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Tage der Flut

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Statt eines Vorworts

Statt eines Nachworts

 

R

 

Das Wasser war überall. In den Städten, den Straßen, den Häusern, zwischen den Dielen, auf den Dachböden. Es strömte durch die Küchen, es ergoss sich durch die Vorratsschränke in die Schuppen, es schwemmte die Tische und Stühle fort, die aufgeweichten und umgeknickten Bäume, die abgebrochenen Äste, die Leichen, die Kleider und einzelne Schuhe. Und hier und da schwamm als überflüssiger Beweis, dass der Kampf endgültig verloren war, ein einsamer Regenschirm.

Es wehte ein heftiger, schneidender Wind, der durch die Allgegenwärtigkeit des Wassers an Intensität nur noch zunahm.

Das Wasser war wie ein Virus, dem nicht beizukommen war: Wo immer es hingelangen konnte, da gelangte es hin. Nur die Spitzen der Kirchtürme waren noch sicher und deshalb, vorläufig noch, Zufluchtsorte der Menschen. Solange die Willenskraft stärker war als Hunger und Erschöpfung, lebten kleine Gruppen von Männern und Frauen hoch oben in den höchsten Gebäuden.

Die Aussichtslosigkeit des Lebens, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, war unerträglich. Man konnte unendlich weit sehen, doch man sah nichts. Wie hoffnungsvoll jede überstandene Minute einen auch stimmte, nach sechzig weiteren Minuten bröckelte die Hoffnung schneller ab, als sie in der Stunde danach wieder wachsen konnte. Und wer sich an nichts mehr klammern konnte, wer sich nicht mehr auf eine von trügerischer Hoffnung gespeiste übermenschliche Kraft verlassen konnte, der fiel.

Und wer fiel, ertrank. Das Wasser war überall.

Es gab die Unverzagten: die Drifter. Sie saßen in Booten oder auf Brettern, in Bottichen, Fässern oder Kisten, sie hatten warme Kleider und sogar Nahrung dabei. Das Wasser brauchte Zeit, ihren Widerstand zu brechen. Doch das Wasser hatte Zeit im Überfluss. Denn die einzige Rettung für diese Rebellen war der trostlose Seeweg zum fernen, unauffindbaren Land. Wie lang diese Reise dauern würde, wusste keiner. Wie sollte man die Entfernung messen? Gab es überhaupt noch ein Gebiet, das trocken geblieben war? So in Gedanken versunken, treibend auf dem Wasser, von allen Seiten umgeben von Wasser, verlor man jedes Gefühl für Zeit und Raum.

Nutznießer der auf den Kopf gestellten Nahrungspyramide waren die Vögel, insbesondere die Wasservögel. Ihre Flügel garantierten ihnen hohe, trockene Rastplätze, während ihr natürliches Bündnis mit dem Wasser für tägliche Nahrungszufuhr sorgte. Nun, da Kühe, Schafe, Schweine und Hühner ertrunken waren, das Obst faulte und die Ernte verdarb, waren die Arten, die überlebt hatten, auf Fisch angewiesen. Und am Ende aufeinander.

 

Ein leeres Ruderboot stieß gegen vier zusammengebundene Bretter, auf denen ein junger Mann lag und schlief. Er schreckte hoch, erschöpft, hungrig und – absurderweise – durstig. Alle Schmerzen waren wie weggeblasen beim Anblick des intakten Bootes. Vom Floß zum Boot: von der Hölle zum Fegefeuer. Steif vor Kälte kletterte er hinüber. Er musste alle seine Kräfte mobilisieren, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Beinahe hätte er das Tuch verloren, in das er Brot, Käse und sein Exemplar vom Lob der Torheit gewickelt hatte.

Während das leere Floß ruhig von der Strömung fortgetragen wurde und das Ruderboot durch die etwas schwerere Last auf der Stelle zu schaukeln schien oder vielmehr schneller in die andere Richtung trieb, schlief der Mann wieder ein.

Statt eines Vorworts

 

Diese Einführung ist von mir. Den Rest habe ich gefunden, aber alles war in einer solchen Unordnung, dass ich beim besten Willen nicht sagen kann, wo der Bericht anfängt.

Es gibt keine Mitte und kein Ende, und obwohl ich mir redlich Mühe gegeben und jede erdenkliche Reihenfolge ausprobiert habe, so gibt es doch keine, die überzeugender wäre als jede andere.

Und somit ist diese von mir.

 

Die Geschichte ist fragmentarisch – wie die Erinnerung.

Wer sich erinnert, phantasiert. Ich weiß daher nur wenig mit Sicherheit über das, was folgt.

Das Einzige, was ich zu behaupten wage, ist, dass ich den Verfasser habe schreiben sehen.

 

Wer die Fragmente anders anordnen möchte, bastelt sich seine eigene Geschichte. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenngleich der Ausgang sich dadurch nicht ändern wird. Es ist der Weg, der nasse Weg zum absoluten Ende, weswegen diese Geschichte es verdient, vernichtet zu werden.

 

M

 

Es war kurz vor dem achten und gleich nach dem siebten Schlag, der mich zwei Zähne kostete, als ich dachte: Ihr könnt mich alle mal.

Und ich meinte wirklich alle, alle, die ich kannte, alle, denen ich noch begegnen, und alle, die ich nie kennenlernen würde. Ich meinte meine emigrierten Eltern, meine ehemaligen Klassenkameraden, die Dozenten der Business School, alle Arbeitskollegen, alle, die ich jemals in der Mediabox gesehen hatte, die Angestellten des Supermarkts, die hungrigen Kinder in den Bergen Afghanistans, ihre verdurstenden Eltern und überhaupt – und da traf mich der achte Schlag – alle. Von dem Moment an war mir alles scheißegal.

Ich fragte mich schon nicht mehr, wie in einer liberalen Marktwirtschaft so etwas Unfaires passieren konnte wie das, was mir an jenem Tag passierte. Wie war es nur möglich, dass das, was meine Welt angeblich antrieb, der alles nivellierende und unparteiische Marktmechanismus, zu solch einem himmelschreienden Unrecht in der Lage war? Mir angetan, mir, dem so unsichtbaren wie unentbehrlichen Rädchen im Getriebe, der alles aus dem Wege geräumt hatte, was diesem Getriebe hätte schaden können? Diese Frage hatte ich in unzähligen Formulierungen hin und her gewälzt, nachdem sie mir mitten in der Einkaufsstraße einen Sack über den Kopf gezogen, mich brutal gefesselt und in ein Fahrzeug geworfen hatten, in dem ich noch eine ganze Weile liegen musste, auch nachdem wir nach einer zwei- bis dreistündigen Fahrt anhielten. Ich hörte das Echo meiner Frage noch, als ich aus dem Wagen gezerrt wurde, den Sack über dem Kopf, als man mich mit Schlägen und Tritten traktierte und schließlich vor einen grellen Scheinwerfer auf einen schmalen Stuhl aus kaltem Metall setzte. Und auch da ging mir die Frage nicht aus dem Sinn, sie war wie eine Melodie, die einen nicht loslässt, die man nicht abschalten kann, und ich suchte nach einer Antwort, wenn mir auch der grelle Strahl das Denken so gut wie unmöglich machte. Ich glaubte, blind zu werden, wenn nicht von dem Licht, dann von den Schlägen, die man mir verpasste. Oder taub oder entstellt oder verrückt.

Jedenfalls bis zum achten Schlag, direkt nach dem siebten. Danach war mir alles egal.

 

E

 

»Yeah«, irgendwo weit weg ertönte eine Sirene, »it was pretty hardcore back then, I guess.«

Der lispelnde Gary aus Sheffield, schon vierzig Jahre in New York, kippte sich den soundsovielten Whisky zwischen die paar Zähne, die er noch hatte, und seine Miene verfinsterte sich. Er saß schon eine ganze Weile neben mir auf einem Hocker in der Mars Bar, einer charaktervollen, weil außergewöhnlich schmuddeligen Minikneipe am Rand von East Village, dem einzigen Viertel in New York, wo man laut Gary noch echten Menschen begegnete. Echten Menschen wie ihm. Gary war 1982 vor Thatcher nach New York geflüchtet. Ein Jahr zuvor hatte er hoch und heilig beteuert, sollte sie wiedergewählt werden, würde er den Slums von Sheffield, wo er als Speeddealer in einem einzigen Jahr 182 000 Pfund verdiente, aus Protest den Rücken kehren. Was schlimmer war, als es klang, denn dank des für die Gegend enormen Kapitals hatte er dort wie die Königin von England gelebt. »But a man’s got to have principles«, sagte Gary grimmig, wenn ich auch zwei Pints darauf gewettet hätte, dass er nicht wusste, wie man das schrieb. Er war vierundzwanzig, als er nach New York zog. Ohne sein Geld. Sein Partner habe es ihm nachschicken sollen, aber daraus sei nichts geworden. Wie aus so vielem nichts geworden sei, meinte Gary, der mittlerweile die sechzig überschritten hatte. Er sei in einem von Punkern, Huren und einer Mischung aus beiden bewohnten, baufälligen Gebäude nicht weit von der Mars Bar gelandet, die es damals schon gab. Dort habe er noch besser als in Sheffield gelernt, das Leben in einem einzigen Satz zusammenzufassen: »Life was the hole in the ground where we dumped the plastic bags we used to shit in.«

In der Ecke bei der Jukebox, älter als Gary und The Mars Bar, tanzte Joe zu einem Oldie der Sex Pistols. Gary sah zu ihm hin, schüttelte den Kopf, goss sich das nächste Glas hinter die Binde und schnauzte in meine Richtung: »The fucker’s happy.«

Und das frustrierte ihn. Dieser Joe hatte nämlich ein genauso beschissenes Leben hinter sich wie er selbst. Joe war mit einer Heroinnutte verheiratet gewesen, die bis zu ihrem Tod für ihre sexuellen Dienste im Ehebett auf Bezahlung bestand. Er machte Pleite, war trotzdem spielsüchtig, kokain- und alkoholabhängig und versessen auf Schokoladennüsse und verbrachte wie früher auch wochentags jede Nacht in der Mars Bar. Mit der gleichen Musik. Und mit den gleichen Leuten: Die kahlen, dicken Männer an der Bar waren die Punker von damals, ihre arbeitslosen Huren (der einzige Beruf, bei dem Dienstjahre den Marktwert verringern) saßen in ihrer Hässlichkeit schwelgend um die Jukebox herum und hofften, es würden mal Platten gespielt, die älter wären als sie selbst.

Ich ließ Gary reden, denn ich war ziemlich erledigt, bis er mir mit seinem waschechten englischen Akzent die provozierende Frage stellte: »What about you, chap?«

Er knallte sein Glas auf die Theke, und Fredda, die schwitzende Bardame aus Virginia, die behauptete, besser schießen zu können als ihr Bruder in einem Truppenlager irgendwo in China, füllte es mit den allerletzten Tropfen Whisky, die sich in der ganzen Bude noch auftreiben ließen. Einer von Garys dreckigen Fingernägeln näherte sich meiner Nase. »Don’t tell me you are fucking happy!«

 

Aber alles der Reihe nach.

Es war meine letzte Nacht in Manhattan, und ich hockte in einem verdreckten Loch mit abgestumpften Aussteigern, die bewiesen, dass Aussteigen die beste Methode ist, sein Leben lang in solch verdreckten Löchern zu verbringen. Und das alles nach einer Reihe von total verrückten Ereignissen, die ich noch immer nicht ganz begriff. Durch die ich so erschöpft war, dass ich kein Auge mehr zumachte. Die, im Nachhinein betrachtet, nur der bescheidene Auftakt zu dem grandiosen Schlussakkord gewesen waren, drei dramatische Stunden zuvor, in meinem Hotelzimmer, als ich in den Lauf einer Pistole geblickt hatte und mir klargeworden war, dass ich an einer Wegkreuzung meines Lebens stand, wie schrecklich abgedroschen das auch klingen mag. Ich hatte noch nie an einer Wegkreuzung gestanden, im übertragenen Sinne natürlich.

Keine sechs Wochen bevor ich die Mars Bar zum ersten Mal betrat, hatte mein Leben, von außen betrachtet, genauso perfekt ausgesehen wie eine neue vierspurige Autobahn. Eine Straße ohne Ausfahrten. Eine glänzende Karriere ohne Kratzer und eine Traumfrau, an der mir zwar immer schon ein paar kleine Kratzer aufgefallen waren, aber bei weitem nicht so viele, wie ich an jenem Abend entdeckt hatte.

 

Nee. Gary.

Warum zum Teufel sollte ich glücklich sein?

Warum sollte ich glücklich sein müssen?

Seit wann hegt der Mensch diesen aussichtslosen Ehrgeiz?

Irgendwo habe ich mal gelesen, diese ganze Idee vom »Glücklichsein« sei erst im achtzehnten Jahrhundert erfunden worden. Ich halte das für eine plausible Theorie. In früheren Zeiten lebten die Menschen irgendwie vor sich hin, bis sie starben; anschließend kamen sie in den Himmel und lebten noch lange und glücklich. Heutzutage gibt es keinen Himmel mehr, man muss das Glück in der kurzen Zeit zwischen Geburt und Tod ausfindig machen. Tanzen wie Joe zum Beispiel. Aber das bringt es auch nicht, es ist ein Tanz wider Willen, es ist Selbstbetrug. Denn wenn es den Himmel gibt, ist Joe nach seinem Tod unendlich viel länger glücklich, als er es hier je sein kann. Und wenn es den Himmel nicht gibt, dann ist Joe nach seinem Tod eben unendlich lange nicht glücklich – verglichen damit ist das flüchtige Glück von ein paar Jahrzehnten hier auf Erden bei der Jukebox in der Mars Bar ein Klacks. Wie man die Sache auch dreht und wendet: Dass seine Tanzerei völlig sinnlos ist, ist so klar wie Kloßbrühe.

Sinnlos glücklich sein, das ist die naive Sehnsucht aller Leute, die ich kenne. Als könnten die Protonen und Neutronen, aus denen der Mensch besteht, eine absolute Ordnung oder vielmehr ein absolutes Chaos je erreichen.

»Glück«, erwiderte ich Gary daher, »und du kannst mir glauben, denn ich bin ein Experte in Sachen Gewäsch, ist Gewäsch. Was, wenn die Leute, die dein Glück eigentlich beschützen müssten, alles um dich herum kaputtmachen? Was, wenn die Institutionen, denen du vertraust, sich gegen dich wenden? Und so viel kann ich dir schon mal verraten: Sie haben sich gegen mich gewendet. Aber sie werden sich auch gegen dich wenden – und Glück ist ihr Köder.«

Ich nahm einen Schluck.

Gary starrte mich aus glasigen Augen an. Er hatte kein Wort verstanden. »Talk fucking English, chap. You’re drunk.« Er schwang sich mühsam vom Hocker und ging zu Joe, um mitzutanzen.

Bah. Glück.

 

Leute werfen mir schon mein ganzes Leben lang vor, ich besäße ein überdurchschnittliches Talent für Selbstmitleid, sie würden mein Gerede immer mit einer Prise Salz nehmen, doch ich bin wirklich davon überzeugt, dass Glück alles andere als erstrebenswert ist. Im Gegensatz zum Reichtum beispielsweise. Der ist handfest. Oder einer erfolgreichen Karriere. Die ist messbar. Oder Sex. Den kann man fühlen.

Wenn es Glück überhaupt gibt, findet man es nur in diesem wunderbar natürlichen Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Ich habe etwas, was du willst + du hast etwas, was ich will = Glück. Je freier der Markt, desto mehr will ich; je mehr ich will, desto mehr habe ich; je mehr ich habe, desto größer mein Glück.

Whatever.

 

Ich habe die Entscheidung getroffen zu leben, bis ich sterbe. Und so oft treffe ich in der Regel keine Entscheidungen.

 

I

 

»Das Wunderbare ist, dass sich, wenn ich die zweite Tür wähle, die Gewinnchancen erhöhen.«

Auf dem Löffel in meinem Kaffee befand sich dort, wo man das Ding festhält, ein Familienwappen. Ziemlich nobel für so eine heruntergekommene Raststätte an einer gottverlassenen Landstraße. Und wenn man schnell rührte und dann plötzlich die Richtung änderte, bildeten die aufeinanderprallenden Wirbel im Kaffee ein großes schaukelndes M. Oder ein W.

Hatte ich jetzt zwei oder drei Löffel Milchpulver reingetan?

»Ein bekanntes Dilemma, das auf den ersten Blick leicht lösbar erscheint – aber gerade da liegt der Hase im Pfeffer. Es widerspricht dem Gefühl.«

Ich war mir unschlüssig, ob ich reagieren sollte. Manche Leute erwarten, wenn sie reden, ständig Kritik, andere dulden keinen Widerspruch. Auf diesen spezifischen Menschen, meinen Kollegen Heino Dissel, traf beides zu. Ich beließ es daher bei dem immer passenden »okay«. Wenn man es ein wenig fragend aussprach, waren alle Quasselstrippen zufrieden.

»Genau! Das, was man fühlt, aber eigentlich ist fühlen nicht das richtige Wort, eigentlich meine ich, dass die Intuition einem etwas sagt, eine Eingebung, das meine ich eigentlich, aber dazu gibt es kein richtiges Verb, eins mit Intuition.«

Ich wartete einen Moment, wie lange die Pause sein würde, die er einlegte, doch es war klar, dass ich jetzt wirklich etwas sagen musste. »Vielleicht einfach: was die Intuition dir eingibt.«

»Umständlich«, meinte der erprobte Redner, »aber fürs Erste akzeptabel.«

Ich rührte.

»Also was ich sagen wollte – das, was die Intuition einem eingibt, beruht eigentlich oft nicht auf Fakten. Oder Argumenten. Rationalen Argumenten natürlich, meine ich, klar? Denn intuitive Argumente sind auch Argumente, aber andere.«

Ich fragte mich, warum dieser Spitzendenker noch nicht von den großen Verlagen entdeckt worden war und noch keinen Nobelpreis auf seinem Nachttisch hatte.

Wie lange kann man rühren, bis man sich zu Tode gerührt hat?

»Also, um es mal zusammenzufassen, eigentlich will ich sagen, glaube ich, dass die Kluft zwischen der rationalen Welt und der Welt des Gefühls groß ist.«

»Denkst du das oder fühlst du das?« Ich rührte weiter.

»Und diese Kluft« (hatte ich etwas gesagt?), »diese Kluft ist eigentlich so fundamental, dass sie nicht nur die großen Nationen und Kulturen trennt, sondern auch die zwei Hälften des Menschen.«

Ich schwankte zwischen »des Menschen?« und »okay«.

»Des Menschen?«

»Ja, eigentlich schon. Jeder führt ständig einen inneren Kampf zwischen rationalen und emotionalen Argumenten.«

Unverbindliche Hypothesen, fand ich, die zudem nicht nachprüfbar waren, es sei denn, man fasste ihre mangelnde Originalität als Indiz für ihre Richtigkeit auf. Was wiederum eine wissenschaftliche Argumentation wäre.

Die Tischdecke hatte übrigens die gleiche Farbe wie mein Kaffee.

»Kapierst du?«

Nee.

»Ich glaube wirklich, dass diese Kollision, diese Spaltung, dieses Schisma allem zugrunde liegt.«

»Allem?« Das war ein Schuss ins offene Tor, fand ich.

»Allem, was schiefgeht auf diesem Globus. Allen Konflikten, allen Krisen, allen Streitigkeiten und allen psychischen Anomalien. Alles Folgen des Gegensatzes zwischen Gefühl und Verstand. Über solche Dinge denke ich viel nach.«

Solche letzten Sätzchen hängte er jeden Tag an seine langen inhaltsleeren Monologe an. Meistens war das dann der Moment, dass es mir reichte. »Meinst du, es ist diese Diskrepanz an sich, die für Probleme sorgt, oder nur der Ausdruck des Zwiespalts, und bist du dann nicht schuld an den Problemen, die du verursachst, da es ja auch Leute gibt, die ihren inneren Konflikt nicht zum Ausdruck bringen und sich also offenbar besser beherrschen können, oder bist du im Gegenteil nicht daran schuld, weil du ja keinen Einfluss darauf hast, welche Instanz gerade den Ton angibt?«

Er sah erst mich an, dann meine Kaffeetasse, dann seine, und da wusste ich, dass ich ihn geschlagen hatte. Er schnaufte.

»Ich verreise übrigens nächste Woche für ein paar Tage. Muss mal ausspannen. Oder eigentlich mal richtig loslegen. Körperlich, meine ich. Radeln, Abseilen, Klettern, solche Sachen.« Ich reagierte nicht. »In den Ardennen. Nettes Haus. Gehört meinem Schwager. Genauer gesagt.«

Ich grinste und rührte weiter.

 

Ich zahlte und trödelte ein wenig herum, in der Hoffnung, er würde sich in Luft auflösen. Das tat er natürlich nicht. Warum war ich nur hergekommen? Ich hätte gleich zum Flugplatz fahren sollen. Weg von allem. »Ich bin froh über unser Gespräch«, sagte Heino. Gespräch? »Kannst du mich vielleicht zu Hause absetzen? Ich müsste noch mal duschen, bevor ich nachher zu Firthe gehe. Und es regnet so.«

Scheiße. »Na klar.«

 

Ich hatte vor, rechts abzubiegen, um den Stau beim Kreisverkehr zu vermeiden. »Hier links«, sagte er. Auf meinen Einwand hin meinte er, das sei halb so schlimm.

Nachdem wir minutenlang vor dem Platz gestanden hatten und bestimmt noch mal so lange hätten warten müssen, stieg er aus. »Das letzte Stück gehe ich zu Fuß. Brauchst du keinen Umweg zu machen. Bis heute Abend.«

Ich hatte ihm schon zwei Mal gesagt, dass ich nicht kommen würde. Heino huschte zwischen den stehenden Autos durch.

Verdammt noch mal. Ich musste raus aus diesem Land.

 

R

 

Das Wasser schwappte gegen das Boot und drückte es gegen eine aus den Wellen emporsteigende Mauer. Der junge Mann schrak aus dem Schlaf auf und brauchte eine volle Minute, bis er wieder wusste, wo er war. Und woher all das Wasser kam. Die Mauer vor seinem Boot war etwa zehn Meter breit, und als er nach oben blickte, sah er, dass es die Wand eines Kirchturms war. Er erkannte die Kirche nicht, aber aus dieser Nähe sahen alle Kirchtürme gleich aus.

Er musste zurück aufs offene Wasser. Bei stärkerem Wellengang würde sein Boot sonst zerschellen. Er stemmte sich mit den Füßen gegen die Mauer, doch wie sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, die Beine zu strecken.

Erst dann entdeckte er das Tau, das am Bug festgebunden war und an der Wand hochführte. Es war straff gespannt und hielt den Kahn auf der Stelle.

Und das Merkwürdigste war, das Tau war nicht seins.

 

I

 

Es regnete immer noch. Ich parkte vor der Tür und schätzte den freien Platz zwischen dem Auto hinter und dem Anhänger vor mir falsch ein. Ich touchierte beide. Viel war aber nicht passiert, sah ich beim Aussteigen. Nur ein Bolzen, der die Plane über dem Hänger sicherte, lag verbogen auf dem Boden. Die Plane flatterte fröhlich im Wind, ich versuchte, sie wieder zu befestigen, wurde aber nass und fror, und in solchen Situationen denke ich ziemlich bald: Was soll’s?

 

Firthe selbst öffnete die Tür und guckte erstaunt.

(Giftgrün. Ihre Augen waren giftgrün.)

»Hey! Ich dachte, du kommst nicht.«

»Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, was man denkt, und dem, was man fühlt. Habe ich heute gelernt. Wahrscheinlich dachtest du, ich komme nicht, aber intuitiv hast du gespürt, dass ich doch komme. Wie könnte ich auch wegbleiben nach all deinen und Heinos flehentlichen Bitten.« Ich reichte ihr die Flasche Wein, die ich tags zuvor von Smyrna zum Abschied bekommen hatte. »Herzlichen Glückwunsch!«

»Lange nicht mehr gesehen. Was macht deine Nase?« Die sah offenbar noch immer ziemlich ramponiert aus, denn Firthe verzog vor Mitgefühl das Gesicht.

»Prima, wir waren kürzlich auf Safari. Nächste Woche gehen wir in die Oper. Dürfen wir reinkommen, meine Nase und ich?«

»Heino erzählt gerade von seinem Urlaub in Thailand.« Firthe seufzte und machte einen Schritt zur Seite. »Du kommst also zur rechten Zeit.«

»Sieh an. Die Stimmungskanone ist schon da. In dem Fall, macht es dir was aus, mir ein paar Nüsse und was zu trinken zu bringen? Dann setze ich mich wieder ins Auto.« Unsere geteilte Abneigung gegen unseren Kollegen Heino Dissel könnte durchaus noch mal zu einer stürmischen Nacht voller erträumter Ausschweifungen führen.

»Stell dich nicht so an. Komm rein und zieh den Mantel aus.«

In dieser Nacht aber wohl nicht.

»Wem gehört das Boot?«, fragte ich, als ich über die Schwelle trat.

»Welches Boot?«

Ich zeigte auf den Anhänger draußen. Jedes Mal, wenn die Plane sich bauschte, sah man das weiße Motorboot darunter. Firthe beugte sich vor.

»Keine Ahnung«, sagte sie und zog die Tür hinter sich zu.

 

Das Zimmer war stimmungsvoll erleuchtet. Überall hingen trendige Girlanden. Ziemlich viel Bling-Bling, das nicht so recht zu Firthe passte. Die nostalgische Musik der Neunziger aus der Mediabox an der Decke wurde von der Stimme übertönt, die ich schon am Nachmittag bis zum Überdruss über mich hatte ergehen lassen müssen.

»Eigentlich sind da die Sonnenuntergänge noch schöner. So eine riesige leuchtende Scheibe, die am Horizont untertaucht. Eigentlich ist es, als würde sie im Meer versinken. Das Gefühl hat man jedenfalls.« Fabelhaft. Poet Dissel hatte seine unsichtbare Muse mitgebracht.

Ich grüßte in die Runde, zwinkerte Heino zu, obwohl er das nicht verdient hatte, und ließ mich neben der größten Schüssel mit Nüssen in einen roten Sitzsack fallen. Ich musste so schnell wie möglich herausfinden, ob es später am Abend noch richtige Häppchen gab. Nichts ist schlimmer, als auf Partys Herrlichkeiten wie Wraps, belegte Toasts oder Wurstbrötchen ablehnen zu müssen, weil man sich schon schamlos an faden Nüssen und Chips satt gegessen hat.

Dissel tat genau das, worauf ich gehofft hatte: Er ging Firthe schon nach einer halben Stunde auf den Keks. Sie ließ nichts unversucht, um den Strom von Klischees und Banalitäten einzudämmen, der sich aus Heino Dissels von schwarzem Haar eingefasstem Höllenmund ergoss. Aus Erfahrung wusste sie, dass er einen Abend völlig dominieren konnte, genauso leicht, wie er auch tagsüber auf alles seinen Stempel drückte. Mehrere Taktiken schlugen fehl: Sie unterbrach ihn, sie versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, sie redete laut mit anderen, sie drängte mich, meinen Schwank vom legendären Hype um die globale Erwärmung noch einmal zum Besten zu geben, den ich bei einer Betriebsfeier ausgekramt hatte (aber dazu hatte ich keine Lust, ich wollte gerne erleben, wie Dissel sich selber lächerlich machte). Schließlich war sie mit ihrem Latein am Ende und drehte die Musik lauter, was aber nur zur Folge hatte, dass Heino Dissel seine Suada über Gott und die Welt aus vollem Hals in den Raum trompetete. Und die Pointen, soweit man von Pointen sprechen konnte, mindestens vier Mal hintereinander wiederholte.

»Ich bin eigentlich jemand, der gerne allein ist«, brüllte er zu niemandem im Besonderen. »Gerne allein, jawohl. Äh, jedenfalls zu bestimmten Zeiten. Es geht nicht so weit, dass ich dauernd solitär leben möchte. Der Mensch ist nämlich ein soziales Tier. Darüber denke ich viel nach. Eigentlich ist der Mensch genau wie ein Affe, hab ich mal gelesen. Der soziale Affe.«

Das Gefühl, in einem vollen Stadion vor einem leeren Tor zu stehen, den Ball am Fuß, überkam mich leider zu spät. Kam durch den Wein, der übrigens besser zu den stilvollen Dekorationen passte als die ranzigen Nüsse. Ich musste an einen Artikel über Krankheitserreger in Nussschälchen auf Partys denken. Je öfter Männerfinger zulangen, desto mehr Urinreste bleiben auf den Nüssen zurück.

Ich nahm mir noch eine Handvoll.

»Affen unterstützen ihre Artgenossen, auch wenn sie selber nichts davon haben. Eigentlich bin ich genauso gestrickt. Ich bin ein Altruist. Oder eigentlich sind wahrscheinlich alle so gestrickt. Eigentlich ist uns das angeboren. Aber bei Affen ist das halt auch so. Und …«, Dissel stopfte sich den Mund mit Nüssen und meinen Urinresten zu. »Wili wr schwakschen Unswik.«

Sogar wenn er nicht zu verstehen war, verzapfte er Unsinn. Meine Aufmerksamkeit verlagerte sich von dem vollen Weinglas auf meine Nachbarin, die sich schon seit dem thailändischen Sonnenuntergang hauptsächlich auf mich konzentrierte. Die erste Berührung mochte noch Zufall gewesen sein, doch dass die Spitze ihres Ringfingers jetzt auf meinem rechten Handteller lag, musste das Resultat eines raffinierten, gut durchdachten Plans sein. Sie beäugte Dissel zwar noch, aber ohne erkennbare Anteilnahme, seufzte nach fast jedem seiner Sätze und war die Erste, die nicht mehr die Höflichkeit aufbrachte, das gackernde Orakel freundlich anzulächeln. Ich war am Zug.

»Gleich fängt er von dem Quizmaster mit den drei Türen an.«

»Entschuldige, was hast du gesagt?«

Witzig. Sie tat so, als würde sie mich jetzt erst bemerken.

»Ich sagte, die Nüsse verarbeitende Fabrik da wird gleich über den Nutzen des Gefühls im Leben philosophieren. Und dann holt er das Beispiel vom Quizmaster und seinen drei Türen aus der Mottenkiste.«

»Das Gefangenendilemma?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das Monty-Hall-Problem.«

»Oh. Ich finde Gefangene lustiger.« Sie sah mich an.

Wunderbar. Ich hatte ihr Interesse geweckt. Jetzt blieb nur noch die Frage, ob ihr Interesse sich lohnte.

»Gefangene tragen gestreifte Pyjamas. Pyjamas sind nicht so mein Fall.«

»Meiner auch nicht.«

»Eigentlich meine ich, ich finde Pyjamas phantastisch.«

»Kann mir nichts Schöneres vorstellen.« Sie sah mich noch immer an.

»Und Monty Hall war ein Mistkerl.«

»Ganz deiner Meinung.«

Ich drehte meine Hand um, so dass meine Handfläche jetzt auf ihrem Finger lag.

»Obwohl er auch wieder unglaublich unterschätzt wurde«, sagte ich voller Überzeugung.

»Ich bin sicher, dass viel mehr in dem Mann steckte als nur so ein Dilemma«, ergänzte sie.

Die Sache war klar. Meine Nase war kein Hinderungsgrund. Das Bett war gemacht.

Und jetzt wieder ein bisschen auf Distanz. Ich stand auf und ging zum Kamin, guckte mich nicht um und achtete nicht auf den laut lachenden Heino Dissel. Einer seiner Zuhörer hatte die falsche Tür gewählt.

 

»Nein, Anfangssätze konnten mich noch nie fesseln. Sie sind so prätentiös.«

Die Stimme, die das sagte, kam mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich sie vor nicht allzu langer Zeit schon mal gehört. Und das galt auch für die, die antwortete: »Das sind sie, jawohl, prätentiös.« Die dazugehörenden Gesichter sagten mir allerdings nichts. Wie dem auch sei, ich nahm an, die beiden Herren beim Kamin (der eine noch kleiner als der andere) würden sich darüber unterhalten, wie man Frauen anmacht, also ging ich in medias res. »Ich finde, Frauen sollten zur Abwechslung mal den Anfang machen. Es juckt sie doch bestimmt auch hin und wieder, möchte man meinen, oder?«

Ich nippte an meinem Wein, und sie sahen mich von unten an, als wäre ich vom Himmel gefallen. Oder betrachteten sie meine Nase? Plötzlich dämmerte es mir, dass sie wahrscheinlich nicht über das Anmachen von Frauen redeten, sondern über das von Männern.

»Wir unterhalten uns über Literatur.«

»Oh«, sagte ich, ohne mit der Wimper zu zucken, »kenne ich. Literatur! Herrlich. Habe ich auch. Welche?«

»Wie meinen Sie das, welche?«, fragte die etwas kleinere Vogelscheuche.

»Wie meinst du das, wie meine ich das?« Sie hoch überragend, heuchelte ich ungebrochenes Interesse. »Von welcher Literatur war denn die Rede?«

»Literatur im Allgemeinen«, sagte der Erste resolut und streckte seinen Zeigefinger in die Höhe, »und im Besonderen die Literatur, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht hat.«

»Au«, sagte ich enttäuscht, »das erschwert es mir natürlich, etwas Vernünftiges zu diesem Gespräch beizutragen. Denn woher soll ich wissen, welche Literatur auf dich eine solche Wirkung gehabt hat, dass sie es wert ist, heute Abend hier von uns besprochen zu werden?«

Sein Kamerad sprang ihm zur Seite. »Genevo erzählte gerade, dass er ein Liebhaber …«

»Sammler«, verbesserte ihn der größere Kleine.

»Verzeihung, du hast recht, du bist ein Sammler; Genevo ist ein Sammler zweiter Sätze.«

»Und natürlich bin ich auch ein Liebhaber – aber das trifft auf mehr Leute zu«, sprach Genevo.

Der andere nickte zustimmend – da hatte Genevo recht – und fügte hinzu: »Sehr viele Leute lieben gute zweite Sätze. Sie sind nur so fixiert auf brillante Anfangssätze, dass …«

»Dass ihre Liebe für wunderbare zweite Sätze nicht auffällt. Capito? Man kann ja auch in eine wunderbare Frau verliebt sein, aber es nicht merken, weil man in eine noch wunderbarere Frau verliebt ist.«

Der Kleinere hörte gar nicht mehr auf zu nicken. »So verhält es sich mit diesen Sätzen auch«, sagte er, doch man sah ihm an, dass er den Vergleich nicht ganz nachvollziehen konnte, weil er noch nie verliebt gewesen war. Jedenfalls nicht in eine Frau.

Mir kam das Gespräch ziemlich albern vor. Aber andererseits waren es zwei lustige Typen. Ich unterdrückte den Impuls zu rufen, zweite Sätze würden mich genauso wie alle anderen Sachen einen Dreck interessieren, und ließ mich, jedenfalls für eine Weile, auf das Gespräch ein.

»Ist es nicht so, dass alle immer alle Sätze schön finden wollen? Sollte ein dritter Satz oder meinetwegen ein sechsundachtzigster Satz nicht genauso wohlklingend sein wie ein zweiter?«

Sie versanken in tiefes Sinnieren, also fuhr ich fort: »Meiner Meinung nach braucht nur der erste Satz brillant zu sein, gerade weil er nun einmal der erste ist. Die restlichen Sätze zu bewerten, ist sinnlos und außerdem ziemlich zeitraubend.«

»Da bin ich völlig gegenteiliger Meinung.« Der Sammler zweiter Sätze hatte seine Antwort schon parat. »Wenn man davon ausgeht, dass der erste Satz vor allem im Überwältigen überwältigend sein muss, wird der gute zweite Satz das Wesentliche beherbergen. Er muss einem die Kehle zuschnüren. Er darf einen nicht mehr loslassen. Sonst ist es Geschwätz: zwei einzelne Sätze nacheinander. Nicht auszudenken. Nein, der zweite Satz enthält die Essenz. Der erste kann prächtig sein, aber er stellt bloß den Auftakt dar. Man kann es mit einer fleischfressenden Pflanze vergleichen, zum Beispiel mit der Venusfliegenfalle. Das satte Grün des Blatts lockt die Beute an, doch es ist der Schnappmechanismus, der die Daseinsberechtigung der Pflanze ausmacht. Mit ihm sichert sie sich ihren Platz in der Evolution.«

Sichtlich zufrieden mit seiner Erklärung nahm der Sammler zweiter Sätze einen großen Schluck Wein und blickte fast unmerklich zu seinem Gesprächspartner, um sich zu vergewissern, dass dieser auch weiter zustimmend nickte. Was der Fall war. Das Nicken war sogar heftiger geworden. Und als der Kleinere meinen Blick bemerkte, stotterte er fast vor Aufregung: »Ja! Jajaja!«

Den Vergleich mit der Venusfliegenfalle fand ich etwas an den Haaren herbeigezogen, hatte aber keine Lust, darauf einzugehen – mein Wein ging zur Neige –, ich war nur neugierig, was ein Sammler zweiter Sätze mit seiner Sammlung anstellt.

»Genevo, in welchem Museum kann man deine zweiten Sätze denn bewundern?«

Sie verstanden nicht. Ich probierte, genauso zu reden wie sie.

»Oder bist du der Ansicht, man dürfe die zweiten Sätze und vor allem die fragilen Exemplare derselben nicht aus ihrem natürlichen Biotop entfernen, man dürfe sie nur in ihrem ursprünglichen Kontext – dem Buch – bewundern?«

»Neinnein«, meinte der Sammler beschwörend, »ich fotografiere sie oder schneide sie aus und klebe sie auf einen kleinen Magneten, und den wiederum hefte ich auf eine meiner Wandtafeln …«

»Er hat bestimmt siebzehn davon!«, rief der Kleinere begeistert.

»… damit ich die zweiten Sätze hin und her schieben und neu anordnen kann.«

Jetzt wurde es interessant.

»Du machst also aus den zweiten Sätzen eigene Texte?«

»So ist es. Und sobald ich einen fertig habe, fotografiere ich ihn. Und aus all den zweiten Sätzen der von mir erschaffenen Geschichten mache ich wiederum neue.«

»Und mit den anderen zweiten Sätzen machst du nie mehr was?«

»Doch, doch, die wandern eine Tafel nach rechts und so weiter, bis sie bei der letzten angekommen sind, und wenn dann mit ihnen immer noch nichts anzufangen ist, verschwinden sie in einer großen Kiste.«

»Und der zweite Satz aus einem gelungenen Text rückt eine Tafel nach links«, sagte der Kleinere, er schrie es fast, wahrscheinlich, weil er stolz darauf war, das System verstanden zu haben.

»Aber wenn der Satz auf der Tafel nicht sofort einen Platz in einem neuen Text bekommt, rückt er wieder nach rechts. Sätze können eine ganze Weile hin und her springen, bis sie in der Kiste landen oder auf der Tafel ganz links. Entweder die Wörterhölle oder das Sätzeparadies.«

»Großartig, nicht?« Der Kleinere geriet in lyrische Ekstase.

»Damit deutest du doch selbst schon an, dass es vor allem der Kontext ist, der den Satz zu etwas Besonderem macht«, meinte ich. »Wenn ein Satz das eine Mal befördert und das andere Mal degradiert wird, heißt das doch nur, der Wert eines Satzes hängt von anderen Sätzen ab oder von deiner Laune an dem speziellen Tag. Oder vom Wetter. Oder dem Lauchpreis.«

»Neinneinnein«, rief der Sammler und stellte das Glas ab, um seinem Protest mit Handbewegungen Nachdruck zu verleihen, »es bedeutet nur, dass sich der Wert zweiter Sätze erst nach einer ausführlichen Testphase herausstellt. Ein guter zweiter Satz ist erst dann einer, wenn er in unterschiedlichen Situationen seine Rolle mit Verve spielen kann, das ist es, was ich untersuche. Fehlerfrei ist mein Experiment nicht, das gebe ich zu, aber das hat mit der beschränkten Versuchsanordnung zu tun. Ich habe nur Platz für siebzehn Wandtafeln; siebzehn Reagenzgläser sozusagen. Man braucht nur die Anzahl zu verdoppeln, und das Ergebnis ist zuverlässiger.«

»Und was ist der Zweck von et Janze?«, brummte ich düster. »Eine Sammlung aller zweiten Sätze?«

»Hahaha«, lachte der Kleinere. »Hahaha!« Eine Sammlung aller zweiten Sätze, was für eine Schnapsidee.

Genevo setzte sein Glas mit einem Gesichtsausdruck an die Lippen, als wolle er den Augenblick hinauszögern, an dem ihm ewiger Ruhm zuteilwürde. Er schluckte, genoss den Abgang, sah mich an und flüsterte: »Der Zweck ist, den Sinn des Daseins zu entdecken.«

Zum ersten Mal machte der Kleinere der beiden kein einziges Geräusch. Er war erstarrt und ließ Genevos Worte mit geschlossenen Augen auf sich einwirken. Auch Genevo selbst schien von ihnen beeindruckt zu sein. Der feierliche Ton, in dem er Sinn und Dasein ausgesprochen und das Schluss-N von entdecken in die Länge gezogen hatte, sagten mir, dass es ihm Ernst war.

»Welches Dasein?«, wagte ich nach einer ehrfurchtsvollen Pause zu fragen.

Er runzelte die Stirn.

»Das Dasein. Das Leben. Das Sein.«

»Von wem?«

»Na, von uns allen. Ich trachte nicht nur danach, dem Sinn meiner Existenz auf die Spur zu kommen, wenn Sie das etwa meinen, sondern dem kollektiven Sinn. Bücher, zumal die großen Werke der Weltliteratur, sind ein Produkt der Kultur ihrer Zeit. Sie bringen diese Kultur zum Ausdruck. Manchmal sogar die Kultur der Zeit danach und oft auch der Zeit davor. Kultur ist nichts anderes als ein Sammelbecken von Auffassungen bestimmter Bevölkerungsgruppen. Je mehr ein Buch im Gedächtnis haftet, desto stärker spiegelt es die Auffassungen des durchschnittlichen Lesers wider. Kurzum, die besten Bücher drücken die Kultur einer bestimmten Gruppe von Menschen in einer bestimmten Periode aus.«

»Verstehen Sie?«, fragte mich der Kleinere, wie um zu demonstrieren, dass er trotz seiner geringen Größe dem Ganzen prima folgen konnte.

»Nicht ganz«, gab ich zu. »Du kannst doch nicht wirklich der Meinung sein, dass alle Kenntnis in den zweiten Sätzen guter Bücher verborgen liegt.«

»Warum nicht?«

»Weil diese Kenntnis dann nicht verborgen ist. Diese zweiten Sätze existieren schon und damit auch die Antwort auf die Frage, was der Sinn unseres Daseins ist.«

»Neinneinnein, die Kenntnis muss ja erst sorgfältig gesammelt werden.« Genevo redete schnell – er hatte diese Argumentation schon oft abgespult. »Niemand hat bisher eine Übersicht über alle relevante Kenntnis. Niemand hat aus diesem gigantischen Wortmeer eine Antwort destillieren können. Diese Einschränkung will ich aufheben, indem ich die kraftvollsten Sätze aus allen großen Kulturen miteinander kombiniere.«

Genevo ließ eine künstliche Pause eintreten. Der Kleinere hielt die Luft an und wippte vor Ungeduld mit den Füßen.

»Wir können also mit Fug und Recht behaupten, dass eine Sammlung der besten Sätze aus den besten Büchern, und das sind in meinen Augen die zweiten Sätze, weil sie nach dem drolligen Auftakt die erste Phrase sind, auf die es ankommt, ein vollständiges Bild der herrschenden Kulturauffassung in einer bestimmten Periode vermittelt. Und unter Kultur verstehe ich alles: Wissenschaft, Kunst, Religion, Philosophie, Emotion, Liebe, Politik, Geschichte – alles, was die Menschheit auf intellektueller und emotionaler Ebene beschäftigt. Und selbst wenn zweite Sätze kompletter Unsinn sind, dann ist es der komplette Unsinn einer bestimmten Periode und einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Mit zweiten Sätzen fasst man eigentlich alles: Sinn und Unsinn. Oder: das Leben.«

Der Kleinere brachte es fertig, nicht zu applaudieren.

Hinter mir hörte ich Heino seinen Zuhörern schreiend mitteilen, dass »Gefühl und Verstand im Menschen um die Vorherrschaft kämpfen« und dass es darum gehe, »sich die Vorherrschaft zu erkämpfen, denn geschenkt bekommt man eigentlich nichts im Leben«. Ich ärgerte mich über die Beliebigkeit des Begriffs Leben und über die Gleichgültigkeit, mit der er gleich zwei Mal in diesem Zimmer verwendet wurde. Entschlossener, als es sonst meine Art ist, meldete ich Bedenken an.

»Das Leben ist hoffentlich komplexer als eine Wandtafel voller Sätze. Man kann den tieferen Sinn der irdischen Existenz doch nicht fassen, indem man Scrabble spielt.« Ich äußerte meine Zweifel ruhig und sachlich. Vorerst sah ich keinen Grund, die zwei Heinzelmännchen richtig auf die Palme zu bringen.

»Unsinn, mein Herr! Das Leben ist ein Scrabble-Spiel! Das Leben spielt sich zum größten Teil und vielleicht ausschließlich in unseren Gedanken ab. Die Welt ist, was wir visuell erfassen, und das können wir nur in Buchstaben und Wörtern beschreiben. Wir denken in der Sprache. Wenn Sie beschreiben müssten, was Sie jetzt denken, sind Sie auf das Alphabet angewiesen – wie musikalisch Sie sonst auch veranlagt sein mögen.«

»Die Quantenmechanik und die Astronomie greifen auf Zahlen zurück, nicht auf Buchstaben«, warf ich ein, »und gerade das sind die Bereiche, die uns eine tiefere Erkenntnis unserer Existenz vermitteln.«

Der Sammler begann zu nuscheln, aus seinen Nasenflügeln regnete Rotz.

»Nein«, prustete er, »neinnein! Formeln und Zahlen sind eine konstruierte Wirklichkeit, die dem Gebrauch allzu vieler Buchstaben aus dem Weg gehen will. Jeder Physiker, der sein Fach wirklich versteht, kann jede Formel und jeden Prozess mit Worten beschreiben. Er kann Ihnen und mir erklären, was auf atomarer Ebene passiert. Er kann es zwar in der Tat viel einfacher in Formeln fassen, die dem Laien nicht viel sagen, aber innerhalb des Systems stimmig sind, doch er kann es sehr wohl auch in Worte fassen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte ich, und ich gebe zu, das ist selten eine überzeugende Reaktion. Was ich hätte einwenden wollen, war, dass Quantenphysiker sich oft überhaupt nicht vorstellen können, was ihre Zahlen bedeuten. Dass die Anzahl der Dimensionen das Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen des Menschen übersteigt. Dass das Alphabet zu wenig Buchstaben hat, um die Reichweite eines Konzeptes wie »Multiversum« zu umschreiben, die beklemmende Vorstellung, dass alles, was geschehen kann, auch tatsächlich geschieht in einem der unzähligen Paralleluniversen, die existieren. Dass die Unzulänglichkeit des Wortes »existieren« im vorigen Satz zeigt, wie wichtig objektive Zahlen sind. Dass die Mathematik eine Sprache ist, die Wörter überflüssig macht, dass Phänomene wie schwarze Löcher erst mathematisch bewiesen wurden, bevor man sie entdeckte, dass die Wahrheit vielleicht in algebraischen Gleichungen verfasst ist. Diese Nebelmaschine in meinem Kopf löste die Sprinkleranlage aus, die statt Wasser den Satz versprühte: »Da bin ich mir nicht so sicher.« Genevo fühlte sich bestätigt.

»Wie lernt man Mathematik?«, fragte er schalkhaft. Der Kleinere versuchte, seine Existenzberechtigung in diesem Gespräch dadurch zu beweisen, dass er mir ein schneidendes »Nun?« zuwarf.

Doch so einfach gab ich mich nicht geschlagen. »Man lernt Mathematik, indem man das Zahlensystem zu begreifen versucht, und anschließend lernt man allerlei abstrakte Rechenregeln auswendig.«

»Grundsätzlicher! Wie lernt man das? Wie genau verläuft der Lernprozess?«

»Nun ja, man liest ein Buch oder …« Jetzt kapierte ich, worauf er hinauswollte, und klappte den Mund zu.

»Fürwahr! Man liest darüber. Man lernt mit Hilfe von Wörtern. Ein Lehrer unterrichtet mit Wörtern; das Buch erklärt mit Wörtern; ein Mitschüler hilft dir mit Wörtern. Kurzum: Die Sprache lehrt das Rechnen.«

Halleluja.

Es war jedenfalls spannender, den tieferen Einsichten dieser zwei Hobbits zu lauschen als den Trivialitäten Heino Dissels. Das Mädchen auf der Couch musste sich noch einen Moment gedulden, und dem geistesgestörten Lulatsch mit Bart, der ganz für sich in der dunkelsten Ecke des Zimmers tanzte, wollte ich vorläufig lieber aus dem Wege gehen. Also fragte ich flüsternd, als würde ich der Offenbarung eines unermesslich tiefen Geheimnisses immer näher kommen: »Welche Sätze haben es bisher zu der Tafel ganz links geschafft?« Es war offensichtlich eine gute Frage, denn der Kleinere wandte sich mit scheinbar aufrichtiger Neugier Genevo zu.

»Das darf ich nicht verraten«, antwortete der Sammler ebenso flüsternd.

Ich blies eine Art »aha« zwischen den Lippen hervor und leerte mein Glas.

»Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür. Darüber kann und will ich nichts sagen. Ich weiß ja nicht, wie groß das Geheimnis ist, das ich noch entdecken werde. Wie sich die Menschen dieser Herausforderung stellen werden und ob ich wirklich den Sinn des Daseins mit allen teilen soll.«

»Verstehe. Du hast recht. Besser, man behält es für sich. Kannst du absahnen, wenn es dir passt.«

»Oh, aber ich kann das Ergebnis meines Experiments noch gar nicht abschätzen. Ich muss Tausende Klassiker der Weltliteratur noch auswerten. Ich muss die Sätze tausend Mal neu kombinieren. Ich muss die Sätze neu anordnen und die Wandtafeln mit den Sätzen und so weiter. Erst siebenundfünfzig Sätze haben es bis zur Tafel ganz links geschafft. Und wer sagt, dass der Sinn des Daseins nicht aus zwanzigtausend Sätzen besteht? Man weiß es nicht.«

Da war ich ganz seiner Meinung. »Nein, man weiß es nicht.« Er sah mich kurz prüfend an und schien zu zweifeln, ob er mich ins Vertrauen ziehen konnte. Dann griff er in seine Innentasche.

»Aber ich kann Ihnen Fotos von einem Text auf der neunten Tafel zeigen. Habe ich immer bei mir. Wenn ich bei Leuten zu Besuch bin und Bücher sehe, die ich nicht kenne, frage ich immer, ob ich den zweiten Satz fotografieren darf. Und dann ist es hilfreich, wenn ich meine Bitte mit einem Beispiel illustrieren kann.«

»Beispielhaft ist es bestimmt«, konstatierte ich. Auf eine große graue Pinnwand waren beschriftete Zettel geheftet, eine typographische Kakophonie semantischer Novitäten. Ich las:

 

Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Wir waren ungefähr dreißig Leute, alles mittlere Führungskräfte, fünfundzwanzig bis vierzig Jahre alt. Kurz und gut, all jene, von denen man sagt, sie seien nicht ganz mittellos. Die geschlafen hatten, wurden wach, und alle fuhren auf, als seien sie beim Arbeiten überrascht worden. Von einem Dach blickten ein paar Geier mit gemeiner Gleichgültigkeit herab. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Bei solchen Sachen sind sie ganz schön empfindlich, besonders mein Vater. Seit wie vielen Tagen war er auf den Wellen getrieben, an ein Brett gebunden, tagsüber mit dem Gesicht nach unten, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, den Hals unnatürlich verrenkt, um kein Wasser in den Mund zu bekommen, verätzt von der Salzlauge, sicherlich fiebernd? ›Hoji!

 

Der Kleinere musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um mitlesen zu können.

»›Hoji‹?«, fragte ich.

»Die Geschichte geht weiter, das nur nebenbei. Mehr passte nicht auf ein Foto. Das ›Hoji‹ stammt aus Rushdies Die satanischen Verse. Als sie vom Himmel purzeln. Anschließend« – er zeigte mit gekrümmtem Zeigefinger auf das Foto – »treten zwei Narren auf, die in ein paar Dutzend Sätzen die Gruppe von dreißig Mann ins Verderben führen.«

Ich erkannte den zweiten Satz aus Umberto Ecos Die Insel des vorigen Tages, das ich zu Hause stehen hatte. Eine ganz ordentliche Leistung, fand ich selber, und um meine Belesenheit zu demonstrieren, sagte ich: »Ja, ja, der Eco. Typisch.«

»Der Name der Rose«, sagte der Kleinere. Er schwitzte auf einmal.

Genevo ignorierte ihn. »Gott, Houellebecq, Gogol, Flaubert, Graham Greene und Günter Grass, Salinger natürlich, Rushdie und eben Eco.«

»Bei dem ersten zweiten Satz sind allerdings die Urheberrechte noch nicht ganz geklärt«, beendete ich das Gespräch. Ich steckte das Foto ein.

Die Männchen schienen erschrocken ob meines abrupten Bremsmanövers. Wie aus der Pistole geschossen fragte Genevo: »Könnten Sie mich vielleicht nachher mit zu sich nach Hause nehmen, ich würde gerne mal einen Blick in Ihren Bücherschrank werfen.« Sie guckten mich beide hoffnungsvoll an. Diese Schmutzfinken. Wenn sie wüssten, wie gemütlich es bei mir im Moment war.

»Nein, herzlichen Dank. Ich neige zum anderen Geschlecht. Hochinteressantes Gespräch; toi, toi, toi und prost.«

Ich hatte schon immer meinen Spaß daran, eine Unterhaltung unvermittelt abzubrechen. Ich ließ den Sammler und seine Labormaus verdattert stehen und schlenderte schon etwas beschwipst in die Küche. Ich dachte an den zweiten Satz vom Fest des Ziegenbocks, das auf der Liste der Bücher stand, die ich während meiner Ausbildung hatte lesen müssen. Es vermittelt ein wahrheitsgetreues Bild von den Gefahren linken Denkens, linken Schreibens und vor allem linken Tatendrangs. Wir bekamen es nach der ersten Vorlesung gratis. Also habe ich es gelesen.

Ihre Eltern hatten ihr keinen großen Gefallen getan; ihr Name ließ an einen Planeten denken, an ein Mineral, an alles Mögliche, nur nicht an die schlanke Frau mit feinen Gesichtszügen, glatter Haut und großen dunklen, ein wenig traurigen Augen, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickten.

 

In der Küche versuchte Firthe sichtlich gereizt, einen abgebrochenen Korken aus einer Flasche Pinot Gris zu pulen. Ihre Irritation konnte drei Gründe haben: der Korken, Dissel oder der Finger meiner Nachbarin auf meiner Hand vorhin auf der Couch. Ich hoffte auf Letzteres, ging aber sicherheitshalber von einer Kombination der beiden anderen Gründe aus.

»Brauchst du Hilfe?« Die Frage deckte zwei der Irritationsfaktoren ab. Möglicherweise sogar alle drei.

»Geht schon.«

»Okay.«

Ich schaute ihr zu. Sie schaffte es nicht.

»Nicht, wenn du mir auf die Finger guckst.«

»Komisch, nicht, dass es dann nicht klappt?«

Sie stocherte mit einem Küchenmesser im Flaschenhals herum. Die Gäste würden sich mit schwimmenden Korkenkrümeln abfinden müssen, wenn sie nicht gar an Glasscherben erstickten.

»Nimm doch eine andere Flasche.« Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und lehnte mich an den Kühlschrank. Hätte sie einen längeren Rock getragen und wäre die ganze Küche schwarzweiß gewesen, ich wäre jetzt Marlon Brando.

Sie sah nicht auf.

Ich fing an zu pfeifen.

Ganz ruhig. Ganz, ganz ruhig.

»Kannst du bitte aus meiner Küche verschwinden?«, klang es unterkühlt; sie sah mich immer noch nicht an.

»Aber ja. Ich wollte mir nur ein Glas Wein holen. Hast du noch … Pinot Gris?«

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen.

Ob sie sich das Lachen nicht verkneifen konnte oder drauf und dran war, mir die Flasche an den Kopf zu werfen, blieb offen.

In dem Moment stürmte Heino herein.

»Entschuldige, Firt, tut mir leid«, sagte er und zeigte auf Hose und Schuhe. »Mir ist ein kleines Malheur mit dem Rotwein passiert.«

Firthe ließ ihren halben Korken nicht aus den Augen. »Und der Teppich hat auch was abbekommen, meine Liebe. Sorry, eh?«

Sie verzog keine Miene. Daher sagte ich: »Und mit jedem deiner Schritte, Heino, hast du auf dem unbescholtenen Teppich noch einen Weinabdruck deiner progressiven Füßchen hinterlassen, du Schlaukopf. Prost übrigens.«

Firthe stellte die Flasche auf den Küchentisch. Sie seufzte tief und blieb halb gebückt stehen, als müsste sie sich an der Flasche festhalten.

»Raus aus meiner Küche. Bitte.«

»Du hast sie gehört, Dissel«, sagte ich.

»Syris.« Es war das erste Mal an diesem Abend, dass sie meinen Vornamen aussprach. »Ihr beide.«

 

R

 

Der junge Mann war sich nicht sicher, ob der Weg am Tau entlang hinauf zur Spitze des Kirchturms angenehmer wäre als der lange Weg zum Festland. Immerhin hatte er jetzt ein Boot. Es war zwar auf unerklärliche Weise an die Leine genommen worden, aber es war und blieb ein Boot.

Um jedoch wegrudern zu können, müsste er das Seil durchschneiden. Und ein Messer hatte er nicht.

Den Mumm, mindestens zwanzig Meter an einer glatten, rutschigen Mauer hinaufzuklettern, aber auch nicht.

Er zauderte, als wäre es nicht das Zaudern gewesen, das ihn hierhergeführt hatte.

 

I

 

Wie viele Gläser ich getrunken hatte, wusste ich nicht mehr. Das Zeitgefühl war mir auch abhanden gekommen. Der Pinot Gris war jedenfalls alle. Von der billigeren Variante, dem Don Hilario, würde ich morgen wahrscheinlich mit üblen Kopfschmerzen aufwachen. Als hätte ich einen Hechtsprung vom Kilimandscharo gemacht.

So etwas konnte Heino Dissel nicht passieren. Man konnte ihm vieles nachsagen, doch Alkohol vertrug er. Gut, mittlerweile sorgte die eine oder andere Silbe für einen Stau in seinem Redefluss, und nicht jeder Nebensatz bekam wieder Boden unter den Füßen, aber der Unterschied zu seinen Beiträgen in nüchternem Zustand war nicht sehr groß.

»Könnte mal jemand ein Fenster öffnen?«, fragte er auffällig höflich, worauf er seine Sicht des Weltschicksals vortrug. Er ließ dabei keine Gelegenheit aus, das »Ideal der Demokratie« herunterzumachen, obwohl doch gerade einer wie er, der unbeirrt seine Stimme auf volle Lautstärke drehte und dem die rudimentärsten Umgangsformen abgingen, in ihr blühen und gedeihen würde.

Aber um nun ein Fenster zu öffnen, nee. Dafür saß ich viel zu tief in der Couch.

Alles drehte sich außerdem. Alles im Zimmer und in meinem Kopf.

Firthe stand auf, sie litt natürlich an der Dissel-Allergie, ging zum Fenster, doch öffnete es nicht. Sie schaute hinaus, wollte etwas sagen, überlegte es sich anders und verschwand nach oben. Heino bekam von all dem nichts mit.

»Was heißt hier Wahlkreise? Und wie groß müssen die sein? Und dann lassen wir natürlich wieder Hinz und Kunz zur Wahl gehen, was?«

Ich gähnte. Wraps waren hier nicht erschienen. Ich zu meinem Leidwesen schon. Was für eine Scheißparty. Und außerdem regnete es noch.

Es war ein löbliches Vorhaben gewesen, Firthes Geburtstag zu feiern und dann abzuhauen. Doch ich hätte mich nicht daran halten sollen – wie ich mich ja auch sonst nie an etwas hielt.

Meine Nachbarin fuhr hoch. Sie war meine letzte Chance auf einen gelungenen Abend. Nicht dass mich das noch interessierte. Trotzdem.

»Regnet es immer noch so?«, fragte sie gähnend.

»Wenn das hier nicht eine durch und durch misslungene Fete wäre, würde ich fast denken, du hast es auf ein Gespräch mit mir abgesehen.« Ich konnte solche Sachen mit einem Lächeln sagen. Mein Lächeln hätte noch den Giftgasangriff auf ein westafrikanisches Dorf verharmlost.

»Wenn ich nicht solche Kopfschmerzen hätte, würde ich mich gerne mit dir unterhalten.«

»Wenn ich mich nicht so gerne mit dir unterhalten würde, würde ich dich jetzt auf der Stelle ausziehen«, lächelte ich noch breiter. Zur Sache, Schätzchen, dachte ich.

»Wenn du mich nicht schon längst mit deinen Blicken ausgezogen hättest, würde ich denken, du bist ein lieber Junge.« Es war offenbar ernst gemeint. »Drecksau.«

In dieser Phase des Debakels galt es, das Lächeln in Gang zu halten. Sie drehte den Kopf verärgert weg.

Was für ein Eiszapfen. Vorsichtig schaute ich mich um, ob jemand meine Blamage mitbekommen hatte. Da fing sie zu lachen an. Nicht laut, doch laut genug für mich. Sie sah mich wieder an.

»Reingefallen!«

Erleichtert gestand ich, dass mir das nicht oft passierte. Sie kringelte sich fast vor Lachen und nahm das zum Anlass, sich an mich zu schmiegen.

»Ich heiße übrigens Viantha.«

Ihre Stimme hatte etwas Vertrautes. Meine rechte Hand landete wie zufällig unter ihrer linken Pobacke. Ich tastete ein wenig weiter, und Viantha brachte meine Hand zum Glühen. Ihr noch immer vibrierender Körper drückte jetzt auch gegen meine Oberschenkel; sie rutschte immer tiefer, und plötzlich lag ihr Kopf auf meinem Schoß.

»Was ich mich schon die ganze Zeit frage«, sagte sie, »wie würdest du dich entscheiden?«

»Wobei?«

»Wenn du in der Show eine der drei Türen anweist, und der Quizmaster öffnet eine andere Tür, hinter der sich der Preis nicht befindet, bleibst du dann bei deiner ersten Wahl?«

 

Es lag mir auf der Zunge zu sagen, dass es mir prinzipiell unmöglich sei, mich für eine der drei Türen zu entscheiden. Und wenn ich doch eine Tür gewählt hätte, und der Quizmaster würde versuchen, mich auf andere Gedanken zu bringen, würde ich wahrscheinlich so lange vor mich hinstarren, bis das Universum implodiert wäre. Ich bin mir sicher, ich würde verhungern in einer Stadt mit übermäßig vielen Supermärkten und Restaurants: In welchen Laden sollte ich um alles in der Welt gehen und warum? Und gab es nicht einen Häuserblock weiter ein besseres Restaurant oder einen günstigeren Supermarkt? Und wenn sich nicht irgendwann eine Frau für mich entschieden hätte, wie Eltern sich für Kinder entscheiden, wäre ich dann nicht für immer allein geblieben?

Da ich aber nicht die geringste Lust hatte, weiter darüber zu grübeln, und es mir vernünftiger schien, Viantha mit meiner Oberflächlichkeit statt mit meinem Tiefsinn ins Bett zu quatschen, sagte ich nur: »Ja.«

Noch immer saß sie gravitätisch auf meinen Fingern. Und sie flüsterte mir ins Ohr, sie würde mit mir nach Hause gehen. Das lief ja wie geschmiert, wenn auch mein Domizil nicht in Frage kam. Aber gerade als ich, angespornt durch die totale Geistesabwesenheit der anderen Gäste (ein Abend mit Dissel stumpft nun mal ab), meine manuelle Spähpatrouille zum Zentrum der weiblichen Macht schicken wollte, ertönte ein Knall.

Eine Fensterscheibe barst. Heino schoss in die Höhe, meine Nackenhaare sträubten sich – von oben kam ein fast kindlicher Schrei, Firthes, nahm ich an, und ging gleich darauf in lautes Röcheln über.

Von der Straße drang Lärm herauf.

Es klingelte an der Tür.

Und dann fiel das Licht aus.

 

R

 

Klar denken konnte der junge Mann schon seit Tagen nicht mehr, trotzdem kam er zu dem Schluss, dass jemand das Tau, das von seinem Boot bis ganz nach oben zur Turmspitze zu führen schien, mit der Hand am Bug befestigt haben musste. Es hatte nämlich einen Knoten. Also war entweder jemand, während er schlief, von oben herabgeflogen, hatte das Tau festgemacht und sich wieder in die Lüfte geschwungen, oder es gab einen einfacheren Weg zur trockenen Höhe, eine Leiter etwa. Er versuchte etwas zu entdecken, soweit das seine vom Wind tränenden Augen zuließen.

In der Wand vor ihm war keine einzige Öffnung. Vielleicht befand sich irgendwo an der Seite ein Fenster, das er nicht sehen konnte, aber es lagen keine Ruder im Boot. Mit den Händen dorthin zu paddeln, war kaum möglich, und außerdem war er so müde, dass er kaum die Arme über den Bug heben konnte. Doch in so gefährlicher Nähe zu einer Steinmauer war er in dieser Nussschale alles andere als sicher.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang er über Bord. Wie eine eiskalte Dusche nach der Sauna drang die Kälte durch das Clownskostüm und die drei Kleiderschichten in seinen Körper ein.

Er strampelte mit seinen bleischweren Beinen, versuchte das Boot hinter sich herzuziehen und bis zur Ecke der Mauer zu schwimmen. Nicht mehr als fünf Meter waren es – doch jede Welle warf ihn wieder zurück.

Es war sinnlos. Die Kälte raubte ihm den Atem. Aber ins Boot zurückzuklettern, war leichter gesagt, als getan. Der Bootsrand kam ihm unerreichbar vor, und die Kraft, sich wie eine Rakete aus dem Wasser zu katapultieren, hatte er schon vor Tagen verloren.

Dies war also das seit langem erwartete Ende einer von vornherein aussichtslosen Unternehmung.

Eine kräftige Welle schlug seinen ohnehin ziemlich lädierten Kopf gegen die Bootswand. Er sah nichts mehr, das Wasser, das er schluckte, hatte einen leichten Salzgeschmack. Die schneidende Kälte war überall, das Blut bemerkte er nicht. Wieder eine Welle. Er würde mit dem Kahn zerschellen oder sich den Schädel daran brechen.

Wie war das noch mal mit Wasser? War die Strömung unter der Oberfläche genauso stark? Oder stärker? War es unten vielleicht sicherer? Erschöpft und zitternd sog er die Lungen voll, schmeckte noch einmal die Luft. Vielleicht das letzte Mal. Und tapfer tauchte er unter.

 

I

 

Die Treppe hatte vierzehn Stufen. Vierzehn Stufen ins Ungewisse.

In der Dunkelheit übersah ich das Schränkchen, das da hauptsächlich stand, um einer Kristallvase als Untersatz zu dienen. Das Geräusch von zerbrechendem Glas quittierte Dissel mit der Mitteilung, ich würde alles nur noch schlimmer machen. Doch was hätte ich tun sollen? Nach Firthes Schrei hatten alle mich angeguckt. Keine Ahnung, warum, aber in so einer Situation ist es verdammt schwer, nichts zu unternehmen. Sogar wenn alles einen nur noch einen Dreck interessierte.

Ich wollte gerade etwas zurückbrüllen, als ich sie sah.

Auf dem Boden im obligaten Schein des Mondes lag Firthe. Das linke Bein angewinkelt, das rechte zeigte zur zerbrochenen Fensterscheibe des Badezimmers. Vorhänge flatterten, der Wind wehte Regentropfen und Stimmengewirr von der Straße herein.

In der Ferne heulten die Sirenen der Patrouillen.

Alles geschah gleichzeitig, so kam es mir vor, doch ich kann nicht leugnen, dass der Alkohol dieses Gefühl verstärkte. Unten wurde die Haustür geöffnet, Stimmen redeten wild durcheinander, und ich verstand nichts.

Ich machte einen Schritt auf Firthe zu.

Ihr Kopf lag in einer Blutlache.

 

R

 

Als das Wasser sich um ihn schloss, fragte er sich einen Moment, warum es nicht immer so bleiben konnte. Er fühlte sich sicher. Geradezu wohlig. Und es war ihm sogar ein bisschen weniger kalt. Er hielt Arme und Beine still. Er hörte sein Blut in den Adern rauschen.

Und dann traf ihn wie aus dem Nichts eine unsichtbare Faust im Gesicht, in der Magengegend und zwischen den Beinen. Es war eine Strömung aus dem Nirgendwo, die ihn nach hinten warf. Oder nach vorn oder zur Seite. Er schlug mit dem Kopf gegen etwas Hartes – wahrscheinlich die Mauer des Kirchturms oder das Boot –, und der Aufwärtsdruck des Wassers stemmte ihn nach oben. Er bereitete sich darauf vor, gehörig Luft zu holen, doch so weit kam es nicht. Sein Kopf und ein wild fuchtelnder Arm blieben in einem Loch in der Mauer hängen. Sein Körper setzte die Aufwärtsbewegung fort und schlug, vom Knie abwärts außerhalb des Wassers, gegen die Kirchturmmauer und wieder zurück. Er hing nun beinahe horizontal in der Schwebe. Schmerz und Kälte lagen im Clinch miteinander – und er musste jetzt einfach Luft holen.

 

I

 

Ich legte Daumen und Zeigefinger ans Kinn und stellte mir vor, ich hätte eine Pfeife im Mund. Die Augen kniff ich zu schmalen Schlitzen zusammen, wie ich es in Filmen Kommissare und Privatdetektive hatte tun sehen. Die bei mir sowieso schwer zu lokalisierende Grenze zwischen Gleichgültigkeit und Albernheit hatte der Wein gänzlich verwischt.

Der Blitz, so rekonstruierte ich den Hergang, hatte genau mitten in die alte Ulme auf der gegenüberliegenden Straßenseite eingeschlagen und hatte sie wie einen Strohhalm geknickt. Sie war nicht Richtung Grünanlage gefallen, nicht auf die Straße und nicht zu den Nachbarn, sondern genau auf Firthes Haus. Und von allen ihren Ästen und Zweigen war der längste und dünnste, der schönste von allen mit einer Zielsicherheit, um die ihn Dartweltmeister beneiden würden, auf das Badezimmerfenster zugeflogen und hatte sich mit gebieterischer Kraft und Geschwindigkeit Zugang verschafft.

Und wenn Firthe nicht gerade in dem Moment am Fenster gestanden und sich das aberwitzig heftige Gewitter angeschaut hätte, wenn die Faszination sie nicht im Würgegriff gehalten hätte, als der Blitz vor ihren Augen in die Ulme einschlug – oder wenn sie nicht Geburtstag gehabt hätte oder wenn sie nie geboren worden wäre –, dann hätte sie jetzt noch gelebt. Beziehungsweise dann wäre sie jetzt nicht gestorben.

Ich musste rülpsen. Der Gestank verstimmte mich mehr als Firthes Tod. Ich war mittlerweile ziemlich abgehärtet, schloss ich daraus.

Ich beugte mich über sie. Sie schien die Augen zusammenzukneifen. Aus ihrem Mund quoll Blut. An ihrem Hals war ein dunkelroter Fleck. Dort musste der Zweig eingedrungen sein und ihre Luftröhre durchbohrt haben, obwohl ich ihn nirgends entdecken konnte.

Ich beschloss, den anderen Bescheid zu sagen. Heino Dissel hockte kotzend in einer Ecke des Wohnzimmers, bemerkte ich, als ich die Treppe hinunterging. Dabei wusste er noch gar nichts von der Leiche in Firthes Badezimmer. Firthes nämlich.

In der Wohnzimmertür stand eine mir unbekannte Frau in einem violetten Nachthemd, ein Haarnetz über ihrer lockigen, ergrauten Frisur, und redete aufgeregt auf die Gäste ein.

»Das Wasser kommt aus allen Gullys.« Sie zeigte auf ihre pitschnassen Pantoffeln. »Ich wohne nebenan, bei mir steht es schon im Flur.« Eine ergreifende Story, aber nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt verkünden würde.

»Firthe ist tot«, sagte ich auf halber Treppe. In Gedanken wiederholte ich es. »Firthe ist tot.« Es war in etwa die wichtigste Nachricht, die man jemandem überbringen kann. Dass ein Mensch, den man kennt, tot ist. Und in dem prickelnden Widerstreit zwischen dem Journalisten in jedem Menschen (der gerne möglichst viele, möglichst peinliche Tatsachen über das Privatleben anderer Leute in Umlauf setzt) und dem mitfühlenden und tröstenden Mitmenschen (der das Überbringen einer Trauernachricht lieber uniformierten Beamten überlässt) gewann der Erstere selten so eindeutig die Oberhand wie in diesem Moment. Die völlige Fassungslosigkeit in den Augen der Anwesenden – außer in denen von Heino Dissel – löste bei mir eine Gänsehaut aus.

Vor Erregung wohlgemerkt.

Laut wiederholte ich: »Sie ist tot. Firthe ist … tot.«

Wow. Diese Stille!

Dann musste ich wieder rülpsen.

Dissel hatte sich mittlerweile ausgekotzt und griff nach den Nüssen. Ich wollte den Effekt nicht gleich wieder durch einen naturgemäß unspektakuläreren Satz zunichte machen und schwieg. Die Frau mit den Pantoffeln nutzte die Chance und stammelte als Erste. Und ich muss sagen, sie hielt das Gespräch ganz anständig in Gang.

»Ist sie … tot?«

Ich brauchte zehn Sekunden, um zu entscheiden, ob ich antworten (»Es ist bedauerlich, aber nicht zu ändern« oder so ähnlich) oder nur nicken sollte. Ich tat Letzteres, setzte aber noch einen Ächzer drauf.

Das Zimmer wimmelte von Lahmärschen. Viantha war die Einzige, die etwas unternahm, sie ging an mir vorbei die Treppe hinauf. Sah mich nicht an. Wollte sich selbst überzeugen. War sie mit Firthe verwandt? Nach ihrer Anwesenheit hier zu urteilen, müsste sie eigentlich eine unserer Kolleginnen sein, denn andere soziale Kontakte waren verpönt. Insofern war diese Fete allerdings ziemlich illegal, denn außer Heino und Firthe kannte ich niemanden. Aber ich war auch schon ein paar Monate nicht mehr an meinem Arbeitsplatz gewesen.

Ich ließ teilnahmsvoll den Kopf hängen und nahm wieder im Sitzsack Platz. Noch immer hatte außer der Pantoffelfrau niemand etwas gesagt. Ich brauchte Feedback. Sie standen dicht gedrängt an der offenen Haustür, durch die der Wind den Regen hereinpeitschte. Sie schienen etwas zu besprechen, das ich nicht hören durfte.

In der Ferne noch immer die Sirenen.

Das Knirschen der Nüsse zwischen Heinos Zähnen war das einzige andere Geräusch.

Und Vianthas Schrei, als sie bei Firthe angekommen war. Alles in allem ein melancholischer Abend.

Die Pantoffelfrau hielt sich, wahrscheinlich vor Entsetzen, die Ohren zu, und ich dachte unwillkürlich an die möglichen Folgen dieser Party (vielleicht könnte ich Dissel einen Mord in die Schuhe schieben, oder Viantha spendete mir Trostsex), als sich die Gesichter mit einem Mal aufheiterten. Schuld war Viantha, die nach ihrem Schrei rief: »Sie lebt! Firthe lebt noch! Sie atmet!«

Hatte die Menge der Gläser, die ich leergetrunken hatte, mein Urteilsvermögen so in Mitleidenschaft gezogen? Ich kam auf sieben oder acht. Genug, um die Dinge in einem rosigen Licht zu sehen, aber zu wenig, um die Folgen eines Ulmenzweigs, der sich in einen Hals bohrt, gänzlich falsch einzuschätzen.

Firthe war mausetot. Es konnte nicht anders sein.

Alle, die Nachbarin inklusive, rannten nach oben. Da ich das für sinnlos hielt, ging ich in die Küche, um mir ein Glas Leitungswasser zu holen, doch es kam nichts aus dem Hahn. Ich probierte ohne Erfolg die Warmwasservariante und griff schließlich zu einer Flasche Mineralwasser.

 

Meiner Ansicht nach übrigens einer der Auswüchse der Konsumgesellschaft, wenn auch sein kommerzieller Erfolg zum Teil mir zu verdanken war. Durch meinen Job bei der Steuerfahndung war ich in einer Kommission gelandet, die untersuchen sollte, ob es genug Gründe zur Besteuerung von gewöhnlichem Leitungswasser gab. Wie immer lautete das Ergebnis, dass es diese Gründe selbstverständlich gebe, dass aber eine solche Maßnahme nicht sehr effektiv sei, weil die Leute dann auf das billigere Mineralwasser zurückgreifen würden. Und das wurde meist aus den Non-engaged States importiert, was natürlich bedeutete, dass wir es nicht besteuern durften. Wie sehr das Engagement die Non-engaged States auch unter Druck setzte, dem Wirtschaftsverband beizutreten, bisher waren alle Bemühungen erfolglos geblieben. In der Zwischenzeit konnten wir all die Sachen, die wir ihnen abgewöhnen wollten – nämlich das Besteuern ausländischer Produkte –, nicht offen praktizieren. Auch Scheinheiligkeit hat nun einmal ihre Grenzen. Das Ziel des Engagements war es jedenfalls, alle und zumal diese Grenzen irgendwann verschwinden zu lassen.

Die Kommission empfahl dennoch die Privatisierung der Wasserquellen. Und in Rekordzeit stampfte GoogleWorldwide ein Tochterunternehmen aus dem Boden, Less-Thirst, das alle anderen Spieler in diesem neuen Markt aufkaufte.

Es ist ein Beispiel für einen Fehler im System. Irgendwo ist ein Wackelkontakt, oder eine Leitung ist verstopft. Der Konsument, ich also, sollte doch im Mittelpunkt des freien Markts stehen, oder?

Mittlerweile bezahlt der Konsument fast genauso viel für Wasser aus dem Hahn wie für das Wasser aus der Flasche.

 

Ich schlenderte zur Haustür, um sie zu schließen, und merkte sofort, dass sich die Hintergrundgeräusche geändert hatten. Keine Sirenen mehr, keine Stimmen von oben, sogar der heftige Wind wurde von einem merkwürdigen Grollen übertönt. Es schwoll an und war schließlich so durchdringend, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Der Fußboden begann zu beben. Firthes Metallschrank mit der Sammlung ihrer Fotos vom Ende des vorigen Jahrtausends kippte um. Ich stand in der Tür und sah, wie der Sendemast der auf der Heide einquartierten Truppen, die uns vor Terroranschlägen beschützen sollten, umkippte. Nicht schwankend, zögernd und bis zum Schluss unschlüssig, nein, er stürzte einfach um. Als hätte ein Riese ihn niedergetreten. Lautlos – denn nur das noch immer anschwellende Rauschen füllte meine Ohren.

Regen schlug mir ins Gesicht. Ich schmeckte Salz. Ja, eindeutig Salz.

Das Dröhnen wurde unerträglich. Die Straße war in völlige Dunkelheit gehüllt, keine einzige Mediabox leuchtete hinter den Fenstern, die Straßenleds funktionierten nicht, und auffällig wenige Autos fuhren vorbei. Erst jetzt sah ich hier und da Leute aus ihren Häusern kommen und in Panik hin und her rennen. Ich ging nach draußen und war sofort pitschnass. Der heftige Wind schmirgelte meine Wangen.

War Firthe nun tot, oder lebte sie?

Ihr Haus und das der Nachbarn standen höher als die am Anfang der Straße. Das Viertel war entsprechend den Regeln und Empfehlungen des internationalen Umweltabkommens von Dallas auf einem alten Schuttabladeplatz gebaut worden. Die ehemalige Mülldeponie war zu einer Festung geworden.

Ich konnte nicht sehen, was sich in dem tiefergelegenen Teil der Straße abspielte. Nur, dass es dort mit einem Schlag noch dunkler wurde. Die Silhouetten der Häuser wurden von diesem Schwarz verschluckt, und ich meinte, über den nun lächerlich lauten Geräuschpegel hinweg ein Krachen und Knirschen und Schreie zu hören.

Auf der anderen Straßenseite rannte jemand mit einem Kind im Arm vorbei. Weg von der Finsternis, die von unten heraufkam. Ich überlegte, ob ich nicht auch die Beine in die Hand nehmen sollte, doch die dichte Wolkendecke hatte alles Licht ausgelöscht, in meinem benebelten Zustand würde ich mir nur das Genick brechen, bevor ich das Ende der unter Wasser stehenden Auffahrt erreicht hätte.

Ich sah nach oben. Kein Mond. Keine Sterne. Ich sah nach unten. Ich stand mit den Strümpfen im Wasser, meine Schuhe hatte ich, wie ich meinte, beim Wärmestrahler im Wohnzimmer gelassen, doch just in dem Moment schwammen sie seelenruhig an mir vorbei. In Firthes Haus stand das Wasser jetzt mindestens zehn Zentimeter hoch.

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