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Tage der Versuchung

1. KAPITEL

Nie zuvor hatte Victoria Houghton sich dermaßen erniedrigt gefühlt.

Schlimm genug, dass sie miterleben musste, wie das Hotel ihres Vaters – seit Generationen im Familienbesitz – einer Art feindlichen Übernahme zum Opfer gefallen war. Nun sollte sie auch noch die persönliche Assistentin von ausgerechnet dem Mann werden, der bei diesem Deal seine Finger im Spiel gehabt hatte?

Charles Frederick Mead, Duke von Morgan Isle, saß lässig an seinem Büroschreibtisch. Er trug ein unaufrichtiges Lächeln zur Schau, das wohl über seine Arroganz hinwegtäuschen sollte. Die legere Körperhaltung stand im Widerspruch zu seiner aristokratischen Herkunft und seiner Autorität. Durch das große Fenster hinter ihm sah Victoria das Blau der irischen See.

„Man hat mir aber eine Position im Management zugesichert“, protestierte Victoria. Darüber hinaus hatte man ihr ein großzügiges Gehalt und eine Gewinnbeteiligung versprochen. Sie fragte sich, ob man diese Punkte der Vereinbarung wohl auch einfach übergehen würde.

„Bis zur Eröffnung des Hotels gibt es halt noch nichts zu managen. Und da meine bisherige Assistentin gekündigt hat, übernehmen Sie vorübergehend ihre Stelle.“

Er musste Victoria für ziemlich unbedarft halten, wenn er glaubte, dass sie ihm diese fadenscheinige Ausrede abnahm. Mit Vergnügen würde sie die Hotelzimmer reinigen und Betten neu beziehen, nur um diesem Menschen aus dem Weg zu gehen. Auf den ersten Blick machte er zwar einen angenehmen und freundlichen Eindruck, doch in Wahrheit war er ein gemeiner und herzloser Typ.

„Dann setzen Sie mich in einem Bereich des Hotels ein, der bereits fertiggestellt ist“, schlug sie vor. „Ich mache alles.“

„Wir haben aber keine freien Stellen.“

„Gar keine?“

Er schüttelte den Kopf.

Natürlich nicht. Das sagte er zumindest. Männern wie ihm kamen Lügen leicht über die Lippen. Und was wurde aus ihrer finanziellen Vereinbarung? Als persönliche Assistentin würde sie nur einen Bruchteil des großzügigen Gehaltes bekommen, das sie vertraglich vereinbart hatten. „Und was ist mit meinem Lohn und der Gewinnbeteiligung?“, hakte sie nach.

„Daran ändert sich nichts“, erwiderte er.

Überrascht zog Victoria die Augenbrauen hoch.

„Fragen Sie Ihren Rechtsanwalt, wenn Sie mir nicht glauben. Wir halten uns an unseren Teil der Abmachung.“

Ihrem Vater zufolge hatte sie ihr Rechtsanwalt mehr oder weniger ans Messer geliefert, um im Königshaus Eindruck zu schinden, weswegen er momentan nicht zu den vertrauenswürdigsten Ratgebern auf Victorias Liste zählte. Sie bezweifelte, dass irgendein Anwalt auf der Insel etwas gegen die königliche Familie unternehmen würde, die eine eigene Hotelanlage im großen Stil aufzog.

„Und wenn ich das Angebot ablehne?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

„Das käme einem Vertragsbruch gleich.“

Er ahnte sicher nicht, wie verlockend ihr dieser Gedanke vorkam. Schließlich hatte sie den Job nie gewollt, und nur ihres Vaters wegen eingewilligt. Dieser hatte dem Verkauf lediglich unter der Bedingung zugestimmt, dass seine Tochter eine dauerhafte Anstellung als Managerin mit doppeltem Gehalt und weiteren Vergünstigungen bekam. Er hatte so ihre finanzielle Zukunft sichern wollen, und Victoria wollte seinem Wunsch nicht widersprechen.

Er hatte ein schwaches Herz und ohnehin wegen des Verkaufs seines geliebten Hotels sehr gelitten: Obwohl sich ihr kleines Gästehaus in einer der schönsten Lagen der Insel befand, waren die Übernachtungen stetig zurückgegangen. Und es hatte nicht lange gedauert, bis die Anwälte der königlichen Familie auch an ihre Tür klopften, um ihnen wie den anderen Hotelbesitzern an der Küste ein Kaufangebot zu unterbreiten.

In seiner augenblicklichen Verfassung würden weitere schlechte Nachrichten ihrem Vater vermutlich das Leben kosten. Victoria war fünf Jahre alt gewesen, als ihre Mutter und ihr älterer Bruder bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Seitdem war ihr Vater immer für sie da gewesen, und sie konnte ihn jetzt nicht im Stich lassen.

Entschlossen straffte sie die Schultern. „Wann ist Ihrer Meinung nach der zweite Abschnitt vom Royal Inn fertig?“ „Bis zum Beginn der nächsten Urlaubssaison. Eine Menge Umbau- und Renovierungsarbeiten stehen noch an.“

Bis zur nächsten Urlaubssaison? Aber das waren ja noch mindestens sechs Monate! Nur sechs Tage für diesen Mann zu arbeiten war ihrer Meinung nach eine Zumutung – doch welche Wahl hatte sie?

Sie glaubte, in seinen dunkelbraunen Augen den Ausdruck von Erheiterung zu entdecken. Dachte er wirklich, sie fand das alles witzig?

„Ist das ein Problem für Sie?“, fragte er.

Der Duke stellte ihr eine Falle. Das war offensichtlich. Er wollte sie dazu bringen, den Vertrag zu brechen, um sie loszuwerden. Ihm stand genauso wenig der Sinn nach ihren Diensten wie ihr nach seinem wohltätigen Gehabe.

Nun, sie würde ihm jedenfalls nicht die Genugtuung verschaffen und vor ihm kuschen. Er mochte ihren Vater dazu gebracht haben, bei ihr würde ihm das aber nicht gelingen.

Sie sah ihm direkt in die Augen. Auf keinen Fall sollte er glauben, dass er sie einschüchterte. „Nein, kein Problem.“

„Hervorragend.“ Er lächelte zufrieden und sah dabei verteufelt sexy aus, obwohl sie es hasste, das zuzugeben. Ohne Zweifel wusste er um seine Wirkung auf Frauen und setzte sie gezielt ein.

Aus der Schublade des Schreibtisches zog er ein Formular, das er ihr zuschob. „Hier brauche ich noch Ihre Unterschrift.“

Skeptisch schaute sie ihn an. „Was ist das?“

„Eine Vertraulichkeitsvereinbarung, reine Routine. Jeder Mitarbeiter des Königshauses muss so etwas unterschreiben.“

Nachdem sie einen misstrauischen Blick auf das Dokument geworfen hatte, sah sie, dass es sich tatsächlich nur um eine Erklärung handelte. Außerdem würde sie ja nicht unmittelbar für die königliche Familie, sondern nur für eine ihrer Hotelketten arbeiten. Ihretwegen konnten sie ihre Unterschrift haben, ihre Geheimnisse waren bei Victoria sicher.

Trotzdem beschlich sie ein komisches Gefühl, als sie den Stift von Charles Frederick Mead entgegennahm. Sie kam sich ein bisschen so vor, als verkaufte sie dem Teufel ihre Seele.

Sie gab dem Duke die unterzeichneten Unterlagen zurück, die er wieder in seinem Schreibtisch verstaute, bevor er aufstand. Victoria war nur etwa eins fünfundfünfzig groß und daher gewohnt, nach oben zu blicken, wenn sie anderen Menschen in die Augen sah. Aber Mead überragte sie um fast zwei Köpfe. Und er sah blendend aus. Sein Anzug war hervorragend geschnitten, seine Fingernägel gepflegt, und sein kurzes, glänzend schwarzes Haar perfekt frisiert.

Doch Victoria wusste aus eigener Erfahrung, dass Männer wie er niemals so perfekt waren, wie es nach außen hin schien. Daran änderten weder Aussehen, Geld und Einfluss etwas – Mead war ihrer Meinung nach nicht besser als die anderen, vermutlich eher noch um einiges unerfreulicher. Außerdem war er Anwalt, was nicht gerade dazu beitrug, Victorias Vertrauen in ihn zu steigern.

„Willkommen in unserem Unternehmen, Victoria.“ Er hielt ihr die Hand entgegen, die Victoria nach kurzem Zögern schüttelte, weil es nun mal zum Geschäft gehörte.

Ihre Hand verschwand fast ganz in seiner. Sein Händedruck war warm und fest, und Victoria spürte ein seltsames, aber nicht unangenehmes Kribbeln im Magen.

„Warum unterhalten wir uns nicht beim Essen über Ihre neuen Aufgaben?“, fragte er und hielt ihre Hand weiterhin fest. Aber sein Blick verriet ihr, dass er mehr als nur ein gemeinsames Essen im Sinn hatte – konnte es sein, dass er mit ihr flirtete?

Der will mich wohl auf den Arm nehmen, dachte sie und hätte beinahe die Augen verdreht. Die Klatschblätter beschrieben den Duke als dreisten Frauenhelden, doch Victoria hatte nie etwas auf dieses Geschwätz gegeben. Vielleicht, überlegte sie weiter, war ja doch was an diesen Gerüchten dran. Aber wenn er glaubte, sie erobern zu können, hatte er sich getäuscht.

Höflich, aber bestimmt entzog sie ihm ihre Hand. „Nein, trotzdem vielen Dank.“

Er sah sie neugierig an. Vermutlich war er es nicht gewöhnt, dass Frauen ihm etwas abschlugen. „Ich bezahle auch“, versuchte er sie weiter zu ködern.

Dachte er wirklich, dass sie in so großer Geldnot war?

„Wir werden sehr eng miteinander arbeiten“, fügte er hinzu, und sie hätte schwören können, dass er das Wort eng besonders betonte. „Warum lernen wir uns nicht vorher ein bisschen besser kennen?“

Sicherlich würde sie nicht so vertraut mit ihm arbeiten, wie er sich das vorstellte. „Nein, danke, ich ziehe es vor, Geschäftliches und Privates nicht miteinander zu vermischen.“

Sie fragte sich insgeheim, ob er auf ein gemeinsames Essen bestand, unter dem Vorwand, dass es Teil ihres Vertrags sei, aber er zuckte nur mit den Schultern. „Na gut. Dann zeige ich Ihnen jetzt Ihr Büro.“

Doch er führte sie nicht wieder hinaus in den Vorraum zu der älteren, grimmig dreinschauenden Sekretärin. Stattdessen gingen sie in ein kleineres, fensterloses Zimmer mit einem leeren Bücherregal, einem bequem aussehenden Bürostuhl und einem großen Schreibtisch, auf dem sich außer einem Telefon, einem Laptop und einem großen braunen Briefumschlag nichts weiter befand.

„Alles, was Sie brauchen, finden Sie im Computer“, erklärte der Duke. „Eine Liste mit Ihren Aufgaben, die wichtigsten Telefonnummern und eine Kopie meines Terminplans. Sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich an Penelope, meine Sekretärin.“

„Ich komme schon klar, danke.“

Er griff nach dem Umschlag und reichte ihn ihr. „Hier drin sind ein Dienstausweis für dieses Gebäude und ein anderer, der Ihnen freien Zutritt zu den Büroräumen im Palast ermöglicht …“

„Im Palast?“ Nicht im Traum hatte sie daran gedacht, dass es zu ihren Aufgaben gehören würde, den Palast zu betreten.

„Ich habe ein Büro dort und nehme häufig an den Sitzungen mit Prinz Phillip teil. Sind Sie schon mal dort gewesen?“

Sie schüttelte den Kopf. Alles, was sie und die meisten Bewohner von Morgan Isle vom Palast kannten, waren Fotos.

„Dann führe ich Sie bei Gelegenheit dort mal rum.“

Okay, es sah ganz danach aus, als hätte dieser Job wenigstens einige Vorteile. Die Vorstellung, den Palast von innen zu sehen und womöglich einigen Mitgliedern der königlichen Familie zu begegnen, versetzte sie in Aufregung. Sie zügelte ihre wilden Fantasien rasch wieder, als sie sich daran erinnerte, dass es Arbeit und kein Vergnügen war, die Assistentin des Duke zu sein. Eigentlich hätte sie alles dafür gegeben, nicht in dieser verzwickten Lage zu stecken.

„Außerdem sind in dem Umschlag die Schlüsselkarten für Ihr und mein Büro“, fuhr er fort. „Und, in einem extra Kuvert, Ihr persönlicher Sicherheitscode für mein Haus.“

Warum in aller Welt gab er ihr den Schlüssel zu seinem Haus?

„Mein Fahrer steht Ihnen vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung“, ergänzte Mead. „Wenn ich ihn selbst brauche und Sie mit Ihrem Wagen fahren müssen, erstatte ich Ihnen selbstverständlich das Spritgeld.“

Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wofür sie einen Fahrer benötigte. Dieser Job wurde zusehends merkwürdiger.

Er deutete auf eine Tür neben dem Bürodurchgang. „Dort geht es in Penelopes Büro, das ist der Eingang, den Sie benutzen. Penelope zeigt Ihnen das Gebäude. Wenn Sie mit mir sprechen wollen, rufen Sie erst durch. Auf Ihrem Telefon sehen Sie die Durchwahlnummer. Wenn ich nicht drangehe, bedeutet das, dass ich beschäftigt bin und nicht gestört werden möchte.“

„Okay.“

„Alle geschäftlichen Telefonate laufen über Penelope, alle privaten werden entweder in Ihr Büro oder auf das Handy weitergeleitet, das ich Ihnen gebe.“

Telefonate entgegennehmen und Notizen machen – das klang ja nicht gerade nach dem anspruchsvollsten Job der Welt! Doch zumindest sprach für den Duke, dass er alles genau nach seiner Vorstellung erledigt wissen wollte. Nur so konnte man ihrer Meinung nach ein Geschäft richtig im Griff haben, sehr zum Leidwesen ihrer ehemaligen Angestellten im Houghton.

Seitdem sie zwölf war, hatte sie gearbeitet. Nach der Schule hatte sie ihrem Vater im Büro des Houghton Hotels geholfen, und nach ihrem Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft war sie zur Managerin befördert worden. Ihr Vater hatte auf einer ordentlichen Ausbildung bestanden, damit sie eine sichere Grundlage hatte, falls etwas schiefging.

Und tatsächlich war ziemlich viel schiefgegangen.

„Nehmen Sie sich Zeit, Ihre Aufgaben anzusehen“, forderte der Duke sie auf. „Sollten Sie Fragen dazu haben, können wir nachher darüber sprechen.“

„Gut.“

„Ich glaube, ich muss Sie warnen: Ich habe jetzt seit einer Woche keine Assistentin mehr, und alles könnte etwas durcheinander sein.“

Wie schwer konnte es schon sein, die perfekte Sekretärin zu spielen? „Ich bekomme das sicher hin“, erwiderte Victoria.

„Na dann“, der Duke setzte sein umwerfendes Lächeln auf, „lass ich Sie mal allein mit dem Chaos hier.“

Der Duke hatte den Raum schon fast verlassen, als ihr einfiel, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie ihn ansprechen sollte. Wollte er etwa mit Sir oder Sire angesprochen werden, und musste sie sich verbeugen oder einen Knicks machen?

„Entschuldigen Sie bitte!“, rief sie ihm hinterher.

Er kam wieder zurück. „Ja?“

„Wie soll ich Sie eigentlich anreden?“, fragte sie. Als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte, fügte sie hinzu: „Mr. oder Sir? Eure Hoheit?“

Da war es wieder, dieses umwerfende Lächeln, und wie eben beim Händeschütteln spürte sie etwas in ihrem Magen kribbeln. Hör auf damit, redete sie sich zu. Für dieses Lächeln gab es nur einen Grund: Er wollte sie beeinflussen.

„Belassen wir es bei Charles“, beantwortete er ihre Frage.

Sie war nicht sicher, ob es angemessen war, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen. Das klang irgendwie so zwanglos. Aber da er hier das Sagen hatte, würde sie tun, was er wollte. „In Ordnung“, stimmte sie zu.

Lächelnd schloss er die Tür hinter sich, und Victoria wurde das Gefühl nicht los, dass er etwas wusste, was ihr bisher entgangen war. Oder es war nur seine Strategie. Wie auch immer, sie würde sich jedenfalls nicht von ihm einschüchtern lassen. Wenn die dachten, sie könnten sie auf diese Weise aus dem Weg räumen, dann hatten sie sich geschnitten. Nicht umsonst stand Victoria in dem Ruf, eine clevere Geschäftsfrau zu sein: So leicht ließ sie sich von niemandem schikanieren.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und stellte angenehm überrascht fest, dass der Bürostuhl tatsächlich so bequem war, wie es den Anschein gehabt hatte. Die übrige Ausstattung des Raumes ließ allerdings zu wünschen übrig und machte einen kalten Eindruck. Es konnte nicht schaden, ein paar Fotos und andere persönliche Dinge mit hierherzubringen, zumal sie wenigstens sechs Monate hier aushalten musste.

Sie klappte den Laptop auf und fuhr ihn hoch. Auf dem Desktop befanden sich die Dokumente, die der Duke erwähnt hatte. Victoria war überzeugt, dass der Job nicht schlechter werden konnte, als er ohnehin schon war, und öffnete die Datei, in der ihre zukünftigen Aufgaben aufgelistet waren. Nachdem sie sich durch die zweiseitige Aufgabenliste gekämpft hatte, verließ sie allerdings der Mut. Von wegen: persönliche Assistentin!

Vielmehr schien sie von nun an Charles Frederick Meads persönliche Sklavin zu sein.

2. KAPITEL

Charles saß an seinem Schreibtisch und sah auf seine Rolex. Er gab Victoria genau fünf Minuten, bevor sie in sein Büro stürmte und ihren Unmut über die Aufgabenzuteilung bekundete. Und er wettete sein Gehalt darauf, dass sie vergaß, vorher anzurufen.

Für eine Frau mit ihrer Ausbildung und Erfahrung musste es ein herber Rückschlag sein, als persönliche Assistentin zu arbeiten, obwohl sie bis vor Kurzem noch ein Hotel mit fünfhundert Betten gemanagt hatte. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte sie gleich eine Stelle im Hotel bekommen. Doch leider hatten seine Cousins König Phillip und Prinzip Ethan in dieser Beziehung das Sagen.

Das Hotel Houghton war nicht gerade unter den besten Voraussetzungen erworben worden – am wenigsten für die Houghtons –, und die königliche Familie wollte sichergehen, dass Victoria auch vertrauenswürdig war, bevor man sie in ihren Kreis aufnahm. Und am besten ließ sich das beurteilen, wenn man sie gründlich unter die Lupe nahm.

Man merkte Victoria an, dass sie immer noch um das Hotel trauerte, aber leider war die Übernahme unvermeidlich gewesen. Wenn es nicht das Royal Inn gewesen wäre, hätte sich irgendeine andere Hotelkette auf das Houghton gestürzt. Zumindest hatte die königliche Familie ein faires Angebot unterbreitet. Möglicherweise sahen das Victoria und ihr Vater Reginald Houghton anders, aber gerade Victoria könnte sich ein bisschen dankbarer zeigen. Immerhin hatte man ihnen die Peinlichkeit des geschäftlichen und persönlichen Ruins erspart.

Er hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gebracht, als das Telefon klingelte. Drei kurze Zwitscherlaute, die ihm sagten, dass der Anruf aus Victorias Büro kam. Sie hatte also daran gedacht. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass erst dreieinhalb Minuten vergangen waren. Sie war früh dran.

Er nahm ab. „Ja, Victoria?“, fragte er geduldig.

„Ich hätte jetzt Fragen zu meinen Aufgaben“, sagte sie, und in ihrer Stimme schwang unüberhörbar ein gereizter Unterton mit.

Charles lächelte breit. „Das nenne ich schnell“, erwiderte er. „Kommen Sie rein.“

Eine Sekunde später erschien sie mit äußerst entschlossenem Gesichtsausdruck in seiner geöffneten Bürotür. Normalerweise bevorzugte Charles Frauen mit langen blonden Haaren, aber er musste zugeben, dass der freche, kurze Haarschnitt Victoria ausgezeichnet stand, und überhaupt sah sie ziemlich sexy aus. Obwohl sie eine so zierliche Person war, füllte ihre Entschlossenheit einem Feuersturm gleich den ganzen Raum aus.

Charles fühlte sich eigentlich nicht von eigenwilligen Frauen angezogen, aber Victoria faszinierte ihn. Er hätte nichts dagegen, sie besser kennenzulernen, was er früher oder später auch tun würde, selbst wenn sie im Moment vermutlich anders dachte. Frauen fanden Charles unwiderstehlich – das war eine unbestreitbare Tatsache –, und früher oder später bekam er sie alle. Zwar war es manchmal etwas anstrengend, wenn die Frauen sich einem an den Hals warfen, aber er konnte einfach nicht aus seiner Haut und ermutigte sie, wo er nur konnte. Er liebte einfach alles an ihnen: die sanften Kurven, die warme, seidige Haut, ihren Duft.

Jetzt stand Victoria im Mittelpunkt seines Interesses, und er machte sich keine Sorgen, denn die Frau, die ihm widerstehen konnte, war noch nicht geboren.

„Sie haben Fragen?“, wollte er wissen.

„Ein paar.“

„Dann lassen Sie mal hören.“

Sie wählte ihre Worte sehr sorgfältig. „Ich hatte angenommen, meine Aufgaben wären eher auf das Büro beschränkt.“

„Eine Sekretärin habe ich schon. Ihre Aufgabe hingegen ist es, einige meiner privaten Angelegenheiten zu regeln. Wie die Wäsche aus der Reinigung holen und sich um meine E-Mails und Telefonate kümmern. Tische in Restaurants reservieren und Veranstaltungen buchen. Geschenke für Freunde oder Blumen für eine Verabredung besorgen. Außerdem begleiten Sie mich zu Geschäftsterminen, wenn ich es für erforderlich halte, dass Sie Notizen machen.“

Sie nickte bedächtig, und er konnte sehen, wie sie sich bemühte, ruhig zu bleiben. „Ich verstehe ja, dass Sie jemanden dafür brauchen, aber glauben Sie nicht, dass ich dafür ein bisschen überqualifiziert bin?“

Er lächelte ihr wohlwollend zu. „Ich weiß ja, dass es im Vergleich zu Ihren vorherigen Aufgaben ein Schritt zurück ist, aber wie ich bereits gesagt habe: Bevor der zweite Abschnitt des Royal Inn nicht eröffnet ist …“ Er hob die Hände in einer hilflosen Geste. „Vielleicht tröstet es Sie ja zu wissen, dass mein Leben ein einziges Durcheinander ist, seitdem meine letzte persönliche Assistentin mich verlassen hat. Sie werden ziemlich viel zu tun haben.“

Für einen Augenblick sah Victoria aus, als wollte sie das Thema weiter vertiefen, überlegte es sich aber anders.

Sie lächelte schwach. „Tja, dann fange ich mal an.“

Er war sich sicher, dass sie es bald als Herausforderung betrachtete, sein Leben zu managen. Er wünschte sich nur, dass es ebenso herausfordernd für ihn war, sie zu verführen. Aber da würde er wohl ein leichtes Spiel haben.

Charles hatte nicht mit der Behauptung übertrieben, dass sein Leben ein einziges Durcheinander war.

Nachdem Penelope ihr das Gebäude gezeigt hatte und Victoria sich dabei davon überzeugen konnte, dass die Sekretärin das fröhliche Naturell eines Eisberges besaß, hatte sie damit begonnen, die ersten Punkte der Aufgabenliste abzuarbeiten, wie zum Beispiel das Sortieren von Charles’ E-Mails. Das hörte sich eigentlich nicht nach einer schweren Aufgabe an – bis Victoria das E-Mail-Konto öffnete und mehr als vierhundert Nachrichten vorfand.

Wohlfahrtsorganisationen baten um Spenden, Freunde und Bekannte meldeten sich einfach so, und darüber hinaus schien die Mutter des Duke täglich mehrere Mails an ihren Sohn zu schicken. Eine Menge Nachrichten waren von Frauen. Alle Absender mit den Namen auf der Liste zu vergleichen, die Charles ihr gegeben hatte, war nicht nur ein langweiliges, sondern auch ziemlich mühseliges Unterfangen. Außerdem kam es Victoria so vor, als ging für jede gelöschte oder abgelegte Nachricht eine neue ein.

Nach einer Weile begannen ihre Augen zu ermüden, und sie machte mit den Sprachmitteilungen weiter. Sie wählte die angegebene Nummer und gab die PIN ein – nur um vollkommen fassungslos festzustellen, dass Charles zweihundertsechsundzwanzig neue Nachrichten hatte! In einem Monat bekam sie nicht so viele persönliche Mitteilungen, geschweige denn in einer Woche. Sie fragte sich, wie viele der Anrufer wohl Frauen sein mochten. Sie brauchte nicht lange, um das herauszufinden.

Da waren zum Beispiel Amber aus der Hotelbar, Jennifer aus dem Club, Alexis aus der Skihütte und viele mehr. Die meisten riefen mehrmals an und klangen jedes Mal verzweifelter. Doch am hartnäckigsten von ihnen allen war Charles’ Mutter. Nach jeder E-Mail, die sie ihrem Sohn geschickt hatte, rief sie zusätzlich an, oder vielleicht war es anders herum, das wusste Victoria nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall gab es niemals weniger als drei Sprachmitteilungen pro Tag, und jedes Mal fingen sie alle gleich an: „Hier ist deine Mutter. Ich muss dir unbedingt etwas erzählen …“

Soweit Victoria das beurteilen konnte, handelte es sich nicht um dringende Dinge. Meist erzählte sie Belangloses von Freunden oder Verwandten oder erinnerte ihn an Veranstaltungen.

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