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Tankred und die Bergsteiger

FÜR

SARAH

TEIL 1

Ekel, Ekel, Natur, Natur

Ich will Beton pur

Blauer Himmel, blaue See

Hoch lebe die Betonfee

Keine Vögel, Fische, Pflanzen

Ich will nur im Beton tanzen.

S.Y.P.H. – Zurück zum Beton

Geldof

Ihr Vater schenkte ihr das Gewehr zu Weihnachten. So war das Ende der Siebziger in Amerika, da legten Eltern ihren minderjährigen Töchtern eine Flinte unter den Weihnachtsbaum. Heute ist es bestimmt schlimmer. So muss es sein, weil immer alles schlimmer wird, schenkt man den Leuten Glauben. Sie öffnet das Fenster ihres Schlafzimmers, beobachtet die Schüler und Lehrer auf dem Schulhof gegenüber, wie sie es schon oft getan hat. Das alles langweilt sie. Zum Glück hat sie das Gewehr. Schießen hat sie von ihrem Vater gelernt. Gute Erziehung für einen orientierungslosen Teenager. Sie lädt die Waffe. Einatmen, ausatmen, den Puls beruhigen. Sie legt an, zielt, achtet auf den Wind, wie stark sich die Blätter an den Bäumen bewegen, visiert einen Mann auf dem Hof gegenüber an. Sie glaubt, dass es sich um den Hausmeister handelt, aber eigentlich ist ihr das egal. Sie drückt ab. Jemand stirbt. Die Menschen auf dem Hof wirken wie eine Herde Schafe. Jetzt rennen sie in Panik durcheinander. Das sieht lustig aus. Einer nach dem anderen sinkt zu Boden. Sie verbarrikadiert sich in ihrem Zimmer und wartet darauf, dass die Polizei auftaucht, um sie zu erschießen. Doch zuerst ruft die Presse an. Sie weiß nicht, woher der Reporter ihre Nummer hat. Es sei Montag und Montage möge sie nicht, erklärt sie ihm. So einfach kann das sein. Später wird sie verhaftet und wegen Mordes verurteilt.

Was in der jungen Amerikanerin vor sich gegangen ist, weiß ich nicht, weil ich mir nicht vorstellen kann, mit einem Gewehr auf Leute zu ballern oder aus einer Laune heraus mein Leben wegzuwerfen. So etwas machen Durchschnittstypen wie ich nicht. Aber ich kenne Bob Geldofs Lied über die Ereignisse von damals. Es läuft im Autoradio, während ich vom Geburtstag meines Patenkinds Helga flüchte. Ein Dutzend durchgedrehte Kindergartenkinder sind um mich herumgesprungen und haben dabei gelärmt wie eine Horde Schimpansen. Mir tun die Ohren weh, meine Nerven liegen blank, auf meinem Schuh klebt Marmelade von einer Scheibe Toast, die ein besonders renitentes Schimpansenkind in meine Richtung geschleudert hat. Kinder sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Alles wird immer schlimmer! Der Komparativ als Determinismus. Man sollte nach der ersten kleinen Katastrophe nicht erwarten, plötzlich im Wohlbefinden zu baden, sondern klugerweise das Gegenteil annehmen: die zweite größere Katastrophe. Deshalb plagen mich böse Vorahnungen, seitdem mich meine Mutter zu sich gebeten hat. Am Telefon wirkte sie beinahe hysterisch. Ihre Stimme war erst schrill, dann ganz plötzlich brüchig. So kenne ich sie nicht. Melodramatik liegt ihr nicht.

Ich parke im Innenhof der Bonner Straße 42 vor dem alten Atelier, das seit Jahrzehnten von wechselnden Künstlern und Studenten bevölkert wird. Meine Mutter wohnt im ersten Stock in der geräumigen Wohnung, die sie von ihren Schwiegereltern geerbt hat. Ich haste die Stufen hinauf und benutze meinen Schlüssel, um einzutreten. Meistens schelle ich vorher an, aber heute erscheint das überflüssig. Meine Mutter sitzt im Wohnzimmer am Fenster und starrt nach draußen. Ich trete neben sie und nehme sie kurz in den Arm. Von hier kann man den Lieferanteneingang der Bürgerpflicht, unserer kleinen Kneipe im Vorderhaus, sehen. Wahrscheinlich ist Önal dabei, alles für den alltäglichen Betrieb heute Abend vorzubereiten.

Meine Mutter führt mich in ihre Küche. Am Boden liegt in einer Blutlache Laurenz Tillinger. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich zum letzten Mal etwas derartig unvorbereitet getroffen hat. Vielleicht als Lejla damals auf der Mine stand – oder als junges Mädchen vor unserer Tür. Aber das ist gefühlt tausend Jahre her. Ich halte mich am Tisch fest und versuche nicht zu schreien. Laurenz ist der beste Freund meiner Mutter. Seit sie ihm in den Achtzigern zur Flucht aus der DDR verholfen hat, verbindet die Familien Tillinger und Deutsch eine feste Bande.

»Warum rufst du keinen Krankenwagen?«, frage ich benommen.

»Ich habe Angst, dass er tot ist.«

Sie ist aschfahl im Gesicht. Ihre Hände zittern. Ich nähere mich dem scheinbar leblosen Körper am Boden. Laurenz blutet aus einer Wunde am Hinterkopf. Neben ihm auf dem Boden liegt die alte gusseiserne Pfanne, die meine Mutter benutzt, seit ich denken kann. Ich gehe neben Laurenz auf die Knie und halte mein Ohr über seinen Mund. Ganz schwach spüre ich seinen Atem. Erleichterung erfasst mich.

»Scheiße, Mama. Was ist passiert?«, flüstere ich leise, als könne meine Stimme Laurenz’ Atem zum Erlöschen bringen.

»Wir haben uns gestritten«, sagt meine Mutter und ich sehe sie weinen, zum ersten Mal in meinem Leben. Vielleicht hat sie geweint, als mein Vater gestorben ist, aber damals war ich noch so jung, ich habe in meinem Schmerz nur mich selbst wahrgenommen.

»Und dann hast du ihn erschlagen?«, frage ich plötzlich nervös.

Sie zuckt zurück, wirkt verschreckt, als habe ich etwas Ungeheuerliches von mir gegeben. Einen Moment hoffe ich zu träumen, dann wähle ich die 112. Viel zu spät.

»Was ist mit Linus und Anna?«, erkundige ich mich nach meinen Geschwistern.

»Anna ist mit ihrer Freundin weg. Die planen etwas wegen ihrer Reise nach Laos. Und Linus geht nicht ans Telefon.«

Das ist nicht weiter überraschend. Arbeitet mein Bruder nicht in unserem gemeinsamen Laden, sitzt er zuhause auf dem Sofa und schaut Fernsehen. Dabei lässt er sich nicht gern ablenken. Am anderen Ende der Notrufnummer meldet sich eine Frau. Ich erkläre ihr, wer und wo ich sei und dass ein schwerverletzter Mann in der Küche meiner Mutter liege.

»Ich raff das nicht, Mama!«, sage ich, nachdem ich aufgelegt habe, und beuge mich erneut zu Laurenz hinunter. Ich kann nicht besonders gut mit Verletzten umgehen und einen Ersthelferkurs habe ich seit der Fahrschule nicht mehr besucht. Das ist schon fast zwanzig Jahre her. Vielleicht sollte man Laurenz in die stabile Seitenlage bringen, aber ich erinnere mich nicht, wie das geht. Ich streiche ihm hilflos über die Wange und halte seine Hand. Er reagiert nicht. Aus der Wunde am Hinterkopf sickert dunkelrotes Blut. Vermutlich wäre es klug, den Fluss zu stoppen. Kann ich auf eine offene Kopfwunde ein Handtuch drücken? Was ist, wenn er einen Schädelbruch hat? Ich schätzte das Gewicht der schweren, alten Pfanne, die neben mir am Boden liegt, auf vier bis fünf Kilo. Ordentlich geschwungen und mit der passenden Hebelwirkung kann man damit einen Knochen knacken.

An der unteren Seite der Pfanne kleben graue Haare und Hautfetzen. Mir wird schlecht, aber ich reiße mich zusammen. In außergewöhnlichen Situationen ist es nicht opportun, gewöhnlich zu reagieren. Mein Blick fällt auf eine Zeitung neben der Pfanne. Sie ist nicht aktuell. Die Headline verkündet den Fund einer Leiche im Bahnhof. Das ist vor einigen Tagen durch die Presse gegangen. Ich kann mich erinnern, diesen Artikel beim Frühstück gelesen zu haben. Alina beschwerte sich darüber, dass ich keine Erdnussbutter gekauft hätte. Das Hirn merkt sich seltsame Details.

Als endlich die Sanitäter und der Notarzt kommen, verschwindet meine Mutter im Wohnzimmer. Die Männer untersuchen Laurenz vorsichtig, verbinden seine Wunde, legen ihm eine Halsmanschette an und verfrachten ihn auf eine Trage. Währenddessen kommt auch die Polizei, die routinemäßig mit dem Notruf vom Krankenhaus verständigt worden ist. Ein dicker Chefbulle befragt mich. Ich mache von meinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, um meine Mutter nicht zu belasten. Das übernimmt sie dann selbst, in dem sie gesteht, Laurenz mit einer Pfanne niedergeschlagen zu haben. Mehr sagt sie nicht. Die Polizisten verhaften sie und nehmen sie mit. Einfach so. Keine großen Worte. Kein großes Drama. Kein Widerstand durch meine Mutter. Sie lässt es geschehen. Ich weiß nicht, ob ich vor Wut rasen oder verzweifeln soll. Die Beamten werfen mich aus der Wohnung, die als Tatort gesichert wird. Es handele sich womöglich um versuchten Mord, höre ich eine Polizistin durch ein altmodisches Funkgerät sagen, als ich die Treppe hinunter in den Innenhof gehe. Es sind genau einundzwanzig Stufen, das habe ich während meiner Kindheit hunderte Male gezählt. Immer und immer wieder einundzwanzig. In diesem Moment hätte es mich nicht gewundert, wären es plötzlich mehr oder weniger gewesen.

Ich schaue den beiden Wagen nach, während sie langsam davonrollen. In einem sitzt meine Mutter. Dann wird es still. Die Straße liegt menschenleer vor mir, nicht mal Vogelgezwitscher ist zu hören. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Ich rufe Alina an, die sich nicht meldet. Montags geht sie zum Badminton und danach mit ihrer Freundin etwas trinken. Währenddessen schaltet sie für gewöhnlich das Handy aus. Ich versuche es bei meinem Bruder. Er nimmt nicht ab. Wir verstehen uns nicht besonders, aber in Momenten wie heute halten Brüder zusammen. Dafür gibt es Familie. Solange meine Freundin nicht zu erreichen ist, stellt Linus eine Art natürlichen Ansprechpartner für Notsituationen dar.

Ich gehe die Straße Richtung Norden bis zum Axtbrecher-Komplex, einer modernen Wohnanlage, in die Linus vor einigen Jahren gezogen ist. Ich bin eine ganze Weile nicht mehr hier gewesen, zuletzt zu seinem zweiundvierzigsten Geburtstag. Kaum habe ich geklingelt, springt die Tür zum Hausflur auf. Oben ist die Wohnungstür nur angelehnt. Irgendetwas stimmt nicht. Dass Linus zuhause ist, nicht ans Telefon geht, aber ohne Nachfrage alle Türen öffnet, erscheint verdächtig. Er ist nicht der Typ, der Fremde mit offenen Armen empfängt. Sein erster Gedanke ist für gewöhnlich, was ihm weggenommen werden könnte. Ich weiß nicht, woher er das hat. Sowohl meine Mutter als auch meine Schwester Anna sind ganz anders als er.

»Das ging aber schnell«, ruft Linus aus dem Schlafzimmer. »Ich hole das Geld, kleinen Moment.«

Er erwartet den Lieferservice, denke ich. Linus steht auf chinesische Küche, vielleicht eine Art Ausgleich zu unserem Laden, der RegioCulina, in der wir regionale Feinkost verkaufen.

»Bin gleich da«, singt Linus mit hoher Stimme.

Ich komme ihm zuvor und drücke die Tür zum Schlafzimmer auf. Linus steht im Bademantel vor mir und lässt sein Portemonnaie auf den Boden fallen. Einige Münzen rollen klirrend über den Parkettboden. Ich schaue nach unten und sehe den runden Metallstücken zu, die durch den Raum kullern. Mein Blick wandert zum Fernseher, auf dem tonlos ein Film läuft, in dem eine Frau von zwei Männern gleichzeitig penetriert wird. Auf der Fensterbank darüber stehen ein Dutzend brennende Kerzen, dazwischen ein Kaktus. Im ganzen Schlafzimmer ist es schrecklich heiß und miefig. Die Frau im Film streckt ihren Hintern in Richtung Kamera. Über ihr ist ein riesiger Penis zu sehen. Ich finde Pornos ekelig, allerdings behalte ich das für mich, weil man mit solchen Ansichten unter Männern schnell als verklemmt gilt. Meine Vorstellung von Erotik ist anders, aber ich bin anscheinend seltsam sozialisiert. Viele mögen Pornos, sonst gäbe es sie nicht. Das nennt man Angebot und Nachfrage. Nicht ganz eindeutig ist, zu welcher Seite meine Freundin Alina zählt. Gehört sie zum Angebot oder bestimmt sie die Nachfrage? Mir gegenüber hat sie behauptet, Sex auf dem Bildschirm sei ihr zu unrealistisch. Deshalb haben wir nie zusammen einen Porno geguckt. Jetzt liegt sie nackt auf dem Bett. Ihr Haar ist schweißnass. Auf ihrer Brust klebt Sperma. Im Fernsehen wird gerammelt. In mir keimt der Verdacht, Alina könnte es mit der Ehrlichkeit nicht allzu genau nehmen. Wahrscheinlich spielt sie gar kein Badminton. Einen Schläger habe ich in unserer Wohnung noch nie gesehen. Für Sex braucht man keine Spielgeräte. Und sie trainiert nicht mit ihrer Freundin, sondern mit meinem Bruder. Sicher deponiert er seine Spermien bei Bedarf auch an anderen Orten als auf ihren Brüsten.

Ich starre auf eine Zwei-Euro-Münze vor meinem Fuß, meine Lieblingsmünze, nicht weil sie die wertvollste ist, sondern weil sie gut in der Hand liegt. Deshalb mag ich auch die kleinen, dicken Ein-Pfund-Münzen, mit denen ich in London bezahlt habe, als ich damals Lejla besuchte. Lejla. Ich habe mir eingeredet, in meiner Beziehung zu Alina sei kein Raum für sie – nicht mal in meinen Gedanken. Betrachte ich die Orgie aus Porno, Sperma, kitschigen Kerzen und Kleingeld, könnte das ein Fehler gewesen sein.

»Das ist jetzt schon eine Überraschung«, sage ich und kicke die Münze unter das Bett.

»Fuck …«, sagt Alina hockt sich auf die Knie, was es nicht besser macht, weil ich sie jetzt deutlicher sehen kann. Sie ist schön, aber leider verbraucht – auch wenn das fies klingt.

»Ja, das passt wohl«, bemerke ich lapidar.

»Mann, was machst du …«, brabbelt Linus hilflos.

»Wollte mal vorbeischauen, weil Alina beim Badminton ist.«

Ich wundere mich, wie ruhig ich bleibe. Der Kindergeburtstag am Nachmittag hat mich mehr aus der Fassung gebracht. An meinem Schuh klebt nach wie vor die Marmelade. Erdbeer-Mango. Was ist bloß aus der Welt geworden, dass Kinder so etwas essen? Alina mag keine Marmelade. Aber sie steht angeblich auch nicht auf Pornos und hat sich von mir nie mit Sperma bespritzen lassen. Wahrscheinlich isst sie heimlich Marmelade aus dem Glas. Mit den Fingern. Ich senke den Blick. Auf dem Boden neben einem weiteren Geldstück liegen zwei benutzte Kondome. Addiere ich die Spuren auf Alina, komme ich auf drei.

»Junge, du kommst doch sonst auch nicht unangemeldet. Wir haben doch alle Handys und können …«

»Halt die Fresse, Linus«, sage ich kopfschüttelnd.

Die Redewendung Junge hat er sich innerhalb des letzten Jahres angewöhnt. Mit Sprache hat er es nicht so. Wahrscheinlich denkt er, es wäre cool, wie ein Teenager zu sprechen. So kriegt er Frauen rum. Der Erfolg gibt ihm recht. Junge, Alina zu ficken ist echt töfte. Obwohl töfte heute kaum noch einer sagt und Linus ganz sicher nicht. Der Begriff ficken würde ihm stehen, denn das, was die beiden hier treiben, hat nichts mit Gefühlen zu tun, dafür kenne ich Alina zu gut. Sie empfindet nichts für Linus, ihr geht es um etwas anderes. Aber das ist belanglos. Alina ist Geschichte. Manchmal kann man nicht mehr zurück, so wie meine Mutter mit ihrer Pfanne.

»Jetzt bleib locker. Wir müssen reden, Tankred«, sagt Linus.

Ich habe keine Ahnung, worüber er angesichts dieser perfekt inszenierten Groteske mit mir reden möchte. Alina klettert aus dem Bett, allerdings scheint sie nicht zu wissen, was sie als nächstes tun soll. Verloren steht sie zwischen Linus und mir im Niemandsland und schaut abwechselnd zu ihm, zu mir und auf den Boden. Ich frage mich, warum sie sich nicht etwas überzieht, das könnte ihre Würde ansatzweise erhalten.

»Mama ist verhaftet worden«, sage ich zu Alina. »Und weil du beim Badminton bist, habe ich gehofft, mit Linus darüber sprechen zu können.«

»Wie? Verhaftet?«, fragt er.

»Sie hat Laurenz ins Koma geprügelt.«

Die Worte klingen absurd, passen aber gut in den Raum.

»Was soll das? Spinnst du jetzt? Verhaftet? Koma?«, ruft Linus.

»Sie beschuldigen sie des Totschlags oder Mordes oder was weiß ich.«

»Scheiße, das tut mir leid«, murmelt Alina und nimmt mich unvermittelt in den Arm, was mich einen Augenblick überwältigt, weil ich mit allem Möglichen gerechnet habe, aber ganz sicher nicht damit, dass meine nackte Freundin das Sperma meines Bruders, das sie nach wie vor auf ihrer Brust trägt, an meiner unverhältnismäßig teuren Übergangsjacke abwischt. So sanft wie möglich schubse ich sie weg. Alina taumelt einen Meter nach hinten, Linus springt nach vorn, um sie zu halten, aber sie wehrt ihn ab. Sie ist jung und durchtrainiert – wenn auch nicht vom Badminton –, einen kleinen Stoß kann sie ab.

Die Klingel ertönt.

»Eure Ente ist da«, sage ich. »Süß sauer. Lecker. Lecker. Lasst es euch schmecken.«

Ich verlasse das Schlafzimmer. Im Flur sehe ich Alinas Slip liegen. Die beiden hatten richtig Spaß und dann komme ich und mache alles kaputt. Wie ärgerlich. Im Treppenhaus begegne ich einem Mädchen mit zwei Tüten unter den Arm geklemmt. Anhand der Aufschrift identifiziere ich den Mongolen aus meiner Straße, bei dem Alina und ich jeden Sonntag bestellen. Ein bisschen Vertrautheit scheint sie auch in Linus‘ Armen zu brauchen.

Laurenz

Das blonde Mädchen musste etwa in seinem Alter sein und sah reizend aus, auch wenn selbst ein Blinder mit einem Krückstock sie fünf Meilen gegen den Wind als Westdeutsche identifiziert hätte. Er folgte ihm mit genügend Abstand durch die Dunkelheit, um nicht aufzufallen. Zum ersten Mal hatte er es vor zwei Monaten nach einem Besuch bei seinem Vater gesehen. Es hatte zusammen mit seiner Mutter Maria im engen Wohnzimmer seines Vaters Josef auf dem Sofa gehockt und ein Buch gelesen. Die Blechtrommel. Westliteratur. Was auch sonst. Das Mädchen hatte ihn nicht einmal wahrgenommen, während er stumm an der Wohnungstür gestanden und gewartet hatte, bis sein Vater ihm zwanzig Ostmark gegeben hatte, damit er wieder verschwand. Das wären Mafiamethoden, hatte sich sein Vater beschwert, aber das kümmerte Laurenz nicht. Seit sich Josef von seiner Mutter getrennt hatte, war er für ihn nicht mehr als sein Erzeuger. Und der Grund für die Scheidung saß neben dem blonden Mädchen auf dem Sofa und aß Kirschkuchen mit Streuseln.

Laurenz wusste nicht, woher sich Maria und Josef kannten. Er vermutete, es hatte etwas mit dem Krieg zu tun, zumindest meinte er sich erinnern zu können, dass sein Vater einmal so etwas erwähnt hatte. Laurenz traute sich nicht, weiter nachzufragen. Er war sogar froh, nicht länger mit seinem Vater unter einem Dach leben zu müssen. Obwohl Josef ihm nie etwas getan hatte, fürchtete er sich vor ihm. Er konnte das nicht begründen, es war nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl. Er erinnerte sich an das Gespräch vor einigen Wochen, dem letzten längeren, welches sie geführt hatten. Laurenz hatte seinem Vater von dem Achtzehnjährigen erzählt, der bei einem Fluchtversuch in Berlin angeschossen und eine Stunde schreiend im Todesstreifen liegen gelassen worden war, bis er schließlich verblutet war. Sein Vater hatte ihn daraufhin als einfältigen Trottel beschimpft, der heimlich Westfernsehen schaue und imperialistischen Dreck Glauben schenkte. Natürlich hatten sie beide gewusst, dass die Geschichte mit dem jungen Republikflüchtling der Wahrheit entsprach, das hatte sich inzwischen selbst in der DDR herumgesprochen, aber trotzdem hatte sein Vater so getan, als käme es einem Volksverrat nahe, stellte man sich gegen die offizielle DDR-Lesart der Geschehnisse.

Ihm fiel auf, dass er nicht einmal den Namen des Mädchens kannte. Es ging schnellen Schrittes Richtung Innenstadt, ohne sich einmal umzudrehen. Laurenz hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten und dabei möglichst unauffällig zu wirken. Nach einigen Minuten bog es rechts ab in eine dunkle Gasse. Als Laurenz die schmale Straße erreichte, war das Mädchen verschwunden. Links befand sich ein bekannter Jugendclub, in den einige von Laurenz’ Klassenkameraden gingen. Er war noch nie hier gewesen. Unsicher betrat er den Club. Am Eingang lungerten einige ältere Jungs herum und beäugten ihn misstrauisch. Er ignorierte sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch und betrat den Laden, der ihm wie eine Mischung aus einem geschmacklos eingerichteten Wohnzimmer und einer ranzigen Lagerhalle vorkam. Die meisten Besucher waren älter als er und nicht besonders gut gelaunt. Es wurde mäßig getrunken und viel diskutiert. An der Theke holte er sich ein Sternburg-Bier. Es kostete 80 Pfennig. Er hatte bisher nur selten Bier getrunken, schließlich war er gerade erst sechzehn. Einige seiner Altersgenossen trafen sich gern privat und bedienten sich dann an den Vorräten ihrer Eltern, aber da machte er nicht mit.

Das Bier war zu warm und schmeckte bitter und pappig. Trotzdem trank er diszipliniert. Das war die preußische Seele in ihm. Pünktlich, aufrecht, tapfer und durch nichts zu erschüttern. Die Deutschen machten keine halben Sachen. Sie errichteten Mauern, wenn es sein musste, um sich gegen die Feinde aus den eigenen Reihen zu schützen. Oder um sich selbst einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen – je nach Sichtweise oder Parteibuch. Sein Volk führte auch gern Krieg und vernichtete Menschen, nur dass darüber heute niemand mehr sprach oder es den Westdeutschen in die Schuhe geschoben wurde. Die wurden als Verlierer der Geschichte bezeichnet, sie selbst im Osten gehörten zu den Gewinnern. Dabei hatte 1933 – als in Deutschland plötzlich Stahl ein jedermanns Lieblingsmaterial geworden war und alle nur noch von Größe, Rasse und Reinheit gesprochen hatten – die Menschheit als Ganzes verloren. In diesem Punkt war er sich sogar mit seinem Vater einig.

Auf der anderen Seite der Tanzfläche entdeckte er das Mädchen aus dem Westen. Es hielt ebenfalls ein Sternburg in der Hand und unterhielt sich mit einem älteren Jungen. Laurenz spürte Eifersucht. Er hatte sich noch nie so sehr für jemanden interessiert. Als der Junge ging, nahm er sein Herz in die Hand und stellte sich neben das Mädchen. Es musterte ihn neugierig.

»Was ist das für ein Tanz?«, fragte es.

Er betrachtete die Gäste, die zu langweiliger Musik albern durch den Raum hoppelten. »Das ist Lipsi«, sagte er.

»Ach so, klar.«

»Den Tanz hat unser Politbüro erfunden.«

»Sowieso.«

»Bist du aus dem Westen oder was?«

Das Mädchen schaute weg und nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche. Anscheinend wollte es nicht gern als Klassenfeindin enttarnt werden.

»Ordentlicher Zug für ein Mädchen«, sagte er und lächelte.

»Scheiß Spruch für einen Jungen«, antwortete es und schaute ihm zum ersten Mal richtig ins Gesicht.

»Ich heiße Laurenz«, sagte er.

»Greta.«

Er grinste und hielt ihr sein Bier entgegen.

»Was soll das jetzt bedeuten?«, fragte Greta verwirrt.

»Ich will mit dir anstoßen. Auf die deutsch-deutsche Freundschaft.«

Sie ließ ihre Flasche vorsichtig gegen seine prallen. Es klirrte leise.

»Greta ist ein schöner Name«, sagte Laurenz.

»Danke. Das hat noch nie jemand zu mir gesagt.«

»Und deine Haare duften total. Das ist bestimmt Westseife.«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Das ist Westhaar.«

»Eingebildet biste ja gar nicht, oder?«

»Sind wir drüben doch alle.«

»Stimmt auch wieder.«

Eine Band begann zu spielen. Ein Schlagzeuger, ein Bassist und eine Frau an der Gitarre haspelten sich durch Jamaica Farewell von Harry Belafonte. Obwohl die Band schlecht war, gefiel es Laurenz. Er mochte Musik aus dem Westen. »Die spielen ganz viel verbotenes Zeug«, rief er.

»Haben die Musiker keine Sorge, dass die erwischt werden?«

Er zuckte mit den Schultern. »Anscheinend nicht. Wenn sie die Musik lieben, dann sollten sie die auch spielen.«

»Das sieht wahrscheinlich nicht jeder so, oder?«

»Der Mielke kann ja schlecht überall seine Ohren haben.«

Greta antwortete nicht.

»Mielke ist der Leiter des MfS«, erklärte Laurenz. »MfS heißt Ministerium für Staats…«

»Ich weiß wer das ist und was das heißt«, unterbrach sie ihn schroff. »Nur weil ich aus dem Westen komme und ein Mädchen bin, bedeutet das nicht, dass ich keine Ahnung habe.«

Laurenz schwieg. Er kannte es nicht, so von einer Gleichaltrigen zurechtgewiesen zu werden. Greta war nicht nur außergewöhnlich schön, sondern auch gefährlich, überlegte er.

»Kennst du Tsutomo Yamaguchi?«, fragte sie nach einer Weile.

Er überlegte, ob es sich bei der Person um jemanden handelte, die im Westen jedes Kind kannte. Würde er sich blamieren, gäbe er sein Unwissen zu? Wollte sie ihn als dummes Ostkind darstellen? »Keine Ahnung. Ich kann mir Namen nicht gut merken.«

»Letztes Jahr haben wir im Westen alle eine Broschüre bekommen, in der uns erklärt wird, wie wir einen Atombombenangriff unbeschadet überstehen können.«

»Gar nicht, würde ich sagen«, rief er.

Sie nickte. »Frag mal Tsutomo Yamaguchi. Von dem wird da berichtet. Der hat sowohl Hiroshima als auch Nagasaki überlebt. Erstaunlich, findest du nicht?«

»Wer schickt denn in der BRD so einen Mist herum? Die Bild-Zeitung oder wer?«

»Bundesamt für Zivilschutz. Wir sollen auf einen Angriff von euren Verbündeten aus der Sowjetunion vorbereitet werden.«

»Und was hast du gelernt? Wegrennen und beten?«

Greta lächelte und das gefiel Laurenz. »Wer rennt, der stirbt. Hinfallen lassen, Ohren und Augen zuhalten, ein Loch buddeln. Die Hitzewelle einer Atombombe ist zwar mehrere Millionen Grad heiß, reicht Dutzende von Kilometern, aber wirkt nur sehr kurz und nicht in die Tiefe. Eigentlich also kaum gefährlich.«

Laurenz wusste nicht recht, wie er Gretas Ausführungen einordnen sollte. Machte sie sich über ihn lustig oder kritisierte sie ihre Regierung, die lächerliche Überlebensstrategien verbreitete? »Wie kommst du eigentlich auf diesen Yamaguchi?«

Sie nippte an ihrem Bier. »Weiß auch nicht so genau. Seit ich regelmäßig hier bei euch drüben bin, nervt mich das irgendwie, dass die Menschen und die Politiker im Speziellen so bescheuert sind. Ich meine, die haben letztes Jahr eine Mauer durch Berlin gebaut und seitdem schießen die auf euch. Das ist doch krank.«

Sie schien zu allem eine Meinung zu haben. Das verunsicherte Laurenz, zugleich faszinierte es ihn.

»Ich bin der Sohn von Josef«, sagte er, während die Band ein neues Lied anstimmte, das er nicht kannte.

Sie schaute skeptisch. »Wie jetzt?«

Er zuckte unsicher mit den Schultern, da er nicht wusste, wie sie reagieren würde. Vielleicht wollte sie nichts mit dem Sohn des Liebhabers ihrer Mutter zu tun haben.

»Du meinst Josef Tillinger?«, fragte sie.

»Richtig. Du wohnst in meinem alten Kinderzimmer, wenn du mit deiner Mutter bei ihm bist.«

»Hätte nicht gedacht, dass du mich so überraschen würdest«, sagte sie und grinste.

Zur Verabschiedung knutschen sie, drei Monate später trafen sie sich ein zweites Mal. Bei der dritten Verabredung schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Laurenz schaffte es gerade noch in sie einzudringen, bevor er kam. Ab diesem Moment teilte sich sein Leben in zwei Phase – die Zeit mit Greta und die ohne. Seine Geduld wurde dabei auf eine schwerwiegende Probe gestellt. Jeder Tag ohne Greta erschien ihm verloren. Er interessierte sich für nichts anderes mehr. Der Kalender wurde sein treuster Begleiter, sein Hoffnungsträger und, wenn es noch Monate dauern sollte, bis er Greta wiedersehen konnte, zu seinem ärgsten Feind. Zudem begann er Hass auf die DDR zu entwickeln, auf einen Staat, der ihn zu diesen grausamen Wartezeiten verdammte, weil er es ihm nicht erlaubte, vierhundert Kilometer durch Deutschland zu seiner Freundin zu reisen.

1984

Meine Kindheit war geprägt von meiner Mama, meinem Bruder Linus und einigen seltsamen Ereignissen, die ich meistens erst Jahre später einordnen konnte. Ich erinnere mich noch gut an das Ehepaar Popp, das in der Wohnung ein Stock über uns wohnte – bis irgendwann Herr Lörich die Wohnung kaufte und die beiden hinauswarf. Herr Popp war bei einer Versicherung angestellt, sie machte auf Hausfrau, obwohl die beiden gar keine Kinder hatten. Die Frau schaute immer freundlich, begegnete sie uns auf der Treppe, aber sie hatte eine Art an sich, die sie unheimlich wirken ließ. Sie nannte mich manchmal den Bastardjungen. Dabei lächelte sie fröhlich, als machte sie mir ein Kompliment, aber so dumm war ich nicht, zu glauben, die Bezeichnung Bastardjunge sei etwas Positives.

In der Schule bezeichnete mich niemand als Bastard, aber ohne Vater und mit einer unverheirateten Mutter aufzuwachsen, schien ungewöhnlich genug zu sein, um es wiederholt herauszustellen – allen voran von meiner Klassenlehrerin Frau Neumann, einer inkompetenten Hexe, der rational denkenden Menschen nicht mal ihren Kanarienvogel anvertraut hätten, wären ihnen der miese Charakter dieser Frau bekannt gewesen. Das Prinzip in meiner Grundschule war nicht Liebe und Vertrauen, wie man es sich von seiner ersten Klassenlehrerin wünscht, sondern blanke Angst. Wir waren fünfundzwanzig fehlbare Kinder im ewigen Kampf gegeneinander, vereint nur durch die panische Furcht vor dem Versagen. Trotzdem haben wir Frau Neumann verehrt, denn als kleiner Hosenscheißer klammert man sich an jeden Strohhalm, um den temporären Verlust der Mutter während der Schulzeit zu kompensieren.

Zum Sommerfest der Grundschule begleitete uns Platten-Andi, einer der besten Freunde meiner Mutter. Er kaufte mir Waffeln und Frau Neumann hinter dem Stand fragte, ob das mein neuer Vater sei. Es würde sie richtig freuen, unsere Familie könnte einen Mann gut vertragen. »Ein echter Junge braucht auch einen echten Kerl als Vaterfigur«, sagte sie lächelnd.

Ich hatte danach keinen Hunger mehr. Ihr Verhalten wirkte auf ein Kind meines Alters verstörend. Meine Mama kaufte mir einen Luftballon, den wir später mit Gas füllten, eine frankierte und mit unserer Adresse versehenen Postkarte daran befestigten und zum Abschluss der Feier zusammen mit Dutzenden anderer Ballons in den Himmel aufsteigen ließen. Am Ende sollte der gewinnen, der die größte Distanz hinter sich brachte – und dessen Karte zurückgeschickt wurde. Seltsamerweise schaffte es meiner mit Abstand am weitesten, nämlich bis in die DDR, die sich in meiner Vorstellung wirklich am Ende der Welt befand. Ich hätte mich freuen sollen, als die Postkarte mit freundlichen Grüßen von unseren sozialistischen Nachbarn zu uns zurückkam und ich einen Lego-Lastwagen als Preis erhielt. Aber ich ahnte, dass hier etwas nicht stimmte, und als meine Mutter etwas später verkündete, die Familie Deutsch würde bald ihre neuen Freunde im Osten besuchen, wusste ich, warum ich misstrauisch gewesen war. Dank meines Luftballons mussten wir in die DDR reisen und das war wahrlich keine verlockende Aussicht.

»Alle Dunkeldeutschen sind Spitzel«, erklärte mir Linus, während unsere Mutter uns in den alten Opel Ascona scheuchte, den sie fuhr, seit ich denken konnte. Damals war unser brüderliches Verhältnis noch in Ordnung. Linus war gerade vierzehn geworden und wusste genau, was abging. Ich schaute zu ihm auf und hing an seinen Lippen, die viel und weise sprachen.

»Was ist ein Spitzel?«, fragte ich wehmütig zurückblickend, als wir die Bonner Straße verließen und am Bahnhof vorbei Richtung Autobahn fuhren.

»Das sind Menschen, die andere ausspionieren, aber nicht wie James Bond, der das für die Freiheit tut, sondern genau umgekehrt, um die Menschen besser einsperren zu können.«

Selbstverständlich gehörte James Bond zu meinen Helden, erst recht nachdem ich heimlich mit Linus Moonraker im Fernsehen geschaut hatte. Tagelang hatte ich an nichts anderes als das hässliche Monster mit den Metallzähnen denken können. Noch mehr Angst hatte ich nur vor den Kommunisten. So absurd es sein mochte, ich war mir sicher, die Welt im Osten hinter der Grenze wäre schwarzweiß statt bunt, die Luft röche modrig und es wäre eiskalt. Linus’ Einflüsterungen funktionierten.

»Bei uns im Westen wird es auch immer schlimmer«, behauptete er, kurz nachdem wir Kassel hinter uns gelassen hatten. »Letztes Jahr sind die Grünen in den Bundestag gewählt worden. Das ist eine Partei voller Durchgeknallter.«

»Red doch nicht so einen Stuss«, sagte meine Mutter und ich wusste, dass sie mit den Augen rollte, obwohl ich das von der Rücksitzbank aus nicht sehen konnte.

»Das sind gefährliche Superspinner«, beharrte Linus auf seinem Standpunkt. »Die wollen, dass wir Männer alle lange Haare tragen wie damals die Hippies, Fleischessen verbieten und Atomkraft auch. Dann steigen die Preise für Elektrizität so stark an, dass normale Menschen wie wir nur noch drei Stunden am Tag Licht machen oder fernsehen können. Das sind Feinde des technischen Fortschritts. Und die wollen sogar Sex mit Kindern erlauben.«

Meine Mutter stöhnte auf, kommentierte die Tiraden meines Bruders aber nicht. Mir wurde ganz übel, weil ich Angst davor hatte, bald nicht mehr fernsehen zu können. Die Sache mit dem Sex fand ich nicht so beunruhigend, da ich mich damit nicht auskannte, aber ich vermutete, es handelte sich um etwas ziemlich Schreckliches. Zum Glück war da noch Helmut Kohl. Dieser massige Mann, der so seltsam sprach, war mein einziger Hoffnungsträger, dass es in unserem Teil Deutschlands niemals so weit kommen würde. Dank Linus’ Unterweisungen wurde er zu meinem persönlichen Supermann Nummer zwei direkt hinter Felix Magath. Und wer weiß, hätte der HSV nicht den Europapokal gegen Juventus gewonnen, vielleicht hätte es Helmut Kohl sogar auf die Nummer eins geschafft. So prangte ein Poster von Magath, dem Siegtorschützen, in meinem Zimmer. Wahrscheinlich war das auch besser so, denn hätte ich den Kohl an meine Wand gehängt, wäre meine Mutter zweifellos ausgerastet. Sie mochte den nicht. Linus meinte, das läge daran, dass sie eine Frau sei und Frauen keine Ahnung von Politik hätten. Das wiederum konnte ich nicht beurteilen, aber da mein Bruder in vielen Dingen recht hatte, widersprach ich ihm nicht.

Linus lamentierte bis zur Grenze, er wolle nicht in das andere Deutschland, weil man die Kommunisten nicht mit unseren Devisen unterstützen dürfe. Am Grenzübergang Herleshausen hielten uns Polizisten auf und untersuchten unsere Klamotten, als seien wir Kriminelle. Anna weinte ohne Pause. Die Stacheldrahtzäune und Wachtürme machten ihr Angst. Sie faselte etwas davon, nicht ins Gefängnis zu wollen. Sie war klein und dumm. Mich traf es wesentlich härter. Ein hässlicher Grenzposten mit einem dicken Schnurrbart, in dem Essensreste klebten, fand meine geliebte He-Man-Figur. Er betrachtete sie eine Weile und steckte sie dann in seine Uniformtasche, da angeblich das Einführen von Kriegsspielzeug in die DDR verboten war. Linus hatte eine Zeitung, die wurde ebenfalls eingezogen, da es sich um DDR-kritische Westpresse handelte. Das war ansatzweise einzusehen. Die wollten nicht lesen, wie doof ihr Land war. Aber meinem kleinen He-Man kriegerische Absichten zu unterstellen, war lächerlich. He-Man kämpfte für Frieden und gegen das Böse. Das wusste jeder. Jeder bis auf den Grenzposten. Oder er wollte meine Figur für sich, um sie abends seinem Sohn zu schenken. Das wäre eine Erklärung, denn in der DDR gab es bestimmt keine Figuren von Mattel zu kaufen. Andererseits war He-Man an einem Ort ohne Skeletor und Teela ein Krieger mit stumpfer Klinge. Was wäre James Bond ohne den Beißer gewesen? Oder Lucky Luke ohne die Daltons?

Nachdem wir unsere Visapapiere gestempelt bekommen hatten, ging es ganz normal weiter. Die Bäume waren grün, der Himmel blau und unser Opel immer noch rot. Allerdings fuhren plötzlich alle anderen Verkehrsteilnehmer dieselben kleinen hässlichen Autos, die Straßen waren rumpelig und es roch zumindest nach meiner Wahrnehmung etwas seltsam.

In Eisenach angekommen wurden wir erstaunlich enthusiastisch empfangen. Laurenz Tillinger, ein schlanker, großer Mann mit einer Halbglatze umarmte meine Mutter überschwänglich und für meinen Geschmack viel zu lange. Sein Sohn Dieter schüttelte uns zur Begrüßung artig die Hand. Meine Mama verschenkte Westkram, wir bekamen selbst gebackenen Kuchen, kurz danach gab es Abendessen. Ich kann mich nur noch an die Nachspeise erinnern. Eingemachte Kirschen, die unheimlich lecker waren. Die DDR war gar nicht so schlecht. Okay, die Menschen durften nicht reisen, nur heimlich West-Fernsehen gucken, bespitzelten sich gegenseitig, aber die Kirschen waren echt in Ordnung. Laurenz und die ebenfalls eingeladenen Nachbarn schienen sogar einigermaßen nett zu sein. Zumindest erwarteten sie von uns keinen abartigen Ostkram wie das Abhören anderer Menschen oder nackt im Garten herumzuspringen. Dieter misstraute ich allerdings sofort, weil er ein bisschen älter war als ich und so tat, als sei er ziemlich schlau, dabei hatte er keine Ahnung, weil er hinter einer Mauer leben musste. Außerdem nervte das Nachbarskind, ein doofes Mädchen namens Katrin, schrecklich.

Am nächsten Tag durfte ich mit dem Trabi der Familie Tillinger fahren. Anna war zusammen mit Dieter bei den Nachbarn geblieben und spielte mit der furchtbaren Katrin. Ich saß auf dem Rücksitz und drückte die Augen so fest zusammen wie möglich. Neben mir hockte Linus und erzählte etwas über die fehlgeleitete Wirtschaftspolitik der DDR.

»Die Straßen sind hier nur so schlecht, weil der Staat die Bürger so stark subventioniert, dass für alles andere kein Geld übrig bleibt«, rief er altklug in das tuckernde Motorgeräusch des Trabants.

»Red nicht so einen Quatsch«, ermahnte ihn meine Mama verärgert, während ich Linus in den Stand eines Gelehrten erhob, denn wer mit vierzehn Jahren schon so sprach, musste einiges auf dem Kasten haben.

»Ich darf also nicht sagen, wie es ist, weil du es nicht hören willst!«, beschwerte er sich und in seiner Stimme klang Triumph mit. »Damit bist du nicht besser als der Herr Honecker und seine kommunistische Bande.«

Linus beeindruckte mich mit seinem Mut. Mein Bruder ließ sich nicht unterkriegen.

»Du darfst bei uns alles sagen, mein Junge«, schaltete sich Laurenz Tillinger mit sanfter Stimme ein. »Aber wir müssen dir nicht zustimmen. Denn das wäre sonst so wie es damals unter dem Herrn Hitler und seiner faschistischen Bande gewesen ist.«

Linus lief rot an und hielt die Klappe. Ich beobachtete fasziniert, wie Herr Tillinger, der offensichtlich etwas Gemeines gesagt hatte, an einem komischen Knüppel, der neben dem Lenkrad angebracht war, herumzupfte.

Wir hielten in einem Wald und gingen wandern. Herr Tillinger und meine Mutter verstanden sich erstaunlich gut. Er machte ihr sogar kindische Komplimente, wie gut sie aussähe und wie jung sie geblieben sei. Ich fand das lächerlich, hielt mich aber klugerweise zurück.

Wir latschten eine halbe Ewigkeit, dabei ging es ständig rauf und runter. Ich fragte mich, warum die Menschen so dumm waren, wenn sie schon mit einem Auto zu einer Wanderung fuhren, ausgerechnet dort zu halten, wo es hügelig war. Ich wäre im Flachland geblieben, wo es sich gemütlich gehen ließ. Irgendwann erreichten wir ein kleines Lokal. Ich bekam eine Cola, die aber keine Cola war, sondern eine schwarze Giftbrühe, die mich um ein Haar hätte auf den Tisch kotzen lassen. Die Ossis wollten mich vergiften, so viel stand fest.

»Das ist Club-Cola aus dem VEB Getränkekombinat Erfurt«, las Linus vom Etikett vor.

Ich schüttelte mich. »Was ist ein Kombinat?«

»Ein Zusammenschluss von Betrieben zur Verbesserung der gesamten Produktion und zur Vermeidung von der Anhäufung von Besitz in den Händen einiger weniger«, erklärte Herr Tillinger. »Die Kombinate gehören dem Volk, also allen Menschen in der DDR. Du magst vielleicht Coca-Cola lieber, aber das ist keine Volksbrause, sondern die Gewinne gehen in die Taschen derer, die ohnehin schon viel haben. Verstehst du?«

Nein, das tat ich nicht.

»Volksbrause klingt ein bisschen wie Volkswagen«, sagte meine Mama und grinste dabei eigenartig verschmitzt.

»Mama …«, maulte ich.

Sie lächelte und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. »Der Laurenz meint das nicht so. Der hätte auch gern Westcola, das gibt er nur nicht zu.«

Wir gingen, meine Club-Cola blieb stehen, dafür bekam ich beim Hinausgehen ein Softeis, das so widerlich schmeckte, dass ich es draußen scheinbar zufällig, aber in Wahrheit absichtlich auf den Boden fallen ließ. Ich weinte ein bisschen, meine Mama sagte, ein weiteres Eis wäre jetzt nicht drin, ich war erleichtert, protestierte verhalten und spielte dann ein paar Minuten den Beleidigten. Ich war ein durchtriebenes Kind, aber erfolgreich. Zurück in Eisenach musste ich mit der nervigen Katrin und Anna im Garten spielen. Das war ein großes Unglück. Wahrscheinlich erschien ich Katrin wie ein Außerirdischer, so normal, gut erzogen und westdeutsch wie ich war. Nachdem sie meinen Namen gelernt hatte, eine erstaunliche Leistung für ein so dummes Mädchen, wurde sie nicht müde, ihn in die Welt zu rufen. Dabei schaffte sie es leider nicht, das T von Tankred wie ein T auszusprechen, stattdessen bevorzugte sie das D. Auch das nachfolgende A klang eher wie ein O.

»Donkred. Donkred. Donkred. Donkred.«

So ging das die ganze Zeit. Katrin kannte kein Ende und hatte offenbar auch keinen Aus-Schalter.

»Donkred. Willst du Kuchen?«, rief sie und hielt mir ein grünes Förmchen mit Sand unter die Nase.

»Nein. Ich hatte schon Eis.«

»Willst du Eis, Donkred?«

Dabei lachte sie die ganze Zeit total hohl, als wäre sie irgendwie gestört.

»Donkred. Backst du auch Kuchen?«

»Ich bin schon acht.«

»Donkred. Ich bin drei«, krähte Katrin.

Sie konnte für ihr Alter schon gut sprechen, auf jeden Fall besser als meine Schwester Anna und die war ein Jahr älter als sie. Dann bewarf ich Katrin aus Spaß mit Sand, aber sie lachte nur, als wäre es das Schönste, was ihr seit langer Zeit widerfahren war. Ich backte einen Kuchen und zwar auf ihrem Kopf. Sie quietschte vor Glück und bewarf mich ihrerseits mit Sand.

»Donkred. Du auch Kuchen auf den Kopf.«

Das ging noch eine ganze Weile so weiter, bis wir endlich wieder zum Essen gerufen wurden. Katrins Oma hatte gekocht und es schmeckte zu meiner Überraschung fast wie bei uns im Westen. Überhaupt haben wir in der DDR unheimlich viel gegessen. Das war schon ein wenig verrückt, denn ich hatte damit gerechnet, in einer schwarzweißen Welt Graubrot mit Wasser vorgesetzt zu bekommen. Abgesehen von der Cola und dem Eis war es aber ganz anders, auch wenn ich auf viele der gewohnten Produkte von zuhause verzichten musste. Mich störte das weniger als Linus, der zum Frühstück sein geliebtes Nutella vermisste. Als Ersatz bot ihm Herr Tillinger Nudossi aus dem Kombinat Elbflorenz an, aber nach den schlechten Erfahrungen mit Club-Cola und dem Softeis – Linus hat es sich im Gegensatz zu mir komplett hinuntergewürgt –, begnügte er sich mit selbst gemachter Zwetschgenmarmelade.

Am nächsten Morgen unternahmen die Erwachsenen, Linus, Dieter und Anna einen Ausflug irgendwohin. Weil ich nicht mehr ins Auto passte, ließen sie mich kaltblütig bei der bekloppten Katrin und ihren Eltern zurück. Einerseits traf mich diese Zurückweisung, andererseits war ich erleichtert, nicht schon wieder zu langweiligen DDR-Sehenswürdigkeiten wie Wälder oder hässliche Städte gefahren zu werden. Da spielte ich lieber mit Katrin.

Wir waren gerade damit beschäftigt, Äste von einem Baum abzubrechen, um daraus Schwerter zu bauen, als eine Frau auf uns zukam. Sie lächelte eigenartig und irgendwie machte mich das nervös, weil ich mich von Fremden fern halten sollte. Auf der anderen Seite hatte mich meine Mutter bei Fremden zurückgelassen, also schien die Regel in der DDR nicht so eng ausgelegt zu werden wie bei uns zuhause.

»Bist du aus dem Westen?«, fragte mich die Frau.

Ich nickte schüchtern. Sie war etwa im Alter meiner Mutter, trug aber eine hässliche Frisur mit einem schiefen Pony und eine graue Jacke, die mich an eine Pferdedecke erinnerte.

»Und ihr seid zu Besuch bei den Tillingers?«

Ich nickte erneut und zog Rinde von dem Ast, den ich in der Hand hielt. Ich traute mich nicht, die Frau anzugucken, während sie mit mir sprach.

»Und was macht ihr da?«

»Wir haben einen Luftballon steigen lassen«, sagte ich leise und ließ Rinde zu Boden fallen. »Deshalb sind wir hier.«

»Wie ist denn dein Name?«

»Das ist Donkred«, rief Katrin.

Die Frau schaute mich von oben herab an. »Und wie heißt du weiter, Donkred?«

»Ich heiße ja gar nicht Donkred. Und mein Nachname ist Deutsch.«

Sie sog die Luft zischend ein. »Dann spielt mal weiter. Kannst ja deinen Freunden im Westen erzählen, wie schön das Kinderleben in der DDR ist.«

Das tat ich nicht, denn allein die Erinnerung an die widerliche Ostcola ließ mich auch Monate nach unserem lebensmüden Ausflug nach Dunkeldeutschland erschaudern. Ich profitierte davon, auf der richtigen Seite der Mauer geboren zu sein, und schwor mir, dankbar zu sein – wem auch immer. Wir hatten hier alles: cooles Fernsehen, schmackhaftes Eis, Pizza, das A-Team, Felix Magath, Demokratie und eine super Partei namens CDU.

Dieter

Seine Mutter verließ sie, als er sieben war. In diesem Alter versteht ein Kind schon viel, aber nicht genug, um sich erklären zu können, was der Vater meint, nennt er seine eigene Frau Hure des verdammten Staates und Spitzelsau. Dementsprechend verbrachte Dieter große Teile seines achten Lebensjahres heulend in seinem Zimmer – alles gut abgehört von der Stasi, aber davon wusste er nichts. Ob seine Mutter ebenfalls weinte, während sie über das winzige Mikrofon im Flur sein Schluchzen vernahm, ist zumindest nicht ausgeschlossen. Sie blieb seine Mutter, obwohl sie sich gegen die Familie und für ihr Vaterland entschieden hatte.

Zwei Jahre später brachte sein Vater ihn nach Berlin. Er parkte den Trabant in einem engen Innenhof irgendwo in der Stadt und führte ihn in eine feuchte Halle einer Autowerkstatt. Zwischen Ersatzteilen und alten Autos warteten drei Männer und Greta. Sie war vor einigen Monaten mit ihren blöden Westkindern Tankred, Linus und Anna bei ihnen in Eisenach zu Besuch gewesen. Verzogene Gören, die sich etwas auf ihre Klamotten von angesagten Marken und ihr tolles Westspielzeug eingebildet hatten. Greta lächelte ihn an. Er schaute demonstrativ an ihr vorbei. Dabei fiel sein Blick auf die drei Männer. Zwei von ihnen steckten in ölverschmierten Blaumänner, der dritte schien ebenfalls aus dem Westen zu stammen. Er trug einen weiten Anzug und eine Frisur, die Dieter aus amerikanischen Vorabendserien in der ARD kannte. Die anderen nannten ihn Gideon. Ein seltsamer Name, den Dieter noch nie gehört hatte. Vermutlich gehörte ihm der riesige, silberne BMW in der Mitte der Werkhalle.

Die Erwachsenen begannen aufgeregt miteinander zu reden. Er starrte betreten auf seine grauen Zeha-Sportschuhe, die ihm seine Mutter vor einigen Wochen gekauft hatte. Jedesmal wenn sie sich trafen, bekam er ein Geschenk von ihr. Meistens wusste er damit nichts anzufangen. Er wollte keine Dinge, er wollte eine Mama, die von seinem Papa nicht verachtet wurde. Aber das würde ein unerfüllter Traum bleiben.

Sein Vater trat zu ihm, nahm ihn in den Arm und begann, auf ihn einzureden. Dieter nahm kaum etwas von dem Wortschwall wahr. Tapferkeit, Mut, Disziplin. Das war es, was er aufschnappte. Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen, bevor er von einem der Männer mit Blaumann unter das Auto geschoben und dort in einen schmalen Hohlraum zwischen Innen- und Motorraum des BMWs buxiert wurde. Es roch nach Benzin, war dunkel und eng. »Wenn sie dich finden, muss ich ins Gefängnis, mein Junge«, rief sein Vater, bevor von unten der Eingang in das Versteck durch die Blechplatte verschlossen wurde.

Dieter versuchte sich zu beruhigen. Sein Herz raste, er spürte seine volle Blase und dachte an die letzten Worte seines Vaters. Stumm ließ er alles über sich ergehen und wischte sich die Tränen aus den Augen. Der Motor brummte laut in seinem Rücken, als sie anfuhren und auf die Straße bogen. Er spürte die Vibration des groben Straßenpflasters und versuchte sich mit den Armen abzustützen, um die Schläge abzufedern. Dieter verstand mit seinen elf Jahren nicht viel von Politik. Er konnte nicht beurteilen, warum es diese Mauer gab, ob sie die Menschen in der DDR schützte oder einsperrte, man sie besser eingerissen oder doch vielleicht höher gebaut hätte. Die Erwachsenen sprachen nicht viel über solche Sachen, weil sie Angst zu haben schienen. Aber in Dieter wuchs mit jeder Minute, die er in dieser elenden Blechbüchse klemmte, die Überzeugung, dass hier etwas ganz gewaltig falsch lief, denn wenn man wirklich kleine Kinder wie ihn unter solchen Bedingungen von einem Teil Deutschlands in einen anderen transportierte, obwohl man eigentlich nur ein paar Meter über die Straße hätte laufen müssen, dann war die Welt aus den Fugen geraten. Von Normalität konnte da keine Rede mehr sein. Und einen Sinn vermutete Dieter hinter dem Zirkus, den die Erwachsenen hier veranstalteten, erst recht nicht.

Nach einer halben Ewigkeit hielt der Wagen an. Dieter hörte Stimmen und zweimal ein Klopfen, bevor sie weiterrollten. Bei der nächsten Bodenwelle entleerte sich seine Blase. Er spürte die warme Flüssigkeit zwischen seinen Beinen und die kalten Tränen auf den Wangen. Der BMW stoppte ein weiteres Mal. Draußen unterhielten sich Männer, Türen wurden geöffnet und wieder zugeschlagen.

»Sie verlieren Flüssigkeit«, sagte ein Mann.

»Wahrscheinlich Kühlwasser«, hörte Dieter jemand anderes rufen. »Danke für den Hinweis.«

»Keine Ursache«, antwortete der erste und lachte. »Nicht, dass ihr toller Westwagen ausgerechnet bei uns an der Grenze seinen Geist aufgibt.«

Erneut schlug eine Tür. Sie fuhren nun schneller und es ruckelte weniger. In seinem Versteck wurde es wärmer und er spürte einen Schweißfilm auf seiner Stirn. Das Atmen bereitete ihm Mühe. Um ein Haar wäre er eingeschlafen, als der Wagen scharf bremste. Jemand machte sich an der Klappe zu seinem Versteck zu schaffen. Die Worte seines Vaters kamen ihm in den Sinn. Dieter spürte, wie sich seine Augen zum dritten Mal mit Tränen füllten. Nach seiner Einschätzung konnten sie unmöglich schon im Westen sein, denn den Weg dorthin stellte er sich weiter vor. Sollten sie ihn jetzt finden, blühte ihm das Heim und seinem Vater das Gefängnis, alles weil er sein Pipi nicht hatte halten können. Ein schmaler Lichtstrahl fiel durch einen Spalt unter ihm, dann schepperte die Blechplatte zu Boden.

»Komm raus, Kleiner«, hörte er eine Männerstimme.

»Nein«, rief er.

»Mach du mal«, sagte der Mann. »Der Rotzlöffel nervt. Kinder liegen mir nicht so, weißt du doch.«

»Du bist manchmal echt ein Idiot«, sagte eine Frau und Dieter erkannte die Stimme von Greta. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so erleichtert gewesen zu sein. Er wollte nicht in den Westen und niemand hatte ihn gefragt, bevor man ihn in dieses Auto gesteckt hatte, aber alles war besser, als den Vopos in die Hände zu fallen. Ohne zu zögern, kletterte er aus seinem Versteck und krabbelte unter dem Auto hervor. Vom Licht geblendet kniff er die Augen zusammen. Um ihn herum standen außer Greta der Mann, der Gideon hieß, ein kleiner Fettsack in einem Rollstuhl und ein großer hagerer Typ mit einer Zigarette in der Hand.

»Scheiße. Der hat sich in die Hose gepinkelt«, sagte Gideon.

»So können wir den nicht mitnehmen. Der stinkt ja Meilen gegen den Wind«, murrte der Rollstuhlfahrer.

»Halt den Mund, Jochen«, sagte Greta, kam auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. »Hör nicht auf die. Du bleibst bei mir, bis Laurenz kommt.«

Sie hielt Wort und brachte Dieter in eine Stadt in Westdeutschland. Eine Woche später kam sein Vater nach. Er war auch in dem BMW gereist, aber ohne sich in die Hose zu machen. Sie zogen in eine kleine Wohnung und wurden zu Bürgern der Bundesrepublik. Er ging in die Schule, lernte andere Kinder kennen, die ganz anders waren als er, obwohl sie dieselbe Sprache sprachen und in seinem Alter waren. Sie dachten genauso wie Gretas Kinder vor allem an ihre Klamotten, an ihre neuen Turnschuhe, an neue Spielsachen und Fernsehsendungen. Die Menschen im Westen waren genauso, wie sie sein Großvater Josef beschrieben hatte. Marionetten eines unmenschlichen Systems, mehr Konsument als Mensch, der Fähigkeit beraubt, eigene Entscheidungen zu treffen. Doch was sein Opa unterschätzt hatte, war die Kraft, die dieses System in sich trug. Natürlich wusste Dieter, derselbe kleine Junge zu sein wie vorher, als er eines morgens zum ersten Mal mit neuen Schuhen der Marke Puma zur Schule ging, während die alten Zeha-Treter unter der Treppe standen, um die Rolle der Staubfänger zu übernehmen, aber trotzdem fühlte er sich anders, etwas mehr angekommen, ein bisschen mehr west, einen Hauch mehr Kapitalismus in sich tragend – und viel mehr korrumpiert. Nicht, dass er ein solches Wort gekannt hätte. Aber ohne es korrumpiert zu nennen, fühlte er Stolz und Scham zugleich, Stolz auf die Pumas, und Scham wegen der ausgemusterten Zehas, die ihm seine Mutter geschenkt hatte.

1986

Meine Mutter wünschte sich zu ihrem vierzigsten Geburtstag eine Wanderung mit der Familie im Teutoburger Wald. Ich war gerade auf der einzigen Gesamtschule der Stadt eingeschult worden und steckte in einer schweren Sinnkrise. Alle meine Freunde waren auf andere Schulen geschickt worden und ich fühlte mich schrecklich allein. Mit Tankred Deutsch wollte niemand etwas zu tun haben. Schuld gab ich meiner Mutter. Sie hatte alles versaut, indem sie sich im Abschlussjahr meiner Grundschulzeit mit allen Eltern angelegt hatte. Erst hatte sie sich für irgendwelche Türkenkinder eingesetzt, dann einen Streit über einen Lehrer begonnen, der in einer Partei war, die meine Mutter nicht gut fand, anschließend den Schulleiter als Rassisten bezeichnet und sich zu guter Letzt für die doofe Jessica eingesetzt. Damit hatte sie das Fass zum Überlaufen gebracht, denn Jessica war so etwas wie die Klassenschlampe, mit der niemand etwas zu tun haben wollte. Ihr Vater war arbeitslos und trank sehr viel Alkohol. Ihre Mutter hatte sich angeblich während eines Elternabends eine Zigarette im Klassenzimmer angesteckt und kleidete sich laut übereinstimmender Aussagen meiner Klassenkameraden wie eine Bordsteinschwalbe – ich wusste zwar nicht genau, was das war, aber es klang schlimm. Als wäre das alles nicht genug gewesen, hatte Jessica ausgerechnet das Milchgeld vom braven Sven gestohlen. Dessen Vater war Professor und dementsprechend wichtig. Das wussten alle. Also gab es mächtig Theater. Jessica stritt jede Schuld ab, dafür behauptete sie, Sven habe sie Nutte genannt, woraufhin sie ihm an seinem Pimmel gezogen habe. Als Konsequenz wurde Jessica von unserer Abschlussfahrt nach Norderney suspendiert. In diesem Moment trat meine Mutter auf den Plan. Sie vertrat die Meinung, das dürfe man nicht tun, da Jessica nur ein kleines Kind sei, dem man die Erfahrung, aufgrund seiner Herkunft und sozialen Disposition – erneut so ein Wort, das ich nicht verstand – ausgeschlossen zu werden, so lange wie möglich ersparen müsse. Die anderen Eltern sahen das natürlich anders, so wie sie es schon bei den Türkenkindern getan hatten, die letztendlich auf eine andere Schule hatten gehen müssen. Jessica blieb nach langen Streitigkeiten zuhause, statt mit uns nach Norderney zu fahren und dort zur Weißen Düne zu latschen. Ein Beispiel dafür, dass dem Schlechten ab und zu auch etwas Gutes innewohnt. Dafür gehörte ich ab sofort zu den Geächteten in der Schule, da ich laut einhelliger Meinung von Lehrern, Schülern und Eltern erstens von einer Verrückten und zweitens ohne Vater erzogen wurde.

So taumelte ich mehr durch mein Leben als Zehnjähriger als zu schreiten und meine Mutter machte es mir mit ihrem Hang zur Kämpferin für die Armen und Unterdrückten nicht besonders leicht. Zu allem Überfluss zeigte mir Linus auf, wie unterschiedlich unsere Stellungen innerhalb der Familie inzwischen waren, denn er verkündete selbstsicher, nicht einmal im Traum daran zu denken, mit uns durch einen bescheuerten Wald zu wandern, das wäre etwas für Hippies und Grüne.

Er stünde mehr auf Beton statt auf Holz, behauptete er und fing dann mit seiner schrägen, ungelenken Stimme an zu singen: »Ich glaub’, ich träume, ich seh’ nur Bäume, Wälder überall. Ich merk’ auf einmal, ich bin ein Tier hier, ein scheiß Tier hier. Da bleibt mir nur eins: Zurück zum Beton, zurück zum Beton!«

Ich hatte das Lied einmal in seinem Zimmer gehört und es dort schon nicht gemocht. Ich dachte an Karl den Käfer, wie traurig der Arme war, als er fortgejagt wurde. Das war Grund genug, die eigene Abscheu vor einer Wanderung zu überwinden, um Linus zu beweisen, dass ein Käfer auch etwas zählte, trotz der lächerlichen Tiraden auf den Beton. Abgesehen davon verbot mir meine Mutter, zusammen mit meinem Bruder zuhause zu bleiben, was ich zwar als himmelschreiende Ungerechtigkeit verurteilte, meine Mutter aber kalt ließ.

Seltsamerweise machte mir das Wandern nach der ersten halben Stunde, während der wir Kinder uns mit dem Nörgeln abwechselten und in der Intensität unseres Protests zu überbieten gesucht hatten, sogar Spaß. Die Landschaft war annehmbar, nichts war von Beton zu sehen, meine Mutter stimmte Karl der Käfer an, wir schmetterten das Lied zu dritt, als gäbe es nichts Schöneres. Danach suchten Anna und ich uns Stöcke und taten so, als wären wir die ritterliche Leibgarde meiner Mutter, einer einsamen Prinzessin, die sich in einen gefährlichen Wald mit einem Ungeheuer wagte, das wir Linus nannten. Ich kämpfte gegen unsichtbare Riesen und lebende Bäume, während Anna vorzeitig ihren Dienst quittierte und beschloss, lieber die Hofdame der Prinzessin als Leibwache sein zu wollen, um fünf Minuten später zu behaupten, sie sei sogar selbst eine Prinzessin. Meine Mutter und sie stritten sich eine Weile, da anscheinend in diesem Wald kein Platz für zwei Prinzessinnen war, bis meine Mutter klein beigab, weil Annas Laune zu kippen drohte und auf nölige Kinder hatte in unserer Wandergemeinschaft niemand Lust.

Wir machten Rast vor einer alten Hütte. Meine Mutter schlug vor, wir könnten hineingehen, um uns dort auf die Bänke zu setzen, aber Anna fürchtete sich vor den Spinnen, die tatsächlich in allen Ecken des Raums zu entdecken waren. Ich hatte zwar keine Angst, schließlich war ich schon zehn, aber ich fand Annas Vorschlag, sich vor der Hütte auf eine Decke zu hocken, trotzdem besser. Meine Mutter hatte ihren Kirschkuchen gebacken, den ich über alles liebte. Außerdem gab es Käsebrote, Äpfel und Eistee. Ich verschlang drei Stücke Kuchen und pickte anschließend die Krümel zwischen mir und Anna von der Decke. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals einen besseren Kuchen als den von meiner Mutter zu probieren. Die Kombination aus leichter Säure, saftigen Früchten und süßem Teig ließ mir schon beim bloßen Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenlaufen. Meine Mutter ermahnte mich, auch einen Apfel zu essen, aber das ignorierte ich. Es gehörte zu ihren Aufgaben, die Kinder anzuhalten, genügend Vitamine aufzunehmen. Das sah ich ihr nach, obwohl sie mir damit manchmal ganz schön auf die Nerven ging.

Wir waren kurz davor, den schönen Tag mit einem handfesten Streit über einen Apfel zu vermiesen, als plötzlich ein Mann auf uns zukam, der mir eigenartig erschien, weil er einen dunklen Anzug trug, was selbst ein Zehnjähriger als unpassende Wanderkleidung enttarnte. Meine Mutter hatte ihn ebenfalls entdeckt und begann wie automatisch, unsere Sachen in den Rucksack zu räumen. Ihr Verhalten beruhigte mich nicht sonderlich, nur Anna schien andere Sorgen zu haben, denn sie beschwerte sich lautstark, als Mama ihr den Becher mit dem Eistee aus der Hand nahm und auf der Wiese entleerte.

»Ihr geht in die Hütte«, sagte meine Mutter zu uns in einem Tonfall, den ich noch nie bei ihr gehört hatte. Eine Mischung aus Angst, Wut und Bestimmtheit. Ich nahm Anna an die Hand und zog sie hinter mir her in die Spinnenhölle. Sie begann auf der Stelle laut zu kreischen, kniff die Augen zusammen und stolperte über die flache Stufe vor der Hütte. Ich hievte sie wieder auf die Beine und drückte sie grob vorwärts.

»Stell dich nicht so an, du hast Mama gehört«, schimpfte ich und schloss hinter uns die Tür. Über uns krochen drei Spinnen mit Körpern in der Größe eines Fünf-Mark-Stücks. Mir wurde schlecht, ich bekam eine Gänsehaut und Schweiß lief mir über die Stirn. Das ist eine Panikattacke, dachte ich. Ich ekelte mich schrecklich vor diesen widerlichen Viechern, die Zentimeter für Zentimeter auf uns zu kamen – zwei krabbelnd, eine ließ sich an einem Faden von der Decke herab. Anna war in eine Art Schockstarre gefallen. Sie stand neben mir in der Mitte des Raums und wagte kaum zu atmen, während sie die Wand gegenüber anstarrte. Erst jetzt entdeckte ich das Exemplar, das meine Schwester in seinen Bann gezogen hatte. Mir wurde übel und ich wusste sofort, es hier nicht mit einer herkömmlichen europäischen Spinne zu tun zu haben, denn dieses Ungetüm war fast so große wie meine Handfläche. Ich glaubte zu erkennen, dass sie behaart war, und zählte sieben Beine. Folglich musste eines der Teile, die da aus dem mächtigen Leib ragten, der tödliche Giftstachel sein. Oder war es eine neue Art? So etwas sollte es geben. Eine Kreuzung aus südamerikanischer Killerspinne, die womöglich mit einem Containerschiff nach Europa gekommen war, und einheimischer Spinne. Zusätzlich war das Tier mutiert, wahrscheinlich wegen des unterschiedlichen Klimas. Wie viele kleine Karl Käfer hatte dieses Monster schon gefressen? So eine Größe erreichte man nicht einfach so. Dazu gehörte schon einiges. Ich schwankte und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Anna griff nach meiner Hand und drückte sie so fest, dass ich um ein Haar geschrien hätte. Der Schmerz holte mich zurück aus meiner Trance. Es sind nur Spinnen, dachte ich, obwohl ich mir da noch immer nicht ganz sicher war.

»Was bilden Sie sich ein?«, hörte ich meine Mutter rufen.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen?«, sagte eine Männerstimme.

»Wie ist Ihr Name?«

»Wie? Mein Name?«

»Sie werden doch einen Namen haben?«

»Lutz«, sagte der Mann. »Aus …«, er zögerte, »… Bremen.«

Meine Mutter lachte, aber ich konnte an ihrer Stimme erkennen, dass sie nicht amüsiert war. »Seien Sie nicht albern, Lutz aus Bremen. Geht ihrem Drecksverein das Personal aus oder warum stellen die inzwischen solche Trottel wie Sie ein?«

»Ich mache eine …«

»Wanderung!«, unterbrach meine Mutter den Mann höhnisch. »In Anzug und mit polierten Schuhen? Das ist ja lächerlich. Sie sind ihrem Observationsziel in die Arme gelaufen. So sieht es aus. Richten Sie Josef Tillinger schöne Grüße aus und er soll nächstes Mal nicht so einen Idioten schicken.«

Ich wunderte mich über den Namen Tillinger. Ich kannte Laurenz und Dieter, aber keinen Josef. Zum Glück hatte ich keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn meine Mutter holte uns aus dem Spinnenhaus. Bei ihrem Anblick brach Anna zusammen und begann zu weinen. Sie war eben noch ein kleines Mädchen. Wir rannten zurück zum Auto. Aus der Wandertour war eine wilde Hatz geworden. Im Auto fragte ich meine Mutter, wer der Mann gewesen sei. Sie behauptete, er habe sich verlaufen und den richtigen Weg gesucht. Manchmal war es demütigend, wie Erwachsene uns Kinder für dumm verkauften.

Zuhause erwarteten uns Laurenz, Gideon Goldmann und der fette Rollstuhlzwerg Jochen Maus bereits im Innenhof der Bonner Straße 42. Dieter war zu meinem Leidwesen auch dabei, denn ich konnte ihn nicht ausstehen. Zu allem Überfluss litt er an einer Magen-Darm-Grippe und war leichenblass. Wir Kinder wurden in mein Zimmer verbannt. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meiner dummen Schwester und dem kranken Ostkind hätte spielen sollen. Wir passten vom Wesen, Geschlecht, Alter sowie von der Herkunft nicht zusammen. Außerdem hatte ich Angst, Dieter könnte auf meine Spielsachen brechen.

»Ich glaube, die Erwachsenen sind so aufgeregt, weil da einer gestorben ist«, sagte er schließlich, während wir uns auf dem Boden gegenüber saßen und unschlüssig auf einen Haufen Playmobil und Modellautos guckten.

»Ist mir doch egal«, sagte ich so gelassen wie möglich.

»Der heißt Pedersen«, fuhr Dieter fort. »Ich kenne den, weil der uns geholfen hat, aus der DDR zu fliehen.«

»Ist ja spannend«, murmelte ich und griff nach einem Ford Mustang, den ich besonders mochte und deshalb vor Dieter schützen wollte.

»Kennst du den auch?«, fragte er.

Stephan Pedersen war, seit ich denken konnte, ein Freund unserer Familie. Er kam zu allen Geburtstagen und anderen Feiern und hatte ab und zu seinen Sohn Jonas mitgebracht, den ich aber nicht leiden konnte. Der war ein hässlicher Angeber.

»Wie stirbt man denn?«, fragte Anna mit großen Augen.

»Die haben seine Leiche unter einem LKW abgekratzt«, sagte Dieter und spielte dabei gelangweilt mit einem Modellauto herum, einem Jeep mit Ladefläche, den ich ebenfalls nicht gern hergab. »Der hat sich umgebracht, sagt mein Vater. Wahrscheinlich aus Liebeskummer, weil sich seine Frau von ihm getrennt hat.«

»Das werde ich bestimmt nicht machen, mich wegen einer Frau umbringen«, verkündete ich selbstsicher. »Oder einer hinterherlaufen. Es haben ja viele Mütter heiße Töchter.«

Dieter schaute mich an, als habe ich etwas sehr Dummes gesagt, dabei handelte es sich um einen Spruch von Linus, den ich gern nachplapperte, um cool rüberzukommen. Irgendetwas stimmte mit diesem Ostkind nicht.

Josef

Privet rebyata. Er hatte nie vergessen, wie Maria damals am Ende der Schlacht um Halbe den Russen diese Worte zugerufen hatte. Die Erinnerung daran verfolgte ihn in seinen Träumen, wenn er einsam durch die regennasse Fensterscheibe eines Busses guckte, über den Markt ging, um Kartoffeln zu kaufen, in der Badewanne saß und seine Füße wusch oder sich den Penis rieb. Er wurde die Worte nicht los. So zäh er ansonsten war, dieser eine Moment quälte ihn mehr als alle anderen.

Als er 1945 gegen jede Wahrscheinlichkeit den Krieg unversehrt überstanden hatte, war ihm bewusst geworden, dass irgendetwas in ihm pulsierte, eine besondere Kraft, die ihn am Leben halten würde, was auch immer dem Reich Hitlers folgen sollte. Josef Tillinger würde es überstehen, denn er hatte sich jedes Skrupels und Mitgefühls entledigt. Das bedeutete nicht, dass er kalt war. Er mochte seine Frau, die er im Sommer 1945 in Leipzig getroffen hatte. Sie war sehr jung und verängstigt gewesen. Der Krieg und die Furcht vor den recht eigensinnig agierenden Soldaten aus Russland hatten sie geprägt und traumatisiert. Aber Josef versprach, für sie zu sorgen. 1946 bekamen sie ihren ersten und einzigen Sohn. Sie nannten ihn Laurenz, da ihnen kein bekannter Nazi einfiel, der diesen Vornamen getragen hatte, was nicht bedeutete, dass es nicht doch einen gab, aber viele andere Namen waren verbrannt, deshalb waren sie froh, auf Laurenz gekommen zu sein. Josef liebte Laurenz und mochte seine Frau, dennoch brach er sein Versprechen, immer für sie da sein zu wollen, denn er hatte bald alle Hände voll zu tun, beim Aufbau der DDR mitzuhelfen. Der Staat, dieses bessere Deutschland, wurde zum Zentrum seines Schaffens. Er arbeitete ab April 1950 für das Ministerium für Staatssicherheit, das es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Monate gab. Als Mitarbeiter der ersten Stunde stieg er rasch auf. Auf einer Moskaureise lernte er Lawrenti Berija kennen, den starken Mann hinter Stalin. Josef fühlte, auf der richtigen Seite der Geschichte gelandet zu sein. Männer wie Berija und er waren aus demselben Holz geschnitzt.

Doch da war noch etwas in ihm, neben seiner Leidenschaft für den Aufbau seines eigenen Staates wanderte seinen Gedanken jeden Tag zurück zu dieser verrückten Schlacht um das kleine Städtchen Halbe in Brandenburg, zu seinen Kameraden, die mit ihm in dem Unterschlupf neben dem kaputten Tiger-Panzer gelegen hatten. Und zu Maria. Sie hatte ihn damals gerettet und da er sich für etwas Besonderes hielt, musste sie zwangsläufig Teil des großen Plans sein. Gern hätte er gewusst, was aus ihr geworden war. Er zweifelte nicht daran, dass sie die Russen auf dem Hof bei Halbe genauso überlebt hatte wie den ganzen Krieg. Sie war wie er. Ein zähes Distelgewächs.

Mitte der Fünfziger beschloss er, sie zu suchen, schließlich gehörte er einer riesigen Behörde an, die geheimdienstlich arbeitete. Es dauert drei Monate, dann hatte er ihre Adresse auf einem Zettel notiert vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Maria lebte mit ihrer Tochter Greta in Westdeutschland. Zwei Jahre später trafen sie sich zum ersten Mal in Berlin. Er konnte sich seine Gefühle nicht erklären, aber er liebte Maria, das wurde ihm klar, als er sie in dem Café sitzen sah, in dem sie verabredet waren. Ihre Kleidung war ärmlich, dennoch hatte sie versucht, sich so gut es ging herauszuputzen. Sie war kaum gealtert und wirkte immer noch wie das junge Ding, das damals zu ihm in den Unterschlupf hinter den Tigerpanzer gesprungen war. Um ein Haar hätte er ihr den schönen Kopf von den Schultern geschossen. Dann wäre von ihr nicht mehr übrig als eine lose Sammlung von Knochen im weichen Boden der Wälder von Halbe.

Sie sprachen kaum. Maria war schüchtern und weinte viel, denn auch bei ihr kamen Erinnerungen zutage, die sie tief in sich verschlossen zu haben schien. Sie trafen sich von da an zweimal im Jahr im selben Café in Westberlin. Josef gab ihr etwas Geld, denn sonst hätte sie sich die Reise nicht leisten können. Bei ihrem fünften Treffen schliefen sie miteinander. Sie mussten gar nicht darüber sprechen, sondern ging vom Café aus direkt in ihr kleines Hotelzimmer in Charlottenburg, zogen sich aus und taten es noch im Stehen direkt neben der Tür. Josef ließ sich scheiden. Von da an kam Maria auch zu ihm in den Osten. Doch heiraten wollte sie ihn nicht, denn ein Umzug in die DDR kam für sie nicht infrage. Josef versuchte energisch, auf sie einzuwirken, aber Maria verkündete, niemals in einem Land leben zu wollen, das mit den Russen befreundet sei. Mit dieser Entscheidung ging ihnen ihre Leichtigkeit verloren, trotzdem trafen sie sich weiter. Es schien, als seien sie aneinander gekettet, weil sie niemanden anderes hatten.

Dann starb Maria 1972 überraschend und nahezu ohne Vorwarnung. Für Josef brach eine Welt zusammen. Er schaffte es nicht einmal zu ihrer Beerdigung. Für ihn begannen die Jahre der Qual. Er trank eine Weile mehr als ihm guttat, versuchte sich an verschiedenen chemischen Substanzen, wechselte intern zum Auslandsgeheimdienst HVA und ließ sich nach Rumänien versetzen. Dort half er der Securitate bei der Ausbildung von Rekruten oder arbeitete in einem Kerker in der Nähe von Bukarest. So verschaffte er sich zeitweise Erleichterung, zugleich handelte er sich den Ruf als deutscher Duch ein. Das brachte ihn zum Nachdenken, denn Duch war der Kampfname von Kaing Guek Eav, einem Mitglied der Roten Khmer in Kambodscha und Leiter des berüchtigten Foltergefängnisses in Phnom Penh. Zwar erfüllte selbst Duch nur seine Pflicht – eigentlich war er Lehrer und nur zufällig zum Folterknecht geworden –, aber der Vergleich mit diesem psychopathischen Massenmörder ging Josef doch zu weit. Er kehrte nach Berlin zurück, ließ die chemischen Substanzen weg und konzentrierte sich wieder auf seine Karriere.

Doch er musste einsehen, zu spät zu kommen. Die DDR hatte ihre besten Tage hinter sich. Sein Staat, dem er alles geopfert hatte, war finanziell am Ende. Ironischerweise war man ausgerechnet abhängig vom Westen. Franz-Josef Strauß hatte dafür gesorgt, dass die DDR Milliardenkredite von der BRD erhielt. Statt aktiv für den Sieg des Sozialismus zu kämpfen, war das MfS verstärkt darum bemüht, Zahlen zu schönen, Unmut in der Bevölkerung zu dämpfen, die wachsende Opposition zu zersetzen oder mit meist dubiosen Geschäften Westmark zu erwirtschaften. Für Josef war das alles ein großer Witz. Manchmal kam es ihm so vor, als befände er sich wieder im Kessel von Halbe. Sie führten eine Schlacht, die sie längst verloren hatten, doch wehe jemand sprach aus, was viele ahnten. Das MfS war zum Hüter der Denkverbote verkommen. Dabei war die BRD selbst, ohne es zu merken, dem Abgrund gefährlich nahe. Die neoliberalen Kräfte, die sowohl in den USA, in Großbritannien und verstärkt in Westdeutschland den politischen Diskurs bestimmten, würden letztendlich dafür sorgen, das System auszuhöhlen, denn die wachsende soziale Ungerechtigkeit trieb einen Keil zwischen die Menschen, der einen kaum zu kittenden Schaden anrichtete. Um den Frieden zu wahren, müssten eines Tages diejenigen, die unverhältnismäßig viel besaßen, denen, die nichts hatten, etwas abgeben. Aber so etwas taten Menschen nicht freiwillig. Das zeigte die Geschichte. Am Ende würden die radikal liberalisierten Demokratien in einem gewalttätigen Exzess auseinanderfliegen. Die DDR würde es allerdings schon früher erwischen.

Josef versank in Resignation, bis ihn eines Tages sein Adlatus Lutz in die Wirklichkeit zurückholte, indem er alle Form vergessend in Josefs Büro platzte.

»Ihr Sohn ist verschwunden, Herr Genosse!«, schrie er nervös. »Es gibt ernst zu nehmende Anhaltspunkte, er könnte republikflüchtig sein!«

Josef spürte, wie sich seine Haare im Nacken aufstellten. »Lutz, Sie gehen jetzt aus meinem Zimmer«, antwortete er ganz ruhig, »schließen die Tür, zählen bis zehn, klopfen und warten, was geschieht. Ist das klar?«

Lutz wurde bleich, machte auf dem Absatz kehrt und folgte den Anweisungen seines Chefs. Josef ballte die Fäuste und beobachtete, wie sich seine Knöchel weiß verfärbten. Es kostet ihn alle Mühe, nicht aufzuspringen, den Jungen in sein Büro zu zerren und halb tot zu prügeln. Zwar war Lutz nur der Überbringer der schlechten Nachricht, aber denen war es in der Geschichte oft genug an den Kragen gegangen. Es klopfte. Josef zählte seinerseits bis zehn und öffnete dann seine schmerzenden Fäuste.

»Komm rein!«

Die Tür wurde vorsichtig aufgestoßen. Lutz stand kerzengerade und sprach, ohne Josef dabei anzusehen. »Genosse Tillinger, ich habe eine Botschaft von einem IM erhalten, die Sie interessieren wird. Ich bitte, eintreten zu dürfen.«

»Gewährt«, rief Josef unfreundlich.

Lutz gehorchte. »Ihr Sohn Laurenz ist mit seinem Sohn Dieter seit zwei Tagen verschwunden.«

»Woher weißt du das?«

»Der inoffizielle Mitarbeiter …«

»Klartext. Für Spielchen habe ich keine Zeit.«

»Seine geschiedene Frau, Ihre Schwiegertochter Hilde, will sagen ehemalige Schwieger…«

Josef schlug krachend auf den Tisch. »Verdammt, sprich einfach und kümmere dich nicht um die Formulierungen. Ich bin keiner von den Bürokratenhengsten, die hier sonst so rumlaufen. Wenn du für die arbeiten willst, dann mach nur so weiter.«

»Ihre ehemalige Schwiegertochter Hilde hat mich wie vereinbart kontaktiert. Wir haben sie nach Ihren Instruktionen zur Aufklärung der …«

»Ich kenne Hildes Funktion.«

Lutz hüpfte albern von einem Bein aufs andere. »Im Rahmen der frühzeitigen Aufdeckung feindlicher Aktivitäten mit dem Ziele der Schädigung der Deutschen Demokratischen Republik liefert mir Ihre ehemalige Schwiegertochter bis heute wichtige Erkenntnisse. Leider scheint in diesem Fall eine Vorbeugung von Straftaten dennoch nicht gelungen zu sein. So ist es ihr derzeit nicht möglich, Kontakt zu den Zielpersonen zu knüpfen.«

»Sollten Sie meinen Sohn und Enkel meinen, dann sagen Sie das doch einfach.« Obwohl Josef von Beginn an Teil dieser Behörde war, konnte er sich mit dem gängigen Jargon selbst nach über drei Jahrzehnten nicht anfreunden. Militärische Disziplin bestimmte das Wesen des MfS bis ins letzte Detail. Besonders die jüngeren Kollegen schienen anzunehmen, ihre Professionalität durch einen technokratischen Duktus beweisen zu müssen.

»Richtig. Ihre ehemalige Schwiegertochter ist gestern zu Ihrem Sohn gefahren, um ihrem gemeinsamen Kind Dieter einen Besuch abzustatten. Dort konnte sie die beiden nicht antreffen. Alarmiert hat sie mehrere Stunden vor dem Haus gewartet. Ohne Ergebnis. Die Befragung der Nachbarn – alles ganz unverdächtig, da man sich kennt – ergab, dass Ihr Sohn Laurenz Tillinger mit dem Kind Dieter schon seit nun mehr über zwei Tagen nicht mehr zuhause war. An seiner Arbeitsstelle ist er nicht erschienen. Ihr Enkel Dieter ist nicht in der Schule gewesen. Ihr Sohn Laurenz hat dort am Tag vor dem Verschwinden eine Krankmeldung für die komplette Woche eingereicht.«

Josef spürte Magensäure in seiner Speiseröhre aufsteigen. Er schickte Lutz nach draußen und kämpfte einen erneuten Wutanfall nieder. Zwei Tage! So lange hatte diese verdammte Nutte Hilde nicht gemerkt, was vor sich ging. Zwei Tage waren zwei Tage zu viel. Laurenz war klug genug, um einen Plan zu haben. Er verschwand nicht einfach so. Wahrscheinlich befanden er und Dieter sich schon im Westen. Und das war Hildes Schuld. Nach der Arbeit fuhr Josef zu ihr und schlug ihr mit der Faust so feste ins Gesicht, dass er ihr Jochbein brechen hören konnte. Auch die anderen würde er nicht davonkommen lassen. Niemand tanzte ihm auf der Nase herum. Nicht ihm. Nicht Josef Tillinger. Nicht der DDR. Nicht der Idee von einem Staat, der für seine Menschen sorgte, auch wenn das nicht alle einsehen wollten, so wie sein eigener Sohn, der alles verraten hatte, was ihm, Josef, wichtig war. Gemeinschaft und Gerechtigkeit.

Er wusste, wo er zu suchen hatte. Zusammen mit Lutz reiste er in den Westen. Greta Deutschs Wohnung befand sich im Hinterhaus eines Gebäudekomplexes in der Bonner Straße. Vorn gab es einen Plattenladen und eine Teestube von irgendwelchen Türken. Die BRD holte sich ihre Hilfsarbeiter gern aus anderen Ländern, um sie im selben Zuge zu diskriminieren. So funktionierte das System des Imperialismus und Kapitalismus. Permanentes Wachstum bedeutete zwangsläufig auch Ausbeutung. Am dritten Tag ihrer Observation der Wohnung entdeckten sie Laurenz und Dieter. Sie spazierten aus dem Hinterhaus, gingen an einem heruntergekommenen Atelier vorbei über den Innenhof und stiegen auf der Straße in ein Taxi, als sei es das Normalste auf der Welt. Als seien sie nicht Bürger der DDR, Abtrünnige, Verräter am eigenen Volk. Josef fühlte sich in all seinen Vermutungen bestätigt. Erst hatte Greta mithilfe eines lächerlichen Tricks mit einem Luftballon Kontakt zu seinem Sohn aufgenommen – das immerhin war der Stasi in Person von Hilde nicht verborgen geblieben –, dann hatte sie ihn aus der DDR geschmuggelt und anschließend bei sich in der Wohnung aufgenommen. Das alles konnte selbst eine patente Person wie Greta nicht ohne Hilfe bewerkstelligt haben.

Josef benötigte nicht lange, um die Identität der Helfer aufzuklären. Wie so oft kam es darauf an, im richtigen Moment bei bestimmten Leuten Druck aufzubauen. Das zählte er zu seinen leichtesten Übungen, erst recht wenn sein Motiv persönliche Rache war. Diese Schweine hatten ihn zum Narren gehalten. Dafür würden sie bezahlen. Nach einigen Wochen hatte er fünf Namen auf einem Zettel stehen. Die beiden obersten ließ er von seinen Kollegen bearbeiten. Sie besaßen eine Autowerkstatt in Ostberlin. Die Männer wurden verhaftet und verschwanden in den tiefsten Höhlen von Hohenschönhausen. Den Rest wollte er selbst erledigen.

»Ich bin eine Katze«, sagte er zu Lutz, als sie sich in einer Kneipe auf dem Land in der Nähe der niederländischen Grenze mit Münsterländer Doppelkorn betranken. »Ich bin eine alte, lausige Katze. Ich bin nicht der König, aber ich bin eng mit ihm verwandt, mit dem König der Tiere, verstehst du.«

Er war sich sicher, dass Lutz überhaupt nichts verstand, aber sein Geselle nickte eifrig, bevor er auf die Theke kotzte. Der Wirt war sauer, aber sie zahlten gut und das besänftigte den Mann. Als sie am nächsten Tag ihren Rausch ausgeschlafen hatten, brachen sie auf, um sich um Stephan Pedersen zu kümmern. Der Mann war ein eingebildeter Idiot. Er hielt sich für einen Linken, für einen Widerstandskämpfer, gleichzeitig arbeitete er als Geologe für einen Energiekonzern und half beim Abbau der westdeutschen Braunkohlevorkommen. Sie passten ihn in einem dunklen Waldstück in der Nähe eines Golfclubs ab und zwangen ihn in ihren Lieferwagen. Auf einer nahen Autobahnbrücke scheuchte sie ihn aus dem Wagen. Ironischerweise mussten sie kaum nachhelfen, um Stephan Pedersen von der Brücke zu bugsieren, denn er rannte, anscheinend in Unkenntnis über seine Situation, panisch von alleine zum Rand der Fahrbahn. Dort schwang er sich mit einem Bein über die Leitplanke, zögerte dann, als ihm Gewahr wurde, wo genau er sich befand, doch bevor er zurück konnte, gab ihm Lutz einen letzten Schubs. Mit einem lauten, dumpfen Schlag prallte Pedersen auf die Fahrbahn und wurde von einem LKW in Stücke gerissen. So erging es den Feinden der Republik. Und so erging es den Feinden von Josef Tillinger.

Anschließend folgte Jochen Maus. Der kleine Mann saß seit seinem Unfall Anfang der Siebziger im Rollstuhl und wurde von Tag zu Tag fetter, da er nichts tat, außer sich in amerikanischen Schnellrestaurants vollzustopfen. Menschen wie Maus widerten Josef an. Wie konnte ein verfressener Krüppel den gesamten Staatsapparat der DDR lächerlich machen und helfen, die Familie eines ranghohen Stasibeamten in den Westen zu schmuggeln? Ausgerechnet diese ekelhafte Ausgeburt des hemmungslosen Konsums, maßlos und würdelos in einem.

Sie holten ihn eines nachts aus seiner Wohnung. Er schrie zuerst. Lutz schlug ihm solange in seinen wulstigen Bauch, bis ihm der Atem fehlte, um mehr als ein Winseln hervorzubringen. Sie trugen Maus samt Rollstuhl hinaus und verfrachteten ihn in den Lieferwagen. Ihre Aktion war plump und unprofessionell, aber die Polizei im Westen war so dämlich, sie würde ihnen sowieso nicht auf die Spur kommen. In spätestens einer Woche würden sie zurück in der DDR sein. Dort konnte ihnen niemand etwas anhaben.

Sie brachten Maus zu einem alten Bauernhof. Auf dem Hof prügelte Josef auf den Krüppel ein, bis ihm die Fingerknöchel schmerzten. Den Rest überließ er Lutz. Sie versenkten den Leichnam samt Rollstuhl in einem alten, trockenen Brunnenschacht. Auf der Rückfahrt in die Stadt bemerkte Josef, dass ihm ein halber Zahn im Handrücken steckte. So groß war sein Furor gewesen. Selbst seinen eigenen Schmerz hatte er nicht mehr wahrgenommen.

Als nächstes folgte die Aktion mit Gideon Goldmann. Zuerst brachen sie in seinen luxuriösen Bungalow ein, während er sich auf einer Geschäftsreise befand. Lutz hatte die Vorarbeit geleistet und anscheinend dabei übersehen, dass Goldmann einen Hund besaß. Das große Tier kam Zähne fletschend im Garten auf sie zugestürmt. Lutz zog seine Waffe, die er mit einem Schalldämpfer bestückt hatte, um den Hund zu erledigen. Er war ein guter Schütze, das wusste Josef. Aber der Hund konnte nichts für Lutz‘ Schlampigkeit in der Vorbereitung ihres Einbruchs. Josef drückte die Pistole beiseite, bevor sich ein Schuss gelöst hatte und trat dem Hund entgegen. Er streckte seinen Arm aus und ging in die Knie. »Lass gut sein, alter Junge. Du bist nicht mehr wildes Tier als ich«, sagte er leise. Der Hund kam ganz nah, stieß seinen heißen Atem auf Josefs Hand und berührte sie dann ganz sacht mit seiner feuchten Nase.

Teil 2

Satellitenhirten suchen

all die Satelliten

und sammeln sie dann ein

um sie endlich zu verschrotten

Und unten auf der Erde

wird eingepackt für immer

der Letzte macht das Licht aus

und auch die ganzen Dimmer

Jens Rachut - Satellitenhirten

Revolution

Ich wache auf, schaue mich mit verklebten Augen im Zimmer um und überlege, alles nur geträumt zu haben. Die Marmelade auf dem Schuh, den nervigen Kindergeburtstag, die Polizei in der Bonner Straße, meine Mutter mit der gusseisernen Pfanne und schließlich Alina im Bett von Linus. Ich setze mich auf und starre die leere Flasche Wodka auf dem Tisch an. Mir sollte schlecht sein, aber ich fühle gar nichts. Das ist ein Schutzmechanismus.

Steif quäle ich mich aus dem Bett und schalte das Radio ein. Ein wenig Morgenroutine kann nicht schaden. Es läuft Oasis mit Don’t Look back in anger. Keine Ahnung, warum der Radiosender diesen zynischen Schabernack mit mir treibt. Lustig finde ich das nicht. Please don’t put your life in the hands of a rock’n’roll band näselt der Sänger mit seinem britischen Englisch aus den Boxen meines Radios. Mir geht der Typ auf die Nerven, aber umzuschalten schaffe ich nicht. Außerdem hat er nicht ganz unrecht. Nur Verrückte würden sich Rockmusikern anvertrauen. Ich habe mein Leben in die Hände einer promiskuitiven Frau gelegt. So ist das. Man bindet sich – leider oft falsch.

So I’ll start a revolution from my bed singt der Oasistyp. Jetzt muss ich widerwillig lächeln. Meine Stimmung kippt von niedergeschlagen zu aufmüpfig. Es ist Zeit, etwas zu ändern, mein Leben neu zu ordnen. Ich schnappe mir den Laptop und tippe die Kündigung meiner Wohnung zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Hier kann ich nicht länger leben. Dann wähle ich die Nummer meiner Schwester Anna. Sie nimmt sofort ab. Das ist ungewöhnlich, denn für ihre Verhältnisse ist es noch ziemlich früh. Sie erzählt mir, eben mit dem Anwalt unserer Mutter telefoniert zu haben. Jonas Pedersen. Ausgerechnet. Sein Vater war ein guter Freund meiner Mutter, der sich Mitte der Achtziger Jahre aus heiterem Himmel von einer Autobahnbrücke gestützt hat. Seinen Sohn habe ich daraufhin lange nicht gesehen, bis er sich 1999 auf einer Party an Lejla herangemacht hat, dieser heimtückische Halbwaisenknabe. Was habe ich den gehasst, dabei hat er mir damals prinzipiell nichts getan. Von meinen etwas eigentümlichen Besitzansprüchen, die ich gegenüber Lejla einst zu hegen pflegte, konnte er nichts wissen. Und Lejla attraktiv zu finden, ist wirklich kein Verbrechen, eher so eine Art logischer Schluss. Dass ausgerechnet Jonas Pedersen nun meine Mutter aus dem Gefängnis holen soll, passt mir trotzdem nicht in den Kram. Er erinnert mich an ein Kapitel in meinem Leben, das ich vor langer Zeit in London für beendet erklärt habe. Und jetzt höre ich Oasis und stelle alles, was ich zum obligaten Teil meiner Existenz erklärt habe, infrage. Warum bin ich mit Alina zusammen gewesen? Welcher Wahnsinn hat mich geritten, mit meinem Bruder einen Feinkostladen zu eröffnen? Wieso zur Hölle erschlägt meine Mutter ihren besten Freund Laurenz mit einer Pfanne? Ich glaube, Menschen die Oasis hören, haben generell ein Problem mit sich und ihrem Leben. Penetrantes Geseier ist das. Alina mag Oasis. Lejla fand die Band immer zu lahm.

Anna plappert mir die Ohren voll. Ich kann mich nicht konzentrieren. Unsere Mutter verweigere jede Aussage. Sie säße nach wie vor auf einer Polizeiwache in Haft. Ich frage mich, ob das legal ist. Einfach so weggesperrt zu werden. Irgendwann lege ich auf. Anna geht mir auf die Nerven. Ich schiebe eine CD von Kommando Sonne-nmilch in den CD-Player. Meine Freundin Thai hat mir das Album vor Wochen in die Hand gedrückt. Das Cover ist grell bunt, der Name der Band und die seltsame Schreibweise kommen mir Spanisch vor, der Titel des Albums passt aber ganz gut. You pay I fuck. Das könnte Alinas Lebensmotto sein. Ich habe sie demaskiert. Ab sofort benehme ich mich genauso wie sie, dann kann ich nicht mehr verarscht werden. Ich zahle es mit gleicher Münze heim, obwohl das meiner guten Erziehung widerspricht. Oder ist das längst egal? Gibt es überhaupt etwas mit Konsistenz oder ist alles nur eine wabernde Masse, die je nach User frei zu modulieren ist. Das alles ist schrecklich verwirrend. Ich drücke Play. Ein Typ brabbelt mit eigenartiger Stimme los. Er spricht seine Texte mehr als zu singen und schön ist es auch nicht. Ich drücke willkürlich ein paar Titel weiter. Eine E-Gitarre schraddelt ähnlich schräg, wie der Mann sein Singsprech seibert. Das nächste Lied hat einen schnellen Beat und gefällt mir besser. Ich drehe die Lautstärke hoch, so dass ich nichts anderes mehr hören kann und gehe unter die Dusche. Als ich gewaschen und angezogen in der Küche stehe, hämmert jemand gegen die Tür. Draußen steht meine Nachbarin Frau Weber, die sich, seit ihr dreißigjähriger Sohn vor zwei Jahren ausgezogen ist, als Mama der Hausgemeinschaft versteht.

»Machen Sie jetzt mal diese Negermusik aus, sonst hole ich meinen Mann oder sofort die Polizei!«

»Und was soll ihr Mann machen?«, frage ich gereizt. »Mir auf die Fresse hauen und dann die Neger aus meiner Wohnung scheuchen?«

»Also hören sie mal.«

»Mach ich doch.«

»Also wirklich. Da können Sie auch in die Hausordnung …«

»Steck dir die Hausordnung in deinen Schweinchenhintern«, sage ich.

Frau Weber läuft rot an und stellt das Atmen ein. Ich schlage die Tür zu und mache die Musik lauter. Ich befreie mich von allen Zwängen, denke ich. Ab sofort mache ich keine Gefangenen mehr. Zumindest heute nicht. Das ist kindlicher Trotz, aber in diesem Moment scheint er angebracht zu sein.

»Wenn du eines Tages begreifst, dass du ängstlich dir dein Leben hast versaut«, mümmelt der Typ von der Band in infernalischer Lautstärke. Musikalisch ist der Morgen ein voller Erfolg. Ich drücke auf die Repeat-Taste und gehe.

Auf der Polizeiwache fühle ich mich falsch. Obwohl ich mir noch nie etwas habe zu Schulden kommen lassen, zumindest nicht so richtig, beschleicht mich in der Nähe von Polizisten immer ein mulmiges Gefühl. Zwei Beamte drängen sich an mir vorbei. Vielleicht sind sie auf dem Weg zu meiner Wohnung, um gegen eine Ruhestörung vorzugehen. Ich werde bei einer Art Schalter vorstellig und verlange, zu meiner Mutter vorgelassen zu werden. Ich trete betont selbstsicher auf, damit die Polizisten sofort eine Ahnung bekommen, mit wem sie es zu tun haben. Ich erwarte nicht, damit Erfolg zu haben, aber ich will auf den Oasis-Freak hören und eine Revolution starten, nicht aus dem Bett und auch nur eine ganz kleine, aber Revolution klingt einfach zu gut, um zuhause zu bleiben und weiter Wodka zu trinken. Dabei geht es nicht um den Erfolg oder das Scheitern, es geht darum, der Rebellion zu frönen. Der Aufstand des Anständigen, der Kampf ist das Ziel, der Weg wird mit Tränen und Schnaps getränkt. Der beste Krieger ist der, der nicht kämpfen muss, habe ich mal gelesen. Damals hielt ich den Satz für klug, heute weiß ich, dass es bedeutet, seine Existenz ad absurdum zu führen.

»Übermorgen ist die Anhörung im Gericht«, erklärt mir eine junge Beamtin mit einem langen, geflochtenen Zopf.

Ich frage mich, ob es für Polizistinnen Vorschriften für das Tragen von langen Haaren gibt. Außerdem verstehe ich nicht, wer jungen Mädchen solche Flausen in den Kopf setzt, dass sie zur Polizei gehen. Ich stelle mir das schrecklich vor, aber vielleicht habe ich ein verqueres Bild vom Dasein einer Polizistin. Ich bin der Sohn meiner Mutter, da ist etwas hängen geblieben. Wir sind eine Familie von Polizeihassern und Attentätern.

»Was soll denn da gehört werden vor Gericht? Ist das schon die Verhandlung?«

Die Polizistin lächelt milde, als habe ich etwas total Dummes gesagt. »Da wird festgesetzt, ob die U-Haft für Ihre Mutter bestehen bleibt.«

»U-Haft? Das ist doch Unsinn. Meine Mutter ist Mitte sechzig und hat sich noch nichts zu Schulden kommen lassen. Das ist doch Schikane. Polizeiwillkür!«

»Vielleicht kennen Sie Ihre Mutter nicht so gut, wie Sie denken«, sagt die Beamtin und schaut mich an, als hätte sie einem Kind mitgeteilt, sein Hamster sei gestorben.

»So langsam gehen Sie mir ganz schön auf die Nerven.«

Sie macht große Augen. »Wollen Sie mir drohen?«

»Quatsch. Ich kann Ihnen doch sowieso nichts. Sie haben doch bestimmt Karate gelernt in Ihrer Ausbildung und Juikuckuck oder wie das heißt. Dazu sind Sie bewaffnet und ich habe nicht mal gefrühstückt. Da wird ein zumindest halbwegs intelligenzaffiner Mensch also kaum drohen.«

Die Frau wirft mich mit der Bemerkung, es sei das Beste für mich, widerstandslos zu verschwinden, aus der Wache. Vielleicht hat sie recht. In Sachen Revolution muss ich noch üben. Aber es geht weiter, das spüre ich. Die Zeit des Duckens ist vorüber. Ich könnte auf den großen Marktplatz gehen, mich den Zeigefinger in die Höhe reckend auf eine Apfelsinenkiste stellen und laut ausrufen: Schaut her! Nicht mit mir! Stattdessen setze ich mich in eine Bäckerei und bestelle ein Schokocroissant mit einem großen Milchkaffee. Nur weil es mir schlecht geht, kann ich nicht auf Nahrung verzichten. Das Problem ist, dass eine profane Tätigkeit wie Essen Zeit zum Nachdenken bietet und prompt fühle ich mich elend. Nachdenken ist schlechte Medizin. Ich überlege, Lejla anzurufen. Ich habe zwar seit Jahren nicht mit ihr gesprochen, aber mir fällt niemand ein, mit dem ich besser hätte reden können. Wahrscheinlich würde sie nicht rangehen, sähe sie meine Nummer im Display ihres Handys. Wir sind damals in London nicht in Freundschaft auseinandergegangen und ich kann nicht einmal ihr die Schuld an unserer seitdem herrschenden Funkstille in die Schuhe schieben.

Eine Familie setzt sich an den Nachbartisch. Mutter, Vater, zwei Töchter irgendwo zwischen fünf und zehn. Besser kann ich das nicht schätzen. Kinder sind ein Mysterium für einen Junggesellen wie mich. Die Mädchen haben beide ein Stück Kuchen auf ihrem Teller und eine Flasche Cola dazu, die Frau und der Mann haben nichts.

»Wir können nicht das Geld so zum Fenster herauswerfen«, sagt die Frau vorwurfsvoll. Erst jetzt bemerke ich, dass sie Tränen in den Augen hat. Ich schäme mich auf der Stelle, diese Leute zu belauschen.

»Unsere Kinder wünschen sich ein Stück Kuchen. Wenn ich ihnen das nicht mehr bieten kann, was für ein Vater bin ich dann?«, antwortet der Mann, klingt dabei aber nicht besonders überzeugt von dem, was er sagt.

Ich hole mein Handy hervor. Ich darf diese Menschen nicht länger ausspionieren. Dann kann ich mich nicht mehr selbst bemitleiden, weil es anderen viel schlechter geht. Die haben Probleme, die ich nicht einmal kenne. Obwohl wir nicht reich sind, hat meine Familie genug Glück gehabt, um niemals arm zu sein. Ich krame im SMS-Ordner meines Telefons nach der letzten Nachricht von Lejla. August 2008. Ich rechne ein bisschen. Viermal zwölf plus zehn. Seit 58 Monaten habe ich nicht zurückgeschrieben. Ich kann mich erinnern, die Nachricht auf dem kleinen Bildschirm aufplöppen gesehen zu haben. Damals habe ich während des Frühstücks im Radio einen Bericht über einen Anschlag auf ein neu errichtetes Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Homosexuellen gehört. Seltsam, wie man die Dinge miteinander verknüpft. Ich vernehme die Stimme des Reporters, höre mich selbst sagen, was für geisteskranke Spacken die Menschheit doch hervorbringe, dann sehe ich die Anzeige auf dem Handy. Damals hatte ich noch kein Smartphone. Ich drückte noch auf echte Tasten, um an den Text zu kommen. Heute wische ich geschwind mit meinem Finger über den Bildschirm, bis ich die Nachricht finde.

Manchmal weiß ich nicht, was ich möchte, Tankred. Aber ich weiß, was ich nicht möchte. Melde dich, solltest du meinen, dass es wieder gut ist.

Ich habe mich fürchterlich aufgeregt, weil ihre Nachricht ungeheuren Spielraum zur Interpretation ließ und das war genau das, was ich damals nicht gebrauchen konnte. Ich war es leid zu hoffen, zu bangen, zu warten, zu lachen und zu weinen. Eigentlich fühlte ich mich ähnlich wie heute. Keine Gefangenen mehr. Dass ich ihre SMS nie beantwortet habe, war meine Reaktion auf alles, was Lejla und mich ausmachte, auf diese Un-Beziehung, obwohl es dieses Wort nicht gibt. Und jetzt sitze ich hier, fühle mich hilfloser denn je und mir fällt nichts Besseres ein, als mich an Lejla zu erinnern. Das ist das Elend meines Lebens, denke ich pathetisch und fühle mich sofort ein bisschen besser.

Lejla

Niemand, der das Heulen der Sirenen und das dumpfe Grollen der einschlagenden Granaten gehört hat, wird diese Kulisse, den beißenden Geruch der brennenden Häuser, das Knirschen der einstürzenden Dächer oder die plötzliche Stille nach dem Angriff jemals vergessen. Sie hockte neben ihrer Mutter in dem feuchten, von einigen Kerzen spärlich beleuchteten Kellergewölbe ihres Nachbarn, des freundlichen Bäckers. Der enge Raum war mit drei alten Bänken und einem Regal mit Wasserflaschen und einigen Konserven ausgestattet. Eine schwere Metalltür versperrte den Weg ins Treppenhaus. An der Decke hing eine Glühbirne in einer Fassung, Strom gab es schon seit einigen Tagen nicht mehr. Die Serben hatten Dubrovnik vom Rest Kroatiens abgeschnitten. Dafür beschossen sie seit einer Woche die Stadt mit Granaten. Sie hockten mit ihren Kanonen oberhalb von Dubrovnik auf dem Berg Srđ und machten sich einen Spaß daraus, die Menschen zu ihren Füßen zu töten. Lejla vermutete, sie würden sich erst zufrieden geben, sollten sie jeden einzelnen Bewohner der Stadt ermordet haben.

Sie saß zwischen ihrer Mutter und einer ihrer Lehrerinnen aus dem Gymnasium, einer jungen Frau, die alle gern mochten. Auf den anderen Bänken hatten sich der Bäcker mit Frau und Tochter, das Buchhändler-Ehepaar, der alte Metzger sowie der Fischer von der Klippe niedergelassen. Alle hier kannten sich seit Jahren.

»Heute wird es nicht so schlimm«, sagte der Metzger. »Die haben in den letzten Tagen ihr Pulver verschossen.«

»Die akzeptieren allmählich, dass wir nicht klein beigeben«, stimmte die Frau des Buchhändlers zu.

Lejla erinnerte sich an ihren Onkel. Vor einigen Wochen, als noch niemand auf ihre Stadt geschossen hatte, war er mit durchgedrückten Schultern in ihre Küche getreten und hatte große Reden geschwungen. Dabei hatte er die Uniform der neu gegründeten kroatischen Nationalgarde getragen. In diesem Augenblick hatte Lejla zum ersten Mal Furcht verspürt. Wurde ihr Onkel plötzlich Soldat, dann war es nicht nur Gerede, was in ihrem Land vor sich ging, sondern der Anfang von etwas Furchtbarem.

»Wir werden schon bald ein eigenes Kroatien haben!«, hatte ihr Onkel gerufen. »Stolz, unabhängig und ohne Serben auf unserem Territorium. Wir werden unserem Volk ein Land schenken und wir werden jeden Fußbreit unserer Erde mit Tapferkeit verteidigen.«

»Ich mag es nicht, wenn du dich so verkleidest«, hatte Lejlas Vater zu seinem Bruder gesagt. »Du siehst aus wie unser Vater.«

Lejla wusste, dass ihr Großvater mit den Deutschen gegen die Partisanen gekämpft hatte. Das war eine Geschichte, die in der Familie oft für Streit sorgte, denn ihr Vater hasste die Nazis und die Ustaša, ihr Onkel jedoch verachtete vor allem die Serben. Deshalb war er mit Begeisterung in den Krieg gezogen, um kurz darauf in Vukovar von einem serbischen Panzer überrollt zu werden. Seitdem galt er in der Familie als Held. Lejla hegte allerdings Zweifel daran, ob sein Tod den Krieg wesentlich beeinflusste. Sein Handeln kam ihr vorrangig sinnlos vor, aber sie war ein vierzehnjähriges Mädchen und verstand nicht viel vom Krieg.

Über ihnen knallte es. Putz rieselte von der Decke. Die Lehrerin klammerte sich an Lejlas Arm. Jemand anderes schrie entsetzt auf. Lejla konnte die Hände ihrer Mutter zittern sehen. Etwas weiter entfernt detonierten weitere Geschosse. Die Mauern schienen zu vibrieren. Konnten die Serben in wenigen Tagen kaputt machen, was seit Jahrhunderten jeden Angriff überstanden hatte? Der Keller war im Mittelalter in den harten Stein geschlagen worden. Das hatte der Bäcker Mantra ähnlich wiederholt, als sie vor einigen Tagen zum ersten Mal hier unten gesessen hatten, um sich vor den Bomben und Granaten in Sicherheit zu bringen.

Erneut erschütterte eine Detonation den Keller. Lejla bildete sich ein, etwas Metallisches zu riechen. Ihr wurde schlecht und sie ballte die Hände zu Fäusten. Das machte sie immer, wenn sie sich fürchtete. Als sie kleiner gewesen war, hatte sie sich bei einem Gewitter manchmal in die Hose gemacht. Aber das war lange her.

»Jesus, Maria und Josef«, murmelte die Frau des Bäckers. »Gott möge uns schützen.«

»Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus«, murmelte Lejlas Lehrerin leise.

Alle lauschten den Einschlägen, die unrhythmisch um sie herum niedergingen. Nur das Gemurmel der Lehrerin erfüllte den Raum. Die Tochter des Bäckers knetete ihre Hände, der alte Fischer zupfte an seinem grauen Bart herum. Der Buchhändler zählte immer und immer wieder seine Finger, als könnte er einen verloren haben.

»Was ist mit dir, Milos?«, fragte der Metzger in einem Moment der Stille und zeigte auf den Buchhändler. »Du bist doch Serbe. Wenn deine Landsleute alles niedergebrannt haben, stehst du dann bereit, um dir das dickste Stück des Kuchens zu sichern?«

»Von Kuchen verstehe ich nichts«, sagte der Buchhändler und nickte in Richtung des Bäckers. »Da musst du Josip fragen. Das ist sein Metier.«

»Jetzt ist es genug mit dem dummen Geschwätz«, flüsterte Lejlas Mutter. »Milos lebt genauso lange in Dubrovnik wie wir alle.«

»Der für uns Blut geschwitzt hat. Der für uns gegeißelt worden ist«, betete die Lehrerin.

»Im Süden haben sie schrecklich gewütet«, sagte der Metzger. »Meine Tante ist in ihrem Haus abgeschlachtet worden.«

»Meine Tennislehrerin wohnt auch im Süden«, sagte die Tochter des Bäckers, die zwei oder drei Jahre älter war als Lejla.

»Die kleine Blonde aus Zagreb?«, fragte der Metzger.

Eine weitere Granate ließ den Keller erschüttern. Die Tochter des Bäckers verfiel in ein langgezogenes Schluchzen, das Lejla an das ferne Heulen eines Wolfs erinnerte.

»Der erste, den sie getötet haben, war Zoran«, sagte ihre Mutter zu den anderen. »Den kennt ihr doch. Der aus der Dura Pulića.«

»Der für uns mit Dornen gekrönt worden ist. Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.

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