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Tatortreiniger gesucht

Über die Autoren

Pat Lauer, Ex-Architekt, Ex-Polizei- und Gerichtsreporter sowie aus Zeitgründen auch nur noch Ex-Sportler lebt mit Ehefrau und drei Kindern auf einem umgebauten Bauernhof im Fränkischen. Er arbeitet als Redakteur bei einer Tageszeitung in Süddeutschland und verfasste bereits etliche Sachbücher.

Birgit Adam, geboren 1971, studierte Englische Literatur-wissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Augsburg und Schottland. Seit 1997 arbeitet sie freiberuflich als Auto-rin und Lektorin und hat bereits zahlreiche Sachbücher ver-öffentlicht.

Inhaltsübersicht

Über die Autoren

Arbeiten Sie noch oder spinnen Sie schon?

1.Kapitel: Die gefährlichsten Jobs

Fensterputzer in Manhattan

Bombenentschärfer (Kampfmittelräumer)

Feuerspringer

Virologe

Perlentaucher

2.Kapitel: Die seltensten Jobs

Freiheitsstatue

Würfelinspekto

Molekular-Barkeeper

Meerjungfrau

Kokosnuss-Sicherheitsbeauftragter

3.Kapitel: Die tierischsten Jobs

Entenmeister

Rabenhüter im Tower von London

Schlangenfänger

Elefantenkoordinator

Vogelvertreiber

Hundebestandsaufnehmer

Tieranwalt

Haustierpsychologe

Cowboy

Pferdemasseurin

Tierpräparator

4.Kapitel: Die schmutzigsten Jobs

Geruchsbeurteiler/Deo-Wirksamkeitstester

»Dixiklo«-Fahrer

Tatortreiniger

Pornostar

Erfinder von Unterwäsche, die den Geruch von Blähungen reduziert

Schlussmacher

Mundgerucherforscher

5.Kapitel: Die langweiligsten Jobs

Sockenwender

Sexer

Farbtrockenzeitüberprüfer

Vogelzähler

Pizzawender

Apfel-Etikettenaufkleber

Wasserbecherkontrolleur

6.Kapitel: Die peinlichsten Jobs

Synchronsprecher für Pornos

Lebender Geist

SMS-Erotik-Autor

Menschlicher Bettwärmer

Nacktmodell

Comicfigurkostümträger

7.Kapitel: Die tollsten Jobs

Der »beste Job der Welt«

Partytester

Star-Doppelgänger

Abrissspezialist

Computerspiele-Tester

8.Kapitel: Jobs, die jeden Rahmen sprengen

Mystery Shopper

Oktoberfestbedienung

Puppendoktor

Wachsfigurenhersteller

Geräuschemacher

Karussellrestaurator

Lachtrainer

9.Kapitel: Jobs, die man erst noch erfinden muss

Wichtigtuer-Ausbremser

Nachbarn-Vergrauler

Armleuchter

Worthülsen-Entlarver

Gutmenschen-Erdulder

Arbeiten Sie noch oder spinnen Sie schon?

Selbstverständlich haben auch Sie sich schon einmal über die Absurdität des Lebens Gedanken gemacht. Wir müssen arbeiten, um gut leben zu können, aber sehr häufig sorgt unsere Arbeit dafür, dass es mit dem guten Leben nicht allzu weit her ist. Genauer gesagt: Wir können nur selten so viel Spaß haben, dass er den Frust aufwiegt, den wir in der Arbeit erleben. Klingt hart, ist aber eben so.

Stopp! Bevor Sie dieses epochale Werk seufzend beiseitelegen, weil Sie befürchten, vom Schutzumschlag getäuscht worden zu sein und einen philosophischen Grundsatzwälzer zum Thema »Lebensparadox« vor sich zu haben, lassen Sie sich versichern, dass dem Autorenteam nichts ferner liegt, als Sie mit wohlfeilen Plattheiten aus dem Reich des Pseudo-Tiefsinnigen zu langweilen. Nein, unsere Einstiegssätze dienten eher der rücksichtsvollen Hinleitung an das eigentliche Thema dieses Buches. Und sie sollten Sie daran erinnern, dass Sie eben (vermutlich, leider) nicht so einen rattenscharfen, megageilen oder total abgefahrenen Job haben wie einige von denen, die wir auf den folgenden Seiten beschreiben. Denn es gibt nun einmal Menschen, die ihren Traumberuf nicht nur erfunden haben, sondern ihn auch ausüben dürfen – von denen während der Arbeit erwartet wird, dass sie gefälligst, ohne zu jammern, exakt das tun, was ihnen am meisten Spaß macht. Yep. Wahnsinn, oder?

Bevor Ihnen nun aber die Kauleiste zu einem nach unten gezogenen Strichmännchenmund verkommt und Ihr Gesicht grüne Neidpatina ansetzt, dürfen wir Ihnen anvertrauen, dass in den kommenden Beispielen auch das andere Extrem zur Sprache kommen wird: Berufe, die Sie nicht einmal Ihrem Schwager wünschen, Jobs, die sich offenkundig nur Beelzebub, Saddam Hussein (okay – der nicht mehr) oder der Ghostwriter von Thilo Sarrazin ausdenken konnten. Beschäftigungen, die so weit abseits jeder Schmerzgrenze liegen, dass wir jene Menschen, die sie ausüben müssen, beinahe ein bisschen bedauern.

Unsere Sammlung enthält demzufolge seltene und seltsame, schöne und schreckliche, unsinnige und aberwitzige Berufe. Allen ist eines jedoch gemeinsam: Sie werden von Menschen ausgeübt, um damit Geld zu verdienen, was eindrucksvoll beweist, dass Geld allein nicht glücklich macht.

So. Und damit wäre der Bogen virtuos geschlagen: von einem leidlich philosophischen Einstiegssatz zu einer tiefgründigen Basiswahrheit, die nur knapp an der vollständigen Belanglosigkeit vorbeischrammt. Was kann man von einer Einführung mehr erwarten?

Bitte? Ein schnelles Ende? Okay.

Viel Spaß wünschen
Pat Lauer und Birgit Adam

Kapitel 1

Die gefährlichsten Jobs

Der Feierabend bietet diesen Menschen vor allem einen Grund zur Freude: Sie leben noch! In diese Gruppe gehören unter anderem Fensterputzer in Manhattan, Bombenentschärfer, Feuerspringer oder Virologen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um Jobs für Menschen, die den kleinen Nervenkitzel lieben.

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Fensterputzer in Manhattan

Kurz nach dem 11. September 2001 kursierte der folgende Witz: Wer ist der bärtige Mann, der da vom Dach des Empire State Buildings winkt? Die Antwort lautete: ein afghanischer Fluglotse.

Sie mögen dies für politisch nicht ganz korrekt halten und haben damit selbstverständlich recht, aber unter der Bezeichnung »Arbeitsplatzbeschreibung« entbehrte diese Schilderung zumindest nicht einer gewissen pikanten Komik.

Weit weniger spektakulär, aber bei uns mit ähnlichen Gefühlen – »abgrund«tiefer Angst und diffusen Schwindelgefühlen – behaftet, ist in amerikanischen Großstädten der Beruf des Fensterputzers. Haben Sie den architektonischen Größenwahn New Yorks vor Augen? Die in den Himmel ragenden Türme, die scheinbar endlosen Glasfronten, die spiegelnden Monumente babylonischer Herrlichkeit? Da schluchzt die Hausfrau, und die chemische Industrie reibt sich jubelnd die in blinder Gier verknöcherten Hände. Grob geschätzt könnten Sie allein in der Wall Street pro Woche zehn Tonnen Fensterputzmittel absetzen – wohl dem, der da die Konzession für porentiefe Reinheit und spiegelnden Glanz besitzt.

Festhalten können wir immerhin, dass man als Fensterputzer in Manhattan einen vergleichsweise krisensicheren Job ausübt. Zugegeben – mit dem World Trade Center ist ein lukrativer Arbeitsplatz verlorengegangen, aber schließlich gibt es auf der Halbinsel, die die listigen Briten den seinerzeit weit weniger listigen Holländern für ein paar lumpige Taler abluchsten, noch weit mehr Glasfronten, die vom Staub der Frondienste und des Straßenverkehrs zu befreien sind. Genauer gesagt – es herrscht rein gar kein Mangel an polierbarer Oberfläche.

Und so waren auch die Brüder Alcides und Edgar Morena an jenem 7. Dezember des Jahres 2007 mutmaßlich guter Dinge, als sie ihre Gondel bestiegen, um in luftige Höhen zu entschweben. »Glück auf«, mögen sich die beiden Bergarbeiter des totalen Übertagebaus während der Fahrt nach oben gewünscht haben, doch noch ehe sie an ihrem Arbeitsplatz (47. Stock, 144 Meter Höhe) die Lage peilen konnten, lautete die Devise bereits wieder: »Abwärts.« Zwar trugen die beiden die obligatorischen Sicherheitsgurte und hätten deshalb auch nicht einfach so aus dem schwankenden Außenlift purzeln können, doch tatsächlich lösten sich an der Gondel aus unerklärlichen Gründen die Haltekabel komplett, und das ganze Ding fiel wie ein Stein nach unten. Edgar Moreno – so gerne wir Ihnen auch ein Happyend präsentiert hätten – überlebte den Aufprall nicht.

Wie Alcides Moreno den Sturz überstehen konnte, ist kaum zu erklären. »Meine Zeit war noch nicht gekommen«, sagte er später, und dem kann man nur zustimmen, wenn man an der Absturzstelle mal kurz den Kopf in den Nacken legt und versucht, die siebenundvierzig Stockwerke abzuzählen. Der wackere Soldat der Reinlichkeit brach sich weder den Schädel noch das Becken, sondern »lediglich« Arme und Beine. Diese zerfielen freilich in so viele Einzelteile, dass er bei sofortiger Beisetzung für Archäologen späterer Jahrhunderte mühelos als Puzzle für Fortgeschrittene durchgegangen wäre. Eine Bestattung jedoch war nicht vonnöten, denn schließlich gelang es der New Yorker Ärzteschaft, den Mann mittels unzähliger Operationen wieder einigermaßen auf die Beine zu stellen. Ein ganzes Jahr in der Reha-Klinik tat ein Übriges. Angeblich konnte er danach wieder ganz passabel laufen und das Löffelchen auch eigenhändig wieder zum Munde führen, doch seinen Job als Fensterputzer dürfte er hingeschmissen haben. Irgendwie verständlich.

Bevor Sie aber jetzt die Nase rümpfen und Adjektive wie »unzumutbar«, »gefährlich« und »makaber« vor sich hin murmeln, lassen Sie sich bitte gesagt sein, dass der Moreno-Unfall eine echte Ausnahme war. Normalerweise fallen Fensterputzer nämlich nicht häufiger vom Himmel als Flugzeugpassagiere, und das Fliegen ist bekanntlich noch immer die sicherste Art zu reisen. Außerdem ist der Beruf – wie bereits erwähnt – recht krisenfest, denn solange niemand ihren Arbeitsplatz in Schutt und Asche legt, erweist sich dieser als eine Art Perpetuum stabile: Immer, wenn Sie oben mit der Arbeit fertig sind, können Sie unten wieder von vorne anfangen. Das klingt fast so, als hätte Zeus den Sisyphos bezahlt.

Gefahr: ** (Nur zwei Sterne sehen zwar irgendwie komisch aus, aber statistisch ist das Risiko gering.)

Langeweile: *** (Wenn man schwindelfrei ist – und davon gehen wir jetzt mal aus –, hält sich der Spannungsfaktor arg in Grenzen. Gut, wenn’s stürmisch ist, könnte es etwas aufregender sein.)

Seltenheit: ** (Als Exot werden Sie als Fensterputzer nicht unbedingt durchgehen, aber wenn Sie als Arbeitsplatz Manhattan angeben, gehören Sie zumindest schon mal zu einer Minorität.)

Ekelfaktor: * (Nur wenn Sie eine Reinigungsmittelallergie haben.)

Neidfaktor: ** (Man verdient sehr gut, aber die wenigsten wollen mit Ihnen tauschen. Der Neidfaktor ist deshalb eher gering.)

Bombenentschärfer (Kampfmittelräumer)

Jetzt aber mal Butter bei die Fische: »Kampfmittelräumer«? Das klingt in etwa so spannend wie Parkraumüberwacher oder Seniorenbeauftragter und spiegelt nicht im Geringsten den echten, den wahren, den tatsächlichen Adrenalinkick wider, der jedem Möchtegern-Macho im Angesicht dieses Superjobs durch die Schlagader tobt.

Denn was tut ein »Kampfmittelräumer«? Er entschärft Bomben. Echte, fette, wuchtige, total oberfiese Rabumms-Bomben, wie sie auf unserem vernarbten Planeten nach zahllosen Raufeinlagen mit Explosivstoffen leider immer noch zuhauf herumliegen.

Noch bis zur Drucklegung dieses kleinen Nachschlagewerks harrten rund 300 000 Tonnen Bomben, Granaten, Patronen und Minen, die nicht explodiert sind, allein in Deutschland unter der Erde ihrer »Feuertaufe«. Die noch nicht explodiert sind, wohlgemerkt. Wenn Paulchen aus der Neubausiedlung nämlich einen dieser fetten Klunker beim verspielten Höhlenbau in der nahe gelegenen Ausgleichsfläche des Getränkemarktes findet, dann beschließt er womöglich, das massige Stück Metall mit Papas Schubkarre in den eigenen Vorgarten zu transportieren – zur Belustigung des Cockerspaniels, der sein Beinchen schließlich nicht ständig nur an Gartenzwergen heben will. Schon das Hieven auf das Transportmittel – für echte Brummer müsste sich Paulchen womöglich Hilfe aus seiner Grundschulklasse holen – könnte für die fröhliche Rasselbande allerdings mit einem fetzigen Freiflug in eine andere Dimension enden. Denn bedauerlicherweise verstanden die Alliierten zwar was vom Bombenbau, wollten aber – wie alle übrigen kriegführenden Parteien offenkundig auch – partout nicht darauf achten, dass sich die Blindgänger irgendwann einmal selbst entschärfen. Im Gegenteil: Durch den Aufprall und den jahrzehntelang ungehindert wütenden Gevatter Rost sind die Zünder zuweilen so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass schon der rasselnde Atem eines ganz in der Nähe Würmer jagenden Maulwurfs zur auslösenden Erschütterung werden könnte. Ganz zu schweigen von Paulchens lebhaftem Interesse an metallischen Wuchtbrummen aller Art.

Deshalb gehen wir zu Gunsten des kleinen Rackers einfach mal davon aus, dass der schlaue Bengel schön die Finger von seinem Fund lässt und ihn stattdessen seinem Papa oder gar dem örtlichen Wachtmeister meldet, sodass dieser sich umgehend um den Spezialisten bemühen kann: den Kampfmittelräumer.

Dieser weiß natürlich aus Erfahrung, wo sich seine Pappenheimer – die explosiven Kameraden – am liebsten und am häufigsten tummeln, denn der geschichtsbeflissene Hobbyhistoriker hat schon aus beruflichem Interesse die bombige Historie des Zweiten Weltkriegs in groben Zügen auswendig gelernt. So weiß er wohl, dass immer noch etwa 33 000 Landminen beispielsweise im Nationalpark Eifel oder an der früheren innerdeutschen Grenze liegen. Und weil die Alliierten während des Krieges hauptsächlich Industriestandorte beworfen haben, darf man Bau- und Baggerarbeiten in Duisburg-Wedau, Bochum oder Wanne-Eickel zuweilen durchaus als risikobehaftet einstufen.

Wenn in diesen Regionen gegraben wird, rückt automatisch zunächst einmal der »deutsche Kampfmittelräumdienst« an und sucht den Untergrund nach Blindgängern ab. Die stahlharten Jungs von der megacoolen Truppe durchkämmen das Gelände mit Hacke und Metalldetektor. Fängt Letztgenannter an, hektische Piepslaute von sich zu geben, dann beginnen sie zu graben. Und nicht, dass Sie jetzt denken, das passiert nur alle Jubeljahre und der Rest des Jobs besteht in einer überdurchschnittlich großen Spielwiese namens »faule Haut«. Weit gefehlt: Durchschnittlich ein Blindgänger pro Tag muss in unseren Gefilden entschärft werden.

Nun fragen Sie sich vermutlich schon unruhig, welche Qualifikationen so ein Bombenentschärfer denn mitbringen muss. Nun, einem legendären Bühnenstück des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger zufolge sollte er Schäufeli und Besen stets dabei haben, doch neben dieser unverzichtbaren Hardware sind auch die sogenannten Soft Skills gefragt: gute Nerven, eine ruhige Hand. Und wenn man in der Kneipe an der Ecke der fiebrigen Blondine mit dem Schmollmund von diesem Job erzählt, sollte man unbedingt auch ein nonchalantes Achselzucken draufhaben und den Satz »Einer muss es ja machen« überzeugend rüberbringen können.

Ausgebildet werden die Jungs übrigens in der Regel bei der Bundeswehr.

Gefahr: ***** (Aber hallo – zumindest das gefühlte Risiko pendelt irgendwo zwischen Himmelfahrt und Heilanstalt.)

Langeweile: **** (Mag ja sein, dass alle Bomben irgendwann gleich aussehen, aber so richtig öde wird der Job trotzdem nie. Garantiert.)

Seltenheit: *** (Na ja – angesichts der schieren Fülle der Nitro-Briefbeschwerer muss es eine ganze Reihe von Entschärfern geben.)

Ekelfaktor: * (Nee – eklig ist das nicht, es sei denn, Sie haben eine Aversion gegen Rost. Oder gegen zerfetzte menschliche Körper. Aber darüber machen Sie sich im Explosionsfall ohnehin keine Gedanken mehr.)

Neidfaktor: ** (Komisch: Sie verdienen einen ganzen Haufen Geld, aber es ist nicht ganz so einfach, die Mitmenschen von den Vorzügen Ihres Berufs zu überzeugen. Warum bloß?)

Feuerspringer

Wenn Sie, werter Leser, ein Mann sind, dann haben Sie ganz sicher auch schon mal davon geträumt, ein Held sein zu können. Wobei – das sei angemerkt – das Bild vom Helden sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr zu seinen Ungunsten verändert hat. Vom Schnurrbärtchen tragenden Degenfuchtler (Errol Flynn) über die geistige Dunkelkammer im Muscle-Shirt (Dolph Lundgren) bis hin zum eloquent-zynischen Eigentumsnihilisten im Stile eines George Clooney – das Heldenbild verschiebt sich immer mehr in Richtung Friedensnobelpreis.

Ein ganz spezieller Heldentypus jedoch ist zeitlos, unvergänglich und niemals angekränkelt von modischem Firlefanz und/oder politischer Korrektheit: der Feuerwehrmann. Nicht umsonst drehen kleine Buben vor Aufregung reihenweise durch, wenn das knallrote Abenteuer-Lustmobil der Floriansjünger zwecks Nachwuchswerbung den örtlichen Kindergarten heimsucht. Da werden dann Sirene und Blaulicht dergestalt betätigt, dass Großmama Wennicke jäh aus dem mittäglichen Schlummer schreckt. Da wird von Notrufen erzählt und die Bedienung eines handelsüblichen Feuerlöschers demonstriert. Feuerwehrmänner, so lernen es bei dieser Gelegenheit die staunenden Dreikäsehochs, sind »Helden des Alltags«, schlagen ihre Breschen durch lodernde Flammen, stets im Dienste der leidenden Menschheit und Tierwelt.

Was bei solchen Gelegenheiten zumeist dezent verschwiegen wird: Viel häufiger als zum Löschen werden Feuerwehrleute damit beauftragt, ehemalige Sportwagenfahrer stückchenweise aus ihren auf der Autobahn bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten Trümmerboliden zu fieseln, die Reste entleibter Motorradfahrer von kurvigen Bergstraßen zu kratzen und einem blutüberströmten Zwölfjährigen das Händchen zu halten, während die mausetote Ernährerin mittels Rettungsspreizer aus dem Kleinwagenwrack geschnitten wird.

Zu drastisch? Das muss doch nicht sein? Tschuldigung – muss es doch, denn sonst kommt noch jemand auf die absurde Idee, Feuerwehrleute um ihren Alltag zu beneiden. Und um ihren Status. Die Typen sind nämlich tatsächlich Helden … und wünschen sich ziemlich oft, es nicht ständig sein zu müssen.

Der absolute Held der Helden ist der Feuerspringer. Dieser archetypische, ultracoole Megaheld kommt dem Bild vom verrußten Sylvester Stallone mit der Kippe im Mundwinkel und dem irren Blick – umgeben von lodernden Flammenwänden – schon ziemlich nahe. Und wenn der »normale« Feuerwehrmann schon recht gute Nerven benötigt, dann ist die Bezeichnung »Drahtseil« für jene des Hitzehüpfers noch charmant untertrieben. Denn Feuerspringer seilen sich aus Hubschraubern ab und springen zuweilen auch mit Fallschirmen aus Flugzeugen – mitten hinein ins Flammenmeer. Sie nutzen Lichtungen und Brandschneisen für ihre waghalsigen Manöver und versuchen, große Busch- oder Waldbrände von innen heraus zu bekämpfen. Viel Wasser haben sie nicht dabei – sie sind stattdessen mit Hacke, Beil und Schaufel ausgerüstet, versuchen damit Barrieren zu bauen, Flammenwege zu ändern oder auch einfach Unterholz zu beseitigen, das die rasende Feuerhölle als Trampelpfad fürs Weiterkommen benötigen könnte. Um zu entkommen, wenn es gar zu brenzlig wird, spurten sie auch schon mal durch ein paar Dutzend Meter Flammen, buddeln sich ein oder haken sich an den herabbaumelnden Seilen fest, die von waghalsig tief fliegenden Hubschrauberpiloten nach unten gelassen werden. Ihre Überlebenschancen sind statistisch betrachtet größer als die von Leibgardisten südamerikanischer Potentaten, aber deutlich kleiner als jene eines Undercover-Drogenermittlers in den Slums von Bogotá.

Feuerspringer werden zuweilen nach Einsatz bezahlt, manchmal haben sie auch Fixgehälter. Reich werden sie nie. Sie melden sich immer freiwillig zum Dienst, und wer einmal mit dabei war, kommt komischerweise immer wieder zurück.

Bei der Feuerkatastrophe von Storm King Mountain im US-Bundesstaat Colorado kamen im heißen Sommer 1994 immerhin vierzehn von ihnen ums Leben. Plötzlich auffrischende Winde fachten das Feuer in Sekundenschnelle so sehr an, dass die Feuerspringer es nicht mehr unter Kontrolle bringen konnten. Die Walze, die über sie hinwegfegte, war das tödlichste Inferno, das ein Mensch sich vorzustellen vermag.

Manchmal sterben Helden eben auch.

Gefahr: ***** (Viel mehr geht nicht.)

Langeweile: * (Schwer zu sagen, wann so ein Feuerspringer seinen Job als Routine betrachtet. Wir vermuten mal: nie.)

Seltenheit: **** (In der unmittelbaren Nachbarschaft Ihrer Reihenhaussiedlung dürften Sie mit diesem Job recht konkurrenzlos sein.)

Ekelfaktor: *** (Kommt drauf an, ob man den Geruch verbrannten Fleisches nicht leiden kann. Wenn ja, könnte es eklig sein.)

Neidfaktor: * (Wenn der Nachbar fragt, ob er Sie mal zum Einsatz begleiten darf, lehnen Sie ab. Schicken Sie ihn stattdessen in die Therapie.)

Virologe

Ach, das waren noch Zeiten, als die Erdbevölkerung in regelmäßigen Abständen auf ein erträgliches Maß zurechtgestutzt wurde. Malaria, Pest, Typhus, Cholera – allesamt Seuchen, die mit der unbeirrbaren Gründlichkeit einer ostwestfälischen Finanzbeamtin dafür sorgten, dass der Homo sapiens nicht allzu übermütig wurde. In für die Evolution durchaus zumutbaren Abständen machten sich die flotten Erreger auf, um dem grimmen Schnitter properen und noch nicht allzu gut abgehangenen Nachschub zu besorgen – Alter, Vermögen, Herkunft oder gar Geschlecht spielten bei ihrer Auswahl keine große Rolle, was zumindest im Massensterben die klassenlose Gesellschaft garantierte.

Doch seit Pasteur und Penicillin, seit Hygiene, Impfungen und Vorsorge sind uns die Seuchen zumindest in den westlichen Industriestaaten irgendwie abhandengekommen. Die Spanische Grippe machte sich noch einmal mit Bravour ans Werk, doch seitdem scheitern Comeback-Versuche durch Vogelgrippe, Tetanus und SARS zumeist sang- und klanglos in den keimfreien Isolationszelten der Universitätskliniken. Das Zeitalter der großen Ansteckungskrankheiten scheint vorbei zu sein, wofür wir selbstverständlich angemessen dankbar sind.

Allerdings gäbe es natürlich die Möglichkeit, die guten alten Zeiten »wiederaufleben« zu lassen, denn in diversen Laboren der verschiedenen Militärbasen wird schon seit den Anfängen des Kalten Krieges – noch so eine nostalgische Floskel – eifrig nach neuen lautlosen Totmachern im Miniaturformat gefahndet.

Was wird da alles zusammengebraut, welch teuflische Cocktails werden da gemischt! In Romanform hat der treffliche Stephen King, im Hauptberuf Angstmacher für Amerikaner, das Thema mit seinem Roman »The Stand« vor einigen Jahren aufs Tapet gebracht: Eine künstlich hergestellte Supergrippe bahnt sich in diesem Epos ihren tödlichen Weg durch die nordamerikanische Zivilisation und entvölkert binnen weniger Wochen den Kontinent. Dass die Handlung sich auch noch mit religiösen Botschaften und moralischen Endzeitfragen herumschlagen muss – Schwamm drüber: Der Kern der Story trifft den Nagel auf den Kopf, denn nach wie vor gibt es – heute zuweilen künstlich produzierte – Keime und Viren, die einen Großteil der Menschheit ebenso geräuschlos wie effektiv von der Erdoberfläche in die Grube und vom Leben zum Tode befördern könnten. Dagegen ist das Ebola-Virus ein sanftes Säuseln, damit verglichen geht die Schwarze Pest als Lachnummer durch.

Verantwortlich für das lustige Experimentieren in jenen Penny-Märkten des Grauens sind sogenannte Virologen im Dienst verschiedener Armeen. Eingehüllt in Schutzanzüge, deren Flanellanteil gegen Null tendiert, rühren und schütteln sie, gucken interessiert zu, wie Mäusen zunächst die Haare vom zitternden Körper fallen, ehe die bedauernswerten Viecher unter der grellen Sonne der Neonröhren mit einem letzten Fiepser ihren Geist aushauchen. Anschließend erstellen sie Excel-Tabellen, in denen die jeweilige Tödlichkeit adäquat und erfolgsorientiert in eine Kosten-Nutzen-Rechnung der Apokalypse verwandelt wird. Chapeau – endlich eine Beschäftigung, für die neben Hingabe, Fleiß und der Bereitschaft, sich ständig desinfizieren zu lassen, auch eine solide Vorliebe für morbide Planspiele verlangt wird. Bravo!

Voraussetzung für eine Anstellung als Virologe einer militärischen Einheit sind also die besagte Hingabe, Präzision, die Bereitschaft zu Überstunden sowie eine möglichst ruhige Hand. Allergien gegen künstliches Licht, eine Abneigung gegen selbsttätig schließende Türen und Bedenken gegen Sicherheitschecks aller Art wären hingegen hinderlich. Der moderne Virologe im Dienste des Militärs sollte sich mit den mannigfaltigen Facetten der Sterblichkeit auseinandersetzen können, möglichst wenig lästiges Gewissen mit sich herumschleppen und die Fähigkeit zum Selbstbetrug besitzen (»Ich tue etwas Nützliches«). Ein gesunder Hang zur Eigensicherung (Impfstoff!) kann ebenfalls nicht schaden.

Natürlich gibt es auch Virologen, die in zivilen Einrichtungen arbeiten, sich an der Schnittstelle zwischen Medizin und Biologie bewegen und äußerst nützliche Arbeit verrichten. Sie erforschen Viren, fahnden nach Gegenmitteln und verfolgen Veränderungen bestimmter Erreger. Auf ihren Forschungen basieren Impfstoffe, und sie beschäftigen sich leidenschaftlich und erfolgreich mit Fragen des Überlebens. Für das Militär jedoch sind diese Leute in der Regel völlig ungeeignet. Zivilisten eben. Weicheier.

Gefahr: ***** (Lassen Sie es uns so sagen: Das Risiko ist nicht offensichtlich und wirkt auf den ersten Blick eher unspektakulär. Zu Schlamperei und Sorglosigkeit sollte man in diesem Job allerdings wirklich nicht neigen.)

Langeweile: ** (Tag für Tag ins Mikroskop zu starren kann ein wenig ermüdend sein, doch wenn man sich vor Augen hält, was die kleinen Fleckchen unter der Linse so alles anstellen können, schläft man sicherlich nicht so schnell ein.)

Seltenheit: *** (In der biochemischen Fakultät der Uni wird man mit dieser Berufswahl nicht gerade zum Einzelgänger, doch eine Virologen-Party in Berlin dürfte trotz umgebender Großstadt eine überschaubare Veranstaltung bleiben.)

Ekelfaktor: ** (Nee – eklig ist das eigentlich nicht, eher steril. Es sei denn, die Tierversuche nehmen überhand und der Virologe entwickelt Gefühle für seine Laborratten.)

Neidfaktor: * (Dürfte schon angesichts der Berufskleidung nicht allzu hoch sein.)

Perlentaucher

I’m a material girl«, piepste der strohblonde Marilyn-Verschnitt am Anfang der Karriere, und damit war – schon in diesem frühen Stadium – das Wichtigste über die spätere Pop-Ikone Madonna gesagt. Wenn wir uns jedoch an das Video zu der quietschig geträllerten Kapitalismus-Hymne erinnern, dann fällt uns natürlich die opulente Perlenkette ein, die jene damals noch nicht ganz so heilige Lourdes-Mutter am Schwanenhals spazieren trug und die in ihrer ganzen Pracht und Fülle den Titel des Songs quasi illustrieren sollte.

Wer immer die Idee zu diesem Video und damit auch zur Perlenkette hatte – Respekt. Die Klunker blieben in Erinnerung, wobei sich allerdings kaum jemand die Mühe macht, herauszufinden, woher die Glitzerbrocken eigentlich stammen und wer sie in die Krabbelkisten der Edelsteinhändler bringt.

»Perlen? Wachsen die nicht in Muscheln?«, fragt sich da der gemeine Bildungsbürger, und während er sich noch Rat suchend am Hinterkopf kratzt, sorgen wir für Aufklärung.

Also – im Prinzip ist das mit den Muscheln schon mal nicht falsch, aber die meisten Perlen werden heute »produziert« und entstammen sogenannten Zuchtfarmen. Der japanische Unternehmer Kokichi Mikimoto entwickelte dazu einen Prozess, bei dem kleine Partikel in eine Auster eingepflanzt werden, die die Bildung von Perlen begünstigen. Somit guckt man also der Auster beim Wachsen zu und weiß dabei, dass im Bäuchlein des tumben Tieres eine Perle gleich mitwächst. Und weil der Mensch a) undankbar und b) gierig ist, macht er die Auster irgendwann einmal einfach auf, klaut den die Verdauung ohnehin hemmenden Klunker und verscherbelt das nunmehr um seine Preziose erleichterte Tier an ein südfranzösisches Gourmet-Restaurant. Und damit – aber das nur am Rande – kommt die Auster dem Ideal von der Eier legenden Wollmilchsau schon ziemlich nahe.

Allerdings – und Kenner wissen das natürlich – rümpfen Snobs beim Wort »Zuchtperle« nur allzu gern das zarte Näschen. Zu sehr industriell produziert, zu gleichförmig, zu perfekt – so richtig teuer ist nur jenes Schmuckstück, das ohne künstliche Beimischungen auf ganz natürlichem Wege als Perlchen in der Auster die Schwangerschaft simuliert. Und genau für diese ungleich selteneren Schmuckstücke engagiert sich jener Berufsstand, der als »Perlentaucher« in die Annalen einging.

Diese eisenharten Burschen – in der Realität eine Mischung aus Aquaman, Surfertyp und Glücksritter – tauchen vornehmlich in asiatischen oder ozeanischen Meeren in Tiefen bis zu zwölf oder sogar fünfzehn Metern nach sogenannten Riesenaustern, kratzen die eher störrischen, wenngleich im Allgemeinen recht lethargischen Viecher vom Meeresgrund und befördern sie an die Wasseroberfläche. Dort werden sie von einem Gehilfen entgegengenommen, mehr oder weniger sanft geöffnet und auf ihren Inhalt überprüft. Ist dieser glitschig-glibberig und müffelt stark nach fischiger Lebensart, so wird die Auster auf den riesigen Haufen ertragloser Artgenossen geworfen und ihre Schale einer späteren Verwendung zugeführt. Enthält sie jedoch eine Perle – ungefähr einmal bei hundert Tauchgängen kommt das vor –, so jubelt der Bootsmann, und der Taucher gönnt sich vor dem Feierabend noch ein kühles Blondes. Oder auch ein Brünettes …

Was sich hier so flockig liest, ist allerdings ein echter Knochenjob. Der Perlentaucher nämlich kann sich sein Revier zwar aussuchen, aber leider gefällt es dort auch der einheimischen Fauna recht gut. Will heißen: Nicht selten kommt es zu Begegnungen mit stacheligen Rochen, hungrigen Haien oder höchst giftigen Quallen – ein Berufsrisiko, das nicht wenige der verbliebenen Perlentaucher (weltweit gibt es ohnehin nur noch ein paar Dutzend) daran hindert, das Renteneintrittsalter zu erreichen.

Immerhin ist die Lebenserwartung in diesem Berufsstand schon besser geworden als im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, denn seinerzeit gab es praktisch noch gar keine technischen Hilfsmittel, und kaum ein Perlentaucher überlebte mehr als ein Jahrzehnt seiner Berufsausübung. In jenen goldenen Jahren nämlich, als Neopren-Anzüge noch unbekannt waren und Dominas sich in Sack und Asche kleideten, fetteten die wackeren Schmucksucher lediglich ihre muskulösen Körper kräftig ein, stopften sich ebenfalls eingefettete Baumwolle in die Ohren – zum Druckausgleich – und zwickten sich die Nase mit einer Spange aus Schildkrötenpanzer zu. In die Tiefe sanken sie mit Hilfe eines großen Steins – also ungefähr so wie der kleine Max, der aus dem Nichtschwimmerbereich entkommen ist und – zitternd und zagend – erste Tauchversuche mit einem Gewicht aus Hartgummi unternimmt.

Tausende Jahre lang wurden auf diese Art und Weise Perlen im Indischen Ozean, im Persischen Golf, im Roten Meer und im Golf von Mannar (zwischen Sri Lanka und Indien) gefunden und mehr oder weniger teuer verkauft. Einem Interview des australischen Fernsehsenders ABC aus dem Jahr 2003 mit dem Perlentaucher Lance O’Sullivan, der im australischen Broome am Indischen Ozean arbeitet, lässt sich Folgendes entnehmen: Bei mehreren Tauchgängen verbringt der nicht mehr ganz so junge Mann bis zu zehn Stunden pro Tag unter Wasser – Schichtdienst am Hochofen ist gegen diese Strapazen ein Haufen Zuckerwatte. Die Natur können die Taucher nach wie vor nicht beherrschen, doch alles andere werde von strengen Vorschriften geregelt, erklärte Herr O’Sullivan. Die Arbeitsbedingungen seien gar nicht mehr so übel, wobei allerdings die Floskel »viel an der frischen Luft« in zehn Metern Tiefe viel von ihrem Reiz verliert.

Gefahr: **** (Selbst mit Sauerstoffflasche und Harpune gilt: Runter kommen sie immer – rauf nicht unbedingt.)

Langeweile: * (Jacques-Yves Cousteau und Hans Hass konnten nicht irren.)

Seltenheit: ***** (Aussterbende Gattung)

Ekelfaktor: *** (Quallen, Muränen, Seeschlangen und der Rülpser eines schwadronierenden Tintenfischs können schon mal auf den Magen schlagen.)

Neidfaktor: ** (Zugegeben – das Arbeitsumfeld besteht aus jenen Elementen, die der Thomas-Cook-Reisende für den Himmel auf Erden hält: Wasser, Korallen, Strand und Boot. Wenn man allerdings dauerhaft auf Ansprechpartner, trockene Haare und eine bezahlbare Risikolebensversicherung verzichten muss, wird man nur noch selten um sein Dasein beneidet.)

Kapitel 2

Die seltensten Jobs

Weltweit gibt es nur sehr wenige Menschen, die die hier vorgestellten Berufe ausüben. Dazu gehören zum Beispiel eine Nixe, die in einem Casino in Las Vegas durch ein riesiges Aquarium schwebt, oder der Kokosnuss-Sicherheitsbeauftragte, der in einem Hotel auf den amerikanischen Jungferninseln Gäste vor herabfallenden Kokosnüssen schützt.

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Freiheitsstatue

Na, die Überschrift schon verdaut? Yep – das haben Sie ganz richtig gelesen: Freiheitsstatue kann auch ein Beruf sein. Also – präziser formuliert: Die Darstellung der Freiheitsstatue ist ein richtiger Beruf. Warum auch nicht, denn was könnte – außer aus Hubschraubern gefilmten Schießereien zwischen Drogenhändlern und der Polizei sowie dem von Andy Warhol verfremdeten Vierfarbdruck eines Big Mäcs – typischer sein für das Land der unbegrenzten Möglich- und Unmöglichkeiten. Das Land, in dem der aus Europa stammende Tellerwäscher noch immer zum Millionär aufsteigen und eine Immobilienblase zum Platzen bringen kann und der puerto-ricanische Tellerwäscher ein Leben lang ein solcher bleibt. Das Land, in dem Paris Hilton, Pamela Anderson und Monica Lewinsky zu Ikonen werden konnten. Das Land, in dem mehr Präsidenten von schießwütigen Irren angegriffen und/oder gemeuchelt werden als in jeder Dritter-Klasse-Vierte-Welt-Bananenrepublik … Hier braucht man Symbole, an denen sich zumindest der Reisende orientieren kann. Die Statue of Liberty – Wahrzeichen der Stadt New York, obwohl sie lustigerweise auf dem Grund und Boden von New Jersey steht – ist so ein Symbol: kraftvoll, mehr oder weniger elegant und mit einem immens hohen Wiedererkennungswert ausgestattet. Angeblich ist ihr Bild sogar in jugendlichen Kreisen bekannter als das neueste Plattencover von Britney Spears, wobei beides sehr häufig verwechselt wird. Kein Zweifel – die Freiheitsstatue repräsentiert für uns jenes Land auf der anderen Seite des großen Teichs, das sich seit Jahren redlich bemüht, an seinen eigenen Begrenzungen zu ersticken und in einem Südstaatendorf an der Ortsgrenze sogar ein Schild aufstellen lässt, das dem Teufel die Einreise verbietet. Amerika, du hast es besser, hat Goethe gesagt.

1986 war es, als die New Yorker Stadtverwaltung einen Wettbewerb namens »National Statue of Liberty Centennial Look-Alike Contest« ins Leben rief – eine Art Doppelgänger-Freakshow für gelangweilte Hausfrauen aus Staten Island, die sich einbildeten, mit nach oben gereckter Fackel ihren seit Jahren gelangweilten Ehegatten erotisieren zu können.

Nun, den Job bekam keine von ihnen, sondern eine Kunsttherapeutin namens Jennifer Stewart. Sie lebte seinerzeit in Iowa, eine Tatsache, die besagte Kunsttherapeutin wohl auch dazu bewog, sich für den erwähnten Wettbewerb anzumelden. Warum auch nicht? Besser als in Iowa auf das baldige Ableben zu hoffen – was dort die meisten Menschen dauerhaft als Hauptbeschäftigung angeben – war der Trip nach New York allemal, zumal einer ihrer Patienten ihr gesagt hatte, sie sähe der Freiheitsstatue irgendwie ähnlich.

So kam es, wie es fast zwangsläufig kommen musste: Jennifer kam, sah, siegte und blieb. Die Aussicht, als offiziell gekürte Miss Statue ins heimische Weizenfeld zurückkehren zu müssen, war so entsetzlich, dass sie folgerichtig ihre angeborene Schüchternheit überwand und fortan regelmäßig als Statue of Liberty posierte. Seitdem verdient sie ihr Geld als lebende Freiheitsstatue und repräsentiert die Stadt New York auf Messen in Japan, Singapur, Brasilien, London oder Mexiko. Sie tritt auf Tagungen auf, war Blickfang bei der Abschlussfeier der New York University, in zahlreichen Werbespots zu sehen, und im Tom-Hanks-Streifen »Joe gegen den Vulkan« (1990) hatte sie eine Nebenrolle. Sie kennen den Film nicht? Macht nichts – wahrscheinlich kann sich nicht mal mehr Tom Hanks an ihn erinnern.

Ihre klassische Körperhaltung als Freiheitsstatue kann sie bis zu zwanzig Minuten halten und steht auch gerne in der Nähe von berühmten Touristenattraktionen in New York herum, wo ihr verzückt lächelnde Japanerinnen in viel zu kleinen Schuhen Geldstücke in die daneben stehende Pappschachtel werfen. Oder Scheine.

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