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Survive | Ein erotischer Liebesroman

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Kapitel 1 – Kampf ums Überleben

Kapitel 2 – Die Stunde der Wahrheit

Kapitel 3 – Es knistert …

Kapitel 4 – Kleine Unsicherheiten

Kapitel 5 – Das personifizierte Böse

Kapitel 6 – Von stillen Tränen und Hamsterbacken

Kapitel 7 – Carpe diem

Kapitel 8 – Langweilige Nächte und nervenaufreibende Tage

Kapitel 9 – Worte, die die Welt verändern

Kapitel 10 – In der Höhle des Löwen

Kapitel 11 – Time to say fuck you … äh … good bye!

Kapitel 12 – Sehnsüchtige Blicke und zarte Berührungen

Kapitel 13 – Rausch der Lust

Kapitel 14 – Gewissensbisse…oder nicht?

Kapitel 15 – Das Unheil nimmt seinen Lauf

Kapitel 16 – Pizza, Bier, Football, und… ???

Kapitel 17 – Pizza, Bier, Football, und … Sex!

Kapitel 18 – Der Vollmond war's

Kapitel 19 – Freund und Feind

Kapitel 20 – Zwischenmenschliche Beziehungen

Kapitel 21 – Die Schlinge zieht sich zu

Kapitel 22 – Zeit für die Wahrheit

Kapitel 23 – Richtig oder falsch?

Kapitel 24 – …und er schwamm ans andere Ufer

Kapitel 25 – Ein böses Erwachen

Kapitel 26 – Alte Freundschaften und neue Erkenntnisse

Kapitel 27 – Schmerzhafte Wahrheit

Kapitel 28 – Die Dusche der Erkenntnis

Kapitel 29 – Das gefürchtete Wiedersehen

Kapitel 30 – Der Lauscher an den Getränkekisten

Kapitel 31 – The Third Base

Kapitel 32 – Träume sind nicht immer Schäume

Kapitel 33 – Bad News

Kapitel 34 – Ein merkwürdiges Team

Kapitel 35 – Ein Wechselbad der Gefühle

Kapitel 36 – …und letztendlich waren sie doch Rivalen!

Kapitel 37 – Whiskey, Wodka und … Caine

Kapitel 38 – Die Entscheidung

Kapitel 39 – Von Störenfrieden und angepissten Ex-Verlobten

Kapitel 40 – Das neue Leben kann beginnen

Kapitel 41 – Ein sehr … anregendes Wiedersehen

Kapitel 42 – Friede, Freude, Eierkuchen?

Kapitel 43 – Klärende Worte und neu gewonnene Freunde

Kapitel 44 – The (hot) End

Weitere Bücher

PROLOG

»Mmmmmh Baby … es ist noch nicht einmal fünf Uhr morgens. Warum kannst du nicht einen Samstag auf das blöde Joggen verzichten?«, schnurrte meine Süße, während sie sich lasziv grinsend in den karmesinroten Laken räkelte. Ihr dunkelblondes, schulterlanges und total zerzaustes Haar umschmeichelte ihr wunderschönes Gesicht. Ihre außergewöhnlich hellgrauen Augen blitzten zu mir hoch. »Sex am Morgen vertreibt doch Kummer und Sorgen«, fügte sie schmollend hinzu und schob ihre Unterlippe nach vorn.

Lachend zog ich meine Jogginghose hoch und schlenderte zum Schrank, um nach dem erstbesten T-Shirt zu greifen. »Einzig und allein meiner Gutmütigkeit hast du es zu verdanken, dass du vor gerade mal zehn Minuten kommen durftest. Übertreib es nicht, mein Schatz«, konterte ich selbstgerecht, während ich schmunzelnd in ein olivgrünes Longsleeve schlüpfte und schwarze Socken über meine Füße zog. Weiße konnte ich nicht leiden, auch nicht beim Sport. Pah!

»Böser Cop«, fauchte sie grinsend.

»Unersättliches Mädchen.«

»Geiler Arsch.«

»Heiße Titten.«

»Unglaublicher Schwanz«, seufzte meine Verlobte ins Kissen und brach in schallendes Gelächter aus.

Ich schüttelte den Kopf, stimmte in ihr Lachen ein, nahm Anlauf und schmiss mich neben sie aufs Bett. »Gott, Baby, ich liebe dich und dein dreckiges Mundwerk«, murmelte ich an ihrem Ohr, biss sanft hinein und stahl mir einen kurzen, aber verdammt leidenschaftlichen Kuss.

Tamy sah schwer atmend zu mir hoch. »Lieb dich auch«, murmelte sie müde, bevor ein herzzerreißendes Gähnen ihrem süßen Mund entkam. Seufzend drehte sich meine Liebste auf den Bauch und zog die Decke über ihren knackigen Arsch.

Nach einem letzten Kuss auf ihr linkes Schulterblatt kletterte ich vom Bett. »Schlaf weiter, mein Liebling. Ich bin ohnehin bald wieder da und werde an dich denken, wenn ich an der Fitnessstation meine Muskeln lockere, mit ihnen spiele und die Finger über mein Sixpack streichen lasse.«

»Gott, Liam! Wenn du nicht willst, dass ich noch einmal über dich herfalle, solltest du schauen, dass du Land gewinnst«, jammerte sie in das Kissen, strampelte heftig mit ihren perfekt geformten Beinen, sodass die Decke wieder nach unten rutschte und lachte. Natürlich glotzte ich fasziniert auf ihren geilen Hintern, der sich vorteilhaft präsentierte, doch da setzte sie sich ruckartig auf und funkelte mich an. »Du nimmst doch dein Messer mit, oder?«

»Machst du dir etwa schon wieder Sorgen um mich, mein Schatz?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und grinste amüsiert auf sie herab.

Sie nickte und blinzelte vorwurfsvoll zu mir hoch. »Baby, du bist ein Cop. Als solcher hast du sicher viele Feinde. Natürlich sorge ich mich um dich. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dich irgendein Irrer im Wald überfallen und verletzen würde. Oder sogar noch Schlimmeres. Bitte – nimm wenigstens das Messer mit. Das würde mich beruhigen.«

Ich seufzte. »Schon klar, mein Liebling. Ich verstehe, was du meinst. Dennoch solltest du nie vergessen, dass mein Körper durch die umfassende Nahkampfausbildung ebenfalls zur Waffe geworden ist. Ich kann mich auch mit den Fäusten wehren, weißt du?«, gab ich frech grinsend zurück. Allerdings braute sich im hübschen Köpfchen meiner Liebsten ein Gewitter zusammen. O-oh…

»Nimm. Das. Messer. Mit.«, zischte sie und verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. Vor DER Brust. C-Körbchen … mmmmh… »Und hör verdammt noch mal auf, mir auf die Titten zu glotzen!«

»Oh. `Tschuldigung.« Lachend drehte ich mich weg, lief zur Kommode und holte aus der obersten Schublade die schwarze Bauchtasche von adidas hervor. Wie immer.

»Sehr brav«, schnurrte mein Mädchen, nachdem ich das Ding mit einem leisen Klick an meinen Hüften fixierte. »Und jetzt zeig mir meinen Schmetterling«, befahl sie weiter, und erst, als ich das Butterfly aus- und wieder eingepackt hatte, nickte sie zufrieden und ließ sich wieder fallen.

Kichernd drehte sie sich auf den Bauch, murmelte »Lieb dich« ins Kissen und schloss ihre wundervollen Augen. Hellgrau mit dunkelgrauem Rand. Der Wahnsinn!

Für eine Minute blieb ich noch stehen und blickte auf meine Verlobte hinab. Wunderschön. Sie war eine wahrhaft wunderschöne junge Frau. Äußerlich wie innerlich. Kein zweites Mal hatte ich einen Menschen mit einem so liebenswerten Charakter kennengelernt. Immer waren es die anderen, die mehr zählten als sie selbst. Selten war sie diejenige, die an erster Stelle kam. Tamy half, wo sie helfen konnte, sprach, wenn jemand sprechen wollte, freute sich, wenn ein anderer Glück empfand, tröstete, wenn jemand traurig war.

Ich liebte meine Verlobte über alle Maßen und konnte die Hochzeit in knapp zehn Monaten kaum erwarten. Mr. Franklin – Tamy's Boss – würde Ende Mai nächsten Jahres in Rente gehen und meine Süße zu seiner Nachfolgerin erklären. So etwas bringt natürlich einiges an Turbulenzen mit sich. Und genau diese wollten wir noch abwarten, um in Ruhe vor den Altar treten zu können.

»Du glotzt«, drang plötzlich leise und gedämpft an mein Ohr. Schon klar. Tamy brummelte ins Kissen.

»Bin schon weg. Bis bald.« Einen sehnsüchtigen Blick später lief ich lächelnd in den Flur, schlüpfte in meine Laufschuhe und öffnete die Tür. So leise wie möglich zog ich sie zu und atmete erst mal tief die kühle Morgenluft ein.

Für Ende August waren die Früh-Temperaturen verhältnismäßig frisch, doch das war okay. Ich konnte beim Laufen keine schweißtreibende Hitze gebrauchen, also grinste ich zufrieden in die Morgendämmerung und lief los.

Unser schmuckes Häuschen im Bungalow-Stil hinter mir lassend, joggte ich gemächlich die Straße entlang. Gott sei Dank befand sich unser Heim etwas außerhalb von Houston, somit hatte ich es nicht weit bis zum nächsten Wald. Ich stand schon immer auf die Natur, deren vielfältige Gerüche und die Stille, die mich umgab, wenn ich endlich in sie eintauchen konnte. Schätzte die Einsamkeit beim Laufen, die ich sehr oft dafür nutzte, über wichtige Entscheidungen nachzudenken.

Nach etwa zwanzig Minuten lief mir der Schweiß in Strömen über die Stirn. Mein langes, volles, tiefschwarzes Haar, das ich am Hinterkopf zusammengebunden hatte, klebte in meinem Nacken, und doch kam mir nie in den Sinn, mich davon zu trennen. Da ich immer wieder im Zuge verschiedener Undercover-Einsätze tätig war, kam mir dieses etwas wilde Styling auch dienstlich zugute. Kurzum – ich war mit meinem langen Haar, dem durchtrainierten Körper und einer Körpergröße von 1,98 Metern äußerlich ein böser Junge, innerlich jedoch so zahm wie eine Katze. Nun – wohl eher wie ein Kater. Ich steigerte mein Tempo und lachte leise vor mich hin.

Es war etwa Viertel vor sechs, als ich besagte Fitnessstation erreichte. Jedes Mal machte ich hier eine kleine Pause, um meine Muskeln zu dehnen und mich zu strecken, bevor ich noch eine Weile weiterlief. Der eigentliche Grund für meine Aufenthalte an diesem versteckten Ort war allerdings ein Trinkbrunnen mit eiskaltem Quellwasser, welches ich jedes Mal genoss, es trank oder mir ungestüm über den Kopf schüttete, um ein bisschen abzukühlen.

Gerade eben war es wieder soweit. Ich stand neben dem steinernen Becken, formte meine Hände zu einer Kelle, tauchte sie in das kühlende Nass und spritzte mir die erste Ladung ins erhitzte Gesicht. Aaaah … herrlich.

Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel, dass sich in einiger Entfernung schräg hinter mir etwas bewegte. Genaugenommen schräg über mir. Da ich hier um diese Zeit noch nie jemanden gesehen hatte, erschrak ich heftig und wirbelte herum.

Ein etwa zwanzigjähriger Junge balancierte auf einer dieser Metallstangen, an denen man Klimmzüge und ähnliches machen konnte. Es gab diese Stangen in drei unterschiedlichen Höhen, er befand sich auf der letzten, locker in zwei Metern Höhe.

Ich wollte ihn warnen. Ihn bitten, er möge um Himmels Willen runter kommen, bevor er fiel.

Dann blickte ich ihm ins Gesicht und gefror innerlich zu Eis. Der Junge sah furchtbar aus, hatte geweint und war unheimlich blass. Sein Gesicht war zu einer starren Grimasse verzogen, doch er wirkte gelassen und ruhig. So, als würde er…

Mein Gott, da sah ich erst, was er in seinen Händen hielt.

»Nein…«, stieß ich heiser aus, da meine verdammte Stimme versagte. »Tu das nicht. Bitte … nicht!«, krächzte ich erneut, räusperte mich und rannte los. Stolperte, fiel hin, sprang hoch und rannte weiter. Schnell! Schneller!

»NEIN!!«, schrie ich, als ich endlich an dieser verfluchten Stange angekommen war, doch er hatte bereits den Strick um einen Ast direkt über sich geworfen und legte sich gerade seelenruhig die Schlinge um den Hals. Voller Entsetzen starrte ich auf … oh Gott, nein!! … einen perfekten Henkersknoten.

»TU DAS NICHT!! BITTE!!«, brüllte ich wie von Sinnen zu ihm hoch, doch dieser fremde Junge blickte vollkommen entrückt auf mich herab und lächelte mich an.

»Geh weg.«

Kapitel 1 –
Kampf ums Überleben

Dann ging alles ganz schnell.

Der lebensmüde Junge schloss langsam die Augen, so, als würde er sich mit einem kurzen, stillen Gebet von allem Irdischen verabschieden, seufzte zum endgültigen Abschluss und machte einfach einen Schritt nach vorn.

»NEIN!! Verdammt noch mal – NEIN!!«, schrie ich wieder und beobachtete verzweifelt, wie er in die Schlinge fiel. Dieses entsetzliche Fallen schien eine Ewigkeit zu dauern, ein ersticktes Röcheln drang aus meiner Kehle.

Erst wenige Sekunden waren vergangen, als ich bemerkte, dass der Junge noch lebte. Scheinbar hatte ihm der Strick nicht das Genick gebrochen. Seine Halsmuskulatur war angespannt und straff. Er starrte mich an. Niemals werde ich diesen Blick vergessen. Niemals … in meinem ganzen Leben, und doch war ich ein Cop und tat, was getan werden musste. Also lief ich auf ihn zu und packte ihn an den Beinen.

»Ich lasse dich nicht sterben, hörst du? Nicht mit mir, verdammt noch mal! Du wirst jetzt genau das tun, was ich dir sage«, schrie ich ihn an und versuchte verzweifelt, seine Füße wieder auf diese runde, verflucht glatte Stange zu bekommen.

»Hilf mir«, brüllte ich weiter, da ich in Wirklichkeit keine Ahnung hatte, was ich nun tun sollte. Er war wie gelähmt, stand unter Schock. Rührte sich nicht und machte auch keinerlei Anstalten, seinen verdammten Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Endlich hatte ich es geschafft, seine Füße wieder auf der Stange zu positionieren, erleichtert sah ich zu ihm hoch. Das, was ich dann allerdings zu sehen bekam, war das blanke Grauen.

Der Junge starrte absolut reglos auf mich herab. Sein Gesicht war schon dabei, blau anzulaufen, in den Augen bildeten sich die ersten Punktblutungen, er war scheinbar nicht in der Lage, den Strick zu lösen. »Scheiße!!«, schrie ich in den Wald, doch ich hatte keine Zeit zu verlieren. Ich musste handeln, und zwar schnell.

Gekonnt schwang ich mich auf die zweithöchste Stange, richtete mich auf und balancierte weiter, während ich mich an dem Ast festklammerte, an welchem der Strick befestigt war. Endlich neben ihm angekommen, realisierte ich bestürzt, dass sich dieses Scheißteil so fest um den Hals des Jungen gezogen hatte, dass ich es nicht so einfach würde lösen können. Ich fluchte und war kurz davor, loszuheulen, doch während ich mit fliegenden Händen versuchte, den Strick wenigstens ein kleines bisschen zu lockern, fiel mir das Butterfly ein, das sich in meiner Bauchtasche befand. Mit zittrigen Fingern öffnete ich den Reißverschluss und nahm es heraus. Der Junge wurde immer schwächer und begann, langsam zusammen zu sacken.

»Hör auf damit! Du musst mir helfen, hörst du?? Halt durch! Bitte!!«, schrie ich laut und voller Verzweiflung – kein Wimpernschlag verriet, ob er mich gehört hatte.

Wieder und wieder drangen Schreie aus meiner heiseren Kehle. Ich brauchte Hilfe, doch es war niemand da. Brauchte Kraft, jemanden, der den Jungen auffing, wenn er gleich fallen würde, aber verdammt noch mal, ich war allein.

Wie besessen packte ich den Strick, der absolut gekonnt um den Ast gewickelt war, und fiel mit dem Messer darüber her, irgendwie mein Gleichgewicht haltend. Schnitt und hackte darauf herum, schrie weiter, versuchte, auf den Sterbenden einzureden, der neben mir röchelnde Laute von sich gab. »Ja, atme. Mach schon. Komm – ATME!!« Er versuchte zu tun, was ich von ihm verlangte, und doch musste ich mich beeilen. Währenddessen redete ich auf ihn ein: »Du musst mir helfen, hörst du? Bitte hilf mir! Ich werde diesen Strick jetzt durchtrennen, und natürlich versuchen, dich zu halten. Sollte es mir nicht gelingen, roll dich ab, damit du dich nicht verletzt. Hast du das verstanden?«

Er nickte schwach.

Kurz, bevor ich die verschlungenen Fasern durchtrennt hatte, hielt ich inne und sah erschüttert in sein fahles Gesicht. »Okay«, zischte ich durch zusammengebissene Zähne, packte den Jungen mit meinem linken Arm und hielt ihn fest. Dann durchtrennte ich mit einem glatten Schnitt die letzten Fasern und stöhnte auf, da mir sofort bewusst wurde, dass es mir unmöglich war, den schlaffen, kraftlosen Körper zu halten.

Wir rutschten beide weg und fielen.

»Pass auf!! Roll dich ab!!«, schrie ich noch und landete eine Sekunde später ziemlich unsanft auf der feuchten Erde.

Ohne Rücksicht auf irgendwelche Verletzungen meinerseits kroch ich sofort zu ihm und riss die Schlinge von seinem Hals. Röchelnd und hustend holte er Luft, ich kippte nach hinten und legte mich hin. Nur ein bisschen. Ein kleines Bisschen. Ruhe…

Ich atmete ein paar Mal tief durch, und als das Adrenalin langsam aufhörte, durch meinen erschöpften Körper zu toben, setzte ich mich auf und sah mich um. Wohin war der Junge verschwunden?

»Warum hast du das getan?«, drang es sehr leise, heiser und krächzend an mein Ohr.

Eine Sekunde später stand ich aufrecht neben diesen verhassten Stangen und wirbelte herum.

Da saß er. Mit angewinkelten Knien, die Arme um seine Beine geschlungen, den Rücken an einen Baum gelehnt. Tränen benetzten unaufhörlich seine bläulich-blassen Wangen, aus blutunterlaufenen Augen blinzelte er mich an.

Eine gute Minute starrte ich einfach auf ihn herab und hatte keine Ahnung, was ich jetzt sagen sollte. Das hier war offensichtlich ein vom Leben tief enttäuschter und verletzter Mensch, der seinem sinnlosen Dasein ein Ende hatte setzen wollen. Ich hatte seine Erlösung vereitelt, ihm etwas geschenkt, das er gar nicht hatte haben wollen. Verdammt, ich war derjenige, der ihn gerettet hatte. Vor seinem unerwünschten Leben und vor sich selbst.

Aber zur Hölle noch mal, ich kann doch nicht zulassen, dass sich unmittelbar neben mir jemand erhängt! Nicht als Cop, und schon gar nicht als Mensch!

»Was hast du erwartet?«, begann ich leise, ging langsam und vorsichtig auf ihn zu und hielt vor ihm an. »Meinst du wirklich, ich stehe gemütlich neben dir und sehe zu, wie du dir das Leben nimmst?« Langsam wurde ich lauter. Unverständnis und Wut beherrschten meine Worte, ich runzelte die Stirn. »Und außerdem - ein Danke hätte auch gereicht.«

Natürlich – er sollte sich für seine Rettung bedanken, obwohl er gar nicht gerettet werden wollte. Wirklich sehr schlau, Detective Coleman!

»Danke«, flüsterte er.

»Sag es nicht, wenn du es nicht so meinst.«

»Dann nehm ich es eben zurück.«

»Okay.« Ich atmete tief durch, sank neben ihm auf die kühle Erde und sah ihn eindringlich an. »Warum?«

»Glaub mir, das willst du nicht wissen«, murmelte er leise weiter, da seine Kehle noch immer beleidigt war. Blau-violette, und auch einige rote Striemen zogen sich über seinen Hals, ich senkte den Blick.

»Wenn ich dir dann irgendwie helfen kann, schon«, erwiderte ich sanft. »Schau, natürlich musst du nicht mit mir reden, wenn du das nicht möchtest. Ich denke nur … das hier war auch für mich gerade ein schrecklich erschütterndes Erlebnis. Meinst du nicht, dass ich mir eine Erklärung verdient habe? Wenigstens eine kleine?«

Tatsächlich huschte nach diesem Kommentar der Hauch eines Lächelns über sein Gesicht. »Mag sein.« Er zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts. Stattdessen fasste er sich an die Kehle und versuchte, sich zu räuspern, was ihm kläglich misslang.

»Wie ist dein Name?«, versuchte ich es erneut nach einer unendlich langen Minute des Schweigens.

»Noah.« Er hielt kurz inne, holte tief Luft und stieß sie hustend wieder aus. Für einen Moment wirkte er nachdenklich und tief in sich gekehrt, richtete dann jedoch entschlossen seinen Oberkörper auf. »Darf ich mich vorstellen? Noah Anderson, zwanzig Jahre alt, ehemaliger Medizinstudent, obdachlos, und wegen chronischer Homosexualität von seinen Eltern verstoßen. Alles klar? Toll, oder?« Seine krächzende, schwache und sehr leise Stimme triefte vor Sarkasmus, und ich dachte nur noch: FUCK.

Und nun – genau in diesem Moment – kam es darauf an, das Richtige zu sagen. Ich überlegte einige Sekunden, schluckte hart und sah ihn herausfordernd an. »Liam Coleman, fünfundzwanzig Jahre alt, Cop am Houston Police Department, und wegen chronischer Heterosexualität seit einem Jahr verlobt.« Sein Mund klappte auf, während er meinen Worten lauschte, mein Blick war streng und provokant. »Und? In welcher Hinsicht bin ich nun besser als du?«

»Du hast Familie, eine Verlobte, einen Job und ein Dach über dem Kopf«, kam unmittelbar darauf leise und schwach zurück, doch ich schüttelte seufzend den Kopf.

»Worte, Noah. Alles nur Worte. Hören sich schön an, sagen aber nichts über den Menschen aus, der dahinter steckt. Du bist jetzt und hier der Gleiche, der du vor fünf Jahren warst, und damals hattest du sicher nicht die Absicht, dir das Leben zu nehmen, oder?« Er schüttelte den Kopf und sah mich schwermütig an. »Eben. Was macht mich also besser als dich?«

»Du bist nicht schwul«, kam postwendend zurück, ohne auf meine vorherige Frage Stellung zu nehmen. Wieder stieß er dieses kehlige Husten aus, fasste sich an den Hals und verzog vor Schmerz das Gesicht.

»Und?«

»Was ‚und‘?« Er blinzelte mich ungläubig an. So, als könnte er nicht einmal verstehen, warum ich hier überhaupt mit ihm sprach.

»Hör mal, Noah. Du bist kein schlechter Mensch, nur weil du auf Männer stehst, und du musst nicht…«

»Sag das meinen Eltern, verdammt noch mal!«, fuhr er mich an und fasste sich gleich darauf wieder an die Kehle. Ein schmerzvolles Stöhnen folgte dieser Geste, dann wurde er wieder ruhig und senkte zutiefst gekränkt den Kopf, bevor er ihn wieder hob und seinen nachdenklichen Blick in die Tiefen des Waldes richtete.

Einige Strähnen seines dunkelbraunen, völlig zerzausten Haares klebten auf der verschwitzten Stirn. Er hob träge seine Hand, strich die haarigen Ausreißer genervt zurück und sah mich an. Verzweifelt, flehend, gebrochen. Die Farbe seiner Iris erinnerte mich an Kaffee mit einem Schuss Milch, tiefschwarze Wimpern waren so lang und gebogen, dass sie beinahe die dunklen, buschigen Brauen berührten.

So viel Leid steckte hinter dieser hübschen Fassade, und vielleicht würde er eines Tages jemandem genügend Vertrauen entgegenbringen, um darüber sprechen zu können.

Dieser Junge war gebrochen, und mir wurde bewusst, dass wir diesen Ort hier verlassen sollten. Dabei fiel mir wieder ein, dass er davon ausging, obdachlos zu sein. Seine Eltern … Gott, hatten sie ihn tatsächlich rausgeschmissen? Auf die Straße gesetzt?

Es war mir völlig egal, was vorgefallen war. Er tat mir leid, und irgendwie hatte ich das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein. Für eine Weile konnte er ja bei uns bleiben, meine Süße hätte sicher nichts dagegen. Ein Gästezimmer mit Bad hatten wir, aber zuerst musste er zum Arzt.

»Komm hoch, Noah. Lass uns abhauen. Los.« Ohne weiteren Kommentar klatschte ich ihm gegen den Oberarm, sprang auf, stellte mich breitbeinig hin und verschränkte nach dem Motto ‚Keine Widerrede‘ die Arme vor der Brust.

Er blinzelte fassungslos zu mir hoch. »Aber wo- wohin?«

»Wir sollten dich zu einem Arzt bringen. Oder ins Krankenhaus…«

»Nein!«, schrie er mich an, musste jedoch sofort furchtbar husten und stöhnte vor Schmerz, während er beide Hände auf seinen Hals legte.

»Verdammt, Noah. Du bist verletzt! Was, wenn dein Kehlkopf etwas abbekommen hat?«

»Hat er nicht«, erklärte er heiser und atmete flach. »Hör mal – weit war ich noch nicht mit meinem Medizin-Studium, aber mein Vater ist Arzt. Wenn mein Kehlkopf verletzt wäre, würde ich jetzt nicht mit dir sprechen können. Glaub mir. In ein paar Stunden geht es mir bereits besser. Versprochen.«

Ich sah ihn eine Weile skeptisch an, entschied dann allerdings, ihm zu vertrauen. Er war erwachsen – sollte ich ihn gegen seinen Willen ins Krankenhaus oder in eine Arztpraxis zerren? »Okay, auf deine Verantwortung«, lenkte ich ein. »Dann eben zu mir nach Hause. Meine Tamy ist eine Wahnsinnsfrau, du wirst sie mögen. Und jetzt steh auf.«

»Nein«, widersprach er leise und senkte seufzend den Kopf. »Lass mich einfach hier, ich komm schon zurecht. Mach dir keine Gedanken um mich.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage. Du bist vollkommen runter mit den Nerven, verletzt und naja … suizidgefährdet. Bitte. Du würdest mir einen großen Gefallen tun.«

»Aber…«

»Kein aber. Du musst auch mich verstehen! Die Alternative ist: Ich melde den Vorfall offiziell, und dann wirst du in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ich kann es auf gar keinen Fall verantworten, dich jetzt hier allein zu lassen. Nicht als Mensch, und als Cop schon gleich gar nicht. Ich geh mal davon aus, dass du nicht in die Klinik willst! Also: Du kommst mit zu mir und kannst auch gern eine Weile bleiben. Los jetzt!«

Seine Kaffee-Augen fingen plötzlich an, auf eine sehr lebendige Art und Weise zu strahlen, ein flüchtiges Lächeln huschte über sein blasses Gesicht. »Danke, Liam.«

»Schon okay. Abgesehen davon muss ich mich wohl kaum davor fürchten, dass du mein Mädchen anbaggern wirst, oder?« Ich zwinkerte ihm neckisch zu und grinste.

»Nein, das musst du ganz bestimmt nicht«, versicherte er mir und lachte auf. Leise und verhalten, aber immerhin.

»Ich hab dir deine Jogging-Runde vermasselt«, murmelte er bedrückt, kurz bevor wir zu Hause waren.

»Ach, das macht nichts«, beruhigte ich ihn. »Ich habe heute und morgen frei. Mein erstes freies Wochenende seit langem. So gesehen hast du einen sehr guten Zeitpunkt für deinen…« Oh mein Gott, was redete ich denn da? »Ach, du Scheiße. Bitte entschuldige. Das war echt saublöd von mir.«

»Mach dir keinen Kopf, Liam. Du hast ja Recht. Hättest du beim Joggen nicht diesen Weg eingeschlagen, wäre ich jetzt … tot.« Das letzte Wort kam nur noch geflüstert über Noahs Lippen, und ich war heilfroh, dass wir gerade angekommen waren.

»So. Wir sind da.« Unsere letzten Sätze aus reiner Feigheit ignorierend, zog ich meinen Hausschlüssel aus der Bauchtasche, sperrte auf und öffnete leise die Tür. Es war inzwischen kurz vor sieben, und ich ging davon aus, dass meine Süße noch schlafen würde. Also schob ich Noah in den Flur, bat ihn leise zu sein und schloss wieder ab.

Wir zogen uns gerade die vom lockeren Waldboden versauten Schuhe aus, als ich einen verschwommenen Blitz auf mich zurasen sah. »Baby! Du bist schon wieder da? Verdammt, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Frühstück gemacht.« Während ihrer freudigen Begrüßung fiel mir mein Mädchen um den Hals und drückte mir einen stürmischen Kuss auf den Mund, bevor sie mich losließ und mich anstrahlte, als wäre ich gerade nach einem mehrwöchigen Auslandsaufenthalt heimgekehrt. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich ihre Stirn in Falten legte und ihr Mund aufklappte.

»Wer ist das?«, fragte sie zwar mich, starrte allerdings Noah dabei an. Gott, ihr planloser Ausdruck sah einfach zu witzig aus und brachte mich unweigerlich zum Lachen.

»Das, meine wunderschöne Verlobte, ist Noah Anderson. Wir kennen … äh … haben uns im … egal. Später.« Himmel Herrgott, wie sollte ich meiner Liebsten bloß in wenigen Worten erklären, wo, und noch schlimmer, wie wir uns kennengelernt hatten?? Auf keinen Fall würde ich sie belügen, also musste die große Wahrheit noch ein wenig warten.

»Und das…«, nun sah ich Noah an und streichelte meiner Verlobten übers Haar, »…ist Tamara ‚Tamy‘ Blair. Meine große Liebe und die Frau meiner feuchten Träume.« Sie kicherte, nannte mich einen bösen Jungen und boxte mir in den Bauch.

»Okay, Noah…«, sagte sie skeptisch, zog eine schmal gezupfte Braue hoch und sah Noah prüfend an. Natürlich verharrte ihr Blick eine Weile an seinem Hals, doch sie sagte nichts, lächelte kurz und drehte sich zu mir. »Wie habt ihr euch also kennengelernt? Kommt mit in die Küche. Ich mach uns ein Frühstück und ihr erzählt, in Ordnung?«

Tamy lief voraus, ich drehte mich zu Noah, der verlegen mit seinen Fingern spielte. »Na, komm schon. Wir beißen nicht«, sagte ich leise und lächelte ihn an. Zögerlich und schüchtern erwiderte er mein Lächeln und nickte.

Zeit für die Wahrheit.

Kapitel 2 –
Die Stunde der Wahrheit

»Also, meine Herren – ich kümmere mich mal um den Kaffee. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, vermeldete meine Süße, während sie auf den ‚On‘-Knopf des Radios drückte und an der Kaffeemaschine herumhantierte. ‚Crawling‘ von Linkin Park tönte aus den kleinen, aber kraftvollen Lautsprecherboxen, nicht weniger kraftvoll sang sie mit. Tamy war es scheißegal, dass ein Fremder in unserer Küche saß, denn sie schnappte sich einen sonnengelben Kaffeebecher, missbrauchte ihn als Mikro und bedröhnte ihn mit dem Refrain.

Ich stützte meinen rechten Ellenbogen auf den Tisch, legte mein Kinn in die Hand und beobachtete verträumt meinen Schatz, während Noah fasziniert in ihre Richtung sah. Nach wenigen Sekunden hoben sich seine Mundwinkel zu einem verzückten Lächeln.

Ich seufzte. »Ist sie nicht ein Traum?«

Noah nickte, doch Tamy verstummte sofort und drehte sich ruckartig um. »Oh verdammt. Sorry, aber…«, sie kicherte verlegen, wurde rot und wandte sich an unseren Gast. »Gott, Linkin Park ist einfach nur geil«

»Kann ich verstehen, ich mag sie auch. Besonders Chester. Verflucht, er ist heiß«, krächzte Noah und grinste kurz. Als ihm die Tragweite seiner Worte bewusst wurde, senkte er jedoch verschämt den Blick.

Auch meine Verlobte schien gerade eins und eins zusammen zu zählen, doch das Ergebnis war keinesfalls zwei. Scheiße, sie würde doch wohl hoffentlich nicht denken, dass ich von heute auf morgen meine bisexuelle Ader entdeckt und diese mit Noah gerade eben ausgelebt hatte?!

Tamy sah mich lange, ernst und verdammt eindringlich an. Dann wandte sie sich von mir ab und durchbohrte Noah mit einem ausgesprochen misstrauischen Blick. Diese Situation war so unglaublich witzig, dass ich nicht anders konnte, als in schallendes Gelächter auszubrechen. Noah fasste sich an die schmerzende Kehle, lachte jedoch heiser mit, auch meine Süße stimmte kurz darauf ein.

Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, bereiteten wir zu dritt das Frühstück zu. Sogar Noah packte mit an und kümmerte sich um das Aufbacken der Brötchen, Tamy und ich erledigten den Rest.

Meine kluge und sehr einfühlsame Verlobte drängte nicht zu einem Gespräch, sondern lächelte uns nur an. Ganz bestimmt wollte sie Noah auf diese Art zeigen, dass sie kein Problem mit Schwulen hatte, und wieder liebte ich sie ein Stück mehr.

Wenige Minuten später saßen wir bei Tisch und genossen ein fabelhaftes Frühstück. Unser Gast aß langsam und vorsichtig, da er sicher Schmerzen beim Schlucken hatte, und doch schien es ihm zu schmecken. Er fühlte sich wohl. Wir redeten über Gott und die Welt, analysierten absolut belangloses Zeug, doch Tamys Blick fixierte immer wieder Noahs Hals. Natürlich waren ihr auch die blutroten Augen und unsere leicht verdreckten Klamotten nicht entgangen, doch niemals würde meine Süße eine meiner Entscheidungen vor Anderen in Frage stellen.

Wenn ich es für richtig hielt, Noah mit nach Hause zu nehmen, dann ging das für sie in Ordnung. Umgekehrt war es ebenfalls so, wir beide vertrauten uns blind.

Fast fünfundvierzig Minuten später waren wir satt. Noah war immer noch sehr blass und wirkte unheimlich erschöpft. Tamy betrachtete hin und wieder seine lädierte Gestalt, ein verbitterter Ausdruck trübte ihr schönes Gesicht.

»Okay…«, begann ich, nachdem ich den letzten Schluck Kaffee genossen hatte und lehnte mich zurück. »Ich denke, es ist an der Zeit, meiner Verlobten reinen Wein einzuschenken. Was meinst du, Noah?« Er schien in sich zusammen zu sinken und sah mich einen kurzen Moment verzweifelt an, doch dann seufzte er auf und nickte.

»Soll ich, oder willst du?«, fragte ich ihn, da ich diese Wahl unbedingt ihm überlassen wollte.

»Mach du, mein Hals tut ein wenig weh und fühlt sich irgendwie kratzig an«, sagte er heiser und bedeutete mir mit einer schwungvollen Handbewegung, dass ich loslegen sollte.

Tamys undefinierbarer Blick wanderte zwischen uns beiden hin und her, blieb allerdings an mir hängen, als ich mich räusperte und zu sprechen begann.

»Nun, Baby – es ist so, dass … also, Noah war …«, Scheiße, ich kam einfach nicht vom Fleck. Wie formuliert man so was am besten?

»Komm schon, Liam. Raus damit«, bat Tamy mit einem verständnisvollen, warmen Unterton in der Stimme. Noah beobachtete mich stumm.

Ich holte tief Luft, nickte und sprach. »Als ich beim Joggen an der Fitnessstation angekommen war, sah ich … Gott, Noah wollte sich dort mit einem Strick um den Hals das Leben nehmen.« Tamy schlug die Hände vor den Mund, ich stockte, schluckte und fuhr fort. »Doch sein Genick war nicht gebrochen. Ich konnte ihn zwar in letzter Sekunde retten, und es ist nicht viel passiert, aber die blutunterlaufenen Augen und die Striemen am Hals, die werden wohl noch eine Weile bleiben.« Meine Worte verklangen und ich fühlte mich so erschöpft, als hätte ich gerade einen Marathon hinter mir.

Noah hatte seine Ellenbogen auf den Tisch gestützt und sein Gesicht in den Händen vergraben. Er gab absolut kein Geräusch von sich, und doch waren da klare, durchsichtige Tropfen, die dunkle Flecken auf dem weißen Tischtuch hinterließen und ihn verrieten. Er weinte.

Bestürzt und tief berührt sah ich zu meiner zukünftigen Frau. Als unsere Blicke aufeinander trafen, nahm ich ihre Hand in meine und drückte sie leicht.

Eine schweigsame Minute verstrich, bevor Noah sich die verräterische Nässe von den Wangen wischte, tief durchatmete und leise und krächzend zu sprechen begann.

»Meine Eltern, sie … sie hassen mich. Schämen sich wegen meiner Homosexualität. Vor allem meine Mutter kann es nicht ertragen, einen schwulen Sohn zu haben, noch dazu ihr einziger. Sie ist mit mir von einem Psychologen zum nächsten gerannt, wollte mich unbedingt bekehren. Zwei lange Jahre musste ich wieder und wieder erklären, dass ich nichts mit Frauen anfangen kann, und dass sich das nicht mehr ändern wird. Sie wollte das allerdings nicht akzeptieren und gab nicht auf. Das ging so weit, dass ich kurz davor war, an dieser Ablehnung zu zerbrechen, doch da meine Eltern drohten, mich rauszuschmeißen, wenn ich mich gegen die Therapien wehrte, machte ich gute Miene zum bösen Spiel.

Mein Vater hingegen begegnete mir nach meinem Outing nur noch mit rohem, unverblümtem Hass. Ein schwuler Sohn ist für ihn das absolut Schlimmste, was er sich nur vorstellen kann. Mehr als einmal hat er mir gesagt, er wünschte sich, ich wäre tot. Ein toter Sohn wäre immer noch besser als ein schwuler.« Wieder kämpfte er – dieses Mal allerdings erfolgreich – gegen seine Verzweiflung an, atmete tief durch, hustete kurz und fuhr beinahe lautlos fort.

»Vielleicht sollte ich erwähnen, dass mein Vater ein bekannter Virologe ist, der sich vornehmlich – auch in der Forschung – mit Tropenkrankheiten befasst. Eines Tages war er an meiner Uni, um einen Vortrag über den Ebola-Virus zu halten. An diesem denkwürdigen Morgen stolzierte er majestätisch, perfekt gekleidet und männlich-elegant über den Gang. Ich lehnte an der Wand und sprach gerade mit zwei Kommilitonen. Als er an uns vorüberging und in unsere Richtung blickte, grüßte ich ihn gedankenverloren mit ‚Hi, Dad‘. Er hatte mir längst verboten, ihn so zu nennen. Keine Ahnung, warum mir das trotzdem rausgerutscht ist, ich kann es nicht sagen.« Noah runzelte kurz die Stirn, senkte nachdenklich den Blick und schüttelte den Kopf.

»Egal. Daraufhin wurde er auf alle Fälle furchtbar wütend und schoss schnaubend auf mich zu. ‚Du sollst mich nicht so nennen, du gottverdammte Schwuchtel‘, zischte er mir zu. Ich schnappte nach Luft und taumelte einen Schritt zur Seite, denn auf der Uni wusste niemand von meinem ‚Problem‘. Er hingegen kochte beinahe über vor Wut und drehte sich gefährlich langsam zu den beiden Jungs, mit denen ich gerade sprach.

'Passt bloß auf eure Ärsche auf', riet er ihnen mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht und deutete mit dem Kopf auf mich. 'Sein schwuler Schwanz ist unberechenbar'. Damit nahm das Unglück seinen Lauf.

Dieser widerliche Ausbruch meines Vaters machte die Runde und hatte trotz unzähliger Beteuerungen und Verharmlosungen seinerseits zur Folge, dass er beinahe seinen Job verlor. Offiziell war ich wieder sein geliebter, aber leider Gottes homosexueller Sohn, inoffiziell machte er mir das Leben zur Hölle, weil ich seiner Meinung nach für seine beruflichen Komplikationen verantwortlich war.

Zur gleichen Zeit begann das Mobbing an der Universität. Eine Clique von sechs Jungs brachte es fast im Alleingang fertig, mich psychisch wie auch physisch zu zerstören. Zur Hölle daheim kam somit auch die an der Uni dazu. Monatelang versuchte ich, damit zurechtzukommen, mich zu wehren, doch irgendwann war ich gebrochen, ich konnte nicht mehr.

Ich schmiss mein Studium und beschloss, nie wieder einen Fuß auf dieses Universitätsgelände zu setzen.

Nur zwei Tage später eskalierte die Situation daheim. Ich schrie meine Mutter an, versicherte ihr, dass ich zu keinem beschissenen Psychologen mehr gehen würde, beschimpfte meinen Vater als ‚mieses Schwein‘ und brüllte mir all das von der Seele, was mich schon seit Jahren beinahe erdrückte. Als ich dann auch noch wütend, enttäuscht und verdammt laut von der Beendigung meines Studiums berichtete, warfen sie mich raus.

Das hier…«, er deutete auf sein dreckiges weißes T-Shirt, seine schwarze enge Jeans und die abgetragenen Chucks an seinen Füßen, »…ist alles, was ich bei mir hatte an dem Tag, als ich meines eigenen Elternhauses verwiesen wurde. Und dieser Tag…«, er zuckte resigniert mit den Schultern und senkte den Blick, »…war gestern.«

»Oh mein Gott…«, flüsterte Tamy, bemühte sich sichtlich, die Fassung nicht zu verlieren und richtete sich ruckartig auf.

»Du bleibst bei uns«, sagte sie laut und bestimmt. »Wir haben genug Platz im Haus, du hast sogar ein eigenes Bad neben dem Gästezimmer. Am Montag werden wir einkaufen gehen, damit du wenigstens wieder etwas zum Anziehen hast. Ich werde dein verdrecktes Zeug gleich in die Waschmaschine stecken. Liam soll dir inzwischen etwas leihen.« Nun war meine Süße nicht mehr zu stoppen. »Du bist zwar etwas kleiner und schmaler als mein Hübscher hier, aber ein Shirt und eine Jogginghose sind fürs Erste sicher okay, oder?«

Noah starrte sie einfach nur an. Fassungslos. Als er irgendwann realisiert hatte, dass meine Verlobte nicht mehr zu bremsen war, überflutete unendliche Dankbarkeit sein müdes Gesicht. Dann sank er allerdings wieder betrübt in sich zusammen. »Das … ich kann das nicht annehmen. Warum solltet ihr mir helfen?«

»Hör auf!!«, fauchte ihn Tamy an, während ich den Eindruck hatte, dass giftgelbe Blitze des Zorns hinter ihrer grauen Iris aufflammten. »Ich will das nicht hören, verdammt! Deine verfluchten Eltern haben dir jahrelang suggeriert, du wärst nichts wert, aber das ist nicht wahr, hörst du? Du bist nun unser Gast und bleibst jetzt erst mal da. Keine Widerrede!«

»Wow…«, röchelte Noah, fasste sich kurz mit schmerzverzerrtem Blick an die Kehle und lehnte sich zurück. »Ich danke dir von ganzem Herzen, Tamy, aber ich will euch nicht zur Last fallen«, blockte er wieder ab.

»Noah…« Meine Verlobte lehnte sich ein Stück nach vorn. Ihr Blick wurde weich und warm, ihre wundervollen, hellgrauen Augen strahlten eine unglaubliche Güte aus. »Wo willst du denn hin?«, fragte sie sanft, erwartete jedoch keine Antwort und fuhr fort. »Du fällst uns nicht zur Last, mach dir keine Gedanken. Und wenn es nur für heute ist – lass uns dir helfen, okay?«

Noah lächelte schwach, aber unendlich dankbar, wirkte allerdings mittlerweile so erschöpft, dass ich den Eindruck hatte, er würde jeden Moment von seinem Stuhl kippen und am Boden ein Nickerchen halten. »Okay«, flüsterte er, berührte wieder seinen Hals und sprach leise weiter. »Ich habe etwa tausend Dollar auf meinem Konto und werde mir damit am Montag etwas zum Anziehen kaufen.« Völlig unvermittelt sprang er auf, fasste sich an den Arsch und stöhnte erleichtert auf.

»Gott sei Dank«, sagte er leise, sank wieder auf den Stuhl und legte sein Portemonnaie auf den Tisch. Das Sprechen fiel ihm immer schwerer, strengte ihn sichtbar an, und doch gab er nicht auf. »Ich würde euch gerne etwas von meiner Kohle geben, da ich nicht will, dass ihr alles für mich…«

»Schon gut«, fiel ihm meine Liebste besänftigend ins Wort. »Belassen wir es dabei. Ich würde sagen, du nimmst jetzt erst mal eine heiße Dusche. Dann werden wir deinen Hals versorgen, und du schläfst eine Runde. Was hältst du davon?«

Mit einem resignierten Schnaufen sackte Noah zusammen und nickte. »Viel«, flüsterte er total erschöpft und stand auf.

Ich erhob mich ebenfalls, umrundete den Tisch und eilte an seine Seite. »Warte, ich zeige dir dein Zimmer und hole gleich ein Shirt und eine Boxershorts von mir, damit du nach der Dusche etwas zum Anziehen hast. Tamy steckt inzwischen deine schmutzige Kleidung in die Waschmaschine, und wenn du munter wirst, ist alles wieder frisch.«

Noah sah mich fast ehrfürchtig an, sagte jedoch nichts mehr und folgte mir stumm in den ersten Stock. Ein mattes Lächeln bewies mir seine tiefe Dankbarkeit, die jedoch von dunkler Verzweiflung überschattet wurde. Vollkommen erledigt schlich er ins Bad.

Als ich das Wasser rauschen hörte, lief ich in unser Schlafzimmer, nahm ein schwarzes Shirt und eine ebenso schwarze Boxershorts an mich und legte sie auf sein Bett, das von Tamy gerade frisch bezogen wurde.

Als sie sich wieder aufrichtete, nahm ich sie in den Arm. »Ich bete dich an, Mrs. Coleman. Du bist der beste Mensch, den ich kenne«, flüsterte ich und küsste sie mit all der innigen Nähe, die ich in diesem Moment für sie empfand.

»Du hast diesem Jungen das Leben gerettet, Liam. DU bist der beste Mensch, den ICH kenne. Und so nebenbei – ich bete dich ebenfalls an.« Sie sah zärtlich zu mir hoch, als das Rauschen des Wassers verstummte. »Lassen wir ihn schlafen«, flüsterte sie, als würde Noah das schon längst tun.

Ich nickte und zog wenig später die Tür des Gästezimmers hinter uns zu.

Kapitel 3 –
Es knistert …

Als ich am Sonntagmorgen erwachte, war das Bett neben mir leer. Gott, ich hasste es, allein aufzuwachen, aber der Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee, der betörend in meiner Nase kitzelte, machte meine temporäre Einsamkeit wieder wett.

Gut gelaunt richtete ich mich auf, streckte mich ausgiebig und schwang die Beine aus dem Bett. Gegen das grelle, aber jederzeit willkommene Sonnenlicht blinzelnd, erhob ich mich und trottete gähnend ins Bad. Dort kümmerte ich mich um meine menschlichen Bedürfnisse, schüttelte kurz mein Haar und öffnete die Schublade neben dem Spiegel, um nach einem Haargummi zu greifen.

Auch wenn die Wolle auf meinem Kopf manchmal ziemlich unpraktisch war, so konnte ich mich doch nicht davon trennen. Außerdem turnte es meine Süße unglaublich an, beim Vögeln ihre schlanken, langen Finger darin zu vergraben und mich hart daran zu packen. Mmmh … dabei dachte ich an die letzte Nacht. Es war wieder einmal fantastisch. Meine kleine Tamy hatte echt was drauf, verdammt noch mal. Ihre Blowjobs waren einfach nicht zu toppen, zumindest konnte ich mir absolut nicht vorstellen, dass es auf dieser großen, weiten Welt jemanden gäbe, der es besser machen könnte.

Ich fuhr total drauf ab, wenn sie gierig an meiner Eichel saugte, mit ihrer Zunge den kleinen Schlitz darin reizte und mit ihren Zähnen über meinen Schaft schabte. Wenn sie ausgetretene Lusttropfen genüsslich von meiner Spitze leckte, oder mich so tief in sich aufnahm, dass ich ihre Kehle touchierte.

»Fuck«, entfuhr es mir, als ich merkte, dass ich schon wieder hart wurde. War ja so was von klar. Ich grinste.

Meine Erektion ignorierend, band ich mein Haar zusammen, putzte meine Zähne, wusch mir schnell das Gesicht und ging wieder ins Zimmer zurück. Himmel, es war gerade mal kurz nach zehn, aber die Sonne hatte das Haus schon so dermaßen erhitzt, dass ich einfach keinen Bock hatte, mir ein Shirt oder sonst was überzuziehen. Meine Latte war wieder einigermaßen okay, also schlüpfte ich in die engen schwarzen Boxershorts, die Tamy so liebte, und machte mich auf den Weg.

Als ich die letzten drei Stufen geschmeidig nach unten sprang, hörte ich meine Süße schon singen. Himmel, ich stand total drauf, wenn sie das tat. Ganz egal, was sie vor sich hin trällerte – sie hatte eine Stimme, die jeden Chorleiter in pure Verzückung ausbrechen ließe, und gerade jetzt war sie mal wieder in ihrem Element.

»…from transsexual Transylvaniaaahaha…«, tönte es laut aus der Küche, und sofort war mir klar, dass sich mein Mädchen für die The Rocky Horror Picture Show-CD entschieden hatte. Sie kannte diese Scheibe, wie auch den Film, in- und auswendig, wie sie gerade eben eindrucksvoll bewies.

»Guten Morgen, Mrs. Frank N. Furter«, hauchte ich Tamy ins Ohr und legte im gleichen Moment meine Hände auf ihre Hüften. Sie quiekte kurz auf und wirbelte lachend herum.

»Hey, Baby«, erwiderte sie, schenkte mir ein bezauberndes Lächeln und blinzelte verliebt zu mir hoch. »Gut geschlafen?«

»Kann man wohl sagen.« Ohne unnötig Worte zu verlieren, packte ich sie an der Taille, hob sie hoch und pflanzte ihren süßen, kleinen Arsch auf die Arbeitsplatte direkt neben der Kaffeemaschine. Keiner von uns beiden sagte ein Wort, stattdessen ließen wir Taten sprechen. Also spreizte ich ihre Beine, stellte mich dazwischen und fiel über sie her.

»Oh Liam … willst du gleich dort weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben?«, schnurrte mein Kätzchen, nachdem ich ihre Lippen wieder freigegeben hatte, und leckte über meine steifen Nippel. Stöhnend warf ich den Kopf in den Nacken, packte Tamy am Hintern und zog sie ein Stück nach vorn, damit ich meine Erektion an ihr reiben und mir so ein wenig Erleichterung verschaffen konnte.

Sie stöhnte genussvoll auf und krallte ihre Fingernägel in meine Schultern, als ich meine Härte fest gegen sie presste und mich zurückzog, nur um gleich wieder ruckartig mein Becken nach vorne zu stoßen. Während hier der feinste Trockenfick am Laufen war, küsste ich sie erneut um den Verstand, stieß zu, rieb mich an ihr, wich zurück und stieß wieder zu. Die Laute, die Tamy bereits von sich gab, signalisierten nichts anderes als wilden, ungehemmten Sex. Verdammt, ich konnte und wollte nicht mehr warten, also beendete ich den Kuss, nestelte ungeduldig an ihrem Hosenknopf herum und leckte grob über ihren Hals.

»Ich will dich, Baby«, wisperte ich ganz nah an ihrem Ohr, bevor ich in ihr Ohrläppchen biss. »Jetzt!«

Plötzlich legte sie beide Hände an meine Brust und drückte mich ein Stück von sich weg. Verwirrt runzelte ich die Stirn und sah leicht angepisst auf sie herab. Fuck, sie hatte mich noch nie zurückgewiesen, was sollte dieser Scheiß?

»Guck nicht so böse«, kicherte sie und grinste frech. »Ich denke nur, es wäre besser, wenn du dir etwas anziehen würdest. Du weißt schon, Noah, er…«

»Shit!«, zischte ich genervt und schämte mich in Grund und Boden, weil ich in der Hitze des Gefechts tatsächlich den armen Jungen vergessen hatte, der sich in unserem Gästezimmer befand.

Tamy trug eine Jeans-Hotpants und ein weißes Trägershirt, ich hingegen hatte lediglich eine enge schwarze Boxershorts am Körper, die ernsthafte Probleme damit hatte, meinen ziemlich ausgeprägten Ständer zu verhüllen.

»Bin gleich wieder da«, murmelte ich hektisch, drückte meiner lachenden Verlobten einen Kuss auf die Stirn, drehte mich um, lief los und…

»Guten Morgen allerseits«, gähnte Noah zur Tür herein, lehnte sich an den Türrahmen und rieb sich verschlafen die Augen. Gerade, als ich völlig geschockt vor ihm zum Stillstand kam, riss er sie auf, kniff sie zusammen, schloss sie ungläubig und öffnete sie erneut. Dann wurden sie groß und immer größer, als er sie über meine Brust gleiten ließ und von dort aus über den verdammten Rest meines fast nackten und noch immer erregten Körpers. Fuck.

»Oh … äh … du willst sicher vorbei. Tu-tut mir leid«, stotterte er, errötete leicht und wich einen Schritt zur Seite.

»Danke, ja. Guten Morgen«, war alles, was ich hervor pressen konnte, bevor ich wie ein Tornado in den ersten Stock fegte, in unser Schlafzimmer rannte und mich lachend auf unser riesiges Doppelbett fallen ließ.

Eine Weile gluckste ich ins Kissen, bevor ich mich wieder erhob und zum Kleiderschrank ging. »Das kann auch nur mir passieren«, ärgerte ich mich über mich selbst, als ich mir ein abgefucktes Metallica-Shirt über den Kopf und eine schwarze Jogginghose über die Beine nach oben zog. Dann musste ich allerdings wieder lachen. Verdammt, ich war es eben nicht gewöhnt, einen Schwulen im Haus zu haben, aber Hauptsache, ich musste mir keine Sorgen um mein Mädchen machen.

Als ich wieder in die Küche kam, saßen Tamy und Noah bereits bei Tisch. Zum Duft von frischem Kaffee hatte sich nun auch der nach knusprigen Brötchen gesellt. Schinken und Käse belegten eine ovale silberne Platte, dazu gab es noch hartgekochte Eier, frisch gepressten Orangensaft, Butter und Erdbeermarmelade.

»Sorry…«, murmelte ich leicht beschämt in Noahs Richtung, bevor ich meiner Süßen einen Kuss auf den Mund drückte und mich neben ihr auf den Stuhl sinken ließ. »Ich muss mich wohl erst daran gewöhnen, dass wir einen Gast im Haus haben.«

»Einen schwulen Gast«, erwiderte Noah selbstkritisch und senkte seufzend den Kopf.

»Nein, das ist es nicht«, lenkte ich ein. »Himmel, Tamy und ich – wir … nun, wir haben rumgemacht. Hier in der Küche, bevor du heruntergekommen bist. Wir machen das ständig, weißt du?« Ich grinste kurz mein Mädchen an und widmete mich wieder Noah, der aufmerksam meinen Worten lauschte. »Wie auch immer – wir haben nun einen Gast, und da gehört es sich nicht, halbnackt durchs Haus zu laufen und seine Verlobte auf der Anrichte zu vö… egal, lassen wir das. Es hat auf alle Fälle nichts damit zu tun, ob du homo oder hetero bist, okay? Ich muss mir einfach nur bessere Manieren aneignen, das ist alles.«

Je länger ich sprach, desto klarer und wärmer wurde Noahs Blick. »Danke«, sagte er gerührt und wandte sich an Tamy, die ihm ein warmherziges Lächeln schenkte und den Korb mit den duftenden Brötchen in seine Richtung schob.

»Bedien dich«, sagte mein Mädchen. »Nimm, was dir schmeckt.« Sie stand auf, griff nach der Kaffeekanne und beugte sich über den Tisch. Dann füllte sie Noahs Tasse, anschließend meine, zuletzt ihre eigene und setzte sich wieder hin.

Da ja immer irgendwer den Anfang machen muss, schnappte ich mir ein Brötchen und schnitt es durch. »Wie geht es dir eigentlich? Verdammt, wir haben gestern vergessen, uns um deinen Hals zu kümmern, aber du klingst schon wieder fast normal«, stellte ich fest.

»Ja. Ich fühle mich ziemlich gut, habe überraschenderweise auch gut geschlafen. Himmel, wenn ich so darüber nachdenke … seit Wochen war ich nicht mehr so entspannt«, sagte er und blickte verträumt aus dem Fenster, neben dem er saß. »Seit Wochen nicht mehr…«, wiederholte er in Gedanken versunken und runzelte die Stirn.

Tamy und ich sahen uns an. Wir beide hatten keine Ahnung, was wir von Noahs seltsamer Stimmung halten sollten, also hielten wir einfach den Mund und beobachteten ihn.

Weiterhin total abwesend aus dem Fenster starrend, fuhr er fort. »Ich habe eine zweite Chance bekommen und muss sie nutzen. Das Leben ist zu wertvoll, um es so billig zu verschenken. Ich werde kämpfen … muss kämpfen. Stark sein…«, murmelte er apathisch vor sich hin. Sein Blick war leer, seine Stimme gedämpft und rau.

»Ja, das musst du, und das wirst du auch«, mischte sich Tamy unvermittelt ein. Mein Kopf drehte sich ruckartig nach rechts, ich glotzte sie ungläubig an. »Wir werden immer für dich da sein, Noah. Wann immer du unsere Hilfe brauchst, sprich mit uns, okay?«, fuhr sie lächelnd fort.

Noahs Aufmerksamkeit hatte sich schon nach Tamys ersten Worten auf sie konzentriert. Mit unverhohlener Faszination hörte er zu und fasste sich zutiefst gerührt an den Hals. »Wie soll ich mich jemals bei euch revanchieren? Euch für all das hier danken?«, fragte er beschämt und senkte seufzend den Kopf.

»Musst du nicht. Das ist doch selbstverständlich«, ergriff nun ich das Wort und köpfte währenddessen gekonnt mein Ei. »Mach dir keine Gedanken, Noah, und jetzt iss. Lass es dir schmecken und denk nicht drüber nach, okay? Nach dem Frühstück werden wir endlich deinen Hals verarzten, und alles wird gut.«

Wieder blinzelte der Junge einige Tränen weg, aber dieses Mal waren es jene der Dankbarkeit und des Glücks. Vermutlich hätte er wirklich geweint, wenn er gesprochen hätte, also beließ er es bei einem Lächeln und Nicken und machte sich – wenn auch vorsichtig – über das Frühstück her.

***

Der Rest des Sonntags verlief sehr harmonisch und ruhig. Da sich auf Noahs Hals Gott sei Dank keine offenen Wunden befanden, versorgten wir ihn mit einer milden Sportsalbe, um die Blutergüsse zu bekämpfen. Seine Stimme besserte sich von Stunde zu Stunde, auch das Rot in seinen Augen klang langsam ab.

Tamy und ich ließen ihn auf keinen Fall in ein Hotelzimmer ziehen, er hingegen wollte nie wieder zu seinen Eltern zurück. Also mussten wir ihn fast dazu zwingen, bei uns zu bleiben, bis er eine Wohnung oder eine WG gefunden hatte. Abgesehen davon sollten seine sichtbaren Verletzungen wieder völlig in Ordnung sein, bis er sich ernsthaft auf den Wohnungsmarkt stürzte, und das würde noch eine Weile dauern.

Über die etwas peinliche Begegnung am Morgen sprachen wir nicht mehr. Zumindest nicht in Gegenwart von Noah. Tamy fand es unheimlich witzig, dass ich halbnackt und mit Ständer vor einem Schwulen gestanden hatte, ich fand es … naja – nur unheimlich. Ohne witzig.

Ich weiß nicht, ob ich es mir bloß einbildete, aber Noah sah mich ab diesem Vorfall irgendwie anders an. Himmel, vielleicht war ich auch nur paranoid, doch verdammt, seine Blicke waren anders. Ganz bestimmt.

»Baby, wenn du so weitermachst, wachsen dir zentimeterdicke Furchen auf der Stirn, die du ohne Botox nie wieder wegkriegen wirst. Was ist denn los?«, rief mich meine Verlobte wieder auf den Plan. Sie saß neben mir auf der Couch und grinste breit, während der Fernseher lief und über irgendeine Schießerei in Mexiko berichtete. Drogenhölle, schon klar.

»Nichts, nichts. Alles gut«, beantwortete ich kurz und bündig ihre Frage, zog sie ganz eng an mich und küsste ihr Haar. »Und außerdem…«, neckte ich sie weiter, »…nachdem du bald Managerin bist, verdienen wir zusammen so gut, dass ein paar Botox-Spritzchen doch drin sein werden, oder etwa nicht?«

»Blödmann«, erwiderte meine Hübsche und boxte mir sanft in den Bauch. Als Strafe musste sie eine heftige Kitzel-Session über sich ergehen lassen und lachte sich einen ab. Als sie um Gnade bettelte und in meinen Armen nach Luft japste, fiel mein Blick auf Noah, der vollkommen reglos im bequemen Ohrensessel neben uns saß und uns still beobachtete.

Fuck, ich war mir ziemlich sicher, dass so etwas wie Sehnsucht in seinem Ausdruck lag, allerdings war ich mir nicht ganz sicher, weshalb.

Beneidete er uns, weil wir uns gut verstanden und eine so harmonische Beziehung führten? Oder beneidete er Tamy, weil sie mich … oh nein! Nein, ich durfte einfach nicht so denken. Das wäre absolut nicht angebracht und gemein. Jawohl, gemein, denn es würde nur heißen, dass ich ihn zum Schwulen abstempelte und Schiss vor ihm hätte. Sonst nichts. Und ich war kein Schisser, verdammt noch mal!

»Ich weiß zwar nicht, worüber du schon wieder nachdenkst, aber mir soll es recht sein«, schnurrte Tamy zufrieden, weil ich aufgehört hatte, sie zu quälen. Ich schaute auf sie herab in ihre Augen und versank sofort in diesem wundervollen, hellen Grau mit dem dunkelgrauen Rand.

»Ich liebe dich, Baby«, hauchte ich leise, senkte meine Lippen auf ihre und küsste mein Mädchen mit einer derartigen Leidenschaft, dass sie unter mir zu stöhnen begann.

Noch während wir uns küssten, stand Noah auf und ging zu Bett.

Kapitel 4 –
Kleine Unsicherheiten

»Liam, riechst du das?«

»Schlafende kümmern sich nicht um Gerüche, Baby«, grummelte ich und zog mir das Kissen über den Kopf.

»Komm schon, mein Hübscher. Munter werden.« Mit einem Ruck fetzte mir dieses böse Weib die daunengefüllte Schutzvorrichtung vom Gesicht. »Hier duftet es nach Kaffee, riechst du das denn nicht?«

Mühsam und träge schoben sich meine Lider nach oben, Sekunden später blinzelte ich sie verschlafen an. »Wie spät ist es?«

»Kurz nach sieben, und die Sonne scheint.«

»Schön für sie.« Gut, dann zog ich mir eben die Decke über den Kopf.

»Forderst du mich tatsächlich heraus, Detective Coleman?«, witzelte meine Süße und warf sich mit Schwung auf meinen Bauch. Lachend drückte sie mich mit ihrem Fliegengewicht in die Matratze und wippte hin und her.

»Himmel, Tamy! Ich muss erst um neunzehn Uhr zur Arbeit. Spätdienst, schon vergessen?«, knurrte ich leicht säuerlich, da wir gestern vor dem Einschlafen noch darüber gesprochen hatten.

Mit einem verschämten »Ooops« rollte sie sich wieder an meine Seite und blieb stumm. Nach etwa einer Minute zog ich die schützende Decke wieder nach unten und drehte mich nach links. Dort lag sie, meine wahnwitzige Verlobte. Mit hochrotem Kopf, die strahlend weißen Zähne reumütig in der Unterlippe vergraben.

»Tut mir leid, Baby. Ich hab es vergessen«, flüsterte sie schuldbewusst, doch nun war es ohnehin zu spät.

»Vielleicht sollte ich damit aufhören, dir andauernd das Hirn aus dem Schädel zu vögeln.« Grinsend legte ich einen Arm um ihre Taille und zog sie an meine Brust. Tamy seufzte und schmiegte sich ganz eng an meine nackte Haut.

»Möglicherweise«, kicherte sie. »Trotzdem – es tut mir leid. Weißt du was? Du schläfst weiter, und ich geh mal ins Bad. Wir kriegen heute eine Großlieferung an Spirituosen, und da möchte ich gerne dabei sein. Irgendwie traue ich unserem neuen Mitarbeiter nicht über den Weg.«

»Yeah, genau. Vielleicht macht er aus der Groß- eine Kleinlieferung und kotzt dir die Bude voll«, gluckste ich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Mach dir keine Gedanken, mein Schatz. Wir könnten ja zusammen frühstücken, und ich geh dann mit Noah einkaufen. Du weißt schon, Klamotten und so.«

Tamy wuselte sich aus meiner Umarmung, setzte sich auf und strahlte auf mich herab. »Das wäre echt verdammt lieb von dir.«

Ich machte einen auf cool und verschränkte lässig die Arme hinter dem Kopf. »Bin eben der Beste.«

»Bist du wohl.« Meine bildschöne Verlobte drückte mir einen feuchten Kuss auf die Brust, saugte meinen linken Nippel ein und lutschte daran herum. Als mir ein genussvolles Stöhnen entkam, kicherte sie und sprang geschmeidig aus dem Bett. »Muss ins Bad. Pinkeln und Zähne putzen. Bis dann.«

»Verdammtes Luder«, zischte ich ihr nach und fuhr mir lachend durchs Haar. Kurz darauf beschloss ich ebenfalls, meinen Lieblingsaufenthaltsort zu verlassen. Mit einem bedauernden Seufzen schlug ich die Decke zurück, ließ unsere völlig zerwühlte Liegewiese hinter mir und lief schnurstracks zum Schrank. Ehrlich gesagt hatte ich keinen Bock darauf, Noah ein weiteres Mal halbnackt über den Weg zu laufen. Vielleicht noch mit einem Mordsständer. Pah!

In engen, schwarzen Jeans und einem weinroten Shirt lehnte ich mit verschränkten Armen an der Wand neben dem Bad und wartete auf mein heißes Weib, welches laut, aber voller Enthusiasmus singend den Raum blockierte. Verträumt lächelnd, starrte ich auf die Tür, als ob ich durch sie hindurch auf meine Tamy sehen könnte. Gott, diese Frau bedeutete mir alles!

Ich erschrak, als das weiß furnierte Holz sich plötzlich bewegte und meine heiße Schnitte vor mir stand. Sie betrachtete mich mit einem siedend heißen Blick und legte ihre rechte Hand auf meine Brust.

»Verdammt, es macht mich total an, wenn du das trägst«, hauchte sie und studierte eindringlich mein Gesicht. »Ich vergöttere deine dunklen Augen, umrahmt von Wimpern, für die jede Frau töten würde…«, ihre kleine, zarte Hand wanderte nach oben und streichelte über meine Wange, »…deinen wundervollen Mund mit diesen unheimlich weichen, perfekt geschwungenen Lippen. Dein langes, glänzendes und immer so wahnsinnig gut riechendes, schwarzes Haar. Aber noch viel heißer finde ich…«

»Hör auf!«, fuhr ich dazwischen und unterbrach somit ihren Lobgesang. »Wenn du so weitermachst, muss ich dich entweder gegen die Wand vögeln, oder fressen. Such es dir aus.« Sie lachte und gab mir einen Klaps auf den Po.

»Keine Zeit. Mach schon, ich warte auf dich.« Ihre nach Pfefferminz duftenden und schmeckenden Lippen prallten kurz auf meine, dann stupste sie mit ihrem Zeigefinger gegen meine Nasenspitze und tänzelte staubtrocken, aber dennoch splitterfasernackt auf den Kleiderschrank zu.

Fasziniert betrachtete ich das Schaukeln und Wippen ihres knackigen Arsches und drehte mich seufzend weg. Keine Zeit zum Vögeln, verdammt.

***

Als wir beide gemeinsam nach unten in die Küche gingen, standen wir vor einem prall gedeckten Tisch. Ein herrliches Frühstück bot sich uns dar, Noah stand daneben und grinste breit. »Guten Morgen, Liam und Tamy.«

»Wow, guten Morgen, mein Freund«, schnurrte mein Mädchen und liebäugelte bereits mit den Schokomuffins, die einen großen weißen Teller für sich beanspruchten und nur auf meine Verlobte zu warten schienen. »Wie kommen wir zu dieser Ehre?« Sie schnappte sich eine von diesen dunkelbraunen Kalorienbomben, biss ab und sank genüsslich kauend auf ihren Stuhl.

»Das fragst du noch?«, erwiderte Noah ungläubig, schüttelte den Kopf und drehte sich lächelnd um. Er griff nach der Kaffeekanne und füllte drei Tassen mit dem duftenden, schwarzen Gold.

»Aber wie – ich meine … die sind noch warm«, schnurrte meine Süße wie eine Katze und seufzte verzückt, als sie ein weiteres Mal in ihren heißgeliebten Muffin biss.

Noah verteilte die Tassen und richtete sich wieder auf. »Bin seit einer guten Stunde auf und war schon einkaufen. Es geht doch nichts über frisches Gebäck, oder?« Ziemlich stolz auf sich selbst, weil er uns Gutes getan hatte, strahlte er uns an.

»Das ist klasse, Mann. Vielen Dank«, meldete ich mich auch einmal zu Wort und setzte mich neben meine zukünftige Frau, der gerade ein langgezogenes »Mmmhh…« über die Lippen kam.

Zwanzig Minuten später beendete Tamy das Frühstück und sprang schnell unter die Dusche, während Noah und ich die Reste des morgendlichen Mahles versorgten und die Küche auf Vordermann brachten. »So lässt sich's leben«, sagte ich im Rückblick auf das fabelhafte Frühstück und lächelte Noah dankbar an. Etwas verlegen senkte er den Blick, grinste selbstzufrieden auf die schwarz-weißen Bodenfliesen hinab und kratzte sich am Hals.

Ich räusperte mich, er sah wieder hoch. »Weißt du was? Ich werde jetzt deinen Hals versorgen, und wenn du willst, fahren wir gemeinsam in die Stadt. Du brauchst dringend ein paar Klamotten, denn in meinen wirkst du irgendwie … verloren.« Ich schmunzelte kurz und wurde wieder ernst. »Äh … du musst nicht, weißt du? Wenn du allein sein möchtest, ist das auch kein Problem. Ich dachte nur…«

»Ehrlich?«, unterbrach er mich und versteckte seine offensichtliche Freude hinter einem zaghaften Lächeln.

»Yeah, warum denn nicht?«

»Nun, ich dachte, du müsstest zur Arbeit.«

»Hab Spätdienst und fange erst um neunzehn Uhr an. Also? Was meinst du?«

»Gern!!«, rief er überdreht und errötete sofort. »Mmmh … ich meine – natürlich nehme ich dein Angebot an.«

»Perfekt. Warte hier. Ich hole rasch die Salbe für deinen Hals und schaue nach meiner Süßen, okay? Bin gleich wieder da.« Er nickte, und ich hetzte – jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend – die Treppe hinauf. An unserer Zimmertür angekommen, zischte ich erschrocken auf, weil Tamy sie gerade geöffnet hatte und gegen mich prallte.

Lachend rieb sie sich die Nase. »Scheiß Timing, oder?«

Ohne ihre Feststellung zu bestätigen, packte ich sie um die Taille und verwickelte sie in einen leidenschaftlichen Kuss. »Grüß mir die Spirituosen«, murmelte ich völlig außer Atem, nachdem ich mich von ihren Lippen getrennt und ihr noch ein kleines Küsschen auf die Nasenspitze gehaucht hatte.

»Mach ich, mein Schatz.« Ein bezauberndes Lächeln später war sie weg und ich auf dem Weg ins Bad. Mit der Salbe in der Hand lief ich die Treppe wieder nach unten und fand Noah in seinem neuen Freund, dem Ohrensessel, mit der Fernbedienung in der Hand.

»Keine Zeit für die Glotze, komm her.« Ich drehte den Verschluss von der Tube, legte ihn auf den gläsernen Tisch und flackte mich auf die Couch. Noah verdrehte die Augen, grinste und schaltete den Fernseher aus.

Nachdem ich ein wenig des durchsichtigen Gels in meine linke Hand gedrückt hatte, verrieb ich es in beiden Händen und legte sie an Noahs Hals. Eigentlich war mir nicht ganz klar, warum ich das hier eigentlich machte, denn zur Hölle – er war ein erwachsener Mann und konnte sich wohl selbst darum kümmern, oder? Verdammt, ich fühlte mich wie sein großer Bruder. Er hatte momentan niemanden, der sich um ihn sorgte, also übernahm ich eben diesen Job. Und aus.

Völlig verspannt saß er neben mir und starrte mich wortlos an, als ich die Salbe auf seiner Haut verteilte und sanft einmassierte. Zufrieden nahm ich zur Kenntnis, dass die Blutergüsse zwar mittlerweile in allen Farben spielten, aber schon deutlich heller waren. Auch das ekelhafte Rot der geplatzten Äderchen in seinen Augen verblasste immer mehr. Die Heilung verlief also gut, und er konnte es durchaus wagen, so unter die Leute zu gehen.

Noah betrachtete mich schweigend, während ich meine schmierigen Hände wieder und wieder über seine beleidigte Haut gleiten ließ. Seine milchkaffeebraunen Iris wurden schmaler, die Pupillen größer, bis ich plötzlich den Blickkontakt verlor, da sich seine Lider senkten und ein sehnsüchtiges Seufzen mich dazu brachte, umgehend den Hautkontakt zu beenden. What the fuck…??

Noah riss geschockt die Hände hoch und wich wankend zurück. »Oh shit, tut mir echt leid, Liam. Das … das wollte ich nicht. Bitte verzeih mir.« Seine Wangen überzog eine dezente Röte, er schüttelte beschämt den Kopf und drehte sich weg.

»Hör mal, Noah. Das wegen gestern. In der Früh. Du weißt schon…«, begann ich leise, da ich diesen Moment nutzen wollte, um diese peinliche Begegnung ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen und etwas immens Wichtiges klarzustellen.

»Was ist damit?«, wollte er wissen, sah mich jedoch nicht an.

»Das tut mir leid. Ich hätte nicht so leichtfertig halbnackt durchs Haus rennen dürfen, und komm mir jetzt bitte nicht wieder damit, dass du schwul bist und bla bla bla.«

»Aber das bin ich doch«, sagte er gequält, als würden ihm diese Worte physische Schmerzen bereiten.

Ich erhob mich, schnappte mir ein Taschentuch aus der Hunderterbox und wischte meine schmierigen Hände damit ab. »Ja, das bist du, na und? Ich bin es allerdings nicht, Noah, und werde es auch nie sein. Ich bin total verrückt nach meinem Mädchen und habe vor, sie in ein paar Monaten zu heiraten. Das wollte ich nur mal gesagt haben, okay?«, klärte ich ihn auf. Meine Stimme war sanft und warm, als ich endlich ausgesprochen hatte, was mir schon seit gestern auf dem Herzen lag.

»Alles klar. Ich habe auch nicht vor, dich ans andere Ufer zu zerren. Wenn, dann musst du schon selber dorthin schwimmen«, konterte er. Anscheinend hatten ihn diese Worte selbst überrascht, denn er erstarrte für einen kurzen Moment, blinzelte mich anschließend verlegen an und stand auf. »Danke fürs Eincremen. Treffen wir uns in zehn Minuten an der Tür?« Ich nickte.

»…schon selber dorthin schwimmen«, murmelte ich total perplex vor mich hin, als ich langsam die Treppe nach oben schlich. »Wie zur Hölle meint er das?« Leicht verwirrt schüttelte ich den Kopf und fasste mein Haar im Nacken zusammen. Dann schnappte ich mir die Zahnbürste, drückte die weiße minzige Creme darauf und steckte sie mir in den Mund. Während ich an meinen Beißerchen herumschrubbte, horchte ich in mich hinein. Gab es da vielleicht irgendwelche Anzeichen für eine latente, tief in mir schlummernde Homosexualität? Fuck, wenn überhaupt, dann wäre ich doch maximal bisexuell, oder? Ach, du meine Güte!!

Ich betrachtete ein paar Sekunden mein völlig verdutztes Spiegelbild, bevor ich mich nach unten beugte und die schaumige Masse in das Waschbecken spuckte. Rasch spülte ich noch meinen Mund, wusch mir ordentlich die Hände und trocknete mich ab.

Dann blendete ich alles aus und dachte nach.

Liebte ich meine Tamy? – JA! Mehr als alles andere auf dieser Welt.

Fand ich Männer irgendwie anziehend? – Nein, zur Hölle! NEIN!

Fand ich … Noah irgendwie anziehend? – Nein, nein und nochmals NEIN!

Moment mal … warum dachte ich überhaupt darüber nach? Gab es denn irgendeinen Grund dafür? Nicht wirklich. Noah war hier bei uns, weil ich ihm – Gott sei Dank!! – das Leben hatte retten können, und weil er momentan niemanden hatte, der für ihn sorgte. Schon bald würde er wieder auf eigenen Beinen stehen und sich eine Wohnung suchen, was bedeutete, dass meine Süße und ich dort weitermachen konnten, wo wir vor diesem tragischen Samstagmorgen aufgehört hatten. Nämlich, ein Paar zu sein, das jederzeit in seinem Haus, wo immer es auch wollte, und vor allem ungestört vögeln konnte und sich hochgradig verliebt auf seine Hochzeit freute.

Dieser Racker hatte es schlicht und ergreifend geschafft, mich vorübergehend zu verunsichern. That’s all. Und nun Schluss mit diesen unsinnigen Gedanken.

Ich grinste mich zum Abschied im Spiegel an, bürstete mein Haar, entschied, es ausnahmsweise nicht zusammen zu binden, drehte mich um und lief pfeifend nach unten.

Noah lehnte lässig an der Kommode, die neben der Haustür stand. Als er meine nahenden Schritte vernahm, hob er den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde entglitten ihm seine Gesichtszüge, aber ich hatte es natürlich bemerkt. »Du … du trägst dein Haar offen? Bei dieser Hitze?«, schnaubte er ungläubig und schluckte hart. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und begutachtete wortlos mein offenes Haar, welches mir mittlerweile bis unter die Schulterblätter reichte, doch dieses Starren ging mir gerade echt auf den Sack.

»Weißt du was? Ich denke, du hast Recht. Warte kurz, bin gleich wieder da.« Wie von der Tarantel gestochen, rannte ich nach oben, schnappte mir den erstbesten Haargummi und bändigte die tiefschwarze Pracht auf meinem Kopf. Himmel, wie sehr wünschte ich mir in dieser Sekunde, Tamy wäre hier und würde stöhnend ihre Finger darin vergraben. Mich gierig küssen und meinen Namen schreien, während ich mich wieder und wieder in ihr versenke. Wie gerne würde ich ihre Intimmuskeln spüren, die den letzten Tropfen aus mir quetschen, ihr heiseres Stöhnen hören, ihre geröteten Wangen nach dem Orgasmus sehen…

»Brauchst du ein halbes Jahr, um dein Haar zusammen zu binden?«, drang Noahs Stimme an mein Ohr. Ich schrak aus meinen Fantasien, atmete einmal tief durch, um meine wachsende Erektion im Keim zu ersticken und schlenderte aus dem Bad.

»Ständig kugeln diese scheiß Haargummis im ganzen Haus herum, aber wenn man eins braucht, ist keins da«, rechtfertigte ich mich genervt auf dem Weg nach unten und grinste bei seinem Anblick. Noah sah einfach zu lustig aus in meinen zu großen Klamotten.

»Jetzt aber los, mein Freund. Let's go shopping.«

»Okay«, erwiderte Noah, lockerte endlich seine verkrampfte Haltung und strahlte mich an.

Kapitel 5 –
Das personifizierte Böse

»Schon klar, dass du einen Chevy Blazer fährst. So was Ähnliches hab ich erwartet. Er passt zu dir«, gluckste Noah, nachdem sich das elektrische Garagentor per Knopfdruck mit einem leisen Surren geöffnet hatte. Nun stand ich hier und präsentierte ihm stolz meinen komplett schwarzen und ziemlich beeindruckenden Wagen.

»Nun – erstens bin ich zu groß für schnittige Flundern, und zweitens denken meine Süße und ich bereits an ein Baby, da kann ich keinen zweisitzigen Sportwagen gebrauchen, weißt du? Diese Karre hingegen bietet neben 193 PS mächtig viel Platz, und außerdem ist die Ladefläche ausgesprochen praktisch für Bierkisten und so Zeugs. Natürlich auch für einen Kinderwagen.« Ich tätschelte mein geiles Gefährt, bedachte Noah mit einem vergnügten Grinsen und nickte zur Beifahrertür. »Rein mit dir.«

»Jawohl, Sir«, sagte er zackig, schlug die Hacken zusammen, salutierte und kletterte lachend in meinen Wagen. Ich stand total auf sein Lachen, denn es zeigte mir, dass er sich wieder erholt hatte und sich vor allem nicht mehr das Leben nehmen wollte. So hoffte ich doch.

Äußere Wunden heilen schnell. Sie hinterlassen nur Narben, die sich vielleicht hin und wieder bemerkbar machen, aber der innere Schmerz, der bleibt. Sofern man nichts dagegen unternimmt. Hoffentlich hatte ich etwas dagegen unternommen. Oder besser gesagt, wir - Tamy und ich.

»Warum so nachdenklich?«

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