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Tango der Liebe

1. KAPITEL

Emily Fairfax stürmte durch den riesigen Ballsaal des Londoner Luxushotels und setzte sich kopfschüttelnd zu ihrem älteren Bruder Tom und seiner Frau Helen an den Tisch. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ihr dieses Kostüm für mich ausgesucht habt! Das ist mir so unendlich peinlich.“ Vor Verlegenheit waren ihre Wangen beinahe so rot wie das fragwürdige Outfit.

„Ach, nimm’s nicht so schwer.“ Tom grinste sie an. „Schließlich ist es ein Maskenball zugunsten Dads Lieblingsstiftung. Und das Motto ‚Engel und Teufel‘ passt doch prima zu dem Projekt ‚Schutzengel der Kinder Afrikas‘. Bei seinem Sinn für Humor hätte er es lustig gefunden. Erinnerst du dich noch an Mums vierzigsten Geburtstag? Da hat er darauf bestanden, dass sich alle als Ritter und Knappe verkleiden.“

„Das war auch sehr schön. Die meisten Frauen haben wie Jungs in Strumpfhosen ausgesehen. Aber das hier ist etwas ganz anderes.“ Mit blitzenden blauen Augen wandte Emily sich an ihre Schwägerin. „Es ist überhaupt nicht witzig, sich in einen roten Latexanzug zu zwängen, der mehrere Nummern zu klein ist. Was hast du dir bloß dabei gedacht, ihn für mich auszuleihen?“

Helen, eine zierliche Brünette, grinste spitzbübisch. Sie und Tom hatten sich an der Universität kennengelernt und vor zwei Jahren geheiratet. Inzwischen waren sie stolze Eltern einer einjährigen Tochter namens Sara – benannt nach Toms und Emilys Mutter, die drei Jahre zuvor an Krebs gestorben war. „Ich weiß gar nicht, worüber du dich beklagst. Du siehst super aus. Außerdem habe ich mich wirklich bemüht, die richtige Größe zu finden. Durch die neue Schwangerschaft habe ich dieselbe Oberweite wie du und habe es extra anprobiert, um sicherzugehen, dass es dir auch passt.“

„Dabei hast du anscheinend vergessen, dass ich fast zwanzig Zentimeter größer bin und sich der Stoff deshalb etwas mehr in die Länge ziehen muss. Du hast mir fast das Genick gebrochen, als du mir die Kapuze über den Kopf ziehen wolltest.“ Stöhnend rieb Emily sich den Nacken. „Das tut immer noch weh.“

„Gib mir nicht die Schuld. Wärst du wie geplant gestern zurückgekommen und nicht erst vor zwei Stunden, hättest du dich selbst um dein Kostüm kümmern können. Außerdem solltest du es heute am ersten April einfach etwas lockerer sehen. Und die Kapuze habe ich dir schließlich auch abgemacht, damit du stattdessen deine Hörner tragen kannst.“

Emily presste die Lippen zusammen, um ein Schmunzeln zu unterdrücken. Ihr war völlig entfallen, dass der erste April war, und sie hätte wirklich schon am Vortag von der Expedition in Santorin zurückkommen sollen. Aber sie wollte Helen nicht so leicht davonkommen lassen. „Jeder mit einem Funken Verstand hätte mir ein Engelskostüm besorgt – so eins wie deins, nebenbei bemerkt. Es ist doch logisch, dass die Frauen als Engel gehen und die Männer als Teufel. Wie mein idiotischer Bruder …“

„Entschuldigung.“ Eine tiefe Stimme mit leicht fremdländischem Akzent unterbrach Emilys gutmütige Rüge. „Hallo, Tom. Schön, dich wiederzusehen.“

„Antonio! Ich freue mich, dass du kommen konntest.“

Sie drehte sich zu dem Mann um, der sie so rüde unterbrochen hatte. Mit dem Rücken zu ihr zog er einen Stuhl für seine Begleitung heran – eine atemberaubende Brünette, die natürlich ein Engelskostüm trug, aus einem durchscheinenden goldenen Gewebe, das mehr enthüllte, als ein anständiger Engel jemals zeigen würde.

Emily tröstete sich damit, dass ihr Outfit sie zumindest von Kopf bis Fuß bedeckte, wenn auch der vordere Reißverschluss ein gutes Stück offen stand, damit sie überhaupt atmen konnte. Es entsprach keinesfalls ihrem üblichen Stil, ihren Körper in der Öffentlichkeit derart zur Schau zu stellen.

„Ich möchte euch meine Freundin Eloise und meine rechte Hand Miguel vorstellen“, fuhr die tiefe Stimme fort.

Die Brünette lächelte artig, und ein stämmiger Mann mittleren Alters wünschte höflich einen guten Abend und setzte sich neben Helen, während Antonio sich Emily zuwandte.

„Sie sind Emily, oder? Es ist mir eine große Freude, Sie endlich kennenzulernen. Ich bin Antonio Diaz.“ Was hat Tom ihm bloß über mich erzählt?, fragte sie sich verstimmt.

Doch als er ihr die Hand reichte, war ihr Kopf plötzlich wie leer gefegt, und ein Prickeln schoss von ihren Fingerspitzen den Arm hinauf. Hastig entzog sie ihm ihre Hand und sah ihm neugierig ins Gesicht. Dazu musste sie den Kopf weit in den Nacken legen, denn dieser Mann schien etwa zwei Meter groß zu sein. Unverhohlen starrte sie ihn an. Er wirkte auf sie wie ein geschmeidiger schwarzer Panther: angriffslustig, kraftvoll und durch und durch raubtierhaft.

Insgeheim rümpfte sie die Nase über diesen bildhaften Vergleich, da ihr solche Gedanken normalerweise nicht in den Sinn kamen.

Er war ganz in Schwarz gekleidet. Ein Rollkragenpullover aus Seidenstrick betonte seine beeindruckend muskulöse Brust. Dazu trug er einen kurzen Umhang aus weichem Stoff, der wie Fledermausschwingen von den breiten Schultern fiel und in Form von Manschetten an den Handgelenken endete. Zudem betonte eine hautenge Hose seine kräftigen Schenkel. Derart kostümiert hätte er ebenso lächerlich aussehen müssen wie die Mehrheit der Anwesenden. Aber weit gefehlt! Wenn je ein Mann wie ein Teufelskerl aussah, dann war er es.

Dunkel und gefährlich, dachte Emily. Ihr Herz hämmerte, und dass ihr das Atmen schwerfiel, lag in diesem Moment nicht an ihrem engen Latexkostüm.

Sein glattes schwarzes Haar war aus der hohen Stirn gekämmt und etwas länger, als es der aktuellen Mode entsprach. Dunkle geschwungene Brauen wölbten sich über tief liegenden, fast schwarzen Augen. Hohe Wangenknochen, eine markante Nase und volle sinnliche Lippen vervollständigten die auffälligen Züge. Unter ihrem forschenden Blick lächelte er und enthüllte ebenmäßige weiße Zähne.

Doch selbst in ihrem verwirrten Zustand erkannte sie, dass sein Lächeln nicht völlig die kühle Unnahbarkeit seiner Augen maskierte.

Der Mann war nicht im konventionellen Sinn als gut aussehend zu bezeichnen. Sein Gesicht war zu markant, um dem klassischen männlichen Schönheitsideal zu entsprechen.

Brutal attraktiv, kam ihr unwillkürlich in den Sinn.

Eigentlich grenzte es an eine Beleidigung, wie er ihr jetzt lässig-dreist in den Ausschnitt starrte, und doch empfand sie es als angenehm aufregend. Scheinbar gelassen verschränkte sie die Arme vor den verräterisch aufgerichteten Brustspitzen und atmete insgeheim erleichtert auf, als er sich neben sie setzte.

Es hätte schlimmer kommen können. Solange er neben mir und nicht gegenüber sitzt, muss ich ihn nicht die ganze Zeit angucken.

Instinktiv spürte sie, dass Antonio Diaz sich seiner Männlichkeit und seiner Wirkung auf das andere Geschlecht sehr bewusst war. Er schien ein erfahrener Liebhaber zu sein, mit einer Aura rücksichtsloser Macht, die vermutlich die meisten Menschen einschüchterte, egal ob Mann oder Frau.

Ganz und gar nicht mein Typ …

Und doch konnte sie nicht leugnen, dass er unglaublich attraktiv war, wie die unverhoffte Reaktion ihres Körpers bewies.

„Ich habe vorhin ungewollt Ihre leichtfertige Bemerkung mitgehört, Emily. Sie sollten sich schämen für Ihre sexistische Einstellung“, eröffnete er spöttisch.

Ihre Nackenhaare sträubten sich beim tiefen Klang seiner Stimme, doch sie erkundigte sich in höflich-distanziertem Ton: „Was meinen Sie damit, Mr Diaz?“ Emily warf ihm einen Seitenblick zu und war wiederum fasziniert von seinen tiefgründigen dunklen Augen.

„In der heutigen Zeit der Gleichberechtigung ist die Einstellung, dass alle Frauen sich als Engel und alle Männer als Teufel verkleiden sollten, politisch ziemlich inkorrekt – und angesichts des beachtlichen Outfits, das Sie tragen, auch ziemlich scheinheilig. Oder etwa nicht?“

„Da hat er dich erwischt“, warf Helen ein, und alle am Tisch lachten herzhaft.

Alle außer Emily, die nur ein kleines Lächeln zustande brachte. „Nicht ich, sondern meine Schwägerin hat mein Kostüm ausgesucht. Sie hat einen seltsamen Sinn für Humor. Und wie ich sehe, sind Sie als Teufel verkleidet und bestätigen damit meine Theorie – obwohl Sie die Hörner vergessen haben.“

„Ganz und gar nicht. Ich vergesse nie etwas“, behauptete er mit Nachdruck. Er hielt ihren Blick auf eine anzüglich vertrauliche Art gefangen, die ihren Puls beschleunigte. „Ich stelle einen Engel dar. Allerdings einen Dark Angel – oder auch Racheengel, wenn Ihnen die Bezeichnung besser gefällt.“

Sie nickte bedächtig. Es war die perfekte Kostümierung für ihn – finster wie die Nacht und bedrohlich. Einen Moment lang brachte Emily keinen Ton heraus. Sie atmete tief durch, um ihre lebhafte Fantasie und ihren überhitzten Körper unter Kontrolle zu bringen. Dieser Mann übte eine derart starke Wirkung auf sie aus wie kein anderer Mann je zuvor.

Dabei mangelte es ihr nicht an Bekanntschaften. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, freiberufliche Meeresarchäologin mit Hochschulabschluss und hatte während ihrer zweijährigen Berufserfahrung an mehreren Erkundungsfahrten aufs offene Meer teilgenommen. Ihre Kollegen waren zumeist Männer – Forscher, Taucher und Archäologen mit den nötigen Fähigkeiten, um Wracks und Artefakte unter Wasser aufzuspüren und zu kartografieren. Doch nie zuvor war es ihr passiert, dass ein Mann nur mit einem Blick diese heftige Erregung in ihr auslöste.

Reiß dich zusammen! Er ist in Begleitung, und mit der schönen Eloise kannst du nicht mithalten.

Verwundert fragte Emily sich, wie sie überhaupt auf diesen Gedanken kam. Denn seit einigen Jahren, seit sie ihren Verlobten mit ihrer Mitbewohnerin im Bett erwischt und zum Teufel gejagt hatte, wollte sie nichts mehr von Männern wissen.

Schon mit sechzehn hatte sie sich in Nigel verliebt. An ihrem achtzehnten Geburtstag war es zum ersten Kuss gekommen, kurz darauf hatte er ihr seine Liebe erklärt und ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Anlässlich des vermeintlichen Seitensprungs war herausgekommen, dass die Beziehung bereits ein Jahr lang andauerte und Nigels Interesse an Emily lediglich auf ihrem Reichtum und ihren gesellschaftlichen Beziehungen beruhte – laut höhnischer Behauptung ihrer Mitbewohnerin und vermeintlich besten Freundin.

Doch das war lächerlich. Zugegeben, ihr Elternhaus war groß und gewiss recht wertvoll, aber es stellte seit Generationen den Hauptwohnsitz der ganzen Familie dar. Und die Firma brachte den Aktienhaltern zwar eine anständige Dividende ein, aber kein Vermögen.

Schließlich erwiderte sie: „Das war ein dummer Fehler meinerseits. Ich sehe es jetzt ein.“ „Es sei Ihnen verziehen“, entgegnete er mit einem Lächeln, das ihr erneut den Atem raubte.

Zu ihrer Erleichterung traf in diesem Moment ihre Tante Lisa ein. Sie war in Begleitung von ihrem Ehemann James Browning, der seit gut einem Jahr, nach dem plötzlichen Herztod von Emilys Vater, Vorstandsvorsitzender von ‚Fairfax Engineering‘ war.

Wie ein perfekter Gentleman erhob Antonio sich und nahm erst nach der Begrüßung zusammen mit den Neuankömmlingen wieder Platz.

Inzwischen war es Emily gelungen, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen, doch sofort brachte Antonio sie erneut aus der Fassung, indem er ihr zuflüsterte: „Aber wenn ich Ihnen als Teufel eher zusage, lässt sich bestimmt etwas arrangieren.“

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Flirtete er wirklich mit ihr, oder bildete sie es sich nur ein? Sie war sich nicht sicher und wusste nicht, ob sie sich geschmeichelt fühlen oder ärgern sollte.

Verheißungsvoll lächelte er sie an, bevor er sich zu Eloise umdrehte, die lautstark nach Champagner verlangte.

Das Essen wurde serviert. Trotz des ungezwungenen Tischgesprächs blieben Emilys Gefühle während des gesamten Dinners in Aufruhr, denn sie war sich des Mannes an ihrer Seite überdeutlich bewusst.

Nach dem Mahl spielte eine Band zum Tanz auf, und Antonio und Eloise gingen unverzüglich auf das Parkett. Beide entsprachen dem lateinamerikanischen Typ und gaben ein ausgesprochen schönes Paar ab. Die Art, in der sie sich an ihn schmiegte, ließ kaum einen Zweifel an der intimen Natur ihrer Beziehung.

Verstohlen beobachtete Emily die beiden, bevor sie endlich James fragte, was ihr schon den ganzen Abend auf der Seele lag: „Wer ist dieser Mann?“

Er berichtete, dass Antonio Diaz der Begründer einer privaten Investmentfirma war, die massive Profite erzielte durch Kauf, Umstrukturierung und Wiederverkauf bedeutender Unternehmen auf der ganzen Welt. Er war extrem einflussreich und wohlhabend und galt weltweit als Finanzgenie. Seine Herkunft war schleierhaft, sein Name spanisch, doch manche hielten ihr für einen Griechen, weil er die Sprache wie ein Muttersprachler beherrschte.

Gerüchte um ihn kursierten im Überfluss. Voller Schalk äußerte Lisa die Mutmaßung, dass seine Großmutter Puffmutter eines hochklassigen Bordells in Peru gewesen und er aus einer langjährigen Affäre seiner Mutter mit einem wohlhabenden Griechen hervorgegangen sei.

Außerdem gab Lisa mit blitzenden Augen zum Besten, dass er unter anderem eine wundervolle Villa auf einer griechischen Insel, ein riesiges Anwesen in Peru sowie Luxusapartments in New York und Sydney besaß. Seit Kurzem nannte er zudem ein renommiertes Bürogebäude mit prachtvollem Penthouse in London sein Eigen, und die Partys auf seiner Luxusjacht waren legendär.

James versuchte das Thema in seriösere Bahnen zu lenken. Er eröffnete, dass Antonio bei ihrer ersten Begegnung anlässlich einer europäischen Konferenz in mindestens vier Sprachen fließende Reden gehalten hatte. Seine fachkundige Beratung war zudem wesentlich für den Entschluss verantwortlich, ‚Fairfax Engineering‘ zu diversifizieren und zu expandieren. Inzwischen waren sie geschäftlich wie auch privat befreundet, und daher rührte die Einladung zu diesem Kostümball.

Es war Emily neu, dass die Firma einer Umstellung und Erweiterung der Produktionsbereiche bedurfte, aber ihr blieb keine Zeit, über diese Enthüllung nachzudenken. Denn schon verkündete Lisa, dass Antonio als eingefleischter Junggeselle ebenso berühmt-berüchtigt für die Frauen war, mit denen er geschlafen hatte, wie für seine finanziellen Fähigkeiten. Seine zahllosen Affären wurden gern von der Presse breitgetreten – besonders wenn Schauspielerinnen und Models involviert waren.

Emily glaubte ihren Angehörigen aufs Wort und fühlte sich in gewisser Weise erleichtert. Ihre ursprüngliche Reaktion auf Antonio Diaz war also völlig verständlich. Er strahlte eine starke animalische Anziehungskraft aus, die sich wohl auf jede Frau gleichermaßen auswirkte, und wenn man der Presse glauben konnte, nutzte er diese Tatsache rücksichtslos aus. Er war nicht der Typ, mit dem sich eine anständige Frau einließ.

Nach den fatalen Erlebnissen mit Nigel hegte sie sehr genaue Vorstellungen von dem Mann, den sie einmal heiraten wollte. Es sollte ein vertrauenswürdiger Gleichgesinnter sein, ganz gewiss kein millionenschwerer Frauenheld, der um die ganze Welt jettete. Außerdem hatte sie es nicht eilig, sich zu binden. Sie liebte ihren Beruf zu sehr, um ihre erfolgreiche Karriere in absehbarer Zeit wegen eines Mannes zurückzuschrauben.

Emily besaß von Natur aus ein fröhliches, zuversichtliches Wesen und ließ sich nie für längere Zeit von unabänderlichen Dingen verdrießen. Weder ihr unverfroren verführerisches Outfit noch ihre seltsame Reaktion auf Antonio Diaz konnten ihr den Abend verderben.

Daher riss sie sich aus ihren Grübeleien, und als sie feststellte, dass sie inzwischen allein mit Miguel am Tisch saß, fragte sie spontan: „Möchten Sie auch tanzen?“

Er blinzelte verblüfft und sprang auf. „Es ist mir ein Vergnügen.“ Eifrig zog er ihren Stuhl zurück, und sobald sie aufstand, riss er die ohnehin schon großen braunen Augen weit auf. „Sie sind eine sehr schöne Frau, señorita“, erklärte er mit unverhohlener Bewunderung, bevor er sie bei der Hand zum Parkett führte.

Miguel war ein paar Zentimeter größer als Emily und wesentlich breiter gebaut, aber für ein Schwergewicht tanzte er überraschend leichtfüßig. Sie entspannte sich in seinen Armen und begann sich zu amüsieren.

Ein kleines, zufriedenes Lächeln spielte um Antonio Diaz’ harten Mund. Der Mann, den er ursprünglich bis ins Mark erschüttern wollte, nämlich Charles Fairfax, war zwar vor einem Jahr verstorben, aber die Hinterbliebenen konnten denselben Zweck erfüllen.

Nachdenklich musterte Antonio die glanzvolle Menschenmenge. Londons gesellschaftliche Elite gab sich die Ehre bei diesem Kostümfest zugunsten Not leidender afrikanischer Kinder.

Welche Ironie, dass ausgerechnet die Familie Fairfax diese Stiftung unterstützt!

Letzten Dezember hatte seine Mutter ihm angesichts ihres nahenden Endes die Wahrheit über den Tod seiner Schwester Suki gestanden und ihm damit einen Schock fürs Leben versetzt.

Suki war eigentlich seine Halbschwester gewesen, für ihn jedoch seit frühester Kindheit seine heiß geliebte große Schwester. Vermeintlich war sie vor sechsundzwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen – tragisch, aber unvermeidbar. In Wirklichkeit hatte sie sich vorsätzlich mit ihrem Auto von einer Klippe gestürzt, weil ihr Geliebter Charles Fairfax sie wegen ihrer niederen und unehelichen Herkunft verlassen und eine andere geheiratet hatte.

Antonio hatte seiner Mutter versprechen müssen, sich niemals seines Namens oder seiner Herkunft zu schämen, und sich an ihrem Grab geschworen, den Verrat an Suki zu rächen.

Voller Bitterkeit dachte er nun daran zurück.

Er war absolut kein Freund von Kostümfesten und hatte diese Einladung nur ausnahmsweise angenommen, als Mittel zum Zweck.

In seiner höchst erfolgreichen Karriere war es ihm bisher stets ohne große Mühe gelungen, eine begehrte Firma zu übernehmen. Auch ‚Fairfax Engineering‘ hätte sich als leichte Akquisition erweisen sollen. Nach eingehendem Studium der Firmenstruktur sah er jedoch ein, dass sein Plan einer feindlichen Übernahme mit anschließender Vernichtung nicht aufgehen konnte.

Das Problem lag darin, dass sich die Firma überwiegend im Privatbesitz der Familienmitglieder befand und nur ein unbedeutender Anteil in Personalaktien aufgeteilt war. Zu seinem Leidwesen wurde sie darüber hinaus sehr fachmännisch und profitabel geführt. Ursprünglich begründet auf den Besitz eines Kohlebergwerks, hatte ein früherer Fairfax in weiser Voraussicht im Bereich Maschinenbau expandiert. Nun da in England kaum noch Kohleabbau betrieben wurde, füllte die Firma eine Marktlücke mit der Herstellung spezieller Erdbaumaschinen, die in fast alle europäischen Länder exportiert wurden.

Diskreten Nachforschungen zufolge war keiner der Aktionäre bereit, seine Anteile zu verkaufen, nicht einmal zu einem überhöhten Preis. So sah Antonio sich gezwungen, eine andere Strategie zu erwägen, auch wenn der Aufkauf für ihn noch nicht völlig abgeschrieben war.

Er beabsichtigte, die Geschäftsführung zu übertriebenen Expansionen in Richtung Amerika und China zu verleiten, natürlich mit fachmännischer Beratung und beträchtlicher Finanzspritze seinerseits. Dann wollte er die Gelder unverhofft wieder abziehen, sich somit die Firma unter den Nagel reißen und die Familie in den Ruin treiben. Mit diesem Ziel vor Augen hatte er Bekanntschaft mit Charles Fairfax’ Sohn und Nachfolger Tom geschlossen.

Der einzige Haken an dieser Strategie war, dass es wesentlich länger dauerte als erwartet, den Namen Fairfax in den Schmutz zu ziehen. Nach drei Monaten intensiver Beschäftigung mit dem Projekt war Antonio seinem Ziel nicht wesentlich näher gekommen. Das lag vor allem daran, dass Tom und James kompetente und konservative Geschäftsleute waren und weder Geldgier noch Risikobereitschaft zeigten.

Warum sollte es auch anders sein? Das Unternehmen bestand schließlich schon seit über hundertsechzig Jahren, und die Betreiber hatten nie um Anerkennung oder ihre Existenz kämpfen müssen.

„Antonio, Darling, woran denkst du gerade?“

Er hasste diese Frage, die er so häufig von Frauen zu hören bekam. Gereizt erwiderte er: „An den aktuellen Dow-Jones-Index. Also nichts, was dich interessiert.“

Eloise zog einen Schmollmund und presste sich an ihn. „Mein Body-Mass-Index ist der einzige Index, der dich interessieren sollte.“

„Spar dir das Flirten für deinen Ehemann. Ich bin immun dagegen“, konterte er schroff.

Sie war zweifellos attraktiv, aber sie reizte ihn nicht. Seit zwölf Jahren waren sie nun schon befreundet. Weil sie ihn an seine Schwester erinnerte, hatte er ihr damals in Lima unter die Arme gegriffen und ihr aus einem Vertrag als Pornodarstellerin geholfen, den ihr damaliger Manager ohne ihre Zustimmung eingegangen war.

Inzwischen war sie mit einem guten Freund von Antonio verheiratet und nutzte dennoch jede Chance zu einem Verführungsversuch. Sie betrachtete es als ein amüsantes Spiel, das sie bei jeder Begegnung veranstaltete. Er gestand sich ein, dass es wohl seine eigene Schuld war, denn ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft war er ein einziges Mal ihrem Charme erlegen – ein großer Fehler, den ihre Freundschaft jedoch überlebt hatte.

Eigentlich sollte er ihr Einhalt gebieten, anstatt sich ihren Launen zu fügen und ihr Freundschaftsdienste zu leisten. Diesmal forderte sie seinen moralischen Beistand bei den Castings für die Hauptrolle eines West-End-Musicals. Diesen Wunsch zu erfüllen machte ihm keine großen Umstände, da er ohnehin längere Zeit in London verweilen musste, um sein Ziel zu verwirklichen.

Er hatte ‚Fairfax Engineering‘ so fest im Visier, dass ihm Tom und Emily beinahe leidtaten. Er dachte an das Foto, das ihm sein Privatdetektiv vor einigen Monaten geschickt hatte. Es zeigte eine Frau an einem einsamen Strand mit tief ins Gesicht gezogener Baseballkappe und in einem übergroßen T-Shirt, das nicht erahnen ließ, ob die Gestalt groß oder klein, dick oder dünn war.

Ihr Anblick in Person überraschte ihn. Das Foto wurde ihr nicht gerecht. Ein lächerliches, mit Hörnern versehenes Stirnband hielt ihr dichtes blondes Haar zurück, das ihr seidig glänzend bis weit über die Schultern fiel. Ob die Farbe echt war, konnte er nicht einschätzen, aber sie sah gut aus. Sie besaß den pfirsichfarbenen Teint einer englischen Rose, wundervoll große blaue Augen und volle Lippen, und ihre Brüste wirkten perfekt. Als Frauenkenner behielt er sich ein Urteil über ihren restlichen Körper vor, solange er sie nicht im Stehen sah. Möglicherweise hatte sie einen großen Po oder unförmige Beine. Nicht dass es ihn sonderlich interessiert hätte. Die Tatsache, dass sie eine Fairfax war, minderte ihren Reiz gewaltig.

Ich würde sie nicht anfassen, selbst wenn sie die letzte Frau auf Erden wäre.

Vor sechsundzwanzig Jahren hatten Charles Fairfax und die ehrenwerte Sara Deveral eine berauschende Hochzeit in den höchsten Kreisen gefeiert. Neun Monate später war ihr Sohn zur Welt gekommen und im Jahr darauf ihre Tochter. Die perfekte Familie …

Emily Fairfax führte ein privilegiertes Leben. Sie besaß von allem das Beste – liebevolle Angehörige, hervorragende Bildung, berufliche Anerkennung – und sie bewegte sich in Londons High Society mit einer Vornehmheit, die angezüchtet wirkte.

Charles Fairfax und seinesgleichen legen schließlich großen Wert auf Zucht und Abstammung. Dieser Gedanke fachte den bitteren Groll erneut an, der in Antonio seit dem Tod seiner Mutter schwelte.

„Ich kann es kaum glauben“, murmelte Eloise. „Miguel tanzt tatsächlich Tango!“

Er schreckte aus seinen düsteren Gedanken auf. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass die Band einen Tango spielte. Wenn er tanzte, drückte er die Frau in seinen Armen fest an sich und bewegte sich spontan zum Rhythmus der Musik, ohne auf die Schrittfolge zu achten.

Miguel, sein fünfzigjähriger Sicherheitschef und guter Freund, war dagegen von der alten Schule und tanzte den Tango voller Leidenschaft und Stolz – eben wie ein echter aficionado. Unglaublicherweise stand seine Partnerin ihm in nichts nach.

Fasziniert verfolgte Antonio jede ihrer Bewegungen. Emily Fairfax war atemberaubend attraktiv. Sie besaß fantastisch lange Beine, einen runden knackigen Po, eine schmale Taille und hohe feste Brüste. Bei jeder Drehung wehte ihr das lange Haar wie eine golden glänzende Wolke um die Schultern.

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