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Tanz ins Glück

1. Kapitel

 

Das Hafenviertel war voller Menschen, die Luft stank nach Alkohol und fettigem Essen und war von den schwülen Rhythmen einheimischer Musik erfüllt. Aus den Bars und anrüchigen Nachtlokalen kamen Leute und bildeten reizbare Gruppen in der stickigen Feuchtigkeit des südamerikanischen Abends.

Wie ein Pulverfass, dem nur ein Funke fehlt, dachte Ash Brennan sarkastisch. Er ging langsam, aber zielstrebig, betrachtete die bunten Neonschilder, die Schnaps und Frauen anpriesen, und ignorierte die teils abschätzenden, teils einladenden Blicke, die ihn trafen. Die ganze Zeit wahrte er seinen Freiraum.

Nur ungefähr eine Meile weit weg war der Yachthafen von Santo Martino, wo Millionäre ihre Boote vertäuten und all die Nachtklubs und Kasinos für gut betuchte Touristen lagen. Aber eigentlich war er himmelweit entfernt, und jeder Tourist, der sich hierher wagte, musste die Beine in die Hand nehmen oder riskierte, überfallen und ausgeraubt zu werden. Oder Schlimmeres.

Ash war der Meinung, dass er sich ganz gut einfügte. Sein von der Sonne aufgehelltes dunkelblondes Haar streifte den Kragen des alten blauen Hemds, eine verschossene Khakihose schmiegte sich an seine schmalen Hüften und langen Beine, er trug alte Segeltuchschuhe und eine billige Armbanduhr.

Seine Größe, die breiten Schultern und das selbstbewusste Auftreten ließen auf einen Mann schließen, der auf sich aufpassen konnte. Er sah aus wie ein Matrose, der Entspannung suchte, aber wählerisch war, und an diesem Abend war seine Wahl anscheinend auf "Mama Rita's" gefallen. Er ging an den Schautafeln mit Fotos von halb bekleideten und unbekleideten jungen Frauen vorbei in das Nachtlokal, blieb am Eingang stehen und blickte sich um.

Neben der langen Theke war eine kleine Bühne mit einer Stange für die Tänzerinnen in der Mitte, umgeben von Tischen, an denen nur Männer saßen. Die Luft war verräuchert, und es stank nach billigem Schnaps. Ein kleiner Mann mit traurigem Gesicht spielte Klavier. Die Gäste saßen größtenteils brütend über ihren Drinks. Ash vermutete, dass sie auf die Frauen warteten.

Gleich an der Tür saß an einem Tisch eine gewaltige Frau. Ihr tief ausgeschnittenes, mit Pailletten besetztes grünes Kleid bauschte sich über den Fettwülsten, ihr Haar war rotbraun gefärbt, die karmesinrot geschminkten Lippen waren zu einem ausdruckslosen Lächeln verzogen, die Augen ähnelten in Teigfalten versunkenen kleinen Rosinen.

Das ist wohl Mama Rita, dachte Ash und schnitt in Gedanken ein Gesicht.

Sie winkte ihn heran. "Sie zahlen das Gedeck, querido."

Ash zog die Augenbrauen hoch, als sie den Preis nannte. "Ich will nur einen Drink, Mama, nicht Ihr Lokal kaufen."

Das Lächeln wurde breiter. "Sie bekommen einen Drink. Meinen besten Champagner und ein Mädchen, das mit Ihnen trinkt."

"Nur ein Bier. Und ich entscheide, ob ich Gesellschaft möchte."

Einen Moment lang blickten sie sich an, dann zuckte sie die Schultern, was die Pailletten in wogende Bewegung versetzte und funkeln ließ. "Was immer Sie sagen, querido." Sie schnippte mit den Fingern. "Manuel, such einen guten Tisch für den schönen Mann."

Manuel, groß, gut aussehend und mürrisch, wollte nach vorn zur Bühne gehen, aber Ash hielt ihn kurz angebunden auf. "Dieser genügt", sagte er und setzte sich an einen Tisch im hinteren Teil des Raums. Manuel ging an die Theke, und Ash lehnte sich zurück und sah sich gründlicher um. Man hatte ihm erzählt, von all den jungen Frauen, die nach Santo Martino kommen würden, könnte sich Mama Rita die schönsten aussuchen, und es schien zu stimmen. Einige von ihnen saßen schon mit Gästen zusammen und ermunterten sie, ungeheure Getränkerechnungen auflaufen zu lassen, aber mehrere standen an der Theke, und Ash betrachtete sie, während er eine Schachtel Zigarillos herausholte. Er zündete sich einen an und warf das leere Streichholzheft in den Aschenbecher.

Die Frauen bildeten eine ziemlich kosmopolitische Gruppe. Ash entdeckte einige Nordamerikanerinnen, wenige Europäerinnen und die einheimischen chicas, die von Farmen und Plantagen weggelaufen waren, auf der Suche nach einer Alternative zu früher Heirat und ununterbrochenem Kinderkriegen. Tja, die haben sie gefunden, dachte Ash zynisch und unterdrückte das Mitleid. Weil er nicht hier war, um Mitleid zu haben. Das konnte er sich nicht leisten.

"Sehen Sie etwas, was Ihnen gefällt, Señor?" Manuel war mit dem Bier zurück und lächelte Ash wissend an.

"Noch nicht", erwiderte Ash kühl. "Ich melde mich dann schon."

Manuel zuckte die Schultern. "Wie Sie wünschen. Sie brauchen es nur zu sagen." Er deutete auf einen Bogengang mit einem Perlenvorhang hinter der Bühne. "Wir haben Zimmer – sehr private Zimmer –, in denen die Frauen für Sie allein tanzen würden. Ich kann das arrangieren. Für entsprechendes Geld, naturalmente."

"Ich werde es mir merken", sagte Ash. Das Bier war überraschend gut und herrlich kalt. Er wandte den Blick von den hoffnungsvollen jungen Frauen ab und konzentrierte sich auf den Pianisten, der trotz der Gleichgültigkeit seiner Zuhörer verbissen weiterspielte. Ich hoffe, die alte Hexe an der Tür bezahlt dich gut, Kumpel, dachte Ash, während er sein Zigarillo ausdrückte. Der Mann hatte es verdient.

Der Pianist spielte das Lied zu Ende und stand auf, um sich für den nicht vorhandenen Applaus zu bedanken, dann setzte er sich wieder hin und schlug einen Akkord an.

Der Perlenvorhang bewegte sich, und eine junge Frau kam herein. Ein seltsames Geräusch durchdrang den Raum. Es klang wie ein leises Grollen. Die Raubtiere wittern ihre Beute, dachte Ash angewidert. Er kniff die Augen zusammen, als er sie richtig sehen konnte. Sie war blond und trotz der High Heels nur mittelgroß. Ihr schlanker, straffer Körper wurde von dem schwarzen Minikleid betont. Das trägerlose Oberteil war über den vollen Brüsten gerade geschnitten, der Rock schmiegte sich an die schmalen Hüften und war so kurz, dass der beunruhigende Eindruck entstand, sie sei darunter nackt.

Aber sie ging nicht auf die Bühne. Sie sah niemand an, ignorierte die Pfiffe und zotigen Zurufe und lehnte sich an das Klavier, als wäre sie froh, Halt zu finden. Der Pianist spielte die Einleitung von "Killing Me Softly".

Ash war völlig von ihrem unglaublich schönen Gesicht gefesselt. Im Gegensatz zu dem schulterlangen blonden Haar waren Brauen und Wimpern dunkel. Die Augen waren grün und wachsam wie die einer Katze, die Lippen in einem sexy Pink geschminkt. Und sie hatte eine Heidenangst.

Ash hatte es gewusst, sobald sie hereingekommen war. Er hatte ihre Angst durch den ganzen Raum gespürt. Jetzt bemerkte er, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte. Aber als sie zu singen begann, hatte sie keine Probleme mit ihrer Stimme, die tief, kräftig und ein bisschen heiser war. So eine Stimme will ein Mann beim Höhepunkt hören, wenn die Frau seinen Namen stöhnt, dachte Ash, dann verzog er voller Selbstverachtung den Mund.

Die Männer hörten zu, während sie sang, aber sie waren unruhig. Für sie zählte, was das knappe Kleid versprach, und sie konnten nicht glauben, dass nur ein Song geboten wurde. Alle anderen Frauen zogen sich aus, also warum sollte sie es nicht auch tun?

Sie ging zum nächsten Lied über – "Someone to Watch Over Me". Gerade als sie verstummte, erwiderte sie Ashs Blick, und einen atemlosen Moment lang sahen sie sich an. Jetzt weiß ich, warum ich heute Abend hierher gekommen bin, dachte er.

Der Auftritt war vorbei. Sie bedankte sich mit einem Nicken für den spärlichen Beifall und verschwand durch den Perlenvorhang, begleitet von den Buhrufen und dem Geschrei der enttäuschten Männer.

Ash trank sein Bier aus und stand auf.

"Haben Sie einen Wunsch, querido?" fragte Mama Rita.

"Ich will die Sängerin", sagte Ash ruhig.

"Sie meinen, sie soll sich zu Ihnen setzen und … nett sein?"

"Nett, ja. Aber in einem Ihrer privaten Zimmer. Ich will, dass sie für mich tanzt."

Mama Rita lachte. "Sie ist mein neuestes Mädchen und lernt noch, mi corazón. Und vielleicht hebe ich sie sowieso für einen reichen Kunden auf. Sie können sie sich nicht leisten."

"Stellen Sie mich auf die Probe."

"Verrückter Mann. Warum wollen Sie Ihr ganzes Geld ausgeben? Suchen Sie sich ein anderes Mädchen aus."

"Nein. Die Sängerin. Ich zahle, was sie kostet."

Mama Rita musterte ihn. "Sie haben so viel Geld?" fragte sie ungläubig.

Ash holte seine Brieftasche heraus und warf einige Scheine auf den Tisch.

"Das ist für mich." Mama Rita nahm sie schnell und steckte sie in ihren Ausschnitt. "Provision. Sie müssen noch die Sängerin bezahlen. Was auch immer sie wert ist. Wozu auch immer Sie sie veranlassen. Sollte einfach sein für einen schönen Mann wie Sie." Mama Rita lachte wieder. "Sie etwas lehren, ?"

"Sí", sagte Ash leise. "Eine Lehre fürs Leben. Hat sie einen Namen?"

"Micaela." Mama Rita stand auf und lächelte Ash anzüglich an. "Sie trinken noch ein Bier – auf Kosten des Hauses. Ich gehe und sage Ihrer Sängerin, was für ein Glück sie hat."

Ich hoffe nur, dass sie derselben Meinung ist, dachte Ash.

Aber das lag im Schoß der Götter, wie so vieles andere.

 

Chellie sank auf den Hocker vor dem Spiegel und umklammerte die Tischkante, bis das Zittern aufhörte. Es war fast einen Monat her, dass sie in diesem Nachtklub zu singen angefangen hatte, und sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt. Sie konnte nicht damit fertig werden, wie die Männer sie mit Blicken verschlangen, und war dankbar, dass sie nicht richtig verstand, was sie ihr zuriefen.

"Wie erträgst du das?" hatte sie Jacinta gefragt, eine der Stangentänzerinnen und die einzige junge Frau im Mama Rita's, die ein bisschen freundlich war.

Jacinta hatte die Schultern gezuckt. "Ich lächle, aber ich sehe sie nicht an. Ich blicke vorbei und bin mit den Gedanken woanders."

Das schien ein kluger Rat zu sein, und Chellie hatte ihn befolgt. Bis zu diesem Abend, als sie unwillkürlich den Blick eines Mannes erwidert hatte. Zugegeben, er hatte sich von den anderen Gästen unterschieden. Er hatte allein an einem der hinteren Tische gesessen, während die meisten Männer gern alle zusammen vorn saßen und wie Wölfe nach jedem Stück nackter Haut schrien. Außerdem kamen nicht viele Europäer ins Lokal, und er war offensichtlich einer. Und er war auffallend, fast gefährlich attraktiv. Sogar durch den ganzen Raum war ihr bewusst gewesen, dass sein gutes Aussehen eine durchschlagende Härte verschleierte.

Er hat mich irgendwie dazu gebracht, ihn anzusehen, dachte Chellie verwirrt. Und warum suchte er den billigen Reiz eines Nachtlokals wie Mama Ritas? Chellie hatte nicht viel Erfahrung mit Männern, ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass dieser Mann es nicht nötig hatte, Sex zu kaufen.

Du liebe Güte, die Sache musste ja schlimm stehen, wenn sie anfing, von einem Kunden zu fantasieren. Tatsächlich konnte es nicht schlimmer stehen. Ihr Leben hatte sich in einen Albtraum ohne Ende verwandelt. Chellie zog die ekelhafte blonde Perücke ab und fuhr sich durch das stoppelkurze rabenschwarze Haar. Mama Rita hatte darauf bestanden. Dunkelhaarige waren in diesem Teil der Welt nichts Neues. Die Männer, die in ihr Lokal kamen, wollten Blondinen, hellhäutige obendrein.

Chellie war so verzweifelt gewesen und so dankbar dafür, irgendwo unterkommen und Geld verdienen zu können, dass sie wahrscheinlich in alles eingewilligt hätte. Besonders da ihr Gelegenheit zum Singen gegeben worden war. Sie hatte geglaubt, es sei das Ende der Katastrophe. Stattdessen war es erst der Anfang gewesen. Sie hatte sich gesagt, sie würde nicht lange im Nachtklub bleiben müssen, sie würde bald genug für ein Flugticket gespart haben.

Aber so lief es nicht. Von dem Geld, das Chellie erhielt, forderte Mama Rita die Miete für das kleine, von Kakerlaken heimgesuchte Zimmer im obersten Stock, die Leihgebühr für die geschmacklosen Kleider, die Chellie tragen musste, und die Bezahlung für Gomez, den Klavierspieler, der das Geld bestimmt niemals zu sehen bekam. Chellie hatte kaum genug übrig, um sich zu ernähren.

Am schlimmsten war, dass Mama Rita ihr den Reisepass weggenommen und in ihren Schreibtisch eingeschlossen hatte, was sie im Grunde zu einer Gefangenen machte. Die Falle hatte sich geöffnet, und sie war direkt hineinspaziert. Natürlich könnte sie mehr verdienen. Das hatte Mama Rita von Anfang an deutlich gemacht. Chellie könnte freundlich sein, sich zu den Gästen setzen und sie ermuntern, teuren Champagner zu bestellen. Aber selbst wenn sie bei dem Gedanken nicht eine Gänsehaut bekommen hätte, Jacinta hatte sie davor gewarnt.

"Du verdienst mehr, sie nimmt mehr", hatte sie gesagt. "Erst sitzt du bei einem Kunden am Tisch, als Nächstes ziehst du dich aus. Weil du hier nicht herauskommst. Mama Rita entscheidet, wann und wohin du gehst. Es gibt schlimmere Orte als diesen, glaub mir. Und versuch nicht, davonzulaufen. Sie findet dich auf jeden Fall, und dann wirst du es bereuen."

Chellie stand seufzend auf und ging zum Kleiderständer in der Ecke. Sie trat jeden Abend zweimal auf und musste sich zwischendurch umziehen. Mama Ritas Neuerwerb war ein Minirock aus schwarzem Leder mit einem Top, das einfach ein Netz aus kleinen schwarzen Perlen war. Da könnte ich ebenso gut überhaupt nichts tragen, dachte Chellie. Genau darauf wollte Mama Rita wahrscheinlich hinaus.

Aber das würde nicht passieren. Chellie war fest entschlossen, zu entkommen, ganz gleich, wie groß das Risiko war. Und sie nahm sich vor, niemand mehr zu vertrauen. Besonders keinem Mann.

Sie zuckte zusammen, als sie an Ramon dachte. Schon erinnerte sie sich kaum noch daran, wie er aussah oder wie seine Stimme klang, und vielleicht würde sie eines Tages auch seine Berührungen vergessen können. Oder sogar, dass sie sich eingebildet hatte, ihn zu lieben. Irgendwie schien das alles bereits weit entfernt zu sein, als wäre es einem anderen Menschen passiert. War es natürlich nicht. Und deshalb war sie jetzt hier, übertölpelt, ausgeraubt und sitzen gelassen. Es mochte demütigend sein, im Geiste noch einmal die Schritte zu durchleben, die sie hierher gebracht hatten, aber es war auch heilsam.

Trotz allem glaubte sie noch immer, dass sie ihrem Leben in England und der so unerbittlich für sie geplanten Zukunft hatte entfliehen müssen. Leider war sie, durch Ramon, nur vom Regen in die Traufe gekommen.

Ich werde überleben, sagte sich Chellie energisch.

Der dünne Vorhang wurde beiseite geschoben, und Lina, eine der Schoßtänzerinnen, kam in die Garderobe. "Mama Rita will dich sprechen. Sofort."

Chellie runzelte die Stirn. Es war das erste Mal, dass Mama Rita sie so zu sich bestellte. Normalerweise wurden die Frauen wegen irgendeines Vergehens nach oben gerufen. Chellie hatte schon mehrere mit Kratzern im Gesicht und blutendem Mund gesehen, nachdem sie mit Mama Ritas dicken, beringten Händen in Kontakt gekommen waren. "Weißt du, warum?"

Linas Augen funkelten boshaft. "Vielleicht fängst du an, für deinen Lebensunterhalt zu arbeiten, wie wir anderen."

"Ich arbeite. Als Sängerin."

"Ja? Dann ändert sich das jetzt vielleicht. Es wird gemunkelt, dass dich irgendein Kerl näher kennen lernen will."

Chellie wurde blass. "Nein. Unmöglich."

"Nimm es mit Mama Rita auf." Lina zuckte gleichgültig die Schultern. "Und lass sie nicht warten."

Das Büro war ein Stockwerk höher. Chellie ging langsam auf die klapprige Eisentreppe zu. Das konnte nicht stimmen. Sicherlich hatte Lina das aus reiner Gehässigkeit gesagt. Mama Rita hatte ihr erklärt, sie habe viele willige Frauen im Haus und würde sie nicht zu etwas drängen, was sie nicht wolle. Chellie hatte ihr geglaubt. Sie hatte sich darauf verlassen.

Manuel kam die Treppe heruntergepoltert, und Chellie trat beiseite, um ihn vorbeizulassen. Sobald sie im Lokal zu arbeiten begonnen hatte, war ihr klar geworden, dass er ein Problem war. Sein derbes, gutes Aussehen stieß sie ab, und seine ständigen Versuche, sie zu streicheln, flößten ihr Abscheu ein. In der ersten Nacht in ihrem kleinen, muffigen Zimmer war sie ihrem Gefühl gefolgt und hatte einen Stuhl unter den Türgriff geklemmt. Und in den frühen Morgenstunden war sie aufgewacht und hatte gehört, wie jemand versuchte, den Griff hinunterzudrücken. Seitdem hatte sie diese Vorsichtsmaßnahme beibehalten.

Sich zu beschweren war zwecklos, da die anderen Frauen der Meinung waren, Manuel sei Mama Ritas Neffe oder sogar ihr Sohn.

Er grinste anzüglich wie immer. "Hola, Schatz."

"Guten Abend", sagte Chellie kühl.

"Oh, du bist so hochmütig und stolz, chica. Zu gut für den armen Manuel. Vielleicht schlägst du morgen einen anderen Ton an." Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. "Für mich."

Sie unterdrückte ein Schaudern. "Halt nicht den Atem an."

Die Bürotür stand offen. Mama Rita saß am Schreibtisch vor ihrem Laptop. "Du hast heute Abend einem Gast so gut gefallen, dass er eine Privatvorstellung will."

Chellie stockte das Herz. "Irgendein besonderer Song?"

"Erlaubst du dir einen Spaß mit mir? Er will, dass du für ihn tanzt." Mama Rita machte vor, was verlangt wurde.

"Ich kann nicht tanzen."

"Du hast den anderen zugesehen. Und er will keine Ballerina. Du hast einen schönen Körper. Benutz ihn."

Chellie hatte die anderen Frauen unten im Lokal tanzen sehen. Das hatte Grenzen. In den Privatzimmern dagegen … "Aber Sie beschäftigen mich als Sängerin", sagte sie verzweifelt. "Wir haben einen Vertrag geschlossen."

Mama Rita lachte verächtlich. ", aber die Bedingungen haben sich gerade geändert."

"Dann haben Sie gerade den Vertrag gebrochen, und damit ist jede Vereinbarung zwischen uns aufgehoben. Also geben Sie mir bitte meinen Reisepass zurück. Ich werde sofort gehen."

"Du denkst, das sei so einfach?" Die ältere Frau schüttelte fast traurig den Kopf. "Du träumst, hija."

"Ich verstehe nicht, was so kompliziert ist. Nach dem Gesetz haben Sie den Vertrag gebrochen."

Mama Rita beugte sich vor. "Dies ist mein Nachtklub. Ich mache hier die Gesetze. Und du gehst nirgendwohin. Weil ich deinen Pass als Sicherheit behalte, bis du deine Schulden bezahlt hast."

"Aber ich habe die Miete und alles andere im Voraus bezahlt."

"Nicht alles. Da ist deine Arztrechnung."

"Arztrechnung?" wiederholte Chellie verwirrt. "Wovon sprechen Sie?"

"Na, na, du hast ein kurzes Gedächtnis. Als du hierher gekommen bist, habe ich einen Arzt gerufen, der überprüft hat, ob du an Lungenentzündung leidest."

Chellie erinnerte sich an den kleinen, dicken Mann mit den blutunterlaufenen Augen und der Schnapsfahne. "Ja, das weiß ich. Und?"

"Sieh dir an, was du ihm schuldest." Mama Rita gab ihr ein Blatt Papier.

Schockiert las Chellie den Endbetrag. "So viel kann er nicht verlangen. Er hat mich ungefähr zwei Minuten lang untersucht und nichts von dem Zeug verschrieben, das hier aufgeführt ist. Außerdem war er betrunken."

"Du warst krank, Mädchen, und du brauchtest einen Arzt. Pedro Alvarez ist ein guter Mann. Sehr diskret. Worüber du vielleicht eines Tages froh sein wirst. Solange du all das Geld schuldest, gehst du nicht. Also musst du verdienen, um bezahlen zu können. Dieser Kunde, der dich haben will, hat Geld und sieht gut aus." Die Fettwülste wackelten, als Mama Rita lachte. "Sei nett. Vielleicht kannst du alles in einer Nacht verdienen."

"Nein. Ich will nicht. Und Sie können mich nicht zwingen."

Mama Rita schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. "Ich habe Geduld mit dir gehabt, chica, aber jetzt ist Schluss. Du tust, was ich sage, verstanden? Oder ich gebe dich Manuel und lass ihn dich lehren, dankbar zu sein. Willst du das?"

"Nein", flüsterte Chellie.

"Oder ich schicke dich zu meiner Freundin Consuela. Sie bittet dich nicht, zu singen oder zu tanzen."

Chellie geriet in Panik. Sie hatte den Garderobentratsch über diese Freundin mitbekommen. Alles, nur das nicht! dachte sie. "Bitte …"

"Jetzt wirst du vernünftig." Mama Rita nickte zufrieden. "Lina bringt dich in das Zimmer. Ich schicke ihn zu dir hoch."

Lina wartete draußen auf dem Flur. "Dein Eintritt in die Arbeitswelt, Schätzchen? Nach heute Abend wirst du wohl nicht mehr die Nase über uns anderen rümpfen."

"Habe ich das getan?" fragte Chellie wie betäubt. "Tut mir Leid, es war mir nicht bewusst."

Lina blickte sie scharf an. "He, du wirst mir doch nicht etwa ohnmächtig? Das würde Mama Rita nicht lustig finden."

"Nein", erwiderte Chellie mühsam.

"Wo liegt überhaupt das Problem?" Lina öffnete eine Tür am Ende des Flurs. "Dir muss klar gewesen sein, dass Mama Rita hier keine Wohltätigkeitsorganisation führt. Warum bist du hierher gekommen?"

Chellie sah sich schaudernd um. Das Zimmer wurde von einem breiten roten Sofa beherrscht. Lateinamerikanische Musik spielte leise, und auf einem Konsoltisch stand eine Flasche Champagner im Eiskühler mit zwei Gläsern bereit. "Ich bin ausgeraubt worden und zur Polizei gegangen. Ein Beamter hat gesagt, er würde mir eine sichere Unterkunft besorgen, während sie nach meinem Geld suchen würden. Er hat mich hierher gebracht."

"Das wundert mich nicht. Mama Rita bekommt viele ihrer Mädchen so. Sie bezahlt die Polizisten, damit sie ihr das Strandgut schicken, das in Santo Martino angeschwemmt wird."

Chellie biss sich auf die Lippe. "Danke."

"De nada." Lina ging zur Tür, dann zögerte sie. "Hör zu, es ist keine große Sache. Lächle einfach und tu so, als würdest du dich amüsieren. Oder ist es etwa dein erstes Mal?"

"Nein." Chellie wollte nicht an jene wenigen demütigenden, unangenehmen Nächte mit Ramon denken. Damals hatte sie geglaubt, Schlimmeres könnte ihr nicht passieren. Was für ein Irrtum.

"Wenn es schwierig wird, drück den Knopf unter dem Tisch. Aber nur, wenn es wirklich nötig ist, sonst verärgerst du Manuel, und das willst du sicher nicht. Er ist einer der Bösen." Lina winkte spöttisch. "Also, viel Glück."

Alle Wände waren mit bodenlangen Vorhängen bedeckt, so dass unmöglich zu sagen war, wo sich das Fenster befand. Wenn es überhaupt eins gab. Doch selbst wenn sie es entdeckte, bevor der Freier sie fand, würde es ihr nichts nützen. Nach Chellies früheren Erfahrungen zu urteilen würde es vergittert sein. Aber sie könnte wirklich frische Luft gebrauchen. Die Luft im Zimmer war drückend und von einem moschusartigen Geruch erfüllt. Chellie ging an den Wänden entlang und hob die Vorhänge an, fand jedoch nur undurchbrochene Mauern.

Ihr wurde bewusst, dass sie nicht mehr allein war. Sie hatte nicht gehört, dass die Tür aufgegangen war, und der weiche, dicke Teppich musste seine Schritte gedämpft haben. Trotzdem war sie sicher, dass er da war, hinter ihr. Langsam drehte sie sich um. Sie erkannte ihn, und ihre Augen wurden groß, als sie noch einmal, diesmal aus nächster Nähe, den kühlen, harten Blick, die gerade Nase und das energische Kinn registrierte. Das gut aussehende Gesicht eines Mannes, der ein Nein nicht gelten ließ. Er saß völlig entspannt auf dem Sofa, und ein schwaches Lächeln umspielte seinen Mund.

Noch nie in ihrem Leben hatte Chellie solche Angst gehabt. Sie bebte am ganzen Körper und kam fast um vor Verlegenheit, dennoch war sie einen Moment lang enttäuscht. Sie hatte geglaubt, er hätte sich in den Nachtklub verirrt, aber er war nicht besser als all die schreienden, geifernden Kerle, die um die Bühne saßen.

"Buenas noches, Micaela", sagte er leise.

Sie brachte keinen Ton heraus und nickte nur. Micaela. Das war ihr Name hier. Ihre Identität. Und ihr Schutzschild. Wenn sie sich dahinter versteckte, konnte sie sich vielleicht vormachen, dass nichts von alldem ihr passierte. Dass sie eine andere war. Und dann würde sie fähig sein, es zu ertragen.

Er ließ so langsam und gründlich den Blick über sie gleiten, dass es unnötig erschien, sich auszuziehen.

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