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Tanze mit mir in den Morgen

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1. KAPITEL

„Süße, ich weiß, dass du zurechtkommst, aber ich war sowieso gerade in der Gegend. Ich bin nur kurz vorbeigekommen, um hallo zu sagen und …“ Shona unterbrach sich mitten im Satz, als sie einen genaueren Blick auf Polly warf. „Was ist mit deinen Haaren passiert?“

„Ich habe sie gestern Abend abgeschnitten.“ Mit einer Nagelschere. Die langen blonden Locken, die Harry so an ihr gemocht hatte, waren in den Mülleimer gewandert. Sie existierten nicht mehr. So wie Pollys bisheriges Leben.

„Abgeschnitten? Du siehst aus, als wärst du unter einen Rasenmäher gekommen. Weiß Fliss davon?“

„Äh, nein.“ Denn Polly war klar, dass ihre beste Freundin bei diesem Anblick in Panik verfiel. Weil sie Parallelen zu dem Tag ziehen würde, an dem Pollys Leben seinen absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Zu dem Sommertag vor zwölf Jahren, an dem Fliss ihr das Versprechen abrang, nie wieder aufzugeben. Nie wieder zu weinen. Polly hatte damals geschworen, erhobenen Hauptes zu lächeln, egal, was passierte.

Shona starrte sie für ein paar lange Sekunden an, bevor sie erklärte: „Wir müssen dich zum Friseur bringen. Jetzt.“

Polly schüttelte den Kopf. „Ich brauche keinen Friseur. Niemand wird mich sehen. Ich muss weder auf die Straße noch ins Studio.“

„Genau darüber wollte ich mit dir sprechen. Am besten, ich mache dir erst mal Kaffee. Und du ziehst dich so lange um. Du solltest die Klamotten tragen, in denen man dich aus Monday Mashup kennt.“

„Ich arbeite nicht mehr bei Monday Mashup.“ Polly zuckte zusammen, noch während sie es sagte. „Und eigentlich habe ich viel zu viel zu tun, um Kaffee zu trinken oder zum Friseur zu gehen.“

„Weil du dich um Dinge kümmerst, die Harry eigentlich erledigen sollte. Er war schließlich derjenige, der die Hochzeit platzen ließ.“ Shonas Stimme klang bitter.

„Doch ich war diejenige, die alles organisiert hat.“ Polly blickte zu Boden. „Deshalb habe ich die Kontaktdaten der Ansprechpartner.“

Was beide Frauen dachten, blieb unausgesprochen: Dass Harry ansonsten seine neue Freundin mit der Absage des Hochzeitsfestes beauftragt hätte. Jeder wusste, dass er unbequeme Aufgaben an andere delegierte. Er setzte diesen Blick auf, der ihn wie einen verlorenen kleinen Jungen wirken ließ, und schon konnte er von jedem haben, was er wollte. Und auch wenn es schlimm für Polly war, die Feierlichkeiten weniger als zwei Wochen vor dem großen Tag zu stornieren – das Ganze Grace zu überlassen, hätte sie nicht ertragen.

„Ich könnte diesen egoistischen Trottel erwürgen!“, empörte Shona sich. „Wirklich! Trottel ist noch viel zu nett! Volltrottel! Hyper-Ultra-Mega … naja, du weißt schon, was ich meine. Bitte zieh dir jetzt einfach ein paar Studioklamotten über. Ich mache Kaffee und einen Friseurtermin für dich. Oh, und du solltest vielleicht deine Augen ein bisschen schminken.“

Um die Schatten zu verbergen, die darunter lagen. Polly wusste es. Es war einer der Nachteile, den helle Haut mit sich brachte. Bereits eine Nacht ohne Schlaf stand einem buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Und Polly hatte das gesamte Wochenende kein Auge zugetan. Seit Harry ihr am Freitag gesagt hatte, dass er sie nicht heiraten konnte.

„Ich liebe dich, Pol, aber …“

Ihr Blut war gefroren, als er sie ansah. Und ein einziges Wort hatte gedroht, Polly zu ersticken.

Aber.

Das hieß doch, dass Harry sie ganz und gar nicht liebte.

„… wir beide sind eigentlich nur Freunde. Deine Nähe löst kein Rauschgefühl in mir aus.“

„Rauschgefühl?“ Sie hatte keinen Anhaltspunkt, wovon er redete. Was war mit Harry los? Nahm er Drogen?

„Rauschgefühl“, wiederholte er. „Wenn du jemanden triffst und plötzlich Tausende von Feuerwerken den Himmel erhellen.“ Er hatte ein paar wilde Handbewegungen gemacht. „Ein Gefühl, das nicht von dieser Welt ist.“

Polly war immer noch nicht klar gewesen, was er meinte. Weder Feuerwerke noch Außerirdisches interessierten sie übermäßig. Beides klang riskant. Und Polly brauchte kein Risiko, sondern Sicherheit und Geborgenheit. Bei Harry hatte sie das gefunden. Sie war so überzeugt gewesen, dass sie glücklich zusammen waren. Dass sie für immer zusammenblieben und ihre Ehe eine verlässliche Konstante wäre – in der schnelllebigen Welt des Showbusiness, wo Liebesbeziehungen schon vorüber waren, wenn die Zeitungen anfingen, darüber zu berichten. Gerade weil sie und Harry Freunde waren. Sie passten zueinander. Ihre Gefühle waren solide und würden sich durch nichts ändern. Nicht wie vor so vielen Jahren bei Pollys Eltern. Sie und Harry hatten etwas Dauerhaftes. Harrys Familie mochte sie. Seine Freunde mochten sie. Und ihre Freunde mochten Harry und seinen unbeschwerten Charme.

Sie hatten das Glück gefunden.

Nur dass das Harry eben nicht genügte.

„Es tut mir leid, Pol.“

Dann hatte er ihr von Grace erzählt.

Seiner neuen Assistentin, mit der er jeden Tag ein Feuerwerk der Gefühle erlebte. Weil sie seine Seelenverwandte war.

Polly schüttelte heftig den Kopf und schlüpfte in eins der langärmeligen T-Shirts, die sie bei Monday Mashup getragen hatte. Dann zog sie sich Jeans und Turnschuhe an und legte etwas Make-up auf, um die Augenringe und die Blässe in ihrem Gesicht zu überdecken. Und um niemanden sehen zu lassen, was sie wirklich fühlte, setzte sie ihr strahlendstes Lächeln auf. So war sie bereit, sich der Welt zu stellen. Leise lief sie in die Küche, wo ihre Agentin Shona bereits für sie beide Kaffee eingegossen hatte und hektisch ins Telefon sprach.

„Du hast in zwanzig Minuten einen Termin bei Enrique. Ich hab ihm gesagt, deine Frisur ist ein Notfall, und er sieht zu, was er retten kann. Er hat ungefähr eine Stunde Zeit, damit wir rechtzeitig zum Studio kommen.“

„Zu welchem Studio?“, fragte Polly. „Und rechtzeitig wofür?“

Shona schob ihr einen Kaffebecher zu. „Trink das. Es ist genug kaltes Wasser drin, dass du den Kaffee einfach runterschütten kannst. Ich brauche dich in Höchstform. Denn du, meine Liebe, wirst in der neuen Staffel von Ballroom Glitz dabei sein. Und die fängt diese Woche an!“

Polly musste sich verhört haben. Sie hatte doch gerade ihren Job verloren, und jeder wusste, dass sich England in einer Wirtschaftskrise befand. In diesen Zeiten hatte man schon Glück, wenn irgendwo ein Kellnerjob frei war, der einen so lange über Wasser halten konnte, bis man ein Vorstellungsgespräch in seiner eigentlichen Branche bekam. Etwas zu finden, das sie ebenso liebte, wie ihre Arbeit als Fernsehmoderatorin für Kinder, hatte Polly in den letzten Tagen gar nicht zu hoffen gewagt. Wie um alles in der Welt war es ihrer Agentin Shona gelungen, Polly einen Platz in der wöchentlichen Tanzshow zu ergattern, die die beiden Frauen seit vielen Jahren so gerne sahen? Polly konnte es nicht glauben.

Ballroom Glitz? Bist du sicher?“

„Vor einer Stunde hat mich der zuständige Produzent angerufen und mir gesagt, dass eine der ursprünglichen Kandidatinnen ausgefallen ist. Er braucht dringend Ersatz und ist für jede Bewerbung dankbar. Um vierzehn Uhr findet die Auswahlrunde für die neue Teilnehmerin statt. Und ja, ich bin mir sicher, dass du den Vertrag bekommen wirst, Pol – egal wie viele andere Damen sich noch um diesen Job bewerben.“

Sie schätzte das Vertrauen ihrer Agentin wirklich. Vor allem jetzt, wo Pollys Selbstbewusstsein vollkommen am Boden war. Doch sie wusste auch, dass Shona sich zu früh freute. „Ich habe zwei linke Füße. Denk nur an das Chaos, für das ich gesorgt habe, als Danny versucht hat, mir in unserer Sendung Hip-Hop beizubringen.“

Shona rollte mit den Augen. „Danny ist ja auch kein professioneller Tanzlehrer. Die Crew von Ballroom Glitz schon. Und Hip-Hop ist nicht das Gleiche wie Gesellschaftstanz. Du wirst das schon hinkriegen.“ Sie tätschelte Pollys Schulter. „Selbst wenn du stolperst oder Fehler machst – dem Großteil der Zuschauer ginge es ähnlich. So werden sie in der Lage sein, sich mit dir zu identifizieren!“

Polly schüttelte den Kopf. „Aber für diese Show werden Prominente gesucht, Shona. Ich bin alles andere als ein Fernsehstar. Monday Mashup wird nur im Regionalfernsehen ausgestrahlt. Das Publikum von Ballroom Glitz wird gar nicht wissen, wer ich bin.“

„Die Menschen mögen dich. Sie können sich mit dir identifizieren.“

„Ich weiß nicht …“

„Ich schon!“ Shona ließ nicht locker. „Das ist auch der Grund, warum ‚Eine Herausforderung für Polly Anna‘ der beliebteste Teil von Monday Mashup war. Du hast Dinge getan, die alle anderen auch versuchen wollten. Du hast es nicht immer gut gemacht, aber dadurch wussten die Zuschauer, dass du echt bist. Keine unnahbare Fernsehdiva, deren Missgeschicke nicht gezeigt werden dürfen. Wenn du in Zukunft mit einem der Ballroom-Glitz – Profis tanzt, wird ganz England sich vorstellen können, an deiner Stelle zu stehen. Sie werden deine Wärme lieben und dein wunderbares Lächeln. Und das, meine Süße, ist genau der Grund, warum ich nicht eine Sekunde daran zweifle, dass du diesen Vertrag bekommen wirst.“

„Was ist mit den Kostümen?“ Polly stellte die Frage ganz leise. „Bei Monday Mashup haben sie mich immer lange Ärmel tragen lassen.“

„Das wird bei Ballroom Glitz auch gehen. Und wenn es mal keine langen Ärmel gibt, kannst du Stulpen oder lange Handschuhe als Accessoire wählen“, versicherte Shona ihr. „Niemand wird deine Handgelenke sehen oder dumme Fragen stellen. Mach dir keine Sorgen.“

Das war leichter gesagt als getan. Polly fürchtete vor allem, dass die Mitarbeiter der Kostümabteilung ihre Narben sehen könnten. Dass Fragen aufkämen oder, noch schlimmer, Spekulationen. Dass man fälschlicherweise annahm, es wäre wegen Harry.

Doch bei Ballroom Glitz mitzuwirken, könnte ihr Leben vollkommen verändern. Zu allererst bedeutete es, dass Polly für acht Wochen Arbeit hätte – vorausgesetzt natürlich, sie schaffte es irgendwie, bis ins Finale zu kommen. Selbst wenn sie in der ersten Runde ausschied, hieße es immer noch, dass sie zwei Mal zur besten Sendezeit im Fernsehen auftrat. Das könnte ihr weitere Türen öffnen. Zudem war Tanzen körperlich anstrengend und würde sie vielleicht so müde machen, dass sie in ihrer neuen Wohnung auch einschlafen konnte. Um nicht mehr jede Nacht wachzuliegen und darüber nachzudenken, wie groß ihr Bett ohne Harry war. Darüber, was Polly hätte ändern können, um genug für ihn zu sein. Sie müsste sich auf das Training konzentrieren, und so bliebe ihr keine Zeit für Grübeleien.

Alles könnte in Ordnung kommen. So wie Polly es sich vor langer Zeit versprochen hatte. Damals, an dem Tag, als die Narben an ihren Handgelenken entstanden waren.

Ja. Sie würde einfach lächeln und es versuchen. So tun, als hätte sie eine Chance.

„Ich wollte schon immer tanzen lernen“, gestand sie. Sie wusste noch gut, wie sie als Fünfjährige ihren Vater um Ballettstunden gebeten hatte, die er mit einem hämischen Lachen verweigert hatte. „Du willst eine Ballerina sein? Du bist ein Elefant! Du hast kein Geschick, Polly.“

Mit neu gewonnener Entschlossenheit sah sie ihre Agentin an. „Es heißt doch, wenn man eine Zitrone erhält, soll man daraus Limonade machen. Ich denke, ich werde es versuchen!“

Shona klopfte ihr grinsend auf die Schulter. „Das ist mein Mädchen!“

Sechs Stunden später war Polly zurück in ihrem winzigen Apartment, wo sie eine Liste mit den noch abzusagenden Hochzeitsarrangements anfertigte. Danach beantwortete sie E-Mails von besorgten Freunden und versicherte allen, dass es ihr gut ging. Selbst falls sie keinen Vertrag für Ballroom-Glitz bekam, hatte sie am heutigen Tag etwas gewonnen. Eine tolle Frisur. Irgendwie war es Enrique gelungen, Pollys entsetzliche Nagelscherenarbeit in einen Pixiecut zu verwandeln, der ihre großen Augen betonte und sie aussehen ließ wie eine blonde Audrey Hepburn. Und bei ihrem Vorstellungsgespräch hatte sie gelernt, worauf sie in Zukunft achten musste. Es war ein guter Tag gewesen für Polly Anna Adams, die auf der Suche nach dem Glück noch einmal von vorn beginnen musste. Ob sie es jemals fand? Sie wusste es nicht. Nur eines war klar: Sie würde nicht aufgeben.

Das Klingeln des Telefons durchbrach die Stille ihres Wohnzimmers. Polly war zu müde, um mit jemandem zu reden. Sie wollte kein Mitgefühl, keine tröstenden Worte. Nichts, was man sagen konnte, würde dazu führen, dass Harry seine Meinung änderte. Oder dazu, dass Polly sich besser fühlte.

„Süße, ich weiß, dass du da bist. Geh bitte ran!“, hörte sie Shona auf den Anrufbeantworter sprechen.

Polly schaffte es nicht, von der Couch aufzustehen.

Sie hörte ein Seufzen. „Okay, wie du willst. Aber ich werde morgen gegen zehn Uhr bei dir sein, um dich zur Garderobenabteilung der Aufnahmestudios zu begleiten. Denn du, meine liebe Polly, musst den Vertrag mit Ballroom Glitz unterzeichnen!“

Polly hielt ein Sofakissen umklammert, während ihr die Tragweite dieser Nachricht bewusst wurde. Sie hatte einen neuen Job. In einer Tanzshow.

Und während man ihr vor drei Tagen gleich mehrere Türen vor der Nase zugeschlagen hatte, war heute eine Art Schlupfloch geöffnet worden. Eines, das in eine ganz neue Welt führte.

„Wir sehen uns morgen früh. Ich würde mich freuen, wenn wir vor dem Aufbrechen noch eine Tasse Kaffee trinken können“, sagte Shona und legte auf.

Zwei Jahre, dachte Liam. Wie sich ein Leben doch in zwei Jahren ändern konnte. Vor genau vierundzwanzig Monaten war seine Welt in einen Abwärtsstrudel geraten. Fast alles war darin zerbrochen: seine Karriere, seine Ehe, sein Zuhause, seine Träume. Weil ihm die Experten gesagt hatten, dass er für immer an den Rollstuhl gefesselt wäre. Doch er hatte gekämpft, bis er allen das Gegenteil beweisen konnte. Jedes Mal, wenn sein Körper zu schreien schien – praktisch flehte, ihn nicht weiter zu schinden, hatte er härter trainiert. Stets mit ein wenig mehr Erfolg. Bis er wieder laufen konnte. Wieder tanzen.

Ihn hatte das Schicksal nicht gebrochen. Jetzt war er zurück bei Ballroom Glitz, wo er Berühmtheiten Gesellschaftstanz beibrachte und die Choreografien für die Profitänzer erstellte. Er hatte zurück ins Leben gefunden.

Es war nicht mehr das Leben, das er einst hatte, doch er würde alles tun, um zurück an die Spitze zu kommen. Mit harter Arbeit würde er es schaffen. Er musste sich konzentrieren und sich an die Lektion erinnern, die sich in sein Herz gebrannt hatte: Der einzige Mensch, auf den er sich verlassen konnte, war er selbst.

Zum Glück war Bianca nicht mehr als Profitänzerin in der Show, sodass er nicht jeden Tag mit seiner Vergangenheit konfrontiert wurde. In der neuen Staffel war die Hälfte der Profis neu. Die Kollegen, die ihn kannten, hatten ihm bei seiner Rückkehr zwar mitfühlende Blicke geschenkt, doch zu seiner großen Erleichterung hatten sie kein Wort über den Unfall oder seine gescheiterte Ehe verloren. Sie hatten Liam einfach im neuen Team willkommen geheißen.

Welche der vier Berühmtheiten würde seine Tanzpartnerin sein? Die Komikerin war alles andere als leichtfüßig, was bedeutete, er müsste bei akrobatischen Elementen extrem vorsichtig sein. Er konnte seinen Rücken keinem weiteren Risiko aussetzen. Und ihre Witzeleien entsprachen auch nicht seiner Art von Humor. Liam wollte jemanden, der Tanzen ernst nahm. Jemanden, der bereit wäre, so viel zu üben, dass man aus der Show als Sieger hervorging. Das Model und die Popsängerin bewegten sich beide sehr gut – so wie man es von jemandem mit ihrer Berufswahl eben erwartete. Doch von beiden schien eine Art Herzlosigkeit auszugehen, die Liam an seine schlimmsten Momente mit Bianca erinnerte.

Dann war da noch Polly Anna, die Moderatorin einer Kindersendung. Sie hatte etwas Besonderes, obwohl ihr Profilvideo zeigte, dass vor Kurzem eine ziemlich radikale Veränderung ihres Äußeren stattgefunden hatte. Liams Erfahrung nach bedeutete das Abschneiden langer Haare bei Frauen, dass ihr Leben irgendwie aus der Bahn geraten war. Dass sie traurig waren. Das könnte Pollys Fähigkeit beeinflussen, sich auf die Choreografien zu konzentrieren. Und dann hätte sie keine besonders guten Chancen, in der Show zu bleiben.

Naja. Man musste jedes Blatt spielen, das einem vom Schicksal ausgehändigt wurde. Liam lächelte für die Kameras, als er den Hinweis bekam, für die Tanzeinlage der Profitänzer aufs Parkett zu schreiten. Laut Showplan wurden nach diesem Auftritt die Paare bekannt gegeben.

Welcher der vier Profitänzer würde ihr Tanzpartner sein?

Polly hatte bereits mit Shona und Fliss darüber gerätselt. Zwei der männlichen Tänzer waren neu und ließen sich daher nur sehr schwer einschätzen. André war schon seit vier Jahren in der Show, doch er hatte in den vergangenen Staffeln stets etwas streng und humorlos gewirkt. Nicht gerade die Art von Mensch, mit der Polly gerne zusammenarbeitete.

Dann war da noch Liam Flynn.

Liam, der ihr immer super sympathisch erschienen war, wenn sie sich im Fernsehen die Show angesehen hatte. Er wirkte fröhlich und nett und hatte seine Tanzpartnerinnen stets gelobt und unterstützt. Dazu kam, dass er ein Bild von einem Mann war. Groß, dunkelhaarig und einfach hinreißend.

Doch Liam war vor zwei Jahren in einen schweren Autounfall verwickelt gewesen. Damals hatten die Medien berichtet, dass er nie wieder tanzen könnte. Mit der Hilfe von Physiotherapie hatte er es irgendwie geschafft, sie alle Lügen zu strafen. Und obwohl er der Tänzer war, mit dem sie am liebsten zusammengearbeitet hätte, machte Polly sich Sorgen. Sie wusste, dass sie ungeschickt war. Was passierte, wenn sie stolperte und so ungünstig fiel, dass sie Liam am Rücken verletzte? Das könnte seine Karriere für immer zerstören.

Sie verdrängte die Angst. Nein – sie würde sich Mühe geben. Sie konnte versuchen, geschickter zu werden. Und vor allem durfte sie nicht zulassen, dass die Sache mit Harry sie ablenkte. Sie musste sich wie ein Profi verhalten und ihr Bestes geben. Genau, wie sie es bei Monday Mashup getan hatte.

„Und jetzt kommt der Moment, auf den wir alle gewartet haben: die offizielle Aufstellung“, verkündete Millie, die charmante Showmasterin.

Es gab einen Trommelwirbel, als die Profitänzer sich auf der Tanzfläche aufreihten, um ihre Partner in Empfang zu nehmen. Die Berühmtheiten standen gemeinsam am Kopf der Treppe.

Nicht stolpern, sagte Polly zu sich selbst. Nicht stolpern. Lauf langsam die Treppe hinab und lächle für die Kameras.

Welcher männliche Star mit welcher Profitänzerin ein Team bildete, bekam sie kaum mit. Sie war vor Nervosität wie versteinert. Als die weiblichen Stars aufgerufen wurden, hatte sie das Gefühl, dass ein Strom aus Eis durch ihre Blutbahnen zog.

„Und mit André …“ Bitte, bitte nicht ich, flehte sie leise.

Sie atmete erleichtert auf, als Jane die Komikerin als seine Partnerin angekündigt wurde. Mister Humorlos und Miss Schlechter Witz – das passte ja zusammen. Aus ihnen ein Team zu bilden, war etwas, das jeder Produzent als Volltreffer bezeichnet hätte. Was Harry als Volltreffer bezeichnet hätte.

Vergiss Harry, mahnte sie sich. Er ist nicht hier, und er ist nicht mehr Teil deines Lebens.

„Mit Marco …“ Imogen, das Model. Sie würden ein sehr attraktives Paar abgeben.

„Mit Sergej …“ Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Würde sie es sein?

„Lina.“ Die Popsängerin. Ein weiteres glanzvolles, wunderschön anzusehendes Paar.

Was bedeutete …

„Und mit Liam wird diesmal Polly Anna Adams tanzen.“

Sie lief die Stufen hinunter, lächelte für die Kameras und trat auf Liam zu, während alle um sie herum applaudierten.

Wow! Sein Lächeln, das sie schon so oft im Fernsehen bewundert hatte, war im wahren Leben noch viel eindrucksvoller. Liam Flynn war umwerfend. Seine Haut war sehr hell und stand in vollkommenem Kontrast zu seinem dunklen Haar. Auf seinen Wangen war ein leichter Bartschatten zu erkennen. Wie gerne hätte Polly ihre Finger ausgestreckt und dieses wunderschöne Gesicht berührt.

Nicht, dass sie das jemals tun dürfte. Besonders nicht vor laufenden Kameras. Sie hatte nicht vor, eine Närrin aus sich zu machen.

Doch ihr Blick verharrte einen Moment zu lange auf Liams Mund. Seinen sinnlichen, weichen, leicht geöffneten Lippen.

Sie zwang sich, in seine Augen zu sehen … und versank darin. Sie waren so blau wie das Meer.

Polly schluckte. Hoffentlich hatte Liam nicht bemerkt, wie attraktiv sie ihn fand. Was war mit ihr los? Warum wirbelten solche Gedanken durch ihren Kopf? Es war doch erst eine gute Woche her, dass ihr Verlobter ihre Hochzeit abgesagt hatte. Sicher lag es an dem jubelnden Publikum und dem hellen Licht der Scheinwerfer, dass Polly nicht klar denken konnte.

Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Sie wollte doch professionell wirken. Das musste sie. Und zwar jetzt.

Polly Anna Adams war im wahren Leben viel hübscher als im Fernsehen. Sie hatte riesige Augen, ein schmales Gesicht und wunderschöne dunkle Lippen, die in Liam den Wunsch auslösten, mit den Fingerspitzen darüberzustreichen.

Obwohl er natürlich nicht die Absicht hatte, dieser verrückten Versuchung nachzugeben. Hier ging es allein um Arbeit. Er würde nie wieder etwas mit einer Tanzpartnerin anfangen. Nicht seit Bianca. Liam hatte auf die harte Tour gelernt, dass er besser allein zurechtkam. Außerdem hatte er gar keine Zeit für ein Privatleben. Er musste sich von morgens bis abends um seine Tanzschule kümmern, um beruflich wieder dahin zu kommen, wo er einmal war.

Pflichtbewusst küsste er Polly Annas Wangen, so wie es das Publikum von ihm erwartete. Ihr Parfum drang an seine Nase. Nicht das schwere, sinnliche Parfum, das Bianca stets verwendet hatte, sondern ein blumiger Duft mit einem Hauch Vanille. Süß und unschuldig.

Die zarte Frau mit dem Pixiehaarschnitt, die ihn jetzt mit ihren großen dunkelbraunen Augen musterte, erinnerte ihn an Audrey Hepburn. Die Stylisten mussten die Ähnlichkeit ebenfalls bemerkt haben, denn man hatte Polly mit einem schlichten schwarzen Etuikleid und schwarzen Seidenhandschuhen ausgestattet. Dazu trug sie eine Perlenkette und klassische hochhackige Schuhe. Ihre Aufmachung entsprach in keinem Punkt den weiten bunten Klamotten, die sie in Monday Mashup getragen hatte. Natürlich nicht – denn um mit Kindern zu arbeiten, brauchte man bequeme Freizeitkleidung, keine Abendgarderobe. Doch das neue Outfit passte viel besser zu Polly Anna. Es war stilvoll. Anmutig.

Und dann rutschte sie auf ihren hohen Schuhen aus, als sie sich zum Publikum umdrehte.

Vielleicht doch nicht so anmutig, dachte Liam, während er Polly Anna wie automatisch auffing, um ihr Halt zu geben.

„Danke“, flüsterte sie, und die Röte, die in ihre Wangen schoss, war trotz des starken Make-ups, das man vor der Kamera zu tragen hatte, erkennbar.

Doch die Zuschauer lachten nicht über den unbeabsichtigten Klamauk. Sie klatschten nur noch mehr. Weil Polly Anna gezeigt hatte, dass sie eine ganz normale Frau war. Kein glanzvolles Model oder unerreichbarer Popstar, mit denen das Publikum nichts gemeinsam hatte.

Sobald die Kameras nicht mehr liefen und die Tanzpaare hinter die Kulissen verschwanden, biss Polly sich auf die Unterlippe und stammelte leise: „Es tut mir so leid. Ich bin einfach nicht daran gewöhnt, in hohen Schuhen zu laufen.“

Dann wird es nicht ganz einfach, darin zu tanzen, dachte Liam. Doch er war zu höflich, um es laut auszusprechen. „Morgen ist Sonntag“, begann er stattdessen. „Ist es in Ordnung für dich, direkt mit dem Training anzufangen, oder musst du dich auf deine Show am Montag vorbereiten?“

„Ich … äh … ich bin im Moment nicht im Team von Monday Mashup“, stammelte sie und sah ihn traurig an.

Ein Blick in ihre Augen und er wusste, dass sie den Job verloren hatte. Was ihr sicher eine große Motivation gab, möglichst lange in der Tanzshow zu bleiben.

„Ich kann mich ganz nach dir richten, was das Training anbelangt“, fügte Polly schnell hinzu. „Und sollte ich mal einen unvorhergesehenen Termin haben, würde ich immer rechtzeitig Bescheid geben.“

„Gut. Lerche oder Eule?“

Polly blinzelte. „Wie bitte?“

Gott, ihre Augen waren wunderschön. Liam drohte, darin zu ertrinken.

Schnell blickte er zu Boden. Um Himmels willen.

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