„Und hast du noch eine Zeitung dabei, die ich nicht gelesen habe?“

„Du hast auch schon alle Zeitungen durchgearbeitet.“

„Ich will nur auf Nummer sicher gehen.“ Lex wandte sich nur eine Sekunde ab. „Und bei dir? Was liest du da?“

„Einen Flughafenroman.“ Die langgezogene Betonung amüsierte Lex. Scheinbar hatte sie keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Er und Sienna gingen sich wohl gegenseitig auf den Geist. „Ich bin gerade an der Stelle, wo der Held – ein brillanter, interessanter, feingeistiger, attraktiver Mann – die Bösewichte eigenhändig erledigt und anschließend die wunderschöne, aber betrügerische Frau verlässt, die ihn verraten hat.“

„Das klingt doch ganz glaubwürdig“, flachste Lex. „Halt mich auf dem Laufenden, wie es weitergeht.“ Eine Weile trommelte er mit den Fingern auf der Armlehne herum, bevor er sich seufzend durch die Unterhaltungskanäle schaltete.

Sienna sah von ihrem Buch auf und richtete die warmen, grünbraunen Augen auf Lex. „Gib es zu, du würdest vor innerer Unruhe am liebsten in diesem Flieger herumtigern wie ein Raubtier im Käfig.“

„Das stimmt nicht.“

„Und du willst mein Buch!“

„Nein, auf keinen Fall – zumindest nicht, bevor du fertig bist.“

„Das bin ich noch nicht.“

„Für mich klang es so.“

„Es gibt noch einen Epilog, ein Nachwort.“

„Du liest Epiloge?“

„Ich möchte nichts verpassen. Außerdem werde ich dafür bezahlt, ein Auge für Details zu haben. Das stand ausdrücklich in meiner Stellenbeschreibung, erinnerst du dich?“

„Stand da nicht auch etwas davon, dass du mir jeden Wunsch von den Augen ablesen musst?“

„Vielleicht in deinem Entwurf. Deine alte Chefsekretärin hat wohl alles, was mit Sklaverei zu tun hatte, aus dem Vertrag gestrichen, bevor sie ihn mir geschickt hat.“

„Sie war wirklich eine tolle Assistentin“, seufzte Lex. „Ich verstehe immer noch nicht, warum sie ihren Job an den Nagel gehängt hat, um sich ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle zu widmen.“

„Wirklich unbegreiflich“, flötete Sienna.

„Du arbeitest gern für mich, oder?“

„Lex, ich bin seit gerade einmal drei Tagen deine persönliche Assistentin, und bisher ging es drunter und drüber. Ich musste fünf Konferenzen umorganisieren, zweimal unsere Reise umbuchen, den Vorsitzenden einer renommierten Investmentbank fünfzehn Minuten in der Leitung halten, deine alte Sekretärin anflehen, weiterhin auf Stundenbasis für dich zu arbeiten und mich selbst mindestens ein Dutzend Mal daran hindern, dich zu erschießen!“

„Es war eben ein ruhiger Start … Aber glaub mir, in Australien werden wir mehr um die Ohren haben. Es wird dir gefallen.“

Mit der Hand strich Sienna über die mit feinstem Nappaleder bezogene Armlehne ihres Sitzes, während ihr Blick durch den Passagierraum schweifte. Ein Flug in der Businessklasse hatte durchaus seine Vorzüge. „Apropos Australien: Ich halte es nach wie vor für keine gute Idee, dass wir beide zusammen in einem Haus wohnen. Ein Monat ist eine lange Zeit, Lex.“

„Es ist ja auch kein kleines Haus, sondern ein riesiges Anwesen. Du wirst einen ganzen Flügel für dich allein haben. Dein Weg ins Büro beträgt mindestens fünfzig Meter. Bisher hat sich noch keine meiner persönlichen Assistentinnen je darüber beschwert.“

„Aber es arbeitet auch keine von ihnen noch für dich. Wenn ich nun mal ein bisschen Abstand von dir und der Arbeit brauche? Wenn ich mich unterhalten möchte? Oder wenn du dich amüsieren willst?“

„Denkst du allen Ernstes, dass wir dafür Zeit haben werden?“

„Wer weiß?“ Sienna erhob sich aus ihrem Sitz und streckte sich ausgiebig. Dabei kehrte sie Lex den Rücken zu und bot ihm Gelegenheit, die schmale Taille und den kleinen festen Po zu betrachten. „Vielleicht habe ich Zeit.“

Nicht, solange er das verhindern konnte. Was ihm wahrscheinlich gelingen würde.

Nicht zum ersten Mal kam ihm in den Sinn, dass Sienna nicht ganz unrecht hatte. Vielleicht würde es tatsächlich anstrengender werden, mit ihr ein Haus zu teilen, als er sich das zunächst vorgestellt hatte. Er und Sienna waren sich in den letzten Jahren kaum begegnet. Schon vor einer halben Ewigkeit hatten sich ihre Wege getrennt, und sie führten völlig unterschiedliche Leben. Genau so hatte auch jedes Mal seine Antwort gelautet, wenn seine Mutter nach Sienna gefragt hatte. Jugendfreundschaften gingen oft auseinander. Punkt. Und sollte es tatsächlich noch einen anderen Grund geben, aus dem Lex auf Distanz zu Sienna gegangen war, so ging das nur ihn selbst etwas an.

Merkwürdigerweise reagierten Lex’ Körper und sein Verstand ziemlich unterschiedlich, wenn es um Sienna ging. Sein Verstand wollte, dass alles so blieb, wie es war: Lex trat als Siennas Mentor auf, manchmal auch als ihr Beschützer und ab und zu sogar als ihr Feind.

Sein Körper hingegen wünschte sich Sienna nackt unter ihm. Heiß und erregt. Seinen Namen stöhnend …

„Lex?“

Die Stimme passte, nur der Ton leider nicht. Wo blieb das atemlose Seufzen? Das sehnsüchtige Wimmern einer Frau, die sich nichts mehr wünschte als die Befriedigung ihrer Lust …

„Alex!“

Als er aufsah, trafen sich ihre Blicke. Sienna wedelte ungeduldig mit einem Prospekt vor seinem Gesicht herum. Es war die Broschüre einer Baugesellschaft aus Schanghai, deren Aktien demnächst an der New Yorker Börse gehandelt werden sollten. Kürzlich hatte er den Namen der Firma Sienna gegenüber erwähnt, und sie hatte ihn sich wohl gemerkt.

„Für mich? Aber das wäre doch nicht nötig gewesen“, frotzelte er.

„Betrachte es als den Spielzeug-Lkw, den jede Mutter in der Handtasche hat. Nur für den Fall, dass sie mal ihre Ruhe braucht und ihren Jüngsten ein wenig ablenken möchte.“ Sie schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. Dann griff sie wieder nach dem Roman und vertiefte sich sogleich darin.

„Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Das Unternehmen steckt tief im US-Immobiliengeschäft mit drin. Die werden früher oder später sowieso untergehen.“

„Dann sieh zu, dass du daraus noch Profit schlagen kannst. Das machst du doch sonst auch immer.“

Sie hatte recht. Wieder einmal. Plötzlich verlor Lex sein Interesse an Siennas Broschüre. Viel wichtiger war es, die quälende Leidenschaft zu zerstreuen. Wenn er Sienna schon nicht verführen durfte – und das war wirklich völlig undenkbar –, musste er ihr eben auf andere Weise seine Stärke demonstrieren. Vielleicht sollte er noch einmal ganz deutlich darauf hinweisen, dass er es nicht duldete, wenn sie unter seinem Dach Männerbesuch empfangen würde.

„Was unser Zusammenwohnen betrifft …“

„Du meinst wohl unsere zufälligen Zusammentreffen in gemeinsamen Wohnbereichen?“, stichelte Sienna und hob eine Augenbraue. „Und wie wir darauf reagieren sollten, wenn der andere noch jemanden bei sich hat?“

Obwohl Lex lächelte, brodelte es gewaltig in ihm. Ganz offensichtlich wollte sie sich mit ihm anlegen. Es wäre geradezu unhöflich von ihm, nicht darauf einzugehen. „Wenn du mich tatsächlich mit einer Gefährtin antreffen solltest, werde ich dich freundlich bitten, uns Gesellschaft zu leisten. Woraufhin du mir wahrscheinlich einen deiner berühmt-berüchtigten Blicke – ja, genau den meine ich – zuwerfen wirst. Danach, vermute ich, wirst du freiwillig den Raum verlassen. Das klingt doch vernünftig, oder?“

„Gilt das denn auch für den umgekehrten Fall?“, säuselte sie zuckersüß.

„Nun … nein.“ Lex liebte es, wenn Siennas Augen vor Wut blitzten und sie ihr Kinn vorreckte. „Für den Fall, dass du dich amüsieren möchtest, gilt folgende Regelung: dreitägige Kündigungsfrist und eine sorgfältige Überprüfung der betreffenden anderen Person. Und? Wie hört sich das für dich an?“

„Klingt nach Ausbeutung.“

Perfekt. „Man kann nie vorsichtig genug sein. Stell dir mal vor, wie unangenehm es für dich wäre, wenn sich herausstellte, dass deine Verabredung ein Reporter war, der nur eine Exklusivgeschichte über mich schreiben wollte. Furchtbar peinlich, nicht wahr? Und ich kann mir vorstellen, dass – aufgrund merkwürdiger Vernetzungen im weiblichen Gehirn – letztlich ich der Schuldige wäre.“ Nachdenklich schüttelte Lex den Kopf. „Lass uns eine fünftägige Kündigungsfrist vereinbaren. Ich hasse es, der Schuldige zu sein.“

„Glaubst du wirklich, ich würde auf einen Reporter hereinfallen?“, fragte Sienna stirnrunzelnd. „Bei meinen Familienverhältnissen?“

„Du hast ja recht“, versuchte Lex sie zu besänftigen. Schließlich ging es ihm nicht darum zu gewinnen. Er wollte sie nur ein wenig aus der Reserve locken. Siennas Mutter war etliche Jahre älter und etliche Millionen reicher gewesen als ihr Vater, der Künstler. Jahrelang war das für die Presse ein gefundenes Fressen gewesen. Doch so richtig schlimm wurde es erst nach dem Selbstmord von Siennas Mutter. Die verschwendeten Millionen. Der unzuverlässige Ehemann. Das gefälschte Testament. Und die verschwundenen Gemälde. Es hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann hielt Siennas Vater es nicht mehr aus und warf sich vor einen Güterzug. Noch ein ausgesprochener Glücksfall für die Presse. Natürlich war all das nicht spurlos an Sienna vorübergegangen. Bis heute hegte sie einen Groll der Presse gegenüber und hasste es, im Mittelpunkt zu stehen.

„Es war ein schlechtes Beispiel. Ein Reporter würde es ohnehin kaum länger als fünf Minuten mit dir aushalten. Aber es könnte sich doch auch ein Dieb an dich heranmachen …“

„Man nennt dich einen Dieb, Lex.“

Was die anderen über ihn sagten und dachten, wusste Lex. Doch es beleidigte ihn nicht mehr. Bis zu diesem Moment. Den Vorwurf aus Siennas Mund zu hören schmerzte ihn, und er ging sofort in die Defensive. „Ich bezahle für das, was ich mir nehme.“

„Du gibst ein paar Almosen, mehr nicht. Dann reißt du alles ab, verpackst es neu – und verdienst selbst ein Vermögen daran.“ Siennas Stimme klang kalt. „Auch wenn das legal sein mag, Lex, für einige Menschen bist du nichts weiter als ein Dieb.“

„Die Firmen, um die es dabei geht, stehen vor dem Aus. Sie wurden heruntergewirtschaftet, überstrapaziert oder einfach zu sehr vernachlässigt, lange bevor ich auf der Bildfläche erscheine“, rechtfertigte er sich. „Dafür bin ich nicht verantwortlich.“

„Nein“, stimmte Sienna zu. „Du hast recht. Das bist du nicht.“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen und öffnete den Mund, überlegte es sich jedoch anders. Als sie nach ihrem Buch greifen wollte, kam Lex ihr zuvor und hielt ihre Hand fest.

Überrascht sah sie ihn an.

„Sag es“, befahl er knapp. „Sag, was du sagen wolltest.“

Dafür erntete er einen widerspenstigen Blick. Lex wusste aus Erfahrung, dass Sienna äußerst empfindlich auf Befehle reagierte. Doch diesmal antwortete sie.

„Lex, du könntest diese Unternehmen doch retten. Du könntest ihnen wieder auf die Beine helfen, anstatt sie umzuwerfen.“

„Ich wusste, dass du das sagen wirst.“ Aber er wusste auch, dass er es gewesen war, der den Streit gesucht hatte. Doch genau diese Art von Debatte hatte er vermeiden wollen. „So einfach ist das aber nicht.“

„Das glaube ich dir ja. Trotzdem könntest du die Unternehmen retten …“

„Da traust du mir etwas zu viel zu.“

„… wenn du nur wolltest“, beendete Sienna ihren Satz. „Aber du willst es gar nicht.“

„Stimmt, ich will es gar nicht“, murmelte Lex vor sich hin. Er spürte, wie sich seine Schultermuskulatur verkrampfte, obwohl er diese Vorwürfe schon Dutzende Male gehört hatte. Ihm reichte es. Der lange Flug ging ihm auf die Nerven, und Siennas Kritik ärgerte ihn maßlos. Außerdem verstand Lex sich selbst nicht mehr: Einerseits wünschte er sich Sienna in seine Arme, andererseits wüsste er sie am liebsten am anderen Ende der Welt.

Lex erhob sich halb aus seinem Sitz. Er wollte an Sienna vorbei in den Gang, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Doch anstatt ihm Platz zu machen, lehnte sie sich vor und versperrte ihm den Weg.

„Es geht nicht darum, anderen Menschen ihre Fehler zu erklären. Sondern darum, Kapital zu schaffen. Darwins Theorie vom Überleben des Stärkeren passt perfekt in den Unternehmensalltag. Nur der Stärkste, Schnellste, Beste überlebt. Nicht zu vergessen: der Skrupelloseste …“, fuhr er fort.

„Wo bleibt denn dein soziales Gewissen?“, fragte Sienna ganz ruhig.

„Bei mir“, entgegnete Lex lächelnd.

„Die paar Tage mit dir haben mir gründlich die Augen geöffnet.“ Jetzt starrten ihn Siennas Augen eiskalt an. „Wenn du denkst, dass du jemanden kennst …“

„Wie bitte? Soll das heißen, du hast mich bisher nicht für skrupellos gehalten?“

„Nicht für so skrupellos.“

„Nun, dann weißt du eben jetzt, wie ich bin.“ Er wollte sich einfach an Sienna vorbei in den Gang drängen. Das hätte er auch getan – wenn er nicht einen folgenschweren Fehler begangen hätte. Sein Blick blieb auf Siennas Lippen haften. Auf dem weichen, zarten, vollen Mund, der so verführerisch aussah, dass Lex sich kaum wieder abwenden konnte. Statt aufzustehen, lehnte er sich vor und stützte die Arme rechts und links von ihr auf die Armlehnen. Dann näherte er sich ihrem Gesicht, ihrem Mund bis auf wenige Zentimeter.

„Möchtest du auch mir gehören?“, flüsterte er kaum hörbar.

Ganz still saß Sienna da und sah ihn an. Als hätte sie vergessen, wie man sich bewegt oder wie man atmet. Als wäre er die Schlange und sie das Kaninchen, dachte Lex mit befriedigender Genugtuung. „Atme“, befahl er ihr tonlos.

„Nein.“

„Du stirbst, wenn du nicht atmest.“

Nach einem tiefen Atemzug lehnte sie sich wieder in ihren Sitz zurück. Mit einem Mal wirkte sie verwirrt und wütend zugleich. „Atmen ist hier nicht das Problem. Mein Nein sollte nur ausdrücken, dass ich niemals dein sein werde.“

„Ach nein?“ Lex lächelte böse und musterte eindringlich ihren Körper. Auf den ersten Blick unterstrich Siennas Körperhaltung ihre Worte. Sie nestelte an ihrem kurzen, fliederfarbenen Rock herum, als könnte sie ihn dadurch in die Länge ziehen. Die Knie hielt sie fest aneinandergepresst und die Arme dicht vor dem Körper. In dieser Haltung sah sie aus wie ein verschüchtertes Mädchen. Wirklich erwachsen wirkten nur die bordeauxfarbenen Wildlederpumps.

Und bei genauerem Hinsehen noch ein paar andere Kleinigkeiten.

An Siennas Hals bemerkte Lex ihren rasenden Puls.

Und unter der zarten weißen Bluse zeichneten sich ganz deutlich die aufgerichteten Brustspitzen ab.

Sienna Raleigh, seine alte Freundin aus Kindheitstagen, glühte vor Leidenschaft. Seinetwegen.

Wieder spürte Lex eine tiefe Genugtuung. Kühl betrachtete er Sienna von oben herab. Das würde noch ein Nachspiel haben – für sie und für ihn. „Wenn du denkst, dass du jemanden kennst …“, wiederholte er ihre Worte.

Da wandte sie den Blick ab.

„Eins musst du mir noch verraten, Sienna. Wenn es dir nicht gefällt, was ich mache, warum zum Kuckuck hast du dich dann bei mir als persönliche Assistentin beworben?“

„Du hättest auch Nein sagen können.“

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie kurz ich davor war, genau das zu tun!“

„Dann hättest du es auch tun sollen!“ Ihr wütender Blick durchbohrte ihn fast. Aber nur kurz, dann sah sie wieder weg. „Ich hätte Verständnis dafür gehabt.“

Nein, dachte Lex. Das hättest du nicht. Nicht, bevor ich dir nicht gezeigt hätte, was genau ich von dir will. Jetzt weißt du es endlich.

„Du hast angefangen“, entgegnete er milde.

„Aber du hättest ablehnen können.“ Ihre Stimme klang tief und brüchig. Sienna wusste, was sie begonnen hatte. Sie kannte Lex. „Warum hast du es nicht getan?“

„Wann habe ich dir jemals etwas abschlagen können, Sienna?“ Himmel! Er musste schleunigst Abstand zu ihr gewinnen, sonst lief er Gefahr, dass seine Lippen auf ihren landeten und er damit ihre langjährige Freundschaft aufs Spiel setzte.

Als Lex den Gang entlang ging und sich immer weiter von ihr entfernte, starrte Sienna ihm hinterher. In ihrem Kopf drehte sich alles. Was war nur in den letzten Minuten zwischen ihr und Lex geschehen? Aus einem freundschaftlichen Geplänkel war ein handfester Streit geworden. Nicht zu vergessen die leidenschaftlich aufgeladene Stimmung. Lex war doch ihr Freund.Er war für sie so etwas wie der Bruder, den sie nie gehabt hatte. Die Hälfte ihrer gemeinsamen Zeit hatte er damit verbracht, sie zu ärgern, in der anderen Hälfte hatte er sie beschützt. Das war seine Rolle in ihrem Leben. Wie hatte er es nur wagen können, plötzlich eine sexuelle Komponente ins Spiel zu bringen? Wie konnte er es nur wagen, sie so anzusehen?

Sienna kannte diesen Blick. Unzählige vernünftige Frauen hatte Lex damit willenlos gemacht. Sie verzehrten sich förmlich nach ihm.

Manchmal erhörte Lex ihre Wünsche. Jede Frau, mit der er zusammen gewesen war, würde zugeben müssen, dass es ihr in dieser Zeit an nichts gefehlt hatte. Denn Lex verschenkte seine Zeit und Aufmerksamkeit sehr großzügig. Auch an finanziellen Dingen sparte er nicht. Und er ermöglichte diesen Frauen freien Zugang zu seinem Körper.

Zumindest für eine gewisse Zeit.

Wenn seine Neugier befriedigt war, wandte er sich ab und ließ unglückliche Frauen zurück. Frauen mit gebrochenen Herzen, die ihn und seinen Körper verfluchten und nach ihm und seinem Körper bettelten.

All das wusste Sienna. Und sie akzeptierte es, wenngleich sie Lex dafür auch manchmal verachtete. Meistens aber ignorierte Sienna seinen durchschlagenden Erfolg bei anderen Frauen ganz einfach. Sie war immer stolz darauf gewesen, dass ihre Beziehung zu Lex ganz anders war.

Bis jetzt.

Was tat er nur ihrer Freundschaft damit an, dass er sich ihr gegenüber plötzlich von einer ganz anderen Seite zeigte? Wer würde schon eine zwanzigjährige Freundschaft für ein kurzes Liebesabenteuer aufs Spiel setzen?

Sie zumindest nicht.

Was hätte alles passieren können, wenn Lex noch näher gekommen wäre? Wenn sie plötzlich verstanden hätte, was all die Frauen an ihm fanden? Was sie dazu brachte, seine Bedingungen zu akzeptieren, nur um etwas Zeit mit ihm verbringen zu dürfen? Obwohl er ihnen anschließend das Herz brechen würde? Sienna wusste, dass sie ganz anders war. Und sie wollte niemals eine seiner Affären werden. Niemals!

Ach, sieh an. Lex hatte eine Stewardess gefunden. Er strahlte übers ganze Gesicht und sprach leise mit ihr. Jetzt lächelte sie zurück. So eine Überraschung aber auch …

Plötzlich drehte Lex sich um und sah in Siennas Richtung. Er sah wahnsinnig elegant aus in dem faltenfreien Anzug. Der steingraue schwere Stoff passte gut zu den graublauen Augen und dem dunklen vollen Haar. Das weiße Hemd ließ seinen Teint leuchten. Aber warum mussten alle ihn immerzu anstarren? Verlieh sein Reichtum ihm eine so kultivierte und überlegene Ausstrahlung? Wirkte er nur deshalb so erfolgreich und so – sexy? Oder lag es gar nicht an dem Vermögen, sondern einfach nur an Lex selbst? Würde sie ihn in einem Altherrenschlafanzug weniger attraktiv finden? Mit dem Hosenbund oberhalb des Bauchnabels und einem bis zum Hals hochgeknöpften Oberteil? Nicht in so einer tief auf den Hüften sitzenden und in Grautönen gestreiften Hose wie der, die Sienna gestern für ihn eingepackt hatte. Nein, darin wollte sie ihn sich jetzt wirklich nicht vorstellen!

Oh, nein.

Sie ergriff den Arm eines zufällig vorbeieilenden Stewards. „Entschuldigung“, stammelte sie. „Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“

„Natürlich.“ Der Steward warf ihr einen besorgten Blick zu. Sah sie etwa blass aus? Tatsächlich fühlte Sienna sich hundeelend. Als wäre die Welt aus den Fugen geraten und nichts und niemand könnte etwas daran ändern. Sienna wollte nicht, dass Lex sie so ansah. Sie wollte keine seiner Eroberungen sein.

Oder vielleicht doch?

Zu allem Überfluss kam er jetzt direkt auf sie zu. Abrupt drehte Sienna sich zum Fenster. Diesmal drückte sie sich so weit in ihrem Sitz nach hinten wie möglich. Auf keinen Fall sollte Lex sie beim Vorübergehen streifen.

„Es gibt gute Nachrichten“, begann er, als wäre nichts zwischen ihnen passiert. „In etwa zwanzig Minuten landen wir in Singapur. Wir bekommen dort einen eigenen Bereich für uns, wo wir die Beine ausstrecken und sogar duschen können, wenn wir möchten. Es gibt einen Internetanschluss und wir haben die Möglichkeit, uns mit neuem Lesematerial einzudecken.“

„So viel zu tun in so kurzer Zeit“, beschwerte sich Sienna. Doch im Grunde war sie mehr als froh darüber, dass Lex wieder zu seinen alten Umgangsformen zurückgefunden hatte. Außerdem bekäme sie bei der Zwischenlandung die Möglichkeit, sich ein bisschen von ihm zu entfernen. Seine körperliche Nähe tat ihr gar nicht gut. „Alles klar. Du gehst einkaufen, und ich dusche“, beschloss sie munter.

„Eine gute persönliche Assistentin würde stets an meiner Seite bleiben und auf meine Bedürfnisse achten“, entgegnete Lex streng.

Obwohl Sienna seine Antwort schon kannte, stellte sie sich ahnungslos: „Oh, das gilt auch für unterwegs?“

„Das gilt ganz besonders für unterwegs.“ Er lachte. „Zum Glück wusste ich, dass ich diese Reise zusammen mit dir antrete. Stell dir vor, du hättest die Stelle bei diesem Ölscheich in Dubai angenommen. Das wäre ein Skandal geworden.“ Damit übertrieb er schamlos.

„Der Scheich hat mir zugetraut, dass ich alles zu seiner vollsten Zufriedenheit erledige“, konterte Sienna.

„Der Scheich war vollkommen vernarrt in dich, meine Liebe. Er hätte dir alles zugetraut.“

Was leider stimmte. Darum hatte Sienna das Jobangebot auch nicht angenommen. Und der andere Grund war tatsächlich der gewesen, dass sie so gut wie keine Berufserfahrung als persönliche Assistentin oder Chefsekretärin besaß. Zähneknirschend musste sie Lex auch in diesem Punkt zustimmen.

Sie brauchte Berufserfahrung, und Lex brauchte eine Assistentin für die Zeit in Australien. Der Plan, sich gegenseitig zu helfen, hatte so gut geklungen.

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