Logo weiterlesen.de
Tatsächlich Liebe?

Lucy Gordon

Tatsächlich Liebe?

PROLOG

Die Lichter des Las Vegas Boulevards funkelten in allen Farben des Regenbogens und erhellten die Nacht. Unzählige Hotels und Kasinos vibrierten vor Geld und Leben. Das Athena Palace überstrahlte jedoch alle.

Seit seiner Eröffnung vor sechs Monaten stand es in dem Ruf, luxuriöser und prunkvoller als seine Konkurrenten zu sein. Und heute war ein ganz besonderer Tag: Die Hochzeit des erfolgreichen und glamourösen Filmstars Estelle Radnor würde im Palace stattfinden.

Der Eigentümer, ein helles Köpfchen, hatte sich die Feier durch den Vorschlag gesichert, das Brautpaar müsse keinen Cent bezahlen. Und die hinreißende Estelle, in finanziellen Dingen – wenn auch nicht hinsichtlich ihres Männergeschmacks – ebenfalls ein helles Köpfchen, hatte das Angebot angenommen.

Bei der im Kasino stattfindenden Party ließ die Braut sich dabei fotografieren, wie sie die Würfel auf den Tisch warf, ihren Ehemann umarmte, noch mehr Würfel warf, die Arme um ein unscheinbares dünnes Mädchen schlang, bevor sie sich wieder den Würfeln widmete. Voller Zufriedenheit beobachtete der Eigentümer des Palace die Szene. Dann wandte er sich an den jungen Mann neben sich, dessen Augen spöttisch blitzten.

„Achilles, mein Freund …“

„Ich habe es dir schon einmal gesagt, nenn mich nicht so.“

„Aber dein Name hat mir Glück gebracht. Du hast mir ausgezeichnete Ratschläge gegeben, wie ich diesem Ort einen überzeugenden griechischen Stil verleihen kann …“

„Von denen du keinen Einzigen befolgt hast!“

„Nun, meine Gäste glauben, das Dekor ist griechisch. Und nur das zählt.“

„Der äußere Schein ist alles, der Rest ist unwichtig“, murmelte der junge Mann.

„Du wirkst heute Abend so schwermütig. Liegt es an der Hochzeit? Bist du eifersüchtig?“

Abrupt drehte Achilles sich zu dem Eigentümer um. „Unsinn!“, fuhr er ihn an. „Alles, was ich fühle, sind Langeweile und Ekel.“

„Laufen die Geschäfte schlecht?“

Ein Schulterzucken. „Ich habe eine Million verloren. Bevor die Nacht endet, verliere ich vielleicht eine weitere. Was soll’s?“

„Dann genieß die Party.“

„Ich bin nicht eingeladen.“

„Glaubst du wirklich, sie würden dem Sohn des reichsten Mannes Griechenlands die Tür weisen?“

„Die Chance werden sie nicht bekommen.“ Damit wandte er sich ab und schlenderte davon – verfolgt von zwei Augenpaaren. Eines gehörte dem Mann, mit dem er gerade gesprochen hatte, das andere dem unscheinbaren Mädchen, das von der Braut umarmt worden war. Eng an die Wand gepresst, als wolle es nicht gesehen werden, schob es sich zu den Aufzügen hinüber und fuhr in den zweiundfünfzigsten Stock hinauf, von wo aus man einen fantastischen Blick auf den Strip hatte, wie der Las Vegas Boulevard allgemein genannt wurde.

Wände und Decken bestanden hier aus dickem Glas, sodass die Besucher einen sicheren Blick auf das Treiben tief unter ihnen riskieren konnten. Auf der Außenseite verlief ein schmaler Steg, der vermutlich von Arbeitern und Fensterputzern benutzt wurde. Für Hotelgäste war er nicht zugänglich, die Tür mit einem Zahlencode gesichert.

Fasziniert blickte das Mädchen in die Tiefe. Plötzlich ließ ein Geräusch es zusammenfahren. Rasch duckte es sich in den Schatten, als der junge Mann von vorhin in ihre Richtung schlenderte und dann völlig in Gedanken versunken aus dem Fenster schaute.

Nur wenige Lampen erleuchteten den Gang, sodass das Mädchen einen guten Blick auf sein Gesicht werfen konnte. Es war das schmale Gesicht eines gerade erwachsen gewordenen Jungen, doch zeigte es bereits die ersten Spuren von Erschöpfung, wenn nicht gar Verzweiflung, die auf eine kaum zu schulternde Bürde hinwiesen.

Dann tat er etwas, was das Mädchen sehr erschreckte. Er streckte die Hand aus und tippte eine Zahlenkombination in das Tastenfeld. Die Tür glitt zur Seite. Jetzt befand sich nur noch der schmale Steg zwischen ihm und dem hundertfünfzig Meter entfernten Boden. Unwillkürlich entfuhr Petra ein leiser Schrei, woraufhin er den Kopf zu ihr wandte.

„Was tust du denn hier?“, herrschte er sie an. „Verfolgst du mich?“

„Natürlich nicht. Komm wieder herein, bitte“, flehte sie. „Tu’s nicht.“

Er machte einen Schritt zurück, blieb jedoch in der geöffneten Tür stehen. „Was, zur Hölle, meinst du damit? Ich hatte nicht vor, irgendetwas zu tun! Ich wollte nur frische Luft schnappen.“

„Aber da draußen ist es gefährlich. Du könntest aus Versehen hinunterfallen.“

„Ich weiß genau, was ich tue. Geh weg und lass mich in Ruhe.“

„Nein“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Ich habe dasselbe Recht wie du auf frische Luft. Ist es schön da draußen?“

„Was?“

Mit einer raschen Bewegung schlüpfte sie an ihm vorbei und trat auf den Steg hinaus. Sofort traf der heftige Wind sie mit voller Wucht. Sie schwankte und spürte, wie der Unbekannte sie festhielt.

„Bist du verrückt geworden?“, rief er. „Ich bin nicht der Einzige, der hinunterfallen könnte. Möchtest du sterben?“

„Und du?“

Kommentarlos zerrte er sie ins Gebäude. „Habe ich dich nicht auf der Party gesehen?“

„Ja. Ich war im Zeussaal“, entgegnete sie. „Ich mag es, Menschen zu beobachten. Die Namen der Säle im Kasino sind gut gewählt.“

„Dann weißt du, wer Zeus war?“, erkundigte er sich und zog sie mit sich zu einer kleinen Bank.

„Er war der oberste Gott im antiken Griechenland“, sagte sie. „Vom Berg Olymp aus beobachtete er die Welt um sich herum. Er war der Beherrscher von allem, was er sah. So müssen sich die Spieler anfangs an ihren Tischen auch fühlen … doch die armen Idioten lernen rasch, dass es nicht so ist. Haben Sie viel verloren?“

„Eine Million“, meinte er schulterzuckend. „Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Was tust du überhaupt in einem Kasino? Du bist doch nicht älter als fünfzehn, oder?“

„Ich bin siebzehn und ich … gehöre zur Hochzeitsgesellschaft.“

„Bist du eine der Brautjungfern?“

Sie musterte ihn zynisch. „Sehe ich wie eine Brautjungfer aus?“, fragte sie auf ihr Kleid deutend, das zwar teuer, aber nicht im Geringsten glamourös wirkte.

„Nun …“

„Mein Platz ist nicht vor der Kamera.“

Sie sprach ohne jedes Selbstmitleid, was ihm sehr gefiel. Als er sie genauer betrachtete, stellte er fest, dass sie kein Make-up aufgelegt hatte. Das Haar trug sie sehr kurz geschnitten. Sie hatte keinen Versuch unternommen, sich attraktiv zu machen.

„Wie heißt du?“

„Petra. Und du bist Achilles, oder?“

„Mein Name ist Lysandros Demetriou. Meine Mutter wollte mich Achilles nennen, was mein Vater lächerlich fand. Letzten Endes haben sie sich auf einen Kompromiss geeinigt. Achilles ist mein zweiter Vorname.“

„Aber der Mann unten hat dich so genannt.“

„Für ihn ist es wichtig, dass ich Grieche bin, weil er sein Kasino im griechischen Stil eingerichtet hat.“

Zu seiner großen Freude kicherte sie. „Dann muss er völlig verrückt sein.“

Sie musterten einander. Er besaß klare Züge und eine stolze Aura, wie es sie nur bei Menschen gab, die es gewohnt waren, ihren Willen durchzusetzen. Doch es lag auch eine düstere Nachdenklichkeit in seinen dunklen Augen. Normalerweise kamen junge Männer in kleinen Gruppen nach Las Vegas, um Spaß zu haben. Dieser hier entzog sich dem Trubel, versteckte sich, als sei die Welt sein Feind.

„Demetriou Shipping?“, fragte sie.

„Genau.“

„Die mächtigste Reederei Griechenlands“, sagte sie, als rezitiere sie einen Text. „Was sie nicht wollen, ist es nicht wert zu besitzen. Was sie heute nicht kaufen, kaufen sie morgen. Wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt, warten sie im Schatten auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen.“

Er stieß einen kehligen Laut aus. „So in etwa.“

„Warum bist du dann nicht in Athen und zermahlst deine Feinde zu Staub?“

„Damit bin ich fertig“, entgegnete er rau. „Meine Familie muss ohne mich zurechtkommen.“

„Aha, deshalb die Schmollmiene.“

„Was?“

„Während des Trojanischen Kriegs verliebte Achilles sich in ein Mädchen. Sie stammte aus Troja und war seine Gefangene. Sein Heerführer zwang ihn, sie freizulassen, woraufhin er sich schmollend in sein Zelt zurückzog und sich weigerte zu kämpfen. Irgendwann nahm er doch wieder an den Kämpfen teil … und wurde getötet. So wie du auf dem Steg dort draußen den Tod hättest finden können.“

„Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht vorhatte, zu sterben, auch wenn das im Moment wohl keinen Unterschied macht. Ich nehme, was kommt.“

„Hat sie dir etwas so Grausames angetan?“, fragte Petra sanft.

In dem fahlen Licht konnte sie den Ausdruck in seinem Blick kaum erkennen, ahnte jedoch, dass er sehr finster sein musste. Eine Warnung funkelte in seinen Augen, sie hatte sich zu weit vorgewagt.

„Sie?“, fragte er eisig.

Petra legte eine Hand auf seinen Arm. „Es tut mir leid. Hätte ich das nicht sagen dürfen?“, flüsterte sie.

Abrupt stand er auf, trat an die Glaswand hinüber und starrte in die Finsternis. Vorsichtig folgte sie ihm.

„Sie hat mich dazu gebracht, ihr zu vertrauen“, murmelte er.

„Aber manchmal ist es richtig, anderen Menschen Vertrauen zu schenken.“

„Nein“, beharrte er. „Niemand ist jemals so gut, wie man glaubt. Und je mehr man vertraut hat, desto tiefer wird man verletzt. Da ist es besser, sich von vorneherein keinen Illusionen hinzugeben und stark zu sein.“

„Aber das wäre ja furchtbar! Niemals an etwas zu glauben, niemals zu lieben oder zu hoffen, niemals wirklich glücklich …“

„Niemals unglücklich zu sein!“, fiel er ihr ins Wort.

„Niemals richtig zu leben“, machte sie unbeirrt weiter. „Es wäre, als würde man das Leben eines Toten führen, siehst du das denn nicht? Du entkommst zwar dem Leiden, aber du verlierst auch alles, was das Leben lebenswert macht.“

„Nicht alles. Man erhält Macht. Ohne Gefühle ist man mächtig.“

„Nein“, widersprach sie. „So darfst du nicht denken, sonst ruinierst du dir dein ganzes Leben.“

„Was weißt du schon davon?“, fragte er wütend. „Du bist doch nur ein Kind. Hat dich schon mal jemand dazu gebracht, dass du am liebsten alles um dich herum zertrümmern möchtest, bis nichts mehr am Leben ist … du selbst auch nicht?“

„Aber was gewinnst du, wenn du deine Emotionen tötest?“

„Das kann ich dir sagen. Man wird nicht … so.“ Er deutete mit dem Finger auf sein Herz.

Petra brauchte nicht zu fragen, was er damit meinte. So jung er auch war, er lebte am Rande eines Abgrunds. Und es bedurfte nicht viel, ihn hinunterzuschubsen. Aus diesem Grund wagte er es, hier oben zu stehen und sein Schicksal herauszufordern.

Mitgefühl und Angst überwältigten sie. Ein Teil von ihr wollte nur noch weglaufen und vor diesem Menschen flüchten, der drohte, sich in ein Monster zu verwandeln. Doch ein anderer Teil wollte bleiben und ihn retten.

Ohne Vorwarnung nahm er ihr die Entscheidung ab. Er neigte den Kopf und legte ihn auf ihre Schulter. Dann hob er ihn, ließ ihn wieder sinken und wieder und wieder. Es war, als würde sie einem Mann dabei zusehen, wie er seinen Kopf mechanisch gegen eine Mauer schlug.

Erschrocken schloss sie ihn in die Arme, zog ihn an sich und zwang ihn zur Ruhe. Eine dunkle Verzweiflung ging von ihm aus, aber auch die Suche nach Trost. Dieses Gefühl, so dringend gebraucht zu werden, war eine neue Erfahrung für Petra. Deshalb empfand sie trotz all ihrem Entsetzen auch Freude.

Schließlich umfasste sie sein Gesicht mit beiden Händen und schaute ihm in die Augen. Der Schmerz war verschwunden, jetzt lag nur noch Traurigkeit in ihnen.

Unvermittelt erschien ein kleines Lächeln auf Lysandros’ Lippen. Auf einmal verspürte er den überwältigenden Wunsch, sie zu beschützen. Also gab es doch noch etwas Gutes in dieser Welt. Hier, in diesem jungen Mädchen, das zu unschuldig war, um die Gefahr zu begreifen, in der es schwebte.

Erneut tippte er die Zahlenkombination in das Feld, die Tür schloss sich.

„Gehen wir“, sagte er und führte sie fort von der Glaswand.

Vor ihrer Zimmertür angelangt, blieb er stehen und meinte: „Leg dich ins Bett und lass niemanden hinein.“

„Was wirst du tun?“

„Ich werde noch ein bisschen mehr Geld verlieren. Und anschließend werde ich nachdenken.“

Die letzten Worte hatte er gar nicht sagen wollen.

„Gute Nacht, Achilles.“

„Gute Nacht.“

Auch was er als Nächstes tat, war nicht geplant. Er folgte einfach seinem Instinkt. Lysandros beugte sich vor und küsste sie zärtlich auf den Mund.

„Geh rein“, wies er sie an. „Und schließ die Tür.“

Sie nickte und schlüpfte ins Zimmer. Nach einem Moment hörte er, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Mit der Erwartung auf weitere Verluste kehrte er an die Spieltische zurück. Doch auf wundersame Weise war das Glück wieder auf seiner Seite. Binnen einer Stunde hatte er jeden verlorenen Penny zurückgewonnen, innerhalb einer weiteren hatte er ihn verdoppelt.

Das also war das Mädchen gewesen, ein Glücksbringer, gesandt, um sein Schicksal zu ändern. Er konnte nur hoffen, auch etwas für sie getan zu haben. Aber das würde er wohl nie erfahren. Sie würden einander nie wiedersehen.

In dieser Hinsicht irrte er. Sie begegneten sich wieder.

Allerdings erst nach fünfzehn Jahren.

1. KAPITEL

Die Villa Demetriou stand in einem Vorort Athens auf einem kleinen Hügel, von dem aus die Familie einen guten Blick auf das Land ringsum hatte, das ihr gehörte. Bislang gab es nur ein Gebäude, das es an Pracht und Schönheit mit der Villa aufnehmen konnte: der Parthenon, der antike, vor knapp zweitausendfünfhundert Jahren gebaute Tempel hoch oben auf der Akropolis.

Doch kürzlich hatte ein weiterer Rivale sein Haupt erhoben, ein falscher Parthenon, erbaut von Homer Lukas, dem wohl einzigen Mann in Griechenland, der den Mut besaß, die Familie Demetriou oder die alten Götter herauszufordern. Aber Homer war verliebt, und natürlich wollte er seine Braut an ihrem Hochzeitstag beeindrucken.

An diesem Frühlingsmorgen stand Lysandros Demetriou vor dem Haupteingang seiner Villa und ließ seinen Blick über Athen schweifen. Es ärgerte ihn, dass er seine Zeit mit dieser Hochzeit verschwenden musste, obschon es weitaus wichtigere Dinge zu erledigen gab.

Stavros, ein alter Freund seines Vaters, kam gerade die Einfahrt hinauf.

„Ich bin auf dem Weg zu der Hochzeit“, sagte der weißhaarige alte Mann. „Ich wollte mal schauen, ob ich dich mitnehmen kann.“

„Danke, das wäre sehr nett“, erwiderte Lysandros kühl. „Wenn ich früh ankomme, wird niemand beleidigt sein, wenn ich früh wieder gehe.“

Stavros lachte auf. „Du magst Hochzeiten nicht.“

„Das ist keine Hochzeit“, entgegnete der Jüngere sarkastisch. „Homer Lukas hat sich einen Filmstar geangelt und will seine Eroberung nun der Welt zeigen. Die Welt wird ihn beglückwünschen und hinter seinem Rücken über ihn lästern. Mein Hochzeitswunsch lautet, Estelle Radnor möge einen richtigen Narren aus ihm machen. Mit ein bisschen Glück gelingt ihr das spielend. Warum feiert sie diese Hochzeit überhaupt in Athen? Weshalb gibt sie sich nicht mit einer falschen griechischen Kulisse zufrieden wie schon einmal?“

„Weil der Name Homer Lukas ein Synonym für den griechischen Schiffsbau ist“, sagte Stavros und fügte dann rasch dazu: „So, wie deiner natürlich auch.“

Seit Jahren waren die Firmen von Demetriou und Lukas allen anderen in der Welt auf ihrem Gebiet überlegen. Sie waren Konkurrenten, Gegenspieler, ja sogar Feinde, gaben sich nach außen jedoch zivilisiert und höflich, weil es profitabler war, als die Feindschaft offen zu zeigen.

„Vielleicht ist es ja auch eine Liebeshochzeit“, bemerkte Stavros.

Lysandros zog eine Augenbraue hoch. „Eine Liebeshochzeit? Wie oft war sie verheiratet? Sechsmal? Sieben?“

„Das musst du doch wissen. Warst du nicht zu Gast bei einer ihrer früheren Hochzeiten?“

„Kein Gast. Ich war nur zufällig in dem Hotel in Las Vegas, in dem die Party stattfand, und habe mir den Unfug aus sicherer Entfernung angesehen. Am nächsten Tag bin ich zurück nach Griechenland geflogen.“

„Ja, ich erinnere mich. Du bist plötzlich, wie aus dem Nichts, nach zwei Jahren wieder aufgetaucht und warst bereit, ins Unternehmen einzusteigen. Dein Vater hat sich Sorgen gemacht, du könntest der Aufgabe nicht gewachsen sein, nachdem …“

Der finstere Ausdruck auf Lysandros’ Gesicht brachte ihn abrupt zum Schweigen.

„Nun, das ist lange her“, erwiderte der Jüngere mit leiser Stimme. „Die Vergangenheit ist vorbei.“

„Ja. Außerdem hat dein Vater gesagt, seine Befürchtungen hätten sich als grundlos erwiesen. Denn als du zurückgekehrt bist, hattest du dich verändert. Du warst ein Tiger, der jedem Furcht einflößte. Er war so stolz auf dich.“

„Hoffen wir, dass ich auf Homer Lukas ebenso wirke.“

„Vielleicht solltest du derjenige sein, der Angst hat. Immerhin beschuldigt er dich, ihm Millionen gestohlen zu haben.“

„Ich habe gar nichts gestohlen. Alles, was ich getan habe, war, seinem Kunden einen besseren Deal anzubieten.“

„In der letzten Sekunde. Anscheinend saßen sie bereits zusammen, die Füller in der Hand, um den Vertrag zu unterschreiben, da hast du seinen Kunden angerufen und ihm einige Informationen zukommen lassen, die aus ‚ziemlich unlauteren Quellen‘ stammen müssen.“

„So unlauter nun auch wieder nicht“, entgegnete Lysandros schulterzuckend. „Ich habe schon Schlimmeres getan.“

„Damit war der Deal gelaufen“, erzählte Stavros die Geschichte weiter. „Der Kunde legte den Stift weg, stand auf und marschierte nach draußen … direkt in deinen wartenden Wagen. Es kursieren Gerüchte, nach denen Homer den Göttern ein großzügiges Opfer versprochen hat, wenn sie dich bestrafen.“

„Bislang ist eine Strafe ausgeblieben. Vielleicht waren die Götter gerade anderweitig beschäftigt. Ich habe gehört, er hat über meiner Einladung zur Hochzeit einen Fluch ausgesprochen.“

„Hast du wirklich keine Begleiterin?“

Lysandros murmelte eine unverbindliche Antwort. Aus geschäftlichen Gründen war er verpflichtet, diese Hochzeiten zu besuchen. Aber eine Frau brachte er nie mit. Die Presse würde sich zu sehr für seine Wahl interessieren. Außerdem würde es auch das falsche Signal an die Frau selbst senden.

„Okay, machen wir uns auf den Weg“, meinte Stavros.

„Ich fürchte, ich muss doch später nachkommen“, entschuldigte Lysandros sich.

„Aber du hast gesagt, du würdest mit mir fahren …“

„Ja, doch mir ist gerade etwas eingefallen, was ich zuerst erledigen muss. Bis später.“

In der Stimme des jüngeren Mannes lag eine Endgültigkeit, die Stavros nicht infrage zu stellen wagte. Er eilte zurück zu seinem Wagen, in dem seine Frau auf ihn wartete. Sie hatte sich geweigert, ihn in die trostlose Villa zu begleiten, in der Lysandros sich so wohlzufühlen schien.

„Wie hält er es aus, in diesem leeren Haus zu leben, ohne Familie, mit nur ein paar Bediensteten zur Gesellschaft?“, hatte sie mehr als einmal gefragt. „Schon der Gedanke jagt mir einen Schauer über den Rücken. Und das ist nicht das Einzige, was mich an Lysandros erschauern lässt.“

Sie hörte aufmerksam zu, während Stavros von dem Gespräch mit Lysandros berichtete.

„Weshalb hat er seine Meinung geändert?“

„Es war mein Fehler. Ich habe die Vergangenheit erwähnt. Es ist fast unheimlich, wie er die Zeit aus seinem Gedächtnis verbannt zu haben scheint. Trotzdem scheint sie alles zu bestimmen, was er tut.“

„Ich frage mich, warum er so früh wieder gehen will.“

„Vermutlich wird er sich mit diesem Flittchen treffen.“

„Meinst du damit …?“ Sie nannte einen Namen. „Sie ist wohl kaum ein Flittchen. Ihr Ehemann ist einer der einflussreichsten …“

„Na und? Aber sie hält sich jetzt bedeckter, weil ihr Mann ein Machtwort gesprochen hat. Ihm sind diverse Gerüchte zu Ohren gekommen.“

„Wahrscheinlich wusste er es die ganze Zeit“, sagte seine Frau zynisch. „Es gibt viele Männer in der Stadt, die nichts dagegen haben, wenn ihre Frauen mit Lysandros schlafen.“

Stavros nickte. „Ja, aber ich vermute, sie hat angefangen, zu viel zu erwarten. Ich nehme an, er hat ihrem Ehemann den Tipp gegeben, die Zügel anzuziehen, falls er weiß, was gut für ihn ist.“

„Selbst Lysandros würde doch nicht so grausam, so kaltblütig …“

„Doch, genau so würde er sich verhalten. Und tief in deinem Herzen weißt du das auch.“

„Ich frage mich, wie es um sein Herz bestellt ist“, meinte sie nachdenklich.

„Er besitzt keines.“

Als der Wagen aus der Einfahrt fuhr, konnte Stavros einem Blick zurück nicht widerstehen. Lysandros stand am Fenster seiner Villa und betrachtete die Welt mit finsterem Blick.

Er verharrte dort, bis der Wagen außer Sichtweite war, dann wandte er sich um. Das Gespräch hatte ihn innerlich aufgewühlt, was ihm überhaupt nicht behagte. Glücklicherweise erhielt er in diesem Moment einen dringenden Anruf von einem seiner Manager im Hafen von Piräus, der von Problemen mit der Gewerkschaft berichtete. Er erteilte dem Mann eine Reihe von knappen Anweisungen und versprach, morgen persönlich nach dem Rechten zu sehen.

Heute würde er Homer Lukas’ Hochzeit als Gast besuchen. Er würde die Hand seines Konkurrenten schütteln und seiner Braut Ehre erweisen. Die übrigen Gäste würden enttäuscht seufzen, dass sie einander nicht an die Kehle gingen.

Der Rat seines Vaters kam ihm in den Sinn.

„Nie, nie darfst du irgendwen wissen lassen, was du wirklich denkst.“

Er hatte seine Lektion gut gelernt. Deshalb würde er den Tag mit einem Lächeln auf den Lippen überstehen und nichts von seinem Hass nach außen dringen lassen, der ihn innerlich verzehrte.

Schließlich war es Zeit, sich von seinem Chauffeur zur Feier bringen zu lassen. Schon bald konnte er Homers Parthenon sehen, in dem die Hochzeit stattfinden sollte.

Nur eine Fälschung, dachte er. Auch nicht echter als das griechische Ambiente in dem Kasino in Las Vegas.

Seine Gedanken wanderten zu jener Zeit zurück. Ein Mädchen tanzte durch seine Erinnerungen, dünn, durchschnittlich und von einer Aura der Unschuld umgeben, die ihn gleichzeitig ärgerte und tief berührte. Und im letzten Moment, als sie ihre Arme für ihn geöffnet und ihm den Trost angeboten hatte, den er nirgends sonst auf der Welt finden würde, hätte er beinahe …

Nein, Vergangenes sollte vergangen bleiben. Das war der einzige Weg, mit Schwächen umzugehen.

Insgeheim fragte er sich, weshalb sie damals bei jener Hochzeitsparty gewesen war. Wahrscheinlich war sie die Tochter einer von Estelle Radnors zahlreichen Angestellten.

Vielleicht war sie heute auch hier. Aber bestimmt war es besser, einander nicht zu begegnen. Die Jahre würden sie in eine langweilige Ehefrau mit vielen Kindern und einem untreuen Mann verwandelt haben.

Nicht, dass er sich zum Guten verändert hätte. Die nagende Trauer von damals war durch eine dumpfe Schwere ersetzt worden. Um seine verletzten Gefühle hatte er sich angemessen gekümmert, indem er sie beiseitegeschoben hatte und sich auf wichtigere Dinge konzentrierte.

Endlich hielt der Wagen. Lysandros musste zugeben, dass Lukas’ Tempel aus der Nähe großartig wirkte. Das Gebäude maß in seinen Grundmauern ungefähr siebzig mal dreißig Meter, das Dach ruhte auf eleganten Marmorsäulen. Auf dem Vorplatz standen etliche Skulpturen verschiedener Götter, die jedoch von einer zwölf Meter hohen Athenestatue überragt wurden, die auf wundersame Weise zu Estelles Gesichtszügen gekommen war.

Er verzog das Gesicht. Wie lange, fragte er sich, würde er es hier wohl aushalten müssen, bis er sich wieder aus dem Staub machen konnte.

Plötzlich klingelte sein Handy. Eine Textnachricht erschien auf dem Display.

Was ich gesagt habe, tut mir leid. Ich war wütend. Je näher wir uns kamen, desto mehr hast du dich zurückgezogen. Bitte, ruf mich an.

Unterschrieben war die SMS nur mit einer Initiale. Lysandros antwortete sofort.

Kein Grund, sich zu entschuldigen. Es war richtig von dir, Schluss zu machen. Verzeih mir, dass ich dich in Wut versetzt habe.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tatsächlich Liebe?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen