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Tausend Mal berührt

Allison Leigh

Tausend Mal berührt

PROLOG

Die Dinge entwickelten sich ganz und gar nicht so, wie Evan es geplant hatte.

Begonnen hatte alles vor einem Jahr, mit einem Kurztrip in seinen Heimatort während der Semesterferien. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass sie bereits eingetroffen war. Dabei war er natürlich ganz subtil vorgegangen. Denn es war unklug, seine Trümpfe sofort aufzudecken, wenn es um Leandra Clay ging. Sie war zu scharfsinnig. Zu intelligent.

In seinem Bestreben, sich undurchschaubar zu geben, hatte er dummerweise seinen Mitbewohner vom Studentenwohnheim mitgebracht.

Jake hielt nicht viel von Zurückhaltung. Nach einem Blick auf Leandra hatte er keinen Hehl aus seiner Zuneigung gemacht.

Eigentlich war Evan selbst schuld. Hätte er Besitzansprüche angemeldet, wäre ihm sein Kumpel nicht in die Quere gekommen.

Das Problem war, dass Evan keinerlei Anspruch auf seine Traumfrau besaß.

Was hatte er also getan?

Nichts.

Und was tat er nun?

Ebenfalls nichts.

Er stand nur da in seinem steifen Anzug und der Krawatte, die ihn zu erwürgen drohte, und hob wie alle anderen Hochzeitsgäste sein Sektglas. „Auf das Brautpaar“, brachte er hervor, „und ein Leben voller Glück.“

Jake trug einen Smoking. Leandra, von Kopf bis Fuß ganz in Weiß, sah aus wie eine Märchenprinzessin. Sie lagen sich in den Armen und lachten glücklich, stießen auf den Toast an und küssten sich zärtlich.

Die beiden ließen sich kaum noch aus den Augen, seit Evan sie miteinander bekannt gemacht hatte.

Er wandte sich ab und leerte sein Glas in einem Zug. Doch selbst Unmengen an Alkohol konnten seinen Kummer nicht betäuben.

Er hatte geschwiegen, als er hätte reden sollen.

„He, du.“ Leandra berührte ihn am Arm. „Lauf nicht weg. Du musst unbedingt mit mir tanzen, nachdem Jake und ich unseren Pflichttanz aufs Parkett gelegt haben.“

„Ich wollte mir gerade noch etwas von dem feinen Blubberwasser holen.“

Mit einem Funkeln in den Augen, das allein ihrem funkelnagelneuen Ehemann galt, fragte sie: „Habe ich mich je bei dir bedankt? Dafür, dass du mir Jake vorgestellt hast? Wenn du nicht gewesen wärst, hätten wir uns nie kennengelernt.“

„Wozu sind Freunde da?“

Ihr entging der düstere Unterton in seiner Stimme. In ihrem Leben war in diesem Moment kein Platz für Düsternis. Denn sie hatte soeben ihren Traummann geheiratet.

Unverhofft schloss sie Evan in die Arme. Sie hüllte ihn in raschelnden Tüll und eine Wolke ihres lieblichen Parfums ein. „Danke.“

Dann eilte sie fort, zurück zu ihrem Angetrauten, ohne zu spüren, dass sie Evans Herz mit sich nahm.

Nein, die Dinge entwickelten sich ganz und gar nicht so, wie er es geplant hatte.

1. KAPITEL

Evan Taggart schreckte aus dem Schlaf auf und schoss im Bett hoch. In seinem Schlafzimmer stand eine unbefugte Person. „Verdammter …“ Er verstummte abrupt. Denn der junge Mann mit dem Körperbau eines Holzfällers war ihm nicht fremd. Ebenso wenig war das rote Auge der Fernsehkamera ein überraschender Anblick.

Gerade noch rechtzeitig schluckte Evan den derben Fluch hinunter, der ihm auf der Zunge lag, bevor er für die Ewigkeit eingefangen wurde – oder zumindest für die Sendedauer einer gewissen Reality-Show im Kabelfernsehen. Grimmig erklärte er: „Ich bin noch nie im Bett gefilmt worden, ob mit oder ohne Frau. Und ich lasse dich bestimmt nicht hier und jetzt damit anfangen.“

Ted Richards Grinsen wirkte geradezu unheimlich im grellen Licht des Scheinwerfers, den er neben dem Bett aufgebaut hatte. „Die Regisseurin wäre glücklicher, wenn du eine Frau unter der Decke hättest. Ihrer Meinung nach würde es die Einschaltquoten erhöhen.“

Evan war nicht amüsiert. „Wie bist du überhaupt reingekommen?“

„Leandra sagt, dass niemand seine Tür verschließt, weil es hier in Weaver so harmlos zugeht. Sie scheint recht zu haben.“

Das hätte ich ahnen müssen. Evan unterdrückte einen erneuten Fluch, der sich diesmal gegen Leandra Clay und ihre Rolle in der Farce richtete, zu der sein Leben in der letzten Woche geworden war. „Stell das Ding ab“, verlangte er. Wäre er nicht die halbe Nacht unterwegs gewesen, um einen kranken Bullen zu versorgen, hätte er den Überfall des Kameramanns niemals verschlafen.

Ted nahm das schwere Gerät jedoch nicht von der Schulter. Das rote Lämpchen leuchtete weiterhin hell und klar. „Lass nicht deine Wut am Falschen aus, Mann“, entgegnete er leichthin. „Ich tue nur meinen Job.“

Dieser Job bestand darin, Evan sechs Wochen lang auf den Fersen zu bleiben, für eine Kabelfernsehserie namens Walk in the Shoes, abgekürzt Wits. Sie wurde unter Leandras Regieassistenz gedreht und sollte, getreu dem Titel, den Zuschauern den Eindruck vermitteln, in den Schuhen einer interessanten Persönlichkeit zu wandeln. „Keiner hat mir gesagt, dass es zu deinem Job gehört, in meine intimste Privatsphäre einzudringen.“

Ted wirkte noch immer völlig ungerührt und machte keinerlei Anstalten, die Kamera abzustellen. Doch er wandte den zotteligen blonden Schopf, als leichte Schritte auf der Treppe ertönten.

Einen Moment später schlitterte förmlich die Frau herein, die Evan diese Kopfschmerzen bereitete. Er erhaschte einen Blick in schokoladebraune Augen, bevor sie die Aufmerksamkeit auf den Kameramann richtete.

„Ted, mach das Ding aus. Du solltest gar nicht hier sein.“ Leandra schob sich den Riemen ihrer riesigen Umhängetasche höher auf die Schulter und strich sich mit schlanker Hand durch das kurze zerzauste Haar.

Gehorsam senkte er die Kamera. „Dann gehe ich jetzt zurück ins Motel und hau mich noch mal aufs Ohr“, verkündete er unbekümmert. „Hat sich was am Plan für heute geändert?“

Sie schüttelte den Kopf. „Bisher nicht. Wir sehen uns später.“

Er nickte und ging hinaus. Seine Schritte polterten auf den Stufen. Einen Moment später fiel die Haustür ins Schloss.

Evan wünschte, er hätte mehr als nur zwei Stunden geschlafen. Er musste seine fünf Sinne beisammenhaben, wenn er es mit Leandra zu tun hatte.

Verlegen murmelte sie: „Tut mir leid.“

Was? Dass du Chaos in mein friedliches Leben bringst?

„Ich habe ihn nicht hergeschickt. Und ich bin gekommen, sobald ich erfahren habe, dass er hier ist.“

Als ob das alles wieder gutmacht! Wann hab ich endlich meinen Frieden?

Evan war mit ihr im Kreis ihrer Geschwister und Cousins aufgewachsen. Aber was in aller Welt hatte er sich zuschulden kommen lassen, dass er noch immer jedes Mal einen Ruck verspürte, wenn er dieses eine Mitglied des Clay-Clans erblickte? Ungeachtet dessen, dass sie einmal mit seinem besten Freund verheiratet gewesen war!

Sie trug eine Flanellhose, die mit Cartoon-Hühnern bedruckt war, und dazu ein langärmeliges rosa Shirt mit der Aufschrift WITS über den Brüsten. Die Kleidung verbarg nicht, dass ihr Körper mit reizvollen Rundungen gesegnet war. Sie sah aus, als wäre sie ganz überstürzt aus dem Bett gesprungen. Zu seinem Leidwesen trug sie nicht einmal eine Jacke, sodass er deutlich an ihren Brustspitzen erkennen konnte, wie verdammt kalt es draußen war.

Es war September in Wyoming. Es war vier Uhr morgens. Leandras Körper unter der dünnen Kleidung wirkte sehr verlockend.

„Nun? Willst du gar nichts sagen?“ Sie reckte das Kinn vor und stellte den grellen Scheinwerfer ab, den Ted zurückgelassen hatte.

„Ich habe noch nie Hühner mit Hasenohren gesehen“, bemerkte Evan. „Ist das der neueste Schrei in Kalifornien?“

„Das habe ich nicht gemeint.“

Es freute ihn, dass sie verlegen wirkte. Dadurch fühlte er sich ein bisschen besser. Nun musste er sie nur noch aus seinem Schlafzimmer scheuchen. Er schickte sich an aufzustehen.

Sobald sie seine nackten Beine erblickte, runzelte sie die Stirn und eilte zur Tür. „Ich setze Kaffee auf.“

„Eine gute Idee.“

Hastig floh sie die Treppe hinunter.

Das war der ultimative Beweis dafür, dass sie nicht im Mindesten daran interessiert war, ihn nackt zu sehen. Missmutig ging er ins Badezimmer, zog sich schnell etwas an und folgte ihr in die Küche. „Wolltest du nicht Kaffee kochen?“

„Ich bin dabei.“ Leandra schloss den Kühlschrank. „Ich kann ihn nicht finden.“

Er öffnete einen Hängeschrank und holte die Dose heraus. „Ich nehme an, du bist an eine vornehme Marke gewöhnt, die man selbst mahlt.“

Als Antwort verzog sie das Gesicht.

Evan wusste sehr wohl, dass Jake – sein guter Kumpel – teuren und frisch gemahlenen Kaffee bevorzugte. Warum sollte seine Frau anders sein?

Exfrau, rief er sich in Erinnerung. Auch wenn es nichts nützte.

Du bist schlicht und einfach ein Dummkopf. Und Gott schützt keine Dummköpfe namens Evan Taggart.

Vielmehr sandte er eine Strafe in Form einer goldblonden Elfe, der Evan noch immer nichts abschlagen konnte.

Nun musterte sie ihn mit diesen braunen Rehaugen, die zu groß für ihr herzförmiges Gesicht wirkten.

Er löffelte seinen billigen Kaffee aus dem Supermarkt in eine frische Filtertüte. „Willst du auch was davon trinken?“

„Wenn du mir was anbietest.“

Er erhöhte die Pulvermenge. Gleichzeitig füllte Leandra Wasser in die Kanne. Ihre Finger berührten sich, als sie ihm das Gefäß reichte.

Er füllte die Maschine und schaltete sie ein. Ein Gurgeln ertönte. „Ich gehe schnell duschen, bevor der Spanner wiederkommt.“

„Ted ist nicht pervers“, entgegnete sie. „Er tut nur, was Marian ihm aufgetragen hat.“

„Dann ist eben diejenige, die abartig ist“, murrte Evan auf dem Weg die Treppe hinauf.

Was hatte er sich bloß dabei gedacht, in die Teilnahme an dieser blöden Show einzuwilligen?

Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, wegen WITS an Evan Taggart heranzutreten?

Dass es ein Sprungbrett für meine Karriere sein könnte, das Leben eines gut aussehenden Tierarztes zu dokumentieren.

Leandra presste sich die Fingerspitzen an die pochenden Schläfen. Dieser Tierarzt hatte eigentlich ihr Exmann Jake Stallings sein sollen. Selbst nach der Scheidung war er normalerweise bereit, ihr fast jeden Gefallen zu erweisen.

Außerdem war er genau das, was der Regisseurin Marian Hughes vorschwebte: ein charismatischer, gut aussehender Tierarzt für verwöhnte Schoßtiere von Stars und Sternchen.

Doch aus Gründen, die nur er kannte, hatte er ihre Bitte ausgeschlagen und sie an seinen alten Freund und Mitbewohner vom College verwiesen.

Evan Taggart, der Leandras Spielgefährte aus Kindertagen war und ihr Jake überhaupt erst vorgestellt hatte.

Sie hörte Wasser in den alten Rohrleitungen rauschen und sah Evan im Geiste unter der Dusche stehen. Sie bemühte sich, das Bild zu verdrängen. Es war schlimm genug, dass sie ihn bis zur Taille nackt im Bett gesehen und sich unwillkürlich gefragt hatte, was er unter der Decke tragen mochte.

In ihrer Eile, ihn vor Teds Kamera zu retten, hatte sie noch nicht mal geduscht. Sie sehnte sich danach, es nachzuholen und die saubere Kleidung aus ihrer übergroßen Umhängetasche anzuziehen. Doch das wollte sie erst im Haus ihrer Cousine Sarah tun, wo sie während der Dreharbeiten wohnte.

Ganz gewiss wollte sie Evan nicht fragen, ob sie sein Badezimmer benutzen durfte. Er ließ sie deutlich genug spüren, dass er jeden gemeinsamen Moment als Störung betrachtete.

Sie war sich immer noch nicht sicher, warum er überhaupt eingewilligt hatte, an ihrem Projekt teilzunehmen. Sicher, sie kannten sich seit ewigen Zeiten, und er und Jake waren noch immer gute Freunde, aber die Zusage war trotzdem überraschend. Angenehm überraschend zunächst, bis sie in der vergangenen Woche mit ihrem Team angerückt war und nun am eigenen Leib spürte, wie unangenehm Evan sein konnte.

Aber sie legte großen Wert darauf, dass dieser Dreh gut verlief. Denn dann konnte sie endlich Marians Fuchtel entgehen und ihre eigenen Projekte verwirklichen, in denen keine halb nackten Tierärzte vorkamen.

Die Rohre oberhalb ächzten ominös und verstummten. Hastig suchte Leandra im Kühlschrank und den Schränken.

Das Frühstück war fast fertig, als Evan kurze Zeit später in die Küche kam und zur Kaffeemaschine ging. „Das riecht gut.“

Sie wusste nicht, ob er den Kaffee oder die Eier mit Bacon meinte. Sie drehte das Omelett mit einem gekonnten Schwung in der Pfanne um, bevor sie einen Schluck aus ihrem Becher trank und Evan über den Rand hinweg musterte.

Zumindest war er nun bekleidet, auch wenn das weiße T-Shirt jeden einzelnen Muskel betonte, den er guten Genen und einem aktiven Lebensstil verdankte. Die Jeans waren verwaschen, hauteng und verdammt sexy an seinem eindrucksvollen Körper.

Verflixt. Es war nicht der richtige Augenblick für ihre Leidenschaft, zum Leben zu erwachen, nachdem sie jahrelang so friedlich geschlummert hatte. Der Dämmerzustand war Leandra wesentlich lieber. Er machte das Leben viel unkomplizierter.

Sie ließ das Omelett auf einen Teller gleiten, beträufelte es mit Sauce hollandaise, legte Toast und gebratenen Bacon dazu.

Evan starrte auf den Teller, als hätten seine strahlend blauen Augen nie etwas Derartiges erblickt. „Jake hat immer gesagt, dass du nicht besonders gut kochen kannst.“

„Hält dich das davon ab, es zu essen? Das sind nur Eier und Bacon.“

„Raffinierte Eier.“ Er nahm ihr den Teller aus der Hand und stellte ihn auf den quadratischen Eichentisch, den er an die Wand geschoben hatte.

Vermutlich, um Platz zu schaffen für den Laufstall, der einen guten Teil der Küche einnahm. Er war momentan leer. Aber Leandra wusste, dass er für Nachwuchs gedacht war, der nicht von der menschlichen Spezies abstammte. Noch vor einigen Tagen hatte er ein Lämmchen beherbergt.

„Ich hoffe, du hast für dich auch was gemacht“, fügte er hinzu.

„Aber sicher.“ Sie richtete einen Teller für sich selbst her und setzte sich an den Tisch. „Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich mich in deiner Küche ausgetobt habe.“

Es zuckte um Evans Mundwinkel. Er warf ihr einen Blick unter Wimpern zu, die geradezu sündhaft lang waren. „Ich esse doch, oder?“

In der Tat. Sie beobachtete, wie er genüsslich in eine Scheibe Toast biss, und senkte hastig den Blick. Wer brauchte schon im September eine Jacke? Ihr war von innen her ganz heiß. Sie nahm einen Schluck Kaffee und verschluckte sich prompt.

„Ist alles klar?“

„Bestens“, behauptete sie heiser. „Und es tut mir wirklich leid, dass Ted dich so überfallen hat. Hätte ich von Marians Plan gewusst, hätte ich es ihr ausgeredet.“

„Wie denn? Sie ist schließlich deine Chefin.“

„Genau so, wie ich ihr einige andere absurde Ideen ausgeredet habe. Wie lange hat Ted dich gefilmt?“

„Offensichtlich lange genug. Sonst hätte er sich nicht so bereitwillig verdrückt.“

Das konnte Leandra nicht leugnen. Vermutlich hatte Ted die Aufnahmen im Kasten, die Marian von ihm erwartete. „Zumindest warst du allein.“

Evan bedachte sie mit einem abschätzigen Blick. „Ach ja?“

„Etwa nicht? War jemand hier, bevor ich gekommen bin?“

„Nein. Die einzigen Fremdkörper in meinem Zimmer waren du und dein Kameramann. Und er war ein höllischer Anblick beim Aufwachen. Wie hast du eigentlich erfahren, dass er hier war?“

Insgeheim atmete sie auf. „Marian hat es mir vorhin am Telefon gesagt.“

„Sprichst du etwa immer vor vier Uhr morgens mit deiner Chefin?“ Er ließ es wie eine Anschuldigung klingen.

„Nur, wenn sie von der Ostküste anruft, wo sie gerade ein anderes Projekt abdreht, und mir ein paar Stunden voraus hat.“

„Hast du deswegen noch deinen Schlafanzug an?“, wollte er wissen. „Bist du etwa aus dem Bett gesprungen und mir Hals über Kopf zur Rettung geeilt?“

Leandras Wangen glühten. Tatsächlich hatte es sich genau so zugetragen, was lächerlich war. „Du bist weniger rettungsbedürftig als jeder andere Mann, den ich kenne. Und dieses Outfit ist nicht unbedingt ein Schlafanzug, sondern einfach eine Hose und ein Shirt.“

„Ach so. Dann sag mir, wo du kochen gelernt hast. Ich weiß, dass es nicht bei deiner Mutter gewesen sein kann. Emily hat oft geklagt, dass du zu zapplig warst, um lange genug stillzustehen und dir etwas anzuhören, was mit der Küche zusammenhängt.“

„Du weißt zu viel von mir.“ Sie seufzte. „Das kommt davon, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, den man schon seit der Kindheit kennt.“

„Glaubst du etwa, dass ich andernfalls diesem verdammten Projekt zugestimmt hätte?“ Evan strich sich durch das Haar. Die kurzen Strähnen waren noch feucht von der Dusche und standen ihm wie schwarz-blaue Spikes vom Kopf ab. „Erzähl mir, warum dir diese Show so wichtig ist.“

„Alle Storys, die wir für WITS gedreht haben, sind mir wichtig.“

Er blickte sie eindringlich an.

„Na ja, die Serie über dich ist ein bisschen wichtiger. Hast du eigentlich an allem, was ich tue, etwas auszusetzen?“

„Nicht an allem. Das Frühstück war gut.“

„Wenigstens etwas“, murmelte Leandra.

„Was du übrigens nicht erklärt hast.“

„Bacon braten und Eier verrühren ist nicht gerade eine kulinarische Meisterleistung.“

„Aber diese Soße. Sie kommt nicht aus der Packung.“

„Die besteht nur aus Butter, Ei und Zitronensaft. Keine große Sache. Wieso hast du eigentlich so viele Zitronen im Kühlschrank?“

„Meine Eltern haben sie mir aus dem Urlaub in Florida geschickt. Wechsle nicht das Thema.“

„Ich habe in Frankreich ein paar kulinarische Tricks gelernt.“

Einen Moment lang wurde er ganz still. Denn nach Frankreich war sie mit Jake auf Hochzeitsreise gefahren. Und dorthin war sie vor vier Jahren nach der Scheidung zurückgekehrt. Nachdem sie Emi verloren hatten.

Schließlich brach Evan das Schweigen. „Ich schätze, wenn man richtig kochen lernen will, ist Frankreich der gegebene Ort dafür.“

„Ich habe keinen Unterricht genommen. Ich habe mir nur ein paar Dinge von Edouard angeeignet.“

Er zog eine Augenbraue hoch und hakte mit übertriebenem französischen Akzent nach: „Eh-duh-ahr?“

Pikiert stand sie auf und sammelte die Teller ein.

„Weiß Jake, dass du drüben einen Mann kennengelernt hast?“

Sie stellte die Teller mit lautem Klappern in die Spüle und drehte den Hahn voll auf. Wasser prasselte auf das Geschirr und spritzte auf ihr Shirt. „Da gibt es nichts für ihn zu wissen. Hast du vergessen, dass wir geschieden sind? Und das schon seit mehreren Jahren.“

„Trotzdem hast du dich wegen dieser Sendereihe an ihn gewandt, bevor du zu mir gekommen bist.“

Leandra hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass Evan nicht ihre erste Wahl war, was WITS anging. „Was ist los? Fühlst du dich als Lückenbüßer?“ Sie kam sich gehässig vor, kaum dass die Worte ausgesprochen waren. Dabei lag Evans angebliche Schwärmerei für sie eine Ewigkeit zurück und beruhte eigentlich nur auf einem Streit mit seiner damaligen Freundin Lucy, die zufällig ihre Cousine war.

Wider Erwarten wirkte er nicht betroffen. Er trat näher zu ihr, als ihr lieb war. „Ich schätze, wir wären jetzt nicht hier, wenn das ein Problem für einen von uns wäre.“ Seine tiefe Stimme klang freundlich und gelassen.

Sie fühlte sich aus dem Lot geraten und wusste nicht, warum. Evan hatte es nie wirklich ernst mit ihr gemeint. Seine Verliebtheit in ihre Cousine hatte ihn zu sehr beschäftigt. Doch Lucy war nach der Highschool nach New York gegangen, um als Tänzerin Karriere zu machen, und seitdem meinte er es mit niemandem mehr ernst. Vor allem zu Collegezeiten hatte er laut Jake die Frauen gewechselt wie die Hemden.

„Ich fasse dein Schweigen als Zustimmung auf“, sagte Evan nach einer Weile. Er griff an ihr vorbei und schloss den Hahn.

Sein Arm streifte ihre Schulter. Es gelang ihr nur mit Mühe, nicht zusammenzuzucken. „Ich habe überhaupt kein Problem“, versicherte sie.

„Gut. Danke für das Frühstück.“ Und damit schlenderte er aus der Küche.

Leandra versuchte, den unergründlichen Schauer zu unterdrücken, der ihr über den Rücken rann. Und erneut fragte sie sich, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, sich ausgerechnet an Evan zu wenden.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Leandra zu Sarahs Haus zurückkehrte. Es stand im Ortszentrum, gegenüber vom Park und der Highschool.

Erst allmählich lernte sie den Charme des kleinen Städtchens schätzen. Bisher war sie zu erpicht darauf gewesen, dem verschlafenen Nest zu entfliehen, um die Vorzüge zu bemerken.

Sie parkte neben der Garage und ging zur Hintertür hinein, die stets unverschlossen war und direkt in die Küche führte.

So leise wie möglich brachte sie ihre Tasche in das zweite Schlafzimmer und ging barfuß in das Badezimmer. Sie drehte den Hahn in der Dusche auf und wartete, bis das heiße Wasser den kleinen Raum aufheizte. Sie war durchgefroren bis auf die Knochen. Schließlich hatte sie sich nicht für einen kalten Herbstmorgen gekleidet. Das war der Grund für die Schauer, die ihr über den Körper rannen. Auf keinen Fall war Evan der Auslöser.

Sie trat unter den dampfenden Strahl und seufzte, als das heiße Wasser wie Nadelstiche auf ihre Haut prasselte.

„Ich dachte, ich hätte dich schon weggehen hören!“, rief Sarah.

„Da hast du richtig gehört.“ Leandra spähte um den gestreiften Duschvorhang herum. „Ich brauche nur noch eine Sekunde. Du musst dich bestimmt für die Schule fertig machen.“

„Stimmt. Tut mir leid.“ Sarah drehte den Wasserhahn am Waschbecken auf und griff nach ihrer Zahnbürste. „Ich habe heute Morgen ein Elterngespräch vor dem Unterricht. Die Zeit ist knapper als gewöhnlich.“

Leandra stellte sich wieder unter den Wasserstrahl und spülte sich das Shampoo aus den Haaren, bevor sie die Duschkabine räumte. „Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte lieber mit den anderen im Motel absteigen sollen, anstatt dir zur Last zu fallen.“

„Dummkopf! Du bist doch keine Last.“ Neugierig wollte Sarah wissen: „Wo warst du eigentlich vorhin?“

„Bei Evan.“

„Mitten in der Nacht? Gibt es da was zu gestehen?“

Leandra schüttelte nur den Kopf und ging hinaus. „Ich setze Kaffee auf, falls du Zeit dafür hast.“

„Dafür habe ich immer Zeit.“

Der Kaffee war halb durchgelaufen, als Sarah in die Küche kam. Ihr langes rotblondes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten. Sie trug einen weiten beigen Sweater über einem knöchellangen roten Rock und sah wie eine züchtige Grundschullehrerin aus.

Leandra wusste jedoch, dass ihre Cousine keineswegs so sittsam war. Schließlich hatten sie in ihrer Kindheit und Jugend wie Pech und Schwefel zusammengehalten. Sie füllte einen Becher mit schwarzem Kaffee. „Hier.“

„Danke.“ Sarah nahm einen Schluck. „Also, was ist mit Evan? Will er vor dem Dreh kneifen?“

„Womöglich hasst er jede Minute, aber er macht bestimmt keinen Rückzieher. Es ist zwar lange her, seit ich aus Weaver weggezogen bin, aber ich bezweifle, dass er sich in dieser Hinsicht geändert hat.“

„Stimmt. Er ist im Allgemeinen sehr verlässlich. Aber in welcher anderen Hinsicht sollte er sich verändert haben?“

„Keine Ahnung.“

Sarah wirkte skeptisch, ließ es aber dabei bewenden. „Hast du heute Abend Zeit? Die ganze Familie trifft sich zum Dinner im Colbys, um die Überraschungsparty für Grandpa Squire zu planen.“

„Das lasse ich mir um nichts in der Welt entgehen.“

„Ein Glück! Seit du wieder hier bist, beschäftigst du dich dermaßen mit den Dreharbeiten, dass wir noch gar keine Gelegenheit hatten, richtig mit dir zu reden.“ Sarah hängte sich eine Jacke um die Schultern und griff nach ihrer Tasche. „Alle wollten mich ausquetschen, aber ich musste sie enttäuschen, weil selbst ich nichts Neues von dir weiß.“

Leandra wurde das Herz schwer. In den letzten Jahren hatte sie sich nicht einmal Sarah anvertraut. Denn niemand konnte nachvollziehen, was sie seit Emis Tod durchmachte. Aus eigenem Verschulden.

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