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Trau Keinem, der Dein Bestes Will!

Dörte Thieme

TRAU KEINEM,
DER DEIN BESTES
WILL!

EMOTIONALE ERPRESSUNG

erkennen — durchschauen — beenden

Die Autorin

Nach ihrem Studium der Sonderpädagogik und Psychologie arbeitete Dörte Thieme zwanzig Jahre als Sonderpädagogin in einem Förderzentrum mit verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen.

Nach einer Ausbildung zum Coach änderte sie ihr Tätigkeitsfeld und arbeitete von nun an als Coach mit Erwachsenen. Die denkwürdige Rolle, die emotionale Erpressung im Leben der Betroffenen aller Altersstufen spielte, war für die Autorin Anlass, sich diesem Phänomen mit all seinen Facetten und Spielarten intensiv zuzuwenden. Im Fokus ihrer Analyse stand vor allem das Aufdecken der Ursachen für emotionale Erpressbarkeit und das Entwickeln von Wegen aus dem Opferdasein.

Dörte Thieme ist Mutter zweier erwachsener Söhne und lebt in Berlin.

Wissen ist das Kind der Erfahrung.

Leonardo da Vinci (1452-1519)

Was heißt denn hier das Beste?

Trau keinem, der dein Bestes will! Es könnte sein, dass er sein eigenes meint – und du merkst es gar nicht. Denn du hast gelernt, es irrtümlich selbst für dein Bestes zu halten.

Ein Irrtum, der sich als fatal erweist: Er macht erpressbar und führt auf gradem Weg in die Falle emotionaler Erpressung.

Wie kann es sein, dass emotionale Erpressung für so viele Menschen zum alltäglichen Leben gehört? Merken sie es nicht, wenn andere sie emotional unter Druck setzen, um sie gefügig zu machen? Oder merken sie es und wissen nur nicht, was sie dagegen tun sollen? Und die anderen? Sind die sich der Bedeutung ihres Vorgehens eigentlich immer bewusst?

Als tückische Variante der Manipulation, bedient sich die emotionale Erpressung äußerst unangenehmer Gefühle, die der Erpresser intuitiv in seinem Opfer zu wecken vermag. Dessen Neigung zu besonderem Pflicht- und Mitgefühl, zu Gewissensbissen, Schuldgefühlen und Verlustängsten macht der Erpresser sich zunutze, um emotionalen Druck aufzubauen und nicht lockerzulassen, bis er seinen Willen durchgesetzt und sein Ziel erreicht hat.

Das Opfer realisiert nicht, dass genau dieser Druck seine Erpressbarkeit bewirkt hat, denn es liegt im Wesen der emotionalen Erpressung, dass das Opfer sie nicht als solche erkennt, ihr perfides Spiel also auch nicht durchschauen kann.

Vielleicht hat der Erpresser durchblicken lassen, dass ihm etwas missfällt, dass er verletzt oder enttäuscht ist, etwas erwartet oder braucht. Unmissverständlich ist seine Botschaft, die er durch Blicke und Mimik, durch sein Verhalten und eventuell durch Worte wirken lässt: Sieh zu, wie du mich wieder friedlich und freundlich stimmst! Wenn du mir beweisen willst, dass ich dir wirklich etwas bedeute, solltest du dich so verhalten, wie ich es von dir erwarte! Es könnte für dich sonst sehr unangenehm werden!

Wer sich jetzt betont liebenswürdig verhält, damit sich die Laune des Erpressers bessert, ist der Opferrolle schon bedenklich nahe. Ist es mit Liebenswürdigkeit alleine nicht getan und die Gedanken suchen schon nach einem Ausweg, sinkt die Chance, das unselige Spiel noch rechtzeitig beenden zu können: Wer das Spiel mitspielt wird zum Opfer.

Definitiv nicht mehr aufzuhalten ist das Spiel, wenn das Opfer Angst vor einer Eskalation hat, vielleicht sogar Verlustängste spürt, weil ihm schon mit Trennung gedroht wurde. Dann will es jedes Risiko vermeiden. Die Furcht vor drohender Aggressivität und Unbeherrschtheit oder aber die panische Furcht vor Trennung und Verlust lässt das Opfer alles tun, um den Erpresser versöhnlich zu stimmen. Es will unbedingt wieder gutmachen, womit es seinen Erpresser verärgert und enttäuscht hat. Hauptsache, der Streit, die Vorwürfe, die eisige Atmosphäre oder dieses unerträgliche Schweigen hören endlich auf! Vor solch emotionaler Gewalt kapituliert das Opfer: Es verhält sich so, wie der Erpresser es von ihm erwartet. Nachdem der bekommen hat, was er wollte, steht seiner guten Laune nichts mehr im Wege: Er belohnt sein Opfer mit freundlicher Zuwendung, tröstlicher Intimität und mit dem Gefühl, dass es sich zu seinem eigenen Wohl klug verhalten hat.

So funktioniert eine der wohl raffiniertesten und effektivsten Methoden der emotionalen Erpressung in Beziehungen. Und so hat sie schon in der Kindheit funktioniert, als dem Kind unter emotionalem Druck beigebracht wurde, was das Beste für seinen Seelenfrieden ist; als es lernen musste, wie es sich zu verhalten hatte, wenn es sich die Zuwendung und Liebe der Eltern sichern wollte. Wurde ihm zur Strafe der Liebesentzug als schmerzhafte Lektion erteilt, hat es auf diese Weise schon als Kind die Angst vor Liebesverlust kennengelernt, was in dem Moment schließlich auch die Absicht der Lektion war.

Das ahnungslose Kind macht so seine ersten Erfahrungen mit emotionaler Erpressung – immer als Opfer. Dieses denkwürdige Spiel kann ihm unter Umständen mit der Zeit derart vertraut werden, dass später der Erwachsene es ebenso wenig bemerkt und durchschaut wie damals das Kind.

Auch der Erpresser hat seine Geschichte und die ähnelt der seines Opfers: Auch er hat einmal als ahnungsloses Kind seine schmerzhaften Erfahrungen mit emotionaler Erpressung gemacht. Im Gegensatz zu seinem Opfer hat er nur die Logik seiner Erfahrungen umgedreht und seinen Umgang mit den erlittenen Verletzungen und Verlustängsten irgendwann im eigenen Interesse radikal verändert. Dabei scheinen sowohl sein jeweiliger Opfer-Typ wie auch die Art seines für ihn typischen Vorgehens seltsam verknüpft mit bestimmten Merkmalen seiner Erfahrungen, die er damals selbst als Opfer gemacht hat.

Es ist ein Teufelskreis, in dem das Opfer und sein Erpresser agieren. Da der Erpresser profitiert, also keinen Leidensdruck verspürt, hat er folglich keinerlei Interesse daran, das Spiel zu beenden. Beendet werden kann es nur durch das Opfer selbst.

Erst wenn das Opfer weiß, wie emotionale Erpressung genau funktioniert und welchen Ursprung seine Wehrlosigkeit möglicherweise hat, wird es die Erpressung als solche erkennen und durchschauen können. Das ist der Moment, in dem seine bewusste Entscheidung zu reifen beginnt, als Opfer nicht mehr zur Verfügung stehen zu wollen. Die Opferrolle passt einfach nicht mehr zu seinem neuen Selbstverständnis. Ohne Opfer aber ist die emotionale Erpressung am Ende – sie funktioniert nicht mehr.

I. Teil

Am Anfang war Erziehung

Gefühle verschwinden nicht

Ob wir es wollen oder nicht: Mit den prägenden emotionalen Erfahrungen, die wir als Kind gemacht haben, leben wir noch als Erwachsene. Neuro– Wissenschaftler1 konnten nachweisen, dass es vor allem die Emotionen sind, die unsere Erlebnisse als Erfahrungen in uns verankern. Auch wenn das Erlebnis selbst kaum oder gar nicht erinnert wird: die starken Gefühls-Reaktionen, die es einmal ausgelöst hat, verschwinden nicht; ohne erkennbare Verbindung zu dem Ereignis existieren sie weiter. Viel später sind sie in bestimmten Momenten offenbar immer noch in der Lage, sich zurückzumelden. Wir erleben sie immer dann als unverständlich und rätselhaft, wenn sie der momentanen Situation nicht angemessen erscheinen.

Zu welcher Konfusion sie noch nach Jahrzehnten führen können, zeigt folgender Fall:

Nach drei Jahren stand die Frau immer noch vor einem Rätsel, wenn sie daran dachte: Warum war sie nur in solche Panik geraten, als ihre Schwester sie eines Tages anrief, um ihr zu sagen, dass es der Mutter, inzwischen alt und krank, sehr schlecht ging? Sie hatte doch seit Jahrzehnten gar keinen Kontakt mehr zu der Frau gehabt: Schon als junges Mädchen war sie aus dem Elternhaus geflüchtet, um der gewalttätigen, herrschsüchtigen Mutter zu entkommen, die ihre Kinder ständig drangsalierte, demütigte und schlug. Sie fand keine Erklärung für diesen geradezu hysterischen Ausnahmezustand, den der Anruf bei ihr ausgelöst hatte, denn er stand in keinem Verhältnis zu der Gleichgültigkeit, die sie ihrer Mutter gegenüber empfand.

Sie erinnerte sich, dass sie in den zurückliegenden Jahrzehnten diese Panik gelegentlich schon ähnlich erlebt hatte. Es waren immer Situationen gewesen, in denen ein Auslöser für einen Moment in ihr die Fantasie geweckt hatte, ein für sie emotional wichtiger Mensch wolle sie verlassen. Plötzlich erinnerte sie sich, dass ihre Mutter damals oft gedroht hatte, abzuhauen und die Familie zu verlassen. Dabei fiel ihr ein Ereignis ein, das sie als Zwölfjährige in größte Panik versetzt hatte: ihre Mutter hatte ihr als der Ältesten die Aufgabe übertragen, während ihrer Abwesenheit für die drei jüngeren Geschwister zu sorgen. Bei Einbruch der Dunkelheit sei sie spätestens zurück. Als es längst stockdunkel war, und die Mutter noch immer nicht zurück war, ergriff sie Panik: Was, wenn sie nun gar nicht wiederkäme? Vielleicht würde sie heute ihre Drohung wahr machen! Hysterische Angst erfasste sie bei dem Gedanken. Sie war doch selbst noch ein halbes Kind! Wie sollte sie das alles nur schaffen? Hausarbeit, Geschwister, Schule – und keine Mutter! Einen Vater gab es auch nicht mehr.

Damals war die Panik so gewesen, wie sie sie Jahrzehnte später nach dem besagten Anruf gefühlt hatte. Das Erlebnis, das ursprünglich einmal diese extreme Bestürzung ausgelöst hatte, lag nur so weit zurück, dass ihr niemals der Gedanke an einen Zusammenhang gekommen wäre. Ihre Reaktion nach dem Anruf hatte sie vor allem nicht verstehen können, weil ihre Mutter schon seit Langem für sie zur Fremden geworden war. Nichts verband sie noch mit ihr, das ihre Reaktion hätte erklären können.

Heute würde sie ihre Panik nach dem Anruf wie eine Antwort auf die Horror-Botschaft aus der längst vergangenen Kindheit verstehen: Unsere Mutter will abhauen und nicht wiederkommen. Ja, sie war ganz sicher, dass es sich damals genau wie bei dem Anruf angefühlt hatte. Als erwachsene Frau hatte sie offenbar die Spur zum Ursprung einer rätselhaften Reaktion gefunden und so ein emotionales Erlebnis ihrer Kindheit wiedererkannt, das sie längst vergessen zu haben glaubte.

Spurensuche

Wenn emotional prägende Kindheits-Erlebnisse ihre Spuren hinterlassen und nicht vergessen werden, müssten sich dann nicht grundsätzlich zu all den emotionalen Reaktionen und Befindlichkeiten, die uns als Erwachsene mehr oder weniger regelmäßig das Leben schwer machen, die Spuren finden und zurückverfolgen lassen? Ihre Spuren scheinen uns doch offenbar zum Ursprung ihres Entstehens zu führen. Könnten wir auf diesem Weg den Zusammenhang zwischen damals und heute erkennen und verstehen? Wäre das am Ende sogar die Chance zur Befreiung?

Für den Umgang mit emotionaler Erpressung hieße das: Wer ein für alle Mal frei sein will von emotionaler Unterdrückung, muss wissen, auf welche Weise sich früh gemachte emotionale Erfahrungen langfristig auswirken und zeigen können. Wer verstehen will, warum überhaupt ein Mensch sich die Rolle des Opfers zu eigen macht, muss die Vergangenheit verstehen, in der mit der Erziehung alles einmal seinen Anfang genommen hat.

Die Spurensuche beginnt mit der Bereitschaft, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und sich an Ereignisse der Kindheit zu erinnern, die damals mit Gefühlen von Angst, Einsamkeit und Verzweiflung verbunden waren. Sich an solche Ereignisse zu erinnern, fällt verständlicherweise schwer, ist aber wichtig, denn die zu ihnen gehörenden Gefühle halten sich nach wie vor, wie ein Schadprogramm auf der Festplatte, unbemerkt im emotionalen Erfahrungsgedächtnis verborgen.

Solange die ursprüngliche Bedeutung bestimmter Ereignisse bagatellisiert, dem emotionalen Erinnern also keine Beachtung geschenkt wird, bringen sich die Emotionen auf ihre eigene Weise regelmäßig selbst in Erinnerung. Bestimmte Auslöser schaffen es immer wieder aufs Neue, sie abzurufen, wir können ihren Sinn und ihre Bedeutung nur nicht verstehen, denn wir erleben sie in der Gegenwart als unangenehme, quälende Gefühle, von denen wir möglichst schnell erlöst sein wollen.

Bei der Spurensuche geht es also immer um das Erinnern solcher Erlebnisse, in denen irgendwann einmal gezielt oder gedankenlos Verzweiflung und Verlustängste im Kind ausgelöst wurden: als die Eltern den Liebesentzug als Strafe praktizierten, um ihm Verhaltensweisen und Eigenarten abzugewöhnen, die ihnen lästig waren oder die ihrem Wunschbild und ihren Erwartungen nicht entsprachen. Vielleicht waren es auch Situationen, in denen sie das Kind mit ihren zu hohen Erwartungen und tiefen Enttäuschungen emotional einfach überforderten. Für das Kind wurden sie zu emotionalen Erfahrungen und für den Erwachsenen womöglich zu seinem heutigen Problem.

So greift im Nebel einer verklärten Kindheitserinnerung der lange Arm der Erziehung unbemerkt immer noch nach uns, die wir die Kindheit längst hinter uns haben und die wir uns grundsätzlich als psychisch gesund betrachten. Dass die Eltern möglicherweise nicht allzu gut dabei wegkommen, wenn wir uns an bestimmte Ereignisse unserer Kindheit erinnern, liegt in der Natur unseres Problems. Uns bleibt die Erkenntnis nicht erspart, dass Eltern mit all ihren Fehlern und Schwächen eben auch nur ganz normale Menschen sind.

Der blinde Fleck

Um Himmels willen, die armen Eltern! Die haben doch bestimmt immer nur das Beste gewollt! Pures Entsetzen hatte den Moderator der Talkshow2 offenbar zu seinem Einwurf veranlasst. Soeben hatte eine Gerichtsreporterin die Begegnung eines wegen Mordes angeklagten Schülers mit seinen im Gerichtssaal anwesenden Eltern geschildert. Er war beschuldigt, gemeinsam mit seinem Freund dessen Eltern und Schwestern mit dreißig Schüssen aus Habgier getötet zu haben.

Bei allen Zuhörern dürfte der Bericht Beklemmung ausgelöst haben, aber was hatte der Moderator mit seiner spontanen Äußerung eigentlich zum Ausdruck bringen wollen? War es das alte Phänomen, Eltern und ihre Erziehung grundsätzlich zu rechtfertigen? Es mussten offenbar nicht einmal die eigenen Eltern sein, denen blindlings bescheinigt wird, immer nur das Beste gewollt zu haben. Selbst in einem Extremfall wie diesem, gab es anscheinend nicht die Spur eines Zweifels daran. Aber waren damit auch all die Maßnahmen gemeint, die unweigerlich Ängste, Scham, Schuld und Verzweiflung im Kind auslösen?

Im Erwachsenen ist die Erinnerung daran längst verblasst und die damals durchlebten Gefühle sind scheinbar vergessen, aber, wie gesagt, wirklich weg sind sie nicht! Ein emotional blinder Fleck, mit dem der Erwachsene seit seiner Kindheit lebt, versperrt ihm nur den Blick darauf. Bestimmte Kindheitserinnerungen und das Elternbild sind offenbar tabu! Schon beim geringsten Versuch, sich erinnern zu wollen, verteidigen Gewissensbisse und Schuldgefühle diese Blindheit, als müsse hier ein Unrecht verhindert werden.

Wer die böse Tat trotzdem wagt, wird hinter dem blinden Fleck jedoch manches Ereignis entdecken können, das ihm seine Neigung zu besonderer Verletzbarkeit, zu Schuld- und Schamgefühlen, zu übertriebener Verantwortung, zu Eifersucht, Verlust- oder Versagensängsten erklären könnte. Diese quälenden Gefühle als Botschaften früher Kindheitserfahrungen erkennen zu können, führt zu einem neuen Verständnis für die eigene Emotionalität: sie können plötzlich als seltsam vertrauter Zustand aus der Kindheit wiedererkannt werden, denn unter emotionalem Druck reagiert der Erwachsene immer noch mit den gleichen Gefühlen, mit denen er schon als Kind unter Druck reagiert hat.

Dieses Wiedererkennen ist für das Durchschauen der emotionalen Erpressung von besonderer Bedeutung, denn ihr Vorgang gewinnt dadurch an Transparenz. War das Opfer im Dschungel seiner Gefühle bislang nur um das möglichst schnelle Auflösen der quälenden Situation bemüht, kann es nun die Manipulation darin erkennen und sich bewusst als Opfer wahrnehmen:

Das unselige Spiel ist seit der Kindheit immer noch das gleiche, verändert haben sich nur die Zeit und die Personen: Anstelle des Kindes steht heute der Erwachsene und anstelle der Eltern stehen heute Partner, Freunde und andere Menschen, die für ihn die Spielregeln bestimmen.

Eltern sind auch nur ganz normale Menschen!

Auch wenn es zunächst übertrieben oder gar abwegig erscheint: Eltern sind mit ihrer Erziehung der Dreh-und Angelpunkt so mancher Probleme, mit denen sich ihr Kind später noch als Erwachsener herumschlägt. Dem auf die Spur zu kommen, ist allerdings schwierig, solange Eltern pauschal unter dem Schutz der These stehen, immer nur das Beste gewollt zu haben.

Dabei ist ihnen der gute Wille im allgemeinen gar nicht abzusprechen; das eigentliche Problem war damals ihre Ahnungslosigkeit, mit der sie ihre Absicht zweifellos für das Beste hielten und dabei die Bedeutung für das Kind falsch einschätzten – oder im eigenen Interesse ausblendeten. Eltern sind schließlich auch nur ganz normale Menschen! Sie werden nicht nur von eigenen Problemen geplagt wie Abertausend andere auch: Sie können genauso egoistisch, ehrgeizig, ungerecht oder herrschsüchtig sein, wie andere es schließlich auch sind! Bedenklich ist es nur, wenn sie sich als Eltern von ihren Motiven unbewusst leiten lassen. Wenn sie einfach davon ausgehen, dass es so, wie sie es machen, schon das Beste für ihr Kind sein wird und nicht erkennen können oder wollen, dass es in Wahrheit vor allem für sie selbst das Beste ist.

Als ich den Entschluss fasste, mich einmal genauer mit der These, dass Eltern immer nur das Beste wollen, zu befassen, hatte ich bereits meine eigene Erfahrung mit der blockierenden Wirkung dieser These gemacht: sie infrage zu stellen, kam jedes Mal einem Anschlag auf die Liebe der Eltern gleich. Sie duldete offenbar keinen Zweifel und warf im Nu jedes klare Denken über den Haufen, sobald es einsetzte. Übrig blieb dann nur ein schlechtes Gewissen den Eltern gegenüber.

Mein Entschluss stand fest: Dieses Totschlag-Argument gehörte endlich einmal auf den Prüfstand!

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Manchmal sind es ganz banal erscheinende Begebenheiten im Alltag, die erst bei genauer Betrachtung ihre verblüffende Bedeutung entfalten. Stellen Sie sich einmal vor: Ein Bekannter, der Ihnen schon einmal in einer Angelegenheit geholfen hat, bittet Sie um einen Gefallen. Dieser Gefallen ist für Ihren Geschmack eigentlich eine Zumutung, aber Sie lassen sich nichts anmerken und sagen zu – schließlich sind Sie ihm ja noch etwas schuldig. Hinterher wissen Sie nicht, über wen Sie sich mehr ärgern sollten: über den anderen, der Ihre Hilfsbereitschaft so schamlos ausgenutzt hat, oder über sich selbst, weil Sie sich wieder einmal, gegen ihre eigene Empfindung, der Erwartung einer anderen Person gefügt haben.

Sollte Ihnen diese Situation auf irgendeine Weise bekannt vorkommen, dann werden Sie den nagenden Ärger womöglich besser kennen als Ihnen lieb ist, und Sie können vielleicht den Frust verstehen, dem kürzlich ein Bekannter Luft machte: Er ärgerte sich über einen Nachbarn, von dem er sich dreist ausgenutzt fühlte; gleichzeitig ärgerte er sich mindestens genauso über sich selbst, weil er nicht wusste, wie er sich dagegen wehren sollte. Was ursprünglich mit einer Notsituation begonnen habe, sei inzwischen ärgerliche Gewohnheit geworden. Dieser Nachbar hole sich, seitdem sein eigener Rasenmäher defekt sei, mit einem freundlichen Gruß und der Selbstverständlichkeit eines Kolchosbauern den neuen Rasenmäher aus dem Schuppen. Schon häufiger habe er sich in seiner Fantasie ausgemalt, wie er diesem Treiben ein Ende setzt, aber anstatt dem Nachbarn zu sagen, dass er gefälligst endlich wieder seinen eigenen Mäher nehmen solle, habe er sich noch nicht einmal nach dem Stand der Reparatur erkundigt. Er wolle seinem Nachbarn, der ansonsten ein netter Kerl sei, nicht unnötig auf den Schlips treten. Er hoffe einfach, dass der Spuk sich demnächst von selbst erledige …

Wer kennt dieses ungute Gefühl nicht! Wer hat nicht selbst auch schon hier und da lieber eine fette Kröte geschluckt, als sich dem Verdacht auszusetzen, kleinkariert, egoistisch, spießig oder gar geizig zu sein? Manch lustiger Kneipenabend hat schon ein jähes Ende gefunden, wenn es ans Bezahlen ging, wenn verdutztes Schweigen sich plötzlich breitmacht, weil ausgerechnet der mit dem Steak der Einfachheit halber lautstark das Teilen der Rechnung durch die Anzahl der Anwesenden vorschlägt. Niemand widerspricht, auch der mit dem kleinen Salat nicht. Zähneknirschend zahlt auch er seinen Anteil. Er hat für sich nur gerade das kleinere Übel gewählt: Hauptsache, man hält ihn nicht für spießig und geizig.

Zweifellos gehört diese Spezies Mensch zu den besonders angenehmen Zeitgenossen, die wegen ihrer umgänglichen Art von allen geschätzt werden. Wie schlecht sich all diejenigen fühlen, die es vorziehen zu schweigen, um sich nicht unbeliebt zu machen, weiß außer ihnen selbst ja niemand. Aber warum schweigen sie denn, wenn sie doch eigentlich am liebsten protestieren würden?

Vielleicht sind es aber auch ganz andere Dinge, die Ihnen im Alltag zu schaffen machen: Treibt Sie eventuell Ehrgeiz oft an den Rand der Erschöpfung und trotzdem sind Sie nie wirklich mit sich zufrieden? Oder haben Sie in Ihrem Leben schon manche Chance verpasst, weil im entscheidenden Moment Ihr Selbstwertgefühl geschwächelt hat? Nehmen Sie die Gesellschaft von Menschen in Kauf, die Ihnen eigentlich gar nicht guttun, nur um nicht alleine zu sein? Fühlen Sie sich häufig wehrlos, ausgeliefert, zurückgewiesen, von Eifersucht oder von Schuldgefühlen geplagt?

Durchkreuzen Probleme dieser Art immer wieder Ihr Leben, werden Sie das verständlicherweise als unbefriedigend oder auch belastend empfinden. Wirklich deprimierend wird es aber, wenn Sie trotz all Ihrer Bemühungen immer wieder auf ähnliche Weise Ihre unliebsamen Erfahrungen machen, als wären sie Teil Ihres persönlichen Schicksals.

Auf den ersten Blick haben die Eltern natürlich nichts mit dem Ärger in der Kneipe oder mit dem Frust wegen eines penetranten Nachbarn zu tun. Die ständig wiederkehrenden unliebsamen Erfahrungen, die der Erwachsene mit sich und anderen Menschen macht, sind zweifellos das Ergebnis seines heutigen Lebens. Sie ergeben sich in Situationen, die sich immer wieder anders darstellen: gestern war es der Ärger über den dreisten Kollegen, heute die Eifersucht auf den Partner und morgen vielleicht die alte Angst zu versagen. Wie auch immer das Problem sich zeigt: nichts daran erinnert heute noch an die längst vergangene Zeit der Kindheit.

Und doch gibt es einen Zusammenhang: Wenn ganz bestimmte Situationen, bestimmte Handlungsweisen, Worte, Tonlagen oder Blicke anderer Menschen es schaffen, immer wieder so einen ausgesprochen lästigen, unangenehmen Druck in Ihnen zu erzeugen, den Sie nicht in den Griff kriegen, haben Sie diese Hilflosigkeit vermutlich nicht erst als Erwachsener erworben. Unbemerkt leben Sie mit ihr wahrscheinlich schon seit Ihrer Kindheit, quasi wie mit einem Programm auf der Festplatte.

Im Laufe Ihres Lebens haben immer nur die Personen und Situationen gewechselt, die diese Gefühle in Ihnen auslösen. Jedes Mal aufs Neue haben Sie es bisher als unselige Fügung betrachtet, wieder einmal an den Falschen geraten zu sein. Schließlich hat Sie gerade dieser eine Mensch enttäuscht, betrogen, belogen, beleidigt, ausgenutzt, zurückgewiesen oder sonst wie in Bedrängnis gebracht. Er ist für Sie der Verursacher Ihrer Beklemmungen, Ihrer Hilflosigkeit oder Ihres Unglücks.

Solange Sie aber andere Menschen als Urheber Ihres Gefühlszustands betrachten, verhindern Sie die grundsätzliche Lösung dieses Problems. Sie alle sind nur die aktuellen Auslöser eines alten emotionalen Programms, das in Ihnen etwas wieder aufleben lässt. Die ursprünglichen Auslöser, die eigentlichen Urheber, sind andere.

Bevor ich zu dieser Erkenntnis gelangte, war es mir selbst nicht besser ergangen, als all denjenigen. die mit ihren Erfahrungen vor einem Rätsel stehen. Bis zu jenem Ereignis, das mir den entscheidenden Hinweis liefern sollte: Auf den ersten Blick schien es sich nur um ein ganz gewöhnliches Ganovenstück zu handeln, in Wirklichkeit war es ein arglistiger Betrug – und ich selbst war das willige Opfer. Dieser Betrug war schließlich der Anlass, mich an meinen eigenen blinden Fleck einmal heranzuwagen. Und so nahm das Projekt seinen Lauf …

Ein heilsamer Betrug

Eigentlich hätte ich alles viel früher merken müssen. Meine Bekannte war zwar ziemlich raffiniert vorgegangen, aber die Naivität, mit der ich ihr auf den Leim gegangen war, und die Duldsamkeit, mit der ich mir auch noch nach Monaten ihre faulen Ausreden anhörte, waren mir selbst irgendwann rätselhaft vorgekommen.

Die besagte Bekannte, die damals gerade in einer finanziellen Klemme steckte, hatte sich von mir eine beträchtliche Summe kurz geliehen, sie mir aber auch nach Monaten noch nicht zurückgegeben. Es gab weder ernst zu nehmende Anzeichen für eine Rückzahlung noch eine plausible Erklärung für die Überfälligkeit. Die Angelegenheit war oberfaul und eigentlich lag der Betrug längst auf der Hand!

Aber was in aller Welt hatte mich so lange daran gehindert, dieser Tatsache ins Auge zu sehen? Warum wollte ich den Betrug nicht wahrhaben? Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich, die Betrogene, mir Gedanken um den Ruf der Betrügerin machte. Auf keinen Fall wollte ich es sein, die ihn ruinierte. Dabei waren mir selbst schon erste Zweifel an ihrer Redlichkeit gekommen, aber ich konnte und wollte nicht genau hinsehen. Stattdessen wartete ich weiter geduldig auf mein Geld. Das einzige, was ich erhielt, waren wortreiche Anrufe und Mails, in denen ich immer wieder aufs Neue vertröstet wurde.

Inzwischen ging mir das alles ziemlich auf die Nerven. Ich wollte endlich mein Geld wiederhaben! Aber wieso hatte ich dann schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich nur daran dachte, es mit genau diesen Worten zu fordern?! Als würde ich dieser Frau zu nahe treten, wenn ich sie auffordern würde, mir mein Geld zurückzugeben! Vielleicht würde sie mich kleinlich, illoyal und penetrant finden, weil sie auch ohne mich schon genug Probleme am Hals hatte?

Was für eine bizarre Situation! Da hatte ich einer guten Bekannten mit meinem Geld aus der Klemme geholfen und nun wagte ich es aus irgendeinem Grund nicht, es zurückzufordern, während sie womöglich auf meine Kosten Champagner trank. Wo war eigentlich mein Verstand geblieben?

Natürlich! Ich war wieder einmal voll in meiner Rolle der Guten, die immer Verständnis für alles und jeden hat und keine Probleme macht. Meine Hilfsbereitschaft, meine Gutmütigkeit und Nachsicht waren zeitweise einfach grenzenlos. Aber damit musste doch endlich einmal Schluss sein!

Wie oft hatte ich diese Erfahrung schon gemacht: mal ging es um Geld, mal um geliehene Gegenstände, die ich entweder gar nicht oder aber beschädigt zurückerhielt, mal waren es Lügen gewesen, mal Intrigen, mit deren Hilfe ich die Interessen anderer bedienen sollte. Wie oft hatte ich mich darüber schon geärgert! Dass ich das Spiel aber immer erst so spät durchschaute und dann auch noch schwieg, war besonders ärgerlich.

Manchmal schien es fast so, als würde ich die Menschen geradezu anlocken, damit sie mich anschließend übers Ohr hauen konnten. Ein absurder Gedanke, sicher, aber er hatte etwas seltsam Faszinierendes: Dass sich meine einschlägigen Erfahrungen in Abständen immer wiederholten, hatte offenbar System! Vielleicht hatte es ja viel mehr mit mir selbst, mit meiner eigenen Person zu tun, als mir lieb war! Aber was konnte es nur sein? Wenn ich die Menschen vielleicht auch nicht anlockte, bediente ich dann etwa, ohne es zu merken, ihre Absichten? Und wenn das so war, warum tat ich das und woher kam diese Bereitschaft?

Plötzlich hatte ich nicht mehr die andere Frau im Visier, sondern mich selbst. Zu meinem Erstaunen verschwand die Wut, die ich auf sie schon gehabt hatte, je mehr ich mich auf meine eigene Rolle besann, die ich in diesem unerfreulichen Stück spielte: Warum hatte ich ihr eigentlich das Geld geliehen? War das wirklich nur eine selbstlose gute Tat gewesen? Diese Frage war mir irgendwie unangenehm. Natürlich hatte ich mich als großzügig und hilfsbereit empfunden, als ich mein Geld hergab, aber versteckte sich möglicherweise dahinter ein heimliches Motiv, das ich nicht wahrhaben wollte? Wollte ich mit meiner Großzügigkeit vielleicht beeindrucken und mich unentbehrlich machen? Hatte ich mich in diesem Ganovenstück so lange blind gestellt, um mir einen Rest Selbstachtung zu erhalten, indem ich die Loyale spielte?

Der Volksmund schien recht zu haben: Die größte Sicherheit für den Betrüger ist die Scham seines Opfers. Diesen Spruch begann ich erst jetzt zu verstehen. Wie hätte ich denn meine Forderung auch schon vortragen sollen, ohne gleichzeitig damit mein Bild als großzügige, hilfsbereite, unentbehrliche Freundin selbst zu zerstören? Als kleinliche Erbsenzählerin würde ich dastehen! Hatte ich also den Betrug auf meine Weise unbewusst sogar begünstigt? Und die andere, die das intuitiv erfasst hatte, hatte die sich mein Angebot einfach nur zunutze gemacht?

Die Erkenntnis war bitter: Wie ein Kind hatte ich mich benommen, ein Kind das alles gibt, damit man es gern hat! Ich war bereit gewesen, meine eigenen Gefühle und Interessen außer Acht zu lassen, um nach außen meine Rolle weiterspielen zu können! Dass es hier für mich um mehr ging, als um das Bewahren meines Egos, war mir inzwischen klar. Es ging um das Entdecken und Enträtseln meiner unbewussten Motive und um das Aufspüren ihrer Entstehung. Ich wollte endlich wissen, warum ich es nicht schaffte, diese immer gleichen Probleme zu vermeiden, obwohl ich mir schon tausendmal vorgenommen hatte, mich in Zukunft klüger zu verhalten!

Mir reichte es! Ich wollte wissen, ob es für dieses Rätsel eine Lösung gab und wenn ja, wie die wohl aussehen könnte.

Vor mir lag plötzlich ein weites Feld, auf dem ich mit meinen zunächst so sinnlos erscheinenden, leidigen Erfahrungen, von denen ich manche schon vergessen zu haben glaubte, nicht recht etwas anzufangen wusste. Aber langsam begriff ich, dass sich bei mir unbewusste Motive und Reaktionsmuster eingeschlichen und festgesetzt hatten, die mir mein Leben schon so manches Mal kompliziert und schwer gemacht hatten.

Es brauchte seine Zeit und die Klugheit anderer Menschen, damit ich das System erkennen konnte, das alles so rätselhaft miteinander verband: Es war das Eltern-Kind-System, in dem einige meiner Erfahrungen damals für mich unbemerkt zu prägenden Schlüsselerlebnissen geworden waren, die ich aber als nicht so schlimm – Schnee von gestern verbucht und scheinbar vergessen hatte. Um sie mit ihrer ursprünglichen emotionalen Bedeutung erinnern und im Zusammenhang mit meiner Problematik verstehen zu können, hatte ich mich erst einmal überwinden müssen, Licht ins Dunkel meines emotional blinden Flecks zu bringen. Das war nicht gerade angenehm für mich, denn in meiner Erinnerung tauchten tatsächlich einige erzieherische Maßnahmen auf, die mir damals den richtigen Weg ins Leben hatten zeigen sollen, die ich als Kind aber als Katastrophe erlebt hatte.

Ein Zurück gab es nun nicht mehr. Ich hatte gewissermaßen die Spur zur Lösung meines persönlichen Rätsels aufgenommen.

Vermutlich hatte ich schon früh gelernt, unbewusst meine Ängste in mein Leben zu integrieren und alles zu tun, damit sie sich ja nicht erfüllten. Meine Scheu, in emotionaler Verbindung einen Anspruch zu äußern, gehörte offenbar dazu. Ohne es zu merken, hatte ich mich damit emotional erpressbar gemacht. Meine übertriebene Großzügigkeit und Nachsicht, die ich offenbar als hilfreiche Eigenschaften entwickelt hatte, konnten andere missbrauchen und sich gegebenenfalls zunutze machen. Solange ich das noch nicht durchschaut hatte, war ich immer wieder in eine Sackgasse geraten, mit der immer gleichen Frage: Warum macht der oder die das mit mir? Aber die Frage, die ich mir zu stellen hatte, hieß: Warum lasse ich das denn eigentlich mit mir machen?

Da ich die Antwort inzwischen zu kennen glaubte, stellte sich ein neues Gefühl von Verantwortung mir selbst gegenüber ein. Ich war schließlich nicht mehr das abhängige Kind. Ich war erwachsen und würde es in Zukunft ertragen können, wenn mich andere kleinlich, knauserig, eigennützig oder sonst wie finden sollten. Ich würde mich jedenfalls nicht mehr verbiegen und verleugnen müssen, um irgendeinem Menschen das Gegenteil zu beweisen.

Der Tabubruch

So unterschiedlich die unangenehmen Erfahrungen auch sein mögen, die der Erwachsene mit sich selbst und mit seiner Umwelt macht, so unterschiedlich waren damals die jeweiligen Methoden und Ziele der Erziehung, die die Eltern für das Beste hielten und die sie wahrscheinlich noch heute dafür halten.

Wer allerdings glaubt, der Zweck heilige dafür die Mittel, der irrt! Wer meint, es könne doch nicht schaden, ruhig einmal das schlechte Gewissen seines Kindes, seine Schuld- und Schamgefühle und warum nicht auch seine Angst als Hilfsmittel einzusetzen, um sich möglichst effektiv Gehorsam und Ruhe zu verschaffen, der irrt! Der Effekt mag im Moment zwar erfreulich sein, die möglichen Folgen für das Kind sind es nicht.

Es ist keine Frage: Im Laufe der Jahre ergeben sich naturgemäß unzählige Situationen, in denen Eltern immer wieder einmal nervlich an die Grenzen ihrer pädagogischen Möglichkeiten stoßen und sich nicht recht zu helfen wissen. In ihrer Ratlosigkeit ergreifen sie unter Umständen dann eine zweifelhafte Maßnahme, die schnelle Wirkung verspricht, ohne dass dem Kind damit gleich ein Schaden fürs Leben zugefügt wird. Ist diese Art des Umgangs mit dem Kind allerdings die Regel, sieht die Sache anders aus: Für das Kind kann es zu einer bitteren, folgenreichen Erfahrung werden, wenn seine seelische Unversehrtheit und seine Würde regelmäßig missachtet und verletzt werden. Während seiner Entwicklung können sich bereits Auffälligkeiten in seinem Verhalten einstellen, die die Ratlosigkeit der Eltern in der Folge nur noch weiter verstärken.

Eltern, die mit Genugtuung siegessicher die Wirkung ihrer pädagogischen Lektion registrieren und selbstgefällig auf ihr Kind herabsehen, das wie ein Häufchen Unglück dasitzt und schluchzt, haben es als Kind vermutlich selbst genauso erlebt. Aus eigener Erfahrung wissen sie nur allzu gut, dass bestimmte Maßnahmen wahre Wunder bewirken und binnen Kurzem jedes Kind für eine Weile in das folgsamste, artigste Kind der Welt verwandeln. Wie sich das damals für sie selbst angefühlt hat, ist ihnen nicht mehr erinnerlich. Der blinde Fleck verdeckt die Gefühle von Angst, Schmerz, Einsamkeit und Verzweiflung, Schuld- und Schamgefühle, die sie damals durchlebt haben. Ihre spontane Reaktion ist immer wie ein Mantra zur Stelle : Ja, das war hart, aber meine Eltern wollten doch nur mein Bestes! Nachfragen sind unerwünscht, weil sie als Angriff auf die Eltern empfunden werden – ein absolutes Tabu!

Die Betroffenen waren sichtlich darum bemüht, ihre Eltern zu rechtfertigen und zu verteidigen. Auch wenn es damals noch so wehgetan hatte, stand für sie fest: Ihre Eltern hatten es gut gemeint und schließlich nur das Beste gewollt. Niemand sollte es wagen, das infrage zu stellen! Wer an dieser Verteidigung festhält, macht sich die Ahnungslosigkeit der eigenen Eltern zu eigen und sorgt auf die Weise dafür, dass dieses vermeintlich Beste von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Etliche der Menschen, die mir auf meinem Lebensweg noch begegnen sollten, waren entschlossen, aus diesem Kreislauf auszusteigen. Sie wollten endlich sich selbst und ihre Probleme verstehen können und sich von ihrem Ballast befreien. Sie wollten es wagen, dem blinden Fleck in ihrer Erinnerung zu Leibe zu rücken. Er sollte ihnen nicht länger den Blick auf ihre Wahrheit verstellen. Nach anfänglichem Zögern waren sie bereit, sich dem wahren Geschehen in der einen oder anderen Situation ihrer Kindheit zu stellen; sie waren bereit, sich an ihre kindliche Verzweiflung zu erinnern und eventuell die Rolle ihrer Eltern als Verursacher zu erkennen. Der gefürchtete Angriff auf die Eltern-Liebe und das damit verbundene schlechte Gewissen verloren ihre Bedeutung, sobald die Erinnerung Gestalt angenommen hatte und die Erkenntnis sich einstellte, dass Eltern mit ihren Fehlern und Irrtümern am Ende eben auch nur ganz normale Menschen sind.

Der Tabubruch hatte die Spur zur eigenen wahren Geschichte freigelegt, der blinde Fleck konnte sich auflösen.

Illusion und Wahrheit

Ich hatte eine glückliche Kindheit. – Ein Satz, wie man ihn gelegentlich zu hören bekommt, wenn jemand über die Zeit seiner Kindheit spricht und sich dabei an die schönen Momente erinnert: Ich hatte wirklich eine schöne Kindheit!

Eine schöne, glückliche Kindheit in einer liebevollen Umgebung erlebt zu haben, in der die Seele des Kindes geachtet und vor Missbrauch geschützt war, ist ein großes Geschenk. Wer dieses Glück hatte, wird sich mit einem gesunden Selbstwertgefühl im Einklang mit der Welt erleben und weitgehend frei von Ängsten selbstbestimmt sein Leben führen können. Die Erfahrungen seiner glücklichen Kindheit werden ihm ein Leben lang Schutz und Sicherheit gewähren, weil der Betreffende in einer gesunden Beziehung zu anderen und zu sich selbst und seinen Gefühlen lebt.

Wer dieses Glück nicht hatte, dem können seine Kindheits-Erfahrungen allerdings später auf verschlüsselte Art mehr oder weniger hinderlich im Wege stehen. In welchem Maß sie zur Belastung werden, wird von der persönlichen Veranlagung abhängen – vom Temperament, von der Energie, Kraft und Stärke – und von der Art der einstigen Erfahrungen, die als seine ganz persönliche Wahrheit ein Leben lang zu ihm gehören wird. Je schmerzlicher diese Erfahrungen waren, umso schwieriger wird es sein, im Einklang mit der wahren Geschichte leben zu können, weil zu dieser Wahrheit der ganze Schmerz der Kindheit gehört.

Zur Rettung wird dann die Illusion von der glücklichen Kindheit. Sie kann allerdings nur gelingen, wenn dafür die Wahrheit verschwindet und mit ihr der darin verborgene Schmerz. Damit ist der allerdings so wenig wirklich weg, wie die Wahrheit wirklich weg ist: beides wird nur einfach nicht mehr erinnert und nicht gefühlt. An ihrer Stelle befindet sich jetzt der blinde Fleck, der als Illusion von der schönen Kindheit die Wahrheit verdeckt.

Wenn die verleugneten Gefühle psychosomatische Störungen erzeugen, die das Leben der Betroffenen schwer beeinträchtigen, kann das Festhalten an dieser Illusion unter Umständen in die Krankheit führen und therapeutische Hilfe erforderlich machen. Aber auch wenn sich keine Krankheit entwickelt: in Erinnerung bringt sich diese verdrängte Wahrheit des Kindes immer. Je nachdem, wie die Ereignisse der Kindheit waren und wodurch der Erziehungsstil der Eltern geprägt war, wird diese Wahrheit ihre eigene verschlüsselte Ausdrucksform finden.

War die elterliche Erziehung besonders von Ehrgeiz und Leistungsdruck, von Egoismus und eigener Bedürftigkeit oder von Macht und autoritärem Verhalten beeinflusst, werden die Auswirkungen dem inzwischen erwachsenen Kind entsprechende Rätsel aufgeben. Zwar verschlüsselt, aber wirkungsvoll erinnern sie an lange zurückliegende prägende Erfahrungen und Ereignisse:

Sie können sich zeigen als

  • Neigung zu quälenden Schuld- und Schamgefühlen

  • Neigung zu emotionaler Abhängigkeit

  • Bereitschaft zu Unterwürfigkeit und Opfer-Dasein

  • Neigung zu auffallend aggressiven Reaktionen

  • Eifersucht und Kontrollzwang

  • chronisch schlechtes Gewissen

  • Verlustängste und Harmoniesucht

  • geringer Selbstwert

  • mangelnde Fähigkeit, Konflikte konstruktiv lösen zu können

  • Versagensängste und mangelndes Selbstvertrauen

  • Perfektionismus und permanenter Leistungsdruck bei gleichzeitiger Unzufriedenheit

  • Neigung, sich manipulieren und emotional erpressen zu lassen oder selbst zu manipulieren und zu erpressen

Es sind Merkmale, die zwar keinen Krankheitswert haben müssen, die aber immer dann von den Betroffenen selbst und von Personen, die ihnen emotional nahestehen, als kräftezehrend und belastend empfunden werden, wenn sie in ihr Leben eingreifen und regelmäßig für Probleme sorgen.

Wer meint, das wären doch nur Charaktereigenschaften oder –schwächen, der irrt. Niemand kommt mit der Angst vor Liebesverlust oder mit Versagensängsten auf die Welt. Und niemandem sind Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen angeboren.

Wer dem zustimmen kann, wird sich fragen, ob es denn überhaupt eine Möglichkeit gibt, sich von dieser Last zu befreien. Damit hat er bereits den ersten wichtigen Schritt getan: Er hat nicht nur festgestellt, dass ihn etwas belastet – er räumt ein, dass er möglicherweise selbst daran etwas ändern kann. Mit dieser Bereitschaft hat er bereits das Fundament für alle weiteren Schritte geschaffen. Entwickelt er leicht Schuldgefühle, ist er es schließlich selbst, der die Bereitschaft in sich hat. Andere können sich das zwar zunutze machen, um ihn zu manipulieren, aber am Ende ist er es selbst, der sich dafür bereit zeigt und also auch dafür verantwortlich ist. Seine grundsätzliche Bereitschaft allerdings, die hat er schon als Kind erworben. Begonnen hat es mit der Erziehung, als er sich demütigen lassen musste und mithilfe seiner Ängste und seiner Schuld- und Schamgefühle zum artigen Kind erzogen wurde.

Wer nicht in der Lage ist, Konflikte konstruktiv zu lösen, wer also dazu neigt, mit Aggression seinen Standpunkt durchzusetzen, ohne den anderen verstehen zu können oder zu wollen, der verhält sich so, weil er es vermutlich nicht anders gelernt hat: Ihm hat früher auch niemand richtig zugehört. Er hat die Erfahrung gemacht, dass seine Worte und Gedanken es nicht wert waren, geachtet zu werden. Umso mehr Wert legt er jetzt darauf, sich Gehör und Achtung zu verschaffen. Auch bei ihm hat es einmal mit der Erziehung begonnen, als mit ihm lieblos umgegangen wurde, und seine Meinung nichts zählte.

Wer in Beziehungen immer wieder von Eifersucht und Verlustängsten geplagt wird, kennt seine Angst schon aus der Kindheit, als er mit Liebesentzug bestraft wurde. Auch er hat seine Ängste als Kind schon erworben, als er erfahren musste, dass er sich der Liebe seiner Eltern nie sicher sein konnte.

Wie auch immer die Ausdrucksform sein mag, mit der die persönlichen Erfahrungen die Gegenwart des heute Erwachsenen beeinträchtigen: Alles hat einmal in der Kindheit seinen Ursprung erfahren.

Der Versuch, sich von den erworbenen Beeinträchtigungen zu befreien, erfordert einiges Stehvermögen, denn die Illusion steht wie ein Bollwerk im Weg. Sie wird durch Erinnerungen an das, was wirklich schön war, immer wieder genährt und gestärkt. Und der geringste Versuch, die Illusion bloß zu legen und die Eltern als mitleidlose Peiniger zu erinnern, wird auf der Stelle vom schlechten Gewissen und von Schamgefühlen sabotiert. Der Gedanke, den Eltern gegenüber ungerecht und undankbar zu sein, fängt an zu quälen. Wer den Versuch trotzdem wagt, braucht wirklich Mut, denn der Blick auf das, was so lange aus gutem Grund verborgen war, tut weh: Sich seiner Wahrheit zu stellen, heißt, sich seinen einstigen Gefühlen der Angst und Einsamkeit, des Verlassenseins und der Demütigung zu stellen und die Eltern als Verursacher und Peiniger zu entdecken.

Aber dieser Schmerz ist – gemessen an dem verborgenen Schmerz, der unbeachtet kein Ende finden kann – das kleinere Übel. Sich der eigenen wahren Geschichte emotional zu öffnen und sich den Gefühlen zu stellen, die so lange verdrängt waren, wird am Ende wie eine Befreiung erlebt. Auch wenn diese Wahrheit zunächst sehr traurig macht, entsteht daraus ein Gefühl von Freiheit: Die Illusion, hinter der sich die schmerzhafte Wahrheit so lange verborgen gehalten hat, kann sich nun auflösen. Sie wird nicht mehr gebraucht, weil die Wahrheit nicht länger versteckt und verharmlost werden muss.

Gleichzeitig wird die verklärte Sicht auf die Eltern auf ein gesundes Maß gebracht: Ohne sie verurteilen oder verdammen zu müssen, können sie relativ nüchtern mit all ihren Schwächen und Mängeln betrachtet werden. Die Eltern müssen nicht länger idealisiert werden, denn sie sind, wie schon gesagt, eben auch nur ganz normale Menschen.

Wer diesen Punkt erreicht hat, kann sich zu seiner Kindheit, so wie sie war, bekennen und muss sie nicht länger als schöne Kindheit verklären: Was wirklich schön war, das bleibt in der Erinnerung schön, und das, was traurig war, ist von nun an auch in der Erinnerung traurig, aber es wird keinen unbewussten Zugriff mehr auf die Gegenwart haben.

Der Unterschied zum Leben mit der Illusion ist der bewusste Umgang mit der erinnerten eigenen wahren Geschichte: Im unbewussten Erwachsenen hatte sich das Kind, das er einmal war, mit seinen verletzten Gefühlen noch verstecken müssen, weil er noch nicht so weit war, sich um sein inneres Kind kümmern zu können. Es hatte nur in bestimmten Momenten mit seiner kindlichen Verletztheit und seinem Schmerz rebelliert. Im bewussten Erwachsenen kann es sich mit all seinen Kränkungen zeigen, für die es im reifen Erwachsenen endlich Trost und Verständnis findet. Das Bekenntnis zur eigenen inneren Wahrheit ist die Befreiung von der Illusion und ihren tückischen Auswirkungen.

Etwas Theorie muss sein!

Wer das diffizile Eltern-Kind-System verstehen will, der will natürlich wissen, wie es funktioniert und idealerweise sein sollte. Darüber hinaus braucht er aber vor allem Informationen darüber, wodurch dieses System gestört werden kann. Je mehr er darüber weiß, umso sensibler wird er von Grund auf für die kindliche Erlebniswelt, in der er als Kind schließlich selbst einmal gelebt hat. Und umso eher wird er eigene Schlüsselerlebnisse entdecken können, die ihm möglicherweise eine Erklärung liefern für eine persönliche Problematik, die ihm häufig zu schaffen macht. Hier und da können Informationen zu Denkanstößen führen, die Erinnerungen an Ereignisse wecken, die lange zurückliegen, aber – zum eigenen Schutz – als nicht so schlimm ganz unten in der Kiste der Erinnerungen verschwunden sind.

Alles Schnee von gestern? Von wegen! Gerade um solche Ereignisse geht es, die heute als nicht so schlimm abgetan werden, die aber damals für das Kind dramatisch waren, weil sie als Verletzung, Bedrohung, in Einsamkeit und voller Angst erlebt wurden. Stärker als der Verstand es könnte, sind es nämlich vor allem die Emotionen, die unsere Erlebnisse als Erfahrungen in uns verankern. Auch wenn das Erlebnis selbst nicht mehr erinnert wird: Die Gefühle, die es einst ausgelöst hat, verschwinden nicht, sie existieren weiter. Neuro-Wissenschaftler um Justin Feinstein haben die alte These widerlegt, dass mit dem Vergessen der Ereignisse auch die damit verknüpften Emotionen vergessen werden.

Um den Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Problematik des Erwachsenen und der dafür verantwortlichen, ursprünglichen Erfahrung sichtbar zu machen, ist es unerlässlich, bestimmte Ereignisse emotional zu erinnern und sie aus ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit herauszuholen. Nur so lässt sich das einstige kindliche Drama begreifen, das unbemerkt seine tiefe Spur hinterlassen hat.

Dass das nicht einfach ist, liegt in der Natur der Sache. Für das Lösen mancher persönlicher Rätsel sind aber gerade diese unangenehmen Empfindungen von besonderem Wert!

Selbst wenn es Ihnen so gehen sollte wie einem Bekannten von mir, der in diesem Zusammenhang mit entsprechender Handbewegung meinte: Nee du, vielen Dank! Das ist nichts für mich. Ich bin doch kein Masochist!, könnte es trotzdem noch interessant für Sie werden, weil sich allein schon durch das Verstehen der Zusammenhänge Ihre Sicht auf die Menschen Ihrer Umgebung vertiefen und klären wird: Sie werden andere Menschen – und am Ende auch sich selbst – bewusster wahrnehmen und verstehen können.

Für die Veranschaulichung der Zusammenhänge werde ich Ihnen reale Fall-Geschichten erzählen, die manchmal so ungewöhnlich sind, dass sie auf den ersten Blick nicht als Erklärung für eine n

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