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Tanz der Dämonen

Inhalt

  1. Prolog
  2. Erster Teil ZEICHEN
    1. Der Skorpion
    2. Armbrust und Degen
    3. Die Straße nach Köln
    4. Über den Strom
    5. Mein Geldbeutel
    6. Im Haus mit dem Löwen
    7. Alte Freunde
    8. Bei Mutter Gluck
    9. Bedrohliche Schatten
  3. Zweiter Teil RÄTSEL
    1. Ein regnerischer Morgen
    2. Die Kristallkugel
    3. Dreikönigentag
    4. Ahasvers Argwohn
    5. Der Schwarze Hund
    6. Bruder Anselmus
    7. Im Kloster
    8. Neue Feinde
  4. Dritter Teil SCHRECKEN
    1. Ein ehrbarer Bürger
    2. Melaten
    3. Wege im Dunkel
    4. Ein frostiger Tag
    5. Die Stunde Pater Nabors
    6. Arkana
    7. Die Begegnung
    8. Huldigungstag
    9. Ahasvers Sturz
  5. Vierter Teil ZWEIFEL
    1. Fieber
    2. Das Haus auf dem Berlich
    3. Grifones Truppe
    4. Ein grauer Tag
    5. Der Zuber
    6. Beim Magus
    7. Ein Fenster im Turm
    8. Der Abgesandte
    9. Beim Kaiser
    10. Bankett
    11. Schiff im Sturm
  6. Fünfter Teil KAMPF
    1. Wolfsnacht
    2. Ein Tag voll Sonne und Wind
    3. Überfall
    4. Ein Gespräch im leeren Haus
    5. Das Schatzgewölbe
    6. Belagerung
    7. Auf Leben und Tod
    8. Brandstätte
    9. Es geht weiter
    10. Abschied?
  7. Nachwort des Autors

UWE WESTFEHLING

TANZ DER
DÄMONEN

Historischer Roman

Mit Illustrationen des Autors

Für unsere Kinder
Siskia, René und Cornelia

Es ist hauptsächlich zweierlei, was dem Menschen
bei der rechten Erkenntnis der Dinge Schwierigkeiten macht,
nämlich einmal die Scham, indem sie den Geist verdunkelt,
dann die Furcht, die die Gefahr sichtbar macht
und dem entschlossenen Handeln im Wege steht.
Aber die Torheit macht uns auf eine geradezu herrliche
Art und Weise von diesen Bedenken frei.

Erasmus von Rotterdam
»Lob der Torheit« (»Encomium moriae«, 1509)

Das Buch wird von den Behörden der meisten Staaten
unbarmherzig unterdrückt, ebenso von allen organisie rten
Religionsgemeinschaften.
Seine Lektüre führt zu entsetzlichen Folgen.

Howard Phillips Lovecraft,
»Geschichte und Chronologie des Necronomicons«
(»History and Chronology of the Necronomicon«,
aus den hinterlassenen Notizen, veröffentlicht 1943)

PROLOG

Wenn ich an jene Nacht denke, jene fürchterliche Nacht, dann sehe ich wieder die Flammen vor mir. Sie brennen in meiner Seele. Und ich höre die Schreie und rieche den Pulverrauch.

Wie sehr wünschte ich, es sei nur einer jener Träume, die mich immer wieder heimsuchen, soweit ich zurückdenken kann, und die mir Dinge vorspiegeln, welche jenseits allen Verstandes sind. Aber ich weiß, dass es wahr ist, was mir vor Augen steht. Wahr wie die Erinnerung an jene Menschen, die Gott der Herr – oder das unerforschliche Schicksal – bestimmt hatte, zu Grunde zu gehen, und an jenen einen Menschen, dem es auferlegt war, Werkzeug zu werden für Seinen Zorn.

Wird es mir je gelingen, die Ereignisse zu vergessen, von denen ich hier berichten will? Ob es mir helfen kann, von ihnen zu erzählen?

Wie soll ich beginnen?

Es war im Jahre des Herrn 1531, in den Tagen um das Fest der Heiligen Drei Könige, als die Welt nach Köln blickte, als die Königswahl stattfand, als Kaiser Karl V. dort seinen Aufenthalt nahm und mit ihm sein Bruder Ferdinand und die Fürsten des Reiches – sowie noch manche anderen Leute von weniger edler Herkunft …

Zu diesen habe auch ich gehört.

Ich war jung damals, jung und töricht. Wie deutlich spüre ich das – jetzt, da ich zurückblicke …

ERSTER TEIL
ZEICHEN

Abbildung

AbbildungER SKORPION

Ein schneidender Wind fegte über die Hügel; er trieb düstere Wolken über uns hin und peitschte das schwarze Gestrüpp mit eisigem Regen. Die Wege waren nichts als Schlamm, und so mussten wir immer wieder vom Wagen hinunter, weil er bis an die Achse festsaß. Eigentlich war es eher ein Karren, von einem einzigen mageren Klepper mühsam vorwärts gezerrt. Deshalb gingen wir den größten Teil des Weges zu Fuß.

Es wurde Abend, ohne dass es an diesem Tag je richtig hell gewesen wäre, und wir alle sehnten uns danach, für die Nacht rasten zu dürfen – alle außer Ahasver. Der wollte von Rast nichts wissen und trieb uns erbarmungslos an. Als Haupt unserer kleinen Gauklertruppe führte er ein strenges Regiment. Der Alte duldete keinen Widerspruch.

Wir kamen an einem Dorf vorbei, das auf einer Anhöhe lag. Da erhob sich eine große steinerne Kirche.

»Bestimmt gibt es dort eine Herberge für Pilger«, seufzte Pietro.

»Heiße Suppe«, brummte Sambo.

Aber Ahasver warf kaum einen Blick hinüber. »Der Flecken heißt Neunkirchen«, knurrte er. »Da sitzt ein Pfaffe aus Köln. Keine zehn Pferde bringen mich zu denen.«

»Er wird seine Gründe haben«, flüsterte Pietro grinsend.

Nun, das wussten wir alle, dass der Alte mit der Kölner Geistlichkeit nicht viel im Sinn hatte. Ahasver tat, als habe er nichts gehört.

Krähen flogen aus den Baumkronen auf – ein finsterer Schwarm – und segelten über unseren Köpfen dahin; sie kämpften gegen den Wind, ihre rauen Schreie gellten mir in den Ohren. Aber Ahasver hatte keine Mühe, sie zu übertönen.

»Legt euch ins Zeug!«, befahl er. »Oder wollt ihr an diesem schäbigen Hügel verrecken?«

Pietro, Sambo und ich schwiegen, weil wir alle Kraft zum Schieben brauchten. Das Dorf lag jetzt hinter uns, und vor uns stieg der Weg erneut an. Der Schlamm spritzte mir bis unter die Hutkrempe, Jacke und Hose waren schon lange durchnässt und voll Dreck.

»Gehorsam steht den Knechten an«, deklamierte der Alte. Er stieg nun ebenfalls vom Karren herunter und nahm den Gaul am Zügel. Als die Höhe fast erreicht war, schritt er voll Ungeduld voraus. Wir hörten ihn brüllen: »Und seht ihr es nicht? Gott gibt Kraft! Ihr seid bereits aus dem Dreck, ehe euer Kleinmut es wahrhaben will. Also denkt daran: Wem Gott einen großen Mann zum Herren gibt, dem schenkt er auch die Stärke, ihm zu folgen.«

Pietro, ein schwarzhaariger, ziemlich gut aussehender Bursche, war Ahasvers gelehriger Schüler und sozusagen seine rechte Hand; dennoch ließ er keine Gelegenheit aus, gegen ihn zu maulen. Er stöhnte: »Wenn er nicht endlich mit anpackt, der alte Narr, werden wir nicht einmal dieses Stück mehr schaffen.« Und zu mir: »Geh nach vorne, Kat, er hat die Zügel losgelassen …«

Der Alte deklamierte: »Pah, Dämonen der Stürme, Künder des Chaos, was vermögt ihr denn gegen Ahasverus, den Großen, den Wanderer unter den Sternen, der gefeit ist gegen den Gang der Zeit und dessen Augen die goldene Zukunft erschauen?«

»Jetzt ist er wieder in seinem Text«, sagte Pietro und verdrehte die Augen.

»Hat schon wieder zu viel getrunken«, vermutete Sambo. Ein Grinsen ging über sein schwarzes Gesicht. Der riesenhafte Kerl war der »starke Mann« in unserer Truppe. Er hatte auch eine kräftige Stimme.

»Ich höre euch«, warnte der Alte. »Ich höre euch lachen, und ich höre euch meutern. Verräterisches Pack!«

Ahasver hatte wirklich zu trinken begonnen, was sonst nicht seine Art gewesen war. Seit er nach monatelangem Zögern entschieden hatte, dass wir nun auf direktem Wege nach Köln gehen würden, war eine seltsame Unruhe über ihn gekommen. Er wirkte mürrisch und reizbar. Und er sprang heftig mit uns um.

»Es tut nichts«, schrie er, »wenn ihr nicht begreift. Aber eure Bosheit, die wird euch nicht verziehen werden.« Er war stehen geblieben.

»Seht nur, wenn ihr Augen habt. Die Sonne selbst gibt meinen Worten Recht!«

Tatsächlich. Wir hatten endlich die Höhe erreicht, und vor uns war der Wolkenhimmel aufgerissen. Gleißendes Abendlicht flutete über die Ebene zu unseren Füßen, und im Westen, weit in der Ferne, erkannten wir die Umrisse einer Stadt.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Schau hin, Junge«, knurrte der Alte. »Das ist es, das ist Köln! Scheint näher zu sein, als es ist, bei diesem Licht. Aber morgen sind wir da. Spätestens übermorgen.«

Er winkte mich zu sich heran.

»Siehst du das da?« Er hielt ein seltsames Gerät in der Hand. Woher hatte er es so plötzlich genommen? Ich konnte mir nur vorstellen, dass er es unter seinem weiten Mantel versteckt gehalten hatte. Eine Waffe? Es war eine Art länglicher Kasten mit zwei Löchern, eines an jedem Ende, in die waren offenbar Stücke Kristall eingesetzt. Er richtete das Instrument auf die ferne Stadt und schaute hindurch.

»Der Tempel des Herrn in der Stadt Gottes«, hörte ich ihn sagen, und dann, mit einem spöttischen Lachen: »Oder die Burg des Gral. Oder der Turm zu Babel. Ha! Oder der Stall des Augias!«

Er wandte sich um und hielt mir das Ding entgegen. Erschrocken wich ich zurück, was er grinsend beobachtete.

»Keine Angst, Junge, es beißt nicht.«

Ich ärgerte mich über seinen Spott, und damit bezwang ich auch meine Scheu und trat näher heran.

»Du musst hier hineinschauen«, sagte er, ruhiger jetzt und fast begütigend.

Ich tat, was er sagte. Plötzlich stand alles unbegreiflich nahe vor meinen Augen.

Eine Stadt, so groß, wie ich noch keine gesehen hatte und wie ich mir auch niemals eine hätte vorstellen können!

»Zauberei«, flüsterte ich.

»Unsinn«, sagte er. »Es gibt für alles eine bessere Erklärung als Zauberei. Das hier habe ich aus Krakau mitgebracht. Hinterlassenschaft von einem begnadeten Spinner, den keiner ernst genommen hat. Es ist … Ach was, zerbrich dir nicht den Kopf. Schau einfach. Da! Hinter dem Baumstumpf! Siehst du es?«

Ich erkannte, was er meinte, etwas unglaublich Großes, Glänzendes, das sich fern über den winzigen Dächern der Stadt erhob wie eine unregelmäßige Gruppe merkwürdiger Türme.

»Sie bauen die Kathedrale«, erklärte er. »Du wirst staunen!«

Dann wandte er sich zu den anderen um.

»He! Worauf wartet ihr!«, brüllte er. »Haltet nicht Maulaffen feil! Da liegt das Wirtshaus, das ich uns zur Nacht bestimmt habe. Nehmt den Gaul und den Karren und geht schon voraus!«

Mich hielt er zurück. Was mochte er jetzt wieder wollen? Er hatte das unheimliche Ding weggesteckt, nestelte nun etwas anderes aus seinem Gewand und gab es mir in die Hand.

»Nimm das«, sagte er. »Nimm es und frag nicht.« Dabei hielt er den Kopf gesenkt und blickte verstohlen nach rechts und nach links.

Es war ebenfalls ein erstaunliches Ding, ein kleiner Anhänger an einer Kette. Sieht aus wie Gold, dachte ich. Und was soll das darstellen? Ich betrachtete es genau. Zweifellos ein Tier. Eine Art Wurm mit vielen Beinen.

»Ein Skorpion«, sagte er. »Ich vertraue ihn dir an. Verbirg ihn gut. Am besten unterm Wams. Es wird der Tag kommen, da ich ihn von dir zurückfordere. Aber frag nicht, verstanden?«

Ich nahm den Hut ab und streifte die Kette über den Kopf.

Er zog mich zu sich heran. Ich hätte schwören können, dass er im Begriff stand, mir übers Haar zu streichen, aber dann klopfte er mir doch nur auf die Schulter.

»Und jetzt komm.« Wir folgten den anderen. »Ich will mich auf dich stützen«, sagte er. »Ich bin ein alter Mann.«

Dabei wanderte sein Blick unter den schweren Lidern hervor misstrauisch zum Waldrand, in die Richtung, aus der wir gekommen waren, nach Osten, wo sich schon abendliches Dunkel ausbreitete, und er schob sein wuchtiges Kinn nach vorn.

Die niedrige Gaststube in der Herberge dröhnte vom Lärm der dort versammelten Menschen. Woher mochten die nur alle gekommen sein? Auf den Straßen, die hinter uns lagen, hatten wir kaum Reisende getroffen, hier aber drängten sie sich auf engstem Raum in Hitze, Qualm und Gestank. Meine Augen und meine Nase gewöhnten sich nur widerstrebend an diese Atmosphäre. Dann aber erkannte ich Einzelheiten: An den Tischen wurde gegessen, und im Hintergrund waren Spiele mit Karten und Würfeln im Gange. Ein Handelsherr, vielleicht aus Nürnberg oder Augsburg, wo die reichsten Pfeffersäcke sitzen, machte mit seinen Frachtwagen und Fuhrknechten hier Station. Für ihn war mit Hilfe von gespannten Tüchern ein gesonderter Bereich abgetrennt, damit er sich nicht vom niedrigen Pöbel belästigt fühlen musste. Dieser Kaufmann war eine stattliche Erscheinung, er trug ein pelzbesetztes Wams und hatte einen Ring am Finger, der gewiss mehr wert war als alles zusammen, was wir anderen in diesem Raum am Leibe hatten.

Er muss sich ziemlich sicher fühlen, dachte ich. Sonst würde er seinen Reichtum nicht so zur Schau stellen. Zwei Damen und ein Priester saßen mit an seinem Tisch. Die übrigen Gäste mussten mit weniger Platz vorlieb nehmen. Manche waren wohl Pilger, man erkannte sie an ihren Stäben und dicken Mänteln, fromme Leute, die zu den Heiltümern von Köln unterwegs waren, obwohl es ganz gewiss keine gute Jahreszeit für eine Wallfahrt war. Andere mochten reisende Scholaren sein, Burschen mit bunten Jacken, großen Gesten und viel Spottlust. Ein paar Mönche hielten sich abseits, einige von ihnen aßen schweigend, einer hielt einen Rosenkranz. Den Ton gab eine Gruppe wandernder Handwerksburschen an, ungenierte Kerle mit lauten Stimmen, die sich offenbar mit Witzereißen unterhielten und sich dabei alle Augenblicke ausgelassen auf ihre Schenkel schlugen. Der Rest war eher zwielichtiges Volk – ich hatte in den letzten Wochen und Monaten, seit ich mit Ahasver und seiner Truppe in den verschiedensten Gegenden von Dorf zu Dorf umhergezogen war, ganz gut gelernt, Menschen einzuschätzen und ihren Stand zu erkennen.

Es waren die Handwerker, die uns mit Zurufen begrüßten. »Seht doch«, hörte ich als Erstes, »die unheiligen drei Könige!«

Daran war allerdings etwas Wahres: Ahasver, der alte König, Pietro, der junge, und Sambo, der schwarze, der nicht nur durch seine Hautfarbe besonders auffiel, sondern auch deshalb, weil er so groß war, dass er sich bücken musste, um nicht an die Balkendecke zu stoßen.

Mich übersah man wie üblich. Aber das war mir ganz recht. Meine Scheu vor fremden Menschen war immer noch stark, und ich war nicht gerne ihren Blicken ausgesetzt.

»Sie werden den Unterschied schon merken«, flüsterte Pietro mir ins Ohr. »Wir bringen keine Gaben, sondern nehmen meistens was mit.«

Der Wirt, ein bulliger Kerl mit finsterer Miene, wies uns nach kurzem Abschätzen an einen Tisch in einem finsteren Winkel, an dem schon einige eingeschüchtert aussehende Männer und Frauen mit Pilgerzeichen am Gewand saßen; die machten nun mühsam für uns Platz und starrten dabei mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination auf Sambo.

Hier wird Ahasver nicht lange bleiben, dachte ich. Mit so einem Platz gibt er sich nicht zufrieden.

Wir bekamen heiße Suppe und Gerstengrütze. Das tat gut nach diesem zermürbenden Tag. Wenn auch ein gutes Stück Fleisch besser gewesen wäre. Mir taten alle Glieder weh, und die nasse Kälte war mir bis in die Knochen gedrungen. So ging ich nach dem Essen zu unserem Karren hinaus, der zwischen dem Wirtshaus und den Stallungen abgestellt war, und kroch unter die Plane, um mir eine andere Hose anzuziehen. Seit dem Sonnenuntergang lag Frost in der Luft.

Wenig später begannen meine Gefährten in der Wirtsstube mit ihrem Gewerbe. Zuerst Pietro. Sambo und ich blieben am Tisch zurück. Unsere Truppe hatte zahlreiche, meist nicht besonders ehrenwerte Erwerbsarten in petto. Aber keine, die wir beide beherrschten, wäre in dieser Umgebung angebracht gewesen. Also verhielten wir uns unauffällig.

Bevor Pietro oder Ahasver in Aktion traten, sah ich, wie die Eingangstür geöffnet wurde. Es kamen noch zwei Männer nach uns an.

Sambo beugte sich zu mir und raunte: »Da. Die zwei, die uns gefolgt sind.«

»Gefolgt?«, fragte ich erstaunt.

»Ja, heute, den ganzen Tag. Die zwei.«

Er blieb dabei sehr gleichmütig, aber ich erschrak. Ob das stimmte? Waren wir verfolgt worden? Ich erinnerte mich an Ahasvers Blick, als er auf mich gestützt hierher zur Herberge geschlurft war. Hatte auch er es bemerkt? Aber warum sollte jemand uns verfolgen, ein paar arme Schlucker vom fahrenden Volk?

Ich besaß zum Glück Geistesgegenwart genug, um nur ganz unauffällig zu den Kerlen hinüberzusehen. Einer war sehr hager, und der andere trug eine Augenklappe. Unangenehme Gesichter. Ob das Räuber waren?

Pietro war indessen schon bei der Arbeit. Er mischte sich unter die Kartenspieler, und bald bemerkte ich, dass er Gewinne machte. Er und erst recht Ahasver, der schließlich sein Lehrmeister gewesen war, verstanden sich auf Karten- und Würfelspiele so gut, dass es für Uneingeweihte an Zauberei grenzte. Andere Spieler waren gegen sie wie unerfahrene Kinder. Ich glaube, sie kannten jeden Trick und scheuten auch vor blankem Betrug nicht zurück. Dabei ließen sie jedoch stets Vorsicht walten. Es gehört nämlich zu dieser Kunst, nie zu viel Geld auf einmal einzustreichen und vor allem bisweilen zu verlieren, besonders am Anfang, aber immer wieder auch zwischendurch. Am Ende standen sie jedes Mal mit einem wohlkalkulierten Gewinn vom Spieltisch auf.

Sambo und ich hatten im Augenblick nichts zu tun. Unsere Talente waren eben von anderer Art. Wenn wir in ein Dorf kamen, hatte Sambo gewöhnlich die Aufgabe, gegen Wetteinsatz die jungen Burschen zum Ringkampf herauszufordern. Er war es auch, der unseren Rückzug deckte, wenn es einmal Schwierigkeiten gab. Mein Part hingegen bestand vor allem darin, den Kranken zu spielen, wenn Ahasver seine Wundermedizin zum Verkauf anpries. Ich war der Patient, an dem er die Wirksamkeit vorführte und der dann plötzlich alle Gebrechen los war. In der Rolle war ich recht überzeugend, aber das Spiel eignete sich nicht für diesen Abend. Wenn wir darauf aus gewesen wären, hätte ich getrennt von den anderen und möglichst einige Stunden vor ihnen eintreffen und meine Leiden präsentieren müssen. Sonst wären nicht einmal die dümmsten Dorftrottel auf uns hereingefallen. Auch unsere Jonglierkünste – meine waren noch ziemlich bescheiden – würden heute nicht zum Einsatz kommen. Die wenigen Theaterszenen, die wir einstudiert hatten und die alle nur darauf ausgerichtet waren, das Bühnentalent des großen Ahasver glänzen zu lassen, kamen ebenfalls nicht in Frage. Man darf sich nicht als Gaukler und Schausteller zu erkennen geben, wenn man beim Spiel Gewinne machen will.

Was Ahasver anging, so hatte er sich heute offenbar entschieden, eine besonders lohnende Beute in die Falle zu locken. Ich weiß wirklich nicht, wie er es fertig brachte, aber nach einiger Zeit, in der er sich, ohne sonderlich aufzufallen, hier und da herumgedrückt hatte, saß er plötzlich am Tisch des Kaufmanns und gab mit unbestreitbarer Würde eine seiner Geschichten zum Besten. Etwas später stieß mich Sambo in die Seite. Ich schaute hinüber und traute kaum meinen Augen: Sie schwenkten den Würfelbecher, auch die beiden Damen, und einmal sogar Hochwürden – falls ich mich da nicht doch getäuscht habe! Zu diesem Zeitpunkt war ich nämlich schon erheblich abgelenkt, weil mir bewusst geworden war, dass das hübsche Schankmädchen ein Auge auf mich geworfen hatte. Es war schlank und schwarzhaarig und bewegte sich unter den Gästen mit einer herausfordernden Grazie, die fast etwas Tänzerisches hatte. Manchmal beugte die Schöne sich unbefangen zu einem Mann hinunter, so dass er leicht einen Blick in ihr Brusttuch werfen konnte, dann wieder wehrte sie – spielerisch, aber sehr entschieden – den Griff einer zudringlichen Hand ab, während sie andererseits dem einen oder anderen Zecher durchaus gestattete, ihren schmiegsamen Körper einmal herzhaft an sich zu drücken. Und zwischendurch schoss sie gelegentlich einen glühenden Blick ihrer dunklen Augen auf mich ab.

Wenn du wüsstest!, dachte ich.

Es war noch nicht besonders spät, als sich bei den meisten Gästen die Strapazen der Reise bemerkbar machten. Einige schliefen an den Tischen und auf den Bänken ein, andere breiteten sich Decken auf den Bodenbrettern aus. Der Kaufmann und seine Damen – sowie unser Ahasver! – bekamen die wenigen Kammern, die der Wirt zu vergeben hatte. Sambo und Pietro zogen sich in den Stall zurück. Mich aber nahm das Mädchen unauffällig beiseite und flüsterte mir zu: »Da, die Leiter hoch – auf den Heuboden.« Weiche Lippen berührten verheißungsvoll meine Ohrmuschel.

Warum nicht?, dachte ich und unterdrückte ein Kichern. Sie hatte mir zwei oder drei Becher Wein gebracht, ohne mich dafür bezahlen zu lassen, und dieser Wein prickelte jetzt in meinem Kopf.

Pietro, der immer alles mitbekam, drehte sich in der Tür um und zwinkerte mir zu. Niemand sonst schien auf mich zu achten. Mit unsicheren Knien stieg ich die Leiter hinauf.

Dort oben war Platz, und es duftete angenehm. Durch die Ritzen im Boden sah ich, wie unten in der Schankstube die Kerzen gelöscht wurden. Bald ertönte ein vielstimmiges Schnarchkonzert.

Die Luke ging auf, und die Schöne schlüpfte herein.

»Gefällt es dir hier?«, fragte sie, und als ich zustimmte, fügte sie hinzu: »Gleich wird es dir noch viel besser gefallen.«

Damit legte sie sich im Dunkel neben mich. Ich spürte ihr Haar in meinem Gesicht, einen schnellen Kuss – und ihre Hand, die zärtlich fordernd zwischen meine Schenkel glitt. Erstarrt hielt sie inne. Ich hörte einen tiefen Atemzug und dann ein glucksendes Lachen.

Einen Augenblick lang war Stille. Dann flüsterte sie: »Du hast mich ja schön zum Besten gehalten. Ist das eine List von euch? Was führt ihr im Schilde?« Und plötzlich: »He, deine Freunde – sie wissen doch Bescheid?«

»Dass ich kein Junge bin?«

»Ja doch!«

»Sie wissen es nicht. Ich habe es ihnen nicht gesagt.«

Sie lachte wieder, verstummte dann und überlegte. Ihre Hand wanderte forschend über meinen Körper, berührte erneut den Hosenlatz und dann meine Brust.

»Das ist eine Sache«, flüsterte sie. Und nach einer Weile: »Nicht, dass wir nicht auch so unseren Spaß haben könnten. Du würdest dich wundern. Aber eigentlich ist mir jetzt eher danach, mit dir zu reden … Schwester.« Dann: »Weißt du, ich glaube es nicht. Nicht, wenn ich richtig darüber nachdenke.«

»Was glaubst du nicht?«

»Dass der Alte es nicht weiß. Euer … Meister. Der den Kaufmann ausgenommen hat. Ich glaube, er weiß es. Er sieht dich so seltsam an. Will er was von dir? Du weißt schon …«

»Unsinn. Was du denkst! Er könnte mein Großvater sein! Und ich sage dir, er hält mich für einen Jungen.«

Sie räusperte sich, als wollte sie sagen: Alles schon da gewesen. Aber sie schwieg. Wahrscheinlich hielt sie mich für ein ahnungsloses Entchen.

»Er ist euer Anführer«, sagte sie nach einer Weile. »Wie heißt er?«

»Er heißt Ahasver.«

»Ach.«

»Aber so heißt er nicht wirklich. Wie sein richtiger Name ist, hm, das weiß ich gar nicht. Wir nennen ihn so. Alle nennen ihn so. Der Name kommt aus einem Theaterstück, mit dem er viel Erfolg hatte. Früher.«

»Ihr seid seltsame Vögel«, sagte sie. »Galgenvögel.« Und kicherte. »Wieso gehst du eigentlich mit ihm? Hat er dich gekauft – oder vielleicht gestohlen?«

»Wie kannst du so etwas nur denken! Unsinn! Er hat mich auf die Reise mitgenommen. Zuerst allerdings … wollte ich es gar nicht. Ich wäre lieber daheim geblieben.«

»Erzähl.«

Ich zögerte. »Ich bin Waise«, sagte ich schließlich. »Oder nein, eigentlich nicht …«

»Du machst es aber spannend.«

»Meine Mutter ist tot. Seit ein paar Jahren.« Dieser Wirbel in meinem Kopf! »Danach hat sich der Pfarrer in unserem Dorf um mich gekümmert. Vater Sebastian.« Schritt für Schritt erzählte ich ihr, was sie wissen wollte: wie er sich um mich gekümmert hatte und mir Dinge beigebracht hatte, die ein Mädchen normalerweise niemals lernen würde. Zum Beispiel Latein. Ich sah wieder das gebeugte Haupt und die buschigen Brauen im Kerzenschein und glaubte, das leise Rascheln des Pergaments zu hören, wenn er die Buchseiten umblätterte. Wie viele Bücher er besaß! Und wie viele davon ich kennen gelernt habe! Abends, wenn ich zu Bett ging, segnete er mich und gab mir einen Kuss auf den Scheitel. Plötzlich hätte ich heulen mögen. Aber das musste ich abschütteln. Wenn ich meinen Gefühlen nachgab, wenn ich mich fallen ließ, woher sollte ich dann den Mut nehmen, meinen Weg weiterzugehen?

»Er ist alt geworden«, sagte ich. »Ich glaube, es wurde ihm zu viel. Er brauchte Ruhe, glaube ich. Da hat er gesagt … Also er meinte eben, ich solle mit Ahasver gehen.« Ich hatte seine Scheu gespürt, mit einem Mädchen zusammenzuleben, das kein Kind mehr war. Furcht – vielleicht vor sich selbst … Aber das verschwieg ich. Denn unter dem Nebel der Berauschtheit regte sich eine Stimme in meinem Innern: Sie fragt dich aus – nach allen Regeln der Kunst, warnte sie. Es ist jetzt genug. Es ist nicht gut, mit Fremden zu viel zu reden. Schärft Ahasver uns das nicht immer wieder ein?

»Nicht gerade ein gutes Vorbild«, sagte sie. »Dieser Asaver.«

»Ahasver«, berichtigte ich.

»Warum hat er dich gerade mit dem gehen lassen?«

Ich wollte nicht, dass sie Vater Sebastian für unklug hielt, aber was sollte ich sagen? »Er hatte sich an ihn herangemacht. An Vater Sebastian. Er kam eines Tages in unser Dorf …«

»Wo war das?«

»Ziemlich weit weg von hier.«

Sie gab sich damit zufrieden.

»Und weiter?«

»Er redet zu den Leuten von Sünde und Buße. Er hat den guten Pater sehr beeindruckt. Hat ihm weisgemacht, er sei erfüllt vom Wort Gottes. Ach, du weißt schon, was das für Sprüche sind. Man musste ihn einfach für einen guten Menschen halten.« Seltsam war das gewesen. So hatte ich Ahasver nie wieder auftreten sehen. Er war weiß Gott kein Heiliger! Nicht einmal wirklich fromm …

»Vater Sebastian«, sagte ich, »… nun, er kann manchmal recht leichtgläubig sein, so klug er andererseits sein mag. Er ist alt. Hoffentlich geht es ihm gut.«

Du redest zu viel, dachte ich. Und wenn du etwas verbessern willst, machst du es nur schlimmer. Halte lieber deinen Mund. Und vor allem: Weshalb du wirklich unterwegs bist, geht keinen Fremden was an.

Nach meinem Vater fragte sie nicht. Ich war froh. Was hätte ich sagen sollen? Die Wahrheit? Dann hätte ich sagen müssen, dass ich ihn gar nicht kannte und auf der Suche nach ihm war. Und dass ich Hoffnung hatte, ihn in Köln zu finden. Deshalb schließlich wollte ich in diese Stadt. Du musst zu deinem Vater gehen, hatte der alte Priester gesagt. Es ist Zeit. Dieser Mann wird dich zu ihm bringen… Und er hatte mir den Brief gegeben, den ich im Futter meiner Jacke trug. Aber von alldem sprach ich nicht gerne.

Für kurze Zeit war es still, bis ihre leise Stimme wieder aus dem Dunkel kam: »Wer hat dir geraten, dich zu verkleiden?«

Sei jetzt vorsichtig, dachte ich – und redete doch. Es muss am Wein gelegen haben.

»Vater Sebastian. Er war das. Mit schlechtem Gewissen. Es sei gegen die Worte des Apostels Paulus, aber der Herr werde es schon verstehen. Ich sollte es keinem verraten. Auch Ahasver sollte es nicht wissen. Vielleicht hat er ihm doch nicht ganz getraut.«

»Es ist nicht ungefährlich«, sagte sie. »Das muss dir doch klar sein.«

»Ist es vielleicht nicht gefährlich, als Mädchen unterwegs zu sein?«, gab ich zurück. »Das solltest du wohl wissen …«

»Gewiss. Aber wenn man es herausfindet …«

»He«, fuhr ich auf, »du wirst mich doch nicht verraten, was?«

»Wo denkst du hin.«

Ich überlegte noch, ob ich ihr glauben durfte, als sie schon wieder fragte:

»Und – er ist in Wirklichkeit gar kein frommer Mann, oder?«

»Ahasver? Der hat viele Gesichter. Ich werde nicht schlau aus ihm. In Wirklichkeit glaubt er an gar nichts. Er ist immer gerade das, was ihm nützt. Eigentlich ist er Schausteller.«

»Wohl eher ein Spitzbube.«

»Ja. Das ist er …«

Sie schien abzuwarten, ob ich noch etwas sagen würde. Aber ich schwieg.

Da flüsterte sie: »Ich habe so eine Ahnung, dass er noch etwas anderes ist …«

»Was meinst du?«

»Weiß nicht recht.«

»Sag schon.«

»Verflixt! Ein Menschenhändler vielleicht. Ein Hexenmeister. Es ist etwas Unheimliches an ihm.« Sie bekreuzigte sich. »Vielleicht … ein Spion?«

»Ein Spion?«

»Einer, der …«

»Ich weiß, was du meinst. Aber das glaube ich nicht.«

»Geht mich nichts an«, sagte sie. »Aber dass er dich mitnimmt, das passt nicht zu ihm. Hat er Geld dafür gekriegt?«

»Wie?«

»Von deinem Pater.«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. »Vielleicht«, sagte ich. Wahrscheinlich war es so.

Jedenfalls nahm der Alte es nicht sehr ernst mit seinem Versprechen. Er ließ sich Zeit, es einzulösen. Fast ein halbes Jahr waren wir nun herumgezogen, ehe er die Richtung nach Köln eingeschlagen hatte. Ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt.

»Aber deine Verstellung«, sagte sie. »Das machst du nicht schlecht.«

»Ach ja? Ich war als Kind schon ein Wildfang. Hatte lieber die Spiele der Jungen als die der Mädchen.« Sollte ich ihr sagen, dass ich heimlich geübt hatte, zu rotzen und zu spucken, und dass ich einige Kraftwörter regelrecht auswendig gelernt hatte? Lieber nicht.

Etwas später murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu mir: »Trotz allem: Du hast es gut! Mir ist es leid hier, und der Wirt, dieser geile Scheißkerl, ist ständig hinter mir her. Ich hätte nicht übel Lust, mich euch anzuschließen.«

Darauf also wollte sie hinaus. Ob du dir das wünschen solltest?, dachte ich. Ständig unterwegs, überall beargwöhnt, manchen Tag kaum was zu essen…

Ich war auf einmal sehr müde, aber sie gab noch immer keine Ruhe.

»Ihr wollt nach Köln, stimmt’s?«

»Ja.«

»Du musst auf dich aufpassen, hörst du?«

»Schon recht.«

»Das ist mein Ernst. Komm in meinen Arm. Wir wollen schlafen.«

Dann, kurz darauf, unter Gähnen: »Wie heißt du überhaupt?«

»Katerine. Aber ich lasse mich Kat nennen. So könnte auch ein Junge heißen. Und du?«

»Ich bin Rosanna.«

»Rosanna?«

»Mein Vater, na ja, der war nicht von hier.«

Beim Einschlafen fühlte ich auf meiner Brust das Amulett, das der Alte mir gegeben hatte. Und den Brief von meinem Vater. Das Einzige, was ich von ihm besaß.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, den ich schon früher geträumt hatte, mehr als einmal, immer wieder. Ich stehe auf einer weiten Ebene, es ist dunkel. Da erhebt sich etwas Großes, bedrohlich, in der Ferne. Ich kann nicht erkennen, was es ist. Es ist wie mit Schleiern umhüllt. Ich stehe still. Es steht still. Aber es wird sich bewegen.

AbbildungRMBRUST UND DEGEN

Stechender Schmerz in den Schläfen. Pelzige Zunge. Brummschädel. Als ich erwachte, musste ich mich erst zurechtfinden. Nur nach und nach wurde mir klar, wo ich mich befand. Durch die Ritzen im Dach schien die Sonne. Es war spät. Ich erinnerte mich unklar, weit mehr von mir erzählt zu haben, als ich im Nachhinein für gut hielt. Hol’s der Teufel!

Blinzelnd sah ich mich um. Ich war allein. In der Giebelwand des Dachbodens gewahrte ich eine Luke. Ich kroch hinüber und öffnete sie ein wenig.

Ich blickte in eine weiße, gleißende Welt. Über Nacht war Schnee gefallen, und nun strahlte der Himmel in wolkenlosem Glanz; die Sonne tat meinen Augen weh. Immerhin erkannte ich an den Spuren im Hof, dass der Zug mit den Kaufmannswagen bereits aufgebrochen war. Es war still im Haus. Auch die Pilger und fast alle anderen Gäste hatten wohl die Herberge verlassen. Ich beschloss, hinunterzusteigen und hinter einer Hecke meine Blase zu erleichtern. Das tat ich aus gutem Grund immer weitab von allen anderen.

Doch ehe ich diese Absicht ausführen konnte, geschah etwas, das mich innehalten ließ. Pferdegetrappel ertönte, und ein Trupp Reiter sprengte in den Hof. Kaum abgesessen, stürmten sie schon in die Gaststube. Neugierig presste ich die Augen an eine Fuge der Dielenbretter. Da waren Pietro und Sambo, die völlig überrascht wirkten. Die beiden Kerle, die gestern noch nach uns eingetroffen waren, der Hagere und der mit der Augenklappe, standen bei ihnen und hielten ihnen Dolche an den Hals. So waren meine Freunde bereits unfähig, sich zu wehren, ehe der ganze Trupp eindrang. Die mussten alle unter einer Decke stecken! Einer der Neuankömmlinge war offenbar der Anführer. Ich konnte ihn zuerst nicht genau sehen, dann aber stand er mitten im Raum. Im Gegensatz zu seiner Bande war er gut gekleidet und hatte ein glattes Gesicht. Keine unangenehmen Züge. Aber jene Art von Geschmeidigkeit, die einen misstrauisch macht. Dazu passte, dass er ziemlich leise sprach. Eine zischelnde Stimme, eine, die man nicht vergisst.

Was für ein reizender Halsabschneider!, dachte ich.

Dieser Mann blickte suchend um sich und schimpfte mit seinen Leuten. Seine Stimme wurde lauter.

»Was soll das heißen?«, fauchte er. »Wo steckt er denn?«

Pietro und Sambo bemühten sich offenbar, so teilnahmslos wie möglich zu wirken. Besonders Sambo hielten die Ganoven scharf im Auge. Bedrohlich genug sah er ja auch aus. Wie sollten sie ahnen, dass er von fast schafsähnlicher Sanftmut beseelt war. Außer natürlich, wenn man seine Wut reizte. Dann konnte er furchtbar sein. Aber jetzt stand er nur ganz ruhig da.

»Schafft mir den alten Schurken her!«, rief der Anführer. »Aber lebend will ich ihn!«

Es dämmerte mir, dass es um Ahasver ging. Wenn es stimmte, dass die beiden Kerle da unten schon einen Tag lang hinter uns hergeschlichen waren, konnte es nicht anders sein.

In diesem Augenblick knarrte die Bohle unter meinen Knien. Die Kerle fuhren herum und starrten herauf.

»Passt auf!«, schrie der Anführer. »Da oben. Durchsucht alles genau!«

Eisiger Schrecken fuhr in mich. Ich warf mich so rasch zur Luke hinaus, dass ich kaum wusste wie. Ich glitt vom Dachgesims ab und war auch schon unten. Aber ich tat mir keinen Schaden. Der weiche Schnee hatte den Sturz gedämpft. So schnell ich konnte, rannte ich über den Hof, durch den Küchengarten und einen weißen Abhang hinunter. Ich hielt erst inne, als das Herz mir im Halse pochte und meine Lunge nach Luft rang. Die eisige Kälte stach wie mit Nadeln. Welches Glück, dass ich in der Jacke und sogar mit meinen Stiefeln geschlafen hatte!

Ist alles still?

Ich hocke hinter einem Dickicht und versuche mein Keuchen zu unterdrücken.

Da ist etwas! Stimmen.

Zwei der Kerle folgen meiner Spur! Der Hagere und der mit der Augenklappe. Das Blut saust in meinen Ohren.

Jetzt muss ich rennen, oder es ist zu spät!

Ich springe auf, aber nach drei Sätzen gerate ich in tiefe Schneewehen und komme kaum noch vorwärts. Es ist wie ein Albtraum. Ich höre die Rufe meiner Verfolger. Sie haben mich gesehen und kommen rasch näher!

Da kauere ich im Schnee wie gelähmt und weiß nicht, wie ich entrinnen oder mich verteidigen soll. Die Kerle stapfen heran. Der mit der Augenklappe stößt ein raues Lachen aus und greift nach meinem Arm. Wir fallen beide zu Boden. Sein gerötetes, bartstoppliges Gesicht ist über mir. Er keucht. Sein widerlicher Atem! In diesem Augenblick bäumt er sich auf und erstarrt in der Bewegung. Dann bricht ihm ein Blutstrom aus dem Mund, und er stürzt mit dem Gesicht in den Schnee. Aus seinem Nacken ragt ein kurzer Pfeil.

Was ist geschehen?

Da ist ein Reiter auf der Kuppe des Hügels erschienen; er zügelt sein Pferd und wendet es zur Seite. Er hält etwas in der Hand: eine Armbrust!

Der zweite Kerl, der Hagere, hat den Reiter auch bemerkt und sucht Deckung zwischen ein paar struppigen Bäumen. Aber der Reiter prescht schon den Abhang herunter, in einer geraden Linie, die Armbrust ist nicht mehr zu sehen. Dafür zieht er blitzschnell, wie ein Habicht zustößt, einen langen Degen, der in seiner Hand aufblitzt. Ein rascher Hieb, und der Hagere liegt im Schnee.

Was nun?

Das Pferd kommt schlitternd zum Stehen. Ein kräftiger Grauschimmel mit gestutztem Schweif. Schaum fliegt von der Kandare. Der Reiter grinst zu mir herunter: Er entblößt zwei Reihen kräftiger Zähne. Mehr erkenne ich nicht. Er steht gegen die Sonne.

Ich ducke mich tiefer in den Schnee. Hilflos. Endlich schlägt er sich auf den Schenkel mit einer Geste, wie man einen Hund verscheucht.

»Hau ab!«, ruft er. »Sieh zu, dass du wegkommst! Hier hast du nichts verloren.«

Ich raffe mich mühsam auf und beeile mich zu gehorchen. In meinem Kopf geht alles durcheinander.

Nur weg von hier!

Während ich davonhaste, verfolgt mich ein Lachen. Ich drehe mich um. Mein Lebensretter ist abgestiegen und beugt sich über den Hageren. Er greift unter die Jacke des Toten und zieht etwas hervor. Es ist ein Geldbeutel. Um den hingestreckten Körper hat sich ein großer roter Fleck gebildet.

Ich rannte, ohne zu wissen, wohin. Ohne nachzudenken, stolperte ich weiter das Tal hinab, blind für alles um mich herum. Ich taumelte in eine Schneewehe. Mein Atem keuchte. Ich konnte nicht weiter. So ließ ich mich fallen und rang nach Luft. Langsam kam ich zu mir und fand mich zurecht. Kalter Schweiß am ganzen Körper und bittere Übelkeit. Der Magen wollte zum Hals heraus. Ich erbrach mich mit stechenden Krämpfen. Danach war es besser. Aber jetzt wirbelten erst recht die Gedanken in meinem Kopf. Wer war dieser Mann? Wieso war er gerade jetzt hier aufgetaucht? War es ihm darum gegangen, mir zu helfen? Vielleicht interessierte ich ihn gar nicht und er war einfach nur ein Straßenräuber. Mit welcher Selbstverständlichkeit hatte er dem Toten die Geldbörse abgenommen! Und doch kam es mir eher so vor, als habe er bewusst zu meiner Rettung eingegriffen. Dass er danach die Leichen geplündert hatte, erschien mir eher beiläufig. Außerdem: Was konnte bei denen wohl zu holen sein?

Und wer waren diese Männer überhaupt gewesen, die in das Wirtshaus eingedrungen waren und mich verfolgt hatten? Ach, Gott: Es gab alles keinen Sinn. Wie um alles in der Welt sollte daraus einer schlau werden?

Jäh von Ekel erfasst, wischte ich mir das Gesicht ab und versuchte, mit Schnee die Flecken vom Blut des Kerls auf meiner Jacke zu tilgen. Dann erhob ich mich.

Es geht schon wieder, dachte ich. Du lebst. Das allein zählt.

Ich blickte um mich, streckte mich und holte tief Luft. Das Tal war von märchenhafter Schönheit. Im Winterlicht glitzerte der unberührte Schnee. Das war fast mehr, als das Auge zu fassen vermochte. Kein Anzeichen mehr von Kampf und Tod. Als wäre alles nur ein böser Traum gewesen …

Dabei brauchte ich nur ein kleines Stück zurückzugehen, dann hätte ich die Leichname wieder vor Augen gehabt. Ich schauderte. Natürlich würde ich das nicht tun. Auch zur Herberge zurückkehren konnte ich nicht. Auf gar keinen Fall!

Was war wohl aus meinen Gefährten geworden? Schon der Gedanke an ihr Schicksal machte mich krank. Aber um keinen Preis hätte ich umkehren können! Ratlos stand ich auf der Stelle.

»Hau ab!«, hallte es noch in meinen Ohren.

In Wahrheit jedoch war es still. Eine so große Stille, dass mein Atem mir wie das Geräusch eines Blasebalgs vorkam. Und meine Schritte, als ich wieder begann, einen Fuß vor den anderen zu setzen: Knirschen und Krachen im krustigen Schnee, ein Getöse wie ein Mahlwerk! Ich hielt inne, um zu lauschen. Aber da war nichts als das Rauschen in meinen Ohren. Niemand folgte mir. Wenn auch meine Spuren nicht zu übersehen waren. Ich war allein. Schrecklich allein.

Wohin? Es kam nur eine Richtung in Frage: weiter das Tal hinab. Am Bach entlang und über eine offene Fläche. Dahinter Buschwerk unter Schnee, ein Stück Wald, abgeholztes Gelände. Und wo das Tal zu Ende war? Wenn ich nicht das Glück hatte, meine Freunde wieder zu finden, konnte ich dann etwas anderes tun, als mich auf eigene Faust nach Köln durchzuschlagen? Das Haus von Vater Sebastian schien mir unerreichbar fern. So blieb mir nur die Hoffnung auf jenen Unbekannten in der großen Stadt. Meinen Vater.

Ein spitzer Schrei aus der Luft traf mein Ohr. Ein Schatten huschte über mich hin. Ich blickte nach oben. Ein Bussard segelte im blauen Himmel. Ein scharf gezeichneter Umriss. Ich blieb stehen und folgte ihm mit den Augen. Im Nu war er jenseits des Baches und schon fast über dem Hügel, als er die Richtung änderte und jählings niederstieß. Ein kläglicher Schrei. Irgendein kleines Wesen büßte da seinen Leichtsinn. Wenig später vernahm ich wirren Lärm hinter mir. Ich fuhr herum. Kamen etwa doch die Verfolger?

Es war jedoch wieder ein Bussard, vielleicht derselbe wie zuvor; er flog merkwürdig eilig über das Buschwerk davon, zwei, drei Krähen hinter ihm her – und kurz darauf eine ganze Schar. Ihre Stimmen waren es, die ich gehört hatte.

So ist das, dachte ich. Das Glück wechselt.

Gegen Mittag stieß ich auf einen Fahrweg, und etwas später holte ich den Wagenzug des Kaufmanns ein, der mit uns in der Herberge übernachtet hatte. Ich habe den Fuhrknechten wohl Leid getan. Jedenfalls ließen sie mich auf einem der riesigen Frachtwagen mitfahren und gaben mir sogar etwas von ihrem Brot. Es war die Straße nach Köln.

Wie herzhaft unbedacht ich damals war! Ich hatte nichts Eiligeres zu tun, als von dem Überfall zu erzählen. Die Fuhrknechte glotzten mich misstrauisch an.

»Das ist seltsam«, sagte der Kutscher. »Überfallen eine Herberge, nachdem die weg sind, bei denen es sich gelohnt hätte.«

Ich zuckte die Schultern und schwieg. Ich ärgerte mich über mich selbst. Hatte ich mir genau das nicht selber schon gesagt?

Was für eine Art Räuber war das?

Ich hatte plötzlich wieder die beiden Kerle vor Augen, die über mich herfallen wollten, und wie sie gestorben waren. Gewalt hatte ich nicht zum ersten Mal erlebt … und Tod. Aber noch nie war mir dieser Schrecken so nahe gekommen. Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte ich mich noch einmal übergeben müssen.

Der Wagenzug kam stetig voran. Gegen Mittag durchquerten wir die Furt eines kleinen Flusses, der voller Eisschollen war. Ich hörte, dass man ihn Agger nannte. Dort liefen mehrere Straßen zusammen, und die Strecke wurde immer belebter. Ob die Stadt schon nahe war? Dann marschierte ein Trupp Landsknechte vorüber. Zwei oder drei Mal wurden wir von Wachtposten kontrolliert.

»Kaiser Karl ist in Köln«, erklärte der Kutscher. »Da ist viel Volk unterwegs. Du weißt schon: wegen der Wahl. Der Bruder vom Kaiser wird zum König gewählt. Große Herren. Mein Gott, was geht’s uns an!«

Ich hörte davon zum ersten Mal, aber das band ich ihm nicht auf die Nase.

»Viel Volk«, fuhr er fort. »Viel Volk, ja, ja. Manch schräger Vogel! Hält man besser im Auge!« Ich überlegte, ob das wohl auf mich gehe.

»Seht mal da«, rief einer der Waffenknechte, die den Zug beschützen sollten. »Was für’n Gockelhahn!« Er regte sich über einen Hauptmann auf, der einen Trupp der Straßenwache herumkommandierte, eine auffällige Erscheinung mit einem geschlitzten Wams in Rot und Weiß. Das Erstaunlichste aber war das »Vorderstück« an seiner Hose. Es bauschte sich auf, als trüge er darunter ein Gemächte von wahrhaft aufsehenerregender Größe. Die Kontrolle, die seine Landsknechte vornahmen, war aber äußerst oberflächlich. Daher konnten wir bald weiterfahren. Ich dachte: Vielleicht sollte ich mir den Latz auch ein wenig ausstopfen. Mag sein, dass die Leute in der Stadt gewitzter sind als die auf dem Lande …

Wir zogen an Gehöften vorbei und an kleinen Dörfern, über denen der Rauch von den Kaminen aufstieg; einmal sah ich eine Burg mit Wassergraben und Wehrmauer, die an jedem Ende ein Türmchen hatte, eines im Maurergerüst. Bauern trieben ihr Vieh zum Markt. Ein Prälat ritt auf einem weißen Maultier vorüber.

Plötzlich hörte ich Rufe und Hufschlag hinter uns. Ein seltsames Gespann überholte uns – eine Art Sänfte, die zwischen vier Pferden aufgehängt war. Ein stattlicher Reiter galoppierte voraus, und ein ganzer Trupp in Helm und Harnisch sprengte hinterdrein. Als der Baldachin auf einer Höhe mit mir war, wehten die Vorhänge rechts und links zur Seite, und ich erhaschte den Anblick einer strahlend schönen Frau. Sie lag auf glänzenden Kissen ausgestreckt, die Brüste fast völlig nackt und nur mit einer Art Schleier umhüllt, das goldene Haar mit Perlen durchflochten und die Augen ins Weite gerichtet. Sie erinnerte mich an ein Bild, das ich bei Vater Sebastian gesehen hatte: Dame Fortuna. Da war sie auch schon an mir vorüber, und ihre schwer bewaffneten Ritter donnerten hinterdrein. Verwegen aussehende Kerle, in Eisen und Leder gerüstet. Einer wandte den Kopf zu mir, und mein Blick – o heilige Mutter! – fiel auf die leeren Augenhöhlen eines grinsenden Totenschädels.

Da wurde ich an der Schulter gerüttelt, und der Kutscher schrie mich an: »Nicht schlafen, Junge, sonst fällst du mir noch unters Rad!«

Was für ein Traum! So etwas wie diese Sänfte hatte ich noch niemals gesehen, und darum gibt mir bis heute zu denken, dass nur wenig später ein ganz ähnlicher Zug uns tatsächlich überholte. Allerdings waren die Vorhänge dieser Sänfte fest zugezogen. Schneematsch spritzte so heftig empor, dass ich von der Eskorte kaum etwas erkannte. Aber etwas ist mir dennoch aufgefallen: Als der Trupp schon fast wieder entschwunden war, bemerkte ich einen einzelnen Reiter, der hinterdreinsprengte, so dass man nicht recht sagen konnte, ob er dazugehörte oder sich nur hinter ihnen hielt, um zügig vorwärts zu kommen. Ich sah ihn übrigens nur von hinten, aber sein Pferd kam mir bekannt vor. Ein kräftiger Grauschimmel mit gestutztem Schweif. Auf dem Rücken trug der Mann eine Armbrust. Der Mann, der mich am Morgen gerettet hatte! Oder war ich womöglich wieder eingenickt und habe auch das nur geträumt?

Am Nachmittag redeten die Fuhrleute darüber, dass wir bald aus dem Gebiet des Herzogs von Berg in den Machtbereich des Kölner Erzbischofs hinüberwechseln würden. Der Herzog und der Erzbischof ständen überkreuz. Genau wie andererseits die Stadt mit ihrem Kirchenfürsten.

»Wie die zänkischen Hunde«, knurrte der Kutscher meines Wagens. »Einer will, was der andere hat.« Und alle um mich herum zerrissen sich das Maul über die regierenden Herren und ihre Launen. Die Fuhrleute reisten nicht gerne nach Köln, aber vom Herzog hielten sie auch nichts. Überhaupt pflegten die meisten von ihnen auszuspucken, wenn vom »Fürstenpack« die Rede war. Aber das taten sie natürlich nur, wenn sie unter sich waren.

»Seit dieser Luther die Suppe umrührt, ist es noch ärger geworden«, schimpfte der Kutscher. »Aber man hält besser das Maul.«

»Was soll’s«, knurrte jetzt einer der Trossknechte. »In Städten wie Köln nennen die Bürger sich frei, sie bieten den Fürsten die Stirn, und der Rat regiert. Na und? Da bestimmt dann, wer Geld hat. Ist unsereins da vielleicht besser dran?« So schwadronierten sie weiter, und ich hörte kaum noch zu, obwohl man viel dabei lernen kann. Sie langweilten sich. Es ging wieder einmal überhaupt nicht vorwärts. Neue Kontrollen, und diesmal zog es sich über Stunden hin. Mir war jetzt klar, dass wir die Stadt bis zum Abend nicht mehr erreichen würden. Der Kaufherr trat zu jedem einzelnen Wagen und redete nachdrücklich mit den Kutschern. Der, auf dessen Wagen ich saß, wurde unruhig und raunte mir zu: »Es ist besser, du verschwindest jetzt. Sonst krieg ich Ärger. Der Pfeffersack! Er kann fuchsteufelswild werden, wenn wir Fremde mitnehmen.« Und als ich schon neben dem Wagen stand, fügte er hinzu: »Sieh halt drauf, dass du in dem Weiler da drüben übernachtest. Das sind gute Leut’ …«

»He, was gibt es da?«, hörte ich den Kaufherrn rufen. Da machte ich mich davon.

Es ist seltsam. Auf diesem Wagen hatte ich nur einen halben Tag gesessen, aber als er entschwand, war mir, als verlöre ich wieder einmal ein Stückchen vertrauter Welt.

Da stand ich über eine große Pfütze aus Schmelzwasser gebeugt und betrachtete mein Spiegelbild. Ziemlich schmächtig, diese Gestalt in den engen, gelb und grün gestreiften Hosen. Eine viel zu weite Jacke. Ein Busch aus widerspenstigem gelben Haar kam unter dem Hut hervor. Sieht aus wie ein Narr. Na und? War ich denn etwa nicht närrisch? Ich war dabei, mich alleine nach Köln durchzuschlagen, suchte einen Mann, den ich gar nicht kannte, der mein Vater sein sollte, und hatte nicht mehr in der Hand als vage Hinweise.

Nachdenklich ging ich auf die zwei, drei Häuser zu, die an einer Hügelflanke in der Abenddämmerung kauerten. Vor der Scheune brannte ein kleines Feuer. Unter dem Dach war nicht viel Raum. Da lagerte eine Familie mit mehreren Kindern. Der Mann blickte mir wachsam entgegen und bellte: »Hier ist kein Platz. Mach, dass du weiterkommst!«

Seine rundliche Frau stieß ihn an und flüsterte mit ihm. Dann rief sie: »Komm her! Es wird schon gehen. Wir rücken zusammen.«

Der Mann brummte unwillig, beruhigte sich jedoch und reichte mir etwas später sogar ein Stück Brot. Die Frau war höchstens ein paar Jahre älter als ich. Drei Kinder hatte sie bei sich, das jüngste noch an der Brust. Das älteste wirkte schwächlich und teilnahmslos.

»Sie lassen uns hier übernachten«, sagte sie. »Wenn wir nur nicht die Scheune anzünden, haben sie gesagt. Sie sind großzügig zu uns. Da wollen wir nicht engherzig sein.«

Hinter den Fenstern schimmerte Licht. Später trat sogar eine Magd aus der Tür und brachte den Kindern Milch.

»Mein Ältestes macht mir Sorgen«, sagte die junge Mutter. »Seine Beine sind voll Schwären, die nicht heilen wollen. Wir gehen nach Köln, um bei den Heiligen zu beten.«

»Es geschehen manchmal Wunder«, sagte ich vage. Das Kind sah sehr krank aus.

Gegenüber, am Stalleingang, hatte eine streitlustig wirkende Frau ihr Lager aufgeschlagen; auf der Landstraße unterwegs auch sie. Sie hatte einen starken Busen und ließ ziemlich viel davon sehen. Trotz der Kälte!, wunderte ich mich.

»Gib dich bloß nicht mit der dran«, flüsterte die junge Mutter. »Das ist eine von der Landstraße … ein Hurenweib.«

Ihr Mann schaute öfter hinüber, aber das bemerkte sie offenbar nicht.

Etwas später schien die Frau an der Stalltür zu schlafen. Ihre Schulter war jetzt entblößt und zeigte ein Brandmal. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, aber heute weiß ich natürlich, was es war: So zeichnet man in manchen Städten Diebe oder Dirnen.

Wir schliefen bald alle. Einmal wurde ich wach; mir fiel auf, dass der Mann verschwunden war und die Frau mit dem Brandmal auch. Nach kurzer Zeit kamen sie beide zurück. Jeder von einer anderen Seite. Die junge Mutter schlief. Als der Mann bemerkte, dass ich die Augen offen hatte, grinste er und zwinkerte mir zu, verständnisinnig wie ein Verschwörer. Ich wandte mich ab. Männer tun manchmal seltsame Dinge, wenn sie glauben, dass keine Frau es erfährt. Das war mir schon lange klar geworden.

Ich versuchte wieder zu schlafen. Eines der Kinder legte die Arme um meinen Hals und schnarchte, das Gesicht in meiner Achselhöhle. In dieser Nacht habe ich nichts geträumt.

AbbildungIE STRASSE NACH KÖLN

Als der Morgen dämmerte, waren wir alle schon auf den Beinen. Wir aßen ein paar Reste Brot, ehe wir aufbrachen. Ich wusch mir das Gesicht im Bach an der Straße, wo das Eis offen war. Da hörte ich plötzlich Pferde über den gefrorenen Schnee traben. Ein Trupp Reiter kam vorüber, an der Spitze ein Mann, der wachsam um sich spähte. Der Mond stand noch am Himmel, und sein Licht fiel kurz auf das Gesicht des Mannes. Ich erkannte den Anführer der Bande, die am Tag zuvor in die Herberge eingedrungen war. Er rief seinen Leuten etwas zu; sie ritten weiter, während er das Gehöft umkreiste und unter die Dachvorsprünge schaute, um die Gesichter der Menschen zu mustern, die hier genächtigt hatten und jetzt misstrauisch zu ihm aufblickten. Suchte er immer noch nach Ahasver? Oder suchte er etwa mich? Wenn es das war, dann war ich ihm jedenfalls glücklich entwischt, weil ich im Schatten kauerte, unten an der Böschung, nahe beim Wasser. Aber warum in aller Welt hätte er nach mir suchen sollen?

Wir machten uns auf den Weg mit jämmerlich wenig im Magen. Das erste Stück ging ich gemeinsam mit der Familie. Die Frau und ich trugen abwechselnd das kranke Kind auf dem Rücken. Der Mann, der das wenige Gepäck geschultert hatte, blieb immer einige Schritte hinter uns. Später ließ er den Abstand noch größer werden. Es war, als wolle er den Eindruck erwecken, er gehöre nicht zu uns. Die Frau sprach von ihrer Hoffnung auf Hilfe durch diese Pilgerfahrt. Sie war so voller Zuversicht!

Ohne recht zu überlegen, sagte ich: »Ich habe diese Nacht geträumt, Euer Kind sei wieder gesund.« Es war eine glatte Lüge, aber ich bereute es nicht.

»Ich träume oft«, fügte ich hinzu.

Sie lächelte unsicher. »Hast du manchmal Träume, die wahr werden?«

»Es kommt vor«, sagte ich. Das war genau genommen nur halb gelogen.

Sie sah mich nicht an, sondern blickte starr geradeaus.

»Ich würde es wünschen«, fand ich richtig zu ergänzen. Das war ganz die Wahrheit.

»Danke«, flüsterte sie.

Selten in meinem Leben habe ich für einen fremden Menschen so brennend etwas gewünscht wie für diese junge Frau: Ihre Hoffnungen möchten nicht umsonst sein! Aber vielleicht war meine Besorgnis ganz überflüssig. Manche Menschen, so scheint es mir, kommen durch ihr Vertrauen ans Ziel.

An diesem Morgen jedoch sah es böse aus. Finstere Wolken zogen über uns hin, und im Schneematsch der Straße bedeutete jeder Schritt eine Anstrengung. Trotzdem wirkte die junge Mutter geradezu heiter, ja mehr noch: Während ich über sie nachdachte, trug sie bereits Sorge für mich!

»Und du?«, fragte sie. »Wo gehst du hin? Du willst wohl auch nach Köln?«

»So ist es.«

»Was wirst du dort tun?«

»Ich gehöre zu einer Truppe von Schaustellern. Allerdings habe ich sie verloren. Wir waren auf dem Weg nach Köln. Dort ist jetzt der Kaiser. Wisst Ihr nicht? Mit den großen Fürsten des Reiches, sagt man. Gott weiß, wer alles noch! Da gibt es gut zu verdienen für Leute wie uns, versteht Ihr?« Ich bemühte mich, weltläufig und unbekümmert zu wirken, aber ich spürte, dass ich ihr nichts vormachen konnte.

»Ich habe mir so was schon gedacht«, sagte sie. »Aber eigentlich siehst du nicht aus wie ein Gauklerkind …«

Ein Gauklerkind! Ich musste lachen. »Ich bin noch nicht lange mit ihnen unterwegs. Ein paar Monate erst. Seit dem Sommer …«

»Und deine Eltern, wo sind die?«

»Meine Mutter lebt nicht mehr.« Diese Worte umfassten so viele Erinnerungen: das bleiche, schöne Gesicht einer jungen Frau. Die sanfte Berührung ihrer Hand. Ihre Stimme. Die Melodie eines Liedes, das sie immer wieder sang. Ich musste schlucken, als das alles wieder in mir erwachte. Aber da war auch diese tiefe Traurigkeit, die Abwesenheit in ihrem Blick. Manchmal war meine Mutter sehr weit von mir weg gewesen. Zuzeiten lebte sie wie in einer anderen Welt, und erst im Nachhinein erkannte ich, wie ungewöhnlich das gewesen war. Sie hütete ein Geheimnis, in das sie sich einspann. Die wenigen Andeutungen, die sie mir gab, machten mich ratlos. Wenn ich größer sei, pflegte sie zu sagen, dann erst werde sie mir mehr erzählen. Manche Dinge seien für Kinder nicht zu verstehen. Ein schmerzliches Lächeln. Später …! Nur ist es dazu nicht mehr gekommen, denn da waren auch diese Anfälle von Schwäche … und dieser Husten.

»Und dein Vater?« Die Stimme der jungen Frau riss mich aus meinen Gedanken. Offenbar fragte sie mich schon zum zweiten Mal.

»Mein Vater …« Ich stockte. Das war die Frage, der ich immer auswich.

»Ja. Dein Vater. Warum sagst du nichts über ihn?«

Ich gab mir einen Ruck. »Ich kenne ihn nicht.«

Sie nickte verstehend.

»Nein«, beeilte ich mich hinzuzufügen, »es ist so: Ich bin auf der Suche nach ihm.«

Sie blickte mir überrascht ins Gesicht. »Auf der Suche? Du glaubst also, er ist in Köln?«

»Ja. Das nehme ich an.«

»Du nimmst es an?«

»Ich habe Hinweise. Einen Brief … Hinweise eben …«

Es wurde mir klar, dass ich vielleicht schon wieder mehr redete, als gut war. Aber ich konnte nicht anders. Ich war froh, reden zu können, und bei wem sollte ich es tun, wenn nicht bei dieser Frau? Alles sagte mir: Ihr kannst du dich anvertrauen.

»Dann bist du bei Fremden aufgewachsen?«

»Bei einem Priester, die letzten Jahre. Seit meine Mutter tot ist. Er war der Pfarrer in unserem Dorf. Sie hat ihm den Haushalt geführt. Und ich …«

Jetzt sei wachsam, dachte ich. Sonst hast du im Handumdrehen alles ausgeplaudert! Fast hätte ich nämlich gesagt, dass meine Mutter eigentlich immer gewünscht hatte, ich solle einmal ihre Arbeit weiterführen. Ein solcher Satz – aus dem Mund eines vermeintlichen Jungen! – hätte bestimmt Verwunderung ausgelöst. Zum Glück konnte ich die Klippe umgehen. Diese Frau zweifelte nicht daran, dass ich sei, als was ich ihr erscheinen wollte.

»Er wurde alt«, sagte ich und gelangte damit auf vertraute Wege. »Vater Sebastian. Er wollte alleine sein, glaube ich. Er brauchte Ruhe. Und wollte nicht mehr für mich verantwortlich sein …«

»Hat er dich weggeschickt?«

»Nicht gerade so, aber er hat gesagt, es sei nun Zeit, dass ich zu meinen Vater komme.«

Sie nickte und blieb kurze Zeit stehen, um auszuruhen.

»Und dein Vater weiß, dass du kommst?« Die Frage war so gestellt, als wisse sie schon die Antwort.

»Eigentlich nicht.«

Ein prüfender Blick von ihr. »Das ist eine große Stadt.«

»Aber ich hab einen Brief. Der gibt mir einen Namen. Ein Mann. Der weiß, wo mein Vater ist.«

Sie nickte ohne rechte Überzeugung. »Da wirst du Glück brauchen«, sagte sie.

Nicht mehr Glück, als Ihr braucht, dachte ich, sagte aber nichts und lächelte nur – so tapfer, wie ich konnte.

»Er wird staunen, dich zu sehen«, fuhr sie fort. Es sollte wohl aufmunternd klingen.

»Weil ich schon so groß bin, meint Ihr? Er hat mich wirklich sehr lange nicht gesehen. Und ich weiß gar nicht, wie er aussieht …«

Sie lachte. »Väter wundern sich oft über ihre Kinder.«

»Wenn es ihm nicht passt, kann er mir gestohlen bleiben.«

»So ist es recht. Aber ehe du ihm das sagen kannst, musst du ihn erst finden.«

»Ich habe keine Angst.«

»Gut so.«

»Ich werde ihn finden, und dann sage ich ihm, was ich von ihm denke – dass er mich so lange allein gelassen hat.«

»Weißt du … Vielleicht hat er Gründe dafür gehabt.«

Ich wollte nicht darauf eingehen. Deshalb sagte ich in einem Ton, der das Thema beenden sollte: »Jedenfalls komme ich auch alleine zurecht!«

Sie blickte mich wieder von der Seite an und sagte: »Du kannst beruhigt sein. Du wirst immer Leute finden, die dir helfen.«

»Daran ist was Wahres. Mir hat schon oft jemand weitergeholfen.«

»Die Menschen mögen dich, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, warum«, sagte ich.

»Vielleicht, weil du auch bereit bist, anderen zu helfen.«

Ich zuckte die Schultern.

Wie stark sie ist, dachte ich. Und wie viele drückende Pflichten sie hat! In ihrer Lage könnte auch ich sehr bald sein. In wenigen Jahren schon, mehr Zeit trennt uns nicht. Könnte ich das? Will ich das? Ein Satz aus dem Mund meiner Mutter kam mir in den Sinn: »Ich wollte, du wärst ein Junge, denn es ist kein Glück, eine Frau zu sein.« War es mir vielleicht darum so leicht gefallen, die Verkleidung anzulegen, die ich trug?

Wenig später mussten wir Halt machen. Jetzt nahm wieder ich das kranke Kind auf meine Schultern. Es war schwer.

Gegen Mittag, als die Sonne den Nebeldunst auflöste, begann das Kind zu jammern, weil es seinen Schmerz nicht länger ertragen konnte. Die Mutter bettete es auf eine Decke am Wegesrand und gab ihm zu trinken. Auch die anderen Kinder klagten jetzt über Durst.

Der Vater trat zu uns und starrte mich argwöhnisch an.

»Was ist nun?«, fragte er. »Wird es jetzt weitergehen?«

»Es geht nicht«, sagte die Mutter.

»Und der da? Hat er dir genug schöne Augen gemacht?«

»Red keinen Unsinn, Mann.«

Ich hatte den Eindruck, dass er überlegte, ob er sie für diese Worte schlagen solle. Dann aber fand er wohl, es sei nicht der Mühe wert. Aber seine Augen funkelten mich an, als wünsche er sich einen Streit.

»Möcht wissen, was ihr dauernd zu quatschen habt.«

Die Frau fasste mich am Arm, damit ich schweigen sollte.

»Wir werden im Dorf drüben rasten«, sagte sie. »Es muss so sein. Geh du aber deinen Weg. Du sollst dich nicht aufhalten lassen. Und wir danken dir.«

»Ich bin es, der Euch zu danken hat.«

»Wofür denn?«

Ich zuckte die Schultern. »Dass wir zusammen gegangen sind.«

Sie lächelte tapfer. »Du bist ein Tor«, sagte sie leise, »aber ich mag dich. Und ich wünsche dir alles Glück, das du brauchen wirst …«

Ich war aufs Neue allein und war es doch nicht. Die Straße war voller Menschen: Bauern in schäbigem Kittel und Händler mit allem möglichen Trödel auf den Schultern, Landsknechte unter Waffen, eine Gruppe Gaukler mit einem struppigen Tanzbären, eine Frau mit Hühnern im Korb. Alle zogen in Richtung Köln. Kaum jemand kam uns entgegen. Die Vielzahl der Menschen machte mir Mut. Dennoch schaute ich wachsam umher, ob die Banditen, die womöglich nach mir suchten, irgendwo auftauchten oder der Mann mit der Armbrust – oder auch Ahasver mit Pietro und Sambo. Wie ich sie vermisste!

Manchmal tastete ich nach dem Brief. Das gefaltete Papier knisterte unter dem Wams. Dabei fühlte ich auch den goldenen Skorpion.

Eine Zeit lang folgte ich zwei Bettelmönchen, die mit gleichmütig heiterer Miene dahinschritten, dann ein paar Frauen, die wohl Dirnen waren; sie hatten ihre Röcke geschürzt, um sie vor dem Straßenkot zu bewahren. Nach dem, was sie redeten, war ihr Wagen an diesem Morgen, so kurz vor dem Ziel, zu Bruch gegangen. Immer wieder andere Weggenossen. Zwei Männer in Reisemänteln führten ihre Pferde am Zaum, wohl um sie zu schonen. Sie redeten über Politik so wie Leute, die etwas davon verstehen.

»Die Fürsten!«, knurrte der eine. »Die lauern doch nur auf eine Schwäche des Kaisers! Sie hocken zusammen und schmieden Pläne gegen ihn. Verräter!«

Der andere stimmte ihm zu. »Auf dem Reichstag in Augsburg hat er die Protestanten in ihre Schranken gewiesen. Er hätte sie gleich mit Feuer und Schwert vernichten sollen! Es wird ja doch Hauen und Stechen geben! Schon bald. Ihr werdet es sehen!«

»Ssst! Nicht so laut!«

»Wieso denn? Darf ich nicht mehr sagen, dass ich es mit dem Kaiser halte?«

Neben mir ging ein magerer Mann, ein blechernes Becken auf dem Kopf, wie es die Bader und Barbiere benutzen. Er blinzelte mir verschwörerisch zu. »Alles Unsinn!«, raunte er. »Glaub mir eines, mein Sohn, auf den Kaiser sind bereits die Mörder angesetzt. Aus der Welt werden sie ihn schaffen, so wie damals diesen Cäsar!«

Das sei etwas anders gewesen, wollte ich sagen, denn damit kannte ich mich aus, aber er brummte vor sich hin und hörte mir gar nicht zu.

Vor uns senkte sich die Straße ein wenig. Der Wald wich zurück, und ein Fahrweg kreuzte unsere Straße.

Ich sah ein paar Häuser und einen offenen Platz, wo sich einige Straßenhändler postiert hatten. Da werde ich rasten, dachte ich.

Aber da ging etwas vor! Leute standen beisammen und bildeten einen Kreis. Ein wahres Gedränge. Ich hörte die spitzen Schreie einer Frau, vermischt mit dem Gebell eines Hundes und der kehligen Stimme eines Mannes, der einem anderen etwas zurief. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um alles genau zu sehen, ehe der Volksauflauf so groß wurde, dass kein Durchkommen mehr war.

Da liegt ein Mann auf der Straße, die Arme ausgebreitet im Schlamm. Ist er betrunken? Die Umstehenden glauben es. Einige Scholaren in bunten Jacken reißen anzügliche Witze über die Trunksucht und wie sie gleich der Zauberin Circe Männer in Schweine verwandle. Auf Latein! Kaum einer außer mir wird das verstanden haben. Doch kommt es mir durchaus nicht so vor, als sei dieser Mann dort betrunken. Schaut ihn denn keiner richtig an? Das ist keine Schnapsleiche! Sein weißer Bart ist mit Straßendreck verklebt, seine Augen stehen offen, und aus dem Mundwinkel rinnt ein dünner Blutfaden. Was jedem auffallen müsste, ist seine vornehme Kleidung! Der Mantel ist aus Samt und am Kragen mit Pelz verbrämt.

»Ich kenne den«, raunt ein Mann hinter mir, einer von denen, die eben über Politik geredet haben. »Das ist Meister Arckenberg, Ratsherr in Köln.«

»Was Ihr nicht sagt«, antwortet sein Begleiter. »Aber ja! Ihr habt Recht!«

Zwei Männer kommen aus dem Wirtshaus, Schankknechte, und fassen den Liegenden an den Schultern und an den Hüften. Die Umstehenden verfolgen es wie gebannt.

»Er ist da rausgekommen und noch ein paar Schritt getorkelt!«, verkündet eine Bäuerin mit gellender Stimme. »Aus der Schänke da. Grad eben. Grad eben. Ich hab’s geseh’n.«

Einer der Männer, die den Reglosen aufheben wollen, zieht erschrocken die Hände zurück, so dass der Körper wieder in den Schmutz gleitet. Die Hände sind rot verschmiert!

Die Bäuerin stößt einen spitzen Schrei aus.

»Er blutet«, stammelt der Schankknecht.

»Der Mann ist ja tot«, kreischt die Bäuerin. »Drück ihm doch einer die Augen zu!«

Die Menge wird unruhig. Vermutungen und Befürchtungen werden getuschelt. Dann fahren alle Köpfe herum. Aus einem Durchgang im Inneren des Gebäudes gellt eine Stimme: »Hier liegt ein Messer – ganz voll Blut!«

»Bringen wir ihn endlich weg«, brummt der Knecht, der den Körper nicht losgelassen hat. »So mach schon, du Trottel!« Zögernd fasst der mit den blutigen Händen wieder zu. Zwei weitere Männer bücken sich, um zu helfen.

»Gebt Acht: Ich kenne einen von denen da«, sagt einer der beiden Reisenden neben mir. Neugierig folge ich seinem verstohlenen Fingerzeig, der gar nicht für mich bestimmt ist. Er meint einen von mehreren Männern, die an den Toten herandrängen. »Das ist der, den sie den Schwarzen Hund nennen. Verdammt! Verschwinden wir von hier!«

Da habe ich diesen Namen zum ersten Mal gehört, und den dazugehörigen Mann habe ich im gleichen Augenblick wiedererkannt: der Anführer der Banditen!

Der Schwarze Hund, denke ich, und mir wird plötzlich eisig kalt. Bis mir ein heißer Schauer über den Rücken läuft. Denn ich bemerke etwas in der verkrampften Hand des Toten, das durch den Dreck schleift, als er weggetragen wird. Es glitzert golden: ein Amulett in Gestalt eines Skorpions – genau wie das unter meinem Wams!

Ich habe mich noch eine Weile in der Nähe der Schänke herumgedrückt. Ich hatte einfach Angst, mit dem Kerl zusammenzutreffen, den man den Schwarzen Hund nannte, und die Nähe der vielen Menschen gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich ging, weil ich mir etwas Bewegung verschaffen wollte, um das Gebäude herum und blickte in den verschneiten Garten. Ein Stück Zaun war niedergetreten, ganz frisch. Am gesplitterten Holz klebte Blut. Und eine Fußspur mit hier und da ein paar roten Spritzern lief vom Zaun weg auf den Wald zu. Ich folgte ihr ein Stück, ohne dass ich hätte sagen können, warum. Die Fährte bog, bevor sie die ersten Bäume erreichte, nach links und führte hinter einigen Büschen entlang, bis sie schließlich auf die Straße traf und dort im Schneematsch verschwand …

Wie von selbst zog mein Kopf seine Schlüsse. Wer immer den Ratsherren erstochen hatte, was wohl im Durchgang der Schänke geschehen war, hatte sich längst in Sicherheit gebracht. Anscheinend war er unterwegs nach Köln.

Vor dem Wirtshaus war es ruhiger geworden. Nur wenige Leute standen noch in Gruppen beisammen. Die beiden Reisenden und ihre Pferde konnte ich nirgends mehr entdecken. Auch vom Schwarzen Hund war zum Glück nichts zu sehen. Einer der Schankknechte stand wieder draußen und sprach mit ein paar Männern, die Pilgermäntel mit geweihten Abzeichen trugen.

»… Wollte das Hinterzimmer für sich allein«, hörte ich ihn sagen. »Hat da auf einen gewartet. Was? Ja. Der is’ wohl gekommen. Und der wird’s wohl gewesen sein, der ihn umgebracht hat. Ja. Geseh’n han ich den schon, aber nich’ genau. War schon was älter, glaub ich …«

»Manch einer wart’ auf was, wo er besser nicht drauf wart’n tät«, räsonierte die Bäuerin.

Die letzten Schaulustigen gingen davon, und ich fühlte mich nicht länger geschützt. So beschloss ich, mich wieder auf meinen Weg zu machen. Wind kam auf, und graue Wolken zogen über den Himmel. Ich fror plötzlich. Viel zu lange hatte ich hier herumgehangen. Ich schlug meinen Kragen hoch und nahm die Straße unter die Füße.

AbbildungBER DEN STROM

Gegen Abend kam ich in jenes Dorf, das am rechten Ufer des Rheins der Stadt Köln gegenüberliegt und Deutz genannt wird. Gärten, einfache Häuser, ein Kloster mit einem spitzen Kirchturm. Obwohl es schon dämmerte, ging ich bis ans Wasser. Hier öffnete sich der Blick auf die Stadt jenseits des Stroms. Es war schon zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen, aber ich sah den Umriss der Dächer und Türme gegen den rötlichen Himmel, wo die Sonne untergegangen war. So groß und so weit ausgebreitet! Das hatte ich nicht geahnt. An der ungeheuren Gestalt erkannte ich den Bau des halbfertigen Doms, den mir Ahasver vor zwei Tagen, noch im Bergischen Land, gezeigt hatte. Licht dämmerte hinter den Fenstern. Dann ertönte plötzlich eine Glocke, eine zweite fiel ein, mit hellerem Klang, und eine dritte gesellte sich dröhnend hinzu. Rasch war es ein vielstimmiges Geläut aller Kirchen von Köln, das vom Wind herübergetragen wurde. Ich lauschte mit einem seltsam feierlichen Gefühl. Dann schwangen die Töne aus; eine Glocke nach der anderen verstummte. Der Wind ging eisig. Ich fröstelte und wandte mich zurück zu den Häusern, die sich um das Kloster drängten.

Durch die enge Gasse rollte ein Leiterwagen mit vier Pferden heran, an dem unten, am Achsgestell, eine Laterne aufgehängt war. Sie schwankte hin und her und warf unruhige Schatten gegen die Hauswände, Schatten von Pferden und Männern und sich drehenden Speichen, grotesk vergrößert und befremdlich verzerrt. Ich konnte nicht erkennen, was auf dem Wagen lag.

Die Begleiter des Fuhrwerks redeten mit Männern, die bei einem großen Boot am Ufer standen. »Heute nicht mehr«, sagte einer von den Fährleuten. »Zu viel Eis auf dem Strom und zu dunkel.«

Ich erriet trotz der Mundart, was gesprochen wurde. Einer der Männer, die mit dem Wagen gekommen waren, wohl ein vornehmer Herr, der einen pelzbesetzten Mantel trug, begann zu drängen, aber sein Gegenüber wies ihn erneut ab.

»Ist mit Geld nicht zu machen …«, hörte ich den Fährmann sagen.

Dann sprachen zwei der Männer beim Wagen leise miteinander, und einer rief kurz darauf dem Kutscher zu: »Fahr an die Kapelle vom Kloster. Fahr schon! Er braucht die Nacht nicht auf dem Karren zu liegen.«

»Werdet Ihr derjenige sein, der es seiner Frau sagt?«, fragte sein Begleiter, als die Pferde wieder anzogen und die beiden dem Gespann in eine Seitengasse folgten.

»Wollt vielleicht Ihr es tun?«, war die barsche Gegenfrage.

Ehe sie im Dunkel verschwanden, fiel ein Lichtschein auf die Wagenpritsche, und ich erkannte die Form eines menschlichen Körpers, reglos ausgestreckt, der mit einem Mantel zugedeckt war, so dass man das Gesicht nicht sah. Dennoch hatte ich wenig Zweifel: Es war der Leichnam des Ermordeten vom Wirtshaus an der Straße.

Nahe beim Kloster gab es eine Herberge, wo für wenig Geld ein Stall mit Schuppen zur Übernachtung offen stand. Es wurde heiße Suppe ausgegeben, ebenfalls für geringe Bezahlung. Dafür reichte die magere Barschaft in meinem Geldbeutel aus und auch noch für das Fährgeld am Morgen, wie ich hoffte. So ging es mir gut an diesem Abend. Ich fand einen Schlafplatz, obwohl an diesem Tag gewiss viel mehr Herbergssuchende als sonst beisammen waren. Der Schiffsverkehr war wegen des Eisgangs nämlich bereits am Nachmittag eingestellt worden. Viele hatten das letzte Boot nicht mehr erreicht.

Natürlich weilten hier nur die ärmeren Gäste, die Pilger und Wanderer, Schausteller, Tagediebe und einfaches Volk. Aber mir war es recht hier.

Ich war satt und hatte es warm am Feuer und hörte zu, was sich die Leute um mich herum zu erzählen hatten. Es waren viele am Schauplatz des Mordes vorübergekommen oder hatten von der Tat gehört. So nahm es nicht wunder, dass sie darüber redeten und allerlei Vermutungen anstellten.

Jemand behauptete, das Opfer habe vor dem Tod noch gesprochen. »Warnt unseren Kaiser, hat er geschrien!«, wollte ein Mann vernommen haben, in dem ich den Bader mit dem Blechbecken wiedererkannte. Und er fügte bedeutsam hinzu: »Drei Maskierte sind davongestürzt. Ich konnte sie nicht aufhalten. Einer hatte eine Narbe im Gesicht.«

»Halt lieber den Mund«, zischte sein Nachbar. »Der Schwarze Hund hat seine Spione überall. Willst du sie aufmerksam machen? Hol sie uns nur nicht auf den Hals!«

Wieder dieser Name. Er ließ mich frösteln. Gleichzeitig ging mir durch den Kopf: Wenn diese Männer maskiert gewesen wären, wie hätte man die Narbe sehen können? Aber sogleich schalt ich mich selbst. Wusste ich denn nicht, dass es in Wirklichkeit ganz anders gewesen war?

Da waren auch die Scholaren, die ich am Schauplatz des Verbrechens gesehen hatte. Einer von ihnen gab einen Schwank nach dem anderen zum Besten, die meisten mit allerlei lustigen Wendungen, so dass sich die Zuhörer vor Lachen auf die Schenkel schlugen, ihm reichlich zu trinken anboten und immer noch mehr verlangten. Zudem würde er am Ende wohl um eine Spende für einen armen Studenten bitten, also für sich selbst. Aber seine Geschichten haben mir gefallen. Ich erinnere mich gut an eine davon:

»Kennt ihr die Fabel vom Löwen, vom Esel und vom Fuchs?«, begann der Scholar.

»Nein, nein. Raus damit, erzähl schon …!«

»Also hört zu: Der Löwe, der Esel und der Fuchs gehen auf die Jagd. Sie erlegen einen Hirsch. ›Teile du die Beute‹, sagt der Löwe zum Esel. Der Esel gehorcht und trennt den Hirsch in drei gleiche Teile.

›Du unverschämter Kerl!‹, brüllt der Löwe und schlägt dem Esel die Pranke über den Kopf, dass diesem die Haut wie eine blutige Kappe herunterhängt.

›Teile du!‹, herrscht der Löwe jetzt den Fuchs an.

Der Fuchs überlegt kurz, schiebt dann die drei Teile wieder zusammen und gibt alles dem Löwen.

›Wer hat dich gelehrt, auf diese Weise zu teilen?‹, fragt ihn der Löwe.

›Der Lehrmeister dort mit dem roten Barett‹, sagt der Fuchs.«

Ich hätte gedacht, dass den Zuhörern das Lachen in der Kehle stecken bleiben müsse, aber die meisten freuten sich unbändig an der Geschichte – wie an allen anderen.

Dennoch sah ich ein paar bedenkliche Gesichter.

»Ich hab dich wohl verstanden«, sagte ein älterer Mann. »Aber du solltest vorsichtig sein! Mit den Herren treibt man besser keinen Spott.«

»Gerade jetzt, wo so viele von ihnen in der Stadt sind«, stimmte ein anderer tadelnd bei. Und ein dritter murmelte etwas von »verderblichen lutherischen Gedanken«.

»Die Fabel ist vom alten Äsop«, verteidigte sich wachsam der Scholar.

»Und von wem hast du sie?«, fragte der Mann, der Luther erwähnt hatte.

»Die lutherische Pest hat auch ihr Gutes«, meinte ein rundlicher Händler gut gelaunt. »Wären die Frankfurter nicht zu diesem Lockvogel übergelaufen, dann kämen all die großen Herren jetzt nicht zur Königswahl nach Köln. Ist euch das klar?«

Da wurden alle unterbrochen durch eine dünne Stimme, die trotz ihrer Brüchigkeit eine erstaunliche Kraft besaß: »Es ist lästerlich, dass ihr so redet. Der Herr wird euch strafen! Keiner denkt an das Gericht, dabei steht es dicht bevor!« Es war ein seltsamer, ja unheimlicher Mann. Er war schwarz gekleidet und hatte ein weißes, teigiges Gesicht. Er blickte starr und beinahe teilnahmslos, aber ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Insgeheim nannte ich ihn: das Mondgesicht.

Was er sagte, ließ mich schaudern: »Wisst ihr nicht, dass noch dieses Jahr ein Stern über euch kommen wird, dem kein anderer gleicht? Und wenn er erscheint, werden eure sündigen Seelen zittern!« Er verfiel in eine Art Singsang, der so unnatürlich klang, als spreche eine fremde Zunge aus seinem Mund.

»Da sehe ich diesen Stern«, winselte er, »der vom Himmel auf die Erde gefallen ist, oh, und mit ihm wird der Schlüssel zum Abgrund gegeben! Rauch steigt empor wie der Rauch von einem mächtigen Ofen, und aus dem Rauch verbreiten sich Heuschrecken über die ganze Erde, und es ist ihnen Kraft verliehen, wie die Skorpione sie besitzen. Sie gleichen Rossen, die für den Kampf gerüstet sind, auf den Köpfen tragen sie goldene Kränze, und ihre Gesichter gleichen Menschengesichtern. Sie haben Haare wie Frauenhaar, und ihre Zähne sind wie Löwenzähne. Sie haben Schwänze wie die Skorpione – und Stachel! Sie haben über sich den König der Engel des Abgrunds, dessen Name ist Abadon, und das heißt: der Verderber!« Er schwieg wie erschöpft, bevor er von neuem ansetzte: »In den alten Schriften könnt ihr alles finden über den großen Kampf der Dämonen, den Kampf, der da kommen wird am Ende der Zeiten – und, oh, das ist so nahe! Wie grauenvoll nahe! Da wird kommen der fünfzehnte Zweig der Türken und wird verwüsten Polen, Preußen und die Picardie und Brabant und Flandern … mit grausamer Kraft des Schwertes und mit Feuers Macht! Aber bei dem goldenen Apfel von Köln – denkt an die Weissagung des Merlin! –, bei dem goldenen Apfel von Köln, so heißt es da, wird der Übermütige erwürgt werden: die Schlacht von Köln. Und es wird sein kurz vor dem Ende der Tage …«

Er sank auf seinen Sitz. Als er wieder aufstehen wollte, drückte ein rothaariger Mann ihn zurück. »Du solltest jetzt lieber schweigen, Gevatter«, schnarrte er. »Du hast genug gesagt, um allen Angst zu machen. Doch ich sage dir: Die Angst ist es, die euch verderben wird! Sie dient nur den Absichten der hohen Herren, versteht ihr?« Er blickte wild in die Runde, ein schmächtiger, aber sehniger Kerl mit dünnem Bart, vom Temperament eines Kampfhahns. »Da hat mir schon besser gefallen, was der Scholar uns zu bieten hatte«, fuhr er etwas versöhnlicher fort. Aber gleich wurde seine Stimme wieder scharf: »Ihr wisst doch alle, dass es wahr ist: Das Fürstenpack alleine ist an allem schuld. Und vielleicht noch die Pfaffen, weil sie ihnen zuarbeiten.«

»Ja, die Pfaffen!«, schrie ein Mann, der wie ein Landstreicher aussah, dazwischen. Unter den Pilgern wurde ein unwilliges Gemurmel vernehmbar.

Der rothaarige Redner ließ sich aber nicht beirren. Er rief: »Das spricht Thomas Müntzer, der für uns gestorben ist! Fürsten und Fürstendiener! Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten. Oh, ja – alle wie sie da sind, versammelt zum Gebet und zum Schacher! Sie nehmen es von allen, uns Armen lassen sie nichts und treffen jeden, der aufbegehrt, mit ihrem Schwerte! Aber: Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht abschaffen!«

Die Zuhörer wurden unruhig, und einige forderten den Redner auf zu schweigen. Der aber fuhr fort: »Fürsten und Fürstendiener! Wie kann es da auf Dauer gut werden? So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein, das ist wohl wahr! Hat es der Herrgott denn etwa so gewollt, wie es ist? Jeder von euch kann es singen: He! Als Adam grub und Eva spann, wer war denn da der Edelmann!« Damit ging er von einem zum anderen und stieß diesen und jenen an. Als er einem vierschrötigen, düster dreinschauenden Burschen eine Hand auf die Schulter legte, fuhr dieser plötzlich empor und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Es gab einen hässlichen klatschenden Laut. Der Sprecher stürzte zu Boden und verstummte, die Hand vor den Mund gepresst, aus dem Blut tropfte. Der Blick des Redners hing verwirrt am Gesicht seines Gegenübers.

»Das hast du davon«, murmelte der Vierschrötige. »Warum hältst du nicht dein Maul? Wohin führt es denn, wenn einer so redet!« Es folgte eine hilflose Geste. »Ich war dabei«, setzte er hinzu. »Anno 25 in Köln. Als so geredet wurde. Und mehr! Und hab geseh’n, was dann geschah … Dich habe ich nicht gesehen dabei.«

Alle schwiegen. Nur im Hintergrund hörte man eine leise Stimme ein Lied anstimmen: »Heut ist es dein, und morgen ist es mein …« Sofort erhoben einige der Anwesenden ein unwilliges Zischen, und rasch verstummte das Singen. Ich nahm mir vor, irgendwann jemanden, dem ich trauen konnte, zu fragen, was es denn auf sich habe mit Anno 25. Aber wem konnte ich trauen?

Es wurde jetzt nur noch geflüstert. Die behagliche Stimmung vom Beginn des Abends war endgültig verdorben. Einer der Fuhrknechte, die ich beim Wagen mit dem Leichnam gesehen hatte, kam herein und suchte nach einem Platz für die Nacht. Sein Blick fiel auf mich.

»He, Bürschchen«, knurrte er. »Verschwinde da augenblicklich! Rück rüber!« Dabei zielte er mit einem kräftigen Knüppel auf mich. Ich erschrak, und obwohl Wut in mir aufwallte, so dass mir die Tränen in die Augen stiegen, zog ich es vor, mich zu fügen. Ich räumte den Platz am Feuer. Keiner fand es angebracht, mir zu helfen. Nur eine schwache Stimme in meinem Rücken murmelte: »Komm hierher! Wir rücken zur Seite, und so nah bei den Pferden ist es auch schön warm.«

Alle, die da meinen, ich sei ein rotzfreches Ding gewesen in jenen Tagen, hätten mich in diesem Augenblick sehen sollen! Ich war eingeschüchtert und nahm das freundliche Angebot gerne an.

Ich kauerte mich neben den Verschlag für die Pferde. Ein Greisenpaar in schäbigen Pilgerkutten nahm mich in seine Obhut, Männlein und Weiblein mit heiteren Faltengesichtern. Sie hielten sich eng umschlungen und wiegten sich leicht hin und her. Die Frau lächelte mir schalkhaft zu, kramte etwas aus einer Leinentasche und hielt es mir hin. »Das wirst du mögen«, flüsterte sie, »genau wie unsere Enkel. Getrocknete Pflaumen, nimm nur.«

Es dauerte nicht lange, bis alle sich schlafen legten. In dieser Nacht träumte ich, ich sei zwischen großen, schrecklichen Tieren gefangen, die kämpften miteinander und stießen grausige Schreie aus. Ich fuhr auf: Was ich geträumt hatte, war Wirklichkeit! Zwei Pferde in dem Verschlag neben mir wieherten schrill und keilten sich mit den Hufen, dass die Tenne bebte. Schaum flog von ihren Mäulern. Ich sah ihre rollenden Augen – schreckensvoll leuchtend im Feuerschein.

Jemand hatte mich zur Seite gezogen, noch ehe ich richtig wach war.

»So bringt sie doch auseinander!«, rief einer der Männer. Knechte stürzten sich auf die Tiere und schlugen mit Besen und Stangen auf sie ein, bis sie getrennt waren. Einiges Schnauben und Grunzen noch. Dann war Ruhe, und ich versuchte wieder einzuschlafen. Seltsam, wie das Geschehen in meinen Traum gedrungen war! Ob das ein Omen sein konnte? Am Morgen wartete ich mit vielen anderen auf das Fährboot über den Strom. Wo ich abends die Umrisse der Stadt gegen den hellen Himmel gesehen hatte, lagerte nun dichter Nebel. Mit unheilichem Glucksen glitt das schwarze Wasser vorüber. Dann und wann trieben Eisschollen dahin. Es war bitterlich kalt. Einige der Pilger waren sehr aufgeregt und redeten immerfort von dem, was sie an ihrem Ziel zu sehen erwarteten. Andere Mitreisende wirkten still, und einige schienen Furcht zu spüren. Zu diesen gehörte ich. Die düstere Flut unter den Nebelschwaden ließ mich an den Fluss zum Jenseits denken, Styx genannt, von dem mir Vater Sebastian erzählt hatte.

Da tauchte ein großer Kahn aus dem Nebel auf, der so flach gebaut war, dass Wagen auf ihm übergesetzt werden konnten. Ich gehörte zu den Letzten, die auf die Planken gingen, zahlte mein Fährgeld und suchte mir einen Platz in der Nähe des Steuerruders. Die Schiffsknechte waren schlechter Laune und herrschten die Fahrgäste willkürlich an. Auch versuchten sie zusätzliches Trinkgeld zu erpressen. Ich hatte dafür nichts übrig und schüttelte den Kopf. Dafür erhielt ich einen schmerzhaften Knuff.

Dann glitt der Kahn auf den Fluss hinaus. Mir schien, dass er viel zu schwer beladen war, und die Fährleute waren sich uneins über die Richtung im Nebel. Wir trieben lange im Ungewissen dahin. Schließlich aber hörte ich Geräusche voraus. Es wurde gehämmert, und dann prallte etwas Schweres auf hölzerne Bohlen. Ein Mann rief etwas, und mehrere andere gaben Antwort. Schiffsrümpfe traten aus dem Nebel hervor und große eingerammte Balken, um die das Wasser strudelte. Unsere Schiffsknechte fluchten ausgiebig, während sie den Kahn ans Ufer brachten, doch ich achtete nicht mehr darauf. Denn der Nebel riss auf, und in der Sonne leuchteten die Mauern und Türme von Köln. Glänzende Dächer stiegen übereinander empor, Kirchen erhoben sich wie Berge, gewaltige Türme und zierliche Türmchen ragten in den Himmel. Ein Anblick, der mich überwältigte. War es doch das erste Mal, dass ich eine wirklich große Stadt zu Gesicht bekam!

Wenig später hatte ich die Kontrollen am Tor hinter mir, und ich bahnte mir einen Weg durch das Gewimmel von Menschen und Fuhrwerken auf der schlammigen Uferstraße. Dann tauchte ich in ein Labyrinth von engen Gassen, das sich hinter der Hafenpforte öffnete.

Ich bin am Ziel! – so dachte ich jedenfalls.

AbbildungEIN GELDBEUTEL

Was für ein Treiben! Weil in Köln so bedeutende Ereignisse bevorstanden, waren offenbar viel mehr Menschen in der Stadt als sonst. Sie drängten durch die engen, schmutzigen Gassen, in denen sich der Duft von frisch gebackenem Brot mit dem Gestank von Unrat vermischte. Die Menge schob mich weiter, bis ich auf einen großen Platz gelangte, wo gerade Markt gehalten wurde: Händler und Käufer redeten laut durcheinander, Waren wurden angepriesen, Fleisch, Brot und Gemüse, Salzfisch in Fässern, Wein, Öl und Essig; ein Stück weiter wurden unter hölzernen Dächern gedruckte Bücher und gedruckte Bilder feilgeboten, auch Kleidung, Stoffe, Schuhe und Gürtel, Gläser und Töpfe, Trödelkram – wahrhaft alles vom Tintenfass bis zur Kinderrassel. Rauch stieg über Holzkohlefeuern empor. Bei den Garküchen hing der Geruch von brutzelndem Fleisch und Zwiebeln in der Luft. Da regte sich mein Hunger.

Ich nahm eine kleine Münze aus meinem Geldbeutel – es war nicht mehr viel darin – und kaufte mir eine knusprige Brezel. Kaum hatte ich sie zur Hälfte verzehrt, da bettelten ein paar ärmlich gekleidete Kinder um ein paar Krümel; ich gab einem ein Stückchen, dann einem anderen, und im Nu war die Brezel aufgegessen. Dennoch: Mein Mut war wieder da!

Männer und Frauen strömten vorüber, von edlem und von einfachem Stand, und manchmal jemand in fremdländischer Tracht.

Ein gravitätischer Bürger mit Pelzhut stieß mich zur Seite. »Kannst du nicht aufpassen?«, herrschte er mich an.

»Pass selber auf, du Pfeffersack!«, entfuhr es mir, und, ohne lang zu überlegen, ließ ich noch ein paar meiner sorgsam gelernten Schimpfwörter folgen.

»Frecher Rotzbengel!«, schrie der Mann und wollte mich schlagen. Da war ich ihm schon entwischt.

Bettler heischten allenthalben nach Almosen und schienen keine Scheu zu kennen. Nur wenn die bunt gekleideten Wachen vorüberkamen, duckten sie sich und hielten still.

Ich nahm aufs Geratewohl einen Weg, der über schlüpfrige Treppenstufen aufwärts führte. Da warf ein mächtiger Turm, der mit gemeißelten Figuren verziert war, seinen Schatten über mich. Der gehörte zum Rathaus.

Um mich her entstand Bewegung. Rufe pflanzten sich fort. Die Leute hasteten plötzlich alle in eine Richtung davon.

»Was ist los?«, fragte ein Bürger, der aus seiner Tür trat.

»Der Kaiser reitet durch die Stadt«, antwortete ein Mann mit rotem Gesicht.

»Nein«, rief ein anderer, »der Erzbischof gibt Freibier aus!« Wohl ein Spaßvogel.

Der Bürger schüttelte unwillig den Kopf.

Da behauptete ein Dritter: »Unsinn, sie führen einen Mörder zum Richtplatz. Lasst euch das nicht entgehen!«

Alles wirbelte mir im Kopf, und ich ließ mich von der Menge mitreißen. An einer Hausecke jedoch, die mit einer steinernen Marienfigur geschmückt war, blieb ich stehen wie gebannt. Vor mir öffnete sich ein Durchblick, und über den Häusern sah ich den Dom emporsteigen. Die Sonne glänzte auf seinen hohen Dächern, und das vergoldete Chorkreuz blinkte. Vor den schmalen Bahnen der Fenster erhob sich ein Wald von spitzen Türmchen mit einem Gespinst schlanker Bögen und Streben. Das alles sollte aus Stein und Glas und von Menschen gemacht sein? Der Gedanke erschien mir so unglaublich, dass ich vor Staunen stumm war. Etwas weiter entfernt ragte links ein mächtiger Turm halb fertig empor, und in der Höhe erhob sich ein großer hölzerner Kran, mit dem wohl die Steine und der Mörtel für den Weiterbau befördert wurden.

Während ich noch nach oben starrte, wurde ich bald nach rechts, bald nach links gestoßen. Schließlich rannte einer vorbei, der mir den Ellenbogen in die Seite rammte und mich fast zu Boden warf.

»Gottloser Rüpel!«, fuhr ihn ein Mann an, der ebenfalls vorüber wollte, nun aber innehielt. Er fing mich auf.

»Nimm’s nicht schwer, Junge«, fügte er begütigend hinzu. »Das war einfach ein ungehobelter Kerl.«

Ich dankte und lehnte mich an eine Mauer. Welche Unrast! Da befiel mich auf einmal das peinigende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, und fast im gleichen Augenblick wusste ich auch, was es war: Ich konnte meinen Geldbeutel nicht mehr fühlen! Rasch tastete ich meine Kleidung ab. Er war weg!

»Hölle und Teufel«, wollte ich fluchen, brachte aber keinen Ton hervor. Einer der Rempler musste es gewesen sein. Ein gottverdammter Taschendieb! Wahrscheinlich sogar der letzte, der mir so freundlich geholfen hatte. Ja, der! Bestimmt sogar!

Zuerst dachte ich, Zorn und Verzweiflung würden mich ersticken. Dann hockte ich mich hin und brach in Tränen aus. All mein Mut war wieder dahin. Ein krampfhaftes Schluchzen, das ich einfach nicht zu beherrschen vermochte, schüttelte meinen ganzen Körper. Mein Kopf war leer, und meine Augen waren blind. Was jetzt? Völlig mittellos und ganz allein … in dieser schrecklich großen Stadt!

Ich weiß nicht, wie lange ich so am Boden gekauert habe, bis ich etwas ruhiger wurde. Da legte sich mir eine Hand auf die Schulter. Jemand hockte vor mir und blickte mich an. Ein faltiges Gesicht mit lustigen runden Augen. Ein magerer, aber kräftiger Bursche in erbärmlichen Lumpen. Ein Bettler. Auf seinem kahlen Kopf saß hoch eine undefinierbare Kappe mit einem Riemen, und hinter diesem Riemen steckte ein hölzerner Löffel. Er wiegte verschmitzt den Kopf. Seine abstehenden Ohren wackelten. Und dann machte er, ohne etwas zu sagen, eine Bewegung mit dem Arm, die unmissverständlich bedeutete: Komm mit, ich werde dir zeigen, wie es weitergeht.

Ich habe mich wirklich aufgerafft und bin mit ihm gegangen. Er war so lang und grobknochig, dass ich mir noch viel kleiner und schmächtiger als sonst vorkam. Aber verloren fühlte ich mich nicht mehr. Der Bettler bewegte sich zielstrebig und schien gar keinen Zweifel zu haben, dass ich folgte.

Einmal zeigte er schweigend mit der Hand auf ein Heiligenbild an einer Hauswand und kniff ein Auge zu: Christophorus, der den Reisenden beisteht. Dann wieder winkte er grüßend zu einer Gruppe anderer Bettler hinüber, sprach aber wieder kein Wort. Ob er nicht sprechen konnte? Dann war eines wirklich zum Staunen: Er hatte überhaupt keine Schwierigkeiten, sich auch ohne Worte verständlich zu machen.

Die Häuser und Gassen, Torbögen und schmalen Durchschlupfe reihten sich aneinander wie die Gänge eines Irrgartens. Überall Leute in Scharen, aber nirgends ein Gesicht, das ich kannte. Nur einmal blickte ich hinter mich und fuhr auf: Dieser Hut kam mir vertraut vor!

»Ahasver!«, rief ich. Doch der Ruf ging im Straßenlärm unter. Der Träger des Hutes bog im selben Augenblick, da ich ihn erblickte, in eine andere Gasse ab und war verschwunden. Hatte ich richtig gesehen? Vielleicht war es gar nicht der Alte gewesen. Vielleicht hatte er mich nicht gehört. Oder gab es etwa einen Grund, weshalb er nicht von mir erkannt werden wollte? Jedenfalls wäre es hoffnungslos gewesen, ihn in dem Gewimmel zu finden. Ich vermochte ja kaum Anschluss an den Bettler mit dem Löffel zu halten! Der allerdings verlangsamte nun seinen Schritt und winkte mich zu einem Torweg, der in eine niedrige Halle führte, zum Bersten gefüllt mit Menschen in den unglaublichsten Lumpen. Was sie verband, waren nur die Abgerissenheit ihres Äußeren und – der Gestank. Ich sah Krüppel und Grindige, Versehrte und Gebrestige aller Art. Der Lärm, den sie vollführten, war ohrenbetäubend. Wir waren ans Hospital Zum Heiligen Geist gelangt, wo jeden Tag eine Speisung für die Bettler des Domviertels gehalten wurde. Sie aßen Suppe und Grütze aus hölzernen Näpfen, man drängelte und schwatzte, zankte sich und versöhnte sich wieder.

Als wir eintraten, begrüßte uns ein mageres Kerlchen, dem beide Beine fehlten, und winkte uns zu sich. Bei ihm saß ein Blinder, ein mächtiger Bursche mit struppigem Haar. Die beiden hatten offenbar für den Bettler mit dem Löffel einen Platz am langen Tisch freigehalten.

»He, Zunge!«, schrie der Krüppel. »Kinderschänder! Wen hast du denn da mitgebracht? Kommt schon her!«

Der Blinde rückte zur Seite und tastete, als er mich neben sich spürte, mit festem Griff nach meiner Schulter. »Ein Neuer?«, fragte er. »Wie heißt er denn?«

»Ich heiße Kat.«

»Na gut, setz dich her!« Bei diesen Worten gab er ein vergnügtes Kichern von sich, das mir unverständlich schien.

»Macht Ihr Euch über mich lustig?«, fragte ich misstrauisch.

»Aber nein. Kein Gedanke! Im Übrigen sagt man hier du zueinander.«

Er klopfte mir begütigend auf den Rücken.

»Knaller darfst du nicht ernst nehmen«, sagte er. »Zunge ist ganz in Ordnung. Nur etwas blöd, aber gar nicht so sehr, und eben stumm. Verstehst du, mein … hm … mein Junge?«

»Wie meinst du das?«, fragte ich und beobachtete verstohlen seine schorfig zusammengekniffenen Augenlider. »Bist du denn nicht …«

»Blind? Klar, blind wie ein Maulwurf, glaub es ruhig.«

Damit tätschelte er mir den Arm, und wir beließen es dabei. Wir mussten uns um unsere Speise bemühen. Mönche schenkten sie aus. Es gab reichlich. Es tat gut.

»Gibt nicht jeden Tag Fleisch drin!«, grunzte Knaller und schmatzte. »Aber wart ab, wenn die Woche Dreikönigen ist!«

Warum man ihn Knaller nannte, wusste ich bald. Es hatte mit seiner Verdauung zu tun. Der Blinde hatte den Spitznamen Bär. Und der passte ebenfalls.

Am Nachmittag gingen die drei Bettler wieder an ihre Stammplätze und nahmen mich mit. Ich hatte ihnen inzwischen das Wichtigste über mich erzählt, und es schien mir, dass sie mich würdig fanden, in ihren Kreis aufgenommen zu werden. Ungefähr so, wie jemand einen kranken Vogel oder eine streunende Katze aufnimmt.

»Du wirst uns Glück bringen!«, behauptete Bär. Er nahm Knaller auf den Rücken, was ihm bei seiner Statur gar nichts ausmachte, und der sagte ihm zum Ausgleich, wohin der Weg ging. Sie waren ein denkwürdiges Gespann, die beiden.

Zunge saß regelmäßig in der Nähe des Domchors, da, wo breite Stufen zu der Kirche hinabführen, die man Mariengraden nennt; von hier führte der Weg weiter bis zum Rhein hinunter. Viele Leute kamen dort vorbei. Rasch erkannte ich, dass kein anderer Bettler wagte, ihm diesen guten Platz streitig zu machen. Überhaupt herrschte, wie ich allmählich bemerkte, ein eigenes Gesetz unter den Menschen, die in der Stadt dem Bettel nachgingen, und ein Fremder, der ihnen nicht genehm war, hätte einen schweren Stand gehabt.

Zunge verdankte seinen Erfolg bei den Vorübergehenden vor allem seiner unwandelbar freundlichen und dennoch wenig unterwürfigen Art. Er schien Stammkunden zu haben, die ihm regelmäßig ein Scherflein zukommen ließen, und manche sprachen ein paar belanglose Worte zu ihm, womöglich gerade deshalb, weil keine Antwort zu erwarten war. Andere Bettler gingen dagegen unverschämt vor; sie zeigten scheußliche Gebrechen oder offene Wunden, wenn das auch gegen die städtische Verordnung war, wie ich bald schon zu hören bekam. Manche wiesen die Bürger auf die Höllenqualen hin, die jedem Hartherzigen sicher seien.

Gegen Abend sammelte sich viel Volk um den Dom. Es stand ein Vespergottesdienst bevor, zu dem edle Gäste erwartet wurden; wahrscheinlich würde sogar der Kaiser kommen, der sich übrigens bereits seit Weihnachten in der Stadt befand. Jedenfalls erschienen Wachsoldaten, die alle Bettler aus der Umgebung der Kathedrale vertrieben.

»Wie kann man den hohen Herren euren Anblick zumuten?«, rief einer lachend und drohte scherzhaft mit seiner Hellebarde.

Bevor Zunge der Anordnung folgte und mich mitzog, antwortete er mit einer obszönen Geste, ohne dass er seinen freundlichen Gesichtsausdruck verlor.

Wir trafen Bär und Knaller an einem Torbogen in einem ruhigeren Viertel der Stadt.

»Der Kleine muss was lernen«, sagte Knaller. »Am besten fängt er gleich damit an.«

Zunge nickte und zeigte auf ein bestimmtes Haus, zu dem wir uns alle gemeinsam begaben. Mit Schrecken begriff ich, dass sie mich bereits für einen der ihren hielten und mich zum Bettler ausbilden wollten. Ich hatte mich in den letzten Wochen an manche wenig ehrbare Tätigkeit gewöhnt, aber der Bettel war nicht dabei gewesen. Dennoch schien es mir nicht richtig zu sein, das Ansinnen meiner Beschützer abzulehnen.

»Am besten hast du stets eine rührselige Geschichte bereit«, sagte Knaller.

»Am besten bleibst du bei der Wahrheit«, erklärte Bär. »Dass du dich verlaufen hast und dir einer dein Geld gestohlen hat und dass du hier keine Menschenseele kennst.«

»Er kennt doch uns!«, protestierte Knaller.

»Hast du denn eine Seele?«, fragte Bär.

Zunge stupste mich vor die Hintertür des Hauses und nickte aufmunternd. Eine einfache, grün gestrichene Tür, deren Anblick ich nie vergessen werde. Ich hob die Hand, um zu klopfen, aber ich konnte es nicht. Gepeinigt blickte ich mich um. Die drei waren nicht zu sehen. Sie hatten sich hinter der nächsten Ecke verborgen.

Da beugte Zunge sich vor, ein Stein flog an mir vorbei und schlug gegen die Tür. Drinnen tat sich gar nichts. Noch ein Stein. Mir brach der Schweiß aus. Jetzt rumorte es im Inneren des Hauses. Zum Davonlaufen war es zu spät. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und eine Frau steckte den Kopf heraus, eine kräftige, dralle Frau in mittleren Jahren, die eine Schürze trug und von Küchendüften umgeben war.

Ich versuchte etwas zu sagen – was denn nur? –, doch kein Laut drang aus meiner Kehle.

»Mein Gott, was bist denn du für einer?«, fragte sie barsch und schüttelte den Kopf. »Du versuchst es wohl zum ersten Mal, was?«

Ehrlich, immer wenn ich sie am dringendsten brauchte, kündigte mir meine verflixte Stimme den Dienst auf!

Dann lachte sie und sagte: »Bleib da.«

Die Tür schloss sich. Ich wartete und spürte die beginnende Kälte des Abends. Die Tür ging wieder auf. Da war die Köchin, lachte erneut, zeigte ein paar kichernden Küchenmädchen mein belämmertes Gesicht, ließ zu, dass sie sich richtig an meinem Anblick weideten, und drückte mir dann ein Bündel in die Hand, das merkwürdig warm war und nach Geflügel duftete.

»Nimm schon!«, sagte sie. »Und wenn du es nächstens nicht überzeugender zu Stande bringst, dann lernst du besser was anderes.«

Die drei Kumpane verließen ihre Deckung.

»Als Bettler bist du glatt ein Versager«, meckerte Knaller und bekräftigte seine Aussage, indem er einen heftigen Wind fahren ließ.

»Ich fand das gar nicht übel«, widersprach Bär. »Hier duftet doch der Erfolg.«

Und sie mampften alle drei von den Geflügelresten, die ich bekommen hatte. Mir selbst war der Appetit vergangen.

Am selben Abend nahmen meine Beschützer mich mit zu ihrem Schlafplatz. Er lag in einem der gemauerten Bögen, welche die Innenseite der Stadtmauer stützten. Aus ein paar alten Brettern hatten sie dort eine Art Hütte hergerichtet, in der es warm und trocken genug zum Übernachten war.

Sie hockten noch eine kurze Zeit im Dunkel und redeten über dies und das. Dann hörte ich plötzlich lautes Schnarchen. Das schien ihre Lebensart zu sein: Wenn es etwas zu essen gibt, iss. Wenn nichts anderes zu tun ist, schlafe. Nur Bär war noch wach, denn er sprach mich an:

»Du weißt ja, dass du mit deinem Geheimnis sehr vorsichtig sein musst?«

Ich zögerte. »Also weißt du Bescheid?«

»Ich weiß, dass du ein Mädchen bist, wenn du das meinst.«

»Du hast es gleich gewusst, stimmt’s?«

»Nicht gleich, aber ziemlich bald.«

»Ich habe es mir fast gedacht. Wie ist das möglich? Du bist doch blind!«

»Ja. Ich bin blind, aber nicht blöd.«

»Und woran hast du es gemerkt?«

»Nicht so leicht zu sagen. Deine Stimme …«

»Die meisten kann ich täuschen.«

»Die meisten hören und hören nicht zu. Sie sehen und sehen nicht hin. Sicher habe ich es gewusst, als ich deine Schulter angefasst hatte. Da ist ein Unterschied zwischen den Muskeln eines Jungen und eines Mädchens, weißt du. Außerdem ist es so: Wenn jemand etwas zu verbergen hat, dann ist er nicht mehr unbefangen, und das verrät ihn …«

»Ich glaube, du siehst mehr als andere.«

»Mag sein.«

Ich lehnte mich zurück und versuchte meine Gedanken zu ordnen.

»Jedenfalls musst du vorsichtig sein«, sagte er von neuem. »Eine Anklage gegen eine Frau kommt schnell zu Stande. Und bis zum Vorwurf der Hexerei ist es nicht weit. Hexerei wird auch in Köln verfolgt, wenn auch weniger eifrig als anderswo. Gib Acht, wer über dich Bescheid weiß! Und denk daran, dass Frauen schwerer zu täuschen sind als Männer.«

»Wieso das?«

»Es ist eben so.«

»Ich werde wachsam sein«, sagte ich zögernd. »Warum tut ihr das alles eigentlich für mich?«

»Nimm es als Geschenk«, sagte er ausweichend. »Zunge ist ein guter Kerl. Die anderen verstehen ihn nur nicht recht. Als ich ihn damals kennen lernte, Anno 25, da hatte er noch drei Kinder. Die sind nicht mehr da. Du erinnerst ihn, glaube ich, an seinen Jüngsten. Schließlich hält er dich für einen Jungen.«

Wieder dieses Wort.

»Was war denn Anno 25?«

Er schwieg eine Weile, so dass ich mich schon fragte, ob vielleicht auch er jetzt eingeschlafen sei oder ich das doch nicht hätte fragen sollen. Aber dann kam wieder seine Stimme. »Das erzähle ich dir vielleicht ein anderes Mal. Und sei besser vorsichtig, wen du danach fragst.« Eine Pause. »Sag mal: Was wirst du künftig tun? Du willst doch nicht Bettler werden.«

Das war eine Frage, die ich mir selber schon gestellt hatte. Und ich hatte inzwischen die Antwort darauf. »Ich habe etwas zu tun, das mir bestimmt noch schwerer fällt als das heute Nachmittag«, sagte ich. »Ich muss zu einem Haus gehen, in dem ein Mann wohnt, den ich um etwas bitten muss. Das werde ich morgen tun.«

»Dann schlaf jetzt«, sagte er und fragte nichts weiter.

AbbildungM HAUS MIT DEM LÖWEN

Am nächsten Morgen – es war zwei Tage vor dem Dreikönigenfest – führten meine Kumpane mich vor ein ganz bestimmtes Haus in einer engen Gasse der inneren Stadt, nicht weit vom Martinskloster. Meine Füße waren wie Blei. Warum zögerte ich? Endlich würde ich meinem Vater begegnen! Wieso freute ich mich nicht?

»Da ist es«, sagte Bär, »das Haus, das du suchst.« Warum war er so brummig? Ich hatte den drei Freunden den Namen genannt, der in meinem Brief stand: Herr Arndt. Da also wohnte er.

Knaller setzte hinzu: »Dann geh schon! Wenn es wirklich das ist, was du willst.« Auch er wirkte mürrisch.

Zunge gab nicht zu erkennen, in welcher Stimmung er war. Das Grinsen saß auf seinem Gesicht wie eine Maske.

Bär sagte: »Ich habe mit unserem Zunftgenossen gesprochen, der dort drüben seinen Stammplatz hat. Weißt du: Es geht etwas vor in diesem Haus. Das gefällt mir nicht. Heute waren schon mehrere Gäste da. Das ist ungewöhnlich. Aber sie sind wohl alle wieder fort. Einer von ihnen war ein unangenehmer Kerl, den sie den Schwarzen Hund nennen.«

Ich erschrak. Eine unklare Angst nistete sich in meinem Herzen ein. Aber durfte ich davor zurückweichen? Ich sah mir das Gebäude näher an. Es war ein reiches Haus, aber düster. An seiner Front prangte ein steinerner Kopf mit klaffendem Maul, in dem zwei lange eiserne Zähne bleckten. Ich wusste schon, dass solche Verzierungen in der Stadt häufig waren und dem praktischen Zweck dienten, einen Lastbalken, den man bei Bedarf anlegte, in seiner Stellung zu halten. Dieser Stein aber war größer und reicher ausgearbeitet als andere: Er war mit hohem Aufwand als ein Löwenhaupt gestaltet, das gräulich auf den Betrachter herunterdrohte. Daher hatte das Haus seinen Namen. Das Haus mit dem Löwen nannte man es. Es gefiel mir nicht, und ebenso wenig gefiel mir der Gedanke, dort hineinzugehen.

»Es ist zu früh«, sagte ich. »Lasst mich noch warten.«

Bär zuckte die Schultern, und Knaller grunzte vielsagend.

»Dann sollten wir hier auch nicht so dastehen«, meinte Bär. Also zogen wir ein Stück weiter und drückten uns eine Weile in der Umgebung herum. Es war ein kalter, nebliger Tag. In den Gassen bewegte sich alles wie am Grunde eines trüben Gewässers.

Ich hockte mich auf einen Balken an den Stufen der Martinskirche. Dumpfer Gesang drang an mein Ohr. Ich tastete nach dem Brief unter meinem Wams und berührte dabei zufällig das Amulett. Erinnerungen bedrängten mich. Diesen Brief hatte Vater Sebastian mir mitgegeben. Er sei für meine Mutter bestimmt gewesen, sagte er dazu, geschrieben habe ihn mein Vater. Das war das erste Mal, dass jemand mit mir über den Vater sprach. Meine Mutter hatte ihn nie erwähnt. Vielleicht, weil sie mich noch für zu jung hielt. Später erkrankte sie und war bald darauf nicht mehr am Leben.

»Lies selbst«, hatte der alte Priester hinzugefügt. Es war seltsam und ist mir in Erinnerung geblieben, dass er mich dabei nicht anzusehen vermochte.

Ich las, denn das Lesen hatte er mich gelehrt, das und so vieles andere, in den Jahren, in denen ich mit ihm allein gelebt hatte und er meine ganze Familie gewesen war. Er war ein Mann von großen Kenntnissen. Ich habe nie verstanden, warum er nur Dorfpfarrer war.

Ich kannte den Brief inzwischen auswendig.

Liebwertes Weib,
seid mir gegrüßt. Ich hoffe inständig, dass es Euch und dem Kinde wohl ergeht.

Ihr werdet wissen, dass ich nicht anders handeln kann, als ich tue. Es ist mir auf immer ein Leid, dass Eure Gefühle gegen mich so ganz anders geartet sind als die meinen gegen Euch. Aber das ist wohl nicht mehr zu ändern.

Nun denn: Wenn die Zeit kommt, da das Kind nach mir fragen wird, dann mögt Ihr es, wenn Ihr so wollt, nach der Stadt Köln senden, zu dem Herren Arndt.

Anschließend war die Rede von diesem Herrn Arndt von dem Bruch, der in Köln Handelsgeschäfte trieb und seit vielen Jahren ein Haus besaß, welches das Haus mit dem Löwen genannt wurde.

Der Brief war im Ganzen seltsam unpersönlich und warf mehr Fragen auf, als er beantwortete. Es fand sich darin noch diese seltsame Wendung: Ich weiß, dass ich in vielem falsch gehandelt habe. Werdet Ihr mir jemals verzeihen?

Das Schreiben trug kein Datum. Ich wusste aber von Vater Sebastian, dass es eingetroffen war, als meine Mutter schon nicht mehr lebte. Also wohl vor vier oder fünf Jahren. Er hatte es für mich aufbewahrt. Ob der Hinweis darin überhaupt noch stimmte? Wie oft hatte ich mich das in den letzten Monaten gefragt. Immerhin: Den Herrn Arndt gab es also. Aber was sollte dieses merkwürdige Versteckspiel? Ob mein Vater in diesem Haus auf mich wartete?

Der Brief schloss mit der Wendung: Es bereitet mir große Pein, dass es mir wohl niemals mehr vergönnt sein wird, Euch wiederzusehen, und er war nicht unterschrieben, sondern wies nur eine seltsam ungelenke Zeichnung auf, die wohl eine Art Wappen mit der Klaue eines Raubvogels darstellte; genau vermochte ich das nicht zu erkennen.

Das Haus mit dem Löwen, dachte ich. Da hinein musste ich nun, wenn mir auch bei dem Gedanken das Herz klopfte.

Wem würde ich dort begegnen? Was würde ich dort erfahren? Ob in Wahrheit Herr Arndt mein Vater war? Ich konnte dieses Gefühl der Beklommenheit nicht abschütteln, obwohl ich eigentlich nur freudige Erregung hätte fühlen sollen!

Bär setzte sich neben mich. »Du suchst etwas, das dir sehr wichtig ist, nicht wahr?«

»Ich muss dort hinein. Es geht um meinen Vater …« Und in kurzen Worten erzählte ich ihm, wie es damit stand.

»So, so«, brummte er. »Dann bist du ja fast am Ziel. Bist du nicht froh?«

»D-doch …«

»Ich glaube dir nicht.«

»Ich habe eine Scheißangst.«

»Dann willst du lieber nicht gehen?«

Konnte ich jetzt kneifen? Wozu hatte ich dann den langen Weg gemacht? Und was sonst konnte ich tun?

»Es muss jetzt sein«, sagte ich. Schließlich wurde auch die Kälte in der Gasse so quälend, dass mir keine andere Wahl mehr blieb. Und so nahm ich allen Mut zusammen, ließ die Kumpane hinter mir und klopfte an die Tür. Einen Augenblick lang kam mir alles so vor wie gestern, an der grünen Tür jenes anderen Hauses. Dann öffnete sich, ohne dass ich davor irgendetwas gehört hatte, eine Klappe im schweren Holz. Das misstrauische Gesicht eines alten Mannes erschien. Wohl ein Diener. Er räusperte sich umständlich und fragte abweisend: »Was willst du?«

»Ich muss den Herrn Arndt sprechen«, sagte ich. »Es ist wichtig. Und ich weiß, dass er da ist.«

Der Diener sagte nichts und schloss die Klappe.

Ob das alles ist?, dachte ich. Ein seltsames Benehmen. Dann knarrte die Tür, und zu meinem Erstaunen ging sie auf.

»Kommt mit mir«, sagte der Alte und ließ mich hinein. Ich wunderte mich erneut: Er sah mich gar nicht an. Mit lautem Dröhnen fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Eine dicke Tür. Man vernahm drinnen nicht, was draußen vorging, und umgekehrt war es zweifellos genauso. Der Alte, der eine Art Kittel trug, schlurfte mir voraus durch eine düstere Halle, dann einen Gang hinunter und eine enge Treppe hinauf. Das Haus roch seltsam muffig, und irgendwie kam es mir unbewohnt vor.

Absonderlich, dachte ich, er hat gar nicht gefragt, wer ich bin. Und wenn der Weg hier drinnen so lang ist, hat er auch gewiss keine Zeit gehabt, mich seinem Herrn zu melden oder von ihm eine Weisung einzuholen, was er zu tun habe. Was stimmte hier nicht? Hatte man mich etwa erwartet? Nun, ich kam nicht dazu, mir weitere Gedanken zu machen. Jetzt standen wir nämlich vor einer massiven Stubentür, die mit allerlei Schnitzereien verziert war; der Diener klopfte und schien eine Antwort vernommen zu haben, obwohl ich nichts gehört hatte. Er öffnete und tauschte ein paar geflüsterte Worte mit jemandem, bevor er mich hineinwies und entschwand.

Ich betrat ein verwinkeltes Zimmer mit einem Kamin, in dem Flammen von Holzscheiten loderten. Die Luft war überhitzt und von einem seltsamen Geruch erfüllt, der mir fremd, doch andererseits auch sehr vertraut erschien. Am Fenster stand, halb abgekehrt, ein Mann in einem bräunlichen Hausrock.

»Herr Arndt …?«, brachte ich heraus. Dann wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Er machte eine vage Bewegung, und ich trat auf ihn zu. Er war wohl in mittleren Jahren, vielleicht vierzig, obwohl er zunächst älter wirkte; er schien voll Unruhe zu sein, auch wenn er keine Miene verzog, als er sich umwandte und mich eingehend musterte. Sein Blick war forschend, aber ohne Anteilnahme, und seine Gedanken galten zweifellos nicht mir.

»Du bist also sein Kind«, sagte er, ohne auf den Brief, den ich ihm gereicht hatte, mehr als einen kurzen Blick zu verschwenden. Grüblerisch hielt er ihn in den Händen.

Wie soll ich sagen, was ich empfand? Eines war mir ganz klar: Er hatte von meinem Kommen gewusst und bereits auf mich gewartet.

»Ich bin auf der Suche nach meinem Vater«, sagte ich, indem ich meine Befangenheit überwand, »und er hat diesen Brief geschrieben, in dem er sagt, dass Ihr es seid, der mir helfen kann …«

Er räusperte sich und nickte langsam.

»Vielleicht«, murmelte er, »vielleicht werde ich helfen können.«

Sein seltsam zerstreuter Ausdruck verstärkte sich, als er sich nun wie suchend hierhin und dorthin wandte.

Was für merkwürdiges Haar er hat, musste ich denken und wunderte mich zugleich, dass eine derartige Nebensächlichkeit mich in diesem Augenblick beschäftigen konnte. Sein Haar war schütter und farblos wie Spinnweben. Obwohl es sorgsam ganz gleichmäßig mit dem Kamm über den ganzen Kopf verteilt worden war, verbarg es die Kopfhaut nur schlecht.

Der Mann räusperte sich hilflos und hob dann hastig zu sprechen an.

»Gewürzwein«, sagte er. »Möchtest du … möchtet Ihr etwas trinken? Ich habe das auf meinen Reisen kennen gelernt, geschäftlichen Reisen, ja, ja, Brügge, Venedig, Konstantinopel. Ingwer kommt hinein und Zimt und einiges andere. Hm. Wisst Ihr … weißt du … nicht jedem ist das Aroma, äh, angenehm.«

Wiederum regte sich etwas in meinem Erinnern. Dieser Geruch, ein heißes aromatisches Getränk – es kam mir vor, als sei es für mein Gedächtnis auf eine nicht näher beschreibbare Art mit einem Gefühl des Schreckens und mit dem Echo gewaltsamer Ereignisse verbunden.

Diese Gedanken musst du abschütteln, sagte ich mir. Und bleibe wachsam!

»Ihr seid es doch nicht selbst?«, fragte ich, indem ich ihn unterbrach.

Er sah mich verwirrt an. »Was?«

»Seid Ihr – mein Vater?«

»Ich, dein Vater? Nein, bewahre …«

Ich beschloss, ihm zu glauben, und war froh. Aber wie würde es nun weitergehen?

»Dein, äh, dein Vater wird – du wirst ihn sehr bald sehen, sehr bald …« Als er das sagte, fiel mir auf, dass sein Blick unwillkürlich zu einer Tür wanderte, die im hinteren Teil des Raumes zu erkennen war.

»Dein Vater, ich … Er lässt dir das sagen.«

»Was bitte?«

»Das soll ich dir sagen: dass du ihn bald sehen wirst.«

Er setzte sich und begann, einige Dinge auf seinem Tisch umherzuschieben, gedankenlos von hier nach da und wieder zurück.

»Und das …«, besann er sich, »Ja, das noch. Ehe ich es vergesse. Das … eeh, das hier, das gibt er dir. Du sollst nicht … Er will nicht, dass du vielleicht … Also er will, dass du genug Geld hast … Er will nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst wegen Geldnot …« Und er nestelte einen Beutel hervor, den er mir reichte. Seine Hand zitterte. Und wieder dieser schnelle Blick. Ob er glaubte, mir sei nicht aufgefallen, dass zwei Gläser dieses merkwürdigen Getränkes auf dem Tisch standen, beide halb leer? Wer verbarg sich hinter jener Tür? Vielleicht mein Vater?

Als ich nach kurzem Zögern den Beutel nahm, beugte er sich vor und fragte plötzlich flüsternd: »Komm her, sag mir rasch: Als du gekommen bist, in der Gasse, als du vor dem Haus gestanden hast – sag mir, hast du da nichts bemerkt? Nichts Ungewöhnliches, meine ich …«

»Was meint Ihr denn?«

»Etwas Ungewöhnliches eben … etwas, das nicht so ist, wie es sein sollte. Stell dich nicht dumm, verdächtige Gestalten zum Beispiel …«

»Verdächtige Gestalten?«

»Ja, doch, spiel mir nichts vor! So einfältig kannst du doch nicht sein. Vielleicht jemand, der das Haus beobachtete … So etwas …«

»Nichts«, sagte ich befremdet. »Ich habe nichts in der Art bemerkt. Ein paar Bettler waren da. Die sind immer da, glaube ich.«

Er seufzte erleichtert. Ob er mir traute?

»Vergiss, was ich gesagt habe!«, murmelte er. Er stand mühsam auf und starrte mir ins Gesicht, wobei er auf meine Schulter klopfte. Schweißtropfen rannen über seine Stirn. Als ob er Fieber hätte. Dann wandte er sich ab. Er tappte zum Fenster und drehte mir den Rücken zu, offenbar ratlos, wie er mich möglichst bald loswerden könne. Ich hörte, wie er zwischen schweren Atemzügen aus seinem Glas schlürfte. Sonst war es sehr still.

Ich war ratlos. Sollte das alles sein? Nichts als ein paar leere Worte und das rätselhafte Gestammel eines Mannes, der mir tief verwirrt erschien? Mir war, als hätte ich einen Schlag ins Gesicht erhalten, und meine Enttäuschung verwandelte sich in Zorn. Zwar glaubte ich nicht, viel mehr von ihm erfahren zu können, und die Situation wurde auch für mich bedrängend.

Aber ganz so leicht sollte er es denn doch nicht haben! Es ritt mich der Teufel, wie man so sagt, und ich wusste plötzlich, dass ich nicht gehen konnte, ohne einen Versuch zu riskieren, einen Schuss ins Blaue. Ich glaube, etwas in mir wusste mehr, als ich mit dem Verstand erkennen konnte. Ohne lange zu überlegen, sandte ich meinen Pfeil ab, was auch immer mich trieb und mir gerade diese Worte eingab:

»Weiß Ahasver eigentlich über Euch Bescheid … und über den Skorpion?«

Ich hörte das Klirren, als sein Glas am Boden zerschellte.

Er fuhr herum. Nie zuvor hatte ich einen solchen Ausdruck von Erschrecken auf einem Gesicht gesehen.

»Was weißt du«, fauchte er. Er taumelte und griff nach einer Klingelschnur, an der er so heftig zerrte, dass er sie herunterriss. »Hinaus!«, zischte er. »Verschwinde, hinaus, weg, weg mit dir!«

In dieser Sekunde fühlte ich Angst, panische Angst, aber nicht vor ihm, sondern vor dem, was sich vermutlich hinter jener Tür verbarg, und ich weiß nicht wovor sonst noch. Ich war froh, dass der Diener die Stubentür aufstieß und mir den Weg zur Flucht freigab.

Hals über Kopf zog ich mich zurück. Und als ich über die Treppe hinabeilte, fiel mein Blick durch ein kleines Fenster in den Hof des Hauses. Da stand ein Pferd, unter einem Schuppendach angebunden, ein kräftiger Grauschimmel mit gestutztem Schweif. Ich kannte es nur zu gut!

In großer Verwirrung stolperte ich ins Freie – und musste die Augen schließen, weil mich gleißende Sonne blendete: Der Himmel war blau, der Nebel hatte sich aufgelöst. An den Dachtraufen glänzte das Eis im hellen Licht. Meine Gedanken jedoch waren düster. Wusste ich jetzt mehr als zuvor? Erst als ich schon ein paar Quergassen hinter mir gelassen hatte, erinnerte ich mich der drei Bettler. Ich war wohl glatt an ihnen vorbeigestürzt. Ich blieb stehen, rang nach Luft und sah mich um. Wo war ich? Was sollte ich jetzt tun? Langsam und ziellos ging ich weiter. Alle Straßen erschienen mir gleich. Nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass ich den Lärm einer schreienden und johlenden Volksmenge in den Ohren hatte. Wie unter einem Bann zog es mich in die Richtung, aus der das Getöse zu mir drang. Da erklang auch Musik … Eine Weise, die ich oft gehört hatte! War es denn möglich? Dichtes Gedränge plötzlich um mich herum. Gelächter und Zurufe. Dann sah ich über den zahllosen Köpfen drei bunte Bälle wirbeln, die mir sehr vertraut waren. »Pietro!«, schrie ich, »Sambo, Ahasver!« Und stürzte vorwärts, um mir einen Weg zu bahnen.

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