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Tausendmal berührt ...

1. KAPITEL

Fassungslos sank Kimberly in ihrem leeren Apartment auf die Knie. Der Schock warf sie einfach um. „Das kann doch nicht wahr sein. Er ist nicht weg! Ich dachte …“

Sie hatte eindeutig falsch gedacht. Ihr Freund, mit dem sie seit zwei Jahren zusammengelebt hatte, der Mann, den sie für den Richtigen hielt, war klammheimlich ausgezogen. Mit der kompletten Wohnungseinrichtung.

Nein, falsch. Er hatte ihr etwas dagelassen. In der Ecke ihres kahlen Ex-Wohnzimmers sah Kim jetzt den säuberlich gestapelten Haufen. Da lag alles, was sie Perry in den letzten zwei Jahren jemals geschenkt hatte: T-Shirts, halb leere Rasierwasserflaschen, sogar die seidenen Boxershorts mit den roten Herzchen, die sie ihm aus Spaß zum Valentinstag gekauft hatte.

Mit einem Auge registrierte sie, dass auch die beiden bunten Landschaftsposter noch an der Wand hingen. Die hatte sie irgendwann einmal mitgebracht.

Benommen starrte sie auf den verlassenen Haufen. Da entdeckte sie den gefalteten Zettel, der aus der Mitte herausragte.

„Falls du mir mitteilen willst, dass du weg bist, ist das Papierverschwendung. Die Botschaft ist angekommen“, murmelte sie. Dann schluckte sie den Kloß im Hals hinunter und betete inständig, der Zettel würde eine geniale Erklärung für das Ganze enthalten. Zum Beispiel: Schatz, sie haben mich nach Paris versetzt. Konnte Dich nicht erreichen. Komm nach, so schnell Du kannst! Love, Perry. Und sicher gab es auch noch ein P.S.: Hatte für diese Kostbarkeiten keinen Platz mehr im Koffer. Bitte bring sie mir mit.

Mühsam erhob Kim sich aus ihrem unbequemen Sitz und ignorierte das höllische Kribbeln, als das aufgestaute Blut sich wieder in den Beinen verteilte. Sie humpelte zu dem Haufen, zog den Zettel heraus und faltete ihn im Zeitlupentempo auseinander. Ihre Finger zitterten. Vielleicht lieber erst noch ein bisschen weiterträumen … Sie wollte gar nicht schwarz auf weiß sehen, was da stand.

Sie war so glücklich von ihrem Kurztrip nach Hause gekommen, voll mit prima Neuigkeiten und großen Plänen, die man feiern musste. Ihre Karriere als Event-Managerin kam gerade richtig in Gang und hatte heute einen Riesensprung gemacht. Die Heilpraktikerkonferenz in Las Vegas, die sie organisiert hatte, war ein voller Erfolg geworden. Und jetzt hatte sie schon den nächsten dicken Fisch an Land gezogen: Der Besitzer einer Baumarktkette hatte sie für das Jahrestreffen seiner Filialen nächsten Januar angeheuert. Das hieß, es blieb sogar noch Zeit für einen wohlverdienten Urlaub.

Heute Abend wollte sie eigentlich richtig feiern, mit einem Dinner für zwei, mit Kerzenlicht, edlem Rotwein und Liebe auf dem weichen Teppich vor dem knisternden Kaminfeuer.

Kim starrte in den kalten, rußigen Kamin und unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Kein Feuer, kein Teppich. Nur nackter Fußboden. Sie schluckte wieder und zwang sich, endlich einen Blick auf Perrys Nachricht zu werfen.

Du wirst mich dafür hassen, dass ich es auf diese Art getan habe. Aber Du dürftest nicht überrascht sein. Wir hatten das Thema oft genug. Sieh den Tatsachen ins Auge, Kim, Du hast eine Beziehungsphobie. Ich wollte Dich heiraten, aber zwei Jahre lang hast Du es mir ausgeredet. Das war genug. Ich habe jemanden gefunden, der keine Angst hat, eine echte Bindung einzugehen. Viel Glück für alles.

Unterschrieben einfach mit: Perry. Dann gab es noch ein hastig hingekritzeltes P.S.: Außerdem werde ich sowieso nie an ihn heranreichen.

Verwirrt und unglücklich murmelte Kim: „Nie an ihn heranreichen? Was soll das denn heißen?“ Ihre Stimme klang zittrig, während ihr jetzt doch die Tränen übers Gesicht liefen. „Heranreichen? An was denn? An wen?“

Sie starrte auf den geheimnisvollen Satz. Das große Nichts um sie her machte mit einem Schlag deutlich, wie wenig sie, zumindest materiell, in ihr gemeinsames Leben eingebracht hatte. Perry hatte einfach nur alles mitgenommen, was ihm gehörte.

„Aber … aber du warst mir doch wichtig!“ Kim griff nach dem Parfum, das sie an Perry immer am liebsten gehabt hatte, zerstäubte es in der Luft und sog den Duft ein. Sofort erschien ihr Perry, wie er leibte und lebte – groß, blond, athletisch, mit diesem breiten, unverschämten Grinsen. Nicht zu fassen, wie so ein Duft mit ein paar chemischen Molekülen einen ganzen Menschen heraufbeschwören konnte!

Hastig versuchte Kim, das Bild zu vertreiben. Sie wedelte mit der Hand durch die Wolke, um sie aus der Wohnung zu scheuchen, aber am Ende hing der Duft ihr nur an den Fingern. „Diese Marke werde ich nie mehr riechen können“, murmelte sie und wischte die Hand verzweifelt an ihrem kurzen Rock ab. „Perry, du stinkst!“, rief sie wütend. „Du mieser Feigling!“

Sie wollte nicht glauben, dass sein Brief auch nur einen Funken Wahrheit enthielt. Beziehungsphobie? Keine Spur! Es stimmte, sie hatten ein paarmal über Heirat diskutiert. Immer hatte sie ihm dann geduldig erklärt, warum es dafür noch zu früh war. Sie hatten sich nie richtig deswegen gestritten, aber jedes Mal hatte Kim sich ein Stückchen weiter zurückgezogen.

Hätten sie nicht einfach alles so lassen können, wie es war? Sie passten eben gut zusammen, mochten die gleichen Filme, die gleiche Musik, das gleiche China-Restaurant. Das war doch etwas! Warum wollte Perry daran rütteln? Und er wusste, dass sie Meinungsverschiedenheiten nicht ausstehen konnte!

Streit machte alles kaputt. Das hatte sie zur Genüge bei ihrer Mutter erlebt, die gleich serienweise geheiratet hatte, als Kim klein war. Fünf Möchtegern-Väter hatten nacheinander das kleine Reihenhaus bevölkert, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte, nicht gerechnet die Gastspiele von einigen flüchtigen Bekanntschaften.

Jede Beziehung ihrer Mutter war eine Zeit lang glücklich gewesen und dann bald schwierig und nervig geworden. Am Ende gab es immer Streit und Tränen. Seither hasste Kim jede Art von Auseinandersetzung. Und je mehr Perry sie bedrängte, desto unbeugsamer war sie in puncto Heirat geworden.

Kim atmete tief durch, bekam wieder eine Ladung von Perrys Duft in die Nase und schnitt eine Grimasse. Dann starrte sie noch einmal auf dieses P.S.

„An ihn heranreichen?“, flüsterte sie ratlos. Draußen wurde es langsam dunkel. Als Kim so dasaß, die Arme um die Knie geschlungen, tauchte vor ihrem inneren Auge ein anderes Bild auf. Damals, wenn es zu Hause so unerträglich wurde, hatte sie sich immer ins Nachbarhaus zu ihrem besten Freund geflüchtet: Jaxon Gideon.

Er war drei Jahre älter als sie. Da sie nie auf einen echten Vater zählen konnte, lief sie zu Jax, um sich trösten zu lassen, wenn sie hingefallen war. Später, in der Highschool, richtete Jax sie wieder auf, wenn ein Freund sie sitzen gelassen hatte. Oder sogar, wenn sie selbst Schluss gemacht hatte und sich nur elend und einsam fühlte.

Mit Jax konnte sie auch ihre Erfolge feiern, wenn sie einmal die beste Note der Klasse bekommen hatte. Oder als sie eines Tages mit Foto in der Zeitung stand, weil sie Siegerin im großen Aufsatzwettbewerb „Was ich an unserer Stadt liebe“ geworden war.

Ihre Mutter war zu der Zeit so mit ihrem neuesten Ehemann beschäftigt, dass sie das gar nicht mitbekam. Nur Jax freute sich aufrichtig mit ihr, obwohl er selbst auch teilgenommen hatte. Allerdings war Jax, im absoluten Gegensatz zu Kim, ein Mathe- und Physikgenie, und so gab es in ihrer Freundschaft nie irgendeine Konkurrenz.

Kindheitserinnerungen an Jax zogen an Kims innerem Auge vorbei, und sie spürte, wie es in ihrem verlassenen, kalten Herzen gleich ein bisschen wärmer wurde. Komisch, Jax nahm so einen besonderen Platz in ihrem Leben ein, dass schon der Gedanke an ihn etwas Tröstliches hatte. Warum hatten sie eigentlich in den letzten zehn Jahren fast keinen Kontakt mehr gehabt? Zehn Jahre! War das schon so lange her?

Auf jeden Fall war es Jax’ Schuld. Sie selbst wohnte immer noch in St. Louis, aber Jax war zum Studium nach Chicago gezogen und nie mehr zurückgekommen. Natürlich waren sie beide inzwischen erwachsen, er hatte sein Leben, und sie hatte ihres. Zwangsläufig mussten ihre Wege sich trennen. Aber schade war es trotzdem. Jetzt könnte sie ihren Jax nebenan gut gebrauchen.

Auf der Highschool hatte sie damals irgendwann gemerkt, dass er in sie verliebt war. Ein paarmal gingen sie auch zusammen aus, aber da hielt sie ihn immer auf Distanz. Sie hatte Angst, Jax zur Kategorie „Boyfriend“ zu zählen. Mit so einem konnte nämlich eines Tages Schluss sein, und Jax war der einzige sichere Freund und Vertraute in ihrem Leben. Das Beziehungs-Chaos ihrer Mutter war ihr eine Lehre.

Kim hasste Veränderungen, und Jax war ihr Fels in der Brandung, ihr Trost und ihr Halt. Deshalb wich sie den üblichen Dates mit ihm aus. Sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass aus ihrer Freundschaft etwas anderes, Unberechenbares wurde.

Was er jetzt wohl macht? überlegte Kim. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, studierte er noch, und sie ging auf das Junior College in St. Louis. Damals war gerade ihre Verlobung mit Bradley geplatzt, und sie hatte sich völlig verzweifelt zu Jax geflüchtet. Wie immer hatte er sie getröstet und wieder auf die Beine gebracht: Der Jax-Zauber funktionierte. Sie weinte sich eine Woche lang an seiner breiten Schulter aus und flog dann nach St. Louis in ihren chaotischen Alltag zurück.

Jetzt schluckte Kim, sah sich in der gähnenden Leere um und wischte die nächste Tränenwelle weg. Aus der Trauer wurde wieder Wut, und nach einem tiefen Seufzer schrie sie den trostlosen Haufen an: „Wie konntest du bloß, Perry? Wie konntest du dich einfach wie ein Dieb davonschleichen?“

Und da hatte sie eine Eingebung. Der Schock über Perrys heimlichen Auszug war sicher das größte Desaster ihres bisherigen Lebens. Wenn sie Jax jemals brauchte, dann jetzt! Sie würde sich nicht nur besser fühlen, wenn sie mit Jax redete, er würde sich auch mit ihr über ihre Erfolge im Beruf freuen. Sie konnten lachen und reden und … es würde einfach sein wie in der guten alten Zeit!

Ohne weiter nachzudenken, hatte sie schon das Handy herausgezogen und die Nummernauskunft gewählt. Sie räusperte sich und versuchte, sich ihren leicht hysterischen Zustand nicht anhören zu lassen. „Hallo …“ Dummerweise flatterte ihre Stimme, als stünde sie mitten in einem Tornado. Energisch räusperte sie sich wieder. „Ich … ich hätte gern die Telefonnummer von Jaxon Gideon in Chicago.“

Schnell tippte sie die Ziffern ein. Es klingelte ein Mal, zwei Mal, drei Mal, dann sprang ein Anrufbeantworter an: „Jaxon Gideon ist nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine kurze Nachricht nach dem ‚Piep‘, dann ruft er Sie zurück.“

Kim musste lächeln bei dem vertrauten Klang seiner warmen Stimme. Die Nachricht war kurz und direkt, typisch für ihn. Bei Jax gab es nie großes Trara. Jetzt musste sie nur ihre Nachricht loswerden, ohne dabei in Tränen auszubrechen.

„Hi, Jax“, begann sie. Es kam eher als Flüstern heraus. „Rate, wer!“ Sie schüttelte den Kopf. Gott, wie kindisch! Sie lachte verlegen. Es klang komisch in ihren eigenen Ohren, mehr wie ein Wimmern. „Sorry. Du musst nicht raten. Es ist viel zu lange her“, sagte sie gefasst. „Hier ist Kim. Also, ich …“

Sie brach ab, weil sie merkte, dass ihre Stimme sie im Stich ließ. „Ehrlich gesagt, könnte ich gerade einen guten Freund gebrauchen.“ Sie schnitt eine Grimasse, als ihr plötzlich klar wurde, dass ein Telefongespräch einfach nicht ausreichen würde. Und dann sagte sie spontan in den Hörer: „Weißt du was, ich komme dich besuchen. Ich musste viel zu lange ohne meinen Jax-Zauber auskommen.“ Sie lächelte und wunderte sich selbst darüber. Es war schon der Gedanke an Jax, der das fertigbrachte. „Bis bald!“

Jetzt ging alles ganz schnell. Sie lief hinaus ins Vorzimmer, wo sie ihren Koffer stehen gelassen hatte, dann machte sie noch einmal kehrt und schnappte sich den Haufen verlassener T-Shirts. Mit Schwung schleuderte sie alles in den leeren Kamin. „Guter Brennstoff für mein nächstes Kaminfeuer“, murmelte sie. Wieder draußen, packte sie den schweren Koffer, den sie vor so kurzer Zeit erst hereingeschleppt hatte. Und dann zum nächsten Flug nach Chicago!

Jaxon Gideon war hundemüde, als er von dem endlosen Abendessen mit seinem Kunden heimkam. Manchmal konnte Unternehmensberatung sehr befriedigend sein, finanziell und gefühlsmäßig. Aber dann wieder, wie heute Abend, war es furchtbar nervig. Den ganzen Abend hatte er einen Firmenchef davon zu überzeugen versucht, was er tun musste, damit seine Geschäfte besser liefen. Dieser Kunde war eine harte Nuss, misstrauisch gegen alle und viel zu sehr von sich selbst überzeugt.

„Er will meinen Rat, aber er will mir nicht zuhören.“ Seufzend streifte Jax sein Jackett ab und warf es auf das dunkelgrüne Wildledersofa. Dann stieg er die Treppe zu seinem Schlafzimmer hoch. Während er die Krawatte lockerte, stach ihm das blinkende Lämpchen an seinem Anrufbeantworter ins Auge. Merkwürdig. Alle Welt hatte seine Handynummer. Er wusste nicht mal, warum er diesen vorsintflutlichen Anrufbeantworter mit dem Festnetzanschluss noch besaß. Aus Faulheit, vermutlich.

Obwohl es eigentlich nur Telefonmarketing oder die Stadtwerke sein konnten, drückte er den Knopf, um die Nachricht zu hören. Im nächsten Moment erstarrte er. Seine Hand mit der Krawatte blieb in der Luft hängen.

Es war Kim.

Nach all diesen Jahren, in denen er von ihr nur ein paar hingekritzelte Karten zu Weihnachten und zum Geburtstag bekommen hatte. Kim. Ihre Stimme war so vertraut, dass sie ein Teil von ihm geworden war. Den er gleichzeitig liebte und hasste. Als die Nachricht zu Ende war, trat er mechanisch ein paar Schritte rückwärts und sackte auf sein Bett. Verdammt.

In Jax’ Leben hatte es nur eine große Leidenschaft gegeben – Kimberly Norman. Er war als Kind ein versponnener Einzelgänger gewesen, viel zu nachdenklich und in sich gekehrt. Aber Kim schien seine schwachen Seiten nie zu bemerken. Sie war seine Freundin gewesen und hatte über jeden seiner albernen Witze gelacht.

Nie schien sie sich in seiner Gesellschaft zu langweilen, auch wenn er ihr endlose Vorträge über Kabel und Schaltkreisläufe hielt. Sie half ihm eifrig bei all seinen technischen Basteleien, obwohl sie nie begriff, was er damit vorhatte. Es war ihr nämlich völlig egal. Dafür hatte er sie geliebt.

Und er war froh, wenn er sie um sich hatte. Kim, die sommersprossige Kleine von nebenan, die auch seine trübste Stimmung aufheitern konnte. Wahrscheinlich war ihr nie bewusst geworden, wie hinreißend sie war. Und was ihr Lächeln ihm bedeutete.

Auf der Highschool hatte er sie im Stillen angebetet und jahrelang gehofft, dass aus ihrer Freundschaft mehr werden könnte. Nach der freundlichen, aber endgültigen Abfuhr fand er sich notgedrungen damit ab, dass Kim ihn als Vertrauten brauchte. Jedenfalls brauchte sie ihn nicht als Verehrer, an denen kein Mangel herrschte, als sie siebzehn war. Ihre karottenroten Rattenschwänze waren zu einer leuchtenden, sexy Lockenmähne geworden, und die von ihr so gehassten Sommersprossen machten ihr hübsches Gesicht nur noch anziehender.

Wenn sie nach ihren verschiedenen gescheiterten Beziehungen zu ihm gelaufen kam, tröstete er sie jedes Mal und war wenigstens für diese Rolle in ihrem Leben dankbar. Aber es fraß ihn auf, in ihrer Nähe zu sein und zu wissen, dass sie ihn gernhatte, nur nicht genug. Nicht als Mann.

Leider änderten sich seine Gefühle für sie in all den Jahren nie. Irgendwann hielt er es einfach nicht mehr aus und zog weg aus St. Louis. Nach dem Studium hatte er sich mit Unternehmensberatung befasst und war damit inzwischen ziemlich erfolgreich. Er hoffte immer noch, Kim eines Tages zu vergessen und eine andere zu finden, die diese Leere in seinem Herzen ausfüllte.

Leider war das bis jetzt nicht passiert. Er starrte auf den Anrufbeantworter. Das Lämpchen blinkte nicht mehr. Warum, zum Teufel, war es kein Telefonmarketing?

Achtlos ließ Jax die Krawatte auf den Teppich fallen.

„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass deine kleinen

‚Jax-Zauber‘-Aktionen ein Problem für mich sein könnten?“, flüsterte er.

Er begann, sein Hemd aufzuknöpfen, dann brach er ab und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Gerade war er noch müde und gelangweilt gewesen, jetzt brannte er in einer verrückten Mischung aus Bitterkeit und Sehnsucht. Was sollte er tun? „Ich bin nicht da“, sagte er laut. „Ich sage ihr, dass ich wegmuss. Geschäftlich.“

Seufzend stand er auf und ging wieder zum Telefon. „Oder noch besser, ich bin im Ausland. Für … für einen Monat.“

Er nahm den Hörer ab und begann die Ziffern einzutippen. Dabei geschah etwas Seltsames. Mit jedem Knopf, den er drückte, wurde er langsamer. Bei der letzten Zahl stoppte sein Finger über der Taste. „Was ist los mit dir, Mann?“, murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Mach schon! Bevor sie losfliegt!“

Bei dem Gedanken zuckte Jax zusammen. Er sah auf dem Display nach, wann sie angerufen hatte: halb sechs. Seine Armbanduhr zeigte Viertel vor elf, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenschlag. Er atmete tief durch und legte den Hörer auf. Wenn er Kimberly auch nur ein bisschen kannte –und er kannte sie wirklich gut –, dann war sie schon längst auf dem Weg zu ihm.

In diesem Moment schallte die Türklingel durch seine Wohnung wie die Posaunen von Jericho. Jax fuhr hoch, und er spürte, wie sein Herz raste.

„Verflucht, Kim!“, stieß er aus, frustriert, wütend und erregt gleichzeitig. „Ich weigere mich, dein Seelentröster zu sein. Wenn du nicht mit mir leben kannst, dann bleib aus meinem Leben draußen!“

Auf dem Weg zur Wohnungstür hämmerte er sich bei jedem Schritt den Vorsatz ein: Er würde ihr widerstehen. Schaffte er es diesmal? Natürlich schaffst du es, sei kein Idiot!

Trotzdem krampfte sich ihm der Magen zusammen, und er hatte einen dicken Kloß im Hals.

2. KAPITEL

Im selben Moment, als Jax die Tür öffnete, flog Kim ihm in die Arme. Mit jeder Nervenfaser spürte er ihre weiblichen Kurven an seinem Körper. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und überschüttete ihn mit federleichten Küssen. Hilflos schloss er die Augen. Sein Widerstand begann schon jetzt zu bröckeln.

Jax atmete tief durch und sog dabei unweigerlich ihren Duft ein. Mit einem heimlichen Stöhnen versuchte er, sich auf das zu konzentrieren, was sie zwischen ihren Küssen zu ihm sagte. Dann erwiderte er zögernd ihre Umarmung.

„O Jax“, seufzte Kim, und ihr Atem kitzelte ihn am Kinn. „Es ist so lange her.“

Sie hielt sich immer noch an ihm fest, während sie weiterredete. „Ich habe dich so vermisst.“ Sie brach ab und lächelte. Ihre grünen Augen glitzerten verräterisch, als hätte sie geweint. Aber für Jax war es trotzdem der atemberaubendste Anblick seit … seit er das letzte Mal in diese Augen gesehen hatte. Sein Widerstand brach endgültig zusammen, und er lächelte zurück. Er hasste sich dafür, aber seine tiefen Gefühle für sie setzten ihn einfach außer Gefecht.

„Hi, Kim.“ Er drückte sie beruhigend an sich und kämpfte dabei gegen den Drang, diese vollen Lippen zu küssen und ihr zu zeigen, nach welcher Art von Begrüßung er sich in Wahrheit sehnte. Wenn sie ahnen könnte, wie übermenschlich er sich gerade beherrschte, würde sie sicher so rot wie ihr herrliches Haar im Licht der Straßenlaterne.

„Schön, dich zu sehen“, sagte er an ihrer Schläfe und spürte, dass er es wirklich so meinte. Verflucht.

„O Jax“, sagte Kim melancholisch. Jax straffte sich innerlich. Er kannte diesen Tonfall: Ein anderer hatte ihr das Herz gebrochen. „Ich hoffe, ich störe dich nicht, aber ich brauche dich jetzt wirklich.“

Ja, dachte Jax, du brauchst mich jetzt. Und ich brauche dich jeden verfluchten Tag und jede verfluchte Minute. Statt es laut zu sagen, spielte er treu seine Rolle als Freund und Vertrauter und fragte: „Was ist los?“

Kim löste sich von seinen Schultern und trat zurück, um ihm ins Gesicht zu sehen. Ihr zögerndes, zittriges Lächeln warf ihn um.

„Könnten wir reingehen? Ich … würde lieber …“ Kim überblickte die Veranda. Die war geräumig und tief, mit zwei Korbsesseln und einem kleinen Tisch. Aber Ende September konnte es in Chicago sehr kühl sein, und Kim trug keinen Mantel.

„Klar, komm rein“, sagte Jax. Na großartig. Tu genau, was du vermeiden wolltest, Idiot. „Warte, ich nehme deinen Koffer.“

„Danke.“ Kim betrat vor ihm sein dreistöckiges Apartment. Drinnen nahm sie ihn bei der Hand. Die Berührung durchfuhr Jax so heftig, dass er seine Hand sofort löste und zur Treppe wies, die zu den Schlafzimmern führte. „Ich bringe den Koffer ins Gästezimmer. Du willst dich vielleicht frisch machen.“

Kim sah sich in dem luxuriösen Apartment um, musterte den offenen Kamin aus dunklem Granit, die warmen Braunund Grüntöne, die geschmackvollen Massivholz-Möbel in dem großen, offenen Wohnbereich. „Du hast eine schöne Wohnung.“ Sie lächelte ihm zu. „Schick und doch männlich.“

Er zuckte die Achseln. „Die Möbel waren schon drin.“

Kim sah ihn an und griff wieder nach seiner Hand. „Jedenfalls hat es Stil. Du auch, übrigens. Mit diesen dunklen Anzughosen und dem offenen Hemd. Ich würde sagen, der locker-elegante Look.“ Sie lachte ein bisschen. „Hast du dich für mich in Schale geworfen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kam gerade nach Hause und wollte mich umziehen, als ich deine Nachricht hörte. Fast wäre ich schon sehr viel lockerer und viel weniger elegant gewesen.“

Kim lachte. Der helle Klang traf Jax mitten ins Herz. „Du meinst, du bekamst meine Nachricht, eine Minute ehe ich vor der Tür stand?“

Er nickte und löste wie nebenbei seine Finger wieder von ihren. Dann betrachtete er Kim seinerseits und ließ dabei nur einen winzigen Bruchteil von dem erkennen, was er wirklich dachte. „Du siehst auch nicht schlecht aus.“ Himmel, wie gnadenlos untertrieben.

Kim tastete nach dem Kragen ihres pinkfarbenen Leinenkostüms. „Das hier? Ich war heute Morgen noch in Las Vegas. Als ich heimkam …“ Sie unterbrach sich und schluckte. „Na, jedenfalls bin ich gleich weitergeflogen, hierher. Wenn ich nicht aussehe wie ein verschrumpeltes Wrack, ist es ein Wunder.“

In Jax’ Augen sah sie aus wie direkt einem Hochglanzmagazin entstiegen. Er lächelte sie an. „Keiner von uns hat sich also für den anderen fein gemacht, und unsere Egos haben es verkraftet. Der Punkt wäre geklärt. Willst du dich erst erfrischen oder erst reden?“

Kim schien kurz zu überlegen. Als ihr Blick zur Treppe wanderte, wusste Jax schon, was sie sagen würde. „Ich glaube, ich steige schnell in die Wanne und ziehe mich um.“ Hoffnungsvoll sah sie ihn an. „Bist du dann noch da?“

Was konnte er sagen? Er wollte schlafen. Er sollte schlafen. Eigentlich war er hundemüde, aber auch wenn er sie allein hier sitzen ließ und ins Bett ging, würde er heute Nacht kein Auge zutun. Nicht mit Kim im Nebenzimmer.

„Wann war ich mal nicht da, wenn du reden wolltest?“, bemerkte er. Und warum bist du es immer noch? Masochist! Aber Jax hörte nicht auf seinen Verstand. Er hing an Kims schönen Augen.

Kim strahlte. „Das stimmt! In einer halben Stunde bin ich fertig.“

„Möchtest du noch etwas essen?“

„Ich sterbe für ein paar von deinen Zauber-Pfannkuchen.“

„Okay, also Pfannkuchen.“

Er ging mit dem Koffer hinter Kim die Treppe hinauf. Ihre langen, schlanken Beine, ihr leichter Hüftschwung, die wippende Lockenmähne vor ihm waren reine Folter. Er unterdrückte den x-ten Fluch und setzte den Koffer vor dem Gästezimmer ab. „Bis … dann“, bemerkte er leise.

„Bis dann, Jax.“ Wieder umarmte sie ihn und pflanzte ihm einen Kuss fast – aber nicht ganz – auf den Mund. Bevor er wieder Luft bekam, war sie mit ihrem Koffer verschwunden.

Mit weichen Knien stieg er die Treppe wieder hinunter.

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