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Tales of Beatnik Glory - Band III - Der Sommer der Liebe

— DEUTSCHE EDITION —

Ed Sanders

Tales Of Beatnik Glory

Band III

Der Sommer der Liebe

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Erwin Einzinger

FUEGO

Über dieses Buch

— Band III der vierbändigen Ausgabe —

Der dritte Band der Tales of Betanik Glory führt uns in die Zeit des »Sommers der Liebe« 1967, so wie er in der Lower East Side von New York zwischen Beatniks, Hippies, Ausgeflippten und Drogenfreaks, Theatermachern, Dichtern und Politaktivisten verlaufen sein könnte. Vom anarchisch-dadaistischen Aufbruch spannt sich der Bogen durch einen psychedelisch-bizarren und farbenfrohen Sommer, bis sich schließlich die dunklen Schatten von Drogenmissbrauch, Wahnsinn und Gewalt über die einst fröhliche Subkultur legt und der Dichter die Stadt verlässt.

 

Allen Ginsberg nannte das dokumentarische Rock ’n’ Drug-Epos Tales of Beatnik Glory über »Die Freaks von Greenwich Village« ganz ohne Neid einen »satirischen Lobgesang auf radikale visionäre Politik, wie man sie im 21. Jahrhundert mit der Einstellung den alten Ägyptern gegenüber betrachten wird«, und einen »Meilenstein historischer Archäologie«.

 

Eine Sammlung höchst vergnüglicher und schräger Geschichten um einen Dichter aus dem Hinterland, der zuerst in New York landet und von dort aus die verschiedenen Phasen der alternativen Szene der USA erlebt.

DYLANS GITARRE

Eine Gitarre, die einst Bob Dylan gehört hatte, wurde in einer Auktion im Greenwich Village Peace Center zur Versteigerung ausgerufen. Sam Thomas und Talbot der Große standen in vorderster Reihe und warteten darauf, dass die ziemlich zerschrammte Gibson, die jedoch noch einen hervorragenden Klang hatte, in die Höhe gehalten würde. Talbot hatte einiges von seinem Schulgeld von der Bank abgehoben und war entschlossen, sich gegen das Knäuel aus sabbernden Folkniks durchzusetzen, die ebenfalls danach gierten, den Glück bringenden Schatz zu besitzen. Sie kostete Talbot schließlich zweihundert Dollar, aber er und Sam konnten sie im Triumph im Bus quer durch die Stadt zum Peace Eye Bookstore an der Zehnten Straße Ost bringen, nahe Avenue C, wo ich sie verpackte und als Geschenk für Johnny Ray Slage, den Sohn eines Ku-Klux-Klan-Anführers, nach Alabama schickte. Talbot und Thomas hatten an Johnny Ray in den letzten zwei Jahren jeden Monat geheime »Freedom-Pakete« mit Büchern und Zeitschriften geschickt, um ihn von einem Leben als Rassist abzubringen.

1961 hatte Talbot der Große sich an den Freedom Rides beteiligt, bei denen Aktivisten in Bussen durch die Südstaaten fuhren, um die wegen der Rassentrennung gesperrten Einrichtungen auch für Schwarze zugänglich zu machen. Johnny Rays Vater, Ethrom Slage, hatte die Meute der Klanmitglieder angeführt, die Talbots Freedom-Bus attackierten, als er am Busbahnhof in Birmingham ankam. Ethrom hatte Talbot mit einem Bleirohr einen Schlag gegen das Knie versetzt, weshalb er immer noch leicht hinkte und die eine Hüfte sich immer ein wenig weiter nach oben schob als die andere, wenn er über die marmorne Türschwelle in den Peace Eye Bookstore trat.

Danach, nach dem Bombenanschlag des Klans auf die Baptistenkirche in der Sechzehnten Straße im Herbst 1963, bei dem vier Mädchen in Chorgewändern getötet worden waren, gab Talbot vorübergehend die Gewaltfreiheit auf und flog nach Birmingham in der Absicht, Ethrom Slage in einem Hinterhalt mit Dynamit umzubringen — Bombe um Bombe, ausgeschossenes Auge um ausgeschossenes Auge.

Ethrom Slage lebte auf einer heruntergekommenen kleinen Farm in einer Stadt unweit von Birmingham, wo sich Hühner mit sehr wenig Federn auf der Bauchseite in staubigen Löchern an einer Hausecke ausruhten, die von einem Wagenheber abgestützt wurde. Talbot inspizierte die Lage und richtete einen Beobachtungsposten in einem verlassenen Schuppen auf einem steilen Hügel ein, von dem aus er die Farm überblicken konnte.

Sein Plan war es, Slage in die Luft zu blasen, wenn der Anführer des Klans am Morgen zu seiner Scheune ging. Er hatte schon die Drähte von der Batterie und dem Auslöser über den Hügel hinab bis zur Dynamitladung gelegt, die in der Scheune versteckt war. Kurz vor Sonnenaufgang beobachtete er, wie eine dunkle Gestalt die Scheune betrat, und wollte gerade darangehen, die Detonation auszulösen, als er das Gefühl hatte, er sollte lieber doppelt sichergehen. Deshalb schlich er den Hügel bis zur Scheune hinunter, um durch einen Bretterspalt hindurchzuspähen. Was er sah, war der junge Johnny Ray Slage, der statt seines Vaters gekommen war, um das Vieh zu füttern. Talbot spürte einen Ruck der Scham und Empörung und schwor an Ort und Stelle, für den Rest seines Lebens jeden Tag darauf zu verwenden, diesen stillen Sohn eines Klan-Anführers zu erziehen und umzuformen.

Johnny Ray hätte um Hilfe rufen können, wahrscheinlich sogar sollen, war er doch seit den Tagen, als er noch in Windeln steckte, darauf gedrillt worden, die Begegnung mit einem Schwarzen an einem abgelegenen Ort für die lebensbedrohlichste Sache zu halten, die sich nur denken ließ — aber an diesem Morgen hörte er ruhig zu. Noch während Talbot die Drähte vom Dynamit trennte und seine Ausrüstung zusammenpackte, um sich aus dem Staub zu machen, begann er auf Johnny Ray einzuwirken. »Du musst dieses Leben mit dem Klan aufgeben. Es gibt eine große, weite Welt jenseits von hier, wo die Leute keine Rassisten sind. Wir haben alle ein und dasselbe Blut. Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen dir und mir. Du musst dich vom Klan abwenden.«

Talbot bat ihn um eine Adresse, an die er ihm Briefe schicken könnte, und Johnny Ray sagte ihm, er könne diese an eine Tante namens Mattie Farlo richten.

Einmal im Monat trafen wir uns im Peace Eye Bookstore, um Sachen für das Freedom-Paket auszuwählen, das wir an Johnny Ray Slage adressierten. Im Lauf der Zeit war dies zu einer Art Party geworden. Wir tranken etwas Wodka, rauchten uns ein und sangen Lieder, während wir uns überlegten, wie wir unseren kleinen Freund aus dem Klan erziehen konnten, ohne ihn zu langweilen.

Wir feierten eine wilde Party an dem Abend, als Sam Thomas und Talbot die geschwungene Gibson ins Peace Eye brachten, um sie nach Alabama zu schicken. Die Fugs waren da und wir sangen stundenlang, wechselten uns ab an der Gitarre, die einst dem großen Barden gehört hatte, und es wurde viel geprostet und gescherzt, bevor wir sie zwischen zerknüllte Ausgaben der East Village Other steckten, während Sam Thomas und Talbot einander wie üblich aufzogen und sich in die Haare gerieten im Streit um die Frage, welche Bücher und Zeitschriften denn diesmal eingepackt werden sollten.

Sam klebte eine Reihe von Metallsternen und Scheiben mit geflammtem Wellenmuster sowie ein Friedenssymbol als Abziehbild auf den Klangkörper unterhalb des Schalllochs. Talbot und Sam hatten eine kurze gewaltfreie Auseinandersetzung, als Sam einen »Pot is Fun«-Aufkleber anbringen wollte, während Talbot diesen wieder herunterriss. Als abschließende Verzierung brannte Sam das Wort Ahimsa in den Resonanzboden.

»Sakreligion!«, zog ich ihn auf und schnupperte an dem Geruch, der mir nicht mehr untergekommen war, seit ich — was nun in so weiter Ferne zu liegen schien — am Abend vor dem Aufbruch ins Sommerlager der Pfadfinder den Namen meines Trupps in die Seitenwand meiner hölzernen Zeugkiste gebrannt hatte.

»Wieso? Bloß weil Bob Dylan einmal damit gespielt hat? Alles wird verwandelt in der Neuen Welt. Schau, wie Dylan selbst die Melodien verwandelt, die er aus der Tradition der Appalachen entlehnt und umformt. Die Art, wie wir diese Gibson verändern, ist symbolisch dafür, wie wir dabei sind, unseren kleinen Abkömmling vom Klan zu verwandeln. Sofern wir ihn denn auch wirklich verwandeln.«

Sam Thomas war sich nicht so sicher, dass selbst über Jahre hinweg diese Pakete einen entscheidenden Einfluss auf den jungen Johnny Ray Slage ausüben würden. Talbot sprach etwa einmal im Monat mit Johnny Ray am Telefon und war überzeugt, dass sie mit Erfolg dabei waren, einen Abkömmling des Klans in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Deshalb ging er mit viel Bedacht und sehr behutsam vor bei der Auswahl der Dinge, die verschickt werden sollten. In diesem Monat enthielt das Paket unter anderem ein Rundschreiben vom Kongress für Rassengleichheit, einige Zeitungsartikel über die Bürgerrechtsbewegung, ein Buch mit Gedichten von Langston Hughes, Berichte über den Klan aus der Village Voice und ein Protokoll eines Teach-In gegen den Krieg in Vietnam.

Sam wollte immer, dass die Pakete ein bisschen surrealer und weniger langweilig wären, und deshalb versuchte er in diesem Monat ein Pamphlet mit dem Titel Wie man Gras anbaut unter die Saiten von Dylans Gitarre zu schieben und mit Klebeband ein bisschen Haschisch innen neben dem Schallloch anzubringen. Talbot hob seine Hände in spielerisch abwehrender Geste in Richtung Sam, als wollte er Nein Nein Nein! sagen.

Was das Marihuana betraf, war Talbot ganz besonders empfindlich. Um die Mittel für sein Bildungsprojekt nach dem Ankauf der Gitarre wieder aufzustocken, hatte er sich zu einer frühen Ernte seines zu Verkaufszwecken angebauten Grases entschlossen, das er in Fässern in einem versteckten Garten hinter der Kirche seiner Mutter in Harlem zog. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er mit ihrer Zickzackschere frische Hanfwedel in eine Schultasche schnipselte. Sie zwang ihn, die kostbaren fünfblättrigen Kräuter zu vernichten und drohte ihm damit, ihn an seinen zeushaften Vater zu verraten, den Pastor der Kirche, der ihn dann wahrscheinlich der Polizei übergeben hätte.

»Dieses Zeug wächst doch dort unten in Alabama wild«, sagte Talbot zu Sam Thomas. »Johnny Ray braucht bloß zu einem Bahndamm zu gehen, wo das Zeug dazu verwendet wird, die Erosion zu verhindern. Die Regierungstypen aber könnten das Paket inspizieren und dann landen wir alle im Knast.«

Sam wollte auch ein paar Nacktfotos einer gerade auf dem Sprung zum Hippie befindlichen Modedesignerin namens Indian Annie mitschicken (das Wort Hippie tauchte erst weitere vier Monate später im allgemeinen Sprachgebrauch auf), die der Star einiger seiner Undergroundfilme war, aber Talbot blieb hart.

»Ich nehme an, die Tante öffnet diese Pakete. Sie wird uns nicht erlauben, noch einmal irgendetwas zu schicken, wenn wir allzu schräge Sachen machen«, versetzte Talbot der Große, während er die Adresse auf das Paket malte:

 

Johnny Ray Slage

c/o Mrs. Mattie Farlo

Rural Route 1

_____, Alabama

 

Dennoch schob Sam heimlich, während Talbot damit beschäftigt war, in der Schachtel noch Platz zu finden für die Gesammelten Werke von Mark Twain, einige der Schnappschüsse von Indian Annie, das Wie man Gras anbaut, ein Stück braunes Haschisch und eine Broschüre mit erotischen Fotos von Leuten unterschiedlicher Rassen, die er am Times Square aufgetrieben hatte, unter die Gitarre.

Mattie Farlo war die Schwester von Johnny Rays Mutter, und sie war sehr, sehr religiös. Sie trug vorwiegend schwarze Kleider und hielt ihre Bibel, wenn sie abends neben dem Bett kniete, so fest umschlungen, dass sich vom harten Zugriff ihrer Finger Rillen in den schwarzen Bucheinband gegraben hatten. Sie hatte sanfte, überaus runde Wangen, unter denen konzentrische Bögen in ihrer Haut verliefen, die sich nach unten hin, neben ihren Lippen, zu tief eingegrabenen Sorgenfalten erweiterten. Ihr Haar war streng von der linken Seite des Schädels zur rechten frisiert, wo sie sich unmittelbar über dem Ohr ein hübsches Gewirr von kleinen Locken erlaubte. Das war ihre Frisur gewesen von der Kindheit bis in ihre Jahre als Teenager, als sie eine ortsbekannte Schönheit gewesen war. In der Stadt erinnerte man sich immer noch an ihren großen ruhmreichen Moment — an die Parade von Cabrios und blitzendem Chrom rund um den Platz vor dem Gerichtsgebäude, nachdem sie vom Bezirkshandelsverband zur Chevrolet-Königin des Jahres 1954 gewählt worden war.

Eine unglückliche Ehe sowie Unglück auch in anderer Hinsicht waren ihrem Hang zum Gebet nur förderlich, und 1966 war sie bereits so fromm, wie man es im ländlichen Alabama nur sein konnte. Sie hatte gekränkte, leuchtende Augen, die ständig die ihres Schwagers Ethrom suchten, dem es immer recht peinlich war, wenn der Blick seiner Schwägerin und der seine sich trafen, besonders nach dem, was mit Minnie Slage passiert war. Johnny Rays Mutter war durch fahrlässiges Verschulden gestorben. Ethrom hatte sich geweigert, einen Arzt zu rufen. »Mach dir keine Sorgen, sie kommt schon durch«, sagte er immer, während er sich der wichtigen Arbeit für den Klan widmete. Aber sie kam nicht durch. Ohne medizinische Behandlung siechte sie dahin. Minnie Slage wurde auf dem Hügel oberhalb des Hauses begraben, und niemand sprach mehr von ihr.

Es gab nur eine Sache, deretwegen Ethrom seiner Schwägerin in die flammenden Augen schauen konnte. Er hatte keine Wahl. Wieder und wieder musste er ihr schwören: »Ich habe nie jemanden getötet. Ich habe nie eine Bombe in einer Kirche gelegt. Nie jemanden verletzt. Wenn du je etwas anderes herausfinden solltest, geh ruhig zum FBI.« Sie verlangte, dass er seine Hand unmittelbar auf die Stellen legte, an denen ihre Finger Rillen in ihrer Bibel hinterlassen hatten, und ließ ihn einen Schwur auf das Buch Deuteronomium leisten, dass er keine Gewalttat begangen hatte.

Mattie Farlo hasste den Ku-Klux-Klan, obwohl auch ihr eigener Vater in den dreißiger Jahren ein Anführer des Klans gewesen war. Ihr Hass ging zurück auf eine schreckliche Nacht, als sie sechs Jahre alt war und ihre Eltern mit ihr zu einer Hinrichtung gefahren waren. Sie kamen an, nachdem der Mob sich bereits wieder beruhigt hatte, und tatsächlich wogten die Leute in aufgeräumter und fröhlicher Stimmung herum. Autos waren in einem Halbkreis geparkt, um das Opfer zu beleuchten. Mattie wandte sich von dem Schauspiel ab, aber ihre Mutter packte sie am Arm und brachte sie ganz nahe heran an den Baum, wo sie sie zwang, in einer Gruppe kichernder und aufgeregter Kinder fast in Reichweite der baumelnden Beine zu bleiben.

Sie konnte es nicht verhindern, dass sie im Scheinwerferlicht den Glanz seiner sauber geputzten Schuhe bemerkte und den Hosenboden seiner mit ordentlichen Bügelfalten versehenen gestreiften Beinkleider. Sie wagte nicht, weiter nach oben zu schauen, zum Seil und dem geknickten Hals.

Sie erinnerte sich, wie ekelhaft sie ihren Vater unterwegs im Auto empfand. Es wurde ihr plötzlich bewusst, dass der Kerl mit den blitzenden und mit Troddeln versehenen Schuhen besser gekleidet und wahrscheinlich auch netter und in jeder Hinsicht sauberer war als jedes einzelne Mitglied ihrer eigenen Familie. Sie begann an Ort und Stelle laut zu beten, während sie sich langsam zur Seite drehte in der Hoffnung, dass niemand von den Erwachsenen sie bemerken und die Kinder sie nicht auslachen würden, als Tränen ihr Gesicht glänzen ließen wie die mit Troddeln verzierten Schuhe im hellen Licht der Scheinwerfer des 36er-Buick ihrer Eltern. Sie schwor, sich von dem Bösen abzuwenden, das ihre Stadt getan hatte.

Deshalb ließ Mattie Farlo es dreißig Jahre später zu, dass die Pakete für Johnny Ray vom Peace Eye in ihr Haus geschickt wurden. Sie war so hingerissen vom Leuchten der aufgeregten Augen des Sohnes ihrer Schwester und von der Eile, mit der er die Pakete aufriss, als wären es Weihnachtsgeschenke, dass sie kaum darauf achtete, was ihm geschickt wurde. Sie dachte, es handelte sich um eine Kirchengemeinde. Der Absender auf den Paketen lautete:

 

Die Baptistengemeinde der Hoffnung

c/o Peace Eye Bookstore

383 East Tenth Street

New York, N.Y. 10009

 

Johnny bewies Geschick darin, sofort darauf zu achten, welche der Dinge aus dem Freedom-Paket seiner Tante Mattie nun tatsächlich unter die Augen kamen. Deshalb ließ er Bücher von Martin Luther King und Zeitschriften, die der Kongress für Rassengleichheit herausgab, wie zufällig auf dem Bett liegen, während er Sams Anteil an den Lieferungen, zum Beispiel Jointhalter (Johnny hatte keine Ahnung, was er mit diesen pinzettenartigen Dingern anfangen sollte), Wie man Gras anbaut, die Platten der Fugs, die entzückende Indian Annie oder Robert-Crumb-Comic-Hefte mit viel Geschick vor den andächtigen Augen von Tante Mattie fernhielt.

Es war nicht so ganz einfach, einen Platz im Haus zu finden, wo er die Beute aus dem Peace Eye Bookstore verstecken konnte, denn die Räume hatten nach den jahrelangen peinlichen Besuchen von Geldeintreibern etwas Kahles an sich. Eines der Bilder, die sich in Johnnys Bewusstsein eingebrannt hatten, war seine hagere, faltige Mutter, die Blut auf der Zunge hatte, als sie schreiend auf der Veranda stand, während die Geldeintreibertypen die Lampen und Sessel wegräumten und die Versandhausteppiche im Wohnzimmer einrollten.

Sein Vater versuchte sich in allerlei Berufen — er verkaufte beispielsweise Waffen im Wohnwagen im Hof, arbeitete als Störungssucher bei der Elektrizitätsgesellschaft. Seine aufbrausende Art verhinderte stets, dass er einen Job länger behielt. Einmal ein Jahr arbeitete er einen Plan aus, um Räucherfisch zu vertreiben. Gelegentlich stellte er Fallen für Waschbären auf und verkaufte deren Felle. Einmal bestellte er über Postversand eine transportable Nerzfarm, aber ein Opossum fraß ein Loch hinein und die Nerzbrut entkam in die Wälder. Draußen im Hinterland stand eine alte Hirsemühle, in die Ethrom wutentbrannt Löcher geschossen hatte, als die Sache im Eimer war. Schließlich gab es keine andere Möglichkeit mehr, sich über Wasser zu halten, als durch den Klan. Ethrom besaß gerade noch genug Charisma, um vor brennenden Kreuzen Geld zu sammeln, sodass schwitzende armselige Südstaatler ihre Tücher hochhoben und ein paar feuchte Dollar aus ihren Hosen fischten, wovon Ethrom ein Drittel für sich einbehielt, um auf diese Weise für seine Familie eine Existenz an der Armutsgrenze zu erschnorren.

Täglich verwendete Ethrom eine gewisse Zeit dafür, um seinen Sohn darauf vorzubereiten, ein Anführer des Klans zu werden. Er war sich sicher, dass sein Sohn »etwas Großartiges« werden würde. Er war von dieser ihn verzehrenden Vorstellung wie besessen. Eine der Aufgaben von Johnny Ray bestand darin niederzuschreiben, was sein Vater von den Ku-Klux-Klan-Versammlungen in Erinnerung behielt, und Briefe und chiffrierte Kommuniqués zu tippen, die Ethrom zu mitternächtlicher Stunde in seinem Pick-up mit den verräterisch klappernden Nocken auslieferte.

»Eines Tages wirst du über den gesamten Süden herrschen«, versicherte er seinem Sohn. »Amerika verlangt von dir, dass du ein Großer wirst, mein Junge. Du bist der Auserwählte. Du wirst den Süden wieder in seine Ära der Weißen zurückführen.«

Abends, nachdem Johnny zwei oder drei Stunden lang die Korrespondenz für den Ku-Klux-Klan erledigt hatte, half Ethrom ihm dann immer beim Waschen in einer Schüssel, goss aus einem Krug Wasser über seine Hände und sorgte dafür, dass er einen sauberen Nachttopf unter dem Bett hatte. Dann erzählte er seinem Sohn Gutenachtgeschichten über den Klan, die er von seinem Vater gelernt hatte, über die ruhmreiche Zeit der zwanziger Jahre, als der Klan mächtig genug war, die Präsidentschaftskandidaten zu Fall zu bringen. Manchmal las er seinem Sohn Flugschriften mit Hasstiraden vor, als wären sie Geschichten aus dem Alten Testament. Eines Nachts war er bis in seine eisige Seele hinein erschüttert, als er erfahren musste, dass 80 Prozent der Psychiater in Alabama Juden waren. Er hatte darüber in einem Stapel von Flugblättern des Klans gelesen, die an diesem Tag aus der Druckerei kamen. »Sie bringen die Nichtjuden in die abgelegene Wildnis von Alaska und nehmen dann Lobotomien an ihnen vor. Weißt du, was eine Lobotomie ist, mein Junge? Da rennen sie dir ein Messer mitten in die Stirn, um dich in einen Atheisten zu verwandeln. Die Regierung macht das andauernd. Es gibt da dieses vom FBI geführte Krankenhaus in Alaska, wo sie einen zum garantierten Kommunisten machen. Du bist dann so etwas wie ein Spielzeugroboter, mein Junge, und wenn sie dich erwischen, hast du dafür zu sorgen, dass das Alte Testament das einzige heilige Buch in Amerika ist! — Das Alllllte Tessstament. Es wird dann kein Neues Tessstament mehr geben.«

Johnny lief es kalt über den Rücken.

Die regionale Machtverteilung legte fest, dass örtliche Klanzellen geheime Terrorkommandos bilden sollten. Diese mussten klein sein, gut bewaffnet, mobil und bereit zu töten. Ethrom folgte dem Ruf mit Freuden. Seine Gruppe wurde bekannt als The Secret Six. »Bald«, sagte er mit einem seinen Sohn förmlich durchdringenden Blick, »werden es die Secret Seven sein.«

Er war der Meinung, er habe die Schlüssel zum Universum an Johnny Ray übergeben, der hart, unerschütterlich und zugleich unbeeindruckt dreinzuschauen versuchte.

»Verstanden, Junge?«

Johnny mied seinen Blick.

»Verstanden, Junge!!!?« Ethrom trat näher an ihn heran und rüttelte an seinen Schultern.

»Verstanden!?«

»Verstanden, Dad.«

Er gab seinem Sohn einen Gutenachtkuss, dann hielt Ethrom an, um sich selbst im Vorzimmerspiegel zu betrachten, und hüpfte aus Freude darüber, dass sein Erbgut sich fortpflanzen würde, dass große Zeiten bevorstanden, mit Geld, Macht, dem Ruf Gottes und der Nation.

Eine weitere der Pflichten, die Johnny für den Klan erledigen musste, war es, Kreuze aus langen Vierkanthölzern zu zimmern und diese dann in Sackleinwand zu wickeln. Ethrom wollte sie so groß wie möglich haben, aber sie mussten noch auf die Ladefläche des Lastwagens passen. Wenn riesige Kreuze für große Versammlungen benötigt wurden, musste Johnny sie direkt auf der Wiese, wo das Treffen stattfinden würde, sägen, nageln, verklammern und mit Streifen aus Kartoffelsäcken umwickeln.

Am späten Nachmittag, nachdem er das Kreuz eingewickelt hatte, machte er sich auf den Weg zur geheimen Lichtung im Wald und hackte den Rasen mit einem Grabeisen auf. Er legte das Kreuz neben das Loch und stellte in der Nähe einen Benzinkanister bereit.

Wenn das getan war, hatte Johnny Ray Slage ein paar Minuten Zeit für sich und konnte Gitarre üben. Er besaß einen angenehmen, wohltönenden Tenor. Es war ein eher seltsamer Anblick, wenn Johnny Ray Slage im Jahr 1966 auf einem Ku-Klux-Klan-Kreuz am Rand einer Gruppe von Walnussbäumen saß und Bob Dylans »The Times They Are A-Changin’« oder John Lennons »Norwegian Wood« sang.

Nach Einbruch der Dunkelheit und kurz vor der Versammlung schüttete er Benzin von oben bis unten auf das mit Sackleinen umwickelte Kreuz und setzte es in das Loch. Johnny stand in diesen Schreckensnächten am Rand und beobachtete seinen Vater bei dessen Aktivitäten. Manchmal saß er während der Feuerzeremonien draußen im Lastwagen und las Artikel, die Talbot ihm geschickt hatte, wobei das Feuer der getränkten Sackleinwand seine Leselampe war.

Zu Hause traf Ethrom oftmals Johnny Ray beim Studieren der verbotenen Sachen an. Ethrom war so stolz auf seinen Sohn, dass er sogar gegenüber den Schallplatten blind war, die sein Sohn überall im Haus hatte, etwa von den Fugs, den Mothers of Invention, von Blues Project, John Fahey, Pete Seeger, Rubber Soul von den Beatles, Leadbelly, Wilson Pickett, den Rolling Stones, Joan Baez und ein paar frühe Tonbandaufnahmen von Janis Joplin und Big Brother and the Holding Company.

Wir konnten nicht im geringsten wissen, welchen Einfluss wir auf Johnny Ray Slage hatten oder wie schnell wir mitgeholfen hatten, ihn zu verändern. Er erzählte uns, er hätte damals begonnen, sich die Haare lang wachsen zu lassen, lang zumindest für die Verhältnisse von Alabama, und es hing ihm bereits in typischer Hippieart bacchantisch herab. Sein Vater fand das nicht in Ordnung, auch nicht, als Johnny es oben nach der Art von Elvis zurückzukämmen versuchte. Ethrom ließ sich nicht zum Narren halten und schnitt ihm eines nachmittags mit einer Schafschere beinahe eine Glatze.

Ich sandte ihm einen elektrischen Tonabnehmer für die Gibson samt einer Beschreibung, wie er zu installieren war. Die Fugs besaßen einen zusätzlichen Verstärker, den wir nach Alabama hinunterschickten, obwohl wir fürchteten, dass das auf die Leinenbespannung gemalte Auge des Horus, welches von leuchtenden Marihuanablättern umgeben war, ihn in Schwierigkeiten bringen könnte.

Johnny Ray erzählte seinem Vater, er habe den Verstärker aus einer der Kirchen mitgenommen, die der Klan in Brand gesteckt hatte. Als er Johnny zur elektrisch verstärkten Gitarre singen hörte, kam ihm die Idee, dass sein Sohn auf den Versammlungen singen könnte. Ethrom gab ihm einige Texte: »Ich möchte, dass du daraus ein Lied machst und es Morgen singst, wenn wir zur Beulah-Bethel-Kirche hinausziehen wegen dieser Sache mit der Registrierung der Stimmberechtigten.«

 

Die Armeen der Weißen marschieren

Marschieren für Jesus und den Ruhm

 

Die Armeen der Weißen

Retten die Südstaaten

Aus Satans Sowjetgeschichte

 

Johnny Ray konnte kaum das Lachen unterdrücken. Ethrom wollte das Lied zu einer Melodie von Hank Williams gesungen haben, und Johnny zerriss absichtlich eine Saite — pling! sodass sie seitlich von der Gitarre herunterhing.

»Schon gut so, Junge, spiel weiter.«

Sein Vater versank von Zeit zu Zeit in einer geifernden, seinen ganzen Körper zum Beben bringenden Grausamkeit. Der Begriff der permanenten Aggression war zwar noch nicht in Gebrauch, aber der an Heftigkeit ständig zunehmende Drang, sich in Terrorakten auszutoben, meldete sich in regelmäßigen Abständen. Für Ethrom gab es nichts Erregenderes, als zuzusehen, wie eine Kirche niederbrannte, oder zur Schlafenszeit in die Häuser von Leuten einzubrechen, die mit der Registrierung der Stimmberechtigten zu tun hatten, um sie zusammenzuschlagen. Die akustische Erinnerung an den dumpfen Schlag, welcher Talbots des Großen Karriere als Footballspieler ruiniert hatte, war für ihn immer noch etwas, was er genoss.

Er musste diese Dinge vor Mattie Farlo verbergen. Als im Verlauf des Sommers ’66 die Gewalt zunahm, ließ sie ihn wieder und wieder schwören, dass er nichts damit zu tun hatte.

Als er festgenommen wurde und später wegen einer Kirchenbrandstiftung vor Gericht kam, musste er aufwendigere Ausreden erfinden. Johnny Ray verstand nicht, warum sich sein Vater solche Sorgen machte, da doch der Richter in dem Prozess ein Mitglied des Klans war.

Aber da es ein Geschworenengericht war, konnte der Richter den Urteilsspruch nicht einfach vorwegnehmen. »Die Kommunisten schicken Agenten von Russland bis hierher, um sicherzugehen, dass das Gericht mich schuldig spricht!«, meinte Ethrom unter Tränen zu Mattie Farlo und konnte sie damit beinahe überzeugen. Am Tag, bevor die Gerichtsverhandlung beginnen sollte, versammelte sich die Familie in Matties Haus zum Gebet und bat darum, von allen Atheisten und kommunistischen Rassenvermischern erlöst zu werden, und darum, dass Ethrom aus dieser Angelegenheit siegreich hervorgehen möge.

Die Gerichtsverhandlung fand am anderen Ende des Staates statt, deshalb beschloss Ethrom, bei dortigen Klanmitgliedern zu übernachten. Abends patrouillierten die Secret Six durch die Straßen, in denen die Geschworenen wohnten, und hinterließen Flugblätter mit der Aufschrift THE KLAN IS WATCHING YOU auf Windschutzscheiben und an der Tür zur Gemischtwarenhandlung, wo sie ihre Milch und Brot einkauften. Johnny Ray musste in die Schule und blieb deshalb zu Hause. Er war froh darüber. Das Haus gehörte nun ihm!! Tante Mattie kam jeden Abend herüber, um ihm das Essen zu machen, dann kehrte sie wieder zurück in ihr Haus. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Johnny Ray ganz allein war. Es war wunderbar. Er konnte lesen, was er wollte, und die Sachen offen liegen lassen. Er konnte die ganze Nacht lang Gitarre spielen und Platten hören.

Er hatte an Talbot geschrieben, ob man ihm ein Tonbandgerät besorgen könnte, also schickten wir ihm ein schönes handbemaltes Wollensak-Spulengerät, das mir Andy Warhol geschenkt hatte. Es hatte einen Siebdruck von einer der berühmten Blumen von Warhol vorne auf dem Aluminium. Dieses Wollensak von Warhol kam an, als Ethrom Slage gerade vor Gericht stand.

Man hatte erwartet, dass die Verhandlung mindestens ein bis zwei Wochen dauern würde, doch wurde Ethrom bereits nach drei Tagen freigesprochen. Ein Konvoi mit Kerlen aus dem Klan fuhr in Richtung Birmingham und veranstaltete ein Hupkonzert. Johnny fragte sich, was los war, als er aus der Ferne das Gehupe hörte, kam aber nicht auf die Idee, dass das sein Vater sein könnte.

Ethrom soff aus Krügen so groß wie Einmachgläser und brüllte, als wäre der Krieg zu Ende. Er wollte nicht, dass Mattie Farlo ihn beim Trinken erwischte, also hielt er seinen Wagen am Ende der Straße, die vom Haus wegführte, um den schwarzgebrannten Whisky in einer alten abgestorbenen Föhre zu verstecken, die in der Familie »regloser Baum« genannt wurde und Spechtlöcher hatte, groß genug, um ein Gefäß darin zu verbergen.

Warhols Wollensak war in Johnnys Schlafzimmer. Er hatte sich ein paar Bänder angehört, die wir ihm geschickt hatten. Der alte Verstärker der Fugs stand auf dem Waschbecken und Dylans Gitarre lag auf dem Polster und war mit einem selbstgebastelten Kabel, das Johnny aus einem alten Radio von der Müllkippe gebastelt hatte, an den Verstärker angeschlossen.

Ethrom war im Haus, bevor Johnny alles verstecken konnte.

Ethrom blickte betrunken und verwundert auf das mit Blumen bemalte Tonbandgerät. Er nahm die Schachteln für die Tonbänder, um zu lesen, was darauf geschrieben stand.

»Was ist da drauf auf der Maschine, Junge? Spiel es vor.«

Johnnys Hand warf einen Schatten auf die Blume von Warhol, als er die »Play«-Taste drückte.

Es war ein Tonband von den Begräbnisfeierlichkeiten für die Opfer des Bombenanschlags von Birmingham. Talbot war nach seiner Begegnung mit Johnny Ray zu dem Begräbnis gefahren. Wir hatten einen Brocken Mörtel von der Kirche, in der die Bombe explodiert war, auf meinem Schreibtisch im Peace Eye Bookstore stehen.

Auf dem Band, das Johnny Ray seinem Vater vorspielte, beendete Martin Luther King gerade seine Rede zum Gedenken an die Opfer, und dann setzte der Trauergesang der versammelten Gemeinde ein, mit einer die Seele erschütternden Strophe aus Pete Seegers Hymne für die Bürgerrechtsbewegung:

 

»They won’t die in vain

They won’t die in vain

Deep in my heart I do believe

They won’t die in vain.«

 

Als er die Stimme von Martin Luther King hörte, setzte Ethrom sich aufs Bett, rot im Gesicht und bebend, sein Atem kam stoßweise, der Whiskygeruch, der aus seiner Kehle rülpste, mischte sich mit scharfen Magendämpfen. Die Worte »They won’t die in vain« jedoch ließen seinen Hass und seine Wut wieder zurückkehren, sodass er ein Loch durch das Auge des Horus im Verstärker der Fugs, der nun auf Johnnys Bett stand, boxte. »Die Südstaaten werden auch nicht umsonst sterben!« zischte er.

Diese Ungeheuerlichkeit! Sein Sohn, an den er seine Zukunftsvision geknüpft hatte — sein Sohn, dazu auserkoren, der fesselnde Prophet des Südens zu werden, welcher Ethrom am Liebsten selbst geworden wäre, war von den Kommunisten vereinnahmt worden! Während er an seinen Knöcheln lutschte, die von dem Schlag gegen den Verstärker bluteten, versuchte er seine Fassung wiederzugewinnen.

»Woher hast du das, Junge?« Ethrom hielt die Gibson hoch.

»Die ist von Bob Dylan, Daddy.«

»Von wem?«

Johnny Ray nahm die Gitarre und fing an »With God on Our Side« zu singen.

Ethrom packte die Gitarre und schleuderte sie Richtung Wand, um sie zu zerschmettern, verlor aber das Gleichgewicht, sodass es misslang. Er rannte aus dem Zimmer und warf einen Stuhl um, während er zum Ofen eilte. »Du hältst dich für weiß Gott was für heiße Scheiße«, rief er über seine Schulter. »Aber du bist bloß ein kaltes Würstchen auf einem heißen Zahnstocher.«

Johnny hörte, wie die Ofentür geöffnet wurde, und das Herumrascheln, als sein Vater Papier zusammenknüllte, und das Reiben des Zündholzes, dann das kratzende Geräusch der Gitarre, während diese auf das brennende Papier geschoben wurde.

Johnny ging ans Fenster, zog den Vorhang zur Seite und schnappte nach Luft: »FBI, Daddy!«

Der totale Schrecken brach aus. Der Vater ließ die Ofentür offen, als er über die Stiegen nach oben stürzte, um sein Gewehr zu holen, und rief seinem Sohn noch zu, das Funkgerät einzuschalten. »Ruf die Secret Six. Sag ihnen, sie sollen sich bereit machen zum Kampf!!«

»Okay, Daddy.«

Johnny nahm die kleine Axt neben dem Holzofen und durchtrennte die elektrische Leitung am Sicherungskasten. Es gab einen gewaltigen Blitz, und dann war es im ganzen Haus finster. Er rannte zur Veranda; und kletterte über das Spaliergitter aufs Dach hinauf, wo er eine Schindel herausriss, um das Rauchabzugsloch im Kamin zuzudecken. Er dachte, dass sich so vielleicht das Haus mit Rauch füllen würde und seinen Vater aus der Fassung bringen müsste.

Dann rannte er zurück in sein Zimmer, wo er den versteckten Stapel Zeitschriften von Talbot herausriss und zum Ofen trug. Er holte die Gitarre heraus, die wie durch ein Wunder noch unbeschädigt war, abgesehen von ein paar Brandflecken auf den psychedelischen Aufklebern, und warf stattdessen die Zeitschriften hinein.

Er erschauderte, pisste sich vor Angst in die Hosen, als er sich die Finger abschürfte, während er in Windeseile einige seiner Habseligkeiten in den groben Leinensack stopfte, den sein Vater aus dem Koreakrieg mitgebracht hatte. Er fand seine Jeansjacke, einige nicht zusammenpassende Socken und die Familienbibel, denn Johnny war religiös. Er nahm ein Messer aus der Küche, damit er später die Flagge der Konföderierten vom Rücken der Jacke heruntertrennen konnte. Er wusste, wo sein Vater das Geld vom Klan aufbewahrte. Es waren ein paar Hundert Dollar da. Er würde nicht alles nehmen. Sein Vater war so schlampig, dass er ohnehin nie genau darüber Buch führte. Er suchte nach etwas, wo er es hineintun konnte, leerte den Inhalt von Ethroms Red-Man-Kautabakbeutel und stopfte ihn voll mit Geld.

Er starrte ungefähr fünfzehn Sekunden lang auf das Wollensak-Tonbandgerät mit den mittels Schablone aufgespritzten Blumen. Er wusste, was sein Vater damit tun würde — es bei Versammlungen des Klans benutzen, oder »Geständnisse« gefolterter Opfer aufnehmen —, und so beschloss er, es mitzunehmen.

Sein Vater kauerte mit einem Gewehr in der Hand unter dem Wohnzimmerfenster am Boden und fuhr seinen Sohn im Flüsterton an: »Schau, dass du dein Gewehr herkriegst, Junge, und alle Munition, die du hast. Und dann hol mir die Schachtel mit den Handgranaten aus dem Keller!«

»Okay, Daddy.«

Johnny öffnete die Haustür und flüsterte: »Es sind fünf Wagen draußen. Einer davon ist das schwarze Fahrzeug mit der großen Antenne.« Er wusste, Ethrom würde glauben, es sei der Leiter des Polizeipostens in Birmingham, und völlig in Panik geraten.

Genau in diesem Moment krächzte Vaters Papagei sein aus einem einzigen Wort bestehendes Repertoire hinaus: »Klan! Klan! Klan!« Johnny nahm ihn von seiner Sitzstange und ließ ihn auf seine Schulter hüpfen. Er würde, so dachte er, ein gutes Geschenk sein für Talbot den Großen.

Er stellte das schwere Tonbandgerät, die Gitarre, den Papagei und den Leinensack am Rand der Einfahrt nieder und ging hinauf auf den Hügel, um den Grabstein seiner Mutter zu küssen. Dann fuhr er per Autostop bis in die Lower East Side von New York City.

Ethrom kauerte ein paar Minuten lang zitternd unter dem Wohnzimmerfenster am Boden, rief flüsternd nach seinem Sohn, bis er schließlich zum Eingang kroch, die Tür aufbrach und auf die Veranda hinausrobbte, die Finger am Abzugshahn und bereit für die Entscheidungsschlacht.

Es war überhaupt nichts — kein schwarzes Auto mit großer Antenne, kein Einsatzwagen des Sheriffs. Es dämmerte ihm, dass sein Sohn abgehauen war, und er spürte einen schmerzenden Knoten im Magen wie den verkalkten Knödel eines Wiederkäuers. Er weinte und tobte und fluchte im plötzlichen Schmerz des Verrats. Er liebte seinen Sohn so sehr, dass er ihn wahrscheinlich umbringen musste.

 

Eines Abends streunte ein junger Mann ins Peace Eye und sagte: »Ich bin Johnny Ray Slage.« Ich erkannte das Tonbandgerät von Warhol und dann Dylans Gitarre, die aus dem Leinensack herausragte. Zum Schutz hatte Johnny einen graurotgestreiften, groben Wollsocken über den Gitarrenhals und die Wirbel gestülpt.

Er öffnete eine kleine Schachtel und heraus hüpfte der Papagei seines Vaters. Er stellte sich auf meinem Schreibtisch auf dem Mörtelbrocken, den Talbot von der Kirche gebracht hatte, auf die der Bombenanschlag verübt worden war, und krächzte »Klan! Klan! Klan!«

Ich versuchte gelassen und gleichgültig zu erscheinen, aber ich war überglücklich, dass der Junge entkommen war. Ich rief Talbot an, der im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Strecke von der Vierzehnten Straße bis zum Peace Eye auf seinem hinkenden Bein herunterrannte. Indian Annie war im Hinterzimmer dabei, die neueste Ausgabe der Marijuana Review zusammenzustellen. Ich stellte die beiden einander vor und Annie ging hinüber zur Kommune, in der sie lebte, um einen Schlafsack für Johnny Ray zu holen. Er schlief ein paar Tage im Peace Eye, bis sich bei Annie Platz fand.

Der Papagei blieb im Peace Eye und während der nächsten paar Monate arbeiteten wir hart daran, ihm ein paar neue Phrasen beizubringen, sodass er — er trug nun den Namen Freedom —, als der Summer of Love begann, auf meinem Schreibtisch stand und »Piss auf den Klan! Peace! Piss auf den Klan! Peace!« rief.

 

ZEIT, GEIST, NERVENKITZEL, TANZ & MUSIK

Sam Thomas atmete schwer, rang fast nach Luft, und Bäche von Schweiß flossen über seine heißen Schulterblätter angesichts der Überzeugungskraft der Prosa. Er las laut vor, mit einer trockenen, heiseren Stimme, die bisweilen zu einem fast unhörbaren Flüstern einer im Kehlkopf sitzenden Angst wurde:

»Ich habe jetzt den ersten Hebel gedrückt,« sagte O’Brien. »Die Konstruktion des Käfigs ist Ihnen doch klar? Die Maske passt nahtlos über Ihren Kopf. Wenn ich hier auf diesen anderen Hebel drücke, dann gleitet die Käfigtür hoch. Die halbverhungerten Bestien werden wie Kugeln herausschießen. Haben Sie jemals eine Ratte durch die Luft springen sehen? Sie werden Ihnen ins Gesicht springen und sich sofort hineinbohren. Manchmal stürzen sie sich zuerst auf die Augen.«

Als die Stelle gekommen war, da die Ratten die Augen anknabberten, war das Schreien, mit dem er den Text vorlas, in ein Dröhnen übergegangen, wobei er zitterte wie ein Junkie, der sich schon den zweiten Tag gegen den Horror wehrt, einen Rattenkäfig als Gesichtsmaske tragen zu müssen. Es war alles so wirklich für ihn, dass er — nachdem er eine Pause gemacht hatte — das Gefühl hatte, aus einem heftigen Traum zu erwachen, und ein paar Sekunden lang gaben Realität und Traum einander die Hand. »Whew! Nicht mit mir! Keine Augenbehandlung mit mir!« rief er und schleuderte »1984« quer durch das Zimmer, wo es von der aus einem Wasserkühler gebauten großen silbernen Wasserpfeife abprallte.

Draußen war ein schöner Tag, der mit Mustern unendlicher und zielloser Schrägheiten lockte, und keinerlei Bilder von Rattenkäfigen vor dem Gesicht würden ihn davon abhalten, in den Nervenkitzel hineinzuspazieren.

Den ersten Halt bei seiner Herumbummelei machte er im Peace Eye Bookstore, wo gerade ein paar Matratzen von der Straße hereingeschleppt wurden und aus Öfen und Kühlschränken vom Sperrmüll eine Gemeinschaftsküche gebaut wurde.

Freedom, der Papagei, saß auf dem Hektografie-Matritzendrucker und sah zu, wie herumgeschoben und gewerkelt wurde, wobei er ungefähr alle zehn Sekunden sein »Piss auf den Klan! Peace!« hören ließ.

Der Peace Eye Bookstore war an die Gemeinschaft übergeben worden, um entsprechend den Bedürfnissen der Gemeinschaft benützt zu werden. Bei einer Versammlung des Stammesrats wurde beschlossen, dass die Gemeinschaft eine Kombination aus Kommunikationszentrum und Pennbude zum Übernachten brauchte. Der Hauseigentümer hatte sich schon aufgeregt, als im Hof jemand Selbstverteidigungskurse abhielt. Ein Zirkusartist in gebatikten Gewändern hatte ein Seil zum Balancieren gespannt und die Mieter im oberen Stock beklagten sich bald über Marihuanageruch, der von den Matratzen ins Treppenhaus hinaufzog.

Bücher waren nicht mehr so wichtig. Sie waren in Stößen in den hinteren Raum verfrachtet worden, sodass ehrwürdige Reihen von Friedenskerzen, Räucherstäbchen, Federn und Runensteinen ihren Platz in den Regalen des Verkaufsraums einnehmen konnten. Die Wände wurden mit Postern geschmückt, die sich mehr auf Marihuana und Musik bezogen als auf Dichtung und Untergrundzeitschriften, und es gab Anschlagtafeln, die voll waren mit kurzen Botschaften, der Suche nach Mitfahrgelegenheiten nach San Francisco und Aufrufen besorgter Eltern etwa des Inhalts »Will, ruf zu Hause an! Wir verstehen dein Problem. Auch wir möchten nicht, dass du nach Vietnam gehen musst!« oder »Laurie Kate. Wir versprechen dir, nie wieder ein Jimi-Hendrix-Poster zu zerreißen oder dich nicht wegzulassen. Es ist alles verziehen.«

Sam half einem jungen Mann namens Groovy, der für die Ruhezone im Peace Eye zuständig war und die sogenannte Matratzenwiese gestaltete, die sich durch alle drei Räume erstreckte. Groovy war ein paar Jahre jünger als Sam. Er war ein großer, schlanker, stiller und gelassener Typ, der eine Harmonika auf einem Drahtbügel um den Hals trug, sodass er immer eine Melodie spielen konnte, während er in der East Side unterwegs war. Groovy hatte eine Tätowierung »Bourbon Street — New Orleans« auf seinem Arm. In Auflehnung gegenüber Generationen von Vorfahren, die zum größten Teil Farmer im Mittelwesten gewesen waren und eine Tätowierung bereits als einen Bund mit dem Teufel betrachtet hätten, ließ Sam sich von Groovy dazu überreden, sich das Auge ...

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