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Tausend Mal gedenk ich dein

Über die Autorin

Heike Eva Schmidt wurde in Bamberg geboren. Nach einem Psychologiestudium arbeitete sie zunächst als Journalistin, ehe sie ein Stipendium an der Drehbuchwerkstatt München erhielt. Seitdem ist sie freie Drehbuchautorin. Im Jahr 2012 hat sie sich außerdem als Buchautorin etabliert, bereits zwei ihrer Jugendbücher wurden mit Preisen ausgezeichnet. Tausend Mal gedenk ich dein ist der erste Titel der Autorin im Boje Verlag.

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Wenn du dich umgebracht haben wirst …

… Dann werden sie traurig sein. Vielleicht erkennen sie danach, was sie dir angetan haben. Mit ihren Blicken, ihrem Flüstern, das immer erst verstummte, wenn du in ihre Nähe kamst. Ihr falsches Lächeln, das sie dann aufsetzten, weil sie glaubten, du würdest es nicht merken.

Manchmal gibt es Tage, die sind hell und leicht wie ein Sommermorgen. Du wachst auf, die Sonne malt zartgelbe Kringel auf die Tapete, und du weißt, das wird ein guter Tag. Aber dann, ganz plötzlich, verwandelt er sich in etwas Graues, Zähes, das an dir zieht wie ein schweres Gewicht und dich mit sich in die Tiefe reißt. Dann dröhnt das Ticken der Uhr in deinen Ohren und du fällst und fällst, bevor du im Spalt zwischen zwei schwarzen Stunden verschwindest. Da unten in der Dunkelheit, wohin Worte nicht reichen, ist dein Gefängnis. Und du kauerst dort und weißt, dass dich niemand liebt, nicht einmal du selbst.

Dann musst du den Schmerz betäuben, ehe er dich von innen auffrisst und du dich in einem Säurebad von Wut und Hass auflöst. Wenigstens hast du alles, was du brauchst: den Brieföffner. Die Schere. Die Nagelfeile. Oder das Teppichmesser, das seitdem in eurem Werkzeugkasten fehlt.

Du siehst, wie Metall weiche Haut durchschneidet, aber du spürst nichts. In diesem Augenblick bist du nur Beobachter, da ist es nicht deine Haut, in die eine silberne Klinge drückt. Erst wenn sich eine hellrote Linie bildet, sich der Schnitt langsam mit Blut füllt, bis es überläuft und du mit der Zunge die zähflüssigen Tropfen auffängst, erst dann fühlst du etwas: Erleichterung.

Du lässt deinen Hass zur Ader, bringst ein Blutopfer. Alles, damit es dir nur wieder besser geht. Damit der körperliche Schmerz den in deinem Kopf überdeckt. Der Eisengeschmack in deinem Mund holt dich aus der Schwärze zurück, und du bist in Sicherheit. Bis zum nächsten Mal, wenn du wieder diese Blicke spürst und das Echo ihres Kicherns, das noch in der Luft hängt, auch wenn sie sich schon abgewandt und eine gleichgültige Miene aufgesetzt haben. Aber du kannst es noch hören und ihre spöttisch nach oben gezogenen Mundwinkel sehen, auch wenn sie nur hinter vorgehaltener Hand über dich lachen.

Es wird ihnen noch leidtun, irgendwann, wenn du dich getötet haben wirst. »Warum?«, werden sie mit geheuchelter Trauer fragen und gespielt ratlos den Kopf schütteln.

Und auf einmal fragst du dich das auch. Warum solltest du so etwas tun? Wieso sollst du für ihre Vergehen büßen? Und dir kommt ein ganz neuer Gedanke: Vielleicht tötest du ja gar nicht dich – sondern einen von ihnen?

KAPITEL 1

NELLY

»Der Grill brennt!« Der Schrei stieg in den Frühsommernachthimmel wie ein Feuerwerkskörper und übertönte sogar die laute Musik. Ich drehte mich um und sah Chris, Erik und Flo losrennen, während Alex, der heute Abend den Grillmeister markierte, mit hektischen Wedelbewegungen versuchte, den Qualm zu vertreiben, der nun langsam über die Wiese zog. Es fing an, beißend nach verbrannten Würstchen zu riechen, und Alex glich mit seinen wild rudernden Armen einer Windmühle im Sturm.

Leonie, Bille, meine Banknachbarin Ina und Siska sahen rüber zu dem hektischen Treiben. »Ach Mensch«, motzte Bille, »dabei hatte ich solchen Hunger!«

Neben mir begann Pina zu kichern. »Das nennt man Fettverbrennung«, kommentierte sie. »Fragt sich nur, wer hier die armen Würstchen sind – die auf oder die neben dem Grill.«

Ich musste nun auch lachen und wir schauten zu, wie Alex kurzerhand eine volle Flasche Wasser, die im Gras stand, über das rauchende Inferno goss, um die Glut zu löschen.

»Welcher Vollidiot hat mit der Grillkohle herumgezündelt?«, rief er erbost in die allgemeinen Buhrufe und das Klatschen hinein und kickte mit dem Fuß gegen die milchige Plastikflasche mit der blauen Kappe, auf der ein gelber Aufkleber mit schwarzen Flammen und der Aufschrift »Spiritus – brennbar!« klebte. Aber natürlich war es mal wieder keiner gewesen. Wie immer, wenn in unserer Klasse was schieflief.

Ich amüsierte mich noch über Pinas Spruch, als Alex vorbeilief und sauer »Jetzt können wir mit der Grillerei von vorne anfangen« murmelte, während Flo und Chris die patschnasse Grillkohle auskippten und frische in das Kohlebecken schütteten. Erik hatte sich schon vorher verzogen.

»Was grinst du so?«, fuhr Alex mich gereizt an, als er meinen Gesichtsausdruck sah. »Hast du am Grill rumgefummelt, oder was?«

Es war nichts Neues, Alex ging immer gleich hoch, wenn ihm etwas nicht passte, aber heute Abend verdarb mir sein fieser Ton schlagartig die Laune.

»Mann, mach dich mal locker! Geh zu deinen Kumpels und arbeite mit ihnen ein bisschen am Weltfrieden!«, schaltete sich Pina ein und wies mit einer Kopfbewegung auf ein paar Jungs, die sich in diesem Moment mit Bierflaschen aus dem nächsten Sixpack zuprosteten.

Alex verschlug es ausnahmsweise die Sprache. Er schien etwas sagen zu wollen, aber Pina sah ihn nur mit vorgerecktem Kinn von oben herab an. Schließlich wandte er sich kopfschüttelnd ab, wobei er noch etwas murmelte wie »Nix als schwache Sprüche auf Lager«, ehe er zum Lagerfeuer stapfte und zischend eine neue Flasche öffnete.

»Tja, so sind wir Mädchen eben«, sagte Pina, aber die Antwort war nicht an Alex, sondern an mich gerichtet. Sie legte mir den Arm um die Schulter und drückte mich kurz an sich.

Sofort ging es mir besser. Trotzdem blickte ich jammervoll zu Pina auf. »Jetzt müssen wir trockenes Brot essen. Oder verhungern«, stellte ich mit dumpfer Stimme fest.

»Oooh, armer schwarzer Kater!« Pinas Stimme triefte vor Mitleid, aber ich sah ihr breites Grinsen. Sie kramte in ihrer schicken Tasche aus dunkelviolettem Schlangenlederimitat und zauberte schließlich mit einem triumphierenden »Yep!« einen etwas zerknautschten Müsliriegel hervor. »Damit du nicht vor Hunger umfällst«, sagte sie und streckte mir den Riegel hin. Ich riss die Verpackung auf und brach ihn in zwei Hälften, um Pina auch was abzugeben. Doch sie schüttelte nur den Kopf, und ich verschlang mit zwei Happen den gesamten Riegel.

»Danke«, mümmelte ich mit vollem Mund. Ich ließ gerne zu, dass sie mich manchmal etwas bemutterte, immerhin ging sie in die Klasse über mir und war ein Jahr älter. Trotzdem hatte sie sofort gespürt, wie mich Alex’ unfreundlicher Spruch getroffen hatte. Nun war ich doppelt froh, dass Pina mitgekommen war, auch wenn die Einladung zur Grillfete eigentlich nur für unsere Klasse gegolten hatte. Genau das sagte ich ihr auch.

»Hey, wozu hat man eine beste Freundin?«, gab Pina zurück und zog mich ans Seeufer, wo ein paar meiner Mitschülerinnen ausgelassen zu dem Song »36 Grad« tanzten, der aus den aufgestellten Lautsprechern dröhnte. Unerbittlich zerrte sie mich auf die improvisierte Tanzfläche, und nach ein paar Takten machte es mir plötzlich richtig Spaß, mich zur Musik zu bewegen. Trotzdem steckte ein winziger Splitter in meinem Herzen. Warum konnte ich nicht so locker und schlagfertig sein wie Pina?, dachte ich, während die kubanischen Rhythmen und die Stimme von Inga Humpe über den See wehten. Ich sah an mir herunter, und mein Blick blieb an meinen heißgeliebten, aber schon ziemlich ausgelatschten grauen Chucks hängen. Dann schielte ich zu meiner Freundin herüber, die ein Stück entfernt stand und nur leicht mit einem Fuß zur Musik wippte. Sie trug dunkelblaue Leinenschuhe mit Keilabsatz, die ihre Beine noch länger erscheinen ließen, als sie sowieso schon waren. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Ente, die versehentlich neben einer Ballerina gelandet war. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, also hockte ich mich ins Gras und zupfte an einem losen Faden, der vom Saum eines meiner Hosenbeine hing.

Im Gegensatz zu mir schien Pina immer zu wissen, was sie anziehen sollte. Während ich fast jeden Morgen vor meinem Kleiderschrank stand und mich nicht zwischen Jeans und Sneakers oder Rock und Flip-Flops entscheiden konnte, griff sie mit schlafwandlerischer Sicherheit die Sachen heraus, in denen sie einfach cool aussah. Ihr Schrank beinhaltete mindestens doppelt so viele Klamotten wie meiner, denn Pinas Mutter war immer für eine Shoppingtour zu haben und zeigte sich jedes Mal großzügig. Und seit Pinas Vater vor einem Jahr seine Familie verlassen hatte, versorgte er seine Tochter zudem mit reichlich Taschengeld – wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen.

Aber es lag nicht nur an der Menge der Anziehsachen, die sie besaß. Mit ihren großen, dunklen Augen, ihrer zarten Haut, auf der sich nicht mal der kleinste Pickel verirrte, und den halblangen Haaren, deren Spitzen sich immer ein wenig nach außen bogen, fiel Pina einfach auf. Vielleicht lag es auch an ihrem Mund, bei dem die geschwungene, aber schmale Oberlippe einen auffälligen Gegensatz zur vollen Unterlippe darstellte und es daher immer so wirkte, als würde sie ein wenig schmollen. Nicht trotzig oder schlecht gelaunt, sondern eher herausfordernd. Die meisten Jungs fanden Pina wahrscheinlich toll, aber keiner traute sich, sie anzusprechen.

Wenn Pina morgens mit geradeaus gerichtetem Blick und langen Schritten über den Schulhof ging, wirkte sie immer so, als würde sie niemanden brauchen. Nie sagte sie »Hallo«, und dennoch folgten ihr alle Blicke. Mir war sie natürlich auch schon auf dem Schulhof aufgefallen, aber wahrscheinlich wären wir aneinander vorbeigelaufen, bis Pina Abitur gemacht hätte, wenn nicht eines Nachmittags ihre Fahrradkette herausgesprungen wäre und damit ihre Heimfahrt sabotiert hätte. Ich war dazugekommen, als Pina fluchend und mit ölverschmierten Händen an ihrem Fahrrad herumfummelte. Nach einer halben Stunde sahen meine Hände genauso schwarz aus, meine Locken waren zerzaust und standen wahrscheinlich wie Korkenzieher von meinem Kopf ab, und meine Jeans zierte ein dicker, glänzender Schmierfleck. Dafür hatten Pina und ich aber festgestellt, dass sie mit Nachnamen »Sommer« und ich »Winter« hieß, worüber wir lachen mussten. Außerdem mochten wir beide Milchkaffee mit einer Menge Schaum und Krimis mit viel schwarzem Humor. Nur unser Musikgeschmack ging beträchtlich auseinander.

Prompt verzog Pina auch jetzt das Gesicht, weil gerade ein Song von Pink lief.

»Leider steht in unserer Klasse keiner auf Elvis oder Buddy Holly«, zog ich sie auf. Ich musste grinsen, als ich mir vorstellte, ich würde Daniel, der heute den DJ spielte, eine CD mit den Hits der frühen 60er-Jahre in die Hand drücken, mit der Bitte, diese für meine Freundin zu spielen. Was würde der wohl allein bei den Texten für ein Gesicht ziehen! Echte Kerle, die sich in ein Mädchen verlieben und alles für sie tun würden, versammelten sich in Titeln wie Devil in Disguise, That’ll be the day, Runaround Sue und wie die Dinger alle hießen. Ich fand die Songs ganz gut – allerdings nur für eine 60er-Jahre-Mottoparty. Aber Pina fuhr voll darauf ab. Sie hörte praktisch nichts anderes und konnte jede Zeile auswendig mitsingen. »Ich bin zu spät geboren. Eigentlich hätte ich in den Zeiten von Petticoat und Rock ’n’ Roll leben sollen«, sagte sie immer, wenn ich sie deswegen aufzog.

Ehe wir uns aber erneut kabbeln konnten, ertönte auf einmal Geknatter, und gelbe Scheinwerferkreise von drei Motorrollern durchschnitten die aufziehende Dämmerung. Beim Näherkommen sah ich, dass eines der Fahrzeuge eine alte Vespa aus den 70er-Jahren war. Mein Vater schwärmte noch heute von seinem ersten Motorroller, den er mit sechzehn endlich fahren durfte. »Eine Piaggio, Baujahr ’73 in Blaugrau. Da gab es extra Zapfsäulen an der Tanke, aber so was kennt ihr Kids ja heutzutage gar nicht mehr«, war sein Standardsatz, wenn er in seine nostalgischen Erinnerungen abtauchte. Meine Mutter hatte seinen verträumten Blick »Papas Plüschaugen« getauft, aber als ich jetzt die alte Vespa sah, konnte ich plötzlich verstehen, warum sie ihm so gefallen hatte.

Schweigend beobachteten Pina und ich, wie die Fahrer die Motoren abstellten. Es konnte niemand aus unserer Klasse sein, denn keiner meiner Mitschüler fuhr so ein Ding. Die meisten waren noch keine sechzehn und durften somit höchstens ein Mofa fahren. Und auch an unserer Schule hatte ich die Vespa noch nie gesehen.

Einer der Fahrer, ein schlanker, hochgewachsener Typ in Jeans und einer abgeschabten schwarzen Lederjacke, schwang sich mit einer fließenden Bewegung von seinem Roller und nahm den Helm ab. Einen dunklen Wuschelkopf, weiße Zähne, die bei einem Lächeln aufblitzten, und eine gerade Nase, mehr konnte ich nicht erkennen. Aber etwas an seiner Haltung faszinierte mich. Wie er so dastand, wirkte er gleichzeitig lässig und elegant. Ich reckte neugierig den Hals, doch die hereinbrechende Nacht breitete sich wie schwarze Tinte aus und ich konnte keine Einzelheiten erkennen. Die drei Musketiere, schoss es mir durch den Kopf. Mit Pferdestärken statt Pferden, dachte ich und musste kurz über meine eigene Albernheit grinsen. Plötzlich drehte der Wuschelhaarige den Kopf und sah sekundenlang zu uns herüber. Undeutlich nahm ich das Aufblitzen von hellen Augen wahr, die uns anstarrten. Beziehungsweise Pina. War ja klar, dachte ich verzagt. In diesem Augenblick traten Alex und Erik zu den dreien. Ich hörte nur dumpfes Gemurmel, konnte jedoch nicht verstehen, was sie sagten. Aber gleich darauf nickte der Wuschelhaarige und die zwei anderen Fahrer zuckten die Schultern. Alex und Erik gingen wieder zu den anderen aus der Schule.

Als der Dunkelhaarige etwas zu seinen Freunden sagte, wehten nur undeutliche Wortfetzen zu uns hinüber. Bestimmt kam er gleich rüber, um Pina mit einem Spruch zu beeindrucken. Stattdessen stülpte er sich jedoch seinen Helm wieder auf, und kurz darauf sprangen die Vespas knatternd an. In geschlossener Formation kurvten die Fahrer davon. Pina folgte dem Trio mit den Blicken, bis die Maschinen in der Ferne verschwunden waren.

»Hat dir einer von den Typen gefallen?«, fragte sie und sah mich prüfend an. Ich spürte, dass ich rot wurde, daher zuckte ich nur die Schultern. »Nö, wieso?«

»Na ja, ich dachte nur …« Sie zog eine Augenbraue hoch.

»Ich glaube, ich hab jetzt doch Bock auf Würstchen«, entschied ich und schüttelte meine Beine aus, die vom Sitzen etwas kribbelten.

»Ich auch«, sagte Pina und sah zum Grill. »Gehst du?«

»Hey, gerade wolltest du mir noch was mitbringen, vergessen?«

Pina grinste mit funkelnden Augen und ich ahnte, was jetzt kam. Prompt streckte sie mir ihre rechte, aufgestellte Faust hin und ich tat es ihr gleich.

»Schnick, schnack, schnuck«, sagten wir unisono und öffneten die Hände. Pina hielt den kleinen Finger ausgestreckt nach oben, während mein Zeigefinger gekrümmt war. »Ha! Du hast verloren: Stock erschlägt Schlange!«, rief Pina triumphierend.

»Mist!«, grummelte ich. »Noch mal!«

Beim zweiten Mal machte Pina das Zeichen für »Schlange«, während ich diesmal Zeigefinger und kleinen Finger gestreckt hielt, während die zwei mittleren Finger abgeknickt waren und auf dem Daumen auflagen, sodass es wie ein Hundekopf aussah. »Schlange beißt Hund«, stellte Pina trocken fest, »du hast zwei Mal hintereinander abgelost und musst Essen holen!«

»Immer ich«, murrte ich, aber in Wahrheit machte es mir nichts aus. Ich verlor regelmäßig gegen Pina bei unserem Schniekern mit selbsterfundenen Begriffen und Zeichen. »Schere, Stein, Papier kann jeder«, hatte Pina herablassend gesagt, als wir das erste Mal etwas ausknobeln wollten. Unter viel Gekicher und Diskussionen hatten wir uns schließlich auf Stock, Schlange, Hund geeinigt. »Es ist ganz einfach! Stock erschlägt Schlange. Schlange beißt Hund. Hund apportiert Stock«, hatte ich einmal in der Küche versucht, meiner Mutter unser System zu erklären. »Hauptsache, ihr zwei versteht es, mein Schatz«, hatte sie etwas zerstreut gelächelt und sich dann abgewandt. Aber ich war stolz gewesen, dass Pina sich ausgerechnet mich als Freundin ausgesucht hatte.

Daher trabte ich jetzt auch ohne Widerrede los. Bille, Leonie, Ina und die anderen lümmelten immer noch im Gras und Satzfetzen drangen zu mir herüber: »… finde ihn in dem Film einfach Wahnsinn. Hast du seine neue Frisur gesehen? Damit sieht er noch besser aus.«

»Ja, aber die Story ist scheiße. Und diese Dings, wie heißt die Schauspielerin noch mal, die mitspielt? Also die sieht inzwischen ja wohl voll fertig aus!«

»Angelina Jolie?«

»Nee! Mann, Bille, die hat doch dunkle Haare! Ich meine die Blonde …«

»Carey Mulligan?«, schlug ich im Näherkommen vor, weil gerade ein aktueller Film mit ihr im Kino lief.

Sechs erstaunte Augenpaare wandten sich mir zu. Schlagartig kam ich mir vor wie ein Eisbär in der Sahara – total fehl am Platz. Mir fiel nichts anderes ein, als noch hinzuzufügen: »Ich glaube, die zweite Runde am Grill ist fertig.«

Bille, die nach eigener Aussage vorhin kurz vorm Hungertod gestanden hatte, ließ nur kurz ein uninteressiertes »Hmm« ab und drehte sich weg. Ina ließ sich immerhin zu einem kurzen Lächeln in meine Richtung hinreißen, ehe Leonie ihr Gespräch nahtlos fortsetzte. »Also, ich will den Film auf alle Fälle bald sehen …«

Ich machte, dass ich zum Grill kam, auf dem Würstchen und Putenschnitzel brutzelten. Daneben stand ein Korb mit mehreren Baguettestangen. Jeder aus der Klasse hatte ein paar Euro in eine Sammelbüchse geworfen und dafür durften wir jetzt zugreifen. Diesmal war nichts verbrannt, aber Alex konnte sich einen blöden Spruch mal wieder nicht verkneifen. »Na, machst du eine Zucht für Hüftgold auf?«, fragte er und deutete auf den zweiten Teller, den ich für Pina in der Hand hielt. Flo und ein paar Jungs, die das mitbekamen, prusteten los. Ich beschloss, sie zu ignorieren, obwohl Alex’ Stichelei bei mir sehr wohl einen Nerv traf. Ich war nicht immer glücklich mit meiner Figur und beneidete Pina um ihre schlanke Taille und die langen Beine. Aber Alex haute nicht nur immer wieder fiese Sprüche raus, er war auch einer der besten Sportler an der Schule und außerdem unser Klassensprecher. Ich traute mich einfach nicht, ihm mal richtig die Meinung zu sagen. Damit stand ich allerdings nicht alleine, sogar die drei fremden Motorrollerfahrer waren ja vorhin ohne Widerrede abgehauen.

»Vergiss doch den Typen, der hat eine große Klappe, aber keinen Arsch in der Hose«, sagte Pina, als wir kurz darauf zusammen im Gras saßen und ich ihr von Alex’ dummem Spruch erzählte. Trotzdem hinterließen seine Worte einen bitteren Nachgeschmack. Ich umschlang meine Knie mit beiden Armen und starrte auf die schwarze, glatte Fläche des Sees. Unter meinen nackten Fußsohlen spürte ich kühl die kitzelnden Grashalme. »Hey, du lässt dir doch von so einem Idioten nicht die Laune verhageln, oder?«, fragte Pina und sah mich prüfend an. Ich schüttelte den Kopf und bemühte mich um ein Grinsen. »Ach was, sollen sie doch alle in der Hölle schmoren.«

Ich konnte ja nicht ahnen, auf welch schreckliche Weise meine Worte noch am gleichen Abend wahr werden sollten.

***

Als ich am nächsten Morgen das Klassenzimmer betrat, standen Bille, Leonie, Ina und noch ein paar andere dicht gedrängt um Erik. Leonie wischte sich über die Augen. Heulte sie etwa? Auch die Mienen der anderen verrieten, dass es um ein ernstes Thema ging. Ich überlegte eben, ob ich mich dazustellen sollte, als Siska reinkam und sich ohne Umstände zu den anderen gesellte. »Was ist denn los? Schreiben wir eine Ex oder warum guckt ihr so trübetümpelig?«, fragte sie munter. Schweigen breitete sich aus wie verlaufende, schwarze Tinte. Blicke wurden gewechselt, Füße scharrten über den Boden. »Hast du das mit Flo noch nicht gehört?«, fragte Ina schließlich dumpf.

»Was denn?«

»Gestern waren Alex, Flo und ich als Letzte am See und wollten noch ein bisschen aufräumen«, erzählte Erik. »Flo hat gesagt, er löscht den Grill. Wir hatten extra eine Flasche Wasser danebengestellt, aber in der Dunkelheit hat er wohl nicht richtig hingesehen …« Erik schluckte.

Mir war klar, dass etwas passiert sein musste, denn seine Stimme ließ etwas Dunkles, Schreckliches erahnen, das sich zäh und klebrig zwischen uns ausbreitete.

»Was ist passiert?«, fragte Siska beinahe flüsternd.

»Flo hat die Flasche mit dem Spiritus erwischt und das Zeug in die Glut geschüttet. Es … gab eine Stichflamme und … oh fuck!« Mit weit aufgerissenen Augen starrte Erik uns an. Bei der Erinnerung an das Bild konnte er nicht weitersprechen.

»Er hat im Reflex die Arme vors Gesicht gerissen«, ergänzte Leonie mit monotoner Stimme. »Das war sein Glück, aber seinen rechten Unterarm hat es wohl ziemlich übel erwischt.«

»Wir haben sofort den Notarzt gerufen, und die sind gleich mitsamt Polizei angerückt«, berichtete Chris.

»Wieso das denn?«, platzte ich heraus.

»Das ist bei Unfällen wohl Routine«, murmelte Alex. »Blöderweise haben die unseren Joint gefunden, und jetzt heißt es natürlich, der Unfall wäre aus Leichtsinn passiert.«

»Na ja, vielleicht war Flo tatsächlich bekifft und wollte einen Witz machen«, wagte ich einzuwerfen.

»Pfff, so ein Quatsch!«, fuhr Alex mich unfreundlich an. »Jeder von uns hat mal dran gezogen, aber Flo war doch nicht so weggetreten, dass er aus Jux Spiritus statt Wasser genommen und sich selber angezündet hat!«

»Es war einfach zu dunkel«, sagte Chris bestimmt. »Das hätte jedem von uns passieren können!«

Alle nickten, und dann gab es nichts weiter zu sagen. Ich dachte an Flo, der mit dick verbundenem Arm im Krankenhaus lag. Ob er wohl mit Medikamenten ruhiggestellt wurde, sodass er in einer Welt ohne Schmerzen, aber auch zeitlos ohne Tag und Nacht dahindämmerte, bis die Verbrennung einigermaßen verheilt war?

Stumm und bedrückt schlichen wir auf unsere Plätze und ich schlug mein Mathebuch auf. »Kausalzusammenhänge« las ich zerstreut. Unvermittelt musste ich an meinen Satz denken, Alex und die anderen sollten in der Hölle schmoren. Nun hatte es Florian erwischt. Wäre ich abergläubisch gewesen, dann hätte ich vielleicht geglaubt, mit meinen Worten wäre etwas Böses heraufbeschworen worden. Etwas, das sich auf Flo gestürzt hatte und schuld war an der tragischen Verwechslung von Wasser mit Spiritus, für die er nun mit einer Verbrennung zweiten Grades büßen musste. Aber vielleicht hätte ich doch eher dem Satz Glauben geschenkt, dass ein Unglück selten alleine kommt.

JULE

Der Gong ertönte und Jule sah auf die Uhr: drei Minuten vor acht. Lachend und plaudernd strömten die Schüler grüppchenweise an ihr vorbei. Jule schluckte. Hier kennen sich alle, dachte sie und schauderte. Warum mussten ihre Eltern auch mitten im Schuljahr umziehen? Ihr graute vor dem ersten Schritt in das neue Klassenzimmer. Lauter fremde Augenpaare, die sie mustern würden. Taxierende Blicke, Getuschel und wenn es ganz schlimm kam, vielleicht auch Gekicher. Verstohlen blickte Jule über ihre Schulter. Fünf Meter entfernt war das Schultor, dahinter begann die Straße. Ein kurzer Sprint und ich wäre weg, dachte sie, und eine Sekunde lang erschien ihr die Flucht nach draußen, wo die weißgelbe Sonne bereits am Morgen vom blauen Maihimmel knallte, als verlockende Möglichkeit. Dann aber siegte die Vernunft. Hier konnte sie noch einmal neu anfangen. Mit zusammengebissenen Zähnen erklomm sie die letzten Stufen und stieß die gläserne Eingangstür auf. Durch die Halle mit dem Steinboden, ein paar Stufen zum ersten Stock hoch, den Flur mit graugrünem Linoleumboden entlang. Dann stand Jule vor der gelbgestrichenen Klassentür. Ihr Magen fühlte sich an wie eine Waschmaschine kurz vor dem Schleudergang, und ihre Finger waren kalt und gefühllos, als sie nach der Klinke griff und sie herunterdrückte. Fünfundzwanzig Gesichter wandten sich ihr zu, helle und dunkle Flecken, denn vor lauter Aufregung verschwamm alles vor Jules Augen. Ein größerer, bunter Fleck bewegte sich auf sie zu und wurde zu einem roten Lippenstiftmund, der zu einer Frau Mitte dreißig gehörte, die Jeans und einen roten Pulli trug.

»Du musst Juliane sein. Ich bin Silke Ulbrich, die Klassenlehrerin«, sagte sie und klatschte kurz in die Hände.

»Hört mal alle her! Das ist Juliane Willmann, unser Neuzugang!« Aufmunternd sah Frau Ulbrich sie an. »Vielleicht möchtest du selbst ein paar Worte sagen?«

Nein, möchte ich nicht!, hätte Jule am liebsten geschrien, aber sie wusste, es gab kein Entkommen.

»Ja, also, ich heiße Jule. Ich bin gerade mit meinen Eltern wieder nach Deutschland gezogen. Mein Vater hat drei Jahre in London gearbeitet und … ähm, ach ja, ich bin fünfzehn.«

Noch während sie sprach, sah Jule im Geiste ihr Spiegelbild, das sie ansah und kopfschüttelnd die Augen verdrehte. Jule wusste selbst, dass sie eine miserable Performance hingelegt hatte, aber sie konnte nicht anders. Alles, was sie sich vorher zurechtgelegt hatte, schien sich in dem Moment zu verflüchtigen, da sie den Mund öffnete. Kicherten da ein paar Mädchen in der hinteren Reihe? In Jules Ohren rauschte es.

»Gut, dann setzt du dich am besten zu … lass mal überlegen. Florian ist zurzeit im Krankenhaus, aber das ist hoffentlich kein Dauerzustand. Nein, wir machen es anders. Ina, kannst du vielleicht den Platz tauschen und dich nach vorne zu Bille setzen?«, fragte die Ulbrich. Zwei Mädchen, eine etwas Pummlige mit kurzen Haaren und eine Zierliche mit rotblonden Locken, die in eigenwilligen Kringeln um ihr Gesicht tanzten, nickten. Die Kurzhaarige stand auf und schleppte ihren Rucksack in die vordere Bankreihe. »Neben Nelly bist du gut aufgehoben, sie kann dir helfen, wenn du mit dem Schulstoff am Anfang Schwierigkeiten haben solltest«, sagte die Lehrerin zu Jule gewandt. Mit unsicheren Schritten setzte die sich in Bewegung und ließ sich neben dem kringelhaarigen Mädchen auf den Stuhl fallen.

»Hi. Ich bin Nelly«, sagte sie.

»Hi«, brachte Jule heraus und schielte vorsichtig nach links. Ob diese Nelly jetzt sauer war, weil sie ihretwegen eine andere Banknachbarin bekam? Doch das Mädchen lächelte ihr freundlich zu, und Jule atmete auf.

Da ertönte die energische Stimme von Frau Ulbrich. »So, liebe Leute. Mathebücher raus, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Och, kann die Neue nicht noch ein bisschen was von England erzählen?«, fragte ein schlaksiger Blonder, der schräg vor Jule saß und beim Grinsen eine Zahnspange zeigte. Jule erschrak, doch die Lehrerin entgegnete zuckersüß: »Ich schlage vor, DU erzählst uns was, Daniel. Und zwar über ein gleichschenkliges Dreieck mit einem Winkel von 36 Grad …«

Alle Aufmerksamkeit der Schüler richtete sich auf die Tafel und Jule spürte, wie ihr Körper, der eben noch so angespannt gewesen war, als wolle er zu einem 100-Meter-Sprint ansetzen, sich entkrampfte. Da spürte sie einen leichten Knuff an ihrem Ellenbogen. Jule wandte den Kopf, und Nelly zog eine bezeichnende Grimasse Richtung Daniel. »Mach dir nichts draus, die meisten in der Klasse sind wie Blauwale: große Klappe, aber harmlos«, flüsterte sie. Jule nickte nur vorsichtig, aber das erste Mal, seit sie aus dem Umzugswagen gestiegen war, hatte sie das Gefühl, die neue Schule könnte vielleicht doch ganz okay sein. Wenn nur niemand erfahren würde, was der wahre Grund für ihren Umzug gewesen war.

NELLY

Der Pausengong erlöste uns von den elend langweiligen Ausführungen über weltpolitische Veränderungen als Auswirkung des Kalten Krieges. Müller, unser Geschichtslehrer, dessen Name genauso banal war wie sein Unterricht, packte noch seine Tasche, da waren wir schon an ihm vorbei zur Klassentür raus. »Soll ich dir zeigen, wo unsere Schulkantine ist?«, bot ich der Neuen an, die schon etwas weniger verängstigt als heute Morgen aussah. Mit ihren glatten hellbraunen Haaren und der runden Brille, hinter deren Gläsern jedoch überraschend blaue Augen blitzten, hatte Jule anfangs wie ein scheues Erdmännchen gewirkt, das zum ersten Mal den Kopf aus dem Bau steckt. Vielleicht hatte sie sich deswegen mit dunkelblauen Röhrenjeans, Turnschuhen und einem weiten, grauen Hoodie besonders unauffällig angezogen? Ich konnte sie verstehen. Irgendwo hinzukommen und niemanden zu kennen, das war für mich auch der Horror. Zum Glück passierte mir das nicht mehr, seit ich Pina kennengelernt hatte. Wir hingen oft nach der Schule den ganzen Tag zusammen und ich genoss es, mit ihr befreundet zu sein.

»Ähm, wolltest du mir nicht die Mensa zeigen?«, riss mich Jules Stimme aus meinen Gedanken. »Ach so, ja klar«, sagte ich und lief los.

In der Kantine war wie immer die Hölle los. Nur Pina aß nie dort. Sie konnte den Massenauflauf nicht leiden, wie sie sagte. Tatsächlich taten alle immer so, als hätten wir nur zwei Minuten Pause und danach stünde eine Hungersnot bevor. Deswegen dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis Jule und ich unsere Tabletts durch die Schlange an der Kasse manövriert hatten und uns an einem Tisch niederlassen konnten. »Die Schule ist ganz schön verwinkelt! Alleine finde ich nie wieder in die Klasse zurück«, seufzte Jule.

»Hast du den Flurplan nicht bekommen?«, fragte ich und da sie den Kopf schüttelte, bot ich an, ihr die Skizze per Mail zu schicken. Gerade diktierte sie mir die letzten Buchstaben ihrer Mailadresse ins Handy, da steuerten Ina, Bille, Erik, Daniel und Leonie mit ihren Essenstabletts auf unseren Tisch zu und setzten sich dazu.

»Mensch, erzähl doch mal, wie ist England denn so? Habt ihr direkt in London gewohnt?«, fragte Leonie und verschüttete fast ihren Tee, weil sie sich neugierig zu Jule herüberbeugte.

»Du sprichst sicher super. Schütz, unser Englischlehrer, wird dich ins Herz schließen«, prophezeite Siska etwas verkniffen.

Fürchtete sie etwa, ihre Vormachtstellung als Klassenbeste zu verlieren?, dachte ich. Während Jule mit leiser Stimme die Fragen meiner Mitschüler beantwortete, die nur so auf sie einprasselten, blieb ich stumm. Keiner beachtete mich, alle scharten sich um die Neue. Umso mehr freute ich mich darauf, mit Pina später nach Hause zu radeln. Doch als ich zum Fahrradunterstand schlenderte, um auf sie zu warten, fehlte ihr weißes Rad mit den roten Blitzen an der Seite. Pina war ohne mich nach Hause gefahren.

PINA

»Hallo, Schätzchen!«, hörte Pina ihre Mutter Maren aus dem Wohnzimmer rufen, kaum dass sie die Wohnungstür geöffnet hatte. »Wie war’s in der Schule?«

Pina verdrehte die Augen. Musste ihre Mutter sie gleich wieder mit Fragen überfallen? Sie hätte sich am liebsten in ihr Zimmer geschlichen, um erst mal ein paar Minuten Ruhe zu haben. Doch schon wehte Maren in einem ihrer langen, bunten Kleider in den Flur und umarmte sie stürmisch, sodass ihre vielen Ketten klapperten und die Holzperlen beinahe schmerzhaft an Pinas Schlüsselbein drückten.

»Schön, dass du da bist, mein Schatz. Hast du Hunger? Bestimmt aber Durst, es ist ja heute wieder irre heiß draußen!« Ohne Pinas Antwort abzuwarten, bugsierte sie ihre Tochter in die Küche. Unentwegt redend goss sie Pina ungefragt ein Glas Eistee ein und machte sich danach am Herd zu schaffen.

»Mama, echt nicht, ich hab keinen Hunger«, wehrte Pina ab, doch ihre Mutter pustete sich nur ungeduldig eine Strähne ihrer langen, schwarzen Haare aus der Stirn. Außer Pina wusste niemand, dass sie die inzwischen färbte, um die vielen grauen Strähnen zu überdecken, die seit der Trennung von Pinas Vater immer mehr zu werden schienen.

»Ach was, du warst den ganzen Tag in der Schule, und ich weiß doch, was eure Kantine für einen Fraß verkauft«, sagte Maren, ohne sich zu Pina umzudrehen, und angelte eine Packung Spaghetti oben aus dem Regal.

»Außerdem bist du noch am Wachsen. Und ich hoffe doch nicht, du fängst in deinem Alter schon mit diesem Low-Carb-Mist an oder machst sonst eine Diät. Bist eh so dünn …«

Plötzlich hatte Pina das Gefühl, das Geplapper ihrer Mutter keine Sekunde länger ertragen zu können. Sie ging zum Herd und nahm ihr fast grob die Nudelpackung aus der Hand.

»Mama, ich hab heute ausnahmsweise schon den ›Fraß‹ aus der Mensa gehabt, weil ich mir dort ein Sandwich geholt habe! Außerdem ist es zu heiß für Spaghetti! Kannst du das nicht einfach mal akzeptieren?« Pinas Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Prompt sah sie das Blaugrau in den Augen ihrer Mutter verschwimmen.

»Schon gut«, sagte Maren erstickt und sah auf einmal viel älter aus als ihre knapp neununddreißig Jahre. »Verstehe. Ich bin einfach zu nichts mehr nütze. Kein Wunder, dass Kai weg ist …«

Pina machte schnell zwei Schritte auf ihre Mutter zu und nahm sie in den Arm. »Mama, so hab ich das doch nicht gemeint. Ich find’s toll, dass du dich so um mich kümmerst. Aber … ich hab gerade echt keinen Kohldampf. Lass uns doch später zusammen einen Salat essen, okay?«

Marens Miene hellte sich auf. Impulsiv drückte sie ihre Tochter an sich. »Wenn ich dich nicht hätte, Herzchen«, sagte sie strahlend. »Und nun geh mal schön deine Hausaufgaben machen. Je schneller du fertig wirst, desto mehr Zeit haben wir beide danach zum Quatschen, ja?«

Sie warf Pina noch eine Kusshand zu, ehe sie mit flatterndem Kleid im Wohnzimmer verschwand.

Pina blieb noch einen Moment mit angehaltenem Atem stehen und lauschte. Sie hörte Maren vor sich hinsummen, wobei ihre nackten Fußsohlen leise auf den Laminatboden klatschten. Pina linste vorsichtig durch den Spalt der angelehnten Tür und sah ihre Mutter selbstvergessen zu der Melodie tanzen, die sie sich selbst vorsummte. Lautlos wich Pina zurück und wandte sich zum Gehen, da drang das leise Klicken, mit dem die Tür des Sideboards aufging, an ihr Ohr. Wenige Sekunden später hörte sie das vertraute Klirren eines Flaschenhalses, der an ein Glas stieß.

Pina grub die Zähne so fest in die Unterlippe, dass es schmerzte. Sie verharrte noch eine Sekunde an der gleichen Stelle, als hätte sie eine Hexe aus dem Märchen mit einem bösen Zauber belegt, der sie für immer und ewig an einer Stelle festbannte. Dann aber wirbelte sie herum und floh in ihr Zimmer.

KAPITEL 2

NELLY

Fünf Minuten nach halb acht am nächsten Morgen radelte ich über die große Kreuzung, an der ich fast jeden Morgen nach links abbog, um Pina abzuholen, ehe wir zusammen an ein paar Feldern entlang zur Schule fuhren. Es war ein kleiner Umweg, aber schöner, als die Hauptstraße zu nehmen. Gerade überlegte ich, ob ich die Ampel an der Kreuzung noch bei Grün schaffen könnte, da hörte ich Fahrradreifen auf Asphalt quietschen und einen erschrockenen Ausruf. Ohne nachzudenken, schloss ich beide Hände um die Bremsen und kam schlitternd zum Stehen. Ich keuchte vor Schreck und sah überrascht – in Jules blasses Gesicht. »Nelly! Oh Mann, sorry, ich hätte dich fast umgefahren!«, rief meine neue Sitznachbarin und sprang vom Rad. »Ist alles okay?« Vor lauter Hektik rutschte Jule ihre Schultasche vom Gepäckträger. Hefte, Bücher und ein paar Stifte verteilten sich quer über den Radweg. »Oh nein!«, rief sie und bückte sich hastig, um ihre Sachen aufzusammeln. Rasch lehnte ich mein Bike an den Ampelmast und half ihr. Jule schaute zu mir hoch. »Tut mir leid, ehrlich! Aber ich dachte, ich hätte mich verfahren und würde zu spät zur Schule kommen. Ich finde mich hier einfach noch nicht zurecht«, erklärte sie und wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Ich sah, dass ihre Brillengläser vor Aufregung beschlugen.

»Ach, ist doch nicht so schlimm«, beruhigte ich sie, obwohl auch mir der Schrecken des Beinahe-Zusammenstoßes noch in den Knochen steckte. Aber die aufgelöste Jule tat mir leid, und daher konnte ich ihr nicht böse sein. Ich zog ein frisches Taschentuch aus meinem Rucksack. »Hier, dein Mathebuch ist dreckig geworden«, meinte ich und hielt es ihr hin.

»Danke«, erwiderte Jule leise. Nachdem sie alle Bücher sauber und ordentlich wieder in ihrer Tasche verstaut hatte, hoben wir unsere Räder auf.

»Zum Glück kannst du mir jetzt zeigen, wie ich zur Schule komme«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln. »Das minimiert die Wahrscheinlichkeit, dass ich in der Walachei lande und erst zur zweiten Stunde in der Klasse einlaufe.«

Ich wollte ihr sagen, dass ich noch meine Freundin abholen würde, da schlug die Kirchturmuhr dreimal. Viertel vor acht, erkannte ich erschrocken. Wenn ich jetzt noch zu Pina fuhr, kamen wir garantiert zu spät. Ganz abgesehen davon, dass sie sicher längst alleine losgefahren war. Kurz merkte ich, wie ich auf Jule wütend wurde, die nicht aufgepasst hatte und wegen der ich nun Pina versetzen musste. »Ich habe dir doch den Schulplan und die Anfahrtskizze gestern per Mail geschickt«, sagte ich und hörte selbst, wie gereizt ich klang. Doch als ich Jules hilflose Miene sah, hatte ich mich schnell wieder im Griff. Sie hatte mich ja nicht mit Absicht aufgehalten, und Pina würde ich spätestens in der Pause treffen. Dann konnte ich ihr alles erklären.

Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, meine Freundin im Stich gelassen zu haben.

Als endlich der Pausengong ertönte, war ich als Erste zur Tür hinaus und flitzte auf den Pausenhof, um dort auf Pina zu warten. Quälende Minuten vergingen, und ich überlegte mir schon, ob sie heute überhaupt zur Schule gekommen war, da sah ich, wie sie durch die gläserne Tür schlenderte. Erleichtert lief ich auf sie zu. »Ich wollte dich heute Morgen abholen, aber dann hat mich Jule mit dem Rad fast umgefahren. Ich hab ihr noch geholfen, ihre Bücher einzusammeln, und danach war ich zu spät dran«, sprudelte es aus mir heraus. Pina schien mich jetzt erst wahrzunehmen, und ihre fein gezeichneten Augenbrauen schossen in die Höhe. »Jule?«, echote sie.

»Ja, die Neue in meiner Klasse, du weißt schon. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir leidtut. Ich hoffe, du hast nicht auf mich gewartet«, schob ich hastig hinterher.

Pina sah mich mit milder Verwunderung an, als wolle sie fragen, wieso ich hier so einen Aufstand veranstaltete. Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden.

»Ich bin heute sowieso früher los. Musste noch Latein abschreiben«, erklärte sie.

»Ach so, dann ist ja gut«, sagte ich etwas lahm, aber das mulmige Gefühl, dass sie irgendwie enttäuscht von mir war, blieb. Sagte sie das nur, weil sie nicht zugeben wollte, dass sie auf mich gewartet hatte?

Ich beschloss, sie zu versöhnen – egal, ob sie tatsächlich sauer war oder ich mir das nur einbildete. »Übrigens ist heute im Cine Palazzo Kinotag. Hast du Lust? Ich lade dich ein«, sagte ich.

Eine Sekunde lang dachte ich, sie würde den Kopf schütteln und mich stehen lassen. Aber dann machte sich auf ihrem Gesicht das typische Pina-Grinsen breit. »Aber wehe, es ist keine ordentliche Schnulze! Ich erwarte Tränen zum Happy End, klar?« Dann drehte sie sich um, winkte mir kurz mit Zeige- und Mittelfinger über die Schulter zu und verschwand im Schulgebäude. Ich atmete auf. Es war doch alles in Ordnung. Beschwingt lief ich nun ebenfalls zum Eingang, denn gleich war die Pause um und unser Chemielehrer verstand keinen Spaß, wenn man zu spät kam. Pünktlich schlüpfte ich auf meinen Platz. »Du grinst ja wie ein Honigkuchenpony«,

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