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Franziska Schönenberger | mit Stefanie Ramb

Tausche Dirndl gegen Sari

Wie ich in Indien die Liebe fand und beinahe von einem Elefanten adoptiert wurde

Illustriert von Jayakrishnan Subramanian

Atlantik

Prolog Bauchiger Gott, du bist meine Mutter und mein Vater

Du bist der Held,

wenn du deine Güte zeigst,

werde ich auch zum Held.

Du zeigst dich in Form der Bäume,

du bist überall.

Bring mich mit meiner Freundin zusammen, Ganesha.

Bauchiger Gott, du bist meine Mutter und mein Vater.

 

Die wachen, freundlichen Augen erzählen von seinem Sinn für Humor, der Liebe zu Scherzen. Er ist nachsichtig, geduldig und gnädig. Und er lacht gerne. Mit seinen großen Ohren kann er die Gebete aller Gläubigen wahrnehmen und ihnen zuhören. Unter seinem Rüssel wölbt sich ein großer rosafarbener Bauch. Dieser Elefant liebt gutes Essen und nascht gerne. In Indien findet sich fast an jeder Straßenecke ein Schrein, in dem sein Abbild verehrt wird.

Ganesha ist der Gott der Weisheit und des neuen Anfangs. Der Herr der Hindernisse, der alles überwindet und jedem helfen kann. Viele Inder beginnen den Tag mit einem Gebet, einem Mantra für den Elefantengott, und zu Beginn jedes hinduistischen Rituals wird die gemütliche rosafarbene Gottheit mit dem gütigen Lächeln angerufen. Als ich das erste Mal in Indien war, habe auch ich eines dieser Gebete gelernt. Es begleitet mich bis heute. Oft beginne ich, es unbewusst zu summen oder vor einem wichtigen Moment vor mich hinzusprechen: »Om, Gam, Ganapataye Namaha, Om, Gam, Ganapataye Namaha …« – Ehrerbietung dem Herr der Scharen, dem Ewigen und Unendlichen.

Das Gute ist, dass man Ganesha in jeder Situation anrufen kann. Sogar vor meiner Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule wiederholte ich unablässig dieses Mantra, um etwas ruhiger zu werden, bis sich schließlich die Türe zum Prüfungszimmer öffnete. Und ich aufgenommen wurde. Seither begegnet das Mantra mir immer wieder.

Bei meinem ersten Besuch im Haus der Eltern meines indischen Freundes Jayakrishnan steckte Appa, sein Vater, ein kleines Gerät, das aussah wie eine Mini-Jukebox früh am Morgen in eine Steckdose. Auf dem weißen Kasten mit dem Aufkleber Mantrasinger – four in one waren Zeichnungen unterschiedlicher Gottheiten abgebildet. Appa drückte den Knopf unter dem Bildnis von Ganesha: »Om, Gam, Ganapataye Namaha, Om, Gam, Ganapataye Namaha …«, quäkte es blechern aus den kleinen Lautsprechern.

*

Ganesha hilft immer dann, wenn etwas schwierig oder neu ist. Oft findet man am Anfang von indischen Notizbüchern ein kleines Bild von Ganesha, der dem Schreiber gewogen sein soll, damit der sein Werk zu Ende bringt.

Ich bitte den dicken Elefanten, dass er mir hilft, dieses Buch zu verfassen. Ich brauche seine Unterstützung, ebenso wie die von Vyasa, dem mythischen Verfasser des Epos der Mahabharata. Darin wird vom Einsiedler Vyasa erzählt, der auf der Suche nach einem guten Schreiber war, der ihm helfen sollte, das Epos in zwei Nächten aufs Papier zu bringen. Keinem wollte es gelingen, doch dann bat er den Elefantengott, ihm bei dieser unlösbaren Aufgabe zur Seite zu stehen. Dieser stimmte unter der Bedingung zu, dass Vyasa ihm die gesamte Geschichte ohne Pause diktiere, was dieser dann auch tat.

So wie das Mahabharata ein Epos der tausend Geschichten ist, die alle ineinander verschachtelt, verbunden oder auch nicht verbunden sind, ist Indien ein Land der tausend Geschichten, ein Land mit tausend Gesichtern und tausend Wahrheiten.

Dieses Buch kann natürlich ein so facettenreiches Land nicht vollständig und repräsentativ erfassen. Es ist an erster Stelle die Geschichte von Jayakrishnan und mir, unser Blick auf unsere Umgebung und unsere Beziehung.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat aus einem tamilischen Song, der jeweils auf die eine oder andere Weise mit unserem Leben und unserer Liebe zu tun hat.

Ich schildere meine Erlebnisse und Erfahrungen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist eine Geschichte über Familie. Unsere Geschichte, so wie wir sie erlebt haben und uns an sie erinnern.

Zu Beginn möchte ich Ganesha um seinen Segen und seine Hilfe bitten. Ich hoffe, dass er auch mir alle Hindernisse aus dem Weg räumen wird.

1 Honigspendende Blume aus Deutschland

Honigspendende Blume aus Deutschland,

goldene Statue eines Tamilen,

Engel der Liebe.

 

»Bald können wir dich adoptieren«, meinte er, wenn ich mal wieder vor der Haustür stand. Und sein Lächeln wurde noch breiter. Bei jedem meiner Besuche stand der Vater meiner Schulfreundin mit diesem Gesichtsausdruck, den ich so mochte, im Türrahmen. Wenn Selinas Papa lachte, lachte sein ganzes Gesicht, nein, sein ganzer Körper. Ich konnte in seinen Augen die schelmische Freude des kleinen Jungen aus dem Punjab sehen. In solchen Momenten stellte ich mir immer vor, wie er barfuß über staubige Feldwege an endlosen Kornfeldern mit dicken Ähren entlangrannte, mit demselben Grinsen, das jetzt, Jahrzehnte später, immer noch so charakteristisch für ihn war.

»Komm rein, sie ist oben! Du weißt ja, wo du hinmusst.«

Während meiner Teenagerjahre waren diese Besuche bei Selina meine Zuflucht und Selinas Vater mein liebenswerter, geduldiger Türhüter. Wie er hinter mir im Eingang stand und mit aller Zeit der Welt wartete, bis ich meine Schuhe ausgezogen hatte. Und wie er mir nachschaute, bis ich die Treppe zum Zimmer meiner Freundin hinaufgestiegen war. Wenn ich heute an ihn denke, finde ich, dass er viel mit dem gemütlichen indischen Elefantengott gemeinsam hat. Er öffnete zu jeder Tages- und Nachtzeit mit demselben unendlichen Gleichmut die Tür. Sein runder Bauch wölbte sich unter seinem Hemd, und sein wunderbarer Sinn für Humor stand dem Ganeshas in nichts nach.

In der Familie meiner besten Freundin war immer alles so schön harmonisch. Bei mir zu Hause gab es damals ständig Streit. Zumindest kam mir das so vor. Deswegen verbrachte ich die Nachmittage oft und gern bei meiner besten Freundin. Selinas Papa ist Inder, die Mama Deutsche. Um dem Konflikt mit meinen Eltern aus dem Weg zu gehen, blieb ich immer bei ihnen, bis der letzte Bus kam. Viele Nachmittage zwängte ich mich mit ihrer Familie aufs Sofa, und wir guckten stundenlang Bollywood-Filme. Obwohl ich nichts von dem verstand, was in der flimmernd bunten Welt gesagt oder gesungen wurde, war ich vollkommen hingerissen von diesen Phantasiereichen. Die Frauen in den Filmen sahen immer so frisch und gepflegt aus. Und sie wurden von starken, gutaussehenden Männern beschützt, umsorgt und gegen jedes nahende Unglück verteidigt. Am Ende stand stets die ewige, tiefe, unumstößliche Liebe.

Zu Hause prallte ich dann auf das echte Leben: Meine Mutter und ich schafften es nicht einmal, uns friedlich im selben Raum aufzuhalten. Es gab immer einen Anlass, sich zu streiten. Für mich wurde die Traumwelt aus den Filmen zu einem Sehnsuchtsort. Und ich wünschte mir nichts mehr, als irgendwann einmal mit Selina in das Land ihres Vaters zu reisen.

Neidisch hing ich nach den Sommerferien an ihren Lippen. Sie erzählte von mehrere Tage dauernden Hochzeitsfeiern mit mehr als tausend Gästen, goldenen Tempeln und einem Altersheim für Kühe. Stundenlang konnte ich den Geschichten und Anekdoten über die Großfamilie mit unzähligen Cousins und Cousinen zuhören. Aber am meisten faszinierte mich die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Wenn ihre Mutter davon sprach, wie sie zum ersten Mal mit Selinas Vater in das kleine Dorf in Nordindien gefahren und dort von der gesamten Familie mit offenen Armen empfangen worden war, berührte mich das tief. Die meisten anderen Deutschen schienen ein anderes Bild von Indien zu haben, was Selina extrem auf die Nerven ging. Viele waren erstaunt zu hören, dass ihre Verwandten überhaupt schon einen Kühlschrank besaßen, und fragten, wo ihre Familie denn ihre Notdurft verrichten würde. Man wüsste doch wohl aus den Medien, dass in Indien auf eine Toilette tausend Einwohner kämen!

»Das ist so typisch!«, sagte Selina immer. »Die meisten Leute kennen Indien nur aus Bollywood-Filmen oder gehen davon aus, dass an jeder Straßenecke Kinder verhungern, oder sind völlig überzeugt, dass man nur dort die innere Erleuchtung finden kann! Das nervt total!«

Leider wurde nichts aus unseren gemeinsamen Reiseplänen, und nach dem Abitur verloren Selina und ich uns aus den Augen. Meine Indienträume steckte ich in eine Gedankenschublade irgendwo ganz hinten, auf der stand: Das kann ich später immer noch machen. Erst einmal wollte ich von zu Hause ausziehen, studieren, auf eigenen Beinen stehen. Und dann war da noch meine Reisephobie, die meine Familie seit meiner Kindheit beschäftigte. Wenn es darum ging, nicht zu Hause zu schlafen, bekam ich Panik. Das ging so weit, dass meine Eltern mich bei Freundinnen, bei denen ich übernachten sollte, mitten in der Nacht abholen mussten. Auch als ich älter wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, woanders als in meinem eigenen Bett zu schlafen. Gerade auf Reisen ist das eine unpraktische Eigenart. Meine Fremde-Betten-Phobie war ein grundlegendes Hindernis für die Verwirklichung meines Traums, nach Indien zu reisen. Auch zusammen mit Selina hätte ich wohl nicht den Mut aufgebracht.

Aber die Faszination blieb. Immer wieder fiel mir beim Stöbern im Antiquariat neben meiner Fakultät dieser Bildband mit Fotografien aus Indien in die Finger, der jede Woche nach der Vorlesung auf mich zu warten schien. Bilder von ins Morgenlicht getauchten Kuppeln eines Maharaja-Palastes in Rajasthan oder das geschäftige farbenfrohe Gewimmel eines Marktes in Mumbai ließen mich in meiner Phantasie in die Ferne reisen. Immer wieder blieb ich beim Fernsehen bei Berichten oder Filmen über Indien hängen. Ich wollte die Geschichten, die ich nur aus Bildern kannte, nur zu gerne selbst erleben. Aber diese Vorstellung wurde nie konkret und blieb von meiner seltsamen Angst überdeckt. Immer, wenn es mir schlecht ging, legte ich eine DVD ein und tauchte in die romantische Welt der indischen Traumfabrik ein.

*

Neben dem Studium arbeitete ich als Journalistin und interviewte für einen Artikel Nisha, eine Filmemacherin aus Mumbai. In Deutschland, wohlgemerkt. Wir verstanden uns so gut, dass ich ihr von meinem Traum, irgendwann einmal Indien zu besuchen, erzählte.

»Komm doch einfach vorbei!«, gab sie mir zum Abschied mit.

Diese Begegnung blieb mir noch lange im Gedächtnis, und ihre Einladung kam mir vor wie ein Zeichen – die Aufforderung, den lange so abstrakt gebliebenen Wunsch nun endlich in die Tat umzusetzen. Die Semesterferien kamen immer näher.

»Ich fahre überall mit dir hin, wenn ich bloß nicht wieder nach Italien muss«, kommentierte mein damaliger Freund meinen Vorschlag, nach Indien zu fahren.

Meine Mutter war über meinen plötzlichen Mut doch ziemlich verwundert. Als sie mir versprach, den Rückflug zu bezahlen, wenn ich es dort nicht mehr aushalten sollte, gab es keinen Grund mehr, nicht endlich aufzubrechen.

Kurz vor dem Einsteigen ins Flugzeug aber waren meine großen Vorsätze auf ein kleines Häuflein zusammengeschrumpft, und die alte Angst machte sich breit.

Man kann sich nicht auf Indien vorbereiten. Es ist ein Land des Unerwarteten. Vor allem für jemanden, der Indien zum ersten Mal besucht, kann es herausfordernd sein. Die Konfrontation mit der Armut und mit indischer Bürokratie kann Kraft kosten, und das einfachste Anliegen kann zu einer komplizierten Odyssee werden. Zum Indienerlebnis gehört, dass die Nerven ab und zu blank liegen. – Diese Worte aus dem Reiseführer drehten sich jetzt in meinem Kopf. Völlig panisch stellte ich mir vor, dass dort die Scheiße in den Straßen stünde und dass ich – sobald ich das Flugzeug verlassen hätte – vergewaltigt im Rinnstein liegen würde. Ich war noch nicht bereit und blieb wie angewurzelt direkt vor dem Abfluggate einfach stehen. Als mein damaliger Freund mir schließlich mit sofortiger Trennung drohte, wenn ich mich weigerte mitzukommen, stieg ich schließlich doch ins Flugzeug.

Den achtstündigen Flug verbrachte ich im Schlaftablettennebel, erst das unsanfte Aufsetzen der Maschine machte mich mit einem Schlag wach. Als die Stewardess uns nach der Landung mit einem freundlichen Lächeln die Tür öffnete und »Welcome to Mumbai« sagte, war ich ziemlich angespannt. Durch die geöffnete Flugzeugtür wehte mir das Incredible India, wie das Tourismusministerium auf allen Broschüren schreibt, entgegen. Natürlich erwartete mich nicht der Duft von Curry und anderen orientalischen Gewürzen. Stattdessen drängte sich der penetrante Geruch von zu lange getragenen Hemden, nassen Hunden, Mopedabgasen und ranziger Milch in den klimatisierten Flieger. Und dann rülpste mir auch noch der Angestellte vom Bodenpersonal direkt ins Gesicht.

»Das ist ja eine freundliche Begrüßung«, murmelte ich meinem Freund zu, der mit einer »Du wolltest es ja nicht anders«-Miene antwortete.

Der Flughafen war ein einziges Durcheinander. Er war eng, hatte sehr niedrige Decken, an denen an dünnen Kabeln Neonröhren baumelten. Er befand sich zu dieser Zeit noch im Umbau. Heute empfängt den Reisenden eine auf Hochglanz polierte Landschaft aus Edelstahl und Glas; aber bei meiner ersten Ankunft herrschte überall Chaos. Auf Wadenhöhe streiften mich Taschen und Kinder, Ellenbogen stachen mich in die Rippen, und auf Augenhöhe sah ich nichts als schreiende Münder und glänzende Gesichter. An der Passkontrolle schubsten und drängelten alle. So viele Koffer wie an dieser Gepäckausgabe hatte ich noch nie zuvor ans Schienbein bekommen.

»Lass uns gehen!«, schrie ich meinem Freund zu, während ich mich mit Koffer und Rucksack zum Ausgang durchboxte. Vor dem Flughafen kämpften Autos, Motorrikschas und Mopeds um die wenigen Parkplätze in der ersten Reihe, Menschen mit riesigen Gepäckstücken riefen sich unverständliche Dinge zu, und von allen Seiten hupte, dröhnte und schrie es. Ich war von dem Lärm und Gewusel völlig erschlagen, mein Kopf fühlte sich an, als ob er gleich platzen würde, und meine Ohren sausten. Zum allgegenwärtigen Lärm kam eine mir ungewohnte, feuchte Hitze, die ich innerhalb weniger Sekunden überall spürte. Ich war von einem Moment auf den anderen so durchgeschwitzt, dass ich das Gefühl hatte, in meiner eigenen Kleidung zu schwimmen.

Der Beginn meiner ersten Indienreise war also der Kulturschock, wie ihn viele Reisende erleben. Zunächst war ich mir sicher, dass ich es hier nicht einen Tag lang aushalten und ich meine Ferien im klimatisierten Hotel verstreichen lassen würde. Doch als ich mich etwas später zusammen mit meinem Freund, unserem Gepäck und einem Fahrer ohne Zähne, aber mit hennarot gefärbten Haaren in einem kleinen schwarzgelben Mumbai-Taxi wiederfand, war es schon ein bisschen weniger schlimm. Hinter dem Fenster zogen die Stadt und ihre Menschen an mir vorbei, und ich begann, mich ein bisschen zu entspannen.

Am Abend ließ ich mich sogar überreden, noch einmal auf die Straße zu gehen, denn es war gerade Ganesha Chaturthi. In Bombay werde dieses Fest besonders prächtig gefeiert, erklärte uns Nisha, die Filmemacherin, im Aufzug nach unten. Mein Freund und ich waren bei ihr im Gästezimmer untergekommen. Sie lebte in einer kleinen Wohnung in einem der typischen Wohnblocks in den Vororten der Megacity. Die meist über zwanzig Stockwerke hohen Gebäude reihen sich dicht an dicht nebeneinander, der pastellfarbene Anstrich ihrer Fassaden scheint oft schon bei Neubauten altertümlich verblasst, und die Fenster und winzigen Balkone sind mit Gittern und stacheligen Barrieren vor Tauben geschützt.

Bei diesem landesweiten Fest zu Ehren des Gottes Ganesha werden riesige Elefantenfiguren aus Pappmaché von einer großen Menschentraube zum Meer getragen und dort den Wellen übergeben. Das soll Glück bringen. Bei mir funktionierte das wohl ganz gut, denn ich bin nicht wieder in Panik ausgebrochen. Ich fand irgendwie Gefallen daran, Teil der Mantren singenden oder eher schreienden Masse zu sein, die sich durch die Straßen schob. Von überall her strömten die Menschen, und aus Hunderten knacksender Lautsprecher schepperten Musik und immer wieder die Rufe zu Ehren Ganeshas: Om, Gam, Ganapataye Namaha, Om, Gam, Ganapataye Namaha …

Wir beobachteten vom Straßenrand aus die unaufhörlich in Richtung Strand wogende Masse aus Menschenleibern, die buntbemalte Elefantenstatuen auf den Schultern oder kleine Götterabbilder in den Armen hatte. Mütter hielten ihre Kinder fest an der Hand, junge Männer beugten sich unter der Last der meterhohen Figuren und strahlten dennoch verschwitzt, aber glücklich über das ganze Gesicht. Dicht hinter ihnen kam eine Schar Mädchen in buntbestickten Saris, die immer wieder einen Blick auf die Jungen wagten, um sich dann mit einer Mischung aus Scham und Neugier glucksend die Hand vor das Gesicht zu pressen. Ein alter Teeverkäufer, der von seinem Handkarren aus neben uns das Treiben betrachtete, steckte sich eine Bidi an, eine dünne, aus einem braunen Tabakblatt gerollte und stark parfümierte Zigarette, deren Rauch mich umhüllte. Mein Blick schweifte umher und blieb immer wieder an einem der vorbeiziehenden Menschen haften, der dann nur wenige Momente später wieder Teil der Masse wurde. Ich sammelte diese Augenblicke wie wertvolle Schätze. Ohne dass ich es gleich bemerkte, ging eine alte dünne Frau direkt auf mich zu. Sie trug einen zerschlissenen hellblauen Sari, und ihr Gesicht war von einem Netz tiefer Falten durchzogen, das es unmöglich machte, ihr Alter zu schätzen. Sie stand vor mir, ihre kleine zarte Hand umschloss meine und nahm mich mit in die Menge. Dabei strich sie über mein Gesicht und murmelte Worte, die ich nicht verstand. So schnell, wie sie gekommen war, war sie wieder verschwunden. Und ich stand mit ein paar Keksen da, die mir ihre kleine Hand geschenkt hatte, und war verzaubert.

Dieser erste Kontakt steht für alles, was Indien seither für mich ausmacht. Das Unerwartete, die Überraschung und ein Zauber, der sich auf einmal in der Begegnung mit Menschen zeigt. Dieses Land berührt einen tief, und keiner kann sich dem entziehen. Weshalb es polarisiert: Man hasst Indien, oder man liebt es. Dazwischen gibt es nichts. Und auch meine Eindrücke sind extrem. Zum Beispiel steht das größte private Wohnhaus der Welt in Mumbai. Es gehört dem Milliardär Mukesh Ambani, dem mit seiner Familie eine Wohnfläche von ungefähr 37000 Quadratmetern zur Verfügung steht. Und daneben habe ich Menschen gesehen, die auf dem Bürgersteig leben. Indien lässt niemanden unberührt. Entweder fährt man ein einziges Mal in seinem Leben hin, oder man kommt immer wieder. So wie ich.

*

Gut zwei Jahre nach dieser ersten Reise sitze ich mit meinem Laptop auf der Matratze am Boden. Es ist ein grauer, verregneter Septembertag, und ich bade in Melancholie. Mein damaliger Freund und Reisegefährte ist mittlerweile mein Exfreund, wir leben aber noch als WG in der gemeinsamen Wohnung. Mein Bett ist kein Bett mehr, sondern besteht aus zwei gestapelten Matratzen auf dem Fußboden. Wir haben uns getrennt, und fast zeitgleich habe ich die Zusage für das Studium an der Münchner Filmhochschule bekommen. Hochs und Tiefs halten sich in meinem Leben also gerade die Waage.

»Selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen ist«, sagt meine Oma immer. Und ich versuche mich deshalb davon zu überzeugen, dass ich mich nach der Trennung sicher viel besser auf mein Studium konzentrieren kann.

Mein Exfreund und ich gehen die veränderte Lebenssituation pragmatisch an. Wohnraum in München ist teuer, und weder er noch ich hat Aussicht auf ein neues Dach über dem Kopf. Den offenen Türdurchgang zwischen meinem Raum, dem ehemaligen Wohnzimmer, und seinem, unserem ehemaligen Schlafzimmer, haben wir mit Styroporplatten verschlossen. Wenn mein Blick hin und wieder auf dieses provisorisch verstopfte Loch in meinem Leben fällt, tut es schon ein bisschen weh. Ich spüre wieder das seltsam klamme Gefühl, diese trüben Gedanken, die bestens zu einem grauen Nachmittag wie dem heutigen, passen. Um den kleinen Anflug von Traurigkeit gar nicht erst stärker werden zu lassen, koche ich mir etwas von dem Tee, den ich aus Indien mitgebracht habe und den ich gewissenhaft rationiere. Als mich die süßliche Wärme von innen erfüllt, geht es mir gleich etwas besser. Ich bin fest entschlossen, an einer Filmidee zu arbeiten. Seit meinem ersten Besuch in Indien telefoniere ich regelmäßig mit Nisha. Inzwischen ist sie eine gute Freundin, ja sogar eine Art Mentorin geworden. Da die Vorstellung von meinem Film noch vage ist und ich noch nicht wirklich sicher bin, wonach ich genau suche, schlägt sie mir bei einem unserer Telefonate vor, mich in Indien nach Gleichgesinnten umzusehen. Deswegen stöbere ich auf der Suche nach Inspiration auf Webseiten und Blogs von indischen Film- und Kunsthochschulen. Schon eine ganze Liste unaussprechlicher Namen steht in meinem Notizbuch, als ich über die Homepage einer Hochschule auf das Blog eines Designstudenten stoße. Sein Name ist eine unglaublich lange Buchstabenreihung: Ja-ya-krish-nan Su-bra-man-ian. Das Blog besteht ausschließlich aus Zeichnungen und Bildern, die mich immer mehr in ihren Bann ziehen. Es sind feinlinige Skizzen in Schwarz-Weiß, wilde Collagen aus unterschiedlichsten Fotografien und Zeitungsausschnitten, Acrylgemälde in kräftigen Farben, aber auch zarte Aquarell-Illustrationen, auf denen teilweise abstrakte Figuren, teilweise phantasievolle Landschaften zu sehen sind. Am Anfang steht ein Satz:

Diese Bilder sind etwas, das ich nicht mehr bei mir behalten kann, sondern etwas, das ich loswerden wollte. Ich möchte den Punkt erreichen, an dem ich völlig leer bin und keine Bilder mehr in meinem Kopf sind.

Wer ist dieser Jayakrishnan wohl? Diese Frage lässt mich nicht mehr los, ebenso wenig wie die Bilder, die in meinem Gedächtnis geblieben sind. Und so hinterlasse ich einen Kommentar auf Englisch unter dem letzten Post:

Hallo Jayakrishnan, Deine Arbeiten gefallen mir sehr. Ich bin Studentin an der Filmhochschule in München und recherchiere für einen Film über junge indische Künstler und Designer. Ich würde mich freuen, wenn Du mir antworten würdest. Liebe Grüße, Franziska

Nur wenige Minuten später macht es Bling, und eine neue E-Mail wartet im Posteingang auf mich:

Hi Franziska, ich freue mich, dass Dir meine Arbeiten gefallen. Ich beende gerade mein Studium am National Institute of Design als Grafikdesigner. Gibt es eine Möglichkeit, Deine Filme zu sehen? Ich interessiere mich sehr für Film. Liebe Grüße, Jay

*

Dieser Mail folgen in den nächsten Wochen Hunderte weitere – und aus einer Internetbekanntschaft wird schnell so etwas wie Freundschaft. Schon nach wenigen Tagen teilt dieser Mensch am anderen Ende der Welt sehr persönliche Dinge mit mir. Und ich ganz selbstverständlich auch mit ihm. In meinem echten, nicht-virtuellen Leben muss ich mich an der Filmhochschule mit Kurvendiskussionen zur Berechnung von Lichtempfindlichkeit von Filmmaterial auseinandersetzen. Das frustriert mich. So habe ich mir in meinem Traum das Filmemachen wirklich nicht vorgestellt! Nach sechs Wochen Technikseminar und einer nicht bestandenen Prüfung liegen meine Nerven blank, ich möchte das Studium am liebsten wieder hinwerfen. Der einzige Lichtblick ist in dieser Zeit meine E-Mail-Korrespondenz mit Jayakrishnan.

Jeden Morgen schalte ich als Erstes den Computer ein, das Bling der eintreffenden Nachrichten erweckt in mir ein Gefühl fast kindlicher Freude. Inzwischen habe ich Jayakrishnan auch auf einem Foto gesehen. Darauf schaut mich jemand mit dunklen, nachdenklichen Augen hinter großen Brillengläsern an, das Gesicht umrahmt von schwarzen Locken. Dazu passt, was er in seinen Mails von sich wissen lässt: Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder und Lars von Trier finde er toll. Ich stehe diesen Filmemachern eher zwiegespalten gegenüber. Es ist mir oft zu anstrengend, mich mit ihren mir verkopft scheinenden Werken auseinanderzusetzen. Vor allem seit ich in täglichem Kontakt mit Indien stehe, bin ich wieder im Bollywood-Fieber, und ich schreibe ihm von meinen Lieblingsregisseuren. Aamir Khan mag ich zum Beispiel sehr – nicht den Boxer, sondern den großartigen Hindi-Schauspieler –, was wiederum Jayakrishnan nicht gerade mit überschwänglicher Begeisterung kommentiert. Wir scheinen nicht so ganz den gleichen Filmgeschmack zu haben. Aber man muss ja auch nicht in allen Dingen einer Meinung sein.

Fest steht: Wir haben dieselben Interessen, Film ist eins davon. Auch sonst haben wir nach kurzer Zeit eine Vertrautheit entwickelt, die ich mir nicht wirklich erklären kann. Seine E-Mails sind Teil meines Tages geworden, und ich bin sogar ein bisschen traurig, wenn er einmal nicht gleich antwortet. Eine Frage, die ich ihm lange nicht stelle, ist die nach einer Freundin. Ich will mir nicht so schnell eingestehen, dass mir seine täglichen Nachrichten immer wichtiger geworden sind. Doch dann wird meine Neugier zu groß, und ich beschließe, ihm von meinem Exfreund, unserer gemeinsamen Wohnung und der merkwürdigen Situation, in der ich momentan lebe, zu erzählen. Seine Antwort ist kurz und klar:

Liebe Franziska, ja, ich kenne dieses Gefühl. Mein Leben hängt auch in der Schwebe, in einem Zwischenraum, in dem es kein Zurück zum Alten mehr gibt, aber auch nichts Neues beginnt. Meine Freundin hat mich vor drei Monaten verlassen. Ihre Begründung: Ich wäre ein Versager, der nichts zustande bringt. Mein Blog ist mein Gegenbeweis. Liebe Grüße, Jay

*

Am 19. Oktober hat er Geburtstag. Das Datum hat er einmal in einem Nebensatz erwähnt, und ich bereite mich seit Tagen innerlich darauf vor, ihn an diesem Tag am Telefon zu überraschen. In der Mittagspause zwischen zwei Seminaren stehe ich vor der Filmhochschule. Der Herbstwind weht eiskalt, aber ich bin dennoch rausgegangen. Ich will nicht, dass meine Kommilitonen das Gespräch mithören und suche einen geschützten Platz. Also setze ich mich ins Auto – trotz laufender Heizung schlottere ich am ganzen Körper – und wähle aufgeregt seine Nummer. Zuerst höre ich nur ein Knacken, dann das Freizeichen. Es tutet im Takt meines pochenden Herzens. »Tief durchatmen, Franziska!«, ist mein Mantra für die nächsten Minuten. Mehrmals höre ich das Freizeichen, ich möchte eigentlich lieber sofort die rote Taste drücken und mich mit »er ist eben nicht rangegangen« aus der Situation stehlen.

Da hebt er ab. Ich höre nur tosendes Geknatter, durch das Wortfetzen dringen. Ist das überhaupt Jayakrishnan? Habe ich mich verwählt? Aus meinem Handy schreit es auf Englisch »Hallo?! Wer ist da?«. So viel kann ich zwischen dem Knacken und Brausen noch verstehen.

Ich atme tief durch und sage: »Hallo, hier ist Franziska, alles Gute zum Geburtstag. Ich dachte, du freust dich vielleicht, wenn ich dich anrufe.«

»Oh, hallo«, antwortet er, »ich bin gerade im Bus. Ich kann dich nicht richtig hören, es ist so laut hier, ich melde mich gleich bei dir! Bis dann!«

Bevor ich auch nur die Gelegenheit habe, noch ein Wort zu sagen, hat er schon aufgelegt. Ich sitze in meinem Auto, die Heizung bläst auf die Windschutzscheibe, und ich wundere mich, wie schnell unser erstes Gespräch vorbei war. Eigentlich habe ich Jayakrishnan gar nicht richtig gehört, nur Satzfetzen durch den Lärm. Ich stelle ihn mir vor, am offenen Fenster eines klapprigen alten Busses, der eine Bergstraße hinaufkriecht, eingeklemmt zwischen der Scheibe und einem mageren weißhaarigen Mann. Die Zähne des Mannes sind ganz rot, weil er Betelnüsse kaut, die er unaufhörlich über Jays Schoß hinweg aus dem Fenster spuckt.

Ich sehe auf die Uhr. Mir bleiben noch zehn Minuten, bis das nächste Seminar anfängt. Ich fixiere das Display meines Handys und will nur eines: dass die Meldung Jayakrishnan ruft an aufblinkt. Es klingelt. Ich hebe ab und höre wieder nur tiefes Brausen.

»Hallo, hallo Jayakrishnan, bist du es?«

»Ja, ich bin im Bus, und ich habe sehr schlechten Empfang. Ich bin auf …« Die letzten Worte des Satzes verschwinden in Rauschen.

Ich nehme erneut meinen Mut zusammen und rufe ins Telefon: »Alles Gute!«

»Danke, aber ich kann gerade schlecht sprechen, ich bin auf dem Weg zur Hochzeit eines Freundes«, dringt zu mir durch. »In acht Stunden bin ich in Calicut, dann melde ich mich bei dir!«

»Okay, ja! Hallo, Jayakrishnan?«

Das Gespräch bricht ab und mündet in Stille. Keine Verbindung. Ich werfe einen kurzen Blick auf die kleine Digitaluhr über dem Autoradio: In acht Stunden ist es bei mir 21 Uhr. Und in genau sechs Minuten ist meine Mittagspause vorbei. Schnell stopfe ich den letzten Bissen meiner Semmel in den Mund und knalle wenige Sekunden später die Autotür hinter mir zu. Als ich in den Seminarraum komme, ist er schon bis auf den letzten Platz voll. Nur ganz vorne ergattere ich noch einen Stuhl. Meine Kommilitonen blicken den Professor erwartungsvoll an. Wie viele Kilometer werden wohl zwischen München und Calicut liegen? Während ich meinen Gedanken nachhänge, zieht das Seminar über »Zeit im Film« zäh an mir vorbei. Meine Mitstudenten diskutieren, wie man die Vergänglichkeit des Seins darstellen kann, und über die Leinwand des Seminarraums flimmern verschiedene Filmausschnitte. Blätter, die langsam vom Wind verweht werden, Schneefelder, an deren Horizont ein Hase hoppelt. Der Professor findet offenbar großen Gefallen an diesen minutenlangen Einstellungen.

»Zeit ist per se nicht fassbar und somit auch nichts Darstellbares. Sie müssen da schon kreativere Lösungen finden, als bloß einen Kalender oder das Zifferblatt einer Uhr in ihren Film zu schneiden«, erklärt er mit monotoner Stimme, die in meiner Wahrnehmung dem Brausen der Telefonleitung nach Indien sehr ähnlich ist.

Für mich zählt nur die Vergänglichkeit dieses spröden Nachmittags und mein Blick auf die Uhr, die über der Zimmertür hängt und deren Zeiger sich nicht zu bewegen scheinen. Meine Gedanken sind bei Jayakrishnan. Bei seiner Stimme, die ich an diesem Mittag zum ersten Mal gehört habe. Heute Abend werden wir uns wieder sprechen.

Zu Hause kocht mein Exfreund gerade Lasagne und fragt mich, ob ich mit ihm essen will.

»Äh, ja, was, nein danke, ich muss heute wirklich noch sehr viel für die Hochschule machen!«, ist das Einzige, was ich stammelnd von mir geben kann und er mit erstauntem Blick quittiert. Ich habe seit der Semmel heute Mittag nichts mehr in den Magen bekommen und hätte an jedem anderen Tag sofort dankbar »Ja, gerne« erwidert. Aber jetzt will ich einfach nur neben meinem Telefon sitzen, um das Klingeln ja nicht zu verpassen. Ich verschwinde hinter meiner Styroporwand, setze mich auf die Matratze und warte ungeduldig, dass mein Mitbewohner endlich zu seiner Abendverabredung verschwindet. Als wäre es abgesprochen, meldet sich wenige Momente später mein Handy. Wieder ist es nicht gerade leise am anderen Ende der Leitung.

»Hallo, Franziska. Ich bin gerade bei der Hochzeit, es ist sehr laut hier!«

»Hallo, ich freue mich, dass du wirklich anrufst!«

»Warte, ich gehe raus.« Es knistert und kracht, ich höre, wie er versucht, durch die Menschenmenge zu kommen, und auf einmal ist der ohrenbetäubende Lärm nur noch dumpf im Hintergrund zu hören. »Ich sitze jetzt vor der Hochzeitshalle. Danke, dass du an meinen Geburtstag gedacht hast.«

»Wo genau bist du jetzt?«, frage ich.

»Ich bin heute mit dem Bus von Bangalore nach Calicut gefahren, das dauert über zwölf Stunden. Ein großer Teil der Strecke führt durch die Berge, in ziemlich engen Serpentinen. Ich saß die ganze Zeit eingequetscht zwischen dem offenen Fenster und einem alten Mann.«

Aber wieso war Jayakrishnan vorher in Bangalore? Aus seinen E-Mails weiß ich, dass er nicht in Südindien, sondern in Ahmedabad im Norden studiert.

»Ich habe meine Eltern in Bangalore besucht, die sind vor kurzem zu meinem Bruder gezogen.«

Stimmt. Jayakrishnan hat schon mal erzählt, dass sein Bruder in Südindien arbeitet.

»Deine Eltern sind mit deinem Bruder umgezogen?«, frage ich ihn ungläubig. Meine Eltern würden nie ihr Haus und ihren Garten verlassen, nur weil meine Schwester oder ich in eine andere Stadt ziehen.

»Ja, meine Mutter denkt, es ist ihre Pflicht, sich um ihren Sohn zu kümmern. Deswegen sind meine Eltern mit ihm nach Bangalore gegangen.«

Das scheinen ja interessante Familienverhältnisse zu sein! Oder ist das eine typisch indische Eigenart, von der mir der Vater meiner Freundin nie erzählt hat?

»Das ist ja nett von deinen Eltern«, versuche ich das Gespräch diplomatisch weiterzuführen.

»Naja, mir gehen sie eher auf die Nerven. Wenn ich mein Bruder wäre, hätte ich sie schon längst rausgeworfen. Franziska, ich muss jetzt wieder rein, meine Freunde winken schon, das Essen wird gleich serviert!«

Noch bevor ich ihm »Guten Appetit« wünschen kann, ist die Verbindung unterbrochen. Ich sitze noch lange auf meiner Matratze am Boden im mittlerweile dunklen Zimmer, höre das Ächzen der Wohnungstüre, als mein Exfreund nach Hause kommt, und denke darüber nach, wie gern ich dieser seltsamen Wohnkonstellation und der Drögheit des Studiums entfliehen würde. Mit dem Gedanken: »Warum fliege ich nicht nach Indien und beende den Schwebezustand einfach?«, schlafe ich ein.

*

»Klar, das Ticket zahl’ ich dir gern«, höre ich meine Mutter aus der Küche, während ich vor meinem Laptop sitze und Flugpreise im Internet recherchiere. »Damit du endlich mal hier rauskommst!« Meine Mutter weiß mal wieder, was jetzt das Richtige für mich ist. Dass ich nicht nur nach Indien will, um auf andere als auf graue Gedanken zu kommen, sondern auch, um den geheimnisvollen Jayakrishnan aus meinem E-Mail-Postfach zu treffen, sage ich ihr lieber nicht. Ich will nicht die sein, der man irgendwann Blauäugigkeit vorwerfen kann, weil sie von einer Internetromanze enttäuscht wird.

Kurz nach Weihnachten sitze ich mit dem von Mama bezahlten Ticket allein im Flugzeug nach Mumbai. Der Gedanke, Jayakrishnan zu treffen, löst ein seltsam euphorisches Gefühl in mir aus. Ich freue mich darauf, wieder in der Stadt zu sein, die meinen Blick auf die Welt verändert hat. Mumbai, das Moloch und Millionenmetropole zugleich ist und so viele Geschichten und Schicksale in sich birgt. Vielleicht auch meines?

Über achtzehn Millionen Menschen leben im Bauch der Stadt. Sie ist ein pulsierender Organismus. Schon im Anflug auf den Flughafen sieht man den größten Slum Asiens, dessen kleine Wellblechhütten aufeinandergestapelten Streichholzschachteln ähneln. Die meisten der Häuser sind mit blauen Plastikplanen bedeckt. So schwebt man über einem Meer aus Kunststoff. Die Stadt scheint keinen Rand zu haben, eine große wabernde Masse, die das Flugzeug aufzusaugen droht. Sobald man die Passagierkabine und seine von der Klimaanlage gesäuberte Luft verlässt, umfängt einen der Gestank: Es riecht nach verfaulter Mango, allen Arten menschlicher Ausdünstungen, modrigen Pfützen, Autoabgasen. Nisha sagt, die Stadt sei wie Bhel Puri, ein Snack, für den Mumbai bekannt ist und der aus Puffreis, Tomaten, Zwiebeln, süßer und saurer Soße besteht: ein buntes Gemisch aus ziemlich unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Ob man es mag, entscheidet sich beim ersten Bissen. Mich hat die Mischung gepackt, und so kann ich es diesmal kaum erwarten, das Flugzeug zu verlassen und in die bunte Welt einzutauchen.

*

Ich stehe am Straßenrand vor dem Wohnblock, in dem Nisha wohnt, und wo ich auch dieses Mal wieder übernachte. Ich strecke meine Hand in Richtung Fahrbahn und versuche, eine der vielen Motorrikschas zu mir zu winken, die an mir vorbeiknattern. Ich bin schon zu spät, und jeder Blick auf die Uhr verrät mir, dass die Zeit unaufhörlich verrinnt. Schon eine halbe Stunde warte ich hier darauf, mitgenommen zu werden, und jeder der in Khaki gekleideten Fahrer schüttelt nur den Kopf und gibt Gas, wenn er mein Winken überhaupt wahrnimmt. Wie eine unendliche Blechschlange rollen die Autos an mir vorbei. Es ist schon halb sechs, das tägliche Ungeheuer der Rush Hour hat die Stadt in ihren Krallen. Kaum bewegt sich ein Fahrzeug nach vorne und eine Lücke wird frei, schiebt sich schon das nächste hinein. Ich fühle mich wie in einem großen Straßentetris.

Schließlich hält eine Rikscha direkt vor mir, voll beladen mit Passagieren, die mit Tüten und Taschen bepackt aus dem Gefährt klettern. Ich renne hin und halte dem Fahrer ein Bündel Rupien vor sein Gesicht. Er hat die Aussicht auf ein gutes Geschäft verstanden, und deutet mir mit einer Kopfbewegung an einzusteigen. Bin auf dem Weg, mit 45 Minuten Verspätung, tippe ich in mein Handy. Sofort kommt eine Antwort: Okay, ich bin auch noch nicht da. Rush Hour!

Ich habe mich mit Jayakrishnan in einem Einkaufszentrum verabredet. Er ist erst vor wenigen Tagen nach Mumbai umgezogen. Nach seinem Uniabschluss im Oktober hatte er eigentlich vorgehabt, einem Experimentalfilmregisseur zu assistieren. Doch diese Pläne wurden von seinen Eltern zunichtegemacht. Ohne sich zu bewerben, hatte er bei der Abschlussfeier seiner Hochschule von einem Talentscout ein gutbezahltes Jobangebot einschließlich eines firmeneigenen Apartments angeboten bekommen. Als er die Offerte gerade dankend ablehnen wollte, hatte Appa seinen Sohn zur Seite genommen. Eine solche Chance gebe es kein zweites Mal. Mit welchem Recht lehne er diese wunderbare Arbeitsstelle ab? Amma, seine Mutter, habe dem Vater beigepflichtet, heftig und mit wütendem Blick nickend. So hatte Jayakrishnan es mir erzählt. Priorität habe die Abbezahlung des Studienkredits, für den sein Vater gebürgt hat. Mit seinem völlig unverantwortlichen Verhalten würde er nicht nur seine Karriere, sondern auch noch ihre Altersvorsorge riskieren. Natürlich war Jayakrishnan schließlich eingeknickt. Noch am selben Abend unterschrieb er den Vertrag, und vor ein paar Tagen hat er seine neue Stelle in Mumbai angetreten. Für mich ein glücklicher Zufall, sonst hätten wir wahrscheinlich nicht so schnell die Möglichkeit gehabt, uns zu treffen.

Verschwitzt betrete ich eine völlig unterkühlte Welt aus Lichtern, die sich in den vielen Spiegeln und Glasoberflächen zu vervielfachen scheinen. Eine Konsumlandschaft der Globalisierung, so wie dieses könnte jedes Einkaufszentrum irgendwo auf der Welt aussehen. Bevor ich hineindarf, muss ich durch die Gepäckkontrolle. Ähnlich wie am Flughafen wird meine Tasche in einem Scanner durchleuchtet. Anschließend sucht eine kleine dicke Frau in dunkelblauer Uniform mit einem Metalldetektor meinen Körper nach Waffen ab. In Indien ist das seit den Terroranschlägen von Mumbai im November 2008 Vorschrift. Damals wurden an zehn verschiedenen Stellen in der Stadt Attentate verübt, und das berühmte Taj Mahal Palace Hotel ging in Flammen auf. Touristen wie Einheimische starben, weil die Terroristen ihre Waffen unbemerkt in die Lobby geschmuggelt hatten.

Jetzt gibt mir die Security-Dame meine Handtasche zurück und lächelt mir ein »Danke, Madam, haben Sie einen schönen Tag« entgegen. Ich hänge mir meine Tasche um und drücke die großen gläsernen Türen auf. Als ich so die Eingangshalle des Einkaufszentrums betrete, kann ich ihn schon sehen: Jayakrishnan steht unter einem riesigen Weihnachtsbaum, der über und über mit bunten blinkenden Lichtern, glitzernden Kugeln und Micky-Maus-Köpfen behängt ist. Dahinter haben die Dekorateure ganze Arbeit geleistet und eine Winterlandschaft aus Pappmaché und Watte gezaubert. Den Höhepunkt bildet ein mit Goldpapier überzogenes Kartongestell, das wie ein Schlitten aussieht. Halb neben diesem »Schlitten« steht eine männliche Schaufensterpuppe in weißem Pelz und Samt, deren Gesichtszüge mich stark an Barbies männlichen Gefährten Ken erinnern. Aus vier Standlautsprechern wird das Ensemble mit »I’m dreaming of a white Christmas« beschallt. Ich beobachte Jayakrishnan eine Weile aus der Entfernung. Wenn ich nicht so aufgeregt wäre, müsste ich über das skurrile Bild sogar lachen. Mit seinem T-Shirt und den Flipflops passt er überhaupt nicht zu Santa Claus. Er wirkt ebenso nervös wie ich, und seine Augen scheinen unaufhörlich die Menge abzusuchen. In mir streiten Angst und Neugier. Erst jetzt merke ich, wie seltsam es sich anfühlt, jemanden zum ersten Mal zu treffen, der einem schon so vertraut scheint. Kurz überlege ich mir, mich umzudrehen und ihn einfach stehen zu lassen. Was ist, wenn meine Vorstellung und die Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind?

Doch dann gebe ich mir einen Ruck und gehe auf ihn zu. Ein Händedruck scheint mir zu oberflächlich für die Vertrautheit, die wir bereits teilen. So entscheide ich mich spontan, ihn zu umarmen. Doch Jayakrishnan ist irritiert und überrumpelt von meiner überschwänglichen Begrüßung. Er murmelt »Hi, Franziska« in meine Haare, und ich spüre, dass er gerne einen Schritt zurücktreten würde. Aber das geht nicht, denn da steht der Weihnachtsbaum. So bleibt ihm nur übrig, meine Umarmung kurz zu erwidern und mich sanft zur Seite zu drücken.

»Hast du Hunger?«, fragt er.

Ich nicke und bin dankbar, dass er uns aus der auch mir jetzt etwas peinlichen Situation befreit. »Ja, ich möchte gerne etwas essen«, antworte ich, nur um irgendetwas zu sagen.

»Auf was hast du Lust?«

»Schlag doch was vor, vielleicht etwas Indisches?«

Wir stehen vor diesem überdimensionalen Weihnachtsbaum, um uns herum drängen sich die Menschen, aber ich nehme sie nicht wahr. Sicher wäre die Regieanweisung für diese Szene im Skript eines indischen Films: »Slow Motion, leise Geigenmusik«.

Jayakrishnan scheint den Moment nicht so zu genießen. Er ist sichtlich etwas überfordert und stottert: »Wie … wäre es mit … Burger?«

Wir fahren schweigend, in gesittetem Abstand hintereinander stehend, mit der Rolltreppe bis ins oberste Stockwerk, wo sich ein grell ausgeleuchteter Imbiss neben den anderen reiht. Danach sitzen wir uns steif in riesigen braunen Lounge-Sesseln aus Kunstleder gegenüber, getrennt durch einen schmierigen Kunststofftisch. Schweigend kauen wir an dem Burgerbrötchen herum. Die schmecken wirklich weltweit gleich schlecht, denke ich mir. Jayakrishnan blickt kaum auf, während er seine Pommes frites in Ketchup tunkt und eine nach der anderen mit kleinen Bissen in seinem Mund verschwinden lässt.

Ich lege den Rest meines Pappmachéburgers zurück auf das Tablett, schlucke und frage: »Wie waren denn die ersten Tage in deiner neuen Arbeit?«

Jayakrishnan hebt seinen Blick und zuckt mit den Schultern: »Naja, so genau kann man das noch nicht sagen. Ich glaube, es ist ganz okay.« Mit diesen Worten wendet er sich den letzten Pommes zu.

Wieder Stille. Vielleicht müssen wir gar nicht reden. Es gab noch nicht viele so stille Momente in meinem Leben, die ich genossen habe. Diesen aber genieße ich merkwürdigerweise schon. Als unsere beiden Tabletts leer sind, habe ich genug Mut gefasst, um Jayakrishnan das Geschenk zu geben, das ich ihm mitgebracht habe. Es ist ein kleines, in schwarzen Stoff gebundenes Notizbuch, dessen Seiten aber nicht geklebt, sondern mit einem Faden geheftet sind. Das Büchlein habe ich gestern bei meinem Bummel über den Markt in einem Laden entdeckt und mir gedacht, dass es ja vielleicht etwas für seine alltäglichen Skizzen sein könnte. Er hatte mir erzählt, er habe oft einfach das Gefühl, zeichnen zu müssen, um einen Moment, eine Begebenheit, ein Bild festzuhalten. Ich strecke ihm das Päckchen über den Tisch entgegen. Jayakrishnan schaut mich verwundert an, damit hat er offenbar überhaupt nicht gerechnet.

»Danke!«, sagt er und schlägt das Büchlein auf. Auf der ersten Seite ist ein golden schimmerndes Bild von Ganesha aufgedruckt, das ich beim Kauf gar nicht gesehen habe.

Ich sehe mir die Illustration genauer an. Der Elefantengott sieht aus wie ein beleibter Mann oder ein Kind mit einem großen, dicken Elefantenkopf, der nur einen Stoßzahn hat. Er sitzt mit überkreuzten Beinen auf einer Lotusblüte, die von einer Art Ratte oder Maus getragen wird. Seine Ohren sind überdimensional groß und seine Augen sehr klein dargestellt. Der Blick der Gestalt auf der Zeichnung ist seltsam durchdringend, so als würde er mich direkt anschauen.

»Warum sitzt er denn auf einer Maus?«

»Keine Ahnung, er wird immer so abgebildet … mit einer Ratte als Reittier. Ich weiß nur, dass er sich in einer Geschichte die Ratte zähmt, die immer den Dorfbewohnern das Essen stiehlt. Früher war am Anfang jedes Buches ein Bild von Ganesha. Er ist der Gott des guten Anfangs«, beendet er seine Erklärung und schaut mir in die Augen.

2 Aus unserer Verbindung ist ein Himmel entstanden

Aus unserer Verbindung ist ein Himmel entstanden,

wo unserer Sehnsucht Flügel wachsen.

Wie die Wogen des Meeres wandert mein Herz

durch meine Träume und durch Wirklichkeit

und schenkt mir Seligkeit.

 

Meine Augen suchen nach Jayakrishnan. Ich habe den Einkaufswagen zu schnell durch die Gänge des Möbelhauses geschoben und ihn im Gewimmel verloren.

»Ich habe die Klobürsten gefunden!«, rufe ich durch den Laden und versuche vergeblich die hektische Geschäftigkeit der anderen Kunden zu durchdringen. Doch ich bekomme keine Antwort. Vor einem Regal mit Handtüchern finde ich ihn wieder. Er steht unbeweglich da, wie von den farbigen flauschigen Stapeln hypnotisiert. Ich schiebe mich mit dem Wagen zwischen die Regalreihen, in denen dicht gedrängt andere Kunden stehen.

»Was brauchst du denn noch?«, frage ich und reiße ihn aus seinen Gedanken.

»Wodkagläser«, ist seine knappe Antwort. Ich dachte eigentlich eher an so etwas wie Duschvorleger oder Pfannen. »Und ich brauche noch Handtücher. Ich weiß aber nicht welche Farbe. Creme oder dunkelbraun?« Er deutet auf die Stapel vor ihm.

»Ich an deiner Stelle würde dunkelbraun nehmen«,

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