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Taubenblut. Die Siedler

Maria Bosri

Taubenblut

Die Siedler

Eine sächsisch-polnische Familiengeschichte (1697–1939)

Sax-Verlag

Inhalt

Vorwort 4

Ins fremde Land 6

Der Erbhof 60

Der Erste Weltkrieg 78

Die zweite polnische Republik 141

Vorwort

Für die Buchautorin, 1951 in Sachsen geboren, beschränkten sich die familiären Wurzeln lange nur auf alte Geschichten vom Leben in Polen und einige verblichene Fotografien. Als Kind begeisterten sie zwar die Erzählungen ihrer 1898 in ­Wierzeje geborenen Tante, die u. a. drei Jahre im Haus einer adligen russischen Familie in Petersburg und Moskau lebte. Doch wurde das wie ein Geheimnis behandelt, wie es überhaupt in der Familie merkwürdig viele Geheimnisse gab. Wenn diese den Kindern nicht zu Ohren kommen sollten, sprachen Großmutter, Tante und Mutter miteinander Russisch oder Polnisch und erst später begriff die Autorin, dass das zu ihrem Schutz geschah, durfte doch zu DDR-Zeiten nicht öffentlich über Flucht und Vertreibung oder das dabei erlebte Grauen gesprochen werden.

Im Juli 1996 übernahmen die Autorin und ihre Schwester die Pflege ihrer im Sterben liegenden Mutter. Erst jetzt, fünfzig Jahre nach den ersten Andeutungen, begann sie zu erzählen. Es waren Geschichten ihrer gemeinsamen sächsischen Vorfahren, deren abenteuerliches Auswandern vor vielen Generationen nach Polen und schließlich die Lebensgeschichte der Mutter selbst. Was auf dem Sterbebett nun zum ersten Mal ausgesprochen wurde, erschütterte aufs Tiefste. Die 1908 nahe Petrikau (heute Piotrków Trybunalski) geborene Mutter hatte die Unmenschlichkeit und Gewalt beider Weltkriege erlebt, und auch jene subtilere Gewalt, die sich im angeblichen Frieden der den Kriegen folgenden polnischen und ostdeutschen Republik fortsetzte.

Die bruchstückhaften Erzählungen waren nicht chronologisch geordnet. Es gab Lücken und Ungenauigkeiten bei einzelnen Daten und genannten Personen. Doch niemand war mehr am Leben, der diese Details hätte richtigstellen oder bestätigen können. Stattdessen wuchs aus diesen späten Berichten der Mutter der vorliegende zeitgeschichtliche Familienroman, und er wurde ergänzt mit frei erfundenen Dialogen, Handlungen und Personen. Jede sich dabei erge­bende Ähnlichkeit mit realen Begebenheiten und Personen ist nicht beabsichtigt, sondern allein Ausdruck der künstle­rischen Freiheit der Autorin.

Schließlich möchte sich die Autorin bei Frau Dr. Heidrun Popp bedanken, die ihr in allen Belangen, nicht nur als Lektorin, selbstlos und geduldig über Jahre hinweg half, das Buch in eine für den Druck geeignete Form zu bringen.

Die Gründer des Schlüterhofes und ihre Nachfahren

Martin Schlüter (1669–1716) und seine Frau Uta (1670–1740) – Hofgründer

Kinder:

Martha (*1688) verheiratet mit Franz

Emma (*1689) verheiratet mit Karl

Johann (*1700) verheiratet mit Sofie – Hoferbe

Anna (*1702) früh verstorben

Johann Schlüter (1700–1766) und Sofie (1705–1776)

Kinder:

drei Töchter geboren 1721, 1721 und 1723

Friedrich (*1724) verheiratet mit Charlotte (Lebedame) – Hoferbe, 1758 bei Duell tödlich verletzt, dessen Sohn Georg (*1750) – erbt den Hof

Georg Schlüter (1750–1815) und Frieda (1752–1781)

Kinder:

Gertraud (*1772) verheiratet mit Dietrich –Hoferben, drei Töchter im frühen Kindesalter verstorben

Luise (*1778) verheiratet mit Hermann (leben in Sachsen)

Gertraud Schlüter (1772–1843) und Dietrich (1770–1813) (1. Ehemann)

Kinder:

Hagen (*1795) – hat mit der Polin

Magda ein Kind (Johannes *1813)

Katharina (*1801)

Elisabeth (*1802) – Großmutter von Phillip, Hofbesitzer im 2. Kapitel

Gertraud und Christian (2. Ehemann; Hochzeit 1816), Christians Neffe Ferdinand Höfer heiratet Magda

In der Zeit von 1834–1893 wurde der Hof von Pächtern bewirtschaftet.

Phillip Rohr (1868–1929) und Marie, geb. Bobke (1873–1955)

Kinder:

Olga (*1894) heiratet 1914 einen belgischen Fabrikanten

Pauline (*1896) wird 1915 Kriegswitwe, zwei Kinder: Otto *1916 und Karl *1917

Helene (*1898) bleibt unverheiratet

Gerda (*1902) heiratet 1932 Walter, einen Deutschen, und zieht ins Reich, Tochter Ida *1932

Gottfried (*1904) heiratet 1933 Rose – Hoferbe, vier Kinder: Adolf, Cäsar, Marianne und Klara

Elisabeth (*1908) heiratet 1946 Richard, einen deutschen Kriegswitwer, zwei Kinder: Luise *1947 und Anna *1951

Thomas (*1911) heiratet 1932 Alma, zwei Kinder: Klaus *1933 und Lilly *1937

Arthur (*1915) heiratet 1946 in englischer Kriegsgefangenschaft die Britin Olivia und bleibt in Großbritannien – Sohn Harry

Ins fremde Land

Kartoffeln für den König

Mit der Wahl zum polnischen König erkaufte sich Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen im Sommer 1697 seinen größten machtpolitischen Sieg.

Das Warschauer Königsschloss wurde seine zweite Residenz und August II., so nannte er sich als König von Polen, feierte seinen Aufstieg zur Majestät mit glanzvollen Festen. Im Gegensatz zum kunstsinnigen Dresdner Hofleben endeten Warschauer Feste oft als zügellose Besäufnisse, was das Wohlbefinden des neuen Regenten ab und an trübte. So auch am Krönungstag. Ausgerechnet während des Glaubensbekenntnisses, des für das katholische Polen wichtigsten Punktes der pompösen Zeremonie in der Krakauer Wawelkathedrale, ereilte den eben gekrönten Herrscher eine mehrere Minuten anhaltende Ohnmacht.

Jakob Heinrich von Flemming, des Kurfürsten wichtigster Helfer und Berater beim Griff nach der polnischen Krone, beunruhigte dieses Vorkommnis außerordentlich. Am Warschauer Hof umgaben den neuen König weit mehr Feinde als in Dresden. Für ein paar Silberlinge fänden diese schnell eine willfährige Kreatur, die den Augenblick der absoluten Wehrlosigkeit des ansonsten wehrhaften Herrschers für einen Dolchstoß nutzen könnte. Überlebte der König einen solchen Anschlag, zöge er ihn, Flemming, dafür zur Verantwortung. Er würde sein Amt verlieren und sein Leben in den Kerkern der Festung Königstein beenden. Auch seine Familie bliebe nicht verschont, man würde sie enteignen und mit Schimpf und Schande überschütten. Denn so großzügig August gute Dienste belohnte, so gnadenlos vernichtete er in Wut.

Die königliche Schwäche beruhte zum Glück nur auf einer den Vorfeiern geschuldeten Erschöpfung. Etwas Schlaf und eine würzige Hühnersuppe brachten seine Majestät schnell wieder auf die Beine. Doch wehe, es wäre das von August über alle Maßen gefürchtete Darmgrimmen gewesen und er hätte nach diesen exotischen, von spanischen Seefahrern aus der Neuen Welt mitgebrachten Erdfrüchten verlangt! Dann hätte er, Flemming, seinem Herrn gestehen müssen, es versäumt zu haben, wenigstens eine kleine Kiste dieser so genannten Tartuffli in der Warschauer Hofküche deponieren zu lassen.

Vor gut zehn Jahren, während seiner prinzlichen Kavalierstour, überkam Friedrich August auf dem Weg von Paris nach Madrid ein heftiger Durchfall. Des Prinzen Bedürfnis war so dringlich und unbeherrschbar, dass man im nächsten Gasthof Quartier nehmen musste. Trotz aller ärztlichen Bemühungen entkräftete der Prinz zusehends. Seine Begleitung befürchtete schon das Schlimmste, da ließ der überaus heftige Entleerungsdrang der hochwohlgeborenen Eingeweide etwas nach. Die wohltuende Wirkung beruhte darauf, dass Prinz August eine Schüssel mit einem Brei aus gekochten und zerstampften Tartuffli von einem spanischen Diener versehentlich serviert bekam. Dieser Brei war von einer Küchenmagd für ihr Kind zubereitet und kurz neben dem herrschaftlichen Tablett abgestellt worden, um noch eine kleine Verrichtung auszuführen. Ein Fingerzeig des Allmächtigen, denn die Dresdner Höflinge hätten es nie gewagt, dem Prinzen diese fahle und geschmacklose Pampe vorzusetzen. Nach zwei weiteren Mahlzeiten, bei denen Friedrich August ausschließlich diesen Brei zu sich nahm, besserte sich sein Befinden deutlich. Er hinterfragte überaus zornig, warum man ihm diese heilsame Speise so lange vorenthalten hätte. Bereits wenige Tage später war er wieder soweit bei Kräften, dass die Reise fortgesetzt werden konnte.

Inzwischen sächsischer Kurfürst und zum Manne gereift, ereilte ihn im Mai des Jahres 1695 erneut ein schreckliches Darmgrimmen. Das war ein höchst unpassender Zeitpunkt, weilte er doch gerade in Begleitung seiner ersten Mätresse, der schönen Schwedin Aurora von Königsmark, in Karlsbad zur Kur. In dieser Not erinnerte er sich der spanischen Tartuffli, die ihm auf seiner Kavalierstour so gut geholfen hatten. Doch trotz Androhung lebenslanger Kerkerhaft war niemand imstande, die exotischen Erdfrüchte herbeizuschaffen. Ein Affront!

Christian August von Haxthausen, des Kurfürsten Oberkämmerer, versprach seinem Landesherren, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Mangel für alle Zeit beseitigt würde. Er war auch der Einzige unter allen Höflingen, der wirklich wusste, wonach der Kurfürst in seiner Leibesnot verlangte, hatte er ihn als sein Hofmeister schon während dessen Kavalierstour begleitet. Haxthausens Jugendfreundin Liselotte von der Pfalz, die mit dem Bruder des französischen Sonnenkönigs verheiratet war und in Versailles lebte, schickte ihm alsbald ein Kistchen dieser noch weitgehend unbekannten Erdfrüchte samt einer ausführlichen Anleitung zu Anbau und Lagerung derselben. Haxthausens Landgut Putzkau lag in der Oberlausitz. Der Anleitung nach ein viel zu kalter und deshalb ungeeigneter Landstrich für den Anbau dieser Tartuffli.

In seiner Bedrängnis wandte sich Haxthausen an den noch jungen, aber überaus gebildeten und ehrgeizigen Jakob Heinrich von Flemming, der seit 1693 im Range eines Generaladjutanten in sächsischen Diensten stand und dessen Aufstieg er mit beinah väterlichem Wohlwollen begleitete. So kam es, dass die Tartuffli auf Flemmings Betreiben nahe Meißen ausgepflanzt wurden. Im warmen Erdreich der sonnigen Hanglage gediehen die fremden Gewächse prächtig. Flemming überzeugte sich den Sommer über mehrmals vom guten Gedeihen der Pflanzen. Kurz nach der Weinlese wurden die Tartuffli ausgegraben, in flache Holzkisten geschichtet und in die hinterste Ecke eines Weinkellers gebracht, wo ihnen selbst stärkere Fröste nichts anhaben konnten. Im Folgejahr betrug die Ernte bereits neun Viertelkörbe. Auch bei mehrmaliger Anforderung durch die kurfürstliche Küche würde sich dieser Vorrat nicht erschöpfen. Damit besaß man genug Erdäpfel, um den Anbau abseits des warmen Elbtals zu wagen. Flemmings Verwalter beauftragte zwei Bauern in der Lommatzscher Flur, die Tartuffli, wie in der pfalzgräflichen Anleitung beschrieben, in den Boden zu bringen und zu pflegen. In der fruchtbaren Gegend übertraf die geerntete Menge sämtliche Erwartungen. Den Winter über sollten die Bäuerinnen ab und an ein paar dieser Tartuffli kochen und die Genießbarkeit prüfen.

Anfangs kosteten die Frauen noch gehorsam die nach nichts schmeckenden, mehr oder weniger zu Brei zerkochten, erdig riechenden Rundlinge, bevor sie den großen Rest auf den Misthaufen warfen, wo ihn die Hühner restlos aufpickten.

Die Bauern belustigte, dass ihr Herrscher so großen Wert auf dieses geschmacklose Zeug legte, wo er doch die feinsten Speisen haben konnte. Der Zufall wollte es, dass einer Bäuerin beim Kosten der eben vom Herd genommenen gegarten Erdäpfel ein größeres Stück in den Schmalztopf fiel. Ihr tat es leid, das mit köstlichem Schweinefett vollgesogene Stück wegzuwerfen. Wie vom Schmalzbrot gewohnt, streute sie ein paar Krümel Salz auf den fettig glänzenden Klumpen, bevor sie ihn, beinah widerwillig, in den Mund steckte. So aufgebessert, schmeckte ihr der kleine Happen unerwartet gut. Neugierig geworden, fischte sie weitere Stücke aus dem Topf und bestrich sie mit Butter, Leinöl oder Sauerrahm. Noch einige Körnchen Salz aufgestreut, und schon war alles aufgegessen. Von nun an landeten die gekochten Tartuffli nicht mehr auf dem Misthaufen. Die Bauersleute hüteten sich jedoch, ihre Entdeckung kundzutun. Sie befürchteten, dass die wertvollen Erdfrüchte dann gestohlen würden. Zudem hatten die neumodischen Rundlinge gegenüber Brot einen großen Vorteil: Sie mussten nur kurz auf dem Herd gekocht werden, und das war viel weniger Arbeit als das Brotbacken.

Nach dem plötzlichen Tod des Oberkämmerers von Haxthausen stieg Flemming zum engsten und wichtigsten Berater des Kurfürsten auf. Als Sohn eines brandenburgischen Hofgerichtspräsidenten und als Absolvent der Universitäten Utrecht und Leiden besaß er ein hervorragendes politisches Gespür. Dazu war er mit dem polnischen Magnatengeschlecht Przebendowski verschwägert. Beim Gerangel der europäischen Herrscherhäuser um die polnische Königskrone eine überaus nützliche Verbindung. So war es bedeutend leichter, die Taschen etlicher Magnaten mit großen Summen an verpflichtenden Bestechungsgeldern zu füllen. Trotzdem stand das Unternehmen »Königskrone« bis zum letzten Wahlgang auf der Kippe, denn auch der französische Kandidat, Prinz Louis de Conti, bestach Wahlmänner. Doch die französischen Vermittler versprachen nur Schuldverschreibungen und die auch nur nach gewonnener Wahl. Dagegen warb Friedrich August I. von Sachsen mit echten Talern. Damit ihm diese nicht ausgingen, verkaufte und verpfändete er sogar Landesteile sowie die königlichen Juwelen. Den Gedanken, im Fall einer Niederlage sich und das Land ruiniert zu haben, verdrängte er in unzähligen nächtlichen Trinkgelagen. So war die Ohnmacht während der Krönungszeremonie nur eine Auswirkung dieses ungezügelten Zechens. Aber auch der Prunksucht Friedrich Augusts, die ihn veranlasste, an einem so heißen Tag seine schwere goldene Prunkrüstung zu tragen und das auch noch über etliche Stunden.

Dieser Schwächeanfall gemahnte Flemming, schnellstens zwei Kisten Tartuffli nach Warschau bringen zu lassen. Doch die polnischen Köche hatten die wertvollen Früchte statt im Keller auf dem zugigen Kräuterboden gelagert. Als Ende November eine erste Kochprobe durchgeführt werden sollte, zerfielen die inzwischen steinhart gefrorenen Erdäpfel zu stinkendem Matsch. Die polnischen Hofköche wiesen alle Schuld von sich, war es doch versäumt worden, die den Kisten beigefügte Anleitung in ihre Sprache zu übersetzen. Im Notfall hätte man nun Tartuffli aus Sachsen holen müssen, wobei selbst ein guter Reiter viel zu lange unterwegs gewesen wäre.

Eine für Flemming überaus kritische Situation, die einer dauerhaft befriedigenden Lösung bedurfte. Und die wäre, möglichst schnell einige der sächsischen Bauern, die sich mit den spanischen Erdfrüchten inzwischen auskannten, in der Nähe des polnischen Königshofes anzusiedeln. Für einen Mann in seiner Position keine besondere Herausforderung. Trotzdem beschloss er, das Vorhaben in aller Heimlichkeit in die Wege zu leiten. Er galt unter den Höflingen als Emporkömmling und hatte entsprechend viele Neider, die nur darauf warteten, ihn beim König in Misskredit zu bringen. Außerdem war zu befürchten, dass beim Bekanntwerden seines Vorhabens die Bodenpreise stiegen. Deshalb bat er seine polnische Verwandtschaft, ohne jegliches Aufsehen, nach einem geeigneten Stück Land Ausschau zu halten. Endlich, es ging schon auf Dreikönige zu, erreichte Flemming die Nachricht, dass die entsprechenden Aufkäufe getätigt seien. Leider nicht wie gewünscht vor den Toren der Warschauer Königsresidenz, sondern östlich von Piotrków Trybunalski.

Im Mittelalter zählte die an der alten Handelsstraße von Pommern in das Reich der Kiewer Rus und nach Ungarn gelegene Stadt zu den wirtschaftlich und politisch bedeutenden Städten im Königreich Polen. Hier proklamierte König Kasimir III. der Große 1347 seine Statuten. Die darin festgeschriebenen Bürgerrechte für Jedermann bewirkten eine starke Zuwanderung deutscher Juden. Wirtschaftlich erstarkt, eroberte Kasimir die ruthenischen Fürstentümer Halytsch und Wolhynien, bis dahin ukrainische Gebiete des altrussischen Staatswesens. Pjotrków wird zu einem der zwei Sitze des Sejm, dem Parlament der Ständeversammlung und des Landadels. Für den König hatte der Sejm nicht nur beratende Funktion, er hatte dessen Beschlüsse zu berücksichtigen.

Mit den »Petrikauer Privilegien« erweiterte König Johann I. Albrecht im Jahr 1496 die Rechte des Adels über dessen bereits bestehende Goldene Freiheit hinaus. Bürgerlichen wurde der Besitz von Landgütern verwehrt sowie die Freiheit der Bauern eingeschränkt. In dieser Zeit erhebt Litauen Anspruch auf Teile der ehemaligen Fürstentümer Halytsch und Wolhynien. Man einigt sich gütlich.

Angesichts eines erstarkenden Russlands unter Iwan IV. kommt es 1569 zu einer Allianz zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen. Es entsteht eine Adelsrepublik unter einem Wahlkönig. Die Gerichtsbarkeit wird geteilt: Grodno für die litauischen sowie Lublin und Petrikau für die polnischen Gebiete. Die Stadt trägt seitdem den Zusatz Trybunalski. Das Königreich Polen gilt nun als Großmacht und reicht im Osten bis kurz vor Kiew. Im gleichen Jahr kommt es zur Vertreibung der Juden. Dieses Siedlungsverbot wird erst hundert Jahre später wieder aufgehoben.

Im Sejm galt inzwischen das Liberum Veto, das Einspruchsrecht des Einzelnen ohne Ansehen seines Standes. Dieses »ich verbiete« verhinderte oft notwendige Reformen, und es ermöglichte den Nachbarstaaten, allen voran Russland, mittels Bestechung politische und wirtschaftliche Entscheidungen maßgeblich zu beeinflussen.

Inzwischen hatte die Stadt Piotrków Trybunalski ihre große Bedeutung verloren, aber der Stolz ihrer Bewohner auf diese Vergangenheit war geblieben.

Erst hier, in diesem dünn besiedelten Landstrich, fanden sich genug verkaufswillige Landadelige. Diese stolzen, aber meist hoch verschuldeten Schlachtschitzen besaßen oft nicht mehr als einen alten Klepper, der sie kaum noch tragen konnte, ein Schwert samt abgewetztem Harnisch, ein Wappen, ein verlottertes Gehöft und ein paar Katen samt Leibeigenen, deren Arbeit ihren Herren gerade so ernährte. Klimperten tatsächlich einmal ein paar Kupfermünzen oder gar Gulden im Beutel eines solchen Landbesitzers, waren diese meistens von durchziehenden Händlern abgepresster Wegzoll. Mit Freuden ergriffen sie die Gelegenheit, wenigstens einmal im Leben einen prall mit Silbergulden gefüllten Geldbeutel am Gürtel hängen zu haben. Mit diesem Geld konnten sie sich ordentlich herrichten und ein gutes Pferd anschaffen, denn so heruntergekommen, wie sie ansonsten aussahen, hätte man sie nicht einmal bis zum Tor des Warschauer Königshofes vorgelassen. Doch nur dort konnte es ihnen gelingen, mittels Bestechung einen gut besoldeten Posten zu ergattern. Was zählte da das Bewahren des väterlichen Landes, war doch aus den ausgemergelten Leibeigenen und den minderwertigen Böden nicht mehr herauszupressen.

Die für den Landkauf notwendigen Mittel verbuchte Flemming unter der Rubrik »Zahlung kleiner Posten«. In der Gesamtheit der Ausgaben anlässlich der Königswahl, der Summe von vier Millionen Talern, waren die rund zwanzigtausend Taler kein Betrag, der unter den an die Magnaten gezahlten Bestechungsgeldern auffiel. Die Aufkäufer hätten sogar das Dreifache an Fläche erwerben können. Doch dann bestünde das Risiko, dass die Angelegenheit dem König zugetragen würde. August hatte seinem Minister in solchen Dingen zwar noch nie seine Zustimmung versagt, doch seine Majestät erwartete dann auch einen den Kosten entsprechenden Erfolg. Und der konnte bei diesem Unternehmen ausbleiben. Nicht nur der Anbau der fremdländischen Erdäpfel könnte misslingen. Es war durchaus möglich, dass die ganze Ansiedlung scheiterte, denn die sächsischen Familien, die hier des Königs Tartuffli anbauen sollten, waren Lutheraner, galten in diesem erzkatholischen Jesuitenland als allerschlimmste Ketzer, als Bundesgenossen Satans.

Der größte Teil des erworbenen Landes war bewaldet. Hauptsächlich Kiefern und Birken, die einzigen Baumarten, denen der karge und trockene Sandboden genügte. Alles andere, wie auch das wenige Gras, verdorrte meist noch vor Johanni. Größere Blößen eines leicht hügeligen Gebietes wurden von dichten Teppichen struppigen Heidekrautes überzogen. Hier fanden höchstens Schafe ausreichend zu fressen. Das tiefer liegende, ebene Land war kaum fruchtbarer. Mit buschigem Sauergras und giftigem Wasserschierling bewachsene Wiesen wechselten mit Riedflächen, die in ein von Schwarzerlenhainen durchzogenes Moor übergingen. Dieses Moor umsäumte nicht nur einen riesigen langgezogenen See, es erstreckte sich auch entlang seiner Zu- und Abflüsse. Ein kaum überwindbares Hindernis, wollte jemand von hier aus, am Seeufer entlang und somit auf kürzestem Weg, in die Stadt Piotrków Trybunalski gelangen. Innerhalb dieses großen Sumpfes gab es aber auch Flecken, bestanden mit gut gewachsenen Eichen. Auf den ersten Blick war es unverständlich, warum die städtischen Holzhändler diese prächtigen Bäume noch nicht erworben und fällen lassen hatten. Doch unter dem Landvolk herrschte der Glaube, dass in dem schwarzen Wasser furchtbare Dämonen lauerten, die jeden rechtschaffenen Christenmenschen an den Füßen packen und in die Tiefen der Hölle zögen. Die Leibeigenen munkelten, der oberste Dämon sei ein Adliger, der eine junge Nonne entführt und geschändet hatte. Nun bringe er dem Höllenfürsten die Seelen all jener Menschen, die sich ins Moor wagen. Dieser Aberglaube verhinderte, dass sich auch nur ein Holzfäller fand, der sein Leben und Seelenheil wegen einiger Eichenstämme gefährdete. Selbst die in der Nähe lebenden Bauern mieden das weg- und bodenlose Gelände, näherten sich ihm nur in sehr trockenen Sommern, um die an den Rändern wachsenden Moosbeeren zu pflücken.

Während der Schneeschmelze oder nach ergiebigen Regenfällen wagten sie sich nicht mal von ihren Katen weg. Dann führte die Wierzejka, ein Flüsschen, das in der Ebene nördlich der Stadt entsprang und in den Sümpfen oberhalb des Sees endete, gewaltige Wassermassen herbei, die das Moor, die Riedwiesen und ab und an die ganze Gegend überschwemmten. Auch die Straße nach Sulejów wurde dann unpassierbar. Manchmal dauerte es Wochen, ehe das Hochwasser wieder abfloss, denn das Flüsschen Rakowka, das am südlichen Ende des großen Sees austrat, mündete alsbald in die Strawa, und die führte ebenfalls Hochwasser. Dann verfaulte selbst das Staunässe gewohnte Sauergras. Aus all diesen Gründen standen die armseligen Katen der polnischen Bauern weitab vom Moor, hoch oben auf den trockenen Hügeln. Und dort oben, direkt neben ihren Behausungen, lagen auch die wenigen armseligen Felder, von denen sie ihre Abgaben erbringen und sich selbst und ihr Vieh ernähren mussten. Ihre Angst vor dem Moor war so groß, dass sie lieber darbten, als sich dem schwankenden Grund zu nähern. Dann hätten sie wenigstens den fruchtbaren Saum bewirtschaften können, der sich zwischen den Moorwiesen und den trockensandigen Flanken der flachen, mehr oder minder mit Kiefern und Heide bewachsenen Hügeln befand.

Die sächsischen Umsiedlerfamilien

Während des Winters 1697/98 bereiteten sich zwei Familien aus Meißen und drei Familien aus dem Lommatzscher Umland auf ihre Umsiedlung nach Polen vor. Die Ehemänner waren durchweg Zweitgeborene, denen kein väterliches Erbteil zustand. Mittels eines stattlichen Handgeldes und der Aussicht auf einen guten Flecken Land hatte man sie nicht lange zum Verlassen ihrer Heimat überreden müssen. Alle Familien waren außerdem strenggläubige Lutheraner, geübt in Demut, Bescheidenheit und Gehorsam.

Noch bevor der nahende Frühling des Jahres 1698 die Wege aufweichte, begab sich der kleine Treck auf die Reise. Neben Hausrat, Werkzeug, Pflanzen, Saatgut und landwirtschaftlichen Geräten hatte man auch Käfige mit verschiedenen Kleintieren, wie Hühnern, Hasen und Gänsen, auf den Fuhrwerken verstaut. Die besondere Fürsorge der Reisenden galt dabei den Körben mit Tauben, die Botschaften in die Heimat bringen sollten. Zwei Wagen pro Familie, bepackt mit alter Heimat und allem Notwendigen für ein neues Leben in der Fremde.

Damit die Fuhrwerke gut vorankämen und auch nicht Wegelagerern oder katholischen Eiferern zum Opfer fielen, wurden die Umsiedler auf Flemmings Geheiß von einem kleinen Trupp sächsischer Infanteristen begleitet, die man ohnehin nach Warschau verlegen wollte. Nach der Ankunft in der neuen Domäne sollten die zwölf Infanteristen samt ihrem Sergeanten noch einige Zeit vor Ort bleiben und den Umsiedlern beim Hausbau zur Hand gehen. Doch nicht nur der reformierte Glaube der Umsiedler gefährdete das Unternehmen. Im polnischen Königreich galt immer noch eine mittelalterlich geprägte Leibeigenschaft. Das bedeutete, im Gegensatz zum kursächsischen Recht, in dem niemand ohne gerichtliches Urteil zu Tode gebracht werden durfte, entschied ein polnischer Adeliger in absoluter Eigenständigkeit über das Leben seiner Leibeigenen. Dabei pochten sogar die niedrigsten und ärmsten dieser adeligen Grundeigner auf dieses Recht, selbst wenn sie nicht mehr als eine Hand voll Leibeigene besaßen und höchstselbst Seite an Seite mit ihnen um des täglich Brotes wegen auf dem Acker schufteten.

Obwohl diese kleinen polnischen Krautjunker auf dem von ihnen verkauften Gebiet nichts mehr zu suchen und erst recht nichts mehr zu bestimmen hatten, führten sie sich auf, als ob Land und Leute immer noch ihr Eigentum seien. So kam es, dass ein Meißner beinah von zwei betrunkenen Schlachtschitzen zu Tode gehetzt wurde. Allein dessen kräftige Natur und dem Eingreifen der Infanteristen war es zu verdanken, dass die polnischen Junker abgewehrt werden konnten. Meist schlichen sie sich jedoch im Verborgenen heran, um über die auf den Feldern arbeitenden Frauen herzufallen. Vom ersten Tag an hatten die Soldaten deshalb große Mühe, die fünf Sächsinnen und ihre halbwüchsigen Töchter vor begehrlichen Übergriffen zu schützen.

Eine äußerst schwierige Situation, die einer grundsätzlichen Regelung bedurfte, sollte nicht das ganze Unternehmen nach dem Abzug der Infanteristen scheitern. Die einfachste Lösung war, die Sachsen rechtlich aufzuwerten, und dazu genügte es, sie in den Rang von Freibauern zu erheben. Im Zuge dieser Ernennung wurde jeder Familie, gemessen nach sächsischen Königsruten, ein Erblehen von 90 Morgen an Ackerland und Wiesen zugesprochen. Dazu noch Riedwiesen, Moore und ein Stück Wald fürs Gemeinwesen. Ein unerwarteter Reichtum für die fünf Familien, besaßen sie damit bedeutend mehr Land als ihre Väter in der sächsischen Heimat. Das erteilte Erblehen schützte fortan nicht nur Leben und Eigentum der fünf Familien, es band sie auch an diesen Ort. Und das gab Flemming die Sicherheit, dass die Sachsen ob unerwarteter Schwierigkeiten nicht das Weite suchten, sondern die ihnen als Scharwerk aufgetragene Pflicht, Tartuffli für die Hofküche anzubauen, verlässlich erfüllten. Die neuen Freibauern erhielten außerdem mehrere Gerechtsamkeiten, die ihnen das Dasein erleichterten. Neben der Holzgerechtsamen für den Domänenwald und dem Braurecht erlaubte man ihnen, in den Domänengewässern zu fischen und sämtliche Flächen zu beweiden. Ein von Flemming wohl überlegtes Kalkül. Er war sicher, dass diese grundehrlichen Lutheraner aus dem herrschaftlichen Besitz nie mehr an Wild, Fisch und Holz entnehmen würden, als sie für ihre Bedürfnisse benötigten.

Der Eifer, mit dem die Sachsen ihre neue Heimat einrichteten, kam jedoch nicht nur aus der Freude am übereigneten Land und dem neuen Stand. Sie waren zutiefst davon überzeugt, von Gott hierher geführt worden zu sein, um die Polen zu Luthers rechter Glaubenslehre zurückzuführen, die sie unter dem Einfluss der Jesuiten und deren Gegenreformation verlassen hatten. Ohne diese Überzeugung wäre ihnen der Umzug in das fremde Land sicher schwerer gefallen, denn laut Vertrag schloss bereits die Annahme des Handgeldes eine Rückkehr nach Sachsen aus – unter der Ausnahme einer Rückzahlung der gesamten Summe. Und die war schier unmöglich.

Dieser Umstand hatte die Aussiedler veranlasst, etwas Erde von den Gräbern ihrer Familien mitzunehmen, um in der Fremde nicht die Verbundenheit mit den Ahnen zu verlieren. Nachdem sie sich auf einen Standort für das provisorische Zeltlager geeinigt hatten, verstreuten sie während einer kleinen Andacht die mitgebrachte Heimaterde auf einem mit frischem Tannengrün umkränzten Flecken. So es Gott gefällt und er ihnen weiterhin seine Gnade schenkt, würden sie über dieser Stelle den Altar ihres Gebetshauses errichten.

Vom ersten Tage an versammelte sich die kleine Gemeinde jeden Abend zur Andacht. Sie dankte ihrem gütigen Gott, dass bisher niemand zu Schaden gekommen oder erkrankt war, dass der Hausbau gut voranging und sie keinen Hunger leiden mussten. Und sie bedankte sich, dass nicht nur die kostbaren Tartuffli die lange Reise ohne Verderb überstanden hatten, sondern auch die in Töpfen und Kübeln mitgebrachten Weinstöcke, Obstbäume und Reiser kräftig austrieben. Und auch, dass den Ankömmlingen von den umliegenden Gutsherren gesundes, kräftiges Vieh verkauft worden war. Alle fünf Muttersauen waren tatsächlich tragend und die zehn Kühe gaben so gute Milch, dass reichlich gebuttert werden konnte. Nach der Andacht aß man gemeinsam. Die Zubereitung oblag reihum jeweils zwei Frauen und den älteren Kindern. Viel Arbeit, schließlich wollten um die dreißig Menschen satt werden. Schon deshalb wurde gleich zu Anfang ein Backofen errichtet.

Während die Männer Häuser und Stallungen bauten, versorgten die Frauen nicht nur das Vieh, sie bearbeiteten auch den Streifen fruchtbaren Bodens zwischen Heide und Riedwiesen. Nur zum Führen des Pfluges und zu ihrem Schutz wurden sie von einem ihrer Männer oder einem Soldaten begleitet.

Uta Schlüter

Das Wissen um die Feldarbeit war auf sächsischen Bauernhöfen eigentlich Sache des Ehemannes und Hofherren. Dass die Schlütersche Uta sich darin auskannte, lag an einem großen Unglück, welches ihrem Vater widerfahren war: Er hatte sein Augenlicht verloren. Von frühester Kindheit musste ihn Uta deshalb auf Schritt und Tritt begleiten. Sie beschrieb ihm den Zustand der Tiere, des Bodens, das Gedeihen der Pflanzen und auch, mit welchem Werkzeug die Knechte und Tagelöhner arbeiteten und womit sie das Vieh fütterten. Dabei lehrte sie der Vater alles, was ein guter Bauer wissen und beachten musste.

Uta war erst siebzehn Jahre alt, als der Vater während der Ernte überfahren und dabei so schwer verletzt wurde, dass er starb. Ein in Stauchitz wohnender Vetter übernahm sofort die Vormundschaft über das Mädchen und die väterliche Gewalt über den Hof, während die Witwe für das Seelenheil des Verstorbenen betete. Außer dass ihr geliebter Vater nicht mehr da war, den Uta um Rat fragen konnte, blieb vorerst alles beim Alten. Knechte und Tagelöhner arbeiteten so, wie sie es ihnen schon zu Lebzeiten ihres blinden Vaters aufgetragen hatte. Und war sie sich in einer Entscheidung unsicher, beriet sie sich mit einem Knecht, der bereits von ihrem Vater sehr geschätzt wurde. Der Vormund ließ sich das ganze Jahr nicht auf dem Anwesen blicken. Er kam erstmals im Spätherbst, doch nur, um die Ernte und das Schlachtvieh wegzuholen. Selbst das Ende der Trauerzeit änderte nichts an der eigennützigen Vormundschaft des Vetters, denn Utas Mutter hielt dessen Gebaren für rechtens. Uta hätte sich dieser Vormundschaft gern entledigt und geheiratet, um die rechtmäßige Hofbäuerin zu werden. Doch der von ihr geliebte Martin, ein Zweitgeborener aus dem Nachbardorf, war der Mutter nicht gut genug. Sie sah in ihm einen Erbschleicher und verweigerte nicht nur ihre Zustimmung, sie beauftragte sogar Vermittler, einen Schwiegersohn zu suchen. Doch auch diese fanden keinen, an dem sie nichts auszusetzen hatte. Als sie sich im folgenden Winter eine Lungenentzündung zuzog und verstarb, ging der Hof in das Eigentum des Vetters über, der ihn wenige Monate später verkaufte.

Als Uta und Martin nach dem Ende der Trauerzeit heirateten und den Vetter auf Herausgabe des Mündelteils verklagten, wären sie beinah wegen Verleumdung eingesperrt worden. Der Vetter behauptete, ihr das Mündelteil längst ausgezahlt zu haben. Er bewies dies mit einem Schriftstück, auf dem der Amtsvorsteher von Stauchitz die Auszahlung des Betrages an die Erbin mit seiner Unterschrift bestätigt hatte. Selbst Utas Argument, des Lesens und Schreibens kundig zu sein und somit den Auszahlungsbeleg auch in eigener Person hätte quittieren zu können, änderte nichts an der richterlichen Entscheidung zur Gültigkeit des Beleges. Der neue Besitzer gestattete dem jungen Paar, auf dem Hof wohnen zu bleiben und als Magd und Knecht bei ihm zu arbeiten. Um nicht ständig das ihnen zugefügte Unrecht vor Augen zu haben, hätten Martin und Uta dem Hof und der Gegend liebend gern den Rücken gekehrt, doch Uta erwartete ein Kind. Damit waren sie zum Bleiben verurteilt, um nicht auch noch ohne ein Dach über dem Kopf und ohne sicheres täglich Brot zu sein. Als ein gutes Jahr später eine zweite Tochter zur Welt kam, ergaben sie sich ihrem Schicksal. Flemmings Werber erschienen der jungen Familie wie ein Zeichen des Himmels. Das sofort ausgezahlte Handgeld war so reichlich, dass dem jungen Paar fast die Sinne schwanden. Eine solche Summe Geldes würden sie ihr ganzes Leben nicht verdienen, wenn sie als Magd und Knecht in Sachsen blieben. Dazu das Versprechen auf ein ordentliches Stück Pachtland, groß genug, um mit etwas Glück und Fleiß davon leben zu können. Insgeheim schreckte sie zwar der Umzug in das fremde Land ab, doch die Aussicht auf ein besseres Leben ließ sie keinen Moment zögern, gemeinsam mit den anderen vier Familien, ihre sächsische Heimat zu verlassen.

Nach der Ankunft in der Fremde zahlten sich Utas Erfahrungen in der Feldarbeit rasch aus. Unter ihrer Anleitung wuchs und gedieh einfach alles, was man sich vorgenommen hatte. Ihr Mann Martin und die zwei anderen Lommatzscher, die Uta von Kindheit an kannten, überzeugten die Meißner davon, ihr in diesen Dingen volles Mitspracherecht zu gewähren. Das war völlig entgegen dem Althergebrachten und wäre in der alten Heimat nie gestattet worden. Doch hier war es von Vorteil, dass die Frauen nicht wegen jeder kleinsten Sache die Zustimmung der Familienoberhäupter einholen kamen. So konnten sich die Männer ungestört der Errichtung der Häuser widmen, und das war Arbeit genug. Es dauerte keine drei Wochen, und der Streifen fruchtbaren Bodens zwischen Riedwiesen und trockenem Heideland war fertig bestellt. Allem voran hatte man die kostbaren Tartuffli in die Erde gebracht. Die von den schmalen Feldern zu erwartende Ernte würde aber nie und nimmer Mensch und Vieh bis zum nächsten Frühjahr ernähren. Vom erhaltenen Handgeld hätte man sich zwar ausreichend Vorräte kaufen können, doch das widersprach ihrem Bauernstolz und auch dem beinah übermächtigen Bedürfnis, so wenig wie möglich von dem schönen Geld für solch niedere Bedürfnisse auszugeben. Es musste also schnellstens eine größere Fläche Ackerland gewonnen werden. Brandrodung kam nicht infrage, dabei würde man zu viel gutes Holz vernichten. Außerdem würde der vom See her wehende Wind das Feuer in die Wälder treiben. Es blieben also nur die nassen Wiesen.

Unter Anleitung eines älteren Infanteristen, eines Bauernsohnes aus dem brandenburgischen Oderbruch, begannen die Lutheraner, zwei parallel verlaufende Entwässerungsgräben auszuheben. Der Mann hatte ihnen versichert, dass in seiner Heimat auf selbige Weise nasse Bruchwiesen in fruchtbares Land verwandelt werden, auf dem sogar Weizen gedeiht. Die Gräben auszuheben und den Aushub zu einer ebenen Fläche aufzustapeln war keine leichte und schnell zu erledigende Arbeit. So mancher zweifelte mehr oder weniger laut am Erfolg. Doch die Familien hatten keine Wahl, wollten sie im Winter ihr Geld nicht für völlig überteuertes Korn ausgeben. Dabei war es nicht einmal sicher, ob man ihnen, den lutherischen Ketzern, überhaupt etwas verkaufte. Auch die Heuernte war viel aufwändiger als in der alten Heimat. Trotz Sonne, reichlichem Wind und regelmäßigem Wenden trocknete das Schnittgut nur langsam. Damit das Heu auf dem feuchten Wiesenboden nicht noch zu modern begann, brachten es die Bauern auf höher liegende trockene Flächen. Eine ungemeine Plackerei, aber die einzige Möglichkeit, das Winterfutter vor dem sicheren Verderb zu retten.

Ausgerechnet in dieser arbeitsreichen Zeit gelang es dem aus der Heimat mitgebrachten Ziegenbock, aus dem Gatter zu entkommen. Die Frauen hofften, den Ausreißer schnell und ohne Hilfe der Männer einzufangen. Sie suchten das Seeufer, die Riedwiesen und die Felder ab, doch nirgends war auch nur ein einziger Hufabdruck zu entdecken. Das Tier konnte folglich nur in den Wald gelaufen sein. Und tatsächlich, auf einer sandigen Blöße entdeckten die Frauen frische Ziegentritte. Jetzt tat Eile Not, denn der Bock musste gefunden werden, bevor er in den Tiefen des Waldes verschwand. Die Frauen trennten sich. Uta suchte im mittleren Stück, einer mit Gestrüpp, Erlen und Birken bestandenen breiten Senke, die anderen auf und hinter den mit lichtem Kiefernwald bestandenen Hügeln. Anfangs hörten die Frauen noch gegenseitig das Rufen nach dem Tier. Doch bald schon verschluckte der Wald die Stimmen. Mit der Zeit ängstigte Uta die tiefe Stille, hatte sie doch in der Eile des Aufbruchs versäumt, ihre Heugabel mitzunehmen, die jede Frau neben sich zu stehen hatte, wenn sie auf dem Feld arbeitete. Mit den spitzen Zinken einer solchen Gabel konnte man Ratten und zur Not sogar Wildschweine vertreiben, aber auch zudringliches Gesindel auf Abstand halten. Sie brauchte wenigstens einen guten Knüppel. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr, einen stärkeren Birkenast abzubrechen. So ausgerüstet, suchte sie weiter. Die Angst wollte trotzdem nicht weichen, zumal sie auf dem feuchten Boden keinen einzigen Hufabdruck entdecken konnte. Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, kehrte sie um.

Sie war schon ein Stück gegangen, als sie Ziegenmeckern zu hören glaubte. Und tatsächlich, nach mehreren Lockrufen antwortete das Tier. Kurz darauf entdeckte Uta den Ziegenbock inmitten eines Gestrüpps, sein Halsstrick hatte sich in den Ästen verfangen. Zu spät bemerkte sie, dass sich der Halsstrick des Böckchens nicht verheddert hatte, sondern verknotet war. Doch da wurde sie auch schon ergriffen und zu Boden geworfen. Die beiden Polen, der Kleidung und dem Aussehen nach keine Bauern, waren viel zu stark, als dass Uta ihnen hätte entkommen können. Der Zweite war bereits über ihr, als der andere ihm Einhalt gebot. In das reglose Verharren hinein hörte nun auch Uta das Rufen der Frauen. Sie wollte schon schreien, als ihr der Mund zugehalten wurde. Ihr wurde still zu sein bedeutet. Sie presste ihren Mund zusammen und nickte heftig. Die zwei Männer verschwanden daraufhin im Gesträuch. Als nichts mehr von ihnen zu hören war, begann Uta zu schreien und gleichzeitig ihre Sachen zu richten, denn niemand durfte von der ihr angetanen Schande erfahren. Die aus festem Leinen gewebte Bluse war heil geblieben. Der ältere der Polen hatte sich daran ergötzt, die gekreuzten Blusenschnüre langsam und ohne sie zu zerreißen, zu lösen. Umso derber und gieriger griff er nach ihren entblößten Brüsten. Während der Jüngere Uta festhielt, riss der andere deren Rock bis zum Bund auf und verging sich an ihr in brutaler Lust.

Aber wie sollte sie den Frauen ihren zerrissenen Rock und die blutverschmierten Schenkel erklären! In ihrer Angst stieß sie sich mit einem spitzen Ast mehrmals in den Oberschenkel, bis es ordentlich blutete. Vor Schmerz wären ihr beinah die Sinne geschwunden. Mit zitternden Händen riss sie einen Streifen Stoff aus dem Rock und umwickelte damit die Wunde. Sie war gerade fertig, als die Frauen sie fanden. Sie rissen noch zwei Streifen Rockstoff ab, um damit ein Verrutschen des Verbandes zu verhindern. Es wunderte keine, dass Uta vor Schmerzen kaum laufen konnte. Uta bat die Frauen, sie ohne großes Aufsehen nach Hause zu bringen, damit sie sich waschen, saubere Sachen anziehen und die Wunde behandeln und verbinden konnte. Erst dann sollte ihr Mann Martin benachrichtigt werden, denn er würde sicher sofort herbeieilen und sich, wenn er sie so zerzaust und blutverschmiert vorfände, unnötig sorgen. Nur wenige Schritte vor dem Haus wuchs der für die Wundauflage benötigte Breitwegerich, den die Frauen pflücken gingen, während sich Uta gründlich wusch.

Obwohl die Wunde noch gehörig schmerzte und ihr das Laufen sichtbar schwer fiel, verrichtete Uta bereits am nächsten Tag sämtliche Hausarbeit. Am vierten Morgen ging sie wieder mit den Frauen aufs Feld. Die Männer hatten inzwischen die Umfriedung des Gatters so hergerichtet, dass der Ziegenbock kein zweites Mal entwischen konnte. Einzig Martin ahnte, dass die schlimme Wunde am Schenkel seiner Frau nicht das ganze, ihr zugestoßene Unglück war, denn seitdem bäumte sie sich im Schlaf des Öfteren laut stöhnend auf und schlug wild um sich. Außerdem hatte er längst die vielen blauen Flecken und Kratzer auf ihrer Brust, dem Hals, sowie Armen und Beinen bemerkt, die sie vor ihm zu verbergen suchte. Zuerst wollte er sie zur Rede stellen. Doch bereits am nächsten Tag sah er davon ab. Das Geschehene ließ sich nicht rückgängig machen, und statt Erleichterung würde sein Fragen Verderben bringen. Die Mutter seiner beiden Töchter müsste dann zugeben, gesündigt und Schande auf sich geladen zu haben. Nach einem solchen Geständnis müsste er die Ehebrecherin aus dem Haus jagen. Was sollte dann aus ihm und den beiden Mädchen werden, hier in der Fremde? All ihre Hoffnung auf ein besseres Leben wären zunichte. Es heißt, eine Ehebrecherin folgt ihrer Fleischeslust. Die vielen blauen Flecken und Kratzer an Utas Leib bezeugten das Gegenteil, seiner Frau wurde Gewalt angetan und sie hatte sich gewehrt.

Später, wenn sie nachts nicht mehr so furchtbar schreit, wird er ihr sagen, dass sie in seinen Augen keine Schuld treffe. Das Geschehene müsse aber auf ewig ihr beider Geheimnis bleiben, denn die Menschen rechnen nur allzu gern fremde Sünde auf, um sich selbst zu erhöhen. Martin erinnerte sich an eine Geschichte in der Heiligen Schrift. Da heißt es, dass Jesus einer Ehebrecherin, die man vor ihn brachte und die dem Gesetz nach gesteinigt werden sollte, einzig das Versprechen abverlangte, nicht erneut zu sündigen. Und zu den Umstehenden, die schon Steine in den Händen hielten, sagte er, nur derjenige von ihnen, der ohne Sünde sei, habe das Recht, den ersten Stein zu werfen.

Wehrhafte Frauen

Kurz nach der Heuernte ergab sich die Notwendigkeit, die Felder nachts vor Wildschweinen und zweibeinigen Dieben zu schützen. Wachen wurden aufgestellt. Um den Soldaten im Ernstfall beim Nachladen der Musketen zu helfen, wurden die neuen Freibauern von den Infanteristen im Gebrauch der Feuerwaffen unterwiesen. Nach anfänglichem Zögern, schließlich dienen Waffen zum Töten und das verbietet das fünfte Gebot, gefiel den Männern ihre neue Wehrhaftigkeit. Im Ernstfall würden sie ja nicht vorsätzlich töten, sondern nur ihr eigenes Leben verteidigen. Und da die Infanteristen spätestens Ende Juli in ihr Warschauer Regiment zurückkehren müssen, hätten sie dann nur noch ihre Fäuste, Messer, Heugabeln und Sensen, um sich diebisches Gesindel vom Leib zu halten. Als auch Uta im Laden des Schießeisens unterwiesen werden wollte, führte das unter den Männern zu einer heftigen Auseinandersetzung. Die beiden Meißner bezweifelten die Gottgefälligkeit dieses Verlangens. Es könne nicht sein, dass eine Frau eine Waffe benutzt und gar einen Mann tötet, wo sie ihm doch nach den Gesetzen untertan sein soll. Uta ließ sich jedoch nicht abwimmeln. Sie entgegnete, dass Luthers Frau Katharina nie ohne einen kleinen Dolch im Gewand aus dem Haus ging. Der Reformator habe seine Frau sogar aufgefordert, sich bei tätlichen Übergriffen zu wehren. In der Heiligen Schrift heißt es, der Herr steht dem Schwachen bei. Aber nirgends stehe geschrieben, dass der Schwache ihm zugefügte Gewalt ohne Gegenwehr hinnehmen müsse. Der einzige, der sich ohne Gegenwehr sogar ans Kreuz nageln ließ, war Christus, und der tat das aus Gehorsam und zur Vergebung unserer Sünden. Dem hatten die Männer nichts entgegenzusetzen, denn keiner von ihnen hatte je die gesamte Heilige Schrift gelesen. Einen Pfarrer, den sie bezüglich dieser Sache fragen konnten, gab es höchstens in Warschau oder in der alten Heimat. Letztlich siegte die Erkenntnis, dass die Frauen dann bei der Feldarbeit nicht mehr von Männern begleitet werden müssten, sich sogar gegenüber berittenen Angreifern verteidigen könnten. Selbst wenn sie nicht träfen, das Abfeuern einer Muskete würde reichen, um solches Gesindel in die Flucht zu schlagen. Außerdem wäre der Schuss weithin zu vernehmen, und man könnte sofort zu Hilfe eilen. Die Musketen waren schon recht alt, umständlich zu laden und auch nicht besonders treffsicher. Trotzdem standen die Frauen bereits nach kurzer Zeit den Männern im Laden der Musketen und der Anzahl der Treffer nicht nach. Nur manchmal brachte sie die Wucht des Rückstoßes aus dem Gleichgewicht. Das weithin zu hörende Gedröhn der Schüsse ließen diebisches Gesindel einen großen Bogen um die kleine Siedlung machen. Besonders abschreckend wirkten sich jedoch die Geschichten aus, die polnische Fronbauern in den umliegenden Schenken über die bewaffneten Frauen erzählten. Die Frauen würden den Gewehrlauf zwischen die Zinken einer mit dem Stiel in den Boden gerammten Mistgabel legen und träfen dadurch so gut, dass sie sogar einen heranstürmenden Reiter vom Pferd holen könnten. Eine Geschichte, über die im Dorf lauthals gelacht wurde. Beim Abzug der Soldaten erhielt jede Familie zwei Musketen und dazu eine größere Menge Pulver sowie Kugeln. Die Infanteristen hätten ihnen gern sämtliche Musketen überlassen, um die alten Waffen nicht noch bis Warschau schleppen zu müssen. Dort sollten sie mit neuen Suhler Gewehren ausgestattet werden.

Vom Säen und Ernten

Anfangs hatte es Minister Flemming nicht gefallen, dass das erworbene Land weitab des königlichen Hofes lag. Doch nur in einer so dünn besiedelten Gegend gab es ausreichend Platz für eine neue Siedlung. Es war sogar so viel Platz, dass Flemming den miterworbenen Leibeigenen und Fronbauern gestattete, auf ihren ärmlichen Anwesen wohnen zu bleiben und diese weiterhin zu bewirtschaften. Die üblichen Frondienste sowie Hand- und Spanndienste leisteten sie nun unter Aufsicht und zum Nutzen der nach polnischem Recht neu ernannten sächsischen Freibauern. Das Herbeischaffen von Feldsteinen für die Fundamente der zu errichtenden Häuser gehörte zu ihren ersten großen Aufgaben. Durch die gemeinsame Arbeit gewöhnte man sich schnell aneinander. Die in ihrem protestantischen Glauben verankerte Milde gegenüber Bedürftigen wirkte zudem als Friedensstifter, verbot diese doch, die an der Gemeinschaftsküche der Lutheraner um Essen bettelnden Kinder, wie auf polnischen Höfen üblich, mit Stockschlägen zu vertreiben. So entstanden innerhalb kürzester Zeit unter den Kindern erste Freundschaften. Vor allem die größeren Mädchen machten sich nützlich, wo immer sie konnten. Schließlich bekamen sie dafür auch gutes Essen. Und ganz nebenbei lernte jeder ein wenig die Sprache der anderen.

Bereits während des Sommers offenbarte sich die Fruchtbarkeit der urbar gemachten Bruchwiesen. Die eigentlich viel zu spät gesäten Rüben waren inzwischen ebenso groß, wie die schon Anfang Mai auf sandigem Trockenboden ausgebrachten Samen. Das war genug Ansporn, noch einen weiteren Streifen Riedwiesen herzurichten. Dieses Tun wurde von den polnischen Bauern und Tagelöhnern misstrauisch betrachtet, grenzten die Wiesen doch ans Moor, und in dem hausten böse Geister. Letztlich besiegte die Aussicht auf einen guten Verdienst ihre Angst vor dem dunklen Wasser, das sich in den die kleinen Felder umgebenden Gräben sammelte und in dem Hunderte Blutegel darauf lauerten, sich an nackten Beinen festzusaugen. Diese Quälgeister waren nicht die einzige Plage, die das Wasser beherbergte. Immer mehr Mücken entstiegen der von der glühenden Sommersonne aufgeheizten Feuchte, bildeten bei Sonnenuntergang bis in den Himmel ragende, silbergrau schwirrende Säulen. Auch diesmal keimten auf den hergerichteten Flächen die Saaten innerhalb weniger Tage, wuchsen die kleinen Pflänzchen mit solcher Schnelle, dass man beinah zusehen konnte. Wenn der Winter nicht allzu früh hereinbräche, könnten selbst die erst Ende August ausgesäten Steckrüben noch eine gute Ernte bringen.

Gottes Wohlgefallen schien auf all ihrem Tun zu liegen, denn jedes in den Boden gebrachte Korn trug schwer an reicher Frucht. Buchweizen, Linsen, Ackerbohnen, Kohl, Kürbisse, Erdbirnen, Hafer, Gerste und auch die Tartuffli, die man besonders sorgsam hegte und pflegte. Einzig ein kleiner Flecken Weizen, den man auf die entwässerte Fläche gesät hatte, kümmerte und musste im Spätherbst unreif geschnitten werden. Es war Aufgabe der Kinder, die halbreifen Körner aus den Ähren zu rubbeln. Damit die feuchten Körner nicht verdarben, wurden sie im Backofen getrocknet. Geschrotet und in der Pfanne angeröstet, bereicherten sie die tägliche Buchweizengrütze aufs Köstlichste. Die Sachsen fühlten sich schon bald wie im biblischen Gleichnis vom reichen Kornbauern, der größere Scheunen errichten musste, um die Ernte sicher zu lagern. Sie wussten aber auch, dass die Winter in der neuen Heimat länger, kälter und schneereicher waren als im Elbtal. Und sie konnten nicht einschätzen, ob es während des Winters bezahlbares Mehl zu kaufen gab. Wegen dieser Ungewissheit wurden die Vorräte sorgsam gehütet und die Portionen zu den Mahlzeiten klein gehalten. Kurz vor Weihnachten fielen Wildschweine über die letzten im Boden verbliebenen Erdbirnen her. Der Hunger der Tiere war so groß, dass sie sogar wiederkamen, obwohl die Bauern auf sie geschossen und ein ausgewachsenes Schwein und einen Läufer erlegt hatten. Das war genug Fleisch, um sich ordentlich satt zu essen.

Im Verlauf des Winters kam es in den Familien der polnischen Tagelöhner, die in den umliegenden Wäldern hausten, zu einer großen Hungersnot. Die Angst um ihre Kinder und der Schmerz des eigenen Hungers trieb sie bettelnd vor die Häuser der sächsischen Ketzer. Die Gewissheit, andernfalls zu verhungern, war größer als ihre Furcht, sich an den Brosamen dieser Gottlosen zu versündigen. Aus der ihnen von Kindesbeinen an gepredigten Nächstenliebe gegenüber Bedürftigen überließen die Lutheraner den Hungernden nicht nur ihre Abfälle, sie teilten sogar ihr eigenes Essen.

Trotz ihres Hungers aßen die Polen jedoch nur wenige Löffel des gelblichen Breies, den die Sachsen aus fast faustgroßen bräunlichen Knollen kochten. Die Furcht vor der unbekannten Speise schwand erst, als sie sahen, dass ihre Kinder, die den Brei gierig verschlangen, diesen gut vertrugen und alsbald wieder zu Kräften kamen. Zum Glück verhinderten die unzureichenden Sprachkenntnisse sämtliche Missionierungsversuche seitens der Lutheraner, war ihnen doch das Erlernen dieser unaussprechlichen Zischlaute, die eine Sprache sein wollten, mehr Gräuel als Notwendigkeit. Dagegen verstanden und sprachen die Kinder bereits nach wenigen Monaten die jeweils fremde Sprache. Vor allem die polnischen Kinder, die schnell herausfanden, dass eine auf Deutsch vorgetragene Bitte höchst selten abgeschlagen wurde.

Die eingelagerten Vorräte waren so reichlich, dass die Bauern im Verlauf des Winters etliches an Wurzelgemüse und Hülsenfrüchten auf dem nahen städtischen Markt verkaufen konnten. Eine unerwartete Einnahme, die sie ihrer Sparsamkeit und den hier unbekannten Tartuffli zu verdanken hatten. Die Sachsen hatten sich inzwischen an diese Erdfrüchte gewöhnt, die sich nicht nur schnell zubereiten ließen. Ernte und Lagerung waren einfacher als beim Getreide, das Schimmel und Kornkäfer schnell vernichteten. Zur Lagerung der Tartuffli genügte der Kriechkeller. Und besaß man keinen Keller, genügte eine Miete wie für Rüben. Nur den Mäusen musste der Zugang zu den nahrhaften Früchten verwehrt werden. Die wegzufangen war Aufgabe der Katzen. Nahmen die Nager trotzdem überhand, stellten die Bauern besonders wirksame Fallen auf. Flache, bis handbreit unter dem Rand mit Wasser gefüllte Tröge, in denen ein mit einem dünnen Speckstreifen umwickeltes Rundholz schwamm. Hatte die Maus den Sprung auf die schwimmende Speckinsel gewagt, dauerte es nicht allzu lange, bis das Tierchen entkräftet von dem sich ständig drehenden Holz glitt und ertrank.

In den ersten Frühlingstagen überfiel eine mit Messern und Äxten bewaffnete Meute ausgehungerter Landstreicher das Dorf. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Bauern Schusswaffen besaßen und treffsicher damit umgehen konnten. Der für die Angreifer mit bösen Verletzungen und Verlusten endende Überfall sprach sich schnell herum. In der Folge wurde die Siedlung von umherziehendem Gesindel weiträumig umgangen. Zum Glück für die Siedler, denn die beschlossen, nie wieder auf Menschen zu schießen, verstießen sie doch damit gegen Gottes fünftes Gebot. Ihren Seelenfrieden rettete, dass die tödlichen Kugeln keinem der fünf Schützen eindeutig zugeordnet werden konnten.

Das Gemeindehaus

Seit ihrer Ankunft feierten die Bauern den sonntäglichen Gottesdienst reihum in ihren Häusern. Eine Notlösung, die auf Dauer nicht hinnehmbar war, denn in der Enge der Stuben stellte sich nur selten die zu Andacht und Gebet gebotene Stille ein. Noch während des Winters schlugen die Männer deshalb etwa sechzig große, gut gewachsene Kiefern, um daraus die zum Bau eines Bet- und Gemeindehauses erforderlichen Balken zu zimmern. Auch wenn sie aus Dankbarkeit und zum Lobpreis ihres Gottes gern eine richtige Kirche mit Turm und Geläut gebaut hätten, verspürten sie Stolz und Genugtuung, als zu Christi Himmelfahrt des Jahres 1699 die erste Andacht im neuen Gemeindehaus gefeiert werden konnte.

Noch schöner wäre es gewesen, hätten sie den mit Blumen umkränzten Altartisch mit einem edlen Kreuz schmücken und aus einem geweihten Abendmahlskelch trinken können. Diese für die kleine Gemeinde so außerordentlich wichtigen Preziosen zu stiften hatte Christiane Eberhardine zugesagt, damals noch als protestantische Kurfürstin. Inzwischen polnische Königin, wollte sie ihren Lutheranern sogar einen Kantor schicken, damit die Kinder der kleinen Gemeinde im Lesen und Schreiben unterrichtet und im rechten Glauben erzogen würden. Die Kurfürstin hielt ihr Wort. Kurz vor Pfingsten brachte ein Kurier ein silbernes Altarkreuz, dazu Leuchter und den Abendmahlkelch. Eine wunderschön bebilderte Hauspostille mit den Predigten des Reformators vervollständigte die wirklich fürstliche Gabe. Nur der Kantor kam nicht mit, er sollte erst zum Spätherbst eintreffen.

Ein Spinett gehörte nicht zu dieser Spende, die sächsischen Umsiedler bestellten es bei einem Händler. Es war kein großes Ärgernis, dass man dieses Instrument mit vier Monaten Verspätung lieferte. Sie nutzten die Verzögerung, um den Preis um etliche Taler herunterzuhandeln. Den Kindern war das Ausbleiben des Kantors recht. Obwohl sie überall mit zupacken mussten, blieb ohne ihn immer noch reichlich Zeit zum Spielen und Toben. Der Kurfürstin von Sachsen und Polnischen Königin fehlte das Geld, um dem Mann die Reisekosten und wenigstens einen Teil seines Jahresgehaltes zu zahlen. Ihr Gatte, der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, hatte ihr die Apanage gekürzt, da sich Christiane-Eberhardine ihres Seelenheils wegen weigerte, ihren Gatten an den katholischen Warschauer Königshof zu begleiten.

Der König ärgerte sich nur kurz über die Widerborstigkeit seiner Gattin und ihren anmaßenden Wunsch, in Warschau öffentlich protestantische Gottesdienste abhalten zu dürfen. Außer der Gelegenheit zur Kürzung ihrer Gelder nutzte er ihre politische Unvernunft, um sich die schöne Ursula Katharina Lubomirska, eine aus dem polnischen Hochadel stammende Katholikin, zur Mätresse zu nehmen. Die junge Frau verstand es, den König so zu umgarnen, dass August ihr gänzlich erlag und sie mit Schmuck und Geschenken überhäufte. Als die Kosten dieser Aufmerksamkeiten den königlichen Geldbeutel überforderten, bediente er sich überaus großzügig aus der Schatulle seiner Gattin, sodass diese kaum noch genug Geld besaß, um wenigstens die allernotwendigsten Ausgaben ihrer Dresdner Hofhaltung zu bezahlen.

Königlicher Besuch

Im Herbst des Jahres 1699 überredete Flemming seinen König während einer Truppeninspektion zu einem kleinen Abstecher, er versprach ihm eine Überraschung. Nachdem August in Piotrków Trybunalski gut geschlafen und gefrühstückt hatte, erreichte die Reisegesellschaft am frühen Nachmittag die in violetter Pracht blühende Heide. Flemmings Versicherung, ihm etwas ganz Besonderes zeigen zu wollen, versetzte den König in gute Laune. Er liebte Überraschungen, vor allem die der amourösen Art. Doch das, was ihm sein Minister wenig später in einer mit Blumen und Girlanden geschmückten Scheune präsentierte, war etwas ganz anderes als ein Schäferstündchen mit einer in Liebesdingen unerfahrenen ländlichen Jungfer. Auf einem Teppich frisch geschnittenen Grases standen fünf große Tragekörbe, randvoll gefüllt mit kinderfaustgroßen Erdäpfeln. Zwischen den Körben wohlgerundete gelbe Kürbisse, flankiert von Krügen mit Blumen und Säckchen voller Erbsen, Linsen und Weizen. Hinter dem Grasteppich standen im Sonntagsstaat die fünf Familien. Zuvorderst die Kinder, dahinter in tiefster Verbeugung deren Eltern. Während die Kinder nicht an sich halten konnten und trotz strengstem Verbot von unten her wenigstens einen kurzen Blick auf die herrschaftliche Gesellschaft wagten, standen die Alten wie versteinert in ehrfürchtiger Untergebenheit. Sie sahen nur die von Spitzenborten umspielte Hand, an deren fleischigen Fingern mit Edelsteinen besetzte Ringe glänzten. Die Hand griff nach einem Erdapfel, wägte ihn prüfend und legte ihn zurück in den Korb. In einem Anfall von Großzügigkeit entnahm August seiner Börse einige Silbermünzen und reichte sie der kleinen Martha, Utas ältester Tochter, mit dem Auftrag, sie unter allen Kindern gerecht zu verteilen. Seiner Majestät schmeichelte die Treue und Ergebenheit seiner sächsischen Bauern, die für ihn ihre Heimat verlassen hatten. Er wies Flemming an, jeder Familie einen sächsischen Goldgulden mit seinem Antlitz zukommen zu lassen.

Bereits zwei Tage vor dem hohen Besuch war einer der Hofköche samt drei Gehilfen ins Dorf gekommen, um die Beköstigung der königlichen Reisegesellschaft vorzubereiten. Aus Warschau mitgebrachte Pasteten und kleine Kuchen wurden inzwischen, des befürchteten Verderbs wegen, im kühlen Kellergelass der Gemeinschaftsküche verwahrt. Ein Spanferkel sowie verschiedenes Federvieh und Fisch wurden an Ort und Stelle zubereitet. Die Küche und das neue Gemeindehaus reichten kaum aus, um dem Wirken der Köche genügend Platz zu geben. Mitten auf dem Dorfplatz, unter einem riesigen Baldachin, wurde die Tafel eingedeckt, an der sich der König und die kleine Reisegesellschaft ausgiebig stärkten. Obwohl der Hofkoch die meisten Pasteten und süßen Kuchen wieder einpacken ließ, blieben noch so viele Speisen zurück, dass es vier Tage dauerte, bis auch der letzte Rest aufgegessen war. Der hohe Besuch hinterließ den Lutheranern nicht nur ein paar Goldstücke und die Vorstellung von der Fülle der herrschaftlichen Tafel, er stärkte auch ihr Selbstvertrauen. In ihrer alten Heimat hätten sie nur in der hintersten Reihe stehen dürfen, selbst wenn die königliche Kutsche lediglich durchgefahren wäre. Die ihnen zuteil gewordene Ehre war so unfassbar, dass sie lange überlegten, ob sie darüber nach Sachsen berichten sollten. Man würde es ihnen wahrscheinlich nicht glauben und sie für Aufschneider oder sogar Lügner halten. Doch dann siegte der Stolz, und sie beschrieben in ihren Briefen nicht nur das Aussehen und die Erhabenheit des hohen Besuchs, sondern auch die Vielfalt und den Geschmack der zurückgelassenen Speisen. Nur die Goldstücke verschwiegen sie, um nicht irgendwelche Hungerleider anzulocken.

Die sächsischen Freibauern aßen auch sonst öfter Fleisch als ihre Nachbarn, kleine polnische Landadelige. Diese hatten das durch den Landverkauf eingenommene Geld längst durchgebracht und versoffen. Selbst ihr Äußeres war zur alten Schäbigkeit zurückgekehrt. Sie reihten sich wieder ein in die große Menge derer, deren adelige Abstammung einzig am Schwert erkennbar war, das sie als Zeichen ihres Standes trugen. Doch nicht nur seines ärmlichen Äußeren wegen bezeichneten Magnaten diesen niederen Landadel als Bettlerhaufen und behandelten ihn entsprechend herabwürdigend. Den Hochadel widerte es an, dass diese großmäuligen Habenichtse außerstande waren, ein Schriftstück zu lesen oder zumindest ihren Namen zu schreiben.

Der sichtbare Wohlstand der Lutheraner, ihr Bildungsbestreben sowie die Sauberkeit und Ordnungsliebe riefen alsbald übelste Missgunst hervor. Fühlte sich ein betrunkener polnischer Schlachtschitz stark genug oder waren es sogar ihrer mehrere, dann ritten sie über die bestellten Felder, zerstörten die Überläufe der Entwässerungsgräben und schossen oder stachen ab, was ihnen an Wild oder Vieh über den Weg lief. Selbst die Bienenkörbe wurden mit kräftigen Schwerthieben regelrecht hingerichtet. Was jedoch keiner der übermütigen Trunkenbolde für möglich hielt, die Freibauern erstatteten auf dem Amt von Piotrków Trybunalski Anzeige, wobei sie die Übeltäter benannten und deren Untaten schilderten. Als die Beschuldigten vom Richter befragt wurden, schworen sie beim Bildnis der Schwarzen Madonna von Czestochowa, ihr Land nie und nimmer an die lutherischen Ketzer verkauft zu haben. Ein Meineid, wie sich schnell herausstellte, denn der Verkauf des Landes hinter dem großen See war ordnungsgemäß im Kataster eingetragen. Der Gerichtsdiener brachte außerdem eine Landkarte, auf der jemand die Gesamtheit der verkauften Einzelstücke mit dicken Strichen umrandet und in ungelenken Buchstaben mit »Pan Przebendowski« und »Wierzeje« beschriftet hatte. Um ihren Hals zu retten, behaupteten die Befragten, von den Aufkäufern bei einem Gelage betrunken gemacht worden zu sein und deshalb nichts mehr vom Verkauf zu wissen. Und wenn sie tatsächlich Geld erhalten hätten, wäre es so wenig gewesen, dass sie es im Nachhinein am Gewicht ihrer Börse nicht wahrnehmen konnten. Der Richter, ein vermögender Grundherr, den das Gejammer dieser armseligen Schlachtschitze sichtlich anwiderte, ermahnte sie daraufhin, sich nicht mehr so zu besaufen und zukünftig die Grenzen des neuen Gutes zu beachten. Als wenig später an zwei Wohnhäusern und am Gemeindehaus Feuer gelegt wurde, bat Flemming seinen polnischen Schwager, den Großschatzmeister Przebendowski, um Hilfe. Der ließ sich nicht lange bitten, schließlich handelte es sich um fehlenden Respekt vor hochherrschaftlichem Besitz. Die Hauptübeltäter, die sich im Wirtshaus sogar damit brüsteten, den Ketzern den Roten Hahn aufs Dach gesetzt zu haben, setzte man fest. Das Strafmaß sollte abschrecken und war entsprechend hoch. Der Anführer wurde zu mehrjähriger Kerkerhaft verurteilt, die anderen zu Zahlungen an die königliche Schatulle. Danach zog Ruhe ein. Nur ab und an wurde etwas von den Feldern gestohlen. Kleinigkeiten, derentwegen sich niemand aufregte.

Trotz dieser Widrigkeiten hatte sich das Vieh prächtig vermehrt. Um die zwanzig Schweine, eine Milchkuh, ein junger Ochse und etliches an Schafen und Ziegen konnten gegen gutes Geld verkauft werden. Nur mit dem Geflügel wollte es nicht gelingen, Fuchs und Marder bissen alles Flatternde tot. Einzig die Tauben überlebten, denn deren Häuser standen auf hohen mit Bleiblechen umschlagenen Stämmen, an denen jeder pelzige Kletterer abrutschte. So mancher fette Jungvogel landete im Kochtopf.

Im dritten Erntejahr beschäftigten die Sachsen erstmals polnische Tagelöhner. Ihren Glaubensgrundsätzen verpflichtet, verpflegten und bezahlten sie die Leute bedeutend besser als auf polnischen Gütern. Im Gegenzug wurde sauber und schnell gearbeitet und kaum etwas gestohlen.

Steinmetz und Schmied

Im Gefolge einer nach Reval ziehenden sächsischen Kompanie kamen kurz nach Erntedank zwei weitere Familien samt sieben Kindern ins Dorf. Beide Familien stammten aus Adorf, einer kleinen Stadt im sächsischen Vogtland. Einer der Männer war Steinmetz, der andere Schmied. Unter ihrer Anleitung sollten massive Speicher gebaut werden, die sich nicht mit einem Talglicht oder Kienspan in Brand setzen ließen.

Obwohl der junge Steinmetzgeselle Wolfgang Neumann, drittgeborener Sohn des Steinmetzen Walter Neumann, sein Handwerk bestens beherrschte und in seiner Heimat allseits gelobt wurde, behandelte ihn sein Vater oft schlechter als die anderen Gesellen und zahlte ihm nur einen geringen Lohn. Im Frühsommer des Jahres 1700 beauftragte er ihn, an einem Oelsnitzer Gasthof mehrere stark verwitterte Giebelsteine durch neue zu ersetzen. Während der Arbeit bemerkte Wolfgang, dass ein vornehmer Herr längere Zeit sein Tun beobachtete. Als er zum Feierabend in die Wirtsstube kam, sprach ihn der feine Herr an, fragte nach seiner Ausbildung, der Herkunft und Familienstand und ob er eine gut bezahlte Stelle nahe Warschau annehmen wolle. Die Kosten für den Umzug, den neuen Hausstand und die Werkstatteinrichtung trage der Dienstherr. Und ein stattliches Handgeld gebe es obendrein. In einer Woche sei er wieder hier, bis dahin solle er sich die Sache überlegen. Ein Schmied, der mit ihm gemeinsam die Reise nach Polen antreten würde, habe sich bereits gefunden.

Bei der Ankunft der beiden Familien im Dorf stellte sich zwar heraus, dass die neue Steinmetzwerkstatt und auch die Schmiede sowie beide Wohnhäuser erst noch gebaut werden mussten und Warschau viel weiter weg lag als geschildert, doch die überaus freundliche Aufnahme in die dörfliche Gemeinschaft machte diese Misslichkeit erträglich, zumal das zur Errichtung der Gebäude erforderliche Geld tatsächlich in der nahen Stadt Piotrków Trybunalski bereitlag. Und letztlich war es sogar von Vorteil, Haus und Werkstatt nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen errichten zu können. Ein Zurück nach Adorf kam für den jungen Steinmetz sowieso nicht infrage. Hier stand er endlich nicht mehr unter der Fuchtel seines Vaters, hier galten allein sein Wort und seine Arbeit. Das Allerwichtigste war jedoch, hier redete niemand von seiner Frau Isolde als einer Hergelaufenen, die wer weiß was am Stecken hätte, denn ganz grundlos wäre ihre Mutter wohl nicht hingerichtet worden. Dass die Frau des Steinmetzen Hebamme war, erfuhren die Dörfler erst, als sich beim fünften Kind einer Meißner Bäuerin die Nachgeburt nicht löste.

Die junge Hebamme stammte aus dem katholischen Bistum Bamberg. Kurz nach ihrer Firmung wurde ihr Vater bei einer Treibjagd erschossen. Ihre Mutter, ebenfalls Hebamme und Heilerin, wurde zwei Jahre später von eifersüchtigen Weibern der Hexerei bezichtigt. Die der peinlichen Befragung dienenden Verhöre hatte sie nicht überlebt. Für das Gericht die Bestätigung, dass sie tatsächlich mit Satan im Bunde stand. Als Hexenkind schor man der kleinen Isolde die Haare und brachte sie zu einem Bauern, der sie an die Kette legte und zu den Schweinen sperrte. Zwei Jahre ernährte sie sich aus den Trögen der Tiere, dann gelang ihr die Flucht. Trotz ihrer Jugend war ihr bewusst, dass sie unbedingt protestantisches Gebiet erreichen musste, um nicht an die katholischen Häscher verraten und erneut eingesperrt zu werden. Voller Angst verbrachte sie weitere zwei Jahre in den Wäldern, bis sie nahe Adorf aufgegriffen und ins Pfarrhaus gebracht wurde. Unter der Obhut des Pfarrers konvertierte sie zum Protestantismus und wurde konfirmiert. Hier lernte sie auch Wolfgang kennen. Dessen Vater hatte der Ehe seines Sohnes mit dem Ziehtöchterchen des Herrn Pfarrers nur zugestimmt, um nicht die guten Aufträge der Pfarreien zu verlieren. Eigentlich wollte Isolde nach all dem früher Erlebten nie wieder einen Fuß auf Jesuitenland setzen. Doch das großzügige Handgeld sowie die Aussicht auf eine eigene Werkstatt ihres Mannes waren zu verlockend.

Die Ankunft des Schmiedes entlastete die Bauern erheblich. Bisher mussten sie zum Beschlagen der Pferde oder wegen der Reparatur eines Pfluges oder anderer Geräte eine polnische Schmiede am Stadtrand von Piotrków Trybunalski aufsuchen. Um den verhassten Evangelischen zu schaden, zögerte der dortige Schmied dringende Reparaturarbeiten oft absichtlich hinaus und verlangte zudem noch überhöhten Lohn.

Anfang Dezember, der Frost war schon tief in den Boden gedrungen, begannen die Bauern mit dem Fällen und Entästen der zum Bau der Speicher benötigten Bäume. Kurz vor Weihnachten, als endlich stärkeres Eis die schwarzen Moorgewässer überzog, konnten sie die ersten Stämme aus dem sumpfigen Gelände bergen. Nachdem die Sachsen einen besonders schweren Eichenstamm mit zwei Pferden im Vorspann und ohne einzubrechen auf sicheren Boden gezogen hatten, wagten sich auch die Tagelöhner aufs Eis, ohne deren Hilfe die Arbeit in der von der Jahreszeit vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen gewesen wäre. Spätestens Anfang Februar musste man fertig sein, denn ab Lichtmess nahm die höher stehende Sonne dem Eis die Festigkeit, und das Moor gewann seine Heimtücke zurück. Einen versinkenden Menschen könnte man vielleicht noch retten, doch die kostbaren Pferde wären verloren. Nun mussten die rohen Stämme noch zu ordentlichen Balken geschlagen werden. Obwohl sich die Bauern nach Kräften mühten, wollte keinem von ihnen die Arbeit mit dem Beil so recht von der Hand gehen. Sie waren eben Bauern, und so wurde beschlossen, drei Zimmerleute aus der nahen Stadt mit dem Zuschlagen der Balken zu beauftragen. Außerdem hatte inzwischen die Schneeschmelze eingesetzt, das hieß, die Feldarbeit hatte Vorrang. Mit der Frühjahrsbestellung ging es zügig voran. Es war eine Freude, die Felder mit den vom Schmied reparierten und frisch geschärften Pflügen zu bearbeiten. Und es war eine noch größere Freude, die Saaten und die Tartuffli in den feinkrümeligen, sonnenwarmen Boden einzubringen. Auch in diesem Frühjahr vergrößerten die Bauern die fruchtbare Anbaufläche durch weitere Entwässerungsgräben. Bereits Ende Mai war das erste Stück trocken genug, um Hammelmöhren und Bohnen auszusäen. Nur wenige Tage später durchbrachen die kräftigen Keime der Bohnen den dunklen Boden und zeichneten mit ihrem leuchtenden Grün den Verlauf der Reihen.

Noch vor der Heumahd begannen die Sachsen mit dem Bau des ersten Speichers. Unter Anleitung der städtischen Zimmerleute wurden die Deckenbalken gelegt und die Sparren aufgesetzt, die mit gebrannten Dachsteinen belegt wurden. Zufriedenheit erfüllte die Dörfler, auf solchen Steinen und dem eichenen Gebälk würde der Rote Hahn nur schwer aufsitzen können. Nun musste nur noch das schwere Tor in die Angeln gehoben werden. Dazu war es allerhöchste Zeit, denn der Weizen leuchtete inzwischen goldgelb und musste gemäht und eingebracht werden.

Nach der Getreideernte sollte mit dem Hausbau für den Schmied Ewald und den Steinmetz Wolfgang begonnen werden, wohnten doch beide Familien seit ihrer Ankunft recht beengt im Gemeindehaus. Die Bauern wollten schnell zu bauende Holzhäuser errichten wie die ihrigen, womit der Schmied jedoch nicht einverstanden war. Allein der Funkenflug, den ein kräftiges Schmiedefeuer verursache, könne ein hölzernes Haus in Brand setzen. Und es nütze auch wenig, wenn Schmiede und Wohnhaus durch eine Steinwand getrennt wären.

Der Steinmetz bestand ebenfalls auf einer gemauerten Bleibe. Schon seines Berufes wegen würde er sich mit einem Holzhaus der Lächerlichkeit preisgeben. Und er wollte seine Familie nicht der ständigen Angst vor Brandstiftung aussetzen, schließlich wurden deswegen auch die massiven Speicher gebaut. Wichtige Gründe, denen sich die Bauern nicht verschließen konnten, zumal der Schmied ihnen noch weitere aufzählte. So standen die Häuser derart dicht aneinander, dass ein gut gelegter Brand alles erfassen und vernichten würde. Außerdem ärgerte es Ewald, dass kaum einer der Bauern seinem Rat nachkam, innerhalb eines jeden Hauses einen großen Bottich Wasser vorzuhalten. Woher, in Gottes Namen, wollten sie Löschwasser nehmen, wenn ein Brandstifter das Brunnenseil kappte? Ehe sie vom See Wasser herbeitrügen, wäre alles niedergebrannt. Deswegen schlug der Schmied vor, nach und nach alle Holzhäuser durch steinerne zu ersetzen.

Dieser Vorschlag traf auf offene Ohren, ging es doch in den kleinen Holzhäusern inzwischen recht beengt zu. Die Kinder waren nicht nur größer, sondern ihrer auch mehr geworden. Und wie in der sächsischen Heimat, würde es in den neuen Häusern eine gemauerte Wand zwischen Stube und Stallungen geben. Und einen richtigen Keller anstatt der kleinen muffigen Grube unter dem Küchenfußboden, an deren Grund sich ständig Wasser sammelte. Würden die neuen Häuser außerdem nicht so dicht am See und mit mehr Abstand zueinander gebaut, wäre auch Platz für Gärten, in denen Kräuter, feines Gemüse und wohlschmeckende Beeren geerntet werden könnten. Mit der Aussicht auf einen großen Hausgarten gewann Ewald die Frauen. Auch wenn diese nur wenig zu bestimmen hatten, um des häuslichen Friedens willen billigten die Familienoberhäupter letztlich des Schmiedes Vorschläge.

So kam es, dass die neuen Häuser nicht nur weiter ab von den Riedwiesen, sondern mit beträchtlichem Abstand voneinander gebaut wurden. Die zum Bau benötigten Steine und Ziegel ließen sich die Bauern durch Frondienste, aber auch von Tagelöhnern herbeischaffen. In den vergangenen zwei Jahren hatten die Familien mit dem Verkauf von Vieh, Feldfrüchten und Weizen gut verdient und ordentlich Geld zurücklegt, das nun zum Hausbau genutzt werden konnte. Dabei hatte jeder einzelne den Ehrgeiz, auch weiterhin so viel zu erwirtschaften, dass das sicher verwahrte Umsiedlungsgeld nicht hervorgeholt werden musste. Es entbrannte ein regelrechter Wettstreit, wer als Erster die für die Fundamente benötigten Feldsteine beisammen hatte.

Mitte November bezog der Schmied sein neues, direkt an die Schmiede grenzendes Wohnhaus. In sicherem Abstand waren noch ein Wagenschuppen, eine Scheune und ein Stall errichtet worden. Genug Platz für zwei Kühe, fünf Schweine und etwas Geflügel. Mehr Getier brauchte der Schmied nicht, um nicht darben zu müssen. Das notwendige Futter und den Familienbedarf an Weizen und Kartoffeln lieferten die Bauern als Gegenleistung für Schmiedearbeiten. Den ganzen Winter über tönte das helle Klingen der Schmiedehämmer, denn außer Steinen und Balken wurden für die neuen Gebäude auch unzählige Kleinteile wie Nägel, Verbindungseisen und Türbänder benötigt. Ewald hatte zwei junge Tagelöhner als Zuschläger angelernt. Die beiden Polen saßen zu den Mahlzeiten mit an seinem Tisch und übernachteten in einem extra hergerichteten Verschlag im Stall. Es wäre viel zu gefährlich, die Halbwüchsigen in der Dunkelheit durch die Wälder laufen zu lassen, zumal sie zu Hause kein so reich gedeckter Tisch und keine frische Strohschütte erwartete. Der weite Weg würde außerdem Kraft kosten, die ihnen dann bei der Arbeit fehlte. Um das Ziehen des Blasebalges stritten sich die Dorfkinder nicht nur wegen des mit Fett bestrichenen Brotrandes, den sie dafür erhielten, sondern hauptsächlich wegen der magischen Anziehungskraft des Funken sprühenden Schmiedefeuers. In seiner Nähe ließen sich gruselige Geschichten, die jedes der Kinder gehört oder sogar erlebt zu haben vorgab, besonders glaubwürdig vermitteln. Einige der größeren Jungen gingen viel lieber in die Schmiede helfen als zum Unterricht. Sie hofften, sich dadurch soweit anzudienen, dass sie der Schmied als Lehrling annahm, sah doch das Pingpong der Hämmer auf dem glühenden Eisen so spielend leicht aus, und außerdem war ein Schmied ein geachteter und ob seiner Kraft auch gefürchteter Mann.

Keiner der Umsiedler hatte beim Verlassen der alten Heimat geglaubt, so schnell einen so reich gefüllten Speicher sein eigen nennen zu können. Sie hatten hart gearbeitet. Nichts war ihnen in den Schoß gefallen. Dennoch empfanden sie den erreichten Wohlstand als eine Gnade Gottes und weltlichen Lohn für ihr gottesfürchtiges Leben. Bisher war keiner von ihnen ernsthaft erkrankt, verunglückt oder gar gestorben. Das Vieh gedieh und vermehrte sich. Auf den Feldern reifte eine solche Fülle, dass die Vorratskammern und Keller nach der Ernte beinah überquollen. Allem voran die Erdäpfel, die die Umsiedler im ersten Winter vor dem Hunger bewahrt hatten und die selbst auf kargem Sandboden, auf dem Weizen nur kümmerte, zufriedenstellend gediehen. Bei den Erdäpfeln musste man nicht fürchten, dass kurz vor der Reife ein Blitz oder ein böser Nachbar das Feld in Brand setzte und alles vernichtete. Das Wichtigste war jedoch, es kam kaum noch zu Übergriffen seitens des polnischen Landadels. Man hatte sich aneinander gewöhnt und begegnete sich mit viel weniger Misstrauen. Nur der im Herbst 1699 eingetroffene Kantor kam in der Fremde nicht zurecht. Kurz nach Ostern des Folgejahres war er plötzlich verschwunden.

Das schwedische Heer

Im Sommer des Jahres 1702 marschierte das schwedische Heer unter seinem jungen König Karl XII. auf dem Weg nach Dresden, nur wenige Meilen entfernt am Dorf der sächsischen Lutheraner vorbei. Der See, das ihn umgebende Moor und die nach einem verregneten Frühsommer großflächig überfluteten Flussniederungen waren für Reiterei und Infanterie unpassierbar. Die feindlichen Truppen blieben auf den großen Straßen, um sich nicht unnötig den Attacken versprengter Reste der geschlagenen sächsischen, russischen und österreichischen Truppen auszusetzen, die sich im Unterholz der Wälder verbargen. Doch selbst diese wagten sich nur in der allergrößten Not in das unwegsame, höchst gefährliche Gelände. Trotzdem hatte man gleich zu Beginn des Krieges die kostbare Hauspostille, zusammen mit dem wertvollen Altarkreuz und den silbernen Leuchtern, in einer mit Zinnblech ausgeschlagenen Kiste verstaut und unter dem Fußboden des Gemeindehauses vergraben. Eine dicke Schicht aus Laub und Kehricht verdeckte alle frischen Spuren. Die kleine Gemeinde war sich sicher, unter solchem Dreck würde niemand einen Schatz vermuten. Das hohe Ried, das zwischen Wald und Moorwiesen wucherte und dessen festes Wurzelgeflecht der Urbarmachung erbitterten Widerstand leistete und das die Bauern sonst verfluchten, erwies sich in dieser unruhigen Zeit von großem Nutzen. Sein hoher, schilfartiger Wuchs versperrte den vorbeiziehenden Truppen die Sicht auf die erntereifen Felder.

Zum Schutz des Dorfes traf man noch weitere Vorkehrungen. Bei Windstille wurde weder gekocht noch Brot gebacken, denn die aus Herden und Backöfen aufsteigenden Rauchsäulen wären weithin sichtbar. Außerdem wurden, bis auf zwei Brutpaare je Schlag, die Tauben geschlachtet. Das war notwendig, denn die Eigenart der schmackhaften Vögel, bei ihrer Heimkehr mehrmals über ihrem Zuhause zu kreisen, würde die kleine Siedlung ebenfalls verraten. Wenn sonst fünf oder sechs Jungtauben für ein Sonntagsessen geschlachtet wurden, hielt man jedes geköpfte Tier so lange fest, bis der Flügelschlag erlahmte und der Blutfluss versiegte. Als nächstes wurde die noch warme Taube gerupft und ausgenommen. War das getan, holte der Bauer die nächste Taube aus dem Schlag. Diesmal geschah das Schlachten in größter Eile. Anstatt die Taube nach dem Abreißen des Kopfes wie gewohnt festzuhalten, wurde sie sofort in einen Sack gesteckt, wo sie ausflattern und ausbluten konnte. Wer dabei zögerlich hantierte und den kopflos schlenkernden Hals nicht sofort zu packen bekam, wurde über und über mit Blut bespritzt. Kein Schlächter, den es nicht erwischte.

Sich über Wochen dermaßen unauffällig und geräuschlos zu verhalten war nicht leicht, lebten im Dorf doch inzwischen achtundfünfzig Seelen. Ein einziges lautes Geräusch, selbst das Schreien eines Kindes konnten Tod und Verderben bringen. Dabei fürchtete man sich weniger vor großen Heeren und den sie begleitenden Trossen. Viel gefährlicher waren herumziehende Gruppen aus versprengten Soldaten und solchen, denen der Krieg alles genommen hatte.

Fast fünf Jahre zogen sich die kriegerischen Auseinandersetzungen hin, beherrschten Angst und Entbehrungen das Leben der sächsischen, aber noch mehr der polnischen Bauern. Deren nahe der großen Straßen liegenden gelb leuchtenden Getreidefelder wurden bereits im ersten Kriegssommer konfisziert oder vernichtet, sodass ihnen nicht einmal Saatgut blieb. Anders die mit Tartuffli bestellten Felder der Sachsen. Diesen unbekannten, gerade mal kniehohen Pflanzen schenkte niemand Beachtung. Und entdeckte doch mal ein Russe oder Schwede die an den Wurzeln hängenden Früchte, putzte sie ein wenig ab und biss hinein, weil der Hunger gar zu sehr schmerzte, wurde der nach nichts schmeckende Bissen schnell wieder ausgespuckt. Zu groß war die Angst, etwas Giftiges zu essen. So wuchsen auf den Feldern genügend Erdäpfel heran, um auch den Hunger der Fronbauern und Tagelöhner zu lindern. In dieser Notzeit rückten Sachsen und Polen wieder eng zusammen – wie im Hungerwinter 1698/99.

Im Sommer 1706 siegten die Schweden. Der sächsische Kurfürst und polnische König Augustus II. wurde im Frieden von Altranstädt entthront.

Inzwischen machten die sächsischen Siedler mit der im Land herrschenden Not gute Geschäfte, ließ sich doch auf dem städtischen Markt jedes noch so verkrüppelte Stück Wurzelwerk und Obst gut verkaufen. Und man hätte noch mehr verdienen können, würden die Leute Tartuffli essen. Doch die Scheu vor der unbekannten Frucht war größer als der Hunger. Der Grund: Immer wieder hatten Arbeit suchende Tagelöhner und ausgehungerte Städter die kleinen grünen Früchte gegessen, die sich aus den Blütenständen bildeten. Die furchtbaren Bauchschmerzen, die sie danach erlitten, deuteten diese einfachen Menschen als Fluch der sächsischen Ketzer, von dem sie nur Buße und Beichte erlöste. Dieser Irrglaube führte dazu, dass die ganzen Pflanze verteufelt wurde, auch die gelblichen, im Dunkel der Erde gewachsenen Früchte. Nur einige reiche Juden kauften die von ihnen als Erdäpfel bezeichneten schmutzbehafteten Rundlinge. Spanische und französische Kaufleute hatten schon vor Jahren von den aus der neuen Welt stammenden Gewächsen sowie deren Essbarkeit berichtet.

Wenn Töchter unter die Haube müssen

Obwohl das Kriegsgeschehen im Norden Polens erneut aufflammte, hatte man im Dorf eine neue, nicht weniger bedeutende Sorge: Es gab unter den inzwischen heiratsfähigen Jugendlichen kaum Auswahl. Die jungen Leute passten manchmal so wenig zusammen, dass die Eltern Einsicht zeigten und nicht auf dem gebotenen Gehorsam bestanden. Abhilfe sollte ein sächsischer Brautwerber schaffen. Man hätte zwar unter den im weiteren Umkreis eingetroffenen Neusiedlern nach Heiratskandidaten Ausschau halten können, doch einen mittellosen Schwiegersohn wollte sich niemand auf den Hof holen. Sie selbst hatten es anfangs auch nicht leicht, doch wegen der Tartuffli wurde ihnen von höchster Stelle Schutz und Unterstützung gewährt, was ihren Wohlstand trefflich mehrte. Wenigstens ein kleines, möglichst sicheres Einkommen sollte ein Bräutigam schon vorweisen können.

Der Mitte 1702 eingetroffene, recht ansehnliche Kantor stand leider nur wenige Monate auf der Kandidatenliste. Er vergiftete sich an einer Pilzmahlzeit, die er selbst zubereitet hatte.

Um den 1703 vom Gemeinderat eingestellten Lehrer Bad­stüber, der aus dem sächsischen Grimma stammte, stritten sich gleich drei Bauern. Kein Wunder, jeder wollte diesen Schwiegersohn, der zwar über kein üppiges, dafür aber ein sicheres Einkommen verfügte. Der Streit spitzte sich zu, als zwei der angehenden Bräute behaupteten, vom Herrn Lehrer zur Unzucht verführt worden zu sein und ihnen nun ein Kind unter dem Herzen wachse. Der Lehrer bestritt jegliches Zutun an den gerundeten Bäuchen und heiratete die Dritte. Allein die Ehe währte nicht lange. Nach wenigen glücklichen Monaten starb die Frau nach einem Schlangenbiss. Seine zweite Ehe mit der etliche Jahre jüngeren Auguste, geborene Glaser aus Piotrków Trybunalski, blieb kinderlos. Schwermütig geworden, starb Badstüber im achten Ehejahr. Ihrem zweiten Ehemann gebar Auguste zehn Monate nach der Hochzeit einen gesunden Knaben und später noch zwei Mädchen. Damit war bewiesen, dass der Herr Lehrer zwar krähen und vielleicht auch kräftig treten konnte, letztlich aber nicht mehr vermochte als ein Kapaun. Da jedoch die kostbare Hauspostille, in deren Anhang man Eheschließungen, Taufen und Sterbefälle eintrug, wegen der Fortdauer des Krieges immer noch unter dem Fußboden des Gemeindehauses versteckt lag, trug man diese Vorkommnisse nicht ein. Somit ist nicht überliefert, was mit den beiden unzüchtigen oder gar geschändeten Frauen geschah, zumal ihre Namen in keinem Register wieder erwähnt wurden. Und nach Kriegsende lag es in niemandes Interesse, diese fast vergessenen Ereignisse wieder an die große Glocke zu hängen. Die kleine Gemeinde hatte in den ersten schweren Jahren, gerade in dieser Hinsicht, zu schweigen und zu verdrängen gelernt. Nicht immer war schnell genug Hilfe zur Stelle, um Töchter und Ehefrauen vor der schlimmsten »Sünde« zu bewahren. Man bewertete es als göttliche Vergebung, wenn keine Leibesfrucht heranwuchs. Andernfalls entschied das Familienoberhaupt über ein Verstoßen aus Familie und Gemeinschaft. Das geschah jedoch nie.

Martha und Franz

Im Jahre 1706 fand auf dem Schlüterhof die erste Trauung statt. Martha, Utas älteste Tochter, wurde dem Steinmetzsohn Franz zur Frau gegeben. Kurz nach der Hochzeit zog das junge Paar nach Piotrków Trybunalski. Trotz der immer noch unruhigen Zeiten wurde in der Stadt viel gebaut, und es mangelte an Baumeistern und Steinmetzen. Auftraggeber waren hauptsächlich reiche Juden, die nach fast hundertjähriger Vertreibung nach Polen zurückkehren durften. Als sichtbares Zeichen ihres Wohlstandes ließen sie sich größere und prächtiger ausgestattete Häuser errichten als die des einheimischen Adels. Seine Zweisprachigkeit brachte Franz so viele Aufträge, dass er ohne die Unterstützung seines Vaters Wolfgang, der die Gesellen beaufsichtigte, die viele Arbeit nicht geschafft hätte. Durch das Studium deutscher Werkmeisterbücher vervollkommnete er seine Bauweise dermaßen, dass preußische Werber auf ihn aufmerksam wurden. Das in Aussicht gestellte Einkommen war so verlockend, dass er samt Frau und Kindern nach Berlin zog. Hier erhielt er eine Stelle an der Baukunst-Akademie, wodurch er die Möglichkeit bekam, sich ausgiebig der Bildhauerei zu widmen. Seine neuen Fertigkeiten bewies er bei der Ausgestaltung des von Schinkel entworfenen und unter dessen Leitung gebauten Landhauses des General-Postdirektors Kameke. Ansonsten war das Jahr 1706 kein gutes Jahr für die im Königreich Polen lebenden Protestanten.

Nachdem König August II. nach Dresden geflohen war, setzten die siegreichen Schweden 1706 den Polen Stanislaus I. Leszczynski auf den Warschauer Königsthron. Der Diktatfrieden von Altranstädt und die Unterwerfung Sachsens durch die Schweden entband den polnischen Adel von vielen unter dem sächsischen Herrscher geschlossenen Verträgen. Wie es vor einigen Jahrzehnten den Juden geschah, so beraubten und erschlugen die von den Jesuiten aufgehetzten Polen nun vielerorts die verhassten Protestanten.

Aufgrund des Katastereintrages beanspruchte die Magnatenfamilie Przebendowski die von Flemming gegründete Domäne als ihr Eigentum, schließlich gehörte Jacob Heinrich Flemming zur Familie. Dadurch wurden sämtliche Kaufverträge und auch alle anderen Regelungen unanfechtbar. Das schützte die Lutheraner vor Verfolgung und Gewalt an Leib und Leben und auch deren Eigentum vor dem Zugriff der ehemaligen Besitzer. Diese hätten sich allzu gern der ertragreichen Höfe bemächtigt, um sie an katholische Kolonisten zu verpachten, die in den fruchtbaren Gebieten um Kielce, Radom und Warszawa angesiedelt wurden. Die meisten dieser katholischen Kolonisten stammten von der schwäbischen Alp und waren bäuerlicher Herkunft. Sie verließen ihre Heimat, um dem Hungertod zu entkommen. Schuld an dieser Misere waren nicht allein die kalten Sommer und die kargen Böden, sondern vor allem das im Württembergischen geltende Erbrecht. Demnach wurde beim Tod des Familienoberhauptes der Hof zu gleichen Teilen an sämtliche Söhne vererbt. Die dadurch von Generation zu Generation kleiner werdenden Besitztümer konnten die Familien nicht mehr ernähren. Missernten verschlechterten die Lage zusätzlich. Auf den städtischen Märkten schrumpfte das Angebot. Die Menschen hungerten, und viele starben. So war es nicht verwunderlich, dass die Versprechen der von polnischen Großgrundbesitzern beauftragten Werber als Geschenk des Himmels angesehen wurden. Allein die Aussicht, so viel Ackerland pachten zu können, wie sie zu bestellen vermochten, war Grund genug, der Heimat den Rücken zu kehren. Dazu noch die ersten fünf Jahre abgabenfrei. Sie müssten nur fleißig sein, dann würde es ihnen in der Fremde an nichts mangeln.

Der Krieg, aber auch die Pest, die 1707 fast gleichzeitig in Warszawa und Kraków ausbrachen und sich schnell verbreiteten, hatten große Teile des polnischen Königreiches regelrecht entvölkert. Ganze Landstriche lagen brach. Doch nicht nur die Bauern fehlten, auch die Zugtiere. Zudem hatte ein eisiger Winter die wenigen Herbstsaaten erfrieren lassen. Am schlimmsten hungerten die Städter. Dazu kam, dass Preußen aus Angst vor dem »Schwarzen Tod« die Grenze zu Polen geschlossen hatte und das sonst aus dem Königreich Preußen eingeführte Brotgetreide ausblieb. Aus Polen kommende Briefe wurden von den Preußen sogar ungeöffnet verbrannt, damit durch sie keine mit der Pest infizierten Flöhe ins Land gelangen konnten. Trotzdem riss der Zustrom von Siedlern aus den kleinen deutschen Fürstentümern nicht ab. Um nicht an der preußischen Grenze aufgegriffen und festgesetzt zu werden, nahmen sie den Umweg über Sachsen und Böhmen. In Kraków angekommen, erkrankten und starben viele der Ankömmlinge. Die Überlebenden und die zur gleichen Zeit nach Norden ziehenden schwedischen Soldaten brachten die Pest nach Pommern und bis hinauf in das Königreich Preußen. Dort raffte die Seuche fast die gesamte Bevölkerung hinweg. Es gab Dörfer, in denen kein einziger Mensch überlebte.

Ein Blick nach Russland

Lange Zeit hatte es genügt, in den Sommermonaten ein paar Schiffe nach Archangelsk zu schicken. Das einzig lohnende Geschäft war der Aufkauf von Pelzen, und diese Ware erforderte keine Eile.

Seit dem Machtantritt von Zar Peter I. öffnete sich das Land. Mit großem Nachdruck betrieb der Zar den wirtschaftlichen Aufschwung seines rückständigen Herrschaftsgebietes. Dafür brauchte man nicht nur stetig nutzbare Handelswege, sondern ebenso sichere Zwischenlager und Geschäftsräume. Wie ernst es Peter I. mit dem Fortschritt seines Reiches war, verdeutlichten seine Kriege um einen ganzjährig offenen Hafen und den Zugang zu den Weltmeeren. Am Asowschen Meer unterlag er den Türken. Daraufhin konzentrierte er sich auf den nördlichen Seeweg. Gleich zu Beginn des Nordischen Krieges gelang es ihm, den Schweden das Gebiet vom Ladogasee bis zur Newamündung abzuringen. Zur Sicherung dieser hart erkämpften Position ließ er 1703 in den Sümpfen der Newabucht eine Festung errichten, von der aus der gegenüberliegende Hafen samt Werft verteidigt werden konnte. Tausende von Leibeigenen mussten dabei unter unsäglichen Bedingungen schuften. Ein wichtiges Anliegen des Zaren waren Ausbau und Sicherung des Seeweges ins westliche Europa. Die um die Hafenanlagen herum entstehende Stadt wurde von Anfang an geplant und nach dem himmlischen Torwächter »Sankt Peter« benannt. Den Baumeistern und Handwerkern folgten die Geldverleiher und die Händler. Große Handelsunternehmen und Bankhäuser schickten ihre Abkömmlinge. Diese sollten die alten Ost-Handelsrouten wiederbeleben sowie Niederlassungen gründen, denn das große Reich war nicht in der Lage, den riesigen Bedarf an Waren zu decken. Zudem entbrannte ein mit härtesten Mitteln geführter Wettstreit um die besten Ausgangspositionen auf dem Weg in die Weiten Russlands.

In der Folge stiegen in Warschau, der ersten Station gen Osten, die Grundstückspreise und Mieten ins Unermessliche. Weniger finanzkräftige Handelshäuser wichen auf kleinere Städte Mittelpolens aus. Das betraf auch einige protestantische Unternehmen aus dem Sächsischen.

Die nach Piotrków Trybunalski Zugewanderten waren überglücklich, als sie beim Marktgang die heimatliche Sprache vernahmen und sogar auf Lutheraner trafen, die über ein Gemeindehaus verfügten. War es erst nur der gemeinsame Gottesdienst, ergaben sich bald auch kleine Gesellschaften. Während die Jugend miteinander scherzte und tanzte, erforschten die Alten die Besitzverhältnisse. Man wollte schließlich wissen, ob sich die Annäherung lohnt. Eigentlich heirateten Kaufleute nicht in Bauernfamilien ein. Doch die Sachsen waren schließlich mehr als einfache Bauern und in dieser unruhigen Zeit konnte selbst der vorsichtigste Händler über Nacht zum Bettler werden. Dann wäre es schon von Vorteil, einen Bauern mit gefülltem Speicher in der Familie zu haben. So kam es, dass die Brautwerber bald ihres Amtes walteten.

Emma und Karl

Emma, Utas zweite Tochter, wurde mit Karl Mannich, dem ältesten Sohn eines Chemnitzer Tuchhändlers verheiratet, der hauptsächlich die Kundschaft in der Hauptstadt Warszawa belieferte. Eine für beide Seiten vorteilhafte Wahl, denn mit Emma, die sich schon als Mädchen mehr für den Verkauf auf dem Markt von Piotrków Trybunalski und Geldangelegenheiten als für die Hausarbeit interessierte, bekam das Handelshaus eine äußerst geschäftstüchtige Schwiegertochter. In diesen Zeiten des Mangels bot es sich regelrecht an, der hauptstädtischen Kundschaft nicht nur Stoffe, sondern auch Lebensmittel zu verkaufen. Reiche Städter zahlten selbst für gewöhnliches Obst und Gemüse beinahe Wucherpreise. Dazu veranlasste sie die Angst, ihren Körper durch Hunger zu schwächen und somit anfälliger für Seuchen zu werden. Mindestens einmal pro Woche lieferte der Schlüterhof eine beträchtliche Menge an Rauch- und Pökelfleisch, Eiern, Butter, ausgelassenem Fett, Trockenobst, Weizenmehl und Honig nach Warszawa. Der Bedarf war so groß, dass Emmas Mutter Uta von der Nachbarschaft zukaufte. Schon nach wenigen Fahrten brachten die Lebensmittel mehr ein als der Verkauf von Tuch. Überdies fanden gegerbte Felle, Filze und Schafwolle reißenden Absatz. Bei diesem Erfolg war es kein Wunder, dass bereits im späten Frühjahr die nächste Ehe vereinbart wurde: Ein Vetter Karls heiratete ein Meißner Mädchen.

Tuchhändler Karl und sein Vetter erhandelten bereits im ersten Winter einen solchen Gewinn, dass Uta und auch die Meißner Familie Domänenland zukaufen konnten. Außerdem kaufte Uta noch einen Hektar polnischen Landes und zwei Hektar eines in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Gemeindemitgliedes. Diese Landkäufe führten zu erheblichen Unstimmigkeiten innerhalb der Gemeinde. Hauptstreitpunkt war die vor Jahren beschlossene Gemeindeabgabe, eine Art Zehnten, der zur Finanzierung gemeinschaftlicher Bauvorhaben und zur Bezahlung des Lehrers diente. Bisher herrschte Abgabengleichheit, besaß doch kein Hof mehr als die anfangs übereignete Fläche. Damals hatte man außerdem vereinbart, Einnahmen aus dem Verkauf von Lebensmitteln und Heimwerk, wie gesponnene Wolle, nicht auf den Zehnten anzurechnen. Es sollte jeder selbst entscheiden können, ob er genügsam lebt und viel verkauft oder die eigene Tafel krachen lässt.

Nach anfänglichem Protest fügten sich der Schlüterhof und der Meißner Hof dem Verlangen der Mehrheit nach Neuberechnung. Jedoch unter der Bedingung, dass das Stimmrecht der Höhe des erbrachten Zehnten entspricht.

Als Utas Mann Martin 1716 an Wundfieber starb, bestach sie zwei der drei Dorfältesten, damit ihr Antrag, bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Johann den Hof ohne männliche Vormundschaft führen zu dürfen, bewilligt wurde. Dadurch verhinderte sie, dass Fremde Einsicht in ihre Geschäfte erhielten, sich am schwer erwirtschafteten Vermögen vergriffen oder sogar über die Zukunft ihrer beiden noch unmündigen Kinder bestimmten.

Hoferbe Johann Schlüter

Johann, ihren 1700 geborenen einzigen Sohn, schickte Uta 1718 zur Ausbildung auf ein Gut in die Mark Brandenburg. Ein Viehhändler hatte ihr von neuen Methoden und einer strengen Zucht und Ordnung berichtet, die der spätere preußische König Friedrich Wilhelm I. bereits als Thronfolger auf seinem Gut Wusterhausen exerzierte. Sie war fest überzeugt, dass Johann unter solchen Bedingungen mehr lernt als im lebensfrohen Sachsen. Ebenso berechtigt schien ihr auch die Hoffnung, dass Johanns Glaube im Preußischen eher gefestigt als angefochten wird. Zudem ging es den Menschen in Preußen besser, denn ihr König hatte sich nicht am Krieg gegen die Schweden beteiligt.

Fünf Jahre später kam Johann, samt Frau und zwei Kindern, zurück auf den elterlichen Hof. Er hatte sich mit Sofie, einer Tochter des Stallmeisters vom Wusterhausener Gut, vermählt. Zur allgemeinen Verwunderung akzeptierte Uta den Eigensinn ihres Sohnes. Mehr noch, sie unterwies ihre Schwiegertochter nicht nur in der Führung des großen Anwesens, sie gab ihr auch eine des Lesens und Schreibens kundige Polin zur Seite, damit sie sich die fremde Sprache schnellstens aneignet. Der Grund für dieses Handeln: Die letzten Jahre hatten sie viel Kraft gekostet, und sie sehnte sich nach etwas Ruhe. Sie träumte davon, sich ab und zu auf die Gartenbank zu setzen, dem Gesang der Vögel zu lauschen, sich an der Blumenpracht zu erfreuen und den Enkeltöchtern beim Spielen zuzusehen. Kurzum, sich nicht mehr um jede Kleinigkeit kümmern zu müssen. Dann könnte sie sich auch ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und ihre Tochter Martha in Berlin besuchen.

Utas Reise nach Berlin

Die Zeit war günstig, der Frieden hielt schon etliche Jahre. Die Postkutschen fuhren regelmäßig, und der Postmeister versicherte, Überfälle gäbe es kaum noch. Und wenn, davor hatte Uta keine Angst. Sie hatte sich gut vorbereitet, einen Schinken und Räucherwurst eingepackt, denn auch Räuber müssen essen. Nach einem solchen Fund würde keiner von ihnen vermuten, dass in den Unterröcken der einfach gekleideten alten Bäuerin etliche Goldtaler steckten.

Die große Stadt gefiel ihr, vor allem die vielen Gotteshäuser und die Glaubensfreiheit. Die eingewanderten Hugenotten bauten Kirchen und die Juden errichteten eine neue Synagoge. Selbst den wenigen Katholiken wurde die öffentliche Ausübung ihres Glaubens gestattet. Ganz anders in Polen, da hatte man den Lutheranern erst vor kurzem verboten, sogar in der Abgeschiedenheit ihrer Höfe, Gottesdienste abzuhalten. Nur in Warszawa und Kraków gab es noch evangelische Kirchen. Hier wagte man nicht, allzu hart gegen die Evangelischen vorzugehen, zu diesen Gemeinden gehörten zu viele angesehene Bürger.

Außer der Glaubensfreiheit fand Uta jedoch nichts, was ihr wert schien, hier leben zu wollen. Die Zeit mit Müßiggang zu verbringen empfand sie als Sünde. Sie kam immer weniger damit zurecht, den ganzen Tag über nur Kutsche zu fahren, ein winziges Hündchen durch den Park zu führen oder im Salon zu sitzen. Am allermeisten irritierte sie die städtische Angewohnheit, bis weit in den Vormittag hinein im Bett zu liegen und sich sogar das Frühstück ins Schafzimmer bringen zu lassen.

Bereits am vierten Morgen frühstückte Uta kurz nach Sonnenaufgang mit den Bediensteten in der Küche. Danach ging sie spazieren, genoss die morgendliche Frische und die Ruhe. Zum Glück dauerte es gut vier Wochen, ehe Martha von Utas Morgengestaltung in Kenntnis gesetzt wurde. Es erboste sie über alle Maßen, dass sich ihre Mutter zu den Bediensteten an den Küchentisch setzte und mit ihnen frühstückte. Das Ganze endete in einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter, in der jede die bisher eingehaltene Rücksichtnahme ablegte.

Uta ärgerte es, dass sich Martha nur noch für französischen Modeschnickschnack interessierte oder stundenlang Kartenreihen aneinander legte. Die Karten waren ihr manchmal sogar wichtiger als der gemeinsame Kirchgang. Und dann waren noch diese ungeheure Verschwendung und Protzerei. Dabei hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. seinen Untertanen Einfachheit und Sparsamkeit verordnet, damit das Land das zu seiner Sicherheit erforderliche Heer ordentlich ausrüsten und vorhalten kann. Laut gespottet und geschimpft wurde nur hinter verschlossenen Türen in Gesellschaft Gleichgesinnter. In der Öffentlichkeit hielten sich die Untertanen seiner Majestät an das Sparsamkeitsgebot, denn der König ließ dessen Einhaltung überwachen. Doch wehe, seine Spione ergriffen einen oder eine dieser Modesüchtigen! Bei der Höhe des Bußgeldes ließ sich Friedrich Wilhelm nicht lumpen. Deshalb wurde der neueste französische Schick nur innerhalb privater Salons zur Schau gestellt. Unterwegs verbarg man die Pracht unter einem weiten grauen Überwurf. Dabei wurde selbst beim Ein- und Aussteigen aus der Kutsche peinlichst darauf geachtet, dass kein Zipfelchen der teuren Eleganz hervorlugte. Die Angst, in aller Öffentlichkeit des Ungehorsams gegenüber dem König überführt zu werden, rechtfertigte diese Vorsicht. Trotzdem trafen sich die Damen mehrmals wöchentlich reihum und führten vor, was man sich aus Paris hatte kommen lassen.

Einzig die Tatsache, dass Marthas Mann Franz den Bau eines Waisenhauses unterstützte, versöhnte Uta ein wenig mit dem ausschweifenden Lebensstil ihrer Tochter. Aber es ärgerte sie, dass sie von den auf Französisch geführten Gesprächen nichts verstand. Sie musste um Übersetzung bitten. Martha wiederum genierte es, dass die Mutter des Französischen nicht mächtig war. In den Augen der Berliner Gesellschaft zeuge dieser Bildungsmangel von niederer Herkunft und schmälere somit ihr eigenes Ansehen. Sie sah deshalb keinen anderen Ausweg, als der Mutter zu raten, sich in Anwesenheit Fremder abseits zu halten und niemanden anzusprechen. Uta hielt sich daran. Sobald Gäste eintrafen, zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und kam erst am nächsten Morgen wieder heraus. In ihrem ganzen Leben hatte sich Uta noch nie so erniedrigt gefühlt. Ihre eigene Tochter grenzte sie aus, nur weil sie vor lauter Arbeit kein Französisch gelernt hatte! Warum auch, im Dorf war man nicht so fein, da brauchte niemand diese Sprache, da genügte es vollauf, Deutsch und Polnisch in Wort und Schrift zu beherrschen. Und das Rechnen, um auch das Schulgeld für die Kinder bezahlen zu können.

In Wierzeje beherrschte nur ihr Schwiegersohn Karl, Emmas Mann, das Französische. Das musste er auch, andernfalls hätte man ihn überhaupt nicht in die vornehmen Häuser eintreten lassen. Dabei verschwieg Karl, dass ihm nicht das Französische, sondern sein hübsches Gesicht und die stattliche Gestalt die Türen der Damensalons öffneten. Doch noch mehr als die französische Sprache, eine gute Ware und ein angemessener Preis galt in der gehobenen Gesellschaft eine vollendete Manier. Und die beherrschte Karl Mannig. Kam Karl nach Wierzeje, war es für Kinder und Erwachsene ein riesiger Spaß, führte er die tiefen Verbeugungen und eleganten Hutschwenkungen vor, mit denen er den adeligen Damen seine Ehrerbietung bezeugte. Die dabei von ihm auf Französisch gesprochenen Schmeicheleien klangen in Utas Ohren wie wohltönender Singsang. Es belustigte sie ungemein, einige dieser Formeln zu lernen, um die von Karl begrüßte feine Dame darzustellen. Doch Karl und Emma kamen nur selten zu Besuch, bis dahin hatte sie alles längst wieder vergessen.

Sie dachte an Emma, die die Arbeiten im Kontor überwachte, wenn Karl auf Reisen war. Das fleißige Kind hatte sogar Russisch gelernt, um mit der Kontorei in Nowgorod ohne fremden Übersetzer korrespondieren zu können. Schlimm war nur, dass ihr der Herrgott von fünf Kindern nur die kleine Klara gelassen hatte. Ein zartes, überaus hübsches Mädchen, dem sie ihre ganze großmütterliche Liebe schenkte. Seit Ostern hatte sie die Kleine nicht mehr gesehen. Gleich nach ihrer Rückkehr aus Berlin wird sie Emma bitten, für das Kind einen Hauslehrer zu besorgen, der sie im Französischen unterrichtet.

Johann und Sofie

Uta dachte auch an ihre anderen drei Enkelinnen, die Töchter ihres einzigen Sohnes Johann, die diese Sprache lernen müssten, wenn sie später einem wohlhabenden Mann zur Seite stehen sollen. Wäre Johann zu geizig, würde sie den Lehrer aus ihrer Tasche bezahlen. Es ging ihr durch den Kopf, dass ihre beiden Ältesten Martha und Emma ihren Aufstieg in die bessere städtische Gesellschaft nur schaffen konnten, weil sie besser ausgebildet waren als alle anderen Töchter in der Gemeinde. Um die Ausbildung des kleinen Friedrich, dem lang ersehnten Hoferben, musste sich noch niemand Gedanken machen. Das Kind wird in den vergangenen Wochen ordentlich gewachsen sein und vielleicht sogar ein paar Schrittchen laufen können. Uta sehnte sich nach dem Jungen. Es war sowieso höchste Zeit, nach Hause zu fahren. Auf den Feldern reifte das Getreide und wartete auf die Schnitter. Während der Ernte mussten die Tagelöhner beaufsichtigt und beköstigt werden. Viel Arbeit für die jungen Hofbauern Johann und Sofie, die sich ehrlich freuten, als die Mutter zurückkam. Mit größtem Wohlbehagen atmete Uta den süßen Duft der Sommerblumen, die den Hausgarten mit ihrer Farbenpracht schmückten. Auf dem Küchentisch stand ein Topf mit dampfenden Erdäpfeln. Eben geerntet, die ersten im ganzen Dorf. Johann war ein guter Bauer, er liebte sein Land, und das sah man an den Erträgen. Auch seine Frau Sofie passte hierher, eine Bäuerin durch und durch. Das Besondere zwischen den beiden Frauen war, zwischen ihnen hatte es noch nie ein böses Wort gegeben. Zugegeben, es fiel ihr selber nicht leicht, sich aus Johanns Entscheidungen herauszuhalten, ihm nicht dazwischenzureden, wenn er das ausprobierte, was er an neuem Wissen und ihr unbekannten Methoden aus dem Preußischen mitgebracht hatte. Es gelang nicht alles, doch in der Summe wirtschaftete er mit gutem Gewinn. Allem voran die neuen Schafe, die er aus der Lüneburger Heide hatte kommen lassen. Die großen schwarzköpfigen Tiere brachten viel Fleisch und vermehrten sich prächtig, obwohl sie auf der Heide und den Magerwiesen nur wenig Futter fanden. Und sie lieferten eine besonders feine, langhaarige Wolle, die ihr Schwiegersohn Karl bis in die Webereien nach Slawa verkaufte.

Im letzten Winter, als sich Uta einen schlimmen Husten zuzog, ließ ihr Johann ein dickes schafwollenes Unterbett anfertigen. Damit ging es ihr bald besser und morgens, beim Aufstehen, schmerzten sie auch nicht mehr sämtliche Glieder. Die arbeitsreichen Jahre hatten nicht nur ihren Rücken gekrümmt, die Füße schmerzten bei jedem Schritt und die Finger sahen aus wie verknöcherte Krallen. All das hielt sie jedoch nicht davon ab, tagtäglich als Erste aufzustehen, im Herd Feuer anzuzünden, frisches Wasser aus dem Brunnen zu holen und den Tisch zu decken.

Als Uta 1740, zu Beginn ihres siebzigsten Lebensjahres starb, vererbte sie ihrem Sohn Johann ein großes Anwesen und ein beträchtliches Vermögen. Ihr sehnlichster Wunsch, die Geburt des übernächsten Hoferben noch zu erleben, erfüllte sich nicht. Friedrich, Johanns einziger Sohn, war eben erst konfirmiert worden.

Mit Uta starb die Letzte, die die schweren, aber auch erfolgreichen Anfangsjahre erlebt hatte. Bis kurz vor ihrem Tod erzählte sie den am Bett wachenden Kindern und Enkeln von den ersten Jahren in der Fremde. Ihr Gesicht leuchtete, wenn sie davon sprach, welche Zufriedenheit und Dankbarkeit die kleine Gemeinde damals erfüllten. Allabendlich, vor dem gemeinsamen Essen, wurde eine kurze Andacht gehalten und dem Herrn für seine Güte und Fürsorge gedankt. Damals brachte man die Ernte gemeinsam ein und teilte sie nach der Anzahl der Familienmitglieder auf. Niemand rechnete auf, wer wie viel gearbeitet hatte. Die Erinnerung an das Ende dieser Gemeinsamkeit regte die Sterbende furchtbar auf. Das war während des Schwedenkrieges, als die Truppen Karls XII. 1702 und 1706 nur wenige Meilen am Dorf vorbei marschierten und eine Spur der Verwüstung hinterließen. Damals fand auf dem Markt in Piotrków Trybunalski jeder noch so erbärmliche Gemüsestrunk einen Käufer.

Um noch mehr Geld einzunehmen, sparten alle Familien am eigenen Essen. Einige aber auch an den der christlichen Nächstenliebe geschuldeten Zuwendungen an Notleidende.

Utas Zuhörer staunten, als sie erfuhren, dass diese in der Gemeinde üblichen Essensgaben aus dem Hungerwinter 1699 stammten, dem ersten Winter nach ihrer Ankunft in Polen. Damals hatte man sich darauf geeinigt, dass jeder Hofbesitzer die bei ihm arbeitenden Fronbauern samt ihren Familien im Winter zumindest so beköstigt, dass niemand verhungert. Die zwei Meißner nahmen das wörtlich. Als im Verlauf der nächsten zwei, drei Jahre kaum ein Tagelöhner für die Meißner arbeiten wollte und auch die Fronbauern darum stritten, wer zu den Meißnern muss, forschten die Lommatzscher nach den Gründen. Der Geiz kam ans Licht. Die beiden Meißner gelobten Reue und Besserung. Daraufhin wurde ihnen vergeben. Trotzdem beendete dieser Vorfall das bis dahin selbstlose Füreinander. Die Erinnerung an diese Zerwürfnisse bedrückten Uta, sie schwieg einige Zeit. Aber bald verdrängten Freude und Stolz auf das Erreichte die trüben Gedanken. Was hatte sie alles erlebt! Sie stand sogar ganz dicht vor dem großen König August, zwischen ihr und ihm nur ein Viertelkorb mit Kartoffeln! Damals aß das ganze Dorf von den Speisen der königlichen Tafel. Und wie viel hatten sie und ihre Nachkommen erreicht! Längst hätte sie als wohlhabende Witwe nach Sachsen zurückkehren können. Doch was sollte sie in dem ihr fremd gewordenen Land? Hier kannte sie jeden, und das waren inzwischen, allein im Dorf, über zweihundert Seelen.

Gemeinderat und Glaube

Im Verlauf der Jahre sah man den meisten Höfen den emsig erwirtschafteten Wohlstand an. In den Ställen wuchs die Zahl der Kühe und Schweine, sodass Ställe und Scheunen ständig vergrößert werden mussten. Es wurden aber auch Häuser gebaut, um wenigstens einen zweitgeborenen Sohn mit seiner Familie im Dorf halten zu können. Schließlich konnte dem Hoferben ein Unglück zustoßen. Zudem gab es um das Dorf herum genug freies Land, das die jungen Leute nur zu roden und urbar zu machen brauchten. Mit dieser schweren Arbeit plagte sich jedoch kaum noch ein Sachse herum. Die Bauern besaßen inzwischen genug Geld, um solchen Plack von Tagelöhnern erledigen zu lassen, ebenso die schwersten Arbeiten auf den immer größer werdenden Feldern. Es gab aber auch Familien, denen nichts gelang und in deren Häusern Schmalhans Küchenmeister blieb. Wurde die Not durch ein Unglück oder Krankheit verursacht, half die Gemeinschaft, zumindest eine gewisse Zeit. Handelte es sich jedoch um eine Strafe Gottes, weil ein Familienmitglied gesündigt hatte, durfte diese vom Herrn auferlegte Prüfung nicht durch Hilfen gemildert werden.

Ob man nun unschuldig oder sündig war, entschieden die drei Dorfältesten nach dem Anhören von Zeugen. Zur Aussage berechtigt waren nur Männer, selbst wenn diese den jeweiligen Vorfall nur aus den Erzählungen ihrer Frauen und Töchter kannten. Das führte dazu, dass selbst bekannte Tatsachen vor dem Gemeinderat ungenau oder völlig anders wiedergegeben wurden. Die Folge waren Fehlurteile. Diese Vorgehensweise hatte Uta angeprangert. Sie forderte die Anhörung direkter Zeugen, egal ob Mann oder Frau, wobei diese die Schwurhand auf die Heilige Schrift legen sollten. Mit dieser Forderung berief sie sich auf Martin Luthers Briefe, in denen der Reformator »die Frau dem Manne als Gleiche« beistellte. So manches Gemeindemitglied hatte noch nicht mal in solchen Schriften geblättert, geschweige darin gelesen. Ihnen genügte, den Kindern an langen Winterabenden die bekanntesten Gleichnisse aus dem Neuen Testament vorzulesen. Nun tat oder war man über Utas Behauptung erstaunt. Dass die von den Gemeinderäten vorgegebenen Regeln des Zusammenlebens nicht ganz mit den Grundsätzen des Reformators übereinstimmten, ahnten einige der ärmeren Lutheraner schon länger, schien ihnen die Ahndung von Vergehen nicht immer gerecht zu erfolgen. Bisher hatte jedoch niemand gewagt, dagegen aufzubegehren.

Uta gewann den Streit und gleichzeitig etliche Feinde. Von da an konnte zwar jedes mündige Gemeindemitglied als Zeuge auftreten oder dem Gemeinderat Vorschläge oder Bedenken unterbreiten, doch bei Abstimmungen ergaben sich erstaunlicherweise oft Mehrheiten zugunsten der wohlhabenden Familien. So wurde beschlossen, dass selbst bei einem schweren Verstoß gegen die Gebote nicht mehr die ganze Familie für das Vergehen eines Einzelnen Buße tun muss. Die Familie konnte sich nun sogar von einem Sünder lossagen, ihn aus dem Kreis der Blutsverwandtschaft ausschließen.

Der aufkeimende Besitzdünkel spaltete die Gemeinschaft zusätzlich. So achteten Brauteltern inzwischen mehr auf die Besitzverhältnisse des zukünftigen Schwiegersohnes als auf dessen Glaubensfestigkeit. 1733, im Todesjahr Augusts des Starken, ging es den meisten Lutheranern in Wierzeje so gut, dass sich die von Luther angemahnte Demut in Hochmut und die Dankbarkeit in Selbstgefälligkeit wandelte. So war es nicht verwunderlich, dass die vorgegebene harte Bestrafung von Sünden und Fehlverhalten als veraltet bezeichnet und mehr Milde geübt werden sollte. Einem Dieb schlüge man doch auch nicht mehr die Hand ab, mit der er gestohlen hatte, obwohl dies in der Heiligen Schrift gefordert wurde.

Nun störten sich einige Familienoberhäupter an der Härte, mit der im sechsten Gebot der Ehebruch geahndet wurde. Sie meinten, eine Jungfer, die ihre Keuschheit verlor, sei zwar eine große Sünderin, aber diese Sünde habe nicht die Schwere eines Ehebruchs, denn nur die Ehefrau breche ein Gott gegebenes Versprechen. Deshalb sei es ungerecht, den Verlust der vorehelichen Keuschheit mit gleicher Härte zu bestrafen. Bisher wurden beide, die sündhafte Jungfer und die Ehebrecherin samt ihrem Bankert, aus der Gemeinschaft verstoßen und des Dorfes verwiesen. Mit viel Glück fand die Verstoßene irgendwo eine Anstellung. Eine stillende Mutter wurde jedoch höchst selten in Dienst genommen. Wollte sie nicht im Elend enden, musste sie sich des Kindes entledigen, indem sie es vor einem Kloster oder einem Pfarrhaus ablegte. Solch ein wenige Tage altes Kind überlebte nur, wenn sich eine Stillende des Findlings erbarmte. Klöster bezahlten arme Frauen für diesen Ammendienst. Eine sich lohnende Ausgabe, denn Findelkinder gehörten später dem, der für die Kosten aufkam.

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