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Tage der Rache, Nächte der Zärtlichkeit

Charlene Sands

Tage der Rache, Nächte der Zärtlichkeit

1. KAPITEL

Cara dämpfte das Licht im Saal ihres Tanzstudios Dancing Lights und stellte sich auf die Mitte der Tanzfläche, die von Spiegelwänden und eleganten Einrichtungsgegenständen umgeben war. Cara lächelte, als Elton Johns Song Can You Feel the Love Tonight über die Lautsprecher erklang, der lebhafte Erinnerungen in ihr wachrief und sie mit geschlossenen Augen dazu tanzen ließ.

„Spürst du die Liebe, Cara?“, hatte Kevin sie am Tag ihrer Hochzeit gefragt.

Dabei hatte er ihre Hand an seine Lippen gehalten und zärtlich daran geknabbert, während er sie unverwandt mit seinen dunkelblauen Augen angesehen hatte. Vor Aufregung hatte Cara gezittert, und sie hatte seine Liebe gespürt. Jedes Mal, wenn er sie mit diesem Blick angeschaut hatte, der ihr den Atem raubte, mit jeder zärtlichen Berührung und jedem seiner unwiderstehlichen Küsse.

„Ja, ich spüre die Liebe, Honey“, hatte sie damals geantwortet.

Dann hatte er sie geküsst. „Das ist unser Lied, Baby“, hatte er geflüstert.

Unter den Augen ihrer Freunde und Familien hatten sie daraufhin eng umschlungen zu dem Lied getanzt und leise mitgesungen. Cara war fest davon überzeugt gewesen, ihren Traumprinzen geheiratet zu haben, den sie schon seit dem College kannte. Der sie in einem Moment zum Lachen und im anderen ihr Blut vor Leidenschaft zu Lava werden ließ.

Als Cara an ihren Hochzeitstag zurückdachte, quoll ihr das Herz regelrecht vor Wehmut über. Sie erinnerte sich daran, in Kevins Armen gelegen und hoffnungslos verliebt in ihn gewesen zu sein. Sie hatte von einem glücklichen Leben mit ihm geträumt und so vieles vorgehabt.

„Warum, Kevin?“, fragte sie leise in der Stille des Tanzsaals.

Der überaus attraktive Kevin Novak mit seinen bestechend blauen Augen und dem blonden Haar war häufig mit David Beckham verwechselt worden. Cara und Kevin hatten sich immer darüber amüsiert, dass Cara mit ihren blonden Locken und hellblauen Augen so überhaupt nicht wie Beckhams Ehefrau Victoria aussah. Als sie sich nun daran erinnerte, musste Cara lächeln.

Sie hatten eine tolle Zeit miteinander verbracht – bis Kevin irgendwann begann, den Aufbau seines erfolgreichen Immobilienunternehmens für wichtiger als ihre Ehe zu halten. Er wurde zu einem richtigen Workaholic, dem das nächste große Geschäft mehr bedeutete als die Bedürfnisse seiner Frau, und schließlich hatte er ihr damit das Herz gebrochen. Als Cara ihren Song hörte, stiegen die Erinnerungen an das Ende ihres Liebesglücks wieder in ihr auf. Immer noch verspürte sie den tiefen Schmerz.

Danach hatte sie zwar mit ihrem Leben weitergemacht und Somerset verlassen, um hier in Dallas einen Neuanfang zu wagen – doch den Kummer und die Qualen, für die Kevin verantwortlich war, hatte sie nicht hinter sich lassen können.

Cara öffnete die Augen und betrachtete im flackernden Lichtschein das Spiegelbild der selbstbewussten Geschäftsfrau, die sie geworden war. Nicht nur, dass sie eine Reihe von Tanzschulen besaß, darüber hinaus war sie auch als Choreografin und Tanzlehrerin tätig.

Sie war nicht mehr länger das optimistische Mädchen, das von einer glücklichen Zukunft mit Kevin und einer gemeinsamen Familie geträumt hatte. Es war höchste Zeit, dass sie ihr Leben wieder ganz in den Griff bekam. Also schaltete sie den CD-Player aus und griff zum Telefon, um den Mann anzurufen, mit dem sie seit über vier Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Schon zu lange hatte sie sich davor gedrückt.

Und es war an der Zeit, sich von ihrem Ehemann scheiden zu lassen.

Kevin Novak rieb bedächtig die Spitze des Queues mit Kreide ein, während er in Gedanken seinen nächsten Spielzug durchging. Obwohl er einer der besten Poolbillardspieler des Texas Cattleman’s Club war, brachte ihn sein Freund Darius Franklin im Spielsalon des Clubs heute ganz schön in Bedrängnis.

„Du weißt ganz genau, dass Montoya das Feuer gelegt hat.“ Kevin beugte sich über den Poolbillardtisch aus edlem Eichenholz und beförderte die schwere orangefarbene Billardkugel gekonnt in eine der Ecktaschen des Tisches. Ihm war klar, dass Darius im Falle der Brandstiftung bei Brody Oil and Gas nicht an Alejandro Montoyas Schuld glaubte. Trotzdem schreckte Kevin nicht davor zurück, seinen Freund etwas abzulenken, um das Spiel doch noch für sich zu entscheiden.

„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, Kev. Fest steht nur, dass es sich um Brandstiftung handelt, aber ich kann noch keinen Schuldigen nennen.“

„Montoya ist schon immer ein Störenfried gewesen.“

Kevin verpatzte seinen nächsten Stoß, und Darius hob den Queue an, während er die Spielfläche betrachtete. „Wohl wahr. Aber ist er deswegen gleich ein Brandstifter? Es sieht ganz danach aus, dass ein Profi das Feuer gelegt hat, und wenn das stimmt, muss ich Montoya von der Liste der Verdächtigen streichen.“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass er schuldig ist“, mischte Lance Brody sich ein. Auch er war einer von Kevins alten Collegefreunden und hatte mit ihm zusammen die Universität von Texas besucht. Alle von Kevins vier besten Freunden waren ebenfalls Mitglieder im Texas Cattleman’s Club im Maverick County. Im Augenblick beobachteten sie das Spiel zwischen Kevin und Darius, während sie an ihren Drinks nippten und Bemerkungen fallen ließen.

„Ganz meine Meinung“, stimmte Mitch Brody seinem Bruder zu. „Montoya hat schließlich noch ein Hühnchen mit uns zu rupfen.“

Justin Dupree nickte zustimmend und trank einen Schluck Bier. „Ich glaube auch, dass Montoya schuldig ist. Lance ist ihm schon immer ein Dorn im Auge gewesen.“

„Tja“, witzelte Lance. „Eigentlich ist er mir schon immer ein Dorn im Auge gewesen.“ Ihre Feindschaft hatte bereits an der Highschool begonnen.

Darius nahm die blauweiße Billardkugel ins Visier und beförderte sie ebenfalls in die Seitentasche des Tisches, woraufhin Kevin zusammenzuckte.

„Guter Stoß.“

Darius lachte. „Tut bestimmt weh, das zuzugeben, richtig?“

„Ungefähr so angenehm wie ein Messer in der Brust.“

„Du bist ein mieser Verlierer, Kev“, meinte Darius kopfschüttelnd.

„Noch habe ich nicht verloren.“

Als Darius die nächsten Stöße verpatzte, legte Kevin richtig los, weil er um keinen Preis verlieren wollte – das widersprach einfach seiner Natur. Nachdem er die nächsten ganzen Farben und abschließend die Kugel mit der Nummer acht in die Seitentaschen des Billardtisches versenkt hatte, war das Spiel doch noch zu seinen Gunsten ausgegangen.

Zufrieden schüttelte Kevin seinem Freund die Hand. „Das war schwer verdientes Geld – du hast es mir nicht leicht gemacht.“

Darius drückte ihm einen Zwanzigdollarschein in die Hand. „Nächstes Mal kriege ich dich.“ Er sprach leiser weiter, während er seinen Queue sorgfältig in einer Tasche verstaute. „Und du glaubst wirklich, Montoya hat das Feuer gelegt?“

„Ja, ich bin überzeugt davon. Außerdem glaube ich, dass er seine Finger im Spiel hat und versucht, mein Projekt hier im Stadtzentrum von Somerset zu stoppen. Er ist nicht gut auf die Brody-Brüder und ihre Freunde zu sprechen. Oder hältst du es für einen Zufall, dass ausgerechnet das Gebiet für mein Bauprojekt plötzlich unter Denkmalschutz gestellt wird? Die Sache stinkt meiner Meinung nach gewaltig.“

Lance trat auf sie zu und legte ihnen die Arme auf die Schultern. „Los, ihr zwei. Jetzt vergesst Montoya mal für eine Minute. Lasst uns lieber einen Termin für meinen Hochzeitsempfang finden. Kate hat mehr verdient als eine Blitztrauung in Las Vegas.“

„Tja, du verstehst es wirklich, eine Frau zu beeindrucken“, meinte Kevin lachend.

„Lance hat bei Kate wirklich alle Register gezogen, das muss man sagen“, fügte Justin scherzend hinzu.

„Sehr witzig, Jungs.“ Lance gab vor, beleidigt zu sein, aber Kevin wusste, dass es ihm nichts ausmachte, von seinen Freunden aufgezogen zu werden. Er hatte in Kate seine Seelengefährtin gefunden und wollte ihr jetzt nachträglich zu ihrer spontanen Eheschließung in Vegas einen wunderschönen Hochzeitsempfang bieten.

Als das Telefon im Spielsalon klingelte, nahm Lance den Anruf. „Cara? Bist du das? Tut gut, deine Stimme zu hören.“

Kevin erstarrte. Seine Freunde sahen ihn neugierig an, während er mit den Gefühlen kämpfte, die plötzlich in ihm aufstiegen. Reglos stand er da und wartete.

„Okay, ich hole ihn. Er ist auch hier.“ Lance nickte ihm zu und hielt den Hörer hoch. „Cara möchte mit dir sprechen.“

Kevin griff nach dem Telefon, nicht ohne seinen Freunden vorher einen warnenden Blick zuzuwerfen, damit sie sich raushielten. Folgsam drehten die Männer sich um.

„Cara?“, fragte Kevin.

„Hallo, Kevin.“

Mein Gott, wie förmlich sie klang. Er hatte ihre Stimme seit über vier Jahren nicht mehr gehört. Nicht ein einziges Mal. Nicht, seitdem sie ihn einfach so sitzen lassen hatte, um in Dallas ein neues Leben zu beginnen. Nur über ein paar Freunde und das, was in den Zeitungen stand, wusste er ein wenig Bescheid über Cara und ihre erfolgreichen Tanzstudios.

Einen Augenblick lang herrschte peinliche Stille zwischen ihnen, bevor Cara sagte: „Es ist an der Zeit, dass wir es beenden.“

Sofort kam ihm der Gedanke, dass Cara wieder heiratete – nur dieses Mal einen anderen Mann. Warum sollte sie sonst nach vier Jahren anrufen? Hatte sie sich in einen anderen Typen verliebt?

Kevin wusste nicht, was er davon halten sollte. Sie war vor ihm und ihrer Ehe davongelaufen. Zwar hatte sie bereits mehrmals versucht, die Scheidung einzureichen, aber Kevin hatte die Papiere immer wieder zurückgehen lassen und ihr ein Ultimatum gestellt – wenn sie sich scheiden lassen wollte, musste sie schon persönlich kommen und ihm dabei ins Gesicht sehen.

„Ich komme nach Somerset und würde gern einen Termin mit dir machen, um über unsere Scheidung zu sprechen.“

„Schön“, entgegnete Kevin zwischen zusammengepressten Lippen.

„Es ist rein geschäftlich, Kevin, das solltest du am besten verstehen. Ich brauche einen Kredit für den Ausbau meiner Studios, und die Bank hat mir empfohlen … Lass uns Nägel mit Köpfen machen. Wir müssen beide unser eigenes Leben führen.“

Rein geschäftlich. Wie oft hatte er diese Worte zu ihr gesagt, wenn er es wieder einmal nicht rechtzeitig zum Dinner nach Hause geschafft hatte? Wenn er so spät heimgekommen war, dass er nur noch neben ihr ins Bett gefallen und sie in den Arm genommen hatte, bis sie eingeschlafen waren? Cara hatte sich Kinder gewünscht und Kevin mehr Geduld von ihr. Das Geschäft war für ihn immer an erster Stelle gekommen, aber nur, weil er Cara ein schönes Leben ermöglichen wollte. Er hatte ein Vermögen gemacht, aber sie hatte nie verstanden, dass er es nur für sie getan hatte. Und wie hatte sie ihm ihre Liebe bewiesen? Indem sie mitten in der Nacht ihre Sachen gepackt und ihn verlassen hatte. Einfach so. Nach fünf Jahren Ehe. Verdammt.

„Ich komme schon damit klar“, erwiderte er. „Und wann wirst du hier sein?“

„Morgen?“

Als Kevin sich umdrehte, bemerkte er, dass seine Freunde ihn beobachteten. „Morgen passt prima. Sagen wir, um fünf in meinem Büro.“

Er beendete das Gespräch und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. So einfach würde Cara ihm nicht davongekommen – einfach in sein Leben platzen und die Scheidung erreichen. Nein, so leicht würde er es ihr nicht machen.

„Cara kommt morgen in die Stadt“, sagte er. „Sie will, dass wir uns scheiden lassen.“

„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck von dir“, bemerkte Darius. „Warum nur siehst du so verdammt selbstzufrieden aus?“

„Ich sehe überhaupt nicht selbstzufrieden aus“, gab Kevin betont unschuldig zurück.

„Genauso wenig wie damals, als sie uns fast von der Uni geworfen hätten? Als wir Professor Turners heiß geliebte Shakespeareskulptur aus dem Unterrichtsraum entwendet haben?“, hakte Lance misstrauisch nach. „Da hast du genauso ausgesehen.“

Kevin zuckte mit den Schultern.

„Das gefällt mir nicht“, bemerkte Lance. „Bevor du mit Cara gesprochen hast, hast du sehr verärgert gewirkt. Aber jetzt siehst du wie eine Katze aus, die von der Sahne genascht hat.“

Als Antwort lächelte Kevin nur und trank sein Bier aus. „Ich gehe dann mal.“

„Das Mädchen tut mir jetzt schon leid“, fügte Darius hinzu. „Sie wird noch nicht mal wissen, wie ihr geschieht.“

Kopfschüttelnd ging Kevin zum Ausgang des Spielsalons. „Dieses Mädchen ist meine Frau und hat es nicht anders verdient.“

Darius warf ihm einen warnenden Blick zu. „Ich habe Cara immer gemocht.“

„Ja“, seufzte Kevin, bevor er zur Tür hinausging, „ich auch.“

Cara betrachtete sich in dem Spiegel der Fahrstuhlkabine, als sie zu Kevins Büro hochfuhr. Bevor sie ihr Hotelzimmer in Houston verlassen hatte, hatte sie mindestens ein Dutzend Mal in den Spiegel geschaut, weil sie für das Treffen mit Kevin gut aussehen wollte. Sonst trug sie ihre blonden Locken zu einem Zopf zusammengefasst, heute jedoch fielen sie ihr lose über die Schultern. Ihre Lippen hatten sie mit beerenfarbenem Gloss betont, und das saphirblaue Kleid brachte nicht nur ihre Figur, sondern auch das Blau ihrer Augen zur Geltung.

Heute war nämlich kein Tag wie jeder andere. Denn heute würde sie zum ersten Mal nach vier Jahren ihren Ehemann wiedersehen. Und sie wünschte sich, dass er zu sehen bekam, was er damals so leichtfertig fortgeworfen hatte. Dass ihre Trennung sie nicht wie eine Blume hatte verwelken lassen. Sein Vertrauensbruch hatte ihr zwar sehr wehgetan, aber sie war nicht daran zerbrochen. Zwar hatte er sie nicht auf herkömmliche Weise betrogen – trotzdem hatte er ihr Ehegelübde gebrochen, indem er ihre Liebe aufgegeben hatte. Cara war durch diese Erfahrung reicher geworden. Trotz ihres Schmerzes war es ihr gelungen, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und das zu tun, was sie liebte. Nicht nur wegen des Kredits für Dancing Lights war sie heute hergekommen, sondern auch aus persönlichen Gründen.

Als sie den Fahrstuhl verließ, atmete sie tief durch und sah sich in Kevins neuen Bürokomplex um. Unbestritten, er war erfolgreich und hatte es von dem kleinen Büro im Houstoner Randbezirk hier in die zehnte Etage eines prestigeträchtigen Geschäftsgebäudes im Stadtzentrum geschafft.

Sie ging zum Empfangstresen und wartete darauf, dass die Sekretärin ihr Telefonat beendete.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Frau schließlich.

„Ja, ich bin Mrs. Novak und habe eine Verabredung mit meinem … Mann.“

Überrascht hob die junge Sekretärin die Augenbrauen. Anscheinend hatte Kevin eine Menge verändert, seitdem Cara gegangen war, und offensichtlich hatte seine etwas ältere und reizende frühere Sekretärin Margie Windmeyer nicht zum modernen Ambiente der neuen Büroräume gepasst.

Etwas ratlos blätterte die Empfangskraft in ihrem Terminkalender.

„Er weiß, dass ich komme“, meinte Cara nervös. Sie wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen.

„Ja, Mrs. Novak.“ Die Sekretärin gab es auf, länger nach ihrem Namen zu suchen und deutete auf eine Doppeltür. „Dort entlang, bitte.“

Cara nickte ihr zu und starrte für einen kleinen Moment auf die Türen, bevor sie, die schmale Aktentasche unter den Arm geklemmt, das Büro betrat.

Kevin stand, die Hände in den Hosentaschen, mit dem Rücken zu ihr und schaute aus dem Fenster. Cara musste feststellen, dass er sich über die Jahre nicht zu seinem Nachteil verändert hatte. Zumindest nicht, soweit sie das aus dieser Perspektive beurteilen konnte.

Als er sich zu ihr umwandte, traf sie der Anblick seiner edlen Gesichtszüge wie ein Schlag. Seine bestechend blauen Augen gaben nichts von seinen Gefühlen preis.

Er bedachte sie mit einem halbherzigen Lächeln. „Cara.“

In der Mitte des Büros verharrte sie und versuchte, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Es war ein Schock für sie, ihn zu sehen. Sie hatte ja nicht ahnen können, wie sie sich bei Kevins Anblick fühlen würde. Hunderte Male hatte sie versucht, es sich vorzustellen, aber nichts davon hielt der Wirklichkeit stand. In dem Augenblick, in dem sie ihn sah, wurde sie von all den bittersüßen Erinnerungen durchflutet, die ihr deutlich machten, was sie einst gehabt und dann verloren hatten.

Sie riss sich zusammen und lächelte schwach. „Hallo, Kevin.“

Er musterte sie von Kopf bis Fuß, wie er es immer getan hatte, bevor sie sich geliebt hatten. Cara wurde plötzlich heiß, als sie sich daran erinnerte. Und plötzlich wurde ihr das wahre Ausmaß ihres Treffens bewusst. Sie würde die letzte Zeile des Kapitels ihrer Ehe schreiben.

„Gut siehst du aus“, bemerkte sie.

„Und du wunderschön.“ Offensichtlich wollte er sie aus der Reserve locken.

„Danke.“ Cara versuchte, Distanz zu halten, obwohl er das Kompliment in einem so bitteren Tonfall gemacht hatte.

„Setz dich doch, Cara.“ Einladend deutete er auf den braunen Ledersessel auf der Besucherseite des Schreibtischs, und sie folgte seiner Aufforderung.

Nervös spielte sie an ihrer Aktentasche herum und legte sie schließlich auf den Schreibtisch. Dann schlug sie die Beine übereinander und tippte mit den Fingern gegen die Armlehne des Sessels.

Kevin sah auf ihre Oberschenkel, dort, wo der Stoff des Kleides ihre Haut nicht mehr bedeckte. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie unter seiner schamlosen Überprüfung ihres Körpers litt. Wenn er sich doch endlich hinsetzen würde!

„Willst du wieder heiraten?“

Seine unverhohlene Frage überraschte sie. „Nein“, erwiderte sie.

Er nickte und verschränkte die Arme vor der Brust. Ansonsten stand er vollkommen unbeweglich da.

„Es ist nur endlich an der Zeit, Kevin, dass wir nach vorne schauen. Ich will mein Unternehmen ausbauen und brauche ein großes Bankdarlehen.“

„Und du willst nicht, dass mein Name auf den offiziellen Papieren steht, oder?“, fragte er mit zusammengekniffenen Augen.

„Du bist Geschäftsmann“, entgegnete sie geduldig und fragte sich, was bloß aus dem Kevin Novak geworden war, den sie einst geheiratet hatte. Dieser Mann hier wirkte so finster und herablassend, dass sie ihn nicht wiedererkannte. „Du weißt doch, wie der Hase läuft.“

„Ja, ich weiß, wie der Hase läuft.“ Sein spöttischer Tonfall bestätigte Caras Einschätzung.

Endlich setzte er sich auch hin, stützte die Ellbogen auf die Armlehne seines Sessels und presste die Fingerkuppen aneinander. „Findest du es nicht auch merkwürdig, dass wir hier in meinem Büro sitzen und Förmlichkeiten austauschen?“

„Merkwürdig?“

Ein schwaches Lächeln war in seinen Mundwinkeln zu erkennen. „Ja, merkwürdig. Wenn man bedenkt, wie es mit uns angefangen hat. Heftig und leidenschaftlich vom ersten Moment an, in dem wir uns begegnet sind.“

Cara erinnerte sich an die Geburtstagsfeier einer ihrer Freundinnen vom College, auf der es reichlich Luftballons, laute Musik und Alkohol gegeben hatte. Cara hatte Kevin nur einmal angesehen und sich sofort in ihn verliebt. Den ganzen Abend über hatten sie damit verbracht, hemmungslos miteinander zu flirten. An diesem Abend war Cara sich zum ersten Mal ihrer weiblichen Sinnlichkeit voll und ganz bewusst geworden. Kevin und sie hatten die Party verlassen, um ihre eigene, ganz private Feier zu veranstalten. Bei dem Gedanken daran, womit sie die Nacht verbracht hatten, wurde ihr plötzlich ganz heiß. „Das ist lange her, Kevin.“

Kevin sagte nichts dazu. Stattdessen lehnte er sich zurück und sah ihr in die Augen. „Ich habe gehört, dass deine Tanzstudios gut laufen.“

Ihr Herz begann, schneller zu schlagen, und sie straffte die Schultern, während sie sich ein Stück vorbeugte. „Ich bin nicht hier, weil ich dein Geld will, Kevin.“ Sie betrachtete die luxuriöse Inneneinrichtung. Erlesene Kunstwerke schmückten die Wände von seinem geschmackvoll eingerichtetem Büro. „Anscheinend bist du sehr erfolgreich. Das ist ja auch immer das Wichtigste für dich gewesen.“

Zufrieden lehnte sie sich zurück. Jetzt hatte sie die Dinge beim Namen genannt – und zwar die, die für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich gewesen waren. „Ich bin lediglich wegen deiner Unterschrift hier.“

„Und die sollst du haben“, erwiderte Kevin.

Das ging ja einfacher als erhofft. Cara versuchte, sich ihre Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

„Allerdings unter einer Bedingung, Cara.“

So, Kevin stellte also Forderungen. Sie würde sich anhören, was er zu sagen hatte, und hoffte, diese unangenehme Situation so schnell wie möglich beenden zu können. „Solange es im vernünftigen Rahmen bleibt, würde ich alles tun.“

Kevins Lächeln wirkte auf einmal zu zufrieden für ihren Geschmack. „Wenn man bedenkt, dass du mich und unsere Ehe einfach so aufgegeben hast, finde ich es nur mehr als angemessen.“

Plötzlich fühlte Cara sich wie betäubt. Der Ausdruck auf dem Gesicht ihres Ehemannes gefiel ihr ganz und gar nicht. „Du hast mich dazu gebracht, Kevin. Jahrelang hatte ich die Hoffnung, dass unsere Ehe noch zu retten war, aber letzten Endes hast du mir keine andere Wahl gelassen …“

„Und auch heute lasse ich dir keine Wahl. Wenn du deine heiß geliebte Scheidung unbedingt willst“, erklärte er, „dann musst du meinen Bedingungen zustimmen.“

2. KAPITEL

Kevin merkte Cara deutlich ihre Panik an, als ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. Sie blinzelte verwirrt, was ihm die Gelegenheit gab, seine Frau in Ruhe zu betrachten. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, was die vier Jahre Trennung ihm angetan hatten. Seitdem war er keiner Frau begegnet, die er mehr als Cara bewundert hätte – oder für schöner oder talentierter gehalten hätte. Cara vereinte all diese Eigenschaften in sich. Alles, was er je getan hatte, war nur für sie gewesen. Er hatte ihr und ihrer wohlhabenden Familie beweisen wollen, dass Cara eine gute Partie geheiratet hatte. Und dass er ihr all die Dinge ermöglichen konnte, die sie auch verdiente. Gott, wie sehr er sie geliebt hatte!

Er seufzte tief, Cara hob den Kopf. „Das ist nicht dein Ernst, Kevin.“

„Ich mache keine Witze.“

Cara sprang auf und erwiderte wütend Kevins Blick. „Nein, vermutlich hast du wirklich keinen Sinn für Humor mehr.“

Er nahm den zarten Duft ihres exotischen Parfums wahr. Der gleiche Duft, den sie schon damals getragen hatte, als sie beide noch als Mann und Frau zusammengelebt hatten. Erinnerungen an heiße, leidenschaftliche Nächte stiegen plötzlich in ihm hoch. Er musste an ihre samtweiche Haut denken, an ihren Atem, der seine Haut streifte und an ihren sinnlichen Körper, wenn er über ihr lag.

Er begehrte sie immer noch. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als auf seine Forderung einzugehen. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass Cara über ihn triumphierte. „Ganz im Gegenteil, ich habe sogar einen ausgezeichneten Sinn für Humor. Vorausgesetzt, etwas ist wirklich lustig – was diese Situation ganz und gar nicht ist.“

„Das ist einfach lächerlich! Warum willst du, dass ich eine Woche mit dir zusammenlebe?“

Er hob die Augenbrauen und schwieg. Immer, wenn sie sich aufregte, schienen ihre blauen Augen Funken zu versprühen.

Anklagend wies sie mit dem Finger auf ihn.

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