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Tausche Glamour gegen Liebe

1. KAPITEL

Maggie McShane schob ihre Schwäche für Cowboys auf die einstige Tradition, sich im Kreise der Familie alte Filme mit The Duke John Wayne anzuschauen. Glückliche Kindheitserinnerungen stiegen in ihr auf, als ein Cowboy mit einem Stetson in der Hand auf das Filmset schlenderte.

Äußerlich konnte er durchaus mit dem Duke mithalten, vom dichten braunen Haar über die blauen Augen bis hin zu der überdurchschnittlichen Körpergröße. Er schien sie mit seinem bohrenden Blick ins Visier zu nehmen. Mit Mühe wandte sie sich ab und versuchte, sich auf die nächste Szene zu konzentrieren, die vor einer alten Scheune auf einer Ranch in Arizona spielte.

„Dein Stichwort, Maggie!“, rief Mac Iverson, der Regisseur.

„Achtung, Aufnahme!“

Die Einstellung endete mit einer Nahaufnahme ihres Gesichts, bei der ihre Miene Entschlossenheit, aber auch einen Anflug von Unsicherheit widerspiegeln sollte.

„Schnitt! Noch mal von vorn. Diesmal bitte ein bisschen mehr Ausdruck.“

„Okay.“ Sie fragte sich, wer der Cowboy sein mochte. Warum war er am Set? Wer gab ihm …

„Schnitt! Wo hast du heute bloß deinen Kopf?“, wollte Mac wissen.

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und sah Verwunderung auf seinem Gesicht. Denn eigentlich war sie immer bestens vorbereitet und auf Stichwort parat. Allein der faszinierende Cowboy war schuld an ihrer Verwirrung. „Tut mir leid, Mac.“

„Schon gut. Versuch’s gleich noch mal. Action!“

Der Cowboy setzte sich den Hut auf den Kopf. Seine glänzenden Haare waren nur noch im Nacken zu sehen, wo sie sich über dem Kragen lockten.

„Schnitt!“ Mac trat zu ihr. „Brauchst du eine Pause? Oder was ist los?“

„Es ist die Hitze“, behauptete sie. Es war ihr peinlich, dass sie nicht so professionell wie üblich agierte. „Diesmal klappt es. Ich verspreche es.“

Nach zwei weiteren Klappen war Mac endlich zufrieden und die Szene im Kasten. Am Set kehrte wieder lärmende Betriebsamkeit ein.

Leesa Post, ihres Zeichens persönliche Assistentin, trat mit ihrem allgegenwärtigen Notizbuch in der Hand zu Maggie. „Wie es aussieht, kommen wir heute früh hier weg. Was hast du zum Dinner vor?“

„Zimmerservice. Aber zuerst eine lange heiße Dusche. Ich habe Staub in jeder Pore.“

„Arizona im September ist eine ziemlich trockene Angelegenheit.“

„Das habe ich inzwischen auch schon gemerkt.“ Maggie senkte die Stimme. „Wer ist eigentlich der Cowboy, der da gerade mit Mac redet?“

„Keine Ahnung. Soll ich es herausfinden?“

Sie zögerte. Er weckte zu viele Erinnerungen an ihre Kindheit und verwirrte sie auch in anderer Hinsicht. Das war nicht gut. Und doch wollte sie Näheres wissen. „Wenn du kannst. Aber bitte diskret.“

Leesa grinste. „Vergiss nicht, dass du verlobt bist.“

Maggie rieb sich den linken Ringfinger, aber der Verlobungsring aus Platin und Diamanten, den Scott Gibson ihr vor drei Wochen geschenkt hatte, war in der Tasche ihres Bodyguards verwahrt. „Ich bin nicht auf ein Date aus. Ich bin nur neugierig. Mac lässt nicht viele Fremde auf sein Set.“

„Womöglich ist er ein Geldgeber. Ich bin gleich wieder da.“

Die beiden Frauen waren bereits fünfundzwanzig Jahre miteinander befreundet, seit sie als Sechsjährige gemeinsam in einer Sitcom mitgewirkt hatten. Da Leesa weniger schauspielerisches als organisatorisches Talent besaß, war sie ohne Zögern auf die andere Seite der Kamera gewechselt, als Maggie Karriere gemacht und eine Assistentin gesucht hatte.

Nach wenigen Minuten kehrte Leesa zurück. „Er heißt Tony Young. Ihm gehört diese Ranch.“

„Ist er so groß, wie er von Weitem aussieht?“

„Fünfundneunzig Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung kann mir auf den Kopf spucken. Für mich ist jeder groß.“

„Ich wollte dir schon längst sagen, dass es allmählich Zeit für dich wird, deine Wurzeln zu düngen.“

„Haha! Sehr witzig. Mac sagt, dass du jetzt gehen kannst und morgen früh um Punkt sieben wieder antreten sollst. Ich habe dein Skript, und Dino holt schon den Wagen.“

Um zu ihrem Wohnwagen zu gelangen und das Filmkostüm gegen ihre Straßenkleidung zu tauschen, musste Maggie an Tony Young vorbeigehen. Die guten Manieren verlangten, dass sie sich ihm vorstellte, aber selbst aus der Ferne strahlte er etwas Aufregendes aus, das sie zögern ließ.

Bestimmt lag es nur an seiner Ähnlichkeit zu John Wayne, die eine emotionale Verbindung zu ihren Eltern herstellte und an die gemeinsamen Zeiten erinnerte. Obwohl sie vor langer Zeit gestorben waren, schmerzte der Verlust noch immer. Aus diesem Grund hatte sie sich lange geweigert, in einem Western mitzuspielen. Nun hielt sie sich endlich bereit dafür. Sollte das ein Irrtum sein?

„He, Maggie.“ Pete, einer der Kameraleute, trat zu ihr. „Ein paar von uns wollen rüber zum Red Rock Saloon drüben in Sedona. Wir haben ihn vor ein paar Tagen getestet und für gut befunden. Kommst du mit?“

„Danke, Pete, aber ich bin total erledigt. Ein andermal gern. Okay?“

„Abgemacht.“

„Ist es eine echte Westernbar?“

„Scheint so. Jedenfalls ist es kein piekfeiner Laden, so viel ist mal sicher. Und es gibt Billardtische.“ Er grinste, denn er wusste genau, wie sehr sie Poolbillard liebte.

„Dann solltest du dir lieber was von deinem hart erarbeiteten Lohn aufheben, bis ich mitkomme.“ Sie wandte sich zu ihrem Wohnwagen um und stellte fest, dass der Cowboy inzwischen verschwunden war. Sie atmete auf. Die Entscheidung war ihr abgenommen.

Jetzt hab ich seine Stimme gar nicht gehört und weiß nicht, ob er auch wie der Duke klingt …

Welch alberner Gedanke!

Als sie eine halbe Stunde später zum Hotel fuhren, zückte Leesa die neueste Ausgabe des Meteor. „Wenn du mal lachen willst, dann guck dir das an.“

Maggie starrte auf das Cover des wöchentlichen Klatschmagazins. Es zeigte sie mit einer Hand auf dem Bauch und einem sehnsüchtigen Ausdruck auf dem Gesicht. Die Schlagzeile lautete: Zwillinge an Bord? Der wahre Grund für die schnelle Hochzeit von Maggie und Scott.

Maggie grinste, da sie wusste, dass Leesa das von ihr erwartete. Doch gleichzeitig spürte sie einen Stich im Innern. Denn sie sehnte sich schon so lange nach Ehemann und Kindern. Mit zehn Jahren hatte sie ihre Eltern verloren und war danach von ihren Großeltern mütterlicherseits aufgezogen worden, die inzwischen auch verstorben waren.

Sie wusste, dass sie sich nicht beklagen durfte. Schließlich wurde sie von vielen Menschen geliebt. Doch sie brauchte jemanden an ihrer Seite, der fest zu ihr gehörte. Das sollte Scott sein. Und sie hoffte, dass auch ihr Kinderwunsch bald in Erfüllung ging. Sie wollte beweisen, dass es selbst in Hollywood möglich war, ein glückliches und solides Familienleben zu führen.

Sie reichte Leesa die Zeitschrift zurück. „Neuerdings sind sieben Wochen also eine schnelle Hochzeit.“

„Für dich schon. Zumindest in den Augen der Öffentlichkeit. Deine Fans haben eine lange Verlobungszeit von dir erwartet – und eine wahrhaft königliche Zeremonie.“

„Die kriegen sie ja auch. Mir wurde die Hochzeit des Jahres versprochen.“ Eigentlich war eine kleine Feier im engsten Freundeskreis eher nach ihrem Geschmack. Doch sie hatte einem rauschenden Fest mit zahlreichen Stars und Sternchen zugestimmt – aus Gefälligkeit gegenüber ihrer alten Freundin Jenny Warren, die mit dem sensationellen Event das brandneue Hotel „Taka San Francisco“ einweihen wollte.

Insgeheim bereute Maggie die Zusage. Sie hätte auf ihren Instinkt hören und eine kleine Überraschungshochzeit veranstalten sollen. Nun war es zu spät. Sie ließ grundsätzlich keine Freundin im Stich, und Jenny zählte fest auf die Publicity. Noch wichtiger war, dass auch Scott an einem prunkvollen, aufsehenerregenden Spektakel gelegen war. Und sie wollte ihn glücklich machen.

Kurz darauf hielt die Limousine vor dem Hotel Desert Canyon Resort. Dino, Maggies langjähriger Bodyguard und Chauffeur, begleitete sie hinauf in ihre luxuriöse Penthouse-Suite.

„Du bist sehr schweigsam, selbst für deine Verhältnisse“, bemerkte sie, als er ihr den Verlobungsring reichte.

„Ja“, bestätigte er knapp.

Einige Sekunden verstrichen.

Sie wandte sich an Leesa. „Du warst übrigens auch schon mal gesprächiger.“

„Ja.“

„Ihr beide habt ein Geheimnis vor mir.“

Dino und Leesa tauschten einen Blick. „Ja“, bestätigten sie wie aus einem Mund, gerade als Maggie die Tür zum Wohnbereich öffnete.

Ein großer blonder Mann erhob sich vom Sofa. Blond? Fast hätte sie ihren Verlobten nicht erkannt. Denn sie kannte ihn nur mit dunkelbraunen Haaren. Auch sie hatte sich seit der letzten Begegnung verwandelt, nur andersherum, von blond zu brünett. So ging es nun einmal zu in der Filmbranche.

Zu ihrer eigenen Verwunderung schlug ihr Herz nicht höher bei seinem Anblick. Doch sie verdrängte diese ernüchternde Tatsache und redete sich ein, dass sie sich trotzdem über das Wiedersehen freute.

„Wir lassen euch zwei Turteltäubchen allein“, sagte Leesa. „Gebt mir Bescheid, wenn ihr etwas braucht. Viel Spaß.“ Sie zwinkerte Maggie zu und verließ zusammen mit Dino die Suite.

Lächelnd trat Maggie zu Scott. „Keine Vorwarnung? Keine Fanfaren? Nur du?“ Als er nicht antwortete, versicherte sie hastig: „Es ist natürlich eine wundervolle Überraschung. Aber anscheinend haben unsere PR-Agenten versagt. Normalerweise wird doch ein riesiges Tamtam um unsere Treffen gemacht.“ Sie lachte und legte die Arme um ihn. „Dabei fällt mir ein, hast du eigentlich die letzte Ausgabe des Meteor gesehen? Angeblich bin ich schwanger mit Zwillingen, weswegen wir so schnell heiraten.“

Scott zeigte keinerlei Reaktion.

„Du sagst ja gar nichts. Was ist mit dir los? Und warum bist du nicht beim Dreh?“

„Es ist nur ein kurzer Abstecher, nur für heute Abend. Maggie, ich …“

Ihr gefiel nicht, wie er ihren Namen sagte. Sie ließ die Arme sinken. „Sollte ich mich lieber setzen?“

Er nahm sie bei der Hand und führte sie zur Couch. Mit gesenktem Kopf drehte er den Diamantring an ihrem Finger.

Ihr Magen verkrampfte sich. „Du willst die Verlobung lösen“, flüsterte sie und entzog ihm die Hand.

Er nickte.

Sie schluckte schwer. „Eine andere Frau?“

„Ja. Es tut mir leid.“

„Jemand, den ich kenne? Arbeitest du mit ihr zusammen an dem neuen Film?“

Scott strich sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Du würdest es sowieso bald erfahren. Gennifer Blodine.“

Einen Moment lang verschlug es ihr die Sprache, dann fasste sie sich wieder. „Bist du verrückt? Die Frau schläft mit all ihren Filmpartnern und dazu mit einigen Männern mehr.“

„Gerüchte.“

„Ach ja, kann sein, dass sie Charles Jansek ausgelassen hat. Er ist immerhin schon dreiundsiebzig.“ Plötzlich kam ihr eine weitere Erkenntnis. „Du hast schon mit ihr geschlafen.“

Widerstrebend begegnete er ihrem Blick. „Es tut mir echt leid. Aber ich liebe sie.“

Betroffen sprang Maggie auf und lief im Zimmer umher. Tränen brannten ihr in Augen und Kehle. Bloß jetzt nicht weinen, ermahnte sie sich und presste die Finger auf die geschlossenen Lider. Sie ahnte schon seit geraumer Zeit, dass die Romanze mit Scott einseitig war. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen.

Er ist keine Träne wert. Beruhige dich. Denk nach.

Sie trat an das große Fenster, starrte hinaus auf die beeindruckenden roten Felsen von Sedona und versuchte zu ergründen, was sie fühlte. Sie war sich nicht sicher. Eine Mischung aus Verwirrung, Schmerz und … Erleichterung? Aber wie war das möglich?

„Also, wie willst du die Dinge handhaben?“, wollte Scott wissen. „Ich nehme natürlich die Schuld auf mich, aber soll die Bekanntgabe von deinem oder meinem Team kommen?“

Sie zwang sich, sich auf die Sachlage zu konzentrieren. Die Trennung musste der Presse gegenüber behutsam behandelt werden. Später war noch Zeit genug, um sich ihren verletzten Gefühlen hinzugeben und zu ergründen, wie sie damit umgehen sollte. „Ich muss darüber nachdenken. Mit meinem Manager reden. Mich mit Garnet beraten. Ohne das Input meiner PR-Agentin kann ich nichts entscheiden.“ Zorn verdrängte allmählich ihre Bestürzung. Doch sie wollte sich vor Scott keine Blöße geben. „Ich möchte, dass du es vorläufig für dich behältst. Bis ich mir über die nächsten Schritte im Klaren bin.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gebe dir zwei Tage. Das muss reichen. Ich will vorwärtsgehen.“

„Du meinst, du willst an die Öffentlichkeit gehen.“ Vor drei Wochen hatte er es ebenso wenig erwarten können, der ganzen Welt ihre Verlobung bekannt zu geben. „Ich melde mich. Du kannst jetzt gehen.“

„Es tut mir wirklich …“

„Verschwinde einfach.“

Er ging zur Tür.

„Moment.“ Sie riss sich den Verlobungsring vom Finger und warf ihn Scott zu, der ihn im Flug auffing. „Du kannst ihn ja an Gennifer weitergeben. Ich habe gehört, dass sie nichts gegen Waren aus zweiter Hand einzuwenden hat.“

Er blickte sie mit seinem treuherzigen Dackelblick an, der Frauen scharenweise schwach werden ließ. „Eines Tages wirst du froh über unsere Trennung sein.“

„Das würde dein Gewissen erleichtern, stimmt’s?“

Ohne zu antworten, ging er hinaus.

Sobald sich die Tür hinter ihm schloss, drehte Maggie den Schlüssel um. Sie wollte an diesem Tag keine unliebsamen Überraschungen mehr erleben.

Kein Wunder, dass er kaum noch Zeit für mich hatte!

Naiv, wie sie war, hatte sie ihm geglaubt, dass es nur an den langwierigen, körperlich anstrengenden Dreharbeiten zu den harten Actionfilmen lag, in denen er mitspielte.

Sie ballte die Hände zu Fäusten und biss die Zähne zusammen. Sie konnte nicht in ihrem Hotelzimmer bleiben und den Abend wie jeden anderen verbringen, als wäre nichts geschehen. Ihr Blick fiel auf den Umschlag mit dem Skript, das sie bis zum nächsten Morgen lernen sollte.

„Später“, murrte sie. In dieser Nacht würde sie ohnehin keinen Schlaf finden. Sie eilte ins Badezimmer und versuchte, unter der Dusche Scotts Verrat ebenso abzuwaschen wie den Staub der Ranch.

Der Gedanke an die Ranch erinnerte sie an den attraktiven Cowboy – und an den Saloon. Kurz entschlossen drehte sie die Dusche ab und griff nach einem Handtuch. Sie wollte sich mit der Crew im Red Rock Saloon treffen.

Die Frage war nur, wie sie dorthin gelangen sollte. Sie wollte sich nicht von Dino fahren lassen. Er kannte und durchschaute sie so gut, dass sie ihm vorläufig lieber fernblieb. Sie wollte einfach nur einen entspannten Abend im Kreis ihrer Kollegen verbringen und so tun, als wäre ihr Leben noch völlig in Ordnung.

Sie rief den Portier an, der für gewöhnlich der diskreteste Angestellte eines Hotels war, und organisierte ein Transportmittel. Dann rief sie Leesa und Dino an und teilte ihnen mit, dass sie unter gar keinen Umständen vor sechs Uhr am nächsten Morgen gestört werden wollte.

Maggie zog ihre Lieblingsjeans, Stiefel und ein neues ziegelrotes Flanellhemd an. In diesem Outfit fühlte sie sich schon besser. Stärker, fähiger. Die Stiefel steigerten ihr Selbstvertrauen beinahe so sehr, als wäre ihr Vater bei ihr. Er hatte ihr seine Liebe zu John Wayne ebenso vermittelt wie die Cowboy-Maxime, immer und überall seinen Mann zu stehen. In der jetzigen Situation hätte er sie damit getröstet, dass sie schon wesentlich Schlimmeres überlebt hatte als eine gelöste Verlobung.

Sie stopfte sich einige Geldscheine in die Hosentasche und schlich sich aus dem Zimmer. Um unerkannt zu bleiben, ließ sie sich die offenen Haare ins Gesicht fallen und verließ das Hotel durch den Hinterausgang. Auf dem Parkplatz übergab der Portier ihr den Schlüssel zu seinem Privatwagen und erklärte ihr, wie sie zum Red Rock Saloon gelangte.

Acht Fahrzeuge standen auf dem Parkplatz des Saloons: sechs Pick-ups, ein Van und ein Motorrad. Maggie stellte den geliehenen Ford Focus, der lächerlich fehl am Platze wirkte, neben dem Van ab.

Um sich zunächst einmal unauffällig umzusehen, schlüpfte sie durch die Hintertür in den rustikal getäfelten dunklen Flur. Aus der Jukebox wehten die Klänge einer melodischen Ballade herüber. Billardkugeln klickten. Männerstimmen dröhnten. Dann erklang das helle Lachen einer Frau. Der Geruch nach Bier, das hier vermutlich das Hauptabsatzprodukt war, lag in der Luft.

Es war ein Lokal ganz nach ihrem Geschmack, auch wenn das viele Leute überrascht hätte. Sie mochte zwar im Scheinwerferlicht aufgewachsen sein, aber hinter den Kulissen war sie schlicht erzogen worden. Sie fühlte sich zehnmal wohler in einer einfachen Bar als in einem Schickimicki-Restaurant oder einem der angesagten Insiderclubs. Und an diesem Abend erschien es ihr, als ob das gesamte Lokal ihren Kummer vertreiben wollte.

Sie spähte in den Schankraum und zählte dreizehn Personen, einschließlich Barkeeper. Vier von ihnen gehörten zur Filmcrew und spielten Billard. Nur zwei Frauen waren darunter, beide Anfang zwanzig. Die anderen Männer saßen in kleinen Gruppen an der langen Bar oder an den Tischen.

Eine absurde Enttäuschung befiel Maggie. Irgendwie hatte sie gehofft, den Cowboy zu sehen. Aber warum sollte er ausgerechnet in diesen Saloon kommen? Hätte er ihr den Wunsch von den Augen ablesen sollen, ihn wiederzusehen, weil er ebenso tröstende wie aufwühlende Erinnerungen weckte? Es war absolut verrückt, so etwas zu denken.

Sie ging zum Billardtisch, holte einen Zehndollarschein aus der Tasche und legte ihn auf eine Ecke. „Ich trete gegen den Gewinner an.“

„He, ich dachte, du wärst zu müde“, entgegnete Pete, der gerade gegen seinen Assistenten Warren spielte.

„Ich hab mich inzwischen wieder erholt.“

„Hol dir schon mal was zu trinken. Warren ist in einer Minute erledigt.“

Sie schlenderte zur Bar hinüber. „Ich nehme eins vom Fass.“

Der Barkeeper, um die sechzig und mit grau meliertem Pferdeschwanz, nickte stumm und griff zu einem Bierglas.

Sie legte einen Fünfzigdollarschein auf den Tresen. „Das ist für mich und die vier Jungs drüben am Billardtisch. Melden Sie sich, wenn es alle ist, okay?“

„Okay.“

„He, Maggie, das ist doch nicht nötig!“, rief Pete ihr zu.

„Du löhnst so oder so für deine Drinks“, konterte sie. „Ich zahle die Zeche einfach von meinem Gewinn.“

Ihre Kollegen johlten. Sie grinste, lehnte sich zurück an den Tresen und nahm einen Schluck Bier. An der Wand neben der Bar entdeckte sie ein Bild von sich selbst in einer Sammlung Starfotos. Sie ging hinüber und sah sich die Aufnahmen aus der Nähe an. Einige waren mit persönlichen Widmungen für jemanden namens Tex versehen, andere waren unsigniert.

Ein Schwarz-Weiß-Foto erregte ihre Aufmerksamkeit. Es zeigte „ihren“ Cowboy in voller Rodeo-Montur. Seine Unterschrift stand diagonal über eine Ecke gekritzelt. Allem Anschein nach war die Aufnahme mindestens zwanzig Jahre alt.

„Sind Sie Tex?“, fragte sie den Barkeeper.

„In der Tat.“

„Sind das auf den Fotos da Gäste von Ihnen?“

„Die meisten. Viele sind Stammkunden, andere bewundere ich nur.“

Demnach war Tex wohl ein Fan von ihr. Das freute sie, auch wenn er sie in ihrer derzeitigen Aufmachung möglicherweise gar nicht erkannte. Denn auf dem Foto, das vor einigen Jahren bei einer Oscar-Verleihung entstanden war, trug sie platinblondes Haar und ein elegantes Gewand mit goldenen Pailletten.

„Miss? Könnten Sie Ihr Foto signieren, bevor Sie gehen?“, bat er jedoch. „Damit würden Sie mir eine große Freude machen.“

„Gern. Aber noch lieber schicke ich Ihnen ein neues Foto aus meinem jetzigen Film, in meinem Cowgirl-Outfit.“

„Das ist mächtig freundlich von Ihnen.“

Sie lächelte ihn an und ging hinüber zum Billardtisch, um sich durch ihren ausgeprägten Spieltrieb von ihrem Exverlobten abzulenken.

Pete reichte ihr einen Queue, entfernte das Dreieck um die Kugeln und überließ ihr galant den Vortritt. Sie kreidete die Spitze ein und ging in Position.

Ein Quietschen ertönte, als sich die Hintertür öffnete. Feste Schritte hallten auf dem hölzernen Boden wider.

Maggie ignorierte es und konzentrierte sich ganz auf den Anstoß.

„He, Kumpel!“, rief Tex. „Lange nicht gesehen. Was treibt dich hierher?“

„Wollte bloß mal gucken, was hier so los ist“, erwiderte der Neuankömmling.

„Nimmst du das Übliche?“

„Du erinnerst dich noch?“

„Logisch.“

Maggie zielte, stieß kraftvoll zu und verteilte die Kugeln über den ganzen Tisch. Ihre Stimmung hob sich beträchtlich, als ein Ball in einem Loch verschwand. Es fühlte sich gut an. Konzentrieren, zustoßen, vergessen. Genau das richtige Rezept gegen Kummer jeder Art.

2. KAPITEL

Mit einem Bierkrug in der Hand schlenderte Tony Young zu einem Ecktisch, von dem er das ganze Lokal im Auge behalten konnte. Die Attraktion des Abends, Maggie McShane, konzentrierte sich so sehr auf die Partie Billard, dass sie ihm keinerlei Beachtung schenkte. Das wunderte ihn. Er hatte erwartet, dass eine Berühmtheit wie sie sich an einem öffentlichen Ort jeder anwesenden Person bewusst war.

Sie war eine attraktive Frau und in seinen Augen sogar noch hübscher ohne die dicke Filmschminke. Ihm schien, dass sie gar kein Make-up trug. Vielleicht hoffte sie, dadurch unerkannt zu bleiben. Dabei hatte er sie auf Anhieb erkannt, auch ohne ihr Gesicht zu sehen. Sie besaß einen Körper, der … nun, verdammt sexy war. Warum sie stets und überall als „das nette Mädchen von nebenan“ bezeichnet wurde und häufig dementsprechende Rollen spielte, konnte er nicht nachvollziehen. Denn ihre Figur wirkte auf ihn geradezu sündhaft verführerisch. Ihr Anblick ließ ihn an hauchdünne rote Spitzenwäsche denken, nicht an derben blauen Jeansstoff.

Amerika’s Sweetheart. So nannte man sie. Er fragte sich, wie sie zu dieser Bezeichnung stand.

Fasziniert beobachtete er, wie sie sich für den nächsten Stoß weit über den Tisch beugte und ihm damit einen ungehinderten Blick auf ihren Po bot, der sich hübsch gerundet und knackig unter den hautengen Jeans abzeichnete. Er registrierte, dass zwischen ihr und den Männern am Spieltisch ein freundlicher, respektvoller Umgangston herrschte, obwohl sie ihren Mitspielern haushoch überlegen war.

Tony behielt auch die anderen Gäste im Auge. Er kannte keinen von ihnen, denn er war schon lange kein Stammgast mehr. Wenn er überhaupt trank, dann zu Hause mit vertrauten Freunden. Seine Alkoholexzesse hatte er zusammen mit der Rodeo-Karriere aufgegeben. Er vermisste beides nicht.

Die Jukebox verstummte. Er stand auf und schickte sich an, ein paar Münzen einzuwerfen und seine bevorzugten Songs zu drücken. Doch zwei Frauen kamen ihm zuvor. Gerade wollte er sich abwenden, da sah er aus den Augenwinkeln, dass eine der beiden Maggie McShane mit ihrer Handykamera ins Visier nahm.

Blitzschnell trat er in ihr Blickfeld. Er baute sich dicht hinter Maggie als Sichtschutz auf und bedeutete Tex mit einer Kopfbewegung, sich der Möchtegern-Fotografin zu entledigen.

Betont langsam richtete Maggie sich vom Billardtisch auf und verlangte ruhig: „Gehen Sie mir aus dem Weg.“

Tony hob beschwichtigend die Hände, als ihre Freunde ihn umzingelten, und sagte leise: „Wenn Sie verhindern möchten, dass sich ein Foto von Ihrem hübschen kleinen Po wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet, dann bleiben Sie ganz nah bei mir, bis Tex sich um die Amateur-Paparazzi da drüben bei der Jukebox gekümmert hat. Ich denke doch, dass nicht die ganze Welt zu sehen braucht, wie ‚Amerika’s Sweetheart‘ einen Bierkrug auf ex leert. Und vielleicht könnten Sie so nett sein, Ihre Meute zurückzupfeifen.“

Verdutzt starrte sie ihn an. Schließlich flüsterte sie verklärt: „Sie sind es tatsächlich. John Wayne.“

„Nein.“ Er zweifelte an ihrem Verstand. „Ich heiße Tony Young.“

„Ich weiß.

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