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Tausend Sterne über Hongkong

1. KAPITEL

„Erinnerst du dich noch an die wunderbaren Feste, die du immer für mich organisiert hast, als ich klein war?“ Fee Garland lächelte ihre Stiefschwester herzlich an. „Dabei habe ich heute gar nicht Geburtstag. Und ich wüsste auch nicht, was es sonst zu feiern gäbe. Ich komme ja nicht gerade in einem glorreichen Triumphzug zurück nach Hause. In Ungnade gefallen trifft es wohl eher.“

„Sei nicht albern“, widersprach Babs, doch ihr Blick lag besorgt auf Fees bleichen Wangen. „Wenn du dir Sorgen machst, was die Leute denken, dann erzähl ihnen, die Firma hätte Personal abgebaut. So etwas weckt immer Mitgefühl.“

Fee schüttelte den Kopf. „Glaub nur nicht, die Nachricht hätte Hongkong nicht längst erreicht, Babs.“ Die Blüten des wunderschönen Blumenarrangements im Salon verschwammen für einen Moment vor ihren Augen, als sie die aufsteigenden Tränen unterdrückte.

„Na schön, die meisten wissen es. Aber niemanden interessiert das, Fee. Jeder ist auf deiner Seite“, versuchte Babs sie aufzumuntern. „Und du bist wieder zu Hause, wo du hingehörst. Das reicht doch als Grund zum Feiern.“

Trotz ihres Kummers musste Fee über die Entschlossenheit ihrer Schwester lachen. „Wen hast du denn alles eingeladen?“

„Oh, die üblichen Gäste. Ich kenne deine Freunde nicht mehr alle. Schließlich ist es fast vier Jahre her. Ich wusste nur noch, dass du einmal sehr eng mit Warren Bates befreundet warst. Also habe ich ihn eingeladen, und er hat zugesagt. Ansonsten kommt eine Unmenge von Leuten. An manche wirst du dich von früher erinnern, andere kennst du noch nicht.“

Babs und ihr Mann waren lebenslustige Menschen mit einem großen Freundeskreis, das wusste Fee. Sich an Warren Bates zu erinnern, fiel ihr schwer. Er war ihre erste Liebe gewesen. Doch aus dem vorsichtigen Teenagerflirt hatte sich nie eine wirkliche Beziehung entwickelt. Kein Wunder, dass sie sein Gesicht viel unschärfer vor Augen hatte als das des schrecklichen Manns, der die Beziehung zwischen ihnen damals verhindert hatte.

„Feiert ihr immer noch so wilde Partys?“, fragte sie Babs verschmitzt. „Oder seid ihr durch die Ehe grundsolide und langweilig geworden? Die Ehepaare, die ich in Australien kennengelernt habe, wirkten alle viel konservativer als ihr. Deshalb …“ Verlegen brach Fee ab.

„Ich finde, wir sind immer noch offen für alles und genauso locker wie früher. Von daher musst du auch nicht befürchten, dass unsere Gäste schockiert auf dein kleines Abenteuer reagieren.“

„Angst habe ich keine, ich bin nur nicht unbedingt erpicht auf die neugierigen Blicke und die Fragen. Ich will nicht über die Sache reden. Aber ich schwöre dir, dass ich nichts gesagt oder getan habe, was Mr. Sheldon zu seinem Verhalten hätte auffordern können.“

„Natürlich hast du das nicht, Liebes.“

Babs’ bedingungsloses Vertrauen tat so gut.

„Und sollte jemand etwas anderes auch nur andeuten, dann schick ihn zu mir.“ Charles Sandilands stand in der Tür und schaute vielsagend auf seine geballten Fäuste.

„Wenn es eine Frau ist, kümmere ich mich um sie“, ergänzte Babs unbeschwert. „Aber jetzt geh dich umziehen, Fee. Die ersten Gäste können jede Minute kommen. Im Moment gibt es für dich nichts mehr zu tun.“

„Das arme Ding“, hörte Fee Charles auf dem Weg hinaus zu seiner Frau sagen. „Diesen Sheldon möchte ich liebend gern in die Finger bekommen.“

„Der Kerl ist ein Monster“, stimmte Babs zu. „Ausgerechnet ein so liebes, junges Ding wie Fee.“

„Aber sie hat sich verändert“, merkte Charles nachdenklich an. „Ich hätte sie kaum erkannt, als wir sie gestern am Flughafen abgeholt haben.“

„Äußerlich, vielleicht. Aber vom Wesen her ist sie noch immer unsere Klein-Fee.“

Dabei war Babs zwar fünf Jahre älter, aber auch einen guten Kopf kleiner als Fee mit ihren fast eins achtzig. Seit Fees Vater Babs’ Mutter Angela geheiratet und samt Tochter mit nach Hause gebracht hatte, hatte Babs sich um ihre Stiefschwester gekümmert. Oft waren die beiden Mädchen ganz auf sich gestellt gewesen, da Jim regelmäßig und über Wochen in seine geliebten Berge aufbrach und Angela ihre Zeit dann damit füllte, die Aufmerksamkeit anderer Männer zu wecken.

Während Fee duschte, wanderten ihre Gedanken zurück in ihre Teenagerzeit und sie fragte sich, wie die Sache mit Warren wohl ohne die Einmischung von Simon Rhodes weitergegangen wäre. Dann dachte sie wieder an die Situation in Australien. An die Artikel und Fotos in der Klatschpresse, eine desillusionierte Mrs. Sheldon, eine enttäuschte Miss Betancourt und an Vance Sheldon, schäumend vor Wut. Der Mann hatte sie in regelmäßigen Abständen angerufen. Jedes Mal versuchte er dann, sie abwechselnd mit Schmeicheleien oder herrischen Anordnungen dazu zu bewegen, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren und so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Fee hatte nichts Falsches getan. Das wusste sie, und trotzdem hatte sie viele Menschen verletzt – aus Naivität und Leichtgläubigkeit. Aber auch sie war verletzt worden, hauptsächlich ihr Selbstwertgefühl. Sie hatte die Situation völlig missverstanden und einen Job verloren, der ihr wirklich Spaß gemacht hatte. Also floh sie zurück nach Hause, um der Presse und der öffentlichen Neugier zu entgehen. Sie hasste es, im Rampenlicht zu stehen. Die Medien setzten ihr nach wie Bluthunde.

Es kostete sie Mühe, ihre Gedanken von den unglücklichen Szenen loszureißen und sich auf ihr Spiegelbild zu konzentrieren. In den Jahren in Australien hatte sie sich ein dezent elegantes Image zugelegt. Aber wie sie selbst wusste und Babs sofort erfasst hatte, war es eben nicht mehr als das – ein Image.

Sie war immer schlank gewesen, doch die letzten Wochen hatten ihren Tribut gefordert, so dass sie momentan noch graziler und verletzlicher aussah. Zudem verriet ihre makellose helle Haut jedes flüchtige Erröten. Ihr Mund wirkte in dem schmalen Gesicht voller, und ihre Augen waren von einem so dunklen Blau, dass man es erst aus der Nähe als Blau erkannte. Die wilden, langen dunklen Locken bildeten einen reizvollen Kontrast zu dem geschmackvollen schwarz-weißen Rock und dem schlichten schwarzen Top.

Von unten drangen die Stimmen der ankommenden Gäste herauf. Zögernd stieg Fee die Treppe hinunter. Je näher sie dem Salon kam, desto lauter wurden die Stimmen. Das Geräusch erinnerte sie an den Aufruhr der Reporter in Australien, auch wenn sie wusste, dass es nichts mit der hektischen Feindseligkeit dort zu tun hatte.

Instinktiv war sie nach Hause gekommen, als der Druck unerträglich wurde. Fee hoffte, unter den Menschen, die sie seit ihrer Kindheit kannte, innere Stärke zu finden. Doch es funktionierte nicht. Im Gegenteil. Das Verständnis und die Unterstützung machten sie nur noch anfälliger. Sehr oft stellte sie entsetzt fest, dass sie unmittelbar davor stand, in Tränen auszubrechen.

„Klein-Fee sollte gleich unten sein“, hörte sie Babs zu jemandem sagen.

„Klein-Fee?“

Fee erstarrte, als sie die tiefe Stimme trotz der vergangenen Jahre sofort erkannte. Und die Frage war auch nicht als Kompliment gedacht.

„Soweit ich mich entsinne, war sie ein großes schlaksiges Ding, das nicht wusste, wohin mit sich, und das den Leuten Drinks über den Schoß goss und anschließend selbst dorthin stolperte. Ich frage mich, ob sie so auch den großen Vance Sheldon auf sich aufmerksam gemacht hat. In jedem Fall muss es schon etwas Extremes gewesen sein.“

„Sei nicht so gemein, Simon“, sagte Babs. „Der Mann hat das Kind ausgenutzt.“

„Kind? Wie alt ist sie jetzt?“

„Zweiundzwanzig, aber …“

Längst schlich Fee wieder die Treppe hinauf, so dass sie die restlichen Worte nicht mehr hörte. Doch auf halber Höhe hielt sie inne. Nein! Entschlossen hob sie das Kinn. Sie würde nicht zulassen, dass die schrecklichen Erlebnisse in Australien sie wieder in das Schneckenhaus zurücktrieben. Schließlich hatte es sie Jahre gekostet, sich daraus zu befreien.

Aber ausgerechnet Simon Rhodes!

Sie hätte gedacht, dass er längst weitergezogen wäre. Oder verheiratet, so wie die meisten Freunde von Charles und Babs. Obwohl … Simon Rhodes war überzeugter Junggeselle. Im Grunde erstaunlich, dass Charles und er noch immer befreundet waren. Simon langweilte sich mit Bekannten ebenso schnell wie mit seinen Freundinnen – weil sie seinen überdurchschnittlich regen Geist nicht lange fesselten.

Hongkong muss inzwischen geradezu wimmeln von Frauen, die unter seiner Zurückweisung litten, dachte sie leicht amüsiert.

Damals jedoch hatte sie keinerlei Belustigung empfunden. Damals hatte sie ihn verabscheut und sich in seiner Gegenwart immer unwohl gefühlt. Weil er ihr als linkischem Teenager, der viel zu schnell in die Höhe schoss, mit seinem Charme und seiner Weltgewandtheit, dem Selbstbewusstsein und Erfolg die eigenen Unzulänglichkeiten überdeutlich gemacht hatte.

Rhodes Properties hatte ihn zum Millionär gemacht. Man sagte ihm nach, ein Genie zu sein. Allerdings war er auch für seine Affären mit Frauen von eher beschränkter Intelligenz berüchtigt. Sein aufbrausendes Temperament hatte Fee übrigens zweimal am eigenen Leib erfahren. Einmal, als sie ihn in ihrem jugendlichen Leichtsinn unbedachterweise wegen des rücksichtslosen Umgangs mit seiner damaligen Freundin zur Rede stellen wollte. Das andere Mal, als er die aufblühende Liebe zwischen Fee und Warren mit eiskalten Worten vernichtet hatte.

Plötzlich verspürte Fee den Drang, ihm zu zeigen, dass sie nicht mehr der tollpatschige Teenager von vor vier Jahren war, der auf verächtliche Herablassung nur mit hilflosem Trotz reagierte. Die zufällig gehörten Worte hatten sie zuerst verlegen gemacht und dann geärgert. Doch nun mischte sich eine seltsame Vorfreude zu diesen Gefühlen. Wie merkwürdig, dass ausgerechnet Simons unsensible Worte ihr die benötigte innere Kraft verliehen, nachdem das Mitgefühl der anderen sie nur schwächer gemacht hatte.

Simon stand nahe der Tür und lauschte dem Geplauder der bezauberndsten Frau, die Fee je gesehen hatte. Doch es schien nur so, denn seine blauen Augen wanderten unablässig durch den Raum und fixierten jedes attraktive weibliche Wesen.

Im nächsten Moment fühlte Fee einen Adrenalinstoß purer Aufregung durch ihre Adern fließen, aber das war nicht unbedingt etwas Persönliches. Simon besaß allgemein diese Wirkung auf andere. Frauen begannen zu strahlen, und Männer versuchten, sich von ihrer besten Seite zu zeigen.

Er war groß, über eins neunzig, und unverschämt attraktiv. Inzwischen musste er Mitte dreißig sein. Er wirkte vital und energiegeladen, die gebräunte Haut und das von der Sonne gebleichte Haar ließen erahnen, dass er sich häufig an den paradiesischen Traumorten dieser Welt aufhielt – meist in weiblicher Begleitung. Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er plötzlich leicht den Kopf.

„Darf ich eben an euch vorbeistolpern?“, fragte sie spöttisch und schenkte seiner Begleitung ein Lächeln.

„Fee.“Mit leicht zusammengekniffenen Augen musterte er sie. „Sieh dich nur an. Du bist tatsächlich erwachsen aus der Schlacht zurückgekehrt.“

„Wohl eher der Lynchmeute entflohen. Wie geht es dir, Simon? Keine Angst, ich habe keinen Drink in der Hand, du bist also sicher.“ Sie hielt die leeren Hände vor sich und schenkte der Frau an seiner Seite ein weiteres Lächeln. „Wir kennen uns noch nicht, oder?“

„Du hast es mitgehört.“ Ein Lächeln zeigte Simons blendend weiße Zähne. „Und jetzt bist du böse auf mich. Aber ich werde mich nicht entschuldigen. Du weißt doch: ‚Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand‘. Und außerdem warst du tatsächlich eine Gefahr für jeden, der in deine Nähe kam. Obwohl, wenn ich dich so anschaue … Heute fände ich eine Kollision mit dir angenehmer als damals.“ Und bevor sie etwas erwidern konnte, machte er sie mit Loren Kincaid bekannt.

Loren musste einige Jahre älter als Fee sein. Sie war auch kleiner, mit einer perfekten Figur, das rabenschwarze Haar zu einem klassischen Bob geschnitten, was die violetten Augen noch größer machte. Die kirschroten Lippen verzogen sich jetzt zu einem offenen Lächeln. Zuerst hatte sie nervös ausgesehen. So ging es vermutlich allen Frauen, die mit Simon zusammen waren – immer auf der Hut vor potenzieller Konkurrenz.

„Das ist eine Begrüßungsparty für Sie, nicht wahr?“, sagte Loren freundlich. „Meiner Meinung nach haben Sie die richtige Entscheidung getroffen, wieder nach Hause zu kommen. Hier werden Sie sich sicherer fühlen.“

„Sicherer?“ Simon gab sich übertrieben überrascht. „Zuerst habe ich deiner Stiefschwester anstandslos geglaubt, als sie behauptete, du wärst benutzt worden. Doch da hatte ich noch die alte Fee vor Augen. Jetzt, wo die neue Fee vor mir steht, fällt es mir sehr schwer, diese herzzerreißende Geschichte zu akzeptieren. Es ist offensichtlich, dass du gelernt hast, auf dich aufzupassen. Ich denke, du wirst dich überall sicher fühlen. Meinen Glückwunsch. Es hat sicher Spaß gemacht, sich einen der mächtigsten Männer der Finanzwelt Australiens herauszupicken und ihn dann wie einen Widerling dastehen zu lassen. Natürlich kommst du da nach Hause, um zu feiern.“

„Ich habe nicht …“ Fee brach ab, als sie merkte, dass sie sich wie die trotzige Achtzehnjährige anhörte, die sie bei der letzten Zusammenkunft mit Simon gewesen war. Für einen Augenblick hatte sie sich tatsächlich so gefühlt. „Ich weiß, dir hat es nie etwas ausgemacht, wenn dein Name in allen Zeitungen erscheint und ständig Reporter vor dem Haus herumlungern. Aber nicht alle genießen das.“

Er zuckte lässig mit einer Schulter. „Stimmt, es macht mir nichts aus. Das Meiste, was sie über mich schreiben, stimmt ja auch. Ich habe nie etwas zu verbergen gehabt.“

„Oder dessen du dich schämen müsstest?“, fügte Fee hinzu. „Du schämst dich doch nicht etwa für das, was du getan hast, oder?“ Simon lachte. „Das solltest du nicht.“

„Ich habe nichts getan.“ Wahrscheinlich glaubte Simon als einziger von allen Anwesenden tatsächlich, sie hätte aktiv etwas mit dem Skandal zu tun, der ganz Australien in den letzten Wochen in Atem gehalten hatte. „Danke, Loren“, wandte sie sich an seine Begleiterin. „Ja, hier bin ich bestimmt sicher. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich werde erst einmal allen Hallo sagen.“

Mit bewusst langsamen und bedachten Bewegungen entfernte sie sich von den beiden. Hast und Unsicherheit hatten in ihrer Jugend oft zu den erwähnten Missgeschicken geführt. Leider jedoch fühlte sie sich in Simons Gegenwart sofort wieder wie ein Backfisch, nervös und überspannt. Und wütend, vor allem jetzt, da sie seinen Blick spürte, während sie alte Bekannte und Freunde ihrer Schwester begrüßte.

Zumindest war Simon nicht nett gewesen. Denn wie befürchtet, waren alle anderen mitfühlend und verständnisvoll. Taktvoll taten die meisten, als gäbe es nichts Außergewöhnliches an ihrer Heimkehr. Nur wenige sprachen das Thema an, und alle waren fest davon überzeugt, dass Fee keinerlei Schuld traf.

Simon Rhodes bildete die Ausnahme. Alle anderen hielten sie noch immer für das Kind, das sie gewesen war, als sie Hongkong verließ. Im Stillen fragte Fee sich, welche Meinung sie schmeichelhafter fand.

Nun, zumindest Warren Bates sollte die erwachsene Frau in ihr sehen, bedachte man, dass sie früher eine erste unschuldige Romanze verbunden hatte. Fee entdeckte den jungen Mann unter den Gästen. Seine grünen Augen, umrahmt von langen dunklen Wimpern, hatten ihr einmal die Welt bedeutet. Auch jetzt faszinierten sie diese Augen wieder. Er selbst kam ihr jedoch ein wenig langweilig vor. Trotzdem begrüßte sie ihn als Nächsten.

„Ich sah dich vorhin mit Simon reden. Der Mann ist ein Widerling. Ich wusste nicht, dass er auch kommt.“ Warrens Ton machte klar, dass er ansonsten nicht gekommen wäre. Auch er erinnerte sich noch gut an den Zusammenstoß mit Simon.

„Oh, er und Charles sind alte Freunde. Am Freundeskreis meiner Schwester hat sich nicht viel geändert, nur dass viele Frauen inzwischen andere Nachnamen tragen. Der Rotschopf dort drüben hieß früher einmal Ismay Compton. Sie muss über Simon hinweg sein, wenn sie hier ist. Man muss ihm zugutehalten, dass er mit all seinen Exfreundinnen befreundet bleibt. Aber lassen wir doch Simon, erzähl mir lieber, was du die Jahre über so gemacht hast. Obwohl … warte bitte noch eine Minute, ich möchte mir erst etwas zu trinken holen – ohne Alkohol. Nach dem Flug gestern bin ich immer noch ein wenig ausgetrocknet, da verzichte ich vorerst besser auf Alkohol.“

Zu Fees Erstaunen folgte Loren Kincaid ihr in die Küche.

„Sie dürfen sich nichts aus Simons Unhöflichkeit machen“, erklärte Loren. „Manchmal kann er richtig grob sein.“

„Oh, das kenne ich noch von früher.“ Fee rührte das Verhalten der anderen.

„Jeder, der Sie kennt, weiß, dass Sie keine Schuld trifft. Ich auch. Das geht ja schon aus den ganzen Zeitungsberichten hervor. Aber ich sollte besser zu Simon zurückgehen.“ Loren lachte unsicher. „Hier gibt es viel zu viele attraktive Frauen. In der Beziehung ist Simon einfach unmöglich!“

Und letztlich würde Loren verletzt werden – wie alle anderen auch, dachte Fee. Sie arrangierte ein Tablett mit alkoholfreien Getränken und trug es in den Salon. Mit einem Glas Mineralwasser kehrte sie zu Warren zurück.

„Ich bin eigentlich gar nicht in Partystimmung.“ Plötzlich fühlte sie sich müde und ein wenig bedrückt. Voller Sehnsucht sah sie zu der offenen Terrassentür. „Lass uns nach draußen gehen. Dann kannst du mir alle Neuigkeiten von dir berichten“, sagte sie zu Warren. „Oder bist du in Begleitung hier?“

Da er allein war, setzten sie sich auf die Treppe, die zum Swimmingpool hinunterführte, und redeten über alle möglichen Dinge. Fee erwähnte, dass das Haus noch immer ihrem Vater gehörte.

„Es war die praktischste Lösung, dass Charles nach der Heirat hier einzog. Sie werden nach England zurückkehren, sobald Charles die Zeit in der Firma seines Vaters hier abgeleistet hat. Er erzählt immer allen, er sei so etwas wie die moderne Form des Hauswarts.“

„Das ist nicht sehr gastlich von dir, Fee“, unterbrach Simon Rhodes sie auf einmal spöttisch. „Schließlich bist du der Ehrengast. Ich weiß, zu viele Leute auf einmal hast du nie gemocht. Aber willst du etwa die Freundschaften mit jedem einzeln auffrischen? In diesem Fall … Ihre Zeit ist um, Bates, ich bin an der Reihe.“

Warren funkelte Simon böse an, doch er war nicht selbstbewusst genug, um die Herausforderung anzunehmen und Simon zu widersprechen. Fee enttäuschte dieser fehlende Mut. Sie konnte inzwischen für sich einstehen, so unsicher sie sich innerlich auch fühlen mochte. Wieso hatte Warren das nicht auch geschafft?

Um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, schwieg sie, bis er sich zurückgezogen hatte, bevor sie schnippisch sagte: „Ein déjà vu! Was hast du eigentlich gegen ihn?“

Das Seltsame an Simons Gegenwart war, dass seine unerschöpfliche Energie auf andere überzugehen schien. Als er sich neben ihr auf die Treppe niederließ, verflog Fees Müdigkeit sofort.

„Frischst du nur die Bekanntschaft auf, oder willst du die alte Beziehung mit ihm wieder aufnehmen, Fee?“

„Es gab nie eine Beziehung zwischen Warren und mir“, antwortete sie spitz. „Dank dir.“

„Und jetzt fragst du dich wohl, was du da versäumt hast. Ich nehme an, nach dem alten Mann in Australien muss seine Jugend dich enorm reizen.“

Mit einem wütenden Blick drehte Fee abrupt den Kopf zu ihm. Das Licht vom Haus fiel auf sein Gesicht, und sie sah, dass er nur halb scherzte. „Mit deinem Hintergrund musst du wohl so denken. Aber ich bin etwas wählerischer als du, Simon“, fauchte sie.

„Bezieht sich das auf Bates oder Sheldon?“, schoss er spöttisch zurück. Mit leichter Neugier musterte er sie. „Ziehst du wirklich ältere Männer vor? Oder geht es dir nur um eine Art intrigantes Machtspiel, wobei der Verrat bereits von vornherein im Skript steht?“

Sicher, er war ein Zyniker. Trotzdem beunruhigte es Fee, dass er so etwas von ihr dachte. „Zwischen mir und Mr. Sheldon ist nie etwas passiert.“

„Oh, komm schon, Darling. Ihr beide wart in diesem Hotelzimmer, oder etwa nicht?“ Er lachte leise. „Na schön, vielleicht sollte man bei jemandem wie dir nicht unterstellen, dass du es geplant hast – obwohl er es verdient hätte. Aber warum wehrst du dich eigentlich so beleidigt?“

„Du hältst das Ganze einfach nur für amüsant, nicht wahr? Ich finde es widerlich“, brauste Fee auf.

„Warum?“ Wieder lachte er. „Jeder sollte auch seine wilden Erfahrungen sammeln.“

„In deinem Alter müsste sich das mit den wilden Erfahrungen längst gelegt haben“, ergriff sie die Chance zu einem Themenwechsel.

„Noch gehöre ich nicht ins Altersheim“, gab er träge zurück. „Ich bin erst dreiunddreißig.“

„Wie ich sagte … in deinem Alter“, flötete sie zuckersüß. „Loren ist nett.“

„Und schön“, stimmte er völlig entspannt zu. „Aber nicht allzu helle.“

„Hell genug, um zu bemerken, dass du dich schon wieder umschaust.“

„Für mein Liebesleben brauche ich deinen Rat nicht, Fee.“ Sein Ton war plötzlich scharf und kühl.

„Was hat denn Liebe damit zu tun?“, erwiderte sie gespielt harmlos.

„Alles. Ich liebe die Frauen.“

Diese verblüffend einfache Erklärung verschlug Fee erst einmal die Sprache. Ganz eindeutig sagte er die reine Wahrheit. Jede weitere Erklärung für sein Leben als Playboy erübrigte sich damit. Simon liebte alle Frauen und war unfähig, eine einzige zu lieben.

„Früher hast du es nie für nötig befunden, das Offensichtliche festzustellen.“

„Es schien dir nicht ganz klar zu sein“, meinte er lediglich. „Aber im Moment interessiert mich dein Liebesleben mehr. Erzähl mir von Sheldon. Du warst seine persönliche Assistentin?“

„Nein, sondern die Assistentin seiner Assistentin. Aber irgendwann wäre die Beförderung gekommen.“ Sie dachte an die Mühe, die Miss Betancourt sich gegeben hatte, um sie einzuarbeiten. In ein paar Jahren, wenn die ältere Frau sich aus dem Arbeitsleben zurückziehen würde, hätte Fee ihre Stelle übernehmen sollen. Alles umsonst …

„Du warst aber bereit, die Beförderung aufzugeben. Schließlich hast du dir mit deinem Gang an die Presse seinen Zorn zugezogen.“

Ihr war keine andere Wahl geblieben. Außer, sie hätte die groben Zudringlichkeiten von Vance Sheldon zugelassen.

Mit einem verärgerten Blick auf Simon ergriff sie ihr Wasserglas, das neben ihr stand. „Ich will nicht darüber reden. Wie jeder weiß, hat er mich gefeuert. Oder ich habe fristlos gekündigt – je nach dem, welcher Version du mehr Glauben schenken willst. Ich muss an Wichtigeres denken. Ich brauche einen neuen Job und eine Wohnung und ein Auto.“

„Hier in Hongkong?“ „Ja.“ Zurückgehen stand außer Frage. „Hongkong ist mein Zuhause, ich gehöre hierher.“

„Und hier kannst du dich so schlecht benehmen wie du willst, ohne gleich einen Skandal zu verursachen. Denn du bewegst dich ja in Kreisen, die sich ebenso wild benehmen. Ironie des Schicksals, dass du weggehen musstest, um eine von uns zu werden. Nicht, dass ich etwas gegen die Veränderung hätte, aber … was ist mit der alten Fee passiert? Ist unter der salonfähigen Fassade noch etwas von ihr übrig?“

„Unwahrscheinlich, meinst du nicht auch? Doch um ihretwillen, weil sie nie für sich einstehen oder sich wehren konnte: Ja, ihr alle benehmt euch unmöglich, vor allem auf solchen Partys, wenn ich mich recht erinnere.“

Während sie sprach, stand sie auf, sah auf das Wasserglas in ihrer Hand – und goss Simon den Rest Mineralwasser in den Schoß. „Das letzte Mal war es ein Versehen, heute ist es Absicht. Ich sage das nur, weil es dir nicht ganz klar zu sein schien. Tut mir leid, dass es in die Region gefallen ist, mit der du denkst und fühlst.“ Damit ging sie.

Zuerst fluchte Simon laut, dann wurde er abrupt still. Fee konnte der Versuchung nicht widerstehen und schaute über die Schulter zurück.

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