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Tanz zu den Sternen

BallerinaSOPHIE FLACK

Tanz zu
den Sternen

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Sandra Knuffinke und
Jessika Komina

BASTEI ENTERTAINMENT

Für all die unbesungenen
Helden in den hinteren Reihen
des Corps de Ballet

TEIL 1

Herbstsaison

1

Mein Name ist Hannah Ward. Ich bin keine Ballerina.
Ballerinen, das sind die Stars des Ensembles. Sie tanzen im Scheinwerferlicht in der Mitte der Bühne und verbeugen sich nach der Vorstellung ganz allein. Im Programmheft sind Porträtaufnahmen von ihnen zu sehen, und darunter fettgedruckt ihre Namen. Ich bin nur eine Tänzerin im Corps de Ballet, eins von Dutzenden von Mädchen, die jeden Abend in anmutigem Einklang die Bühne zieren. Meine Mutter hält mich für einen Superstar, aber die ist ja auch voreingenommen.

Außerdem wirkt das Wort Ballerina viel zu rosa, zu bonbonsüß. Klar, wir tragen Tutus und Diademe, aber nur abends beim Auftritt. Die meiste Zeit verbringen wir abgeschirmt vom Publikum und arbeiten hart daran, unsere Körper zu stählen und zu beherrschen, damit auf der Bühne alles perfekt und mühelos aussieht.

Wir trainieren in alten Trikots, fadenscheinigen Strumpfhosen und löchrigen Stulpen. Wir kaufen uns selten neue Tanzsachen, weil wir genau wissen, wie schnell die meisten Ballettkarrieren vorbei sind. Heute zum Beispiel habe ich ein ausgeblichenes dunkelblaues Trikot an und schwarze, fast genauso ausgeblichene Leggings. Daran ist nichts rosa oder bonbonsüß.

»Gebt euch dem Tanzen jetzt hin«, hat eine meiner Lehrerinnen mal gesagt, »denn allzu schnell wird man als Tänzer zur Eintagsfliege.«

»Noch fünf Minuten, bis der Vorhang hochgeht, meine Damen. Kommt langsam in die Gänge!« Die Hände in die Hüften gestemmt, steht Christine, unsere Inspizientin, in der Tür. Aus ihrem Headset dringt ein Knistern, und sie blafft hektisch etwas hinein, dann wendet sie sich wieder uns zu. »Adriana, du hast noch nicht mal deine Schuhe an. Soll ich denen vielleicht sagen, sie sollen mit dem Vorhang noch warten, oder was?«

Adriana zieht ihre spitze, gepuderte Nase kraus und hält ihre Schuhe hoch, dann die Nadel und den Faden, mithilfe derer sie sich darin einnäht. »Hier, ich bin doch schon dabei«, erwidert sie. »Und außerdem hab ich noch jede Menge Zeit. Die ganze Ouvertüre.«

Christine verzieht den Mund zu einem Lächeln, das liebevoll ist, aber auch ein bisschen angespannt. Ihre Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass jede Aufführung des Manhattan Ballet exakt so verläuft, wie sie soll. Was bedeutet, dass sie sich um alles kümmern muss, von der Platzierung der Scheinwerfer bis zum Ego der Primaballerinen. Nach einem letzten Blick auf uns dreht sie sich um und wuselt davon. Ihr kurzes, platinblondes Haar steht wild in alle Richtungen ab. »Aufstellung!«, ruft sie.

Ich habe Mitleid mit Christine: Hier drin herrscht das totale Chaos. Es ist Freitagabend, und wir warten im Ankleideraum auf unseren Auftritt; rings um mich werden Tänzerinnen in ihre makellos weißen Tutus geschnürt. Der Raum ist ein einziges Durcheinander aus Satin, Tüll und langen, schlanken Gliedmaßen. Einige Mädchen wirken tief in ihre Gedanken versunken, während andere lauthals aufeinander einschnattern. Auf dem Boden liegen achtlos verstreute Kleidungsstücke, einsame Spitzenschuhe, Stulpen und halb leere Wasserflaschen.

»Ich hab heute bestimmt schon acht Ibuprofen genommen«, erzählt eine Dunkelhaarige namens Olivia, während sie schmatzend auf ihrem Kaugummi herumkaut. »Hoffentlich sterb ich erst, wenn der Vorhang wieder unten ist.«

»Lass bloß Christine nicht den Kaugummi sehen, oder sie holt ihn dir eigenhändig aus dem Mund«, warnt Adriana, während sie sich in ihre Spitzenschuhe einnäht. Ihre Beine sind lang und beinahe skelettartig dünn.

Doch als ich in mein eigenes Tutu aus gezacktem weißen Tüll steige, lasse ich das Chaos hinter mir. So ist es jedes Mal, wenn ich mein Kostüm für die Walzervariationen anziehe: Ich fühle mich, als wäre ich zurückgereist in eine längst vergangene, glamourösere Zeit. Künstliche Diamanten funkeln wie Tropfen auf meinem Brustbein, und meine falschen Wimpern sind so lang und dunkel wie Schmetterlingsflügel. Laura, eine der Garderobieren, schließt die Haken an meinem Mieder, während ich die elfenbeinfarbenen Handschuhe überstreife.

Sobald mein Kostüm komplett ist, husche ich durch den Vorhang des Ankleideraums zu den Haarstylisten. Meine Freundin Zoe ist schon da und tippt ungeduldig mit ihrem Fuß in dem rosa Spitzenschuh auf den Boden.

»Beeilung!«, knurrt sie die gestresste Stylistin an, die eine diamantenbesetzte Schmuckspange an Zoes blassblondem Haarknoten befestigen will. »Nein, doch nicht so!« Sie schlägt die Hand der Frau weg.

Da uns kaum noch Zeit bleibt, beschließe ich, meine eigene Spange lieber selbst festzumachen. Und anscheinend hat Zoe dasselbe im Sinn, denn sie schiebt ihre Stylistin zur Seite, stellt sich vor mich und versperrt mir die Sicht auf den Spiegel.

»Ich bin vor dir dran«, protestiere ich, aber sie ist offenbar zu beschäftigt mit ihren Haarnadeln, um mir zuzuhören. Während ich versuche, um Zoe herumzuspähen, die ihren Platz vor dem Spiegel noch immer nicht freigibt, befestige ich den glitzernden Reif vor meinem Haarknoten. Dabei steche ich mir mit einer Haarnadel in die Kopfhaut. »Autsch«, wimmere ich. Dann stoße ich einen lauten Seufzer aus. »Zo«, sage ich, »du merkst schon, dass du mir im Weg stehst?«

»Was? Ach, hallo, Hannah!« Zoe wirbelt herum, als hätte sie mich gerade erst bemerkt. In ihren grünen Augen liegt geheuchelte Überraschung. Ihr Mund ist, genau wie meiner, voller Haarklemmen und -nadeln.

»Hallo«, entgegne ich und stemme die Hände in die Hüften. »Dürfte ich dann wohl mal?«

Zoe grinst, wendet sich wieder ihrem Spiegelbild zu und rückt einen knappen Zentimeter nach links, sodass ich mich nun beinahe auch im Spiegel sehen kann.

Gerade als ich mit dem Kopfschmuck fertig bin, höre ich die ersten Takte meiner Musik. Ich renne den dunklen Flur hinunter Richtung Bühne und spüre, wie mir eine lose blonde Haarsträhne hinterherweht. Schnell stopfe ich sie in meinen Dutt und drücke die Daumen, dass sie dort bleibt. Mein Partner, Jonathan, wartet in der abgedunkelten Seitenbühne auf mich, ein beruhigendes Lächeln im gut aussehenden, markanten Gesicht. Ich lasse mich in seine Arme sinken, und er hebt mich, die Hand in meinem Rücken, ins helle Scheinwerferlicht der Bühne.

Dort treffen wir auf die Dutzend anderen Tänzer des Corps, und gemeinsam drehen wir uns, bis wir aussehen wie ein wogendes, weißes Meer. Ich werde emporgehoben, und es ist, als würde ich fliegen.

»Huiiii!«, flüstere ich Jonathan zu, und er kichert.

Kronleuchter strahlen auf unsere durcheinanderwirbelnden Körper herab, und einen Moment lang frage ich mich, ob es so vielleicht auf einem Abschlussball zugeht. Meinen eigenen habe ich verpasst, denn da war ich schon beim Manhattan Ballett. Aber ich habe Pretty in Pink gesehen und Zehn Dinge, die ich an dir hasse, also kann ich es mir einigermaßen vorstellen: die Anfahrt in der Limousine, die versteckten Schnapsflaschen, die Mädchen in schulterfreien Satinkleidern und die Jungs in geliehenen Smokings. Erst tanzen alle eng umschlungen unter bunten Discolichtern, und später knutschen sie in den dunklen Fluren herum.

Manchmal habe ich das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Aber dann sage ich mir, dass man auf der Bühne sowieso meist viel aufregendere Sachen erlebt als im richtigen Leben.

Die Musik wird lauter, Jonathan stemmt mich noch einmal hoch, und Applaus brandet auf, als Lottie, die alternde Diva des Manhattan Ballet, von links die Bühne betritt, das kastanienbraune Haar zu einem festen, glatten Knoten geschlungen und glitzernde Diamantstecker in den Ohren. Ich kann die Leute im dunklen Zuschauerraum nicht sehen, aber ich weiß, sie sitzen dort draußen in ihren samtgepolsterten Sesseln und sehen uns zu, voller Erwartung und Begeisterung.

Und hier auf der Bühne fühle ich mich nicht wie ein Teenager – ich fühle mich wie eine Prinzessin, die sich mit ihrem Prinzen im Walzertakt wiegt.

* * *

Ich wollte schon Tänzerin werden, solange ich denken kann. Während all die anderen kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft auf Fahrrädern mit rosa Troddeln am Lenker durch die Gegend fuhren oder einander die neuesten modischen Accessoires für ihre Barbies vorführten, war ich beim Ballettunterricht und träumte von der Rolle der Marie im Nussknacker.

Jeden Tag holte meine Mutter mich von der Schule ab und fuhr mich zum Tanzunterricht nach Boston. Auf dem Rücksitz unseres Vans schlüpfte ich in mein Trikot und band mir vor dem Spiegel in der Sonnenblende die Haare zum Knoten. Mit den anderen Kindern in der Schule kam ich nicht besonders gut klar, aber sobald ich das Studio betrat, fühlte ich mich rundum wohl. Ich liebte die Disziplin des Trainings: Immer gab es einen Schritt, den man verbessern, eine Position, die man perfektionieren konnte. Und der Adrenalinstoß, den das Tanzen in mir auslöste – danach war ich geradezu süchtig.

Mit zehn erklärte ich meiner Mutter, ich wolle professionelle Tänzerin werden. Und anstatt bloß zu lächeln und mir den Kopf zu tätscheln, als wäre das bloß eine der vielen albernen Ideen einer eigenwilligen Fünftklässlerin, nahm sie mich ernst. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst Künstlerin ist – eine ziemlich erfolgreiche Keramikerin, um genau zu sein – und Kreativität deshalb für wichtiger hält als alles andere.

Wir fingen an, Ausflüge nach New York City zu machen, damit ich bei den besten Lehrern des ganzen Landes trainieren konnte. Den Sommer, in dem ich vierzehn wurde, verbrachte ich an der Manhattan Ballet Academy, und schon im August erhielt ich eine Einladung, ernsthaft dort anzufangen. Es war eine unglaubliche Chance, ein Traum, der endlich in Erfüllung zu gehen schien. Der einzige Haken? Ich musste nach New York ziehen – und zwar ganz allein.

Meine Eltern waren nicht gerade begeistert: Meine Mom machte sich Sorgen, weil ich dafür zu jung sei, und mein Dad, weil ich ausgeraubt werden könne. Sie hatten Bedenken wegen der Schlafräume in der Academy – Waren die Türen auch wirklich immer abgeschlossen, wohnten Jungen und Mädchen auf demselben Flur? –, und sie wollten wissen, ob die Highschool, die ich besuchen würde, die School of the Arts, auch Kurse in kreativem Schreiben, meinem Lieblingsfach, anbot. Außerdem war ihnen klar, dass es, obwohl ich bereits so weit gekommen war, keinerlei Garantie dafür gab, dass ich die Karriere machen würde, die ich mir wünschte. Deshalb musste ich ihnen bei einem der typischen Hippieabendessen meiner Mom, bestehend aus gebackenem Tofu und Yamspüree, begreiflich machen, dass dies die Chance meines Lebens war und ich das Risiko um jeden Preis eingehen wollte.

Ich konnte sehen, wie sehr die Vorstellung sie quälte (na ja, bei meinem Dad war sicher auch das Essen für seine Qualen mitverantwortlich; er konnte Tofu noch nie leiden). Doch sie verstanden, wie unglücklich ich sein würde, wenn ich zu Hause in Weston, Massachusetts, bleiben müsste – und dass ich mir jeden Tag wünschen würde, ich wäre an der Academy und könnte auf eine Stellung im Manhattan Ballett hinarbeiten, einer der besten Kompanien der Welt.

Nach einer Weile sah ich meinen Dad kaum merklich nicken. Mom wandte sich mir zu, und ihr Lächeln wirkte glücklich und traurig zugleich. »Na schön«, flüsterte sie.

Heute, fünf Jahre später, bin ich festes Corpsmitglied des Manhattan Ballett. Wir tanzen drei, vier Vorstellungen pro Abend vor ausverkauftem Haus in New York City, und wenn wir auf Tournee gehen, füllt das Publikum zuweilen Amphitheater mit fünftausend Plätzen.

Ich bin Balletttänzerin, aber ich bin keine Ballerina. Und es ist das aufregendste, wunderbarste und verrückteste Leben, das man sich nur vorstellen kann.

2

Moniques Kleid war die reinste Katastrophe«, erzählt Daisy, während sie ihr seidiges dunkles Haar zum Knoten schlingt. »Damit hätte selbst Gisele Bündchen ausgesehen wie Susan Boyle.«

Ich lache und nippe an meinem extragroßen Kaffee. Es ist Viertel vor zehn morgens, und ich sitze in der Garderobe – meinem zweiten Zuhause – und höre zwei meiner drei besten Freundinnen dabei zu, wie sie kritisch die letzte Folge von Project Runway analysieren. »War es echt so schlimm?«, frage ich.

»Ehrlich, ein totaler Kartoffelsack«, bekräftigt Daisy. Sie steht dicht vor dem Spiegel, den Mund offen, und tuscht sich die Wimpern.

»Tja, mit Kartoffeln kennst du dich ja aus«, necke ich sie und schlüpfe in mein schwarzes Trikot von Repetto.

Daisy verdreht die Augen und seufzt. »Mensch, Hannah, wie oft muss ich dir das noch sagen? Das ist Idaho, wo sie die vielen Kartoffeln anbauen.«

Ich grinse, denn das weiß ich natürlich; ich ziehe Daisy einfach gern auf, weil sie mit ihren sechzehn Jahren die Jüngste in unserer Garderobe ist und erst seit sechs Monaten zur Truppe gehört. Sie ist eine fanatische Tänzerin; sie lebt nur für das Ballett. »Idaho, Ohio, Iowa«, winke ich ab. »Ist doch alles dasselbe.«

»Ich bin aber aus Nebraska«, erwidert sie mit funkelnden Augen. Daisy stammt zwar aus dem Mittleren Westen, wirkt mit ihrer olivbraunen Haut aber ziemlich exotisch, weil ihre Mutter Jordanierin ist. Sie ist knapp eins sechzig groß, mit zartem Körperbau, knochigen Ellbogen und einem breiten, ansteckenden Lächeln. »Nebraska ist bekannt für seinen Mais.«

»Ach soooo«, gebe ich grinsend zurück. »Dann nehme ich natürlich alles zurück und behaupte das Gegenteil.«

Sie streckt mir die Zunge raus.

»Ich fand das Kleid eigentlich ganz in Ordnung«, sagt Bea, die gerade ihr leuchtend rotes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz bindet. »Ich meine, ein bisschen schlabberig war es schon, aber dafür sah dieses Plisseeteil doch ziemlich interessant aus.«

»Ach, Bea.« Ich lache. »Du findest aber auch immer irgendwas Nettes zu sagen.«

Beatrice Hall – Bea – kommt aus Maine. Sie ist, genau wie ich, neunzehn Jahre alt und meine beste Freundin, seit wir uns in der Manhattan Ballet Academy ein Zimmer geteilt haben. Sie ist ultrareligiös erzogen worden (ständig in die Kirche gehen, vor dem Essen beten und der ganze Kram) und das jüngste von acht Geschwistern, also musste sie schon früh Geduld und Diplomatie lernen. Aber Bea kann auch irre witzig sein. Sie hat riesengroße, schöne blaue Augen und blasse Haut mit jeder Menge Sommersprossen. Ihre Ohren stehen leicht ab, und ihre Beine, so lang wie die eines Fohlens, scheinen ihr bis zu den Achseln zu reichen.

»Meine Mutter hat mich eben gut erzogen«, erwidert sie und stupst mich mit dem Zeh an.

Kichernd stoße ich sie weg. »Bleib mir bloß mit deinen knubbeligen Füßen vom Leib.«

»Mit meinen knubbeligen Füßen? Hast du dir in letzter Zeit vielleicht mal deine Hühneraugen näher angeguckt?«

Mit einem Ruck geht die Tür auf. Im Rahmen lehnt Zoe Mortimer, eine Cola light in der Hand. Sie trägt ihren neuen kurzen Blazer von Prada und Skinny Jeans. Wie immer wirkt sie ziemlich hochnäsig, aber das ist keine Absicht; ihr Gesicht sieht einfach so aus. Sie ist auf der Park Avenue aufgewachsen und der reichste Mensch, den ich kenne. Diese Art von privilegierter Stellung lässt sich nun mal nicht verbergen.

Sie stemmt die Hände in ihre schmalen Hüften und grinst wie eine Katze, die gerade einen Kanarienvogel verspeist hat.

»Was ist?«, fragt Bea, die sich jetzt ihren Pferdeschwanz zum Zopf flicht. »Willst du uns nicht vielleicht verraten, warum du so zufrieden bist?«

Zoe wirft ihr langes, blondes Haar zurück und stakst bedächtig über Beas auf dem Boden verstreute Klamotten hinweg – Strumpfhosen, Stulpen, Jogginghosen und Trikots. »Moment, ich muss mich erst umziehen«, erklärt sie. Sie steigt aus ihrer Jeans und kramt in aller Seelenruhe eine frische Strumpfhose aus ihrer Tasche.

»Lass dir ruhig Zeit«, sage ich sarkastisch. »Immer schön die Spannung halten.«

Sie schenkt mir ein verschlagenes Grinsen, sagt aber immer noch nichts. Dann, nachdem sie in ihr graues Lycratrikot und eine zartrosa Strumpfhose geschlüpft ist, wendet sie sich uns zu. »Adriana hat gehört, dass Otto bald mit den Proben für sein neues Ballett anfängt.«

Otto Klein ist der Intendant des Manhattan Ballett, der Mann, der bestimmt, welches Stück aufgeführt wird und wer darin tanzt – und damit der Mann, der über unsere Zukunft entscheidet.

»Na, Wahnsinn«, entgegnet Bea gelangweilt. Nach ein paar letzten Handgriffen an ihrer Frisur schlägt sie eine von Zoes alten Vogues auf. »Hält Gumby das etwa für eine große Neuigkeit?«

»Wer ist denn Gumby?«, will Daisy wissen.

Bea lächelt. »Na, Adriana! Weil sie so irre gelenkig ist. Gumby – das ist doch dieses grüne Gummimännchen aus der Kinderserie … ach, egal, du bist wahrscheinlich einfach zu jung.«

Ich muss kichern. »Stimmt, wir tanzen immerhin – wie viele? – vierzig verschiedene Ballette pro Saison? Was soll denn jetzt an dem hier so besonders sein?« Ich gähne und fange ebenfalls an, mir das Haar zu einem hohen Knoten zu binden.

Zoe hebt eine Augenbraue und erzählt weiter. »Adriana sagt, Otto will diesmal einem Mädchen aus dem Corps die Hauptrolle geben. Darum hat er uns auch beim Training zugeguckt.«

Also, das ist jetzt wirklich eine Neuigkeit. Daisy legt ihren Augenbrauenstift beiseite, und Bea schlägt die Zeitschrift zu und setzt sich etwas gerader hin. Ich trinke einen Schluck Kaffee und warte darauf, dass Zoe weiterredet. Jetzt, nachdem sie es erwähnt hat, wird mir auch bewusst, dass Otto in letzter Zeit viel öfter bei uns war. Normalerweise sehen wir ihn höchstens zwei, drei Mal die Woche, aber seit Kurzem kommt er fast jeden Tag zu uns ins Studio. Dort steht er immer ganz hinten an der Spiegelwand, die Kiefer aufeinandergepresst, und trommelt mit den Fingern auf den Oberschenkeln herum.

»Ich hab gestern beim Unterricht gesehen, wie er dich beobachtet hat, Hannah«, sagt Bea. »Und vorgestern auch. Vielleicht hast du ja eine Chance.«

»Meinst du?«, frage ich, und ein kleiner, aufgeregter Schauder überläuft mich.

»Das bezweifle ich«, schnaubt Zoe leise. Sie beugt sich vor zum Spiegel, um die Schicht Lipgloss auf ihrem Schmollmund aufzufrischen.

»Wie bitte?«, hake ich nach.

Sie dreht sich zu mir um und schenkt mir ihr spezielles Zoe-Lächeln, das ungefähr zu zehn Prozent ehrlich ist. »Ist echt nicht böse gemeint, Han, aber ich würde mir keine allzu großen Hoffnungen machen«, antwortet sie. Sorgfältig reiht sie ihre Lippenstifte nebeneinander auf. »Es gibt so viele Mädchen im Corps, für die er sich entscheiden könnte. Zum Beispiel Adriana selbst. Oder …«

»Oder dich?«, ergänze ich.

Zoe nickt. »Ja, zum Beispiel mich. Hey, ich will doch bloß nicht, dass du hinterher enttäuscht bist, Hannah.«

»Ja, klar«, entgegne ich, plötzlich wütend. »Natürlich, dir liegen nur meine Gefühle am Herzen.«

»Ganz genau!«, bekräftigt Zoe. Sie tupft sich mit einem Papiertuch die Lippen ab und zeigt ihrem Spiegelbild dann einen Kussmund.

Daisy und Bea tun so, als wären sie völlig versunken in dem, was auch immer sie gerade machen. Sie haben gelernt, sich rauszuhalten, wenn Zoe und ich uns hin und wieder in die Haare bekommen.

Ich fange meinen eigenen Blick im Spiegel auf. Mir gegenüber steht ein Teenager mit haselnussbraunen Augen, hohen Wangenknochen und dunkelblondem Haar, das an regnerischen Tagen manchmal ein bisschen kraus wird. Entschlossen recke ich das Kinn vor und straffe die Schultern. Ich kann spüren, dass Zoe mich noch immer von der anderen Seite des Raums aus beobachtet, aber ich ignoriere sie. Wir wissen beide genau, was die andere denkt: Diese Rolle gehört mir.

Als wäre der Konkurrenzkampf zwischen seinen Tänzern nicht schon hart genug, heizt Otto ihn gern immer noch weiter an. Oft positioniert er Zoe und mich direkt nebeneinander, weil wir beide groß und blond sind, und höchstwahrscheinlich hätte er einen Heidenspaß daran, mit einer neuen Rolle einen Keil zwischen uns zu treiben. Man könnte sagen, Otto ist ein Anhänger der Nietzschen »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«-Schule.

»Tja, ich geh erst mal raus, eine rauchen.« Zoe steht auf und zieht einen weiten Pullover mit Zopfmuster über ihr Trikot. Sie will rauf aufs Dach, wo sich oft die Raucher treffen. »Vermisst mich nicht allzu sehr.« Die Tür knallt hinter ihr zu.

»Keine Sorge«, murmelt Bea zwischen den Zähnen hindurch und wirft ein Paar Spitzenschuhe in ihre Tasche. Bea geht Zoes Gehabe ziemlich auf die Nerven; sie erträgt sie nur meinetwegen. »Es darf natürlich nicht sein, dass Otto mal auf irgendwas anderes guckt als Zoes knochigen Hintern«, sagt sie, als Zoe sicher außer Hörweite ist. »Ihr Arsch ist doch so eingefallen, da kann man Suppe draus essen!« Sie löffelt pantomimisch mit einer Riesenkelle Suppe in ihren Mund, und Daisy bekommt einen Kicheranfall.

Ich muss so sehr lachen, dass ich beinahe meinen Kaffee ausspucke, aber insgeheim frage ich mich, was sie wohl über mich reden, wenn ich nicht im Raum bin.

»Du kannst sagen, was du willst«, meint Daisy mit verklärtem Blick, »aber ich wäre froh, wenn ich wie Zoe aussähe.«

Einen Moment lang stütze ich den Kopf auf die Hände. Auch wenn sie ein ziemlich verzogenes Balg sein kann, streite ich mich trotzdem nicht gern mit Zoe. Mir bleiben noch zehn Minuten bis zum Ballettunterricht, also beschließe ich, mich mit ihr zu vertragen.

Ich fahre mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk und haste dann die letzte Treppe zum Dach hoch. Die schwere Metalltür mit der Aufschrift NUR NOTAUSGANG ächzt, als ich sie aufdrücke. Im Theater gibt es keine Fenster – weder in den Studios noch in den Garderoben noch sonst wo –, darum muss ich in der hellen Septembersonne blinzeln.

Ich sehe mich nach Zoe um, aber aus irgendeinem Grund ist sie nicht hier oben. Ein leerer Starbucks-Becher rollt in der sanften Brise auf mich zu. Die riesige Klimaanlage des Gebäudes gibt ein lautes Brummen von sich und verströmt heiße Luft über dem flachen schwarzen Dach.

Ich gehe bis zur Kante und blicke nach unten. Dort liegt der große Vorplatz des Avery Center. Hier und da stehen Touristengrüppchen, und ich meine, Jonathan zu erkennen, der, wie üblich zu spät, auf das Theater zuhumpelt, weil er sich gestern beim Proben das Kreuzband gezerrt hat. Hinter ihm schießt der Springbrunnen auf dem Platz glitzernde Wasserfontänen in die Luft.

Ich schließe die Augen, atme tief ein, und alle Gedanken an Zoe verschwinden. Die Luft trägt schon die erste herbstliche Schärfe in sich, was den Beginn eines weiteren Jahres beim Manhattan Ballett markiert.

Will Otto die neue Hauptrolle wirklich einem Mädchen aus dem Corps geben? Falls ja, befördert er vielleicht eine von uns zur Solotänzerin.

Allzu schnell wird man zur Eintagsfliege. »Worauf warte ich noch?«, frage ich laut. »Das hier ist mein Jahr.« Ich sehe zum Himmel hoch, und die fedrigen Wölkchen dort oben scheinen zu tanzen. »Dieses Jahr«, erkläre ich ihnen, »werde ich befördert.«

Ich gehe auf die andere Seite des Dachs und sehe hinunter auf den Verkehr des Broadways. Zwei Taxis liefern sich ein Hupduell, und an der Ecke Broadway und Sechsundfünfzigste Straße macht ein Mann in Laufklamotten Hampelmänner, während er darauf wartet, dass die Ampel grün wird. Ein gelber Schulbus spuckt eine Gruppe Schüler aus, die einen Ausflug zum Avery Center machen. Ich sehe zu, wie sie einer nach dem anderen die Stufe zum Vorplatz hochsteigen, die Münder ehrfürchtig geöffnet angesichts der gigantischen Architektur der Gebäude.

Ich verbringe die meisten wachen Stunden in dem Gebäude direkt unter meinen Füßen, aber draußen liegt eine ganze Welt, voller geschäftigem Treiben. Ich denke an all die Sehenswürdigkeiten in der Nähe, die ich niemals wirklich sehe: die Lichter und Menschenmengen auf dem Times Square, die Restaurants und Bars von Hell’s Kitchen, die Galerien von Chelsea, die von Bäumen gesäumten Straßen des West Village und die Boutiquen und Rockclubs des East Village. Wenn ich nicht Tänzerin von Beruf wäre, würde ich mich vielleicht mehr als Teil von New York fühlen. Aber fürs Erste ist dieses Theater meine ganze Welt, und diejenige dort draußen vermisse ich kein bisschen.

Ich wende mich ab und gehe auf die Tür zu, wobei ich einen Schwarm Tauben aufscheuche, der sich auf dem Dach niedergelassen hatte. Was ich mir geschworen habe, soll mein Geheimnis bleiben. »Du schaffst das«, flüstere ich.

3

Hannah, bist du gleich dran?«, fragt eine tiefe, raue Stimme.

Es ist Harry, einer der Bühnenarbeiter, der im Backstagebereich steht, wo ich auf meinen Auftritt warte. Er ist ungefähr eins neunzig groß und wiegt wohl an die hundertfünfzig Kilo, hat freundliche Augen und einen so gut wie nicht vorhandenen Hals. Harry arbeitet schon länger an diesem Theater, als ich auf der Welt bin. Auch sein Großvater und sein Vater waren schon Bühnenarbeiter. Mittlerweile weiß Harry mindestens genauso viel über Ballett wie die meisten Menschen, die ich kenne.

»Hey, du«, begrüße ich ihn und rolle den Kopf hin und her, um meine Nackenmuskeln ein letztes Mal zu dehnen. »Ich muss in ein paar Minuten raus.«

»Na, dann Hals- und Beinbruch.« Harry lächelt. Wie aus dem Nichts taucht dann plötzlich Matilda auf, seine neunjährige Tochter, in einem verschlissenen Tutu und ausgetretenen Nikes.

»Hannah!«, stößt sie atemlos hervor, die runden Wangen rot vor Aufregung.

Matilda kommt nicht oft hierher – der Backstagebereich ist nicht gerade ein Ort für Kinder –, deswegen überrascht es mich jedes Mal, dass sie sich an meinen Namen erinnert und sich so offensichtlich freut, mich zu sehen. Sie ist ihrem Alter ziemlich weit voraus.

»Hey«, sage ich, »du hast ja ein Tutu an. Tanzt du heute Abend mit?«

Sie kichert. »Das wäre schön! Aber ich hab demnächst auch eine Aufführung. Kennst du die Delancey Dance Academy? Das ist meine Ballettschule«, verkündet sie mit stolzgeschwellter Brust.

Harry fährt seiner Tochter durch die dunklen Locken. »Mattie will auch mal Ballerina werden, wenn sie groß ist.«

Ich blicke auf das lächelnde kleine Mädchen mit den beiden Zöpfchen und dem schmutzigen Tutu hinunter. Ihr Gesicht glüht richtig vor Begeisterung. Das Theater muss ihr wie eine Zauberwelt vorkommen – bei mir war es jedenfalls früher so. Als ich hier Schülerin wurde, hätte ich am liebsten auf der Bühne geschlafen, unter den Reihen von Scheinwerfern, die wie weit entfernte Planeten glitzerten. Manchmal, wenn niemand in der Nähe war, setzte ich mich an den Bühnenrand, ließ die Beine in den Orchestergraben baumeln und starrte ehrfürchtig hinaus in den riesigen, leeren Zuschauerraum mit seiner goldverzierten Decke und den kristallenen Kronleuchtern.

»Ich möchte mal Schwanensee tanzen«, informiert mich Mattie.

»Toll!«, sage ich. Aber ich kann bereits erkennen, dass Mattie den Körperbau ihres Vaters geerbt hat, was eine eher schlechte Voraussetzung für eine Ballettkarriere ist. Harry ist nicht wie ein Tänzer gebaut, sondern wie ein Panzer. »Das klingt super.«

»Aber dieses Jahr tanzen wir den Nussknacker«, fügt sie hinzu.

»Wow«, entgegne ich. »Weißt du was? Dafür proben wir auch gerade. Wir tanzen den Nussknacker jedes Jahr, immer ab dem Tag nach Thanksgiving.«

Harry lächelt nachsichtig. »Es ist nicht der richtige Nussknacker«, flüstert er mir zu. »Sie ziehen nur Zuckerfee-Kostüme an. Meine Frau plagt sich schon die ganze Zeit mit dem verdammten Ding ab.« Er lacht. »Aber Mattie tanzt nun mal so gern. Stimmt’s, mein Schatz?«

Matilda nickt fröhlich. »Ich will auch mal so ein Kostüm wie deins«, haucht sie. Das Rot ihrer Wangen wird noch dunkler.

Ich sehe an mir herunter auf mein silbriges Satinkostüm und berühre ehrfurchtsvoll, fast beschützend, eine der von Hand angenähten Perlen. »Ich drücke dir die Daumen«, flüstere ich zurück.

Dann taucht Luke auf, mein Partner in Four Winds, um noch einmal die Pirouetten zu üben, die wir im ersten Teil zusammen machen. Er beachtet Harry und Matilda gar nicht, sondern greift einfach nach meiner Hand. Für viele Tänzer sind die Bühnenarbeiter schlicht unsichtbar, wie Möbelstücke, die schon ewig am selben Platz stehen. Sie begreifen einfach nicht, dass ohne diese Bühnenarbeiter nichts – absolut gar nichts! – so laufen würde, wie es soll.

»Bitte«, fleht Luke. »Ich bin so nervös.« Er blinzelt mich mit seinen großen, etwas wässrigen grünen Augen an.

Er tut mir leid, also nicke ich. »Na schön, dann komm. Streck die Arme aus.« Ich habe dieses Ballett schon Dutzende Male getanzt, und es ist kein einfaches Stück, darum kann ich seine Sorge verstehen. Ich mache einen Schritt in seine Arme.

Matildas Augen werden noch größer. Jetzt bekommt sie sogar eine spontane Vorführung zu sehen.

Ich zähle vier Takte, damit Luke sich bereit machen kann, dann fange ich an, mich zu drehen. Doch schon bei der ersten Pirouette knicke ich rechts weg, weil Luke mich nicht auf meinem Standbein hält.

»Halt mich ruhig fester«, ermutige ich ihn. »Du tust mir schon nicht weh.«

Beim nächsten Mal macht er es besser, und ich vollführe drei Drehungen. Matilda applaudiert.

»Gut!«, lobe ich ihn. »Das wird schon klappen.«

Doch genau in diesem Moment stolziert Otto Klein an uns vorbei, die Stirn leicht gerunzelt, während er einen Schluck aus seiner Flasche Evian nimmt, und Luke erbleicht sichtlich. »Guckt er heute Abend etwa zu?«, flüstert er.

»Glaub ich nicht«, antworte ich kopfschüttelnd, denn ich weiß, dass Ottos Gegenwart Luke nur noch nervöser macht, sodass er womöglich gleich wieder vergisst, was ich ihm gesagt habe, und mich nicht fest genug hält.

Mir ist natürlich klar, dass Otto garantiert zusehen wird, und bei dem Gedanken schlägt mein Herz schneller.

Ich winke kurz Harry und Matilda zu, und Luke und ich gesellen uns zum hübschen Jonathan und der schlaksigen Adriana, die bereits am Bühnenrand warten. Die Lichter auf der Bühne werfen rosa, gelbe und blaue Strahlen hinter die Kulissen, wie eine Sonne, die durch die Wolken scheint. Wir zählen unsere Achtertakte mit, um sicherzustellen, dass wir auch zum richtigen Zeitpunkt rausgehen. Es wirkt vielleicht übertrieben, aber ich zähle die Takte gern an den Fingern ab, damit ich nicht durcheinanderkomme.

Am Ende des neunten Achtertakts gehen wir geschlossen auf die Bühne und nehmen Aufstellung. Jedes Mal, wenn ich aus den Kulissen ins Rampenlicht trete, habe ich das Gefühl, fünf Zentimeter zu wachsen. Ich lausche auf die Musik, und sie kitzelt die Erinnerungen meines Muskelgedächtnisses hervor. Mit einer Schrittfolge aus Tombé, Glissade und Piqué tanze ich in Lukes Arme. Vor der Pirouette hole ich tief Luft. Bei der ersten Drehung wackelt mein Standbein ein wenig, aber ich spanne meine Rumpfmuskulatur an und schaffe es so, mein Gewicht in der zweiten Drehung wieder exakt über meinen Zeh zu verlagern.

»Entschuldige!«, flüstert Luke.

»Schon gut!«, flüstere ich zurück, obwohl ich ein bisschen sauer auf ihn bin.

Wir flitzen zurück in die alte Aufstellung. Schnell hebt Luke mich hoch für den Pas de Chat, und wir überkreuzen uns mit den Paaren von der linken Bühnenseite. Ich nehme ein B-Plus ein (ein Bein elegant hinter dem anderen gekreuzt) und mache einen Knicks in Richtung der Paare zu unserer Linken und dann zu unserer Rechten, wie um sie zu begrüßen: »Hallo, Adriana. Hallo, Olivia.«

Auf der Bühne sind wir ein Team; alle Sorgen wegen Konkurrenz, Besetzung und Beförderungen sind vergessen, und wir geben uns einfach nur dem Tanzen hin.

Als die Musik aufhört, bricht das Publikum in Applaus aus. Ich mache meinen letzten Knicks und spüre Adrenalin durch meinen Körper strömen.

»Danke fürs Nicht-Fallenlassen«, raune ich Luke zu, während wir uns verbeugen.

»Jederzeit gern«, erwidert er grinsend.

Immer noch völlig außer Atem laufe ich hinter die Bühne, um einen Blick auf den Plan für morgen zu werfen. Darauf steht alles – in welchen Stücken wir tanzen, für welche wir proben und welche Rolle wir vielleicht ergattern können. Wir Tänzer studieren diesen Plan wie die Heilige Schrift. Wenn dein Name unter einem Solopart oder einer Hauptrolle steht, darfst du davon ausgehen, dass Otto Potenzial in dir sieht und es mit deiner Karriere aufwärtsgeht. Wirst du hingegen für immer kleinere Rollen im Corps eingesetzt, bedeutet es das genaue Gegenteil. Da wir innerhalb einer Saison so viele verschiedene Ballette tanzen, bietet jedes einzelne davon, zumindest theoretisch, die Chance auf eine gute Rolle. Also sind wir immer voller Hoffnung – auch wenn diese oft enttäuscht wird.

Mittlerweile sind alle Lichter aus; nur eine einsame blaue Glühbirne wirft ihren trüben Schein auf das Schwarze Brett, sodass der Plan gerade noch zu erkennen ist. Ich suche das Blatt nach meinem Namen ab, und als ich ihn schließlich entdecke, verschlägt es mir für einen kurzen Moment den Atem: Ich bin die Zweitbesetzung, nach Lottie Harlow, für die Hauptrolle in Ottos neuem Ballett. Die Rolle, die Zoe und ich beide im Auge hatten.

Ein aufgeregter Schauder durchläuft mich. Na gut, wirklich bekommen habe ich die Rolle nicht, aber immerhin will Otto, dass ich sie einstudiere! Wenn Lottie irgendwas zustoßen sollte, vertraut er die gesamte Verantwortung für das Stück mir an. Ich muss lächeln und mache vor Freude einen kleinen Hopser. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen für meine Zukunft?

Bea huscht neben mich, immer noch schwer atmend nach dem Auftritt, und sucht auf dem Plan nach ihrem Namen. »Im Ernst jetzt? Ich soll schon wieder Unraveling in G tanzen?« In dem schummrig-blauen Licht wirken ihre roten Lippen schwarz, und ihre Sommersprossen liegen unter einer dicken Schicht Theaterschminke verborgen. »Das ist ja, als wäre ich immer noch in der Ausbildung«, stößt sie grimmig hervor.

»So ’n Mist«, bestätige ich. Und dann, ich kann einfach nicht anders, sprudelt es aus mir heraus: »Ich bin Lotties Zweitbesetzung in Ottos neuem Ballett.«

»Tatsache?« Beas Miene hellt sich sofort auf. »Super!« Sie drückt mich kurz an sich. »Siehst du? Otto hat dich wirklich beobachtet.«

Als Nächstes kommen Daisy und Zoe, um nach ihren Namen zu suchen. Zoe drängelt sich an uns vorbei und schubst Bea dabei fast um.

»Mann, Zo«, stöhnt Bea. »Geht’s vielleicht noch ein bisschen ruppiger?«

Zoe beachtet sie nicht und juchzt zwei Sekunden später auf. »Ich bin Lotties Zweitbesetzung«, sagt sie und dreht sich lächelnd zu uns um. Ihre perfekten weißen Zähne blitzen.

Sofort wird mir das Herz schwer. Natürlich lässt Otto uns wieder mal gegeneinander antreten.

»Sieht ganz so aus, als hätte Otto mich auch beobachtet, was?«, fragt Zoe verschlagen.

»Äh, ja«, murmele ich.

»Hey«, ruft Daisy. »Leute, wo bin ich denn?« Sie versucht, einen Blick auf den Plan zu erhaschen, aber wir stehen alle im Weg. Sie fängt an, auf und ab zu hüpfen, um über Zoes Schulter sehen zu können.

»Du bist in Sinfonie in G und in Haiku«, sage ich.

»Ja!« Daisy macht eine Siegerfaust. »Ich wollte schon immer mal in Haiku tanzen.«

Zoe beugt sich zu mir rüber und flüstert mir ins Ohr: »Kleiner Trottel. Das ist so ziemlich die langweiligste Rolle in unserem Repertoire.«

»Sie hat echt keine Ahnung«, wispere ich zurück. »Aber wenigstens ist sie glücklich in ihrem Wahn. Du weißt doch, wenn sie gestresst ist, frisst sie nur wie ein Scheunendrescher.«

Zoe kichert.

»Das ist so cool, dass ihr zwei Lotties Rolle lernt«, sagt Bea extralaut, damit Daisy nicht hört, wie wir sie einen Trottel nennen, nur weil sie sich so über ein Anfängerballett freut.

Aber Daisy merkt überhaupt nichts; sie hüpft los in Richtung Aufenthaltsraum, sodass ihr dunkles Haar sich aus dem Knoten löst.

Zoe wendet sich wieder mir zu und sagt betont gleichgültig: »Weißt du, Otto probt das Stück wahrscheinlich mit einer kompletten zweiten Besetzung. Das heißt, eine von uns tanzt es auf jeden Fall.« Sie zieht die Schultern zurück und schenkt mir ein kleines Lächeln. »Ich frage mich, für wen von uns er sich wohl entscheidet …«

Ich zucke die Achseln und drehe mich um, obwohl es in meinem Inneren nur so brodelt. Wir alle wollen größere und bessere Rollen. Dieser Drang ist tief in uns verwurzelt – das Streben nach Erfolg ist für uns so selbstverständlich wie das Atmen.

Hinter mir höre ich Zoe kichern. Sie scheint sich für unheimlich witzig zu halten.

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass Zoe und ich Freundinnen geworden wären, wenn sie sich nicht so um mich bemüht hätte, als ich frisch an der Manhattan Ballet Academy anfing. Wie ich war sie eins der jüngsten Mädchen in Stufe C, und im Unterricht stand sie neben mir. Ich war zu schüchtern, um viel mit ihr zu reden, aber froh, so etwas wie eine Freundin gefunden zu haben.

Nach ein paar Wochen unterhielten wir uns schon öfter, und irgendwann lud Zoe mich zum Abendessen in ihr Apartment ein. Da ich mich bislang von der undefinierbaren Pampe ernährt hatte, die sie in der Cafeteria als Essen auszugeben versuchten, war ich begeistert über die Aussicht auf ein richtiges, selbst gekochtes Essen. Außerdem – auch wenn ich das Zoe gegenüber niemals zugegeben hätte – sehnte ich mich danach, von einer Mutter umsorgt zu werden, auch wenn es nicht meine eigene war. Ich war damals vierzehn und ganz allein in New York. Das war eine harte Zeit.

Als ich die Eingangshalle von Zoes Wohnung an der Park Avenue betrat, schoss ein kläffender Pekinese auf mich zu und versuchte, mich in die Knöchel zu zwicken.

»Hallo, Hannah«, gurrte Zoes Mutter, die im Türrahmen lehnte. »Ich bin Dolly. Zoe hat mir so viel von dir erzählt.« Dollys Haar leuchtete in einem etwas dunkleren Goldton als Zoes, aber Mutter wie Tochter hatten die gleichen auffällig grünen Augen. Dolly trug einen Hausmantel aus blutrotem Samt, der sich eng an ihre schmale Figur schmiegte. Als sie mich umarmte und an ihr knochiges Brustbein drückte, wurde mir beinahe schwindelig von ihrem Parfüm. Dann trat sie einen Schritt zurück und reckte den Hals.

»Zoe!«, rief sie den Flur hinunter.

Keine Antwort.

»Sie ist so schrecklich faul«, seufzte Dolly. Dann schenkte sie mir ein breites Lächeln und nahm ihr Martiniglas vom Flurtischchen, das dort einen feuchten Ring hinterlassen hatte. »Ihr Zimmer ist das vierte auf der linken Seite.« Sie stemmte den Ellbogen in die Kurve ihrer Hüfte und ließ ihren Drink im Glas kreisen, während sie mich von oben bis unten musterte. »Wenn du mich jetzt entschuldigst.«

Wie ich später herausfinden sollte, war Dolly die Tochter eines texanischen Ölbarons und, Daisy zufolge, sehr spendabel gegenüber dem Manhattan Ballet. Ihre Partys und zahlreichen Bettgeschichten sicherten ihr einen Stammplatz in den Klatschblättchen. Dolly hatte bereits zwei Klinikaufenthalte hinter sich, angeblich stressbedingt – in Wirklichkeit aber, so wurde gemunkelt, wegen Anorexie, Magersucht. Ein Mal, ein einziges Mal, habe ich sie essen sehen. Und zwar den Stängel Sellerie aus ihrer Bloody Mary.

Ich erinnere mich, wie ich mich damals durch den Flur auf den Weg zu Zoes Zimmer machte und zögerlich anklopfte.

»Komm rein«, rief Zoe. Sie saß auf dem Boden und pustete ihre frisch lackierten Zehennägel trocken. Ein Musikvideo plärrte von dem an der Wand befestigten Flachbildfernseher. »Wollen wir Sushi bestellen?«, fragte sie und warf mir eine Speisekarte zu. »Die machen das beste in der ganzen Stadt. Ich liebe die Spider Rolls.«

Ich sah mich in ihrem riesigen Zimmer voller teurer Möbel und moderner Kunst (am Fenster entdeckte ich einen von Andy Warhols Panda-Drucken) um. Zoe passte perfekt hierher: Sogar ihre leicht nach oben weisende Nasenspitze und die ausgeprägten Wangenknochen schienen ihr die genetische Veranlagung zum Reichsein zu bescheinigen.

Ich suchte mir nur ganz wenige Sachen von der Karte aus und kam damit trotzdem gleich auf über sechzig Dollar. »Ich hab Moms Kreditkarte«, ermutigte mich Zoe, »nimm ruhig mehr.«

»Sollen wir für sie auch was mitbestellen?«, fragte ich.

Zoe schüttelte den Kopf. »Sie geht noch aus. Robert de Niro feiert eine Party im Ago.«

»Oh … okay.« Was blieb mir da noch zu sagen?

Während wir auf unser Sushi warteten, hörten wir Dolly durch die Wohnung stöckeln und sich zum Ausgehen fertigmachen, aber sie klopfte nicht an Zoes Tür, um sich zu verabschieden. Es wirkte eher, als wären sie eine Wohngemeinschaft anstelle von Mutter und Tochter – Mitbewohner, die einander nicht allzu sehr am Herzen lagen.

Wir aßen in Zoes gigantischem Wohnzimmer. Weit unter uns funkelten die Lichter der Park Avenue. Später türmten sich auf dem Couchtisch leere Sushischalen und Sojasoßenpäckchen. »Lass das ruhig liegen«, sagte Zoe. »Darum kümmert sich Gladys morgen früh.«

»Wer ist denn Gladys?«

»Unsere Haushälterin«, antwortete Zoe nüchtern. »Krieg ich noch welche von deinen Salmon Skin Rolls?«

Das selbst gekochte Familienessen, nach dem ich mich so gesehnt hatte, habe ich an diesem Abend also nicht bekommen. Und auch danach nicht, obwohl ich noch Dutzende Male bei Zoe zu Hause war und manchmal sogar über Nacht blieb.

Inzwischen war ich schon lange nicht mehr bei ihr eingeladen, aber gut, wir sind ja auch keine Kinder mehr. Ich brauche keine Mutterfigur mehr. Das Einzige, was ich brauche, ist die Rolle in Ottos Ballett.

4

Zur Feier des Tages, weil ich immerhin als Zweitbesetzung für Lottie ausgewählt wurde, beschließe ich, am Samstag nach der Vorstellung in die Stadt zu fahren. Ich verzichte auf meine übliche Körperpflegeprozedur nach dem Tanzen und massiere mir nur etwas Arnikagel in die entzündeten Fußballen. Dann schlüpfe ich in ein Paar Stiefel und ein Wickelkleid, das meine Mutter in den Siebzigern getragen hat. Das Taxi fährt mich die Seventh Avenue hinunter zu Gene’s, dem Restaurant meines Cousins Eugene im West Village. Ich habe nichts zu Mittag gegessen und bin kurz vorm Verhungern.

Es regnet, und die Straßenlaternen zeichnen gelblich weiße Streifen über die Taxifenster. Hier und da hasten Leute unter schwarzen Regenschirmen die Bürgersteige entlang. In den Rinnsteinen sammelt sich das Wasser zu Pfützen, auf denen kleine Zeitungs- und Kaffeebecherboote treiben.

Kurz nachdem ich nach New York gezogen war, schien es mir unvorstellbar, dass diese Stadt sich eines Tages wie mein Zuhause anfühlen könnte. So tapfer ich mich auch gab, in den ersten Wochen an der Manhattan Ballet Academy traute ich mich nicht mal, die Upper West Side zu verlassen oder im Dunkeln rauszugehen. Trotzdem fand ich New York absolut faszinierend. Klar, die Leute auf den Bürgersteigen drängelten ziemlich und sahen einem selten in die Augen, aber das lag eben daran, dass sie so beschäftigt und zielstrebig waren. Die Energie dieser Stadt war geradezu mit Händen greifbar. Einfach nur draußen unterwegs zu sein, den Broadway hinunterzulaufen, war wie einen starken Espresso zu trinken.

Vermutlich geht es den neuen Schülern der MBA heute genauso. Sie sind noch so frisch hergezogen, dass sie sich voller Staunen und Ehrfurcht umsehen. Darum beneide ich sie.

Aber ich beneide auch Zoe, die in all das hineingeboren wurde. Sie ist praktisch um die Ecke der Metropolitan Opera aufgewachsen und hat mit gerade mal acht Jahren an der MBA angefangen. Sie ist so ehrgeizig und abgebrüht wie nur wenige Neunzehnjährige und scheint mit dieser Haltung ziemlich erfolgreich durchs Leben zu kommen.

Ich frage mich, ob es die Stadt selbst ist oder die Welt des Balletts, die einen so hart macht. Das Zeug dazu hätten beide.

»Siebzehn vierzig«, sagt der Taxifahrer und holt mich damit zurück in die Realität.

Ratternd spuckt der Drucker die Quittung aus, während ich nach einem Zwanziger krame. »Der Rest ist für Sie«, sage ich und husche in die schummrige Wärme des Restaurants.

Trudy, die Barkeeperin, winkt mir zu und gießt gleich ein Glas Rotwein für mich ein, obwohl sie weiß, dass ich dafür eigentlich noch zwei Jahre zu jung bin. Nervös blicke ich mich um, für den Fall, dass mich jemand nach dem Ausweis fragen könnte, aber ich sehe nur eine Gruppe grauhaariger alter Männer in der Ecke, die Wein trinken und über Baseball diskutieren, und weiter hinten ein lachendes junges Pärchen.

Ich setze mich an die Bar und ziehe mein Buch hervor, das ich seit Juli zu lesen versuche – Frankenstein. Aber ich bin noch zu aufgedreht von meinem Auftritt und kann mich nicht konzentrieren. Gedankenverloren beobachte ich das Pärchen, und plötzlich dreht sich der Typ um und sieht mir direkt in die Augen. Er hat dunkle Haare und helle Haut mit einem leichten Anflug von Bartstoppeln am Kinn, und er ist unheimlich süß. Einen Moment lang hält er meinen Blick fest, während seine blonde Freundin eine SMS tippt, und dann lächelt er mich an – ein breites, warmes, überraschendes Lächeln.

Hastig senke ich den Kopf und spüre, wie eine heiße Röte meinen Hals hinauf in meine Wangen strömt. Ich bin zu verlegen, um zurückzulächeln.

»Bitte schön«, sagt Trudy und reicht mir einen großen Kelch Wein. »Und Prost.«

»Danke.« Ich krame ein paar Dollar Trinkgeld für sie heraus, aber den Wein selbst bezahle ich nicht. Sonst wird Eugene nur sauer auf mich; das, und seine entspannte Haltung, was das Trinken unterhalb der gesetzlichen Altersgrenze angeht, sind nur zwei der ...

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