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Tales of Beatnik Glory - Deutsche Edition - Band I-IV

Ed Sanders

Tales Of Beatnik Glory

DEUTSCHE EDITION

G e s a m t a u s g a b e

Band I - IV

FUEGO

Über dieses Buch

Kaum jemand hat die neueren kulturellen Strömungen und Umwälzungen in der Kunst, der Musik und vor allem in der Literatur stärker beeinflusst als die amerikanische Nachkriegsgeneration der Beatniks. Namen wie Kerouac, Bukowski, Ginsberg, Burroughs und Sanders sind die Vertreter jener »Wilden Generation«, die in den fünfziger und sechziger Jahren mit ihren literarischen Werken neue Formen des Schreibens, der Kommunikation, des Lebens und der Ansicht unserer Welt dokumentierten und damit bis heute den Rahmen einer kultur- und lebensfeindlichen Umwelt sprengen.

 

Allen Ginsberg nannte das dokumentarische Rock ’n’ Drug-Epos Tales of Beatnik Glory über »Die Freaks von Greenwich Village« ganz ohne Neid einen »satirischen Lobgesang auf radikale visionäre Politik, wie man sie im 21. Jahrhundert mit der Einstellung den alten Ägyptern gegenüber betrachten wird«, und einen »Meilenstein historischer Archäologie«.

 

»Sanders erzählt mit einer gehörigen Portion Selbstironie, ohne Verbitterung, doch voll satirischem Witz aus den Urzeiten der Alternativ-Szene und die schrägen Vögel an der Lower East Side geben zu anhaltender Heiterkeit Anlass« schreibt Florian Vetsch in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

»Als die Beatniks den Hippies weichen mussten, war Ed Sanders dabei. Er stand auf der Kreuzung, dirigierte den Verkehr und formte die Dekade.«

William S. Burroughs

 

 

 

 

Den Partisanen der späten Fünfziger und der 1960er und ihrer Vision einer großen gewaltfreien Besserung gewidmet. Ebenso jenen, die in den Bistros waren, in den Cafés, auf den Friedensmärschen, den Freiheitsfahrten, den Sit-Ins, den Kundgebungen gegen die Atombombe, in den Sozialwohnungen, den Parks, den Buchläden, den städtischen und ländlichen Kommunen, die dem Pentagon-Exorzismus beiwohnten, den Mobilisierungen gegen den Krieg, und den Tausenden von Planungstreffen für eine Revolution, gleich denen von 1825, 1848, 1870, 1905, 1934 und 1968. Außerdem jenen Teilnehmern der Primary Color-Revolution und der Hippie/Beatnik-Verbrüderungen gewidmet, wie denen im Avalon Ballroom in San Francisco, dem Fillmore East und West und auf Tausenden von Stroboskoplicht-Meetings von Küste zu Küste. Und ebenso den Partisanen von LeMar, der Druckmatrizen-Revolution, der Untergrundfilm-Bewegung, dem Netzwerk der Untergrundpresse und all jenen, die ihre Seelen ausschütteten in zahllosen Versammlungen und Planungstreffen für ein besseres Amerika, darunter Zehntausende Benefizveranstaltungen, Be-Ins, Love-Ins, Jam Sessions und Flugblätteraktionen.

Vor allen Dingen aber ist dieses Buch jenen Partisanen in aller Welt gewidmet, die erkennen, dass das Thema der Rose, so lebenswichtig für unsere Jugend, wieder aufkommen wird – so wie es dies alle paar Jahrzehnte wieder getan hat – und dass es der Tanz unserer Leben ist, welcher die Rose wachsen lässt.

Vorwort zur vierbändigen Gesamtausgabe

Viele dieser Geschichten spielen in der Lower East Side von New York City, wo ich von 1960 bis 1970 gelebt habe. Einige finden anderswo statt — zum Beispiel auf einem Friedensmarsch im Mississippi des Freedom Summers, in einer Endsechziger-Kommune in Kansas und in der späten Sechziger-Rock ’n’ Roll-Welt von Los Angeles. Sie sind von den späten Fünfzigern bis 1969 chronologisch angeordnet und folgt den miteinander verbundenen Lebensläufen einer Gruppe von Poeten, Schriftstellern, Malern, Musikern, Untergrund-Filmemachern und Verlegern, Radikalen, Freedom Riders, Kriegsgegnern und Angehörigen des Beat-Milieus während dieser beiden Jahrzehnte.

Einige Orte in diesen Geschichten, wie Stanleys Bar und das Charles Theatre, gab es tatsächlich, aber andere, wie die Total Assault Cantina, das House of Nothingness Café, das Luminous Animal Theatre, die Mindscape Gallery, das Café Perf-Po, das Anarchistische Kohlenkollektiv und natürlich die Aura of Health Trans-Truckstopp-Futterkrippe hat es nie gegeben — obwohl es sie hätte geben sollen.

Die Sechziger waren in der Lower East Side besonders intensiv und ich befand mich mittendrin als Verleger von unzähligen vervielfältigten Abhandlungen und literarischen Zeitschriften sowie als Betreiber des Peace Eye Bookstore, eines kulturellen Zentrums, wo auch einige der Geschichten in den Tales of Beatnik Glory angesiedelt sind. Im Peace Eye Bookstore gründeten Tuli Kupferberg und ich Ende 1964 das satirische, anarcho-poetische Folk-Rock-Ensemble namens The Fugs.

Die Fugs begannen 1966 bei einem großen Plattenlabel aufzunehmen. Zunächst spielten sie eine Zeit lang in kleineren Häusern, um dann den Rest des Jahrzehnts durch Amerika und Europa zu touren. Nebenher betrieb ich das Peace Eye weiter, im Sommer der Liebe ebenso wie im Jahr der Ermordung von Martin Luther King und John F. Kennedy, und auch im Jahr der Mondlandung und des Woodstock-Festivals. Die erste Inkarnation der Fugs löste sich 1969 auf und meine Familie zog Anfang 1970 nach zehn wilden Jahren von der Lower East Side in eine neue Appartmentanlage für Künstler und Schriftsteller im West-Village um. Ich schloss das Peace Eye, als wir fortzogen, und verbrachte in den darauffolgenden anderthalb Jahren eine beträchtliche Zeit in Los Angeles, wo ich für mein Buch The Family Nachforschungen über die Manson-Mordserie anstellte.

Nach dreizehn Jahren pausenlosen Trubels — anfänglich in der Gegenkultur und der Druckmatrizen-Revolution, dann mit den Fugs, meinem Buchladen, den Yippies, gefolgt von zweieinhalb Jahren des Studiums und der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Manson-Clans — fühlte ich mich 1973 ausgebrannt. Obwohl ich erst Mitte dreißig war, fühlte ich mich älter als die gesamte Geschichtsschreibung und war sehr darauf aus, über etwas psychologisch Bereichernderes zu schreiben als über Mord und Kulte.

Mein Mentor, der Poet Charles Olson, arbeitete an einem Abriss einer Bücherreihe, genannt A Curriculum of the Soul, und mir übertrug er die Aufgabe, über Ägyptische Hieroglyphen zu schreiben. Anfang der Sechziger hatte ich Ägyptisch studiert, ich war heiß darauf, das Projekt auszuführen, und so begann ich im Frühjahr 1973 meine Nachforschungen in der New Yorker Stadtbücherei, wo ich nach Hinweisen für politische Rebellion unter Künstlern und Schriftstellern im antiken Ägypten suchte. Aus diesen Recherchen heraus entstand die Idee für die Tales of Beatnik Glory. Im Juni 1973 begann ich damit und entwickelte während des Sommers viele der Stories für den ersten Band.

Es war eine Zeit der Selbstheilung für mich — und ebenso eine Zeit der Heilung für die Nation, nun, da das volle Ausmaß der schmutzigen Tricks der Nixon-Regierung von 1969 bis Anfang 1973 gegenüber Kandidaten der Demokraten in den Watergate-Anhörungen ans Licht kam und schließlich das Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten eingeleitet wurde, welches mit dessen Rücktritt endete. Ich freute mich ganz besonders darauf, in meiner Arbeit als Schriftsteller zu dieser Ära zurückzukehren, die ich aufrichtig liebte und verstand, und von der ich mir sicher war, sie mit einer wilden Offenheit porträtieren zu können, die Humor und extreme Ernsthaftigkeit kombinierte.

 

 

WACHSENDE FREIHEIT IN EINER ÄRA DER HOFFNUNG

 

Band I zeigt auf, wie die Zaghaftigkeit der amerikanischen Kultur der Fünfziger beiseite gefegt wurde, als einer ganzen Generation klar wurde, dass die enorme Freiheit, die von der Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert ist, gar nicht genutzt wurde. Aus diesem Wissen heraus erwuchs eine Generation von Shelleyschen Eleutherarchen, gestärkt durch die vielschichtigen und wunderbaren Strömungen der Beat/Objektivisten/Black Mountain-Dichtung, durch moderne Malerei, linke Politik, Bürgerrechte und Jazz.

Die Epoche im ersten Band, 1957-1962, war eine Zeit des hartnäckigen Glaubens an eine gesellschaftliche Besserung der Nation. Die Protagonisten, von denen viele Friedens- und Bürgerrechtsarbeit leisteten, bewiesen, dass Menschen ungeachtet ihrer Fehler mit Würde für eine bessere Welt einstehen können. Diese wesentliche Tatsache offenbart sich in allen vier Bänden. Warte nicht darauf, perfekt zu sein, bevor du für eine gerechtere und auf Gleichheit beruhende Gesellschaft kämpfst.

Es war eine Zeit der Hoffnung. Die Figuren aus dem ersten Band glaubten mit aller Kraft daran, dass sie Teil einer tiefgreifenden Veränderung waren — und allein die Bürgerrechtsbewegung führte tatsächlich innerhalb eines Lebensalters wirkliche Veränderungen im wirklichen Leben herbei. Das Aufkommen einer sozialen Demokratie mit kostenloser medizinischer Versorgung für alle in einer Welt mit Frieden, Gleichheit und Wohlstand schien unaufhaltbar. Die Geschichten in diesem Band folgen Vorkommnissen wie der Hinrichtung von Caryl Chessman 1960, der versuchten Schweinebucht-Invasion auf Kuba und den Freedom Rides von ’61, der Bewegung gegen überirdische Atombombenversuche und der Kubakrise Ende ’62. Es schien, als ob nichts den großen Wandel hin zu einer besseren Welt hätte stoppen können. Dann aber kam der Kennedy-Mord von 1963, der Vietnam-Krieg, die Ermordung von Martin Luther King und von Robert F. Kennedy, das Aufkommen der Rechten und die brutale Einsicht, dass Kriege mittels hochtechnisierter Bombardierungen und Gemetzel durchgeführt wurden — in Band I jedoch war all das noch nicht passiert und dementsprechend war die aufkeimende Hoffnung nach vorn gerichtet und uneingeschränkt.

 

 

MIETPREISBINDUNG UND DAS KONZEPT EINER PERFEKTEN STADT

 

Die Kultur der Lower East Side war zu einem guten Teil durch die Mietpreisbindung der Sozialwohnungen ermöglicht worden (so wie die Kultur eines großen Teils des Endsechziger Rock ’n’ Roll-Milieus, wie in der Geschichte, »Johnny Ray Slage – Ready to Rock«, durch die entspannte und tolerante Westküsten-Freigiebigkeit möglich war.) In New York City wurde die Mietpreisbindung während der Depression als Ergebnis unablässiger Agitation seitens der Mieter-Organisationen mit dem Mietpreisbindungsgesetz von 1939 eingeführt. Während des Zweiten Weltkriegs gründete sich eine Mietervereinigung, die United Tenants League, welche die Einrichtung einer städtischen Dienststelle zur Mietpreiskontrolle durchsetzte und für die Kriegszeiten die Mietpreisbindungen in New York City umsetzte. Diese Mietpreisbindungen hielten sich nach dem Krieg noch jahrzehntelang und sie erst ermöglichten den Poetry-Bebop-Schriftsteller-Beat-Generation-Antinuklear-Hipster/Hippie-Matrizenflugblatt-Boom der Fünfziger und Sechziger.

Als ich Ende der Fünfziger in die Lower East Side kam und während der Jahre, in denen diese Geschichten spielen, gab es die Mietpreisbindungen noch. Es gab billige Buden, erschwingliches Essen, es musste niemand fünf Teilzeitjobs haben, um zu überleben, und du konntest für fünf Bucks genug Gras kaufen, um vielleicht zwanzig Joints davon zu drehen. Eines von Amerikas andauernden Missständen — das grundlegende Desinteresse an erschwinglichen und anständigen Wohnmöglichkeiten für alle (einschließlich sauberem Wasser und Freiraum) — war damals nicht so ein Problem. Das heißt, das Zündstoffgemisch aus Habgier und politischer Korruption hatte das Recht auf erschwingliche Behausungen für normale Leute noch nicht zerstört. Sicherlich war die Lower East Side ein Bereich, in dem Armut vorherrschte, aber das Leben im Hamsterrad war zu der Zeit nur eine Fantasie Rechtsgesinnter, von der nur wenige glaubten, es jemals selbst erdulden zu müssen.

Eine der grundlegenden Visionen, die uns damals inspirierte, war die Errettung der amerikanischen Stadt. In meiner Dichtung nannte ich es Goof City, eine Stadt der Freiheit, in der alle entspannt sein konnten, in der Armut vertrieben war und Wohlstand wahrhaftig geteilt wurde. Es war die Kultur, nach der es Charles Olson hungerte, wenn er von »einer Welt, die es wert ist, erschaffen zu werden« sprach.

Die Lower East Side schien der perfekte Ort zu sein, um Goof City zu erschaffen. Seit dem Krieg von 1812 und dem darauffolgenden Bevölkerungswachstum war sie ein Slum, denn die wohlhabenden Bewohner waren aus ihren Häusern ausgezogen. Die Häuser fielen in die Hände von Immobilienmaklern und Pensionswirten. Die großen Räume in den Gebäuden wurden in kleinere Zimmer unterteilt, ohne Licht, ohne Fenster. Hinterhof-Mietskasernen wurden dort gebaut, wo sich einst holländische Gemüsegärten befanden.

Dann und wann konnte man in den Sechzigern noch einen Hahn krähen hören und wir erfuhren, dass im Neunzehnten Jahrhundert einige Menschen Schweine im Keller gehalten hatten. Erst 1867 wurde das Halten der Unrat fressenden Schweinen verboten und es gab deswegen Proteste und Aufruhr. 1869 ordnete die Gesundheitsbehörde unter dem Druck der Reformer an, dass aus Gründen der Belüftung und der Gesundheit, und auch als Schutzmaßnahme gegen Schlafzimmer-Sittenlosigkeit im Dunkeln, sechsundvierzigtausend Fenster in die innen gelegenen Zimmer der Lower East Side-Mietskasernen eingebaut wurden. Diese komischen Fenster, überstrichen und für gewöhnlich nicht zu öffnen, benutzten wir in den 60ern als Rahmen für unsere Poster oder Mandalas.

Einige von uns waren sich sicher, dass wir diejenigen waren, die die Lower East Side als energetische Zone entdeckt hatten, tatsächlich aber erfuhren wir, als wir uns mit der Geschichte befassten, dass sie über zweihundert Jahre lang wieder und wieder entdeckt worden war von den Geschlagenen, den Gebrochenen, den Rebellierenden, den Radikalen, den Sozialisten, den Anarcho-Gewerkschaftern, den Suffragetten und Feministinnen, den Trotzkisten und zu unserer Zeit von den Barden und Haschrauchern, den Jazz-Hipstern, den Psychedelikern, und von all denen, die auf ihrem Weg zu den goldgepflasterten Straßen des amerikanischen Traums vorbeikamen.

 

 

SPIRITUELLER HUNGER

 

In den vier Bänden der Tales of Beatnik Glory wollte ich ein Gefühl für den spirituellen Hunger dieser Ära vermitteln, und so findet man hier Geschichten von Geistern, religiöser Leidenschaft und der Suche nach spiritueller Errettung. Darunter sind Geschichten, die die religiösen Sehnsüchte von John Barrett und Cynthia Pruitt aufzeigen, wie die Geister-Geschichte »Sappho in der Siebten Ost«, »Cynthia entkommt dem Gib-mir-Rad« und »Ein Geist in der Zwanzigsten«.

Diese Ära erblickte die Einführung von LSD und den weitverbreiteten Gebrauch von Marihuana, Peyote und anderen sogenannten weichen Drogen. Aber viele, viele Leben wurden von Heroin und Speed zerstört. Der Leser dieser Geschichten sollte sich daher immer im Klaren darüber sein, dass einige der in diesen Geschichten geschilderten Verhaltensweisen eine Gefahr für die Gesundheit bedeuten können, wenn sie in einer übertriebenen, selbstzerstörerischen Art und Weise vorgenommen werden.

1973 und 1974, dem Jahr, in dem Miriam und ich mit unserer Tochter Deirdre vom West Village nach Woodstock, New York, umzogen, arbeitete ich kontinuierlich am ersten Band. Ende ’74 rief mich Jeffrey Steinberg von der Stonehill Publishing Company an, um nachzufragen, ob ich daran interessiert wäre, ein Buch über Timothy Leary zu schreiben. Er wollte, dass ich Timothy für einen Monat begleite und darüber schrieb. Ich hatte große Lust, so etwas zu tun und ich erwähnte auch, dass ich die Tales of Beatnik Glory beendet hatte. Er bat darum, es zu sehen und ich schickte ihm das Manuskript. Jeffrey mochte es und zu meiner immerwährenden Dankbarkeit veröffentlichte er es im Herbst 1975.

 

 

BAND II

 

Es vergingen einige Jahre, ehe ich mit Band II begann. Wie schon Band I entstand auch er als Ergebnis lang andauernder Recherchen nach einigen Gedichten. Ich hatte angefangen, kleine elektronische Musikinstrumente zu erfinden, die Puls-Lyra, den Talking-Tie und andere, um auf Lesungen meine Dichtung damit zu begleiten.

1981 entschied ich mich dazu, ein Gedicht in Nachahmung des griechischen Poeten Archilochos aus der Antike zu schreiben, das heißt, ein Gedicht, das teils rezitiert, teils gesungen wird. Das war die Geburt der Geschichte von der »Farbrente Rose« in Band II, in der das Leben einer Gewerkschafts-Rebellenführerin zu Anfang des Jahrhunderts in New York City beschrieben wird, einer jiddisch-sprechenden Sozialistin, die im Alter in das Appartment ihrer Kindheit in der Ludlow Street zurückkehrt und auf eine neue Generation von Pazifisten und Aktivisten trifft.

Ich las alles, was ich finden konnte über die Geschichte der East Side, und fing an, mich zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder dort herumzutreiben. So merkte ich, dass es an der Zeit war, einen weiteren Band der Tales zu schreiben. Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, dass es wenigstens zwei Bücher bedurfte, um diese miteinander verbundenen Leben durch die Sechziger bis in die frühen Siebziger zu erzählen — ein Zeitraum, der wie eine zusammenhängende Ära beschrieben werden konnte.

Ich versuchte, mehr von dieser Lower East Side-Würze einzubringen, so wie in die Geschichten von der »Farbrente Rose« oder von dem »Abend im Café Perf-Po«. Im Zentrum der Handlungen befand sich der Tompkins Square Park – benannt nach einem frühen Gouverneur, der im Staat New York den Kampf gegen die Sklaverei angeführt hatte – und der 1834 auf dem sumpfigem Gelände, das einst Peter Stuyvesant gehört hatte, angelegt worden war. Dieser Park hatte eine lange Geschichte gesellschaftlicher Unruhen. Die Obdachlosen, die dort in den frühen 1990ern lebten, waren ein Echo der gewaltigen Lohn-und-Brot-Demonstrationen, die während der Notzeiten von 1874 hier stattfanden, oder der Armutsunruhen von 1894 und all der späteren, unbegreiflichen wirtschaftlichen Zusammenbrüche, die New York seinen Armen immer alle paar Jahre zu garantieren schien.

Band II zeichnet die Jahre 1963 bis 1965 nach und folgt einer Anzahl von historischen Ereignissen, zum Beispiel dem Bombenanschlag auf die Kirche in Birmingham von 1963, dem Großen Marsch auf Washington von ’63, der Ermordung John F. Kennedys und dem Freedom Summer 1964. Es gibt Handlungszweige, die den Klan und die Kirchenbrenner im Süden aufgreifen, weiterhin das Aufkommen des Rock ’n’ Roll als gesellschaftlicher Ausdruck und der Gitarre als Symbol des persönlichen Erfolgs. Band II markiert auch den Beginn des Vietnamkriegs ’64 und ’65 als nationalen Albtraum.

Wieder war es eine turbulente Zeit in meinem Leben. Ich war damit beschäftigt, zu verhindern, dass unsere neue Heimat in Woodstock, New York zersiedelt würde. Morgens arbeitete ich an dem zweiten Band der Tales of Beatnik Glory, um dann nachmittags aufzubrechen und dabei zu helfen, meine Stadt zu schützen. 1984 beendete ich einen Entwurf des zweiten Bandes und legte ihn dann beiseite, weil andere Bücher, Projekte und Ereignisse dazwischen kamen. ’86 und ’87 arbeitete ich an meinen gesammelten Gedichten, Thirsting for Peace in a Raging Century, der Komposition und den Aufnahmen eines musikalischen Dramas in drei Akten mit dem Titel Star Peace und einem Album von Musikstücken zu antiken Texten, Songs in Ancient Greek.

Während der dreißigjährigen Entstehungszeit von Tales of Beatnik Glory waren diese Geschichten mir immer gegenwärtig, da ich kontinuierlich Aufzeichnungen für meine verschiedenen Charaktere und Ideen machte. Das Projekt füllte schließlich neun Pappkartons. Die Monate zwischen Juli 1988 bis Mitte 1989 waren voller Plackerei, weil ich dem Komitee beisaß, das für die Stadt Woodstock eine Verordnung für eine Umweltzone ausarbeitete. Wie 1984 widmete ich meine morgendlichen Schreibzeiten dem zweiten Band, um neue Geschichten hinzuzufügen und an den bereits geschriebenen zu feilen, und meine Nachmittage verbrachte ich mit der ehrenamtlichen Arbeit im Umweltzonenkomitee.

Dan Levy kontaktierte mich wegen der Wiederauflage des ersten Bandes in der Citadel Underground Reihe. Ich zeigte ihm Band II, und Citadel bot an, die beiden Bände 1990 in einer Gesamtausgabe zu veröffentlichen, worüber ich sehr dankbar war und bin.

 

 

BAND III

 

Band III spielt hauptsächlich 1967, im Sommer der Liebe. In der Lower East Side war es das Jahr der crash pads, der Pennbuden, der Freien Läden, des Wachsens der Psychedelischen Bewegung, der Smoke-Ins im Tompkins Park, der herumwandernden und Räucherstäbchen haltenden Hippies und vieler Straßenunruhen, nachdem die Polizei begonnen hatte, das in den Mietskasernen entstandene Netzwerk der Kommune-Aktivisten zu zerschlagen (siehe die Geschichte »Toast à la Beckett«). Von 1994 bis Anfang 1996 arbeitete ich an Band III, während ich eine Biographie in Versen über Anton Tschechow abschloss. Anfang 1996 hatte ich einen guten Entwurf von Band III zusammen, und von Band I erschien eine deutsche Ausgabe unter dem Titel Der Sommer der Liebe.

Es blieb noch viel Arbeit, um einen endgültigen Entwurf von Band III fertigzustellen, aber wieder kamen Ereignisse dazwischen. 1996 und ’97 schrieb ich 1968, a History in Verse, und dann starb im Frühjahr 1997 einer der wichtigsten Helden unserer Generation, Allen Ginsberg, und so verbrachte ich Monate an einem buchfüllenden Gedicht über ihn, The Poetry and Life of Allen Ginsberg, das 2000 veröffentlicht wurde. Außerdem gab ich in jenen Jahren eine Zeitung heraus, das Woodstock Journal. Anfang 1998 begann ich mit Nachforschungen und dem Schreiben für ein neunbändiges Werk, America, a History in Verse, von dem die ersten drei Bände 2002 fertig wurden. Schließlich konnte ich im Frühjahr 2003 an die Arbeit für Band III der Tales of Beatnik Glory zurückkehren und beendete die abschließende Fassung im Juni 2003.

 

 

BAND IV

 

Während der meisten Zeit, die ich an Band III arbeitete, machte ich mir Notizen und legte Dateien an für mögliche Geschichten eines abschließenden vierten Bandes, um den Fluss der miteinander verflochtenen Geschichten bis zum Ende 1969 aufzunehmen. 1997 hatte ich einen guten Entwurf von »Ein Geist in der Zwanzigsten« fertig.

Über die Jahre hatte ich ein recht umfangreiches Archiv über die Kommunen-Bewegung der 1960er zusammengestellt, das mir von großem Nutzen war, als ich Anfang ’98 die lange Geschichte »Die Hempune«, die Geschichte einer Kommune in Kansas schrieb.

Während ich in der zweiten Hälfte der 1960er mit den Fugs auf Tournee war, hatte ich umfangreiche Erfahrungen in der Rock ’n’ Roll-Welt gesammelt, auch meine Beobachtungen der Psychedelischen Bewegungen San Franciscos und der Folk-Rock-Welt von Los Angeles waren aus erster Hand. Dieses Wissen ließ ich in einige der Geschichten in Band IV einfließen, wie »Johnny Ray Slage - Ready to Rock«, »Rock ’n’ Roll-Detektiv« und »Debbie Harnigans Weg in die Arena«. Die Polizeiausschreitungen in Chicago und die Morde im Jahr 1968 färben manche der Geschichten, wie »Blake Songs« und »Eine Nacht des Totalen Blues«.

Schließlich fand ich im Sommer 2002 Zeit, mich dem vierten Band weiter zu widmen, indem ich kontinuierlich daran arbeitete, Handlungen und Charaktere der abschließenden Geschichten zu entwickeln. Im frühen Herbst des Jahres hatte Tales of Beatnik Glory eine Option auf einen Kinofilm von den Vincent Fremont Productions bekommen, sodass ich in jenem Herbst und den größten Teil des Jahres 2003 mit Vincent Fremont und seiner Frau Shelly Dunn Fremont an einem Drehbuch arbeitete.

In der Zwischenzeit verbrachte ich meine Vormittage mit Band IV, sodass ich im Frühjahr 2003 circa neun der fünfzehn Stories abgeschlossen hatte. Im Mai und Juni arbeitete ich täglich an den verbleibenden Geschichten und hatte schließlich den Grundtext fertig. Ende Oktober 2003 begann ich dann mit den abschließenden Arbeiten, fügte hier einen weiteren Absatz ein, strich dort etwas, und nahm überall kleine Verbesserungen vor.

Im Laufe der Jahre hatte ich mir angewöhnt, in meiner Hauseinfahrt zu tanzen, wenn ein Buch fertig war. Am 10. November 2003 war ein dreißigjähriges Projekt, bekannt als Tales of Beatnik Glory, endlich fertig, und ich tanzte unseren Kiesweg in Woodstock rauf und runter. Im Frühjahr 2004 fand mein Agent Jim Fitzgerald einen Verlag für alle vier Bände, Thunder’s Mouth, der 2002 bereits eine aktualisierte Fassung meines Buches über den Manson-Clan herausgebracht hatte. Wieder tanzte ich in meiner Einfahrt.

Viele der Charaktere, die sich über die Jahrzehnte, in denen ich diese Geschichten erschuf, in meinem Bewusstsein gedrängelt hatten, hatte ich lieb gewonnen — Sam Thomas, Claudia Pred, Cynthia Pruitt, Talbot den Großen, Louise Adams, die Wilden Frauen aus der Zehnten Straße (Debbie Harnigan, Mary Heath und Enid Baumbach), John Barrett, Past Blast, Johnny Ray Slage, Rose Snyder, die Schwiegermutter und sogar die mit Fehlern behafteten Llaso, Andrew Kliver, Uncle Trills, Barton MacIntyre, und Johnny the Foot. Obwohl die Charaktere erfunden sind, waren sie für mich tatsächlich lebendig, und viele sind es noch immer!

Die Jahre verstreichen, und die Partisanen dieser Geschichten sind gealtert und viele sind verstorben, aber die Arbeiter an der »World Relax!-Beat Goof«-Vision einer gütigeren und besseren Welt haben immer noch Kraft. Der spirituelle Hunger und der Idealismus der Jungen, die in New York ankamen, um beim Catholic Worker zu helfen, die Total Assault Cantina, das Komitee für Gewaltfreie Aktion, die Freien Läden, die Vereinigung der Kriegsgegner und Bürgerrechtsgruppen haben immer noch Gewicht. Sie sind gegen Gleichförmigkeit und Trägheit, tanzen in der Zeiteinheit der Spontanität und des Experimentierens für soziale Gerechtigkeit und die Erweiterung der persönlichen Freiheit, für Wohlstand und für den Triumph über die abscheulichen Kräfte der Kriegsführung, der Habgierokratie und der Achtzigstundenarbeitswochen im Hamsterrad.

 

 

EDWARD SANDERS

WOODSTOCK, N. Y. 2004

Band I

1957-62

Die Freaks von Greenwich Village

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Pociao

DIE SCHWIEGERMUTTER

Als sie den schmuddeligen Beatnik heiratete, breitete sich diese Schande wie eine Schlingpflanze über ihren Stammbaum und seine letzten noch lebenden Reste aus. Eine junge Dame aus untadeligem Haus, mit den besten Aussichten auf eine glückliche und gesicherte Partie, die gut aussah, in drei Sprachen bewandert war und auch noch neun Jahre Klavierunterricht hinter sich hatte — und so was ließ sich doch tatsächlich dazu herab, eine nuschelnde, schäbige, Gedichte schreibende Person zu heiraten, über deren Familie man genauso wenig Bescheid wusste wie über ihre Herkunft — Nebraska womöglich. Das versetzte ihren Eltern einen gründlichen Schock — sie waren so fassungslos, dass sie nicht nur Polizei, Rechtsanwälte und Privatdetektive mobilmachten, sondern sogar alle Möglichkeiten für eine legale Einweisung in die Irrenanstalt prüften.

Den Beatdichter kümmerte das alles wenig. Die Eltern bedeuteten ihm nichts weiter als ein paar Kerben mehr am Stecken der Spießer. Er sagte sich: Sie existieren gar nicht. Und wenn sie versuchen, trotzdem zu existieren, dann verschwinde ich mit meinem Engel, ihrer Tochter, irgendwohin, wo sie nicht existieren. Das war die einzige Botschaft, zu der er sich je aufraffen konnte; danach riss die Verbindung zwischen dem Bösewicht und ihren Eltern ab, und er verlegte sich aufs Schweigen.

Aber schon Jahre vor der Hochzeit feuerte die Gegenpartei aus allen Rohren. Die beiden begegneten sich im Spätsommer 1959 in einem Café auf der McDougal Street. Er galt hier mehr oder weniger als Hausballadier und war den ganzen Sommer über voll damit beschäftigt, eine Reihe von sonntagnachmittäglichen Dichterlesungen zu organisieren, zu denen sich die vielversprechendsten Talente der Beat-Ära einfanden.

Als sie sich zum ersten Mal begegneten, sah sie aus wie eine Sein-oder-nicht-sein-Beat-Ballerina. Ihre langen blonden Locken waren zu einem Knoten hochgesteckt, mit einem süßen goldenen Pony, der ihr über die Stirn fiel. Sie hatte schwarze Seidenstrümpfe an und elegante schwarze Stöckelschuhe dazu. Die braune Lederweste mit den Fransen an der Seite war der letzte Schrei auf der Bleecker Street; sie trug sie über einem schwarzen Rollkragenpullover und nichts drunter — für ’59 wirklich der Gipfel an Kühnheit.

Ihre Augen waren eine Mischung aus Nofretete und Juliette Greco: dicke schwarze Tuscheränder und Unmengen von Lidschatten. Nie im Leben wäre jemand auf die Idee gekommen, sie für einen Spießer aus Queens zu halten, dafür würde sie schon sorgen. Schließlich wusste sie ganz genau, wie man auszusehen hatte, wenn man ein echter Villager sein wollte.

Bei dieser ersten mystischen Begegnung hockten sie da und redeten acht Stunden hintereinander, ohne Pause. Dann verabredeten sie sich für den nächsten Tag nach der Schule. Und dann den Nächsten. Und Übernächsten.

Na ja, die Art, wie sie sich anzog, ging ja noch, meinten ihre Eltern. Schließlich wohnte man in New York und nicht in irgendeinem miesen Provinznest. Aber jetzt plötzlich mit diesem Dreckskerl aus Greenwich Village herum, herum, herumzuhängen und weiß Gott was sonst noch mit ihm zu treiben, also das war einfach unmöglich, fanden Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und Vettern aus dem Hinterland von Flushing, New York. Die ganze Familie verbündete sich, um der gerade erblühten Liebe ein Ende zu machen. Sie war siebzehn und wurde in zwei Monaten achtzehn, also mussten sie sich ranhalten.

Sie schrieben Briefe, telefonierten und verschickten Telegramme — an den Beatnik, seine Eltern und die Schule. Sie heuerten Privatdetektive an. Aber alle Drohungen waren vergeblich; die beiden nahmen sie gar nicht erst wahr, sondern ließen sie gleich bis auf den Grund ihres chaotischen Unterbewusstseins sinken. Die Eltern versuchten, sie mit Gewalt in eine andere Schule zu versetzen — die typische Taktik von Eltern, wenn sie mit den Affären ihrer Sprösslinge nicht einverstanden sind. »Fickt euch«, konterte sie, »dann geh ich eben gar nicht mehr zur Schule!«

In den Weihnachtsferien 1959 hauten sie endgültig ab. Zuerst versuchten sie, im Pennerhotel auf der Bleecker Street unterzuschlüpfen, aber da lachte man sie glatt aus. Also verbrachten sie die Nacht in einem Kino am Times Square, wo sie stundenlang das gleiche Programm über sich ergehen ließen: The Blob und I Married a Monster from Outer Space. Am Silvesterabend riefen die Eltern bei der Polizei an und erstatteten Vermisstenanzeige, aber der diensthabende Officer fragte nur, wie alt ihre Tochter denn wäre und ob sie einen Freund hätte. Und weil sie vor Kurzem achtzehn geworden war, war die Sache damit erledigt.

Sie lungerten in der Beatszene herum — halb verhungert, um ehrlich zu sein, — und suchten nach einer möglichst praktischen Lösung. Sie schlenderten durch die Straßen, schmusten am helllichten Tag und verwirklichten mit jeder fiebrigen Faser ihrer Körper Audens berühmte letzte Zeile aus September 1, 1939. Sie verpassten keine Dichterlesung, keine Art Show, keinen neuen Film, kein Ritual perversester Obszönitäten, kurz — kein Ereignis, das auch nur im entferntesten nach Rebellion schmeckte.

Und erst die Buchhandlungen auf der Fourth Avenue! Unzählige Nachmittage verbrachten sie in den rund zwanzig staubigen Läden mit ihren abgenutzten Holzfußböden, und ihre Nasen sogen tief diesen unübertrefflichen Geruch von Buchläden ein — eine Mischung aus Staub und dem schwachen Duft nach antiken Ledereinbänden und brüchiger Leinwand. Und was für ein paradiesisches Wissen lag vor ihnen, wenn sie dort oben auf der wackligen Leiter standen, mit einem drei Meter langen Regal vor sich, das mit lauter vergriffenen Gedichtbänden vollgestopft war.

Ihr größtes Problem war ein Platz zum Ficken. In seine armselige Bruchbude an der Elften Straße konnten sie nicht, denn laut Vermieter dieser Absteige waren Besucher gleich welchen Geschlechts grundsätzlich verboten. Und außerdem schaffte er es sowieso kaum, die Miete plus Nebenkosten plus Stromgeld zusammenzukratzen, um sich eine eigene Bude leisten zu können. Die New Yorker Parks waren ihr Revier. Sie fickten überall. Sie waren die Einzigen, die es je mitten auf der gewölbten kleinen Steinbrücke gebracht hatten, die in der Nähe vom Central Park liegt. Das behauptete jedenfalls der Bulle, der ihre Vereinigung im Licht der Straßenlaterne störte, und zwar grad im äußerst kritischen Moment der totalen Auflösung, als beide kurz vorm Explodieren waren, und sie ihre Ohren nur auf die immer lauter werdenden Schritte Eros eingepeilt hatten und nicht auf ordinäre Gummisohlen.

Sie versuchten es im Stehen, gegen den niedrigen Zaun am Pennerviertel vom Washington Square gelehnt, als der Park schon geschlossen war. Sie fickten auf der Reit-Aschenbahn, die westlich vom Central Park etwa auf der Höhe der Zweiundsiebzigsten Straße liegt, und wurden von Polizeipferden überrascht — wieder mal im ungünstigsten Augenblick. Sie fickten in Sportwagenmanier auf einer Bank in der Zweiundsiebzigsten Straße, diesmal auf der Ostseite des Parks (übrigens in derselben Nacht, direkt nach dem Reitbahn-Reinfall).

Und besonders gern trieben sie’s im Inwood Park. Einmal kraxelten sie in einer Neujahrsnacht weit rauf in die Felsen über dem kleinen See der Columbia University am Nordrand von Inwood. Halb lehnten, halb lagen sie auf einem steilen, vereisten Abhang zwischen riesigen Geröllhalden — als sie plötzlich mitten im Fick ins Rutschen kamen; sie konnten sich nicht mehr halten, rammelten aber feste weiter und verpassten ihrem Ärschchen noch einen Extra-Kick, als sie fünf Meter über eine hauchdünne Eisschicht bergab fegten.

Diese Erfahrung war der absolute Gipfel. Sie verkauften und verpfändeten alles, was sie zwischen die Finger kriegten, schnorrten sich den Rest zusammen und mieteten sich damit ein kleines Nest auf der Ecke Dritte Straße Ost und Avenue B, was den Eltern einen neuen Schrei der Entrüstung entlockte, der aber genauso wenig ausrichtete wie alle anderen.

Als er es wagte, sich für ein Semester von der Schule abzumelden, brachte ihn die geballte Wut ihrer Familie beinah in Schwierigkeiten mit dem FBI. Der Alte kriegte Wind davon und schrieb dem FBI einen Brief, in dem er sich bitter beklagte, dass ein ordinärer Drückeberger, der einer Anzeige wegen Notzucht bloß um lumpige zwei Monate entgangen war, das Gesetz gradezu mit Füßen trete, denn er ginge zwar nicht mehr aufs College, sei aber trotzdem noch immer vom Wehrdienst befreit. Wie konnte das FBI auch nur eine Minute länger zögern, diesen verlausten Kommunistenflegel einzukassieren, tobte der Vater, oder noch besser, warum schaffte man ihn nicht augenblicklich in die nächste Kaserne?

Der Brief erregte beim FBI tatsächlich eine gewisse Aufmerksamkeit gegenüber dem Beatnik. Man schickte eine Abordnung in die Lower-East-Side-Behausung des jungen Paares, das aber glücklicherweise grad nicht zu Hause war.

Zu dieser Zeit waren die Maßnahmen des FBI, wenn sie die gesuchte Person nicht antrafen, reine Routinesache. Sie schoben ihr ein genormtes Formular unter der Türritze durch, auf dem folgender schreckenerregender Text vorgedruckt war. Ganz oben stand der volle und rechtskräftige Name des »Subjekts«, das sie zu belästigen wagten, drunter die Aufforderung: »Setzen Sie sich bitte mit unserem Special Agent Edward Barnes in Verbindung. Federal Bureau of Investigation.« Und dann die Nummer vom FBI mit dem Nebenanschluss von Mr. Barnes.

Der Poet hatte natürlich keine Ahnung von dem Brief, der beim FBI eingegangen war. In seiner Vorstellung spielten sich die grausigsten Visionen von Polizeistaat und Bullenterror ab. Erstmal spülte er seinen gesamten Shitvorrat, der in der Wohnung verteilt war, ins Klo. Sollte das etwa ein gezielter Angriff auf Beatdichter sein? Absurder Gedanke. Aber hatte er nicht neulich seine Unterschrift unter eine Petition gesetzt, die für die Begnadigung von Caryl Chessman eintrat? Vielleicht hatten sie deshalb hier rumgeschnüffelt? Er überlegte hin und her, hörte im Geist schon das Gerassel imaginärer Handschellen und hatte ständig den Soundtrack vom FBI-Radioprogramm im Ohr.

Er rief beim FBI-Büro an und wurde aufgefordert, in einer Kleinigkeit, die seinen Militärdienst anging, an der Siebenundsechzigsten Straße Ost vorzusprechen. Uh-oh. Uh-oh und Terror.

Man verhörte ihn in einem abgelegenen Zimmer, das voller Agenten und Schreibtische steckte. Sie erzählten ihm, dass sie gar nicht scharf drauf wären, ihn zu schnappen, aber sie müssten nun mal einen Bericht machen, weil das vorgeschrieben sei. Er machte ihnen weis, dass er sich nächstes Semester bestimmt in der Schule zurückmelden würde, und tat sein Bestes, um seinen zukünftigen Schwiegervater als exzentrischen Zittergreis hinzustellen.

Wenn der Alte ans FBI geschrieben hatte, überlegten die beiden, dann konnte man wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass er auch die New Yorker Polizei verständigt hatte; kleiner Hinweis auf Drogenmissbrauch womöglich. In den nächsten paar Jahren suchten sie sich für ihr Gras höchst raffinierte Verstecke aus. Beispielsweise benutzten sie die Gras-aus-dem-Fenster-Abseil-Methode mit einer Rasierklinge in der Nähe. Oder auch die Shit-überm-Klo-Baumel-Technik. Es war zwar umständlich, solche Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, aber in diesen Zeiten auch nicht ungewöhnlich. Die beiden kannten einen Burschen, der hatte seinen Hund zum lebenden Grasschlucker abgerichtet, für den Fall, dass die Bullen plötzlich an die Tür klopften. Das Vorhandensein eingebauter Verstecke gehörte wahrend der Beat-Ära zu den wichtigsten Gründen, die für oder wider eine bestimmte Wohnung sprachen, Risse oder Sprünge im Mauerwerk, Vertiefungen usw., aber auch die Überlegung, wie lange im Notfall die Haustür den Drogenschnüfflern standhalten würde.

Die nächste Krise wurde bei ihrer Heirat ausgelöst, als die Familie allen Ernstes erwog, entweder sie oder ihn oder alle beide in die Klapse zu verfrachten. Ein Onkel in der Sippschaft war Arzt. Sie setzten den armen Kerl mit allen Mitteln unter Druck, nur um ihn so weit zu kriegen, dass er den Beatnik einlieferte. »Um Marias willen ...«, schluchzte Mutter am Telefon, und ihre Tränen tropften auf den Hörer. Als Antwort darauf ließ der Beatnik die Botschaft »Nur über unsere Leichen« unter dem Stammbaum explodieren und auf einen Schlag waren die Fronten wieder ruhig.

Die Kinder milderten den Hass der Familie ein bisschen. Der Dichter selbst begnügte sich mit Schreiben und Schweigen. Aber als ihnen der totale Entzug ihrer Enkelkinder drohte, wurden die Eltern langsam weich. Von ihm aus konnten sie alle zum Teufel gehen, dachte sich der Dichter nach all den Jahren harten Kampfes. Wenn sie es wagten, ihm auf den Wecker zu fallen, würde er mal kurz grunzen und die Stirn runzeln, ansonsten aber keinen Ton von sich geben, das schwor er sich. Mit einem naserümpfenden, misstrauischen Beatnik in zerlumpten Klamotten musste übrigens so manche Mittelstandsmutti fertig werden, wenn sie sich in die Slums vorwagte, um einen Blick auf ihre Enkel zu werfen.

So vergingen die Jahre der Armut in glücklicher Eintracht mit Kakerlaken, Ratten und haufenweise Abfall. Manchmal ging es ihnen so dreckig, dass sie T-Shirts zu Windeln umfunktionieren mussten, weil sie sich keine Pampers mehr leisten konnten. Einmal rissen sie sogar einem National-Book-Award-Poeten, der grad bei ihnen zu Besuch war, das Hemd vom Leib und machten eine Windel draus. Und das nur ein paar Tage nach seiner Preisverleihung.

Gelegentlich suchten sie alle ihre Gedicht- und Romanerstausgaben zusammen und verscherbelten sie an Antiquariate. Ständig baten sie Schriftsteller, ihnen ihre Bücher zu signieren. Auf Dichterlesungen im Y auf der Zweiundneunzigsten Straße hingen sie gewöhnlich back stage bei den Dichtern rum und kassierten ihre Autogramme ab. Eine signierte Erstausgabe, oh Mann, das war was!

In einem Anfall von schierer Verzweiflung stellte er sich auch manchmal in die wartende Menschenschlange vor der Blutbank auf der Third Avenue und ließ sich für zehn Dollar einen halben Liter aus dem Arm zapfen. Zehn Dollar, das machte: $ 1.98 für Pampers, siebzig Cent für vier Päckchen Spaghetti, fünfunddreißig Cent für eine Schachtel Spinatnudeln, ein Pfund Hüttenkäse neunundsechzig Cent, Zucker, Kartoffeln, vier Liter Milch, Eier und drei Marshmallows aus dem Supermarkt, zwei Dosen Bier, eine Cola — und alles, was dann noch übrig blieb, waren lumpige drei Dollar. Aber dafür war auch morgen ein besonderer Tag, einer mit besseren Aussichten — mit stundenlangem Studium vervielfältigter hochverräterischer Schriften und tiefgründigen Diskussionen im Tompkins Square Park, vier ausgeprägten Halluzinationen, zahllosen Spaziergängen in Richtung Fourth Avenue und ihren Buchläden, aber vor allem ein Tag der F r e i h e i t.

Im Laufe der Jahre tauchte dann allmählich das Phänomen der Plastiktüte auf. Wenn die Schwiegermutter bei ihren gelegentlichen, hastigen Samstag- oder Sonntagnachmittagsbesuchen in der verdreckten Feindeswohnung auftauchte, schleppte sie meistens Plastiktüten von beachtlicher Größe an. Oft brachte sie sogar Sachen aus ihrer eigenen Speisekammer mit, so verrücktes »Zigeuner«-Zeug, wie verschmähte Dosen mit Palmenherzen, Streit’s schokoladenüberzogene Matzen, eingelegte Melonen in Stücken oder kleine Schachteln Kasha. Die Plastiktüten enthielten aber auch stapelweise Windeln, Milch oder Zucker. Offenbar schmiss die Schwiegermutter nie irgendwas weg. Ihre besonderen Reißer waren Babysachen für die Enkelkinder, die schon deren Mutter, ihre Tochter, in diesem Alter getragen hatte. Das Gleiche galt für Spielzeug und Puppen, mit denen die Mutter vor zwanzig Jahren gespielt hatte. Ab und zu kam es vor, dass Schwiegermutter mitten in eine politische Versammlung platzte, in die Organisation einer Demonstration zum Beispiel mit Amerikas berüchtigtsten Radikalen, jungen Männern und Frauen, für die die Regierung Millionen von Dollar zum Fenster rauswarf, nur um sie zu bespitzeln, zu belästigen, zu verhören und ihnen nachzuschnüffeln. Sie alle rückten schweigend auseinander, wenn Großmutter mit ihren Bündeln von Zeugs durchs Zimmer stampfte. Der Schwiegervater hielt es am längsten aus und blieb in seinem Hass auf den »dickköpfigen Beatnik-Fatzke« lange unversöhnlich. Einmal spritzte er sogar heimlich grüne Pflanzenfarbe in eine frische Milchtüte, die dann bei einem der typischen Plastiktütensonntagsnachmittagsbesuche in den Saustall geschmuggelt wurde. Sie machten die Tüte erst später auf. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt, als sich ein Glas frische Milch einzugießen und plötzlich faulig grüne Schlieren vom Mars aus der Öffnung sickern zu sehen. Aber allmählich wurde sogar der Alte ruhiger und fand sich mit der Ehe ab.

Absolut nichts konnte die Schwiegermutter abhalten — kein Schuppen und kein geodätischer Sommerdom irgendwo draußen im Wald, keine Mietskaserne voller Junkies war ihr abwegig genug, dass sie nicht mit ihren fünfunddreißig Pfund Obst, Gemüse, Klamotten, Schreibpapier, Vitaminen und Zeitschriften angewalzt kam, und es war ihr ganz egal, wie viele Treppen hoch sie ihren Krempel schleppen musste, den sie in zwei oder drei Care-Paketen verstaut hatte — wie sie von den beiden spaßeshalber genannt wurden.

Im Sommer 1964 verbrachten sie mit ihren Kindern ein paar Monate in den Catskill-Wäldern, abseits von einer Holzfällerschneise bei Phoenicia, New York. Sie hausten in einem alten gestreiften Partyzelt, das aus einem Long-Island-Nachlass stammte. Darüber im ersten Stock befanden sich ihre Schlafquartiere — ein Baumhaus, das nach allen Seiten offen war, dafür aber ein Dach aus Plastik hatte. Mehrere Wochen lebten sie in glücklicher Abgeschiedenheit vor sich hin, bis sie eines schönen Sonntagnachmittags — Stampf! Stampf! Stampf! — Schritte hörten, die sich durch trockenes Gestrüpp und Unterholz kämpften. Mit Protein und Energie beladen näherte sich ihrem Zelt die Schwiegermutter.

Sie waren nicht überrascht, im Laufe der Jahre zu entdecken, dass bei den Bohemiens das Phänomen der Schwiegermutter als Demeter weit verbreitet war. Überall, wo sich Künstler und Schriftsteller in ihrem Existenzkampf zusammentaten, tauchte sie auf. Ewiges Heil der Schwiegermutter!

DIE DICHTERLESUNG

Cluthberts Schwester Agatha war nun schon zum fünften Mal an diesem Tag dabei, ihn mit ihrer seichten Art am Telefon zu nerven. Warum konnte sie ihn bloß nicht in Ruhe lassen? »Hör mal zu, Agatha, das werde ich nie im Leben gutheißen, dass du das Haus verkaufst. Mein letztes Wort.«

Cuthbert hauste im Colburne Hotel am Washington Place, nicht weit vom Washington Square, in einer düsteren Bude, in der etwa vierzig bis fünfzig verhutzelte Apfelsinenschalen herumlagen. »Also diese Apfelsinenschalen weißt du, die werden noch die Schlangen anziehen«, hatte ihn seine Schwester gewarnt.

»Hier, mitten in Greenwich Village?«

»Man kann nie wissen! Ich wette, dass die in deiner Nachbarschaft mindestens eine Schlange als Haustier haben, unter all den schrägen Vögeln, die sich da so einnisten.«

Cuthbert hatte weißes, schimmerndes Haar. Seine Augenlider waren meist rosig, ebenso seine Wangen, die sich als ziemlich regelmäßige rosige Ovale abzeichneten. Immer wenn er Gedichte las, schob sich seine Oberlippe nach vorn und in die Höhe. Er war einundsechzig. Und seit vierzig Jahren schrieb er jetzt schon in aller Gemütsruhe seine Gedichte. Das Hotelzimmer war von oben bis unten vollgestopft mit Erinnerungen ans literarische Leben des Village seit den zwanziger Jahren.

»Also, Agatha, ich muss jetzt Schluss machen. Ich muss in ein paar Minuten los zu einer Dichterlesung im Gaslight Café

»Willst du da etwa auch lesen?«

»Ja. Die anderen werden wohl alle gut 45 Jahre jünger sein als ich — es ist eine offene Lesung, verstehst du? — das wird also auf jeden Fall ein denkwürdiger Abend, entweder ein totaler Reinfall oder wahnsinnig aufregend. Und noch was — lass mich doch bitte mal für ein paar Tage in Frieden, okay?«

Cuthbert stand nackt in der Mitte des Zimmers, kaute auf einer Gurke herum und überlegte, welchen Stapel er gestern angehabt hatte. Der Poet hatte nämlich eine Kleiderordnung entwickelt, bei der er alles weggeworfen hatte bis auf sieben komplette Kombinationen, die er im Abstand von etwa einem Meter stapelweise übers Zimmer verteilt hatte. Um die Klamotten des jeweiligen Tages herauszufinden, brauchte er bloß das Bündel vom vorangegangenen Tag suchen, seine Augen entgegen dem Uhrzeigersinn einen Kleiderstapel weiterwandern zu lassen und in dieses Bündel zu steigen. Auf diese Weise entdeckte er, dass er bloß noch alle neunundvierzig Tage große Wäsche machen musste.

 

Das Gaslight war zum Bersten voll. Ein paar Zeitungsfritzen drückten die Leute aus dem Weg, um bessere Photos schießen zu können. Jemand fragte die Frau, die vorn die Eintrittskarten zu einem Dollar das Stück verkaufte, flüsternd: »Ist Ginsberg auch dabei?« Cuthbert schätzte die Beats zwar nicht besonders, zollte aber der Aufmerksamkeit, die von Ginsberg, Burroughs, Corso, Kerouac und Konsorten auf die moderne Dichtung und ihre Schöpfer gelenkt wurde, höchsten Respekt, ganz egal wie sie ausfiel, ablehnend, wohlwollend oder sonst wie. Das Beatfieber der Studenten griff um sich. Für Dichterlesungen waren von heute auf morgen nur noch Stehplätze zu kriegen. Die New York Daily News hatte die Lesung von letzter Woche in ihrem Mittelteil gebracht. In New York ansässige Magazine hatten mehrere Stories über die Beats veröffentlicht, die allerdings von Zynismus und Verachtung nur so trieften; allen voran eine mit dem Titel »Zen Hur«, die kürzlich in der Times erschienen war. Der ganze Mist, der von diesen abgetakelten Sprachrohren der Mittelklasse verzapft wurde, trug dazu bei, die Bewegung noch weiter aufzuplustern. Cuthbert war fest davon überzeugt, dass einer, der sich mit den ausgeblasenen Eierköpfen des Time Mag anlegt, in jedem Fall auf der richtigen Seite steht. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er bei der Lost Generation von Paris schon mal eine Chance verpasst, und nun hegte er keineswegs die Absicht, sich eine neue erfolgreiche Literatengeneration durch die Lappen gehen zu lassen — besonders wenn es sich um ein Phänomen handelte, das so unaufhaltsam und interessant zu sein schien wie dieses hier. Also beschloss er, einzusteigen und am selben Strang zu ziehen wie die Beats. Was hatte er schon zu verlieren?

Das Ereignis war als offene Lesung für Beat-Poeten angekündigt; es stellte sich aber sehr schnell heraus, dass von den echten Beats gar keiner auftauchen würde. Dafür erschienen aber schätzungsweise vierzig andere Poeten, und neunzehn davon trugen sich drüben am heiligen Listentisch zum Lesen ein. Eine Frau regte sich über das Fünfzigcentminimum auf. »Wir sollten wenigstens ’nen Kaffee dafür kriegen, dass wir den ganzen Weg machen, bloß um hier zu lesen!«, zeterte sie.

Aber der Manager war auch nicht auf den Mund gefallen: »Genauso gut kann man sagen, ihr seid uns was schuldig, weil ihr hier lesen dürft!«

Die Dichter wurden gebeten, sich auf jeweils drei Gedichte oder höchstens fünf Minuten zu beschränken, aber die meisten machten locker mindestens sieben Minuten draus, ehe die nervösen anderen Dichter im Publikum vor lauter Wut finster vor sich hinstarrten und unruhig auf ihren Stühlen herumrutschten. Der Besitzer des Cafés kam nach vorne und kündigte an, dass jeglicher Applaus zu unterlassen sei, weil sich sonst die Nachbarn über den Lärm beschwerten. Zusammen mit der Polizei hatte man sich darauf geeinigt, das Händeklatschen durch Fingerschnippen zu ersetzen. Die Dame am Listentisch beugte sich tief über ihren Stenoblock und notierte die Namen der Dichter der Reihe nach in einer Liste, die zumindest offiziell demokratisch war: Der Erste, der sich eintrug, war auch zuerst mit Lesen dran. Aber der Mann, der vor Cuthbert stand, forderte mit herrischer Stimme: »Setzen Sie mich bitte an den Anfang vom ersten Set« — er trug ein pelzbesetztes Cape und hielt einen silberbeschlagenen Spazierstock in der Hand, — »... ich habe nämlich vor, ein kurzes Versstück mit dem Titel Theseus und die Zeitmaschine zu rezitieren und brauche einen besonders günstigen Zeitpunkt für den Vortrag, denn schließlich ...«, hier senkte er den Kopf und knallte die Hacken seiner mit Spucke gewienerten Reitstiefel zusammen, »ist es das Werk eines Genies!«

Cuthbert war für den zweiten Auftritt des dritten Sets vorgesehen; also würden seine Ohren erst mal eine ganze Weile von den Versblizzards seiner Vorgänger strapaziert werden, was er auch keineswegs bereute, ganz im Gegenteil, er liebte es gradezu, anderen Dichtern zu lauschen. Andererseits wollte er mit seinem Platz auch nicht gelinkt werden und schielte während der ganzen Lesung ständig mit einem Auge rüber zum Listentisch, immer auf der Hut vor faulen Tricks. Tatsächlich kriegte er auch ein oder zwei Mal mit, wie einer auf den Tisch zuschlenderte, sich runterbeugte, womöglich charmant lächelte und der Dame was ins Ohr flüsterte – und siehe da! Sie strich doch wirklich mal hier einen Namen aus und setzte dort einen ändern ein! Cuthbert scherte sich nicht drum, was mit den anderen war, solange es im Set Drei, Platz Zwei bei »Cuthbert Mayerson« blieb.

Das Fingerschnipsen war irgendwie auch nicht ganz das Richtige, um den immensen Applausbedarf einiger Dichter zu decken. Nur ganz wenige schafften es, das Publikum so zu begeistern, dass es sich zu einer kurzen Brise von Schnipsern hinreißen ließ, wenn sie mit Lesen fertig waren — aber das klang dann auch höchstens wie das Knistern von dürrem Gestrüpp. Und nach einem Dichter, auf den die Zuschauer nicht so abfuhren oder den sie nicht verstanden (beispielsweise wenn er keinen Humor hatte), waren bestenfalls vier oder fünf armselige Schnipser fällig und dann kam ein langes Schweigen, das sich nur zögernd aufzulösen schien. Peinlich war es, wenn das Fingerschnipsen schon vorbei war, ehe der Dichter sich auf den Weg zurück an seinen Tisch gemacht hatte, und davor fürchtete sich Cuthbert ganz besonders. Böse Vorahnungen schossen ihm durch den Kopf: »Wenn mein Vorgänger bloß fünf Schnipser kriegt, mit wie viel kann ich dann wohl rechnen — drei?«

Cuthbert bemerkte im Publikum mehrere Dichter, die wie wild schrieben, solange einer auf der Bühne rezitierte, und nur dann eine Pause einlegten, wenn die anspornende Stimme dort oben aufhörte, grad so, als ob dieser Wortschwall ihren eigenen geschwätzigen Griffel erst so richtig in Fahrt brachte. Andere wappneten sich mit einer Jubelgarde von guten Freunden, die sich fürsorglich an ihren Tischen versammelten; und wenn einer auf die Bühne losmarschierte, um seine Verse aufzusagen, drehte die gesamte Tischrunde ihre Stühle so, dass sie ihn genau vor sich hatte, grinste anerkennend, lachte zustimmend und schnipste am Ende rhythmisch und besonders ausdauernd mit den Fingern.

Set 1, Platz A: der Schreihals. Er brachte das Ganze so richtig in Schwung. Carl Rothstein, frisch aus der Klapse entlassen, mit langem Pferdegesicht und Nickelbrille, das Haar glatt nach hinten gestriegelt, was ihm den richtigen Aldous-Huxley-Look verschaffte, deutete auf seine Elektroschocknarben und begann mit tiefer Stimme (die übrigens bei der offensichtlichen Jugend des Poeten etwas fehl am Platz schien): »Der gefräßige Verdauungsapparat von der Psychiatrischen Klinik in Shreveport hat mich erst vor Kurzem wieder ausgefurzt.« Dann riss er sich das Hemd vom Leib, dass die Knöpfe nur so zur Erde sprangen, und zeigte sein T-Shirt herum, auf das er mit krakeligen Buchstaben ICH WAR BUDDHA gemalt hatte. Schließlich fing er an:

 

Meine Mutter schenkte mir

einen Schlitten und sagte:

»Dort ist der Hügel.«

 

»Was für ein Hügel?«, erwiderte ich.

»Meinst du den Berg da drüben

mit den Abhängen und Schluchten?«

 

»Mach, dass du den Hügel runterkommst,

mein Sohn«, sprach sie und

verpasste mir einen raschen

fast möchte ich sagen rauen Schubs

mit ihrem Stiefel.

 

Und darauf folgte ein durchdringender Schrei, der offenbar illustrieren sollte, wie er mit dem Schlitten in die Tiefe stürzte, und der inklusive Atemholen mindestens fünf Minuten lang dauerte. Mann, konnte der schreien.

Als ihm endlich die Puste ausging und er wieder auf seinen Tisch zusteuerte, war das Publikum wie gelähmt; lumpige vier Fingerschnipser gaben dem allgemeinen Missfallen Ausdruck.

Unter den Zuhörern war auch ein Jazz-Fingerschnipper mit Baskenmütze, Oberlin-Sweatshirt, Sonnenbrille und einem schwarzen Seidenschal, den er im Nacken zusammengeknotet hatte. Etwa in der Mitte des Schreis hatte er angefangen, mit geschlossenen Augen verrückte abstrakte Rhythmen zu schnipsen, dazu wackelte er mit dem Kopf und wiegte den Oberkörper hin und her, seine Handgelenke zitterten, wie die eines Marakaspielers, und er flüsterte vor sich hin: »Hör dir das an!« und »Uuuuunglaublich!« — »Stark!« — »Leben!« — »Dhammapada, Mann.«

Nach dem Geschrei zog Jazz-Fingerschnipper eine Flasche Wein raus. An seinem Tisch saßen noch ein Mann und eine Frau mit zwei Kindern, offensichtlich eine Touristenfamilie. Er nahm einen Zug und gab die Flasche weiter an den Jüngsten der Familie. Der zögerte, schielte nach seinem Vater, zuckte die Achseln, nahm einen Schluck, bot sie seinem Vater und seiner Mutter an, die beide kein Wort rausbrachten, und gab sie dann zurück an Fingerschnippper. Die Mutter des Kleinen sah aus wie ein akuter Fall von Tollwut, das Weiße in ihren Augen flackerte auf und der Mund sackte ihr runter, als sie ihrem Sprössling mit der Faust drohte und zischte: »Wart nur, dafür sprechen wir uns noch!«

Set 1, Platz B: So wie er angezogen war, dunkler Anzug mit makellos geknüpfter, blauweiß getupfter Fliege, sah dieser Spezi aus, als könne er kein Wässerchen trüben; aber dann legte er los, in den zitternden Händen zerknautschte weiße Blätter, die er nervös umklammerte. »Das hier hat den Titel Nocturne Nummer 467« — lange Pause, dann ein tiefer pfeifender Atemzug:

 

Einsam in den Klöstern uns’ rer Sinne

steigen wir aus unsern Hosen

und wackeln mit den Ärschen ...

 

Ein frivoles Kichern unterbrach die Stille. Die Frau aus Des Moines packte ihren Mann, Sohn und ihre Tochter und zerrte sie mit sich: »Nichts wie raus hier, das ist ja Schweinerei!«

 

... während gelbe Erdferkel aus Jersey City

eindringen in die weiße

Unterwäsche des Schicksals

 

Noch ein Kichern. Und der Dichter fuhr fort. Der Vater schmiss seinen metallbeschlagenen Eisdielenhocker um. Der Anblick der flüchtenden Familie regte den Dichter so auf, dass er anfing zu stottern. Aber er riss sich zusammen und steckte sich erst mal eine Zigarette an, mitten im Gedicht. Nach dem metallischen Klick-Klack seines Zippo-Feuerzeugs folgte noch die flammende Rezitation von zwei religiösen Sonetten, und dann setzte er sich wieder hin.

Set 1, Platz C: Dieser Leser hatte das Publikum sofort auf seiner Seite, denn er war der erste offensichtlich echte Beatpoet. Die Armut stand ihm ins Gesicht geschrieben, ebenso sein Zen-Fanatismus und die verheerenden Auswirkungen von jahrelangen Tramp-Touren. Er bestand darauf, beim Lesen auf einen Stuhl zu steigen und knallte dabei mit dem Kopf gegen die niedrige Decke, blieb aber trotzdem da oben. Allerdings musste er den Kopf zur Seite biegen, um überhaupt unter die Decke zu passen. Seine Sandalen waren selbstgemacht; sie bestanden aus Stricken und Sohlen, die er sich aus einer alten Ledertasche zurechtgepfriemelt hatte. Er war echt komisch, zumindest war jeder im überfüllten Gaslight Café davon überzeugt. Zu diesem Zeitpunkt, als die Lesung grad erst in Gang kam, standen die Leute auf der McDougal zwanzig Meter Schlange und brannten drauf, reinzukommen. Natürlich rückten die Bullen an, und der Manager vom Gaslight machte bekannt, dass es verboten sei, Ausgangstüren und Mittelgänge zu blockieren und dass die Bullen schon mit der Feuerwehr gedroht hätten. Die Zuschauer wurden gezwungen, sich längs der Wandseiten hinzuhocken oder auf die Treppenstufen, die zu den Toiletten raufführten, weil alle Tische restlos überbesetzt waren. Er schmuggelte alle Fünf- und Zehn-Dollarscheine aus der Kasse sicher in seine Hosentasche, wo er schon ein dickes Geldbündel untergebracht hatte, und dachte nur noch: »Mensch, was für Kohle!«, während er gleichzeitig seine Kellnerin durch die Gegend hetzte und mit Sprüchen wie »Verkaufen! Verkaufen!«, »Lehn dich übern Tisch« oder »Knöpf dir die Bluse auf, betatsch die Kunden, mach, was du willst, aber verkauf!« anspornte.

»Dieses Gedicht heißt: Zehntausend Statuen von Walt Whitman auf Rollschuhen trampen durch Amerika.« Schon die Überschrift erntete das wildeste Gelächter des ganzen Abends. Seine Art zu lesen war ein klagender, monotoner Singsang, jedes Mal am Ende der Zeile sackte die Stimme ab wie bei einem vorbeirauschenden Laster.

 

Amerika! Wir kommen nicht ran an die Walnuss!

Amerika! Roboter mit Schuhen aus lebendiger Schlangenhaut klettern

von den TV-Tellern und machen sich über deine Zähne her!

Amerika! Du willst eine Kloake aus mir machen!

Ein neuer Spartakus wird aus dem mutierenden Abfallhaufen

in der Mum Deodorant Factory auferstehen, und dann

bist du erledigt, Amerika

(Erstes Lachen)

Amerika! Deine Hausierer von der Madison Avenue mit ihren eisgekühlten Achselhöhlen ...

(Gelächter übertönte den Rest der Zeile so, dass Cuthbert ihn nicht verstehen konnte.)

Amerika! Deine Hulareifen formieren sich zu einer Mandorla über der Final Sausage Factory!

Amerika! Porky Pig und Donald Duck haben den Bauch voller kaputter Glühbirnen, Amerika

Amerika! Die Atombombe will uns eine Gutenachtgeschichte erzählen

(Lautes Gelächter)

Fuck Fuck Fuck,

Amerika

(Schallendes Gelächter)

 

Bei jedem Lacher machte der Dichter gewissenhaft eine Pause. Manchmal ließ er sich auch anstecken und lachte mit. Ehe er weitermachte, wartete er jedes Mal, bis nicht nur alles Lachen verebbt, sondern auch das Grinsen von den Gesichtern verschwunden war. Er war ein voller Erfolg, und das anschließende Fingerschnippen klang wie ein prasselndes Freudenfeuer.

Set 1, Platz D: Der scheue Murmler. Der Mann las im Flüsterton und die Zuschauer wurden allmählich mäuschenstill: Es erinnerte fast an eine Art Gruppenspiel, wie sie sich da alle über ihre Tische lehnten und die Ohren auf maximalen Empfang einstellten. Trotzdem war es unmöglich, irgendwas zu verstehen; der Dichter hockte da oben auf seinem Stuhl und hatte sich fast ganz vom Publikum weggedreht. »Lauter«, schrie ein Rohling von hinten; der Erfolg war, dass die Stimme kurzfristig anstieg und dann langsam wieder absackte. Die Gedichte waren die reinsten Papyrusfragmente.

 

........ Liebe ........

Schraubenschlüssel ...

......... leb wohl ...

................ Salbe!

 

Nicht schlecht für die, die beim Zuhören ihre eigenen Gedichte verfassten, die Zeilen des Flüsternden wirkten wie fantastische Inspirationen, und seine Worte, nur halb verstanden, verwandelten sich in ihren Köpfen auf wundersame Weise. Hieß es: »Unter dem späten Vollmond?« oder: »Nigger, der in der Lagune wohnt?« oder gar: »Mit geschnorrten Tortillas belohnt?«

Set 1, Platz E: Die böse Hexe. Diese Dichterin las mit schneidender, manchmal gradezu schriller Stimme, die sich schon gegen Ende ihres ersten Gedichts um circa eine halbe Oktave nach oben verschoben hatte. Außerdem war ihr vor lauter Zittern die Brille von der Nase gerutscht. »Dieses Gedicht ist meinem Gatten Roger gewidmet, der mittlerweile zu Asche und Staub zerfallen ist: ›Leidender Barde in der einsamen Höhle‹«. Es fing an mit der Beschreibung von einem siedenden Kessel, in dem Tapiraugen schwammen, und der Klage, dass selbst »die Zauberin« aus der Höhle des Sängers verbannt worden sei. Im nächsten Vierzeiler behauptete sie, dass sich unter dem Washington Square Park Katakomben befänden, wo die »verbündeten Sänger« vom Washington Square North sich regelmäßig versammelten. Um seinen »ruhelosen Geist« zu erlösen, hatte sie (— hoffentlich war das nur symbolisch gemeint —) die Zähne ihres Roger in der Höhle des Sängers begraben, deren Zugang ein verstecktes Tor am Fuß des Washington Arch ist, das von einem silbernen Pavian und sechs Eulen bewacht wird.

Dieses Gedicht heizte den Jazz-Fingerschnipper so ein, dass er vor lauter Begeisterung anfing, mit einem Kaffeelöffel auf die Tischplatte zu hämmern. Die Dichterin erwähnte auch »die Fülle der göttlichen Kraft« des Gnostizismus, der zufolge »Besenstiele zu Zahnstochern« werden und »Schnapp! Schnapp! murmelnde bleiche Gespenster« aus den Zähnen sprießen sollten. Bei diesen Zeilen schauderte Cuthbert zusammen und wickelte sich seinen Schal fester um den Hals. Er rief sich den alten Ekel und Widerwillen vor Augen, den er jedes Mal empfand, wenn er sich vorstellte, dass es tatsächlich Vampire geben könne; ein Umstand, der ihn schon so manchen Morgen mit steifem Hals hatte aufwachen lassen, weil er sich während der Nacht vorsichtshalber ein Handtuch um den Kopf gewickelt hatte. Cuthbert fiel ein Stein vom Herzen, als die beiden folgenden Gedichte bloß Übersetzungen aus Ovid waren. »Dem Himmel sei Dank für Ovid!«, murmelte er vor sich hin.

Set 1, Platz F: ein Dichterling, der sich aufs Experimentieren spezialisiert hatte und fröhlich erzählte, dass er für diese Augustlesung extra aus Toronto eingeflogen war. Sein erstes Gedicht hieß Neunundsechzig Tropfen. Beim Auftritt schwenkte er einen einzelnen Tennissocken, mit Erbsensuppe gefüllt, an dem er einen Cocktailstrohhalm befestigt hatte, sodass die Suppe langsam aus dem Socken durch den Strohhalm in eine Teetasse tröpfeln konnte. Immer wenn ein Tropfen runterklatschte, rief der Dichter: »Tropfen eins!«, »Tropfen zwei!« usw., bis er bei 69 angekommen war.

Das nächste und letzte Gedicht nannte er Zwei mal Zwei Unendlichkeit. Langsam kam er in die Gänge: »Zwei ... vier ... acht ... sechzehn ... zweiunddreißig ...« — wobei die Pausen zwischen den einzelnen Ziffern variierten. Er schaffte es bis 2.097.152, ehe der Manager ihn von der Bühne schleifte. Das war das Ende des ersten Sets.

Die anschließende Pause brachte einen reißenden Absatz von Tee, lauwarmem Kaffee, der mit fragwürdiger Sahne gekrönt war, und Apfelwein mit Stangenzimt. Und Cuthbert Mayerson kriegte es immer mehr mit der Angst.

Der zweite Set zog sich in die Länge. Jeder schien unheimlich geil drauf zu sein, seine eigene Version von der Babylonischen Schöpfungsgeschichte in elegische Zweizeiler zu übertragen. Cuthbert wurde immer nervöser und schenkte den Sprachexplosionen um sich herum nur noch wenig Aufmerksamkeit. Stattdessen konzentrierte er sich auf die ungeheuer wichtige endgültige Auswahl und Anordnung seines Materials.

Cuthbert starrte angestrengt auf seine Gedichte. Plötzlich stolperte er über mindestens vier Zeilen, die unbedingt sofort geändert werden mussten. »Langsam, langsam ...«, ermahnte er sich; er durfte natürlich nicht etwa riskieren, auf der Bühne sein eigenes Zeug nicht entziffern zu können. Als Nächstes veränderte er die Reihenfolge der Gedichte, denn um jeden Preis wollte er die perfekte Show abziehen.

Aber die Angst schnürte ihm die Kehle zu. »Jahrelang hab ich nicht mehr gelesen, jahrelang! Bin ich etwa am Schwitzen? Sind meine Augen rot? Wieso hört der Kerl da oben nicht endlich auf?

Vielleicht sollte ich doch lieber was von Shelley rezitieren, das kann ich wenigstens auswendig. Außerdem hab ich sowieso die falschen Klamotten an.«

Manchmal riss einer der Lesenden ihn aus seinen trüben Gedanken. Ein Mann, der einen Süßigkeitenladen in der Bronx hatte, intonierte sein Image Trouve Manifesto. Es war auf gewissen poetischen Grundregeln aufgebaut, die er sich angeeignet hatte, während er jeden Mittag kurz vor der Klauinvasion der vorbeikommenden Schulkinder seine Bonbongläser neu auffüllte. Dann war da der Lehrer, dessen Gedicht so anfing: »Karpatische Reiter fechten im rotierenden Dreieck.« Cuthbert hielt das für das Witzigste, was er den ganzen Abend gehört hatte, und fing furchtbar an zu kichern, was die Gefolgsmänner am Tisch des Lehrers mit abfälligen Blicken quittierten. Und dann der Dichter, der ein Werk von mindestens dreihundert Zeilen mit dem Titel Die Philosophie des Thales von Milet vortrug, obwohl Cuthbert genau wusste (und dementsprechend losprustete), dass Thales in seinem Werk nicht eine einzige Zeile hinterlassen hat, aus der man ein derart widerliches und weitschweifiges Gedicht hätte machen können. Dann kam die Reihe an ein paar unterhaltsame Sexfreaks; darunter war einer; der eine Serie von Haikus las, die von seinen Erlebnissen mit Mayonnaise und dem 1959er-Telefonbuch von Bayonne, New Jersey berichteten. Aber all das konnte Cuthbert Mayersons Angst auch nicht verscheuchen und in diesem Augenblick wäre er bereit gewesen, seine Familienvilla zu verwetten, dass man ihn glatt von der Bühne pfeifen würde.

In der zweiten Pause ging Cuthbert noch mal rüber und checkte die Liste. Hatte sich etwa zufällig einer vorgedrängelt? Finster starrte er die Dame mit der Liste an, die ihm weismachen wollte, nein, nein, keineswegs, nichts auf der Welt könnte die festgelegte Reihenfolge von Set 3 durcheinanderbringen. Aber grade als sie dabei war; ihre Unschuld zu beteuern, kam ein blasser Poet mit W.B. Yeats / Bill Haley-Frisur vorbeistolziert, warf einen Blick auf die Liste und fing an zu zetern: »He, Sie haben meinen Namen nach unten gesetzt!«

Diesmal saß die Dame in der Patsche. »Oh! Tatsächlich? Ich hab Sie gesucht und konnte Sie nirgends finden — ich dachte, Sie wären vielleicht schon weg. Tut mir echt leid.«

»Was für ’ne erbärmliche Ausrede!«, knurrte der Mann vor sich hin, als er an seinen Tisch zurückstelzte.

In Erwartung des nächsten Sets wurde das Publikum allmählich wieder leise, und als Cuthbert sich umschaute, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Beim ersten Set war das Gaslight noch total überfüllt gewesen, aber innerhalb der vergangenen Stunden hatte sich der Raum etwa zur Hälfte geleert. Und jede Minute drängten mehr in Richtung Ausgang. Und als wenn das alles noch nicht schlimm genug wäre, verließ soeben der erste Rezitator seinen Tisch mit einem ganzen Schwung Papier und schob sich mit mindestens tausend Blättern auf dem Arm rüber zur Bühne.

»Ich komm wohl nie mehr dran!«, rief Cuthbert entsetzt aus.

Der Mann fing an. »Das Material, das ich heute Abend vortragen möchte, ist ein Abschnitt aus meinem Lebenswerk — die Reise des Sonnengottes nach Brooklyn. Es ist ziemlich lang, deshalb beschränke ich mich auf den Höhepunkt, also die letzten sechshundert Zeilen. Sie enthalten zahlreiche in gälischer Sprache abgefasste Sentenzen, die die achtundsiebzig Gebote des Sonnengottes an das Volk von Brooklyn repräsentieren. Diese achtundsiebzig Gebote werde ich dann am Ende des Vortrags übersetzen.«

Schon diese Einleitung bewirkte, dass etwa zehn weitere Gäste auf den Ausgang zustürzten. Ein Schauder lief durch die übrigen Dichter, ihre Mägen krampften sich zusammen, ängstlich und nervös hockten sie da, mit klammen Fingern, die sich um ihre schwarzen Ringbücher spannten.

Der Mann las wie ein Wanderprediger, mit erhobener Faust und donnernder Stimme. Aber nicht mal dieses flammende Schauspiel konnte die Flut von flüchtenden Füßen aufhalten. Cuthbert war gefangen, hilflos, wollte eigentlich nur noch weg und blieb doch an seinen Stuhl gefesselt, bebend in Erwartung seines Auftritts.

Endlich war es soweit: Set 3, Platz B. Cuthbert Mayerson las langsam, die kreisförmigen rosa Flecken auf seinen Wangen waren feuerrot. Seine Oberlippe stülpte sich heute ganz besonders weit nach vorn, als er mit sonorer Stimme seine kurzen, gemäßigten und symbolträchtigen Gedichte der Pädopygophilie zum Besten gab. Das Publikum war beeindruckt und spendete ihm den einzigen richtigen Applaus des ganzen Abends — eine spontane Verletzung der Regeln. Der Manager wetzte zum Eingang und vergewisserte sich, dass auch keine Bullen in der Nähe waren.

Endlich war alles vorbei. Eine Frau machte sich an Cuthbert ran. »Also wirklich, Ihr Gedicht hat mir sehr gefallen!«

»Tatsächlich? Welches meinen Sie denn?« Cuthbert strahlte übers ganze Gesicht.

Die Frau zögerte, ein Backenmuskel zuckte in ihrem Gesicht. »Ahem, das eine da, äh, das über Amerika.«

»Sie meinen das, was ich am Schluss gelesen habe — ›Der barfüßige Nachtfalter‹?«

»Ja, ich glaube, das war’ s. Das, was den vielen Beifall gekriegt hat.«

Cuthbert schlenderte glücklich die McDougal Street rauf zu seinem Hotel, wo er die Gedichte deponierte und beschloss, sich für seine Heldenhaftigkeit zu belohnen. Also marschierte er weiter bis zum Sheridan Square und schnappte sich dort die IRT-uptown, die ihn zu einem erfrischenden Bummel in die zweiundvierzigste Straße kutschierte.

TOTAL ASSAULT CANTINA

Da sitze ich nun, im Tal des Jammers, in den Gassen der Verzweiflung und schreibe. Der Keller, in dem ich hause, ist feucht. Im flackernden Kerzenschein sehe ich, wie braun schimmernde Kakerlaken über die Holzbalken kriechen. Mein Bett ist eine Matratze aus Lumpen, die ich in abgewetzte alte Hemden gestopft und zugenäht habe; acht Stück insgesamt, sie erinnern mich immer an Vogelscheuchen. Normalerweise besteht meine Nahrung aus Abfallresten. Aber manchmal gehe ich auch rüber ins Armenhaus und staube da was ab. Wenn ich mich hier beim Schreiben so umschaue, kann ich nichts entdecken, was auch nur einen Schimmer von Hoffnung ausstrahlt. Nur Dreck, nur Gangster, die sich auf Algenfarmen verkriechen und damit die Erde umkreisen, traurige Überbleibsel vergangener Zeiten. Meine Zeitungen beziehe ich gewöhnlich aus der nächsten Mülltonne. Meistens sind sie mit einer schleimigen Schicht oder Eigelbflecken überzogen, und wenn sie trocken sind, strecke ich mich auf dem Fußboden aus, um sie zu lesen. Und alles kotzt mich an. Alles ist so sinnlos. Keine Sprossen mehr auf der weißen Leiter der Reinheit — nur die zwei Pfosten links und rechts sind übrig geblieben, die Sprossen zerschlagen und in alle Winde zerstreut. Und diese Pfosten liegen schwer auf den Schultern der Trauernden, wenn sie die schlaffen Reste enttäuschter Hoffnungen zurückschleppen ins Elend.

Mein Vermieter ist ein verlauster alter Gangster. Gnadenlos erhöht er in regelmäßigen Abständen die Miete für meinen Keller. Ich wünsch ihm nur, dass es ihn eines Tages mitten in der Rush Hour erwischt! Ach was, soll er leben. Was kümmert’s mich. Ist doch eh alles egal. Die Milchstraße bringt’s auch nicht. Und solange die KZ-Scheinwerfer nicht gerade in die Fenster meines feuchten Kellers strahlen, ist mir sowieso alles schnuppe. Grex ist das lateinische Wort für Pöbel. Grex Hex Sex Speck Fleck.

Ich habe mir schon mal ausgemalt, wie es wäre, langsam auseinanderzufallen und mich nur noch kriechend fortzubewegen. Mir vielleicht Rollschuhe unter Arme und Beine zu schnallen und mich mit kleinen Holzpaddeln vom Pflaster abzustoßen. Aber sie würden mich garantiert einkassieren. Jedenfalls wäre das drin. Und ich kann mich noch gut erinnern, was Judith Malina mir schon vor vielen Jahren geraten hat: Machs’ nie allein, sondern such dir immer einen, mit dem du dich zusammentun kannst.

Ich will euch eine Beschreibung meines Kellers geben. Ich habe ihn mir genau eingeprägt und das fotografisch getreue Abbild in der Vorstellung meiner Erinnerung ist so weit von der Realität entfernt, dass ich plötzlich mit Anflügen von Zärtlichkeit darüber erzählen kann. Er ist schmutzig, feucht und strotzt vor Kakerlaken. Die zwei Fensterritzen oben an der Wand zur Straße hin sind sehr schmal und sehen von außen genauso aus wie die kleinen Kanaldeckel aus Metall, die man auf den Bürgersteigen von New York findet. Schwere Füße stampfen über meine Metalltüren. Manchmal stelle ich mich auf einen Stuhl und kann sogar die Beine der Passanten beobachten. Wenn ich es wärmer haben will, brauche ich bloß die Tür vom Heizungskeller aufzumachen und schon erstickt ein heißer Luftstrom alle Kälte. Über den Fußboden gibt es eigentlich nichts zu berichten, außer dass man beim Betonieren offenbar vergessen hat, den Brei richtig platt zu walzen. Er steckt voller Blasen und Höcker, stinkt nach fünfzig Jahren Kohlestaub und hat überall Flecken von den schmierigen Überresten meiner Beutezüge.

Früher galt ich mal als vielversprechender junger Schriftsteller. Die Kritiker pflegten dem Erscheinen meines »neuen Romans« mit Spannung entgegenzusehen. Heute verstauben diese Werke in meinen Kellerregalen. Aber ich hatte ja sowieso nicht viel zu sagen, außer dass ich die Rebellen aufforderte, aus ihren Löchern zu kriechen, sich zu stellen und zu kämpfen. Und nun halten vergammelte, mit Spinnweben überzogene Ringbücher die Seiten meiner Jugend zusammen. Was war es nur? Es war eine bittere Mischung, Brüder und Schwestern. Und die Zeit hilft dir keinen Deut weiter. Hoffnungslose Ruhe. Stille Verzweiflung. Ruhe! Ich schrie, bis sie sich auf die Straße knieten und durch die Ritzen in meinen Keller linsten. Dann lag ich still. Vielleicht wäre es doch besser, in die öffentliche Bibliothek von New York zurückzukehren und die Arbeit an meiner unersetzlichen zehnjährigen Untersuchung über diesen widerlichen Narko-Hypno-Robo-Schwindel unserer Zivilisation wieder aufzunehmen? Ach was, vorbei!

Ich gehe grade meine Aufzeichnungen durch. Und sobald ich sie einigermaßen in Ordnung gebracht habe, suche ich mir eine Universität, die sie annimmt, und dann werde ich vielleicht Gras fressen und auf den Landstraßen von Amerika herumziehen — hier eine Plastikdose mit einem verschimmelten Rest Kartoffelsalat auflesen und dort eine Blechdose mit einem übrig gebliebenen Zwiebelring oder einen kleinen Beutel Tomatenketchup, den jemand vergessen hat. Und dann werden wir tanzen, Brüder und Schwestern, dann erklingen von Neuem die Trompeten und Saxofone.

Eine purpurne Traube glänzt zwischen Daumen und Zeigefinger von Dionysos. Und eine Olive in der Hand von Demeter. Aber was die Faust des Monsters hier auf der Titelseite umklammert, ist das Siegel des Roboterkriegs. Und dieses Monster lässt mich nicht mehr los und verfolgt mich bis in meine Träume.

Da drüben liegt übrigens auch noch ein alter Heuballen, mit einer schwarzen schmierigen Rußschicht überzogen, aber der Packdraht hält ihn immer noch zusammen. Zwölf Jahre liegt das Ding jetzt schon hier rum, genauer gesagt seit 1961. Immer wenn ich mich draufsetze und lesen will, muss ich lachen. Denn er erinnert mich an die Total Assault Cantina und wie wir vor zwölf Jahren eine ganze Ladung Gewehre in den East River geschmissen haben, die eine Bande von rechtsradikalen Kanaken in die USA geschmuggelt hatte. Hahaha. Tja, das waren noch Zeiten.

Also, passt auf, die Kneipe lag genau über dem Keller, in dem ich jetzt wohne, mit anderen Worten auf der Ecke Avenue A und Elfter Straße. Aber fangt jetzt bloß nicht an, hier nach irgendwelchen Resten der Total Assault Cantina zu buddeln, das Gebäude ist nämlich schon vor Jahren völlig ausgebrannt. Als die Kneipe dichtmachte, benutzte die Mafia die Räume ein paar Jahre als Lager für Jukeboxen. Eines Tages ließen sie alles in Flammen aufgehen und kassierten von ihrer Versicherung ein Schweinegeld.

Wir flippten völlig aus an der unverständlichen Freiheit, die die Zivilisation uns in den frühen sechziger Jahren zugestand. LSD lag noch in weiter Ferne, doch schon damals steckten wir voller Energie und Begeisterung. Wir waren wandelndes Mutterkorn. Und keinen hatte es in diesen Tagen so wild gepackt wie die beiden Manager der Total Assault Cantina. Sie hatten einen Riecher für das, was uns fehlte. Sie brannten geradezu darauf, für die sozialistische Revolution zu kämpfen. Sie schlugen die Fäuste auf den Tisch und machten alle möglichen Pläne, wie man den gewaltlosen Kampf am besten unterstützen konnte. Beide waren zu der Zeit Anfang zwanzig und beide waren in New York aufgewachsen. John McBride war ein nervöser drahtiger Bursche mit einem dicken roten Schnurrbart und kurz geschorenem rotbraunen Haar. Paul Stillmann war ruhiger, nachdenklicher; er trug sein Haar nach hinten gekämmt und im Nacken zusammengebunden.

Gemeinsam betrieben John und Paul das Total Assault, ein Nonprofitunternehmen, das sich voll und ganz der Aufgabe verschrieben hatte, wie Piranhas im Dschungel die Leichen von J. P. Morgans Neo-Anhängern durch einen Sumpf von Speed zu hetzen. Ihre Begeisterung stürzte sie in immer neue Abenteuer, in waghalsige Tänze auf einem gefährlich dünnen Seil aus Jointclips — und so war ihr Weg auf der einen Seite gesäumt von Ghandis Ahimsa und auf der anderen von erbitterten Straßenkämpfen und der gewaltigen Revolte einer potenziellen New Yorker Kommune. Denn im intellektuellen Zweikampf um die Frage der Taktik prallten die Persönlichkeiten der beiden Manager vom Total Assault voll aufeinander. Beide kämpften zwar für die Zertrümmerung des Fernsehturms da oben auf dem Empire State Building, nur ihre Methoden deckten sich nicht ganz. Es war so was wie ein Duell zwischen Anarcho-Mao und Anarcho-Tao. Der Budda-budda-budda-Sound von Johns Maschinengewehren verwandelte sich bei Paul in den Buddha-Buddha-Gesang friedlich demonstrierender Rebellen. So wie es im Moment stand, waren allerdings beide davon überzeugt, dass unmittelbare, spontane Straßenaktionen der einzig richtige Schritt auf dem Weg zur Revolution sein würden.

Sie hatten schon mal ein Café gehabt, ein winziges Ding auf der Neunten Straße zwischen Avenue B und C. Es hieß Cantina de las Revoluciones. Etwa ein Jahr schafften sie es, sich damit über Wasser zu halten, mussten am Ende aber doch zumachen, weil sie total pleite waren und überall Schulden hatten. Dann entdeckten sie ein größeres Lokal auf der Ecke Elfte Straße und Avenue A, ein ganzes Erdgeschoss, und ein Hinterhof gehörte auch noch dazu. Die Miete: hundert Dollar im Monat. Es war der Himmel auf Erden.

Aber es dauerte nicht lange und die Lizenzinspektoren tauchten auf. Und das bedeutete unweigerlich Stunk, denn John und Paul scherten sich einen Dreck um irgendwelche Lizenzen. »Ihr seid gesperrt«, eröffneten ihnen die Beamten, »ohne Genehmigung isses nix mit Gaststättengewerbe!«

»Wir sind Revolutionäre. Steuern sind abgeschafft. Das Gewerbeaufsichtsamt ist abgeschafft. Warum setzt ihr euch nicht lieber ein paar Minuten her und helft uns mit der Zwölf-Cent-Suppe?« Stattdessen überreichten ihnen die Inspektoren eine Verwarnung. Und was das Helfen beim Gemüseputzen für den Ghandischen Götterfraß anging — was für eine Zumutung!

Kurz danach wurden John und Paul gezwungen, sich runter zum Gewerbeaufsichtsamt zu begeben und dort irgendwelche Formulare auszufüllen. Sie wollten ihr Restaurant »Café Haschisch« nennen, aber dieses Ansinnen wurde von den Bürokraten natürlich auf der Stelle abgelehnt. »Wir gehen zur Civil Liberties Union, die werden die Sache schon durchboxen, ihr faschistischen Schweine!«, fauchte Paul nach einer langen Diskussion mit dem zuständigen Beamten. Aber es war einfach nichts dran zu rütteln.

Ein paar Tage später starteten sie ihren nächsten Versuch. Diesmal wurden sie gleich ins Büro von Mr. Karkenschul geführt, dem stellvertretenden Direktor des Gewerbeaufsichtsamts. Der Typ war Mitglied der Liberalen Partei und hatte sich gerade in den Kopf gesetzt, alle Lokale zu schließen, in denen Dichterlesungen stattfanden. Mr. Karkenschul überflog das ordnungsgemäß abgestempelte Anmeldeformular. »Hmm, woll’n mal sehen«, Murmelmurmel, »John Z. McBride und Paul A. Stillmann ... Anmeldung für Kotze — ein Restaurant.« Karkenschul starrte die beiden ungläubig an. »Sie meinen, Sie wollen ein Café aufmachen, das Kotze heißt?« In einem Anflug von Ekel verzog er die Mundwinkel. »Also: Zuerst sind Sie letzte Woche hier erschienen und haben versucht, Ihrer Kneipe einen illegalen Namen zu geben, und jetzt ist es Kotze. Was sollen diese Spielchen?«

»Schauen Sie Karko, wir wollen es nun mal gern Kotze nennen. Was ist denn schon dabei?«

»Ausgeschlossen!« polterte er, »so was lässt die Öffentlichkeit sich nie und nimmer bieten!«

»Wie wär’s denn mit Karkenschuls Kotzkneipe?«, stichelte Paul. Nach diesem Vorschlag wurden sie kurzerhand an die Luft gesetzt. »He, Sie liberaler Mr. Gedichteverächter! Zeigen Sie uns erst mal den Paragraphen, wo drinsteht, dass wir unsere Kneipe nicht Kotze oder Café Haschisch oder sonst wie nennen dürfen, wenn wir Lust dazu haben!«

Ein paar Tage später erschienen sie zum dritten Mal beim Gewerbeaufsichtsamt, diesmal mit einem Namen, der die Untiefen des bürokratischen Ozeans ungeschoren passierte: Total Assault Cantina.

Von da an spezialisierte sich Karkenschuls Behörde auf Überraschungskontrollen. Mindestens einmal in der Woche stand das Total Assault auf der Inspektionsliste. Ich hatte einen Freund, der einmal im Monat eine Wagenladung heißer Zigaretten aus South Carolina in der Kneipe ablieferte. Einmal hätten die Beamten ihn um ein Haar geschnappt und mit Sicherheit auch noch John und Paul ans FBI verpfiffen. Wir schafften die unverzollten Dinger in Windeseile in den Keller. Wie sich dann herausstellte, verlangten die Wichser von den beiden, sich eine sogenannte »Konzession für den Einzelhandel mit Zigaretten innerhalb der Stadt New York« zu besorgen.

Dann fingen John und Paul an, Dichterlesungen zu veranstalten, und Karkenschul stolperte natürlich prompt über die entsprechenden Anzeigen in der Village Voice und hetzte seine Spezialisten los. Die machten den Managern verschiedene Auflagen und klärten sie darüber auf, dass sie erst mal ganz klein werden und sich um eine Konzession für Kleinkunst bewerben müssten, wenn sie die Absicht hätten, mit ihren Gedichten weiterzumachen. Derzeit existierte — und existiert wahrscheinlich heute noch — ein Gesetz in New York, das jegliche Unterhaltung in Lokalen auf drei Saiteninstrumente und ein Klavier beschränkte. Dichterlesungen waren verboten und Gesang ebenfalls. Für diese Fälle war die sogenannte Konzession für Kleinkunst erforderlich — ein bürokratischer Albtraum von Inspektoren, die man bestechen, Künstlern, die sich bei den Behörden anmelden und ständig ihre Identitätsmarken mit sich herumschleppen mussten, und so weiter und so weiter.

Eine andere Sache, die die Behörde zur Weißglut brachte, war die Nachgiebigkeit des Total-Assault-Managements. Sie brachten es einfach nicht fertig, ihren Gästen zu verbieten, auf dem Fußboden zu übernachten, obwohl das den Vermieter langsam, aber sicher wahnsinnig machte. Mitten in der Nacht kamen die Bullen vorbei und leuchteten mit ihren Taschenlampen ins Frontfenster: Dann sah der vordere Raum aus wie eine Konservenbüchse voller Schlafsäcke. Dabei konnten die Typen sowieso höchstens sechs Stunden Schlaf rausschinden, denn morgens um zehn rückten John und Paul an und weckten alle wieder auf, weil sie saubermachen und ihre Brote in den Ofen schieben mussten, ehe der übliche Mittagsansturm auf die Suppe einsetzte.

Das Total Assault war eigentlich mehr Gemeindezentrum als bloßes Restaurant. Hinter einem Streifen Gaze, der quer durch den vorderen Raum gespannt war, lag die Küche, komplett mit wackeligem Kühlschrank von der Heilsarmee, riesigem Backofen, selbst gebastelten Speisekammern aus Holzkisten und einer langen Theke aus lackiertem Kiefernholz. Die ganze linke Wand war mit Collagen, Bulletins, Flugblättern und ähnlichem übersät, und etwas weiter hinten, zum Hof zu, lag auch die Druckerei. Sie war mit wunderbaren schwarzen chinesischen Wandschirmen abgegrenzt, und nur Ptah allein konnte vielleicht Auskunft darüber geben, wie sie ausgerechnet hierher gekommen waren. Die andere Wand war von oben bis unten mit Bücherregalen bedeckt. »People’s Library« nannte John das, und ständig schleppten die Leute hier Bücher weg, ohne sie jemals wieder zurückzubringen. Mehrere Sofas vom Sperrmüll waren für die, die sich beim Essen gern ein bisschen langlegten, um einen großen Tisch gruppiert. Die Fußleisten waren fast überall mit Deckeln von Konservendosen vernagelt, um den Ratten die Löcher zu stopfen. Die auffallenderen Risse in der Wand hatten sie mit einer Mischung aus Brillo Pads und Gips zugeschmiert. Gleich neben dem Fenster, das nach vorn zur Straße hinausführte, stand ein Klavier mit einer sauber aufgeschichteten Pyramide aus Schlafsäcken obendrauf, die nachts für die Liegewiese verwendet wurden.

Da die eine Wand ausschließlich für Flugblätter und Collagen reserviert war, klebten da am Ende des ersten Jahres von der Decke bis zur Fußleiste mindestens tausend Zettel, immer wieder neue über den alten. Übrigens bewahre ich in meinem Keller eine Kiste auf mit Postern und dem ganzen Zeugs, was da mal gehangen hat. Na, worauf wartet ihr denn noch, ihr Macker von der New York Graphic Society?

Versammlungen, Versammlungen und nochmals Versammlungen — in der Total Assault Cantina müssen es mindestens hundert pro Monat gewesen sein. Jeden Abend pünktlich um sieben fand ein New York Times-Sneer-In statt. Wir wechselten uns der Reihe nach ab, Artikel, die an diesem Tag erschienen waren, vorzusingen oder laut zu deklamieren. Es war jedes Mal ein wildes Durcheinander von Geschrei, Gelächter und Wutausbrüchen. Über die zehn Topsprünge des Tages an der Börse machten wir uns besonders lustig. Und wenn die Aktien um ein paar Punkte fielen, erhob sich ein ohrenbetäubender Applaus. Manchmal, wenn sie mal wieder so richtig in den Keller gesackt waren, ging Paul hin und stellte ein Schild mit der erfreulichen Neuigkeit ins Frontfenster.

Ich selbst stand vor allem auf die Bürgerversammlungen Dienstag abends. Das waren nämlich die reinsten Schreiwettbewerbe. Außerdem wurde hier so mancher grandiose Plan aus dem Nichts geschmiedet, zum Beispiel die Idee einer freien Klinik für Medizin und Zahnmedizin. Dieses Projekt existiert sogar heute noch, aber vieles andere war auch einfach nur Gelaber, bei dem Ende doch nichts rauskam. Jedenfalls hatte ich öfters Gelegenheit, meine Jodelkünste aufzufrischen, wenn die Debatten sich mal wieder endlos und langweilig dahinschleppten.

Trotz des positiven, kommunistisch angehauchten Dharma-Karmas entwickelte sich die Kneipe zu einem finanziellen Desaster. Über der Kasse hing ein Schild mit der prophetischen Aufschrift: »Hier wird kein Profit gemacht!« Das meiste Geld ging für die Essensschnorrer drauf. Im Fenster stand eine Badewanne aus Porzellan, in der John und Paul jeden Tag einen riesigen Gemüsesalat anrichteten. Daneben eine Kanne Tee und ein Topf mit Suppe, alles gratis. Mit glasigen Augen kamen die Leute reingelatscht wie die reinsten Fressroboter und bedienten sich reichlich aus Salatwanne und Suppentopf. Danach erhob sich ein allgemeines Geschlürfe und Geschlabber. In Windeseile schlug sich jeder den Wanst voll und verschwand dann wieder, ohne auch nur einen Cent bezahlt zu haben. Es gab eben einfach zu viele, die Hunger hatten. Allerdings kamen auch Leute, die Kohle hatten und sich trotzdem für eine freie Mahlzeit anstellten. Sogar ich muss gestehen, die Total Assault Cantina um Berge von Reis und schüsselweise Suppe gelinkt zu haben, obwohl mir die Moneten in der Tasche klimperten. Zuerst hatten John und Paul versucht, Getränke- und Essensmarken an die Kunden auszugeben, aber sie wurden entweder völlig aufgeweicht auf den Tischen vergessen oder zum Wegwischen von Flecken benutzt. Jeden Tag backten die beiden frisches Brot. Und prompt fingen die Typen an, ganze Brotlaibe auf einmal zu klauen. Sie kamen reingeschlurft, bestellten sich einen Kaffee und waren plötzlich flink wie die Wiesel mit dem Brot unterm Arm zur Tür herausgehuscht — und das auf dem Nachhauseweg von ihrem Job.

Eins der New Yorker Wochenmagazine brachte eines Tages in seiner Beilage eine Story über die Kneipe und nannte sie »einen duften Platz, wo man prima und umsonst essen kann«. Das hatte beinah ein Chaos zur Folge. Die Leute kamen bis aus New Jersey, nur um einmal in ihrem Leben eine Beatnikmahlzeit zu schnorren. Hunderte standen draußen auf dem Bürgersteig Schlange und drinnen war es kaum auszuhalten. Spätestens jetzt hätten John und Paul einen klaren Strich ziehen müssen — von mir aus jedem einen Teller Suppe geben, aber alles andere berechnen sollen. Es kam sogar so weit, dass die Leute in der Druckerei herumschnüffelten, und das brachte mich auf die Palme, weil wir grad versuchten, Wehrpässe und falsche Personalausweise für Wehrdienstverweigerer zu drucken. Um die Flut der Wochenendbeatniks einzudämmen, kamen wir auf die wahnwitzige Idee, eine Speisekarte mit so abschreckenden Spezialitäten wie »Augäpfel au gratin« oder »Froschärschchen am Spieß« zu drucken und zehn bis fünfzehn davon an die Frontfenster der Cantina zu kleistern. Dann füllten wir die Salatwanne bis zum Rand mit einem widerlichen Brei, der aussah, als stamme er mindestens vom Mars, warfen die abgehackten Köpfe von circa einem Dutzend unheimlich echt aussehenden Gummischlangen in die schleimige Suppe, würzten alles mit Puppenköpfen, Unkraut aus dem Park und ein paar Ratten und klebten obendrüber ein Schild mit der Aufschrift GRATIS.

Ich führte die Druckerei, wo wir uns auf Protestaufrufe, Gedichtsammlungen, Wehrpässe, Personalausweise und Flugblätter spezialisiert hatten. Ich hatte alle Hände voll zu tun, und dann kamen die Typen von draußen rein und laberten mir stundenlang die Ohren voll. Am Schluss stand ich immer wie ein Zombie neben der Druckerpresse. Verrückte Macker mit unmöglichen Geschichten. Da waren zum Beispiel welche, die bestanden allen Ernstes darauf, dass ich sofort alles andere liegen ließ und erst mal ihren Gedichtband oder Aufsatz druckte. Oder auch sechs Jahre Tagebuch, wo sie von ihren Experimenten mit Trance-Tanz nach der Zen-Sufi-Methode berichteten, im arabischen Petra. Selbstverständlich erwarteten sie, dass ich die Papierkosten übernahm. Eines Tages kriegte ich Ärger mit einer von den ansässigen Straßengangs — ich glaube, sie nannten sich Visagenknacker oder so ähnlich, jedenfalls wurden sie echt sauer, als ich ihnen nicht meinen Werkzeugkasten aus der Druckerei borgen wollte, damit sie ihre Kanonen wieder auf Vordermann bringen konnten. Am nächsten Tag hatten wir ein eingeschlagenes Fenster.

Natürlich war keine Kohle da, um es reparieren zu lassen, und erst recht keine Versicherung, also mussten wir uns wohl oder übel nach einer Lösung auf der Straße umsehen. Zu der Zeit steuerte die Szene grade in eine Art Drogenpanik. Die Junkies sanken sogar so tief, dass ihnen nichts Besseres mehr einfiel, als das Total Assault auszuräumen. Sie klauten fünfzehn »gestimmte« Gongs, die dem Celestial Freakbeam Orchestra gehörten. Sie klauten die elektrische Kochplatte für die Suppe aus dem Frontfenster. Sie klauten meine elektrische Schreibmaschine, ließen aber die Offset-Presse stehen, wahrscheinlich, weil sie ihnen zu schwer war. Als sie mitten in der Nacht anrückten, wunderten sie sich wohl, über eine schnarchende Matratzenwiese zu stolpern — jedenfalls ließen sie elf Mann gefesselt, geknebelt und bis zum Hals in ihren Schlafsäcken verschnürt zurück. Zu allem Überfluss stellte die Post uns auch noch das Telefon ab, nachdem ein sogenannter Freund vier Stunden lang mit London telefoniert hatte, ohne einem von uns was davon zu erzählen. Der Ruin stand wie eine drohende Wolke am Horizont. Schließlich stellten John und Paul eine Liste mit den wichtigsten Schulden zusammen:

 

Gas / Strom

60 $

Papier

80 $

Holz

160 $

Zwei Monatsmieten

200 $

Lebensmittel

200 $

 

»Wie zum Teufel sollen wir bloß siebenhundert Kröten zusammenkratzen?«

»Ich hoffe ja nur, es kommt nicht soweit, dass wir uns auf dem Times Square als blinde Bettler verkleiden müssen!«, ulkte Sam.

In unserer Verzweiflung hielten wir eine Wasserpfeifennotstandssitzung ab. Zuerst verfielen wir auf die traditionelle Tour, nämlich bei Brentano die Kunstbuchabteilung auszuräumen. Die Frage war nur: Wie sollten wir Publikationen von Skira und der New York Graphic Society im Wert von siebenhundert Dollar da rausschaffen, ohne dass die was davon mitkriegten? Als Nächstes entwarfen wir allen Ernstes einen Plan für einen gewaltlosen Banküberfall. Stundenlang zerbrachen wir uns die Köpfe damit, uns einen Zettel für den Bankschalter auszudenken, der erstens den Kassierer beruhigen, zweitens ihn tatsächlich dazu bringen sollte, das Geld rauszurücken und drittens nicht unsere unmittelbare Verhaftung zur Folge haben würde. Am Schluss stellte sich heraus, dass ein gewaltloser Banküberfall offenbar ein völlig unmögliches Unternehmen ist.

Eine Sache, die wir sofort in Angriff nahmen, war die Benefizveranstaltung, eine von diesen Marathondichterlesungen, die von abends acht bis morgens um vier dauern. Insgesamt erschienen siebenunddreißig Poeten und warteten aufgeregt auf ihren Auftritt. Das brachte uns lumpige fünfundsiebzig Dollar, obwohl es vom Publikumsandrang her gesehen ein voller Erfolg war. Außerdem hatte jemand seine Flöte unter dem Tisch vergessen, und es stellte sich heraus, dass sie bis zum Mundstück voll Amphetamin steckte. Das wurde natürlich Hals über Kopf verscherbelt, und der Reinerlös des Abends stieg auf einhundertundzehn Dollar. Die andern dachten sogar kurz daran, unsere Druckerpresse zu verkaufen, aber was sollten wir mit einer revolutionären Kneipe, wenn wir da nicht mal drucken konnten?

Am nächsten Morgen rief John bei seiner Tante an. Seine Verwandtschaft verkaufte nämlich Obst und Gemüse auf dem Hunts Point Market, wo das Total Assault mittlerweile mit einer beträchtlichen Summe in der Kreide stand. John wollte seiner Tante noch mal für ein paar Wochen Lebensmittel abluchsen und im Lauf des Gespräches erzählte sie ihm: »Übrigens ist Larry aus Hongkong zurück. Er hat schon versucht, dich zu erreichen. Soweit ich weiß, will er irgendwas mit dir besprechen.«

Larry aus Hongkong zurück bedeutete, dass Dope in Aussicht war, denn Vetter Larry brachte regelmäßig eine Ladung Haschisch und Gras mit, wenn sein Schiff in New York einlief.

Tante Mildred gab ihm die Telefonnummer und ließ sich schließlich sogar breitschlagen, ihnen auch weiterhin Gemüse auf Kredit zu liefern. John rief Larry sofort an: »Irgendwelche Hamburger angekommen?« — »Da kannst du Gift drauf nehmen«, meinte Larry, »hör zu, seit drei Tagen versuche ich, dich zu erreichen. Ich sitze in der Scheiße, können wir uns irgendwo treffen?«

Larry nahm eine U-Bahn in die Lower East Side und verhandelte mit dem Management. Er bot ihnen einen Deal an, der das Total Assault noch mal vor der Pleite retten würde. Wenn John und Paul eine Woche lang zehn Zentnersäcke mit gepresstem Gras lagern könnten, würden Larry und seine Kollegen tausend Dollar dafür springen lassen. »Yippie!«, schrie Paul, »Ra steht uns bei!«

»Unten in Memphis ist was schiefgelaufen«, erzählte ihnen Larry, »und vor nächster Woche können die nicht hier sein, um die Ware abzuholen. Und ich selbst hab noch jede Menge andere, äh — Geschäfte zu erledigen und kann nicht die ganze Zeit hier in New York rumhocken und warten. Und wo soll ich das Zeugs inzwischen lassen, etwa in Daddys Kartoffelsäcken auf dem Markt?«

Der simpelste Deal von der Welt. John und Paul brauchten nichts weiter zu tun als das Dope sicher und trocken zu lagern, bis ein ganz bestimmtes Individuum in einem roten Lastwagen vorfahren und sich mit dem Code-Namen »Agnus Dei« vorstellen würde. »Ähem«, begann Paul zögernd und fragte dann, wie’s denn mit einem kleinen Vorschuss auf die tausend Dollar wäre — und tatsächlich rückte Vetter Larry zweihundert Piepen raus!

Am späten Abend luden sie zitternd vor Paranoia die schweren Säcke aus Larrys Wagen und schleppten sie in den Keller unter der Kneipe. Ein paar Stunden später fing Paul an zu fluchen und schwor, er könnte die Hasch-Schwaden riechen, die durch die Ritzen in den brüchigen Dielenbrettern hochstiegen. Vielleicht war es wirklich nur Paranoia, aber John und Paul bildeten sich ein, dass der Geruch einfach überwältigend war. Früh am nächsten Morgen besorgten sie sich einen Lastwagen und fuhren raus nach New Jersey, wo sie ein paar Ballen Heu erstanden, die sie als »Sofas« in der Kneipe platzierten — in der Hoffnung, dass der Geruch des Heus als Alibi für das Gras reichen würde. Um ganz sicherzugehen, trieben sie zusätzlich noch ein paar Zentnersäcke Mehl, Feldbohnen und Erdnüsse auf, die sie in den Keller hinunterwälzten und strategisch vor den Dope-Säcken verteilten.

Genau eine Woche später erschien ein Bursche in der Kneipe und sagte: »Hi, ich bin Agnus Dei.« Es war helllichter Tag.

Paul fiel beinah in Ohnmacht und fragte: »Soll das heißen, dass wir mitten am Tag die Hamburger aufladen sollen, vor den Augen der ganzen Leute, die hier langlatschen?«

»Nein«, lachte Agnus Dei, »ich komm heut Nacht um eins zurück.«

Und so luden sie im Schutz der Dunkelheit eine halbe Tonne Gras in den Anhänger des roten Lasters. Es war der reinste Albtraum. Wieder und wieder sicherten sie die Straße ab. Jedes vorbeifahrende Auto kam vom FBI. Jeder Schritt auf der Straße kündigte die Bullen an. In einer Rekordzeit von zwei Minuten hatten sie den Job erledigt.

Der Bursche übergab ihnen die restlichen achthundert Dollar. »Seht ihr die Kiste da drin?«, fragte er augenzwinkernd. Sie schauten genauer hin und entdeckten in einem Verschlag eine Holzkiste mit dem Stempel MADE IN HONGKONG auf der einen Seite.

»Yeah, was ist damit?«

»Da sind fünfzig Maschinengewehre drin für die Typen von der Operation Thunder.«

Operation Thunder war ein rassistischer, halbmilitärischer, rechtsradikaler Flügel, der Anfang der sechziger Jahre draußen im Mittelwesten operierte und sich später auf politische Attentate spezialisierte.

»Die zahlen uns hundert Piepen pro Stück!«

John und Paul starrten sich an. Paul fragte: »Und wie willst du ihnen die Dinger übergeben?«

»Ich weiß von nix. Alles was ich dabei zu tun habe, ist diesen Laster an der Ecke Dreiundzwanzigster Straße und Siebter Avenue zu parken und über Nacht da stehen zu lassen. Die Thunderbolts, oder wie die Kerle sich nennen, übernehmen dann den Rest.«

Kaum war der Lastwagen außer Sichtweite, flüsterte Paul:

»Die Knarren reißen wir uns unter den Nagel!«

»Yeah, wir schmeißen sie in den Fluss!«

»Aber wie transportieren wir sie am besten? Wir können doch nicht mit fünfzig MGs unterm Arm in ein Taxi steigen!«

Da fiel ihnen auf einmal der alte Schiebekarren mit den Fahrradreifen ein, der damals im Keller herumgestanden hatte, als sie das Haus zum ersten Mal besichtigt hatten. Sie zogen die eisernen Kellertüren hoch und stöberten hinten im rückwärtigen Teil des Gangs im Schutt und Dreck herum, bis sie ihn gefunden hatten. Und schon ging’s los. So schnell wie möglich trabten sie mit dem Karren rauf zur Kreuzung Dreiundzwanzigste und Siebte Avenue, wo sie den Laster bald entdeckt hatten. Er war auf der linken Straßenseite abgestellt und leer bis auf die Kiste mit dem Hongkong-Stempel. John brach das rückwärtige Fenster auf und öffnete die Tür.

»Guck mal nach, ob vorn ein Werkzeugkasten steht.«

»Yeah, hier liegt einer.«

»Okay, dann reich mir mal ein Brecheisen rüber.«

Sie brachen den Deckel der Kiste weit genug auf, um sich zu vergewissern, dass auch wirklich Gewehre drin waren, aber das Ding war so schwer, dass sie es keinen Zentimeter von Fleck brachten. John stand Schmiere und passte auf, dass die Heinis vom Thunder nicht plötzlich vor ihnen standen, während Paul den Deckel ganz löste und anfing, die ölverschmierten Waffen herauszuzerren.

»Was machen wir jetzt bloß damit?«

Zum Glück entdeckte John plötzlich einen Kanaldeckel direkt neben dem Anhänger. Er stemmte den Deckel hoch und sagte: »Los, rein damit! Wir schmeißen welche hier rein und karren den Rest runter zum Fluss, soviel wir schleppen können.«

Paul reichte die Guns stapelweise hinunter zu John, der sie vorsichtig in den Schacht gleiten ließ. »Pass ja auf, dass sie nicht gespannt sind. Schließlich wollen wir nichts riskieren. Nachher erschrecken sich die Kanalarbeiter noch zu Tode und haben Angst, dass die Dinger vor ihrer Nase losgehen.«

Als sie so viele im Schacht versteckt hatten, dass sie die Kiste bewegen konnten, hievten sie sie vom Lastwagen herunter und ließen sie auf ihren Karren fallen. Dann nagelten sie den Deckel wieder drauf und stürzten in panischer Flucht Richtung East Side. Sie rasten die Dreiundzwanzigste Straße entlang bis zur Avenue C, dann abwärts bis zur Vierzehnten, weiter zur Zehnten, bogen hier links ab und stießen in vollem Galopp auf die Avenue D. O je: genau vor ihnen lag der East Side Highway. Zzzzzzzzzzz! Schnarchende und besoffene Penner flogen vorbei. Sie packten die Kiste und wuchteten die Gewehre in Schweiß gebadet über die Fahrbahnen. Auf der anderen Seite des Highways setzten sie sie ab, sprinteten zurück zu ihrer Karre, trugen sie hinüber und luden die Kiste wieder auf. Dann begann eine verzweifelte Suche nach einem Eingang in den Park, der zwischen dem Highway und dem Fluss lag. Sie spurteten weiter Richtung Süden und fanden schließlich einen schmalen Pfad — hoppla — war bloß eine Sackgasse, die auf ein Handballfeld führte. »Wir hätten wirklich ’ne Taschenlampe einstecken sollen«, stöhnte Paul und versuchte die Karre zu stoppen, ehe sie mit voller Wucht gegen die Mauer krachte.

Endlich fanden sie eine halb versteckte Öffnung, die auf ein Spielfeld zu führen schien. Und dahinter, nur ein paar hundert Meter weiter, wälzte sich der Fluss entlang. Vor Angst schwitzend schoben sie den Karren über das Mittelfeld in Richtung Zweite Avenue, Heimat, Unterschlupf und aha! — da war ja auch endlich ein Tor! Es führte zum Wasser. Bündelweise schleuderten sie die Gewehre in den stinkigen East River und brachen anschließend halb ohnmächtig auf dem Spielfeld zusammen. Erst nach einer geschlagenen Stunde konnten sie sich wieder einigermaßen bewegen.

Wir sangen und schrien bis tief in die Nacht hinein, knallten uns zur Feier des Tages eine Wasserpfeife nach der anderen in den Kopf und triumphierten über die schwachsinnigen Schmuggler der Operation Thunder.

Es dauerte noch gut ein Jahr, ehe die Total Assault Cantina endgültig dichtmachte. Die beiden Manager hatten einfach keine Lust mehr, sich dauernd mit irgendwelchen Scherereien herumzuschlagen. Paul hat die Stadt verlassen und lebt zurzeit in Arroya Aeternitas, New Mexico. Wenn man seinen Worten Glauben schenken darf, erwartet er in Kürze seine Wiedergeburt als Föhre.

John ist immer noch voll dabei, wenn auch grenzenlos enttäuscht von der Tatsache, dass die Russen ihre Dichter ins Gefängnis stecken. »Ich weiß, ich würde es nie schaffen, in meiner eigenen Revolution zu überleben«, schrieb er mir vor ein paar Tagen.

Ich selbst bin in den Keller gezogen, ein paar Jahre nachdem der Mafia das kleine Missgeschick mit dem Feuer passiert war. Ich stolperte sozusagen mitten rein. Zu der Zeit arbeitete ich grade aushilfsweise als Zeitungsreporter bei einem schnieken uptown-Nachrichtenmagazin — Stringer nennen sie solche Typen. Ich kassierte hundert Dollar für jeden Bericht, den ich ablieferte, und damals war das noch mehr als genug, um genügend Zeit zu haben, meinen »neuen Roman« fertig zu schreiben. Schließlich hatten die Kritiker mir in ihren Rezensionen ja mehr als einmal versichert, dass sie ganz wild darauf waren, ihn zu lesen. Na ja, jedenfalls war ich eines Nachts unterwegs und streunte in der Post-Hippie-Desaster-Gegend der Lower East Side herum — für eine dieser »Wo-sind-all-die-Blumen-hin«-Stories, ihr wisst schon. Tja, ich war also schon ganz schön wacklig auf den Beinen von meinen ausgiebigen Recherchen in der Pee Wee’s Bar und stolperte um zwei Uhr morgens die Avenue A entlang und auch an der alten Total Assault Cantina vorbei. John hatte mir erst kürzlich erzählt, dass im Keller immer noch ein paar Heuballen von dem Gras-Deal herumliegen müssten; also liftete ich die Metalldeckel, zündete ein Streichholz an und wankte die Treppe hinunter. Und das war’s dann auch schon. Nachdem ich erst mal die ganzen Wanzen und Ratten erledigt hatte, liebte ich diesen anheimelnden Keller gradezu. Ich beschwatzte den Vermieter, der mich für total übergeschnappt hielt und mir das Loch für neunundvierzig Dollar pro Monat überließ.

Und ich wohne immer noch hier, möglicherweise sogar jetzt noch, wenn ihr die Story lest. Ich schreibe sie auf meiner uralten Schreibmaschine, die auf einem der vergangenheitsträchtigen Heuballen balanciert. Aber allmählich wird es Zeit für mein Abendessen. Und ich zieh los, drücke den scheppernden Eisendeckel auf und klettere hinaus auf die Straße. Dann geht’s rüber zur Pizzeria am St. Marks Place, und die Wühlerei in der Quelle aller Quellen beginnt: Es ist eine weiße Mülltonne aus Metall, mit einem runden Deckel obendrauf und einer glänzenden Aluminiumklappe. DRÜCKEN steht da drauf. Die Tonne steckt immer bis zum Rand voll mit vergammelten Resten von Pizzavierteln, die drüben in der Pizzeria in viereckige Fetzen Wachspapier eingeschlagen werden. Nicht zu vergessen ein gelegentlicher Schluck Traubensaft, der in einem zerquetschten Plastikbecher übriggeblieben ist.

Im Allgemeinen ist es so, dass ich jeden Abend gegen sechs an der Pizza-Tonne zu Abend esse — falls es unter euch einen gibt, der früher auch in der Total Assault Cantina rumgehangen hat und vielleicht Lust drauf hat, mal vorbeizuschauen und in der Vergangenheit zu wühlen.

CHESSMAN

Er stellte das Radio an. Scheiße, die Nachrichten. Es war ein verbeultes Kofferradio, das er in einem leeren Schuhkarton aufbewahrte, und er brauchte sich gar keine Hoffnung zu machen, irgendwo auf den Frequenzen das zu finden, worauf er jetzt am meisten Bock hatte: ein bisschen Jazz nämlich oder ein paar Bläser.

 

Caryl Chessman, der am 22. Mai 1948 in siebzehn von achtzehn Anklagepunkten überführt und der Entführung mit schwerer Körperverletzung, des Raubes, der Notzucht in zwei Fällen und des Autodiebstahls für schuldig befunden worden ist, wird am kommenden Montag um zehn Uhr morgens in der Gaskammer des San-Quentin-Zuchthauses in San Rafael, Kalifornien, ein paar Meilen nördlich von San Francisco, hingerichtet.

Chessman ist unter dem Spitznamen Red Light Bandit bekannt geworden. Auf dunklen Landstraßen lauerte er im Umkreis von Los Angeles Liebespärchen auf, die er dann mit einem roten Scheinwerfer stoppte und überwältigte. Seine Opfer hielten ihn für eine Polizeistreife. In den zwölf Jahren, die er in der Todeszelle von San Quentin verbrachte, hat Chessman beharrlich seine Unschuld beteuert. Hier in San Quentin entstand auch sein Bestseller. Gouverneur Brown hatte kürzlich die Urteilsvollstreckung noch einmal um sechzig Tage ausgesetzt, um damit der Legislative von Kalifornien die Chance zu geben, ein Gesetz gegen die Todesstrafe zu erlassen. Diese Frist läuft jedoch in diesen Tagen ab, ohne dass ein neues Gesetz in Kraft getreten ist.

Es sieht also ganz so aus, als ob Chessman am nächsten Montag tatsächlich eine Ladung Pfirsichduft in die Lunge geblasen kriegt ...

 

Er stellte das Radio ab. Plötzlich setzten die Halluzinationen ein. Er phantasierte von Zyankalikugeln und Todesgas und kalte Schauer liefen ihm über den Rücken. »Armer Chessman«, brummte er. Er war immer noch leicht benebelt von der Meskalindosis, die er sich in der Nacht zuvor genehmigt hatte, und von dem schlaflosen Morgen danach mit den plötzlichen Energieausbrüchen, die er dazu benutzt hatte, endlich die Anfangszeilen von »Out of the Cradle Endlessly Rocking« auswendig zu lernen. Das Beste wäre wohl, rauszugehen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Kurz darauf schlenderte er die Vierte Straße entlang in Richtung Tompkins Square Park. Irgendwo unterwegs lief ihm dann Scoobie über den Weg und überredete ihn, mit rüber zur West Side zu kommen, wo sie bei J. A. was zu futtern abstauben könnten. Das J. A. am Sheridan Square war damals eine ziemlich populäre Schnorrerkneipe, da, wo heute die Prudential Savings Bank steht. Beide hatten den weitausholenden, eiligen Hipstergang ihrer Epoche drauf; es war schon fast im Laufschritt, wie sie jetzt nebeneinander über die kurzgeschorene Wiese marschierten, die East und West Side voneinander trennte.

Als sie am Sheridan Square an einer Buchhandlung vorbeikamen, drückte jemand Sam ein Flugblatt in die Hand, das zu einem Protestmarsch gegen Chessmans Hinrichtung aufrief. Er sollte am nächsten Tag stattfinden, vom Columbus Circle bis hinunter zum Washington Park führen und schließlich mit einer Massenkundgebung an der Judson Memorial Church enden.

Sam ließ das Flugblatt sinken. Scoobie stand dicht neben ihm und blies ihm auf dem Trichter einer eng zusammengerollten Zeitung ein kompliziertes Solo ins Ohr. »Also weißt du, Scoob — ich glaube, wir sollten morgen für Chessman mitmarschieren.« Und damit stopfte er sich das Flugblatt in die Tasche.

Jahrelang hatte er über den Fall Chessman gelesen. Und nach Hunderten von Zeitungsartikeln und Radioreportagen war es immer noch ziemlich schwierig rauszukriegen, was Chessman denn nun eigentlich verbrochen hatte und warum man ihm mit aller Macht diesen letzten Atemzug verpassen wollte. Es war ungefähr so, als wenn man in den fünfziger Jahren versuchen wollte, durch das Studium des Arizona Republic rauszufinden, was Robert Oppenheimer denn nun exakt getan hatte, um seine politische Glaubwürdigkeit zu verlieren.

In Chessmans Fall steckten die Zeitungen voller mysteriöser Contra-naturam-Andeutungen, lauter Geschwafel über die »unmenschlichen Akte«, zu denen der Red Light Bandit seine Opfer gezwungen haben sollte. Eine ganze Menge hatte mit dieser Tante zu tun, die später in der Irrenanstalt landete, angeblich weil Chessmans Perversionen sie in geistige Umnachtung gestürzt hatten.

Chessman war nach einem Gesetz zum Tode verurteilt worden, das während der zwölf Jahre, die er in der Todeszelle verbracht hatte, abgeschafft worden war, und deshalb, so folgerte Sam, sollte er jetzt im Namen einer reinen Halluzination vergast werden. War es denn tatsächlich möglich, dass der Staat Kalifornien Hunderte und Tausende von Dollar zum Fenster rauswarf, um ein Todesurteil zu vollstrecken, das man ihm damals verpasst hatte, bloß weil er dieses durchgedrehte Weibsbild gezwungen hatte, ihm einen abzukauen?

Ein weltweiter Sturm der Entrüstung erhob sich gegen die bevorstehende Hinrichtung. Der Papst war außer sich. Die ausländische Presse tobte. Tausende von Briefen und Petitionen setzten die kalifornische Regierung unter Druck und protestierten gegen diese kleine achteckige Gaskammer aus Metall. Andererseits war die Meinung von Sams Schwager wiederum typisch für die meisten Pseudoliberalen von New York: »Tja ... sicher sollte die Todesstrafe abgeschafft werden. Das steht ganz außer Frage. Allerdings muss man sich aber auch mal klar darüber werden, dass Chessman nicht zum Testfall für die Abschaffung werden darf. Chessman ist ein Atheist. Ein Unhold!«

Aber die Hoffnung lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Am selben Nachmittag, als Sam und Scoobie von der Lower East Side zum Sheridan Square rübergingen, um sich was zu essen zu besorgen, hatte drüben an der Westküste Stuart L. Daniels in der Todeszelle eine Unterredung mit dem Autor. Daniels war der Verleger von Prentice Hall, wo Chessman seine erfolgreichen Bücher publiziert hatte. Als die Reporter den Verleger nach der Besprechung über den Inhalt des Gesprächs ausfragten, erzählte Daniels ihnen: »Ob Sie es glauben oder nicht, meine Herren, er wollte mit mir über seine zukünftigen schriftstellerischen Projekte sprechen.«

1960 war Wahljahr und garantiert nicht die rechte Zeit, in der Öffentlichkeit Gnade an irgendeinem angeblichen Red Light Bandit walten zu lassen. Anfang April hatte beispielsweise der Verband der amerikanisch-hebräischen Gemeinden jene sieben Männer angeschrieben, die in der Presse am Häufigsten als mögliche Präsidentschaftskandidaten genannt wurden und nach ihrer Einstellung zur Todesstrafe befragt. Richard Nixon hatte geantwortet, dass er die Todesstrafe für Kidnapper befürworte: »Selbstverständlich machen wir uns Gedanken über das Schicksal von Kriminellen, die wir gefasst haben. Aber noch mehr liegt uns die Sicherheit der unschuldigen Bürger am Herzen, die derartigen Verbrechern schutzlos ausgeliefert wären, wenn wir dieses abschreckende Mittel nicht hätten.«

Am nächsten Morgen wälzte Sam sich gerade noch rechtzeitig aus dem Bett und fuhr mit der U-Bahn bis zum Columbus Circle, dem Startort des Chessman-Marsches. Sam hätte es nie im Leben für möglich gehalten, dass ausgerechnet er sich jemals an einem Protestmarsch beteiligen würde. Aber nun wurde mit von dem unaussprechlichen Drang erfüllt, weiter zu marschieren, weiter zu singen und zu protestieren. Hier endlich bot sich eine Gelegenheit, es den Scheißkerlen heimzuzahlen, die alles kaputtgemacht hatten. Die Transparente waren deutlicher und klarer als alle anderen, die Sam je gesehen hatte. SCHAFFT DIE TODESSTRAFE AB, forderten sie, RETTET CHESSMAN und LEGALER MORD BLEIBT MORD.

Ein Lastwagen mit der Pappmaché-Imitation einer Gaskammer führte den Zug der empörten und aufgebrachten Demonstranten an, die um zwei Uhr nachmittags die Neunundfünfzigste Straße entlang marschierten. Vorbei an den stinkvornehmen Hotels, wo im Plaza die feinen Herrschaften der Gesellschaft die Serviette zum Mund führten und sprachlos auf die Protestler hinunter gafften. Sie winkten ihnen zu: »Kommt runter und macht mit!« schrien sie. »Kommt mit uns!«

An der Fünften Avenue bog der Zug nach rechts ab, und dann begann ein dreistündiger Trott die Avenue hinunter, einundfünfzig Blocks weit, bis zum Washington Square, wo Norman Thomas und Elaine de Kooning zu der Menschenmenge sprachen, die sich an der Judson Memorial Church versammelt hatte.

Für den jungen Sam bedeutete dieser Marsch das erste Aufflackern von Solidarität. Zum ersten Mal erlebte er das Gefühl, seine Wut mit den anderen, die sich vor den Barrikaden aufgestellt hatten, zu teilen. Noch ahnte er nichts von den Schrecken der Barrikaden, die die sechziger Jahre für ihn bereithielten, diesen grauen Mauern, die er noch so oft verhöhnen und gegen die er noch so oft blindlings anrennen sollte.

Der Samstagabend verflog für Sam in einer Orgie von Hasch und endlosen Diskussionen in den Kneipen und Bistros des Village. Am Sonntag, dem 1. Mai 1960, passierte nichts Besonderes. Die Berichterstattung über Chessman lief auf vollen Touren. Auf allen Frequenzen wurde Sam mit den neuesten Meldungen über ihn bombardiert. Sie hörten einfach nicht auf. Sam war nervös und spürte zum ersten Mal den stechenden Schmerz der Frustration, wenn man einsehen muss, dass aller Protest gegen die korrupte Gesellschaft zwecklos ist. Er fühlte sich so elend, als ob der gesamte Kontinent zur Gaskammer verurteilt wäre.

Drüben in Kalifornien gab Chessman eine Pressekonferenz und meinte, seine Aussichten stünden Fifty-fifty. Und für den Fall, dass es schiefgehen sollte, kündigte er an: »Dann geh ich halt rein, hock mich auf meinen Stuhl und warte auf das Ende!«

Ebenfalls am Sonntag fuhr der Bürgerrechts-Anwalt A. L. Wirin zu Kaliforniens Gouverneur Brown und verhandelte mit ihm über eine nochmalige Aussetzung der Urteilsvollstreckung. Er begründete seinen Antrag mit der bevorstehenden Wahl eines neuen Richters für das Bundesgericht von Kalifornien, der am ersten Juni vereidigt werden sollte — möglicherweise könnte ein neuer Richter an den Drei-zu-Vier-Abstimmungen was ändern, die nun schon dreimal Chessmans verschiedene Gnadengesuche abgeschmettert hatten.

Auch Bischof James A. Pike sprach bei Gouverneur Brown vor und bat um Gnade für Chessman, aber Brown blieb ungerührt und ließ beide eiskalt abblitzen.

Steve Allen, Marlon Brando, Shirley McLaine, Eugene Burdock und Richard Drinnon — sie alle fuhren an diesem Tag hinüber nach Sacramento und forderten Brown auf, die Aussetzung bis zum kommenden November zu verlängern, wenn die Nation selbst über die Frage der Todesstrafe entscheiden sollte. Brown antwortete, dass er mit einem solchen Aufschub nicht nur seine Amtsgewalt missbrauchen, sondern auch sein Gewissen vergewaltigen müsste. Nach seiner Absage machten Chessmans Anwälte eine kurze Verschnaufpause und schickten dann am Sonntagabend per Express ein allerletztes Gnadengesuch an den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Washington.

In der Nacht von Sonntag auf Montag marschierten einhundert Collegestudenten von San Francisco nach San Rafael. Sie hielten Nachtwache für Chessman.

Um fünf Uhr nachmittags holten sie Chessman aus seiner Todeszelle im sechsten Stock und führten ihn zum Aufzug. Seine Hände waren mit Handschellen an den Gürtel gefesselt. Sie sollten ihn in die sogenannte »Wartezelle« unten im Parterre bringen, wo er seine letzten siebzehn Stunden Sauerstoff atmen würde. »Bis morgen früh dann — «, rief er seinen Kumpels im Trakt zu, als sie ihn abführten — der traditionelle Abschiedsgruß der Todeskandidaten, wenn sie am letzten Abend nach unten verlegt werden.

Ein paar Meter nur von der achteckigen Gaskammer entfernt lagen die zwei Wartezellen. Man versorgte Chessman mit einer neuen blauen Hose, einem blauen Hemd dazu und leichten Segeltuchschuhen. Als er zur Wartezelle hinüberging, konnte er die Gaskammer noch nicht sehen, so rücksichtsvoll war der Architekt wenigstens gewesen; sie lag rechter Hand am Ende eines schmalen Korridors.

Die ganze Nacht und auch noch den frühen Morgen hindurch arbeitete Caryl Chessman an seinen Papieren und schrieb seine letzten Briefe. Als sie ihn dann kurz vor zehn abholten, legte er den Stift aus der Hand und bereitete sich aufs Sterben vor.

Das Bundesgericht von Kalifornien hatte sich am frühen Morgen noch einmal versammelt, um über ein Gnadengesuch zu beraten, das am Samstagmorgen für eine nochmalige Urteilsüberprüfung eingegangen war, und kurz vor der offiziellen Urteilsvollstreckung, um neun Uhr zehn abermals mit drei zu vier Stimmen dagegen gestimmt.

Um neun Uhr fünfundfünfzig forderten die Anwälte Gordon T. Davis und Rosalie Asher in den Amtsräumen des kalifornischen Bundesrichters Louis Goodwin einen kurzen Aufschub für die Hinrichtung. Zur gleichen Zeit erhielt in Washington Richter William O. Douglas die per Express zugestellten Unterlagen und gab bekannt, dass eine nochmalige Aussetzung der Urteilsvollstreckung nicht infrage komme.

Richter Goodwin hatte jedoch in der Zwischenzeit zwei Kanzlisten zu seiner Sekretärin geschickt, mit dem Auftrag, den Direktor von San Quentin anzurufen und einen kurzen Aufschub anzuordnen. Es war zehn Uhr drei. Die Telefonnummer war mündlich weitergegeben und von der Sekretärin prompt verwechselt worden. In fieberhafter Eile brachte sie die richtige Nummer zusammen und wählte noch einmal, aber der stellvertretende Direktor von San Quentin konnte ihr nur noch mitteilen, dass die Zyankalikugeln soeben gefallen waren.

Im Vorraum der Gaskammer drängelten sich mittlerweile die Zuschauer. Zwei Drittel der Anwesenden im Zeugenraum waren Fernseh-, Radio- und Zeitungsreporter. Die Exekutionskammer ragte etwa zur Hälfte in den Zuschauerraum hinein. Sie hatte längliche Fensterhöhlen, durch die man hineinlugen konnte. Über der Eingangstür zu dem grün ausgelegten Zeugenraum hing ein Schild mit der Aufschrift RAUCHEN STRENGSTENS VERBOTEN, und an der Außenwand der Gaskammer befand sich ein Geländer mit der Warnung: ÜBERSCHREITEN DES GELÄNDES WIRD STRAFRECHTLICH VERFOLGT.

Alle Beteiligten bekamen Sonderzulagen. Der Vorschrift entsprechend erhielt der Direktor in seiner Eigenschaft als hauptverantwortlicher Leiter der Hinrichtung einhundertfünfundzwanzig Dollar. Sein amtierender Stellvertreter bekam fünfzig. Die Wachen, die dafür verantwortlich waren, dass das Opfer sich friedlich und ohne Scherereien auf seinen Sitz begab, jeweils fünfundsiebzig. Und der Kaplan ebenfalls fünfzig.

Erst am Morgen der Hinrichtung schlossen die Gefängniswärter die Haupttür der Gaskammer auf. Sie hatte die Form eines Ovals. Für den Gefangenen musste es scheinen, als ginge er an Bord eines teuflischen Raumfahrtkommandos. Die beiden Wärter überprüften noch einmal, ob die Kabine auch wirklich luftdicht abgeschlossen war, denn keiner von ihnen, ganz zu schweigen vom Direktor, war scharf drauf, an etwa entweichendem Zyankali zu krepieren. Im Innern der Todeskammer befanden sich zwei metallene Stühle, die mit Stoffgurten versehen waren. Im Fall einer Massenexekution hatte der Staat den Vorteil, immer gleich zwei auf einmal abservieren zu können und damit rationeller zu arbeiten.

Die »Zyankalieier« wurden sorgfältig abgezählt und in Mull gewickelt. Ein Beamter mit Gummihandschuhen hängte die giftigen Todeskugeln in automatische Halterungen, die auf der Unterseite des rechten Stuhls über einem Eimer mit Säure angebracht waren. Dann maßen sie die Säure ab und kippten sie in einen Trichter, von wo aus sie später in den Eimer geleitet werden würde. Wenn sie die Eier dann hineinfallen ließen, würde das Kaliumferrocyanid seinen eigentümlichen, pfirsichartigen Duft verströmen. Zur Sicherheit checkten sie auch nochmal die Telefonleitung, die zur Gaskammer führte, damit im Falle eines Aufschubs in letzter Minute auch garantiert nichts schiefgehen konnte.

Pünktlich um neun Uhr fünfzig betraten der Direktor von San Quentin und der diensttuende Oberarzt Chessmans Wartezelle. Der Direktor verlas Chessmans vollen bürgerlichen Namen und eröffnete damit seine Todesstunde. Dann schüttelte er ihm die Hand und ging mit dem Doktor nach draußen. In seinen letzten Worten an den Direktor bestritt Chessman noch einmal, mit dem Red Light Bandit identisch zu sein.

Früher hatte man den Gefangenen kurz vor ihrer Hinrichtung meistens ein paar Whiskeys verpasst; heute kriegen sie statt dessen Beruhigungspillen und — wie könnte es in Amerika anders sein — den unvermeidlichen Kaffee und eine Zigarette. Die Wärter waren immer noch damit beschäftigt, die Haupttür zur Gaskammer zu überprüfen. Sie machten sie ein paar Mal auf und zu, um wirklich hundertprozentig sicher zu sein, dass sie vollkommen dicht war. Inzwischen zogen zwei Wächter einen grünen Teppich aus der Zelle, die neben Chessmans lag, und entrollten ihn sorgsam über den drei Meter langen Korridor, der von seiner Zelle zu der ovalen Tür führte.

Schließlich war es Zeit, die Kleider zu wechseln. Die Wärter gingen wieder hinüber und betraten die Zelle des Opfers, um ihn dabei zu beaufsichtigen. Der Doktor kam dazu. Das Opfer zog sich aus. Der Doc lokalisierte Chessmans Herzschlag und schnallte ihm einen Galvanometer auf die Brust. Als er sein weißes Hemd angezogen und zugeknöpft hatte, baumelte der schwarze Gummischlauch des Messgerätes vorne heraus.

Dann stieg er in frische Bluejeans. Unterwäsche gab es keine, wegen dem Scheißkrampf am Schluss. Auch Schuhe waren verboten, aber dafür kriegte er ein Paar frische Socken.

Und immer noch regte sich in ihm ein Fünkchen Hoffnung. Schließlich war sogar Dostojewski noch begnadigt worden, obwohl das Feuerkommando schon vor ihm Aufstellung genommen hatte. Chessman verabschiedete sich vom Gefängniskaplan und verließ dann seine Zelle; jetzt begleiteten ihn vier Wärter. Er bog nach rechts, ging über den grünen Teppich auf die Kammer zu, trat über die Schwelle am Eingang, ging zum rechten Stuhl und setzte sich hin.

Sie zerrten ihm die Stoffgurte zu, einen über der Brust, einen über den Beinen und jeweils einer über den Armen. Die Elektroden des Messgerätes wurden jetzt mit anderen verbunden, die durch die Kabinenwand in einen Extraraum führten, wo der Doktor stand und die Herzschläge überwachte. Dort wurden sie an sein Stethoskop angeschlossen.

Schließlich waren sie fertig mit den Gurten. Einer der Wärter tippte dem Opfer auf die Schulter und wünschte ihm viel Glück. Der Legende nach raten die Wärter dem Todeskandidaten meistens noch: »Mach am besten einen tiefen Atemzug, sobald du das Gas riechen kannst — das macht die Sache leichter.«

Die Stahltür wurde verschlossen und fest zugeschraubt. Der Doktor stand ruhig da, mit seinem Kopfhörer auf, der an das Stethoskop angeschlossen war, den Formularen und einer Stoppuhr, die auf Sekundenbruchteile genau war. Chessman wandte den Kopf nach rechts und entdeckte zwei Reporter hinter den Beobachtungsfenstern. Sein Mund formte eine letzte Botschaft: »Sagt Rosalie auf Wiedersehen von mir. Alles in Ordnung.«

Das Opfer saß dem Doktor und dem Gefängnisdirektor zugewandt, die im sogenannten Beobachtungsraum stationiert waren. Der Kontakt zu den sterbenden Augen und der Anblick eines keuchenden, sabbernden und geifernden Opfers ließ sich notfalls vermeiden, indem man einfach die Rollos herunterließ, die an den Fenstern zwischen Todeskammer und Beobachtungsraum angebracht waren.

Exakt fünfzehn Sekunden nach zehn Uhr drei am Vormittag nickte der Direktor einem Sergeanten zu, der auf einen Knopf drückte und damit die Zyankalikugeln in die Säure fallen ließ: Plop plop. Das Opfer hörte einmal: Plop und dann noch mal: Plop. Etwa zehn Sekunden später holte Chessman tief Luft und klappte ohnmächtig zusammen, der Kopf pendelte hilflos hin und her und der Doktor verfolgte in seinem Kopfhörer den Herzschlag, rasend schnell und unregelmäßig. Um zehn Uhr zwölf stellte er seinen Exitus fest. Er notierte die Zeit auf seinem Block und streifte sich die Kopfhörer ab. Die Zeugen unterschrieben das Protokoll und schoben im Gänsemarsch ab nach draußen.

In New York City saß Sam zur selben Zeit in der Bibliothek am Washington Square Park und blätterte in ein paar Büchern. Als sein Blick auf die Wanduhr fiel, rückte der Zeiger gerade auf zwölf Uhr neunundfünfzig. Unwillkürlich fing er an, sich die Exekution vorzustellen, die sich in diesen Sekunden drüben in San Rafael abspielte. Er fluchte leise vor sich hin. Der Bibliotheksbeamte starrte ihn teilnahmslos an.

»Wissen Sie überhaupt, was diese Schweine grade jetzt in diesem Moment machen? Sie vergasen Chessman! Diese gottverdammten Killer!« Der Beamte sagte nichts. Er drehte sich um, sah, dass das Lämpchen vom Transportaufzug blinkte, schlurfte hin und lud ein paar dicke Wälzer aus.

KOMMANDO KARTOFFELSALAT

I

 

Die ölig glänzende Außenwand des Dampfbades erinnerte an eine alte Kenmore-Waschmaschine. Immer wenn es in Betrieb war, so wie heute Morgen, blieben von seinen wuchtigen Stößen ein paar hässliche Kratzer auf dem seidig schimmernden Parkettfußboden zurück. Emil Cione hockte im kochend heißen Dampf und ließ sich von seiner Sekretärin Keats vorlesen. Visionen von düsteren Burgsälen und kühlen Schlafräumen aus The Eve of St. Agnes prallten wie Tennisbälle gegen die Mauern seines gepeinigten Schädels. Er merkte, wie er anfing, vor Hitze langsam zu zerfließen. Cione war der Autor eines berühmten Gedichtbandes mit dem leicht übertriebenen Titel Am I Goethe Or Am I Schiller – oder Am I Nothing, wie man den Wälzer in der Gedichte-Abteilung im Tiefgeschoss des Buchladens in der Achten Straße zu nennen pflegte – für den er im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis gewonnen hatte. Im Augenblick arbeitete er an seiner Biografie »Meine Spannkraft« und bereitete sich nebenher auf das Symposium vor. Um seine Spannkraft machte er sich nämlich ziemliche Sorgen, besonders seit in letzter Zeit gewisse Studentinnen aus seinen Kursen die saft- und kraftlose Figur ihres Meisters immer kritischer musterten. Tja, der jahrelange Alkoholkonsum war eben nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und nun beulte sich sein Fettwanst wie ein nasser aufgequollener Sack über dem Gürtel.

Plötzlich fiel ihm etwas ein. »Was hatten sie noch mal gesagt, was sie zahlen?«, fragte er und unterbrach seine Sekretärin, kurz bevor die beiden Liebenden aus dem Schloss fliehen konnten.

»Zweihundert Dollar.«

 

 

II

 

»Wie sehe ich aus?«, fragte im gleichen Moment in einem anderen Teil der Stadt eine besorgte Stimme.

»Wie Kopernikus, Cheevy, wie Einstein ...« beruhigte ihn augenblicklich ein liebevoller Wortschwall und bestätigte damit wieder einmal seine angebliche Ähnlichkeit mit den Großen der Wissenschaft, über die ja sonst nur gemunkelt wurde. »Wie glitzernde Gletscher auf zerklüfteten Felsen ...«. Nach diesem ganz besonders treffenden Vergleich versiegte der Redefluss für einen Moment und wirbelte wie ein Strudel gegen einen Deich.

»Und wie höre ich mich an?«, fragte Cheevy ein paar Minuten später und hielt in der bardischen Totenklage inne, die er nur bei ganz speziellen Gelegenheiten zum Besten gab. Er war nämlich gerade dabei, sein umwerfendes dreiteiliges Eröffnungs-Statement einzuüben, das er auf dem Symposium zum Tod der Beat-Generation vortragen würde. Ehrlich gesagt war er eigentlich so von sich überzeugt, dass er sich eine derartige Frage wirklich schenken konnte — schließlich hatte er sich nicht umsonst unzählige Stunden abgerackert, ins Tonbandgerät gebrummelt und dabei unmerklich seine Stimme so trainiert, dass er sie nach Belieben verändern konnte. Er schaffte es jetzt schon, seine Sprechstimme, die normalerweise als näselndes Gewimmer zu bezeichnen wäre, auf Kommando in einen wirklich wahnwitzigen russisch-orthodoxen Kirchenchor-Bass zu verwandeln, und wenn er ganz besonders gut drauf war, in ein tiefkehliges Summen. Ein paar Jahre später musste die NBC ein ziemlich dickes Bündel Scheine dafür hinblättern, dass er ihnen ihre Dokumentarberichte über das wilde Leben der Schakale sprach. Cheevys Kritiker allerdings hielten seine Versuche, sich mit Mel Torme zu messen, bloß für albernes Shakespear’sches Getue — ihrer Meinung nach riss er ganz einfach sein Maul ein bisschen zu weit auf.

Unvermittelt brach jetzt die Tormesche Sturzflut ab. »Eigentlich bin ich ja ganz froh, dass diese Macker endlich tot sind — diese hirnrissigen Stinkstiefel — diese kleinen Möchtegern-Rimbauds ...« — »Tot ist natürlich nur symbolisch gemeint, ist doch klar«, fügte er schnell hinzu, als er das leicht verwirrte Gesicht seiner Frau bemerkte, und dabei raffte er sich sogar zu einem breiten Grinsen auf.

 

 

III

 

Doris L. Malek, verantwortlich für die Fiction-Abteilung von Schlips & Kragen, Das Magazin für den Herren, verbrachte den Tag vor dem Symposium in ihrem kleinen Büro und ackerte sich durch zweihundertfünfundsiebzig Kurzgeschichten. Ein Gutes hatte es ja: Wenigstens brauchte sie sich heute nicht um den schwankenden, fast zwanzig Zentimeter hohen Stoß von zerknitterten Gedichten und anonymen Briefen zu scheren, der sich während der vergangenen Woche auf ihrem Schreibtisch angesammelt hatte.

Ab und zu schauderte sie zusammen, schüttelte den Kopf oder pfiff abfällig durch die Zähne — tss tss tss! »Ist denn das die Möglichkeit«, dachte sie verächtlich, »in dieser ganzen Sammlung verschleierter erotischer Fantasien kommt nicht mal ein einziger geiler Höhepunkt vor — gottverdammte Angsthasen!«

 

 

IV

 

Die übrigen Diskussionsteilnehmer zerbrachen sich die Köpfe, warum wohl die Banane krumm sei.

Warner Cleftine befand sich am späten Nachmittag auf einer Party des Living Theatre. Blöderweise schien es völlig unmöglich zu sein, an Judith Malina ranzukommen. Es war also auch zwecklos zu versuchen, ihr mit seiner außerordentlichen Intelligenz zu imponieren — oder, besser gesagt, mit dieser faszinierenden Mischung aus Geilheit, Witz, Scharfsinn und Wichtigtuerei, die er sich für sie ausgedacht hatte.

 

 

V

 

Mal kopfschüttelnd, mal starr vor Schreck überflogen sie die druckfrische Ankündigung mit den diversen Themen für das Symposium, die soeben mit der morgendlichen Post gekommen war. Ganz unten am Rand des Programms hatte jemand einen Gruß hingekritzelt und sie zum Auftakt der Feier zu einer Cocktailparty im Club der Fakultät eingeladen.

Andere hätten sich wer weiß was darauf eingebildet, zu den wenigen Auserwählten zu gehören, die einer solchen Einladung für würdig befunden worden waren — nicht aber Ron und Al. Beide versteinerten, ihre Gesichter wurden kreidebleich und in ihren Köpfen überschlugen sich die Gedanken. Ron presste vor Wut Ober- und Unterkiefer aufeinander und knirschte mit den Zähnen, bis die Wurzeln knackten.

»Das kann doch nicht ihr Ernst sein!«, flüsterte Al schließlich.

»Und ob das ihr Ernst ist!«, meinte Ron.

»Diese blöden Punks! Die scheinen es ja ganz schön eilig zu haben, die Sache endgültig unter die Erde zu bringen. Das bedeutendste literarische Ereignis, seit Pound nach Venedig abdampfte, und die können’s gar nicht abwarten, das Ende an die große Glocke zu hängen!«

Rons Gesicht hatte sich vor Wut knallrot verfärbt. Er konnte sich kaum noch beherrschen. »Ich habe fast den Eindruck«, sagte er dann plötzlich langsam und fast feierlich, »dass es angebracht ist, einen kleinen praktischen Test des Unternehmens Kartoffelsalat steigen zu lassen ...«. Worauf sie beide gleichzeitig in ein hämisches Gekicher ausbrachen, das dem Glöckner von Notre-Dame alle Ehre gemacht hätte.

Kurze Zeit später standen Al und Ron über die Glastheke von Smiler’s Deli am Sheridan Square gebeugt und kämpften mit der Qual der Wahl. Sollten sie nun zwei Pfund von dem öligen deutschen Kartoffelsalat nehmen oder doch lieber die andere Sorte, die mit der vielen Mayonnaise?

Am Ende entschieden sie sich für die weiße glitschige Pampe, und zwar erstens wegen ihrer fotogenen Qualitäten, zweitens wegen ihrer vorzüglichen Gleitfähigkeit und drittens, weil sie wussten, dass dieses Zeug garantiert auf der Haut festpappte. In Gedanken versunken streichelte Al zärtlich die weiße Pappschachtel mit dem Drahthenkel unter seinem Arm. Ron besorgte inzwischen die Plastikteller.

Ein paar Minuten später trainierten sie in Rons Apartment, volle Salatteller gegen eine Büste von Homer zu schleudern.

 

 

VI

 

Es war ein bitterkalter Winterabend. Der Wind draußen machte sie fast genauso high wie die Amylnitrit-Kapseln, die sie sich im Taxi verstohlen in die Nase gepoppt hatten.

 

 

VII

 

In der Lobby der Furie Hall hatte der Crabhorne Bookshop eine kleine, aber außerordentlich interessante Ausstellung mit Büchern der Beat-Generation vorbereitet. Ein überpinselter Ace-Books-Ständer aus Metall war von oben bis unten mit Werken wie The Beat Scene, Casebooks on the Beats und Howl vollgestopft; dazu kamen diverse City Lights Pocket Poets, verschiedene Ausgaben von Beatitude, Semina, Black Mountain Review, zahlreiche Publikationen aus der Jargon Press, einzelne Nummern von Kulchur, Yugen, The Shriek of Revolution, Marx-Ra, Gone Muh-Fu Gone und unzählige Heftchen und vervielfältigte Gedichte der Bewegung.

Gleich daneben stand eine Staffelei, auf der ein eleganter, mit Samt ausgeschlagener Glaskasten zur Schau gestellt war. Darin befand sich, sauber aufgereiht, eine Sammlung von Absagebriefen verschiedener Verlage. Fest davon überzeugt, dass die Literaturgeschichte ihnen eines Tages recht geben würde, hatten diese Banausen insgesamt zwölf Mal das Manuskript von On the Road abgelehnt. Das Ganze war ein bisschen irritierend und mit den dreihundertfünfzig Dollar, die die Sammlung inklusive Glaskasten bringen sollte, hatte Crabhorne offensichtlich ein paar Nummern zu hoch gegriffen.

Eine Abteilung war für »Manuskripte des Himmels« reserviert. (Tatsächlich hätte sie mit ihrem lächerlichen Zeltdach glatt als Kirmesbude durchgehen können.) Hier durften die Besucher — unter strenger Aufsicht, versteht sich — die Originalmanuskripte von Edward Dahlbergs Garment of Ra bestaunen, Ginsbergs Sunflower Sutra, Corsos Vestal Lady, eine wunderschöne Reed-College-Kalligraphie des frühen Phil Whalen und die eher deplatziert wirkende Korrespondenz zwischen Autoren und Verleger, komplett mit Anmerkungen und Kommentaren zur Veröffentlichung von The Beat Generation and the Angry Young Men.

Der Buchhändler hatte keine ruhige Minute. Wenn er seine Bücherstapel zurechtrückte, ließ er gleichzeitig, wie eine versteckte Kamera im Supermarkt, seine Augen nach rechts und links schweifen — immer auf der Lauer nach potenziellen Bibliokleptomanen oder, auf gut deutsch, Bücherklauern. Sein Herz war unter einem Panzer von leeren Alka-Seltzer-Schachteln verborgen. Denn Crabhorne hatte mehr als einmal die traurige Erfahrung machen müssen, dass derselbe junge Poet, der ihm erst vor einer Minute eine tadellose Ausgabe von A Lume Spento verkauft hatte, die offenbar außer zum Signieren noch nie aufgeschlagen worden war; auf dem Weg nach draußen ein druckfrisches Exemplar von Pommes Pennyeach mitgehen ließ.

Das Geschäft lief nicht schlecht. Es schien fast so, als wollte sich das Symposium mit all seinem Beerdigungsgeschwafel Lügen strafen, denn paradoxerweise fand es grade zu Beginn einer Periode statt, in der die Nachfrage nach der Beat-Literatur, wenigstens seitens der Bibliotheken, enorm anstieg. Urplötzlich stand den Budgets der College-Bibliotheken massenhaft überschüssige Kohle zur Verfügung, um Beat-Relikte und Manuskripte zu erwerben. Am Abend des Symposiums zum Tod der Beat-Generation verhökerte Crabhorne beispielsweise einen kompletten Satz des Magazins Beatitude für fünfundzwanzig Kröten an einen Bevollmächtigten der Ohio-State-Universitätsbibliothek. Und der Kurator der Harris Collection an der Brown University Library — zwinker Howard Hunt zwinker zwinker — ließ am selben Abend ein kleines Vermögen für die frühe Ginsberg-Korrespondenz springen. Eine signierte Erstausgabe von On the Road (»Für Martin Buber«) mit unbeschädigtem Schutzumschlag brachte 17,50 Dollar. Und die ganze Zeit über wimmelte es nur so von Parnassus-Jüngern; mehrere Poeten kamen am Stand vorbei und signierten ihre Bücher gleich stapelweise.

 

 

VIII

 

Inzwischen war auch Emil Cione mit einer devoten und im übrigen recht zynischen Gefolgschaft von Studenten eingetroffen.

 

 

IX

 

Finanziert wurde das Symposium übrigens vom Foment Magazine, das wegen seiner Förderung exzellenter Literatur und liberalen, fast schon sozialistischen Gedankenguts seit siebenunddreißig Jahren an der Spitze aller Literaturzeitschriften überhaupt stand. Foment war in der Tat so radikal, dass es von der Literaturabteilung der CIA regelmäßig übergangen wurde, wenn es um die Gewährung von Zuschüssen oder verkappten Stipendien ging. Nach dem Krieg gab es ein paar Jahre, in denen kaum einer gewagt hätte, das Café Figaro ohne die letzte Ausgabe vom Foment zu betreten. Überall begegnete man Typen mit zusammengerollten Exemplaren, die sie gerade weit genug unter dem Jackett herauslugen ließen, dass man das Cover erkennen konnte.

Für diejenigen, die den Pulsschlag der Kultur aus nächster Nähe beobachteten, war es unmöglich, die Beats zu ignorieren. Die Informationen, die sich in den Köpfen des Verlegerteams vom Foment angesammelt hatten, unterschieden sich jedoch kaum von dem enormen Pressewirbel, den Howl oder On the Road entfacht hatten — und möglicherweise auch das Häuflein von Poeten, das sich in den Mittfünfzigern in San Francisco zusammengefunden hatte. Der Wahnsinnskick an der Sache, Entstehung, Geist und die fieberhafte Erregung des Phänomens waren dem Horizont der Fomenter glatt entgangen. Selbst die, die mit der Bewegung eigentlich sympathisierten, hielten sich zurück; man hatte fast den Eindruck, als schämten sie sich, einen elitären Kreis »neobuddhistischer Spinner, die an Erleuchtung leiden«, mit dem Lorbeerkranz ihrer Anerkennung zu schmücken. Und so kam es, dass man die Literatur der BG mit einer Art weiser Weltkenntnis und zitatenverschmierter Stichelei kritisierte — einer äußerst vorsichtigen Mischung allerdings, mit massenhaft eingebauten Hintertürchen. Denn diese Rezensenten hatten weder Bock, jetzt als Spießer dazustehen, noch später von der Nachwelt als ein Haufen ausgemachter Trottel abgetan zu werden. Schließlich fanden sich ja in der Literaturgeschichte Beispiele genug — man denke nur an die scharfzüngigen Kritiker Keats’.

Oder anders gesagt, das Interesse der aufsässigen Jugend musste sehr sorgfältig gelenkt werden, richtig? Und wenn man seine Autorität nicht ganz verlieren wollte, durfte man sich keinesfalls dazu hinreißen lassen, mitten in einer Tristan-Tzara-Dichterlesung Flugblätter und faule Tomaten auf die Bühne zu feuern, stimmt’s? Schließlich war jedermann klar, wie das Schicksal solcher Literaturverächter häufig genug aussah: Spätere Jahre, gar Jahrhunderte legten sich ganze Zettelkästen über sie an und plötzlich gab es jede Menge spitzer Federn, die geradezu darauf brannten, die Verächter zu erledigen. Eingedenk dessen hielten es die Herausgeber des Magazins für angemessen, zu Ehren ihrer kürzlich verblichenen BG-Kameraden eine fromme Totenwache, wie es so schön heißt, zu arrangieren.

Das Programm des Symposiums zum Tod der Beat-Generation sah folgendermaßen aus: Die erste Hälfte war den Ursprüngen und dem sozialen Hintergrund der Bewegung gewidmet. Es ging los mit (hoffentlich!) kurzen Einführungsstatements der fünf aktiven Teilnehmer, an die sich dann die erste Gesprächsrunde anschließen sollte, bei der den Rednern Gelegenheit gegeben werden sollte, gegenseitig zu ihren Ausführungen Stellung zu nehmen.

Danach folgte eine zwanzigminütige Pause; mit Abstand der Höhepunkt des ganzen Abends. Was konnte aufregender sein, als nach Herzenslust zu klatschen und zu tratschen, zum hundertsten Mal die Vergangenheit durchzukauen, mampf mampf, und nebenbei noch schamlos ein Gesicht nach dem anderen strengstens unter die Lupe zu nehmen?

Die zweite Hälfte der Veranstaltung würde sich mit liebevollem Verständnis den Wurzeln der Krankheit widmen, also dem besagten Verfall und Tod der Beat-Generation. Zum Schluss war noch eine Fragestunde vorgesehen, bei der die Diskussionsteilnehmer auf die Fragen des Publikums eingehen sollten.

Auf den Sitzen der Furie Hall hatten die Veranstalter Programmzettel verteilt und ihnen ein weißes Blatt für die Fragen beigelegt, da man verständlicherweise ein beträchtliches Maß an Bissigkeiten aus dem Publikum befürchtete. Ehe es dann endlich losging, wanderten Handlanger der Foment-Verleger durch die Gänge und sammelten die Blätter wieder ein.

Kurze Zeit später lag der dicke Stoß vor dem Moderator in der Mitte der Runde. Die Frageblätter erinnerten ihn verdächtig an den Abschaum der allmorgendlichen Foment-Leserbriefe. Er überflog ein paar Fragen und fuhr zusammen.

»Kann man bei der modernen Romaninterpretation noch von einem Sinn für das Göttliche sprechen?« lautete die erste Frage. »Wird das göttliche Bewusstsein die Supernova überleben?«

»Hat die Atombombenexplosion von Hiroshima eigentlich auch menschliche Seelen zerstört?«

»Warum wurde Norman Podhoretz nicht in die Gesprächsrunde aufgenommen?« Und, auf dem gleichen Blatt: »Warum hat Mr. Cione 1954, als er noch als Lektor für Random House tätig war, es abgelehnt, seinen Verlag zum Druck des großen amerikanischen Romans Spine of Ferrows Willow zu überreden?«

»Ach du lieber Himmel«, stöhnte der Moderator diskret, »das kann ja heiter werden!«

Unmöglich können wir die intellektuelle Totenwache zu Ehren der Beatniks hier in allen Einzelheiten schildern, schließlich wollen wir euch in dieser Story noch auf der Afterparty des Symposiums sehen. Ihr könnt euch aber für circa zweihundertfünfzig Dollar von der Library of Congress eine Transkription des Ganzen auf Mikrofilm zuschicken lassen. Dort hat die CIA-Abteilung für dichterische Aktivitäten sie nämlich deponiert — nach Inspektion und Analyse wohlgemerkt.

Wichtiger ist es, euch ein paar Kleinigkeiten über die Diskussionsteilnehmer und natürlich auch unsere beiden Partisanen von der Kartoffelfront zu verraten. Aber haltet uns bitte nicht für indiskret, wenn wir dabei auch einige eklatante Knackser in den Facetten ihrer Diamantenseelen zutage fördern.

 

Sprecher A: Doris L. Malik. Sogenannter Schlaukopf. Texterin, Herausgeberin, Schriftstellerin, Säuferin. Atheistin aus mangelnder Erfahrung auf dem religiösen Gebiet. Sie strengt sich immer mächtig an, in der Öffentlichkeit so gelangweilt wie nur was zu erscheinen, denn schließlich »war ja sowieso alles schon mal da«. Als sie für die Gesprächsrunde ausgewählt wurde, sagte sie spontan zu; allerdings muss dazu angemerkt werden, dass bei den Programmdirektoren offenbar irgendwelche vagen Erinnerungen an die Zeit den Ausschlag gaben, als sie noch jung und knackig war und ihre Jugend mit den Poeten und Radikalen der frühen zwanziger Jahre vertat.

Damals hatten die Cafeterias des Village die Kellergeschosse aller New Yorker Museen reichlich mit Ölschinken eingedeckt, auf denen Doris L. Malik noch heute im Stil der Flintenweiber zu bewundern ist.

Und auch ihr Geheimnis kommt nun ans Tageslicht ... tja, ist nun mal nicht zu ändern: Sie ist ein krankhaftes Klatschmaul! Im Laufe der Zeit hat sie mindestens fünfhundert Briefe losgeschickt, die meisten davon an J. Edgar Flabflab, und darin die »Vergehen« ihrer Freunde und Bekannten ausgeplaudert. Und bei dem ständig wachsenden Drogenkonsum unseres Jahrzehnts konnte sie den Schweinen vom Drogendezernat in den letzten Jahren wirklich ein paar saftige Stories liefern.

 

Sprecher B: Emil Cione. Alle drei Jahre preisgekrönter Autor eines neuen Gedichtbandes. Er hat auch mal einen Bestsellerroman geschrieben, The Mountain of Reason, und der hat nur deshalb keinen Preis gekriegt, weil die zentrale Figur in diesem Buch einen Prozess in Gang setzte. Das ganze Ding basierte nämlich auf dem Privatleben eines Literaturkritikers, der es gewagt hatte, Ciones ersten Gedichtband anlässlich einer Besprechung im New York Herald Tribune zu verreißen. Aber diese Sache sparen wir uns lieber für eine andere Story auf. Cione betätigt sich nebenbei als Immobilienspekulant, ein Hobby, auf das er schon als junger Bursche stieß, als er in einer Vorlesung über die präsokratischen Philosophen von dem berühmten Oliven-Coup des Thales von Milet erfuhr:

Damals hatte sich irgend so ein neunmalkluger Besserwisser an den berühmten Mathematiker und Astronomen herangemacht und ihn gefragt: »Man sagt, Ihr seid sehr klug, Thales, wie kommt es dann, dass Ihr so arm seid und eure Tage in dieser erbärmlichen Hütte verbringen müsst?« Thales ließ seine Augen über den winterlich verhangenen Himmel schweifen und erkannte, dass die Olivenernte dieses Jahr besonders reich ausfallen würde. Am nächsten Tag kaufte er alle Olivenpressen in Milet und Chios auf, und als die Ernte dann tatsächlich alle Erwartungen übertraf, verpachtete er sie zu Wahnsinnspreisen und sahnte höllisch ab. Und der junge Cione war nur allzu gern bereit, sich dieses Gleichnis auf die Stirn tätowieren zu lassen.

»Meine Olivenpressen sind die Grundstücke und Häuser auf dem oberen Broadway. Die werden eines Tages alle mir gehören!« erzählte Cione einmal einem entsetzten Freund im Vertrauen. Übrigens sind einige der schönsten Verse, die je ein vom CIA finanziertes Magazin zierten, entstanden, während Cione sich in den Büros vom Vermessungsamt herumdrückte, in alten Flurkarten schmökerte und versuchte, die »strittigen Fälle« herauszupicken, d. h. solche, wo möglicherweise ein paar Meter Grenzlinie die tollsten Kontroversen entfachen und vielleicht sogar einen Prozess verursachen konnten.

Cione konsumierte viel zuviel Amphetamin, um nebenher auch noch zum Säufer zu werden — das kam erst später; als er in Todesangst das Speed absetzte, weil ihm die ersten Zehennägel ausfielen. Überall prahlte er mit seiner politischen Überzeugung, die angeblich von Pindar und Simonides abstammen sollte — er verstand sich als ein Poet des Kalten Krieges unter anderen KK-Poeten. Jedenfalls hatte er seine Füße tief ins russenfeindliche Eis getaucht. Aber vielleicht sind wir jetzt ein bisschen unfair, denn andererseits hatte Cione immer ein offenes Ohr für seine Studenten und trauert heute noch den verlorenen Kameraden seiner Jugend nach.

Dafür verabscheute er jede Art von Schmutz und Schund. Schon bei der Vorstellung des »verschwitzten Durcheinanders«, das entstand, wenn sich Proleten zu den schrillen Klängen von lausigen Saxofonen auf ihren fleckigen Matratzen wälzten, schüttelte er sich vor Ekel. Dreck war sein Albtraum. Dabei war alles, was er wirklich vom Ansehen kannte, der Mist, der bei den Hinterzimmerversammlungen der kommunistischen Zelle verzapft wurde, der Dreck unter den Fingernägeln von North-Beach-Bewohnern und vor allem die Verkommenheit der Dirt Road — so hieß damals noch das bulgarische Nuttenviertel am Times Square. Der Gedanke an ein Objekt, das man ihm in den Arsch rammte — ein Akt, der manchmal in den Versen der Beats geradezu verherrlicht wird, — verfolgte ihn bis in seine grellen Träume und brachte ihn fast in die Klapse. Tatsächlich wies auch die psychiatrische Studie, die der CIA von ihm angefertigt hatte, auf die Existenz eines immer wiederkehrenden Albtraums hin, in dem ein stoppelbärtiger Beatnik Cione seinen stinkenden, kotzegeschwängerten Atem in den Nacken bläst, während er ihn in den Arsch fickt und gleichzeitig zwingt, Podhoretz’ Artikel »Die unwissenden Bohemians« aus dem Partisan Review vorzulesen, den er mit zitternden Händen umklammert hält.

 

Sprecher C: Corgere »Cheevy« Samuelson. Säufer. Vor der Ehefrau verborgen, stapeln sich fünfzehnhundert leere Seagram’s-7-Flachmänner in ihrem nicht benutzten Heizungskeller. Früher war Cheevy mal Amerikas größter Experte für den proletarischen Arbeiterroman gewesen, aber das war zu einer Zeit, als Amerika sich um solche Sachen noch kümmerte. Seine Karriere hatte mit einer so rasanten Explosion begonnen, dass sich die Agenten des New Yorker Verfassungsschutzes als Dichter tarnten und ihm in den Nächten der Großen Depression von einer Kneipe im Greenwich Village zur anderen folgten. Mittlerweile aber hatte Cheevy sich gründlich verändert. Inzwischen pisste er sich beinahe in die Hosen vor lauter Angst, dass man ihn für einen Sympathisanten halten könnte. Wo sollte er denn schließlich seine siebenundzwanzigtausend Bücher unterbringen, falls er eines Tages ganz plötzlich auf Tauchstation gehen müsste?

Insgeheim bewahrte er sich eine große Bewunderung für Stalin und die chinesische Kulturrevolution. Aber seine Empfindsamkeit hatte er inzwischen wenigstens soweit sublimiert, dass er nicht länger Gedichte über Hobo-Camps im Mittelwesten verfasste, derweil er selbst in der Bibliothek der Yale-Universität hockte. Später, während er noch geduldig auf die magentarote Astralprojektion über dem Weißen Haus wartete, wurde er über Nacht zum reichen Mann — seine Familie hatte ihm die Buchladenkette, die sie in verschiedenen Collegestädten aufgezogen hatte, vererbt.

Aber wir dürfen auch nicht allzu hart mit Mr. Samuelson umspringen, denn gerade heute Abend standen ihm die Tränen in den Augen, so unglücklich und verzweifelt war er — just an diesem Tag hatte nämlich Viking Press ein Buch mit Essays von ihm abgelehnt, eine Nachricht, die noch nicht bis zum Tisch der Diskussionsteilnehmer vorgedrungen war.

 

Sprecher D: Warner Cleftine, Chefherausgeber des Foment-Magazins und Moderator des Symposiums. Sein weißes Haar fiel ihm in einer hübschen weichen Conway-Twitty-Tolle auf die leicht gewölbte Stirn. Ein Muster an Ernsthaftigkeit. Die kleinste Ungerechtigkeit machte ihn rasend. Und keiner konnte ihm das Wasser reichen, als es ein paar Jahre später während des Krieges darum ging, Geldmittel zu beschaffen, mit denen man die Musterungsbehörde schmieren konnte. Er war ein Meister der Strategie. Seine Freunde holte er aus dem Wehrdienst wieder heraus, indem er andere Freunde und ehemalige Kommilitonen im Ausschuss anrief. Aber das ging auch nur so lange gut, bis ’Nam schließlich sogar Freund gegen Freund aufbrachte.

Für befreundete Schriftsteller konnte Warner bei mysteriösen und nie genannten Quellen volle siebenhundertdreißig Tage finanzielle Sicherheit und soziales Ansehen lockermachen. Im ersten Jahr kriegten sie die unglaubliche Summe von zwölfhundert Dollar aus dem Guggenheim-Fonds und im Zweiten ein Rockefeller-Stipendium. Die Ahhhs und Ohhhs seiner Freunde überschlugen sich nur so.

Außerdem war er Spezialist, wenn es um Einladungen zu irgendwelchen staatlich geförderten Konferenzen ging. Unter seinem Bett hatte er immer einen fertig gepackten Koffer liegen.

 

Sprecher E: John Farraday. Das Äußerste an einem Beatdichter, den man überhaupt dazu bewegen konnte, an dieser Gesprächsrunde teilzunehmen. Im Grunde war Farraday eher ein hartgesottener Hipster als ein Beatnik. Er schwamm im Strom der Energie mit, die von der Bewegung ausging, aber er war kein echter Gläubiger. So was Ähnliches wie diese Macker, die bis 1970 warteten, ehe sie gegen den Vietnamkrieg protestierten.

Farraday fühlte sich mächtig schuldig, weil er es einfach nicht fertigbrachte, spontan zu schreiben. Für jeden Absatz brauchte er tagelang, und das lag nicht etwa am kreativen Kampf eines Josef Conrad, sondern an dem endlosen »Warum? Warum? Warum?«, das er — mit dem Kopf auf der Olivetti ­ vor sich hinmurmelte.

Es war schon merkwürdig, dass Farraday sich bereit erklärt hatte, bei der Diskussion mitzumachen. Manche schrieben das dem Druck seines Agenten zu. Andere glaubten, dass er betrunken war, als man ihn fragte. Dann hatte er es vermutlich vergessen und erst der schreckenerregende Dankesbrief vom Foment half ihm wieder auf die Sprünge. Er hatte übrigens eine selbstquälerische Neigung, andere zu beleidigen, und das war möglicherweise auch ein Grund für sein Erscheinen — sozusagen als Pfeffer für einen ohnehin langweiligen Abend.

Sein Geheimnis: Er ist aktives Mitglied im 26. Grad bei einer Sekte von Kali-Anbetern. Dabei liebt er seine richtige Mutter über alles und schwebt ständig in Angst, dass sie eines Tages durch Zufall hinter seine Affäre mit der Großen Mutter kommt. Säufer.

 

Die beiden Provokateure des Unternehmens Kartoffelsalat hatten mit Müttern wenig am Hut. Al war ein notorischer Hitzkopf und Unruhestifter. Seine oberste Devise lautete: »Im Zweifelsfall hilft nur Krawall«. Zur Inspiration hatte er sich über seinem Schreibtisch eine Kopie von Degas’ berühmten Absinth-Trinkern aufgehängt. Degas faszinierte ihn und er tat sein Bestes, um seinen Lebensstil so gut es ging zu imitieren. Zur Zeit des Symposiums hatte er seine Frau und vier Kinder in einem mickrigen Rattenloch in der Bronx versteckt. Trotzdem war er von seiner späteren Rechtfertigung überzeugt: Auch ich nur ein miserables Arschloch bin, ein mieser Vater, ein Dreckskerl, ’ne bepisste Wanze, solange meine Dichtung existiert, kann die Geschichte mich nicht unter ihrem riesigen Schutthaufen begraben — selbst wenn sie mir wer weiß, was für Schandtaten anhängen. Nicht mal Poe haben sie geschafft, merkst du was, Mann?

Ron, der zweite Provokateur, war ein hervorragender Übersetzer persischer Poesie und galt außerdem selbst als exzellenter Dichter. Nur eine Sache stand seiner meteoritenhaften Karriere als Übersetzer und Poet im Wege: sein krankhafter Trieb, Kakerlaken zu verspeisen. Aber, aber ... wer wird sich denn da vor lauter Ekel gleich abwenden wollen? So schlimm ist das ja nun auch wieder nicht. Schließlich leckt Emil Cione mit Vorliebe die Vaseline von gebrauchten Besenstielen ab — was ja wohl mindestens genauso fragwürdig ist.

Der Ärger ging los mit traumatischen Erfahrungen, die er beim Überlebenstraining der US Air Force in einem Dschungelgebiet durchstehen musste. Nachdem auch sein Geheimvorrat an Milky Ways aufgebraucht war und er an Flüssen vergeblich nach irgendwelchen kleineren Viechern gesucht hatte, verfiel er auf die feuchten bröckeligen Cafeterias unter dicken Felsbrocken. Und, um die wunderbaren Worte von William S. Burroughs zu zitieren: »Hätten Sie’s nicht genauso gemacht?« Alle hartschaligen Käfer waren okay, besonders die proteinreichen Maikäfer, aber in New York hieß die Devise: »Cucaracha!«

Ab und zu kann er der peinlichen Entdeckung seiner geheimen Leidenschaft durch seine Frau oder den Chef nur um ein Haar entgehen. Aber bisher hat ihn seine Vorsicht noch immer gerettet. Und er weiß nur zu gut, dass er auf der Stelle erledigt wäre, wenn den vornehmen literarischen Kreisen auch nur die kleinste Andeutung vom Poeten als Kakerlakenfresser zu Ohren käme. Apollinaires Poet als Prophet war ja grade noch akzeptabel, aber un poete insectiphage — undenkbar! (Der Leser wird mit Erleichterung erfahren, dass man ihm diese Perversion 1967 bei einer Selbsterfahrungssitzung in Esalen ein für allemal ausgetrieben hat.)

 

 

X

 

Der Lärmpegel schwankte im Bereich eines gedämpften Brausens. Mittlerweile hatten sich alle Sprecher auf ihren Plätzen eingefunden. Vor jedem Sitz befand sich ein gefülltes Wasserglas und ein Notizblock. Zum letzten Mal brummelte der Hausmeister seine Zahlen in die Mikrophone, um sie zu überprüfen. Der ganze Saal schien erfüllt von dem Bewusstsein der steinernen Stufen, die zum Tempel der Wahrheit führen. Endlich ging es los: Warner Cleftine, Chefherausgeber vom Foment-Magazin schnaufte sein erstes »Hmmmpfpft« ins Mikrofon und klingelte zur Eröffnung mit seinem Uhrarmband gegen den Wasserkrug. Allmählich flaute der gedämpfte Lärm ab. Neunhundert schnatternde Zuschauer wandten sich erwartungsvoll der Bühne, dem Tisch und den gesetzten Herrschaften dahinter zu.

Cleftine war der erste Sprecher. »Wir haben uns hier versammelt, um eine der neueren Erscheinungsformen der Literatur zu analysieren, in der Hoffnung, unser Verständnis in diesem Bereich vertiefen zu können. Dieses Phänomen wird zwar in vielen Magazinen und Zeitungen ausführlichst besprochen, hat aber um so weniger Eingang in die kulturelle Auseinandersetzung gefunden.« Als er mit seinem Statement so weit gekommen war, sprang John Farraday plötzlich von seinem Stuhl und fing an, hinter dem Tisch in länglichen Ellipsen auf und ab zu marschieren. Glücklicherweise standen die Mikrofone zu weit weg, sonst hätte man im ganzen Saal sein unterdrücktes Gefluche gehört. Offenbar hatte Farraday vorgehabt, von der Bühne zu springen und so schnell wie möglich abzuhauen. Aber irgendetwas schien ihn festzuhalten — jedenfalls brachte es er es nicht fertig, einfach zu verschwinden. Während des gesamten Symposiums zog er auf der Bühne seine Kreise oder hockte sich an der Seite in die Kulissen und teilte sich eine Flasche Tequila mit dem Hausmeister. Der erzählte ihm später, der einzige Grund, warum er überhaupt noch da sei, wäre die entsprechende Vorschrift der Gewerkschaft.

»Balzac! Balzac! Balzac!« grunzte Farraday im Gehen vor sich hin. Zehn bis fünfzehn junge, professionelle Romanschreiber saßen im Publikum verteilt — professionell in dem Sinne, dass sie es mit ihrer Schreiberei nicht so hielten wie diese Poeten, die ihre Kreativität immer dann auf Prosa umschalten, wenn die Zeiten es erfordern: wegen der Kohle, aus Feigheit, mit totem Gewissen. Diese Typen hier, die sich cool und stetig nach oben arbeiteten und heimlich danach lechzten, endlich einen Hit in der schwarz eingerahmten Bestsellerliste in der Sonntagsbeilage der New York Times zu landen, die grinsten jetzt hämisch: Nun guckt euch doch bloß diesen Krüppel von Farraday an da oben! Schaut her! Ich bin nicht da oben! Ich! Ich! Ich! Ich!

Und dann gab es noch eine Gruppe im Publikum, der das Ganze ungeheuer peinlich war: Farradays Verleger und Förderer, die Maxwell Perkinses seiner Karriere, die einmal geglaubt hatten, man könnte so was wie eine schillernde Eintagslibelle der Literaturszene aus ihm machen. Sie lehnten es grundsätzlich ab, seine Manuskripte in der Reihenfolge ihres Entstehens zu publizieren: Dickens’ Ära ist vorbei, junger Mann! Statt dessen brachten sie ihn dazu, in aller Eile ein Buch über das Leben der dahinvegetierenden Künstler in New York zusammenzuschmieren. »Deine Erfahrungen, junger Mann, schreib sie auf, aber mit Logik, Syntax, normaler Zeichensetzung und glaubwürdigen Charakteren! Dann bist du im Handumdrehen ein gemachter Mann, glaub’s mir, mein Sohn! Und du kannst in jedem Teil der Welt abtreten, wo du willst ... brauchst bloß der Sonne zu folgen!«

Nach den ersten Bemerkungen von Warner Cleftine ging der Tanz erst richtig los. Die gelehrten Kommentare der Redner zeichneten sich durch bemerkenswerte Kompliziertheit aus und der rote Faden, um den sich alles drehte, war die Feststellung, dass der Trauerzug zu Ehren einer literarischen Strömung grundsätzlich ein herzzerreißender Anblick ist, egal ob es um die Relikte des Futurismus, Vortizismus, Imagismus oder der Beat-Generation geht, die man da jeweils zu Grabe trägt. Und für das Publikum wurden auch die Beats noch mal schnell als »Leitstier« einer Strömung gegen die »kulturelle Verkalkung« und »schleichende Paralyse und seichte Konformität« gefeiert.

Dann kam Cheevy Samuelson an die Reihe. Er rückte mit einer ungewöhnlichen Analyse der B.G. heraus. Er verglich sie nämlich mit den Dadaisten, die zwischen 1916 und 1920 in Zürich und Paris ihr Unwesen getrieben hatten. Als er anfing zu sprechen, konnte man beobachten, wie ein prominenter Zeitungsreporter in der ersten Reihe spöttische Notizen in sein gelbes Ringbuch kritzelte; beispielsweise ließ er sich in seinem Bericht am nächsten Tag über Cheevys »kubanischen Bart« aus, »der mittlerweile, so scheint’s, wirklich von jedem kopiert wird, der Dr. Castro bewundert.«

»Wie die Dadaisten«, erläuterte Cheevy langsam, »haben auch die Beats ein paar sehr beeindruckende Bücher geschrieben — und nebenbei ein paar andere beeinflusst —, haben ein gutes Dutzend akzeptabler Artikel inspiriert, Skandale und Tratsch herauf beschworen und ihren Spaß gehabt. Sie haben weiterhin das Publikum beschimpft und beleidigt, und möglicherweise brauchte unsere selbstzufriedene res publica das sogar. Aber mehr haben sie nicht vollbracht. Von den Dadaisten unterscheidet sich die Beat-Generation vor allem auf der metaphysischen Ebene ...« Bei dem Wort metaphysisch breitete sich auf den Gesichtern von zwei anderen Diskussionsteilnehmern ein mitleidiges Lächeln aus — der gute alte Cheevy und sein Mystizismus, ja, ja.

»... insofern sie nicht länger über eine Tradition verfügten, die ihnen vertraut war und Halt hätte geben können. Mit der hebräisch-christlichen Tradition hatten sie radikal und endgültig gebrochen. Die Beat-Generation war visionär, sie war das lebendige Versprechen einer neuen amerikanischen contemplatio. So Hier, so Jetzt, dass sie in Wirklichkeit kaum existierte. Auf der literarischen Ebene kann die Beat-Generation zweifellos als kulturelle Strömung interpretiert werden, die von ihren Anhängern ganz bewusst manipuliert wurde. In dem vor lauter Kunst trüben Strom von Kubisten, Futuristen, Imagisten, Expressionisten, Konstruktivisten, Dadaisten, Surrealisten und Action-Malern sollten sie einmünden und von ihm auch ihre Bestimmung ableiten. Und tatsächlich haben die Beats versucht, sich mit fremden Federn zu schmücken. Wollte Gott, es wären ihre eigenen gewesen!«

Trotz seiner leidenschaftlichen Vortragsweise bekam Mr. Samuelson einen Applaus, der mindestens so lausig war wie die Fingerschnipserei bei einer Kaffeehauslesung.

Miss Malek rief gleich anschließend dem Publikum ins Gedächtnis zurück, dass es schon seit über fünfunddreißig Jahren Menschen gab, die sich aus den Fenstern des Bel Air Hotels stürzten und dabei »Genitalien und Manuskripte flattern ließen« — kurz und gut, sie verstünde einfach nicht, was der ganze Unsinn sollte, worauf das Publikum in stürmisches Gelächter ausbrach. »Ich bin der Meinung«, fuhr sie fort, »dass es das eben alles schon einmal gegeben hat. Diese Leute haben — beziehungsweise hatten — uns nichts Neues zu bieten, rein gar nichts!« Ohne mit der Wimper zu zucken, gestand sie, ihr persönlich sei es einfach unmöglich, aus reinem Vergnügen zu lesen. Sie klopfte stattdessen jeden Text, den sie zwischen die Finger kriegte — jedenfalls konnte man so was raushören — nur nach Möglichkeiten ab, neue Ideen, Techniken, Handlungen oder Charaktere zu klauen.

»Ich lese aus beruflichen Gründen, und glauben Sie mir, in diesen Büchern ist einfach nichts zu holen, nicht mal in denen von Jack Kerouac!«

In diesem Moment erhob sich im Publikum eine ungewöhnliche Erscheinung, ein Mann, dessen langes verfilztes Haar wie bei Hasidicus in verhedderten Strähnen in sämtlichen Himmelsrichtungen vom Kopf abstand und der in der Hand die letzte Ausgabe vom Trans-Quake Quarterly schwenkte. Sie enthielt, wie er erklärte, seine erst kürzlich vollendete Novellentrilogie, deren Titel uns leider entging, weil er ihn in einem Anflug von Schüchternheit oder so was ähnlichem nur im Flüsterton herausbrachte. Jedenfalls teilte er den Zuhörern mit, dass man ihn während der Pause in der Lobby antreffen könne, falls jemand Interesse hätte, eine Nummer zu erwerben.

Dann fuhr er fort: »Nun möchte ich mich aber noch mit einer Frage an Miss Malek wenden. Sie ist zweiteilig und lautet: Erstens sind Sie nicht auch der Meinung, dass in der bedrohenden Eisenwolke, die uns während dieser Zeit der Computerzivilisation umgibt, extremer Narzissmus das Wachstum von Geist und Psyche fördern könnte? Und zweitens: Hatten Sie schon Gelegenheit, die Kurzgeschichten zu lesen, die ich Ihnen zugeschickt habe?«

Augenblicklich klopfte der Vorsitzende mit seinem Hammer auf den Tisch. »Wir sind leider gezwungen«, Cleftine beugte sich viel zu nah über das völlig ungeschützte Mikrofon, »... Fragen bis zur zweiten Hälfte des Programms, also nach der Pause, zurückzustellen. Vielen Dank.«

Wir dürfen an dieser Stelle vielleicht einmal betonen, dass die Diskussionsrunde sich einstimmig dafür ausgesprochen hatte, dass »Ungerechtigkeit ungerecht ist.«

»Jawohl, ich hasse Ungerechtigkeit«, erklärte Miss Malek abschließend, »und ich liebe das Leben!« Ein paar Zuhörer reagierten darauf mit einem kurzen höhnischen Gejohle und sogar Pfiffen, ehe der aufbrausende Beifall die Zwischenrufe erstickte.

Man sollte doch eigentlich meinen, dass Ausschreitungen bei einem solch traurigen Anlass schier unmöglich seien, und doch — als jetzt Emil Cione das Wort ergriff — versprühten selbst die Kronleuchter pure Aggressivität. Mit dem Kopf unter dem Tisch hatte er sich zuvor noch schnell zwei Benzedrinkapseln eingeworfen, um seiner Quasselei wenigstens ein Mindestmaß an Format zu geben. Einer seiner verlässlichen Studenten brachte ihm auf einen Wink ein Glas Wodka — als Wasser getarnt — mit dem er sie hinunterspülte. Die ganze Mixtur fing gerade an, sich in seinem Magen auszubreiten, als er vom Vorsitzenden aufgerufen wurde. So hatte er schon etwas Schlagseite, als er halb vom Tisch aufstand, so als wollte er sich zu seinem Katheder begeben. Zum Glück bemerkte er dann aber gerade noch rechtzeitig, dass hier eisern gesessen wurde. Noch leicht benebelt nickte er dem einführenden Applaus entgegen, obwohl er sich mit aller Macht zusammenriss.

Cione hatte sein Statement gründlich vorbereitet. Das gehörte zu den Regeln, gegen die er niemals verstieß — denn schließlich konnte man vorher nie wissen, wann man vielleicht zu besoffen war oder eine Überdosis Speed erwischt hatte. Und er wollte hier beileibe nicht den Eindruck erwecken, als phantasiere er aus dem Orakel von Delphi. Er hatte die feste Absicht, weder aggressiv zu werden noch dummes Zeug zu faseln. Aber trotzdem, auf einmal machte es Klick in seinem Kopf, und er flippte aus.

Nur ein kleiner Teil des Publikums schien seine schrille Stimme überhaupt zu bemerken, die übrigens sehr verdächtig an einen Prediger erinnerte. Dafür explodierten diese Heinis fast von den ganzen »Jawolls!«, die sie losließen und den kurzen Applaussalven dazu. Es war, als ob man einen Haufen blauhaariger, aufgetakelter Schnepfen — dieses ältere Kaliber, das immer bei Mordprozessen herumlungert — vor sich habe, wie sie aufgeregt und zittrig auf ihren Stühlen hin- und herrutschen, wenn die Jury reinmarschiert kommt und bekannt gibt, dass sie sich mal wieder für die Todesstrafe entschieden hat.

»Unsere Zivilisation, freiheitlich und demokratisch, wie sie im Moment nun mal ist, gab den Beats Gelegenheit zu sagen, was sie zu sagen hatten, widmete ihnen weiß Gott wie viele Schlagzeilen und Stories — und zur Antwort stotterten sie nur dummes Zeug, grunzten dämlich und machten sich aus dem Staub. Ich habe versucht, diese sogenannten Bücher zu lesen«, blubberte Cione weiter, »keiner dieser Typen hat irgendetwas Interessantes zu sagen. Tip tip tip machen sie, eingeschlossen in ihren verlausten Hobolöchern — und was kommt am Ende dabei heraus? Tipata-tipata-tipata! Ein echter Byronscher Ersatzalbtraum: mieser Sex, miese Logik, mieser Atem, mieser Stil! Für diese kleinen ›personifizierten Wahnsinnspoeten‹, um Jack Kerouac zu zitieren, aus dem vielleicht sogar ein guter Schriftsteller geworden wäre, wenn er nur geschrieben hätte ...« — Ciones Fraktion gackerte pflichtschuldigst.

»Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass diese totgeschlagenen Beats mit der Bastonade der Disziplinlosigkeit auf ihre geschlagenen Füße geschlagen sind!« — Pause; dieser Satz musste erst einmal sacken, kein Mucks, kein Lacher war zu hören. »Und außerdem« — der Gipfel aller perversen Unverschämtheiten — »außerdem sind sie stupide!« Und dabei zog er das »i« in die Länge, als ob er einen molossischen Dimeter vor sich hätte.

»Buuuuh!«, blökte ein großer Teil des Publikums. Es gab nämlich auch eine ganze Menge Big-Beat-Studenten hier, denen sich schier der Magen umdrehte und die sich am liebsten in den Arsch getreten hätten, dass sie zwei Kröten gezahlt hatten, nur um bei diesem Zirkus dabei zu sein.

»Man kann ihr Chaos nicht bewundern«, tobte Cione ungerührt weiter. »Auch wenn es noch so verlockend ist, hab ich nicht recht?« Für einen Moment lang überschlug sich die Stimme. »Denn wenn sie uns erst einmal alle in ihre Spelunken und Absteigen gelockt haben, werden sie uns eiskalt fertigmachen und unsere Bewunderung mit Gewalt erzwingen!«

»Bullshit!« brüllte einer. »Halluzinationen!« der nächste. »Bravo!« ein dritter.

»Nie im Leben werde ich begreifen, warum Verleger — wohlgemerkt, wir beabsichtigen keineswegs, die verdienstvolle Bedeutung unserer Verleger zu schmälern —, aber ich kann nun mal nicht verstehen, wie sie so tief sinken und derart stupiden und viehischen Schund drucken konnten, nur um ihre jährliche Publikationsliste vollzukriegen!«

Anschließend stürzte er sich in eine endlose Litanei von Verbrechen, die die Beat-Generation begangen hatte, einschließlich ihrer »zügellosen Assoziationen aus nur halb verstandenen fremden Sprachen, ihrer pleonastischen Dichtung, die versucht, die rasenden Finger ausgeflippter Jazzmusiker nachzuäffen ...«

Während der letzten paar Sätze hatten sich Al und Ron bis ganz nach vorne durchgedrängelt. Ciones Augen schwammen irgendwo weit oben an der Decke, bei den Kronleuchtern; er fluchte und schimpfte und betete die unzähligen Beleidigungen herunter, die diese »heulenden Zen-Freaks«, »diese Parasiten im Fundament der kommunistischen Fassade« dem Rest der Menschheit angetan hatte — was übrigens bei Cheevy Samuelson eine gewisse Unbehaglichkeit auslöste.

Als nächstes ließ Cione eine ellenlange Tirade vom Stapel, die bis auf das Ende, »... neben ihren verlausten Matratzen Kerzenwachs auf die Korbflaschen mit billigem Chianti tropft«, unmöglich zu verstehen war, denn an dieser Stelle starteten Ron und Al ihr Unternehmen Kartoffelsalat.

»Eins, zwei, drei,« zählte Ron, und die zwei legten einstimmig los: »Am I Goethe?«, gefolgt von »hummmm« im Stil des Barber- Shop-Quartetts. Danach einen Ton höher: »Or am I Schiller, hummmm.« Und am Ende zielte Al zur Begleitung eines echten Beach-Boy-Falsetts »Or am I nothing?« in hohem Bogen auf Cione, der Teller löste sich und segelte fröhlich hinter dem großen Haufen Kartoffelsalat her, der sich unterwegs in ein gleichmäßiges Oval verbreiterte.

Das Komischste an der ganzen Aktion war ein würfelförmiges Stückchen Kartoffel, das aus irgendeinem Grund aus dem Haupttrupp ausgebrochen war und jetzt ungefähr fünfzehn Zentimeter vor ihm hersauste — wie ein mit Mayonnaise beschmiertes Stück Würfelzucker von Marcel Duchamp.

Cione merkte nichts. »Von ihrem Gejohle bläulich verfärbt ...«, das Kartoffelstückchen raste jetzt auf ihn zu, »... aber totenblass von ihren Lastern ...« und hielt Kurs auf die Nase des Barden — »... und faul wie Dreck!«

Wenn man sich diese Szene in einer Zeitlupenaufzeichnung ansehen könnte, würde man verfolgen können, wie eine kleine Ecke des Kartoffelstückchens tatsächlich in Ciones linkem Nasenloch landete, während der Rest weggerissen wurde, über die Backe glitschte, gegen das Augenlid prallte und schließlich in hohem Bogen über den Tisch flog. Dieser Vorgang spielte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Immer noch war der Haupttrupp des Salats der Vorhut unmittelbar auf den Fersen. Möglicherweise hatte Ptah seine Hand im Spiel, jedenfalls klatschte der Brei voll in Emils Gesicht, dann folgte noch der verknautschte Plastikteller — und schon pappte unserem Barden eine saubere Schicht von Zwiebel stinkendem feuchtem Schmand in der Visage!

Haha! Ha! Ha! Das Publikum lachte hämisch und vergaß für einen Augenblick die heiligen Zwecke dieser Versammlung. Sogar Ciones Doktoranden, die sich die ganze Zeit über eifrig Notizen gemacht hatten, krümmten sich vor Lachen. Schließlich war ihr Mentor mit seinen verklebten Augen im wahrsten Sinn des Wortes nicht in der Lage, ihre Schadenfreude zu bemerken.

Im selben Moment schlug der Moderator mit seinem Hammer auf den Tisch und kündigte die Pause an.

 

 

XI

 

Nach seinem Wurf rannte Al von der Bühne. Am Vorhang schlitterte er auf einem zermatschten Stück glitschiger Kartoffel aus, schlug hin und knallte mit dem Kopf voll auf die Erde. Während er noch auf dem Rücken lag und sich den Schädel rieb, entdeckte er plötzlich Ciones Brieftasche, die unter dem Tisch auf die Bühne gefallen war. Mit einem Satz schoss er hinüber und schnappte sie sich, dann rannte er zum rückwärtigen Teil des Saales und checkte im Laufen ihren Inhalt. Als erstes steckte er die fünfunddreißig Dollar zu seinen eigenen fünf. Als er einen Liebesbrief fand, der offenbar von einer von Ciones Studentinnen stammte, sprintete er zum nächsten Klo, um ihn in Ruhe zu studieren. Der Brief war ziemlich lang und schwärmte in gereimten Jamben von Bäumen und fallenden Blättern und machte geheimnisvolle Anspielungen auf ein Rendezvous »im Turm« — das heißt im Holiday Inn auf der Route 22. Al schlenderte hinüber zu Crabhornes Bücherstand und versuchte schändlicherweise, das Ding zu verkaufen.

Dabei fiel ein öliges Stück Olive von seinem Jackettärmel auf das Manuskript von Garment of Ra und verminderte dessen Wert um mindestens fünfundzwanzig Dollar. »Well«, antwortete Mr. Crabhorne nachdrücklich, »wir sind wirklich nicht interessiert — aber Sie können den Brief gern hierlassen, wenn Sie wollen. Wir heben ihn für Mr. Cione auf.«

 

 

XII

 

Cione tobte und spuckte klumpenweise Kartoffelsalat aus. »Ruft die Polizei! Wache! Wache!« Er schleuderte eine Handvoll zurück, verfehlte aber sein Ziel und traf stattdessen einen seiner Schüler, der eifrig kritzelnd über sein Heft gebeugt war. »Dummkopf!«, brüllte er. »Was hockst du da rum? Tu lieber was!«

Dann entdeckte er Ron, der den Gang heraufstolzierte und sich von seinen triumphierenden Freunden anerkennend in die Rippen boxen ließ. Mit einem Satz sprang Cione von der Bühne und stürzte sich auf den jungen, kakerlakenfressenden Übersetzer persischer Poesie. Cione ließ ein winziges elfenbeinbesetztes Taschenmesser aufschnappen, packte Ron am Handgelenk, riss ihn herunter und stach wie ein Tobsüchtiger auf Rons Hand ein, die er zwischen seinen Knien eingeklemmt hatte. Schlimmeres als ein paar Hautabschürfungen konnte er mit dem Ding glücklicherweise nicht anrichten. Aber ihr hättet mal sein verzerrtes Gesicht sehen sollen, als er sich so nah es ging an Rons Ohr beugte und flüsterte: »Tod deiner Dichtung, Tod deiner Dichtung, Tod deiner Dichtung ...«

 

 

XIII

 

Die Pause war wundervoll. Samuel Beckett hätte darüber einen fünfundsechzig Seiten langen Satz geschrieben, mit genauester Beschreibung aller Augenpaare und ihrer Bewegungen von Gesicht zu Gesicht. Augenpaar AP₁ schaute in Augenpaar AP₂, das gerade mit AP₃ beschäftigt war. AP₃ starrte in AP₁, das langsam die Reihe AP₂ — AP₃ — AP₄ — AP₅ ... APn abschweifte, und AP₆ verfolgte lüstern AP₅ (Emil Cione), während AP₇ und so weiter …

 

 

XIV

 

Sie schleppte ungefähr fünfzehn Bücher unterm Arm, einschließlich aller fünf Auflagen von Ciones The Mountain of Reason, die bisher erschienen waren. Schmachtend blieb sie neben dem Jackett des Barden stehen, auf dem die blassen Ölflecken allmählich eintrockneten, und klickte ihren Kuli in Position. Cione winkte ungeduldig ab: »Ich signiere nie mit Kulis«, — und hakte mit einem geübten Ruck seines Handgelenks seinen monströsen Montblanc auf. Dann hielt er inne, klappte erst das kleine Elfenbeinmesserchen mit der rosig verfärbten Klinge zu und schrieb schließlich seinen Namen und das Datum der Veranstaltung in jedes seiner vielen Bücher.

 

 

XV

 

Das Paar stand neben dem Bücherstand. Der Mann sagte gerade: »Ist mir ganz egal, was du dazu meinst. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Und diese Burschen hier hatten keinen Respekt!«

Sie hörte ihm gar nicht mehr zu. Plötzlich fand sie die Stelle: »Aha, ich hab‘s doch gewusst! Ich war mir ganz sicher, dass es mit dem Kartoffelsalat was auf sich hatte!«

Sie hielt eine tadellose, signierte Erstausgabe von Howl & Other Poems in der Hand. Soll ich dir den Abschnitt vorlesen?«

»Klar, nur zu!«

»Die in Dadaismus-Vorlesungen am City College von New York die Lektoren mit Kartoffelsalat bewarfen und sich anschließend kahl geschoren und mit grotesken Selbstmorddrohungen auf den Granitstufen des Irrenhauses präsentierten und sofortige Lobotomie verlangten.«

»Hör zu«, antwortete er, »mir ist es schnuppe, und wenn’s in der Ilias stände. Diese jungen Schnösel hatten nun mal keine Achtung vor einem großen amerikanischen Dichter!«

Die Party fand in einem der New Yorker Fünfzehn-Zimmer-Apartments mit diesen auf Hochglanz polierten Parkettfußböden statt. Alle Teppiche waren aufgerollt und über Nacht im Kinderzimmer deponiert worden. An den Wänden hingen fünfundzwanzig kostbare Gemälde, die dem Betrachter Visionen von Landschaften mit geschmolzenem Schnee vorgaukelten, nur mit reiner Leinwand und ein paar Pinselstrichen.

An der Eingangstüre, wo der Butler vergeblich versucht hatte, ihre Namen auf der Besucherliste wiederzufinden, hatten die beiden Partisanen nur schnell was genuschelt und sich an ihm vorbeigedrängt. Dann ging die Arbeit los. Um seine Absinth-Trinker-Ambitionen zu verwirklichen, schleppte Ron zwei Herausgeber der Time (älteren Kalibers), und einen prominenten Zeitungskritiker auf die Toilette und schloss sich dort mitsamt einer Ladung Hasch ein — was draußen zu einer Ansammlung von Leuten mit schwacher Blase führte.

Al schlüpfte inzwischen ins Schlafzimmer und rief seine Frau in der Bronx an. Nachdem sie endlich aus ihm rausgequetscht hatte, wo er war, fragte sie: »Wie kommt es eigentlich, dass du mich nie mitnimmst zu deinen Parties?«

»Meine Karriere, Baby, das mach ich doch nur für meine Karriere! Ich könnte wirklich nicht behaupten, dass ich auf diese Sorte Feten stehe ...«. Mechanisch glitt seine Hand von Manteltasche zu Manteltasche, den ganzen Stapel durch, der auf dem Bett lag.

»Na schön. Aber bring wenigstens ein bisschen Milch mit, wenn du nach Hause kommst. Haben Sie etwa vergessen, dass Nummer Vier krank ist, Mr. Rabenvater?«

Das hatte er allerdings, und zwar im selben Augenblick, wo er den Hörer auflegte und die Gastgeberin zu sich hinunter auf die weiche Pelzmatratze zog, um mit ihr eine schnelle Manteltaschenfummelnummer zu schieben. Der Versuch misslang allerdings und hätte um ein Haar mit seinem Rausschmiss geendet.

Von Ciones Schlupfwinkel im Village wusste niemand, nicht einmal sein Buchhalter. Auch seine Frau würde nie herauskriegen, dass er ihre abgelegten Bettlaken aus dem Müll gerettet und in seine Lasterhöhle geschafft hatte. Er bildete sich ein, dass hier der Roman aller Romane entstehen würde — obwohl sich in der Kloschüssel Spinnweben ausbreiteten und im Kühlschrank sechs Monate alte Milch vergammelte.

»Magst du etwas Tee?«, fragte er sie.

»Oh ja, gern. Du meinst doch Gras, oder?«

»Ähem — nein. Ich hab leider nur Earl Grey und English Breakfast.«

»Ach so. Nein, dann lieber nicht.« Sie stand in der Tür zum Schlafzimmer. Cione räkelte sich auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, den Gürtel neckisch halb geöffnet.

Sie ging hinüber in die Küche und zählte die Schnapsflaschen, die sich auf einem metallenen Servierwagen stapelten. Jedenfalls ist das eine ganze Menge, stellte sie bei sich fest, als sie die vielen verstaubten Flaschen musterte, von denen schon manche halb leer waren:

 

Smirnoff Red Creme de Cacao Wild Turkey
Smirnoff Blue Kahlua Gordons Gin
Seagram’s 7 ein Six-Pack Budweiser Old 1889
Stolichnaya Sloe Gin Jack Daniels
Cherry Heering Heaven Hill Metaxa
Creme de Menthe Four Roses Banana Cordial
Three Feathers Remy Martin  

 

plus vier vertrocknete, schimmelgraue Zitronen, ein verhutzeltes Limonenstück und ein altes Handtuch aus dem Chelsea Hotel, steif und braun von vielen, schon lange vergessenen rituellen Waschungen.

 

 

* * *

 

Er schnitt ihr einfach das Wort ab, als sie hartnäckig und beinahe amphetamanisch wieder und wieder die Ereignisse durchkaute, die sich in der Furie Hall abgespielt hatten. Sie war Zeugin gewesen, ganz vorn in der ersten Reihe. Mitten im Satz fiel er ihr ins Wort und fing an, von seinem Essay zu faseln, und wie lange er darüber gesessen hatte, und dass er sich jetzt ganz mächtig ranhalten müsse, denn die Konferenz war schon in zwei Wochen.

Pffffft! machte es, als er den Reißverschluss an ihrem Rücken aufmachte, und seine Knöchel spürten die Hitze ihrer Haut, als seine Finger tiefer glitten. Das wäre ja mindestens ein Drittelsonett, schoss es ihm durch den Kopf, aber er wagte nicht, nach seinem Notizbuch zu greifen, das auf dem Nachttisch lag.

Stattdessen fragte er jetzt beiläufig: »Kannst du eigentlich tippen?« Er streckte sich nach ihr aus, seine Hand strich ihr leicht über die Brust und fuhr dann den Arm entlang, streichelte die langen, blassen Finger, die — wie er hoffte — seine unleserliches Gekritzel bald in Form hämmern würden.

Plötzlich setzte sie sich auf und warf mit einem Ruck ihr loses Haar über die Schulter. Ohne ein Wort stand sie auf, zog ihr Kleid an und verließ das Apartment.

Eine volle Stunde lag Cione auf der Seite und starrte gegen die Wand. Er kaute auf der Litze vom Kopfkissenbezug herum und schlug endlich mit der Faust in die Kissen: »Warum zum Teufel macht’s denn keine mit mir?!«

JOHNNY THE FOOT

Er kannte die Gerüchte. Er akzeptierte die Gerüchte. Er verinnerlichte die Gerüchte. Welche Gerüchte? Die Gerüchte vom dreckigen Beatnik. In skarabäisch-schmuddeligen Bruchbuden zu hausen — was für ein Kick! Amerika ist ein einziges Computergehirn, tobten die Gedichte. Die Mongoloiden des großen Molochs stakten ihre Flöße durch Kloaken von Reklamezetteln, Zensurverordnungen und Kommunistenhetze. Sie wetzten ihre Schnäbel an den glasigen Augen der Sterbenden und kreisten wie plündernde Geier über dem Sumpf. Und wozu, bitte schön war Waschen überhaupt gut? Etwa um die empfindlichen Nasen von diesen Heinis zu schonen, die sowieso nur bis in Riechweite kamen und dich dann doch fertigmachten?

Mit anderen Worten: die Grenzen existieren immer noch. Wag dich ja nicht in unser Revier! Und wenn du’s schon tust, dann mach mit beinekickender Leidenschaft mit, sonst kannst du gleich wieder abhauen. Aber vergiss nicht — unser Revier ist die Zukunft!

Und sie schlenderten am Provincetown-Theatre vorbei, suchten nach dem Geist von John Reed oder warteten darauf, e. e. cummings bei seinem täglichen Spaziergang über die Sixth Avenue flitzen zu sehen. Sie lungerten in Bistros herum und sahen sich an, wie Poeten mit überschnappenden Stimmen ihre Gedichte zum Besten gaben. Erst schrien sie noch um Hilfe im allgemeinen Zerfall, aber allmählich richteten sie sich häuslich darin ein und genossen Kicks, Dreck und Erregung aus voller Brust. Oder hörten sich in einer schummrigen Jazzgalerie die Songs von Sonny Rollins an und beteten, dass er ihnen den Weltschmerz aus der dunklen Seele fetzen möge.

Yeah, ihr goldenen Prärien, Nebraska hatte seinen vielversprechendsten Künstler verloren, als Johnny seine Skizzen in einen Koffer knallte und in Richtung Greyhound-Busstation verschwand. Und was hatte der Washington Square Park damit zu tun? Ihn machte ein überwältigtes junges Säugetier zu seinem Revier, das sich seine Begeisterung von der Seele schreiben musste und sich Hals über Kopf in ein Paradies von zerstörerischem ...

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