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Supermom schlägt zurück

 

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Mallery

Supermom schlägt zurück

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Barbara Alberter

Liebe Leserin,

ich muss Ihnen ein Geheimnis anvertrauen:

Schreiben ist Magie.

Ich weiß, ich weiß – wenn Sie jemals versucht haben, um vier Uhr morgens eine Hausarbeit zu schreiben, die um acht Uhr fertig sein musste, dann ist es die reinste Tortur. Aber einen Roman zu schreiben kann magisch sein.

Manche Bücher ergeben sich aus bestimmten Umständen, andere entwickeln sich Figur für Figur. Einige jedoch sind Geschenke. Sie tauchen einfach so im Kopf eines Schriftstellers auf und ergeben schon auf den ersten Blick ein komplettes Bild.

So ist es mir mit diesem Buch ergangen. Ich war mit mir selbst beschäftigt. Mein Mann war auf einer Geschäftsreise, und ich kaute auf meinem Mittagessen herum, als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss. Angenommen, ein kleiner Junge wäre unheilbar krank … Angenommen, seine Mom wäre entschlossen, ihr Kind zu retten … So entschlossen, dass sie vorgeben würde, eine Superheldin zu sein … um ihren Sohn glauben zu lassen, dass die Gene eines Superhelden in seinem Körper herumschwammen. Gene, die ihn retten würden.

Ich stellte meinen Teller beiseite und nahm einen Schreibblock zur Hand. Die Ideen purzelten nur so herein, eine nach der anderen. Eine solche Mom würde alles tun, alles riskieren. Sie wäre klug. Sie wäre willensstark. Sie wäre verängstigt, natürlich wäre sie das. Sie wäre witzig, und sie würde nach jedem Strohhalm greifen. Sie würde einen großartigen Partner brauchen – aber der Mann, der in meinem Kopf auftauchte, war alles andere als großartig. Er war schwierig und starrköpfig und tat so, als sei ihm alles gleichgültig – denn irgendwann einmal hatte er so sehr geliebt, dass es ihn beinahe zerstört hätte.

Weiter und weiter kritzelte ich auf diesen Schreibblock. Irgendwann gegen Mitternacht hatte ich den Entwurf des Buches fertig, das Sie nun in Händen halten. Es brachte mich zum Lachen, es brachte mich zum Weinen, es gab mir Vertrauen. Ich hoffe, es geht Ihnen genauso.

Ihre

Susan Mallery

Für Jake – in Liebe

1. KAPITEL

Das ist wirklich nicht dein Ding, meine Liebe!“ Lance reichte ihr drei Servietten und schnalzte mit der Zunge.

„Was du nicht sagst“, murmelte Kerri. Alles war nass. Was sich da über das Tablett ergoss, stammte aus einer sehr teuren Flasche achtzehn Jahre alten Scotchs.

Es sollte doch wohl noch zu schaffen sein, drei Drinks auf einem kleinen Tablett im Gleichgewicht zu halten! sagte sie sich, atmete tief durch und hob das Tablett an. Ich darf einfach nicht darüber nachdenken, was ich tue. Oder, korrigierte sie sich, als das Tablett wieder ins Wanken geriet, ich muss es irgendwie besser machen.

Es war jetzt ihre dritte Mittagsschicht im The Grill, einem exklusiven Restaurant im Finanzdistrikt von Seattle, schlicht, aber elegant. The Grill hatte sich ganz auf erfolgreiche Manager ausgerichtet, die dort mit ihren Mitarbeitern oder einem wichtigen Kunden speisten.

Nach einem unglücklichen Zwischenfall am Vortag stand Kerri hier allerdings bereits unter Bewährung. Involviert waren Krabbenküchlein, eine große Lederhandtasche, die in den Durchgang ragte, sowie eine Soße auf Ölbasis, die geradewegs auf einer Kaschmirjacke landete.

Wenigstens kann ich mit Haaren umgehen, tröstete sich Kerri, während sie die Drinks servierte und die Bestellung der Männer entgegennahm. Mit etwas Folie und Farbe konnte sie noch jeden aussehen lassen wie einen Filmstar. Aber Essen zu servieren war offensichtlich eine Herausforderung, der sie nicht gewachsen war. Den Job im The Grill hatte sie auch nur bekommen, weil sie bezüglich ihrer Berufserfahrung gelogen hatte – die glühenden Empfehlungsschreiben waren sämtlich auf ihrem Heimcomputer entstanden.

Lance war hier Kellner und von Anfang an in ihren Plan eingeweiht. Er musste ihr bereits dreimal aus der Patsche helfen. Wenn sie nur so lange durchhielt, bis Nathan King auftauchte! Dann würde sie kündigen können, bevor sie gefeuert wurde. Denn das war der Grund, weshalb sie hier war. Sie wollte Mr King konfrontieren und ihn überreden, ihr zu helfen.

Ihre Ansprache hatte sie vorbereitet, und noch wichtiger: Sie trug eine DVD bei sich, auf der eine Sendung des Discovery Health Channels aufgezeichnet war. Den kleinen, tragbaren DVD-Player hatte sie sich vorn in die Hose gesteckt und die unförmige Ausbuchtung unter der weißen Schürze versteckt.

Ungefähr zum vierhundertsten Mal spähte sie nun schon zu diesem Tisch in der Ecke. Zu ihrem Verdruss hatte sich dort nie etwas getan, aber als sie diesmal hinschaute, war es anders. Auf einmal standen frische Blumen dort, eine Weinkarte und ein Brotkorb. Kerri beeilte sich, Lance zu finden.

„Sein Tisch ist vorbereitet“, raunte sie ihrem Freund zu, während sie ihn in eine Ecke zog. „Das heißt doch, er ist hier, richtig?“

Lance seufzte schwer. Er sah aus wie ein Model – so gut, dass er durchaus auf einer Plakatwand prangen könnte. Und er war so witzig, dass sie liebend gern mit ihm ausgehen würde. Natürlich nur, um sich mit ihm zu unterhalten; Lance stand nicht auf Frauen. Und sie selbst war an Beziehungen nicht interessiert.

„Ja, er ist hier“, bestätigte Lance. „Du wirst gefeuert, das ist dir doch klar, oder?“

„Kein Problem. Wir halten uns also an den Plan. Ich werde die Getränkebestellung aufnehmen und Mr King die DVD zeigen. Wir werden miteinander reden, er wird einverstanden sein, und alles ist in Butter. Wenn es schiefläuft …“ Sie drehte die Augen zum Himmel und stieß ein Stoßgebet aus. Das durfte nicht geschehen! Durfte es einfach nicht. Wenn dieser Plan nicht funktionierte, hatte sie keinen anderen.

Sie holte tief Luft und fuhr fort: „Sollte es schieflaufen, kommst du angerannt, packst mich unsanft am Arm und ziehst mich vom Tisch weg. Anschließend empörst du dich beim Geschäftsführer darüber, was ich mir anmaßen würde, deine Gäste zu übernehmen. Und während des ganzen Durcheinanders werde ich mich aus dem Staub machen.“

„Mit dem DVD-Player.“

„Richtig.“ Denn dieses Schätzchen musste sie später zurückgeben. Er war teuer und sie – wie üblich – knapp bei Kasse.

„Das wird nicht funktionieren.“ Lance runzelte die Stirn.

„Es muss funktionieren. Ich werde dafür sorgen, dass es funktioniert.“ Und das würde sie. Allein mit der Kraft ihres Willens konnte sie Berge versetzen.

Als sie wieder hinschaute, sah sie, wie vier Männer an den Tisch geführt wurden. Aufgrund ihrer Recherchen im Internet fiel es ihr leicht, Nathan King auszumachen. Groß, dunkel und reich, dachte sie grimmig. Eine nette Kombination, die ihn bei Frauen aller Altersgruppen extrem beliebt machte. Wenn ihre eigenen Motive doch nur so einfach wären!

Sie wartete, bis die Männer Platz genommen hatten und miteinander plauderten, dann ging sie auf sie zu, während ihr wahllos die Fakten durch den Kopf schossen: Nathan King, achtunddreißig Jahre alt. Entstammte einer Familie der Arbeiterklasse und hatte sich sein Geld hart verdient. Geschieden. Hatte den Ruf, so kaltblütig zu sein, dass er seine Konkurrenz regelrecht einfror.

Abgesehen davon hatte er vor sechs Jahren seinen Sohn verloren. Der Junge war an Gilliar gestorben. Und genau das war der Grund, weshalb Kerri ihn unter allen Milliardären der Welt ausgewählt hatte.

„Gentlemen.“ Sie trat an den Tisch, setzte ihr hübschestes Lächeln auf und schüttelte ihre lange blonde Mähne. Normalerweise trug sie ihr Haar zurückgebunden, aber für heute hatte sie es gelockt, toupiert und so lange eingesprüht, bis sie wirklich sexy aussah. Sie trug mehr Make-up als gewöhnlich und einen Push-up-BH und hoffte, Nathan Kings Aufmerksamkeit so weit auf sich lenken zu können, dass er ihr zuhören würde. „Was darf ich Ihnen bringen?“

Zwei der Männer tauschten Blicke untereinander aus und schauten dann wieder sie an. Kerri wusste genau, was sie dachten, und klärte sie im Stillen darüber auf, dass sie selbst nicht auf der Speisekarte stand. Oh nein, deswegen war sie nicht hier.

Sie sah Nathan King in die Augen und fühlte sich regelrecht abgelöscht, als er ihren Blick völlig gefühllos erwiderte. Irgendwo hatte sie gelesen, dass er zu den Männern gehörte, bei denen sogar Haie nervös wurden. Plötzlich verstand sie dieses Bild.

Er sah so gut aus, wie es die Fotos versprochen hatten, vielleicht sogar noch besser. Aber all dies war ohne jede Bedeutung, da der betreffende Mann keine Seele zu haben schien.

Schlagartig begriff sie, dass diese Sache hier völlig schieflaufen konnte, und dann gab es keine weitere Möglichkeit mehr für sie. Also erinnerte sie sich daran, weshalb sie hier war, und nahm die Schultern zurück.

„Für mich einen Scotch“, sagte Nathan knapp und mit leiser Stimme.

Kerri dachte an die Menge, die nach ihrem Desaster von eben gerade noch den Boden der Flasche bedeckte, und hoffte, dass noch weitere Bestände vorrätig waren. Sorgfältig notierte sie seine Bestellung und auch die der anderen drei Männer.

Dann sagte sie: „Wir haben mehrere Gerichte auf der Tageskarte“, steckte den Schreibblock in die Schürze, griff darunter und zog den kleinen DVD-Player hervor. Sie klappte ihn auf, schaltete ihn ein und stellte ihn vor Nathan auf den Tisch.

„Darf ich?“, fragte sie und drückte auf Play.

„Das ist neu“, bemerkte Nathan an seine Gäste gewandt.

„Wieder mal so eine Sache, die sich die Restaurants einfallen lassen, um im Geschäft zu bleiben.“

Die Männer versuchten, einen Blick auf den Bildschirm zu werfen, aber Kerri ignorierte sie. Der Einzige, auf den es ankam, war der Mann, der nun die Stirn runzelte, als die Reporterin Dr. Abram Wallace eine Frage stellte.

„Dann standen Sie also kurz vor dem Durchbruch?“

Dr. Wallace nickte langsam. „Ganz sicher kann man nie sein. Fragen gibt es in der Forschung immer. Aber mit etwas mehr Zeit …“

Mit eiskaltem Blick und unbeweglicher Miene starrte Nathan sie an. Kerri hatte das deutliche Gefühl, er würde auf sie schießen, wenn er eine Waffe hätte. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken.

„Was zum Teufel versprechen Sie sich davon?“

„Die Rettung eines kleinen Jungen.“ Kerri sprach sehr schnell; die Zeit war im Augenblick nicht auf ihrer Seite. „Mein Name ist Kerri Sullivan, und mein Sohn leidet an Gilliar. Cody wird sterben, wenn nicht schnell etwas geschieht. Seit Jahren rede ich mit Wissenschaftlern und Ärzten, aber die Krankheit ist zu wenig verbreitet, als dass der Staat Forschungsgelder bereitstellen würde. Dann sah ich dieses Interview. Dr. Wallace arbeitete an einem Heilmittel. Er war nahe dran, wirklich nahe dran. Dann gab es vor ein paar Jahren in seinem Labor eine Explosion, und das Labor wurde geschlossen. Jetzt forscht er allein weiter. Wenn er mehr Geld zur Verfügung hätte, könnte er das Heilmittel finden. Deshalb bin ich hier, Mr King. Er benötigt fünfzehn Millionen Dollar.“

Nathan King gab dem Geschäftsführer ein Zeichen. Kerri redete weiter.

„Das ist ein Vermögen, das ich niemals haben werde“, fuhr sie fort und sprach nun sogar noch schneller. „Sie aber spenden jedes Jahr eine solche Summe für wohltätige Zwecke. Wenn Sie ihm das Geld geben würden, könnte er seine Arbeit fortsetzen. Dr. Wallace könnte etwas bewirken. Er könnte meinen Sohn retten. Bitte, Mr King! Cody bleibt kaum noch Zeit! Ich weiß, dass Sie mich verstehen! Sie haben Ihren Sohn verloren. Bitte helfen Sie mir, meinen zu retten.“

„Was machen Sie hier?“, fragte der Manager scharf, als er an den Tisch kam und nach Kerris Arm griff. „Das ist nicht Ihr Tisch!“

Kerri riss sich los und ignorierte den Mann, der in naher Zukunft ihr Exboss sein würde. „Sie müssen mir einfach helfen! Ich bin völlig verzweifelt. Außer Ihnen gibt es niemanden. Ich war schon überall, habe mit allen gesprochen. Bitte, Mr King! Ihr Junge würde wollen, dass Sie mir helfen!“

Bislang hatte Nathan King auf ihre Worte nicht reagiert, jetzt aber legte er sorgsam seine Serviette auf den Tisch und stand auf.

Er war ein ganzes Stück größer als sie, deshalb beugte er sich vor, bis sie sich auf Augenhöhe befanden, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. „Sehen Sie zu, dass Sie hier verschwinden!“, knurrte er. „Auf der Stelle, oder ich sorge dafür, dass Sie verhaftet werden.“

„Nein!“ Ihre Stimme wurde laut, als sie auch schon von hinten gepackt wurde. „Ich werde nicht aufgeben! Für Sie ist eine solche Summe doch gar nichts! Warum wollen Sie nicht ein Kind retten? Er ist doch nur ein kleiner Junge. Er hat es nicht verdient, zu sterben!“

Kerri wehrte sich gegen die Männer, die sie nach draußen schleiften, aber sie waren größer und stärker. Sie wurde zur Tür gezerrt und dann regelrecht auf den Bürgersteig geworfen. Als sie gelandet war, verharrte sie und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

„Sie sind gefeuert!“, brüllte ihr Boss. „Entlassen! Sie sind eine miserable Kellnerin, und ich wette, alle Ihre Empfehlungsschreiben sind gefälscht! Sie haben Glück, dass ich Sie nicht verhaften lasse!“

Langsam kam sie wieder auf die Beine und schaute diesen kleinen dicken Mann an, der da wutschäumend vor ihr stand.

„Damit wurde mir heute schon einmal gedroht“, stellte sie fest und fühlte sich plötzlich völlig erschöpft. „Sie werden sich schon etwas anderes einfallen lassen müssen.“

„Ich werde Ihnen Ihre drei Tage nicht bezahlen! Ihre Zeitkarte und diese Bewerbung werde ich zerreißen. Für mich haben Sie nie existiert!“

Kerri wartete, bis er wieder ins Haus gestiefelt war, dann lehnte sie sich an die Ziegelsteinwand des Gebäudes. Es war Frühling in Seattle, und das bedeutete kühle Luft und dass es jederzeit anfangen konnte, zu regnen. Irgendwie musste sie auf jeden Fall noch einmal in dieses Restaurant, um ihre Handtasche, den Mantel und den DVD-Player zu holen, auch wenn sie sich kaum vorstellen konnte, wie sie das anstellen sollte.

Allerdings fiel es ihr leichter, sich mit solchen logistischen Problemen zu beschäftigen, als sich der Tatsache zu stellen, versagt zu haben.

Nathan King hatte nicht einfach Nein gesagt. Er hatte sich geweigert, ihr überhaupt zuzuhören. Wie war das möglich? Er wusste doch genau, wie es um sie stand! Auch er hatte gelitten und die Qualen der Hilflosigkeit empfunden. Wie konnte er da so ohne jedes Mitgefühl sein?

„Er hat dir nicht zugehört?“ Tim kam auf sie zu. Er arbeitete als Chauffeur für Nathan King.

Kerri schüttelte den Kopf. „Du hast es ja vorhergesagt.“

Genau genommen hatte Tim mehr gesagt als das. Er hatte versucht, sie von diesem Vorhaben abzubringen, und darauf hingewiesen, dass sein Boss es vorzog, seine wohltätigen Gaben aus der Ferne zu verteilen. Er schickte einen Scheck, engagierte sich aber nie.

„Du durftest es nicht unversucht lassen.“

„Ich werde es auch weiter versuchen.“

„Und wie?“

Gute Frage. Kerri war so sicher gewesen, dass Nathan ihr helfen würde, deswegen hatte sie all ihre Energie darauf verwandt, an ihn heranzukommen. Sie hatte versucht, sein Büropersonal zu infiltrieren, aber ihre Fähigkeiten als Sekretärin waren noch hoffnungsloser als ihre Talente als Kellnerin. Im nächsten Schritt hatte sie sich dann um eine Stelle als Hausangestellte bei ihm beworben. Aber auch wenn die Firma, die sich um seine vielen Gebäude kümmerte, bereit war, ihr einen Job anzubieten, brauchte man ein hohes Dienstalter, um überhaupt in der Nähe des großen Nathan King arbeiten zu dürfen. Und so viel Zeit hatte sie einfach nicht.

Als letzten Ausweg hatte sie schließlich versucht, Tim zu verführen – und nachdem ihr das nicht gelungen war, hatte sie versucht, ihn zu bestechen. Die fünfhundert Dollar, die sie auf den Tisch legte – ihr gesamtes Vermögen –, beeindruckten ihn zwar nicht besonders. Aber er hörte ihr zu, als sie von der Gilliar-Krankheit erzählte und von Cody und wie Nathan King das große Wunder sein könnte, auf das sie so sehnlichst wartete.

Tim hatte ihr dann angeboten, sie mit seinem Lebensgefährten Lance bekannt zu machen, und so wurde schließlich der Lunch-Anschlag ausgeheckt.

„Mir wird schon etwas einfallen“, antwortete sie. „Ideen habe ich immer. Vielleicht sollte ich ihn kidnappen und ein Lösegeld von fünfzehn Millionen fordern.“

„Das Gefängnis würde dir nicht gefallen“, gab Tim zu bedenken. „Hinzu käme, dass ich gezwungen wäre, auf dich zu schießen, und das wäre für uns beide eine große Belastung.“

Trotz allem musste Kerri lächeln. Tim war ungefähr eins neunzig groß und bestand aus mindestens zweihundertdreißig Pfund Muskeln. Er würde nicht auf sie schießen müssen; er könnte sie zerquetschten wie eine Coladose.

„Mach du einen Vorschlag“, bat sie ihn. „Ich bin für alles offen.“

„Mr King mag öffentliche Aufmerksamkeit nicht, die er nicht unter Kontrolle hat. Da wird er wirklich wütend.“

„Okay.“ Interessant, aber wenig hilfreich. „Und?“

Tim zögerte. Kerri vermutete, dass er seine Loyalität gegenüber seinem Boss und die Erinnerung an den Nachmittag, den er mit ihrem Sohn verbracht hatte, gegeneinander abwog. Und daran dachte, dass Cody nicht mehr so viele Nachmittage übrig blieben wie anderen Kindern.

„Manchmal bringt es einen eher weiter, um Vergebung zu bitten anstatt um Erlaubnis.“

Musste er sich so geheimnisvoll ausdrücken? „Und für die von uns, die keinen IQ von hundertsechzig haben, bedeutet das was?“

„Behaupte, du hättest bereits, was du willst. Dann wirst du es vielleicht bekommen.“

Noch bevor sie das überhaupt absorbieren konnte, kam Lance aus der Eingangstür des Restaurants herausgeschossen. „Das dürfte ich eigentlich nicht“, sagte er und warf Kerri gleichzeitig ihre Sachen zu. „Ich muss sofort wieder an die Arbeit. Nathan King ist stinksauer, das Personal ist außer sich und ein paar der Kunden wollen wissen, warum wir die Tagesmenüs nicht auch ihnen auf einem DVD-Player präsentieren. Wobei mir einfällt …“ Er reichte ihr das Gerät. „Vergiss nicht, dir eine Quittung geben zu lassen, wenn du ihn zurückgibst.“

Kerri umarmte ihn rasch. „Ich schulde dir was. Im Ernst! Alles, was du willst, es ist dein. Eine Niere? Ich stehe dir voll und ganz zur Verfügung.“

„Das weiß ich.“ Lance lächelte Tim zu. „Bis später, Großer!“

Tim grinste. „Davon gehe ich aus.“

Lance rannte wieder hinein, und Kerri schlüpfte in ihren Mantel. Gerade hatte sie sich Tim zugewandt, um nachzufragen, was er mit seinem doch leicht verwirrenden Hinweis meinte, als die Tür noch einmal aufging. Diesmal war es allerdings Nathan King, der auf die Schwelle trat.

Verwundert schaute er zwischen Tim und ihr hin und her.

„Was geht denn hier vor?“, fragte er.

„Ich habe versucht, Ihren Chauffeur zu bestechen, damit er mich in den Fond Ihres Wagens lässt“, beeilte sich Kerri zu erklären, denn sie wollte verhindern, dass der Mann, der ihr geholfen hatte, Schwierigkeiten bekam. „Er hat sich geweigert. Ihr Personal ist sehr loyal, Mr King.“

„Ich bezahle für Loyalität.“

Einen Augenblick lang dachte sie daran, über den Wert bezahlter Loyalität im Unterschied zu verdienter Loyalität zu diskutieren, ließ es dann aber bleiben. Hier ging es um etwas anderes.

„Bitte helfen Sie mir!“, beschwor sie ihn stattdessen. „Ich werde alles tun, um meinen Sohn am Leben zu halten.“ Sie zögerte. „Ich werde eine Möglichkeit finden, Sie zu überzeugen.“

Nathan verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie das?“ Mit einer Kopfbewegung wies er auf den DVD-Player und fügte hinzu: „Wenn Sie nichts Besseres aufzubieten haben, dann haben Sie bereits jetzt verloren.“

Kerri gab nicht nach. „Ich habe gerade erst begonnen.“

Seine Miene war unergründlich, und seine Körpersprache ließ mehr als deutlich erkennen, dass er völlig unzugänglich war.

„Ich verstehe es einfach nicht“, redete sie weiter. „Es kann Ihnen doch nicht ums Geld gehen. Sie haben Millionen gespendet. Warum nicht für diesen Zweck? Warum liegt Ihnen nichts daran? Warum wollen Sie nichts tun, um eine Lösung zu finden?“

Nathan durchbohrte sie mit einem düsteren Blick, der ihr bis tief in die Seele drang. „Mein Sohn ist tot. Warum zum Teufel sollte ich mir Gedanken um Ihren machen?“

Kerri fuhr auf der I-90 Richtung Osten. An der Ausfahrt nach Songwood, dem kleinen Ort, in den sie mit Cody vor drei Monaten umgezogen war, verlangsamte sie die Geschwindigkeit auf zwanzig Meilen unter dem Limit.

Die ehemals blühende Gemeinde in den Bergen hatte vor drei Jahren einen ökonomischen und emotionalen Sturzflug erlebt, als es in der großen biomedizinischen Forschungseinrichtung unter der Leitung von Dr. Abram Wallace in einer verschneiten Nacht zu einer Explosion gekommen war.

Verursacht wurde das Desaster durch eine mangelhafte Verlegung elektrischer Kabel. Alle vier Mitarbeiter des Hausmeisterdienstes, zwei Männer des Sicherheitsdienstes und drei Wissenschaftler kamen dabei ums Leben. Sie alle hatten hier gewohnt und hinterließen die zweihundert anderen Angestellten sowie die ganze Stadt, die ihren Verlust deutlich zu spüren bekam.

Dr. Wallace hatte das Labor geschlossen und war zum Einsiedler geworden. Songwood bemühte sich, die Nase über Wasser zu halten. Während der Skisaison im Winter kamen ein paar Dollar durch die Touristen zusammen, und nun wurde versucht, die Freiluftliebhaber dazu zu verlocken, auch während des Sommers zum Wandern in der Region zu bleiben.

Sowie Kerri davon hörte, dass Dr. Wallace an einem Heilmittel für die Gilliar-Krankheit arbeitete, hatte sie Cody eingepackt und sich in dem Ort niedergelassen. Bisher war es ihr zwar noch nicht gelungen, den Forscher selbst kennenzulernen, aber mit seiner Assistentin Linda hatte sie sich angefreundet. Linda war es dann auch, die ihr erzählt hatte, dass es einfach an den finanziellen Mitteln mangelte.

Und das war auch Kerris Problem. Selbst in den allerbesten Wochen würden die Trinkgelder sie auch nicht annähernd an die benötigte Fünfzehnmillionenmarke bringen.

Wenig später passierte sie das Ortsschild von Songwood. Sie winkte Frank, dem Besitzer der Tankstelle, zu und bog an der Bücherei links ab.

Songwood mochte ja kurz vor dem Untergang stehen, aber das Städtchen würde dabei gut aussehen. Die Schaufenster der Geschäfte waren alle frisch gestrichen, und die Blumen und Büsche wirkten sauber und gepflegt. Es war eins dieser Städtchen, in denen Kürbisfeste veranstaltet und Ausflüge mit dem Heuwagen organisiert wurden. Kerri hatte in ihrem Leben schon in vielen Orten gewohnt, und Songwood gehörte zu ihren Favoriten.

Sie parkte hinter der Reinigung und lief dann schnell nach vorne zum Eingang.

„Bin spät dran“, rief sie beim Eintreten und drückte Millie einen Fünfdollarschein in die Hand.

Millie, eine grauhaarige ehemalige Lehrerin, händigte ihr das Kostüm aus. „Es liegt alles bereit. Du kannst dich hinten umziehen.“

„Danke.“

Kerri schob sich unter der Theke durch und eilte zu der kleinen Damentoilette im rückwärtigen Teil des Gebäudes.

In wenigen Minuten hatte sie ihre schwarze Hose und die Bluse mit einem weißen Eislaufröckchen vertauscht, weißen Stiefeln, blauer Strumpfhose und einem dunkelblauen langärmligen T-Shirt, auf dem mitten auf der Brust ein paillettengesticktes W über einem M prangte. Zuletzt band sie sich noch ein hellrotes Cape um. Es war wirklich erstaunlich, was man in einem vernünftigen Secondhandladen nicht alles finden konnte.

Sie bürstete sich das Haarspray aus der Mähne, bändigte sie in einem Pferdeschwanz, und nachdem sie so die Transformation von einer normalen Person in eine fast mystische Wonder Mom vollendet hatte, schnappte sie sich ihre Straßenkleidung und hechtete wieder zum Wagen.

„Danke, Millie“, rief sie im Hinauslaufen.

„Gib dem Jungen einen Kuss von mir!“, rief Millie ihr noch nach.

Kerri winkte ihr zu, sprang ins Auto und fuhr die drei Blocks zu Michelles Haus, wo Cody mit Michelles Sohn Brandon spielte. Kerri hatte vor, ihre ganz speziellen außergewöhnlichen Kräfte zu demonstrieren. Nun – rein objektiv gesehen war sie schlicht eine alleinerziehende Mutter in einer kitschigen Aufmachung. Aber im richtigen Licht betrachtet, war es fast so, als verfügte sie tatsächlich über Superkräfte.

Genau im richtigen Moment ging die Hintertür auf, und Michelle trat mit der Familienkatze im Arm aus dem Haus. „Viel Glück!“, flüsterte sie, als sie Kerri den dicken Tiger überreichte.

„Danke.“

Kerri nahm den massiven Baum neben dem Haus und die Leiter, die Michelle bereits daran angelehnt hatte, in Augenschein. Es war schon reichlich beängstigend, allein auf diese Leiter zu steigen. Aber mit einer Katze im Arm, die alles andere als kooperativ sein würde, könnte es jedoch durchaus eine echte Herausforderung werden. Sie brauchte einen Auftritt als Wonder Mom, und das war die beste Idee, die ihr so kurzfristig eingefallen war.

Sie streichelte Tiger, bis die Katze schnurrte, dann begann sie, die Leiter hinaufzusteigen. Das Schnurren brach ab. Zwei Stufen weiter, und die Katze fing an, sich zu wehren.

„Mach mal halblang“, flüsterte Kerri leise. „Wenn wir runterfallen, wirst du auf den Beinen landen und mich auslachen. Ich dagegen werde flach auf dem Rücken liegen, und alle können mir unter den Rock schauen. Noch schlimmer – wahrscheinlich werde ich mir sogar was brechen.“

Dieses Argument schien die Katze wenig zu beeindrucken, denn sie versuchte weiterhin, sich aus ihrem Arm zu winden. Kerri ließ nicht locker, wobei sie sorgsam darauf achtete, die schwarzen Krallen im Griff zu halten, damit sie ihr nicht den Bauch aufschlitzten. Somit blieb ihr nur eine Hand, mit der sie sich an der Leiter festhalten konnte. Gar nicht gut.

Endlich erreichte sie den dicken Ast etwa auf halber Baumhöhe, und nachdem sie dort ihre Position gefunden hatte und ihr verdammtes Bestes gab, um nicht herunterzufallen, stieß sie die Leiter weg.

„Jetzt gibt’s kein Zurück mehr!“, erklärte sie der Katze, die das gar nicht lustig fand. Auch sie selbst kämpfte gegen ihre sehr begründete Angst an. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Eine Katze? Ein Baum? War sie verrückt?

Aus dem Haus klang dann der Notruf.

„Tiger ist weg“, rief Michelle mit verzweifelt besorgter Stimme. „Ist sie rausgelaufen? Was, wenn sie auf den Baum geklettert ist? Das macht sie ständig, und hinterher weiß sie nicht mehr, wie sie wieder runterkommen soll. Oh nein!“

Die Fensterläden an der Rückseite des Hauses gingen auf, und zwei Jungs spähten in den Garten hinaus.

Das war für Kerri das Stichwort. Sie schob Tiger auf einen höheren Ast, wobei die Katze sich an ihr festkrallte, schwankte und protestierend miaute.

„Ich habe dich!“, verkündete Kerri der unglücklichen Katze. „Halt dich fest, Tiger! Ich werde dich retten. Ich bin Wonder Mom, und dazu bin ich da.“

Sie zog die Katze herunter, die sie wütend anfunkelte und versuchte, die Krallen an ihr zu wetzen. Aber Kerri schaffte es, diesen Waffen auszuweichen. Sie setzte Tiger auf den Ast unter ihren Füßen und sah zu, wie die missmutige Katze ihren Weg nach unten fand. Anschließend konzentrierte Kerri ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Trampolin, das genau am richtigen Platz unter dem Baum aufgestellt worden war.

Langsam hangelte sie sich auf dem Ast weiter vor und war froh, dass sie ihre Stiefel aus dem Secondhandladen noch zum Schuster gebracht hatte, der sie mit einer Sohle belegt hatte, die ihr Halt gab. Als der Ast schmaler wurde und anfing, sich unter ihr zu biegen, blieb sie stehen, nahm das Trampolin ins Visier, ignorierte den Angstknoten in ihrem Magen und sprang.

Sie traf auf das Trampolin, wurde hochgeschleudert, schaffte noch einen wenig graziösen Salto, bevor sie wieder aufschlug und diesmal auf dem Rücken landete. Sowie sie ihren Atem wieder unter Kontrolle hatte, krabbelte sie an den Rand und stieg herunter.

Auch wenn ich jetzt schon auf die dreißig zugehe – ich hab’s immer noch drauf, freute sie sich und strich sich den Rock vorne glatt. Zu schade, dass sie sich nie besonders für Sport interessiert hatte; schließlich musste sie ihren Sohn immer wieder aufs Neue davon überzeugen, dass sie tatsächlich Wonder Mom war. Eine Mom mit ganz erstaunlichen Kräften. So gut wie jede andere Heldin im Comic.

Sie drehte sich zu dem Fenster um und winkte den beiden Jungs zu, dann ging sie zum Haus. Ganz buschig und erbost über ihre Rolle in dem Drama lief Tiger vor ihr her.

„An deiner Motivation müssen wir noch arbeiten“, erklärte Kerri der Katze. „Hier ist eher Angst gefragt, weniger Verdruss. Mrs Barclays Katze ist jederzeit bereit, mit mir zu kooperieren, falls du nicht interessiert bist.“

Tiger ignorierte sie und rannte ins Haus. Michelle hielt die Tür auf und grinste. „Nicht schlecht, Wonder Mom!“

2. KAPITEL

Am selben Abend, nachdem der Abwasch erledigt war und Kerri ihren Sohn ins Bett verfrachtet hatte, berichtete Linda: „Dein Katzenrettungseinsatz hat sich bereits herumgesprochen. Die halbe Stadt hält dich für eine Heilige, die andere Hälfte ist der Meinung, du gehörst ins Irrenhaus.“

„Ich bin keine Heilige“, wehrte Kerri ab und lehnte sich im Sofa zurück. „Ich versuche nur, mein Bestes zu geben.“

Von ihrer katastrophalen Begegnung mit Nathan King hatte sie Linda bereits erzählt. „Mir fällt nichts mehr ein, was ich noch tun könnte“, gestand sie schließlich, was eigentlich gar nicht ihre Art war. Normalerweise erlaubte Kerri sich nicht einmal, auch nur daran zu denken, dass sie versagen könnte. Immerhin war sie Wonder Mom.

Dieser verrückte Name und das Kostüm war ihr vor vier Jahren in den Kopf gekommen, kurz nachdem man bei Cody die Gilliar-Krankheit diagnostiziert hatte. Damals war er fünf gewesen und hatte unter großen Schmerzen gelitten. Es ging ihm so schlecht, dass er sich weigerte, zur Schule zu gehen oder sich auch nur mit seinen Freunden zu treffen.

Für Kerri gehörte die Idee, Wonder Mom zu sein, zu einer Strategie, die vielen unsagbar wunderlich erscheinen mochte: Wenn sie geheime Kräfte besaß, würden sich diese Kräfte auch auf ihren Sohn übertragen. Und wenn Cody über geheime Kräfte verfügte, würde er sicherlich auch seine Krankheit besiegen.

Mithilfe einiger Nachbarn und einem hydraulischen Wagenheber hatte sie es geschafft, ihren Sohn „sehen“ zu lassen, wie sie mit einer Hand ein Auto stemmte. Das hatte ihn so beeindruckt, dass er darum bat, zum Baseballtraining für Kinder angemeldet zu werden. Über die Jahre hinweg, in denen sie während ihrer Auftritte das scheinbar Unmögliche vollbrachte, hatte sie ihr Kostüm immer weiterentwickelt. Wonder Mom hatte sogar ein Logo.

Kerri wusste nicht, ob es mit ihrer Rolle als Wonder Mom zusammenhing oder einfach nur Glück war, aber Codys Krankheit war langsamer fortgeschritten als erwartet. Wenn es ihm half, dass sie sich zur Idiotin machte, wäre sie auch gerne bereit, dies jeden Tag zu tun.

„Was mag Tim mit seiner Bemerkung wohl gemeint haben?“ Linda griff nach ihrem Weinglas. „Sag, dass es geschehen ist, und vielleicht wird es dann so sein.“

„Es wäre schön, wenn er sich etwas klarer ausgedrückt hätte“, murmelte Kerri. „Alles, was mir dazu einfällt, ist, dass er andeuten wollte, ich solle öffentlich behaupten, Nathan King hätte sich bereit erklärt, das Geld zu spenden.“

„Warum nicht?“

Linda war eine attraktive Brünette Ende vierzig. Zwanzig Jahre lang hatte sie mit Abram Wallace in der Forschungseinrichtung am Ort zusammengearbeitet, und Kerri wusste inzwischen, dass sie sich auf ihre Intelligenz und ihren Sinn für das Praktische verlassen konnte. Kennengelernt hatte sie Linda, als diese mit einem dringenden Haarproblem zu ihr kam.

„Würde das funktionieren?“, fragte Kerri, mehr zu sich selbst als an Linda gewandt. „Kann ich das? Lügen?“

Linda lächelte. „Es wäre nicht das erste Mal. Schließlich ist es nicht so, als hättest du die guten Referenzen wirklich gehabt, die du vorgelegt hast, um an diesen Job im Restaurant zu kommen.“

„Ich weiß, aber die Sache mit den Referenzen würde noch unter die Kategorie der Notlügen fallen. Meinst du, es ist illegal, eine Spende zu verkünden, die gar nicht gespendet wurde? Außer mir hat Cody niemanden. Wenn ich ins Gefängnis müsste …“ Sie öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder. Irgendwo tief in ihrem Hirn schaltete sich ein Licht ein.

Kerri setzte sich aufrecht hin. „Ich habe gerade so einen dieser Aha-Momente, wie Oprah immer sagt.“ Sie wagte es kaum, die Sache zu Ende zu denken. Wäre das möglich? Könnte sie das durchziehen?

„Ich habe Briefe“, vertraute sie ihrer Freundin an. „Formschreiben aus Kings Firma. Ich könnte also den Briefkopf einscannen und dann einen anderen Brief schreiben, in dem steht, dass er uns das Geld gibt. Und den reiche ich dann an unsere Lokalzeitung. Dort werden alle begeistert sein, die Nachricht geht an die Presseagentur und voilà – die ganze Welt weiß Bescheid.“

Linda grinste. „Das könnte klappen. Und was ist mit deiner Angst vor dem Gefängnis?“

„Das ist das Tolle daran! Glaubst du etwa wirklich, dass ein großer Bauunternehmer die Mutter eines kranken Kindes ins Gefängnis bringt? Falls er es tatsächlich versuchen sollte, wird es schon einen Winkeladvokaten geben, der bereit ist, meinen Fall zu übernehmen. Denk doch nur an die öffentliche Aufmerksamkeit! Im schlimmsten Fall wird Nathan King sich von der Spende distanzieren, dann könnte sich aber immer noch jemand anders dazu bereitfinden.“

Linda beugte sich vor und zog einen Schnellhefter aus ihrer Handtasche. „Ich glaube nicht, dass er sich davon distanzieren wird. Ich habe selbst ein paar Nachforschungen angestellt. Nathan King bemüht sich gerade um eine Baugenehmigung für diese Luxus-Hochhäuser am Puget Sound.“

Kerri rümpfte die Nase. „Ja, ja. Eigentumswohnungen im Wert von mehr als einer Million Dollar plus Nobel-Boutiquen und Restaurants. In meinem nächsten Leben kaufe ich mir eine.“

„In der Stadtverwaltung stößt er dabei auf massiven Widerstand. Du lebst ja erst seit ein paar Monaten hier, aber ich habe mein ganzes Leben in Seattle und Umgebung verbracht. Nathan King hat sich viele Feinde gemacht. Er ist nicht sehr beliebt. Wirklich schlechte Presse könnte ihm die Chancen ruinieren, sein Projekt durchzubringen.“

Hell und heiß flammte die Hoffnung in Kerris Brust auf. „Er könnte es sich nicht leisten, mich ins Gefängnis zu bringen.“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Ich würde sämtliche kleinen Leute repräsentieren, denen er auf dem Weg zu seinem ständig wachsenden Vermögen auf die Füße getreten ist.“

„Genau.“ Linda hob ihr Glas, und Kerri stieß mit ihr an.

„Das gefällt mir.“

Nachdem er sein Frühstück beendet hatte, legte Nathan King das Wall Street Journal aus der Hand und öffnete die Mappe mit den Zeitungsausschnitten. Jeden Morgen schaute er sich an, was am Tag zuvor über ihn geschrieben worden war. Bei seinem aktuellen Kampf um die Baugenehmigung und die Finanzierung war Öffentlichkeitsarbeit ein notwendiges Übel.

Er blätterte durch die Artikel: eine Kolumne über die Gräuel von Luxushochbauten. Ein Fünfzeiler zu seiner Absicht, die Erforschung der Gilliar-Krankheit mit fünfzehn Millionen Dollar zu fördern. Ein Interview mit einem Reporter, der sich für den Umweltschutz starkmachte und jede seiner Antworten so verdreht hatte, dass Nathan sowohl grausam als auch dumm klang. Wenn sie …

Vorsichtig setzte er seine Kaffeetasse auf dem Tisch ab und blätterte noch einmal zur vorigen Seite zurück.

Die Meldung enthielt nicht viele Einzelheiten. Eine Nachrichtenagentur verkündete seine Spende und schrieb ein paar Sätze darüber, dass nun die Forschung im Labor in Songwood, Washington, wieder aufgenommen würde.

Und schon hatte Nathan sein Handy in der Hand und wählte die Kurzwahlnummer von Jason Hardy.

„Du bist aber früh dran“, stellte Jason fest, als er abnahm. „Was ist los?“

„Da versucht jemand, mich um fünfzehn Millionen Dollar zu erpressen.“

„Was? Wer?“

„Ich weiß nicht, wie sie heißt. Eine psychotische Kellnerin, die mich letzte Woche beim Lunch überfallen hat. Sie will, dass ich für irgendeine Sache spende.“ Es kam nicht darauf an, Jason mitzuteilen, worum es ging. Nathan sprach mit niemandem über die Krankheit, die den Tod seines Sohnes zur Folge gehabt hatte, nicht einmal mit seinem engsten Freund und Anwalt. „Sie hat sogar bereits versucht, meinen Chauffeur zu bestechen, um an mich heranzukommen. Sie ist verrückt. Du musst dafür sorgen, dass sie damit aufhört.“

„Und alle Welt stellt sich immer vor, dass man ein sorgenfreies Leben führt, wenn man unglaublich reich ist“, bemerkte Jason gut gelaunt. „Hat sie im The Grill gearbeitet?“

„Sie war dort Kellnerin. Und zwar eine schlechte.“

„Dann will ich mal dort anfangen. Lass mir bis heute Abend Zeit, dann weiß ich alles über sie. Also, womit erpresst sie dich?“

„Offenbar hat sie eine Pressemitteilung lanciert, in der steht, ich würde das Geld einer Forschungseinrichtung in Songwood zur Verfügung stellen.“

„Das Geld soll also dorthin gehen, nicht an sie?“, hakte Jason nach.

„Sie hat ein krankes Kind, und der dortige Forschungsleiter beschäftigt sich mit der Krankheit dieses Kindes. Sie wünscht sich ein Wunder.“

„Nun, sicher. Ist es eine tödliche Krankheit?“

Nathan weigerte sich, an den langsamen und qualvollen Tod zu denken, der auf die Kinder wartete, die an Gilliar litten. „Höre ich da etwa Mitleid in deiner Stimme?“

Jason lachte. „Entschuldige! Ich hatte mich vergessen. Man sollte doch meinen, dass die juristische Fakultät mir das ausgetrieben hätte. Ich ruf dich später an.“

Wie jeder andere kleinstädtische Schönheitssalon war auch die „Haarscheune“ hell, heiter und Quelle aller lokalen Klatschgeschichten.

Während Kerri das spitze Ende ihres Kamms durch Amber Whitneys dunkelblondes Haar wob, achtete sie sehr genau auf die Gespräche um sie herum.

„Mein Frank meint, dass sie mindestens fünfzig neue Wissenschaftler einstellen müssen“, berichtete Millie von der Reinigung gerade. „Das wird eine Weile dauern, aber sie werden gut bezahlt. Wenn man also verkaufen will, ist es jetzt der richtige Zeitpunkt. All diese Forschungsleute werden Wohnungen brauchen. Sicher, ein paar von ihnen werden in Seattle oder North Bend leben und den Berg rauffahren, aber viele werden sich hier niederlassen.“ Sie seufzte. „Es wird wieder so sein wie damals, als die Stadt blühte. Es wird das Geschäft beleben.“

„Ich frage mich, wie viele Leute sie sonst noch einstellen werden“, setzte Millies Freundin das Gespräch fort. „Sekretärinnen, Hausmeister, Büroangestellte. Vielleicht auch ein paar einfache Laboranten. Mein Denny würde viel lieber dort arbeiten als wieder in der Holzwirtschaft.“

Im Ort überschlugen sich die Neuigkeiten zu der Spende. Seitdem die Pressemitteilung über die Nachrichtenagenturen verbreitet worden war, gab es kein anderes Thema mehr. Kerri schluckte den Kloß von Schuldgefühlen in ihrem Hals hinunter und fuhr damit fort, Strähnchen in Ambers Haar zu setzen.

Es war eine Nebenwirkung, die sie nicht durchdacht hatte: Sie musste die Menschen in der Stadt belügen. Alle waren von der Aussicht, dass das Labor wiedereröffnet würde, vollends begeistert.

Sie wollte diesen Menschen nicht schaden. Sie wollte niemandem schaden. Sie hatte sich nur so stark darauf konzentriert, für Dr. Wallace die finanziellen Mittel zu organisieren, dass sie gar nicht in Betracht gezogen hatte, dass auch noch andere Leben auf dem Spiel standen. Sollte Nathan King sich nicht dazu durchringen können …

Er muss! rief sie sich selbst ins Gedächtnis. Gerade heute Morgen noch hatte sie in der Zeitung gelesen, dass auch Mr Kings Engagement für wohltätige Zwecke bei der Baugenehmigung berücksichtigt werden würde. Wenn man ihn als Mann bloßstellte, der seine Versprechen nicht einhielt, war es gut möglich, dass er seine Hochhäuser nicht bauen konnte. Andererseits: Würde man sie als Lügnerin und Betrügerin entlarven, könnte er die Sympathien auf seiner Seite haben.

„Hey, Mom!“

Sie drehte sich um und entdeckte Cody im Eingangsbereich des Salons. An den meisten Tagen der Woche versuchte sie fertig zu sein, bevor er aus der Schule kam, aber an den Donnerstagen arbeitete sie länger.

„Hey, Kleiner! Wie war’s in der Schule?“

„Okay.“

Cody hielt sich mit seinen Krücken im Gleichgewicht, und Kerri freute sich, dass diese neuen Krücken mit der Abstützung am Unterarm seine Balance offensichtlich verbesserten. Dies und die Tatsache, dass sie endlich einmal seinen Rucksack ausgemistet hatte.

„Bin gleich zurück“, versprach sie Amber und ging hinüber zu ihrem Sohn.

Cody war für sein Alter eher klein – in seinem Zustand kein Wunder. Aber er war klug und hatte diesen Ansatz von emotionaler Reife, wie ihn kranke Kinder häufig zu haben scheinen. Mit seinen neun Jahren hatte er den Punkt erreicht, an dem er sich nicht mehr gerne von seiner Mom in der Öffentlichkeit küssen ließ. Kerri allerdings musste den Punkt erst noch erreichen, an dem ihr dies nichts mehr ausmachte.

„Die Mathearbeit“, sagte sie, zog ihn an sich und gab ihm ganz schnell einen Kuss oben auf den Kopf. „Sag mir, dass du die Brüche besiegt hast.“

„Die sind alle völlig erledigt“, antwortete er und entwand sich ihrer Umarmung. Dann lächelte er sie an. „Bis auf einen.“

„Einen? Einen? Oh Mann. Ich werde dich aus dem Haus werfen müssen.“

„Und mich dann am Bordsteinrand sitzen lassen, sodass ein Fremder mich mitnehmen kann?“, fragte er grinsend.

„Unbedingt. Ein Fremder, dem es nichts ausmacht, wenn Kinder nicht perfekt sind. Du hast einen Bruch nicht geschafft! Von dieser Enttäuschung werde ich mich niemals erholen.“

„Spaghetti mit Knoblauchbrot.“

Kerri machte ganz große Augen. „Wie bitte? Junge Männer, die eine Aufgabe in ihrer Mathearbeit nicht schaffen, können ja wohl keine Spaghetti mit Knoblauchbrot zum Abendessen erwarten.“

Sie streckte die Hände nach ihm aus. Er wollte ihr ausweichen, aber die Krücken hinderten ihn daran, also fing Kerri an, ihn zu kitzeln. Vorsichtig achtete sie darauf, sich von seinen Rippen fernzuhalten. Wie alle seine Knochen waren sie sehr zerbrechlich.

Er kicherte und wand sich, schließlich gab er nach und ließ sich in die Arme nehmen.

„Ich werde Spaghetti machen“, murmelte sie in seine Haare. „Und dann werden wir die neuen Wörter in Angriff nehmen. Wartest du bei Brandon auf mich?“

„Hmm.“

„Gut. Und passt bloß auf, dass Tiger nicht wieder auf den Baum klettert, okay? Als Wonder Mom hab ich die nächsten Tage dienstfrei.“

Cody sah zu ihr auf. „Wird gemacht, Mom. Bis später.“ Nun sollte sie ihn loslassen, und das würde sie auch … in einer Sekunde. Aber wenn sie ihm so in die Augen schaute, erinnerte Cody sie immer an seinen Vater. Er sah ihrem verstorbenen Mann so ähnlich. Für sie war es eine einzigartige Verbindung von Freude und herzzerreißendem Schmerz.

„Sei schön brav“, sagte sie.

Er nickte und verließ den Salon.

„Sei nicht dumm“, drängte Jason Hardy. „Was ich dir sage, beruht auf meiner persönlichen Erfahrung als dein Anwalt, und für diese Erfahrung zahlst du mir dreihundert Dollar die Stunde, Nathan. Also hör auf mich!“

„Ich höre dir zu.“

„Nein, das tust du nicht. Wenn du auf mich hören würdest, wärst du schon längst wieder in der Stadt. Stattdessen fährst du höchstpersönlich die I-90 rauf. Ich will nicht, dass du dieser Frau allein entgegentrittst.“

„Diese Frau“ war eine gewisse Kerri Sullivan, alleinerziehende Mutter und Friseurin. Beinahe jede Einzelheit ihres unbedeutenden Lebens war in der Mappe aufgelistet, die neben Nathan auf dem Beifahrersitz seines Mercedes lag.

Eine durchschnittliche Schülerin an der Highschool. Cheerleader. Die Eltern hatte sie verloren, als sie noch ziemlich jung gewesen war, wurde dann von der Großmutter mütterlicherseits aufgezogen. Sie hatte das Community College besucht, dies aber nach weniger als einem Jahr abgebrochen, um eine Kosmetikschule zu besuchen. Sie hatte Brian Sullivan kennengelernt und geheiratet. Brian war in der Army und starb bei einem Unfall mit seinem Geländewagen. Achteinhalb Monate später brachte sie ihr einziges Kind zur Welt.

Cody Sullivan, neun Jahre alt. Er war fünf, als man bei ihm Gilliar festgestellt hatte. Somit hatte er länger als die meisten anderen Kinder mit dieser Krankheit überlebt, wobei die wirklich degenerative Phase gerade erst einsetzte.

Während der letzten vier Jahre hatte Kerri in Texas und Minnesota gelebt. Sie finanzierte sich und ihren Sohn durch ihre Arbeit als Friseurin. Ihre Aufenthaltsorte waren nicht zufällig gewählt: Sie zog dorthin, wo die Krankheit erforscht wurde, doch die Zeit lief ihr davon. Schließlich hörte sie von Dr. Abram Wallace und seiner Arbeit in Songwood. Vor drei Monaten war sie dorthin gezogen.

„Ich werde mich von ihr nicht erpressen lassen“, erklärte er Jason. Das eingebaute Mikrofon in seinem Wagen übertrug auch seine leise Stimme.

„Also, was hast du vor? Willst du sie bedrohen? Das ist meine Aufgabe. Und fürs Protokoll, ich nehme dir übel, dass du versuchst, mir den Spaß daran zu verderben.“ Jason seufzte. „Es ist mein Ernst, Nathan! Du wirst wütend werden, und dann wirst du Dinge sagen, die du nicht sagen solltest.“

„Sie glaubt, dass sie mich in der Falle hat. Sie denkt, ich komme da nicht mehr raus, weil es schlecht aussehen würde. Für wen zum Teufel hält sie sich?“

„Eine verzweifelte Mom vielleicht?“, fragte Jason. „Du hast ihr nichts zu sagen.“

„Ich werde dafür sorgen, dass sie damit aufhört. Ich lasse mich von niemandem erpressen!“

„Damit wirst du die Situation nur schlimmer machen. Du verfügst über ein wirklich kompetentes Team, und wir wollen unsere Arbeit tun. Lass uns mit ihr verhandeln! Noch mehr negative öffentliche Aufmerksamkeit kannst du nicht brauchen.“

„Sie soll im Gefängnis schmoren“, murmelte Nathan.

„Das wird nicht geschehen. Stell dir doch nur mal die Schlagzeile vor! Die Sympathien sind auf ihrer Seite. Was sie tut, gefällt mir ebenso wenig, aber lass uns doch mal logisch denken.“

Logik? Nathan war nicht interessiert. Ob wohldurchdachter Plan oder schlichtes Glück – durch ihre fingierte Mitteilung hatte Kerri Sullivan eine Menge ins Rollen gebracht. Tatsächlich hatte ihn eine Frau aus der Forschungseinrichtung in Songwood angerufen, die Genaueres über die Spendenabwicklung wissen wollte. Auch zwei Elternpaare von Kindern, die gleichfalls an Gilliar litten, hatten versucht, zu ihm durchzudringen. Nur um sich bei ihm zu bedanken, lautete die Nachricht, die sie hinterlassen hatten.

„Wie zum Teufel bringt eine dahergelaufene Friseuse so etwas fertig?“

„Sie hat Eier in der Hose“, stellte Jason mit einer Spur von Bewunderung in der Stimme fest.

„Vergiss nicht, auf welcher Seite du stehst“, warnte ihn Nathan.

„Daran musst du mich nicht erinnern. Gerade weil ich auf deiner Seite stehe, sage ich dir, dass du jetzt sofort wendest und heimfährst. Überlass es mir, das mit ihr zu regeln.“

Nathan verzog das Gesicht. „Ich kann dich kaum noch hören“, log er in die perfekte, klare Funkverbindung. „Ich ruf dich zurück, wenn ich den Berg wieder runterfahre.“

„Verflucht, Nathan! Leg jetzt nicht auf. Und tu nichts, was wir beide später bereuen werden.“

Nathan beendete das Telefonat. Dreißig Minuten später hatte er Songwood erreicht und ließ sich von seinem Navigationsgerät zur „Haarscheune“ leiten. Als er den Salon gefunden hatte, parkte er und ging direkt hinein.

Der Laden war voller Frauen, und die Gespräche brachen ab, sowie die Glastür hinter ihm ins Schloss fiel. Ungefähr ein Dutzend Augenpaare richteten sich auf ihn, aber er ignorierte sie alle. Außer die der Blonden, an die er sich aus dem Restaurant erinnern konnte.

Letzte Woche war er viel zu aufgebracht gewesen, um überhaupt etwas an ihr wahrzunehmen. Nun verglich er die wirkliche, lebendige Kerri Sullivan mit dem Bild in seiner Mappe. Blondes Haar, blaue Augen, mittelgroß, recht hübsch. Im Mittleren Westen gab es eine Million Frauen wie sie, und das war überhaupt nicht gut. Wenn er sie festnehmen ließ und sie den Pressewirbel veranstaltete – wozu sie, wie er wusste, mehr als in der Lage war –, würde jede einzelne dieser Million Frauen sich mit ihr identifizieren. Sie würde dastehen wie Schneewittchen, und er wäre die verdammte böse Stiefmutter.

Er ignorierte alle anderen Anwesenden im Geschäft und ging direkt auf sie zu. „Wir müssen miteinander reden.“

Kerri hielt einen Augenblick inne; sie hatte Haare vom Boden gefegt und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Das glaube ich nicht.“

„Vielleicht bin ich gekommen, um Ihnen das zu sagen, was Sie hören wollen.“

„Dazu wirken Sie viel zu wütend. Ich vermute eher, dass Sie mir drohen wollen, und während der Arbeitszeiten nehme ich keine Drohungen entgegen. Ich habe noch eine Stunde vor mir.“

Nathan fluchte im Stillen. Jason hatte recht. Sie hatte wirklich Eier in der Hose, und zwar große.

„Mrs Sullivan“, begann er und war sich dabei völlig im Klaren darüber, dass alle anderen Personen im Raum ihrer Konversation lauschten.

„Ich habe Nein gesagt“, erklärte sie ihm, nahm die Schultern zurück und versuchte ihn mit Blicken zu bezwingen. „Ich habe ein Minimaleinkommen plus Trinkgelder. Die Tatsache, dass Sie wissen, wer ich bin und wo ich arbeite, zeigt mir, dass Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben. Wahrscheinlich gehört dazu auch die Beschaffung einer Kopie meiner letzten beiden Steuererklärungen. Sie wissen, wie viel ich verdiene. Ich bin alleinerziehende Mutter und kann es mir nicht leisten, auf Arbeitszeit zu verzichten, weil Ihnen danach ist, mit mir zu reden.“

Am liebsten hätte er sie wie ein unbedeutendes Insekt zerquetscht. Etwas anderes war sie nicht. Zugleich aber respektierte er auch ihre Fähigkeit, wie ein Profi zu verhandeln. Unter anderen Umständen wäre es durchaus denkbar, dass er große Achtung vor ihr empfinden könnte.

„Also gut“, sagte er und zog seine Brieftasche hervor. „Wie viel wollen Sie?“

„Ungefähr fünfzehn Millionen. Ich dachte, das hätte ich einigermaßen klargestellt.“

„Ich meine für unser Gespräch.“

„Dafür werde ich Ihr Geld nicht annehmen.“

Er sah sich einmal im Raum um, lenkte seine Aufmerksamkeit dann wieder auf sie und senkte die Stimme. „Was wäre, wenn ich allen hier jetzt einfach die Wahrheit erzähle? Dass Sie das alles erfunden haben.“

Der Blick ihrer blauen Augen ließ nicht die geringste Beunruhigung erkennen. „Dann werde ich in Tränen ausbrechen und wissen wollen, wie Sie so grausam sein können, die Hoffnungen einer ganzen Stadt zu zerstören.“

Nathan fluchte. „Wir werden uns unterhalten.“

Kerri nickte langsam. „In Ordnung. Nehmen Sie Platz. Ich werde Ihnen die Haare schneiden.“

„Sie meinen, Sie wollen mich skalpieren. Nein danke!“

Sie lehnte den Besen an die Wand und stemmte die Hände in die Hüften. Jetzt versucht sie, sich so richtig hart zu geben, dachte er, und das gelingt ihr überhaupt nicht.

„Hören Sie, darin bin ich wirklich gut. Ich bin relativ neu hier im Ort und noch damit beschäftigt, mir meinen Kundenstamm aufzubauen. Abgesehen davon bin ich daran interessiert, Sie zu überzeugen, fünfzehn Millionen Dollar zu spenden, um das Leben meines Sohnes zu retten. Warum um alles in der Welt sollte ich all dies aufs Spiel setzen, indem ich Sie skalpiere?“

„Sie wissen, dass ich nicht bereit bin, Ihnen das Geld zu geben, dafür aber fast zu allem bereit, um Sie zu stoppen. Das macht uns nicht gerade zu Freunden.“

„Das vielleicht nicht, aber wer auch immer Ihr Haar frisiert, er macht es nicht besonders gut.“ Sie klopfte auf ihren Stuhl. „Kommen Sie schon! Ich werde Sie in einen Frauenschwarm verwandeln.“

„Das bin ich schon lange“, erwiderte er, ließ sich aber widerstrebend auf dem Stuhl nieder. Hinter ihm wurden die Gespräche im Salon wieder aufgenommen. Einige Frauen zogen ihre Handys aus der Tasche. Fantastisch! Bald würde sein Publikum komplett versammelt sein.

Kerri hüllte ihn in einen schwarzen Frisierumhang und griff dann nach einer Sprühflasche, um sein Haar anzufeuchten.

„Sie haben über mich recherchiert?“, fragte er.

„Im Internet“, bestätigte Kerri. „Ich kann zwar nur zwanzig Wörter in der Minute tippen, aber ich bin hartnäckig.“

„Und talentiert. Der Brief meiner Firma wirkt echt.“

Kerri lächelte ihn im Spiegel an und griff nach der Schere. Er vermied es zusammenzuzucken, als sie das erste Mal zuschnitt.

„Er ist echt. Sie haben sich bereit erklärt, das Geld zu zahlen.“

„Und wenn dem nicht so wäre?“

„Dann könnte vielleicht jemand, der nichts mehr zu verlieren hat, möglicherweise ein Formschreiben aus ihrem Büro erhalten haben. Auch Formschreiben verfügen über einen Briefkopf, auch wenn sie unhöflich und gedankenlos sind. Ein guter Scanner, ein wenig Kreativität, die richtige Software – und schon wäre das Problem gelöst.“

„Sie haben sich also schon früher mit mir in Kontakt gesetzt?“, fragte er, auch wenn ihm klar war, dass es ihn nicht überraschen dürfte.

„Selbstverständlich. Ich hatte einen großartigen Vorschlag, aber ihr Komitee hat ihn nicht einmal in Betracht gezogen. Üble Schufte.“

„Wir erhalten viele Anfragen“, erklärte er abwesend und fragte sich, warum ihr Vorschlag abgelehnt wurde. Der Bericht in seinem Wagen enthielt auch einige Informationen zu den Forschungen, an denen Wallace arbeitete. Allen Berichten zufolge hatte er vor der Explosion in seinem Labor tatsächlich kurz davor gestanden, ein Heilmittel zu finden.

„Wie alt war Ihr Sohn, als er starb?“, fragte Kerri.

Die unerwartete Frage durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er erstarrte und musste sich zwingen, wieder zu entspannen. Jetzt versucht sie, mich über das gemeinsame Leid zu packen, um an mein Geld zu kommen, sagte er sich. Also beantwortete er die Frage gar nicht.

Sie kämmte mehrere Haarsträhnen zusammen und stutzte dann die Spitzen. „Cody ist jetzt neun“, sagte sie dann. „Er geht in die vierte Klasse. Gott sei Dank ist er clever, denn manchmal muss er in der Schule fehlen. Sie wissen doch, wie das ist. Er interessiert sich für alle Sportarten, am meisten aber für Baseball. Ich schwöre Ihnen, seit er drei wurde, haben wir uns jedes Baseballspiel angeschaut, das im Fernsehen übertragen wurde. Und seitdem wir jetzt in Washington leben, ist er ein Fan der Mariners.“

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