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Tanz mit mir, Prinzessin!

1. KAPITEL

Schon immer hatte es diese Tage gegeben, an denen Prinzessin Sophie Renee Agustus Mead die Tatsache verfluchte, zur Herrscherfamilie des kleinen Königreichs Morgan Isle zu gehören. Denn ihr Leben als Schwester des regierenden Königs war sehr von Tradition und Etikette bestimmt.

Und heute war wieder ein solcher Tag.

Ihr Bruder Phillip saß an dem Schreibtisch in seinem Büro und sah seine Schwester ernst an, die unwillig die Augenbrauen hochzog.

Sophie liebte ihren Bruder, aber manchmal erinnerte er sie zu sehr an ihren verstorbenen Vater. Phillip hatte das gleiche schwarze Haar und die rauchgrauen Augen, war ebenfalls sehr groß und schlank, dabei aber muskulös. Und er konnte genauso stur wie der Vater sein.

Auch Sophie hatte Eigenschaften des Vaters geerbt, sein leicht aufbrausendes Temperament und das Bedürfnis, hin und wieder aus diesem goldenen Käfig auszubrechen. Jetzt aber atmete sie einmal tief durch und bemühte sich, ihren Zorn zu zügeln. Denn sie hatte schon früh begriffen, dass Temperamentsausbrüche auf ihren Bruder keinerlei Eindruck machten. „Als du mir die Mitarbeit an dem Hotelprojekt angeboten hast, hast du nicht erwähnt, dass ich auch noch Babysitter spielen muss.“

Er lächelte. „Aber keiner kennt Morgan Isle so gut wie du. Und wenn der Architekt sich bei seinen Entwürfen von der einzigartigen Landschaft inspirieren lassen soll, dann muss er sie doch erst einmal kennenlernen.“

Und sie hatte sich so sehr gewünscht, ja, sie hatte gehofft, dass ihr zum ersten Mal im Leben eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen wurde. Dass sie endlich nicht nur die typischen Tätigkeiten eines Mitglieds des königlichen Hauses wahrnehmen musste. Sophie hatte es satt, nur Partys zu planen, Wohltätigkeitsveranstaltungen zu besuchen oder Schulen einzuweihen.

Und beide, ihr Bruder Phillip und ihr Halbbruder Ethan, hatten ihr versprochen, dass sie aktiv an den Projekten der kürzlich erworbenen Hotelkette mitarbeiten könnte. Doch das, was der Bruder ihr jetzt anbot, ähnelte doch sehr viel mehr ihren früheren unbefriedigenden Aufgaben. Sie sollte den Architekten herumführen. Na und? Ganz eindeutig hatte sie das kürzere Streichholz gezogen.

Aber wenn Sophie sich weigerte, bestand die Gefahr, dass ihr Bruder sie ganz aus dem Projekt ausschloss. Im Grunde missbilligte er ihren Wunsch zu arbeiten und hätte sie viel lieber verheiratet und als glückliche Mutter gesehen, daraus machte er ja kein Geheimnis. Da er selbst erst vor Kurzem Vater geworden war und Ethans Frau Lizzy ihr erstes Kind erwartete, schienen alle Blicke neugierig auf Sophie zu ruhen. So, als wäre sie als letzte ihrer Geschwister jetzt an der Reihe, endlich zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Nur war Sophie genau dazu nicht bereit, ja, sie zweifelte sogar daran, dass es jemals dazu kommen würde.

„Na gut“, sagte sie schließlich und zwang sich zu lächeln. „Ich mache es. Auch wenn ich, ehrlich gesagt, nicht gerade wild darauf bin, mich zwei Wochen mit einem Fremden abzugeben.“

Erleichtert lehnte Phillip sich zurück. „Dann wird es dich freuen zu hören, dass du den Mann kennst.“ „Was? Ich kann mich an keinen amerikanischen Architekten erinnern.“

„Das Ganze ist auch schon viele Jahre her. Und damals war er noch kein Architekt. Ich hatte ihn mal in den Semesterferien mitgebracht, und er war dann zwei Wochen bei uns.“

Sophie riss die Augen auf und starrte ihren Bruder entsetzt an. Wollte er damit sagen … meinte er etwa … Nein, das konnte nicht sein!

„Wenn ich mich richtig erinnere“, sagte Phillip und verschränkte die Arme vor der Brust, „seid ihr beide sogar sehr gut miteinander ausgekommen.“

Wenn er wirklich den Mann meinte, an den sie gerade dachte, dann war „gut miteinander ausgekommen“ völlig untertrieben. Denn diese zwei Wochen … Aber Phillip konnte unmöglich wissen, was sich damals abgespielt hatte.

Als sich hinter ihr die Bürotür öffnete, drehte Sophie sich schnell um. Ihr Bruder Prinz Ethan kam herein und hinter ihm ein Mann, der ihr mehr als bekannt war. In den inzwischen vergangenen zehn Jahren hatte er sich kaum verändert. Immer noch trug er das hellbraune Haar sehr kurz geschnitten, und die schmalen Augen unter den dunklen Brauen waren so intensiv blau wie damals. Von diesen Augen war sie besonders fasziniert gewesen, und sie hatte sich durchaus vorstellen können, mit diesem Mann ihr Leben zu teilen. Aber dann war alles anders gekommen.

Hinter Ethan trat Alexander Rutledge durch die Tür, der einzige Mann, den sie jemals geliebt hatte.

Normalerweise verhielt sich Phillip eher reserviert. Aber jetzt sprang er auf und umarmte den Freund stürmisch. „Alex, wie schön, dass du da bist!“

„Ja, endlich! Ich freue mich auch sehr, dich und Morgan Isle wiederzusehen.“ Herzlich erwiderte Alex die Umarmung. Dabei stand er so dicht neben Sophie, dass sie ihn hätte berühren können. Dennoch schien er sie kaum zu bemerken. Hatte er sie vollkommen vergessen?

Irgendwie versetzte ihr dieser Gedanke einen Stich, obgleich es albern war, wie sie sich selbst gleich sagte. Nach all der Zeit bedeutete er ihr wirklich nichts mehr.

„Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Wie geht es dir denn?“ „Sehr gut. Und ich habe viel zu tun. Bin ja jetzt Familienvater.“ „Das habe ich gehört. Und ich freue mich schon, deine Frau und deinen Sohn kennenzulernen.“ „Du erinnerst dich doch sicher noch an meine Schwester?“ Phillip wandte sich zu Sophie um.

Ihr schlug das Herz bis zum Halse. Jetzt war er da, der Augenblick. Nach zehn Jahren würden sie das erste Mal wieder miteinander sprechen. Zehn Jahre, in denen kaum ein Tag vergangen war, an dem sie nicht an Alex gedacht hatte.

Alex drehte sich zu ihr um, setzte ein höfliches Lächeln auf und begrüßte sie mit einem knappen Nicken. „Eure Hoheit, ich freue mich, Sie wiederzusehen.“

Das war’s? Das war alles? Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Mehr hatte er nicht zu sagen? Verärgert musste sie feststellen, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Das durfte nicht sein. Heftig biss sie sich auf die Zunge und blickte ihr Gegenüber dann strahlend an. „Alex! Wie nett! Aber lass doch die Formalitäten. Schließlich sind wir alte Freunde, oder?“ Zu ihrer eigenen Überraschung verriet ihre Stimme nichts von dem Aufruhr, der in ihr herrschte.

„Ja“, sagte er und sah sie leicht verunsichert an. Doch dann hatte er sich wieder gefangen und lächelte freundlich. „Man hat mir gesagt, dass du mir in den nächsten Tagen die Gegend zeigen wirst.“

Und? Was hielt er davon? Leider war seiner Miene nichts zu entnehmen. Hatte er sie vergessen? Erinnerte er sich nicht mehr an diese zwei leidenschaftlichen Wochen? „Ja, das stimmt“, gab sie kühl zurück. „Allerdings habe ich selbst eben erst davon erfahren. Deshalb habe ich noch keinen Plan gemacht. Sicher hast du nichts dagegen, wenn wir unsere offizielle Tour erst morgen Vormittag beginnen?“

„Natürlich nicht.“

Sie musste zugeben, er war nicht grob oder unangenehm oder kalt. Nur irgendwie gleichgültig. Aber was hatte sie erwartet? Hatte sie wirklich geglaubt, er würde sie in die Arme schließen und ihr schwören, sie sei die Frau seines Lebens und er habe nie aufgehört, sie zu lieben? Ihr war früher schon zu Ohren gekommen, dass er verheiratet war, bestimmt glücklich verheiratet. Wahrscheinlich hatte er auch Kinder.

„Sophie“, riss Phillip sie aus ihren Gedanken, „würdest du Alex bitte die Gästesuite zeigen?“

„Ja, selbstverständlich.“ Als wenn sie eine Wahl hätte … „Hattest du an die gedacht, die zu den Gärten hinausgeht?“ Sie sah den Bruder fragend an, und Phillip nickte.

„Lass dir Zeit“, sagte er dann zu Alex. „Ich führe dich später im Schloss herum. Oh, und Sophie, sei so gut und bring mir die Aufstellung dessen, was du mit Alex in den nächsten Tagen machen willst. Sowie du sie fertig hast.“

„Kann ich tun. Ich faxe sie dir.“

„Bring sie heute Abend zum Essen mit.“

Sie wurde zum Essen erwartet? Das hatte man ihr bisher nicht gesagt. Sonst aß sie in ihrem Haus, das gut hundert Meter vom Schloss entfernt lag.

„Soll das etwa eine Einladung sein?“, fragte sie sanft und lächelte liebenswürdig. Denn sie wusste genau, dass der Bruder nicht zum Essen bat, sondern befahl.

„Ich ging davon aus, dass wir alle zusammen essen, um den Gast willkommen zu heißen.“ Das war wie ein Vorschlag formuliert, aber Sophie wusste, was dahinter stand. Komm, sonst kannst du was erleben.

„Die übliche Zeit?“, fragte sie.

Er nickte.

„Gut. Bis dann also.“ Sie wandte sich zu dem Gast um. „Wenn du mit mir kommen würdest. Ich zeige dir deine Suite.“

Er machte eine leichte Verbeugung und wies auf die Tür. „Nach dir.“

Normalerweise gehörte Sophie nicht zu den Menschen, die leicht verlegen und befangen sind. Mit ihrer äußeren Erscheinung war sie zufrieden. Sie hatte das gute Aussehen ihrer Eltern geerbt und war mit dreißig immer noch sehr attraktiv, groß und schlank. Aber irgendwie fühlte sie sich unbehaglich, weil sie wusste, dass Alex hinter ihr ging. Auf dem Weg zur Treppe fiel kein einziges Wort, was sehr untypisch für Sophie war. Doch sie fing sich schnell wieder, denn Small Talk war etwas, was sie nun wirklich beherrschte. Das hatten ihre Pflichten als Mitglied des Königshauses mit sich gebracht.

„Wie war deine Reise?“, erkundigte sie sich, während sie die breite Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, wo sich die Gästesuiten befanden.

„Anstrengend“, antwortete er. „Ich hatte ganz vergessen, wie lang der Flug nach Morgan Isle ist.“

Er ging einen Schritt seitlich hinter ihr, was im Grunde angebracht war, Sophie jedoch nervös machte. Sie wollte ihm ins Gesicht sehen können, wollte sich seine Züge wieder einprägen.

Nicht, dass sie diese etwa vergessen hätte. Doch vielleicht sollte sie vorsichtig sein und sich nicht zu sehr all das wieder ins Gedächtnis zurückrufen, was damals zwischen ihnen abgelaufen war. Das war schon ewig her. Obwohl sie überrascht war, dass Alex nicht verbittert zu sein schien. Ihre Beziehung hatte nicht gerade in Harmonie geendet.

Vielleicht überfiel er sie mit Vorwürfen, sobald sie allein waren. Und das könnte sie ihm nicht einmal übel nehmen. Denn schließlich war sie es gewesen, die einfach Schluss gemacht hatte, ohne Erklärungen. Sie hatte seine Briefe zurückgeschickt und sich geweigert, mit ihm zu telefonieren.

Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Denn die Entscheidung hatte nicht sie getroffen. Sie war ihr letztlich von den Eltern aufgezwungen worden.

„Das Schloss hat sich nicht sehr verändert, seit ich das letzte Mal hier war“, meinte Alex.

„Hier verändert sich nie etwas.“ Sophie seufzte leise.

„Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagte er, und irgendetwas in seiner Stimme ließ Sophie aufmerken. „Du bist noch genauso hübsch wie vor zehn Jahren.“

Und noch genauso kaltherzig. Auf diese Ergänzung wartete sie, aber als er schwieg, war ihr klar, dass sein Kompliment ernst gemeint war. Ihr Herz schlug schneller.

„Du siehst auch noch so aus wie vor zehn Jahren“, sagte sie leise und war froh, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Denn sie spürte, dass sie rot wurde. Vor Verlegenheit? Aus Ärger darüber, dass jemand sie verunsichern konnte, was schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen war?

Am Eingang zu den Privatgemächern des Königs stand ein Wachmann, und Sophie nickte ihm freundlich zu, als sie mit Alex die entgegengesetzte Richtung zu den Gästesuiten einschlug.

„Ich glaube, es sind die Räume, die du auch das letzte Mal bewohnt hast“, meinte sie, während sie die erste Tür auf der linken Seite öffnete. Sophie glaubte es nicht nur, sie wusste es ganz genau. Denn in jenen zwei Wochen vor zehn Jahren hatte sie hier sehr viel Zeit mit Alex verbracht.

Mit einer höflichen Geste bat sie ihn voranzugehen und folgte ihm dann im Abstand von wenigen Schritten. „Wahrscheinlich erinnerst du dich. Hier ist das Wohnzimmer, an das das Schlafzimmer mit Bad anschließt.“

„Und ob ich mich erinnere.“

Das klang ja beinahe wehmütig! Ob er an das Gleiche dachte wie sie? Daran, wie sie auf dem Balkon gestanden hatten, in den Schlossgarten geblickt und stundenlange Gespräche geführt hatten? Daran, wie er sie an sich gezogen und geküsst hatte?

Ob er sich noch daran erinnerte, wie sie sich das erste Mal geliebt hatten?

Weder vor noch nach der Affäre mit Alex hatte Sophie sich so geliebt und verstanden gefühlt. Alex hatte ihr immer das Gefühl gegeben, dass sie ein ganz besonderer Mensch war und er sie genau deshalb liebte. Aber das war lange her, und vieles hatte sich seitdem verändert. Auch sie.

„Ich erinnere mich an alles hier.“ Er sah sich im Raum um. „Und weißt du, an was noch?“

„Was denn?“

Mit einer schnellen Bewegung drehte er sich zu ihr um und griff nach ihrem Arm. Und ehe Sophie wusste, wie ihr geschah, lag sie in seinen Armen. Kurz schloss sie die Augen, weil die berauschenden Empfindungen von damals sie überfielen. Dass dies der Platz war, wo sie hingehörte und wo sie sich wohl und akzeptiert fühlte. Doch dann wurde ihr bewusst, in welcher Situation sie sich befand. Sophie riss sich zusammen und versuchte, wenn auch halbherzig, Alex von sich zu schieben. Doch als sie seine Lippen auf ihrem Mund spürte, war es um sie geschehen. Alles war wieder wie damals, so als wären sie nie getrennt gewesen … Sehnsüchtig seufzte Sophie auf.

Dabei gab es tausend Gründe, weshalb sie nicht nachgeben sollte, nicht zuletzt die Tatsache, dass Alex verheiratet war. Doch als er den Kuss vertiefte und sie seinen vertrauten Geruch wahrnahm, konnte sie ihr Verlangen nicht zügeln. Und sie wollte es auch nicht. Sie wollte nur Alex.

Hm, das war einfach. Alex lächelte kurz, als er spürte, wie Sophie sich an ihn schmiegte und in seinen Armen jeden Widerstand aufgab. Mit beiden Händen griff er in ihr volles dunkles Haar, das ihr offen auf die Schultern fiel. Wie aufregend sie war und wie sexy. Genauso wie damals. Ob sie noch genauso leicht zu erregen ist, fragte er sich, als er ihr mit der Zungenspitze über die Unterlippe fuhr. Offenbar ja, denn sie stöhnte leise auf.

Dennoch, sie zu verführen war sicher zeitaufwendig und vielleicht auch ermüdend. Vielleicht sollte er es trotzdem auf sich nehmen. Schließlich hatte er noch eine Rechnung zu begleichen. Dafür, dass Sophie ihm ewige Liebe geschworen hatte – und dann ohne jegliche Erklärung plötzlich mit ihm Schluss gemacht hatte.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, versteifte sich Sophie mit einem Mal in seinen Armen. Sie legte ihm die Hände auf die Brust und schob ihn von sich. Alex blieb einfach stehen und unternahm nichts. Er konnte jetzt nichts überstürzen.

Schwer atmend trat sie ein paar Schritte zurück und schaute ihn an. Oh, diese Augen! Wie gut erinnerte er sich noch an die Farbe, an dieses aufregend tiefe Grau, wenn sie erregt war. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und ihr Puls ging schnell, das erkannte er deutlich. Widerwillig gestand er sich ein, dass er ein bisschen außer Atem war. Trotz allem, was sie ihm angetan hatte, erregte sie ihn immer noch sehr.

Umso besser, dachte Alex. Dann würde er seine Rache richtig genießen können.

„Warum hast du das getan?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Weil ich mich schon seit zehn Jahren danach gesehnt habe“, erwiderte er schlicht.

Sie betrachtete ihn und presste sich dabei den Handrücken auf die Lippen, als hätte der Kuss sie verbrannt. „Ich könnte die Wache rufen und dich verhaften lassen, weil du mich überfallen hast.“

Er lächelte nur, denn er wusste genau, dass sie das nie tun würde. Auch wenn sie egoistisch und verwöhnt war, nachtragend war Sophie nicht. Zumindest war sie es damals nicht gewesen. „Das würdest du nie tun, schließlich hast du dich genauso nach dem Kuss gesehnt wie ich.“

An ihrer Reaktion merkte er, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Doch auch wenn Sophie jetzt errötete, las Alex in ihrem feurigen Blick, dass sie sich nicht so leicht geschlagen geben würde.

„Was denkst du eigentlich über mich?“, fragte sie empört. „Glaubst du etwa, ich würde mich mit einem verheirateten Mann einlassen?“

War es das, was sie aufregte? Aber warum? Sie selbst hatte sich damals ja auch nicht gerade anständig verhalten. Ungerührt musterte Alex sie. „Wahrscheinlich hast du es noch nicht gehört. Ich habe gerade die scheußlichste Scheidung hinter mir, die du dir vorstellen kannst.“

Ihre Empörung legte sich sofort, und Sophie sah ihn erschrocken an. „Nein, das wusste ich nicht. Tut mir sehr leid.“

Seltsamerweise wirkte sie wirklich traurig. Und er hatte gedacht, dass ihr andere Menschen vollkommen gleichgültig wären. Dennoch glaubte Alex keine Sekunde ernsthaft daran, dass sie sich in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert hatte. Ohne Zweifel würde früher oder später die wahre Sophie wieder zum Vorschein kommen, und dann wusste er, was zu tun war.

„Ich schätze, das ist die Quittung dafür, dass man jemanden heiratet, den man nicht liebt“, fügte Alex hinzu. „Das hast du schlauer gemacht.“

„Wie meinst du das?“

„Du hast deinen Verlobten nicht geheiratet, weil du ihn nicht geliebt hast. Das hat Phillip mir mal in einem Telefongespräch erzählt, auch dass du nie verheiratet warst.“

„Stimmt.“ Sie blickte zur Tür, bevor sie sich wieder auf Alex konzentrierte. „Jetzt sollte ich gehen. Du musst auspacken.“

„Willst du wieder davonlaufen, Sophie?“

Unwillig runzelte sie die Stirn. „Lass das. Ich möchte dich auch bitten, mich in Zukunft in Ruhe zu lassen. Fasst du mich noch einmal an, rufe ich die Wache, das schwöre ich dir.“

Natürlich würde sie das nicht tun, aber er beschloss, erst einmal nach ihren Regeln zu spielen. Sie sollte ruhig glauben, dass sie hier das Sagen hatte. Das passte durchaus zu seinem Plan. Vergnügt erwiderte er: „Selbstverständlich, Euer Hoheit. Verzeihen Sie mir mein … unpassendes Verhalten.“

„Das Dinner findet in dem großen Speisesaal statt, pünktlich um sieben. Weißt du noch, wo der ist?“

„Ich finde mich schon zurecht.“

„Wenn du irgendeine Frage hast oder irgendetwas brauchst, neben dem Telefon liegt eine Liste mit Telefonnummern. Aus der Küche kannst du dir Tag und Nacht etwas kommen lassen. Und die Bar dahinten an der Wand ist voll ausgestattet.“

„Danke.“

Sie nickte ihm noch einmal zu, drehte sich um und verließ den Raum.

Vielleicht würde alles etwas schwieriger werden, als er es sich vorgestellt hatte. Aber Widerstand stachelte Alex an, und Herausforderungen liebte er. Je mehr er sich um etwas bemühen musste, desto mehr genoss er danach die Früchte seiner Anstrengungen.

Dabei war ihm klar, dass er ein ziemliches Risiko einging, denn er setzte nicht nur seine private, sondern auch die geschäftliche Beziehung zu Phillip aufs Spiel. Zwar war das familieneigene Architekturbüro Rutledge Design in den USA sehr bekannt und eigentlich ohne Konkurrenz. Aber wenn sie international bekannt werden wollten, brauchten sie einen Einstieg in Europa. Dazu sollte ihnen Phillip verhelfen. Wenn sie den Auftrag in Morgan Isle zur Zufriedenheit ausführten, konnten sie auch weiter expandieren, etwas, was sein Vater immer hatte tun wollen, aber nie geschafft hatte.

Alex hatte sich stets bemüht, das zu tun, was sein Vater von ihm erwartete. Und obgleich der Vater jetzt bereits drei Jahre tot war, hatte er immer noch den Wunsch, dem Vater zu gefallen. Das war zum Teil die Ursache für die Scheidung, die Alex gerade hinter sich hatte. Denn er hatte geheiratet, weil die Familie es so wollte, nicht aber, weil er die Frau liebte. In seinem ganzen Leben war ihm nur einmal eine Frau begegnet, die wusste, wie er fühlte. Die nachvollziehen konnte, wie mühsam es war, immer die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen.

Sophie.

Als Alex damals in den Semesterferien zwei Wochen im Schloss verbrachte, hatten Sophie und er sich sofort großartig verstanden. Wenn er mit ihr zusammen war, hatte er endlich das Gefühl gehabt, ganz er selbst sein zu können.

Damals hatte er auch nicht gewusst, dass das Ganze für sie nur ein Spiel war.

Beim Wiedersehen war alles wieder in ihm wach geworden, was er vor zehn Jahren empfunden hatte. Verwirrung, Verzweiflung. Demütigung.

Jetzt würde er es ihr endlich heimzahlen können. Er würde sie verführen und sie dazu bringen, dass sie sich wieder in ihn verliebte. Dann würde er sie fallen lassen, genauso wie sie damals ihn.

Er lachte leise. Rache ist süß.

2. KAPITEL

Immer noch zitternd ging Sophie die Treppe hinunter und auf den hinteren Ausgang zu. Sie musste jetzt allein sein, um über das nachzudenken, was eben passiert war.

Doch als sie um die Ecke bog, wäre sie fast mit Ethan zusammengestoßen.

„Bist du auf dem Weg nach Hause?“, fragte er lächelnd und hielt ihr die Tür auf.

„Ja. Phillip will eine Liste haben, was ich Alex in den nächsten Tagen zeige.“

Schweigend liefen sie auf Ethans schwarzes Sportcabrio zu. Neben der Fahrertür blieben sie stehen. „Fährst du immer noch diese Todesmaschine?“, zog Sophie den Bruder auf.

„Allerdings. Und daran ändert sich auch so schnell nichts.“

Obgleich jedes der Familienmitglieder Anspruch auf einen Rolls-Royce mit Fahrer hatte, fuhr Ethan meist lieber selbst. Ebenso selten ließ er sich von einem Bodyguard begleiten. „Ist unser Gast gut untergebracht?“

„Ja, ich denke schon.“

„Scheint ein netter Typ zu sein.“

„Sehr nett.“ Etwas zu nett sogar. Viel zu … freundlich. Sophie traute ihm nicht.

Ethan sah sie prüfend an. Erneut fiel ihr auf, wie sehr Phillip und er sich ähnelten, obwohl sie nur Halbbrüder waren. „Was ist? Irgendwas ist mit dir los.“

Wie immer war sie überrascht, wie gut Ethan sie bereits kannte, obgleich sie sich im letzten Jahr das erste Mal begegnet waren. Offenbar hatten beide von dem gemeinsamen Vater mehr geerbt als von den jeweiligen Müttern. Normalerweise war sie froh, dass er sie so gut verstand. Aber in diesem Fall war es ihr eher unangenehm, dass sie so leicht zu durchschauen war.

„Nichts ist los. Mir geht es gut“, erwiderte sie betont fröhlich, merkte aber gleich, dass er ihr nicht glaubte. Hoffentlich ließ er das Thema erst einmal fallen.

„Ich weiß, was dich nervös macht, Sophie.“ Er ließ nicht locker.

Das konnte doch nicht wahr sein. Woher, um Himmels willen, sollte er wissen, dass sie früher mit Alex eng befreundet war? Es sei denn, Alex hatte ihm davon erzählt. Wozu er keinerlei Recht hatte. Das war eine Sache, die nur ihn und Sophie etwas anging.

Ethan legte ihr liebevoll die Hand auf den Arm. „Ich kann verstehen, was in dir vorgeht.“

„Tatsächlich?“

„Mir ging es doch genauso, als ich anfing, im Hotelgewerbe zu arbeiten. Ich wollte derjenige sein, der das Sagen hatte, der etwas bewegte. Natürlich hatte ich es leichter als du. Denn ich hatte keine Familie wie du, die es zu gut mit mir meinte und mir deshalb alles Mögliche abnehmen wollte, beziehungsweise mich nicht meine eigenen Entscheidungen fällen ließ.“

Das meinte er! Er dachte, sie sei wegen der neuen beruflichen Aufgaben so nervös. Ethan hatte keine Ahnung, dass Alex und sie sich von früher her kannten. Gott sei Dank! Zwar hatte sie zu ihm großes Vertrauen und würde am ehesten ihm, vielleicht auch noch ihrer Schwägerin Hannah, von den zwei Wochen mit Alex erzählen. Doch sie hatte sich vorgenommen, mit der Sache allein fertig zu werden.

„Du möchtest mehr Verantwortung übernehmen“, fuhr Ethan fort, „das ist sehr verständlich. Gäste herumzuführen ist wirklich nicht sehr befriedigend.“

„Was soll ich machen?“ Sophie zuckte mit den Schultern. „So läuft das eben hier bei uns. Als Schwester des Königs muss ich zuallererst die Familienpflichten wahrnehmen.“

Er drückte ihr zärtlich den Arm. „Ich weiß. Aber ich will versuchen, Phillip entsprechend zu beeinflussen. Obwohl er sehr dickköpfig sein kann, wie du weißt. Außerdem habe ich momentan wenig Zeit. Du kannst dir vorstellen, das neue Hotel und dann Lizzys Schwangerschaft …“

„Ja, natürlich, da hast du kaum eine freie Minute. Wie geht es Lizzy? Sie muss ja bald im vierten Monat sein.“

„Leider ist ihr morgens immer noch oft übel.

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