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Sylter Gift

Über Ben Kryst Tomasson

Ben Kryst Tomasson, geboren 1969 in Bremerhaven, ist Germanist, Pädagoge und promovierter Diplom-Psychologe. Er hat einige Jahre in der Bildungsforschung gearbeitet, eher er sich als freier Autor selbständig gemacht hat. Seine Leidenschaft gehört den Geschichten, die das Leben schreibt, den vielschichtigen Innenwelten der Menschen und dem rauen Land zwischen Nordsee und Ostsee. Wenn er nicht schreibt, verbringt er seine Zeit am liebsten mit einem guten Buch am Meer.

Im Aufbau Taschenbuch sind bisher erschienen: »Sylter Affären«, »Sylter Intrigen« und »Sylter Blut«

Informationen zum Buch

Die Tote von Sylt.

Als die Frau eines Autohausbesitzers tot aufgefunden wird, kehrt die Undercover-Ermittlerin Kari Blom nach Sylt zurück. Sie muss sich bei ihrem Einsatz nicht nur mit den aufdringlichen Avancen ihres neuen Chefs auseinandersetzen, auch ihre Angst vor Nähe wird zu einem Problem: Kriminalhauptkommissar Jonas Voss, mit dem sie eine heimliche Beziehung führt, möchte mit ihr zusammenziehen. Zum Glück stehen ihr die Damen von der Häkelmafia mit Rat und Tat zur Seite – ohne zu ahnen, dass sie sich und Kari in tödliche Gefahr bringen.

Ein packender Kriminalroman voller Meer, Dünen und liebenswerter Figuren.

Für meinen Freund Jan

Du fehlst

1.

»Ach, Gott.« Alma, die ein Stück vorausgelaufen war, schlug die Hände vor den Mund. »Nicht schon wieder ein Toter.«

Marijke, Grethe und Witta folgten ihr eilig. Die vier alten Damen, zu deren gemeinsamen Leidenschaften sowohl die Häkelarbeit als auch das Beobachten von Seevögeln zählten, hatten Marijkes Wagen am Hörnumer Leuchtturm geparkt und waren über den Weg am Restaurant Südkap vorbei zum Strand hinuntergelaufen.

Die Sonne war bereits untergegangen, und die Dunkelheit hatte sich mitsamt einer dicken Wolkendecke über die Insel geschoben. Nur im Westen waren noch ein Streifen hellblauen Himmels und ein rötlicher Schimmer zu sehen. Darunter erstreckte sich das Meer, das schwarzglänzend an den Strand schwappte, mit weißen Schaumkronen, die auf den Wellen zu tanzen schienen. Eine steife Brise von Südost wehte den Frauen Sand in die Augen. Sie hatten einmal um die Hörnum-Odde herumwandern wollen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Doch offenbar war es das nicht.

Marijke blieb neben Alma stehen, schaltete ihre lichtstarke Taschenlampe ein und richtete sie auf das Objekt vor Almas Füßen.

Es war eine Silbermöwe, ein großer und eindrucksvoller Vogel mit weißgrauem Gefieder, einem leuchtend gelben Schnabel und wachsamem Blick. Nun aber waren die Augen stumpf, ebenso wie das Federkleid. Die Möwe lag auf dem Rücken und war zweifellos tot. Wahrscheinlich hatte die Flut sie angespült.

Es war ein deprimierender Anblick.

»Das ist die achte«, stellte Grethe nüchtern fest. Sie war dazugetreten und beugte sich über den Kadaver. »Mehr als ein halbes Dutzend tote Möwen innerhalb von drei Wochen. Und das sind nur die, die wir gefunden haben. Da stimmt doch was nicht.«

Ihre drei Häkelschwestern stimmten ihr zu.

»Wir müssen irgendetwas unternehmen«, sagte Alma, die immer noch mit betroffener Miene auf den Vogel zu ihren Füßen sah.

»Was denn?«, fragte Witta, verwitwete Gattin eines Kampener Landarztes, und rückte ihre weiße Dauerwelle zurecht, wie sie es immer tat, wenn sie angespannt war. Eine Übersprunghandlung, das hatte Marijke schon vor längerer Zeit festgestellt.

Eine eisige Brise fegte über die Insel, fuhr Marijke unter die Jacke und ließ sie frösteln.

Witta hörte auf, ihre Frisur zu richten.

»Wir haben doch schon Briefe geschrieben«, sagte sie anklagend. »An die Naturschutzbehörde. Und ans Bundesumweltamt. Anscheinend nimmt man unsere Sorge dort nicht ernst.«

»Dann müssen wir eben eine andere Lösung finden«, beharrte Alma, die mit ihrem verstorbenen Mann eine Bäckerei in Westerland betrieben hatte. Ihre immer versöhnliche Art hatte ihr im Umgang mit schwierigen Kunden ebenso gute Dienste geleistet, wie sie es jetzt bei ihren Häkelfreundinnen tat.

Witta seufzte theatralisch. »Und du hast sicher schon einen Vorschlag?«

Alma hob endlich den Blick. »Wir könnten Kari Blom informieren.«

Das war die junge Schriftstellerin, die in den vergangenen drei Jahren jeden Sommer für ein paar Wochen in Marijkes Gartenhaus gewohnt hatte, weil sie über irgendjemanden auf der Insel ein literarisches Porträt anfertigen wollte. Ein Buch war daraus noch nie entstanden, stattdessen war Kari jedes Mal in Kriminalfälle verwickelt worden und hatte mehr als einmal ihre Unschuld beweisen müssen. Marijke und ihre Häkelschwestern hatten ihr dabei zur Seite gestanden, und am Ende waren die wahren Täter gefasst und verurteilt worden.

Witta schnalzte mit der Zunge.

»Und was, meinst du, soll sie tun? Ein Buch darüber schreiben?«

Marijke schaute nachdenklich aufs Meer hinaus. Weit draußen waren Lichter zu sehen, weiß und grün. Ein großes Schiff, das nach Norden fuhr.

»Das wäre vielleicht nicht das Schlechteste«, bemerkte Grethe, einstige Gattin eines Keitumer Klempners und die pragmatischste der Häkelschwestern.

Witta schaute zu Marijke. »Haben wir überhaupt ihre Adresse? Oder ihre Telefonnummer?«

»Nein.« Marijke war über diese Erkenntnis so erstaunt, dass auch sie beinahe begonnen hätte, an ihren Haaren zu zupfen. Nötig war es indessen nicht. Ihre kurzen grauen Locken waren praktisch und pflegeleicht. Alles andere hätte ihrem verstorbenen Mann, der als Kapitän zur See gefahren war, auch nicht gefallen. »Die hat sie mir nie gegeben. Das Zimmer hat immer ihr Bruder reserviert. Lund hieß er, glaube ich.«

Sie erinnerte sich an seine nette Stimme, und wie besorgt er um das Wohlergehen seiner Schwester zu sein schien. Persönlich kennengelernt hatte sie ihn allerdings nicht.

»Wir könnten Kriminalhauptkommissar Voss fragen«, fiel Alma ein. »Der müsste Karis Kontaktdaten doch haben. Immerhin hat er sie sogar einmal festgenommen, weil er dachte, sie habe einen Mord begangen. An diesem Filialleiter im Delikatessen-Markt.«

Marijke dachte mit Schaudern an den Fall zurück. Damals hatten sie bei einem Morgenspaziergang an der Wanderdüne eine Leiche entdeckt. So wie im Jahr darauf den Toten im Haus einer ihrer Häkelfreundinnen. Als ob es auf der Insel neuerdings von Leichen wimmeln würde. Man konnte fast von Glück sagen, dass es in diesem Sommer nur verendete Vögel waren.

»Hm.« Witta rieb sich nachdenklich die Nase, ehe sie erneut ihre Frisur in Form brachte. »Keine schlechte Idee. Vielleicht sollten wir uns aber gleich an ihn wenden.«

Grethe, deren liebstes Hobby seit jeher darin bestand, mit Witta zu zanken, schaute diese spöttisch an.

»Das ist vielleicht nicht ganz sein Aufgabengebiet«, gab sie zu bedenken. »Oder meinst du, die Möwen sind ermordet worden?«

***

Kriminalhauptkommissar Jonas Voss kniff die Augen zusammen und blinzelte. Der silbergraue S-Klasse-Mercedes, der einsam am anderen Ende des menschenleeren Parkplatzes zwischen Rantum und Hörnum stand, von dem aus ein schmaler Weg zur Sansibar führte, war im milchigen Schein der Laternen kaum noch auszumachen. Voss gähnte und hielt sich die Hand vor den Mund.

Seit mehr als drei Stunden saß er nun mit seiner Kollegin, Kriminalkommissarin Hannah Behrends, in ihrem Dienstwagen, den sie strategisch in der Nähe der Einfahrt postiert hatten, und beobachtete durch ein Fernglas mit Nachtsichtfunktion das Fahrzeug. Es sollte ein Köder für die Autodiebe sein, die seit einigen Wochen ihr Unwesen auf der Insel trieben und immer wieder teure Karossen von einsam gelegenen Parkplätzen entwendeten. Der Mercedes passte exakt ins Beuteschema: luxuriös, aber nicht zu kostbar, ausgefallen, doch nicht so selten, dass man ihn bei jeder Fahrzeugkontrolle auf den ersten Blick identifizieren konnte. Wenn die Diebe ihn entdeckten, würden sie kaum widerstehen können.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung und wandte schnell den Kopf, doch es war nur ein schlanker Baum, der sich im Wind bewegte.

Voss griff nach seiner Wasserflasche und trank einen Schluck. Er sehnte sich nach zu Hause. Sein Vater und die Kinder hatten ohne ihn gegessen, und Jasper und Finja lagen sicher längst im Bett. Er hätte ihnen gerne eine gute Nacht gewünscht. Die beiden wurden so schnell groß, und die fünfzehnjährige Finja erduldete seine Liebkosungen schon jetzt mehr, als dass sie sie genoss. Jonas bedauerte jede Gelegenheit, die ungenutzt blieb. Trotzdem hatte er Hannahs Vorschlag zugestimmt.

In einiger Entfernung hörte er das Dröhnen eines Automotors, das immer lauter wurde. Ein Wagen näherte sich mit hoher Geschwindigkeit. Kurz vor der Einmündung zum Parkplatz schien er sein Tempo zu drosseln. Voss spannte unwillkürlich die Muskeln an. Er fixierte die schmale Zufahrt und wartete auf das Fahrzeug, das dort jeden Moment auftauchen musste. Stattdessen hörte er das Aufheulen des Motors, und in der nächsten Sekunde schoss ein dunkler Schatten auf der Straße vorbei.

Hatten die Autodiebe sie bemerkt und waren geflohen? Oder hatte der Wagen überhaupt nichts damit zu tun?

Jonas stieß die Luft aus, die er angehalten hatte, und lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück. Es hatte keinen Sinn, die Verfolgung des davonrasenden Fahrzeugs aufzunehmen. Wenn sie etwas erreichen wollten, mussten sie hier ausharren und warten. Nur so konnten sie die Diebe auf frischer Tat erwischen.

Hannah und er hatten die Daten sämtlicher Verkehrsüberwachungskameras auf Sylt auswerten lassen und einige der gestohlenen Wagen darauf entdeckt. Hannah hatte ein Bewegungsprofil erstellt, das zeigte, dass alle Autos in Richtung Tinnum unterwegs gewesen waren. Danach allerdings waren sie wie von Zauberhand von der Bildfläche verschwunden. Sie hatten die Kontrollen an den Autozügen und Fähren verstärkt, doch keines der gestohlenen Fahrzeuge war wieder aufgetaucht.

Sie nahmen an, dass man die Wagen in einer der zahlreichen Werkstätten im Industriegebiet in Tinnum umspritzte und anschließend mit falschen Papieren aufs Festland brachte. Sie hatten deshalb bei der Staatsanwaltschaft Flensburg eine großangelegte Durchsuchung aller in Frage kommenden Betriebe beantragt. Doch der zuständige Kapitaldezernent hatte sich noch nicht zu diesem Schritt durchringen können.

Hannah war daraufhin auf die Idee gekommen, den Dieben eine Falle zu stellen. Sie hatten sich bei der Flensburger Fahrdienstleitung den Mercedes geborgt und gut sichtbar auf dem Sansibar-Parkplatz abgestellt. Sollten die Diebe auftauchen, konnten Hannah und er den Diebstahl mit einer Infrarotkamera aufnehmen und den Tätern unauffällig zu dem Ort folgen, an dem die gestohlenen Wagen ein neues Gesicht bekamen.

Jetzt mussten die Autodiebe nur noch anbeißen.

***

In den Bäumen neben dem Leuchtturm raschelte und flatterte es, und Marijke hörte den Schrei eines Uhus. Ein flüchtiges Lächeln schlich sich in ihre Mundwinkel. Im letzten Jahr hatten die Nachtvögel dort gebrütet, und ihre Häkelschwestern und sie hatten dem Nest regelmäßige Besuche abgestattet, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatten befürchtet, dass es vom Sturm beschädigt werden könnte, doch es war alles gutgegangen, und am Ende hatten sie beobachten dürfen, wie drei Nestlinge ihre ersten Flugversuche unternahmen.

»Es wäre doch möglich«, Witta hob belehrend den Zeigefinger, »dass jemand die Vögel absichtlich vergiftet.«

Marijke dachte nach. Die Möwen auf Sylt konnten wirklich eine Plage sein. Sie sammelten sich in Scharen, stürzten sich auf arglose Feriengäste und stibitzten ihnen nicht selten ihre Fischbrötchen oder Crêpes direkt aus der Hand. Manch einer hätte ihnen wohl schon den Hals umdrehen wollen. Doch sie gehörten auch zum Sylter Flair. Was wären die Insel und das Meer ohne die majestätischen Vögel, die über den blauen Himmel schwebten und ihre unverwechselbaren Schreie ausstießen?

»Und weshalb trifft es nur die Möwen?«, monierte Grethe. »Hast du dafür auch eine Erklärung?«

»Sicher.« Witta reckte das Kinn. »Der Übeltäter muss nur irgendetwas präparieren, das außer den Möwen kein Vogel frisst.«

»Mhm.« Marijke holte ihre selbstgehäkelte Mütze hervor und stülpte sie sich über die grauen Locken. Der Wind schien mit jeder Minute frischer zu werden. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis nach oben und überlegte. Ganz von der Hand zu weisen war Wittas Hypothese nicht. Acht leblose Exemplare in drei Wochen waren zwar viel, aber trotzdem konnte es Zufall sein.

Marijke zog ihren Fotoapparat aus der Tasche, stellte den Drehschalter auf Nachtaufnahme und machte einige Bilder von der toten Möwe.

»Wenn wir einen Beweis hätten …«, sagte sie.

»Wir müssen sie untersuchen lassen«, befand Grethe. »Falls es ein Gift war, kann man das doch feststellen.«

Witta nestelte an ihren Haaren herum. »Und wie stellst du dir das vor?«, fragte sie gallig. »Sollen wir die Rechtsmedizin rufen?«

Grethe ging nicht auf ihren schnippischen Tonfall ein. Sie kniete sich neben den toten Vogel und beförderte aus dem unförmigen Lederrucksack, den sie über den Schultern getragen hatte, ein altes Handtuch und eine Plastiktüte hervor.

Witta bemerkte das Logo der großen Discounterkette, das darauf abgedruckt war, und rümpfte die Nase. Alma warf ihr einen warnenden Blick zu, ehe die Landarztwitwe einen entsprechenden Kommentar abgab.

»Es kann nicht jeder bei Feinkost Meyer einkaufen«, wisperte sie ihr zu. Grethe, die immer noch gute Ohren hatte, hörte sie natürlich trotzdem.

»Das will ich gar nicht«, sagte sie den Freundinnen. Sie breitete das Handtuch auf dem Sand aus, zauberte aus den Tiefen ihres Rucksacks ein Paar Haushaltshandschuhe hervor und streifte sie über die Finger. Anschließend legte sie die verendete Möwe vorsichtig auf das Tuch und schlug die Enden übereinander, so dass der Kadaver zwischen verwaschenen roten und blauen Karos verschwand. Zuletzt schob sie das improvisierte Leichentuch in die Discountertüte, nahm das Bündel auf den Arm und erhob sich wieder.

Die anderen sahen ihr zu, gleichermaßen neugierig und befremdet.

»Und was nun?«, fragte Alma.

Grethe wandte sich zu ihr um. »Wir bringen den Vogel zu einem Tierarzt«, erklärte sie barsch. »Was dachtest du?«

Alma schaute unsicher zu den beiden anderen Freundinnen. »Er ist doch aber nicht krank«, wandte sie ein. »Ich meine, was soll der Arzt da noch tun?«

»Das wissen wir, wenn wir es ausprobiert haben«, erwiderte Grethe. »Können wir ihn jetzt vielleicht in den Kofferraum legen? Er ist nämlich schwer.«

Witta verzog angewidert das Gesicht.

»Du willst … einen Leichnam …? In unserem Auto?«

»Hast du eine bessere Idee?« Grethe verlor zusehends die Geduld.

»Nein. Wir nehmen ihn mit.« Marijke ergriff die Initiative, bevor der nächste Disput aufbranden konnte. Das Fahrzeug, das sie zurzeit fuhr, war ohnehin nur ein rostiger alter Golf. Nachdem der VW Beetle, den sie sich im letzten Jahr gegönnt hatte, im Lister Hafenbecken versunken war, hatte sie sich nicht noch einmal zur Anschaffung eines Neuwagens durchringen können. Wer wusste schon, welche Abenteuer dem Auto in den kommenden Jahren bevorstanden? Offenbar war das die richtige Entscheidung gewesen.

»Also.« Grethe marschierte bereits durch den weichen Sand zurück zum Leuchtturm, und Marijke, Alma und Witta beeilten sich, ihr zu folgen.

Das Meer rauschte. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und ließ irgendwo eine Fahne knattern, deshalb war sich Marijke nicht ganz sicher, aber sie meinte, Witta neben sich etwas murmeln zu hören, das so klang wie: »Und als Nächstes melden wir uns alle zusammen in der Psychiatrie an …«

Fast hätte Marijke gelacht. Doch angesichts der toten Möwe war ihr die gute Laune vergangen.

2.

Hannah Behrends wischte auf ihrem iPad herum und steckte es anschließend wieder in die Tasche.

»Bisher keine neuen Diebstahlmeldungen«, verkündete sie. »Und auch sonst keine verdächtigen Aktivitäten.«

Jonas Voss spürte, wie ihn die Müdigkeit übermannte. Er blinzelte, um den Mercedes nicht aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht wäre es das Beste, die Sache für heute abzublasen und es am nächsten Tag erneut zu versuchen. Es sah nicht so aus, als würde in dieser Nacht noch etwas passieren.

Hannah schaute in den dunklen Himmel, an dem nur vereinzelt Sterne hinter rasch vorbeiziehenden Wolken aufblitzten und wieder verschwanden.

»Und du nennst sie weiterhin Kari?«, fragte sie zusammenhangslos und riss Jonas damit aus seinen Überlegungen.

»Was?« Er versuchte, sich zu sammeln. »Ja«, entgegnete er dann und hob das Fernglas wieder vor die Augen. Auf dem gesamten Parkplatz hinter der Sansibar war nicht die kleinste Bewegung auszumachen, weder von einem Menschen noch von irgendwelchen nachtaktiven Tieren. »Ich habe mich so daran gewöhnt. Und sie auch.« Ein Lächeln legte sich wie von selbst auf seine Lippen. »Als wir neulich bei ihren Eltern zu Besuch waren, hat ihre Mutter sie Karolina genannt, und sie hat gar nicht darauf reagiert.«

Ein warmes Gefühl durchströmte seine Brust. Er hatte bekommen, was er wollte. Kari und er waren endlich ein Paar. Und zugleich waren sie weiter von dem entfernt, was er sich gewünscht hatte, als je zuvor. Er seufzte, als sich wie so oft Enttäuschung in das Glücksempfinden mischte und die Zufriedenheit wie aus einem zerstochenen Luftballon entwich.

Hannah, die seine komplizierte Geschichte mit Kari nur zu gut kannte, drehte ihm den Kopf zu.

»Sie bleibt in Kiel?«, erkundigte sie sich. »Und arbeitet weiterhin fürs LKA?«

»Mhm.« Jonas schaffte es nicht, seine Niedergeschlagenheit zu verbergen. Nach langem Hin und Her hatten sie diesen Kompromiss gefunden. Seine Vision war die von einer richtigen Familie, Finja, Jasper, Kari und er gemeinsam am Esstisch. Aber Kari wollte ihren Beruf nicht aufgeben. Und als Undercover-Ermittlerin konnte sie kein normales Familienleben führen. Deshalb blieb es eine heimliche Liebe, von der auf Sylt nur seine Angehörigen und Hannah wussten.

»Ich finde das gut«, verkündete Hannah. »Es ist doch eine akzeptable Lösung.«

Jonas Voss fuhr sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare, die wie immer ungebändigt in alle Richtungen abstanden. Brauchbar war das Arrangement vielleicht. Der alte Spruch von dem Spatzen in der Hand, der besser war als die Taube auf dem Dach, schoss ihm durch den Kopf. War das tatsächlich so? Mit Hannah hätte er all das, was er sich erträumte, haben können. Doch sie war eben nicht die Frau, die er liebte. Er war froh, dass sie zumindest das im letzten Sommer endlich geklärt hatten und er ihr nicht mehr vormachen musste, dass er ihr Interesse an ihm nicht bemerkte. Mittlerweile pflegten sie eine kollegiale Freundschaft, die er als sehr angenehm empfand. Und wie es mit Kari weiterging … Nun ja, das würde man sehen.

Erneut hörte er das Röhren eines sich nähernden Automotors, und im nächsten Moment bog ein dunkler Kombi auf den Parkplatz. Er hielt direkt auf den S-Klasse-Mercedes zu und stoppte dicht dahinter. Eine Gestalt stieg aus dem Wagen und sah sich suchend auf dem leeren Platz um. Dann ging sie zu dem Mercedes und spähte durch die Seitenscheibe ins Innere.

Jonas Voss umklammerte mit einer Hand das Lenkrad, mit der anderen das Nachtsicht-Fernglas. Hannah sog neben ihm scharf die Luft ein. Waren das die Autodiebe?

Jonas schaute angespannt durch sein Infrarot-Gerät. Die Person, die sich den Köder ansah, war ein Mann. Voss schätzte ihn auf Anfang bis Mitte vierzig. Er war groß und wirkte muskulös, hatte kurzgeschnittenes dunkles Haar und war mit Jeans und Pullover in gedeckten Farben bekleidet. Der Unbekannte ging einmal um die Luxuskarosse herum und kehrte dann zu seinem Kombi zurück. Jonas erkannte, dass sich auf dem Beifahrersitz eine zweite Person befand. Er erwartete, dass die beiden gemeinsam aussteigen und sich am Mercedes zu schaffen machen würden, doch nichts geschah.

Ein paar Minuten lang hörte er nur ihre eigenen angestrengten Atemzüge. Schließlich rührte sich Hannah.

»Sollen wir nachsehen?«

Jonas zögerte. Er wollte die Autodiebe auf frischer Tat ertappen. Aber vielleicht gab es einen Grund, weshalb sie den Mercedes nicht haben wollten. In diesem Fall wäre es besser, sie zumindest aufzustören und ihre Personalien aufzunehmen, ehe sie unerkannt verschwanden.

»Okay, los!«

Sie sprangen aus dem Dienstwagen und liefen mit großen Schritten zu den beiden geparkten Fahrzeugen. Voss ging auf die Fahrerseite des Kombis, Hannah auf die Beifahrerseite. Er beugte sich hinunter, um gegen die Scheibe zu klopfen, stoppte die Bewegung jedoch im letzten Augenblick.

Mit einem Grinsen schaute er über das Wagendach zu Hannah.

Der Mann und die Frau im Kombi waren so beschäftigt, dass sie die beiden Beamten überhaupt nicht bemerkt hatten. Sie küssten sich leidenschaftlich, und die linke Hand des Mannes suchte sich gerade einen Weg unter den kurzen Rock der Frau.

Jonas bedeutete seiner Kollegin mit einer Kopfbewegung, sich unauffällig zurückzuziehen.

»Schade«, witzelte Hannah, als sie wieder in ihrem Dienstfahrzeug saßen. »Ich hätte gern geschaut, wie weit sie kommen, bevor sie auf uns aufmerksam werden.«

Jonas warf ihr einen kurzen Blick zu. Er wusste, dass sich Hannah einen Partner wünschte. Zum Glück war mittlerweile nicht mehr er derjenige, für den sie sich interessierte. Trotzdem war es vermutlich schmerzlich für sie, dem Glück der anderen zuzusehen.

Doch Hannah ließ sich nichts anmerken. Sie schaltete ihr iPad ein und notierte sich das Kennzeichen des Kombis.

»Nur zur Sicherheit«, erklärte sie. »Wer weiß, wofür man es noch mal braucht. Ich würde wetten, die Frau, mit der er sich vergnügt, ist nicht seine Ehefrau.«

Jonas hielt nicht dagegen. Ein Paar mittleren Alters, heimlich auf einem Parkplatz … Er schaute auf die Uhr.

»Wie auch immer«, sagte er. »Wir sollten Feierabend machen. Jetzt wird sicher niemand mehr den Mercedes knacken.«

Hannah gähnte herzhaft und brachte mit einer raschen Kopfbewegung ihren blonden Bob in Form.

»Einverstanden«, stimmte sie gutgelaunt zu. »Ich habe absolut nichts gegen ein paar Stunden ungestörter Nachtruhe einzuwenden.«

Voss dachte an seine Kinder. Vielleicht konnte er morgen mit ihnen frühstücken, wenn er zu einer vernünftigen Zeit aus den Federn kam.

»Nein«, sagte er. »Ich auch nicht.«

***

Marijke schlug den Kofferraumdeckel ihres Golfs zu und schaute ihre Freundinnen an.

»Wollen wir zurückfahren? Oder sollen wir nachsehen, ob es noch mehr Opfer gibt?«, erkundigte sie sich. Der Fund der verendeten Möwe bedrückte sie, und sie hätte sich weitere Anblicke dieser Art gerne erspart, doch wenn jemand die Vögel gezielt vergiftete, war es sicher nicht verkehrt, so viele Beweise wie möglich zu sammeln. Und wo sie nun schon einmal hier waren …

Grethe sah das genauso.

»Wir machen die Runde um die Odde wie geplant«, schlug sie vor, und Alma nickte zustimmend. Nur Witta zauderte.

»Ich weiß nicht«, näselte sie. »Reicht es nicht, wenn wir eine Leiche haben, die man untersuchen kann?« Sie rückte ihre Haare zurecht. »Wir brauchen nicht eine ganze Kiste Möwenkadaver.«

»Ein vergifteter Vogel kann Zufall sein«, widersprach Grethe. »Aber wenn’s mehr sind, können wir zeigen, dass ein System dahintersteckt.«

»Der Irrsinn hat Methode«, murmelte Witta, was Grethe zu einem höhnischen Schnauben veranlasste. Ebenso wie Marijke hatte sie die Anspielung auf das Hamlet-Zitat – »Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode« – natürlich erkannt. Witta demonstrierte gern ihre kulturelle Bildung, die sie als ehemalige Landarztgattin in höherem Maße genossen zu haben glaubte als ihre Freundinnen. Dabei waren die vier Frauen schon früher gemeinsam ins Theater gegangen, ohne ihre Männer, weil die entweder keine Zeit – so wie Marijkes Ehemann, der oft monatelang irgendwo auf hoher See unterwegs gewesen war – oder keine Lust gehabt hatten. Bäcker Grieger und Klempner Aldag hatten ihre freien Abende lieber bei einem gepflegten Bier in einer der weniger bekannten Kneipen in Westerland verbracht, und Landarzt Claaßen hatte seinen Schachclub vorgezogen.

»Dann lasst uns schnell machen«, bat Alma und zog ihre rosafarbene Häkeljacke enger um die Schultern. »Mir ist kalt.«

Marijke nickte ihr dankbar zu. Sie war nicht in der Stimmung für Grethes und Wittas übliches Geplänkel. Entschlossen richtete sie den Lichtkegel ihrer Taschenlampe nach vorn und marschierte am Restaurant Südkap vorbei zu dem Strandabschnitt, an dem sie die leblose Möwe entdeckt hatten.

Als sie dem Wasser näher kamen, zog sie ihre Mütze weiter über die Ohren. Ein bleicher Mond stand am Himmel, der ein ums andere Mal hinter dunklen Wolken verschwand und sich wieder hervorschob. Dann tauchte er die Nordsee und den Strand in ein fahles Licht, das beinahe unwirklich schien. Der kalte Wind vom Meer pfiff unbarmherzig, und das laute Klatschen der anrollenden Brandung verstärkte das Unbehagen, das Marijke plötzlich befiel. Trotzdem würden sie jetzt nicht umkehren. Sie hatten sich vorgenommen, die Odde einmal zu umrunden, und genau das würden sie tun.

Beherzt schritten die Häkeldamen aus, und Alma, die sichtlich fror, lief mit gegen die scharfen Böen geneigtem Kopf vorweg. Sie kamen allerdings nicht weit. Nur knapp fünfzig Meter vom Fundort des toten Vogels entfernt, erwartete sie eine weitere Überraschung. Wieder war es Alma, die stehen blieb.

»Was ist das?«

Marijke kniff die Augen zusammen. Jemand hatte wie für ein Candle-Light-Dinner einen Tisch und zwei Stühle nahe dem Flutsaum aufgestellt. Allerdings fehlten die Kerzen, und der linke Platz war leer. Auf dem rechten dagegen saß jemand, vollkommen reglos, das Kinn auf der Brust, als wäre er eingeschlafen. Aber hätte er dann nicht vom Stuhl kippen müssen?

Marijke ging entschlossen auf das Arrangement zu. Als das Mondlicht auf die Szene fiel, keuchte sie auf.

Die Gestalt auf dem Stuhl war eine Frau. Lockiges, rötlichblondes Haar umrahmte ein leichenblasses und grässlich verzerrtes Gesicht. Eigentlich war es mehr eine Fratze. Die Augen waren hervorgequollen, und an den Lippen der Frau klebten schaumige Bläschen. Auf ihrem hellen Sommerkleid erkannte Marijke Spuren von Erbrochenem.

Sie ließ den Lichtstrahl ihrer Lampe über den Körper der Frau wandern und sah jetzt auch, weshalb sie nicht vom Stuhl gefallen war: Jemand hatte ihre Handgelenke hinter der Rückenlehne zusammengebunden und ihre Fußknöchel an die Stuhlbeine gefesselt. Zusätzlich war ihr Oberkörper mit einem Seil an der Lehne fixiert.

Witta drängte sich entschlossen nach vorn. Sie legte zwei Finger an das Handgelenk der Frau und suchte nach dem Puls. Als sie ihn nicht fühlte, versuchte sie es am Hals.

»Licht!«, kommandierte sie, und Marijke reichte ihr die Taschenlampe.

Witta leuchtete der Unbekannten in die Augen und brachte ihr Ohr dicht an deren Mund. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Sie ist tot«, erklärte sie und wandte sich an Grethe. »Jetzt müssen wir Kommissar Voss anrufen. Das hier war auf jeden Fall Mord.«

3.

Jonas Voss stellte den Dienstwagen auf dem Parkplatz neben dem Hörnumer Leuchtturm ab und stieg aus. Dann streckte er sich, schob die Ärmel seiner Lederjacke zurück und schaute sich um.

Der Anruf hatte sie erreicht, als sie kurz vor der Ortseinfahrt von Westerland gewesen waren. Voss hatte auf dem Display gesehen, dass es Marijke Meenken war, und sofort ein mulmiges Gefühl gehabt. Er hatte befürchtet, dass einer der Häkeldamen etwas zugestoßen sein könnte. Dass sie allerdings zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren über eine Leiche gestolpert waren – auf einer Insel, auf der Mord und Totschlag nun wirklich nicht an der Tagesordnung waren –, machte ihm die alten Frauen irgendwie unheimlich. Umso mehr, als Marijke Meenken am Telefon weniger schockiert geklungen hatte als vielmehr … vergnügt? Womöglich hoffte sie, dass auch Kari wieder auftauchen und die alten Damen – die Kari mit liebevollem Spott die »Häkelmafia« nannte – erneut bei der Aufklärung eines spannenden Kriminalfalls mitwirken konnten. Er hatte sogar Verständnis dafür, dass sie das reizvoller fanden, als ihre reichlich vorhandene Zeit ausschließlich mit Häkeln und Vogelbeobachtungen zu verbringen. Gleich darauf fiel ihm jedoch ein, dass die alten Frauen keine Ahnung hatten, dass Kari in Wirklichkeit Polizistin war. Auch er selbst hätte, wie er sich eingestand, nichts dagegen, Kari wieder einmal für ein paar Wochen in seiner Nähe zu haben. Ein alberner und dummer Wunsch, denn wenn sie im Einsatz war, durften sie erst recht keinen Kontakt pflegen, sonst würde Karis Chef, Kriminalrat Ole Lund, sie sofort von dem Fall abziehen. Lund war ein Mann, der Ordnung und Präzision schätzte. Er würde nicht zulassen, dass sie mit ihren privaten Interessen seine Ermittlungen gefährdeten. Und Kari würde es Jonas ebenfalls gewaltig übelnehmen, wenn er seine Emotionen nicht unter Kontrolle hätte. Etwas, das sie – im Gegensatz zu ihm und sehr zu seinem Leidwesen – ganz hervorragend beherrschte.

Voss strich sich die widerspenstigen braunen Locken aus der Stirn und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie hatten noch nicht einmal ermittelt, wer die Tote war und ob sie es überhaupt mit einem Mord zu tun hatten. Ehe er sich in Phantasien über Karis zukünftige Undercover-Einsätze verlor, sollte er lieber erst einmal die Fakten sichern.

Hannah war ebenfalls ausgestiegen und machte sich auf ihrem Tablet mit der Lage des Leichenfundorts vertraut. Anschließend blickte sie in Richtung Meer.

»Was hat Frau Meenken gesagt, wo sie uns erwartet?«

Jonas deutete zum Strand.

»Sie wollten die Tote nicht aus den Augen lassen. Sie meinte, wir können sie nicht verfehlen.«

Hannah schien wenig überrascht. Genau wie Jonas wusste sie mittlerweile, von welchem Kaliber die Häkelfreundinnen waren.

»Gut«, sagte sie. »Gehen wir.«

***

Tatsächlich waren die alten Damen nicht schwer zu finden. Marijke Meenken hastete ihnen entgegen, kaum dass sie den Strandabschnitt hinter dem Restaurant Südkap betreten hatten. Sie trug einen winddichten Anorak und eine bunte Häkelmütze auf dem Kopf.

»Kommen Sie. Schnell!«, rief sie.

Voss sah sie verwirrt an. »Ich dachte, die Frau sei tot?«

»Das ist sie«, erklärte Marijke streng. »Aber wir haben Flut. Das Wasser läuft auf. Wir haben den zweiten Stuhl und den Tisch beiseitegestellt, damit sie nicht versinken, aber den Stuhl mit der Leiche können wir nicht bewegen.«

»Ach so?« Jonas spähte am Flutsaum entlang. Er hatte Mühe, sich das Szenario vorzustellen, und folgte Marijke, die sich bereits umgedreht hatte und zurückeilte. Hannah leuchtete ihnen mit ihrer leistungsstarken Polizeilampe.

Wenig später stand er vor dem Stuhl, der sich bereits knöcheltief im Wasser befand. Voss schluckte. Die Frau, die darauf gefesselt war, war sicher attraktiv gewesen. Jetzt, im Tod, sah sie dagegen schauderhaft aus. Er zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche seiner Lederjacke, streifte sie über und betastete das Gesicht der Toten. Die Augenlider waren starr, ebenso die Kiefermuskulatur. Die Arme dagegen würden sich, wenn die Fesseln gelöst waren, vermutlich bewegen lassen. Damit ließ sich die Todeszeit eingrenzen; die Frau musste vor etwa vier bis sechs Stunden gestorben sein.

Jonas schaute auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr. Es war kurz vor halb eins; der Zeitpunkt des Mordes lag also ungefähr zwischen halb sieben und halb neun am Abend. Weshalb hatte dann bisher niemand die Leiche entdeckt? Es war Juli, und die Sonne ging erst gegen zehn unter. Zum Todeszeitpunkt musste es noch taghell gewesen sein, und selbst wenn dieser Strandabschnitt kein ausgesprochener Touristenmagnet war, gab es doch genügend Einheimische und Urlauber, die in den frühen Abendstunden noch einen Spaziergang unternahmen oder ihre Hunde ausführten.

Marijke Meenken, die ihm seine Gedanken offenbar am Gesicht ablesen konnte, lächelte.

»Hier war heute Abend alles abgesperrt«, berichtete sie. »Deshalb sind wir erst so spät aufgebrochen.«

»Abgesperrt?« Hannah hatte bereits ihr iPad in der Hand und scrollte durch die internen Mitteilungen der Polizeistation Sylt. »Davon ist uns nichts bekannt.«

Witta Claaßen, eine Hand an ihrer weißen Dauerwelle, die verblüffend an die Frisur von Marlene Dietrich erinnerte, schob sich nach vorn.

»Gelbe Stangen und gelbes Plastikband«, berichtete sie. »Und ein paar Schilder. ›Strandreinigung‹ stand darauf. ›Nicht betreten. Gesundheitsgefahr.‹«

»Ach so?« Hannah tauschte einen raschen Blick mit Voss. Obwohl sie bisher kaum Informationen hatten, zeichnete sich bereits ein Bild des Verbrechens ab. Ein sorgfältig geplanter Mord. Und ein offensichtlich gutorganisierter Täter.

»Ihr Mörder hat sie also möglicherweise zu einem Rendezvous herbestellt«, schloss Marijke Meenken. »Und ihr weisgemacht, er hätte den Strand abgeriegelt, damit sie ungestört sind.«

»Dann war es mit Sicherheit ein Mann«, folgerte Witta Claaßen und verstärkte ihre Bemühungen um den richtigen Sitz ihrer Frisur. »Eine solche Bosheit …«

»Pah!« Grethe Aldag funkelte ihre Häkelfreundin an. »Du glaubst, eine Frau wäre dazu nicht in der Lage? Da brauchst du dir doch nur mal an die eigene Nase …«

»Grethe.« Alma Grieger griff nach dem Arm ihrer Freundin und zog sie zurück. »Sie müssen entschuldigen«, sagte sie zu Voss und Hannah. »Der Anblick … das war für uns alle ein Schock.«

»Das verstehen wir«, sagte Hannah, doch Jonas hatte den Eindruck, dass sie ebenso wie er die Betroffenheit vermisste, die man nach einem Leichenfund eigentlich erwartete. Vielleicht lag es daran, dass den Frauen in ihrem Leben schon viel Schlimmeres widerfahren war und sie abgeklärt waren. Immerhin hatten sie den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt. Gerade für ein Kind musste das eine verstörende Erfahrung sein. Vielleicht wirkten die Häkeldamen auch nur deshalb so gelassen, weil es mittlerweile der dritte Leichnam war, den sie auf Sylt entdeckt hatten, und der Schrecken hatte sich abgenutzt.

Eine heftige Bö wirbelte ihm Sand ins Gesicht und erinnerte ihn daran, dass sie all diese Fragen ebenso gut später klären konnten. Was dagegen sofort getan werden musste, war, den toten Körper aus der Gefahrenzone zu bringen. Schon rollten wieder neue schäumende Wellen auf den Strand und überspülten die Füße der Frau und die Beine des Stuhls, an den sie gefesselt war. Voss machte Hannah ein Zeichen, die daraufhin ihre Lampe an Grethe Aldag weiterreichte und gemeinsam mit ihm den Stuhl mit der Toten darauf anhob und so weit vom Flutsaum wegtrug, dass das Meer keine weiteren Spuren zerstören konnte.

Grethe gab Hannah die Lampe zurück und reichte ihr die Tasche, die sie in der anderen Hand hielt. Nicht ihre eigene, schloss Voss. Die Handtasche war rosa, aus feinem Leder und mit hübschen Applikationen aus kleinen Glasstücken. Nichts, was zu der Keitumer Klempnerwitwe mit dem eisgrauen Haar, den verwaschenen Jeans und der praktischen Bluse gepasst hätte.

»Wir wissen, dass man an einem Tatort nichts anfassen darf«, erklärte Grethe. »Aber die Tasche trieb auf dem Wasser. Wenn wir sie nicht an uns genommen hätten, wäre sie weggespült worden.«

Voss nahm die Tasche, öffnete sie und schaute hinein. Im Inneren befanden sich Handy, Portemonnaie, Eyeliner und Lippenstift und ein durchweichtes Päckchen Taschentücher. Keine Ausweisdokumente, mit denen sich die Frau hätte identifizieren lassen, keine Autoschlüssel, zu denen man den passenden Wagen suchen und per Halterabfrage die Identität der Frau klären könnte. Er versuchte, das Smartphone einzuschalten, doch das Display blieb schwarz. Entweder war der Akku leer, oder das Wasser hatte das empfindliche Gerät beschädigt. Er steckte es zurück in die Tasche und gab sie an Hannah weiter.

»Wie müssen wir uns das vorstellen?«, fragte sie, nachdem sie die Handtasche in einem großen Plastikbeutel verstaut hatte. »Der Täter sperrt den Bereich ab, bestellt die Frau zu einem angeblich romantischen Treffen und vergiftet sie. Und dann wartet er, bis es dunkel ist, und entfernt seine Warnschilder, damit sie gefunden wird? Warum hat er die Leiche nicht beiseitegeschafft?«

Voss betrachtete den verschnürten Körper.

»Womöglich hat er geglaubt, dass die Flut sie mitnimmt. Oder das Ganze ist eine Inszenierung. Irgendeine Art von Botschaft.«

»Vergiftet?«, fragte Grethe Aldag, die wieder zu ihnen getreten war.

Voss schnitt eine Grimasse. Es war weder seine Art, noch war es besonders professionell, gegenüber Zeugen über Hypothesen zum Tathergang zu sprechen, nicht zuletzt, weil es ihre Aussagen in unzulässiger Weise beeinflussen konnte.

»Das ist nur eine Vermutung«, schränkte er ein. »Sicher kann das nur die Rechtsmedizin sagen. Es ist lediglich eine von mehreren Möglichkeiten.«

Grethe hatte für seine feinsinnige Differenzierung nicht viel übrig. Sie nickte nur knapp und drehte sich zu ihren Häkelschwestern um. »Dann ist der Vogel vielleicht deshalb gestorben.«

Jonas Voss suchte den Strandabschnitt unwillkürlich mit den Augen ab.

»Welcher Vogel?«

»Eine tote Möwe«, erläuterte Witta Claaßen.

»Wir haben sie geborgen und in den Kofferraum von Marijkes Auto gelegt«, ergänzte Alma Grieger. »Wollen Sie sie sehen?«

»Äh … nein. Das fällt nicht in unser Ressort.« Jonas fühlte sich überrollt, wie es, wie ihm jetzt einfiel, oft der Fall war, wenn er mit den Häkeldamen zu tun hatte.

»Siehste?« Grethe schaute zu Witta. »Hab ich doch gesagt.«

Die Landarztwitwe gab vor, nichts gehört zu haben. Ehe Grethe nachlegen konnte, ging Hannah dazwischen.

»Wir möchten Sie jetzt bitten, den Tatort zu verlassen«, sagte sie amtlich. »Wir müssen hier absperren und auf die Spurensicherung und die Rechtsmedizin warten. Sie können nach Hause fahren, aber wir müssen noch Ihre Aussagen aufnehmen. Morgen früh um neun auf dem Revier?«

Die vier alten Damen nickten eifrig. Jonas Voss dagegen stöhnte innerlich. Sie hatten noch eine lange Nacht vor sich. Sie mussten den Fundort abriegeln, ein Schutzzelt über dem Leichnam errichten und ein paar Streifenbeamte für die Bewachung abordnen. Außerdem galt es, so rasch wie möglich die Identität der Toten zu klären. Da sie offenbar keine Papiere bei sich hatte, würden sie Fotos machen und per Bildabgleich im Internet nach der Frau suchen. Zugleich würden sie bei den Sylter Taxiunternehmen nachfragen, ob jemand die Frau gefahren hatte. Gegen sechs, wenn der erste Autozug eintraf, konnten sie mit der Spurensicherung und der Rechtsmedizin rechnen. An ausreichend Schlaf war da nicht mehr zu denken. Von einem Frühstück mit den Kindern gar nicht zu reden.

4.

Die Uhr am Armaturenbrett sprang im selben Moment auf fünf, als Karolina Dahl ihren Renault Twingo auf dem Parkplatz am Surfkiosk abstellte und aus dem Wagen stieg. Sie öffnete den Kofferraum, wechselte ihre Straßentreter gegen die Joggingschuhe und ging beschwingt die wenigen Schritte zur Strandpromenade. Sie streckte sich und atmete tief ein.

Die Sonne stand bereits ein gutes Stück über dem Horizont, doch noch war es still. Karolina hörte das leise Schwappen der Wellen, die auf den hellen Sand und die dunklen Steine liefen, und hier und da ein leises Rascheln und zwitschernde Vogelstimmen aus den Büschen, die in leuchtendem Rosa blühten. Der Himmel war von einem hellen, fast durchscheinenden Blau, die Ostsee glitzerte in sattem Türkis. Keine einzige Wolke war zu entdecken.

Ein herrlicher Sommermorgen, noch unberührt und ungetrübt durch die zahlreichen Strandbesucher, die im Laufe des Tages ohne jede Frage eintreffen würden. Am Nachmittag würde man an den Tischen vor dem Kiosk keinen Platz mehr finden, ebenso wenig wie am Bülker Leuchtturm. Über die schmale Straße hinter den Bäumen würden sich Autoschlangen winden, Fahrer verzweifelt einen freien Stellplatz für ihren Wagen suchen, und auf der Promenade würden sich Spaziergänger, Jogger und Fahrradfahrer drängen. Der Strand wäre dann belegt von Sonnenanbetern und Familien mit Kindern, ein paar wagemutigen Badenden, einer bunten Schar von Wind- und Kitesurfern und Studenten, die verbotenerweise grillten, so wie es an einem Sommersonntag in Strande eben war.

Karolina mochte diesen Trubel nicht. Zum Glück machte es ihr nichts aus, früh aufzustehen, deshalb konnte sie dieses wunderbare Fleckchen Erde eine Weile für sich allein haben. Sie befestigte ihre Wasserflasche am Gürtel, schob das Handy tiefer in die Tasche und setzte sich in Trab.

Eine ganze Woche Urlaub lag vor ihr, nachdem sie die beiden letzten Monate vorwiegend in dunklen, staubigen Kellerräumen verbracht hatte. Aus den Beständen der historischen Abteilung der Universitätsbibliothek in Flensburg waren wertvolle Folianten verschwunden und auf versteckten Seiten im Internet zu horrenden Preisen zum Kauf angeboten worden. Karolina war wieder einmal in die Rolle der erfolglosen Schriftstellerin Kari Blom geschlüpft und hatte als Aushilfe im Archiv gearbeitet. Sie hatte Kontakt zu sämtlichen Mitarbeitern aufgebaut und nach Hinweisen geforscht, doch die Aufklärung des Falls hatte dennoch viel Zeit gebraucht. Erst als ihr Vorgesetzter, Kriminalrat Ole Lund, bereits erwogen hatte, die Ermittlungen einzustellen, war ihr der Durchbruch gelungen. Ole Lund war zufrieden und hatte Kari eine Woche Sonne verordnet, nachdem sie den Frühsommer in ihrem Kellergewölbe weitgehend verpasst hatte.

Sie erhöhte ihr Tempo und lief mit raumgreifenden Schritten über das graue Steinpflaster, während ihr Blick über die sich verbreiternde Förde glitt. Draußen waren bereits die ersten Segler zu sehen, und eine der riesigen Skandinavienfähren schob sich am Ehrenmal in Laboe vorbei in Richtung Dänemark. Kari umrundete den Bülker Leuchtturm, lief um die kleine Bucht herum und tauchte dann in den lichten Wald ein. Der Weg führte oben an der Steilküste entlang und bot immer wieder berauschende Ausblicke, und Kari spürte, wie das Staubgrau der Bibliothek langsam aus ihrem Kopf geweht wurde. Als sie den Ortseingang von Dänisch-Nienhof erreichte, trank sie ihre Wasserflasche zur Hälfte leer und machte sich dann auf den Rückweg. Wenn sie wieder in Strande war, würde auch der Surfkiosk bald öffnen. Dann würde sie sich an einen der Tische setzen, einen Milchkaffee trinken und in Ruhe in dem Buch lesen, das Jonas ihr geschenkt hatte.

Als sie an ihn dachte, legte sich plötzlich eine dunkle Wolke über ihr Gemüt. Eigentlich hatte sie das Wochenende gemeinsam mit ihm in Kiel verbringen wollen, doch die Autodiebe hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jonas musste auf Sylt bleiben und arbeiten. Und das hatte wieder einmal zu einer langen Diskussion darüber geführt, ob sie ihre Heimlichtuerei nicht beenden und endlich zu ihm ziehen wollte.

Kari blieb stehen und schüttelte den Kopf. Sie mochte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, und sie hatte gute Gründe dafür. Sie liebte ihren Job. Sie wollte ihn nicht aufgeben. Deshalb würde sie in Kiel bleiben und nicht zu Jonas nach Sylt ziehen. Auch wenn Ole Lund und ihre Mutter, von Beruf Psychotherapeutin, nicht müde wurden, sie mit der Frage zu necken, ob es nicht vielmehr ihre Angst vor Nähe war, die sie zu ihrem Entschluss bewogen hatte.

Natürlich hatten die beiden recht. Aber der Schatten, den dieser Gedanke heraufbeschwor, war noch dunkler als jener, den der Streit mit Jonas auf ihre Seele geworfen hatte. Sie mochte sich nicht mit diesen Überlegungen auseinandersetzen und sie analysieren, so wie es ihre Mutter gern getan hätte. Lieber lief sie noch ein bisschen schneller. Wenn sie nur weit genug rannte, würde die Vergangenheit sie vielleicht nicht mehr einholen.

5.

Jonas Voss trat so heftig in die Pedale, dass seine Oberschenkelmuskeln brannten, was gleichermaßen an der Müdigkeit lag, die ihm in den Knochen steckte, wie an dem scharfen Wind, der ihm von Westen direkt ins Gesicht pfiff. Seine Augen tränten, und er wischte ungeduldig mit dem Ärmel seiner Lederjacke darüber, um sie zu trocknen.

Gerade mal zwei Stunden hatte er im Bett verbracht, nachdem sie bis drei Uhr vergeblich versucht hatten, die Identität der Toten vom Strand zu klären. Hannahs Bilderkennungssoftware hatte keine Übereinstimmung mit irgendwelchen Fotos im Internet gefunden. Wahrscheinlich deshalb, weil das Gesicht der Frau im Tod so grauenvoll verzerrt war, dass es mit ihrem einstigen Aussehen kaum noch etwas gemein hatte. Oder sie hatte so zurückgezogen gelebt, dass es tatsächlich keine Aufnahmen von ihr im Netz gab.

Auch auf die Frage, wie die Frau zur Odde gelangt war, hatten sie keine Antwort gefunden. Die Taxizentralen hatten etliche Fahrten für den Samstagabend nach Hörnum verzeichnet, doch keiner der Fahrer konnte sich an eine Frau erinnern, auf die die Beschreibung der Toten gepasst hätte. Entweder war sie mit ihrem eigenen Wagen gefahren, und ihr Mörder hatte ihr die Schlüssel abgenommen, oder sie war zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen.

Um halb vier hatte er sich endlich schlafen gelegt, um halb sechs hatte ihn das Handy wieder geweckt, und er war aufgestanden, um die Kollegen von der Spurensicherung und der Rechtsmedizin in Empfang zu nehmen, die mit dem ersten Autozug des Tages angereist waren.

Nachdem er die Teams ins Bild gesetzt hatte, waren sie mit Hannah zur Odde gefahren, während er sich noch einmal aufs Rad geschwungen hatte. Wenn er schon am Sonntag arbeiten musste und keine Zeit für ein gemeinsames Frühstück hatte, wollte er die Kinder wenigstens wecken. Anschließend würde, wie so oft, sein Vater übernehmen und Jasper zu seiner Verabredung mit ein paar Klassenkameraden in der Sylter Welle und Finja zu ihrer vogelkundlichen Wattführung in List fahren. Das Interesse seiner Tochter an Umweltfragen war nach wie vor sehr groß, und sie hatte sogar schon begonnen, sich Informationsmaterial von verschiedenen Universitäten schicken zu lassen. Dabei hatte sie noch drei Jahre Zeit bis zum Abitur.

Ein Kindermädchen hatte er nach Olivias Rückreise nach Spanien im vorletzten Jahr nicht mehr gefunden. Zwei Jahre war sie als Au-pair im Hause Voss gewesen, und die Kinder hatten sie vergöttert. Als sie sich schließlich der Liebe wegen zur Heimkehr entschlossen hatte, waren sich Jasper und Finja sofort einig gewesen, dass sie keinen Ersatz wollten. Sie seien alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, hatte ihr einhelliger Tenor gelautet, und sie hatten erfolgreich alle Bewerberinnen in die Flucht getrieben, die Jonas gerne eingestellt hätte. So war in den letzten zwei Jahren die Kinderbetreuung zu großen Teilen an seinem Vater hängengeblieben, doch Redlef beschwerte sich nicht darüber. Im Gegensatz zu Jonas schien es ihm keine Mühe zu bereiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und trotz seiner zahllosen Verpflichtungen – er betrieb nicht nur eine gutgehende Fischhandlung in Keitum, sondern ging auch noch selbst auf Fischfang und bot Ausflugsfahrten mit seinem alten Kutter Andina an – genügend Zeit für Jasper und Finja zu finden. Jonas selbst dagegen war mit seiner Situation unzufrieden. Er sehnte sich nach einer Partnerin, mit der er Ordnung in sein Leben bringen konnte, und hatte gehofft, dass Kari mit ihm zusammenziehen würde. Aber Kari wollte nicht.

Jonas schnaubte. Er schob die Ärmel seiner Lederjacke nach oben, strich sich die ungebändigten braunen Locken aus der Stirn und strampelte noch kräftiger. Es war vollkommen müßig, immer wieder dieselben Gedanken durch seinen Kopf zu bewegen. Er drehte sich im Kreis. Kari wollte in Kiel bleiben, und er konnte nichts daran ändern, also sollte er sich besser damit abfinden. Doch das war leichter gesagt als getan.

Die fünfzehnjährige Finja hatte wie so oft abweisend reagiert, als er sie an der Schulter gerüttelt hatte, um sie zu wecken.

»Das ist nicht nötig, Paps«, tadelte sie ihn und wehrte seine Umarmung ab. »Mein Smartphone klingelt in zwei Minuten. Ich kann alleine aufstehen, danke.«

Jonas entschuldigte sich und ging zu Jasper. Der zumindest schlang begeistert die Arme um den Hals seines Vaters und ließ sich die blonden Locken verstrubbeln. Mit seinen zwölf Jahren war er immer noch eher ein kleiner Junge als ein Jugendlicher, doch das konnte sich jeden Tag ändern. Wer wusste schon, wie er sich entwickeln würde, wenn die Pubertät erst einmal einsetzte?

Mit Bedauern hatte er Jasper erklärt, dass er zur Arbeit musste, weil in der Nacht eine Leiche gefunden worden war, doch der Junge hatte es mit der ihm eigenen Leichtigkeit aufgenommen.

»Das macht doch nichts, Papa. Opa Redlef fährt mich zur Sylter Welle und schwimmt mit mir.«

»Mhm«, murmelte Jonas und wartete auf den Nackenschlag, der prompt kam.

»Er kann sowieso viel besser tauchen als du«, fügte Jasper hinzu, ehe er mit großen Schritten in die Küche eilte, um sich sein erstes Brötchen des Tages einzuverleiben. Der Junge aß wie ein Scheunendrescher, war aber trotzdem gertenschlank. Anders als Finja, bei der die Schokolade, die sie so liebte, sofort ansetzte. Seit einiger Zeit ernährte sich seine Tochter deshalb vorwiegend von großen Haufen grüner Blätter und nahm nahrhafte Dinge nur noch in winzig kleinen Portionen zu sich.

Mit gemischten Gefühlen hatte er schließlich das Haus verlassen. Für neun Uhr hatte Hannah die Häkeldamen in die Polizeistation bestellt, und er sollte die Befragung übernehmen, während sich Hannah um die Tatortarbeit kümmerte.

Voss radelte am Ortseingangsschild von Westerland vorbei, fuhr die Keitumer Chaussee bis zum Polizeirevier im Kirchenweg und stellte sein bemitleidenswert rostiges Hollandrad auf dem rückwärtigen Parkplatz ab. Nur aus Gewohnheit schloss er es an den Ständer an. Stehlen würde dieses museumsreife Stück sicher niemand, und an diesem Ort erst recht nicht.

Er zog die Lederjacke aus, hängte sie sich über die Schulter und machte sich auf den Weg zum Hintereingang der Polizeistation. Bevor er eintrat, warf er noch einen Blick in den wolkenlosen blauen Himmel. So, wie es schien, hatte Hannah bei der Aufgabenverteilung das bessere Los gezogen.

***

Eine halbe Stunde später saß er am Schreibtisch und hatte alles für die Befragung der Häkeldamen vorbereitet. Er wollte gerade aufstehen, um eine Kanne Kaffee zu kochen, als es an der Tür klopfte und ein Streifenbeamter den Kopf ins Zimmer streckte.

»Moin, Kollege«, sagte er. »Hier ist ein Mann, der seine Frau als vermisst melden möchte. Eigentlich ist es noch zu früh dafür, sie ist erwachsen und noch keine vierundzwanzig Stunden abgängig, aber er ist ziemlich verzweifelt, und wo ihr doch letzte Nacht die Tote an der Odde gefunden habt …« Er ließ den Satz in der Luft hängen.

»Ja, danke«, sagte Jonas und spürte, wie er sich versteifte. »Schick ihn rein.« Würde er gleich dem Ehemann der Ermordeten gegenüberstehen?

Der Kopf des Beamten verschwand, und eine große Gestalt erschien im Türrahmen. Der Mann trug einen teuren dreiteiligen Anzug, der über den Schultern ein wenig spannte. Er war Anfang bis Mitte vierzig und hatte dunkles, gescheiteltes Haar. In der linken Hand hielt er eine kleine schwarze Ledertasche, deren Trageriemen er um sein Handgelenk geschlungen hatte. Trotz des gepflegten Äußeren strahlte er eine roh wirkende Männlichkeit aus, wie ein Boxer, den man für einen Pressetermin zurechtgemacht hatte. Vielleicht waren es aber auch nur die schiefe Nase und der ungewöhnlich breite Mund, die diesen Eindruck erweckten.

Jonas Voss schluckte unwillkürlich. Er war sich sicher, dass dieser Mann derselbe war, den er in der letzten Nacht auf dem Parkplatz bei der Sansibar beobachtet hatte. Also hatte Hannah mit ihrer Vermutung, dass die Frau, mit der er sich vergnügt hatte, nicht seine Ehefrau war, ins Schwarze getroffen.

Jonas erhob sich und reichte dem Mann die Hand.

»Kriminalhauptkommissar Jonas Voss«, stellte er sich vor.

Sein Gegenüber ergriff die Hand und quetschte seine Finger wie eine Schraubzwinge. Zum Teil war es sicher die Nervosität, doch Voss vermutete, dass er einen Beruf hatte, bei dem er nicht nur am Schreibtisch saß.

»Axel Mellberg«, stellte sich der Mann mit tiefer Bassstimme vor. »Der Beamte hat gesagt, Sie könnten mir helfen?«

»Setzen Sie sich doch.«

Voss räumte eilig den Stuhl frei, der seinem Schreibtisch gegenüberstand. Wie meistens hatte er ihn als Ablagefläche für ein paar der Papierstapel benutzt, die sich überall auf und neben seinem Arbeitsplatz häuften. Er schaffte es einfach nicht, Ordnung zu halten, weder zu Hause noch bei der Arbeit.

Mellberg sank schwer auf die Sitzfläche.

»Meine Frau … Madeleine … sie ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.«

Jonas suchte nach seinem Notizblock und einem Stift, fand sie aber in dem Durcheinander in seiner Schreibtischschublade nicht. So lässig wie möglich erhob er sich, ging zu Hannahs Arbeitsplatz, der wie immer akkurat aufgeräumt war, und bediente sich dort.

»Sie selbst waren am Abend und in der Nacht zu Hause?«, fragte er, während er den Namen der Frau auf dem obersten Blatt notierte.

»Ich? Äh … nein. Ich hatte … ein Treffen. Ich bin gegen eins zurückgekommen.«

»Aha?« Voss wartete, ob Mellberg noch etwas hinzufügen würde, doch er hatte offenbar nicht die Absicht, sich näher zu erklären. Wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass Madeleine Mellberg die Tote vom Strand war, würde er nicht darum herumkommen.

»Ihre Frau hatte ebenfalls eine Verabredung?«, erkundigte er sich.

»Das weiß ich nicht.« Mellberg strich seine Anzugjacke glatt. »Ich hatte den Eindruck, dass sie ausgehen wollte, aber sie hat mir nichts verraten. Wir …« Er brach ab und fuhr sich mit der flachen Hand über Mund und Kinn. Dann lachte er verlegen. »Na ja. Was soll’s?« Er stieß den Atem aus. »Sie bekommen es ja ohnehin heraus. Wir hatten uns gestritten.«

»Darf ich fragen, weshalb?«

Mellbergs Kiefer mahlten. »Meine Frau … hat sich in den Gedanken verbissen, dass ich sie betrüge.«

Voss, der mehr wusste, als Mellberg ahnte, bemühte sich um eine neutrale Miene.

»Hat sie recht?«

»Nein.« Mellberg schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der Brust, klare Kennzeichen einer Abwehrhaltung. »Madeleine ist krankhaft eifersüchtig. Dabei hat sie nicht den geringsten Grund dazu.«

Jonas musste sich zusammenreißen, um Mellberg nicht mit seiner Beobachtung der letzten Nacht zu konfrontieren.

»Wann haben Sie das Haus verlassen?«, erkundigte er sich stattdessen. »Und um welche Zeit ist Ihre Frau gegangen?«

Mellberg blickte auf seine Uhr, ein klobiges Exemplar aus Gelbgold.

»Ich habe mich so gegen neun auf den Weg gemacht«, erklärte er. »Madeleine war da schon weg. Sie ist ungefähr um halb sieben losgefahren.«

»Sie selbst waren da noch zu Hause?«

»Ich hatte noch ein paar Dinge in meinem Arbeitszimmer zu erledigen. Ich habe den Wagen meiner Frau gehört und vom Fenster aus gesehen, wie sie auf die Straße gebogen ist.«

Für die mutmaßliche Tatzeit hatte der Mann also kein Alibi. Sofern es sich bei der Toten überhaupt um dessen verschwundene Ehefrau handelte. Es ließ sich nicht länger vermeiden, das herauszufinden.

»Haben Sie vielleicht ein Bild von Ihrer Frau dabei?«, fragte Jonas.

»Oh. Nein.« Mellberg tastete die Taschen seines Anzugs ab und öffnete den Reißverschluss der Ledertasche, die er am Handgelenk trug. Er schaute hinein und schüttelte den Kopf. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.«

»Sie besitzen kein Smartphone?«, hakte Voss nach.

»Doch.« Mellberg verschloss die Herrenhandtasche wieder. »Aber darauf sind keine Bilder. Ich mache keine Aufnahmen mit dem Handy. Die Qualität ist zu schlecht. Ich fotografiere ausschließlich mit einer …« Er brach ab und machte eine Handbewegung, als wollte er das Gesagte wegwischen. »Das spielt jetzt wirklich keine Rolle«, tadelte er sich selbst.

Jonas Voss malte mit dem Stift einen dicken Strich auf den Block. Auf dem einfachen Weg würde er seine Antwort also nicht bekommen.

»Dann beschreiben Sie mir doch, wie Ihre Frau aussieht«, bat er.

Mellberg zupfte seine Anzughose zurecht. Er schaute kurz auf den Boden und sortierte offenbar seine Gedanken. Schließlich blickte er wieder auf.

»Madeleine ist fünfunddreißig. Schlank und ausgesprochen hübsch.« Er lächelte unwillkürlich. »Schmal, mit blauen Augen, die aussehen wie ein Bergsee. Und mit langen rotblonden Haaren, die so weich sind wie Engelshaar.«

Eine bemerkenswert romantische Beschreibung für einen Mann, der so ungeschlacht wirkte wie Axel Mellberg, dachte Jonas Voss und spürte, wie sich sein Magen bei jedem Wort mehr verkrampfte. Die Schilderung passte perfekt auf die Tote vom Strand. Er räusperte sich.

»Herr Mellberg«, sagte er so einfühlsam wie möglich. »Ich würde Ihnen gern ein Foto zeigen. Es ist allerdings kein schöner Anblick. Die Frau auf dem Bild ist tot.«

Mellbergs Adamsapfel bewegte sich auf und ab. »Das wird ja wohl kaum Madeleine sein«, wehrte er ab. »Sie ist jung und kerngesund. Weshalb sollte sie tot sein?«

Jonas wäre am liebsten geflohen. Dies war eine der unangenehmen Seiten, die er an seinem Beruf hasste. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Die Fakten mussten geklärt werden. Und er war Profi genug, um das mit Anstand zu tun.

»Die Frau, über die wir sprechen, wurde ermordet«, erläuterte er und bemühte sich, gleichermaßen sachlich und anteilnehmend zu klingen. »Wir haben sie letzte Nacht an der Hörnum-Odde gefunden.«

Mellberg erhob sich abrupt von seinem Stuhl.

»Zeigen Sie schon her«, fuhr er Voss an. »Ich bin sicher, dass es nicht Madeleine ist. Weshalb sollte irgendjemand sie ermorden?«

Voss zögerte noch einen Moment. Dann nahm er die Akte zur Hand, die sie in der Nacht angelegt hatten, und zog eines der Fotos heraus, die sie am Fundort der Leiche geschossen hatten. Es war eine Großaufnahme ihres Gesichts und zeigte nichts von der brutalen Fesselung, doch das entstellte Antlitz war schon so fürchterlich genug anzusehen.

Mellberg riss ihm das Foto beinahe aus den Fingern.

»Nein«, sagte er kategorisch. »Das ist sie nicht.« Er knickte ein und sank, fiel fast, auf seinen Stuhl zurück. »Das kann nicht … das darf nicht sein.«

Das Bild segelte zu Boden. Axel Mellberg vergrub sein Gesicht in den Händen und brüllte wie ein verwundeter Löwe.

Jonas Voss betrachtete ihn mitleidig und griff dann nach dem Telefon. Der unverhüllte Schmerz des Mannes erschütterte auch ihn.

***

Als er seine Bürotür öffnete, um dem Notarzt entgegenzugehen, den er gerufen hatte, saßen die Häkeldamen bereits auf den Stühlen im Flur und warteten. Mittlerweile kannte er sie gut und hatte keine Probleme mehr, sie auseinanderzuhalten: die Kapitänswitwe Marijke Meenken, die die Vernünftigste war; die weißhaarige Witta Claaßen, Landarztgattin mit Marlene-Dietrich-Frisur, die immer noch vom Glanz vergangener Tage zu zehren versuchte; die Bäckerwitwe Alma Grieger, stets fröhlich und darüber hinaus ein wenig naiv; und die eisgraue Grethe Aldag, Witwe eines Keitumer Klempners und pragmatischer als die anderen. So auch jetzt: Während Marijke, Witta und Alma lange Röcke und Pumps mit Absatz angezogen hatten und jede eine Handtasche auf den Knien balancierte, trug Grethe Jeans und Turnschuhe und hatte die leeren Hände vor der Brust verschränkt.

Sie sahen ihn erwartungsvoll an und machten den Eindruck, dass sie sich auf die polizeiliche Zeugenbefragung geradezu freuten. Ganz anders als der Mann, der auf dem Stuhl vor Voss’ Schreibtisch hockte und immer noch haltlos schluchzte.

Witta schaute Jonas neugierig an.

»Was ist denn da los? Ist das da drin … der Ehemann der Toten?«

I

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