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Tausend Mal ist nichts passiert

Michele Dunaway

Tausend Mal ist nichts passiert

1. KAPITEL

Er hat mich sitzen gelassen. Kristi Jensen warf sich gegen die Lehne des Stuhls im Thai-Restaurant. Ungläubig starrte sie Bill an. „Wie bitte?“

„Ich werde dich verlassen“, wiederholte der Mann, mit dem sie seit einem Jahr ausging. Gleichgültig stocherte er in seinen Nudeln. „Es war angenehm mit dir, und du wirst immer etwas Besonderes für mich sein, aber ich habe mich auf dem Junggesellenabschied meines Bruders verliebt.“

„Verliebt?“

Seine Augen blickten verträumt. „Ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie ist einundzwanzig und macht mich wahnsinnig an.“ Nachdrücklich fuchtelte Bill mit seiner Gabel.

„Aha“, erwiderte Kristi. Der Appetit war ihr vergangen.

„Du weißt, dass es zwischen uns nie gut lief.“

Das war ihr nicht bewusst gewesen. Ihre Beziehung war nicht besonders leidenschaftlich, aber es ging ihnen nicht schlecht, und sie passten zusammen. Und ihre Eltern mochten ihn. Sie hatte eigentlich auf einen Heiratsantrag von ihm gewartet.

Jetzt begriff Kristi, dass der Sportwagen, den Bill vor einem Monat gekauft hatte, der Beginn einer Midlife-Crisis war. Er ließ sie sitzen für eine Frau, die vierzehn Jahre jünger war als er. Verliebt? Von wegen. Wie erstarrt fragte sie ihn: „War sie auch auf der Party eingeladen?“

„Nein, sie war die Stripperin“, antwortete Bill kauend. „Aber sie macht das nur, um Geld für das College zu verdienen. Sie arbeitet nicht im Rotlichtbezirk – nur auf Privatpartys. Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie damit aufhören muss, wenn wir heiraten. Ich bin ja in der Lage, sie zu unterhalten.“

„Na toll.“ Bills versnobte Mutter würde alles andere als begeistert sein von ihrer Schwiegertochter in spe.

Aber das konnte Kristi nun egal sein. Ihre Beziehung zu diesem Mann war beendet. Sie schob ihren Teller zurück, nahm einen Geldschein aus dem Portemonnaie, warf ihn auf den Tisch und wollte gehen.

Bill schaute sich um, als ob ihm das Ganze plötzlich peinlich sei. „Bitte bleib, Kristi. Sonst drehen sich noch die Leute nach uns um. Jeder kennt uns hier. Lass uns nachher zusammen in aller Freundschaft gehen. Ich möchte kein Aufsehen erregen. Und ich habe dich nicht betrogen, falls du das denkst.“

Kristi war daran gewöhnt, dass ihre Beziehungen aus dem einen oder anderen Grund auseinandergingen. Verzweifelt versuchte sie, ihre Würde zu wahren. „Kein Problem. Wenigstens fange ich mir dann keine Geschlechtskrankheiten ein.“

Sie stand auf. Es gelang ihr halbwegs, in ihren hochhackigen Pumps nicht zu schwanken. Nein, sie würde jetzt nicht in Tränen ausbrechen. Und auch nicht die verlorene Zeit mit Bill betrauern.

Sie glättete ihren Rock und griff nach ihrem Mantel. Wortlos ging sie hinaus und ließ Bill und die Illusion einer gemeinsamen Zukunft hinter sich.

„Verdammt“, fluchte sie, als sie in ihr Auto stieg. Heute Abend fand die Firmenweihnachtsfeier statt, und ihre Eltern würden zutiefst enttäuscht über die Neuigkeit sein.

Kristi Jensen, einziges Kind des Gründers und Geschäftsführers des größten Biervertriebs im Mittleren Westen, war wieder einmal Single. Sie musste sich jetzt zusammenreißen. Ihre heutige Aufgabenliste war endlos – Kristi würde sich in die Arbeit stürzen und alles Selbstmitleid auf morgen verschieben.

Mitch Robbins lief vor seinem Schreibtisch auf und ab. Endlich hatte er die Unterlagen für seine Versetzung unterschrieben. Er würde Kristis Abteilung verlassen.

Es war höchste Zeit. Seit fünf Jahren arbeitete er mittlerweile bei Jensen, die letzten zwei Jahre als Kristis persönlicher Assistent. Achtzehn Monate war er geblieben, länger als die meisten seiner Vorgänger. Der Job war das Sprungbrett für eine Karriere im Unternehmen.

Das einzige Problem war, dass er sich nach ein paar Monaten in Kristi verliebt hatte. Aber er war nicht so dumm gewesen, seine Chefin um ein Date zu bitten, die auch noch die Tochter des Firmeninhabers war. Das hätte nämlich sein berufliches Aus bedeutet. Und er mochte seinen Job und die Möglichkeiten, die auf ihn warteten.

Jetzt aber war er bereit dazu. Kristi hatte Mitch vor ein paar Tagen anvertraut, dass sie einen Antrag von Bill erwartete. Seitdem war sie besessen vom Heiraten.

Er konnte es nicht länger ertragen, an ihrer Seite zu arbeiten. Deshalb hatte er seine Versetzung beantragt, und da bei Jensen alles schnell ging, würde er schon Montag eine neue Tätigkeit beginnen.

Er ging zu seinem Schreibtisch zurück. Zwei Jahre seines Lebens hatte er sich nach einer Frau verzehrt, die für ihn unerreichbar war. Seine Eltern verstanden ihn nicht. Als zweiunddreißigjähriger Single war er in den Augen seiner katholischen Großfamilie spät dran.

Doch wie konnte er jemand anders heiraten, wenn die Frau seiner Träume vor ihm saß? Er liebte alles an ihr – ihr blondes Haar, die blauen Augen und ihr umwerfendes Lächeln. Trotz ihrer Herkunft war sie nicht überheblich. Ihre Nähe versetzte ihn in gute Laune.

Aber ihre Beziehung würde sich nie verändern. Kristi und er kamen aus unterschiedlichen Welten. Er gehörte nicht wie die Jensens zum Clan der reichen Familien von St. Louis. Kristi würde ihn vielleicht noch akzeptieren – niemals jedoch ihre Eltern.

Mitch wandte sich wieder dem Computer zu. Er würde Kristi die Neuigkeit mitteilen, wenn sie zurückkäme.

Sein Vorsatz löste sich in Luft auf, als sie verfrüht und mit tränengeröteten Augen ins Büro zurückkehrte. Besorgt sprang er auf. „Ist alles in Ordnung?“

„Alles okay“, brachte Kristi heraus. Sie versuchte, sich zu sammeln. „War während meiner Abwesenheit irgendetwas los?“

„Nichts Besonderes. Alle scheinen wegen der Party ziemlich beschäftigt zu sein.“

„Ist mein Kleid angekommen?“

Zur Hölle mit dem verdammten Protokoll. Mitch legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. „Dein Kleid ist da. Und Barbara und Sara sind schon im Hotel und überwachen den Aufbau.“ Die heutige Party war allein Kristis Verdienst. Monatelang hatte sie die Topveranstaltung des Unternehmens gemeinsam mit der gesamten PR-Abteilung organisiert.

„Was ist mit dem Michelsen-Report?“

„Geschrieben, kopiert und verschickt, damit er vor dem Meeting am Dienstag gelesen werden kann.“

„Und die Preisangaben für die neuen Broschüren?“

„Warten auf die letzten Spezifikationen. Ich habe eine Erinnerungsmail an den Copyshop geschickt, dass sie Zeit bis Montagmorgen um neun Uhr haben und ansonsten nicht berücksichtigt werden. Es ist alles fertig. Was ist passiert?“

Sie hob den Kopf. Ihre Lippen bebten. „Bill hat mich verlassen.“

Mitchs Herz schlug schneller. Bill war ein Schuft. Er hatte Kristi immer wie Dreck behandelt. „Das tut mir leid“, log er. Wenn er Kristi schon nicht erobern konnte, dann wollte er sie wenigstens glücklich sehen. Sie hatte einen besseren Mann als Bill verdient.

„Wenn er anruft oder vorbeikommt – ich will ihn nicht sprechen“, sagte Kristi. Sie schaltete ihr Handy aus und steckte es in die Handtasche.

„Ich werde ihn ganz sicher nicht durchstellen“, erwiderte Mitch. Es würde ihm eine kindische Freude bereiten, Bill auszurichten, er solle sich zum Teufel scheren. „Willst du nicht früher nach Hause gehen und dich von dem Schock erholen? Ich habe alles unter Kontrolle.“

Kristi schüttelte den Kopf. Eine blonde Strähne fiel ihr aus der Hochfrisur, die sie sich eigens für die heutige Gala hatte stecken lassen. „Nein, mir geht es gut. Ich weiß nur nicht, wie ich meinen Eltern begreiflich machen soll, dass ich schon wieder eine Beziehung vermasselt habe. Mit fünfunddreißig hat man die besten Jahre hinter sich.“

„Das ist nicht wahr.“

Sie lächelte schwach. „Das sagst du nur, weil du ein Mann bist. Und du wirst auch nicht im nächsten Monat sechsunddreißig und hast keine biologische Uhr, die tickt. Dann sind da noch meine Eltern, die schon vor zehn Jahren Großeltern werden wollten, und mein Bedürfnis, Bill einen Tritt in den Hintern zu versetzen. Der heutige Abend wird ein Reinfall.“

„Wenn du eine Begleitung für die Party brauchst, stehe ich zu deiner Verfügung.“

Sie sah ihn ungläubig an.

Mitch fragte sich, wie er den Mut für dieses Angebot aufgebracht hatte.

„Du bist so lieb“, sagte Kristi schließlich und schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Das ist Balsam für meine Seele. Aber du hast etwas Besseres als mich verdient. Und jetzt werde ich zu arbeiten versuchen. Kannst du bitte alle meine Anrufe entgegennehmen?“

„Wird erledigt.“ Als sie die Bürotür hinter sich schloss, verfluchte Mitch das Schicksal.

Trotz Mitchs Beteuerungen fand Kristi sich uralt. Und obwohl sie dagegen ankämpfte, waren ihr auf dem Rückweg zum Büro die Tränen gekommen. Sie schlüpfte in ihr rotes Samtcocktailkleid, das sie extra für die heutige Party gekauft hatte, zog den Bauch ein und betrachtete ein letztes Mal ihren Po.

Knackig und durchtrainiert – nicht umsonst ging sie jeden Tag joggen.

Mitch hatte Wort gehalten und alle Anrufe entgegengenommen. Der Nachmittag war herrlich ruhig. Als Mitch an ihre Bürotür klopfte, kam Kristi aus ihrem privaten Badezimmer. Er schaute um die Ecke. „Wenn du jetzt nicht gehst, kommst du zu spät.“

„Danke.“ Sie winkte ihn herein. Er war ihr bislang bester Assistent, und sie schätzte seine Ehrlichkeit. „Wie sehe ich aus?“

Er verschränkte die Arme über der Brust und betrachtete sie. Normalerweise antwortete Mitch sofort.

Kristi wurde nervös – eine schlechte Nachricht am Tag reichte. „Und?“, fragte sie ungeduldig.

„Eine verdammt schwierige Frage. Soll ich politisch korrekt antworten oder wegen sexueller Nötigung gefeuert werden?“

Kristi lachte zum ersten Mal seit Langem. Mitch hatte einen wundervollen Sinn für Humor und die intuitive Fähigkeit, Dinge in die richtige Perspektive zu rücken. „Wie wäre es mit Letzterem? Ich könnte eine Aufmunterung gebrauchen, und solange du mir nicht sagst, dass ich aussehe wie eine Hexe, werde ich dich nicht feuern und es auch nicht meinem Vater erzählen.“

Ein Lächeln umspielte Mitchs Lippen. Er zwinkerte, was sie noch nie an ihm gesehen hatte. Interessant. Er konnte also tatsächlich flirten.

„Also, wenn du nicht meine Chefin wärst, würde ich dich anmachen. Das Kleid ist heiß. Du siehst toll aus, jeder Kerl auf der Party wird auf dich stehen.“

Sie hatte das Kleid gekauft, um Bill zu gefallen. Es hatte ein tiefes Rückendekolleté und vorn einen offenherzigen, doch nicht zu gewagten Ausschnitt. Aber vielleicht hätte sie sich eher ein Stripperoutfit anschaffen sollen. Sie versuchte, ihre negativen Gedanken zu verdrängen. „Danke.“

„Gern geschehen“, sagte Mitch gewohnt professionell. Auf der Weihnachtsfeier trugen die Männer traditionell schwarze Krawatten. Er zog an den Enden. „Ich kann einfach keine Krawatte binden.“

„Lass mich mal versuchen.“ Kristi stellte sich vor ihn. „Vielleicht machen es die Lastwagenfahrer der Gewerkschaft richtig: Sie feiern mit Bier und Steaks im Gewerkschaftshaus.“

Mitch lachte.

Kristi mochte sein Lachen. Es war tief und dunkel. Sinnlich. Die Frauen da draußen waren schön dumm, sich Mitch entgehen zu lassen.

„Solche Feiern sind wirklich viel entspannter als unsere vornehmen Feste!“

„Schon, aber dann könntest du dieses fantastische Kleid nicht tragen.“

Bei seinem Kompliment stieg ein warmes Gefühl in ihr auf. „Es wird nicht jedem gefallen.“

„Mir schon.“

Die Ehrlichkeit in seinen Augen verschlug Kristi den Atem. Sie nestelte an Mitchs Krawatte. Schon oft waren sie einander nahegekommen und hatten sich so manches Mal geneckt, doch zum ersten Mal hatte sie Schmetterlinge im Bauch. Mitch hatte sein gewohntes Aftershave gegen einen holzigeren Duft eingetauscht und roch fantastisch. Sexy.

Es musste der emotionale Aufruhr wegen ihrer gescheiterten Beziehung sein. Sie spielte sein Kompliment herunter. „Wenigstens dir gefällt das Kleid. Kommst du heute Abend allein?“

Er runzelte die Stirn. „Müsste ich denn in Begleitung erscheinen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Männer ohne Begleitung wurden allgemein akzeptiert. Kristi ärgerte sich über diese Doppelmoral. „Aber du hast keine Frau gefragt?“

„Nein. Ich habe vor zwei Monaten mit Louisa Schluss gemacht und dachte, ich würde bei der Organisation mithelfen.“

Kristi hatte ihn vor drei Wochen von der Liste gestrichen. „Oh. Das mit Louisa tut mir leid.“

Er zuckte die Schultern. „Kein Problem. Wir waren eben nicht füreinander geschaffen. Ich warte auf die Frau, die zu mir passt, egal, wie lange es dauert.“

„Wenn das so einfach wäre.“ Kristi hatte in zwanzig Jahren Männerbekanntschaften mehr Niederlagen erlebt, als sie zählen konnte. „Aber du hast doch sicher keine Probleme, die Richtige zu finden.“

Mitch lehnte sich zurück. Die Krawatte hing lose um seinen Hals, und die herunterhängenden Enden kontrastierten mit einem blütenweißen Hemd, das wie angegossen saß und seinen atemberaubenden Körper erahnen ließ. „Meinst du, es ist so einfach?“

„Warum nicht? Du bist attraktiv und hast einen guten Job.“

Das war eine schamlose Untertreibung. Mit seinen einsfünfundachtzig, dem samtschwarzen Haar und den schokoladenbraunen Augen war Mitch ein wahres Prachtexemplar von einem Mann. Und er war ihr Assistent. Kristi musste sich zusammenreißen, um ihn nicht zu lange anzustarren.

„Die Frauen müssten sich doch um ein Date mit dir reißen. Ich meine, natürlich nicht ich, weil ich deine Chefin bin, aber andere Frauen.“

Seine Lippen umspielte ein Lächeln. „Danke.“

Seinen Latinowurzeln verdankte Mitch den immer leicht gebräunten Teint und die langen Wimpern. Seine sinnlichen Lippen deuteten ein unwiderstehliches Lächeln an.

Als Kristi Mitch zum ersten Mal begegnet war, hatte sie schlucken müssen. Leider hatte ihr Vater sehr genaue Vorstellungen von seinem künftigen Schwiegersohn – wohlhabend sollte er sein, erfolgreich und aus guter Familie. Mitch, der aus bescheidenen Verhältnissen stammte, hatte da keine Chance.

Kristi schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf ihre Arbeit und den wahren Grund, aus dem Mitch hier war. Sie band die Krawatte fertig. „Wann muss ich gehen?“

Er sah auf seine Uhr. „Eigentlich schon vor drei Minuten.“

Die Weihnachtsfeier fand im Festsaal eines exklusiven Hotels statt, zehn Minuten von der Konzernzentrale entfernt. St. Louis erwartete heute noch ein heftiges Schneetreiben, das zum Glück aber erst lange nach Mitternacht beginnen sollte. „Dann mache ich mich wohl besser auf den Weg. Kommst du mit?“

Mitch nickte und legte ihr den Arm auf den Rücken.

Kristi spürte eine seltsame Erregung.

„Ich begleite dich hinaus.“

2. KAPITEL

Um zehn Minuten vor sechs hatten sich Kristi und Mitch aus den Augen verloren. Er half Barbara am Begrüßungstisch. Ihr Team war so effizient, dass Kristi sich ganz auf ihre Eltern konzentrieren konnte, die wie jedes Jahr an der Gala teilnahmen.

„Das hast du ganz wunderbar gemacht, Liebes“, sagte Kristis Mutter und blickte über den Festsaal mit den elegant gekleideten Gästen. Die Deckenbeleuchtung schuf eine angenehme Atmosphäre. Überall glitzerte Kristall, und es waren keine Kosten gescheut worden. Nach dem Dessert und verschiedenen Ansprachen würde man zu den Klängen einer Band bis in die Morgenstunden tanzen. „Du hast dich selbst übertroffen.“

Die Worte ihrer Mutter taten Kristi gut. Ihre Eltern hatten hohe Erwartungen an ihre einzige Tochter, die sie bislang alle erfüllt hatte – abgesehen von der Tatsache, dass sie noch keinen Ehemann gefunden hatte. „Danke. Ich habe hervorragende Mitarbeiter, und der neue Bankettmanager des Hotels hat ganze Arbeit geleistet.“

„Ja, aber unter deiner Leitung“, erwiderte ihr Vater. Schon Larry Jensens Erscheinung flößte Respekt ein.

Er hasste es, sich wie in einem Aquarium zu fühlen, deshalb gab es kein Kopfende des Tisches. Ihre Eltern saßen mit drei weiteren Paaren an einem runden Tisch in Podiumnähe, Kristi am Nebentisch. Bill hatte neben ihr sitzen sollen.

Emma schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Sie wandte sich an ihre Tochter. „Wo ist Bill? Sollte er nicht schon längst da sein?“

Die Stunde der Wahrheit war gekommen.

„Er ist …“ Kristi geriet ins Stocken, als ihr Vater den Arm um seine Frau legte. Sie hatte einen Kloß im Hals.

Ihr Vater konnte despotisch sein, aber er liebte seine Familie.

Kristi sehnte sich zwar nach einer tiefen und leidenschaftlichen Liebe wie die ihrer Eltern, doch sie war trotzdem bereit für eine Vernunftehe mit Bill gewesen. In ihrem Alter blieb ihr keine große Wahl mehr.

Sie strich einen unsichtbaren Fussel von ihrem Rock.

„Ja, wo ist er denn?“, fragte ihr Vater. „Ich überlege gerade, Aktien von einem neu gegründeten Unternehmen zu kaufen, und brauche seinen Rat.“

„Er kommt nicht“, brachte sie heraus.

Ihr Vater runzelte die Stirn. „Warum nicht? Du hast ihn doch eingeladen, oder etwa nicht? Ist er geschäftlich unterwegs?“

Sie ließ die Schultern sinken. „Nein, er hat eine andere Frau kennengelernt und ist aus meinem Leben verschwunden.“

„Oh.“ Ihr Vater schluckte. Geschäftliche Krisen bewältigte er souverän, doch mit Kristis Beziehungsproblemen konnte er schlecht umgehen. Er verstand einfach nicht, was bei seiner perfekten Tochter falsch lief.

„Ach, Liebes, das tut mir leid. Geht es dir gut?“ Kristis Mutter umarmte sie teilnahmsvoll.

„Ich komme klar“, wiederholte Kristi die Worte, die sie sich schon den ganzen Tag vorgesagt hatte, und wand sich aus der mütterlichen Umarmung. Es war allgemein bekannt in der Firma, dass Kristi Jensen von jedem Mann verlassen wurde. Das Gerücht würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Doch heute Abend wollte sie ihre Ruhe haben. „Ich erzähle euch am Sonntagabend, was passiert ist.“

„Hast du jemand anders eingeladen?“, fragte ihr pragmatischer Vater.

„Nein, Bill hat mich vorhin erst vor vollendete Tatsachen gestellt. Abgesehen davon brauche ich kein Date, denn ich arbeite heute, erinnerst du dich? Es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass die Feier reibungslos verläuft.“

„Dafür hast du doch deine Mitarbeiter.“ Die Falten auf Larrys Stirn vertieften sich.

„Aber ich trage immer noch die Verantwortung“, beharrte Kristi und hätte sich dabei am liebsten unsichtbar gemacht.

Sie war erleichtert, als ihr Vater sie auf die Stirn küsste. „Tut mir leid, das war unsensibel. Manchmal vergesse ich, dass ich dein Vater bin. Ich kann nicht ertragen, wenn man dir wehtut. Glaub mir, ich könnte Bill umbringen.“

„Bitte geh meinetwegen nicht ins Gefängnis“, erwiderte Kristi. Es war ein alter Witz unter ihnen, der ihrem Vater ein, wenn auch trauriges, Lächeln abrang.

„Schön, aber du weißt, ich habe gute Anwälte. Ich würde davonkommen.“ Er hatte wie immer das letzte Wort.

Doch ihre Mutter runzelte die Stirn. „Ich möchte nicht, dass du allein am Tisch sitzt, Kristi. Vor allem nicht heute Abend. Wie sieht das denn aus! Was meinst du, Larry?“

Ihr Vater gab seiner Frau immer recht. Auch jetzt nickte er. „Stimmt. Der Gewerkschaftspräsident sitzt an deinem Tisch. Bald beginnen die Tarifverhandlungen. Du brauchst eine männliche Begleitung.“

Businessauftritte hatten manchmal etwas Vorsintflutliches. Kristi wollte protestieren, als sie eine männliche Stimme hinter sich vernahm. „Ich sitze neben Kristi.“

Sie drehte sich um und sah Mitch. Wie viel hatte er wohl von dem Gespräch mitbekommen?

„Ich bin auch ohne Begleitung hier, und so gibt es keine leeren Plätze“, sagte er zu ihrem Vater.

Kristi rebellierte innerlich. Sie würde das Dinner auch allein überstehen. Und der Gewerkschaftspräsident würde damit umgehen können.

„Gut“, erwiderte ihre Mutter, offensichtlich erleichtert.

„Wirklich, es gibt keinen Grund …“, protestierte Kristi, doch das Kopfnicken ihres Vaters beendete die Debatte.

„Sehr großzügig von dir, Mitch. Halt mich auf dem Laufenden. Mitchs Vater ist Handwerker …“, Larry wandte sich Emma zu, „… und seine Familie hat Erfahrung mit der Gewerkschaft.“

„Mein Vater ist seit über dreißig Jahren Mitglied“, bestätigte Mitch.

Interessiert verfolgte Kristi die Unterhaltung. Sie wunderte sich nicht, dass ihr Vater Mitchs familiären Hintergrund kannte. Mit eisernem Willen hatten Larry Jensen und seine Brüder das Unternehmen aufgebaut. Da Kristis Tischnachbar nun feststand, ging Larry mit seiner Frau zu ihrem Tisch.

Sofort wandte sich Kristi an Mitch. „Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten.“

„Nein, aber ich brauche deine Hilfe.“ Er stand ihr so nahe, dass sie seinen Atem spüren konnte. „Lisa aus der Buchhaltung hat herausgefunden, dass ich Single bin. Und wenn ich deine Begleitung bin, ist das eine gute Methode, um sie abzuschrecken.“

„Oh.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Dann hatte ich recht mit meiner Annahme, dass du schnell eine neue Frau kennenlernen würdest.“

Mitch nahm ein Glas Wein von dem Tablett eines Kellners und reichte es Kristi. „Es gibt nur eine Frau, die mich interessiert, und sie ist unerreichbar. Dates abzumachen – das ist für mich kein Sport.“

„Aber warum nicht Lisa? Sie ist zwar ein Vamp, aber nett.“

„Nicht mein Typ. Zwischen uns knistert es nicht.“

Ein kurzer Gongschlag ertönte als Zeichen, sich zu Tisch zu begeben.

Mitch ließ Kristi vorangehen.

„Muss es denn unbedingt knistern?“, fragte sie, als sie an ihm vorüberging.

Mitch hob die Augenbrauen. „Etwas muss da sein. Mehr als ein hübsches Gesicht und ein williger Körper.“

„Was, zum Beispiel?“

Er zog ihr den Stuhl heraus, und sie setzte sich. „Keine Ahnung. Junge Männer suchen Bestätigung, weil die Hormone verrückt spielen. Mit dem Alter wird man anspruchsvoller und sucht eine tiefere Verbindung als nur Sex.“

Kristi hatte eigentlich gedacht, dass Bill und sie Gemeinsamkeiten hätten. „Ich verstehe das nicht. Bill und ich mögen thailändisches Essen, denselben Radiosender und Spaziergänge im Park. Und jetzt verlässt er mich für eine einundzwanzigjährige Stripperin.“

„Bill ist schon immer ein Mistkerl gewesen.“

Sie sah Mitch verblüfft an. „Und das sagst du mir erst jetzt?“

Er zuckte die Achseln. „Ich bin doch nur dein Assistent. Warum sollte ich mich in dein Privatleben einmischen? Außerdem machtest du einen glücklichen Eindruck.“

„Anscheinend war ich eher blind. Ich suche mir immer die falschen Männer aus.“

Mitch setzte sich. „Du verdienst es, glücklich zu sein.“

„Ja, das verdienen wir alle. Auch du.“ Sie wollte von sich ablenken und fragte ihn: „Und was ist mit deiner unerreichbaren Traumfrau?“

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