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Tango für einen Hund

1

Am Anfang war die Musik, klar? Der Typ, der meinte, am Anfang sei das Wort, der hatte definitiv keine Ahnung. Jedenfalls, wenn man mich fragt. Klarer Fall von schlechtem Drehbuch.

Denn am Anfang kommt immer, immer die Musik, zumindest, wenn’s ein guter Film werden soll. Wenn’s ein guter Film werden soll, bleibt die Leinwand für einen Moment noch schwarz.

Dann die Musik. In diesem Fall hier: Ziemlich leise, dann immer lauter werdend. Irgend so ein Westerngeklimper. Pling-Pling. Pling-Pling. Von dem man zuerst noch glaubt, dass es von einer kleinen Glocke kommt. Oder einem Stück Metall, das irgendwo gegen schlägt. Aber dann wird es lauter, und man kriegt mit: Da steckt ja ein System dahinter. Mit Noten und allem. Dann so ein träges, bedrohliches Quietschen von einer Mundharmonika. Noch bevor das Bild einsetzt, merkt man: Das hier wird brenzlig. Ungewöhnlich. Und es spielt nicht in der Stadt, sondern auf dem Land. Auf dem richtig platten Land. Wenigstens in diesem Fall hier. Könnt ihr euch gleich mal drauf einstellen: Das hier ist der wildeste Teil des Westens. Also, wenn wild heißen soll, dass es hier keine richtigen Städte gibt, bloß ein paar Eisenbahnlinien, die das Land durchkreuzen, und nicht besonders viel Bevölkerung, außer ein paar Eingeborenen, einer Handvoll Desperados und ein paar Greenhorns. Die Greenhorns nimmt aber niemand richtig ernst, die sind bloß hierher gezogen, um ihr Glück zu machen, was auch immer das heißen soll. Greenhorns unterscheiden sich von den Desperados, indem sie meistens irgendwas von Landleben faseln. Von biologischem Grünkohlanbau und den Sonnenaufgängen über dem Moor. Die Desperados faseln nie was, fast so wie die Eingeborenen, die ja nie auch nur ein Wort verlieren. Die Desperados, die haben schon vor dem Frühstück eine halbe Flasche Korn intus und wohnen draußen am Waldrand in abgewrackten Wohnwagen. Die sind auch voll back to nature, aber mehr, weil die keine Wahl haben. Die wissen, wie scheiße die Natur sein kann, kalt und nass, jedenfalls hier.

Das hier, haltet euch fest, ist die Lüneburger Heide. Und was hier alles los ist, zeigt gleich die allererste Einstellung:

(Mundharmonika quietscht, leise klimpernde Musik im Hintergrund, ein heiserer Wind kommt dazu.)

Nichts.

Also so richtig: Nichts.

Dazu, im Hintergrund: Plattes Land. Prärie. Nur, dass es hier keine Cowboys und schon gar keine Cowgirls gibt, hier gibt’s bloß ein bisschen dürres Heidekraut, ein paar armselige Schafe und eine winzige Anhöhe in der Mitte. Also keine richtige Anhöhe jetzt, bloß ein Fleck, der nicht ganz so platt ist wie der Rest ringsum und der deswegen von allen Semmenberg genannt wird. Zieht mir jedesmal die Schuhe aus, wenn das jemand ernsthaft sagt. Ehrlich, wenn man im Winter versucht, den runterzurodeln, muss man sich schon verdammt anstrengen, nicht nach hinten wieder hochzurutschen, so anti-steil ist der.

Ganz hinten rechts kann man Semmenbüttel erkennen. Also einen Haufen Strommasten und einen Kirchturm und eine Tangente, auf der aber nie ein Auto zu sehen ist. Warum auch, gibt ja nicht viel zu holen in Semmenbüttel. Gegenüber, fast schon am Horizont, beginnt der Wald. Eine Million Fichten in Reih und Glied, keine größer als die andere, jedes Wildschwein hat eine Nummer, und der Semmenbütteler Jägerverein stimmt jährlich darüber ab, welche Sau diesmal abgeknallt werden darf.

So ungefähr.

Genau an der Grenze zwischen Semmenbüttel und der Heide, da liegt der Heidesee. Den sieht man auch in der Einstellung. Und am Heidesee, da stehen so ein paar total traurige Gebäude rum. Alte Windmühlen und Sägewerke und ein altes Bauernhaus. Soll im Sommer Touristen anlocken. Nur, dass jetzt Sommer ist und keiner da. Tja. Nur vor der neugebauten orthodoxen Kirche stehen ein paar Leute rum. Russen, Baptisten, sieht man gleich. Die Frauen tragen immer knöchellange beige Röcke und Tücher auf dem Kopf, und die Männer dafür so ganz billige Hemden und Hosen mit Bügelfalte.

Etwas abseits von den Windmühlen, dem Bauernhaus und der orthodoxen Kirche steht noch ein Gebäude. Das ist das Altersheim von Semmenbüttel. Und trauriger als das Altersheim von Semmenbüttel ist bloß die Hütte auf seinem Gelände, direkt am See. Na ja, und bei der ersten Einstellung sieht man diese Hütte auch im Bild, ganz klein, im Hintergrund. Die soll wohl charmant oder romantisch aussehen. In Wirklichkeit gammelt die natürlich nur so rum.

Der Wind in unserem Film weht noch immer. Das sieht man daran, dass so ein Steppenläufer durchs Bild rollt. Ihr wisst schon, so ein Busch, total vertrocknet und verreckt, weil es schon seit Ewigkeiten nicht mehr geregnet hat. Spätestens wenn so ein Busch auftaucht, ist klar: Das ist eine ganz miese Gegend. Für Menschen. Für Büsche.

Dann aber, Überraschung: Kameraschwenk. Und jetzt gibt es auch was zu gucken. Jetzt geht nämlich die Handlung los. Und der ganze Käse von wegen Protagonisten vorstellen und foreshadowing. Die Musik ist jetzt auch aus. Nur der Wind weht noch.

Aber nur so laut, dass man mich noch fluchen hören kann. Der Typ da ganz links im Bild, mit dem orangefarbenen Clownskostüm und der Kappe im Nacken, das bin nämlich ich. Und jetzt geht’s los.

2

Ich fluche und ziehe mir meine Kappe in die Stirn.

»Un nu geiht dat los«, ruft Texas Joe rüber, aber ich wehre erfolgreich jeden Impuls ab, mich zu bewegen. Da haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen.

Ich glotze lieber weiter zu der kleinen Hütte hinten auf dem Gelände.

Zu 50 Prozent bin ich mir sicher, dass das die Hütte ist. Also jetzt die Hütte, von der letzten Sommer alle geredet haben. Nonstop. Die Hütte. Jens und Frida. Die ganze Nacht. Ich könnte kotzen.

Irgendwie riecht es plötzlich nach Bifi, aber dann bemerke ich, dass ich bloß auf einem vertrockneten Maulwurf stehe. Hunger bekomme ich trotzdem.

»Ernie!«

Ich tue so, als würde ich nichts hören.

»Ernie!«

Dann stelle ich mir vor, wie der Che gestorben ist: Bam, Bambam, Bambambam, Bambambam, ganz genau neun Schüsse, erst in Arme und Beine, dann erst in die Brust und schließlich in die Kehle. Ein grausamer Tod. So wie ich ihn jedem wünsche, der mich Ernie nennt. Ist in 17 Jahren die beste Taktik, die ich gefunden habe, um nicht total auszurasten. Wenn jemandem eine bessere einfällt, kann er sich gerne bei mir melden: Ernesto Schmitt, Gladiolenweg 24, 38517 Semmenbüttel. Meine E-Mail-Adresse gebe ich nicht raus, dann kommen bloß so E-Mails, wo drin steht, dass ich in der Lotterie gewonnen habe oder dass ich einem nigerianischen Prinzen helfen soll, sein Vermögen zu retten.

»Eeeernie!«

Und ein paar Sekunden später: »Ernestodamminochmol!«

Das ist zwar auch nicht mein Name, aber dieses Mal schaue ich auf. Vor allem, weil die Blätter, die ich gerade zusammenkehre, sich Hilfe geholt haben bei einem Haufen Hundekacke und die Zinken meiner Harke verkleben. Richtig gehört: Meiner Harke. Als gäbe es auf dieser Welt keine Laubbläser, Rechen oder wenigstens professionelle Gärtner, denen man diesen Job aufdrücken könnte. Als gäbe es nur mich und Texas Joe, der schon wieder Pause macht und mich anstiert.

»Ja, Mann«, sage ich. »Was.«

Texas Joe stiert mich immer noch an. »För’n Verbreker büst du bannig langsam.«

Ich betrachte die Blätter. Die Blätter betrachten mich. Dann drängt sich Texas Joe zwischen uns. Sein Atem riecht nach den Käsebrötchen, die mir meine Mutter immer geschmiert hat. Für die große Pause. Und die ich zwei Wochen lang im Ranzen gelassen habe.

»Ich bin nicht langsam«, sage ich. Und in Gedanken füge ich hinzu: Ich bin reaktionär. Aber das sage ich lieber nicht laut. Dann müsste ich es Texas Joe nämlich erklären. Ich hasse es, wenn ich Dinge erklären muss. Oder wenn wer anders Dinge erklärt. Die Sache, die man erklärt, verliert sofort an Bedeutung. Als würde man mit einer Stecknadel in einen Luftballon hineinstechen. Alles Wesentliche macht sich dünn, und zurück bleibt nur ein schrumpeliges Häutchen.

Apropos schrumpeliges Häutchen: Texas Joe heißt gar nicht Texas Joe, sondern Joachim Niendorf, und das einzig Originelle, was ihm in seinem Leben passiert ist, war die Geburt in Groß Oesingen, Ortsteil Texas. Das Kaff heißt wirklich so. Jedenfalls macht mich Joe mit seinem Greisengesicht echt fertig. Das nächste Mal, wenn ich mich zu zweihundert Stunden Sozialdienst verknacken lasse, werde ich auf alle Fälle dafür sorgen, dass ich zu einem richtigen Sklaventreiber komme, keinem, der beinah hundert ist, einen Buckel hat und so einen zentnerschwer belastenden Dackelblick. Und bei dem man froh sein kann, wenn man ihn überhaupt versteht. Klar kann der auch Hochdeutsch. Will der olle Düwel aver nich.

»Schmitt«, sagt Texas Joe. Fast hätte ich mich schon wieder nicht angesprochen gefühlt. Wenn man Ernesto heißt, nennen einen die Leute nicht oft beim Nachnamen.

»Wetst du, woför de hier büst?«

Sicher nicht, um die hohe Kunst der rhetorischen Fragen zu lernen. Oder ordentliches Platt. Ich schweige total souverän. Texas Joes Augenbrauen wandern ein klein wenig in die Höhe, seine hellblauen Pupillen bleiben, wo sie sind. Ich nehme an, das ist sein Standpaukengesicht. Dann weht mich wieder der Käsebrötchengeruch an.

»Buße, Dösbaddel.«

»Nein, Mann«, sage ich. »Gartenarbeit.« Das hatte ich genau gehört. Richter Ohsoling hat zwar genuschelt, war aber trotzdem klar rauszuhören: »Zweihundert Stunden Sozialarbeit« – nuschelnuschel – » Landschaftspflege« – nuschelnuschel – »Niendorf«. Von Buße war da keine Rede. Kein Ton.

»Hebb ick mir allens dörchlest. Hest Füür leggt dröven in’t Möhl. Büst’n schofliger Keerl. ’n Füürpüüster, un dat in dien Öller.«

Er scheint zu überlegen, wie er weitermachen soll, und mümmelt dabei auf dem Stück Knäckebrot rum, das er sich vorhin in den Mund geschoben hat.

»Woför hest du dat egens makt, he?«

Ich gehe einen Schritt nach hinten und nehme meine Kappe ab. »Ich habe kein Feuer gelegt«, sage ich. Schnell versuche ich, mich an die Legende zu erinnern. Ach ja: War zwar alles angeblich meine Schuld, war aber gar nicht so gemeint. Ist bloß so gekommen. Wenn ich das nicht durchziehe, war alles umsonst. Das ganze Training: Wie ich die Geschichte allen erzähle und dabei total glaubwürdig wirke. Und auch ein bisschen durchgeknallt und irgendwie labil. Das kaufen einem die Erwachsenen immer sofort ab. Vor allem, weil ja jetzt sowieso alle wissen, dass ich heimlich in Frida verknallt war. War deshalb, weil’s jetzt nicht mehr heimlich ist. Der Witz ist: Trotz der ganzen Aktion bin ich immer noch in sie verknallt. Und das macht mich zur Witzfigur.

»Wat? Kniepst du nu?«

»Nein. Is’ bloß so, ich weiß selber nicht so genau, wie’s passiert ist. Müssen die Hormone sein.« Ich versuche, ein bisschen durchgeknallt zu klingen, höre mich aber bloß an wie einer aus so einer total schlecht gespielten Daily Soap. Da kommt mir aber schon jemand zu Hilfe. Im Erdgeschoss des Altersheims steht eine alte Frau am Fenster, bestimmt zum dritten Mal heute, und winkt uns zu.

»Ihre Verehrerin«, sage ich. Texas Joe zögert, dann schaut er tatsächlich rüber. Der Sklaventreiber wird fahrig, zieht seine Mütze vom Kopf und wischt sich die Hände an der Hose ab. Dann winkt er zurück. Original wie ein Fünftklässler. Zum Totlachen.

»Ach, dat Frollein Mettmann«, sagt Texas Joe.

Da hätt’s mich beinah umgehauen: Frollein Mettmann. Frollein Mettmann ist mindestens neunzig Jahre alt und trägt beige Rüschenkleider, dass man meinen könnte, im Semmenbütteler Altersheim wird gerade irgendein Historienschinken gedreht. In gewisser Weise stimmt das ja auch. Bloß ohne Kamera. Und ohne Script.

Eigentlich dachte ich ja, mit dem Alter verschwindet die Schüchternheit irgendwie, so wie das Gedächtnis oder das Zahnfleisch. Aber sie bleibt, und das ist eine schlechte Nachricht. Denn wenn ich mir den Niendorf so anschaue, scheint seine Verklemmtheit noch gewachsen zu sein. Wie seine Nase. Oder seine Ohren. Biologie ist eine Bitch. Plötzlich stelle ich mir vor, wie Texas Joe an Fräulein Mettmann rummacht. Manchmal macht mein Gehirn so was. Ich schwöre, ich habe damit nichts zu tun. Mein Gehirn ist einfach pervers. Und wer leidet am meisten darunter? Ich. Vielleicht hätte Richter Ohsoling mich besser nach Prinsenloh geschickt.

Prinsenloh ist ein Kaff ein paar Kilometer weiter weg, und die Klapse dort soll eine der schlechtesten der Bundesrepublik sein, das haben die in der Schule bei Papa immer gesagt, und die müssen es wissen. Von Papas hundert Förderschülern war bestimmt schon über die Hälfte mal in der Klapse, aber gebracht hat es nicht wahnsinnig viel, kann man ja schon daran sehen, dass die immer noch auf seine Schule gehen müssen.

Nach Prinsenloh, hat Papa einmal gesagt, komme er bestimmt auch einmal, aber mehr wegen mir als wegen seinen Schülern.

Ich glaube, das war, als ich bei den JuLis eingetreten bin, aber ganz sicher bin ich mir da gerade nicht. Die FDP jedenfalls, das sagt Papa auch, die ist noch schlimmer als Prinsenloh, aber was heißt das schon von jemandem, der seit dreißig Jahren Mitglied der DKP ist. Und der seinen Sohn Ernesto genannt hat.

Wahrscheinlich hat wirklich nicht viel gefehlt, und ich wäre in Prinsenloh gelandet. Dann hätte ich denen jeden Tag fünfmal alles erzählen dürfen. Also warum ich denn nun genau in der Mühle den Joint geschmissen hatte, ob ich irgendwie lebensmüde wäre oder vielleicht doch gemeingefährlich. Und irgendwann wären die bestimmt draufgekommen. Dass das alles gar nicht stimmt, meine ich.

»Ick sull woll beter mol …« Herr Niendorf kratzt sich an der Stirn. Die ist gerötet, da, wo vorher die Mütze drüberlag.

»Klar«, sage ich. »Unbedingt. Die ist ganz scharf auf Sie. Gehen Sie hin und bringen Sie ihr Pralinen. Oder ’n Gedicht.«

Da schaut er aber schon wieder zu mir rüber, es ist, als würde er aufwachen und sich seiner extrem wichtigen Position als Sklaventreiber bewusst werden. Er dreht sich um seine Achse, schneller, als man es ihm zutrauen würde.

»Dat allens, Schmitt« – er zeigt vom Altersheim runter zum Heidesee und weiter nach hinten zu den Windmühlen – »mutt du meihen. De Rabatten geten. Un de Aantenhütt püükfein feudeln. Den Steg schrubben. Dat Reet utrieten. Givt rieklich to doon.«

»Entenhütte mach ich aber nicht«, sage ich gleich. Schnell überlege ich, ob man gegen Entenscheiße allergisch sein kann. Aber gegen Federn doch bestimmt. Verdammt, ich weiß es nicht. Was ich jedenfalls weiß, ist, wie es in so einer Federviehhütte stinkt. Und das habe ich nicht verdient. Nicht mal ich.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist Viertel vor zehn. Das sind keine guten Neuigkeiten. Denn von zweihundert Stunden sind erst fünfzehn Minuten um. Also doch Buße, denke ich, und harke wieder in den Blättern herum. Warum auch nicht. Bin zwar kein Krimineller. Aber ein Gehirnamputierter. Und wer hat’s mir amputiert? Frida.

Frida und Ernesto. Mit uns hätte es so ein gutes Ende nehmen können. Zum Beispiel in Acapulco. An der Copacabana. Irgendwo. Aber statt einem guten Ende gab es eine fette Mehlexplosion in der Semmenbütteler Mühle. Und alles, alles, was ich für diesen Sommer geplant hatte, fuhr zur Hölle.

3

Der Plan war nämlich: Südamerika. Also jetzt kein Selbstfindungstrip oder so, nein, eine knallharte Doku, ganz ohne Romantik, Panflötenmusik und Kondore am Himmel. Das ganz einfache und stinknormale Leben der ganz einfachen und stinknormalen Leute. Und wer hätte sie gedreht? Ich, Mann. Diese Doku hätte mich nämlich in die Filmhochschule bringen sollen. Und weil Südamerika erst mal so was von auf Eis liegt, ist hier der einzige Film, der gerade läuft, der in meinem Kopf. Ich brauche ein neues Thema. Einen neuen Inhalt. Leider wachsen neue Drehbücher nicht auf Heidekraut.

Ach ja, falls ich das noch nicht gesagt habe: Ich bin Regisseur. Weil aber alle bloß denken, das wäre so ein postpubertäres Gequatsche, muss ich noch dieses Studium durchziehen. Hat nämlich keiner geglaubt, dass ich das wirklich packe: mich bei der Filmhochschule zu bewerben. Nicht mal meine eigenen Eltern. Der erste Schritt war so einen Kurzfilm einsenden, fünf Minuten, freies Thema. Zack, Kamera eingepackt, raus zum Schlachthof, bisschen auf dem Gelände rumgegurkt, zack, Film im Kasten. Meine Eltern dachten, damit wäre das Thema erledigt.

Bis kaum eine Woche später ein Brief von der Filmhochschule bei uns im Briefkasten lag. Und das konnte nur eines heißen: einen Schritt weiter. Die Filmhochschule, das ist nicht einfach irgendeine. Das ist die Filmhochschule. Da, wo sie alle hinwollen. Jeder picklige Teenager, der sich zehnmal hintereinander »Fight Club« angeguckt hat, der Indiana Jones besser kennt als seinen eigenen Vater und der jeden einzelnen Satz bei »Star Wars« mitsprechen kann. Also wirklich jeden, nicht bloß These are not the droids you’re looking for. Den kennt sogar Frithjof, mein bester und einziger Freund. Der hat sich sein Gehirn so gründlich mit Gras abgeschossen, dass er sich sonst gar nichts merken kann. Also so richtig nichts. Nada. Ich bin da aber tolerant. Okay, Frithjof merkt sich zwar nie was, also auch nicht Verabredungen und Versprechen, dafür vergisst er aber auch, wenn man ihn irgendwie verarscht oder sitzengelassen hat. Frithjof will übrigens nicht an die Filmhochschule. Frithjof will zum Bund, weil der Sold ziemlich hoch ist. Jedenfalls, wenn man ins Ausland geht. Er meint, mit seiner Vergesslichkeit extrem gegen Kriegstraumata gefeit zu sein.

Ich glaube ja nicht, dass er es ernst meint. Allerdings ist das mit dem Bund so ziemlich das Erste, was er nicht nach kurzer Zeit wieder vergessen hat. Keine Ahnung, wie er das Abitur geschafft hat. Ich tippe auf ein paar verdammt ausgefeilte Tricks, aber über die hat er nicht mal mit mir gesprochen.

Woher ich eigentlich direkt wusste, dass der Umschlag im Briefkasten eine Einladung war und kein Tritt in die Eier? Timing, Mann. So früh kriegen nur die Auserwählten eine Rückmeldung. Um die Flachpfeifen, die es nicht gepackt haben, kümmern die sich erst, wenn sie sonst nichts mehr zu tun haben. Die setzen Prioritäten.

Der Brief, die Explosion, die Sozialstunden und Texas Joes Entenscheiße, das hängt alles miteinander zusammen. Der Brief kam nämlich genau an dem Tag an, über den der Heidebote später schreiben sollte: »Fegefeuer über Semmenbüttel«. Fegefeuer war natürlich übergeigt.

Ich wohne übrigens noch bei meinen Eltern. Aber bevor jetzt einer lässig drüber herzieht: Erstens war die Abiturverleihung erst letzten Monat, und zweitens bin ich mit 17 der Jüngste des gesamten Jahrgangs gewesen. Ich bin nämlich schon mit fünf eingeschult worden. Geburtstag an Silvester, sag ich nur. Egal. Aus großem Leid entstehen große Geschichten.

Abgesehen davon verfolge ich kostenmäßig eine knüppelharte Mischkalkulation. Und die sieht so aus: Wer so viel Geld für Technik ausgibt wie ich, kann verdammt wenig für einen Umzug oder für Miete aufwenden. Also im Prinzip gar nichts. Da kann man bei Autoteile Schotterprökel soviel aushelfen wie man will, bei dem Stundenlohn kommt einfach nicht viel rum.

Eigentlich hatte ich meiner Mutter versprochen, als Mietersatz den Rasen vor ihrer Praxis zu mähen, aber seit ich die Pfingstrosen neulich direkt in den Rasen eingemeindet habe, besteht sie nicht mehr darauf.

Ach ja: Meine Mutter ist die einzige Heilpraktikerin in Semmenbüttel. »Claudia Schmitt, Heilpraktikerin«, steht bei uns direkt in Großbuchstaben neben der Haustür, und darunter, etwas kleiner: »Die Magie der Kräuter«. Das mit der Magie habe ich anfangs für einen lahmen Werbegag gehalten. Dass meine Alte ihre Kunden tatsächlich in andere Sphären katapultieren kann, hab ich erst viel später rausgefunden. Hauptsächlich fertigt sie Kräutermischungen an und Rindensude und Blütenpillen, und wer zu ihr in die Praxis geht, der muss sich darauf gefasst machen, dass die Beschwerden erst mal schlimmer werden. Das sagt sie immer gleich zu Anfang. Bei wie vielen Patienten die Beschwerden danach wieder besser werden: keine Peilung. Aber anscheinend genug, dass die Kasse klingelt. Mein Vater hatte nämlich wieder damit angefangen, Witze darüber zu machen, dass er ja jetzt nicht mehr der Mann im Haus sei, weil, meine Mutter würde ja mehr verdienen als er. Womit er glasklar seine Theorie selber bewiesen hätte, denn kein Typ mit Arsch in der Hose würde je sagen, dass er nicht mehr der Mann im Haus sei.

Mein Vater ist Lehrer. Er selber glaubt, er wäre heilig, weil er kein berühmter Entdecker oder Forscher oder was weiß ich geworden ist, sondern sich geopfert hat und an der Semmenbütteler Förderschule unterrichtet.

Und seine 8b, die macht ihn echt zum Märtyrer. Zusammen genommen haben die einen IQ von maximal 50, aber was denen an Grips fehlt, machen sie durch Kreativität wieder wett. Keine schlechte Strategie.

Jedenfalls kam der Brief an, als wir gerade frühstückten. Frühstück heißt bei mir Kaffee schwarz mit drei Löffeln Zucker, und bei meinen Eltern Körner. Aber nicht die normalen aus dem Supermarkt, sondern die vom Reformhaus, die über Nacht quellen müssen und dann am nächsten Morgen extra-eklig sind. So welche.

Und weil meine Mutter darauf besteht, dass wir gemeinsam frühstücken, muss ich meinen Eltern dabei zusehen, wie sie dreißigmal kauen, bevor sie runterschlucken. Fegefeuer? Jeden Morgen bei uns am Frühstückstisch.

Mein Vater, aufgescheucht vom Postauto, ließ kurz die Körnerkelle in seine Vorzugsmilch fallen, zog den Brief zusammen mit einer apokalyptischen Stinklaune aus dem Briefkasten und platzierte beides auf der speckigen Holzplatte, ziemlich genau dort, wo ich als kleiner Junge ein Hakenkreuz reingeritzt und er die Stelle daraufhin so lange abgeschmirgelt hatte, bis man fast den Küchenboden darunter sehen konnte.

Stinklaune deshalb, weil sogar meinem Vater direkt einleuchtete, was der Brief bedeutete. Jetzt würde sein einziger Sohn bestimmt nicht irgendwelche arme Waisen unterrichten oder Dörfer wiederaufbauen, Fußballcamps leiten oder sich irgendwie politisch engagieren. Stanley Kubrick statt Mutter Teresa. Quentin Tarantino statt Albert Schweitzer. David Fincher statt Rudi Dutschke. Sohnemann goes to Hollywood. Falls nicht, habe ich übrigens noch einen Plan B. B wie Bestrafung, deshalb habe ich mich gleichzeitig für eine Ausbildung bei VW beworben. Wenn ich mich schon selber hassen muss, dann richtig. Davon weiß aber niemand was, und das soll auch schön so bleiben.

»Jaa-haaa«, sagte mein Vater und wackelte dabei mit den Fingern, was bestimmt irgendwie patriarchalisch wirken sollte, aber in Wirklichkeit sah es bloß so aus, als hätte er spontan einen Parkinsonschub bekommen. »Na, das ist ja prächtig.«

Ich schnappte mir den Brief und begann ihn so langsam wie möglich zu öffnen. So richtig aufreizend. Nie wurde ein Brief sorgfältiger aufgemacht.

»Was ist prächtig, Schätzchen?«, wollte meine Mutter wissen. Sie hatte sich den Mund mit Körnern vollgeladen und tastete immer wieder nach dem Handtuch auf ihrem Kopf. Wenn sie abgelenkt ist, kriegt sie nie mit, ob ich oder mein Vater mit ihr reden. Da ist so eine Macke von ihr. Und in dem Moment schaute sie Fernsehen, auch wenn wir eine Familie sind, die so was eigentlich nicht macht. Also, Fernsehgucken beim Frühstück. Habe ich nie kapiert, warum meine Eltern neben dem Fernseher im Wohnzimmer eine Extrakiste in der Küche aufgestellt haben. Von der Pracht bewegter Bilder sollte man sich niemals durch Körner oder Gemüseeintopf ablenken lassen.

»Ja, was ist denn prächtig, Schätzchen?«, imitierte ich ziemlich professionell ihre Stimme, aber mein Vater antwortete nicht. In solchen Momenten findet er sich extrem souverän.

»Ernesto, da läuft was für dich«, sagte meine Mutter und zeigte mit dem Löffel auf den Fernseher. »Die Motorcycle Diaries. Schau doch mal, Argentinien. Wie viele Jahre ist das jetzt her?«

Damit war wieder mein Vater gemeint, und klar war die Frage total lächerlich, weil garantiert kein Jahr ohne Mitzählen verging. Sonst hätten die mir ja nicht 50000 Mal von ihren Reisen erzählen können. Und alles nur, weil sie ihr Leben nicht unter Kontrolle gehabt hatten. Leute mit Mumm hätten logisch irgendetwas total Erfolgreiches in Südamerika aufgezogen. Das Leben nach ihren Vorstellungen geformt. Aber meine Alten hatten es nicht gepackt. Das Einzige, was ihnen geblieben ist, sind ihre Erinnerungen und ein Sohn mit beknacktem Namen. Herzlichen Glückwunsch.

Für alle, die es nicht wissen: »The Motorcycle Diaries«, das ist die Verfilmung von Che Guevaras Reisetagebuch.

Schon nach drei Minuten leuchtete mir ein, dass der Film direkt in die Tonne gehörte. Nicht bloß, weil er meiner Mutter gefiel. Man lässt zwei verrückte Typen auf einem schrottreifen Motorrad durch Südamerika heizen, und dann zeigt man nichts anderes als schneebedeckte Gipfel und dröhnige Fjorde? Das ist ganz schön arm. Erkenne deine story, Mann.

»Mutter«, sagte ich, »so was gucke ich nicht. Ich gucke nur gute Filme. Und das da, das ist Kitsch. Bizarro-Pilcher.«

»Der da«, sagte meine Mutter und zeigte mit ihrer Körnerladung auf den Fernseher, in dem gerade groß und breit Ernesto Che Guevaras Fresse gezeigt wurde, »der da hatte immerhin Ideale. Einen Plan. Der wollte die Welt verändern. Was willst du eigentlich? Also, außer mit Frithjof auf dem Sofa rumhängen?«

»Vielleicht werde ich ja Dealer? Soll ziemlich lukrativ sein.«

Ich hörte, wie mein Vater für einen Moment aufhörte zu kauen. Weil, und jetzt kommt das, was ich vorhin schon erzählen wollte: In unserer Familie gibt es ein hochkomplexes diplomatisches Gefüge. Ein bisschen wie bei den Vereinten Nationen, nur mit weniger Leuten. Das Ganze ist extrem zerbrechlich und funktioniert nur, wenn sich alle schön an die Charta halten. Und der Inhalt der Charta lautet: Fresse halten. Jeder weiß hier nämlich von jedem etwas, das er lieber nicht wüsste. Beziehungsweise, was extrem nützlich ist, man braucht ja irgendein Gegengewicht für das Wissen des anderen. Sonst gerät das ganze Konstrukt aus dem Lot. Ach ja, die Verschlussakte meiner Mutter: Frau Claudia Schmitt, Heilpraktikerin, verdient einen ziemlich großen Teil ihres Einkommens damit, Patienten mit chronischen Schmerzen Gras zu verticken. Hab ich rausgefunden, als ich einmal ziemlich grundlos in ihrem Kräuterschrank gewühlt hab, so vor ein, zwei Jahren. War eine ganz schöne Überraschung, vor allem für meine Mutter. Die kam gerade in ihre Praxis rein, kaum, dass ich das Zeug auf meiner Handfläche verteilt hatte und noch überlegte, ob es wirklich das war, wofür ich es hielt. War es. Und weil das ja illegal ist und auch ziemlich Banane, musste ich versprechen, meinem Vater nichts davon zu verraten. Und wie ihr euch vorstellen könnt, hat meine Mutter gegengewichtsmäßig ziemlich viel in der Hand, vor allem von dem einen Mal, als sie mich mit Frithjof überrascht hatte. Wir waren da gerade sieben oder so, klar, das hatte überhaupt nichts zu bedeuten. Mütter sollten einen nicht erpressen dürfen.

Das alles lief parallel in meinem Kopf zu diesem erbärmlichen Motorcycle-Film. Und alle paar Sekunden: Che Guevaras Visage in Nahaufnahme. Natürlich war das gar nicht der Che, sondern bloß der Schauspieler, der ihn spielte, aber das musste ich schon zugeben, der sah ihm ziemlich ähnlich. Ganz anders als ich, übrigens. Ich sehe ungefähr so aus wie Frithjof. Aber weil jetzt niemand weiß, wie Frithjof aussieht, kapiert auch keiner, wie radikal diese Aussage ist. Das heißt nämlich im Klartext, dass ich eine ziemlich blasse Bohnenstange bin, obendrauf matschfarbene Haare, und mitten im Gesicht, seien wir ehrlich, eine übergroße Kartoffelnase. Mann, Frithjof ist echt ziemlich hässlich.

»Werd bloß nicht übermütig«, sagte meine Mutter. Jetzt sah sie schon aus wie Harry Potter, weil das Henna so zick-zack-mäßig über ihre Stirnfalten lief. Mein Vater tat so, als hätte er von allem nichts mitbekommen, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass er über alles Bescheid weiß, genau wie ich oder meine Mutter.

Verschlussakte meines Vaters: Angeblich ist er ganz großer Kommunist und Globalisierungsgegner, seit Jahr und Tag, standfest in Glauben und Überzeugung. Na ja, fast. Seinen Colavorrat hortet er in einem Verlies im Keller. Das weiß ich übrigens, weil ich mir mal den Schlüssel habe nachmachen lassen. Nur für den Fall, dass mein Vater da alles für seinen Exitus vorbereitet. Eine Zeitlang war der nämlich echt ziemlich mies drauf, und weil der Vater einer Klassenkameradin sich zu der Zeit im Keller aufgehängt hatte, bin ich proaktiv geworden. Passiert mir manchmal.

Vielleicht hätte ich es ja meiner Mutter gesteckt, und die hätte ihm dann einen Joint drehen können gegen seine suizidale Verstimmung. Aber wie gesagt, war ja bloß Cola.

»Muss das viele KOFFEIN sein«, sagte ich, und grinste meinen Vater an. Wenn schon diplomatischer Super-GAU, dann richtig. »Und was ich eigentlich will?«, wiederholte ich die Frage meiner Mutter. »Filme machen. Die Leute umhauen. Aber mit Dialogen und Einstellungen, nicht mit ’ner Ladung Gewehrkugeln.«

Für einen Moment vergaß sie sogar, an ihrem Handtuch zu zupfen, weshalb es verrutschte und ein bisschen blutroter Henna-Schnodder ihre Stirn hinunterlief. Als hätte man sie skalpiert. Was zugegeben gar nicht so uncool aussah. Meine Mutter hat echt ein Auge für Spezialeffekte. Sofort nahm ich mir vor, ihr später während einer meiner Oscar-Preisverleihungen für die vielen Inspirationen zu danken.

»Auf dem Sofa rumliegen, Filme machen – ist das ein vollwertiges Lebenskonzept?«, erkundigte sich mein Vater, anscheinend hatte er schon die Platte für seine 8b aufgelegt. Vollwertig. Als ob ich ein Dinkelbrot wäre oder eine Packung Müsli. Wenn so was kommt, ignoriere ich ihn immer und versuche gleichzeitig Verachtung durch meine Poren zu transpirieren. Von jemandem, dessen Lebenskonzept vorsieht, Gehirnamputierte zu unterrichten und seiner Familie vorzuspielen, er sei total konsequent und unumstößlich in seinen Überzeugungen, von dem lasse ich mir gar nichts sagen. Und weil ich plötzlich so gar keine Lust mehr auf das Familientheater hatte, zog ich den Brief endlich aus dem Umschlag und ließ die Bombe platzen.

»Eine Runde weiter«, sagte ich und überflog den Brief, in dem neben einer Menge Geschwafel bloß drin stand, dass der Titel des Bewerbungsfilms »Über Land« lauten sollte.

Kurzfilm, Doku, Spielfilm, schnurz. Über Land. Ich spürte, wie sich mit Lichtgeschwindigkeit ein Wurmloch in meinem Hirn breitmachte.

»Über Land«, sagte mein Vater. In seiner Stimme lag Anerkennung. Ich wette, den Titel hat sich ein alter Sack ausgedacht, sonst hätte er meinem Vater nicht so gefallen. »Von so was hast du doch keine Ahnung.«

»Ich hab von allem Ahnung«, sagte ich extrem souverän, als ich das Wurmloch wieder halbwegs unter Kontrolle hatte. Plötzlich spuckte es nämlich ein Wort aus, das sich langsam um die eigene Achse drehte und sich mir dann präsentierte.

»Ach ja?«, wollte mein Vater wissen. »Und über welches Land wirst du einen Film drehen?«

»Argentinien, Mann.«

4

Jetzt habe ich aber immer noch nicht erzählt, was es genau mit Südamerika auf sich hat.

Südamerika, das war für mich lange das ausgestopfte Krokodiljunge in unserer Wohnzimmervitrine. Es hörte auf den Namen Baby. Baby war ungefähr einen Meter lang, und wäre es auch nur einen Zentimeter länger gewesen, hätte es schon nicht mehr in die Vitrine gepasst. Babys Haut war überhaupt nicht babymäßig, sondern richtig braun und rau, und wenn man mit der Hand schnell genug über seinen Rücken fuhr, konnte man sich sogar daran verletzen. Weil der Präparator die Glasaugen irgendwie schlampig eingesetzt hatte, guckte es etwas wahnsinnig, und abgesehen davon hatte es 62 scharfe Zähne, die ihm überbissmäßig aus der Fressleiste ragten. Baby war meine erste große Liebe.

Leider wohnte es mit jeder Menge Privatsphäre in dem Teil der Vitrine, der nicht verglast war, dafür aber über ein winziges Schloss verfügte. Und den Schlüssel zu dem Fach hatte, klar, mein Vater.

Neben Baby lagerten in dem Fach nämlich ebenso »wichtige Dokumente«, so hieß es jedenfalls, auch wenn ich meinen Arsch darauf verwettet hätte, dass es sich bei den wichtigen Dokumenten bloß um ein paar alte Flugtickets und Eintrittskarten in Museen und Nationalparks handelt.

Die Vitrine war gewissermaßen der Altar meiner Eltern. Und damit das allen, die das Wohnzimmer betraten, sofort einleuchtete, hing direkt daneben ein eingerahmter Wahlspruch: Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren. Von Che Guevara, falls das jetzt nicht klar sein sollte.

Einmal in der Woche wurde bei uns die Vitrine geöffnet, und dann ging die Anbetung los. In der Vitrine lagerten nämlich ganz besondere Reliquien: die des Lebens meiner Eltern, bevor sie nach Semmenbüttel gezogen waren. Und dieses Leben hatte sich zu großen Teilen in Südamerika abgespielt, genauer gesagt in Argentinien. Ziemlich viele aus der Familie meines Vaters waren vor langer Zeit dahin ausgewandert.

Aber nicht, dass jetzt alle denken, dass das Nazis waren und sie deshalb abgehauen sind. Nein, Mann. Das war viel früher, keine Ahnung, irgendwann vor hundert Jahren. Sie sind deshalb abgehauen, weil sie’s hier nicht mehr ausgehalten haben. Leuchtet mir unmittelbar ein. Aber abgesehen davon, dass das hier die Lüneburger Heide ist und das schon Grund genug, waren die auch total arm, damals. Ganze Dörfer sind geschlossen ausgewandert. Und als junger Mann hat mein Vater deren Nachfahren dann besucht. Auf einer seiner Reisen hat er meine Mutter kennengelernt. Wie genau, wollte er nie so richtig erzählen. Fand ich als kleiner Junge natürlich spannend. Bunte Tontöpfe von irgendwelchen Indianern, büschelweise getrocknete Blätter und Blüten, Trinkkelche und Dutzende von Büchern und Heften mit kleiner Schrift, überall Unterstreichungen und Ausrufezeichen.

Auf einem, daran kann ich mich gut erinnern, war das Gesicht von einem schnieken jungen Kerl. Der hat mich extrem beeindruckt, mit seinem festen Blick und der lässigen Frisur. Drunter stand dick und fett: Ernesto Che Guevara. Da war ich dann etwas weniger beeindruckt, damit kannte ich mich schließlich aus: Wenn man Ernesto heißt, ist man direkt weniger geschmeidig. Dann ist man eher verdruckst und steht zur Strafe dafür, dass man der Jüngste und der mit dem beknacktesten Namen ist, in der großen Pause mit den Freaks und den Intelligenten rum. Ich glaube, wenn der Kerl Lasse Benthoff geheißen hätte, hätte ich das Buch sogar gelesen.

So oder so war Baby interessanter als alles andere. Es war von meinem Vater auf seiner soundsovielten Reise nach Südamerika mitgebracht worden. Der war einen Fluss hochgereist, in Argentinien jetzt, bis hinauf zur brasilianischen Grenze. Und weil es da oben keine Hotels gab, schlief er in einer Mission, so richtig mit Mönchen und allem. Und einer von denen, der hatte ein ziemlich schräges Hobby, der stopfte nämlich Dschungeltiere aus und verscherbelte sie an Touristen. Alles natürlich im Namen des Herrn. Amen.

Meine Mutter hasste Baby. Hauptsächlich, weil es hässlich wie Bolle war, aber auch, weil es für den Raubbau an der Natur stand und überhaupt handelt es sich noch dazu um ein Jungtier.

Das zog mir echt die Schuhe aus: Wie sollte denn bitte ein ausgewachsenes Krokodil bei uns in die Vitrine passen? Das hätte wahrscheinlich noch nicht mal im Wohnzimmer Platz gehabt, also, höchstens gequetscht und diagonal übers Sofa hinweg, aber dann hätte man beim Kaffeetrinken immer ein Stück Krokodil in der Tasse hängen gehabt, und das wäre meiner Mutter dann auch wieder nicht recht gewesen.

Einmal, da war ich bestimmt zwölf, hatte mein Vater den Schlüssel zu dem kleinen Fach aus Versehen stecken lassen. Und das war die Gelegenheit, Jens und Ole und Henner aus dem Neubaugebiet zu beeindrucken. Jens und Ole und Henner, oder kurz: die Bande.

Ich wusste, dass Jens mit einer toten Tarantel in einem Glas rumlief und Ole ständig damit angab, die Haut von einer Ringelnatter bei sich auf dem Schreibtisch liegen zu haben. Aber, Alter: Ein echtes Krokodil? Das würde denen die Tränen in die Augen treiben. Und mich mit einem Schlag zum Pascha machen.

Die Bande war es übrigens, die mich und Frithjof netterweise auf die Beklopptheit unserer Namen, unserer Eltern und unserer Existenz im Allgemeinen aufmerksam gemacht hatte. Und weil wir alle auf dieselbe Grundschule und dieselbe Gesamtschule gingen, mussten wir uns wenigstens nicht auf verschiedene Flachwichser einstellen. Und weil nur eines schlimmer gewesen wäre, als zusammen mit Frithjof loszufahren – nämlich alleine –, bin ich halt vorher bei ihm vorbei. Der war eh total scharf auf Baby. Als der hörte, dass wir zu Jens fahren und einen auf Crocodile Dundee machen würden, war der sofort dabei. Frithjof ist manchmal gar nicht so übel. Und so machten wir uns zusammen mit Baby im Gepäck auf den Weg ins Neubaugebiet.

Die Bande lungerte vor Jens’ Elternhaus herum. Als ob sie geahnt hätten, dass es gleich mächtig was zu gucken geben würde.

Jens war da, logisch, Henner auch und Ole – und noch jemand stand da, aber weil mir in dem Moment ein dämlicher Busch ins Blickfeld wuchs, konnte ich nichts Genaueres erkennen. Frithjof trat in dem Moment, als er die Bande sah, langsamer in die Pedale. Plötzlich hatte er so einen verdrucksten Gesichtsausdruck bekommen, als hätte er gerade bei Herrn Rieker in Mathe vorrechnen müssen.

»Alter,« flüsterte er ganz heiser, »warum sind wir noch mal hier?«

»Halt’s Maul«, sagte ich, aber dann hatte ich keine Zeit mehr, ihn weiter zu beruhigen. Als wir nämlich schon fast vor dem dicken VW-Phaeton in der Einfahrt angekommen waren, sah ich, dass es Frida war, die da gegen die Wand lehnte. Und da wäre ich beinahe umgedreht. Frithjof sowieso, der wäre am liebsten im Boden versunken. Mädchen geben dem immer den Rest.

Frida: hellblonde gewellte Haare, rosafarbenes Kleid, dürre, braun gebrannte Beine. ’ne Bombe, auch wenn wir damals nicht so genau wussten, warum. Umkehren ging also nicht. Ich spürte das Gewicht des Rucksacks auf meinem Rücken. Das Blut in meinen Adern. Den Wind in meinem Gesicht.

Irgendjemand rief: »Die zwei Spacken aus dem Blumenviertel!«, aber das perlte total an mir ab. Strenggenommen wohnte ich ja sowieso im Musikerviertel, auch wenn Gladiolen nicht wirklich Instrumente sind.

Ich hielt genau vor Jens. Die Bremse quietschte, der Kies spritzte, kurz, der Auftritt meines Lebens.

»Hi Spiderman«, sagte ich. Das hatte ich mir vorher zurechtgelegt. Plötzlich kam ich mir unendlich stark vor. Wendig. Überlegen. Muskulös. Krokodilesk.

Henner und Ole grölten und zeigten auf meinen Rucksack.

»Was ’n das, Alter«, sagte Ole. »’n Baguette?«

»Quatsch«, fiel Henner ihm da ins Wort. »Sind doch Füße dran, Mann, hast du schon mal ’n Baguette mit Füßen gesehen?«

Und das war dann mein Stichwort. Keiner hat je schneller seine Pistole gezogen als ich mein Krokodil. Und für eine Sekunde haben Jens, Ole und Henner auch ganz schön beeindruckt Baby angestarrt. Und Frida hat mich angeguckt und gelächelt.

Dauerte leider bloß eine Sekunde oder eben so lange, bis sich Schatzi, der Rottweiler von Jens’ Eltern, von seiner Leine losgerissen hatte und auf mich zusprintete. Bevor das Vieh mich zerfleischen konnte, steckte ich ihm Baby in den Rachen. Jedenfalls, Babys erste Hälfte. Die, wo der Kopf dran war. Schatzi verbiss sich, knurrte, aber ich ließ nicht los. Ich zerrte solange weiter an Baby herum, bis es abbrach und wirklich total baguettemäßig aussah. Frithjof heulte laut auf und stürzte sich auf Schatzi, und das war das Mutigste und Radikalste, was er in seinem Leben je gemacht hatte. Aber es war zu spät. Babys vordere Hälfte war unwiederbringlich verschluckt worden. Schatzi schüttelte sich kurz, Frithjof knallte auf den Boden, wo er total heldenhaft ein paar Kieselsteine aufsammelte, sie Schatzi ins Fell brannte und schrie: »Verdammt, das Teil gehört Ernestos Eltern!!«

Was den Rottweiler nicht interessierte. Krokodil war anscheinend seine Leibspeise, denn er spuckte nicht mal Babys Glasaugen aus. Bevor er sich aber Babys restliche fünfzig Prozent schnappen konnte, kam Jens’ Vater angerannt, nahm die Bestie an die Leine und gab ihr ein paar lobende Klapse. Dann schaute er überrascht auf Frithjof, der immer noch auf dem Boden lag.

»Alles in Ordnung, Sportsfreund?«

Frithjof stand auf, total rot im Gesicht, und murmelte irgendwas von wegen Speckgondel und Tierschänder, aber das hat niemand außer mir gehört, weil, wenn der Frithjof sich schämt, dann redet der ganz leise.

Jens, Hennes und Ole kriegten sich gar nicht mehr ein. Keine Ahnung, ob hauptsächlich wegen Baby oder der Tatsache, dass Frithjof voll am Flennen war.

»Alter«, sagte Jens, drehte sich zu mir und bekam vor Lachen fast keine Luft mehr, »Alter, deine Eltern bringen dich um.«

Das ist übrigens eine Sache, über die ich mit meinem Vater bis heute nicht spreche. Baby ist so was wie ein Tabu zwischen uns geworden, auch wenn meine Mutter die ganze Aktion mit dem Rottweiler gar nicht so uncharmant fand. »Benedikt«, meinte sie bloß zu meinem Vater, »das ist der Lauf der Natur. Krokodile werden geboren, Krokodile werden gefressen.«

»Nur in einer verkommenen Welt werden Krokodile von Rottweilern gefressen«, sagte mein Vater, und damit war das Thema Baby für ihn erledigt. Für mich aber nicht. Dank Baby habe ich Schatzis irren Angriff überlebt, und deshalb ist Baby, oder das, was von ihm übrig ist, mein Totem.

5

High Noon. Unser Held hat gegen die Autorität aufbegehrt und sein orangefarbenes Clownskostüm abgelegt, in dem er sonst wie ein Fischfilet gedünstet worden wäre. Zoom auf sein Gesicht: Schweiß perlt männlich seine Schläfen hinab, der Mund ist verächtlich verzogen. Hundert Meter von ihm entfernt steht ein orangefarbener Greis. Der blickt ab und zu hoch und mustert unseren Helden. Die Spannung ist kaum zu ertragen. Wird Texas Joe versuchen, den Helden wieder in das Kostüm zu zwängen, seinen makellosen, athletischen Zivilkörper in den eines Zwangsarbeiters in Zwangsarbeiterkluft verwandeln? Keiner bewegt sich. Keiner blinzelt. Nur die Sonne schert sich nicht um Konventionen und brutzelt munter vor sich hin.

»Ey Mann«, rufe ich schließlich zu Texas Joe rüber. »Schon mal was von Siesta gehört?«

»Nee«, sagt Texas Joe. »Aber nu geih ick Middag eten un’ n bisken dösen, un du, du makst hier propper wieter. Dat Reet bei de Aantenhütt sull futsch. Eerst mutt du dat afsnieden, dann an den Worteln utrieten. Hanschen hebb ick dir ja geven. Dann man tau. Un dat de ja keen Tügs nich makst.«

Ich schaue ihn an wie ein Auto.

»Was haben Sie mir gegeben?«

»Handschuhe, Herrgott.«

Texas Joe und sein Platt verhalten sich total linear zueinander. Je platter der Joe, desto platter sein Platt. Kurz vor der Mittagspause könnte ich schwören, dass er das meiste davon gerade erfindet.

Immerhin ist er davon abgekommen, mich Ernie zu nennen, was die Situation zwar nicht direkt besser macht, aber immerhin erinnert er mich damit nicht ständig an Jens und den Rest der Bande.

»Alles klar«, sage ich, obwohl ich ihn gar nicht richtig verstanden habe. Ich zermartere mir schon die ganze Zeit das Gehirn, wo ich ein paar Schwarzarbeiter herkriege. So einen netten kleinen Bulgaren, oder einen handfesten Rumänen. Soll doch angeblich alles voll sein mit Gastarbeitern und Wanderarbeitern, aber kaum braucht man mal einen, ist keiner da.

Texas Joe befolgt meinen Rat und geht jetzt unter Garantie ins Café vom Altersheim, zu Frollein Mettmann. Den Joe, den juckt’s nämlich gewaltig, das kann man sogar sehen, wenn man damit beschäftigt ist, gegen eine Trillion verrottender Blätter anzukämpfen. Kurz beneide ich alle, die in Norwegen oder Finnland zu Sozialstunden verknackt werden. Die Nadeln bleiben einfach eiskalt an den Fichten dran. Nichts mit abfallen und zusammengefegt werden. Das muss ein Leben sein.

Texas Joe zuckelt tatsächlich in Richtung Altersheim davon, während ich mich tierisch ärgere, dass ich den Brief vom Gericht nicht gründlicher durchgelesen habe. Und dass wir nicht in irgendeiner netten, kleinen Bananenrepublik leben. Wo ich irgendeinem halb verhungerten Polizisten einen Fuffi in die Hand drücken könnte und die Sache wäre erledigt. Bananenrepublik, das wär’s jetzt. Zum Beispiel die, in der ich spätestens übernächste Woche eigentlich hatte sein wollen. Argentinien.

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