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Sylter Intrigen

Über Ben Kryst Tomasson

Ben Kryst Tomasson, geboren 1969 in Bremerhaven, ist Germanist und Pädagoge (M.A.) und promovierter Diplom-Psychologe. Er hat einige Jahre in der Bildungsforschung gearbeitet, ehe er sich als freier Autor selbständig gemacht hat. Tomassons Leidenschaft gehört den Geschichten, die das Leben schreibt, den vielschichtigen Innenwelten der Menschen und dem rauen Land zwischen Nordsee und Ostsee. Wenn er nicht schreibt, verbringt er seine Zeit am liebsten mit einem guten Buch am Meer – oder mit seiner Frau im Café.

Informationen zum Buch

Mysteriöse Morde auf Sylt

Kreditkartenbetrug im großen Stil: Kari Blom soll undercover in einem Delikatessen-Markt auf Sylt ermitteln. Doch dann findet man die Leiche des Marktleiters, der zugleich Karis Hauptverdächtiger ist, und sie wird in die Mordermittlungen hineingezogen. Als wäre ihre Lage damit nicht kompliziert genug, steht Kari plötzlich auch noch zwischen zwei Männern: ihrem Sylter Kollegen Jonas Voss, der ihre wahre Identität noch immer nicht kennt, und Alexander Freund, dem charmanten Inhaber des Delikatessen-Marktes …

Kaum tritt Kari Blom auf, gibt es schon den ersten Mord.

1. Die Schlange zog sich zwischen den Regalreihen hindurch bis fast zur Frischtheke.

Elmar Bruns, Marktleiter bei »Delikatessen-Freund«, blickte missgelaunt auf die versammelte Sylter High Society. Was sich gegenwärtig an goldenen Armbändern und Perlenketten im Laden befand, hätte vermutlich gereicht, um ihm für den Rest seiner Tage ein Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Aber Elmar Bruns spürte in diesem Moment keinen Neid. Ihn quälte der Umstand, dass in seinem Einflussbereich Unordnung herrschte.

Er drehte sich zu Alexander Freund, der neben ihm stand und durch das kleine Fenster des Marktleiterbüros zu den Kassen blickte.

»Das geht so nicht«, quengelte Bruns. »Wir sind ein Nobelladen. Da kann es nicht sein, dass die Leute stundenlang an der Kasse stehen müssen.«

Wie aufs Stichwort setzte in der Reihe der Wartenden genervtes Murren ein, weil die Kreditkarte einer beleibten älteren Dame nicht gelesen werden konnte und der Prozess des Kassierens zum Stillstand kam.

»Kann man nicht vielleicht eine zweite Kasse aufmachen?«, rief jemand.

»Seit Frau Pröll weg ist, bricht hier alles zusammen«, klagte Bruns. »Ohne eine zweite Kassiererin funktioniert das hier nicht. Wir brauchen dringend neues Personal. Ich kann nicht ständig an der Kasse sitzen. Wer soll dann die Bestellungen machen? Die Logistik? Und die Buchführung?«

Alexander Freund, der Inhaber des Ladens, lächelte gequält.

»Nun ja. Wie ich gehört habe, sind Sie an dieser misslichen Lage ja nicht ganz unschuldig«, bemerkte er und betrachtete die Pyramide aus Marmeladengläsern, die im Eingangsbereich auf den glänzend weißen Fliesen aufgebaut worden war. Der Inhalt der Gläser schimmerte im Sonnenlicht, das durch das große Schaufenster hereinfiel.

Der Marktleiter wurde puterrot.

»Was soll denn das heißen?«, polterte er.

Freund öffnete die Bürotür und winkte Elmar Bruns, ihm zu folgen. Hinter den Kassen blieb er stehen.

Bruns verschränkte die Arme.

»Herr Freund?«, flüsterte er drängend. »Würden Sie mir das bitte erklären?«

Der Besitzer des Delikatessenmarkts seufzte.

»Frau Pröll sagte, der Grund für ihre Kündigung sei fortgesetztes Mobbing«, erläuterte er gedämpft. Er sah seinen Marktleiter an und legte den Kopf schief. »Durch Sie.«

»Das ist doch eine Unverschämtheit!«, empörte sich Bruns, ohne daran zu denken, seine Stimme gesenkt zu halten.

»Allerdings«, grollte ein Mann, der in seinem Metallkorb eine Flasche Champagner und ein Glas Kaviar trug. »Ich habe weiß Gott nicht den ganzen Tag Zeit. Und ich kann mir etwas Besseres vorstellen, als bei der Affenhitze hier anzustehen wie früher im Osten.«

Alexander Freund lächelte zuvorkommend.

»Wir öffnen sofort eine zweite Kasse«, erklärte er und forderte Bruns mit einer unmissverständlichen Geste auf, sich dorthin zu begeben. Der fügte sich grummelnd.

»Kommen Sie bitte auch hier herüber«, rief er. Sofort entstand in der Schlange der Wartenden ein Tumult. Die Schönen und Reichen waren in dieser Hinsicht nicht besser als das ihrer Meinung nach gewöhnliche Volk. Jeder drängelte, um einen möglichst guten Platz an der neueröffneten Kasse zu bekommen. Dabei fiel ein Einkaufskorb zu Boden und eine Flasche Jahrgangssekt zerplatzte auf den Fliesen.

Freund legte dem Kunden leicht eine Hand auf die Schulter.

»Keine Sorge. Wir beseitigen das. Besorgen Sie sich einfach eine neue Flasche.«

Der Kunde nickte, als sei das das mindeste, was man erwarten konnte. Der Marktleiter begann zu kassieren. Freund war genervt von der arroganten Attitüde seiner Kundschaft und ging zurück ins Lager.

Er bedeutete dem Lageristen, mit Schaufel und Wischer zu kommen, um die Scherben der Sektflasche zu beseitigen und sah zu, wie die Schlangen vor den Kassen langsam kürzer wurden. Als nur noch drei Kunden anstanden, stellte Bruns das Geschlossen-Schild aufs Band, klemmte sich die Geldschublade der Kasse unter den Arm und marschierte zurück in sein Büro.

Wütend knallte er die Geldkassette auf den Tisch.

»So«, polterte er. »Aber eine Dauerlösung ist das nicht.«

Alexander Freund machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen und Frau Pröll vorgefallen ist«, erklärte er. »Ich will es auch gar nicht wissen.« Er lächelte versöhnlich. »Aber ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass ich das Problem gelöst habe. Ab morgen haben wir eine neue Kassiererin.«

Elmar Bruns grinste.

»Hoffentlich eine, die schneller ist als unsere Saskia.« Er warf einen Blick zu der Blondine, die ihren Scanner mit nervenzerrender Langsamkeit bediente. »Und die besser aussieht als die fette Kuh an der Frischtheke.«

Freund hob indigniert die Augenbrauen.

»Sie sollten Ihre Einstellung zu unseren Mitarbeitern bei Gelegenheit überdenken«, bemerkte er. »Aber ich kann Sie beruhigen. Die neue Kassiererin ist bildhübsch. Und sie macht einen ausgesprochen aufgeweckten Eindruck.«

. . .

Karolina Dahl schüttelte den Kopf. »Schon wieder Sylt?«, fragte sie.

Ole Lund wippte in seinem bequemen Schreibtischsessel und lächelte. »Es wird dir gefallen«, sagte er. »Du magst doch gutes Essen?«

Karolina musterte Lund von ihrem Besucherstuhl aus. »Was, bitte, hat gutes Essen damit zu tun?«

Lunds Lächeln wurde noch breiter. »Du arbeitest in einem Delikatessenmarkt. Als Kassiererin.«

Karolina hielt es wie immer nicht auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf und trat ans Fenster, das einen Blick auf den Olof-Palme-Damm gewährte. Leider, denn das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein befand sich im Gegensatz zu vielen anderen Behörden nicht in der Nähe der Förde, sondern im Mühlenweg, direkt neben der Kieler Stadtautobahn. Und von den Fenstern der Abteilung 5 für operativen Einsatz und Ermittlungsunterstützung aus sah man eben den Olof-Palme-Damm. Allerdings brausten in diesem Moment nicht wie gewöhnlich Autos vorbei. Stattdessen sah Karolina Blaulichter. Ein Abschleppwagen zog einen verbeulten Pkw von der Fahrbahn. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen.

»Das funktioniert nicht, Ole«, erklärte sie. »Diese Geldwäschegeschichte ist gerade erst ein knappes Jahr her. Eine Menge Leute kennen mich auf Sylt. Und jeder von denen wird sich fragen, warum die Schriftstellerin Kari Blom jetzt plötzlich an der Supermarktkasse sitzt.«

Ole Lund schmunzelte. »Dabei ist die Antwort doch so einfach.«

Karolina drehte sich zu ihm um. »Ach ja?«

Lund nickte. »Du recherchierst undercover.«

Karolina kniff die Augen zusammen. »Ja. Natürlich. Das tue ich immer.«

Lund grinste. »Nein. Dieses Mal ist es anders. Besser. Du bist nicht nur die Kriminalkommissarin, die undercover als Schriftstellerin ermittelt. Du bist auch die Schriftstellerin, die undercover an der Supermarktkasse sitzt und für ihr nächstes Buch recherchiert.«

Karolina stöhnte. »Ist das nicht ein bisschen kompliziert?«

»Im Gegenteil«, entgegnete Lund. »Es ist genial.« Er zog eine Schreibtischschublade auf und nahm ein Blatt Papier heraus. »Hier, du schreibst ein Buch mit dem Titel ›Hinter den Delikatessen-Kulissen‹.«

Karolina nahm ihm die Seite ab. »Toll«, sagte sie. »Das heißt, ich bin wieder Kari Blom? Die Schriftstellerin mit der Schreibblockade?«

Lund zwinkerte ihr zu. »Deine Mutter meint, es würde dir guttun. Damit du dein Problem in den Griff bekommst. Du weißt schon. Dass du lernst, deine Gefühle rauszulassen.«

Karolina schnaubte. »Lass es einfach sein, Ole. Es reicht, dass meine Mutter ständig versucht, mir etwas einzureden.«

Lund breitete vielsagend die Arme aus. »Sie ist Psychotherapeutin. Sie versteht etwas davon.«

Karolina holte tief Luft. »Also gut«, sagte sie. »Ich bin die Schriftstellerin Kari Blom. Und ich recherchiere undercover an der Supermarktkasse. Sagst du mir vielleicht auch noch, warum?«

Lund holte einen weiteren Zettel aus seiner Schreibtischschublade. »Erstens: Es ist kein Supermarkt, sondern ein Feinkostladen. Er heißt Delikatessen-Freund.«

Karolina verdrehte die Augen. »Wie originell.«

»Könnte man denken, ja. Aber der Inhaber heißt tatsächlich so. Alexander Freund.«

»Aha.« Karolina schaute aus dem Fenster. Ein Krankenwagen, der offenbar nicht benötigt wurde, fuhr davon. Der verbeulte Pkw war so weit von der Straße gezogen worden, dass zumindest die linke Fahrspur wieder frei war. Ein uniformierter Polizist winkte die Autofahrer vorbei, damit sie das Hindernis schneller passierten. Aber die Neugier war zu groß. Mehrere Fahrzeuge bremsten auf Höhe der Unfallstelle ab, und der Verkehr geriet wieder ins Stocken. »Und was tut unser Freund, was er nicht tun sollte?«

»Das wissen wir nicht«, erklärte Lund und zerrte an seinem Krawattenknoten. Er liebte Schlipse, aber dieser hier würgte ihn entschieden zu fest. »Wir wissen nur, dass seit einiger Zeit in Schleswig-Holstein vermehrt Fälle von Kreditkartenbetrug angezeigt wurden. Und allen Betrogenen ist eines gemeinsam: Sie haben irgendwann in den Wochen zuvor bei Delikatessen-Freund eingekauft.«

»Dann sollte vielleicht jemand die Kartenterminals überprüfen«, schlug Karolina vor.

Lund löste den Knoten und steckte die Krawatte in eine Schreibtischschublade. Manchmal war einfach nicht der richtige Tag für einen Schlips.

»Das könnten wir natürlich tun«, erklärte er geduldig. »Aber das würde den Täter aufscheuchen. Und die Frage ist ja nicht, ob die Terminals manipuliert sind – da sind wir uns ziemlich sicher. Die Frage ist: Wer hat sie manipuliert – und was ist mit dem Geld passiert?«

Karolina seufzte. Die Vorstellung, den ganzen Tag an einer Supermarktkasse zu sitzen und Waren über den Scanner zu ziehen, in der Hoffnung, dabei die eine oder andere nützliche Information zu erhalten, war nicht besonders verlockend.

Aber Lund war nicht nur ihr Freund, er war auch ihr Vorgesetzter. Wenn er einen Auftrag für sie hatte, war es ihr Job, ihn auszuführen. Und bisher war jeder seiner Pläne aufgegangen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

»Gut«, sagte sie. »Und wie komme ich da rein?«

Lund zog eine Mappe aus seinem Schreibtisch.

»Du bist schon drin.« Er wedelte mit einem Zettel. »Ich habe in deinem Namen eine Onlinebewerbung ausgefüllt.« Er grinste. »Ich habe auch mit Alexander Freund telefoniert und behauptet, ich sei dein Bruder. Ich habe alle deine Vorzüge gelobt.« Er hielt ihr den Zettel hin. »Freund sagt, der Marktleiter erwartet dich morgen früh um neun, damit du dich mit deinem neuen Arbeitsplatz vertraut machen kannst.«

Karolina nahm ihm das Blatt aus der Hand. Es war ein Arbeitsvertrag. Sie las ihn durch und schnaubte.

»Was soll das sein?«, fragte sie. »Das Taschengeld für eine Zehnjährige?«

Lund machte eine entschuldigende Geste.

»Das sind die üblichen Löhne im Einzelhandel«, erklärte er. »Die Branche kämpft ums Überleben.« Er zog einen dünnen Schnellhefter hervor. »Aber du hast Glück. Du darfst trotzdem erster Klasse reisen. Auch wenn sich eine einfache Kassiererin das eigentlich nicht leisten kann.« Er reichte Karolina ihr Bahnticket. »Mit freundlicher Unterstützung vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein.«

Karolina schnappte sich das Ticket. »Toll, Ole. Ganz toll.« Sie stopfte die Unterlagen in ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen.

»Und, Kari?«, sagte Ole. Karolina drehte sich zu ihm um. »Sei pünktlich. Freund sagt, sein Marktleiter Elmar Bruns sei in diesen Dingen sehr genau.«

Karolina nickte knapp. »Ja, Ole«, entgegnete sie. »Ich wünsche dir auch noch einen schönen Tag.«

Damit schlüpfte sie aus dem Raum und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Ole Lund lachte leise.

2. Elmar Bruns starrte auf den Überwachungsmonitor in seinem Büro.

Der Junge auf dem Bildschirm drückte sich auffällig unauffällig vor dem Spirituosenregal herum. Er zog den Schirm seines Basecaps tiefer ins Gesicht und wandte den Kopf mehrfach nach rechts und links. Langsam schlenderte er am Regal entlang.

Eine Hand schoss hervor. Der Junge griff nach einer Flasche Bacardi Dry und stopfte sie in den Hosenbund. Hastig zog er sein T-Shirt über die Hose und ließ die Flasche verschwinden. Dann lief er betont lässig in Richtung Kasse.

Bruns drückte die Taste der Sprechanlage.

»Frau Eggerstedt bitte zum Ausgang«, rief er. »Taschenkontrolle.«

Der Junge tauchte im Sichtfeld der Kamera auf, die den Kassenbereich abdeckte. Er drückte sich eilig an den Wartenden vorbei. Von Tanja Eggerstedt war nichts zu sehen.

Bruns fluchte. Er sprang auf und rannte durch das Lager in den Laden. Eine alte Dame mit Gehwagen, die er beim Laufen anrempelte, geriet ins Straucheln und schimpfte empört hinter ihm her. Bruns rief ihr eine Entschuldigung zu, blieb aber nicht stehen.

Tanja Eggerstedt kam hinter der Frischtheke hervor. Sie warf ihre weiße Schürze beiseite und eilte keuchend zum Ausgang – natürlich viel zu spät. Der Junge hatte die Tür längst erreicht.

»Geht das vielleicht auch ein bisschen schneller?«, fauchte Bruns, während er an ihr vorbeihetzte. Tanja Eggerstedt japste hinter ihm her.

Auf dem Gehsteig vor dem Delikatessenmarkt hielt ein Taxi. Eine schlanke Frau mit kurzen blonden Haaren stieg aus.

Der Junge stürzte aus dem Laden.

Die Frau machte einen Schritt nach vorn. Der Junge stolperte über ihr ausgestrecktes Bein und fiel auf die Knie. Die Frau beugte sich zu ihm herunter und half ihm wieder auf die Beine, wobei sie ihm fast beiläufig einen Arm auf den Rücken drehte.

Elmar Bruns kam schnaufend neben ihr zum Stehen.

»Respekt«, sagte er. »Das war eine gute Reaktion.«

Er bedachte den Jungen mit einem gehässigen Blick. Anschließend musterte er die attraktive Frau.

»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht«, sagte er schmeichelnd. »Aber ich hoffe, wir können das ändern.«

Die Frau nickte.

»Sicher«, sagte sie. »Ich bin die neue Kassiererin.«

Bruns hob die Augenbrauen. Dann blickte er auf seine Armbanduhr.

»Sie sind zu spät«, stellte er fest.

. . .

Kriminalkommissarin Hannah Behrends lenkte den Dienstwagen schwungvoll auf den Hof von Delikatessen-Freund. Kriminalhauptkommissar Jonas Voss verzog das Gesicht, weil ihm der Gurt schmerzhaft in die Seite schnitt.

»Das ist keine Verfolgungsjagd«, bemerkte er. »Der Täter ist bereits festgenommen.«

Hannah lächelte und schaltete den Motor ab.

»Aber wir werden erwartet«, erwiderte sie und stieg leichtfüßig aus dem Wagen. Voss folgte ihr, und sie traten gemeinsam durch die Hintertür in den Laden.

Der Junge saß auf einem Stuhl im Büro des Marktleiters. Bruns stand neben ihm und hielt seine Schulter mit eisernem Griff fest, so als wäre der Junge ein Schwerverbrecher, der nur auf die Gelegenheit zur Flucht wartete. Bruns’ Gesicht, das entfernt an das einer Bulldogge erinnerte, passte perfekt dazu.

Jonas Voss seufzte.

»Sascha.«

Der Junge hob den Kopf und zeigte ein schiefes Grinsen. Die Haare hingen ihm ins Gesicht, das mit Pickeln übersät war.

»Herr Voss.«

»Ich dachte, wir hätten uns verstanden beim letzten Mal«, sagte Voss.

Der Junge zuckte mit den Schultern.

»Ich kann nichts dafür«, erklärte er. »Die anderen zwingen mich. Wenn ich nichts mitbringe, bin ich raus. Und kaufen kann ich das Zeug ja nicht.« Er deutete auf die Bacardi-Flasche.

»Du kannst es nicht kaufen, weil du es nicht trinken sollst«, stellte Hannah Behrends mit strenger Miene klar. »Du bist sechzehn.«

Der Junge senkte den Blick.

»Eben«, maulte er. »Da ist man doch kein kleines Kind mehr.«

»Aber du benimmst dich wie eines«, versetzte Bruns. Hannah griff nach dem Arm des Jungen und zog ihn vom Stuhl.

»Wir nehmen ihn mit«, erklärte sie. »Und wir reden noch mal mit seinen Eltern.«

Bruns runzelte die Stirn.

»Na gut«, sagte er. »Aber wenn das noch ein einziges Mal vorkommt …«

»Es kommt nicht wieder vor«, unterbrach ihn Jonas Voss. »Dafür sorgen wir.«

»Von mir aus.« Bruns wirkte unzufrieden. Vermutlich hätte er den Jungen am liebsten übers Knie gelegt.

Jonas Voss machte Hannah ein Zeichen, und sie führte den Jungen nach draußen.

»Wie kommt es, dass Sie ihn dieses Mal erwischt haben?«, erkundigte sich Voss. »Ich dachte, er trainiert für den Marathon und kann laufen wie ein Hase.«

Bruns spitzte den Mund.

»Kann er auch. Aber unsere neue Kassiererin hat ihm ein Bein gestellt. Die Frau ist auf Zack.«

Er deutete auf den Monitor, der den Kassenbereich zeigte.

Jonas Voss spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.

Das Bild auf dem Monitor war nur schwarzweiß und nicht besonders scharf. Aber trotzdem war jeder Zweifel ausgeschlossen. Die Frau dort an der Kasse war Kari Blom. Die Frau, in die er sich vor knapp einem Jahr Hals über Kopf verliebt hatte. Und die, wie er geglaubt hatte, seine Gefühle erwiderte. Aber dann war sie plötzlich bei Nacht und Nebel verschwunden, und er hatte nichts mehr von ihr gehört. Und nun saß sie plötzlich hier an der Kasse von Delikatessen-Freund.

»Ein hübsches Ding, nicht wahr?«, sagte Elmar Bruns und leckte sich die Lippen.

Jonas Voss nickte. Er bemerkte, wie sich Bruns’ Augen an Kari festsaugten. Aber das war auch das Einzige, was der Marktleiter und er gemeinsam hatten.

. . .

Er überließ erneut Hannah das Steuer und starrte aus dem Fenster auf die Schaufenster der Friedrichstraße, die langsam an ihm vorbeiglitten. Es war ein herrlicher Tag mit strahlend blauem Himmel und einer leichten Brise, die weiße Federwolken vorübertreiben ließ wie Boote auf einem See. Die Fußgängerzone war von spärlich bekleideten Touristen bevölkert, die zum Strandaufgang strebten. Die Tische vor den Straßencafés waren allesamt besetzt. Bei Gosch stand eine lange Schlange.

Aber Jonas Voss bekam von alldem nichts mit. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken.

Weshalb war Kari zurückgekommen? Warum war sie überhaupt weggegangen? Weil ihre Behauptung, dass sie Schriftstellerin war und an einem Buch arbeitete, gelogen war? Voss hatte recherchiert und kein Druckwerk finden können, das sie verfasst hatte. Und wieso arbeitete sie jetzt als Kassiererin, wenn sie in Wirklichkeit Autorin war?

Vielleicht war es ihr peinlich gewesen, zuzugeben, dass sie keine feste Anstellung hatte. Aber ihm wäre das völlig egal gewesen. Er brauchte keine Frau, die einen glamourösen Beruf hatte oder viel Geld verdiente. Er hatte bereits eine Exfrau, die eine berühmte Konzertpianistin war. Ihre Ehe war daran gescheitert.

Was er brauchte, war eine Frau, die ihn und seine beiden Kinder so liebte, wie sie waren. Und er hatte gehofft, dass Kari diese Frau sein könnte. Sehr zum Missvergnügen seiner Kollegin Hannah, die seit langem vergeblich um ihn warb. Voss zog es allerdings vor, so zu tun, als würde er das nicht bemerken.

Nicht, weil er sie nicht mochte. Hannah Behrends war eine tolle Frau. Eine, mit der er lachen konnte und die mit ihm Pferde stehlen würde. Aber sie war eben nicht die Frau, bei der er Herzklopfen bekam.

»Jonas?«

Hannahs drängende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Offenbar versuchte sie nicht zum ersten Mal, ihn in die Realität zurückzuholen.

»Hm?«

»Aufs Polizeirevier oder nach Hause?«

Jonas Voss betrachtete im Rückspiegel das ängstliche Gesicht des Bacardi-Räubers.

»Nach Hause«, entschied er. »Es reicht, wenn ihm seine Eltern die Ohren langziehen. Ich habe keine Lust dazu.«

Hannah setzte den Blinker und änderte rasant die Fahrtrichtung.

»Gut«, sagte sie. »Ein langweiliger Bericht weniger, den wir schreiben müssen.«

Sie bremste, weil vor ihnen auf der Straße eine Möwe mit einer Plastiktüte kämpfte, in der sich offenbar ein Stück Fisch befand. Sie schlug ärgerlich mit den weißgrauen Flügeln und zerrte die Tüte ein Stück weit mit sich. Dann glitt sie ihr aus dem Schnabel.

Die Möwe gab das Duell mit dem Dienstwagen der Polizei auf und entfernte sich mit wütendem Kreischen. Hannah trat aufs Gas.

»Immer nur Ladendiebstahl und Handtaschenraub, Fahrraddiebstahl und betrunkene Touristen«, beklagte sie sich, während sie die Straße nach Wenningstedt entlangbrauste. »Auf die Dauer ist das verdammt eintönig.«

Jonas Voss lächelte. »Wenn du Schwerverbrecher jagen willst, musst du nach Flensburg oder Kiel wechseln. Oder besser noch nach Hamburg.« Er lehnte sich entspannt in seinem Sitz zurück. »Hier auf Sylt sind Kapitaldelikte eher die Ausnahme als die Regel.«

Hätte er auch nur ein Stück weit in die Zukunft sehen können, er wäre vermutlich weniger optimistisch gewesen.

3. Kari Blom zog die Waren über den Scanner. Die Schlange rückte langsam vor. Kari sortierte die Scheine in die Kasse und gab dem Mann, der an der Reihe war, das Wechselgeld und den Bon.

Als Nächstes kam ein junges Mädchen mit blasiertem Gesichtsausdruck und einem viel zu kurzen Rock. Und dahinter …

Kari schob die blau-weiß gestreifte Mütze tiefer in die Stirn und versuchte, ihre blonden Haare darunterzustopfen.

Das Mädchen hatte nur zwei Joghurts aus fettarmer Sojamilch. Sie verlangte nach einer Tüte, legte das Geld aufs Band und verschwand schließlich. Kari senkte den Kopf, aber es nützte nichts.

Die kleine Frau mit den grauen Locken und dem gehäkelten Poncho, die als Nächste an der Reihe war, kniff die Augen zusammen. »Kari?« Sie kramte eine Brille hervor und setzte sie auf. Dann strahlte sie. »Kari Blom!«

Im nächsten Moment verdüsterte sich ihre Miene wieder, als hätte sich plötzlich eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben. »Was, um alles in der Welt, machen Sie hier? Ich dachte, Sie schreiben ein neues …«

Kari legte einen Finger an die Lippen.

»Oh!« Marijke Meenken verstummte. »Es läuft wohl nicht so gut bei Ihnen?« Sie tätschelte Kari die Hand. »Geben Sie nur nicht auf. Das wird schon wieder.«

»Ja. Sicher, Frau Meenken.« Kari zog die Waren über den Scanner. »Das macht achtzehn Euro vierundachtzig.«

Die alte Dame nestelte ihr Portemonnaie aus der Handtasche und reichte Kari einen Zwanzig-Euro-Schein.

»Wo wohnen Sie denn jetzt?«

Kari gab Marijke Meenken das Wechselgeld und den Bon.

»In einer kleinen Pension am Bahnhof.«

Die alte Frau machte ein empörtes Gesicht.

»Weshalb sind Sie nicht zu mir gekommen? Hat es Ihnen bei mir nicht gefallen?«

»Doch, Frau Meenken. Es hat mir sehr gut gefallen.«

»Warum haben Sie sich dann nicht gemeldet?« Die alte Dame steckte ihr Portemonnaie wieder ein. Mitten in der Bewegung hielt sie inne. »Ach so. Sie können sich das nicht leisten.«

Kari machte eine Geste, die die Kasse und den Delikatessenmarkt umfasste. »Na ja.«

»Ach, Kindchen. Das ist doch kein Beinbruch«, tröstete Marijke Meenken.

»Geht das bald mal weiter da vorne?«, rief ein Mann, der weiter hinten in der Schlange stand.

Marijke Meenken drehte sich zu ihm um und hob das Kinn.

»Junger Mann«, sagte sie streng. »Wir haben hier etwas Wichtiges zu klären. Und Sie«, sie deutete mit dem Finger auf den Mann, »haben sicher noch mehr Lebenszeit übrig als ich. Also reißen Sie sich ein bisschen zusammen.«

Der Mann schwieg verblüfft. Eine Frau hinter ihm kicherte. Marijke Meenken wandte sich wieder zu Kari.

»Kommen Sie zu mir, wenn Sie Feierabend haben«, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Und bringen Sie Ihre Sachen mit. Selbstverständlich wohnen Sie wieder im Gartenhaus.« Sie hob den Finger, um Kari, die etwas einwenden wollte, zuvorzukommen. »Sie brauchen keine Miete zu zahlen, wenn Sie es sich nicht leisten können. Solche Phasen gibt es im Leben. Die hat jeder mal.«

»Aber …«

»Ja?«

»Ist denn Ihr Häuschen überhaupt frei? Jetzt? In der Hochsaison?«

Die alte Dame lächelte. »Ach, wissen Sie, Kindchen … Seit Sie letzten Sommer hier waren, wollte ich keine anderen Gäste mehr. Das Gartenhaus steht jetzt leer.« Sie hob entschuldigend die Hände. »Ich hatte immer gehofft, dass Sie wiederkommen.«

Kari schluckte. Sie hatte weiß Gott nicht nah am Wasser gebaut. Aber jetzt war sie gerührt.

»Danke«, sagte sie leise.

. . .

Auf Karis Gesicht lag noch immer ein Lächeln, als sie am Abend die Tür zum Pausenraum öffnete und den blau-weiß gestreiften Kittel auszog. Dann hielt sie inne.

Vor dem Waschbecken stand ein schlanker Mann mit einer engen schwarzen Hose und einem weiten weißen Hemd mit Rüschen an den Armabschlüssen. Als er Kari bemerkte, drehte er sich zu ihr um. Er lächelte und entblößte dabei eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne.

Kari hätte beinahe anerkennend gepfiffen. Der Mann sah verdammt gut aus, wenn auch auf eine etwas ölige Weise: Das schwarze gelockte Haar war mit Gel nach hinten gekämmt und reichte ihm bis auf die Schultern. Sein Teint hatte genau den richtigen Bronzeton, und seine Augen waren beinahe so schwarz wie sein Haar. Sein strahlendes Lächeln ließ vermutlich reihenweise Frauenherzen schmelzen.

Der Mann streckte die Hand aus.

»Buenos días«, sagte er und musterte Kari. Offenbar passte sie in sein Beuteschema. »Ich bin Diego Valdez.«

»Kari Blom«, erwiderte sie und nahm seine Hand. »Ich bin die neue Kassiererin.«

»Freut mich.« Valdez’ Lächeln wirkte aufrichtig. »Ich bin Koch. Ich arbeite im Catering von Delikatessen-Freund.«

»Ach.« Dass der Feinkostladen auch ein Catering betrieb, war ihr neu. Ihr Chef Ole Lund hatte nichts davon erwähnt. Dabei war er doch sonst immer perfekt informiert. Aber selbst Ole Lund hatte wohl manchmal andere Dinge im Kopf.

Im selben Moment betrat ein junger Mann den Pausenraum, den Kari im Laufe des Tages schon einige Male gesehen hatte. Er hatte ein freundliches, breites Gesicht. Sein Kittel saß zu eng, er spannte über den runden Schultern und dem vorgewölbten Bauch.

»Wir machen das zusammen«, sagte er. »Diego und ich. Und Tanja.«

Valdez verwuschelte seine dünnen blonden Haare.

»Ja, Marvin. Das stimmt.«

Wieder öffnete sich die Tür, und Saskia Lübbers und Tanja Eggerstedt traten ein. Tanja ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Saskia ging zu ihrem Spind und angelte eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Handtasche.

»Ich mache auch das Lager«, erklärte der blonde Junge, an Kari gewandt.

»Ja, Marvin«, sagte Saskia und schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. »Du bist ein richtiges Multitalent.«

Marvin legte den Kopf schief. »Ein … Multi … Was ist das?«

»Das heißt, dass du ein prima Typ bist«, erklärte Valdez und blickte kopfschüttelnd zu Saskia. »Dass du ganz viele verschiedene Sachen kannst.«

»Oh!« Marvin strahlte Saskia an. Die verdrehte genervt die Augen.

Eine flotte Tangomelodie ertönte. Valdez zog sein Smartphone hervor.

»Ja? … Ja, selbstverständlich, Frau Freund. Ich komme gleich rüber.«

Er beendete das Gespräch und schob das Smartphone zurück in die Hosentasche.

»Perdón, amigos«, sagte er. »Aber ich muss los.«

Saskia verzog das Gesicht. »Und wer räumt hier auf?«

Marvin straffte die Schultern. »Ich mach das.«

Saskia schnaubte.

»Ja. Super.« Sie blickte zu Valdez. »Schön, wenn man jemanden hat, der dumm genug ist, sich herumschubsen zu lassen und für andere den Dreck wegzumachen.« Sie musterte Marvin mit zusammengekniffenen Augen. »Bist du dumm, Marvin?«

Diego Valdez schob sich dazwischen. »Lass ihn in Ruhe, Saskia.«

Marvin blickte Saskia ernst an und deutete auf Diego. »Er ist mein Freund.«

Saskia Lübbers lachte. »Ja. Klar.«

Tanja Eggerstedt stemmte die Hände in die breiten Hüften. »Hör doch auf, Saskia.«

Diego winkte ihr demonstrativ zu. »Ich bin dann mal weg.«

Saskia zündete ihre Zigarette an. »Ja. Geh du nur und lass uns mit dem ganzen Scheiß hier allein.«

Valdez zwinkerte ihr grinsend zu. Dann verschwand er.

»Wo geht er denn hin?«, fragte Kari.

Saskia warf ihre langen blonden Haare nach hinten und stellte sich neben dem Fenster in Pose, die Augen zur Decke gerichtet, eine Hand flach an die Wand gelegt, die andere mit der Zigarette affektiert neben ihrem Kopf haltend.

»Er modelt«, näselte sie. »Für Viktoria Freund.« Sie gab ihre Pose wieder auf. »Ihr gehört die Luxusboutique auf der anderen Straßenseite.«

Kari nickte. Als Model konnte sie sich Diego Valdez gut vorstellen. Als Koch weniger.

Der Lautsprecher über ihrem Kopf knackte.

»Herrschaften«, dröhnte die ungehaltene Stimme von Elmar Bruns. »Bitte in den Laden. Oder glaubt ihr, die Arbeit macht sich von allein?«

Kari schaute auf die Uhr. »Ich dachte, wir haben jetzt Feierabend.«

Tanja Eggerstedt lachte bitter.

»Nee. Jetzt müssen wir noch aufräumen. Regale auffüllen. Bestandslisten aktualisieren. Die Waren ordentlich hinrücken. Und natürlich putzen.«

Kari runzelte die Stirn. »Gibt es keine Reinigungsfirma, die das macht?«

»Nee.«

»Wozu?«, grummelte Marvin und imitierte Elmar Bruns’ abfälligen Tonfall so gut, dass sogar Saskia grinsen musste. »Das kann doch wohl nicht so schwer sein, einen Schrubber in die Hand zu nehmen und die Böden zu wischen.«

Elmar Bruns stand plötzlich in der Tür, das Bulldoggengesicht hochrot.

»Ganz genau«, grollte er. »Also. Frau Eggerstedt kümmert sich um die Frischtheke. Marvin füllt die Regale auf. Frau Lübbers macht die neue Deko fürs Schaufenster. Und Frau Blom putzt.«

Saskia drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus.

»Und Sie?«, fragte sie frech. »Machen Sie auch irgendwas?«

Bruns grinste sie an und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern.

»Aber ja«, sagte er. »Ich kontrolliere die Bestände.«

. . .

Jonas Voss trat auf die Stufen vor dem Polizeirevier Sylt und blinzelte in die Sonne, die auch jetzt, am frühen Abend, noch hoch am Himmel stand. Es hätte ein schöner Tag sein können, doch die Begegnung mit Saschas Vater hatte Voss fassungslos gemacht. Der Mann hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass seinem Sohn eine ordentliche Abreibung winkte.

»Der fasst keine Flasche Schnaps mehr an, das verspreche ich Ihnen«, hatte er gedröhnt und seinen Sohn dabei angesehen wie einen räudigen Köter, der eine Pfütze mitten auf das blankpolierte Wohnzimmerparkett gesetzt hatte.

Jonas Voss war anschließend so aufgebracht gewesen, dass er gegen einen der weißgetünchten Begrenzungssteine auf dem Grundstück im Bundiswung getreten hatte, der daraufhin über den kurzgemähten Rasen gekullert war. Zum Glück hatte ihn Hannah von weiteren Attacken gegen fremdes Eigentum abgehalten.

Er wandte den Kopf, als sich jemand neben ihm räusperte, und blickte in Hannahs leuchtend blaue Augen. Er hatte nicht bemerkt, dass sie ihm gefolgt war.

»Immer noch Sascha?«, erkundigte sie sich, und Voss nickte grimmig. Vermutlich war es nicht schwer, ihm seine Empörung vom Gesicht abzulesen. Er registrierte, dass seine Nerven immer noch vibrierten.

»Du hast getan, was du konntest«, erklärte Hannah und berührte ihn leicht am Arm.

»Aber es hat nichts genützt.« Jonas Voss spürte, wie seine Wut wieder hochkochte. Er hätte am liebsten wieder gegen irgendetwas getreten. »Ich bin sicher, er hat ihn trotzdem verprügelt.«

»Wir sind nicht das Jugendamt«, sagte Hannah und strich ihm sacht über den Arm, ehe sie ihre Hand wieder sinken ließ. »Und vielleicht zieht er ja eine Lehre daraus.«

Jonas Voss schnaubte. Er war nicht der Ansicht, dass es Sascha war, der etwas lernen musste. Sollte – was hoffentlich nie geschehen würde – eines Tages ein Polizist vor seiner Tür stehen, weil Finja oder Jasper irgendwo etwas gestohlen hatten, würde er sich fragen, was er falsch gemacht hatte. Er war davon überzeugt, dass Kinder nicht einfach so kriminell wurden. Sie reagierten nur auf ihre Umwelt.

Hannah schaute nach oben. Von Westen her waren dunkle Wolken aufgezogen, aber noch überwog der blaue Himmel.

»Wir könnten noch einen Kaffee trinken«, schlug sie vor und deutete hinüber zum Bahnhofscafé, vor dem ein paar Tische einladend in der Sonne standen.

Voss machte eine abwehrende Geste. Auf keinen Fall wollte er irgendetwas tun, das in Hannah falsche Hoffnungen weckte.

»Ich fahre lieber nach Hause«, erklärte er. »Ich habe ohnehin immer zu wenig Zeit für Finja und Jasper. Und Olivia …«

Er sprach nicht weiter, aber Hannah verstand auch so, dass Voss’ spanisches Kindermädchen noch immer keine große Hilfe war. Sie war vor einem Jahr als Au-pair nach Sylt gekommen und hatte mittlerweile die Schule geschmissen, um in Deutschland zu bleiben. Sie liebte Finja und Jasper, und die Kinder vergötterten sie. Aber Jonas Voss war sich bis heute nicht sicher, ob die Kinder alleine nicht weniger Chaos anrichten würden.

Hannah hatte vollkommen recht. Ihm fehlte eine Frau. Aber sie war es nicht, auch wenn sie sich das noch so sehr wünschen mochte.

Zum Glück kaufte Hannah nicht bei Delikatessen-Freund ein. Jonas Voss wollte sich lieber nicht ausmalen, wie ihre Stimmung umschlagen würde, wenn sie herausfand, dass Kari Blom wieder auf Sylt war.

4. »Wer hat denn da den Wildfond ausgezeichnet?«, brüllte Elmar Bruns. Seine Stimme hallte in den leeren Gängen des Delikatessenmarkts wider.

Kari, die zwischen den Regalen den Boden wischte, blickte auf. Saskia Lübbers steckte grinsend ihren Kopf um die Ecke.

»Das war Frau Eggerstedt«, informierte sie den Marktleiter.

Bruns nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Er lief zur Frischtheke, wo Tanja Eggerstedt gerade dabei war, die angeschnittenen Wurstwaren mit Frischhaltefolie einzuwickeln. Bruns hielt ihr ein Glas mit Wildfond unter die Nase.

»Neunundsechzig Cent?«, tobte er. »Sie zeichnen den Fond mit neunundsechzig Cent aus? Das Glas kostet sechs Euro neunundneunzig!«

Tanja Eggerstedt lief rot an.

»Oh Gott«, nuschelte sie. »Das tut mir leid. Ich habe das gar nicht gemerkt.«

»Nein. Natürlich nicht«, wütete Bruns. »Sie merken ja nie was. Sie haben ja auch ein dickes Fell. Aber«, ein diabolisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, »ich bin sicher, Sie werden es merken, wenn ich Ihnen den Schaden vom Gehalt abziehe.«

Tanjas rotes Gesicht wurde mit einem Schlag blass.

»Nein, bitte, Herr Bruns, das sind ja …«

»Sechs Euro dreißig pro Glas, ganz genau.«

Tanja Eggerstedt schluckte. Saskia Lübbers stapelte unmotiviert die Kaviargläser im Kühlregal zu einem schiefen Turm, um möglichst nah am Geschehen zu sein. Kari stellte ihren Feudel beiseite und ging zu Tanja. Sie legte ihr eine Hand auf den Arm.

»Vielleicht hat ja überhaupt niemand den Fond gekauft«, tröstete sie die Kollegin.

Elmar Bruns richtete seinen Finger auf Kari, als wollte er sie durchbohren.

»Ein sehr guter Punkt, Frau Blom.« Er lächelte. »Wie viele von den Wildfondgläsern haben wir denn heute verkauft, Frau Eggerstedt?«

Tanja Eggerstedt starrte ihn hilflos an. »Ich weiß nicht«, stammelte sie.

»Dann gehen Sie los und zählen Sie!«, brüllte Bruns. »Und vergleichen Sie das Ergebnis mit der Bestandsliste. Das kann doch nicht so schwierig sein.«

Saskia Lübbers kicherte. Ihr Kaviarturm geriet ins Wanken und kippte zur Seite. Sie konnte ihn gerade noch auffangen, ehe die Gläser zu Boden fielen.

Tanja Eggerstedt schluchzte auf. Dann riss sie ihre weiße Schürze herunter und rannte aus dem Laden.

. . .

Kari war Tanja gefolgt und fand ihre neue Kollegin auf einer Bank auf der Strandpromenade. Der Delikatessenmarkt war nur wenige Meter vom Strandaufgang neben der »Sylter Welle« in der Strandstraße entfernt.

Tanja Eggerstedt tupfte sich die Tränen ab und schaute auf das aufgewühlte graue Meer. Das Wetter war ausgesprochen wechselhaft in diesem Sommer. Am Morgen hatte die Sonne noch von einem strahlend blauen Himmel geschienen, und das Thermometer war auf über fünfundzwanzig Grad geklettert. Jetzt, am Abend, hingen dunkle Wolken über der Nordsee, und ein scharfer, kalter Wind pfiff über die Insel. Aber auf Sylt war das nicht ungewöhnlich.

Kari setzte sich neben Tanja auf die Bank.

»Mach dir nichts draus«, sagte sie. »Der beruhigt sich auch wieder.«

Tanja schniefte. »Aber ich brauche das Geld.« Sie hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Dann sah sie Kari an.

»Mein Mann ist arbeitslos«, gestand sie. »Und wir haben drei Kinder. Wir müssen ohnehin jeden Cent dreimal umdrehen.«

Kari nickte. »Wenn du willst, rede ich mit Bruns. Vielleicht kann er den Schaden irgendwie anders verbuchen. Er könnte behaupten, dass etwas zu Bruch gegangen ist. Oder gestohlen wurde.«

Tanja schnaubte leise. »Warum sollte er das tun? Er kann mich nicht ausstehen. Er beleidigt mich, wo er kann. Am liebsten wäre ihm, wenn ich kündige.« Sie schluchzte auf. »Weil ich zu dick bin.«

Sie starrte unglücklich auf ihre kräftigen Beine, die unter dem Supermarktkittel hervorragten.

Kari lachte leise. »Wäre es dir lieber, wenn er dir ständig auf den Busen glotzt?«, fragte sie.

Tanja verzog angewidert den Mund. »Nee«, sagte sie. Dann blickte sie auf. »Das macht er bei dir, stimmt’s?«

Kari machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und wenn schon. Ich kenne solche Typen. Es macht mir nichts aus.« Sie zwinkerte Tanja zu. »Und vielleicht kann ich es ja gewinnbringend einsetzen. Für dich.« Sie stand auf und ging zum Strandaufgang, zurück in Richtung Delikatessen-Freund.

Tanja sah ihr nach. Sie mochte Kari. Aber ihren Optimismus teilte sie nicht. Zu Recht, wie sich wenig später herausstellen sollte.

. . .

Elmar Bruns stemmte seine Hände auf die Tischplatte und beugte sich zu Kari, die auf einem unbequemen Plastikstuhl vor seinem Schreibtisch saß.

»Was bilden Sie sich ein, Frau Blom? Sie sind noch keine vierundzwanzig Stunden in diesem Geschäft angestellt und glauben, Sie könnten mir Vorschriften machen?«

Kari hob abwehrend die Hände. »Es war nur ein Vorschlag.«

Bruns machte ein abfälliges Geräusch.

»Ihr Vorschlag«, sagte er scharf und rümpfte die Nase, als hätte Kari ihm einen stinkenden Fisch auf den Tisch gelegt, »impliziert, dass Sie meine Autorität nicht akzeptieren. Sie versuchen, sich über meine Anordnungen hinwegzusetzen. Und Sie haben sich für die falsche Seite entschieden.« Er ließ sich umständlich auf seinem Stuhl nieder und hob das Kinn. »Warum legen Sie sich überhaupt für Frau Eggerstedt ins Zeug? Sie kennen sie doch gar nicht.«

Kari zog den Kopf ein. »Sie ist eine nette Frau.«

Bruns grinste böse.

»Eine fette«, korrigierte er. »Sie meinten, sie ist eine fette Frau.« Er kicherte über sein Wortspiel. Dann kniff er die Augen zusammen. »Sie sollten sich gut überlegen, wie Sie sich Ihre Zukunft bei Delikatessen-Freund vorstellen. Ich bin hier der Marktleiter. Ich mache die Regeln. Und wer sich nicht daran hält, fliegt.« Bruns verschränkte die Arme vor der Brust. »Haben wir uns verstanden, Frau Blom?«

Kari nickte.

»Gut.« Auf Bruns’ Bulldoggengesicht breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus. Er strich sich mit der Hand durch die grauen Locken und musterte Karis Körper.

»Es liegt an Ihnen, wie sich Ihr Leben in diesem Betrieb gestaltet«, erklärte er. »Bei Frau Eggerstedt sind Sie in der Verlierermannschaft. Bei mir«, er senkte den Kopf und sah Kari tief in die Augen, »sind Sie im Siegerteam. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Kari stand auf.

»Ich verstehe Sie sehr gut«, versetzte sie kühl. »Aber ich lasse mich nicht erpressen. Und wenn ich den Eindruck habe, dass Sie Ihre Kompetenzen überschreiten, werde ich mich bei Herrn Freund über Sie beschweren.«

Bruns sprang mit einer Behändigkeit von seinem Stuhl auf, die sie ihm nicht zugetraut hätte.

»Das ist eine unverschämte Unterstellung«, brüllte er und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Karis Nase herum. »Das wird Ihnen noch leidtun, das verspreche ich Ihnen. Und jetzt raus hier!«

Er wies auf die Tür, und Kari fand, dass es keinen Grund gab, sich Elmar Bruns’ Tobsuchtsanfall auch nur eine Sekunde länger auszusetzen. Sie drehte sich eilig um und schlüpfte aus der Tür. Sie hatte sie kaum hinter sich zugezogen, als von der anderen Seite etwas Schweres dagegenprallte und zerschellte.

. . .

Kari zitterte immer noch, als sie die Einnahmen in ihrer Kasse zählte und die Beträge auf einem Zettel notierte. Dann bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde. Sie blickte auf und entdeckte einen Mann, der an der anderen Kasse lehnte und ihr zusah. Er trug eine schmal geschnittene graue Hose und ein rosafarbenes Hemd. Irgendetwas an ihm kam Kari bekannt vor.

»Sie machen das gut«, sagte er lächelnd.

Kari zwang sich, das Lächeln zu erwidern.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Aber wir haben schon geschlossen.«

Der Mann streckte die Hand aus und trat auf sie zu.

»Verzeihen Sie. Ich habe mich nicht vorgestellt. Alexander Freund.«

»Ah.« Kari erhob sich. Jetzt wusste sie, weshalb er ihr bekannt vorkam. Sein gemaltes Konterfei prangte auf den auf altmodisch getrimmten Plakaten von Delikatessen-Freund. Kari schüttelte Freunds Hand und stellte fest, dass sein Händedruck angenehm war, warm und kräftig, aber nicht zu fest.

Freund musterte sie neugierig. Der Blick aus seinen blauen Augen war so intensiv, dass er Kari wie magnetisch anzog.

»Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns?«

»Ja.« Kari wandte den Blick ab und ließ ihn durch den Laden schweifen. »Das ist ein schönes Geschäft.« Sie zögerte.

»Aber?«

Kari seufzte. Vermutlich sollte sie lieber den Mund halten. Aber sie war immer noch dermaßen empört darüber, wie Elmar Bruns mit ihr umgesprungen war, dass sie nicht anders konnte. Sie erzählte Freund von den falsch ausgezeichneten Wildfondgläsern und Bruns’ Reaktion.

Freund verzog den Mund. »Das ist doch …« Er winkte ab. »Nehmen Sie das nicht so ernst. Bruns schießt manchmal ein wenig übers Ziel hinaus. Aber er ist ein guter Marktleiter.« Er strich sich eine Strähne seiner dunkelblonden Haare aus der Stirn, die, wie Kari jetzt bemerkte, auffallend gut geschnitten waren.

»Sagen Sie Ihrer Kollegin, sie soll sich keine Sorgen machen. So etwas kommt vor. Sie muss den Schaden natürlich nicht aus eigener Tasche bezahlen.« Er hob entschuldigend die Hände. »Ich weiß, dass Herr Bruns das anders sieht. Aber ich bin überzeugt davon, dass Frau Eggerstedt eine sehr zuverlässige Kraft ist.«

Kari fühlte sich erleichtert.

»Danke«, sagte sie.

Alexander Freund lächelte.

»Das ist doch selbstverständlich«, erklärte er und ging weiter in den Laden hinein. Neben der Pyramide mit den Marmeladengläsern blieb er stehen und schaute zu ihr zurück.

»Sie sind selbstverständlich nicht dazu verpflichtet«, sagte er. »Aber ich würde mich freuen, wenn ich Sie bei Gelegenheit zum Essen einladen dürfte.«

Damit wandte er sich ab und verschwand zwischen den Regalreihen.

Kari sah ihm nach. Verblüfft stellte sie fest, dass ihr Herz flatterte.

5. »Kari? Was ist los mit dir?«

Die Stimme von Ole Lund klang besorgt.

Kari presste das Smartphone ans Ohr und sah sich in Marijke Meenkens Gartenhäuschen um. Es war alles noch so wie beim letzten Mal. Das Bett mit der frisch gestärkten Bettwäsche. Das gerahmte Schwarzweißfoto an der Wand, das die Hörnum-Odde zeigte, ehe sich das Meer einen großen Teil davon zurückgeholt hatte. Und der Blick aus dem Fenster auf Marijke Meenkens blühenden Garten und ein kleines Stück Nordsee.

Sie atmete tief durch.

»Das war ein turbulenter Tag«, sagte sie ins Telefon. »Ich wusste nicht, dass in einem schlichten Supermarkt so die Post abgeht.«

Lund erwiderte nichts. Er wartete nur.

»Dieser Marktleiter, Elmar Bruns, ist ein Widerling«, fuhr sie fort. »Er führt sich auf wie ein kleiner König. Er scheucht die Mitarbeiter herum und macht sie zur Schnecke, wenn jemand einen Fehler macht. Und er gafft jeder hübschen Frau auf den Busen.«

»Dir auch?«

Kari legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. »Jeder hübschen Frau, Ole.«

»Hm.« Ole Lund machte eine kleine Pause, und Kari stellte sich vor, wie er seine Krawatte zurechtrückte, während er nach Worten suchte.

»Aber das ist es nicht, was dich so aufwühlt«, sagte er schließlich.

»Nein.« Kari öffnete die Augen wieder. Sie sah sich nach etwas um, das sie gegen die Wand werfen konnte, fand aber nichts. Sie würde später eine Runde am Strand laufen gehen. Vielleicht würde das helfen, ihre innere Anspannung abzubauen.

»Was Bruns da macht, ist Mobbing«, erklärte sie und berichtete Lund von dem Vorfall mit den Wildfondgläsern.

»Hm.« Kari hörte ein schabendes Geräusch. Lund öffnete anscheinend eine Schreibtischschublade, vermutlich, um einen seiner unvermeidlichen Zettel hervorzuholen.

»Tanja Eggerstedt«, sagte er und bestätigte damit Karis Verdacht. »Die Familie wohnt in Niebüll auf dem Festland. Drei minderjährige Kinder. Der Ehemann ist Schreiner, kann aber seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er sich mit einer Kreissäge einen Nerv an der Hand durchtrennt hat. Leider nicht bei der Arbeit. Jedenfalls nicht bei der legalen.«

»Scheiße«, sagte Kari.

»Ja«, erwiderte Lund. »Das beschreibt es ganz gut.«

Kari hörte, wie die Schublade wieder geschlossen wurde.

»Was ist mit den anderen?«, fragte Lund. »Hast du den Besitzer des Ladens schon kennengelernt?«

»Alexander Freund?« Kari räusperte sich. »Ja. Kurz. Er ist nett.«

»Nett?« So wie Lund das sagte, hatte der Satz mindestens drei Fragezeichen.

»Ja. Nett. Er will diese Sache mit dem Wildfond für Tanja regeln. Und er hat mich zum Essen eingeladen.«

»Aha.«

»Da ist nichts«, fauchte Kari. »Er will mich einfach nur kennenlernen. Immerhin arbeite ich für ihn.«

»Natürlich«, sagte Lund, und Kari konnte deutlich hören, dass er ihr nicht glaubte. Darüber, ob sie es selbst glaubte, wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken.

Lund richtete seinen Fokus wieder auf die Arbeit.

»Wie auch immer«, sagte er. »Du bist nicht zum Vergnügen da. Hast du schon einen Verdacht in Sachen Kreditkartenbetrug?«

»Ja. Elmar Bruns.«

Lund lachte auf. »Weil du ihn nicht magst?«

»Nein. Bruns leistet sich neuerdings einen verdammt kostspieligen Lebensstil. Er fährt seit ein paar Wochen einen nagelneuen BMW Z4. Das hat mir der Lagerist erzählt, Marvin Drewes. Ein liebenswerter Kerl, aber geistig ein bisschen zurückgeblieben.« Kari nahm ihr Smartphone vom Ohr und öffnete den Ordner mit dem Foto, das sie heimlich von Bruns geschossen hatte. »Bruns trägt auch eine ziemlich teure Uhr, die ebenfalls neu ist.« Sie blickte auf das feiste Gesicht des Marktleiters und schickte das Bild dann an Lund. »Und er ist der Einzige, der neben den Leuten von der Sicherheitsfirma Zugriff auf die Technik des Markts und damit auf die Kreditkartenterminals hat.«

Kari hörte, wie Lund am anderen Ende mit einem Stift auf die Tischplatte klopfte.

»Und was ist mit Alexander Freund? Er hat auch Zugriff auf die Terminals.«

»Freund ist ein kluger und gebildeter Mann«, sagte Kari. »Ich glaube kaum, dass er so dumm wäre, seinem eigenen Laden zu schaden.«

»Soso.« Lund lachte leise. »Kann es sein, dass dir unser Freund den Kopf verdreht hat?«

»Nein, Ole«, entgegnete Kari gereizt. »Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung. Und ich bin mir sicher, dass Elmar Bruns der Mann ist, den wir suchen.«

»Also gut.« Lund wurde wieder ernst. »Dann schnapp dir diesen Bruns. Und sieh zu, dass du den Fall wasserdicht machst.«

Kari nickte grimmig. »Das werde ich, Ole. Verlass dich drauf.«

Sie warf das Smartphone auf den Tisch und stemmte die Hände in die Hüften. Dann blickte sie aus dem Fenster auf den blassblauen Himmel, an dem dunkle Wolken vorbeizogen.

Sie holte ihre Tasche unter dem Bett hervor und nahm ihre Laufschuhe heraus. Sie musste dringend etwas tun, um ihre Aggressionen abzubauen.

6. Roswitha Jensen stemmte sich gegen den Wind, der ihr den Sand ins Gesicht trieb. Hinter ihr schlurften acht alte Frauen, die mit bunten Regenmänteln bekleidet waren. Vor ihnen ragte ein imposanter Sandhügel auf. Der Strandhafer neigte sich unter den Sturmböen.

Der Wanderweg zwischen List und Weststrand lag noch im Dunkeln, aber im Osten zeichnete sich bereits ein Lichtstreifen in zartem Orange ab. Dann stieg die Sonne am Horizont auf, ein roter Ball, der durch den Morgennebel zu glühen schien. Wenig später tauchte er die Wanderdüne in ein goldgelbes Licht.

Roswitha blieb stehen, und die alten Damen hinter ihr taten es ihr gleich. Sooft sie diesen Anblick schon gesehen hatten, so sehr verzauberte er sie doch immer wieder. Und tatsächlich war er ja jedes Mal ein klein wenig anders. Immerhin bewegte sich Deutschlands einzige Wanderdüne alljährlich bis zu sieben Meter in Richtung Westen.

Eine der Frauen berührte Roswitha am Arm.

»Danke, dass du dir die Zeit genommen hast!«, brüllte sie gegen den Wind an. »Es ist einfach immer wieder wunderschön, hierherzukommen.«

Roswitha Jensen nickte. Sie liebte die Spaziergänge mit den alten Damen, die sich so wohltuend von den Touristenführungen abhoben, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Die meisten Feriengäste schnatterten in einer Tour und fotografierten sich die Finger wund. Die alten Damen dagegen wussten die Stille der Insel zu schätzen und zu genießen.

Eine von ihnen streckte die Hand aus. »Was ist denn das da?«

Roswitha kniff die Augen zusammen. Am Fuß der Düne flatterte ein blaues Stück Stoff im Wind.

Roswitha seufzte. Die Leute konnten es nicht lassen. Selbst hier im Naturschutzgebiet mussten sie ihren Müll wegwerfen.

Sie ging zu dem blauen Stofffetzen und riss daran. Es war die Kapuze einer Windjacke. Roswitha zog kräftiger, aber der Stoff hing fest. Offenbar hatte er sich an irgendetwas verhakt.

Sie zerrte noch stärker. Ein Stück der Windjacke tauchte aus dem Sand auf. Und dazu ein bleiches Gesicht mit weit aufgerissenen Augen.

Roswitha ließ die Kapuze los und begann zu schreien.

Die Damen hinter ihr taten dasselbe. Es klang wie ein schauriges Echo, das vom Wind über das Meer davongetragen wurde.

. . .

Kari Blom wachte auf, weil jemand von draußen gegen ihre Tür hämmerte.

Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann fiel ihr Blick auf das Schwarzweißfoto der Hörnum-Odde über ihrem Bett. Natürlich. Sylt. Sie war im Gästehaus von Marijke Meenken. Kari befreite sich von der geblümten Bettwäsche und eilte zur Tür.

Draußen standen Marijke Meenken und einige weitere Damen aus dem Sylter Häkelclub, alle mit roten Wangen und aufgeregt leuchtenden Augen unter den festgezurrten Kapuzen ihrer bunten Regenjacken. Bei ihrem Anblick bemerkte Kari die dunklen Wolken am Himmel und den scharfen Wind, der über die Insel fegte. Sie fröstelte in ihrem dünnen Pyjama.

Marijke Meenken griff nach ihrem Arm. »Kari! Frau Blom!«

»Ja?«

»Wir haben eine furchtbare Entdeckung gemacht.«

Kari runzelte die Stirn. Was konnte das sein? Und warum waren ihre Vermieterin und deren Freundinnen überhaupt so früh am Morgen auf den Beinen?

Dann fiel es ihr wieder ein. Die »Häkelmafia«, wie sie die alten Damen mit ihrem über die ganze Insel verzweigten Informationsnetzwerk heimlich getauft hatte, frönte neben der Handarbeit noch einem zweiten Hobby: der Ornithologie. Vermutlich hatten sie irgendwo am Strand einen verletzten Vogel aufgelesen und brauchten jetzt Hilfe, um … ja – um was?

»Wir haben einen Toten gefunden!«, berichtete die Bäckerwitwe Alma Grieger aufgeregt.

»Ach. Das tut mir leid«, sagte Kari, die noch immer glaubte, dass von Seevögeln die Rede war.

»Stellen Sie sich das vor! Im Sand am Fuß der Wanderdüne! Womöglich hat man ihn lebendig begraben.«

»Sie meinen – ein toter Mann

Die Häkeldamen nickten.

Kari tat dasselbe. Dann hielt sie inne. Sie war es gewohnt, in ihrer Eigenschaft als Polizistin über ungeklärte Todesfälle informiert zu werden. Aber die alten Damen wussten nicht, dass sie Kriminalbeamtin war. Oder doch?

»Warum erzählen Sie mir das?«, fragte sie misstrauisch.

Marijke Meenken tätschelte Karis Arm. »Ach, Kindchen. Weil Sie den Mann kennen. Es ist Elmar Bruns. Der Marktleiter von Delikatessen-Freund.«

7. Ein grässlicher Schrei zerriss die Stille.

Jonas Voss fuhr in seinem Bett hoch und sah sich verwirrt um. Er lauschte, aber der Schrei war verstummt. Dann hörte er ihn erneut: verzweifelt, herzzerreißend und laut.

Voss sprang aus dem Bett. Er riss die Schlafzimmertür auf und stürzte in den Flur.

Die Tür zu Finjas Kinderzimmer war geschlossen. Die zu Jaspers Zimmer stand offen. Voss ging hinein.

Das Bett war zerwühlt; ein Stoffhund, eine Robbe und ein überdimensionaler Hase lagen auf der Matratze, aber sein Sohn war nicht da. Wieder hörte er den Schrei. Er kam eindeutig von unten aus dem Erdgeschoss.

Jonas Voss eilte die Treppe hinunter. Auf der letzten Stufe blieb er stehen und lauschte.

Da! Der Schrei kam aus dem Wohnzimmer.

Voss stieß die Tür auf und blickte sich um.

Jasper stand neben der Anrichte. Er steckte in einem Pyjama, der mit kleinen blauen Bären bedruckt war. Die Bären trugen gestreifte T-Shirts und Matrosenmützen auf dem Kopf. Jaspers blonde Haare waren verwuschelt, sein Gesicht noch zerknautscht vom Schlafen.

Wieder ertönte der Schrei, der Jonas Voss durch Mark und Bein ging. Jasper grinste und deutete auf das Telefon, das auf der Anrichte stand.

»Cool, oder?«, sagte er. »Haben wir gestern runtergeladen. Olivia hat gesagt, das ist genau der richtige Klingelton für jemanden von der policía

Voss blickte auf das Telefon, das erneut sein schauriges Geheul erklingen ließ. Dann nahm er eilig das Mobilteil in die Hand, um dem Schrecken ein Ende zu machen.

. . .

Eine halbe Stunde später fuhr er mit seinem Fahrrad den Wanderweg von List nach Weststrand entlang. Den Wagen hatte er auf dem Parkplatz am Eingang des Naturschutzgebiets stehenlassen. Er brauchte dringend ein paar Minuten Zeit, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Seit gestern war Kari Blom zurück auf Sylt. Und heute gab es wieder einen Toten. Genau wie vor einem Jahr.

Natürlich war es lächerlich, da einen Zusammenhang zu konstruieren. Aber Gewaltverbrechen waren auf Sylt ebenso selten wie die Besuche der geheimnisvollen Schriftstellerin. Wenn sie also nichts damit zu tun hatte, dann hatte sie zumindest ein ausgesprochen unglückliches Timing.

Auf dem Weg vor der Wanderdüne, den man weiträumig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt hatte, parkten neben einem Streifen- und einem Rettungswagen der schwarze Kombi eines Bestattungsunternehmens und das dunkelblaue Zivilfahrzeug des Polizeireviers Sylt, mit dem vermutlich Hannah Behrends gekommen war. Die zugehörigen Personen standen im Windschatten des Rettungswagens im Halbkreis und wärmten sich wegen der Kälte die Hände an Kaffeebechern aus Plastik. Bis zum Eintreffen der Spurensicherung aus Flensburg und der Rechtsmedizinerin aus Kiel würde es eine Weile dauern. Im Moment konnten sie nicht mehr tun, als über den eigens abgesteckten Trampelpfad den Fundort der Leiche in Augenschein zu nehmen und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Hannah Behrends kam mit leuchtenden Augen auf ihn zu. Ihre Wangen waren gerötet – und das vermutlich nicht nur vom scharfen Wind, der noch immer in unverminderter Stärke über die Insel fegte. Da hatte sie nun also den aufregenden Fall, den sie sich gewünscht hatte.

»Was ist passiert?«, fragte Jonas Voss.

»Ein Toter«, berichtete Hannah. »Er liegt am Fuß der Wanderdüne begraben. Seine Nase und sein Mund sind voller Sand.« Hannah schüttelte sich. »Das sieht aus, als hätte man ihn lebendig begraben.«

Voss hob unbehaglich die Schultern. »Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht war er auch bereits tot, als man ihn da verbuddelt hat«, sagte er abwehrend. »Das muss die Rechtsmedizin klären.«

Hannah zog die blaue Windjacke mit dem Abzeichen der Polizei Schleswig-Holstein enger um ihren Körper. »Ja. Sicher.«

Voss blickte zur Düne hinüber. »Wer hat den Toten gefunden?«, fragte er.

»Der Sylter Häkelclub«, erwiderte Hannah. »Roswitha Jensen vom Tourismusverband hat sie heute Morgen mit ihrem VW-Bus abgeholt. Sie wollten einen Spaziergang machen. Die Wanderdüne bei Sonnenaufgang.

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